Kitabı oku: «HaarLos», sayfa 4

Yazı tipi:

„Mütze?“, fragt Hannah. Sie hört sich an wie ihre eigene Mutter. Der Gedanke, er könnte gesundheitlich angeschlagen mit so kurzen Haaren und unbedecktem Kopf in die kalte Nachtluft hinaustreten, behagt ihr nicht.

„Nein“, krächzt er, nickt grüßend und tritt auf die Straße.

Dort fährt ihm der Frost in die Glieder, die sich schwer und träge anfühlen, Arme und Beine aus Blei, das Hirn wie vernebelt.

Am nächsten Tag glüht er im Fieber und wälzt das, was ihm die Friseurin am Vortag erzählt hat, wie eine Steinlawine im Kopf herum. Die Worte scheinen als Echo vielstimmig widerzuhallen, Sätze verlorenzugehen, Satzfetzen in Endlosschleife hängen zu bleiben. Hitze und Schweiß schwächen seinen Körper, der Kopf dröhnt. Erst, als das Fieber nach drei Tagen langsam sinkt, vermag er wieder klar zu denken.

4

In den ersten Dezembertagen wartet Hannah auf ihn. Sie gehört zu den Menschen, die sich konditionieren lassen, und „Monatsanfang“ heißt „Chemiker“. Er kommt immer vor dem fünften. Allerdings scheint er kein Interesse daran zu haben, sie an einen Rhythmus zu gewöhnen, denn um den fünften Dezember erscheint er nicht. Sie spürt eine leise Gereiztheit an sich nagen und sucht den Fehler bei sich. Vielleicht habe ich ihn mit meinen Unterstellungen bezüglich der Jungs und der Frauen abgestoßen, denkt sie, oder ihn mit meinen Ferienschilderungen gelangweilt.

Er kommt einfach nicht. Der Selbstkasteiung müde beschließt sie endlich trotzig, auch gut ohne ihn zu können, denn wenn er nicht kommt, kommen andere, und zwar in rauen Mengen. Sie geben sich im Salon die Klinke in die Hand, weil sie alle einmal im Jahr den Schein wahren wollen: am 24. Dezember. Lächelnde Familienmitglieder, Harmonie und Lichterglanz und gutes Aussehen. Mit einer makellosen Frisur. Die perfekten Stunden zu inszenieren erfordert harte Arbeit. Der Friseurbesuch ist nur ein Teil davon. Auf den Straßen verfallen die Leute ins Rennen. Das Weihnachtsgeschäft kommt auf Touren und legt an Geschwindigkeit zu. Es jagt die Menschen mit Taschen, Schals, Mänteln und Paketen behängt am Frisiersalon vorbei, Kinder hinter sich herziehend, im Laufschritt. An dem ein oder anderen Pärchen scheitert jede Hektik, denn Liebespaare haben ihre eigene Zeitrechnung, sie schlendern ungeachtet weihnachtlicher Dringlichkeit, versunken in langsamen Genuss, ziellos durch die Gassen, das Wissen ignorierend, dass der Heilige Abend schon in 14 Tagen bittere Realität wird. Aber auch Besucher des Weihnachtsmarktes lassen sich nicht so leicht anschieben. Sie flanieren an den Ständen vorbei, entweder leicht angetrunken oder an kandierten Mandeln knabbernd, oder beides. Die Kinder beißen in Zuckerwatte und mit Schokolade überzogene Bananen, die sie in ihren mit Schokolade überzogenen Händen verschmieren, die Wangen braun bekleckert, Süßes auf die rosige Haut gestrichen bis fast zu den Ohren. Hannahs Herzschlag beschleunigt sich bei den steten Bewegungen im Augenwinkel, hängt sich an die rasenden Menschen, bis in den Abend hinein. Sie leidet unter stressbedingtem Herzflattern, weil bei ihr zuhause noch kein einziges Weihnachtsgeschenk auf seine Verpackung wartet und sie nicht einmal weiß, wo sie in diesem Jahr Weihnachten feiern soll. Bei den Eltern? Allein? Oder mit Friederike, die am Heiligen Abend sicher keine Zeit für sie hat, da immer noch das Monster ihr Herzblut sauft und an ihr hängt wie eine Vampirfledermaus? Vergleichbar nur noch mit einer Handschelle oder Fußfessel. Die Möglichkeit, lange über ihren Problemen zu grübeln, bleibt ihr nicht: Sie schneidet einer mittelalten Frau die Haare, die in einer Volksschule arme Kinder unterrichtet (das weiß Hannah mit Bestimmtheit) und in ihrer Freizeit Küchenschaben dressiert (das weiß sie nicht so genau), aber wohlerzogen, wie sie ist, und obwohl Küchenschaben sie ekeln, richtet sie an die Lehrerin eine höfliche Frage: „Feierst du Weihnachten aufwendig?“

„Aufwendig – naja. Wir bekommen Besuch, mein Mann und ich. Mein Bruder beehrt uns, mit Frau und Tochter, wir werden es uns gemütlich machen.“

„Und, habt ihr auch solche Traditionen… also wir essen an Heiligabend immer Nudelsuppe mit Würstel...“ (wenn Hirn, Darm, Hoden und Magen aus sind), „und an Neujahr die exklusive Fischplatte.“

„Das mit der Nudelsuppe habe ich schon mehrfach gehört. Oder Schinken und Sauerkraut.“

„Sauerkraut?“ Hannah vergisst vor Schreck die Arbeit. Wie kann man am 24. abends Sauerkraut essen? Die Einfälle der Leute übertreffen ihre bei weitem – und das soll etwas heißen!

„Genau. Und Karpfen. Wobei ich diese Fische gar nicht mag. Sie schmecken nach dem faulen Moos, in dem sie dümpeln.“

Klar, warum auch sollte sich ein Karpfen bewegen, wenn er bloß auf einem Teller landet. Zumal ihn sein moosiger Geschmack sogar retten könnte! „An Weihnachten scheinen viele Menschen an uralten Gepflogenheiten festzuhalten.“

„Ja.“

Das Gespräch plätschert dahin, deshalb entgeht ihr eine wichtige Tatsache: Er ist zurück, steht unschlüssig an der Tür, im Hintergrund das große Fenster, das das Innere des Salons widerspiegelt, da die Dämmerung der Dunkelheit gewichen ist.

„Womit kann ich dienen?“, fragt die Chefin, die einer verkannten Historikerin die Haare einfärbt. Sie schießt über die Lesebrille hinweg einen direkten Blick auf den Neuankömmling und widmet sich wieder dem Einstreichen der Farbe.

„Ich hätte mir gerne die Haare schneiden lassen.“ Hannah horcht auf, die Stimme kennt sie.

„Heute sind wir leider voll. Sie wissen ja, zu Weihnachten.... Aber wir können Ihnen gerne einen Termin geben, wenn Sie das wünschen.“

Der Mann zögert, stimmt dann zu: „Ja. Bitte.“

Die Chefin entschuldigt sich kurz bei der Wühlerin in alten Akten, streift die Gummihandschuhe ab und eilt zur Kassa, neben der das überdimensionale Kalenderbuch mit allen Terminen liegt. „Wann ginge es Ihnen denn am besten?“

„Nachmittags um diese Zeit?“

„Hm. Ist es egal, wer Sie schneidet?“

„Ähm, nein, ich hätte gerne die … Dame, die das immer macht.“ Er nennt weder Hannahs Namen, noch fragt er danach, weshalb die Chefin, die es hasst, wenn man ihre Angestellten als namenlose Damen abhandelt, betont deutlich artikuliert: „Hannah. Hm. Ja, es sieht gut für Sie aus. Übermorgen Freitag könnten wir Sie um halb fünf noch schnell dazwischenschieben. Bei Ihrer Haarlänge dauert ein Schnitt ja nicht lange. Passt Ihnen der Termin, Freitag um 16 Uhr 30?“

Erneut zögert er, diesmal noch länger, denn am Freitagnachmittag arbeitet Verena nicht. Wenn er diesen Friseurtermin wahrnimmt, muss er eine Stunde früher zur Arbeit aufbrechen. Dann aber bestätigt er entschlossen: „Ja, das geht.“

„Gut, Herr Perman, in dem Fall bis übermorgen!“

Noch zwei Tage, denkt Hannah und ermahnt sich gleich selbst: Hallo, Mädchen, es handelt sich hier nicht um ein Date! Auch wenn dir Männer gefallen, die sich nicht wehren können und hilflos deinem Geplauder ausgesetzt sind!

Den ganzen Freitag freut sie sich auf halb fünf. Zum ersten Mal weiß sie im Voraus, wann er auftauchen wird. Sie überlegt fieberhaft, wie sie ihn unterhalten kann, welche Lügengeschichte sie ihm auftischt, ob sie eine berühmte Großmutter erfindet oder einen Onkel im Gefängnis. Ihre Großeltern sind vollkommen unbekannt und keiner ihrer Onkel (eingeheiratet, wie gesagt) kennt ein Gefängnis von innen. Sie möchte sich spontan etwas einfallen lassen und entscheidet kurz entschlossen, bei Bedarf je nach Thema zu fabulieren.

Er erscheint pünktlich. Ein wenig blass zwar, aber das mag daran liegen, dass er seinen schwarzen Wollmantel aufträgt, den teuren. Bedienen darf sie den Mann nicht sofort, sie föhnt einer Frau die Haare, der halb Feldkirch gehört. Oder auch nicht. „Wenn Sie einen kleinen Moment warten… ich bin bald so weit.“ Vor allem im Dezember packt die Chefin den Terminkalender aller Angestellten so voll, dass sie im Akkord waschen und schneiden müssen, um die Zeiten halbwegs einzuhalten. Da sie es mit Menschen zu tun haben, entstehen immer wieder unvorhergesehene Verzögerungen. Zum Beispiel die süße Vierjährige, die sich mindestens fünf Minuten lang hinter Mama versteckt, bis sie den Mut aufbringt, sich auf den Friseurstuhl helfen zu lassen. Oder die Achtzigjährige, die sich sehr langsam und unsicher aus dem Drehstuhl hochhievt und zur Tür schlurft, auf einen hilfreichen Arm gestützt. Wenn man keinen beckenbrechenden Sturz im Salon riskieren will, muss man sich Zeit für die Begleitung klauen.

Der Chemiker nimmt die Warterei offensichtlich gelassen, obwohl er sich tödlich langweilen muss, so ohne jede Zeitschrift. Zehn Minuten nach halb fünf entlässt Hannah die (an Grund und Boden reiche?) Frau mit einer pompösen Föhnfrisur und wendet sich Herrn Perman zu. Inzwischen kennt sie seinen Namen, zumindest die Laute. Schreiben hätte sie ihn nicht können. Ob der Name nun ein oder zwei „n“ enthält, ein „B“ oder „P“ und ein „h“, entzieht sich ihrer Kenntnis. Egal. Sie weiß ja nicht einmal, wie man Pheromon schreibt, und wird weder ihn noch den Duftstoff googeln. Es gibt die Pheromonfalle, das reicht und erinnert sie an ihr vorletztes Gespräch, weshalb sie vorsichtig beschließt, diesmal kein Geplauder zu wagen, so gern sie sich auch manchmal reden hört. Doch bereits beim Mischen des Wassers, dessen Temperatur sie mit dem Handgelenk prüft, erkundigt er sich: „Haben heute Sie Halsweh?“

„Wie kommen Sie darauf?“ Er gibt ihr mit seinem Geschwätz nicht die geringste Chance, ihren Vorsatz einzuhalten!

„Sie sind so schweigsam. Es irritiert mich geradezu, keinen Ihrer kessen Sprüche zu hören. Die Frauen in meinem Bett habe ich nicht vergessen.“

Wie bitte? Er unterstellt ihr Geldgier und schlechte Manieren und lässt selber solche Sätze vom Stapel? In seinen Augen erkennt sie sich - und ihn! - nicht wieder. Aber gut, er soll seinen Willen haben. Mit einem ruinierten Ruf lebt es sich meist leichter als ohne Ruf. Sie holt tief Luft: „Oh. Das war mir ein Vergnügen. Und ich hätte Sie das letzte Mal, als Ihre Stimme im Eimer war, gern noch mehr gequält und Sie zum Reden gezwungen. Stattdessen habe ich geredet wie ein Wasserfall, was sie aber auch ein bisschen gequält hat, weil Sie zuhören mussten, obwohl Sie so müde waren …“

„Das haben Sie gemerkt?“

„Ja. Passt die Wassertemperatur?“

„Danke. Aber ich muss Sie enttäuschen, Sie haben mich nicht gequält. Ich höre Ihnen gerne zu.“

Sie fühlt sich geschmeichelt, was sie nie im Leben zugegeben hätte. „Dann hören Sie gerne Unsinn?“

„An einen Blödsinn kann ich mich nicht erinnern. Sie müssen hervorragende Großeltern gehabt haben.“

„Ja, aber ist es nicht meistens so? Ich kenne kaum ein Kind, das seine Großeltern nicht hervorragend findet.“

„Mir fallen jede Menge solcher Kinder ein. Und meine eigene Oma -- die ist ein ganz anderes Kaliber. Sie kann zum Beispiel keine Kekse backen, nicht eine Sorte.“

„Sie kann es nicht? Das glaube ich nicht.“

„Sie hat es zumindest nie getan.“

„Und ich habe eine Theorie dazu, warum sie Ihnen nie welche gemacht hat. Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen, nehme ich an, dass Sie frech zu ihr waren. Jede Oma kann backen.“

Sein Gesicht gerät im Lächeln schief. „Meine nicht. Ich bin der vorbildliche Enkel, glauben Sie mir oder nicht, wie Sie wollen. Nein, sie lässt machen. Sie ist eine sehr … stolze Frau, möchte ich sagen, immer gut angezogen, meistens ernst, selten albern. Und in ihrer Wohnung eingerichtet, wie in einer dieser Wohnzeitschriften. Mit Putzfrau.“

Klar, bei der Preisklasse der Familie. „Wirklich? Ist das die, die Sie in Klavierkonzerte geschleppt hat?“

„Genau. Immer unterwegs, auf Reisen oder ehrenamtlich tätig. Sehr rührig. Das heißt … bis vor einem Jahr. In den letzten Monaten ist sie sehr viel ruhiger geworden. Sie spürt das Alter, sagt sie.“

„Wie alt ist sie, wenn man fragen darf?“

„Oh, natürlich dürfen Sie. 84.“

„Hätten Sie gern eine andere Oma gehabt?“ Zum Beispiel eine normale?

„Ich habe ja keinen Vergleich, aber das, was Sie da letztes Mal erzählt haben, hat in mir eine … wie soll ich sagen… vage Sehnsucht geweckt.“

„Nach Kuhmist und Vanillekipfeln.“

Er lacht. Sogar um seine schiefe Nase bilden sich Fältchen. „In den Tagen danach habe ich davon geträumt, im Fieber.“

„Oh. Sie sind krank geworden. War es schlimm?“

„Sehr erholsam. Ich durfte eine Woche lang nichts tun außer in einem warmen Bett zu liegen…“ Abrupt hält er inne. Was faselt er da? Erzählt er der Friseurin gerade von seinem Bett? Die doch immer so anzügliche Bemerkungen fallen lässt ...Natürlich war das Gefühl der Hitze vorherrschend gewesen, das Fieber hatte ihm ordentlich eingeheizt, sodass er zeitweise weder Federbett noch Pyjama ertrug, aber darüber wollte er eigentlich nicht reden. Zumal sich immer Erinnerungen an Verena in die Erinnerungen an seine Krankheit mischen.

„Ich hoffe, Sie mussten die Zeit dort…“, schnell verbessert sie sich, wenn auch nur unwillig „…ich meine: krank, nicht allein verbringen.“

Er lacht in sich hinein, nicht wissend, ob ihr Versprecher mit Absicht erfolgt ist. Wenn ja, dann erwischt ihn ihre Attacke eiskalt und er gesteht sich ein, dass ihm recht geschieht. „Natürlich nicht.“

„Die Notwendigkeit von Krankheiten stelle ich auch fest“, bekennt sie, sich zu Ordnung und Sachlichkeit rufend. „Das Alltags- und Berufsleben fordert uns so stark, dass wir Krankheiten brauchen, um die dringend benötigte Pause machen zu dürfen, die wir uns normalerweise nicht gönnen. Ich war schon jahrelang nicht mehr krank. Das letzte Mal ist mir aber noch in guter Erinnerung. -- Ich habe mir schon gedacht, dass Sie Fieber bekommen. Und, ehrlich gesagt, sehen Sie immer noch nicht besonders gesund aus. Blass.“

„Das gibt sich.“ Er winkt mit der Hand ab. „Zwischen Weihnachten und Neujahr genieße ich zwei freie Tage, Zeit genug, mich vollends zu erholen.“

„Trotzdem sollten Sie sich Ruhe gönnen.“

„Ich bin nicht aus Zucker.“ Er klingt säuerlich. Fast ruppig. Sie spürt seine massive Abwehr. Na schön. Zu den mütterlichen Typen zählt sie sich sowieso nicht, sie kann sehr kühl sein. Unhöflich schweigt sie, die Haare trocken rubbelnd. Soll er doch die Unterhaltung bestreiten. Um ihren Groll zu überspielen, holt sie betont geschäftig den Plastikschutz, stößt das Waschbecken mit der Hüfte zur Seite und breitet den Umhang über ihm aus. Nur ihr Anstand zupft sie und treibt sie dazu, wie nebenbei und förmlich zu fragen, was er zu trinken wünsche.

„Danke, nichts.“

Die Stille dehnt sich. Er starrt vor sich hin, sie bearbeitet seine Haare. Vielleicht sollte sie Martin, das Monster, mit einem Weihnachtsgeschenk beehren, einem Benimmbuch. Andererseits will sie für Monster kein Geld ausgeben. Welches Nicht-Weihnachtsgeschenk passt für einen solchen Kerl?

Mitten in ihre Überlegungen hinein platzt der Chemiker mit: „Ach, kommen Sie schon, Sie sind doch nicht beleidigt? Erzählen Sie mir mehr von Ihrem Paradies.“ Er verträgt es schlecht, nichts zu tun und seinen Gedanken nachzuhängen. Das hat er schon in der Schule gehasst.

Sie, die ganze Tage mit Träumen verbringt, tickt vollkommen anders. „Da gibt es nichts zu erzählen.“

„Ich muss entschieden widersprechen. Und wissen Sie, was mir aufgefallen ist? Sie haben betont, dass diese Zeit für Sie auch deshalb so paradiesisch war, weil keine Schule stattfand. Was ist denn an der Schule so schlimm? Sind Sie nicht gerne zur Schule gegangen?“

„Nein.“

„Warum nicht?“

Eigentlich gehört es zu ihren Aufgaben, die Kunden zur Zerstreuung in Gespräche zu verwickeln, oberflächliche Gespräche, die gerade so eben in Gang bleiben. Sie hat im Smalltalk mehr Erfahrung, als ihre Opfer. Ihm sagt diese Rollenverteilung anscheinend nicht zu, er übernimmt hier den bestimmenden Part, ohne sie zu fragen, ob das Thema genehm sei. Das ist es nämlich nicht! Er unterhält sich doppelt, sich und auf ihre Kosten. Ihr schiebt er die kleine, undankbare Aufgabe zu, Antworten zu einem Sachverhalt zu liefern, den sie gerne ins Weltall geschossen hätte. Sie speist ihn mit Pseudogründen ab: „Warum geht man nicht gerne in die Schule? Weil man lernen muss? Weil man nervige Mitschüler hat? Weil die Nachmittage so zäh sind?“

„Und was war es bei Ihnen? Alles?“ Sie presst verstimmt die Lippen aufeinander, in der Hoffnung, ihm damit ein eindeutiges Signal zu senden. Eindeutig? Von wegen. Wenn es eindeutig ist, übersieht er die Eindeutigkeit geflissentlich: „Sie scheinen mir doch intelligent zu sein. Also?“

„Sie finden mich intelligent?“ Vor Überraschung vergisst sie, den Mund zu halten. Und die Schere zu benutzen.

„Na, dumm sind Sie sicher nicht. Was hat Sie also genervt?“

Sie kann die Tränen nicht zurückhalten. Sie schießen schneller hoch, als ein Gedanke braucht, um ins Hirn zu gelangen. Eine tropft in seine Haare. Noch nie zuvor hat jemand sie intelligent genannt. Dass sie dumm sei, hörte sie als Jugendliche ständig, nicht immer mit diesem Ausdruck, sondern nett umschrieben. Dass sie sich schwer tue. Dass sie eben ihre Zeit brauche. Dass ihr sicher auch irgendwann der Knopf aufgehen werde. -- Sie empfindet Dummheit als so negativ, als so beschämend, dass sie darüber nicht reden mag, dass sie froh ist, wenn das Thema Schule nicht zur Sprache kommt. Nur so darf sie halbwegs sicher sein, ihre Dummheit verbergen zu können. Sobald ihr Gegenüber auf die Idee verfällt, sie nach ihren damaligen Noten zu fragen, nach ihrem Leistungsniveau, ist sie entlarvt, bloßgestellt, mit dem schlimmsten Makel gebrandmarkt, den es in ihren Augen gibt.

Der Barkeeper beobachtet sie eingehend im Spiegel und wartet auf eine Antwort. Was sie an der Schule so genervt hat? Sie dreht endlich den Kopf zur Seite, in der (aussichtslosen) Hoffnung, ihren Gemütszustand zu verbergen, und widerspricht: „Sie täuschen sich, ich bin nicht intelligent. Ich bin nur Friseurin geworden.“

„Also...,“ macht er. „Muss ich jetzt wirklich erklären, warum das Quatsch ist, was Sie gerade von sich geben?“

„Ich bitte darum.“ Die Nase verstopft allmählich, immer noch rinnt eine Träne die linke Wange herunter. Möglichst unauffällig bringt sie einen Ärmel in Augennähe, um die Flüssigkeit aufzufangen.

„Also nein, das verlangen Sie jetzt nicht wirklich von mir. Das ist ja lächerlich.“

„Sehen Sie.“ Sie fühlt sich bestätigt, „Ihnen fehlen die Argumente.“ Ihre Hand zittert.

Er reißt die Augen auf, als hätte sie ihn einen Scharlatan genannt. „Sind Sie plötzlich ...uneinsichtig! Oder wollen Sie nur beweihräuchert werden? So etwas Lächerliches!“ (Lächerlich wirkt er in seinem Ärger auch.) „Na gut, ich will versuchen, etwas ... Offensichtliches zu erklären, obwohl ich mir ziemlich blöd dabei vorkomme. Ich lasse mich nur Ihnen zuliebe zu so einem Kasperletheater herab. Also. Woran erkenne ich, dass Sie intelligent sind. Erstens, zweitens und drittens: mit Ihnen kann man reden, Sie verfallen nicht in Plattitüden, wie das viele Menschen tun, die nicht nachdenken.“

„Kein Zeichen von Intelligenz“, widerspricht sie knapp und fast erleichtert, denn sein Weltbild wirft man nicht so leicht um wie einen Bauklotz.

„Doch“, bockt er, „ganz sicher. Stellen Sie sich in eine Bar und hören Sie zu. Dann wissen Sie, was ich meine.“

„Im Alkoholdusel schwätze ich auch Unsinn.“ Sie lacht trocken. Und unter Tränen.

“Wenn die Leute besoffen sind, höre ich nicht mehr zu. Ich meine die nüchternen, am frühen Abend. Obwohl nicht alle nüchtern sind, wenn sie die Bar betreten, das stimmt. Aber ich rede von den nüchternen. Es gibt natürlich solche und solche, sehr kluge Leute, aber eben auch die, die einfach … nicht so intelligent sind wie Sie. Und das sind viele.“

Hannah, die weiß, dass sie entschieden zu der dümmeren Kategorie von Menschen zählt, befallen Zweifel an seinem Urteilsvermögen. Laut denkt sie: „Klar, woher sollen Sie wissen, woran man intelligente Leute erkennt. Sie sind ja selber auch nur... ich meine...“ Sie rudert hilflos zurück.

„Was?“, fragt er scharf.

„Naja, ein… einfacher Mensch, kein Gstudierter…“ Ihre Schere klappert ins Leere. „Was machen Sie denn“, schreit sie erschrocken.

Blitzschnell ist er unter ihrer Hand weggetaucht und hat einen halben Meter Abstand an sich gerafft. Nun hängt er verdreht in seinem Stuhl und starrt sie an. „Was wollen Sie damit sagen?“ Er faucht wie eine Katze. „Dass ich keine Ahnung habe, wovon ich schwätze, weil ich selber nur Kellner bin? Ist es das?“ Mit einem verächtlichen Schauben mustert er sie so penetrant, dass sie verlegen wegsieht, was er als Unterwerfung unter seine Meinung zu interpretieren scheint, denn er wird ruhiger, wendet den Blick ab zum Spiegel und nähert seinen Kopf ihren Händen, damit sie weiterarbeiten kann. „Ich lasse mich von Ihnen nicht für dumm erklären. Ich arbeite zwar nur in einer Bar, bin aber nicht blöd. Wenn Sie das glauben, sehen Sie mich heute das letzte Mal, denn ich habe meinen Stolz!“

„Entschuldigen Sie“, stottert sie kleinlaut. „Ich wollte ja nicht, ich meine…“

„Das hörte sich aber ganz danach an, als wollten Sie! Natürlich habe ich auch nur einen Mittelschulabschluss, wenn Sie darauf anspielen, aber das heißt nicht, dass ich blöd bin.“

„Ich wollte ja nur…“ Das Gefühl beschleicht sie, diesen Chemiker gerade zum ersten Mal richtig wahr zu nehmen. Vorsicht, Hannah, bei dem musst du aufpassen, was du sagst. Der ist eruptiv, der lässt sich nicht einmal unabsichtlich beleidigen. Sein Gesicht täuscht darüber hinweg, dass er ungut ist, denn angeblich ähneln die wahren Bösewichte unschuldigen Engeln, und unschuldig sieht er ja von vornherein nicht aus. Wenn einer einen Makel hat, zum Beispiel nicht ganz ebenmäßige Gesichtszüge, hält man ihn für nett. Oder du, Hannah, tadelt sie sich, bist naiv davon ausgegangen.

Er, der Gedankenleser, tappt gerade blind durch die Gegend in der Meinung, sie werde nicht mehr aufmucken, und spricht einfach weiter: „Manchmal gibt es Umstände, die einen in der Schule daran hindern, seine ganze Intelligenz auszuleben. Bei mir gab es solche Umstände.“

„Diese Ausrede steht mir leider nicht zur Verfügung“, belehrt sie ihn. „Ich bin wirklich zu blöd.“

„Quatsch!“ Er ruckt unruhig auf dem Stuhl herum. „Ich habe keine Lust mehr, mir diesen Unsinn noch länger anzuhören. Reden wir über etwas anderes. Ich weiß nicht, warum für Sie die Schule so eine Tragödie war, aber es muss einen Grund dafür geben, dass Sie nicht Klassenbeste geworden sind. So etwas kann mich wirklich ärgern, wenn jemand, der Grips im Hirn hat, behauptet, dumm zu sein. Wenn Sie so doof daher schwätzen, könnte man wirklich meinen, Sie hätten Recht: Dass Sie zu dumm sind, die eigene Intelligenz zu erkennen!“

Sie hört ihm still zu und schwankt, ob sie sich ärgern oder freuen soll. Einerseits herrscht er sie an wie ein Lehrer einen Schüler, der lügt, und sieht aus wie ein Bösewicht, der wie ein Bösewicht aussieht. Andererseits gibt er ihr zu verstehen, dass er keine Sekunde lang an ihre Dummheit glaubt. Sie kämpft mit sich (Freund oder Feind?), während sie arbeitet. Immerhin hat sie was zu tun, haben ihre Hände was zu tun.

Wieder übernimmt er nach einem langen Seufzer die Unterhaltung, indem er sich ohne jeden Zusammenhang erkundigt: „Was machen Sie zu Weihnachten?“ Dieser Themawechsel, die unverbindliche Frage, sollten wohl eine Art Waffenstillstand sein, eine Entschuldigung für seine scharfen Worte. Obwohl er ihr zugleich das Gefühl gibt, ihre Arbeit nicht gut zu machen, weil er diese teilweise, (das heißt, den Gesprächsteil - mit unerwünschten Themen!) übernimmt.

Sie beißt sich auf die Unterlippe, überlegt, welche Fernreise sie erfinden soll, und entgegnet widerwillig: „Ich weiß nicht. Wahrscheinlich feiere ich mit meinen Eltern. Oder allein.“

Er sieht bei ihrer Antwort richtig dämlich drein. „Mit Ihren Eltern? Allein? Ach, kommen Sie schon…“

„Nicht jeder kann die ultimative Weihnachtsorgie feiern, wie Sie“, entschlüpft es ihr, ehe sie nachdenkt.

„Die ultimative…“ Ihre Worte nimmt er zu ihrer Freude nicht nur verblüfft, sondern fast ein bisschen verstört auf. Habe ich mit meinem Blindgänger ins Schwarze getroffen, frohlockt sie. „Man weiß wirklich nie, was die Leute erzählen“, murmelt er und reibt sich mit dem Handrücken über die Stirn, als habe er Kopfweh.

„Vielleicht sollten Sie mich zu dieser Party einladen, damit falsche Gerüchte gar nicht erst in Umlauf kommen!“ Ihre Augen blitzen vor Vergnügen.

Langsam scheint die Einsicht, sie scherze, zu ihm durchzudringen. Seine Mundwinkel heben sich. „Sie machen Witze! Wahrscheinlich stimmt auch Ihre Behauptung nicht, dass Sie allein feiern! Sicher warten schon 50 Freunde sehnsüchtig auf den netten Abend bei Ihnen.“

Schön wärs. Aber muss er das wissen? Vielleicht kann sie die Wahrheit verschleiern. „Naja. Meine Freundinnen haben allerdings keine Zeit für mich, sondern jede einen Typen. Den meiner besten Freundin kann ich außerdem nicht leiden. Selbst wenn sie mich einladen würde, käme ich nicht. Ich hätte dem Kerl schon längst einen Fußtritt in den Hintern gegeben und ihn vor die Tür befördert.“

„Und Ihre Freundin? Macht das nicht? Vielleicht liebt sie ihn ja.“

Mein Gott, was faselt er denn heute! „Nein. Sehen Sie, das ist die letzte aller Möglichkeiten“, erklärt sie ihm so geduldig wie allen begriffsstutzigen Personen. Leider hört sich ihre Stimme weniger sachlich als trotzig an.

„Wahrscheinlich sind Sie nicht objektiv.“ Der Satz fällt wie nebenbei, wie nicht an sie gerichtet, aber er trifft sie empfindlich. Überhaupt verfällt er an diesem Dezembertag in einen Ton, wenn er mit ihr redet, als wollte er sie ständig kritisieren. Allmählich empfindet sie ihre Arbeit als mühsam, die Zeit dehnt sich wie ein Kaugummi, der schon viel zu lange im Mund umgeht, ohne Geschmack und ohne Lust am Kauen. Vielleicht verliert er den Respekt vor ihr. Er übersieht die Schranken, die die Höflichkeit auferlegt.

In seine Herablassung hinein erklärt sie bissig und sehr bestimmt: „Sie haben keine Ahnung.“

Unschuldig wie ein Kind, das die bösen Kräfte, die in ihm schlummern, nicht kennt, ruht sein Blick auf ihr. (Sie mag diesen Blick nicht.) „Sie sind ja mächtig sauer auf mich. Wahrscheinlich immer noch wegen des Themas `Schule´. Ich bin inzwischen überzeugt, dass Ihnen noch niemand die Wahrheit über ihren Verstand eröffnet hat, was ich überhaupt nicht verstehe. Ich weiß zwar nicht, was mir die Ehre verschafft, diesbezüglich der erste zu sein, ich komme ja eigentlich nur wegen des Haareschneidens hierher. Das wäre also wirklich nicht meine Aufgabe. Da niemand sonst es zu tun scheint, opfere ich mich. Nur: ...Sie werden sehen, irgendwann erfahre ich, welches dunkle Geheimnis Sie vor mir verbergen. Und wenn ich nachhelfen und es aus Ihnen herauskitzeln muss!“

„Sie warnen mich?“ Wider Willen muss sie plötzlich lachen. Ihre Vergangenheit geht ihn überhaupt nichts an, da mag er neugierig sein, so viel er will, sie wird schweigen wie ein Grab. Seine waffentechnischen Karten stehen schlecht, denn sie hantiert hier mit Schere und Messer (ja auch Rasiermesser) und wird bei Bedarf kämpfen wie ... wie ein Kreuzritter. Die Blessuren, die er bei dieser Auseinandersetzung davontrüge, gönnt sie nicht einmal ihm.

„Warum lachen Sie?“

Immer noch erheitert hebt sie frech ihre Schere: „Meine Geheimnisse sind bei mir sicher, denn bewaffnet bin ich.“

Er scheint sie ernst zu nehmen. Vielleicht besser so. Ohne eine Miene zu verziehen (man kann behaupten, sie sei bereits verzogen) meint er: „Also heute habe ich es mir mit Ihnen gründlich verscherzt.“

„Ich möchte Ihnen nur zu verstehen geben, dass ich mich zu wehren weiß.“

„Daran zweifle ich nicht. Mir wird die Angelegenheit entschieden zu gefährlich. Es kann nicht schaden, wenn ich Ihnen aus den Augen komme. Brauchen Sie noch lange mit dem Schnitt?“

„Nein. Ich könnte auf die Längenkontrolle verzichten. Wenn Sie auf Perfektion keinen Wert legen, bin ich fertig. Nur die Rasur hinten fehlt noch.“

„Gut, nehmen Sie den Rasierer, das reicht.“

„Auf Ihre Verantwortung.“ Sie macht zwei letzte nachlässige Schnitte, dann wechselt sie das Werkzeug, um ihm die Nackenhaare zu entfernen, was in einer sehr schweigsamen, halben Minute erledigt ist. Schnell mit dem Pinsel über seinen Hals gewischt, dann den Handspiegel geholt. Sie hält ihn so, dass er seine Frisur von hinten sehen kann. Als er wie immer zustimmend nickt, bitterernst diesmal, hängt sie den Spiegel zurück, entfernt den Plastikumhang, dann das Handtuch von seiner Schulter und legt beides zusammen. Er macht sich umgehend auf zur Kassa, wo zufällig die Chefin steht, die gerade den Lohn einer Kundin einkassiert hat. Sie wird bei Herrn Bermann (oder so) das Kassieren übernehmen, weshalb Hannah nicht mehr weiter auf ihn achtet, Handtuch und Plastikumhang nach hinten zur Wäsche gibt und, ohne aufzuschauen, mit dem Kehren des Bodens beginnt. Erst, als alle Haare zusammengefegt sind, merkt sie, dass etwas nicht stimmt, dass ein Geräusch auf sich warten lässt. Sie hat nach der Frau, die die Chefin drei Minuten vor Herrn Börmann verabschiedet hat, kein zweites Mal die Türe zufallen gehört. Sie schaut auf. Er steht immer noch da und scheint darauf zu warten, dass sie auf ihn aufmerksam wird. Sofort macht er einen Schritt auf sie zu, streckt ihr die Hand entgegen und räumt ein: „Ich bin manchmal nicht sehr… diplomatisch, aber trotzdem, nichts für ungut, schöne Weihnachten!“ Ihr innerer Aufruhr legt sich allmählich, weshalb sie seine Hand ergreift und höflich erwidert: „Danke, Ihnen auch.“ Er drückt ihr einen Schein in die Handfläche. Sie folgt ihm zur Tür, schließt sie hinter ihm und schaut erst dann den Schein in ihrer Hand an. Ihr erster Gedanke ist: Angeber. Der zweite: Snob. Zehn Euro! Ihr Schwein macht einen Luftsprung.

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