Kitabı oku: «Authentisches geistliches Mentoring»

Yazı tipi:

LARRY KREIDER

Authentisches

geistliches Mentoring

ANDEREN HELFEN IM GLAUBEN ZU REIFEN

GLORYWORLD-MEDIEN

1. E-Book-Auflage 2021

© 2008 by Larry Kreider

Originally published in the U.S.A. by Regal Books,

A Division of Gospel Light Publications, Inc.

Ventura, CA 93006 U.S.A.

All rights reserved

© der deutschen Ausgabe 2009 GloryWorld-Medien, www.gloryworld.de

Alle Rechte vorbehalten

Bibelzitate sind, falls nicht anders gekennzeichnet, der Elberfelder Bibel, Revidierte Fassung von 1985, entnommen.

Weitere Bibelübersetzungen:

Luther Bibel, Revidierte Fassung von 1984

Einheitsübersetzung 1980

Das Buch folgt den Regeln der Deutschen Rechtschreibreform. Die Bibelzitate wurden diesen Rechtschreibregeln angepasst.

Übersetzung: rdm

Lektorat / Satz: Manfred Mayer

Umschlaggestaltung: Kerstin & Karl Gerd Striepecke, www.vision-c.de

Foto: istockphoto

ISBN (epub): 978-3-95578-134-7

ISBN (Druck): 978-3-936322-34-7

Stimmen zum Buch

Larry Kreider ist ein Leiter, dessen Effektivität, das Reich Gottes voranzubringen und andere Leiter heranzubilden, ein Maß an Begabung und Demut offenbart, das so apostolisch ist, dass er einen solchen Titel nicht braucht, um es zu beglaubigen. Ich vertraue diesem Mann, weil sein Herz rein und sein Verstand klar ist.

Jack W. Hayford

Präsident der internationalen Foursquare-Gemeinden

Dies ist bei weitem das beste Buch zum Thema Geistliches Mentoring, das ich kenne. Larry [Kreider] lebt diese Prinzipien und ist eine echte Autorität auf diesem Gebiet. Wenn Sie diese Prinzipien befolgen, wird sich Ihr Dienst in vielen anderen und in zukünftige Generationen hinein multiplizieren.

Jim Orred, Jugend mit einer Mission

Larry Kreider gibt uns eine ausgezeichnete biblische Darstellung der Prinzipien, Werte und Ziele für authentisches geistliches Mentoring. Jeder Christ und jeder christliche Leiter, der sein maximales Potential erreichen will, sollte dieses Buch lesen.

Dr. Bill Hamon

Christian International Ministries Network

Die Kirche braucht heute vor allem Männer und Frauen, die geistliche Eltern sein können. Larry Kreiders Buch hat mich herausgefordert und mich mit Hoffnung erfüllt, dass die Gemeinde dem Ruf Gottes folgen wird, geistliche Väter und Mütter zu sein.

Dominic Yeo

Trinity Christian Centre, Singapur

„Authentisches geistliches Mentoring“ bringt praktische Themen, die man in anderen Büchern nicht findet. Ich lehre seit vielen Jahren an Hochschulen und in Gemeinden über Mentoring und habe dazu jedes hilfreiche verfügbare Buch benutzt. Dieses Buch hätte ich allen anderen vorgezogen.

Dr. Joseph Umidi

Gründer von Lifeforming Leadership Coaching

Larry Kreider ist ein Vater in der heutigen Gemeinde. Er schreibt aus dem heraus, wer er ist, sowie aus der praktischen Erfahrung, die er im Lauf der Jahre gewonnen hat. Dieses Buch ist ein Muss für alle, die Mentoren für andere sind oder anderen in der Jüngerschaft helfen.

Barbara J. Yoder

Hauptpastorin der Shekinah Christian Church, Ann Arbor

Mentoring, geistliche Elternschaft und das Heranziehen gesunder geistlicher Nachkommen ist heute die wichtigste Aufgabe der Gemeinde. „Authentisches geistliches Mentoring“ gibt uns biblische Prinzipien an die Hand, die jeder Gemeinde und jedem Dienst, die wirklich das Reich Gottes voranbringen möchten, zu einer höheren Effektivität verhelfen werden.

George Bakalov

Harvest Breakthrough Network International

„Authentisches geistliches Mentoring“ kommt zur rechten Zeit und wird im Leib Christi viele Leser finden, insbesondere unter denen, die außerhalb der Gemeindegrenzen dienen. Es stellt sehr klar und deutlich heraus, dass gute und gesunde Beziehungen die Basis für kulturelle Transformation und die Ausbreitung des Reiches Gottes sind.

Jim Hodges, Apostolischer Leiter

Federation of Ministers and Churches International

Wir haben viele Lehrer, aber wenige Väter. Seit 25 Jahren sehe ich die Frucht eines echten Vaters im Glauben, durch den einige der großartigsten Leiter im Leib Christi hervorgekommen sind. Es ist mir eine Freude und eine Ehre, „Authentisches geistliches Mentoring“ zu empfehlen.

Bob Weiner

Präsident, Weiner Ministries International

Inhalt

TEIL 1: DIE BEDEUTUNG GEISTLICHER MENTORENSCHAFT

1 Gesucht: Geistliche Mentoren

2 Geistlich investieren

3 Berufen, Familie zu sein

4 Wie aus geistlichen Kindern Eltern werden

TEIL 2: EINEN GEISTLICHEN MENTOR FINDEN

5 Auf der Suche nach geistlichen Eltern

6 Geborgenheit in der Liebe des Vaters

7 Das Vergangene heilen

8 Multiple Mentoren

TEIL 3: EIN GEISTLICHER MENTOR SEIN

9 Das Jesus-Modell

10 Die Stellenbeschreibung eines geistlichen Mentors

11 Mentoring als Entscheidungshilfe

12 Fallstricken aus dem Weg gehen

13 Geistliche Kinder freisetzen

14 Ihr Ruf zur geistlichen Elternschaft

Epilog: Wie der Segen weiterfließt

Für meine Frau LaVerne,

für meine Familie

und für alle, die dieses Buch lesen

und geistliche Mentoren werden.

Ich wünsche Ihnen,

dass Sie große Freude daran haben,

die Berufung zu erfüllen,

die Gott Ihnen gegeben hat.

Dank

Ein ganz besonderes Dankeschön an Karen Ruiz, die als meine redaktionelle Mitarbeiterin einen Superjob macht.

Danken möchte ich denen, die wertvolle Erkenntnisse zum Thema beigetragen haben: Sarah Sauder, Peter Bunton, Steve Prokopchak und Ron Myer.

Ein weiteres Dankeschön geht an Gary Greig, Aly Hawkins und das ganze Team des Hauses Regal. Es ist eine Freude, mit euch zu arbeiten!

TEIL 1 DIE BEDEUTUNG GEISTLICHER MENTORENSCHAFT
Kapitel 1: Gesucht: Geistliche Mentoren

Jeder ist berufen, Mentor zu sein.

Vor kurzem sprach ich in einer dynamischen Mega-Gemeinde in den USA vor jungen Leuten. Im Anschluss daran kam ein junger Mann auf mich zu. „Ich gehöre hier zur Mitarbeiterschaft, aber nächsten Monat gehe ich“, vertraute er mir an.

Ich war perplex. „Wieso?“

Er sah mir tief in die Augen. „Larry, wenn auch nur einer aus der Leiterschaft dieser Gemeinde sich einmal im Monat ’ne Stunde auf ’nen Kaffee mit mir hinsetzen würde und mich fragte, wie’s mir so geht, dann würde ich bleiben.“ Er war auf der Suche nach einem geistlichen Mentor – jemandem, der etwas Zeit mit ihm verbringen, ihm Unterstützung und Feedback geben würde, während er es lernte, seine Gaben und Talente in der Gemeinde einzusetzen. Aber alle hatten sie zu viel zu tun, schließlich musste das umfangreiche Gemeindeprogramm am Laufen gehalten werden.

Vor ein paar Jahren war ich mit einem bekannten Evangelisten in Neuseeland unterwegs, und er sagte etwas, das ich nie vergessen werde. Seine Stimme klang müde, ja geradezu sehnsüchtig, als er sich zu mir umdrehte und sagte: „Weißt du, Larry, was ich wirklich brauche? Ich brauche einen Mentor.“ Dies war ein vollmächtiger, gesalbter Leiter, sehr erfolgreich als Evangelist – aber sein größtes Bedürfnis war, jemanden zu haben, dem es wirklich wichtig war, mit ihm zu kommunizieren. Er brauchte jemanden als Resonanzboden, jemanden, der ihm half, aus Problemen Gelegenheiten zu machen. Er sehnte sich nach einem geistlichen Mentor – einem mit allen Wassern gewaschenen Christen, der ihn sowohl ermutigen als auch beraten und unterstützen konnte.

Ein anderes Mal klingelte eine neubekehrte Christin an unserer Haustür. Sie war niedergeschlagen und entmutigt. „LaVerne und Larry“, sagte sie zu meiner Frau und mir, „ich weiß, der Herr hat mein Leben verändert, aber es gibt so viel, was ich nicht verstehe. Ich weiß nicht, ob ich es schaffe. Die Hälfte von dem, was ich in meiner Gemeinde höre, kapiere ich nicht.“ Dann ließ sie den wirklichen Schrei ihres Herzens heraus: „Wirklich, ich brauche jemanden, der mir hilft, die Dinge zu verstehen, die ich gelehrt bekomme. Ich brauche jemanden, der mir hilft, geistlich reif zu werden.“

Ein älterer Pastor, den ich kannte, stand kurz vor der Rente und wollte bald den Staffelstab an die jüngere Leiterschaft weitergeben, doch hatte er niemanden dahingehend trainiert, einmal seinen Platz einzunehmen. Mit feuchten Augen gestand er ein, dass es nicht auf die Reihe gekriegt hatte, seine geistlichen Schützlinge zu trainieren und aufzuziehen. Sie brachten ihm weder Respekt entgegen, noch wollten sie ihn als ihren Mentor haben.

Solche Geschichten höre ich immer wieder. Auf meinen Reisen rund um die Welt, auf denen ich Woche für Woche geistliche Leiter und solche, die es werden wollen, trainiere, begegne ich anhaltend dem verzweifelten Ruf nach geistlichen Mentoren, die willens sind, als geistliche Väter und Mütter zu dienen. Ob bei neubekehrten oder langjährigen Christen oder selbst unter Pastoren, überall ist die Not dieselbe: Tief in ihrem Inneren haben die Menschen Sehnsucht nach geistlicher Betreuung. Gott hat uns mit dem Bedürfnis geschaffen, in ein Beziehungsnetz eingebunden zu sein, doch in der Gemeinde ist durch einen schmerzlichen Mangel an Anleitung, Unterstützung und Interaktion ein Vakuum entstanden.

Immer mehr gläubige Menschen erkennen diesen Mangel. Vor einigen Jahren gab es in unserem Distrikt in Pennsylvania eine mächtige Jugenderweckung, die anfing, als ein paar junge Leute damit ernst machten, ihre Altersgenossen für Jesus erreichen zu wollen. Der Bibelkreis am Dienstagabend, den sie mit einer Handvoll Jugendlicher begonnen hatten, wuchs auf mehr als 1000 Teilnehmer an. Einer der jungen Leiter erzählte mir, warum er glaube, dass Gott gerade unsere Gegend als Erweckungsgebiet ausgewählt hatte: „Wir hatten geistliche Väter, die in der Lage und willens waren, uns zu dienen und uns zu ermutigen.“

Weil es geistliche Mentoren gab, die an jene jungen Leute weitergaben, was Gott ihnen geschenkt hatte, wurden junge Leiter herangezogen, die bereit waren, selbst wiederum geistliche Mentoren zu werden. Die nächste Generation fühlte sich geliebt und geschult genug, um selbst ein bleibendes Vermächtnis weiterzugeben.

Die Uncommon Individual Foundation, eine Organisation, die sich der Erforschung und Einübung von Mentoring widmet, berichtet: „Mentoring ist nach der Ehe und der erweiterten Familie die drittstärkste Art von Beziehung, wenn es darum geht, menschliches Verhalten zu beeinflussen.“1

Randy MacFarland, als Vizepräsident für Training und Mentoring am Denver Seminary mit der Ausbildung von Mentoren befasst, sagt: „Die Zersplitterung der Familien und das Tempo der Veränderungen, die uns beständig abverlangen, uns neue Fertigkeiten anzueignen, sowie die Mobilität unserer Gesellschaft, die dazu führt, dass Familienmitglieder weit voneinander entfernt leben, sind der Grund dafür, dass Mentoring immer wichtiger wird … Oft vergessen wir, welch starke Wirkung es hat, wenn jemand an uns glaubt.“2 Genau das tun Mentoren: Sie glauben an die jüngere Generation. Sie helfen Leben zu formen und geben dabei ein Vermächtnis weiter.

Was aber passiert, wenn man eine Generation ihren eigenen Ressourcen und Möglichkeiten überlässt, ohne ihr durch Mentoring zur Seite zu stehen?

Leben bewahren: ein Beispiel

Vor einigen Jahren besuchte ich den Pilanesberg-Park, ein Wildreservat in Südafrika. Man sagte mir, vor nicht allzu vielen Jahren sei das Überleben des Weißen Nashorns in diesem Reservat fraglich gewesen. Mehrere Tiere dieser gefährdeten Art hatte man verendet vorgefunden. Die Tierpfleger des Reservats entschlossen sich daraufhin, die verbliebenen Nashörner elektronisch zu markieren und zu überwachen. Zu diesem Zweck installierten sie an wichtigen Plätzen Videokameras, um jeden Missetäter zu erfassen, der sich den Tieren näherte.

Die Auswertung des Videomaterials ergab zur Verblüffung der Verantwortlichen, dass es junge Elefantenbullen waren, die die Nashörner ohne jeden ersichtlichen Grund schikanierten. Obwohl das für sie ein völlig unnatürliches Verhalten darstellte, hetzten diese Jungbullen die Rhinozerosse über weite Strecken und bombardierten sie mit Ästen, bis diese erschöpft waren und nicht mehr weiterkonnten. Schließlich trampelten sie sie tot. Wieso legten diese jungen Elefanten ein so gewalttätiges Verhalten an den Tag? Die Antwort war in einer Entscheidung zu finden, die man zwanzig Jahre zuvor getroffen hatte.

Seinerzeit hatten die Nationalpark-Verantwortlichen beschlossen, einige Elefanten aus einem anderen Reservat in den Pilanesberg-Park zu überführen, weil sie an ihrem ursprünglichen Ort wegen der zunehmenden Elefanten-Population nicht überleben konnten. Elefanten, die für den Transport zu groß waren, wurden getötet, darunter auch einige ältere Bullen. Nur jüngere Elefanten verbrachte man nach Pilanesberg, wo sie dann ohne den Einfluss reifer männlicher Artgenossen heranwuchsen. Durch die Untersuchung der mysteriösen Nashorn-Massaker fanden Tierpfleger und Wissenschaftler heraus, dass die männlichen Jungelefanten ohne ein Zusammenleben mit gereiften Elefantenbullen extrem aggressiv und gewalttätig geworden waren.

Um die Situation zu bewältigen und die Population der Weißen Nashörner zu schützen, ließen die Nationalpark-Verantwortlichen fünf der aggressivsten Jungelefanten töten und brachten dann ältere Bullen in das Reservat, damit diese die verbliebenen Jungbullen beeinflussten. Rasch lernten die Jungtiere, dass sie sich den reiferen Elefanten anzupassen hatten. Die älteren Bullen nahmen innerhalb der Herde ihre Plätze als Väter und „Disziplinarkräfte“ ein.

Einige der Verantwortlichen waren überrascht, als offensichtlich wurde, dass die Jungbullen ihre neue Beziehung zu den älteren, reiferen männlichen Artgenossen sehr zu schätzen wussten. Die Tiere, die vorher über die Stränge geschlagen hatten, kehrten zu normalen Elefanten-Verhaltensmustern zurück, und nach der Ankunft der reifen Elefanten wurden keinerlei unnatürliche Todesfälle unter den Weißen Nashörnern mehr registriert.

Auf der Suche nach Vorbildern fürs wirkliche Leben

Das Beispiel illustriert, was junge Christen zu gewinnen haben, wenn ihnen geistliche Mentoren zur Seite stehen, die sie unterstützen, beraten und unterweisen. Auf der anderen Seite verdeutlicht es auch, was passiert, wenn lebenserfahrene Christen es versäumen, geistliches Mentoring zu gewähren. Wenn reife Christen es vernachlässigen, ihre Weisheit und Liebe an jüngere Christen weiterzugeben, erhalten diese nicht die volle Ausrüstung für die Aufgaben, die vor ihnen liegen. So energiegeladen und begabt sie auch sein mögen – ohne Anleitung und liebevolle Beaufsichtigung laufen sie Gefahr, aus der Spur zu geraten oder sogar diejenigen niederzutrampeln, die ihnen ins Gehege kommen.

Reife Männer und Frauen, die jüngeren Christen als Mentoren und Mentorinnen dienen können, um ihnen klarzumachen, wo­rauf es im Leben und Dienst wirklich ankommt, werden dringendst gebraucht. Geistliche Mentoren, die sich als reife Lebensberater zur Verfügung stellen, können jüngeren Gläubigen dabei helfen, ihre Träume und Visionen zu verwirklichen und sich gut eingebunden zu fühlen, während sie Leben und Dienst miteinander zum Ausgleich bringen und zur Reife heranwachsen.

Statt auf tiefe, konstruktive Beziehungen Wert zu legen, halten wir in der Kirche von heute gläubige Menschen allzu oft dazu an, ja keinen Gottesdienst und kein Bibelgespräch zu versäumen und sich an übergemeindlichen Aktivitäten oder evangelistischen Einsätzen zu beteiligen, damit sie ihren eigenen Glauben aufpeppen und „stark werden im Herrn“. Die Theorie ist: Möglichst viel Unterweisung aus Gottes Wort plus möglichst viel aktive Beteiligung an geistlichen Diensten = mehr geistliche Reife. So wichtig diese Dinge auch sein mögen – solch eine falsche Grundannahme bringt Gläubige hervor, die Predigt auf Predigt, Buch auf Buch, CD auf CD, Seminar auf Seminar konsumieren, und das alles in dem unbewussten Bestreben, den Mangel an echten Beziehungen auszugleichen.

Im Ergebnis haben wir geistlich verfettete Christen, die mit all dem, was sie lernen, gar nichts anzufangen wissen und mithin auch außerstande sind, es an andere weiterzugeben. Solch ein Christ weiß nicht, wie er sein Leben sinnvoll und hingebend in andere investieren kann, weil er selbst nie angemessene geistliche Elternschaft erfahren hat. Ohne ein Vorbild bleibt er ein geistlicher Säugling, der es nötig hat, vom Pastor oder anderen geistlichen Mitarbeitern mit dem Löffel gefüttert zu werden.

Doch als Menschen Gottes müssen wir reif werden. Das selbst zu bewerkstelligen ist sehr schwierig, genau wie ein Säugling im natürlichen Leben nicht gedeihen kann, wenn er sich selbst überlassen bleibt. Babys brauchen die Zuwendung ihrer Eltern und sind darauf angewiesen, dass diese sie nähren; und genauso brauchen gläubige Menschen praktischen Input vonseiten liebender Eltern, deren Freude es ist, ihre Kinder in das Vollmaß ihres Potenzials in Jesus hineinwachsen zu sehen.

Die Bibel bietet zahllose Beispiele für geistliches Mentoring bzw. geistliche Elternschaft. Jesus demonstrierte geistliche Vaterschaft im Umgang mit seinen zwölf Jüngern. Paulus unterwies den jungen Timotheus in Jüngerschaft. Elia wurde für Elisa zum geistlichen Vater. Mose trainierte Josua, damit dieser seinen Platz an der Spitze der Kinder Israel einnehmen und das Volk ins verheißene Land führen konnte. In all diesen Beispielen wurden die Schützlinge darauf vorbereitet, die Stelle ihrer Mentoren einzunehmen, damit der Gesamtplan Gottes in Erfüllung gehen konnte. Im Falle Elias und Elisas empfing der geistliche Sohn sogar ein doppeltes Maß an Salbung von seinem Mentor (vgl. 2 Kön 2,9-10). Quer durch die Bibel lesen wir von diesen Mentorenschaften von Mann zu Mann und davon, welch reiches Vermächtnis für kommende Generationen sie hervorbrachten. Genau diese generationenübergreifende Verbindung und Weitergabe von Erbe brauchen wir auch heute.

Das Buch „Connecting: The Mentoring Relationships You Need to Succeed in Life“3 beginnt mit einer überraschenden Feststellung: „Die Erforschung biblischer Leiter führt zu einer erschreckenden Schlussfolgerung: Nur wenige davon bringen ihre Sache gut zu Ende.“4 Weiter sagen die Verfasser, in den Fällen, wo biblische Leiter ihre Aufgabe zu einem guten Abschluss brachten, „war es ihre Beziehung zu einem anderen Menschen, die ihre Entwicklung signifikant förderte“5.

Der Apostel Paulus wusste, dass es sein höchstes Ziel sein musste, ein geistliches Vermächtnis weiterzugeben, und war entschlossen, im Rahmen starker Beziehungen sein Lebenswerk zu einem guten Ende zu bringen. Für viele in der frühen Kirche war er Vorbild und geistlicher Vater. Sehr deutlich stellte er Mentoring als sein Leiterschaftsmodell heraus: „Seid meine Nachahmer, wie auch ich Christi Nachahmer bin“ (1 Kor 11,1). „Was ihr auch gelernt und empfangen und gehört und an mir gesehen habt, das tut …“ (Phil 4,9). Mit anderen Worten: „Lasst mich euer Mentor, euer Rollenvorbild sein.“

Nach langer Abwesenheit von seinen geistlichen Kindern in der Gemeinde von Thessalonich schrieb Paulus ihnen aus Sorge, sie könnten seine körperliche Abwesenheit dahin missverstehen, dass er sich nicht um sie kümmerte, einen Brief. Am Schluss dieses Briefes formuliert er im Gebet nicht bloß den Wunsch, Gott möge seinen Weg so führen, dass er die Thessalonicher wiedersehen könne (vgl. 1 Thess 3,11), sondern auch das Anliegen, sie, die Menschen in der Gemeinde, sollten andere genauso lieben, wie sie von ihm, Paulus, geliebt worden waren (vgl. V. 12). Er erwartete von ihnen, dass sie in Liebe die Verantwortung übernahmen, geistliche Eltern für andere Menschen zu sein. Die Kirche des Neuen Testaments war dazu da, eine wachsende, gedeihende Familie zu bilden, und jeder Christ sollte ein geistlicher Vater oder eine geistliche Mutter werden!

Ein Aufruf zur geistlichen Elternschaft

Anscheinend brauchte die Gemeinde in Korinth ein Stück Extra-Ermutigung durch Paulus, um in Liebe die Verantwortung der geistlichen Elternschaft auf sich zu nehmen. Paulus ermahnte die Gemeinde, dieses Bedürfnis nicht aus den Augen zu verlieren: „Denn wenn ihr zehntausend Zuchtmeister in Christus hättet, so doch nicht viele Väter“ (1 Kor 4,15).

Paulus sah, dass es im geistlichen Leben der Korinther viele Lehrmeister, aber nur wenige geistliche Mentoren gab. Seit Paulus sie zum Glauben an Christus gerufen hatte, hatten viele Lehrer die Korinther im Wort Gottes unterwiesen. Sie hatten auf diese Lehrer gehört und treu die Gemeindeveranstaltungen besucht, doch schließlich machte all ihr Bibelwissen sie überheblich (vgl. V. 18). Sie waren voller Stolz auf ihr Wissen und doch unreif im Glauben. Was ihnen fehlte, waren echte Eltern oder Mentoren, die ihnen durch praktische Anleitung und Unterstützung geholfen hätten, ihr Wissen ins wirkliche Leben umzusetzen.

Paulus wusste: Wenn die Gemeinde geistlich wachsen sollte, mussten alle Gläubige in lebendigen Beziehungen zu anderen stehen, die den Weg des Glaubens vor ihnen gegangen waren. Sonst würden sie sich damit zufriedengeben zu tun, was die „Lehrmeister“ ihnen sagten, statt dass sie lernten, selbst auf Gott zu hören. Solcherlei Weisheit konnten sie nur erwerben, wenn sie einen liebenden geistlichen Vater als Mentor hatten. Damit dieser Prozess rasch in Gang kam, kündigte Paulus den Korinthern an, er werde Timotheus zu ihnen senden – „der wird euch erinnern an meine Wege in Christus“ (4,17). Timotheus, geliebter und vertrauenswürdiger geistlicher Sohn des Paulus, war von diesem trainiert worden und würde jetzt anreisen, um seinerseits die Korinther zu trainieren. Paulus traute es Timotheus zu, die eigensinnige korinthische Gemeinde auf den rechten Weg zurückzuführen, weil er ihn wie einen Sohn herangezogen hatte. Timotheus war bereit, als geistlicher Vater der korinthischen Gemeinde das weiterzugeben, was er selbst an Vaterschaft empfangen hatte. Ausgehend von dem Beispiel des Paulus und des Timotheus würde die korinthische Gemeinde schon bald ihre eigenen geistlichen Söhne und Töchter hervorbringen. Paulus war davon überzeugt: Wenn gläubige Menschen gute Vorbilder in geistlicher Vaterschaft erleben, werden sie zugerüstet, ein Vermächtnis an die nächste Generation weiterzugeben.

Das geistliche Wachstum der Gläubigen in der Gemeinde von Korinth stockte aufgrund eines Mangels an reifer Leiterschaft. Nicht zugerüstet, um geistlich zu wachsen, mussten sie um ihre Identität in Christus ringen. Sie wussten nicht, wer sie im Herrn waren. In Ermangelung wahrer geistlicher Väter, die Vaterschaft hätten vorleben können, hatte sich die korinthische Gemeinde zu einem System entwickelt, das Programme und Lehrer hervorbrachte, statt zu einer Familie, aus der Söhne und Töchter hervorgingen.

Da sie ihre Identität nicht auf Christus gegründet hatten, suchten die Korinther sie in ihrem jeweiligen Lieblingsleiter: „Ich bin des Paulus … Ich des Apollos“ (1 Kor 3,4). Paulus tadelte die korinthische Gemeinde ob ihres Mangels an Reife und machte klar, dass Menschen zwar eine Rolle zu spielen haben, aber doch nur Gott allein die Quelle alles Guten ist, sodass die Menschen ausschließlich ihm folgen sollten. Was sie wirklich brauchten, waren geistliche Väter und Mütter, die gut auf sie aufpassten und sie auf dem Weg zur Reife anspornten. Sie brauchten geistliche Eltern, die in sie investierten in der Erwartung, dass sie am Ende selbst zu geistlichen Eltern würden. Daraus würde eine geistliche Ernte aus gläubigen Menschen mit christusfundierter Identität heranwachsen, die sich über die Generationen hinweg weiter multiplizieren würde.

Gott will geistliche Eltern hervorbringen, die bereit sind, geistliche Kinder großzuziehen, und diesen helfen, selbst geistliche Eltern zu werden. Darin erfüllt sich die Verheißung des Herrn, „das Herz der Väter zu den Söhnen und das Herz der Söhne zu ihren Vätern umkehren [zu] lassen“ (Mal 3,24). Der Herr stellt die Harmonie zwischen Vätern und ihren Kindern wieder her, und zwar sowohl im natürlichen als auch im geistlichen Sinne, damit Eltern unbeschwert ihr Erbe an die nächste Generation weiterreichen können. Kinder brauchen Eltern, die sie darin unterstützen, charakterlich stark zu werden, und ihnen immer wieder versichern, dass sie wertvolle Gaben Gottes sind. Und Kinder, die heranreifen, müssen dann ihrerseits die nächste Generation aufziehen.

Jeder ist berufen, Mentor zu sein: Wir werden als Kinder großgezogen, damit wir Eltern werden.

1 Erik Johnson, How to Be an Effective Mentor, Christianity Today 21, 2000, S. 36. Internetquelle: www.christianitytoday.com/biblestudies/areas/biblestudies/articles/le-2000-002-5.36.html (Zugriff Januar 2007).

2 Ebd.

3 Etwa: „In Verbindung leben. Die Mentorenbeziehungen, die Sie brauchen, um im Leben Erfolg zu haben“ – Anm. d. Übersetzers.

4 Paul D. Stanley / J. Robert Clinton, Connecting: The Mentoring Relationships You Need to Succeed in Life, Colorado Springs, CO 1992, S. 11.

5 Ebd.

Kapitel 2: Geistlich investieren

Geistliche Kinder sind unser Erbe.

Wäre es nicht toll, wenn jemand Ihr Potential in Christus erkennen und sich entschließen würde, in Ihr Leben zu investieren? Was, glauben Sie, würde passieren, wenn sich mehr Christen für geistliche Elternschaftsbeziehungen zur Verfügung stellten?

Mein Freund Don Finto, langjähriger Hauptpastor der Belmont-Gemeinde in Nashville/Tennessee, hat eine große Leidenschaft dafür, jüngeren Männern im geistlichen Dienst ein Vater zu sein. Einer der berühmteren seiner „geistlichen Söhne“, der Sänger und Musiker Michael W. Smith, sagt, dass das eine tiefgreifende Auswirkung auf sein Leben gehabt habe:

Ich glaube nicht, dass ich da wäre, wo ich heute bin, wenn Don nicht gewesen wäre. Ich habe alle seine Briefe aufgehoben. Er hat mich auf so vielfältige Weise ermutigt im Blick auf mein Selbstvertrauen und darauf, wer ich im Herrn bin. Er hat Sachen aus mir rausgeholt, die sonst keiner rausholen konnte.1

Wirklich, wir haben heute in der Gemeinde Jesu ein enormes Potential für Beziehungen wie die zwischen Don und Michael. Gänse fliegen in V-förmigen Formationen, weil dabei eine Aerodynamik entsteht, die es den Vögeln ermöglicht, mehr als siebzig Prozent weiter zu fliegen, als wenn sie jeder für sich unterwegs wären. Der Flügelschlag jedes Vogels produziert Auftrieb für den jeweils dahinter fliegenden. Wird der Vogel, der vorneweg fliegt, müde, dann wechselt er die Position und ordnet sich weiter hinten in der Formation ein. Die Gänse kommen sehr viel weiter, indem sie zusammenarbeiten. Genau darum geht es in einer geistlichen Elternschaftsbeziehung: Auch kommen wir geistlich sehr viel weiter, wenn wir in familienartigen Einheiten zusammenarbeiten, um die Welt zu erreichen.

Ein geistliches Vermächtnis hinterlassen

Haben Sie schon einmal von den Shakers („Schüttlern“) gehört? Die Shaker waren eine religiöse Gruppe, deren Blütezeit im frühen 19. Jahrhundert lag und die im Osten der Vereinigten Staaten große Gemeinden aufbaute. Shaker nannte man sie, weil sie den speziellen Brauch pflegten, während ihrer Versammlungen ins Zittern zu geraten.

Heute sind die Shaker Geschichte. Die letzte und sichtbarste Spur dieser Leute sind die schlichten, solide gearbeiteten Möbel, die sie hergestellt haben. Wie kam es, dass diese einst blühende Gruppe so rasch ausstarb? Weil die Shaker an den Zölibat glaubten und ihn über die Ehe stellten. So konnten sie sich kaum vermehren. Schon bald verloren sogar die religiösen Erweckungen, die dem Shakertum viele Neubekehrte zuführten, an Schwung, und im späten 19. Jahrhundert kam es zum Niedergang der Gruppierung.

Wenn wir keine Kinder in die Welt setzen, wird unser Vermächtnis ausgebremst und wir haben eben keine Nachkommenschaft, ganz ähnlich wie die Shaker. Wenn es keine geistlichen Väter und Mütter gibt, die die nächste Generation großziehen, laufen wir ernstlich Gefahr, auszusterben. Dann bleibt nichts weiter übrig als religiöses Mobiliar, das man irgendwo in einer Ecke aufstapelt und von Zeit zu Zeit mit ebenso nostalgischen wie wehmütigen Gefühlen bewundert.

Meine erweiterte Familie versammelt sich jedes Jahr zu einem Familientreffen: Tanten, Onkel, Brüder, Schwestern, Cousins und Kusinen, Neffen und Nichten, allesamt Leute, die eine Verbindung zum Kreiderschen Familienstammbaum haben. Als meine Großeltern noch lebten, konnte ich beobachten, wie sie sich bei diesen Familientreffen immer wieder verschmitzt ansahen. Sie wussten, dass es uns alle nur ihretwegen gab, und ihre Nachkommenschaft versammelt zu sehen, verschaffte ihnen eine tiefe Befriedigung.

Der Herr möchte geistliche Familien sehen, die sich fortwährend von Generation zu Generation reproduzieren. Der Apostel Paulus dachte über vier Generationen hinweg, als er Timotheus seinen Sohn nannte und ihn ermahnte, sich seinerseits vertrauenswürdige Männer auszusuchen, an die er weitergeben konnte, was Paulus ihm anvertraut hatte: „… was du [zweite Generation] von mir [erste Generation] in Gegenwart vieler Zeugen gehört hast, das vertraue treuen Menschen an [dritte Generation], die tüchtig sein werden, auch andere [vierte Generation] zu lehren!“ (2 Tim 2,2). Paulus dachte an sein geistliches Vermächtnis und sprach als geistlicher Vater zu seinem Sohn, von dem seine geistlichen Enkel und Urenkel kommen sollten. Die gesamte Bibel ist mit einer Familienperspektive geschrieben. Für Paulus war es ganz natürlich, in der Kategorie geistlicher Nachkommenschaft zu denken, denn die biblische Gesellschaft war in Familienverbänden organisiert. Das hatte Gott so gewollt. Er hat eine Generationenperspektive, und auch wir müssen diese Sicht einnehmen.

Das eigene Erbe multiplizieren

Gott hat uns berufen, in unserer Generation geistliche Väter und Mütter zu werden. Damit verbindet sich die Erwartung, dass unsere geistlichen Kinder wieder ihre eigenen geistlichen Kinder hervorbringen werden und diese wieder andere, sodass sich unsere Nachkommenschaft beständig vermehrt.

Ihr Erbe wird aus all den geistlichen Kindern bestehen, die Sie eines Tages Jesus Christus werden vorstellen können. Egal, welcher Arbeit Sie nachgehen, ob Sie nun Hausfrau, Student, Fabrikarbeiter, Gemeindepastor, Missionar oder Chef eines großen Unternehmens sind, auf Ihnen liegen der Segen und die Verantwortung von Gott her, geistliche Kinder, Enkel und Urenkel zu gebären. Sie sind berufen, anderen das reiche Erbe weiterzugeben, das Gott verheißen hat.

Während meiner Dienstzeit als Pastor wurde ich einmal gebeten, ein Trainingsseminar zu halten, um Gemeindeleiter zu wirkungsvollen geistlichen Vätern und Müttern zuzurüsten. Veranstaltungsort des Seminars war eine seit vier Jahren bestehende Gemeinde unter dem Pastorat von Daren Laws in Lincoln, Kalifornien. Was ich dort erlebte, begeisterte mich. Über achtzig Prozent der Gemeindemitglieder waren neubekehrt. Selbst der Bürgermeister und seine Frau waren zum Glauben an Jesus gekommen. Die quicklebendige Gemeinde umfasste bereits 600 Menschen und legte ihren Schwerpunkt darauf, geistliche Väter und Mütter zu trainieren, damit sie jungen Christen dienen konnten. Daren und seine Mitarbeiter konzentrierten sich nicht auf Gemeindeprogramme, sondern auf Jesus und auf geistliche Elternschaft.

Wenn jemand zu Jesus kam, wurde er sofort zu einer Hauskirche (bzw. Kleingruppe) eingeladen. Dort wurde der neue Christ durch Beziehungen in den Leib Jesu eingebunden. Ein geistlicher Vater oder eine geistliche Mutter nährte den neuen Gläubigen so lange, bis er selbst Vater oder Mutter in Christus sein konnte. So wurde eine neue Generation von Gläubigen geboren! Diese kalifornische Gemeinde weiß, wie sie ihr Erbe vervielfachen kann.

Mir gefällt die Reaktion Abrahams, als der Herr ihm die Sterne am Himmel zeigte und ihm Nachkommen so zahlreich wie diese Sterne versprach: „Und er [Abraham] glaubte dem HERRN“ (Gen. 15,6). Was glaubte er dem Herrn? Dass er ihm ein Erbe verschaffen würde! Auch wir müssen „dem Herrn glauben“, dass er uns viele geistliche Kinder geben will. Wir dürfen Gott zutrauen, dass er es tut. Vielleicht verwirklicht es sich nicht über Nacht, aber wenn wir auf Gottes Treue vertrauen und unserer Berufung zur geistlichen Mentorenschaft gehorchen, wird es geschehen.

Nachdem ich in einer Gemeinde in Dallas/Texas gepredigt hatte, kam ein junger Mann mit einer Bibel in der Hand auf mich zugestürmt und erzählte mir seine Geschichte:

Meine Familie ist nicht christlich, aber neulich hab ich diese Bibel aufgeschlagen, die ich auf dem Couchtisch gefunden hatte. Nachdem ich darin gelesen hatte, erkannte ich, dass ich Jesus brauchte. Ich gab ihm mein Leben, und dann fuhr ich mit meiner Bibel in der Hand durch die Gegend und suchte nach einer Gemeindefamilie. Ich stieß ganz in der Nähe von zu Hause auf ein Kirchengebäude und ging hinein.

Die erste Person, der ich begegnete, war eine junge Dame. Nachdem ich ihr meine Geschichte erzählt hatte, rief sie ihren Vater herbei und sagte: „Erzählen Sie meinem Vater, was Sie mir erzählt haben.“

Der Vater hörte sich mein Zeugnis mit Interesse an und besah sich dann die Bibel, die ich in der Hand hatte. Schließlich sagte er: „Vor 15 Jahren habe ich einem Mann Zeugnis gegeben, mit dem ich beim Militär zusammen war. Er wollte den Herrn nicht annehmen, aber er ließ sich die Bibel schenken, die du gerade in der Hand hältst. Der Mann, dem ich Zeugnis gab, war dein Vater!“

Auch den Rest seiner Geschichte erzählte mir der junge Texaner noch. Mittlerweile war er mit der jungen Frau verlobt, die er in dem Gemeindehaus getroffen hatte. Beide arbeiteten mit Begeisterung als Kleingruppenleiter mit. Die geistliche Linie, die bei dem Vater der jungen Frau ihren Ausgang genommen hatte, ging also weiter. Welch eine tolle Geschichte von geistlicher Nachkommenschaft im Reich Gottes!

Familien multiplizieren sich

Der Herr möchte, dass wir fruchtbar sind und uns vermehren (vgl. 1 Mo 1,28). Unser Gott ist ein Gott der Multiplikation.

Multiplikation ist ein Naturgesetz. Auf dem Bauernhof aufwachsend, zählte ich als Junge einmal die Maiskörner an einer einzigen gesunden Pflanze. Ergebnis: 1200 Körner in der ersten Generation. Jetzt denken Sie nur: Würde man jedes dieser Körner aussäen, so hätte man in der folgenden Generation 1 440 000 Stück! Genauso multiplizieren sich gesunde Körperzellen mit dem Ergebnis, dass der Körper wächst. Eine lebende Zelle ist ständig dabei, sich zu reproduzieren.

Die frühe Kirche, von der uns die Apostelgeschichte berichtet, multiplizierte sich rapide, weil ihre Glieder in engen Beziehungen zueinander lebten – eine gesunde Aktivität und Interdependenz, in deren Ergebnis Multiplikation stand (vgl. Apg 2,47). Die Christen der Urgemeinde erkannten, wie wertvoll Kleingruppen in den Häusern waren, wenn es darum ging, Gläubige im Rahmen geistlicher Familienverbindungen zu nähren.

Da der Herr heute in seinem Reich dabei ist, geistliches Familienleben wiederherzustellen, wird sich die Gemeinde Jesu wiederum rapide multiplizieren. Wir müssen bereit sein. Wir müssen geistlichen Eltern, Söhnen und Töchtern ein angemessenes Training zukommen lassen, damit Christus in ihnen Gestalt gewinnt. In Römer 8,19 heißt es: „Denn das sehnsüchtige Harren der Schöpfung wartet auf die Offenbarung der Söhne Gottes.“ Wenn Christus in seinem Volk völlig Gestalt gewinnt, wird ein Ruck durch die Schöpfung gehen, und sie wird aufmerken!

Paulus hatte Sehnsucht nach seinen geistlichen Kindern in Thessalonich, als er ihnen schrieb: „Denn wer ist unsere Hoffnung oder Freude oder Ruhmeskranz – nicht auch ihr? – vor unserem Herrn Jesus bei seiner Ankunft? Denn ihr seid unsere Herrlichkeit und Freude“ (1 Thess 2,19-20). Einige Verse weiter vorne hatte der Apostel den Gläubigen in Thessalonich gerade mitgeteilt, dass er für sie ein geistlicher Vater sei (vgl. V. 7-11). Darauf stellte er klar, dass seine geistlichen Kinder seine Herrlichkeit und Freude waren – sein Erbe! Beim Gedanken an die geistlichen Kinder und Enkel, die er Christus vorstellen würde, freute sich Paulus wie einer, der bei sportlichen Wettkämpfen den Siegeskranz empfängt. Er wusste bis ins Mark, dass unsere geistlichen Söhne, Töchter und Enkel unsere geistliche Nachkommenschaft sind.

Vor einigen Jahren war ich auf Barbados, um Gemeindeleiter und -mitglieder zum Thema geistliche Elternschaft zu schulen. Am Tag meines Rückflugs in die USA, ehe ich zum Flughafen aufbrechen musste, lud mich der Missionar Bill Landis, der Regionalverantwortliche von „Jugend mit einer Mission“ für die Karibik, zu sich nach Hause ein. Bill, seine Familie und ein Leiterteam waren dabei, einheimische Christen zu geistlichen Leitern zuzurüsten. Als ich bei ihm zu Besuch war, erzählte Bill mir ein paar interessante geschichtliche Tatsachen über dieses winzige Inselvolk.

Er erklärte, dass viele Einwohner von Barbados einst als west­afrikanische Sklaven auf die Insel gelangt waren. Zu ihren Herkunftsländern gehörte auch Gambia. Inzwischen waren Bill und seine Mitarbeiter dabei, Christen aus Barbados als Missionare zu schulen, damit sie nach Gambia, das Land ihrer Vorfahren, zurückkehren und dort Muslime zu Jesus führen konnten. Für solch ein Vorhaben gibt es nichts Besseres als ein gemeinsames Erbe.

Dann sagte Bill etwas, das mich tief bewegte: „Larry, ist dir klar, dass die Menschen, die in Gambia erreicht werden, ein Teil deines geistlichen Erbes sind? Du warst einer meiner geistlichen Väter, deshalb hast du einen Anteil an dem Vermächtnis, das dort weitergereicht wird.“

Im Flugzeug auf dem Rückweg in die USA erkannte ich verblüfft, was Bills Worte bedeuteten. Vor vielen Jahren, lange vor meiner Zeit als Pastor, Buchautor oder Gemeindeleiter, war ich ein junger Hühnerzüchter aus Lancaster County, Pennsylvanien, der einen Jugendbibelkreis leitete. Damals war ich für Bill ein geistlicher Vater.

Bill war nun ein geistlicher Vater für die Menschen, die er auf Barbados in Jüngerschaft unterwiesen hatte. Die Leute von dort, die jetzt nach Gambia gingen, um dort Einheimische zu Christus zu führen, waren quasi meine geistlichen Enkel, und die geistlichen Kinder, die sie in Gambia gebären und heranziehen würden, würden meine geistlichen Urenkel sein. Generationen, die erst noch geboren werden sollten, würden die Verheißungen Gottes empfangen, weil vor dreißig Jahren ein Hühnerzüchter dem Ruf Gottes gehorcht hatte, einen Haufen wilder Teenager in Jüngerschaft zu unterweisen. Jawohl, dies war ein Teil meines geistlichen Vermächtnisses. Während ich über diese Tatsache nachdachte, wurde ich tief bewegt. Ich wurde mit einem großen Erbe gesegnet, das sich über meine kühnsten Träume hinaus vermehrt hatte!

Erntezeit

Wir leben in aufregenden Zeiten, was die Geschichte der Kirche angeht. Ich glaube, dass wir uns am Vorabend einer großen endzeitlichen Ernte befinden (vgl. Offb 7,9). Statistiken sagen uns, dass sich heute weitaus mehr Menschen bekehren als vor zwanzig Jahren. Keine Frage, der Wind des Heiligen Geistes durchweht unsere Welt wie nie zuvor! In den nächsten Jahren kommen wir dem letzten Kapitel der Weltgeschichte rasend schnell näher, und wir müssen uns darauf vorbereiten, dass in unseren Städten und Dörfern Hunderttausende Menschen ins Reich Gottes kommen werden.

Jesus sagt, wir sollen beständig wachsam und bereit sein: „Sagt ihr nicht: Es sind noch vier Monate, und die Ernte kommt? Siehe, ich sage euch: Hebt eure Augen auf und schaut die Felder an! Denn sie sind schon weiß zur Ernte“ (Joh 4,35). Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen. Ich weiß, dass verschiedene Früchte zu verschiedenen Zeiten des Jahres geerntet werden. Wir mussten immer wachsam sein, unsere Scheunen und Maschinen in Bereitschaft halten, damit wir eine Ernte immer genau dann einholen konnten, wenn die beste Zeit dafür gekommen war.

In allen Zeitaltern hat der Herr kontinuierlich Menschen zu sich gezogen – es waren viele, die in sein Reich hinein geerntet wurden. Doch zuweilen ging ein großer Teil der Ernte verloren, weil es Christen gab, die nicht wachsam und bereit waren. Mir scheint, eine solche Riesenernte, auf die die Kirche nicht vorbereitet war, fiel in die Zeit zwischen den späten sechziger und den mittleren 1970er-Jahren: die Jesus-People-Bewegung. Diese Ernte setzte ein, als einige Christusgläubige zu den Kommunen der Hippie-Aussteiger gingen und diesen Menschen das Evangelium von Jesus Christus brachten, woraufhin sich große Zahlen von jungen Leuten aus dieser Subkultur zum Christentum bekehrten. Anfang 1971 gab es in jedem Bundesstaat bzw. jeder Provinz der Vereinigten Staaten und Kanadas Kaffeehäuser, Kommunen und verschiedenste Unternehmungen der Jesus People.

Aber weite Teile der Kirchen waren auf diesen neuen, radikalen Schlag von Christen nicht eingestellt. Die Spannungen zwischen den Jesus People und den etablierten Kirchen waren eine Quelle von Irritationen sowohl für die Jesus People, die die Kirchen als träge und in Traditionen und Gesetzlichkeit erstarrt ansahen, als auch für die Mitglieder der institutionellen Kirchen, die jene jungen Leute mit ihren langen Haaren und „Jesus-Latschen“ allzu oft überhaupt nicht verstehen konnten. Auch wenn einige Kirchen und Gemeinschaften diese Neubekehrten mit offenen Armen aufnahmen und in Jüngerschaft unterwiesen, fiel doch eine Menge neuer Gläubiger hinten runter und wurde desillusioniert – so lange, bis diese Menschen für den Leib Jesu verloren waren.

Wäre die Kirche vorbereitet gewesen und hätte sie während dieser gewaltigen Erweckung mehr Verständnis und Mitgefühl für jene jungen Leute aufgebracht, dann, so glaube ich, hätte die Ernte weitaus größer ausfallen können. Meiner Meinung nach gab es schlicht und einfach nicht genug geistliche Väter und Mütter, die willens gewesen wären, ihre Arme um diese „Jesus-Freaks“ zu legen und sie als Neugeborene in Christus so lange zu erziehen, bis sie auf eigenen Beinen hätten stehen können – ein Fehler, der uns auf keinen Fall in dieser Generation noch einmal passieren darf!

Der Herr hält Ausschau nach Tausenden geistlichen Vätern und Müttern, um jetzt die kommende Ernte vorzubereiten. Ich glaube, Mentoring ist eine von Gott gewollte Entwicklung, die unmittelbar mit dem Missionsauftrag des Herrn zu tun hat und die wir aufgreifen müssen, um das ganze Potential der großen Ernte zu realisieren. Ich glaube, Mentoring ist ein wichtiger Teil der Strategie Jesu zur Verwirklichung von Jüngerschaft; und wenn wir uns in andere investieren, wird das große Dividenden abwerfen, und zwar in Form eines multiplizierten geistlichen Erbes.

Denken Sie darüber nach: Als jemand, der „Jünger macht“, können Sie zahllose Menschen beeinflussen und durch eine anhaltend wachsende Investition die Welt verändern. Wenn Sie sich nur für einen einzigen Menschen als Mentor zur Verfügung stellen, dieser Mensch wiederum einen anderen in Jüngerschaft unterweist, der Dritte wieder einen anderen, und so jeder, der in Jüngerschaft unterwiesen wird, seinerseits einen weiteren Menschen als Mentor begleitet, ergeben sich verblüffende Multiplikationseffekte!

Sind Sie dazu bereit, Ihre Ressourcen in den Aufbau der geistlichen Kraft anderer Menschen zu investieren? Es handelt sich dabei um eine Investition, die wahrscheinlich ohne Dank bleibt und auch keine sofortigen Erträge bringt. Gott aber verspricht: Wo Sie investieren, werden Menschenleben verändert. Sie haben die Chance, so in das Leben anderer Menschen zu investieren, dass es nicht nur eine große Auswirkung auf die Welt hat, sondern ewig bleibt!

1 Jimmy Stewart, Called to Worship: The Man Behind Michael, Charisma Magazine 4/2000, S. 54 f.

Kapitel 3: Berufen, Familie zu sein

Mentoring erfordert familienartige Beziehungen als Lebensstil.

Vor mehr als dreißig Jahren, als wir als junge Leute unter Jugendlichen arbeiteten, fingen meine Frau LaVerne und ich damit an, mit neuen Christen Beziehungen aufzubauen, die wir damals „Paulus-Timotheus-Jüngerschaftsbeziehungen“ nannten. Ich traf mich Woche für Woche mit ein paar jungen Männern zu Bibelstudium und Gebet, LaVerne machte dasselbe mit einem Kreis junger Frauen. Schon früh erkannten wir, dass diese Beziehungen sich Schritt für Schritt entwickelten und wir vielleicht einen langen Weg würden zurücklegen müssen, bevor wir spektakuläre Resultate zu sehen bekommen würden. Viele dieser jungen Leute kamen aus einer bestimmten Wohngegend, in der es viele Probleme mit Straßenbanden und Drogen gab, und da die meisten von ihnen Gläubige der ersten Generation waren, bekamen sie von Freunden und Familienangehörigen nur wenig Unterstützung.

Auch wir selbst waren jung – wir wussten nicht viel und machten jede Menge Fehler, aber wir hatten das Herz am richtigen Fleck. Schon bald war uns klar, dass wir mehr tun mussten, als bloß jüngerschaftsorientierte Bibelkreise abzuhalten, wenn wir erreichen wollten, dass diese Jugendlichen geistlich wuchsen und nicht wieder vom Weg abkamen. Man musste ihnen das Christsein praktisch vorleben und beweisen, dass es auch wirklich funktionierte, sonst würden sie in dem Ganzen über kurz oder lang keinen Sinn mehr finden. Damals nannten wir das, was uns wichtig wurde, weder Mentoring noch geistliche Vaterschaft, und trotzdem war es genau das. Für uns war das mehr als eine Pflicht oder ein Erlebnis. Es war ein Lebensstil, in dem wir uns beziehungsmäßig mit jüngeren Christen zusammenschlossen, die es bitter nötig hatten, dass ältere Christen sie unterstützten und geistlich förderten.

Wir öffneten diesen jungen Leuten unsere Herzen und unser Haus und liebten sie vorbehaltlos. Tief in uns drin erkannten wir (auch wenn wir damals überhaupt nicht weit nach vorn schauten), dass, wenn wir ihnen halfen, geistlich zu wachsen, sie eines Tages in der Lage wären, ihrerseits anderen zu helfen … und jede Minute, die wir in sie investierten, wäre der Mühe wert.

Also ließen wir diese Teenager an unserem täglichen Leben teilhaben. Sie verbrachten viel Zeit damit, bei uns zu Hause rumzuhängen, machten dauernd rote Kool-Aid-Flecken auf dem Teppich1 und bei gelegentlichen Ringkämpfen auch Löcher in die Wände. Der Hauptteil des Trainings bestand jedoch darin, dass sie uns dabei zusahen, wie wir unsere Kinder liebevoll zurechtwiesen, den Abwasch machten oder das ewige Loch im Dach flickten. Wir lernten Schritt für Schritt, mit tausend Rückschlägen und Neuanfängen, wirkungsvolle geistliche Eltern zu sein; und sie lernten, als Christen Frucht zu tragen.

Der Herr war treu: Aus unseren bescheidenen Anfängen heraus entstand schließlich mit einigen der jungen Christen, die bei uns zu Hause herumhingen, eine Gemeinde; und diejenigen, die den Weg mitgingen, wurden darin unterwiesen, den nächsten Schwung geistlicher Kinder aufzunehmen. Heute haben wir im Rahmen der DOVE Christian Fellowship International (DCFI), einer internationalen Gemeindefamilie, das Vorrecht, zu sehen, dass viele unserer geistlichen Kinder, Enkel und Urenkel ihrerseits geistliche Söhne und Töchter hervorbringen, indem überall auf der Welt neue Kleingruppen und Dutzende von Gemeinden gegründet werden.

An uns gab es überhaupt nichts Besonderes – bis heute nicht! Wir waren ganz normale junge Leute, die jede Menge Fehler machten. Gewiss könnten wir auch viele Geschichten erzählen, die keine Erfolgsgeschichten sind, aber was wir hatten, war ein elterliches Herz, dem es wichtig war, unsere Kinder zu lehren. Wir liebten Jesus, wir liebten diese Jugendlichen von ganzem Herzen, und wie alle Eltern erwarteten wir, dass sie wuchsen!

Die pädagogische Forschung zeigt, dass Kinder dann am besten lernen, wenn sie beispielhaftes Verhalten beobachten und nachahmen können. Ein Vater ist für seine Kinder dann ein annehmliches Verhaltensvorbild, wenn er sie eher führt als antreibt. Heute ist es unter Schafhirten üblich, die Herden mithilfe von Hunden anzutreiben. Im alten Israel aber ging der Hirte voran, und die Herde folgte. Gott hat sich uns als Vater offenbart, und er ruft Väter und Mütter, seiner Führung zu folgen. Geistliche Eltern ihrerseits müssen christusgemäßes Benehmen und christusgemäße Haltungen vorleben, während ihre Kinder ihnen nachfolgen.

Eine Anmerkung zum Thema Geschlecht und Alter

In diesem Kapitel wollen wir gründlich untersuchen, was die allgemeinen Kennzeichen geistlicher Eltern sind und welche spezifischen Eigenschaften Männer bzw. Frauen als Mentoren mitbringen. Ehe wir aber einen näheren Blick auf geistliches Mutter- und Vatersein werfen, sollte ich noch erwähnen, dass wir die Meinung vertreten, dass Männer Mentoren von Männern und Frauen Mentorinnen von Frauen sein sollten. Das sehen wir in Titus 2: „… dass die alten Männer nüchtern seien, ehrbar, besonnen, gesund im Glauben … Ebenso ermahne die jungen Männer, besonnen zu sein …“ (V. 2.6). „… ebenso [sollen] die alten Frauen in ihrer Haltung dem Heiligen angemessen [sein], … Lehrerinnen des Guten; damit sie die jungen Frauen unterweisen, ihre Männer zu lieben …“ (V. 3-4).

In Seelsorge und Vorbild folgte die frühchristliche Kirche der Mentoring-Methode, dass ältere Frauen für jüngere Frauen da waren und ältere Männer für jüngere Männer. Dafür gibt es gute Gründe. Vater- und Mutterschaftsbeziehungen werden rasch zu engen Freundschaften, und es kann eine haarige Angelegenheit sein, zwischen einem Mann und einer Frau die Grenzen der Freundschaft einzuhalten. Tiefe christliche Liebe kann missverstanden werden, und solche Missverständnisse können zu unangebrachten emotionalen und körperlichen Annäherungen führen.

Meiner Meinung nach ist es der beste Rat, diese Falle einfach zu umgehen. In 1. Thessalonicher 5,22 heißt es: „Von aller Art des Bösen haltete euch fern!“ Ich lese das so: „Vermeidet alles, worin man eher Sünde als Rechtschaffenheit sehen könnte.“ Dagegen halte ich es für völlig korrekt, wenn ein Ehepaar gemeinsam einen geistlichen Sohn oder eine geistliche Tochter als Mentorenteam betreut. In Apostelgeschichte 18,24 ff. lesen wir von den Eheleuten Aquila und Priscilla, die sich als Team engagierten, um Apollos im Hinblick auf sein Evangeliumsverständnis weiterzuhelfen. Aquila und Priscilla „legten ihm den Weg Gottes genauer aus“ (V. 26).

Im Gegensatz zum Geschlecht legt das Lebensalter keineswegs fest, wer wessen geistlicher Vater oder geistliche Mutter sein kann. Geistlicher Mentor können Sie mit sechzehn genauso gut sein wie mit achtzig. Alle unsere drei Töchter wurden im Alter zwischen zwölf und sechzehn Jahren im Rahmen ihrer Kleingruppenarbeit zu geistlichen Mentorinnen jüngerer Mädchen. Sie nahmen diese Kinder unter ihre Fittiche und brachten ihnen aus Gottes Wort einfache biblische Prinzipien bei. Sie beteten mit ihnen und kümmerten sich um sie, wenn sie eine Not hatten. Unsere Töchter lernten, indem sie es machten. Aus ihrer Liebe zu Jesus und diesen kleinen Mädchen heraus taten sie einen Gehorsamsschritt. Sie warteten nicht ab, bis sie sich vollkommen zugerüstet fühlten, sondern wurden zu geistlichen Eltern, während sie selbst noch am Lernen waren.

Ich hielt einmal ein Seminar in Medford, Oregon. Nach der Veranstaltung kam eine junge Dame zu mir und bedankte sich dafür, dass ich quer übers ganze Land geflogen war, um in ihrer Gemeinde zu sprechen. Ich fragte sie, was der Herr in ihrem Leben so tue. „Na ja“, sagte sie, „ich hab da ein paar Mädchen in der Schule, mit denen ich mich jede Woche treffe, damit sie in ihrem Leben als Christinnen wachsen.“ Keine Frage, hier hatte ich eine geistliche Mutter vor mir.

„Wie alt bist du denn?“ fragte ich.

„Zwölf“, antwortete sie. Eine geistliche Mutter von zwölf Jahren! Ich begegne vielen Gläubigen zwischen fünfzig und siebzig, die das Gefühl haben, nicht das tun zu können, was für die Zwölfjährige ein völlig normales christliches Leben war. Was ist an diesem Bild verkehrt?

Stets und ständig können Sie jemanden finden, der geistlich jünger ist als Sie selbst und den Sie „jüngern“ und in Gottes Wegen unterweisen können, und Sie werden sehen, es wird gar nicht lange dauern, bis jemand, in den Sie sich investieren, so weit ist, dass er wieder andere unterweisen kann. Wir müssen lernen, wie wir geistliche Eltern aller Altersstufen dazu freisetzen können, dass sie sich reproduzieren. Wenn die Bibel ältere Männer ermahnt, jüngere Männer zu lehren, und ältere Frauen, jüngere Frauen zu lehren, dann heißt das: Wer ein geistlicher Vater oder eine geistliche Mutter ist, sollte ein reifer Christ sein, der Erfahrung ausstrahlt. Das bedeutet nicht notwendigerweise, dass eine Frau, die für eine andere Mentorin ist, an Lebensjahren älter sein muss als diese. Lebensalter hat weniger mit Reife zu tun als Erfahrung. Maßstab dafür, wer wessen Mentor sein kann, sollten Erfahrung und geistliche Reife sein. Unabhängig vom Lebensalter ist es die geistliche Reife einer Person, die sie qualifiziert, Mentor für jemand anderen zu sein.

Das heißt: ein geistlich reifer Christ in den Zwanzigern kann der geistliche Vater eines fünfzigjährigen Mannes sein, der neu im christlichen Glauben ist. Kürzlich frühstückte ich mit einem Arzt, der in den Vierzigern zum Glauben an Jesus gekommen war. Er erzählte mit großer Zuneigung von einem an Jahren viel jüngeren geistlichen Vater in seinem Leben, der ihm geholfen hatte, in seinem neu gefundenen Glauben zu wachsen.

Allerdings wird eine solche Konstellation eher die Ausnahme sein. Ich glaube, viel häufiger und normaler ist es, dass das Mandat geistlicher Mutter- und Vaterschaft mit dem natürlichen Lebensalter einhergeht. Ein älterer Mensch mit jahrelanger Erfahrung, ein reifer Gläubiger, der in seinem Leben schon die verschiedensten Zeiten durchgemacht hat, kann für einen Jüngeren ein weit wirkungsvollerer Mentor sein. Trotzdem werden in beiden Fällen die Altersunterschiede das ihre tun, um die Beziehung zu bereichern.

Jetzt wollen wir untersuchen, auf welch verschiedene Arten geistliche Väter und Mütter ihre Mentorenschaft ausüben, um Reife und Lebendigkeit im Glauben ihrer geistlichen Kinder zu fördern.

Vaterfigur

„Familie“ ist schon lange eine Idee Gottes. Er hat Familienbeziehungen eingesetzt und entworfen: Ich „werde euch Vater sein, und ihr werdet mir Söhne und Töchter sein, spricht der Herr, der Allmächtige“ (2 Kor 6,18). Voll tiefer Zuneigung betete der Apostel Paulus für seine geliebten Epheser: „Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater, von dem jede Vaterschaft in den Himmeln und auf Erden benannt wird“ (Eph 3,14-15). Gott ist der Vater einer ganzen großartigen Familie, zu der alle die gehören, die Jesus Christus ihren Herrn nennen. Er ist der Vater, von dem her jede Vaterschaft ihren Sinn und ihre Inspiration gewinnt. Wenn wir begreifen wollen, was gesunde Familienbeziehungen sind, müssen wir seine Vaterschaft verstehen: seine Liebe, seine Vergebung und seine Annahme.

Leider tragen viele heute lebende Menschen ein verzerrtes Vaterbild mit sich herum, da viele Väter ihre Autorität missbraucht haben oder abwesend waren, was bei ihren Kindern angeknackstes Vertrauen und Unsicherheitsgefühle hinterließ. Je weniger überzeugende Vorbilder die Welt anzubieten hat, umso mehr muss Gottes Volk, die Gemeinde Jesu, die Lücke füllen, die fehlende oder grausame Väter gerissen haben, damit die Menschen sehen, wie Gott sich Familie vorstellt.

„Die Gemeinde muss anfangen zu verstehen, dass sie die Aufgabe hat, einen elterlichen Einfluss auszuüben – sie soll eine Gemeinschaft sein, in der Leben im ganzheitlichen Sinne wachsen kann“, schreibt mein Freund Robert Stearns in seinem Buch „Bereitet den Weg“. Folgendes sieht Stearns voraus, wenn wir diese Elternrolle zu begreifen anfangen:

Viele Männer, die das Herz eines Vaters haben, werden von Gott dahin geführt, jungen Männern aus ihrer Gemeinschaft Mentor zu sein … Die älteren Frauen werden die jüngeren unter ihre Fittiche nehmen und ihnen Liebe und Weisheit vermitteln. Starke Familien werden sich um Alleinerziehende kümmern und sich für einen fortwährenden Austausch zwischen den Familien bemühen. Dies führt zu Stärke und hilft dabei, das überwältigende Gefühl der „Einsamkeit“ zu bekämpfen … Wir werden wieder die Freude erleben, die von der Urgemeinde ausging, als alle in Gemeinschaft miteinander und mit dem Herrn lebten.2

Was für ein unglaubliches Bild! Und es wird Wirklichkeit werden, wenn wir erkennen, dass wir nicht mehr länger unabhängig voneinander leben können. Gott möchte in seinem Reich Vater- und Mutterschaft wiederherstellen, und das beginnt mit seiner Verheißung, ein Vater für uns zu sein. Aber damit gläubige Menschen echtes Familienleben erfahren, müssen die Väter ihre Verantwortung als geistliche Eltern annehmen.

Väter bringen Stärke, Stabilität und Ausgewogenheit in die Familie ein. Ein leiblicher Vater sollte Beschützer, Ratgeber und Führer seiner Kinder sein, sodass sie unter der Liebe und Führung ihres Vaters geborgen heranwachsen können. Wenn es ihnen an einem gesunden väterlichen Vorbild fehlt, können Kinder nicht in ihre Bestimmung hineinwachsen. Dr. David Cannistraci zufolge ist gesunde Vaterschaft auf allen Ebenen der Gesellschaft eine notwendige Erfolgsvoraussetzung:

Soziologen bestätigen heute, dass Väter nicht nur eine unersetzliche Rolle zu Hause, sondern auch in der Nation spielen. Viele der Probleme, die heute beispielsweise in Amerika anzutreffen sind – Drogen, Sozialhilfe, Jugendschwangerschaften – haben ihre Wurzeln direkt in dem Nichtvorhandensein von Vätern während der letzten Jahrzehnte … Geistliche Vaterlosigkeit ist in unserer heutigen Zeit eine Schwäche im Leib Christi. Durch den Mangel an göttlicher Vaterschaft wurde ein großes Vakuum geschaffen. Ebenso wie die Gesellschaft ist auch die Kirche von Problemen geplagt. Wir benötigen dieselbe Art von Disziplin und Rechenschaftsablage, die ein natürlicher Vater einer natürlichen Familie abverlangt. Wir haben Weisheit und Reife notwendig, eine feste Hand, die uns leitet, Ausgeglichenheit, die uns am Leben erhält, und Erfahrung, die uns ermutigt.3

Heutige Statistiken zeigen eine Gesellschaft mit besorgniserregendem Gefälle hin zum Verfall der Familie. Ehen gehen kaputt, Eltern sind nicht da – und Kinder zahlen den Preis, den die emotionalen, finanziellen, körperlichen und geistlichen Konsequenzen fordern. Noch vor einigen Jahren war man landläufig der Meinung, externe Faktoren wie Straßenkriminalität, schlechte Schulen und nachteilige wirtschaftliche Verhältnisse seien schuld an der Krise des Familienlebens. Die Kritiker von heute stellen diese Sichtweise in Frage. Heute denkt man, der Zusammenbruch der Familie sei ursächlich für diese und andere soziale Missstände.

Nur wenn es uns gelingt, die Familie wiederherzustellen, kann daraus für unsere Gesellschaft Heilung erwachsen. Ken Canfield sagt es so:

Während viele Stimmen ausrufen, der Staat müsse mehr zum Schutz unserer Familien tun, hört die Kirche auf eine andere Stimme: die Stimme eines Vaters. Gott hat sich als unser Vater offenbart, und er ruft in der Kirche Väter dazu auf, seinem Beispiel zu folgen.4

Ähnlichkeiten zwischen geistlichen und natürlichen Vätern

David Cannistraci sieht „mindestens fünf Ähnlichkeiten zwischen einem geistlichen und einem natürlichen Vater“5. Wenn wir diese Funktionen eines Vaters verstehen, können wir anfangen, dem Vorbild des himmlischen Vaters nachzustreben. Und wir wissen, welche Charakterzüge wir in der nachfolgenden Generation geistlicher Mentoren fördern sollten:

1. Väter zeigen Liebe. Die Liebesbeziehung zwischen einem Vater und seinem Sohn bietet den idealen Rahmen für die Heranbildung und Ausformung von Leben und Charakter des Sohnes. Ohne Liebe mag ein Sohn zwar heranwachsen, aber gedeihen kann er nicht. Väter geben ihren Kindern Bestätigung und die freundschaftliche Gewissheit, dass es ihnen ohne Wenn und Aber prinzipiell um ihr Wohlergehen geht.

2. Väter unterweisen und erziehen. Väter haben einen kräftigen Anteil daran, dass ihre Kinder klare Wegweisung und Führung hin zu Aktivitäten und Haltungen erfahren, die sie erfolgsfähig machen. Ein wirklicher Vater übernimmt Verantwortung für seine Kinder. Die biblische Vaterrolle besteht darin, dass ein Vater seine Kinder zur Reife und Fruchtbarkeit führt.

3. Väter sind Versorger. „Versorgen“ bedeutet erhalten und bereichern. Womit versorgt ein geistlicher Vater seine geistlichen Kinder? Mit einem Erbe des Segens Gottes. Ein geistliches Vermächtnis kann nur von einem geistlichen Vater auf seine geistlichen Kinder übergehen.

4. Väter reproduzieren sich. Im allergrundlegendsten Sinne sind natürliche Väter Männer, die körperlich dazu beigetragen haben, dass ein neues Leben entstand. Geistliche Väter vermitteln neugeborenen Kindern im Glauben geistliches Leben, indem sie sich als Werkzeuge zur Verfügung stellen, durch die jene Kinder zur Neugeburt gelangen. Dann führen sie ihren Dienst als Väter dadurch fort, dass sie die neugeborenen Kinder auch aufziehen und in deren Leben ihren eigenen geistlichen Dienst reproduzieren.

5. Väter segnen und beschenken. Viele Väter wissen sehr gut, wie sie ihre Kinder lieben, versorgen und heranbilden können; doch die Fertigkeit, die die großen apostolischen Väter der frühen Kirche so gewinnbringend einsetzten, geht ihnen ab: nämlich geistlichen Segen auszuteilen. Der Apostel Paulus stellte Gott den Vater als denjenigen dar, der uns als seine Kinder durch unsere Beziehung zu Christus mit allen geistlichen Segnungen segnet (vgl. Eph 1,3). Paulus legte seine Hände auf seinen geistlichen Sohn Timotheus und wurde von Gott gebraucht, ihm Gaben und Segnungen weiterzugeben, mit denen Timotheus seinerseits in Verantwortung umgehen sollte (vgl. 2 Tim 1,6). Diese Weitergabe göttlichen Lebens ist eine der vornehmsten Verantwortlichkeiten eines geistlichen Vaters. Aus eigenem Erleben kann ich sagen: Das ist eine der größten Erfahrungen, die ein geistlicher Sohn überhaupt machen kann.

Das Vertrauen in die Väter wiederherstellen

Wenn das Herz der Väter – sowohl der natürlichen als auch der geistlichen – sich nicht wieder ihren Kindern zuwendet, wird der Herr „das Land mit dem Bann“ schlagen bzw. verfluchen, betont Maleachi 3,24. Wenn die Generationen einander entfremdet werden, sind sie geradezu buchstäblich verflucht. Gott möchte eine Generation, die durch den Zusammenbruch der Familienbindungen verflucht ist, an die Hand nehmen und ihr Vertrauen wiederherstellen. Sein eigener Sohn, Jesus, ist gekommen, um zerbrochene Beziehungen zu heilen – sowohl die Beziehung zwischen dem himmlischen Vater und der Menschheit als auch die Beziehung zwischen Vätern und ihren Kindern. Diese Familienbande sind ein Mittel des Segens und der Wiederherstellung zwischen den Generationen.

In unserer heutigen Gesellschaft zerbricht das Vertrauen häufig daran, dass Eltern im Interesse ihres eigenen Lebensglücks oder schlicht aufgrund ihrer vollen Terminkalender ihre Kinder vernachlässigen. Scheidungen lassen Kinder verwundet zurück – Kinder, die hin- und hergerissen sind zwischen streitenden, mitunter einander feindseligen Eltern, und häufig frustriert, verwirrt und unsicher werden. Dieselbe Art von Fluch kann sich auch zwischen geistliche Eltern und ihnen entfremdete geistliche Kinder legen. Leiter in der Gemeinde Jesu sind oftmals so ausgelastet von ihren Gemeindeprogrammen und diversen Besprechungen, dass sie keine Zeit haben, ihre geistlichen Kinder zu künftigen geistlichen Eltern heranzuziehen. Das liegt wie Mehltau auf der Kirche und lässt künftige Leitergenerationen verkümmern.

Ich habe gehört, Kinder sollten ihren Eltern vergeben, dass sie nicht perfekt sind, und Eltern sollten alle Mühe daranwenden, dass ihre Kinder ihnen so wenig zu vergeben haben wie irgend möglich. Wenn der Schaden aber schon passiert ist, müssen sowohl natürliche als auch geistliche Kinder eine gewisse Reife erlangen, die ihnen ermöglicht, ihren achtlosen Eltern zu vergeben, sonst werden sie voller Zorn und Misstrauen heranwachsen.

Unser Gott möchte natürliche und geistliche Väter, die ihrer Verantwortung nicht gerecht geworden sind und sich hauptsächlich um ihre eigenen Angelegenheiten gekümmert haben, von ihren Versäumnissen überführen. Nur er allein kann den Schaden heilen und Väter wieder mit ihren vereinsamten Kindern in Verbindung bringen. Väter müssen über ihre Selbstsucht und Nachlässigkeit Buße tun und sich auf den langen Prozess einlassen, das Vertrauen ihrer Kinder wiederaufzubauen. Der Herr möchte die Beziehungen zwischen Jung und Alt wiederherstellen, damit ein kraftvolles geistliches Vermächtnis bewahrt bleibt und sich vermehren kann.

Die Liebe einer Mutter

Eines Tages stieg der neunjährige Joey aus dem Schulbus und sagte: „Mama, der Bus ist so leer, dass jeder von uns ’ne ganze Sitzreihe für sich allein haben könnte. Aber die dämlichen Mädchen quetschen sich allesamt in eine einzige rein!“ In seiner Männlichkeit konnte er nicht begreifen, dass weibliche Menschen beiei­nander hocken müssen.

Gott schuf Mann und Frau einzigartig im Hinblick auf ihre Beziehungen zueinander. Die Verschiedenheit von Mann und Frau ist als Segen gedacht; sie soll unser Leben ausgewogen machen, damit wir die Liebe des Vaters zu uns nur umso reicher und völliger begreifen können. Frauen scheinen auf Intimität und tiefe Freundschaften angelegt zu sein. Weibliche Wesenszüge werden oft mit Attributen wie sanft, pflegend, intuitiv und empathisch beschrieben. Wenn Frauen zusammenkommen, reden sie oft über ihre Gefühlen und Beziehungen, ihre Arbeit und ihre Familien, und in ihren Gesprächen untereinander treten oft ihre nährenden, mütterlichen Wesenszüge hervor. Frauen sehen sich in Beziehung mit den Menschen in ihrem Umfeld und sie ziehen intime Nähe der Isoliertheit vor. Dadurch können Frauen einzigartig mit engen Beziehungen umgehen.

Die Fähigkeit der Frauen zu lieben übersteigt häufig die der Männer und zeigt überdeutlich den weiblichen Zug, Ernährerin zu sein. Sprüche 10,1 sagt: „Ein weiser Sohn erfreut den Vater, aber ein törichter Sohn ist der Kummer seiner Mutter.“ Es ist normal, dass eine Mutter tieferen Schmerz empfindet, weil ihre Liebe zu ihren Kindern sogar noch zarter ist als die eines Vaters.

Natürlich müssen Sie keine Mutter im biologischen Sinn sein, um Zartheit und Mitgefühl zu zeigen. Jede Christin, die Gottes Herz und seine ewige Liebe begreift, entwickelt umsorgende, mütterliche Wesenszüge. Woher wissen wir, dass Gott das zarte, fürsorgliche Herz einer Mutter hat? Textstellen wie Jesaja 49,15 und 66,13 schildern, dass Gott sein Volk so liebt wie eine Mutter ihre Kinder. Diese Stellen zeigen Gottes Zartheit und seinen Wunsch, uns zu umhegen und fruchtbar zu machen.

Immer wieder porträtiert die Heilige Schrift uns Gott in seinen umsorgenden, mütterlichen Zügen: „Vergisst etwa eine Frau ihren Säugling, dass sie sich nicht erbarmt über den Sohn ihres Leibes? Sollten selbst diese vergessen, ich werde dich niemals vergessen. Siehe, in meine beiden Handflächen habe ich dich eingezeichnet“ (Jes 49,15-16). Etwas weiter hinten im Jesajabuch sagt der Herr: „Wie einen, den seine Mutter tröstet, so will ich euch trösten“ (66,13). Gottes tiefe, bleibende Liebe zu uns ist sogar noch größer als die stärksten Bande zwischen einem Neugeborenen und seiner Mutter.

In Matthäus 23, wo Jesus sein Mitleid mit denen zeigte, die ihn zurückwiesen, bietet sich uns ein weiteres Bild vom umhegenden, zärtlichen Mutterherzen Gottes:

Jerusalem, Jerusalem, die da tötet die Propheten und steinigt, die zu ihr gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt! (Mt 23,37).

Jesus sehnte sich danach, seine wundervolle Gnade und Gunst jenen geistlich blinden religiösen Führern in Jerusalem zukommen zu lassen. Auch wenn sie seine Liebe zurückwiesen, bot er sie ihnen doch an, voller Mitleid, wie eine Henne ihre Küken unter ihren Flügeln schart, um sie zu schützen, zu bergen, zu wärmen und zu trösten.

Das Titus-2-Mandat

Meine Frau LaVerne hatte in der Anfangszeit unseres geistlichen Dienstes als junge, 28-jährige Pastorenfrau ihre Kämpfe damit, dem Erwartungsdruck standzuhalten, dem sie sich ausgesetzt fühlte, auch ja dem einer Pastorenfrau zugeschriebenen Rollenklischee zu entsprechen, nämlich Frauengruppen, Frauentreffen und Frauenprogramme auf die Beine zu stellen. Sie selbst sagt dazu: „Ich wusste, ich würde niemals die typische Pastorenfrau sein, die Klavier oder Orgel spielte und sang. Ich fühlte mich einfach nicht dazu berufen, eine öffentliche Rolle zu spielen. Ich wusste, dass Gott mich nicht beauftragt hatte, meine Zeit mit der Leitung irgendwelcher Gremien und der Planung von Frauenveranstaltungen zu verbringen. Jedes Mal, wenn ich auf die Knie ging, wusste ich, wozu Gott mich berufen hatte. Es war klar und deutlich: Schule eine kleine Gruppe von Frauen gemeinsam.“

Deshalb verbrachte LaVerne die nächsten paar Jahre damit, genau das zu tun. Sie begann ihr Leben in eine Handvoll Frauen zu investieren, die in der Gemeinde als Kleingruppenleiterinnen mitarbeiteten – keine Aufgabe für Furchtsame! Die Beziehungen, die sie aufbaute, erforderten Zeit und Anstrengung. Und sie stand nicht im Rampenlicht, um im Applaus eines sie bewundernden Publikums zu baden.

Jahrelang schulte sie Frauen hinter den Kulissen. Liebevoll fragte sie sie immer wieder, wie es um ihre Ehen stehe. Sie betete und weinte mit ihnen, wenn sie durch die tiefen Täler des Lebens gehen mussten, und freute sich mit ihnen, wenn es etwas zum Freuen gab. Diese Frauen wurden zugerüstet, das, was sie von LaVerne empfangen hatten, ihrerseits anderen Frauen weiterzugeben. Im Ergebnis haben sich LaVernes anfängliche Bemühungen um eine Handvoll Frauen immer und immer wieder multipliziert.

Auch heute noch stellt LaVerne sich Frauen für Mentoring-Zweierschaften zur Verfügung. Wenn sie vor größeren Gruppen spricht, hört sie immer wieder den Schrei der jüngeren Frauen: „Wo sind denn bloß die älteren Frauen? Wo gibt es denn eine geistliche Mutter für mich, die meine Mentorin sein kann und mir hilft, in meinem Leben als Christin zu wachsen?“ Mit tränenüberströmten Gesichtern sagen jüngere Frauen: „Manchmal bräuchte ich einfach nur eine Stunde zusammen mit einer geistlich reifen Frau. Ich brauche so dringend jemand, der mich ermutigt, zum Vater aufzuschauen. Ich brauche jemand, der geistlich reifer ist als ich und mir wertvolle Erfahrungen weitergeben kann. Ich brauche jemand, der mir sagt, dass ich es schon schaffen werde, was auch immer im Leben auf mich zukommen mag – eine Frau, die mir sagt, dass ich diese Woche überlebe!“ Frauen suchen Freundinnen, Trainerinnen, Ermutigerinnen, die sie auf Jesus hinweisen können.

Ich glaube, der Herr ruft geistliche Mütter, die heute seinem Ruf gehorchen wollen, geistliche Töchter unter ihre Fittiche zu nehmen. Christliche Frauen brauchen geistliche Mütter, die ihnen helfen, zu gesunden Frauen Gottes heranzuwachsen. Eine geistliche Mutter geht Seite an Seite mit einer anderen Frau, legt ihr den Arm um die Schulter und sagt: „Du schaffst es!“ In ihrem Buch „Spiritual Mothering“ schreibt Susan Hunt, geistliche Mutterschaft geschehe da, „wo eine Frau, die Glauben und geistliche Reife besitzt, eine fürsorgliche Beziehung zu einer jüngeren Frau eingeht, um diese zu ermutigen und zu einem Leben zur Ehre Gottes zuzurüsten“6.

Gottes Wort gibt Frauen einen klaren Auftrag zu geistlicher Mutterschaft und zugleich ein Modell davon. Paulus lehrte Titus, wie er geistliche Elternbeziehungen einführen konnte, und in diesem Zusammenhang ermahnte er die älteren Frauen, ihre Kräfte in die Schulung jüngerer Frauen zu investieren:

… ebenso [unterweise] die alten Frauen in der Haltung, wie es der Heiligkeit geziemt, nicht verleumderisch, nicht Sklavinnen von vielem Wein, Lehrerinnen des Guten; damit sie die jungen Frauen unterweisen, ihre Männer zu lieben, ihre Kinder zu lieben, besonnen, keusch, mit häuslichen Arbeiten beschäftigt, gütig zu sein, den eigenen Männern sich unterzuordnen, damit das Wort Gottes nicht verlästert werde (Tit 2,3-5).

Paulus wusste, es würde die Gemeinde verändern, wenn die älteren Frauen anfingen, die jüngeren durch ihren gottgefälligen Lebensstil zu unterweisen. Das Reich Gottes schreitet voran, wenn reife Frauen etwas von sich selbst geben und ihre Kräfte in jüngere Frauen investieren. Gott möchte geheiligte – gottesfürchtige – Frauen gebrauchen, die sich von Geschwätz fernhalten und nicht irgendwelchen Süchten ergeben sind. Solche reifen Frauen sind in der Lage, geistliche Mütter zu sein.

Geistlich reife Frauen geben selbstlos von ihrem Eigenen. Sie unterwerfen ihren Willen Gott und seiner Führung. Aus Liebe zu ihm haben sie das Geheimnis von Philipper 2,3-4 begriffen: „Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient“ (Luther 1984). Geistlich reife Frauen lassen sich nicht von ihren eigenen Sorgen beherrschen, sondern kümmern sich selbstlos um andere.

Die Herausforderung geistlicher Mutterschaft

Denken Sie daran: Es ist das Wesen Christi, das jemand qualifiziert, eine geistliche Mutter zu sein. Potentielle geistliche Mütter müssen Frauen sein, die Gott fürchten. Das heißt, es muss ihnen wichtiger sein, was Gott von ihnen hält, als was andere Menschen von ihnen denken. Ein schwaches Selbstbild steht geistlicher Mutterschaft im Weg. Das Leben setzt uns unter Druck, uns anzupassen und uns in einer bestimmten Weise zu verhalten; wenn aber die Furcht Gottes über eine Frau kommt, fragt sie Gott, was er über sie denkt. Sie weiß, dass Christus sie dank seines Blutes annimmt und dass seine Liebe bedingungslos ist. Das bringt Freiheit in ihr Leben.

LaVerne sprach auf einer Frauenfreizeit über Gottes bedingungslose Liebe. Hinterher kam eine langjährige Christin auf sie zu und sagte: „Ich glaube, ich begreife Gottes bedingungslose Liebe nicht. Als Heranwachsende fühlte ich mich von meinen Eltern nur dann geliebt, wenn ich ihre Erwartungen zufriedenstellte. Also habe ich in all meinen Beziehungen zu anderen meine Liebe immer mit Bedingungen verbunden.“ Am selben Tag noch sah sie ein, wie verkehrt ihr Denken war, und entschied sich, die unergründliche, bedingungslose Liebe anzunehmen, die Gott zu ihr hatte. Ihr Leben veränderte sich völlig! Gott liebt Menschen, ob sie nun seinen Erwartungen entsprechen oder nicht. Er spendet seine Liebe ohne irgendwelche Bedingungen. Wenn wir das begreifen, dienen wir anderen Menschen nicht mehr aus Pflichtgefühl, sondern aus der Liebe heraus, die er zu den Menschen hat. Und durch eben diese Liebe dienen wir einer dem anderen (vgl. Gal 5,13).

Eine andere Sache, die geistliche Mutterschaft behindert, ist Egoismus. „Ich hab zu viel zu tun.“ „Immerhin hab ich schon meine Kinder großgezogen.“ „Ich bin in Rente – gönnt mir doch meine Ruhe am Strand!“ Das alles sind egoistische Ausreden dafür, sich nicht in das Wachstum einer geistlichen Tochter investieren zu wollen. Naomi, eine der geistlichen Mütter von LaVerne, nahm vor Jahren, im Alter von 48 und nachdem sie sieben eigene Kinder großgezogen hatte, erst einen Pflegesohn und dann noch ihre schon ältere Mutter mit in ihre Familie auf. Von manchen Leuten kriegte sie damals zu hören: „Wäre es nicht an der Zeit, ein bisschen kürzer zu treten?“ Aber diese hingegebene Mentorin fand immer noch die Zeit, sich mit LaVerne zu treffen, um mit ihr zu beten – dafür besorgte sie sich jemand, der sich so lange um ihren Pflegesohn und die alte Mutter kümmerte.

Durch ihre Hingabe hat Naomi bleibenden Eindruck hinterlassen: „Wenn ich keine Lust habe und am liebsten jammern und herummeckern würde“, sagt LaVerne, „habe ich keine Ausflüchte, weil es in meinem Leben eine geistliche Mama gibt, die es alles andere als leicht hat, aber entschlossen ist, in der Freude zu wandeln.“

Um in der Welt von heute eine natürliche oder geistliche Mutter zu sein, braucht man eine ganz spezielle Gnade. Mutter sein ist nicht leicht. Neben der körperlichen Belastung, die der 24-Stunden-Tag einer Mutter mit sich bringt, muss sie auch enorme mentale Kräfte aufwenden. Eine Frau, die das begriffen hat, wird nur allzu gerne zugeben, dass sie absolut auf die Gnade des Herrn angewiesen ist.

So wichtig es auch ist, liebevolle, umsorgende Zweierbeziehungen zu unterhalten – diese Beziehungen müssen sich um die noch wichtigere vertikale Beziehung zu Gott drehen. Eine geistliche Mutter-Tochter-Beziehung muss sich darauf konzentrieren, Gott zu verherrlichen, und sich nach seinem Willen und seinen Zielen richten. In der Küche einer Mutter hängt ein Schild, auf dem steht: „Das Beste, was eine Mutter für ihre Kinder tun kann, ist, ihren Vater zu lieben.“ Diesen Sinnspruch könnte man so übertragen: „Das Beste, was eine geistliche Mutter für ihre geistlichen Kinder tun kann, ist, ihren himmlischen Vater zu lieben!“ Eine solche Beziehung muss ganz und gar darauf ausgerichtet sein, Gott zu verherrlichen.

Das streicht das erste Kapitel des Lukasevangeliums deutlich heraus, in dem wir Zeugen der Unterhaltung zwischen Elisabeth und Maria werden. Elisabeth und Maria hatten eine Menge gemeinsam. Um nur eines zu nennen: beide erlebten sie eine sehr ungewöhnliche Schwangerschaft. Als Maria Elisabeth besuchen kam, hätten sie sich ausgiebig über ihre jeweilige Situation austauschen, über ihre Gefühle reden, sich ineinander einfühlen und sich um ihre eigenen Bedürfnisse drehen können. Doch nein: vom Augenblick ihrer Begrüßung an richteten sie ihre Blicke nach oben. Ihre Beziehung drehte sich nicht darum, was die eine von der anderen brauchte. Gleich einer erfahrenen geistlichen Mutter ermutigte Elisabeth Maria, die daraufhin in einen Lobpreis Gottes ausbrach:

Und es geschah, als Elisabeth den Gruß der Maria hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib; und Elisabeth wurde mit Heiligem Geist erfüllt und rief mit lauter Stimme und sprach: Gesegnet bist du unter den Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes! Und woher geschieht mir dies, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? Denn siehe, wie die Stimme deines Grußes in meine Ohren drang, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib. Und glückselig, die geglaubt hat, denn es wird zur Erfüllung kommen, was von dem Herrn zu ihr geredet ist! Und Maria sprach: Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist hat frohlockt in Gott, meinem Heiland. Denn er hat hingeblickt auf die Niedrigkeit seiner Magd; denn siehe, von nun an werden mich glückselig preisen alle Geschlechter. Denn Großes hat der Mächtige an mir getan, und heilig ist sein Name (Lk 1,41-49).

Sinn und Zweck einer geistlichen Mutter-Tochter-Beziehung ist die Verherrlichung Gottes. Er ist Ihre Hoffnung: „Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit“ (Kol 1,27). Was für ein herrlicher Plan: Christus, der Gesalbte, lebt in Ihnen! Christus ist es, der durch Sie dient. Es geht nicht darum, was Sie für Gott tun, sondern darum, was Gott in Ihnen und durch Sie tut. Wenn Sie zu ihm aufschauen, vollzieht er durch Sie geistliche Mutterschaft.

Unterschiede zwischen Männern und Frauen in geistlicher Elternschaft

Wie kommt es, dass es Frauen so viel leichter fällt, anderen Frauen zu vertrauen als Männer anderen Männern? Wie machen Frauen das, dass sie praktisch schon beim Betreten eines Raumes offen sind und sich verletzlich machen, indem sie aus ihrem persönlichen Leben und von ihren Familien erzählen – während Männer es maximal fertigbringen, sich über das Fußballspiel von gestern Abend oder die Angeltour von letzter Woche auszutauschen? Gehen Frauen mit Mentorenschaften anders um als Männer? Ich meine, es müsste eigentlich keine Unterschiede geben, und doch scheint es so, dass es den meisten Frauen leichtfällt, Beziehungen einzugehen, aus denen intensives Mentoring erwächst, während das den meisten Männern schwerfällt. Daran ist nichts Verkehrtes; es gibt einfach Unterschiede.

Frauen scheinen so geschaffen zu sein, dass es ihnen von Natur aus leichtfällt, sich auf die Verletzlichkeit einzulassen, auf die eine Mentorenbeziehung aufgebaut ist. Bei Männern ist da ein wenig mehr Überzeugungsarbeit vonnöten. Männer brauchen ein lohnendes Ziel vor Augen. Sie müssen Anfang und Ende überschauen können. Sie brauchen ein Tor, auf das sie zielen können, und eine klare Reaktion von demjenigen, dem sie ihre Zeit widmen. Männer wollen sehen, dass diese Beziehung etwas verändert und zu definierten, messbaren Ergebnissen führt. Sie haben sich daran gewöhnt, dass in zwischenmenschlichen Beziehungen bestimmte Regeln gelten, und es ist nicht leicht für sie, diese Regeln zu brechen. Solche Regeln sind z. B.: Bringe kein Vertrauen auf, solange dein Gegenüber sich noch nicht als vertrauenswürdig erwiesen hat. Mach dich nicht allzu früh allzu verletzlich. Achte darauf, dass die Energie, die du in diese Beziehung steckst, in einem vernünftigen Verhältnis zu dem steht, was dabei herauskommt. Pass auf, dass es nicht zu persönlich wird (m. a. W.: Lass dich nicht in etwas hineinziehen).

Zwar hungern Männer nach Freundschaft – aber, wie der Psychologe Dr. Ken Druck sagt: „Wir erlauben es uns nicht, mit Geschlechtsgenossen einfach nur zusammen zu sein, weil wir eben gerne mit ihnen zusammen sind. Es ist nicht ‚sicher’, sich schlicht nach männlicher Gemeinschaft zu sehnen. Wir müssen dieses Gefühl erst legitimieren. Also müssen wir ein Karten- oder Ballspiel oder das eine oder andere Bierchen dazwischenschalten, damit die Begegnung ‚sicher’ wird.“7

Geistliche Väter und Mütter müssen Frieden darüber finden, wer sie sind. Im geistlichen Sinn Vater, Mutter oder eben Mentor zu sein hat nichts damit zu tun, was der Mentor für sich braucht. Viel zu oft werden wir von dem angezogen, was wir meinen, dass wir es bekommen sollten; wenn wir aber so an eine Mentorenbeziehung herangehen, kriegt diese vom Start weg Schräglage. Als Männer müssen wir unsere vorgefassten Meinungen darüber, welche Vorteile uns unsere geistlichen Kinder bringen sollten, ablegen. Der Lohn ist vorwiegend ein ewiger – und selbst an diesen „persönlichen Gewinn“ sollten wir möglichst keinen Gedanken verschwenden.

Viele Male wird uns eine Mentorenbeziehung als Einbahnstraße vorkommen, und sehr oft wird es auch so sein. Warum denn auch nicht? Als Mentor bin ich verantwortlich, die Initiative zu ergreifen: das Telefon in die Hand zu nehmen, Termine anzuberaumen, zu denen wir uns treffen, Anstöße zum gemeinsamen Gebet zu geben, die gemeinsame Lektüre eines Buches oder der Bibel vorzuschlagen. Ich bin der Initiator. Wir müssen Gedanken ablegen wie: „Letztes Mal habe ich ihn angerufen, jetzt ist er mal dran!“ oder: „Wenn ihm unsere Beziehung was wert wäre, könnte er ja auch mal das Essen bezahlen!“

Mir geht es gar nicht darum, dass Männer mit Mentorenbeziehungen so umgehen wie die Mehrzahl der Frauen – ich halte es aber für wichtig, ein paar der Hürden namhaft zu machen, mit denen sich Männer bei dieser Art von Beziehung zweifellos konfrontiert sehen werden. Das Ziel ist nicht, „fraulicher“ zu werden, sondern, so zu werden wie Jesus, dem besten Mentor aller Zeiten. Wenn es Jesus möglich war, die Schranken seiner Männlichkeit hinter sich zu lassen und sich aufs Engste mit seinen Jüngern zu verbinden, dann können wir das auch.8

Der himmlische Vater schuf Mann und Frau unterschiedlich und sagte über diesen Unterschied: „Es ist sehr gut.“ Die Wahrheit ist, dass wir beide Geschlechter brauchen. Männer und Frauen müssen ihr Potential voll ausschöpfen, um Eltern für immer weitere Generationen gesunder geistlicher Kinder zu sein. Werfen wir nun einen genaueren Blick darauf, wie geistliche Eltern durch Mentoring ihre Kinder aufziehen.

Was Eltern für ihre Kinder tun

Ehe Sie ein geistlicher Vater oder eine geistliche Mutter sein können, müssen Sie zuerst Ihre Motive überprüfen. Geistliche Elternschaft ist etwas, das hinter den Kulissen stattfindet. Es ist unwahrscheinlich, dass Ihnen jemand auf die Schulter klopft und sagt: „Mann, du machst da ’nen echt guten Job – bloß weiter so!“ Warum? Weil Vater oder Mutter sein nicht in erster Linie etwas ist, was Sie tun, als vielmehr etwas, was Sie sind. Ich muss niemandem erzählen, dass ich Vater bin. Das wissen die Leute, sobald sie meinem Sohn und meinen drei Töchtern begegnen.

Die Schrift warnt uns davor, uns mit einem beeindruckenden Titel zu schmücken, damit wir Ehrerbietung und Respekt von anderen empfangen: „Ihr sollt auch nicht jemanden auf der Erde euren Vater nennen; denn einer ist euer Vater, nämlich der im Himmel… Der Größte aber unter euch soll euer Diener sein“ (Mt 23,9.11). An mehreren Stellen der Schrift nennt der Apostel Paulus sich selbst einen Vater, aber er gebrauchte das Wort „Vater“ nicht, um damit seine Autorität hervorzukehren, sondern um seine Zuneigung auszudrücken, weshalb er die Brüder der Gemeinde nicht als Söhne anspricht, die ihm zu etwas verpflichtet wären, sondern als seine „geliebten Kinder“ (1 Kor 4,14; eigene Hervorhebung)9. Maßstab der Größe eines geistlichen Vaters ist immer das Maß seiner Dienerschaft und Liebe.

Sehen wir uns an, was ein geistlicher Mentor üblicherweise tut.

Eltern lieben und ermutigen ihre Kinder

Geistliche Eltern lieben ihre Kinder und geben ihnen sanfte Ermutigung, damit sie auf ihrem Lebensweg die richtige Richtung einschlagen. In seinem Brief an die Gemeinde von Thessalonich zeigt der Apostel Paulus, wie sehr er die Thessalonicher als ihr geistlicher Vater liebhatte: „… wir sind in eurer Mitte zart gewesen, wie eine stillende Mutter ihre Kinder pflegt. So, in Liebe zu euch hingezogen, waren wir willig, euch nicht allein das Evangelium Gottes, sondern auch unser eigenes Leben mitzuteilen, weil ihr uns lieb geworden wart“ (1 Thess 2,7 f.). Paulus schätzte die Menschen, deren Mentor er gewesen war, wie eine stillende Mutter, sanft und zart. Wo geistliche Kinder die Zuneigung eines Vaters oder einer Mutter erfahren, erkennen sie das und reagieren da­rauf.

Mit einem reifen geistlichen Elternteil an ihrer Seite wachsen Kinder rasch heran und lernen schnell und natürlich durch das Beispiel, das sie sehen. Ein Vater oder eine Mutter lehrt, übt ein, gibt ein gutes Beispiel und ist ein Vorbild. Ein geistlicher Vater oder eine geistliche Mutter schärft bei seinen bzw. ihren Kindern das Bewusstsein für Haltungen und Verhaltensweisen in ihrem Leben, die der Veränderung bedürfen. Er bzw. sie hilft ihnen, ihr Leben ehrlich zu betrachten und gewisse Schritte zu tun, damit sich ihr Handeln und ihr Verhalten verändern kann. Nur wenn ein geistliches Kind weiß, dass es geliebt und angenommen ist, hat es die Zuversicht, die es braucht, um Veränderungen vorzunehmen und Entscheidungen zu treffen, die ihm nicht leichtfallen.

Eltern rechnen damit, dass ihre Kinder wachsen

Eltern rechnen in jeder Hinsicht mit dem Wachstum ihrer Kinder: körperlich, geistlich, mental und emotional. Im natürlichen Lauf der Zeit und mithilfe von viel Liebe und dem richtigen Maß an Übung erwartet man von Kindern, dass sie zu gesunden Erwachsenen heranreifen und sich ablösen, um ihre eigenen Familien zu gründen.

21 Jahre nach der Geburt unseres ersten Kindes schritt ich mit meinem ehemaligen „Baby“ am Arm den Mittelgang einer Kirche entlang, um sie zu ihrem Bräutigam zu führen. Mir ging auf, dass ich in den dazwischen liegenden Jahren die ganze Mühe, Zeit und Geld investiert hatte, nur um sie jetzt ihrem Verlobten zu übergeben! Wir zogen sie auf, um sie wegzugeben. Mittlerweile haben sie und ihr Mann drei eigene Kinder und nehmen die Gelegenheit wahr, Eltern zu sein und die nächste Generation zuzurüsten. Elternschaft dreht sich voll und ganz darum, ein Vermächtnis weiterzugeben. Zu geistlicher Elternschaft gehört ein ganzes Paket an Liebe, Übung, Vorbild, Weitergabe und Multiplikation, und das alles in der Erwartung, dass deine Kinder heranwachsen, um das Rad von neuem zu drehen.

Im Kolosserbrief lesen wir, wie Paulus dem Epaphras Vaterschaft vorlebte, indem er sich in einer Zeit der Not zur Verfügung stellte. Es scheint, als wäre Epaphras zum Glauben gekommen und hätte das Evangelium nach Kolossä gebracht. Dank seiner früheren Beziehung zu Paulus suchte Epaphras diesen in Rom auf, um seinen bewährten Rat hinsichtlich der Irrtümer einzuholen, die die Gemeinde der Kolosser bedrohten. In Reaktion darauf schrieb Paulus seinen Brief, den Brief eines Vaters, der tiefen Anteil am Ergehen seiner Kinder nahm. Diesen väterlichen Brief konnte Paulus schreiben, weil er aufgrund seiner Beziehung zu Epaphras eine geistliche Verantwortung für sie empfand (vgl. Kol 1,7-8). Eltern, die auf diese Weise Elternschaft vorleben, erhalten durch ihre Söhne und Töchter ein Vermächtnis aufrecht, indem diese ihrerseits lernen, anderen Eltern zu sein, um sie ins Reich Gottes zu führen.

Mein Freund, der Schriftsteller Peter Bunton, verfügt über jahrelange Erfahrung im Training und Mentoring junger Menschen. Er sagt Folgendes darüber, wie man geistlichen Kindern zur Reife verhilft: „Ein geistlicher Vater oder eine geistliche Mutter sollte bereit sein, Menschen mit verschiedenen Persönlichkeiten und Begabungen zu betreuen. Manchmal braucht man einen Mentor, der ganz anders ist als man selbst, damit man als geistlicher Sohn oder geistliche Tochter Facetten seines geistlichen Dienstes entdeckt, die man sonst gar nicht so im Blick hätte. Der Prüfstein dafür, wie sicher jemand in seiner Rolle als geistlicher Vater ist, besteht darin, ob er jemandem weiterhelfen kann, der begabter ist als er selbst!“

Ich stimme Peter zu. Natürliche Eltern hegen im Allgemeinen den Wunsch, dass ihre Kinder im wahrsten Sinne des Wortes „Größe“ erlangen, mit der sie Gottes Erde zu einem besseren Ort machen. Ebenso sollten geistliche Eltern den Wunsch haben und auch erwarten, von ihren geistlichen Kindern geistlich weit überholt zu werden. Egal, ob das geistliche Kind ohnehin schon reich begabt ist oder viel von dem profitiert, was ihm der Vater bzw. die Mutter beispielhaft vorlebt: die größte Freude des Mentors sollte es sein, den Erfolg seiner Kinder miterleben zu dürfen.

Eltern setzen ihren Kindern ein Beispiel

Wenn Menschen in Gott wachsen sollen, brauchen sie jemanden, der die Wahrheit in ihr Leben hineinspricht und ihnen ein Vorbild dafür ist, was es heißt, im Glauben zu wandeln. „Gedenkt eurer Führer, die das Wort Gottes zu euch geredet haben! Schaut den Ausgang ihres Wandels an, und ahmt ihren Glauben nach!“ (Hebr 13,7). Wenn Mentoren denen, denen sie dienen, ein wahrhaftiges und gottgefälliges Beispiel vorleben, werden ihre Schützlinge sie nur allzu gern nachahmen. Daraus entsteht ein Vermächtnis geistlicher Elternschaft.

In 1. Thessalonicher 2,11 erinnert Paulus die Gemeinde daran, dass er ihr als Vater ein Beispiel gesetzt hat, indem er jeden Gläubigen ermahnte, tröstete und beschwor „wie ein Vater seine Kinder“. Geistliche Mentoren sind Vorbilder zum Nacheifern, damit jüngere Christen heranwachsen und selbst zu fürsorglichen und ermutigenden Erwachsenen werden und schließlich zu fähigen, gesunden Eltern. Es ist kein Geheimnis, dass Kinder aus gesunden, liebevollen Familien zu gesunden, liebevollen Eltern heranwachsen. Anderen ein Beispiel zu geben, das sie nachahmen und nachvollziehen können, ist ein wichtiger Aspekt geistlicher Elternschaft.

Eltern lassen ihre Kinder spüren, dass sie wichtig sind

Ein Ziel eines Vaters oder einer Mutter besteht darin, der Tochter oder dem Sohn ein gesundes Selbstwertgefühl mitzugeben. In seinem Buch Seven Things Children Need („Sieben Dinge, die Ihr Kind braucht“) sagt John Drescher, jedes Kind möchte wahrgenommen und als wertvolle Persönlichkeit anerkannt werden:

Wir können fast unmöglich mit uns selbst leben, wenn wir den Eindruck haben, dass wir wenig wert sind, oder wenn wir uns nicht mögen … Wer sich wie ein Niemand fühlt, wird wenig zum Leben beitragen. Dies müssen wir nachdrücklich betonen, da die große Plage der Minderwertigkeitsgefühle schon früh im Leben anfängt. Wir Menschen brauchen es, beachtet, geschätzt und geliebt zu werden, wie wir sind, um das Gefühlt zu haben, wichtig zu sein.10

Vor einigen Jahren erzählte mir ein junger niederländischer Gemeindegründer namens Bert, wie dankbar er für die geistlichen Väter und Mütter sei, die an ihn und seine Frau geglaubt und auf dem Missionsfeld großen Einfluss auf ihr Leben ausgeübt hatten. „Geistliche Mentoren“, betonte er, „arbeiten daran, ein Christus-Wertgefühl in uns aufzubauen, sodass unsere Identität, unsere Sicherheit, unsere Selbsteinschätzung, unser Wert und unsere Bestimmung in Christus gegründet sind.“

Leiter werden oft erst dadurch zu Leitern, dass jemand an ihre Leiterschaft glaubt. Vor Jahren hatten wir in unserer Kleingruppe einen Gläubigen, der dachte, er könne vor anderen nicht laut beten. Keith gestand, er fühle sich minderwertig unter all den reiferen Christen, denen die Gebete so leicht von den Lippen kamen. Ich gab ihm nicht irgendein Patentrezept mit auf den Weg, sondern sah Potential in ihm und ermutigte ihn, den Sprung ins kalte Wasser zu wagen. Eines Tages drängte er mich: „Fordere mich zum Beten auf, wenn ich gerade überhaupt nicht damit rechne!“ Das tat ich nur allzu gern! Schon bald darauf bat ich Keith an einem Hauskreisabend, unsere Gebetsgemeinschaft mit einem Gebet aus einem einzigen Satz zu eröffnen. Es war ein Anfang, und Keith betete, weil ich glaubte, dass er es konnte. Das Vertrauen, das ich zu ihm hatte, half ihm, seine Minderwertigkeitsgefühle zu überwinden. Er schritt dann weiter voran, wurde Kleingruppenleiter und später Diakon in seiner Ortsgemeinde.

Geistliche Kinder werden an Verantwortung und Leistung zunehmen, wenn jemand an sie glaubt. Eltern müssen ihre Kinder im Licht dessen sehen, was aus ihnen werden kann.

Eltern geben ihren Kindern einen sicheren Ort

Gott möchte Beziehungen schaffen, in denen geistliche Väter und Mütter ihren geistlichen Kindern ein Gefühl des Beschütztseins vermitteln, sodass sie als Christen heranreifen können. Als Eltern ist es uns wichtig, unsere natürlichen Kinder vor all den Verrücktheiten der Welt um sie herum zu beschützen. Wir wollen, dass sie wissen: Wie schrecklich es in der Welt auch werden mag, für sie gibt es immer Trost und Schutz bei einem Gott, der tiefen Anteil an ihnen nimmt und möchte, dass sie Risiken eingehen und Erfolg haben.

In gleicher Weise müssen geistliche Kinder sich so sicher fühlen, dass sie auch Fehler machen und Zuflucht vor den Übeln der Welt finden können. Geistliche Kinder brauchen von ihren Eltern Schutz, Fürsorge, Aufmerksamkeit, Führung und Ermutigung.

Geistliche Eltern: eine Definition

Geistliche Väter und Mütter können wir als Mentoren oder auch Coaches bezeichnen, weil sie Söhnen und Töchtern helfen, mit den Hindernissen umzugehen, mit denen sie auf ihren geistlichen Lebenswegen konfrontiert sind. Ein Coach ist jemand, der einen siegen sehen möchte. Ein Coach sagt einem, dass man es schaffen kann. In schlichten Worten lautet meine Lieblingsdefinition von geistlicher Elternschaft so:

Geistliche Eltern helfen geistlichen Kindern ihr gottgegebenes Potential zu erreichen.

So unkompliziert ist es, und genauso elementar. Bobb Biehl drückt es so aus: „Mentoring hat mehr mit ‚Wie kann ich dir helfen?’ als mit ‚Was könnte ich dir beibringen?’ zu tun.“11

Natürlich lehren geistliche Eltern auch geistliche Wahrheiten, aber sie verwenden mehr Energie dafür, sich um den Sohn bzw. die Tochter zu kümmern und ihnen in den vielen verschiedenen Aspekten ihres Lebens weiterzuhelfen. Eine geistliche Elternbeziehung kann niemals eine formelle Lehrer-Schüler-Beziehung sein, denn Elternschaft ist per Definition und auch ganz praktisch informelle Interaktion, wie sie sich entlang der Haupt- und Nebenstraßen des Lebens mit größter Selbstverständlichkeit vollzieht: Elternschaft ist ein Lebensstil.

1 Kool-Aid ist ein in den USA weitverbreitetes Erfrischungsgetränk. – Anm. d. Übersetzers.

2 Robert Stearns, Bereitet den Weg, Teamwork 17.12, Rosbach-Rodheim 2000, S. 140.

3 David Cannistraci, Apostolische Leidenschaft, Fürth 2001, S. 134/135.

4 Ken R. Canfield, Safe in a Father’s Love, Charisma 6/1991, S. 68-71.

5 Cannistraci, S. 139.

6 Susan Hunt, Spiritual Mothering, Wheaton, IL 1992, S. 12.

7 Ken Druck, The Secrets Men Keep, New York 1987.

8 Mehr zum Jesus-Modell des Mentorings lesen Sie in Kapitel 9.

9 Vgl. Matthew Henry’s Commentary in One Volume, Grand Rapids 1960, S. 119.

10 John M. Drescher, Seven Things Children Need (Scottdale, PA: Herald Press, 1976), S. 19.

11 Bobb Biehl, Mentoring, Nashville, TN 1996, S. 19.

Kapitel 4: Wie aus geistlichen Kindern Eltern werden

Für jeden Gläubigen gibt es drei Wachstumsstufen.

Irgendwie haben sich viele von uns weismachen lassen, geistliche Reife könne nur von Superheiligen erlangt werden, die fünf Stunden am Tag beten, viermal die Woche in der Gemeinde sind und ein rigoroses Bibellese-Programm durchziehen. Und dann verzweifeln wir, wenn wir damit nicht Schritt halten können. Nun ist es wohl wahr, dass wir, je mehr wir geistlich reifen, das Bedürfnis verspüren, öfter in der Bibel zu lesen und zu beten. Aber Wachstum zur Reife geschieht weit praktischer und Schritt für Schritt. Ich glaube, wir wachsen ganz besonders dann, wenn wir uns den geistlich weniger Reifen zuwenden, statt dass wir dauernd für uns selbst Futter brauchen. Reife setzt voraus, dass wir mehr Verantwortung für andere übernehmen.

Für Gottes Lebensordnung ist es unerlässlich, dass Menschen von geistlichen Säuglingen zu geistlichen Eltern heranwachsen. Deshalb hat Gott uns ein natürliches Übungsfeld vorbereitet, bestehend aus „Wachstumsstufen“, die wir auf unserem Weg zur Elternschaft durchlaufen. Nach der Bibel sind diese drei Wachstumsstufen: Kind, junger Mann (bzw. junge Frau) und Vater (bzw. Mutter). An jedem Punkt unseres Weges fungieren wir auf eine bestimmte Art und Weise und haben ganz bestimmte Aufgaben zu erfüllen. Johannes geht in einem seiner Briefe auf alle drei geistlichen Wachstumsstufen ein:

Ich schreibe euch, Kinder, weil euch die Sünden vergeben sind um seines Namens willen. Ich schreibe euch, Väter, weil ihr den erkannt habt, der von Anfang an ist. Ich schreibe euch, ihr jungen Männer, weil ihr den Bösen überwunden habt. Ich habe euch geschrieben, Kinder, weil ihr den Vater erkannt habt. Ich habe euch, Väter, geschrieben, weil ihr den erkannt habt, der von Anfang an ist. Ich habe euch, ihr jungen Männer, geschrieben, weil ihr stark seid und das Wort Gottes in euch bleibt und ihr den Bösen überwunden habt (1 Joh 2,12-14).

Über diese Verse im 1. Johannesbrief sagt der internationale Redner, Lehrer und geistliche Vater Alan Vincent aus San Antonio, Texas: „Der Apostel Johannes sehnte sich nicht nur nach starken Männern, die Gottes Wort kannten und den Bösen zu überwinden wussten, sondern nach Vätern, die wirklich Gott kannten und bereit waren, Väter für die Gemeinde zu sein. Die meisten unserer sozialen Probleme würden sich in Luft auflösen und Satans Reich würde entscheidend gestutzt werden, wenn alle Männer nach dem biblischen Prinzip zu Hause, in der Gemeinde und in der Gesellschaft zu starken Vätern würden. Vaterschaft ist das Fundament, auf dem Gott das ganze Gebäude der Gesellschaft errichten möchte.“

Kinder müssen erwachsen werden. Indem das Wort Gottes in ihnen lebt und sie die Anschläge des Teufels überwinden lernen, werden sie zu geistlichen jungen Männern bzw. Frauen. Und wenn junge Männer und Frauen dann reifer werden und eine intime Beziehung zu Gott entwickeln, werden sie zu geistlichen Vätern und Müttern – und um geistliche Eltern zu sein, müssen sie geistliche Kinder haben!

Wenn wir es versäumen, diese natürlichen Schritte zu gehen, zunächst geistliche junge Männer/Frauen und dann geistliche Eltern zu werden, bleiben wir Babys – geistlich unreif und ohne elterliche Kompetenz. Traurigerweise findet man in der Gemeinde Jesu allzu viele solche Leute. Häufig gibt es in unseren kirchlichen bzw. gemeindlichen Systemen keinerlei Vorkehrungen dafür, dass Gläubige sich entwickeln und reifen können. Und manchmal wollen die Leute auch einfach die Verantwortung, geistliche Eltern zu werden, nicht übernehmen. Vielleicht denken sie, sie hätten zu viel zu tun oder würden ausbrennen, wenn sie sich um einen Schützling kümmern sollten. Oder sie empfinden, sie hätten wenig zu geben, weil sie sich selbst nicht reif genug fühlen. Doch was auch immer die Gründe sein mögen, nach wie vor glaube ich, es ist für jeden Einzelnen das Allerbeste, wenn er die Gelegenheit bekommt, in den geistlichen Dienst einzusteigen und tiefe und relevante Beziehungen zu anderen einzugehen. Durch Vorbild und Weitergabe kommt es zu geistlicher Reproduktion.

Schauen wir uns an, wie aus einem geistlichen Kind ein geistlicher Vater oder eine geistliche Mutter wird.

Geistliche Kinder

Neugeborene Babys bringen Leben in eine Familie! Sie lachen und schreien, bringen ihre Bedürfnisse sofort und ganz selbstverständlich zum Ausdruck. Sie drehen sich um sich selbst – sie wissen es nicht besser, und wir erfüllen ihre Bedürfnisse nur allzu gern. Eltern macht es nichts aus, wenn Babys ihre Windeln dreckig machen, denn das tun Babys nun einmal. Auch wenn der Wirbel, den sie machen, und ihr Geschrei die Tagesplanung der Eltern über den Haufen werfen, sind Papa und Mama glücklich, sich um ihr Kind kümmern zu können, ist es doch klein, schutzlos und hilfsbedürftig. Liebevolle Eltern würden niemals einem Kind ihre Zuwendung verweigern.

Auch geistliche Babys im Leib Jesu sind etwas Tolles! Und gute geistliche Eltern sind glücklich, wenn sie ein bisschen mehr Zeit für ihre geistlichen Kinder aufwenden dürfen, um sie in die richtige Richtung zu lenken. Geistliche Babys brauchen ununterbrochenen Beistand und Fürsorge. Häufig machen sie Dinge, die man nicht von ihnen erwartet, weil sie immer noch erst lernen, was es heißt, Jesus nachzufolgen. Nach 1. Johannes 2,12 sind sie „Kinder“, denen „die Sünden vergeben sind“, was sie in die Gemeinschaft mit Gott und anderen Gläubigen stellt. Und genau das haben sie auch vorrangig im Blick: Sündenvergebung erfahren, in den Himmel kommen und den Vater kennenlernen. Genau wie natürliche Babys kennen sie ihren Vater, auch wenn es sich hier wohl um keine tiefgründige Gotteserkenntnis handeln dürfte. Geistliche Kinder sind sich äußerst bewusst, was der Eine, der sie erlöst hat, ihnen geben kann, und erpicht darauf, es auch zu bekommen. Freimütig bitten sie den Vater, wenn sie etwas brauchen. Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass neue Gläubige manchmal Gebete sprechen, die theologisch schräg klingen, und Gott nichtsdestotrotz fast alle diese Gebete erhört? Der Vater lässt sich nicht lange bitten, sich um diese Kleinen zu kümmern.

Was aber passiert, wenn geistliche Babys nicht heranwachsen? Legen Männer und Frauen im vorgerückten Erwachsenenalter immer noch kindische Emotionen, die Trotzausbrüche eines Krabbelkindes oder die Verhaltensweisen eines Pubertierenden an den Tag, sprechen Psychologen von angehaltener Entwicklung. Menschen, deren Entwicklung angehalten ist, haben schlicht ihr emotionales Wachstum eingestellt und stecken in einem unreifen Stadium ihres Lebens fest. Und seien wir ehrlich: So liebreizend kleine Kinder auch sind, so wenig ansprechend ist kindisches Betragen, wenn es sich nicht mit der Zeit verliert. Ein kindischer Erwachsener ist nicht anziehend, genauso wenig wie ein Gläubiger, der geistlich nicht gewachsen ist.

Ein Pastor, mit dem ich befreundet bin, klagte: „Manchmal komme ich mir vor, als müsste ich Sonntag für Sonntag in der Gemeinde die Reihen abschreiten und jedem sein geistliches Fläschchen verabreichen. Und was mir echt auf die Nerven geht, ist, dass ich bei manchen erst mal die Schnurrbarthaare zur Seite streichen muss, damit ich ihnen das Fläschchen in den Mund stecken kann!“ Mit anderen Worten, es sind keineswegs nur neu Glaubende, die uns heute in der Kirche als geistliche Babys begegnen. Ältere Christen, denen es an geistlicher Reife fehlt, sind zwar an Jahren Erwachsene, aber Babys, was ihr geistliches Wachstum angeht. Sie mögen zwanzig, vierzig, sechzig oder noch mehr Jahre alt und wer weiß wie lange gläubig sein und sind doch nie geistlich reif geworden. Sie führen einen ichsüchtigen Lebensstil, und wenn die Dinge nicht so laufen, wie sie es wollen, quaken und jaulen sie und kriegen Wutanfälle. Manche können es nicht annehmen, dass Gott sie um ihrer selbst willen liebt. Andere versinken vielleicht in Selbstmitleid, wenn sie mal einen Fehler gemacht haben. Und wieder andere leben unter einer riesigen düsteren Wolke von Schuld und Selbstverdammung.

Ich hörte die Geschichte von dem kleinen Matthew, der eines Abends von seiner Mutter ins Bett gesteckt wurde. Ungefähr eine halbe Stunde später hörte die Mutter etwas zu Boden plumpsen. Sie wusste genau, was passiert war: Matthew war aus seinem Bettchen gefallen. Als sie nach oben kam, saß Matthew mitten im Zimmer auf dem Boden und schaute verwirrt aus der Wäsche.

„Was ist denn passiert, Matthew?“, fragte sie.

„Ich weiß nicht“, sagte er. „Ich glaube, ich bin einfach zu nahe an der Stelle geblieben, an der ich ins Bettchen reingekommen bin.“

Es gibt geistliche Kinder, die zu nahe an der Stelle bleiben, an der sie reingekommen sind. Sie haben es bitter nötig zu wachsen, damit sie zu geistlichen jungen Männern und Frauen und schließlich selbst zu geistlichen Eltern werden können.

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Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
285 s. 9 illüstrasyon
ISBN:
9783955781347
Telif hakkı:
Автор
İndirme biçimi:

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