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Kitabı oku: «Gösta Berling: Erzählungen aus dem alten Wermland», sayfa 22

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Die tönernen Heiligen

Die Kirche zu Svartsjö ist von innen und von außen weiß; die Wände sind weiß, die Kanzel, die Bänke, die Pulpitur, die Decke, die Fensterbretter, die Altardecke – alles ist weiß. In der Svartsjöer Kirche ist kein Schmuck, da sind keine Bilder, keine Wappenschilder. Über dem Altar steht nur ein hölzernes Kreuz mit einem weißen, leinenen Tuch. Früher war das anders. Da war die Decke voller Malereien, da war eine Mannigfaltigkeit von bunten Figuren aus Stein und Ton in diesem Gotteshause.

Einstmals, vor vielen Jahren an einem Sommertage, hatte ein Künstler in Svartsjö dagestanden und den Zug der Wolken nach der Sonne hin beobachtet. Er hatte die weißen, schimmernden Wolken, die am Morgen unten am Horizont stehen, sich höher und höher auftürmen sehen, er hatte alle die schwebenden Kolosse größer und größer werden und zu dem Hohen emporstürmen sehen. Sie spannten die Segel aus wie Schiffe. Sie erhoben ihre Standarten wie Krieger. Sie zogen aus, um den ganzen Himmel zu erobern. Der Sonne, diesem Herrscher des Weltenraums gegenüber, verstellten sie sich, diese wachsenden Wunder, und nahmen eine ganz unschuldige Gestalt an.

Da war zum Beispiel ein reißender Löwe, der sich in eine gepuderte Dame verwandelte. Da war ein Riese mit Armen, die alles zermalmen konnten; der legte sich hin wie eine träumende Sphinx. Einige schmückten ihre weiße Nacktheit mit goldverbrämten Mänteln, andere streuten rote Schminke auf schneeweiße Wangen. Da waren Ebenen. Da waren Wälder. Da waren festgemauerte Burgen mit hohen Türmen. Die weißen Wolken errangen die Herrschaft über den Wolkenhimmel. Sie füllten die ganze blaue Wölbung. Sie erreichten die Sonne und verbargen sie.

Ach, wie schön, dachte der fromme Künstler, wenn die sehnsuchtsvollen Geister auf die turmhohen Berge hinaufsteigen könnten und von ihnen wie auf einem schaukelnden Schiff höher und höher hinausgetragen würden.

Und plötzlich ward es ihm klar, daß die weißen Wolken des Sommertages die Fahrzeuge waren, auf denen die Seelen der Seligen dahinzogen.

Er sah sie dort oben, dort standen sie auf den schwebenden Massen mit Lilien in der Hand und goldenen Kronen auf dem Haupte. Die Luft hallte wider von ihrem Gesang. Engel flogen auf starken, breiten Flügeln herab, um ihnen zu begegnen. O, welch eine Menge von Seligen! Je mehr sich die Wolken ausbreiteten, desto mehr wurden sichtbar. Sie ruhten auf den Wolkenbetten wie weiße Wasserrosen auf einem stillen See. Sie schmückten sie, wie die Lilien das Feld schmücken. Welch eine jubelnde Fahrt in die Höhe hinauf! Eine Wolke nach der andern rollte heran, und alle waren sie angefüllt mit himmlischen Heerscharen in Rüstungen von Silber, mit unsterblichen Sängern in purpurverbrämten Mänteln.

Dieser Künstler hatte später die Decke in der Svartsjöer Kirche gemalt. Dort hatte er die schwebenden Wolken des Sommertages wiedergeben wollen, die die Seligen in die Herrlichkeit des Himmels einführten. Die Hand, die den Pinsel führte, war kräftig gewesen, aber ein wenig steif, so daß die Wolken mehr den krausen Locken in einer Allongeperücke glichen als wachsenden Bergen aus weichem Nebel. Und so wie sich die Heiligen vor der Phantasie des Malers gebildet hatten, war er nicht imstande gewesen, sie wiederzugeben; er hatte sie auf Menschenweise in lange rote Mäntel und steife Bischofsmützen gekleidet oder in große Kaftane mit steifen Priesterkragen. Er hatte ihnen große Köpfe und kleine Glieder gegeben und hatte sie mit Taschentüchern und Gebetbüchern versehen. Lateinische Sentenzen hingen ihnen aus dem Munde, und für die, die er für die hervorragendsten hielt, hatte er solide, hölzerne Stühle auf den Wolkenkämmen angebracht, so daß sie in einer bequemen sitzenden Stellung in die Ewigkeit eingeführt werden konnten.

Aber Gott und alle Welt wußten ja, daß sich Geister und Engel dem armen Künstler niemals gezeigt hatten, und deswegen wunderte man sich auch nicht weiter, daß er sie nicht so überirdisch schön hatte machen können. Manch einer hatte aber doch wohl die Malerei des guten Meisters überaus schön gefunden, und sie hatte manch eine heilige Stimmung erweckt. Sie hätte wohl verdient, auch von unsern Augen geschaut zu werden.

Aber im Kavalierjahr ließ Graf Dohna die ganze Kirche weiß malen. Da wurde die Deckenmalerei verdorben. Ebenso wurden alle die tönernen Heiligen vernichtet.

Ach, diese tönernen Heiligen!

Es wäre besser für mich gewesen, wenn mir menschliche Not so viel Kummer hätte bereiten können, wie ich ihn über ihren Untergang empfunden – wenn mich menschliche Grausamkeit gegen Menschen mit einer solchen Bitterkeit hätte erfüllen können, wie ich sie um ihretwillen gekostet habe.

Aber denkt nur, da war ein St. Olaf mit einer Krone auf dem Helm, einer Axt in der Hand und einem überwundenen Riesen unter den Füßen; da war auf der Kanzel eine Judith in rotem Mieder und blauem Rock, ein Schwert in der einen, ein Stundenglas in der andern Hand – als Ersatz für das Haupt des assyrischen Feldherrn; da war eine geheimnisvolle Königin von Saba mit blauer Taille und rotem Rock, mit einem Gänsefuß an dem einen Bein, die Hände voll von sibyllinischen Büchern; da war ein grauer St. Jürgen, der ganz allein auf einer Bank im Chor lag, denn sowohl das Pferd als auch der Drache waren zerschlagen; da war St. Kristoffer mit seinem grünenden Stab und St. Erich mit Zepter und Axt in einem fußfreien, goldgeblümten Mantel.

Gar manchen Sonntag habe ich dort in der Svartsjöer Kirche gesessen und mich darüber gegrämt, daß die Bilder fort waren und mich nach ihnen gesehnt. Ich würde es nicht so genau genommen haben, wenn ihnen die Nase oder die Füße gefehlt hätten, wenn die Vergoldung abgegangen wäre. Ich hätte sie vom Glanz der Legenden umstrahlt gesehen.

Es soll stets so mit diesen Heiligen gewesen sein, daß sie ihre Zepter oder ihre Ohren oder ihre Nase verloren und wieder instand gesetzt und aufgeputzt werden mußten. Aber die Bauern hätten den Heiligen kein Leid zugefügt, wenn Graf Henrik Dohna nicht gewesen wäre. Er ließ sie fortnehmen.

Ich habe ihn deswegen gehaßt, wie nur ein Kind hassen kann. Ich habe ihn gehaßt, wie ein armer Fischer einen unwissenden Knaben haßt, der sein Netz zerstört und ihm ein Loch in sein Boot geschlagen hat. Ich habe ihn gehaßt, wie der hungrige Bettler die geizige Hausfrau haßt, die ihm das Brot verweigert. Wie habe ich nicht gehungert und gedürstet während der langen Gottesdienste! Er hatte das Brot fortgenommen, von dem mein Geist leben sollte. Wie sehnte ich mich nicht in die Unendlichkeit hinaus, hinauf zum Himmel! Und er hatte mein Fahrzeug zerstört, hatte mein Netz zerrissen, mit dem ich die heiligen Visionen hatte fangen wollen.

In der Welt der Erwachsenen ist kein Raum für einen richtigen Haß. Wie könnte ich jetzt wohl ein so elendes Wesen wie diesen Grafen Dohna hassen, oder einen so wahnsinnigen Menschen wie Sintram oder eine so verlebte Weltdame wie die Gräfin Märta! Aber als ich ein Kind war – ja, da war es ein Glück für sie, daß sie schon lange tot waren.

Der Pfarrer stand vielleicht gerade auf der Kanzel und sprach von Frieden und Versöhnlichkeit, aber seine Worte waren auf unserm Platz unten in der Kirche niemals zu hören. Ach, hätte ich nur die alten tönernen Heiligen gehabt, die hätten mir wohl predigen sollen, so daß ich es hören und verstehen konnte.

Aber nun saß ich gewöhnlich da und dachte darüber nach, wie es eigentlich zuging, daß sie geraubt und zerstört wurden.

Als Graf Dohna seine Ehe hatte für ungültig erklären lassen, statt seine Frau aufzusuchen und sie bestätigen zu lassen, erregte dies einen gerechten Zorn bei allen; denn man wußte, daß Gräfin Elisabeth sein Haus nur verlassen hatte, um nicht zu Tode gemartert zu werden. Es schien nun, als wenn er Gottes Gnade und die Achtung der Menschen durch eine gute Tat wiedergewinnen wolle, und deshalb ließ er die Kirche zu Svartsjö renovieren. Er ließ die ganze Kirche weiß malen und das Deckengemälde herunterreißen. Er selber und seine Knechte trugen die Bildwerke in ein Boot und versenkten sie in die Tiefe des Löfsees.

Wie konnte er es doch nur wagen, Hand an diese Gewaltigen des Herrn zu legen?

Daß diese Untat geschehen durfte! – Führte denn die Hand, die Holofernes’ Haupt abgeschlagen hatte, kein Schwert mehr? Hatte die Königin von Saba all ihre herrliche Weisheit vergessen, die gefährlicher verwundet als ein giftiger Pfeil? St. Olaf, du alter Wiking, St. Jürgen, du alter Drachentöter, lebt denn das Gerücht von euren Heldentaten nicht mehr, ist der Glorienschein der Wunder verblaßt? Aber es verhielt sich wohl so, daß die Heiligen keine Gewalt gegen diese Gewalttätigen gebrauchen wollten. Da die Svartsjöer Bauern doch keine Farbe mehr für ihre Kleider und keine Vergoldung mehr für ihre Kronen spendieren wollten, fanden sie sich darein, daß Graf Dohna sie hinaustrug und sie in die bodenlose Tiefe des Löfsees versenkte. Sie wollten dort nicht länger stehen und Gottes Haus verunglimpfen. Die Ärmsten, sie dachten wohl an die Zeit, da sie mit Gebeten und Kniefällen verehrt wurden!

Ich saß da und dachte an dies Boot mit seiner Last aus Heiligen, das an einem stillen Sommerabend im August über die blanke Fläche des Löfsees dahinglitt. Der Ruderknecht zog die Ruder langsam durch das Wasser und warf den seltsamen Passagieren, die da hinten im Boot lagen, scheue Blicke zu; Graf Dohna aber, der auch mit dabei war, fürchtete sich nicht. Er nahm sie nacheinander mit höchsteigenen Händen und warf sie ins Wasser. Seine Stirn war klar und er atmete tief auf. Er fühlte sich wie ein Vorkämpfer der reinen evangelischen Lehre. Und es geschah kein Wunder den alten Heiligen zu Ehren. Still und mutlos sanken sie in die Vernichtung hinab.

Aber am nächsten Sonntagmorgen stand die Svartsjöer Kirche schimmernd weiß da. Keine Bildwerke störten mehr die Ruhe der inneren Betrachtung. Nur mit dem seelischen Auge sollen die Frommen die Herrlichkeit des Himmels und die heiligen Visionen schauen. Die Gebete der Menschen sollen auf ihren eigenen Schwingen zum Höchsten hinaufgelangen. Sie sollen sich nicht mehr an dem Kleidersaum der Heiligen festklammern.

Grün ist die Erde, die herrliche Wohnung der Menschen, blau ist der Himmel, das Ziel ihrer Sehnsucht. Die Welt strahlt von Farben. Weswegen ist die Kirche weiß? Weiß wie der Winter, nackt wie die Armut, bleich wie die Angst. Sie schimmert nicht von Reif wie der Wald im Winter. Sie strahlt nicht in Perlen und Spitzen wie eine weiße Braut. In kalter, weißer Leimfarbe steht die Kirche da, ohne Bildsäule, ohne Gemälde.

An jenem Sonntag saß Graf Dohna in einem blumengeschmückten Lehnstuhl im Chor, damit alle ihn sehen und preisen könnten. Jetzt wollte er geehrt werden, weil er die alten Bänke hatte instand setzen lassen, weil er die verunglimpfenden Bildsäulen zerstört hatte, neues Glas in alle zersprungenen Fenster hatte setzen und die ganze Kirche mit Leimfarbe hatte streichen lassen. Es stand ihm ja frei, das alles zu tun. Wenn er den Zorn des Allmächtigen mildern wollte, so war es ja gut, daß er seinen Tempel schmückte, so gut er es verstand. Weshalb aber nahm er denn Lob dafür entgegen?

Er, der mit einem durch unversöhnte Strenge belasteten Gewissen kam, er hätte sich ja vor der Armenbank auf die Knie werfen und seine Brüder und Schwestern in der Kirche bitten müssen, zu Gott zu flehen, daß er ihn in seinem Heiligtum dulde. Es wäre besser für ihn gewesen, dort als armer Missetäter zu stehen, als oben im Chor zu sitzen und Lob und Ehren in Empfang zu nehmen, weil er sich hatte mit Gott versöhnen wollen.

Ach, Graf Henrik! Gott hatte dich sicher auf der Armenbank erwartet! Er ließ sich nicht dadurch betören, daß die Menschen dich nicht zu tadeln wagten. Er ist noch immer der strenge Gott, der die Steine reden läßt, wenn die Menschen schweigen.

Als der Gottesdienst beendet und der letzte Gesang gesungen war, verließ niemand die Kirche, der Pfarrer aber stieg auf die Kanzel, um dem Grafen eine Dankesrede zu halten. Aber so weit sollte es denn doch nicht kommen!

Denn die Tür öffnete sich plötzlich, und die alten Heiligen kamen wieder herein, triefend vom Wasser des Löfsees, beschmutzt von grünem Schlamm und braunem Morast. Sie hatten wohl gehört, daß hier dem eine Lobrede gehalten werden sollte, der sie aus Gottes heiligem Haus vertrieben und sie in die kalten, auflösenden Wogen versenkt hatte. Die alten Heiligen wollten auch ein Wort mit zu reden haben.

Sie lieben das einförmige Plätschern der Wellen nicht.

Sie sind an Gebete und frommen Gesang gewöhnt. Sie schwiegen und fanden sich in alles, solange sie glaubten, daß es zu Gottes Ehre geschähe. Aber das war nicht der Fall. Hier sitzt Graf Dohna, umgeben von Ruhm und Ehren, oben im Chor und will in Gottes Haus angebetet und gepriesen werden. Das können sie nicht zugeben. Deswegen sind sie aus ihrem feuchten Grab heraufgestiegen und kommen in die Kirche gewandert, und die ganze Gemeinde erkennt sie wieder. Dort geht St. Olaf mit der Krone über dem Helm und St. Erich mit den goldenen Blumen auf dem Mantel und der graue St. Jürgen und St. Kristoffer. Mehr sind es nicht; die Königin von Saba und Judith sind nicht mitgekommen.

Als aber die Leute sich ein wenig von ihrem Staunen erholt haben, geht ein hörbares Flüstern durch die Kirche: »Die Kavaliere!«

Freilich sind es die Kavaliere. Und sie gehen, ohne ein Wort zu sagen, direkt auf den Grafen zu, heben seinen Stuhl auf ihre Schultern, tragen ihn zur Kirche hinaus und setzen ihn auf dem Kirchenhügel nieder.

Sie sagen nichts und schauen weder nach rechts noch nach links. Sie tragen ganz einfach Graf Dohna aus dem Gotteshause heraus, und als das geschehen ist, gehen sie wieder, den nächsten Weg nach dem See einschlagend. Niemand hielt sie auf und niemand gab sich damit ab, über ihre Absicht nachzugrübeln – die lag klar auf der Hand. »Wir Kavaliere von Ekeby haben unsere eigene Ansicht. Graf Dohna verdient es nicht, im Gotteshause gepriesen zu werden, deshalb tragen wir ihn hinaus. Jetzt mag ihn hereinholen, wer da will.«

Aber er wurde nicht wieder hereingeholt. Die Lobrede des Pfarrers wurde niemals gehalten. Die Gemeinde strömte zur Kirche hinaus. Da war niemand, der nicht gefunden hätte, daß die Kavaliere richtig gehandelt hatten.

Sie dachten an die fröhliche junge Gräfin, die sie auf Borg so grausam gequält hatten. Sie dachten an sie, die so gut gegen die Armen gewesen, die so schön zu schauen war, daß es schon einen Trost gewährte, sie nur anzusehen.

Wohl war es sündhaft, in einem solchen Aufzug in die Kirche zu kommen, aber sowohl der Pfarrer als auch die Gemeinde fühlten, daß sie im Begriff gestanden hatten, noch ärgeren Spott mit dem lieben Gott zu treiben. Und sie standen den verwilderten alten Tollköpfen gegenüber ganz beschämt da.

»Wenn die Menschen schweigen, müssen die Steine reden«, sagten sie.

Aber nach jenem Tage konnte Graf Henrik es gar nicht mehr auf Borg aushalten. In einer finsteren Nacht zu Anfang August hielt eine geschlossene Kutsche vor der großen Freitreppe. Alle Dienstboten stellten sich ringsumher auf, und in Schals gehüllt, einen dichten Schleier vor dem Gesicht, kam Gräfin Märta heraus. Der Graf führte sie, aber sie zitterte und bebte. Nur mit der größten Schwierigkeit konnte man sie bewegen, über die Diele und die Treppe hinabzugehen.

Und dann saß sie glücklich im Wagen, der Graf sprang hinter ihr hinein, die Türen wurden zugeschlagen, und der Kutscher trieb die Pferde an. Als die Elstern am nächsten Morgen erwachten, war sie auf und davon.

Der Graf lebte seither fern im Süden. Borg wurde verkauft und hat häufig den Besitzer gewechselt. Alle müssen das schöne Stück Erde lieben, aber wohl nur wenige sind dort glücklich gewesen.

Gottes Gesandter

Gottes Gesandter, Hauptmann Lennart, kam an einem Nachmittag im August in den Brobyer Gasthof gewandert und ging geradeswegs in die Küche. Er befand sich auf dem Wege nach seinem Heim Helgesäter, das eine Viertelmeile nördlich von Broby hart am Waldesrande liegt.

Hauptmann Lennart wußte damals noch nicht, daß er ein Gesandter Gottes hier auf Erden werden sollte. Sein Herz war von jubelnder Freude erfüllt bei dem Gedanken, daß er sein Heim wiedersehen sollte. Er hatte ein hartes Schicksal durchgekämpft, aber nun war er daheim, nun sollte alles wieder gut werden. Er wußte nicht, daß er einer von denen werden sollte, die nicht unter eigenem Dache ruhen, die sich nicht am eigenen Herde wärmen dürfen.

Hauptmann Lennart hatte einen fröhlichen Sinn. Als er niemand in der Küche traf, wirtschaftete er dort herum wie ein wilder Bube. Im Handumdrehen verstellte er den Webstuhl und brachte die Schnur des Spinnrades in Unordnung. Er warf die Katze dem Hund an den Kopf und lachte, daß es durch das ganze Haus schallte, als die beiden Kameraden in der Hitze des Augenblicks die alte Freundschaft brachen und mit gekrümmten Krallen, mit wütenden Blicken und borstigem Haar aufeinander losfuhren.

Und dann kam, vom Lärm herbeigelockt, die Wirtin herein. Sie blieb auf der Türschwelle stehen und betrachtete den Mann, der über die kämpfenden Tiere lachte. Sie kannte ihn wohl, als sie ihn aber zuletzt sah, hatte er mit Handeisen auf dem Gefängniskarren gesessen. Sie entsann sich dessen sehr wohl. Vor fünf und einem halben Jahr hatte ein Dieb auf dem Wintermarkt in Karlstad alle die Schmucksachen der Frau des Landeshauptmanns gestohlen. Viele Ringe, Armbänder und Spangen, auf die die vornehme Frau große Stücke hielt – denn es waren alles Geschenke und Erbstücke –, waren verloren gegangen. Sie wurden niemals gefunden. Aber im ganzen Lande verbreitete sich das Gerücht, daß Hauptmann Lennart auf Helgesäter der Dieb sei.

Die Bäuerin hatte niemals begreifen können, wie ein solches Gerücht entstehen konnte. War denn dieser Hauptmann Lennart nicht ein guter, ehrenhafter Mann? Er hatte in glücklicher Ehe mit seiner Frau gelebt, die er erst vor ein paar Jahren heimgeführt hatte; denn seine Mittel hatten es ihm erst spät erlaubt, sich zu verheiraten. Hatte er jetzt nicht sein gutes Auskommen durch sein Gehalt und seine Amtswohnung? Was sollte wohl einen solchen Mann dazu verleiten, Armbänder und Ringe zu stehlen? Und noch wunderbarer erschien es ihr, daß ein solches Gerücht Glauben finden und so klar bewiesen werden konnte, daß Hauptmann Lennart seinen Abschied bekam, seinen Orden verlor und zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurde.

Er hatte selber gesagt, er sei auf dem Markt gewesen, sei aber von dort heimgekehrt, ehe er von dem Diebstahl gehört habe. Auf der Landstraße habe er eine häßliche, alte Spange gefunden, die er mitgenommen und seinen Kindern geschenkt habe. Aber diese Spange war von Gold und gehörte zu den gestohlenen Sachen; und das wurde sein Unglück. Aber im Grunde war Sintram an allem schuld gewesen. Der böse Mann hatte den Ankläger gespielt und ein Zeugnis abgegeben, das ihn gefällt hatte. Es schien für ihn ganz notwendig gewesen zu sein, Hauptmann Lennart aus dem Wege zu schaffen, denn bald darauf wurde eine gerichtliche Verhandlung gegen ihn selber eingeleitet, weil man entdeckte, daß er den Norwegern in dem Kriegsjahre 1814 Pulver verkauft hatte. Man glaubte allgemein, daß er Hauptmann Lennart als Zeugen gefürchtet habe. Jetzt wurde er wegen mangelnder Beweise freigesprochen.

Die Wirtin konnte sich nicht satt sehen an dem Manne. Sein Haar war grau geworden und sein Rücken gebeugt – er hatte sicher harte Tage durchgemacht. Aber sein freundliches Gesicht und seine gute Laune hatte er noch. Er war noch derselbe Hauptmann Lennart, der sie als Braut an den Altar geführt und auf ihrer Hochzeit getanzt hatte. Noch immer blieb er am Wege stehen, um mit jedem Menschen zu reden, der ihm begegnete, um jedem Kinde eine Münze zuzuwerfen; er würde noch jedem alten, runzeligen Weibe sagen, daß sie mit jedem Tage jünger und schöner werde, er konnte sich noch sehr wohl auf eine Tonne stellen und den Leuten aufspielen, die um einen Maibaum tanzten. Ach Gott, ja!

»Nun, Mutter Karin,« begann er, »mag Sie mich denn nicht einmal ansehen?«

Er war eigentlich eingekehrt, um zu hören, wie es den Seinen daheim ergehe, ob sie ihn erwarteten. Sie mußten ja wissen, daß er seine Strafe ungefähr um diese Zeit verbüßt hatte.

Die Wirtin hatte nur Gutes zu berichten. Seine Frau sei so tüchtig gewesen wie ein Mann. Sie habe die Amtswohnung von dem neuen Inhaber gepachtet, und alles sei ihr wohl gelungen. Die Kinder seien munter, es wäre ein Vergnügen, sie anzusehen. Und natürlich erwarteten sie ihn. Die Frau des Hauptmanns war eine strenge Frau, die niemals über das sprach, was sie dachte; so viel aber wußte die Wirtin, daß niemand mit Hauptmann Lennarts Löffel hatte essen oder in seinem Stuhl hatte sitzen dürfen, während er fort war. Jetzt im Frühling war kein Tag vergangen, wo sie nicht auf den höchsten der Brobyer Hügel gegangen war und den Weg hinabgeschaut hatte, ob er wohl nicht kam. Und neue Kleider hatte sie für ihn bereit, eigengemachte Kleider, die sie fast ausschließlich allein angefertigt hatte. An alledem konnte man doch sehen, daß er erwartet wurde, selbst wenn sie nichts sagte.

»Sie glauben es doch nicht?« fragte Hauptmann Lennart.

»Nein, Herr Hauptmann,« erwiderte die Bauernfrau, »niemand glaubt es!«

Da hielt es Hauptmann Lennart nicht länger im Zimmer, da wollte er heim.

Draußen traf er ganz zufällig gute, alte Freunde. Die Kavaliere von Ekeby waren gerade in den Gasthof gekommen. Sintram hatte sie dahin eingeladen, um seinen Geburtstag zu feiern. Und die Kavaliere besannen sich keinen Augenblick, die Hand des Strafgefangenen zu drücken und ihn wieder willkommen zu heißen. Dasselbe tat auch Sintram.

»Lieber Lennart,« sagte er, »sei du fest überzeugt, daß Gott einen Zweck dabei gehabt hat.«

»Du Schurke!« rief Lennart. »Glaubst du etwa, ich wüßte es nicht, daß es nicht der liebe Gott gewesen, der dich vom Richtblock befreit hat?«

Die andern lachten, Sintram aber wurde ganz und gar nicht böse. Er hatte gar nichts dagegen, daß man Anspielungen darauf machte, daß er mit dem Bösen im Bunde stand.

Und dann überredeten sie Hauptmann Lennart, wieder mit hineinzukommen und einen Willkommsbecher zu trinken; dann könne er ja gleich weitergehen. Aber es erging ihm übel. Er hatte seit fünf Jahren nicht das geringste von diesen heimtückischen Waren genossen. Er hatte vielleicht den ganzen Tag nichts gegessen und war erschöpft von der langen Wanderung. Infolgedessen machten ihn ein paar Gläser ganz umnebelt.

Als die Kavaliere ihn erst so weit hatten, daß er nicht mehr recht wußte, was er tat, zwangen sie ihm ein Glas nach dem andern auf. Sie meinten nichts Böses damit, es war nur Wohlwollen gegen ihn, der seit fünf Jahren nichts dergleichen gekostet hatte.

Sonst war er der nüchternste Mann, den man sich nur denken konnte. Man kann ja auch begreifen, daß er nicht die Absicht hatte, sich zu betrinken – er wollte ja nach Hause zu Frau und Kindern. Stattdessen aber blieb er auf der Bank im Schenkzimmer liegen und schlief ein.

Wie er nun so verführerisch bewußtlos dalag, nahm Gösta eine Kohle und ein wenig Kronsbeerensaft und malte ihn damit an. Er gab ihm ein echtes Verbrechergesicht; er meinte, das passe gut für ihn, da er doch soeben aus dem Gefängnis kam. Er gab ihm ein »blaues« Auge, zog ihm eine rote Narbe über die Nase, zog das Haar in zusammengekletteten Büscheln in die Stirn hinein und schwärzte ihm das ganze Gesicht mit Ruß.

Sie lachten eine Weile darüber, dann wollte Gösta es abwaschen.

»Ach nein, laß es!« sagte Sintram, »dann kann er es sehen, wenn er erwacht. Es wird ihn amüsieren.«

Und so blieb es, wie es war, und die Kavaliere dachten nicht mehr an den Hauptmann. Das Trinkgelage währte die ganze Nacht. Bei Tagesgrauen brachen sie auf. Da war zweifelsohne mehr Wein als Verstand in ihren Köpfen.

Jetzt trat die Frage an sie heran, was sie mit Hauptmann Lennart anfangen sollten.

»Wir fahren ihn nach Hause«, sagte Sintram. »Denkt doch, wie seine Frau sich freuen wird. Es wird ein Genuß, ihre Freude zu sehen. Ich werde ganz gerührt, wenn ich nur daran denke. Laßt uns ihn nach Hause fahren.«

Sie wurden alle ganz gerührt bei dem Gedanken. Großer Gott, wie sie sich freuen würde, die gestrenge Frau auf Helgesäter!

Sie rüttelten Hauptmann Lennart, bis er erwachte, und setzten ihn auf einen der Wagen, die die müden Stallknechte schon längst vorgefahren hatten. Und dann zog die ganze Schar nach Helgesäter; einige schliefen halb und waren nahe daran, vom Wagen zu fallen, andere sangen, um sich wach zu erhalten. Sie sahen alle miteinander nicht viel besser aus als Landstreicher mit ihren schlaffen, geschwollenen Gesichtern.

Sie kamen indessen an ihren Bestimmungsort, ließen Pferde und Wagen im Hinterhof halten und stiegen mit einer gewissen Feierlichkeit die Treppe hinan. Beerencreutz und Julius führten den Hauptmann zwischen sich.

»Erwache jetzt, Lennart,« sagten sie zu ihm, »du bist jetzt zu Hause. Siehst du denn nicht, daß du zu Hause bist?«

Er riß die Augen auf und wurde beinahe nüchtern. Er war ganz gerührt, daß sie ihm das Geleite gegeben hatten.

»Meine Freunde!« sagte er stehenbleibend, um zu ihnen allen auf einmal zu reden. »Ich habe Gott gefragt, weshalb ich so viel Böses habe erleiden müssen.«

»Ach schweig, Lennart,« sagte Beerencreutz, »behalte deine Predigten für dich.«

»Laß ihn nur reden,« sagte Sintram, »er spricht ganz gut.«

»Ich habe ihn gefragt und habe es nicht verstanden; jetzt aber verstehe ich es ganz gut. Er wollte mir zeigen, was für Freunde ich habe. Freunde, die mich heimgeleiten, um meine und meiner Gattin Freude zu sehen. Denn meine Gattin erwartet mich. Was sind fünf Jahre des Elends hiergegen?«

Jetzt donnerten harte Fäuste an die Tür. Die Kavaliere hatten keine Zeit, mehr zu hören.

Drinnen entstand Bewegung. Die Mägde erwachten und sahen hinaus. Sie warfen schnell einige Kleider über, wagten es aber nicht, dieser Schar von Männern zu öffnen. Endlich wurden die Riegel zurückgeschoben. Frau Lennart selber trat heraus.

»Was wollt ihr?« fragte sie.

Beerencreutz antwortete: »Wir bringen dir deinen Mann.«

Sie schoben Hauptmann Lennart vor, und sie sah ihn auf sich zu schwanken, betrunken, mit einem Verbrechergesicht. Und hinter ihm erblickte sie die ganze Schar betrunkener, schwankender Männer.

Sie ging einen Schritt zurück, er folgte ihr mit ausgebreiteten Armen. »Du gingst als Dieb«, rief sie aus, »und als Landstreicher kommst du zurück!« Damit wollte sie ins Haus gehen.

Er verstand sie nicht. Er wollte ihr folgen, da versetzte sie ihm einen Stoß vor die Brust. »Glaubst du, daß ich gesonnen bin, so einen wie dich als Herrn über mein Haus und über meine Kinder aufzunehmen?« fragte sie.

Die Tür fiel ins Schloß und der Riegel wurde vorgeschoben. Hauptmann Lennart stürzte auf die Tür zu und fing an, daran zu rütteln.

Da konnten die Kavaliere sich des Lachens nicht enthalten. Er war seiner Gattin so sicher gewesen, und nun wollte sie nichts von ihm wissen. Das fanden sie ergötzlich.

Als Hauptmann Lennart hörte, daß sie lachten, fuhr er auf sie ein und wollte sie schlagen. Sie liefen davon und sprangen auf ihre Wagen. Er hinterdrein, aber in seinem Eifer strauchelte er über einen Stein und fiel. Er stand wieder auf, verfolgte sie aber nicht weiter. In seiner Verwirrung zuckte ihm ein Gedanke durch den Kopf: In dieser Welt geschieht nichts ohne den Willen Gottes, nicht das geringste.

»Wohin willst du mich führen?« fragte er. »Ich bin eine Feder, die vor deinem Atemhauch dahinfliegt. Ich bin dein Spielball. Wohin willst du mich führen? Weshalb verschließt du mir die Tür zu meinem Heim?«

Er wanderte fort von seinem Hause in dem Glauben, daß dies Gottes Wille sei.

Als die Sonne aufging, stand er oben auf den Brobyer Hügeln und schaute ins Tal hinab. Ach, die Bevölkerung des Tals wußte damals nicht, daß ihr Erretter nahe war. Da war kein Armer, kein Betrübter, der Kränze gewunden und sie über die Tür zu seiner Hütte gehängt hatte. Es waren keine Blätter von duftendem Lavendel und Feldblumen auf die Schwelle gelegt, die er betreten sollte. Die Mütter nahmen nicht ihre Kinder auf die Arme, um ihn ihnen zu zeigen, wenn er kam. Das Innere der Hütten stand nicht fein und geputzt da, der schwarze Feuerherd von duftenden Wacholderzweigen verborgen. Die Männer arbeiteten nicht mit rastlosem Eifer auf dem Felde, damit die wohlgepflegten Äcker und die gut gegrabenen Gräben sein Auge erfreuen sollten.

Ach, von dort aus, wo er stand, sah sein bekümmerter Blick, wie die Dürre die Gegend verwüstet hatte, wie versengt die Saaten waren, wie die Bevölkerung es kaum der Mühe wert hielt, die Erde für die Saat des neuen Jahres vorzubereiten. Er sah zu den blauen Bergen auf, und die Morgensonne zeigte ihm die braunen, verdorrten Stellen, wo der Waldbrand gerast hatte. Er beschaute die Birken am Wegesrande, die waren vor Dürre fast eingegangen. Er konnte es an verschiedenen kleinen Anzeichen merken – an dem Geruch der Mast, wenn er an einem Hofe vorüberkam, an den Zäunen, die umgefallen waren, an der geringen Menge Brennholz, die nach Hause gefahren und zerkleinert war, – daß die Leute sich nicht um ihre Sachen bekümmerten, daß die Not gekommen war, daß die Menschen ihren Trost in Gleichgültigkeit und im Branntwein suchten.

Aber vielleicht war es gut für ihn, daß er sah, was er sah. Denn ihm war es nicht vergönnt, die Saat auf seinem eigenen Acker grünen und keimen zu sehen, es war ihm nicht vergönnt, an seinem eigenen Herd zu sitzen und zu sehen, wie die glühenden Kohlen erloschen, auch nicht zu fühlen, wie sich die weichen Hände seiner Kinder in seine eigenen legten, oder eine fromme Gattin an seiner Seite zu haben. Vielleicht war es gut für ihn, dessen Sinn von schwerem Kummer belastet war, daß es andere gab, denen er Trost in ihrer Armut schenken konnte. Vielleicht war es gut für ihn, daß diese Zeit eine so bittere Zeit war, wo die Kargheit der Natur Armut über die kleinen Leute gebracht hatte, wo manch einer, der glücklicher gestellt war, das Seine tat, um sie zu verderben. Denn nicht umsonst hatte der Pfarrer von Broby als begehrlicher Geizhals unter seinen Gemeindegliedern gesessen, statt ihnen ein rechter Hirte zu sein; nicht umsonst hatten die Kavaliere in Verschwendung und Trunkenheit regiert, nicht umsonst hatte Sintram ihnen den wilden Glauben beigebracht, daß Zerstörung und Tod über sie alle hereinbrechen werde.

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
27 eylül 2017
Hacim:
540 s. 1 illüstrasyon
Tercüman:
Telif hakkı:
Public Domain