Kitabı oku: «Barfuß auf dem Dixi-Klo. Triathlongeschichten vom Kaiserswerther Kenianer.»
LARS TERÖRDE
Barfuß auf
dem Dixi-Klo
TRIATHLONGESCHICHTEN
VOM KAISERSWERTHER KENIANER

Lars Terörde:
Barfuß auf dem Dixi-Klo
Triathlongeschichten vom Kaiserswerther Kenianer
Covadonga Verlag, Bielefeld – 2010
ISBN 978-3-936973-56-3
ISBN-ePub 978-3-936973-61-7
Coverillustration: Niels Fliegner / dpa Picture-Alliance.
Alle Rechte vorbehalten. Wiedergabe, auch auszugsweise,
nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags.
Covadonga ist der Verlag für Radsportliteratur.
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eBook-Herstellung und Auslieferung:
readbox publishing, Dortmund
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Inhalt
Der Kaiserswerther Kenianer
Das Duell in der Domstadt
Der Kenianer auf Hawaii
Eine spontane Anmeldung
Nur noch sechs Wochen
Kindergartenviren
Vorstartlaunen
Marathonhelden
Ohrwürmer
Der Schock
Weihnachten
Ein folgenschwerer Irrtum
Winterschwimmen
Der dicke Schäng
Auf der Rolle
Der Zehn-Kilometer-Lauf
Februar im Ruhrtal
Ein schöner, langsamer Nachmittagsf***
Der erste Wettkampf des Jahres
Gewichtsprobleme
Der mysteriöse Schwager
Der Skandal
Auf dem Weg nach Ameland
Der Oerder Blinkert
Wettrüsten
Die lieben Nachbarn
Schlechte Tage
Frühe Fahrten
Ein sportliches Gelübde für Fortuna
Der Rheinsteig-Extremlauf
Harsewinkel
Seeschwimmen
Der Formcheck
Am Tag vor dem Start
Barfuß auf dem Dixi-Klo
Lutscher
Finale
In Sittard
Danksagung
Der Kaiserswerther Kenianer
Die Tür ging auf…
»Hallo…!«
»Hallo, Schatz! Wie war dein Lauf?«
»Grandios, einfach nur klasse…«, er rang nach Atem, »…ich habe gewonnen! Zum ersten Mal.«
»Was hast du denn gewonnen? Du warst doch ganz alleine auf einem Trainingslauf?« Sie schaute ihn misstrauisch an. Er sah kaputt aus. Dicke rote Ränder unter den Augen. Salzkrusten im Gesicht. Undefinierbarer Schmodder klebte am Ärmel des Laufshirts. Ein untrügliches Zeichen für eine Trainingseinheit, die er einen »Tempolauf« nennt, und ein klassisches Zeichen von Überforderung, wie sie findet. Aber dass er jetzt auch noch davon redete, dass er »gewonnen« hätte, machte ihr Sorgen.
»Na ja, gegen Haile halt… Heute habe ich ihn herausgefordert und…«
»Gegen Haile? Du willst mir erzählen, dass du im Kalkumer Wald gegen Haile Gebrselassie gelaufen bist?«
Immerhin kannte sie den weltberühmten Wunderläufer aus Äthiopien. Den vielfachen Weltmeister, Olympiasieger und aktuellen Inhaber der Weltbestzeit über die Marathonstrecke. Aber dass ihr Durchschnittsgatte behauptete, nach Feierabend auf einer Laufrunde irgendwo zwischen Düsseldorf-Kaiserswerth und Ratingen gegen ihn angetreten zu sein, ließ sie ernsthaft an seinem Geisteszustand zweifeln.
»Kann man sich so anstrengen, dass man noch zu Hause fantasiert?«, fragte sie sich nicht zum ersten Mal.
Sie selbst treibt keinen Sport, aber das Zusammenleben mit einem ehrgeizigen Triathleten hatte ihr die notwendigen Grund-kenntnisse über den Ausdauersport beschert. Schließlich konnte sie nicht immer weghören, wenn er am Frühstückstisch den Sinn von Trainingsplänen vor sich hin diskutierte oder ihr ungefragt mit Hilfe von Salzstreuern das taktische Verhalten eines Radsportteams und den Effekt des Windschattenfahrens erklärte. Im Laufe der Jahre hatte sie einiges an Triathlonwissen angehäuft. Ob sie wollte oder nicht.
»Ja klar! Heute habe ich ihn endlich gepackt! Auf den ersten Kilometern sind wir noch zusammen gelaufen, dann habe ich ihm einen kleinen Vorsprung gegönnt und ihn in Sicherheit gewiegt. Er hat wohl gedacht, er würde das Ding schon schaukeln«, erzählte er freudestrahlend. »Aber da hatte er sich gehörig geschnitten. Auf den letzten Kilometern habe ich all die Körner eingesetzt, die ich zuvor gespart hatte, und dann…«, er grinste müde, »…habe ich ihm auf den letzten Metern vor dem Ortseingang noch die Fersen gezeigt! Er hat sich noch ganz schön gewehrt, aber…«
»Moment mal! Entschuldige, wenn ich dich unterbreche«, fiel sie ihm ins Wort. »Was erzählst du mir da eigentlich für eine verrückte Geschichte? Du bist mit Gebrselassie in unserem Wald um die Wette gelaufen? Das ist ja schon wirr! Aber dass du auch noch gewonnen haben willst… Bist du sicher, dass mit dir alles in Ordnung ist?«
»Nee, nee, Schatz, doch nicht gegen Gebrselassie! Ich bin gegen Haile gelaufen…«
»Ist das nicht der Gleiche? Das ist doch sein Vorname.«
»Quatsch. Mein Haile ist doch nicht echt! Der ist hier drin.« Er deutete auf seinen Laufcomputer am Handgelenk. »Das ist der virtuelle Laufpartner, der auf meiner Hausrunde immer die Bestzeit läuft.«
»Und der heißt Haile? Welche Marketingabteilung denkt sich denn so einen Schwachsinn aus? Die sind sich auch für nichts zu schade, um euch Sportlern ihren Technikkram aufzuschwatzen.«
Der Mann wurde kleinlaut: »Äh, Moment mal! Der heißt doch gar nicht so. Das ist lediglich ein virtueller Laufpartner, den jeder nach seinen eigenen Wünschen programmieren kann. Ich habe ihn so eingestellt, dass er mir über GPS anzeigt, wie viele Meter ich hinter meiner Hausrundenbestzeit zurückliege.« Er druckste verlegen. »Den Namen Haile habe ich mir ausgedacht.«
»Du nennst Zahlen in deiner Uhr
Haile
?«, fragte sie belustigt. »Oh Mann, dir ist aber nicht viel peinlich, oder? Ist das noch derselbe Mann, der sich immer darüber schlappgelacht hat, dass Frauen ihren Autos Namen geben?« Sie schüttelte ungläubig den Kopf. »Machen das alle Läufer so, oder bist nur du so kindisch? Lass mich raten, wahrscheinlich ist das so eine Idee von einem aus deiner Läufer-Community! Ihr habt doch echt alle einen an der Waffel.« Sie grinste, ging in die Küche und holte ihm eine Flasche Wasser, einen Messbecher und das Iso-Pulver. Nein, böse war sie ihm nicht. Aber sie konnte sich immer wieder über die Dinge amüsieren, die in der Parallelwelt eines Ausdauersportlers wichtig waren.
»Und du hast also heute gegen Haile gewonnen?«, augenscheinlich hatte sie ihren Spaß an der Geschichte gefunden.
»Ja, sage ich doch! Ich spiele mit ihm immer
Kölner oder Kenianer
. Der Gewinner ist der Kenianer, der Verlierer der Kölner!«
»Und bis heute warst du immer der Kölner?«
»Na, jedenfalls auf der Hausrunde. Auf anderen Strecken habe ich ihn natürlich schon geschlagen.«
»Kölner oder Kenianer! Tststs…« Kopfschüttelnd sah sie ihn an. »Dann bist du also jetzt der Kenianer? Tut mir leid, aber…« Sie begann zu lachen. »Das ist bekloppt! Du bist fast zwei Meter groß, wiegst annähernd zwei Zentner, und deine Hautfarbe hat auch nicht viel von einem Kenianer!«
»Ach, menno…!«
»Lass mir doch meinen Spaß«, sagte sie. »Schließlich muss ich mir deine Geschichten auch immer anhören. Welchen Schnitt du gelaufen bist, wie deine Herzfrequenz war und wie viele Monatskilometer du geschafft hast. Du kannst dir jede Altersklassenplatzierung bei irgendwelchen Provinzveranstaltungen merken, aber unseren Hochzeitstag vergisst du ständig…!«
»Stimmt nicht, es ist der 22. November!«
»Gottseidank, den Kopf gerade noch mal aus der Schlinge gezogen«, dachte der Mann, natürlich ohne zu erwähnen, dass es Boris Becker war, der ihn mit einer Eselsbrücke gerettet hatte. Der einstige Tennis-Crack hatte am gleichen Tag Geburtstag.
»Oha, erstaunlich! Aber ich denke, du weißt, was ich meine.«
Er mixte sein Sportgetränk, während sich unter ihm eine Schweißlache auf dem Parkett bildete.
»Dafür bin ich neue Bestzeit gelaufen. Die bisherige war ganz schön alt. Dass ich das überhaupt noch mal schaffen würde, hätte ich nicht gedacht.« Seine Freude darüber ließ er sich auch nicht durch die Hänseleien seiner Frau nehmen.
»Ja, ja, Haile sei Dank! Jetzt trag mal brav deine Laufdaten in deine Excel-Tabellen ein und spring unter die Dusche. Ich hole eben Sohnemann von seinem Freund ab, und dann gibt es Abendessen«, entgegnete sie versöhnlich. Aber ein hingekichertes »Er ist ein Kenianer und ich sein Weib, ich glaub’ es nicht!« ließ sie sich im Hinausgehen trotzdem nicht nehmen.
So, sie war weg, und er hatte seine Ruhe. Der Puls verlangsamte sich, die Verbindung seines Armkästchens zum Rechner war hergestellt, und schon konnte er sich an den bunten Grafiken begeistern, die seine Laufleistungen sichtbar machten. Dann schrieb er noch schnell einen beifallheischenden Kurzbericht über seine jüngste Heldentat im Blog seiner Läufer-Website und begab sich unter die Dusche.
»Hallo Papa…« Sohnemann riss ihn aus den Gedanken an den erfolgreichen Wettlauf, während das heiße Wasser auf ihn niederprasselte. Er wollte mit unter die Dusche.
»…Papa!«
»Ja, Sohnemann, was ist denn?«
»Mama hat erzählt, dass du nicht mehr Papa heißt. Stimmt das?«
»Wieso das denn? Natürlich bin ich der Papa. Wie soll ich denn sonst heißen?«
»Känianah oder so…« Der Fünfjährige tat sich mit der Aussprache schwer.
»Unsinn, wie kommt die Mama denn auf so was?«
»Weil, du hast doch den Wettlauf gewonnen, hat sie erzählt bei der Mama von Ben, und dass du jetzt Känia- oder Kännianna oder so heißt, und dann haben die beiden ganz doll gelacht und irgendwie gesagt, dass alle Männer doof sind…«
»Na, super! Schön, dass deine Mutter so etwas erzählt!«
Beim Abendessen fragte der Mann noch mal nach: »Du hast unseren Freunden von meinem Lauf gegen Haile erzählt und ihnen gesagt, dass ich jetzt der Kenianer bin? Musste das sein? Ist doch irgendwie peinlich…«
»Peinlich? Das nennst du peinlich? Das war ein Spaß! Ich werde dir erzählen, was wirklich peinlich war: Dein Verhalten war peinlich, als du dich über das Geburtstagsgeschenk beschwert hast, das genau diese Freunde dir gemacht haben.«
»Aber das war doch auch unmöglich.« Er erinnerte sich noch gut an seinen Schrecken beim Auspacken des Pakets.
»Unmöglich? Das war ein super Trainingsanzug, und du hast dich vor allen anderen Gästen darüber lustig gemacht!«
»Hallo?!? Der Anzug ging doch gar nicht! Ich hatte mir Tights und Windstopper-Funktionswesten aus High-End-Kunstfasern gewünscht, und die haben mir einen Trainingsanzug mit Pluderhosen aus Baumwolle gekauft.«
»Der Anzug war schweineteuer, ich habe ihn zufällig im Katalog gesehen.«
»Es war Baumwolle, überhaupt nicht atmungsaktiv…«
»…und du hast gesagt, dass der für Opas mit Kathederbeuteln in der Rehaklinik sei! Das war peinlich! Die waren echt angefressen, und wir können froh sein, dass sie mit uns überhaupt noch was zu tun haben wollen. Also halt dich schön ruhig und lass mich mal wieder ein bisschen Schönwetter machen – auch wenn es auf deine Kosten geht.«
Na ja, so standen die Dinge für ihn. Jetzt musste er mit diesem Namen leben. Er hatte ihn schwer erkämpft. Also wollte er ihn mit Stolz tragen, denn immerhin hatte er Haile auf der Hausrunde besiegt! Er hatte als Erster das Ziel am Ortseingangsschild erreicht und für den Titel gekämpft.
Er war der Kaiserswerther Kenianer!
Das Duell in der Domstadt
Der Kenianer ist Triathlet! Kein guter, aber doch mit einigen Jahren Erfahrung auf dem imposanten Buckel. Und immer mit dem Ehrgeiz, neue Distanzen zu bewältigen und alte Strecken schneller als im Jahr zuvor zu schaffen. So setzt er sich in jeder Saison neue Ziele.
Dieses Mal war es eine neue Bestzeit für die Kölner Mitteldistanz, die 2,5 Kilometer Schwimmen, 90 Kilometer Radfahren und 21,1 Kilometer Laufen von den Teilnehmern forderte. Seine Form war so gut wie lange nicht, und zwischen ihm und einem positiven Saisonfazit lagen nur 113,5 Kilometer in weniger als fünfeinhalb Stunden. So dachte er zumindest noch zu Beginn der Saison darüber.
Des Kenianers Training war besser als in den Jahren zuvor, das Weib noch toleranter und die Urlaubsplanung geschickt eingefädelt. Drei Wochen auf der Nordseeinsel Ameland im April lieferten die Grundlage für gute Laufleistungen. Eine neue Marathonbestzeit war das erste Ergebnis. Weitere drei Wochen Sommerurlaub zu Hause und in nahegelegenen Mittelgebirgen brachten den Schub für die Radfahrbeine. Die ewigen Gewichtsprobleme waren zwar nicht plötzlich verschwunden, doch deutlich weniger ausgeprägt als in vergangenen Jahren. Es sprach eigentlich alles für einen glorreichen Abschluss seines Sportjahres.
Eigentlich? Ja, leider nur eigentlich! Denn im Laufe des Jahres war ein immer stärker leuchtendes Störfeuer in die heile Triathlonwelt des Kenianers getreten. Ein Störfeuer in Form des knapp vier Jahre jüngeren Schwagers. (Tatsächlich war er noch nicht vor Amt und Gott Schwager, aber keiner hätte ein Problem damit, wenn er es denn werden sollte.)
Über des Kenianers Schwesterherz war der Schwager einst zum Sport gekommen und hatte sich bald als jemand entpuppt, der eine außergewöhnliche Leidensfähigkeit bei Ausdauerwettkämpfen mit chronischer Unlust am systematischen Training und einem ausgeprägten Hang zu ausschweifenden Kalorienexzessen verband. So konnte sich der Kenianer in der familieninternen Sporthierarchie auch weiterhin immer als Platzhirsch gebärden und beim Adventskaffee seinen Triathlonerfahrungsschatz gönnerhaft ausbreiten. In dem sicheren Gefühl, unangreifbar zu sein. Denn er kannte des Schwagers Referenzzeiten.
Wie hübsche Teeniemädels, die gerne hässliche Freundinnen auf Partys mitnehmen, um sich in besserem Licht präsentieren zu können, suchte der Kenianer die gemeinsame Saisonplanung mit dem Schwager. »Komm schon, etwas Training und du packst auch mal eine Olympische Distanz«, waren in den letzten Jahren des Kenianers Worte.
Mitgemacht und das Ziel erreicht hatte der Schwager bis dato immer – auch wenn er wochenlang ohne Training war, zum Wettkampf mit platten Reifen und einer eingerosteten Kette auftauchte und es stets der Kenianer war, der in den letzten dreißig Minuten vor dem Start die Wartungsarbeiten am Rad des Schwagers erledigen musste. Tatsächlich konnte der Kenianer nicht umhin, ihn für die Willensleistungen, die er bei diesen Wettkämpfen ablieferte, aufrichtig zu bewundern.
Ohne Training und mit deutlichem Übergewicht zu starten, war gewiss unvernünftig, aber des Schwagers Zähigkeit und sein Kampfgeist waren beneidenswert. Nicht selten bezahlte er sie mit tagelangem Muskelkater und hässlichen Blasen.
Doch dieses Jahr war irgendwie anders. Es begann mit der bierseligen Ankündigung des Schwagers zur Weihnachtszeit, im Mai seinen ersten Marathon mitlaufen zu wollen.
»Klar, Schwager, darauf trinken wir noch eins…!«, lallte der Kenianer zurück.
Zwar war des Schwagers Vorbereitung dann eher unorthodox, doch überraschte er den Kenianer bei seiner Marathon-Premiere mit einem nicht erwarteten Zieleinlauf. Immerhin hatte der Kenianer ausreichend Vorsprung und konnte ihn entspannt und schon umgezogen mit einem Becher Alkoholfreiem in Empfang nehmen. Und dennoch: Allein mit diesem Lauf hatte der Schwager mehr Kilometer gesammelt, als er in der Vergangenheit zum vergleichbaren Zeitpunkt im ganzen Jahr gelaufen war.
Für den Kenianer noch kein Grund zur Besorgnis. Auch nicht das nächste Ereignis, das jedem Triathleten ungläubiges Kopfschütteln entlocken muss. Kenianer, Schwager und Schwester waren auf dem Weg ins Westfälische. Der Kenianer hatte für die große Mitteldistanz (2 km Schwimmen – 80 km Radfahren – 20 km Laufen) gemeldet, der Schwager und die Schwester für die kleine Volksdistanz (0,5 km – 20 km – 5 km).
Doch morgens auf der A2 verkündete der Schwager plötzlich: »Ich frag’ mal beim Veranstalter, ob ich die Distanz noch tauschen kann.«
»Du willst echt die Olympische Distanz machen? Die doppelte Strecke?«, fragte das Schwesterherz besorgt. »Meinst du, du schaffst das?«
Die Antwort war kaum verständlich dahingenuschelt, und nachdem er bei der Orga-Leitung vorgesprochen und nachbezahlt hatte, kam der Schwager mit einer neuen Startnummer an. Olympisch? Weit gefehlt. Er hatte sich kurzerhand für die Mitteldistanz gemeldet! Zwei Kilometer war er noch nie am Stück geschwommen, und die 80 Kilometer auf dem Rad entsprachen so etwa seiner bisherigen Jahresleistung. Die Schwester bekam hektische Sorgenflecken im Gesicht, der Kenianer staunte, doch der Schwager ging cool zur Wechselzone und checkte sein Rad ein.
Als sich der Kenianer vor vielen Jahren zum ersten Mal an eine Mitteldistanz wagte, hatte er vorher zwei Nächte schlecht geschlafen und sich monatelang im Training mit Überdistanzen gequält.
Einige Stunden später auf der Laufstrecke: Die Anfeuerung »Du siehst gut aus« konnte nur als Witz gemeint sein. Der Schwager war genauso fertig, wie er aussah, und konnte nicht mal mehr über die Ironie lachen. Aber er lief. Bis zum Schluss und ohne Pause! So kam der Schwager zu seinem Debüt auf der Mitteldistanz. Schon eine halbe Stunde nach dem Zieleinlauf, gestärkt mit mindestens drei Alkoholfreien und einem halben Tablett Streuselkuchen, fand er die Sache gar nicht mehr so schlimm und plante schon neue Abenteuer.
Der Schwager hatte Blut geleckt. Die Kölner Mitteldistanz war jetzt gebucht und stand auf seinem Veranstaltungsplan. Und da seine Trainingssaison ohnehin nur von Ende Mai bis Anfang September ging, wurde er jetzt auch allmählich stärker. Beim nächsten Kurztriathlon runzelte der Kenianer zumindest schon mal skeptisch die Stirn, als er seinen Vorsprung auf den Schwager beim Laufen nicht mehr ausbauen konnte. Danach überraschte der Schwager bei einer verkürzten Mitteldistanz. Nur aufgrund der besseren Schwimmleistung war der Kenianer vor ihm geblieben, die Laufzeiten waren gleich, und auf dem Rad war der Schwager sogar schneller gewesen.
Noch misstrauischer machte den Kenianer die Zehn-Kilometer-Zeit, die der Schwager bald darauf bei einem Kurztriathlon ablieferte. Ging da wirklich alles mit rechten Dingen zu?
»Gut, ich war bei dem Triathlon nicht am Start, und manchmal sind die Laufstrecken ja recht optimistisch vermessen«, dachte der Kenianer.
Trotzdem: Der Kampf war eröffnet!
Zum ersten Mal in seiner Karriere als Triathlet hatte er einen Gegner. Waren es all die Jahre immer nur Zeiten und Platzierungen gewesen, die ihn interessierten, stand von nun an viel mehr auf dem Spiel. Bisher hatte er immer den Ton angegeben; er war das Alphatier, der große Wissende, der großzügig Tipps verteilte und mit persönlichen Einschätzungen über die moderne Trainingslehre provozierte. Doch wo würde seine Glaubwürdigkeit bleiben, wenn er von einem übergewichtigen Gelegenheitssportler überholt würde, der noch dazu aus der eigenen Familie stammte? Würde der Kenianer eine solche Schmach verwinden können? Er, der zum Formaufbau vor allem fürs Laufen und Schwimmen auch im Winter trainierte? Er, der an Samstagen regelmäßig in aller Herrgottsfrühe seine langen Radrunden startete und dann abends auf Partys stets um kurz nach zehn Uhr einzuschlafen drohte?
Das Schlimmste war jedoch die Kritik des Weibes: »Wenn er ohne Training schneller ist als du, dann brauchst du doch eigentlich gar nicht mehr zu trainieren. Dann können wir doch die Zeit besser gemeinsam verbringen, und du machst die Wettkämpfe nur noch so.«
»Nur noch so?!?« Der Kenianer war schockiert. Er machte doch Triathlon nicht einfach nur so. Monatelanger Formaufbau, wochenlange Gerstensaftkarenz zur Gewichtsreduktion, ein aerodynamisches Rad zum Preis eines kleinen Gebrauchtwagens und eine Saisonplanung nach dem Prinzip der Periodisierung sind doch nicht »nur so«. Nein, der ganze Aufwand diente einem hohen Ziel: In Köln schneller zu sein als im letzten Jahr. Da passte ihm das innerfamiliäre Störfeuer so gar nicht in den Kram.
Es stand also viel auf dem Spiel an jenem Sonntag in Köln. Nicht mehr nur die Bestzeit, sondern vor allem das Duell Mann gegen Mann. Aufgrund der Verlegung der Startzeiten auf den Mittag fand sich der Kenianer zu ziviler Uhrzeit auf der Autobahn Richtung Köln. In seinem Großmut hatte er dem Schwager angeboten, ihn in Leverkusen am Bahnhof abzuholen. »Man ist ja Sportsmann.«
Doch kaum hatte er ihn und sein Rad verladen, kam es zum Frontalangriff. Geschickt lenkte der Schwager das Gespräch aufs Essen, und der Kenianer musste gestehen, dass ihm die ungewöhnliche Startzeit etwas Kopfzerbrechen bereitete. Wann, was und wie viel zu essen sei, wusste er nicht genau. Er wollte jedoch keinesfalls mit Hunger ins Rennen gehen. Auf diese Antwort hatte der Schwager anscheinend nur gewartet. Er zog alle Register und bot selbst gemachte Frikadellen an.
Die Gedanken des Kenianers wirbelten durcheinander: »Kann er wirklich so tief sinken und mir so etwas vor einem Wettkampf anbieten, womöglich alt und präpariert?« Nach einer kurzen Denkpause war er sich sicher. »Ja, er kann!« Dankend lehnte er ab.
Beiden war klar, dass ab jetzt die Visiere heruntergeklappt und die Lanzen gehoben waren. Frikadellen, selbst gemacht, und das drei Stunden vor dem Start… unglaublich!
Beim obligatorischen Aufpumpen der Räder – der Schwager hatte wie immer keine eigene Pumpe dabei – beschloss der Kenianer, ihm nur fünfeinhalb Bar einzupumpen, was genug zum Fahren war, aber zu wenig, um schnell zu sein. Die niederträchtigen Gedanken anscheinend ahnend, ließ der Schwager die Druckanzeige keine Sekunde aus den Augen und war erst mit satten achteinhalb Bar zufrieden. »Hoffentlich platzt dir der Reifen!«, dachte der Kenianer lautlos fluchend.
Dann ging es ab zum Einchecken, bei dem die Teilnehmer sich und ihre Ausrüstung startklar machen. Problemlos gelangten beide an die Startunterlagen. Problematisch war für den Schwager jedoch der Umgang mit all den Aufklebern, die er an Helm, Rad und Kleiderbeutel anbringen musste. Heimlich hatte der Kenianer diese auf den Tisch platziert, und schon fegte der starke Wind sie in Richtung Radstrecke. Zwar fand der Schwager alle wieder, aber seine Startvorbereitung war zumindest ins Stocken geraten.
In der restlichen Zeit bis zum Start boten sich keine wirklichen Gelegenheiten mehr zur Beeinflussung des Gegners. Zu sehr belauerten sich die beiden Kontrahenten. Wie zwei Boxer in der ersten Runde, nur auf den nächsten Fehler des anderen wartend. Ernährungstechnisch ging der Kenianer mit einem schwarzen Kaffee und einem schnöden Käsebrötchen am Imbissstand auf Nummer sicher. Die Stunde bis zum Start verbrachten sie auf verschiedenen Klos, beschäftigten sich mit den letzten Einstellungen an der Wechselzone und betrachteten sorgenvoll die stramm im Wind stehenden Fahnen.
»Hoffentlich gibt es beim Radfahren nicht so ein Gelutsche wie zuletzt«, sagte der Kenianer in Erinnerung an den Start vor einem Jahr, als die Athleten der Lang- und Mitteldistanz gemeinsam auf der Strecke waren und viele dem ebenso verbotenen wie verpönten Windschattenfahren frönten.
»Stimmt, Lutschen! Das hat für mich mit Triathlon nicht viel zu tun«, entgegnete der Schwager scheinheilig.
Schließlich ging es ins Wasser. Beeindruckend viele Menschen mit schwarzen Neoprenanzügen und Badekappen drängten sich über die Einstiege in die Fluten des Fühlinger Sees. 800 Athleten im Wasser, das Auge des Sturms jedoch in trügerischer Ruhe zwischen dem Kenianer und seinem Kontrahenten. Er heuchelte ihm »Alles Gute!« und »Viel Glück!« zu. Beim Abklatschen hegte er kurz den Gedanken, den Schwager unter Wasser zu ziehen. Strafrechtliche Überlegungen ließen den Kenianer davon Abstand nehmen.
Dann der Start. Wie die vielen vor ihm beendete der Kenianer den Countdown bereits bei fünf. Er beruhigte sein Gewissen mit der Annahme, ja erst bei null an der Startlinie zu sein. Sozusagen ein fliegender Schwimmstart. Aber es galt jetzt, keine Sekunde zu verlieren. Rhythmus finden. Drei links, drei rechts – wie beim Stricken. Geradeaus schwimmen ist auf der Kölner Regattabahn mit ihren Leinen unter Wasser keine Hexerei und kein Glücksspiel wie anderswo. An der Wende nach 1.250 Metern ein kurzer Blick auf die Uhr. Überraschend schnell war er unterwegs, aber es ging noch mehr. Die Gedanken an die Konkurrenz ließen ihn das Tempo forcieren. Als besserer Schwimmer wollte er ordentlich vorlegen. Der Schwager sollte ihn in der Wechselzone nicht mehr sehen. »Weiter, immer weiter!«, zitierte der Kenianer im Rhythmus seiner euphorischen Armzüge den Torwart-Titan Oliver Kahn.
Auch wenn es ein verdammt langes Rennen werden sollte, so gab es keinen Grund, beim Wechsel zu trödeln. Ein Blick auf des Schwagers Platz beruhigte. Jungfräulich unberührt wartete dessen Rad in der tobenden Hektik der immer voller werdenden Wechselzone.
Los ging es auf die wilde Fahrradjagd.
»Geh nicht zu schnell an, du hast noch 90 Kilometer vor dir«, sagte das Engelchen auf der rechten Schulter. »Gib Gas. Zermalme ihn. Demütige ihn am nächsten Wendepunkt«, entgegnete das Teufelchen auf der linken. Der Kenianer folgte dem kleinen Satansbraten.
Nach dem Wendepunkt dann sorgenvolle Blicke auf die Entgegenkommenden. Nichts zu sehen vom Kontrahenten, und die Gerade war wirklich lang. Nach anfänglicher Erleichterung sogar ein Anflug von Sorge, ob beim Schwager im Wasser alles gut gegangen war. Doch das Mitgefühl schwand schnell. Beeindruckend hoch war des Kenianers Tempo auf den ersten zwanzig Kilometern der ersten von zwei Radrunden. Irgendwann kam dann die Erkenntnis, dass weniger eine tolle Tagesform als vielmehr nur der Rückenwind für das Tempo verantwortlich war. Kurz vorm zweiten Wendepunkt hatte der Kenianer das Gefühl, als würden ihm gleichzeitig schleifende Bremsen, ein Plattfuß und eine stetige Steigung zu schaffen machen. Auch diesmal war es nur der Wind, jetzt allerdings aus der anderen Richtung.
Und dann auf der rasenden Rückfahrt der Schock! Fröhlich und entspannt lächelnd winkte der Freund seiner Schwester vom Ende eines Pulkes zu ihm herüber.
Windschattenfahren! Verpönt und vor allem verboten bei den meisten Triathlonveranstaltungen.
Der Abstand kann gar nicht so groß gewesen sein; der Kenianer musste ihn zuvor einfach übersehen haben. Seine Gelassenheit war dahin, die Kette wanderte weiter nach rechts, der Puls stieg. Was ihn beflügelte, war der Zorn, der in ihm kochte. Während er selbst sich in fairster Triathlon-Manier allein in den Wind gestemmt hatte, »lutschte« sich sein Gegner an einer Gruppe fest. Was für ein Heuchler! Bestimmt würde er später behaupten, dass er gerade auf diesen Pulk aufgefahren sei.
»Natürlich…«, höhnte der Kenianer in Gedanken, »…und Jan Ullrich war immer sauber, Toni Schumachers Foul 1982 an Battiston ein Versehen und der Klimawandel nur ein Hirngespinst von linken Öko-Aktivisten. Was muss in diesem Menschen vorgehen, der so schmählich den Kodex missachtet? Weiß mein Schwesterherz eigentlich von den moralischen Abgründen, die sich hinter der Fassade verbergen?«
Sollte dieser Kerl sie jemals vor den Altar führen und der Pfarrer seine Aufforderung an die Gemeinde richten, jetzt zu reden oder für immer zu schweigen, was bliebe dem Kenianer anderes übrig, als aufzustehen und lauthals zu künden: »Er ist ein schamloser Lutscher, nur gierig nach guten Platzierungen. Er tritt sämtliche Regeln des Sports mit Füßen. Wer sich so benimmt, darf nicht den Platz an meiner Schwester Seite einnehmen. Außerdem hat er bestimmt seit einem Jahr schon ein Verhältnis mit einer Apothekerin, anders kann er nicht in so kurzer Zeit so gut geworden sein.« Der Kenianer war sich sicher: Die Schwester würde ihm ewig dankbar sein, wenn er sie so vor einem folgenschweren Fehler bewahren könnte.
»Was du kannst, kann ich schon lange«, sagte er sich. Sämtliche Vorsätze waren dahin. Wenn er sich so den Schwager vom Hals halten könnte, war er bereit für den Belgischen Kreisel, diese besonders ausgeklügelte und perfide Form des Windschattenfahrens in der Gruppe. Auf der Suche nach Mitstreitern überholte er einen nach dem anderen, erreichte gegen Ende der ersten Runde einen enormen Kilometerschnitt und blieb doch allein.
»Was soll’s?«, dachte er trotzig. »Soll er mich halt in seiner Gruppe einfahren, zumindest bin ich dann der moralische Sieger!«
Beim nächsten Wendepunkt nahm er die Gruppen genauer in Augenschein. Nirgends war der Schwager zu sehen! Als er ihn schon fast in seinem Nacken wähnte, sah er ihn mit großem Abstand alleine im Kampf gegen den stärker werdenden Wind. Balsam für den Kenianerkopf und vor allem für die Beine.
Inzwischen hatte er nämlich einen neuen Gegner auf der Radstrecke: den heftigen Wind, der durch die Kölner Agrarlandschaften blies. Er dankte Gott und seinem Weib dafür, dass er sich keines dieser windanfälligen – und vor allem immens teuren – Scheibenräder gekauft hatte. Mit diesen Rädern kann man bei starkem Seitenwind nur noch schieben. Nach einer Kurve erwischte ihn der Wind auf einem Feldweg frontal von vorne, und es warteten die längsten fünf Minuten auf den Kenianer. Kopf runter, Kette nach links und an was Schönes denken, war seine Devise. Tatsächlich schmerzten sogar die Augen vom Wind. Der Schnitt sank kontinuierlich. Man musste also nicht extra in die Berge fahren, um längere Strecken unter 22 km/h zurückzulegen. Das ging offenbar auch auf dem platten Land vor den Toren Kölns. An der letzten Wende schätzte er seinen Vorsprung gegenüber dem Schwager auf ungefähr sieben Minuten.
Noch zehn Kilometer bis zum Wechsel auf die Laufstrecke. Selten war der Kenianer so froh, vom Bock zu dürfen. Der Wind hatte ihn zermürbt.
Seinen Wechselplatz fand er komplett verwüstet vor. Fast völlig verdeckt lagen die Laufschuhe unter einem Laubhaufen. Zunächst verdächtigte er den Schwager, musste jedoch eingestehen, dass der stürmische Wind schuld war. Um nicht noch mehr Zeit zu verlieren, verzichtete der Kenianer auf die Socken. Zwar war der Vorsprung beruhigend, aber die Laufleistungen des Schwagers in den letzten Wochen waren alles andere als das. Und wie er dessen Schuhe nun direkt neben seinen stehen sah, da schienen sie ihm fast flehentlich etwas zuzurufen: »Versteck uns hinterm nächsten Baum!« Wo kamen diese Stimmen her? Nein, für derlei Gedankenspiele war jetzt keine Zeit. Der Kenianer lief unverrichteter Dinge los.
Es ging zunächst auf die Runde um den See, dann 14 Kilometer zum Ziel in die Kölner Innenstadt. Der Lauf des Kenianers folgte einem ihm wohlbekannten Muster; seine Tempostrategie gestaltete er in Anlehnung an Klaus Lage: »Tausend Mal passiert, tausend Mal nichts kapiert!« Er fand ein Tempo und glaubte, es locker halten zu können. Der Schnitt auf den ersten Kilometern war verdächtig gut, doch schon nach fünf Kilometern ging es bergab. Wie immer vertrieb er sich die Zeit mit Bruchrechnen: Zwei Kilometer sind fast ein Zehntel der verbleibenden Strecke, vier ein Fünftel, fünf ein Viertel, und so weiter, und so weiter… Bei Kilometer zehn war er noch euphorisch, was die Endzeit anging. Fantastisch, bei dem Tempo quälte ihn kein Gedanke mehr an den lieben Schwager, der sich seinerseits bestimmt im Hinterfeld quälte.
»Gut, ab Kilometer 14 wird es wieder etwas wehtun«, dachte der Kenianer, »aber es wird schon passen.« Es tat aber schon ab Kilometer 12 weh. Ab Kilometer 15 wurde es höllisch, und dann musste er die letzten drei Kilometer zunächst gegen eine Wand aus Wind laufen und später über die brutale Deutzer Brücke auf die andere Rheinseite. »Warum habe ich die Ausschreibung nicht richtig gelesen, warum habe ich in meiner selten dämlichen Arroganz der Wettkampfbesprechung nur halbherzig gelauscht?«, haderte der Kenianer mit sich. Er wähnte sich schon fast am Zieleinlauf des letzten Jahres, als es dann noch mal über den Rhein ging.
Kurzum, die gesamten letzten fünf Kilometer fühlte sich der Kenianer wie George Bush am Ende seiner letzten Amtszeit. Vielleicht kann der Veranstalter mit seiner Vorliebe für grauenvolle Anglizismen (die Bezeichnung »Rhineland Champion« für die Kombinationswertung aus dem Düsseldorfer Marathon und dem Köln-Triathlon ist wirklich unsäglich!) im nächsten Jahr den »Lame Duck Contest« ausrufen: Sieger ist, wer es schafft, seinen Laufschnitt auf den letzten fünf Kilometern am gröbsten zu unterbieten. Diesmal wäre der Kenianer der erste Anwärter auf den Sieg gewesen.
Und wenn ängstliches Umschauen ein Zeichen der Schwäche ist, so hatte er sich auch dieses geleistet. Der Freund der Schwester war zum Glück nicht zu sehen. Dass der letzte Kilometer der Halbdistanz tatsächlich 400 Meter zu lang war, ließ den Kenianer für exakt diese Distanz die Veranstalter abgrundtief hassen.
Danach waren Erschöpfung und Erleichterung, Freude über eine Zeit unter der angestrebten und die Aufnahme von Kohlenhydraten angesagt. Einer der freundlichen Helfer – die in Köln konsequenterweise alle »Volunteers« heißen – erkundigte sich an der Beutelausgabe beim Kenianer, ob alles in Ordnung sei. Der bejahte zwar, aber wirklich überzeugend wirkte das offenbar nicht. Der Helfer jedenfalls ließ den Kenianer in Sorge um dessen Gesundheit nicht mehr aus den Augen.
Gern hätte sich der Kenianer ebenso fürsorglich gezeigt und schon mal ein Bier für den demnächst eintrudelnden Schwager besorgt, aber gerade jetzt war der Andrang am Stand so groß. Schweren Herzens verzichtete er auf die Marter des Anstehens und sank erschöpft neben dem Stand zu Boden. Er stierte zum Dom und war bis auf das fehlende Bier bis ins Mark zufrieden. Er schloss für einige Zeit die Augen, und als er sie wieder öffnete, stand der Lieblingsschwager neben ihm und reichte dem Kenianer seinen vollen Becher, welchen er sich soeben mühsam erkämpft hatte. Der Schwager hatte nur lächerliche fünf Minuten mehr für die 113,8 Kilometer gebraucht als er. Zwei Fragen schossen dem Kenianer durch den Kopf: »Wie um Himmels willen hat es dieser Kerl so schnell ins Ziel geschafft?« und: »Darf ich wirklich einen Schluck von deinem Bier haben?«
Der Kenianer durfte. Beschämt beschloss er beim besten Schluck Bier seines Lebens, über die Fehde den Mantel des Schweigens zu decken. Vielleicht war ja auch alles nur ein Missverständnis gewesen. Das mit der Friko, dem Lutschen und dieser erstaunlichen Formsteigerung. »Besser, der Schwager erfährt nie, wie mein ansonsten freundschaftliches Verhältnis zu ihm in den letzten Tagen ausgesehen hat…«, dachte der Kenianer.
Ihm blieb die Erkenntnis, dass dieser Gegner bei konsequentem Training von ihm nicht mehr zu halten sein würde. Gewonnen hatte er dieses Mal zwar noch, aber als Triathlonleitwolf der Familie konnte er sich nicht mehr fühlen. Auf dem langen Weg im Shuttle-Bus zurück zur Wechselzone versuchte der Schwager, ihm fürs nächste Jahr einen Start auf der Langdistanz schmackhaft zu machen.
Aber noch wollte dem Kenianer diese Vorstellung nicht recht munden. »Was mich betrifft, habe ich doch arge Zweifel, wie das ausgehen würde«, ging es ihm durch den Kopf, »aber wenn der Schwager an den Start geht, dann wird er auch zu den Finishern zählen. So viel steht seit heute fest.«
Der Kenianer auf Hawaii
Es war einer dieser Montagabende im Oktober. Oktober ist für einen Triathleten der Monat der Regeneration, wenn er nicht gerade auf Hawaii startet. Für den Kenianer ist es der Monat des Müßiggangs, der Trägheit, der Süßigkeiten, des Alkoholkonsums, der Chips und des Fernsehens. Keine Wettkämpfe, deren Vorbereitung ihn noch aus dem Sessel trieben. Keine Diäten, um einigermaßen in den Neoprenanzug zu kommen, den er sich vor einigen Jahren in besseren Zeiten zugelegt hatte. Nach der langen Saison begann das schlechte Gewissen noch nicht zu sehr zu drücken. Die Waage wurde nicht mehr betreten, und der Gürtel mit den nummerierten Löchern signalisierte ihm jeden Morgen, dass der letzte Wettkampf schon über einen Monat her war.
So saß er denn in seinem tiefen, roten Sessel, die Chips und das Bier in Reichweite, die Fernbedienung in der Hand, umgeben von den Verpackungsresten der ersten Tafel Schokolade des Abends. Der Tag war lang gewesen, und bei Günther Jauch quälte sich eine angehende Apothekerin durch die Fragen auf dem Weg zu einer Million Euro.
Wenn nun wirklich Nichtstun angesagt ist, wenn dem Kenianer selbst das DSF-Topspiel der Woche zwischen Greuther Fürth und Osnabrück zu anstrengend ist, dann landet er beim Rätselonkel der Nation. Sind die ersten doofen Fragen erst mal überstanden, macht auch ihm das Mitraten Spaß. Unbeeindruckt von der Studioatmosphäre und ohne die Angst, einen mühsam erspielten Gewinn wieder verlieren zu können, lassen sich die Lösungen im heimischen Wohnzimmer einfach aussprechen. Und nicht minder leicht fällt es, die Kandidaten in Langweiler, Sympathieträger und aufgeregte Nervenbündel zu unterteilen.
Die Apothekerin zählte zur ersten Kategorie, die Fragen waren durchwachsen, die Dialoge zäh. Der Kenianer merkte noch, wie ihm die Sendung entglitt. Kurz vor neun im tiefen Sessel nach einem langen, arbeitsreichen Tag. Seine Lider wurden schwer und fielen in immer kürzeren Abständen zu. Er wehrte sich kurz, hörte noch, wie Günther dem Publikum vor den Bildschirmen die nächste entscheidende Frage stellte und dann zur Werbung weitergab.
Zwischen Piemont-Kirsche, Rügenwalder Mühle, Sparkassen-Finanzberater und der neuen VW-Familienschleuder verlor sich der Kenianer und sank in einen leichten Schlaf…
»32.000 Euro, was machen Sie mit dem Geld?«, fragte Günther wie immer bei dieser Gewinnstufe. »Jetzt heißt es bestimmt wieder:
Das Auto ist zwar noch okay, aber ein neues wäre schon ganz nett!
,
Es war schon immer mein Wunsch, mit meiner Mutter nach Ägypten zu fliegen!
oder:
Whale Watching ist ein alter Kindheitstraum von mir!
«, dachte der Kenianer, als ihm plötzlich klar wurde, dass die Frage an ihn selbst gerichtet war. Er höchstpersönlich saß auf dem hohen Stuhl, den Telefonjoker noch in der Hinterhand und die sichere Gewinnstufe bereits erreicht.
Ihm konnte nicht mehr viel passieren, und auf diese Frage hatte er schon so lange gewartet. Er wollte es nicht der Bank geben, eine Wohnung anzahlen, ein Auto oder einen Urlaub finanzieren.
»Ich werde mit meinem Chef sprechen, mir ein Dreivierteljahr Kurzarbeit gönnen und das Leben eines Profitriathleten führen. So mit sechs Stunden Training am Tag, Trainingslagern im Süden, regelmäßigen Massagen und High-End-Ausrüstung, um mich im nächsten Jahr für Hawaii zu qualifizieren!« Günter war für einen Moment konsterniert, gewann aber schnell die Fassung wieder: »Sie wollen also wirklich das ganze Geld dafür ausgeben, um zu schwimmen, Rad zu fahren und dann in der Hitze zu rennen?« Selten in seinem Leben hatte unser Kenianer so überzeugt »ja« gesagt.
Es wurde noch etwas hin und her geplänkelt zwischen den beiden, dann brachte ihm das Schicksal eine Kochfrage, die der Kenianer zwar nicht beantworten konnte, dafür aber sein als Telefonjoker rekrutiertes Weib, und schon fand er sich bei 64.000 Euro wieder.
»Wow, dafür kann ich mir schon eine hübsche Auszeit gönnen«, dachte er in Erwartung der nächsten Frage. Und jetzt, ohne Joker, kam endlich Sport. Er hörte die Frage nach dem ersten Olympiasieger der Neuzeit im Marathonlauf und wollte den Günther schon umarmen. Er »loggte« Spiridon Louis ein, unterband jede Diskussion und stand mit 125.000 Euro vom Stuhl auf – die nächste Frage hatte was mit Geschichte zu tun, und bis auf Sportgeschichte hatte der Kenianer keinen Schimmer von der Historie.
Wenn er wirklich was bräuchte, um erfolgreich Triathlon betreiben zu können, dann war das nicht ein neues Fahrrad, ein neuer Neoprenanzug oder noch leichtere Laufschuhe. Was dem Kenianer fehlte, war einfach Zeit. Die Zeit, um morgens ins Schwimmbad zu gehen, den Vormittag auf dem Rad zu verbringen, abends auf Laufbahnen Runden zu drehen und trotzdem noch ein intaktes Familienleben aufrechtzuerhalten. Die Zeit, um sein vergrabenes Talent freizulegen.
Diese Zeit kaufte er sich jetzt. Eine Auszeit von der Arbeit, um sich für Hawaii zu qualifizieren. Denn dort dürfen nur die Besten der jeweiligen Altersklassen an den Start. Herr Jauch war wirklich beeindruckt. Schon am Tag danach klingelte des Kenianers Telefon.
Stern-TV: »Meinen Sie das ernst mit dem Ironman?«
Nie war ihm etwas ernster! Und schon vereinbarte er mit dem zuständigen Redakteur, dass in der Sendung in regelmäßigen Abständen Berichte von seiner Vorbereitung ausgestrahlt würden.
Eine Woche später saß der Kenianer wieder in einem Fernsehstudio – diesmal in den bequemen Lümmelsesseln bei »Stern-TV«. Erneut der Günther vor ihm, und er sagte zum Abschluss, dass er sehr gespannt darauf sei, wie das Abenteuer Hawaii ausgehen werde.
Der Chef des Kenianers war sofort einverstanden. Neun Monate kostengünstige Kurzarbeit und dazu noch die mediale Aufmerksamkeit durch einen langjährigen Mitarbeiter, eine bessere Werbung konnte er sich für sein Haus nicht vorstellen.
Apropos Werbung. Schon bald riefen die ersten Fahrradhersteller an, um ihm ihre neuesten Boliden gratis anzudienen. Sie alle wollten, dass der Ironman-Rookie im Fernsehen auf ihren Maschinen saß. Nachdem es ihm vor Verblüffung erst die Sprache verschlug und er deshalb eine Antwort schuldig blieb, boten sie obendrein noch Geld an. Damit war nun wirklich nicht zu rechnen gewesen, aber unser Kenianer war im nächsten Jahr der Triathlet mit der größten Medienpräsenz im ganzen deutschsprachigen Raum.
Doch wichtig war »auffem Platz«, wie die Fußballer sagen. Training war angesagt. Jeden Morgen, nachdem der Filius in der Kita untergebracht war, führte sein Weg den Kenianer also statt zur Arbeit ins Schwimmbad – getreu der alten Binsenweisheit »Gute Schwimmer werden im Winter gemacht«.
Mit Hilfe eines Personal-Trainers arbeitete er an seiner Technik. Der Coach brachte ihn in weniger als zwei Monaten vom Mississippi-Raddampfer zum Schwimmbad-Hai, der wie von Geisterhand gezogen durchs Wasser glitt. Eine Rollwende ohne Wasserschlucken und Brennen in der Nase? Mittlerweile ein Kinderspiel. Und endlich gehörte er auch zu den Großen, die jedes Mal eine Trinkflasche und eine Plastikbox voller Schwimmutensilien am Beckenrand stehen hatten. Der Oberkörper veränderte sich, Fettpolster schwanden trotz ungehemmter Kalorienzufuhr. Der Kenianer vertrat ja seit jeher die Ansicht, dass Übergewicht eher auf zu wenig Bewegung als auf zu viel Essen zurückzuführen war. Jedenfalls fiel es ihm schon immer leichter, mehr zu trainieren, als weniger zu essen.
Mit dem Crossrad seines Ausstatters machte er stundenlang die Forstwege der Umgebung unsicher. Er entdeckte neue Strecken und die Schönheiten herbstlicher Wälder.
Für den Winter hatte ihm ein szenebekannter Lauftrainer lange Laufeinheiten verordnet. Um das erhöhte Pensum ohne Beschwerden zu schaffen, stand auch gezielte Regeneration auf dem Programm. Abends Sauna, Massagen und natürlich Essen bis zum Abwinken.
Und trotz des immensen Trainingsprogramms herrschte Frieden zwischen dem Kenianer und seinem Weib. Denn jetzt war sonntags trainingsfrei. Was für ein Luxus für jeden Hobbysportler!
Na gut, dass er im Frühjahr zwei Wochen mit dem Fernsehteam nach Mallorca reisen wollte, kam zunächst beim Weibe nicht gut an. Aber die Aussicht auf gemeinsame, einsame – nur sie und der Kenianer mit seinen beiden Lieblingsfahrrädern – zehn Tage im Breisgau im Mai mit vorreservierten Tischen bei den besten Köchen der Region stimmten sie milde.
Neben den Pfunden purzelten auch die Bestzeiten. Dass er ein eleganter Schwimmer geworden war, wissen wir inzwischen, dass er aber zur Rakete mutierte, nicht. Schwimmkilometer in 14 Minuten wurden schnelle Trainingseinheiten! Vom Laufen ganz zu schweigen. Selbst ein Kilometerschnitt von viereinhalb Minuten trieb dem Kenianer kein bisschen Laktat mehr in die schlanken Beine. Den langgehegten Traum, auf zehn Kilometern unter 40 Minuten zu bleiben, erfüllte er sich bereits beim Silvesterlauf in der Nachbarstadt.
Alle zwei Monate musste er zum Studio-Interview. Des Kenianers Fortschritte waren phänomenal! Im April verblüffte Günther ihn in der Sendung mit Vorher-Nachher-Bildern. Tatsächlich war aus dem tapsigen Riesen ein Windhund geworden. Natürlich gingen die Redakteure von »Stern-TV« auf Nummer sicher. Immer wieder fand sich der deutsche Dopingchefankläger Prof. Franke unangemeldet zur Kenianer-Kontrolle ein. Erst fand er es absurd, aber aufgrund seiner ungeheuren Leistungszuwächse mehrte sich sein Verständnis für diese Maßnahme.
Außerdem war ihm der Typ schon immer sympathisch gewesen, hatte der Kenianer doch genau wie dieser die Vorstellung, dass der ganze Sport dopingverseucht sei. (Vor allem diejenigen, die vor dem Kenianer in den Ergebnislisten standen, hielt er grundsätzlich für hochverdächtig.)
Er war plötzlich prominent in der Szene. Das merkte er an den vielen neidischen Blicken, als er beim Formtest Düsseldorf-Marathon vom Kamerateam in den vorderen Startblock gedrängt wurde. Mit angezogener Handbremse verpasste er knapp die Drei-Stunden-Marke. Es wäre tatsächlich mehr drin gewesen, aber wegen seiner Saisonplanung wollte er nichts übertreiben. Langsam angehen, in zwei Monaten stand in Frankfurt das Quali-Rennen für Hawaii an.
Jetzt galt es, die Zeitfahrposition auf dem Hightech-Carbonrenner zu optimieren. Ganz in der Nähe gab es eine Bahn mit den entsprechenden Fachleuten. Videoanalyse, mehrere Stunden auf dem Holzoval mit computergestützter Auswertung der Leistungsdaten, dann war die richtige Position mit Hilfe des örtlichen Radsportgurus gefunden. (»Bin isch schon mähr Kilometer an Rännän gefahren als viele meinen Kunden in ihren ganzen Läben zusammen«, war einer seiner Lieblingssprüche, den er in seinem breiten schottischen Akzent zum Besten gab.)
Anschließend die zehn Tage im Breisgau. Hotel Colombi in Freiburg. Der Kenianer gönnt dem Weib ja sonst nichts. Abwechselnd flache Strecken durch das Markgräflerland und die Rheinebene mit der Zeitfahrmaschine und dann wieder Bergfahrten auf Belchen, Schauinsland und Feldberg mit dem Trainingsrad. Danach abendliche Diners in den gehobenen Fresstempeln der Region.
Frankfurt rückte näher. Ein bisschen Sorge machte ihm die mediale Aufmerksamkeit. Der Kenianer war in der Form seines Lebens, die Quali greifbar, alle Werte (Gewicht, Körperfett, Wattzahlen) waren gut wie nie. Aber er spürte den unterschwelligen Argwohn der Szene. Die Profis waren sauer, dass ein Hobbysportler mehr Aufmerksamkeit auf sich zog als sie selbst, die Hobbysportler waren neidisch, und die direkten Konkurrenten um Hawaii argwöhnten misstrauisch, ob alles wirklich mit rechten Dingen zuging.
Doch mit dem Startschuss am Langener Waldsee verschwanden alle Sorgen. 2.000 Sportler beim Massenstart. Der Kenianer behielt die Nerven und entstieg dem Wasser im Vorderfeld. Auf der Radstrecke plötzlich ungewohnte Leere. Windschattenfahren ist in diesen vorderen Regionen eigentlich kein Thema, aber dafür sind hier die Kampfrichter viel aufmerksamer als in den Gruppen, in denen der Kenianer sonst fuhr. Immer wieder las er seinen Namen auf der Fahrbahn. Er hatte keine Ahnung, an welcher Position er lag, als er nach knapp sechs Stunden auf die Laufstrecke ging. Unter neuneinhalb Stunden war sein Ziel. Da er im abschließenden Marathon aber tatsächlich unter drei Stunden blieb, waren es sogar nur neun. Hawaii war geschafft, einige Professionals hatte er hinter sich gelassen, die erste Frau war nur kurz vor ihm ins Ziel gekommen.
Schon im September war der Kenianer in Kona, Hawaii. Frühzeitig akklimatisieren. Die Radstrecke schon mal abfahren. Zum ersten Mal im Meer schwimmen. Laufen am Alii Drive. Nicht wirklich spektakulär, aber es ist Hawaii, das Mekka dieses Sports.
Die Wochen bis zum Start vergingen wie im Flug. Carboloading und Tapering unter fachkundiger Anleitung gaben ihm den Feinschliff. Dann kam der langersehnte Tag. Großes Triathlonkino. Schlafen bis drei Uhr morgens, dann so viel Essen, wie reinging. Vier Mal war der Kenianer auf der Toilette gewesen, nur um die Erkenntnis mitzunehmen, dass Mobilklos in Hawaii auch nicht viel schöner waren als hierzulande. Dann ab in die Wechselzone. Den Boliden eingecheckt, den Neo übergestreift und »Star-Spangled Banner« über sich ergehen lassen. Trotzdem Gänsehaut und rein in den Pazifik.
Das Schwimmtempo war schlichtweg geil, auf dem Rad erwischte er die legendären Rückenwinde, und den abschließenden Lauf in der Hitze absolvierte er unter ständiger Begleitung des Kamerateams diesmal knapp über drei Stunden. Dennoch war der Jubel riesengroß, als er unter der magischen Neun-Stunden-Marke ins Ziel kam. Einzig der Nacken schmerzte vom langen Radfahren. Der Betreuer schüttete ihm ein Bier vom Co-Sponsor über den Sixpack. Erschöpft ließ sich der Kenianer zu Boden sinken und schloss die Augen. Das Weib stürzte sich auf ihn, um zu gratulieren: »Super, du Windhund, wer hätte das gedacht? Du bist fantastisch! Komm hoch, die Typen vom Fernsehen wollen dich sprechen, danach kannst du ins Bett gehen…«
»…Komm hoch, dann kannst du ins Bett gehen. Komm schon, Kenianer, ab in die Falle. Komm hoch!«
Verstört blickte der Kenianer aus dem Sessel hoch. »Wo bin ich, was redet das Weib da? War sie nicht gerade noch auf Hawaii? Mein Nacken schmerzt!« Die Gedanken wirbelten durcheinander.
»Was ist denn hier passiert? Sag nicht, dass du mit der Bierflasche in der Hand eingeschlafen bist. Du hast ja das ganze T-Shirt versaut!«
Tatsächlich war ihm die Flasche umgekippt.
»Nein!«, schrie es in ihm. »Ich will nicht hier sein, das ist ein großer Regiefehler. Der Film spielt doch ganz woanders, irgendwo am Pazifik. Ich will die Fortsetzung! Und zwar auf der Stelle und für alle Zeiten. Ich will nicht übergewichtig im Fernsehsessel sitzen, mit Bier übergossen, einem besudelten T-Shirt und einem schmerzhaft blockierten Halswirbel aufgrund einer grenzdebil wirkenden Schlafposition.« Das Leben war so ungerecht…
»Alles in Ordnung, Kenianer? Du siehst irgendwie verstört aus…«
»Nee, nee, ist alles okay, ich war nur etwas weggenickt.«
Eine spontane Anmeldung
Es war einige Monate her, seit der Kenianer eine mehr oder weniger erfolgreiche Triathlonsaison beendet hatte. Mehr, weil er bei allen Wettkämpfen, an denen er teilgenommen hatte, auch das Ziel erreicht hatte. Weniger, weil er weiterhin nur unter ferner liefen – und schwammen und Rad fuhren – platziert war. Aber ernsthaft vorne sein würde er sowieso nie, das war ihm klar. Er suchte eher den Wettkampf mit sich und seinen Zeiten aus dem Vorjahr und natürlich seinem Schwager.
Der hatte sich in dieser Saison zu einem veritablen Gegner entwickelt und bereitete unserem Kenianer zunehmend Kopfzerbrechen. Wie sollte er sich vor seiner Frau, seinem Sohn und allen weiteren Familienmitgliedern erklären? Wie sollte er den Unwissenden klarmachen, dass jahrelanges Training offenbar weniger wert war als das Talent eines Rookies, der zum ersten Mal in seiner Sportlerlaufbahn eine Saison ohne Übergewicht bestritten hatte? Trotzdem war der Schwager bisher noch immer hinter dem Kenianer geblieben, wenn auch zunehmend knapper.
Jedenfalls saßen die beiden nun zusammen und überlegten, was mit der guten Form zu machen sei. Dem Kenianer schwebte Großes vor. Erstmals in seinem Läuferleben wollte er einen Halbmarathon unter 100 Minuten laufen. Das wollte er in Köln erreichen. Doch der Schwager konnte nicht, da er am Abend zuvor zu einem Polterabend eingeladen war. Des Kenianers Einwand, dass man einen Halbmarathon, wie schon der große Steffny einst gesagt hatte, »zur Not auch verkatert laufen kann«, ließ er nicht gelten. So musste der Kenianer alleine den erneuten Weg in die fremde Stadt wagen.
Die 100-Minuten-Marke fiel tatsächlich. Jetzt war es an der Zeit, die Füße hochzunehmen und die verlorenen Gewichtsreserven in langen und kalorienreichen Novemberabenden vor dem Fernseher aufzufüllen. Er richtete sich auf einen Monat des Nichtstuns und der Familienpflege ein, als eines Abends das Telefon läutete. Dran war der Schwager.
Schwager: »Ich will dieses Jahr noch einen Marathon laufen!«
Kenianer: »Du spinnst, hast du mal auf den Kalender geguckt?«
Schwager: »Hier ganz in der Nähe ist im Dezember einer. Ich kann problemlos hinkommen und verhindere so, mit viel Gewicht ins neue Jahr zu starten.«
Kenianer: »Viel Spaß dabei!«
Schwager: »Werd’ ich haben.«
Ende des Gesprächs.
Kopfschüttelnd sank der Kenianer zurück in seinen roten Fernsehsessel und wandte sich dem TV-Programm zu. Nach dem Schälchen Nüsse dann der obligate Alptraum in der Nacht: Ein ranker und schlanker Schwager zeigte dem Kenianer bei dessen Lieblingstriathlon im westfälischen Bocholt auf der kurzen Laufrunde ein ums andere Mal beim Überrunden die Fersen. Vielleicht würde der Schwager ihm sogar großmütig aufmunternde Kommentare zurufen oder ihm eins von seinen Powergels anbieten! Schlimmer noch, der Schwager könnte nach seinem Zieleinlauf den Kenianer auf dessen Schlussrunde auslaufend begleiten und ihn schamlos belügen mit Sätzen wie »Du siehst gut aus« oder »Es ist nicht mehr weit, bald hast du es geschafft«.
Schweißgebadet schreckte unser Kenianer aus dem Schlaf hoch. Er ächzte und stöhnte im Bett, dass sein Weib erwachte: »Was ist los, Kenianer?«
»Der Schwager läuft mir weg! Er ist schneller als ich!«
»Ach was, Kenianer! Er wird wie jedes Jahr im Winter fett und beginnt erst im Mai wieder mit dem Training. Beruhige dich und schlaf weiter«, sagte sein Weib in aller Ruhe, kannte sie doch die nächtlichen Ängste ihres Kenianers. Nicht jedoch kannte sie das Wintervorhaben des Schwagers, sodass sie sich ihrer Sache sicher war. Der Kenianer hingegen war sich ganz und gar nicht sicher. Nach einer unruhigen Nacht, einem Tag im Beruf voller Sorge und Selbstzweifel fand er sich abends am Esstisch wieder.
»Mama. Warum isst der Kenianer heute so wenig Nudeln?«
»Keine Ahnung, frag ihn doch selbst!«
»Papa, warum isst du so wenig Nudeln?«
»Ich muss auf mein Gewicht achten, mein Sohn!«
»Aber es ist doch November, Kenianer! Warum musst du jetzt auf dein Gewicht achten?«
»Ach, nur so…«
Der Sohn war im Bett, das Weib im Bade, der Kenianer unbeobachtet. Heimlich stahl er sich in die Weiten des Internets. Wie von Geisterhand geführt wand sich der kleine weiße Pfeil, der unserem Kenianer im WWW immer vorangeht, an den Niederungen und Verlockungen des Netzes vorbei und landete schließlich auf einer kleinen, gelben Seite, die wenige, aber wesentliche Informationen über einen Marathon im Dezember enthielt. Ein beeindruckendes Höhenprofil war auf der ersten Seite abgebildet, eine kurze Ausschreibung, und schon landete des Kenianers Pfeil auf der Anmeldung.
»Nein, das ist verrückt«, dachte er sich. Im Dezember einen Marathon laufen, noch dazu in einer Gegend, bekannt für Schneeund Graupelschauer in der Vorweihnachtszeit? Außerdem war die Form zwar gut, aber einen Marathon schüttelte sich auch der Kenianer nicht einfach aus der Hüfte. Fünf Mal gestartet und nur drei Mal angekommen, lautete seine Bilanz. Gut, einen halben könnte er tatsächlich verkatert laufen, aber die vollen 42,195 Kilometer? Und auch beim Triathlon war er noch nie auf den ganz langen Strecken gestartet. Ein Marathon musste doch gut geplant und vorbereitet sein. Er musste einem Plan folgen, er musste eine Veranstaltung mit einem Streckenprofil finden, das zu seiner – für kenianische Verhältnisse zugegebenermaßen untypischen – Statur passte. Wer möchte schon zwei Zentner über annähernd 700 Höhenmeter wuchten? Außerdem könnte Schnee liegen, und er nannte doch gar keine Trailschuhe sein Eigen, die ihn über dieses, ach so unwegsame Gelände bringen würden. Stand da nicht etwas von Feld- und Wirtschaftswegen, auf denen zu laufen wäre. Nein, nein, das war alles nichts für unseren Kenianer.
Dann kontrollierte er die Meldeliste. Und da stand er tatsächlich drin: »Der Schwager«!
Er hatte also nicht geblufft. Des Kenianers Puls begann zu rasen. Das Weib ließ schon das Badewasser aus. Jetzt musste es schnell gehen. Name, Vorname, Adresse eingegeben, die Bankverbindung notiert, Überweisung klargemacht. So schnell geht das im Netz. Geschafft. Erleichtert atmete er auf. Jetzt konnte ja nichts mehr schiefgehen. Das Weib trat ein.
»Was hast du gemacht, Kenianer?«, fragte sie ganz ohne Argwohn.
O je, was sollte er sagen, ohne zu lügen? Die Gesichtsfarbe wurde ganz unkenianisch rot, und er stammelte etwas vor sich hin. Er hatte wie immer vergessen, seine Saisonplanung vorher familienintern abzustimmen…
»Äh, ich habe mich nur für einen Lauf angemeldet.«
»Für einen Lauf? Es ist November. Es gibt um diese Zeit in dieser Gegend keine nennenswerten Läufe mehr«, sagte sie, die zwar keinen Ausdauersport betrieb, aber viel davon verstand.
»Ist ja auch nicht im November. Ist erst im Dezember und auch eine relativ kleine Veranstaltung…«
Die Brauen hoben sich, aus ihrem Blick sprach Misstrauen. »Rück’ raus mit der Sprache. Wo bist du gemeldet?«
»Ach, nur beim Siebengebirgsmarathon.«
Nur noch sechs Wochen
Des Kenianers Weib nahm es klaglos hin. Immerhin beteuerte er, dass es keinen ausgeklügelten Trainingsplan geben würde, keine Zielzeiten und keine Diätpläne. Es sollte mehr ein Gag sein als ein ernstzunehmender Marathonlauf. Behauptete zumindest der Kenianer. Sie hingegen hegte ihre berechtigten Zweifel an derlei Beteuerungen, behielt sie aber großmütig für sich.
»So ist er halt, und er wird sich in diesem Leben auch nicht mehr ändern«, dachte sie still und lächelte ihm zu. »Mach ruhig, wenn du meinst, dass du das packst!«, sagte sie.
»Ja, ja. Es wird wirklich ganz locker. Eher ein Trainingslauf im Winter mit Glühwein danach und zwischendurch schönen Fotos und viel Landschaft.«
Zunächst glaubte der Kenianer noch selbst an seine Worte, allein sein Weib wusste es besser, doch sie schwieg.
Und so gingen die Tage dahin. Es kam die Zeit, in der die Eisdielen schlossen, um kurz danach als Ramsch- und Weihnachtsdekorationsläden wieder zu öffnen. Und obwohl der Kenianer einen nicht unbeträchtlichen Teil seines Energienachschubs eigentlich aus eben diesen nun geschlossenen Eisdielen bezog, legte sich der frühe Winterspeck an seine Hüften wie der erste Schnee auf die Wiesen und Felder des Landes. Er lief so wie immer im November und erfreute sich der kommenden Jahreszeit und den damit verbundenen neuen Eindrücken auf alten Wegen, als ihm eines Tages klar wurde: Nur noch sechs Wochen!
Wie ein Blitz traf ihn diese Erkenntnis. Plötzlich wurde ihm angst und bange. Ein Marathon ist doch kein Adventskaffee, auch wenn dieser zur gleichen Zeit stattfindet. Ein Marathon ist doch viel mehr: für viele die Herausforderung im Läuferleben, das Ziel, auf das sich alles fokussiert, die Erfüllung eines langgehegten Traumes, das Matterhorn des kleinen Mannes! Das alles ist ein Marathon und noch vieles mehr, aber doch kein gemütlicher Trainingslauf, zudem noch in den Bergen. Wo nahm er nur diese Arroganz her zu sagen, so etwas würde er locker aus dem Ärmel schütteln? Nur wegen der guten Sommerform? »Also wirklich, Kenianer«, rief er sich zur Räson. »So geht’s nicht.«
Schnell wurde die Trainingsbibel des großen Steffny hervorgeholt. Der empfohlene Trainingsplan für zehn Wochen war natürlich nicht mehr machbar. Was sollte er tun? Er könnte natürlich die gesammelten Laufanforderungen komprimiert nachholen. Anstatt fünf bis sechs halt zehn bis zwölf Einheiten pro Woche. Morgens früh raus, abends lange laufen und die Ruhetage getrost streichen. Dazu die besonderen Hinweise des Gurus zum Laufen in den Bergen. Auch das sollte gelernt und trainiert sein. Verzweifelt und von nervösem Durchfall geplagt zog sich der Kenianer mit seinem Steffny zurück und ging in Klausur. Er musste Abstriche machen – von Steffnys Trainingsplan wohlgemerkt, nicht vom Durchfall.
Kapitel Ernährung? Kurzerhand gestrichen. Kapitel mentale Vorbereitung und Tipps für einen gelungenen Marathon? Gestrichen. Die Hälfte der erforderlichen Vorbereitungskilometer? Gestrichen. Die sechs bis sieben langen Läufe, die empfohlen wurden (und wenn Steffny »lang« sagte, dann meinte er »sehr lang«)? Gestrichen. Ruhe in den letzten beiden Wochen vor dem Lauf? Sowieso gestrichen.
Er beschränkte sich auf das Allernotwendigste. Drei lange Läufe sollten es dann doch noch sein. Aber was war mit den Steigungen? In des Kenianers Revier sind Brücken und Rheindeiche die einzig erwähnenswerten Anstiege. Wie sollte er also einen langen Lauf mit vielen Steigungskilometern absolvieren? Den Fußgängerweg der nahen Autobahnbrücke über den Rhein immer hin und zurück laufen, das könnte eine Lösung sein. Zumal die Autoabgase und die latente Höhenangst des Kenianers dieser Variante noch einen zusätzlichen Trainingsreiz verschaffen würden. Puls plus zehn wegen der Höhenangst, und die Kohlenmonoxidkonzentration dürfte noch einmal denselben Effekt haben. Die Idee wurde dann aber doch verworfen, da der anstehende Marathon durchs Siebengebirge ja über Feld- und Waldwege gehen sollte und der Fußgängerweg nur Asphalt bot.
Also entschloss sich der Kenianer, der sonst in ländlichen Randbezirken Düsseldorfs sein Läuferdasein fristet, zur Eroberung des zentralsten und auch steigungsreichsten Waldstücks seiner Heimatstadt. Und so fand er sich an einem Sonntag zum Bergtraining im Grafenberger Wald ein, im Düsseldorfer Laufmekka. Es wimmelte von Großstadtsonntagsläufern.
»Hallo!«
Keine Reaktion.
»Hi!«
Nichts.
»Morgen!«
Verschämter Blick zum Boden, wobei die Hand der Gegrüßten in die Jackentasche schnellte. Offenbar auf der Suche nach dem Tränengas.
Crocodile Dundee auf seinen ersten Metern durch New York war es ähnlich ergangen. Freundliche Versuche der Kontaktaufnahme wurden mit Befremden registriert. Der Kenianer gab es auf. Grüßen ist in Großstadtlaufrevieren nicht erwünscht. Läuferinnen zu grüßen, gar eine Vorstufe der sexuellen Belästigung. So wurde auch er zu einem grußlosen Läufer. Aber er hat ja für die langen Läufe stets sein Handy mit dem Radio dabei. Drei Stunden WDR 5, der Informations- und Kultursender des Westens, sollten ihm die Zeit vertreiben.
Erst Dok 5, das Feature »Zwischen Zittern und Zocken – Die Geschäftspolitik der Banken«, dann der Presseclub mit Gästen von renommierten Zeitungen, die über unsere Kanzlerin debattierten. Super interessant, leider nimmt sich der Kenianer sonst viel zu selten die Zeit zum konzentrierten Radiohören. Aber er war ja auch nicht zum Radiohören in den Grafenberger Wald gekommen. Er wollte Steigungen kennenlernen.
Schon die ersten Meter hinauf ließen sein in die Hose rutschendes Herz gehörig schneller schlagen. Trotz gefühlten Langsamlaufens erreichte er schnell eine grenzwertige Belastung. Die Waden brannten, und das Frühstück rebellierte gegen das ungewohnte Bergauflaufen. »Das geht doch gar nicht«, dachte der Kenianer. Er war gerade erst am Anfang, wie sollte er 42,195 derartige Kilometer bestehen?
Gestern hatte er noch im Kreise der staunenden Kollegen seinen großen Mund sehr voll genommen. »Stadtmarathon kann doch jeder!« und »Das bisschen Hochlaufen ist doch kein Problem!« Die Prahlereien echoten ihm jetzt im Ohr herum. »Du elender Idiot, ohne Not meldest du dich an. Ohne Not verbreitest du die Geschichte in deiner weltweit vernetzten Läufer-Community, und ohne Not erzählst du es all deinen Kollegen«, grämte er sich. Wie kam er aus dieser Geschichte nur heraus?
Beim Betrachten des Höhenprofils hatte er noch lächelnd behauptet, dass es ja eigentlich nur um 35 Kilometer ginge, da die letzten sieben schließlich bergab führten und getrost locker auszulaufen wären. Doch auch dieser faule Zahn wurde ihm nun gezogen. Zwar beruhigte sich der Puls auf dem folgenden Gefällestück, des Kenianers Oberschenkel schmolzen jedoch schon bald zu Pudding. Jeder Schritt bergab wurde durch die Schwerkraft beschleunigt. Jedes Mal maximaler Einsatz der massigen Muskeln, um den Doppelzentner zu bremsen.
Doch nach all den vollmundigen Ankündigungen gab es nur einen Ausweg, und der führte geradewegs durch den Zieleinlauf in eine Turnhalle im Siebengebirge… Es gab kein Zurück, das war ihm klar!
Also versuchte er, einen Rhythmus zu finden im steten, unrhythmischen Auf und Ab eines Waldes, dessen Wege furchteinflößende Namen wie Aaper Höhenweg, Rather Steig, Dachsbergweg oder Marxsteig trugen.
So langsam fand der Kenianer sein Gefühl fürs Laufen wieder. Das interessante Interview mit Wim Wenders wurde jedoch jäh unterbrochen. Klingeln, Rufannahme, wer war dran?
Schwager: »Hi, was machst du?«
Kenianer: »Laufen natürlich.«
Schwager: »Ich bin verletzt, die Wade macht zu. Ich glaube, ich habe einen Muskelfaserriss.«
Kenianer sagte: »Ach, du alter Ballack! Das tut mir jetzt echt leid! Meinst du, es klappt mit dem Marathon?« Kenianer dachte: »Du bluffst doch nur. Ich glaube dir kein Wort!«
Schwager: »Ich will es auf jeden Fall versuchen. Obwohl ich jetzt schon Wochen nicht mehr gelaufen bin und nächste Woche dienstlich nach Südostasien muss. Da komme ich bestimmt auch nicht zum Laufen!«
Kenianer sagte: »Du Armer!« Kenianer dachte: »Zwei Stunden Seminar am Tag, dann Strandläufe bei Superwetter, dazu noch ein Freiluft-Gym mit Laufband, Meerblick und einem Fünf-Sterne-Wellness-Bereich zur Regeneration, während ich mich durch den Schneeregen quäle. So wie du arbeitest, möchte ich mal Urlaub machen!«
Schwager: »Ich hoffe, das wird noch. Ich melde mich, wenn ich wieder da bin. Dir noch viel Spaß beim Laufen!«
Kenianer sagte: »Danke, und dir gute Besserung!« Kenianer dachte: »Du hast schon in Köln versucht, mich reinzulegen, aber dir werde ich es zeigen!« Das Frikadellen-Angebot kurz vor dem Start war ihm im Gedächtnis geblieben.
Das war der Motivationsschub zur rechten Zeit. Plötzlich hatte er das Gefühl, die Berge hinaufzufliegen. Die Steigungen wurden mehr und mehr zu Freunden. Im Geiste immerzu den Schwager überholend wurden Höhenmeter und Kilometer gefressen. Nach über drei Stunden hatte der Kenianer genug. »Die Form muss reichen. Noch ein paar Trainingseinheiten in den nächsten Wochen und es wird schon klappen.«
Runner’s High. Schön, aber auch trügerisch! Plötzlich erschien ihm alles so leicht. 42,195 Kilometer durchs Siebengebirge. Was war das schon? Zufrieden saß unser Kenianer im Auto auf dem Weg nach Hause und war mit sich und seiner kleinen Läuferwelt im Reinen.
Kindergartenviren
So kam er voller schöner Eindrücke und guten Mutes zu Hause an. An der Tür sein Sohn. »Hallo Kenianer, darf ich« – hatschi! – »noch Kika gucken? Weil, ich bin nämlich krank, und da darf ich doch etwas mehr schauen.« Die Nase lief, Rotzfahne bis zur Oberlippe.
»Ach du Armer, natürlich darfst du dann noch etwas schauen. Ich gehe eben schnell duschen, dann komme ich zu dir aufs Sofa!«
Kaum hatte er das ausgesprochen, begann es im Kenianerhirn zu rattern. Kindergartenviren – angesteckter Sohn – Ansteckungsgefahr für den Kenianer – die Marathonvorbereitung, der Marathon selbst in Gefahr!
Nein, nein, nein. Bitte nicht jetzt! Nicht nach dem schönen und verheißungsvollen Lauf. Panik. Die vielen gelaufenen Steigungskilometer umsonst. »Warum jetzt, warum hier, warum ich?«, dachte der Kenianer.
Natürlich, es war Dezember, und es war die Zeit für Erkältungen. Aber er war doch so gut drauf! Vielleicht konnte er das Schlimmste noch verhindern. Ruhe bewahren. Erst mal ins Bad. Die Türe verschlossen und den Türspalt mit einem Handtuch abgedichtet.
»Kenianer, warum sperrst du dich im Bad ein?«
Sein Weib vor der Tür. Jetzt galt es, eine Strategie zu entwickeln.
»Ich musste mal und wollte meine Ruhe haben!« – Pause –»Übrigens, Schatz, hast du schon gemerkt? Sohnemann ist krank.«
»Ja klar. Er hat schon den ganzen Tag geschnieft. Aber das ging ja letzte Woche schon in der Kita rum. Der arme Kerl hat Fieber.«
»Meinst du nicht, dass er besser zu Oma und Opa gehen sollte? Die haben doch viel mehr Zeit und die freuen sich sowieso, wenn er mal ein paar Tage zu Besuch ist.« Gedämpft klang seine Stimme durch die abgedichtete Tür.
»Waaas? Er ist krank. Da können wir ihn doch nicht zu den Großeltern schicken! Der Junge braucht seine Eltern, wenn es ihm schlecht geht.«
»Es sind doch seine Eltern, sogar die großen. Wir könnten auch essen gehen, ich lade dich ein.« So groß war seine Verzweiflung.
Kurz bedachte sein Weib den Vorschlag, bis ihr die selbstsüchtigen Motive des Kenianers dämmerten. »Das kann doch nicht wahr sein! Wegen der Rennerei willst du deinen kranken Sohn abschieben? Du hast nur Angst, dich anzustecken. Ich glaube es nicht! Und mich willst du auch noch mit einem Essen bestechen!«
»Es wären doch nur ein paar Tage.« Ein letzter schwacher Versuch, doch das machte nichts besser. Im Gegenteil.
»Jetzt hör mal zu. Ich ertrage schon, dass du in der Vorweihnachtszeit ständig laufen gehst, dass du zudem auch noch all deine Lauferlebnisse als Blog verbreitest, was mindestens genauso lange dauert wie die Läufe selbst. Aber dass du unseren fiebernden Sohn aus der Wohnung verbannen willst, weil du seine Viren nicht abkriegen möchtest, schlägt doch dem Fass den Boden aus.«
»Aber…«
»Ich will nichts mehr hören!« Das war ein eindeutiger K.o. – dieser Kampf war nicht zu gewinnen. Aber vielleicht könnte er ja seinem Sohn innerhalb der Wohnung etwas aus dem Weg gehen.
Und was soll man sagen? Obwohl der Kenianer nicht mit dem Sohn Kika guckte, obwohl er ihm erlaubte, an diesem Abend eigenhändig die Zähne zu putzen, obwohl er die Schlaflieder durch die geschlossene Zimmertüre sang und obwohl er – missbilligend vom Weibe beobachtet – seinem weinenden Kind den Gute-Nacht-Kuss verweigerte, kam, was kommen musste…
Es begann mit einem Kratzen im Hals, Gliederschmerzen und nächtlichem Husten. Am nächsten Morgen war der Kenianer zwar nicht kranker, aber wehleidiger als der Sohn.
»Ich kann nicht arbeiten, machst du mir einen Tee? Oh, oh, oh, mir tut alles weh. Und die Nase und die Augen, nicht mal lesen und fernsehen kann ich heute. Ich glaube, ich muss zum Arzt, oder vielleicht sollte er gleich hierher kommen. Bring mir mal das Fieberthermometer, stell doch bitte das Radio an, aber nicht zu laut, sonst kriege ich noch mehr Kopfschmerzen. Reibst du mir den Rücken ein? Könntest du mir etwas Vitaminsaft kaufen? Und ruf doch für mich auf der Arbeit an, das ist mir jetzt echt zu viel und, und, und…«
So verbrachte er jammernd den Tag zu Hause. Gehegt und gepflegt vom Weibe und dem kranken Sohn zürnte er den Laufgöttern. Alles für die Katz. Der lange Lauf. Der Blog im Internet. Die neuen Wunderschuhe und die aufmunternden Kommentare im Forum. Warum musste es ihn ausgerechnet jetzt treffen? Wo er und alles doch so schön gelaufen war! Alles bereit für das Heldenepos, das er im Kopf schon sann, ohne die Sieben Berge bereits bezwungen zu haben. Wo der Schwager anscheinend schwächelte und immer noch in Südostasien festsaß in Folge einer Blockade des Bangkoker Flughafens.
Das Leben war so ungerecht, befand der Kenianer, während sein Weib das Gejammer den ganzen Tag ertrug, ihn mit allen möglichen Heilmitteln versorgte und gleichzeitig dem Sohn die gesammelten Wickie-Abenteuer vortrug.
»Bei Wind und Wetter rennt er Berge hoch und runter. Fährt im Winter mit dem Rennrad durch die Gegend. Macht immer auf hart. Aber ächzt und stöhnt wegen eines kleinen Schnupfens«, dachte das Weib. »Morgen ist er bestimmt schon wieder fitter und kann arbeiten, und drei Tage später schlägt er alle medizinischen Ratschläge in den Wind und geht laufen.«
Und es war wie so häufig in seinem Leben. Das Weib behielt recht.
Vorstartlaunen
Der große Tag rückte näher. Die Erkrankung des Kenianers stellte sich als weniger schwerwiegend heraus. Die Prognose des Weibes war richtig, der Kenianer wieder auf der Piste. Dem Start stand nichts im Wege, die Form des Kenianers war akzeptabel. Nun konnte er getrost dem Siebengebirgsmarathon entgegensehen.
Konnte er wirklich? Wer schon mal für einen Marathon gemeldet war, der kennt es vielleicht: Bei Jim Knopf und Lukas, dem Lokomotivführer, gibt es einen Scheinriesen. Dieser heißt Herr Turtur und hat die Eigenschaft, dass er immer größer erscheint, je weiter der Betrachter sich von ihm entfernt. Das führt dazu, dass sich ihm keiner nähert, weil jeder Angst vor ihm hat.
Des Kenianers Verhältnis zu großen Sportveranstaltungen ist genau gegenteilig. Je näher er ihnen kommt, desto größer, bedrohlicher und unüberwindlicher erscheinen sie. Es beginnt mit Zweifeln, ob er denn überhaupt in der Lage sei, diese Distanz zu schaffen, und steigert sich dann über die Angst um die eigene Gesundheit bis hin zur absoluten Unlust am Wettkampf. Schlaflosigkeit und Unruhe in der Woche vorher. Die schlimmste Phase überfällt ihn immer in den letzten dreißig Minuten vor dem Wettkampf. Dann nehmen Gedanken überhand, die so grauenvoll vernünftig und rational sind, dass sie nichts für Schwächlinge sind. Plötzlich findet der Kenianer alle Mitstarter doof und sich selbst total deplatziert.
»Kenianer, warum hast du so schlechte Laune?«, fragte sein Sohn.
»Ich habe keine schlechte Laune!«
»Doch, doch. Du willst nicht mehr spielen, du liest mir nicht vor, du streitest mit Mama, du lachst gar nicht mehr und du gehst nicht mehr mit mir zum Schwimmen!«
»Schwimmen? Ich muss laufen! Spielen können wir nächste Woche wieder! Ich streite nicht mit Mama, wir diskutieren nur! Nach Lachen ist mir gar nicht zumute, und jetzt lass mich endlich in Frieden!«
Schwimmen, was wusste der kleine Mann denn? Schwimmen vor dem Marathon?!? Wo Muskeln weich werden und neue Erkältungen warten? Nein, nein. Und stritt er wirklich mit Mama? Okay, gelegentlich – aber das musste sie doch einsehen, dass Adventskaffees und Geschenkekaufen nun wirklich nicht passend waren. Konnte denn er etwas dafür, dass Weihnachten so kurz nach dem wichtigen Lauf im Kalender stand? Und dass Sohnemann, Kenianers Mutter und sein Weib noch im selben Monat Geburtstag hatten, war bedauerlich, aber konnte er wegen solcher Lappalien seinen Fokus ändern?
Der lag nur auf dem Lauf am kommenden Sonntag. Leider war das gar nicht gut. Mit jedem Tag und vor allem mit jeder Nacht, die ihn näher an den Start brachten, wuchsen seine Zweifel und Ängste.
»Du bist der einzige Läufer, der in der Marathonvorbereitung vier Kilo zugenommen hat«, dachte er sich. Und außerdem: Welche Schuhe sollte er anziehen? Die teuren, aber schweren Stabiltreter des Marktführers, die zwar seinen Füßen schmeichelten, aber wie Bremsklötze an seinen Beinen hingen? Die neuen Wunderschuhe, die Leichtigkeit mit Stabilität verbanden, denen er aber beim Halbmarathon vor einigen Wochen hässliche Blutblasen an der Großzehe zu verdanken hatte? Oder gar seine Lieblingsschuhe vom amerikanischen Hersteller, die ihm – ganz der Tradition seiner Landsleute folgend – ein Barfuß-Laufgefühl vermittelten und mit denen er dieses Jahr so viele schöne Läufe erlebt hatte?
Und war es wirklich sinnvoll, die Tage vor dem Start ohne Laufen zu verbringen? Könnte er nicht in dieser Zeit das Gefühl fürs Laufen verlieren?
Aber ist Marathonlaufen nicht eh völlig unnütz, ist es nicht ein Zeichen von Dekadenz einer Wohlstandsgesellschaft, die Tausende von Menschen dazu bringt, ihre Energien zu verpulvern, indem sie 42,195 Kilometer durch die Landschaft rennen? Gibt es nennenswerte Marathonläufe in Krisengebieten? Gab es Marathonveranstaltungen in der Nachkriegszeit? Was müssen Menschen in Dritte-Welt-Ländern denken, wenn sie hören, dass in den reichen Teilen der Welt die Leute ohne Not lange Strecken laufen?
Sollte er wirklich das Risiko eingehen, die Nacht vor dem Start beim Schwager zu verbringen? Und würde er das Essen des Schwagers teilen oder doch lieber zum streng kontrollierten Fraß vom Schotten mit dem großen M greifen, der zwar nicht gesund, aber doch nie verdorben oder vergiftet war.
Das Startgeld war doch gar nicht so hoch, er würde nicht viel verlieren, wenn er auf den Start verzichtete.
Dies waren die schlimmsten Gedanken, die ihn in den letzten Tagen vor dem Siebengebirgsmarathon umtrieben. Und sie würden bestens geeignet sein, um in den fünf Minuten vor dem Wettkampf eine unheilvolle Liaison mit dem Gefühl absoluter Lustlosigkeit einzugehen.
Kurzum, es war alles wie immer vor einem Marathonlauf. Der große Tag konnte also kommen.
Marathonhelden
So fand sich der Kenianer am frühen Morgen mit seinem Schwager in einem Bürgersaal in dem kleinen Örtchen Aegidienberg wieder inmitten von…
…inmitten einer wahrhaft ungewöhnlichen Athletenschar. Hier hatten sich Läufer eingefunden, die – reich an Erfahrung und Kilometern – einen Marathon durchs Siebengebirge nicht als Herausforderung, sondern als gemütlichen Jahresausklang ansahen. Lauschte man den Gesprächen in den Kloschlangen, so war ein Marathon eine Kurzstrecke und das Siebengebirge der passende Ort für einen entspannten, 42,195 Kilometer langen Sonntagsspaziergang.
Ebenso ungewöhnlich wie die Kilometerleistung dieser Menschen waren ihr teilweise hohes Alter und die sonderbaren Outfits. Vorherrschend – wenn auch inzwischen etwas ausgeblichen – die grellen Farben der 80er Jahre. Laufschuhe, die nach heutigen Maßstäben keine mehr sind. Einer der Läufer trug sogar Jeans (und kam später tatsächlich in einer Zeit um viereinhalb Stunden ins Ziel). Hier trafen sich die Urgesteine der Ausdauer-Szene, und das am häufigsten zu sehende Vereinstrikot war das des »Marathon 100er Club«, dessen Mitglied man nur werden darf, wenn man mindestens hundert dieser Läufe absolviert hat.
Liebenswert skurrile Typen in einem Starterfeld, das so völlig anders als bei den großen Stadtmarathons daherkam. Aber eben auch eine beeindruckende Kulisse für den Kenianer und seinen Schwager. Kurzum, hier liefen zwei Ärsche auf Grundeis respektvoll die ersten Steigungen hinauf. Bei einem Wetter, um Siebengebirgsmarathon-Helden zu zeugen. Eisig kalt, aber strahlender Sonnenschein.
Apropos Grundeis. Das gab es dann auf den Höhenwegen des Siebengebirges. Charakteristisch für diesen Lauf ist aber auch, dass man die Höhen schnell wieder verlässt (natürlich nur, um sie bald darauf wieder zu erklimmen), sodass die Wege zwischendurch wieder eisfrei waren.
Der Rennverlauf des Kenianers ließ sich in aller Kürze so beschreiben: Auf den ersten zehn Kilometern Respekt, gar Angst und ein eher verzagtes Angangstempo, was sich später auszahlen würde. Auf den zweiten zehn Kilometern blanke Verzweiflung, da er auf einem glatten Gefällestück plötzlich von einem akuten »Ballack«, einem unschönen Stechen in der Wadenmuskulatur, befallen wurde, als er dummerweise versuchte, während des Laufes ein Foto vom Schwager zu schießen. Der Ballack bereitete ihm vor allem bergab Beschwerden, sodass der Kenianer schon an Aufgabe dachte. Zwischen Kilometer zwanzig und siebenundzwanzig dann Hoffnung und Zuversicht, da die Wade nicht »zumachte«. Eine Schwächephase zwischen siebenundzwanzig und einunddreißig. Freude und Selbstsicherheit auf den letzten Kilometern bis zum Zieleinlauf. Danach etwas Stolz und viel Leere, was ja schon mal vorkommen kann nach einem Marathon.
Und der Schwager? Tja, der Schwager! Er hatte nicht geblufft! Er war verletzt, er war tatsächlich auf Dienstreise gewesen und in den letzten zweieinhalb Monaten vielleicht fünf Mal zum Laufen gekommen. Aber dennoch, trotz dieser quasi nicht-existenten Vorbereitung in den entscheidenden Wochen ging er an den Start (Vorsicht Kinder: nicht nachmachen!). Getrieben von der Rivalität zum Kenianer schwang er sich auf, dem Siebengebirge die unvernünftige Stirn zu bieten. Und erstaunlicherweise blieben die beiden Konkurrenten lange Zeit zusammen. Zwischenzeitlich lief der Schwager unserem Kenianer sogar davon, um dann an der nächsten Verpflegungsstelle großmütig zu warten.
Erst im sieben Kilometer langen Anstieg ab Kilometer dreißig verlor er den Anschluss, entließ den Kenianer und befahl ihm vorzulaufen. »Wenn es eine Heldengeschichte unter den Läufern gibt, dann die des Schwagers«, dachte der Kenianer insgeheim, als er mit schlechtem Gewissen davonzog – auch wenn er geneigt war, dem Herausforderer aufgrund dessen wenig heroischer Vorbereitung und Trainingsmoral den halben Heldenstatus gleich wieder abzuerkennen.
Und die ganze Heldengeschichte? Die spielte sich wie immer unbeobachtet ab. Die wahren Helden des Siebengebirges sind nicht die beklatschten Läufer. Es sind nicht die Kenianer, die ihrem Hobby nachgehen dürfen. Nicht die gut vorbereiteten Vielläufer, die all die fantastischen Eindrücke von der Landschaft und dem Wettkampf für immer in ihrem Läufergedächtnis speichern. Nicht die Sieger, die mit unvorstellbarer Geschwindigkeit die steilen Anstiege und die glatten Gefällestrecken bewältigen.
Es sind die, die sich stundenlang freiwillig und ehrenamtlich in die Kälte stellen. Die an einsamen Verpflegungsstellen im Wald unermüdlich Bananen schneiden. Die Wasser, Tee und Iso an die vorbeiziehenden Läufer verteilen. Die selten mal ein Wort des Dankes dafür bekommen (wobei der Kenianer noch nie ein so freundliches Miteinander von Läufern und Helfern gesehen hat wie bei diesem Lauf) und manchmal sogar Unfreundliches ertragen müssen.
Die, die immer ein aufmunterndes Wort für die Läufer übrig haben. Die vor dem Lauf Verpflegungsstände aufbauen. Die nachher die zahllosen in den Wald geworfenen Trinkbecher aufsammeln. Die Wochen vorher die Organisation des Laufes auf die Beine stellen. Die alles tun, um eine tolle und empfehlenswerte Veranstaltung zu stemmen.
Jeder, der frei von der Jagd auf Bestzeiten einen Lauf durch wunderschöne Landschaften mitmachen möchte, jeder, der einmal eine Veranstaltung mit seiner Teilnahme beehren möchte, die gleichermaßen Mörderlauf mit achthundert Höhenmetern und gemeinschaftliche Waldwanderung, entspanntes Bergaufgehen und einmaliges Erlebnis ist, kann diesen Helden einen Dienst erweisen. Indem er sich selbst zu diesem schönen Marathon anmeldet. Und vor allem, indem er bei seinem nächsten Lauf ein nettes Lächeln und ein kurzes »Dankeschön« in Richtung dieser Helden schickt!
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