Kitabı oku: «Die Nacht der Delfine»

Yazı tipi:


Mit Illustrationen von David Dean

Aus dem Englischen von

Christoph Renfer

Verlag Freies Geistesleben

Für meinen Patensohn Francis,

der zwar noch etwas zu jung ist,

um dieses Buch zu lesen,

dafür aber Delfine und Haie

mit «farfen Pfähnen» liebt.


• 1 •


Als Miss Volkner ihrer Klasse eröffnete, dass sie eine Studienfahrt unternehmen würden, um die «Sardinenwanderung» zu beobachten, musste Martine Allen sofort an silberne, mit Tomatensauce bedeckte Dosensardinen denken – doch in ihrer kuriosen Vorstellung waren die Sardinen noch ganz und wanderten in silbernen Knickerbockern und roten Kniestrümpfen die südafrikanische Küste entlang.

Damit lag sie allerdings völlig falsch. Die Sardinenwanderung war laut Miss Volkner eines der großartigsten Naturereignisse der Welt – eine Wanderung im Meer. Jedes Jahr im Juni und Juli zogen Millionen von Sardinen aus den seichten Gewässern vor Kap Aghulas, der südlichsten Spitze Afrikas, in einer kalten Strömung gegen Osten. Mit weit geöffneten Mäulern verfolgten sie ihre Lieblingsspeise, das nährstoffreiche Plankton, und verschlangen es, während sie unbeirrbar weiterschwammen. Die Sardinen wiederum wurden von Zehntausenden von hungrigen Delfinen, Schwarzhaien, Schildzahnhaien, Kupferhaien und großen Schwärmen von Kaptölpeln mit ihren Jungen verfolgt.

Martine und ihre Mitschüler würden sich also dieser Meereskarawane anschließen und mit der Sardinenwanderung die Küste von KwaZulu-Natal entlangfahren, um schließlich weiter nördlich Dugongs zu zählen.

«Was sind Dugongs?», fragte Martine flüsternd Sherilyn Meyer, woraufhin diese sie aufklärte, dass es sich dabei um «süße, graue Pummel» handelte, «so was Ähnliches wie eine Kreuzung zwischen Flusspferd und Robbe.Früher haben die Seeleute geglaubt, Dugongs wären Meerjungfrauen.»

Die Klasse konnte sich vor lauter Begeisterung kaum einkriegen. Zehn freie Tage mitten im Schuljahr und das auf einem Kreuzfahrtschiff. Auch Martine war außer sich vor Freude, bis Miss Volkner ein Merkblatt verteilte. Ganz oben auf der Packliste für die Klassenfahrt stand: 1 Badeanzug.

Martine streckte die Hand in die Höhe. «Entschuldigen Sie, Miss Volkner, aber warum brauchen wir einen Badeanzug?»

Ein Gekicher ging durch das Klassenzimmer, und auch Miss Volkner konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.

«Das Ganze nennt sich Seefahrt, weil wir zur See fahren, Martine», sagte sie. «Nie wieder wirst du so viel Gelegenheit zum Schnorcheln, Tauchen und Herumplanschen haben. Und ich glaube kaum, dass du das so ganz ohne Badeanzug tun möchtest!»

Allgemeines Gelächter.

«Aber, äh …», Martine rang nach den passenden Worten, «… was ist denn, wenn einer von uns nicht schwimmen will?»

«Weshalb in aller Welt solltest du nicht schwimmen wollen?», fragte Miss Volkner überrascht. «Die Riffe sind wunderschön. Ich versichere dir, Martine, wenn du erst einmal im offenen Meer draußen geschwommen bist, den Meeresgrund fast ein Kilometer unter dir, werden wir dich kaum noch aus dem Wasser kriegen.»

Irgendjemand stellte eine weitere Frage. So fiel es denn auch niemandem auf, dass Martines Gesicht aschfahl wurde und ihre Knie unter dem Pult zu zittern begannen.


In dieser Nacht kamen die Haie zum ersten Mal. In dreidimensionalen Albträumen umkreisten sie Martine, die kalten, tief liegenden Augen auf ihre strampelnden blassen Gliedmaßen gerichtet, mit denen sie sich in der stürmischen See über Wasser zu halten versuchte. Woche für Woche kamen die Träume immer häufiger und immer heftiger, sodass Martine schließlich Angst davor hatte einzuschlafen. Zwei Tage vor der geplanten Abreise setzte sie sich sogar mit einem Stapel Bücher auf dem Kopf aufrecht ins Bett, damit diese sofort zu Boden krachten, sollte sie einnicken. Doch beim dritten Mal war sie bereits so erschöpft, dass sie gar nicht mehr hörte, wie die Bücher auf den Fußboden polterten. Sie versank einfach in den Bettlaken und ergab sich den gefräßigen Meeresräubern.

Wild zappelnd wehrte sich Martine gegen das Ertrinken und die gefräßigen Haie in einem Ozean, der so eiskalt war, dass sich ihre Beine wie gelähmt anfühlten, als sie eine Stimme aus dem Nichts aus dem Traum holte. «Aufwachen, Martine! Wir müssen bald los, wenn wir früh am Strand sein wollen.»

Martine zwang sich dazu, richtig wach zu werden. Es war Morgen, und auf ihrer Bettkante saß eine verschwommene Gestalt. Als sie blinzelte, wurde das Bild scharf. Ihre Großmutter, wie immer in Jeans, jedoch in einer hellblauen Bluse anstelle des khakifarbenen Arbeitshemdes mit Löwensignet auf der Brusttasche, musterte sie mit ihren stahlblauen Augen.

«Wie oft habe ich dir gesagt, du sollst nicht bei offenem Fenster schlafen?», sagte sie leicht vorwurfsvoll. «Kein Wunder, dass du Albträume hast. Du frierst bestimmt. Juni ist Winter in Südafrika, Martine. Das solltest du doch mittlerweile wissen.»

Martine versuchte, sich aus den kalten Tentakeln ihres Traums zu befreien. «Ich war dabei zu ertrinken», sagte sie verschlafen. «Die Haie verfolgten mich, und ich rang nach Luft.»

«Aber sicher doch, du warst dabei zu ertrinken», sagte Gwyn Thomas, während sie sich vorlehnte und mit einem Griff zum Fenster die nach Antilopen riechende Luft aussperrte. «Du hast dich in den Bettlaken verfangen. Doch was sollen die ganzen Bücher auf dem Fußboden?»

Martine befreite sich aus dem Gewirr des Bettzeugs und setzte sich auf. Sie wollte ihrer Großmutter mit ihren Albträumen keine Sorgen bereiten. «Ich habe nach einer guten Bettlektüre gesucht.»

«Und so hast du dir zuerst Das Große Handbuch der Modelleisenbahnen und dann Jeep-Reparaturen – leicht gemacht zu Gemüte geführt?»

Martine antwortete nicht. Sie war zu sehr von dem Bild gefangen, das sich durch das Schlafzimmerfenster hinter dem auslaufenden Strohdach auftat. In der Ferne trotteten ein paar Elefanten wie graue Geistergestalten im winterlichen Morgennebel um das Wasserloch. Obwohl sie jetzt schon seit sechs Monaten in Sawubona war, konnte sie immer noch nicht glauben, dass sie auf einem Wildreservat in Südafrika lebte. Jeden Morgen beim Aufwachen durchfuhr sie ein Schauer, wenn sie die Augen öffnete, sich auf einen Ellenbogen stützte und über die wilde Savanne blickte, die zu ihrer Heimat geworden war. Doch selbst dies vermochte den Knoten der Trauer nicht aufzulösen, der sich in ihrem Magen gebildet hatte, seit ihre Eltern an Silvester beim Brand ihres Hauses im englischen Hampshire ums Leben gekommen waren. Aber es half ihr zumindest dabei.

Es half ihr auch, dass sie eine neue Familie hatte. Es war keine Ersatzfamilie, denn niemand würde je ihre Eltern ersetzen können, die sie mehr liebte als alles auf dieser Welt. Aber wenigstens fühlte sie sich nicht mehr isoliert. Neben ihrer Großmutter war da der hünenhafte Zulu Tendai, der vor Kurzem vom Fährtenleser zum Wildhüter befördert worden war. Tendai weihte sie in die Geheimnisse des Busches ein, gab ihr Tipps für das Überleben in der wunderschönen, aber hochgefährlichen afrikanischen Wildnis und nahm sie zum Frühstück am Lagerfeuer auf einem Plateau hoch über Sawubona mit. Martine verehrte und bewunderte Tendai, doch auch mit seiner Tante Grace verband sie eine ganz besondere Beziehung. Grace war nicht nur eine Sangoma, eine afrikanische Naturärztin und Heilerin, sondern gleichzeitig auch die beste Köchin der Welt. Ihre Vorfahren stammten aus Afrika und der Karibik, und Grace allein kannte das Geheimnis von Martines besonderer Gabe, mit Tieren zu kommunizieren.

Doch das Allerwichtigste für Martine war ihre weiße Giraffe Jemmy (eine Kurzform von Jeremiah). Sie hatte Jemmy gezähmt und war mit ihm über die Savanne geritten. Und da war auch noch Ben, der Junge, der ihr geholfen hatte, Jemmy zu befreien, als dieser entführt worden war. Martine betrachtete Ben und Jemmy als ihre besten Freunde, auch wenn sie ihr das nicht wirklich bestätigt hatten, denn Jemmy konnte nicht sprechen und Ben gab nur selten ein Wort von sich.

«Irgendwann heute noch, wenn es geht», sagte Gwyn Thomas spitz. Martine erinnerte sich, dass sie eigentlich aufstehen sollte. Als sie auf den Wecker blickte, konnte sie nur mit Mühe einen Seufzer unterdrücken. 6 Uhr! Was hatte ihre Großmutter nur gegen ein gemütliches Ausschlafen am Sonntagmorgen?

Als Gwyn Thomas Martines Gesichtsausdruck sah, blitzten ihre Augen belustigt auf. Es hatte mal eine Zeit gegeben, als diese Augen Martine immer nur kalt und feindselig musterten. Doch in diesen Tagen war ihr gebräuntes Gesicht meist von Lachfalten geprägt.

«Du bist bestimmt sehr aufgeregt, morgen mit deiner Klasse wegzufahren», sagte sie. «Zehn ganze Tage auf hoher See. Zehn ganze Tage voll gepackt mit Geschichte und Natur und einer Prise Abenteuer, nehme ich an. Ich beneide dich. Wirklich. Am liebsten würde ich gleich mitkommen.»

«Wollen wir tauschen?»

Gwyn Thomas lachte. «Einen Moment lang klang das beinahe echt, Martine. Du freust dich doch bestimmt auf die Reise, oder etwa nicht?»

«Natürlich», sagte Martine mit dem größten Maß an Überzeugung, das sie aufbringen konnte, und unterdrückte ein Gähnen. «Ich kann es kaum noch erwarten.»

«Ich bin froh, das von dir zu hören. In den letzten Tagen warst du nämlich etwas blass. Die frische Seeluft wird dir bestimmt guttun. Also, dann sehen wir uns gleich unten. Ich mache nur schnell das Picknick für unsere Strandwanderung fertig.»

«Okay, bis gleich», sagte Martine in munterem Ton. Doch sobald sich die Zimmertür hinter ihrer Großmutter geschlossen hatte, vergrub sie den Kopf in den Händen und schloss die Augen. Sie wusste genau, weshalb sie in ihren Träumen von Haien heimgesucht wurde, und es hatte nichts damit zu tun, dass sie bei offenem Fenster schlief, sich in den Bettlaken verwickelte oder vor dem Schlafengehen Käse aß. Diese und alle anderen fadenscheinigen Gründe, die man allgemein für die Entstehung von Albträumen verantwortlich machte, waren aus der Luft gegriffen. Sie hatte die Albträume wegen etwas, das sich vor fast genau einem Jahr ereignet hatte.

Sie war mit ihren Eltern nach Cornwall in Urlaub gefahren. Am letzten Ferientag musste ihr Vater, der Arzt war, zu einem Noteinsatz, weil sich ein paar Jungen bei einem Sturz von einem Felsen verletzt hatten. Martines Mutter, die dabei war, sich von einer Grippe zu erholen, hielt gerade ein Mittagsschläfchen. Da er sie nicht um ihre Ruhe bringen wollte, fragte er Martine, ob es ihr etwas ausmachen würde, während seiner Abwesenheit etwas zu lesen oder zu zeichnen.

Doch es war ein brütend heißer Sommertag, und nach einer Weile langweilte sich Martine und beschloss, zum Strand hinunterzulaufen, um ein kurzes Fußbad zu nehmen. Das sollte sie schaffen, bevor ihre Mutter wieder aufwachte. Als sie am Strand ankam, war das Meer so einladend, dass es nicht beim Fußbad blieb, und so stand sie schon bald bis zur Hüfte im Wasser. Doch dann türmte sich plötzlich wie aus dem Nichts eine Welle vor ihr auf, warf sie um, riss sie mit und schleppte sie über den Meeresboden, sodass Martine sich – wie im Schleuderprogramm einer Waschmaschine – immer wieder überschlug. Gerade als sie glaubte, gleich ertrinken zu müssen, spuckte die Welle sie wieder aus, woraufhin sie sich halb schwimmend, halb kriechend wieder an den Strand zurückkämpfen konnte.

Etwa zur gleichen Zeit hatte ein Fischer einen Riesenhai an Land gezogen. Martine hatte seine düsteren Umrisse im Sand gesehen, als sie über den Strand heimwärts taumelte. Und irgendwie hatten sich die beiden Dinge – der Hai und die Waschmaschinenwelle – zusammen tief in ihre Erinnerung gegraben. Wenig später lag sie in den Armen ihrer Mutter, die sie bereits verzweifelt gesucht hatte und so erleichtert und überglücklich war, sie unbeschadet wiederzusehen, dass es ihr gar nicht in den Sinn kam, sie zu schelten. Weil sie ihre Mutter mit der Geschichte nicht belasten wollte, beschloss Martine, ihr nichts davon zu erzählen, dass sie beinahe ertrunken wäre. Sich selbst aber schwor sie, nie wieder im Meer zu baden, wenn sie es irgendwie vermeiden konnte.

Seither hatte sich auch gar keine Gelegenheit dazu ergeben. Sie waren am nächsten Tag aus Cornwall abgereist. Und im folgenden Winter waren ihre Eltern bei dem Brand ums Leben gekommen. So hatte keiner entdeckt, was Martine nie einer anderen Menschenseele anvertraut hatte, weil sie es sich selbst nicht eingestehen mochte: dass sie panische Angst vor tiefem Wasser hatte.


• 2 •


In den sechs Monaten, die Martine bisher in Südafrika verbracht hatte, war sie nicht ein einziges Mal zum Strand gefahren, da ihre Großmutter das Reservat höchst selten verließ und außerdem gar nichts davon hielt, sich unter einer dicken Schicht Sonnenschutzcreme in einem gestreiften Liegestuhl zu räkeln. Martine war das natürlich nur recht. Und sie war ziemlich überrascht gewesen, als Gwyn Thomas ihr am vorigen Abend eröffnet hatte, sie würden morgen in aller Herrgottsfrühe zu einem Spaziergang an der Kapküste aufbrechen. Glücklicherweise war es viel zu kalt zum Schwimmen, und so konnte sich Martine leichter mit dem Gedanken anfreunden, als es im Sommer der Fall gewesen wäre.

Sie freute sich sogar, als sie an diesem Sonntagmorgen kurz vor acht in Uiserfontein eintrafen und sich der weite Ozean vor ihnen ausbreitete. Die Sonne warf ein golden glitzerndes Band über die wild wogende blaue Welt. Lilafarbenes Heidekraut erstreckte sich bis dicht an die Küste. Als sie aus dem Auto stieg, erfasste eine steife Brise ihr Halstuch, und der salzige Geruch von Meerwasser drang in ihre Nase.

Es war alles andere als warm. Martine war froh, dass ihre Großmutter auf Wollmütze, Anorak und Handschuhe als Schutz gegen die Kälte bestanden hatte. Abgesehen von ein paar Möwen war draußen in der Bucht einzig ein Kitesurfer zu sehen. Gebannt verfolgte Martine von den Dünen aus, wie er, einem Wagenlenker gleich, über die Wogen flog. Immer wenn er wieder hinter einem Wellenberg verschwand, war nur noch der aufgeblähte bunt gestreifte Schirm seines Lenkdrachens zu sehen. Manchmal blieb er so lange unsichtbar, dass sie glaubte, er sei von der Unterströmung erfasst worden, doch dann wurde er unvermittelt wieder von einem Brecher ins Bild hineinkatapultiert.

Der Wind peitschte die Wellen zu schäumenden Gischtfahnen, die aus der Ferne wie Schimmelmähnen aussahen. Die Wellen schleuderten den Surfer und sein Brett in die Luft, wo er von seinem Drachen erfasst und immer höher gezogen wurde. Mit furiosen Salti und wilden Schlenkern schien er mühelos die Schwerkraft zu überwinden. Dann ließ er sich wieder hinabgleiten, bis er wieder hinter einer Woge verschwand.

Am Strand war wegen des pfeifenden Windes ein Gespräch beinahe unmöglich, und so blieb Martine keine andere Wahl, als Gedanken über die bevorstehende Studienreise zu wälzen. Eigentlich klang ja alles fantastisch – wenn da nur nicht ihre panische Angst vor dem Schwimmen gewesen wäre. Miss Volkner hatte ihnen erzählt, die Sardinenwanderung sei eines der großartigsten Naturereignisse der Welt. Sie verglich es mit der Gnuwanderung in Ostafrika, bei der jedes Jahr mehr als eine Million Gnus mit ihren geschwungenen Hörnern in einer endlosen schwarzen Masse durch die gelbe Serengeti zogen, immer auf der Flucht vor Löwen, Hyänen, den nur als gefleckte Goldstreifen erkennbaren Geparden und träge blinzelnden, in heimtückischen Flüssen liegenden Krokodilen. Bei der Sardinenwanderung würden sich einzelne Sardinenschwärme manchmal über eine Fläche von fünfzehn Kilometer Länge und drei Kilometer Breite erstrecken. Dazu gesellten sich Delfinherden, die bis zu tausend Tiere stark waren.

Am meisten freute sich Martine auf die Delfine. Bisher hatte sie erst einen lebenden Delfin gesehen. Das war in einem düsteren Aquarium in England gewesen, das sie mit der Klasse ihrer nicht minder düsteren Mittelschule Bodley Brook in England besucht hatte. Ein Delfintrainer hatte dem armen Tier in einem schäbigen Schwimmbecken mit Wasserbällen und Gummiringen ein paar Tricks abgerungen. Die Kinder durften den Delfin mit Fischen – wahrscheinlich Sardinen – aus einem Eimer belohnen. Doch Martine hielt sich zurück. Als sich der Delfin einmal dem Rand des Schwimmbeckens näherte, fiel ihr auf, dass er seine Mundwinkel zu einem ständigen Lächeln verkrampft hatte. Sie wurde den Eindruck nicht los, dass der Delfin nur eine Grimasse machte – wie ein lächelnder Clown unter einem Strom von Tränen.

Das Erlebnis mit dem Delfin erinnerte sie an ein anderes Tier, das von Menschen ausgenutzt wurde – ihre weiße Giraffe Jemmy. Das Gute an Jemmys plötzlichem Ruhm nach seiner Rettung war, dass kein Jäger mehr an ihm Interesse hatte. Als einzige weiße Giraffe der Welt war er zwar immer noch sehr wertvoll, aber nicht annähernd so wertvoll wie damals, als er eine sagenumwobene Legende gewesen war. Außerdem war Jemmy zu groß, um von Wilderern unbemerkt gefangen genommen und wegtransportiert zu werden, ganz zu schweigen von der Schwierigkeit, ihn mit einer Tarnfarbe zu versehen.

Das Schlechte an Jemmys plötzlichem Ruhm war, dass alle ihn sehen wollten. Früher hatte er tagsüber in seinem geheimen Refugium geschlafen und es nur nachts verlassen. Jetzt schlief er nachts in seinem Versteck und streifte tagsüber durch das Reservat. Gwyn Thomas führte Touristengruppen auf der Suche nach der weißen Giraffe durch Sawubona. Sie hatte sogar Kaffeetassen und T-Shirts mit dem Motiv der weißen Giraffe herstellen lassen.

Über die letzten Monate hatte sich die Beziehung zwischen Martine und ihrer Großmutter in geradezu unglaublichem Maße verbessert, aber die Führungen, die den Reservatbesuchern einen Blick auf die weiße Giraffe versprachen, blieben ein Zankapfel zwischen den beiden. Zwar organisierte Gwyn Thomas diese Fotosafaris äußerst umsichtig, um Jemmy keinem Stress auszusetzen, doch Martine war allein schon der Gedanke, dass kamerabehängte Touristen Jemmy begafften, unerträglich. Sie machte denn auch keinen Hehl aus ihrer Ablehnung. Sie flehte ihre Großmutter an, diesen Besichtigungen ein Ende zu setzen, und wurde nicht müde, immer wieder zu betonen, dass Jemmy ein hochsensibles und ganz besonderes Geschöpf sei. Doch Gwyn Thomas blieb unnachgiebig und beharrte darauf, dass es für Jemmy am besten sei, wenn die Menschen ihn in einem kontrollierten Rahmen besichtigen könnten, ganz abgesehen davon, dass Sawubona die neu erschlossene Einnahmequelle dringend benötigte.

«Es ist ganz einfach, Martine», sagte sie. «Je mehr Geld wir einnehmen, desto mehr Tiere können wir retten.»

Dagegen konnte Martine nichts einwenden, denn Sawubona war tatsächlich nicht gerade auf Rosen gebettet, und auch sie wollte so viele Tiere wie möglich retten.

Ein Fäustling tippte gegen ihren Arm. Martines Großmutter versuchte ihre Aufmerksamkeit zu erregen.

«Ganz ehrlich, manchmal habe ich das Gefühl, dass du noch schlechter hörst als ich. Ich habe meine Brille zu Hause vergessen. Was ist das dort vorne am Strand? Eine Robbe? Oder nur ein seltsam geformter Fels?»

Martine legte die Hand über die Augen, um sie vor dem gleißenden Sonnenlicht zu schützen, und sagte nach Luft ringend: «Ich glaube … Ich glaube, es ist ein Delfin.»


Martine war als Erste beim Delfin. Später sollte Gwyn Thomas sagen, sie hätte es nie für möglich gehalten, dass ihre Enkelin, die außer dem Giraffenreiten mit Sport sonst gar nichts am Hut hatte, so schnell laufen konnte, wenn sie es nicht mit ihren eigenen Augen gesehen hätte. Auf den letzten Metern verlangsamte Martine ihren Lauf, um den Delfin nicht zu erschrecken, sollte er noch am Leben sein.

Er war noch am Leben, würde es allerdings nicht mehr lange sein, wenn sie sich auf ihr Urteilsvermögen verlassen konnte.

Als Martine sich am Wasser niederkauerte, geschahen zwei Dinge. Sie blickte in die dunkelblauen Augen des Delfins und hatte das Gefühl, tief in sie hineinzustürzen – in eine unergründliche Weisheit und grenzenlose Unschuld. Außerdem hatte sie das Gefühl, das Tier wolle mit ihr in Verbindung treten. Gleichzeitig fuhr sie mit den Händen über seinen glänzend grauen Körper und erwartete ein kaltes, zähes Gefühl. Stattdessen spürte sie einen samtweichen und gleichzeitig muskulösen Körper, aus dem ein elektrischer Stromstoß ihre Arme hochschoss, genauso wie damals, als sie zum ersten Mal die weiße Giraffe berührt hatte. Unvermittelt zog sie die Hände zurück, als habe sie sich verbrannt.

«Das arme Tier ist gestrandet», sagte ihre herbeieilende Großmutter. «Niemand weiß, warum ihnen das passiert, aber es kommt immer häufiger vor. Gerade letzte Woche habe ich in der Zeitung von 300 gestrandeten Delfinen an der Küste von Sansibar gelesen. Martine? Martine, ist dir nicht gut? Du bist kreidebleich. Wenn dich das hier zu sehr belastet, kannst du im Auto warten, während ich mich um Hilfe kümmere.»

Martine fand ihre Stimme wieder. «Was sollen wir tun? Wie können wir ihn retten? Er kann doch nicht atmen.»

«Delfine sind Säugetiere, keine Fische. Sie atmen Sauerstoff – wie wir. Sie sterben am Schock und weil sie nicht mehr im Wasser sind. Wir müssen seine Haut feucht halten. Im Auto ist ein Eimer. Du bist viel jünger und fitter als ich. Lauf los, hol ihn und bring auch gleich mein Handy mit. Ich rufe die Küstenwache. Ist es nicht wie verhext, dass man das Handy nie dabei hat, wenn man es braucht?»

Martine erhob sich widerwillig. Der Delfin lag im Sterben und er hatte sie gewissermaßen um Hilfe angefleht. Wenn sie der Aufforderung ihrer Großmutter Folge leistete, würde wertvolle Zeit verstreichen – Zeit, die zwischen Leben und Tod entscheiden könnte. Wenn sie versuchen würde, den Delfin selbst zu retten, könnte sie sofort beginnen. Doch dabei standen ihr zwei Hindernisse im Weg. Erstens hatte sie noch nie versucht, einen Delfin zu heilen. Was, wenn sie es nicht schaffen würde und eine wichtige halbe Stunde, in der man die Küstenwache hätte alarmieren können, verloren ginge und der Delfin wegen ihr sterben würde? Zweitens wusste ihre Großmutter nichts von ihrer Gabe. Sie kannte zwar die Zululegende, die besagte, dass das Kind, das auf der weißen Giraffe reitet, Macht über alle Tiere hat, doch sie hatte Martines Gabe nie mit eigenen Augen gesehen und wusste eigentlich auch nicht genau, was sie bedeutete.

Oft hatte sie ihr scherzend gesagt: «Wie schade, dass die Kräfte, die dir verliehen wurden, dir nicht dabei helfen, in deinem Zimmer Ordnung zu halten.»

Nicht einmal Martine wusste, was es mit der Legende auf sich hatte. Sie wusste einzig und allein, dass sie ihre Großmutter loswerden musste.

«Martine, das ist ein Notfall!», sagte Gwyn Thomas eindringlich.

In diesem Moment sah Martine eine Familie mit drei sehr lebhaften Labradoren über den cremefarbenen Strand auf sie zukommen.

«Diese Leute haben vielleicht ein Handy dabei», sagte Martine. «Wir könnten Zeit gewinnen, wenn sie für uns die Küstenwache alarmieren.»

«Gute Idee, Martine. Lauf zu ihnen und bitte sie darum.»

«Das kann ich nicht», sagte Martine kleinlaut und ließ ihren Kopf absichtlich hängen, als würde sie sich schämen. «Ich bin schüchtern. Kann ich nicht hier beim Delfin bleiben?»

Ein Hauch von Misstrauen flog über das Gesicht der Großmutter. «Du bist schüchtern?»

«Ja.»

«Dann wäre dies die Gelegenheit, für einmal … Ach lassen wir das. Versuche, ihn zu beruhigen, während ich weg bin.»

Erst als ihre Großmutter schon beinahe bei den Spaziergängern mit den Labradoren war, legte sie ihre Hände wieder auf den seidenweichen Körper des Delfins. Wieder zuckte sie zusammen, als der Strom knisternd durch ihre Arme schoss, aber diesmal traf es sie nicht unerwartet. Sie ließ die Hände auf den Flanken des Delfins ruhen und entschuldigte sich in Gedanken bei ihm, dass sie nicht wusste, wie man Delfine heilte. Zuerst geschah gar nichts. Doch dann wurden ihre Hände wärmer und bald kochend heiß, ihr Herz drohte zu zerspringen und eine Vision drängte in ihren Geist. Im Gegensatz zu früheren Erfahrungen sah sie dieses Mal keine Stammesleute in Tiermasken durch Rauchschwaden tanzen und auch keine großen Büffel- und Giraffenherden. Jetzt sah sie eine Insel mit einem weißen Sandstrand. Und sie sah auch sich selbst im kristallklaren Wasser, das die Insel umgab, mit Delfinen schwimmen.

«Ist er tot?»

Abrupt landete Martine wieder in der Realität. Erst jetzt bemerkte sie, dass ihre Jeans völlig durchnässt waren, als hätte sie bis zu den Hüften im Wasser gestanden. Über ihr stand der Kitesurfer. «Entschuldigung?», murmelte sie geistesabwesend.

«Ist er tot?», wiederholte der Surfer leicht ungeduldig.

Martine schüttelte den Kopf, als wollte sie sich selbst aus ihrer Trance herauskatapultieren. Sie hörte sich selbst sagen: «Nein, er ruht sich nur aus. Würden Sie mir bitte helfen, ihn wieder ins Meer zurückzubringen?»

Der Surfer war ein kräftiger Mann und er nahm die Leinen seines Drachens zu Hilfe, um den Delfin von der Stelle zu bewegen, dennoch mussten die beiden auch das letzte Quäntchen ihrer vereinten Kräfte einsetzen, um ihn ziehend, stoßend und rollend wieder dem Meer zu übergeben. Als sein Körper ganz im Wasser eingetaucht war, machte er keine Anstalten zu schwimmen, sondern versank wie ein Stein.

Und mit ihm sank Martines Mut.

«Hast du nicht gesagt, er habe sich nur ausgeruht?», sagte der Kitesurfer in leicht vorwurfsvollem Ton.

Der Delfin zuckte erst zaghaft, dann etwas energischer mit der Schwanzflosse. Dann tauchte er auf, legte sich seitwärts auf die Wasseroberfläche und blickte Martine forschend an. Dann klatschte er mit einer Flosse, quietschte und schnalzte vergnügt in ihre Richtung, um schließlich als schimmernder Streifen im Meer zu verschwinden. Sie sah ihn erst wieder, als er weit draußen wie ein Akrobat in der Brandung tanzte.

Der Kitesurfer sagte belustigt: «Ist es nicht seltsam mit diesen Delfinen – ihr Lächeln wirkt irgendwie ansteckend.»

Dann nahm er sein Surfbrett, warf ihr einen freundlichen Gruß zu und ging davon. Martine watete aus dem eiskalten Wasser und wrang die Hosenbeine ihrer durchnässten Jeans mit klammen Händen aus. Sie war voller freudiger Erregung. Dank ihrer Gabe hatte sie einen wilden Delfin gerettet. Doch sie hatte das Gefühl, dass die Gabe nicht ihr gehörte. Sie war nur dazu bestimmt, sie sorgsam zu hüten und in die richtigen Bahnen zu lenken.

Sie beobachtete den ausgelassen über die Wellen springenden Delfin und fand, dass der Kitesurfer recht hatte. Auch sie war von diesem Lächeln angesteckt worden. Als jedoch Gwyn Thomas wieder in ihr Blickfeld kam, beeilte sie sich, eine neutrale Miene aufzusetzen.

«War das eine Zeitverschwendung», sagte die Großmutter im Näherkommen, den Eimer schwingend. «Die Leute hatten kein Handy, also musste ich doch zum Wagen zurück. Es wäre wirklich nicht zu viel verlangt gewesen, wenn du an meiner Stelle gegangen wärst. Ich bin nicht mehr so fit wie früher. Um Himmels willen, du bist ja pitschnass! Du kannst doch nicht mitten im Winter im Meer baden. Bestimmt hast du dir eine Lungenentzündung geholt.»

Erst dann fiel es ihr auf. Sie musste zweimal hinschauen. «Wo ist der Delfin?»

Martine deutete aufs Meer. «Dort», sagte sie. Sie konnte ein Grinsen nicht unterdrücken.

«Aber … äh … wie …?», fragte die Großmutter verwirrt. «Ich verstehe das nicht.»

Martine zuckte mit den Schultern. «Der Kitesurfer hat mir geholfen, den Delfin ins Meer zurück zu bugsieren. Und dann ist er halt davongeschwommen.»

«Einfach so? Er ist einfach so davongeschwommen?»

«Ja.»

«Hmm?»

Gwyn Thomas musterte sie mit einem Blick, in dem sich Verwirrung und Bewunderung mit etwas anderem, Untergründlichem mischten, das sie mit einem warmen Gefühl erfüllte. Es war nicht zu übersehen, dass ihre Großmutter gerne weiter gebohrt hätte. Aus irgendwelchen Gründen konnte sie jedoch dem Drang widerstehen. Sie sagte einzig: «Gut, dann ist es höchste Zeit, dass du aus den nassen Sachen kommst.»

Erst als sie beinahe beim Auto angelangt waren, wurde es Martine klar, dass sie – wenn sie bis zur Hüfte nass war – während ihrer Trance im Meer herumgewatet oder -geschwommen sein musste. Seltsam war nur, dass sie keine Angst gehabt hatte. Überhaupt keine.


• 3 •


Die Heimfahrt nach Sawubona war für Martine eigentlich das Beste an der Delfinrettung. Ihre Großmutter wusste, dass etwas geschehen war; doch sie wusste nicht genau was. Die unsichtbare Schranke zwischen ihnen, die mit schmerzhaften Erinnerungen an die Vergangenheit – vor allem in Zusammenhang mit Martines Mutter – zu tun hatte, war verschwunden, während sich ihre Gemeinsamkeit, die Tierliebe, gleichzeitig verstärkte. Immer wieder ahmte Gwyn Thomas Martine nach: «Und dann … dann ist er halt davongeschwommen.» Und immer wieder brachen beide in Gelächter aus.

Diese Nähe zwischen ihnen hielt sich genau bis 17:47 Uhr, als Martine in Jeans und Stiefeln aus ihrem Zimmer herunterkam und verkündete, sie werde einen Ausritt auf der weißen Giraffe machen.

Beinahe ohne von ihrer Zeitung aufzublicken, sagte die Großmutter beiläufig: «Nicht jetzt, Martine. Ich denke, für heute hast du genug Aufregung gehabt.»

«Aber ich kann doch nicht auf die Sardinenwanderung gehen, ohne mich von Jemmy zu verabschieden», sagte Martine, die nicht glauben konnte, dass ihre Großmutter es ernst meinte. «Ich muss ihn sehen. Unbedingt!»

«Dann hättest du das früher tun müssen», sagte Gwyn Thomas und wandte sich wieder ihrer Zeitung zu.

«Aber ich habe doch nicht gemerkt, dass es schon so spät ist», sagte Martine flehend.

Doch ihre Großmutter blieb unnachgiebig. «Martine, es ist schon bald dunkel, und du weißt, was ich von Ausritten nach Sonnenuntergang halte.»

Jetzt kochte Martine vor Wut. Dass sie nachts nicht mit Jemmy ausreiten durfte, war seit langer Zeit ein Zankapfel zwischen ihnen gewesen. Für Gwyn Thomas lauerten nachts zu viele Raubtiere im Reservat, als dass sie ihrer Enkelin erlauben würde, zu später Stunde auf der weißen Giraffe durch die Gegend zu reiten. Auch Martines Erklärung, sie sei auf Jemmys Rücken völlig sicher, weil die anderen Tiere sie so sahen, als sei sie eins mit der Giraffe, ließ sie nicht gelten.

«Abgesehen davon», fuhr sie fort, «hast du nicht einmal gepackt. Und schau mich bitte nicht so an. Ich weiß, dass du enttäuscht bist, aber ich verspreche dir, ich werde Jemmy einen Abschiedsgruß von dir ausrichten. Und damit hat sich’s. Du bist total übermüdet, und wenn du jetzt keine ordentliche Nachtruhe bekommst, bist du morgen nicht in der Verfassung, zu dieser fantastischen Reise aufzubrechen, die Miss Volkner für euch organisiert hat. Das wäre doch wirklich jammerschade.»

Martine wusste aus eigener schmerzhafter Erfahrung, dass ihre Großmutter kein Argument gelten ließ, wenn sie einmal diesen Ton angeschlagen hatte. Doch der Gedanke, zehn Tage wegzugehen, ohne auf Jemmy zu reiten oder sich von ihm zu verabschieden, war einfach unerträglich. Während des ganzen Abendessens kochte sie innerlich und schob das Brathähnchen lustlos auf dem Teller herum. Als Gwyn Thomas schließlich sagte, sie solle mit dem Schmollen aufhören, riss sie sich zusammen, setzte sich aufrecht hin und machte ein freundliches Gesicht. Innerlich schmiedete sie jedoch einen Plan. Schon seit Monaten hatte sie sich nie mehr nach Mitternacht davongeschlichen, um mit Jemmy auszureiten, und sie vermisste die Aufregung dieser Mondscheinritte sehr. Vor allem aber fehlte ihr das Gefühl, Afrika zu spüren. Auf ihren Streifzügen mit der weißen Giraffe und den anderen Wildtieren war es, als hätte sie eine Tür zu einem anderen Afrika aufgestoßen, das nur den allerwenigsten Menschen offen stand.

Während sie Soße über die Bratkartoffeln löffelte, genoss sie die Aufregung über ihren rebellischen Plan. Bisher war sie nie erwischt worden, nicht einmal, als sie noch nicht mit Sawubona und den Gewohnheiten ihrer Großmutter vertraut gewesen war. Jetzt kannte sie beide in- und auswendig. Also konnte gar nichts schiefgehen.

Die Vorfreude machte sie fast schwindlig. Um die Großmutter abzulenken, brachte sie das Gespräch wieder auf den Delfin und fragte, warum sich diese Tiere an den Strand und in den beinahe sicheren Tod spülen ließen.

Glücklich über diese Entspannung, war Gwyn Thomas nur zu gerne bereit, nochmals über das Stranden der Delfine zu sprechen. Sie sagte, sie wisse nicht, warum es immer wieder geschehe, aber es müsse damit zu tun haben, dass das Leben im Meer für sie unerträglich geworden sei. «Vielleicht hat es mit der Meeresverschmutzung oder dem vermehrten Seeverkehr zu tun», sagte sie. «Es gibt Gebiete der Weltmeere, die sind zu regelrechten Städten von Frachtschiffen, Trawlern und Marinebooten geworden.»

Martine hörte aufmerksam zu und versuchte, sich an alles zu erinnern, was sie je über die Intelligenz von Delfinen und über die heilsame Wirkung, die sie auf den Menschen ausübten, gehört hatte. Sie dachte an den elektrischen Strom, der durch sie hindurch gelaufen war, als sie den gestrandeten Delfin berührt hatte. Irgendwie und ohne ein Wort zu sagen, hatte das Tier sie darum gebeten, ihm zu helfen. Und irgendwie und ohne ein Wort zu sagen, war sie dazu bereit gewesen.


In der Regel erzählte Martine ihrer Großmutter, was diese wissen musste. Das Geheimnis der unhörbaren Hundepfeife, mit der sie die weiße Giraffe herbeirief, hatte sie allerdings für sich behalten. So konnte sie ohne Angst, entdeckt zu werden, im Fenster ihres Zimmers stehen und pfeifen, bis Jemmy bei dem kahlen Eukalyptusbaum am Wasserloch auftauchte.

Als das Licht im Schlafzimmer ihrer Großmutter ausging, zog sie ihren Schlafanzug aus und schlüpfte in Jeans, Stiefel, Sweatshirt und Anorak. Sie holte Messer und Taschenlampe aus dem Überlebensbeutel, den sie hinter dem Bücherregal versteckt hatte, und schlich die Treppe hinunter. Jemmy wartete beim Eingangstor zum Reservat auf sie. Sein weißes Fell leuchtete gespenstisch durch die dunkle Nacht. Er legte sich hin, damit sie auf seinen steilen, samtweichen Rücken klettern konnte. Als sie sicher saß, sagte sie: «Los Jemmy!» Darauf erhob er sich und galoppierte mit ihr davon.

Der Winterwind schlug Martine ins Gesicht. Aber das störte sie ausnahmsweise nicht. Die Aufregung über den verbotenen Ritt hatte sie in einen Rausch versetzt. Das Reiten während des Tages hatte zwar auch sein Gutes. Es war weit weniger gefährlich, und sie musste sich nicht aus dem Haus stehlen. Andererseits konnte sie tagsüber nicht so wild reiten. Ihre Großmutter wäre fassungslos gewesen, hätte sie gesehen, wie schnell Jemmy durch das Reservat preschte, wenn man ihn nur ließ. Aber tagsüber musste sie sich vor allem von Jemmys Refugium, dem Geheimen Tal, fernhalten, in das die weiße Giraffe als Waise von einem Elefanten gebracht und so vor Wilderern gerettet worden war.

Genau in dieses Geheime Tal wollte Martine heute Nacht mit Jemmy. Sie wusste nicht weshalb, aber sie musste die Höhle, die den Schlüssel zu ihrem Schicksal in sich barg, noch einmal sehen, bevor sie Sawubona verließ. Leider war die Höhle im Geheimen Tal schlecht zugänglich. Der Eingang zum Tal war eine von dornigen Kriech- und Schlingpflanzen verborgene Felsspalte hinter einem knorrigen Baum. Es gab nur eine Möglichkeit, durch die Spalte zu gelangen: Jemmy musste mit höchster Geschwindigkeit auf den Baum zureiten und dann genau im richtigen Winkel zu einem weiten Sprung ansetzen. Martine hatte immer die größte Mühe, sich während des Sprungs auf Jemmys Rücken zu halten. Auch dieses Mal war es nicht anders. Die Dornenranken kratzten und stachen sie, und sie hatte keine andere Wahl, als ihr Gesicht in Jemmys Mähne zu verstecken und sich an seinem Hals festzuklammern. Sie hoffte nur, dass die Dornen keine auffälligen Kratzwunden in ihrer Haut hinterlassen würden, für die sie am nächsten Morgen eine Erklärung erfinden müsste.

Im Tal hing immer noch der Duft von Orchideen, obwohl diese längst nicht mehr blühten. Durch eine enge Öffnung war ein kleines Stück Sternenhimmel zu sehen, das dem dunklen Grasboden einen gespenstisch bläulichen Schimmer gab. Martine rutschte von Jemmys Rücken hinunter und gab ihm einen Dankeskuss. Sie war erst zum dritten Mal im Tal, und der Gedanke, gleich in die gruselige Höhle zu kriechen, machte sie nervös. Jemmy blickte ihr mit zuckenden Ohren hinterher.

In dem engen Durchgang roch es nach Moder und Raubtier, als hätte noch vor Kurzem ein Leopard dort gehaust. Martines Taschenlampe warf einen dünnen, flackernden Strahl über die zerklüfteten Wände. Nach einer Weile wurde der Höhlengang breiter und machte einen Bogen. Jetzt wusste Martine, dass sie im Inneren des Berges war. Mit Mühe erklomm sie die steil ansteigenden, moosbewachsenen Stufen, die in die Vorkammer der großen Halle führten. Martine ärgerte sich über sich selbst, weil sie keinen Plan ausgeheckt hatte, um ihre Jeans sauber zu halten. Sie hätte ja Abfallsäcke um die Hosenbeine wickeln können. Sie besaß nur zwei paar Jeans, die sie beide am nächsten Morgen auf die Reise mitnehmen musste.

Kurz bevor sie oben ankam, schaltete sie ihre Taschenlampe aus. Beim ersten Mal in der Höhle hatte sie die mit gefalteten Flügeln von der Decke baumelnden Fledermäuse derart aufgescheucht, dass sich die klebrigen Tiere in ihren Haaren verfingen. Diesmal hatte sie Glück. Die Fledermäuse blieben regungslos hängen.

Als Martine die «Gedächtnishalle», wie sie von den Älteren genannt wurde, betrat, knipste sie die Taschenlampe wieder an und atmete tief ein. Sie mochte die Schwere der Luft. Es war, als könnte sie darin noch etwas von vergangenen Generationen spüren. Überall an den Wänden waren Malereien, die das Leben und die Erinnerungen eines untergegangenen Stammes von Buschmännern, den San, darstellten. Rote, schwarze und ockerfarbene Zeichnungen von großen Wildtierherden und Jägern mit Pfeil und Bogen erwachten im Lichtkegel ihrer Taschenlampe zum Leben, als seien sie erst gestern gemalt worden. Martine fühlte sich geehrt, die über die Wände galoppierenden Tiere bestaunen zu dürfen. Immer wenn sie in der Höhle war, hatte sie den Eindruck, ihre eigene, private Kunstgalerie zu besuchen.

Sie ging zu den Zeichnungen mit der weißen Giraffe. Obwohl sie die Darstellungen seit Monaten nicht mehr gesehen hatte, war es ihr, als trage sie sie immer in ihrem Herzen mit sich herum. Nur auf einer der drei Zeichnungen war das auf einer weißen Giraffe reitende Kind zu sehen. Dem Buschmann, der das Bild gemalt hatte, war eine so vollkommene Darstellung von Jemmys edlem Fell gelungen, dass es glänzte wie ein echtes.

In ihren Gedanken war sie oft in die Halle zurückgekehrt. Deshalb fiel ihr zunächst gar nicht auf, dass sich die Bilder etwas verändert hatten. Wie betäubt starrte sie auf die Höhlenwand. Es dauerte eine Weile, bis sie verstand, was sich ihren Augen darbot. Die Bilderfolge war um zwei Darstellungen ergänzt worden.

Martine überlegte sich, ob sie diese beiden Bilder bei ihren früheren Besuchen vielleicht einfach übersehen hatte. Nein, das konnte nicht sein. Sie waren zwar teilweise von einem pyramidenförmigen Steinbrocken verdeckt, doch sie hatte die Malereien schon zweimal eingehend und aus nächster Nähe betrachtet. Beim zweiten Mal war Grace mit ihr gewesen, und auch Grace hatte nichts bemerkt. Oder vielleicht doch?

«Die Antworten auf deine Fragen stehen hier an den Wänden», hatte die Sangoma gesagt. «Aber erst Zeit und Erfahrung werden dich lehren, sie zu sehen mit den richtigen Augen.»

Als Martine die Wand berührte, spürte sie eine seltsame Energie. Der Lichtschein ihrer Taschenlampe fiel auf ein Rinnsal, das aus einem Felsspalt lief. Vielleicht konnte das Wasser eine – wenn auch nicht vollends überzeugende – Erklärung liefern. Womöglich waren die Malereien von einem feinen Staub bedeckt gewesen, der mit der Zeit vom hinabströmenden Regenwasser weggewaschen wurde. So kam das darunterliegende Bild zum Vorschein. Das war zumindest eine Möglichkeit. Doch Martine mochte nicht daran glauben. Sie war eher geneigt, Grace zu vertrauen, dass erst Zeit und Erfahrung sie lehren würden, das zu sehen, was sie sehen musste.

Auf dem ersten Bild lagen einundzwanzig Delfine nebeneinander an einem Strand. Aus dem Ohr eines Delfins floss Blut. Das zweite Gemälde bestand eher aus einem Muster als einer Darstellung. Es zeigte unzählige Ringe von Delfinen – auf den ersten Blick waren es Hunderte –, die von einem größeren Ring von Haien umgeben waren. In der Mitte war noch etwas zu sehen. Martine hob die Taschenlampe und ging näher heran. Es war ein schwimmender Mensch. Ein schwimmender Mensch, umgeben von Haien und Delfinen.

Martines Herz geriet für einen schmerzhaften Augenblick ins Stocken. Sie befand sich inmitten einer uralten Weissagung. Das Schicksal, das die Vorfahren vorausgesagt oder geplant hatten (sie wusste nie, was eher zutraf), war einmal mehr in Bewegung geraten und riss sie wie ein Laubblatt auf einem reißenden Strom mit. Martine fragte sich, ob es möglich war, dem Schicksal zu entrinnen. Ihre Eltern hatten es versucht – mit katastrophalen Folgen. Aber vielleicht konnte sie ihm einfach ausweichen. Sie würde mitfahren, aber nicht schwimmen und das Wasser meiden – da konnten sich die anderen auf den Kopf stellen. Die Haie würden wohl kaum über die Reling klettern, um nach ihr zu schnappen.

Als würden sich die Vorfahren aus dem Grab melden, begann ihre Taschenlampe plötzlich zu flackern. Martine hatte sich vorgenommen, tapfer zu sein, als sie sich in die enge Höhle aufmachte, doch jetzt verlor sie die Nerven. Unvermittelt drehte sie sich um und rannte davon. In der Aufregung vergaß sie die Fledermäuse ganz. Sie stolperte laut die Stufen hinunter und der Lichtkegel ihrer Taschenlampe fuhr wild über die Wände. So wurden die Fledermäuse unsanft aus ihren Kopfüberträumen gerissen. Im Spiel der umherhuschenden Schatten sah es aus, als klebte eine Vampirtapete auf der Höhlenwand. Ein wütendes Gekreische, dessen Missklang vom Echo noch verstärkt wurde, verfolgte sie auf ihrem eiligen Rückzug.

Jemmy nahm ihre Angst sofort wahr, als sie ins Geheime Tal zurückkam. Er schoss davon, noch bevor Martine sicher auf seinem Rücken saß, sodass er sie fast abgeworfen hätte, als er durch den knorrigen Baum preschte. Während sie sich an Jemmys Mähne festklammerte, wurde Martine zum ersten Mal richtig klar, dass sie die weiße Giraffe nie wirklich unter Kontrolle hatte, dass sie sich vollständig auf ihre Beziehung verließ, auf ihr gegenseitiges Vertrauen, auf Jemmys gute Absichten. Ohne diese Sicherheiten wäre die Katastrophe abzusehen. Sie sagte sich aber mit Nachdruck, dass nichts dergleichen geschehen würde. Und so lehnte sie sich vorwärts und genoss den Rausch des gefährlichen Ritts, während die dunklen Umrisse einer grasenden Büffelherde an ihr vorbeischossen.

Als Jemmy schließlich im Wäldchen beim Wasserloch zum Stehen kam, rutschte Martine seinen Rücken hinunter und umarmte ihn. Sein Hals war schweißnass. Nun beugte er sich zu ihr herab und gab seine leisen, flatternden melodischen Laute von sich. Martine versuchte ihm – so gut es ging – zu erklären, dass sie für eine Weile weggehen müsse, dass sie ständig an ihn denken würde und ihn von ganzem Herzen liebte.

Dann sperrte sie das Tor zum Reservat hinter sich zu und rannte durch die Mangobäume und wohlriechenden Gardenien zum Haus. Als sie die Hintertür öffnete, kam es ihr vor, als würde die Stille des Hauses ins Freie dringen und sie einhüllen. Weil ihre Nerven vom wilden Ritt immer noch strapaziert waren, ahnte sie Schlimmes. Sie betrat die Küche. Ein Rest von Brathähnchenduft lag in der Luft. Fahles Mondlicht fiel in Streifen über die Bodenfliesen. Martine stahl sich am Schlafzimmer ihrer Großmutter vorbei und die Holztreppe hinauf. Mit jedem Knarren schoss ihr Puls in stratosphärische Höhen. In ihrem Zimmer angekommen, schaltete sie nicht einmal das Licht ein, sondern ließ sich nur auf das Bett fallen und atmete tief durch.

Als sie dabei war, ihre Stiefel aufzuschnüren, beschlich sie das Gefühl, nicht allein zu sein. Ein unterdrücktes Husten zerriss die Stille. Von Panik getrieben schoss Martine auf.

Im Korbstuhl saß eine gespenstische Gestalt.


• 4 •


Martine hörte das Klicken eines Schalters. Aus der Dunkelheit tauchte urplötzlich das Gesicht ihrer Großmutter auf. Im Schein der Lampe sah es gelblich aus, die hohe Stirn war von einem dunklen Schatten überdeckt, und die Falten um Augen und Mund zeichneten sich als tiefe schwarze Furchen ab. Martine stand regungslos da und spürte, wie sich ihre Darmwindungen wie Schlangen krümmten und ihr Magen zu einer harten Kugel verklumpte. Sie konnte fast hören, wie die hauchdünnen Bande zwischen ihr und Gwyn Thomas gewaltsam auseinandergerissen wurden.

«Na, hast du dich amüsiert?», fragte die Großmutter sanft. «Hast du es genossen, glückselig durch den Mondschein zu galoppieren, ganz egal, ob ich wach lag und mir den Kopf darüber zermartern musste, welches Tier dich wohl zuerst zerfleischen, verstümmeln oder aufspießen würde – ein Löwe, ein Nashorn oder ein Elefantenbulle? Zitternd auf den Anruf des Nachtwärters wartend, um zu erfahren, dass du von deiner Giraffe abgeworfen wurdest und dir jeden einzelnen Knochen deines Körpers gebrochen hattest, von einer Kapkobra gebissen, von einem Pavian entstellt oder von einer Hyänenmutter, die ihre Jungen beschützte, zerfetzt wurdest.»

Als gelte es, ihren Standpunkt zu untermalen, brüllte ein Löwe durch die Sternennacht. «Soll ich weiter erzählen?»

«Es tut mir leid», sagte Martine kleinlaut. Sie wusste, dass ihre Großmutter nicht übertrieb. Jedes Mal und vor allem nachts, wenn sie mit Jemmy durch das Reservat ritt, setzte sie sich dem Risiko aus, von einem dieser Schrecken eingeholt zu werden. Das machte die Worte ihrer Großmutter noch unerträglicher.

Wut und Enttäuschung sprachen aus dem Gesicht von Gwyn Thomas. «Nun, Martine, es ist leider so, dass ich mich mit einer Entschuldigung nicht mehr zufrieden geben kann. Als ich herausfand, dass du mich hintergangen hattest, wollte ich dir zuerst verbieten, auf die Klassenfahrt zu gehen …»

Martine hielt den Atem an. Wäre es nicht der Gipfel der Ironie, wenn die von ihrer Großmutter ausgesprochene Strafe darin bestünde, sie von der verhassten Studienreise auszuschließen?

«… aber das», fuhr Gwyn Thomas fort, «das wäre ein Affront gegenüber Miss Volkner und allen anderen, die diese Reise mit so viel Mühe organisiert haben. Abgesehen davon kann es dir nur guttun, eine Weile von Sawubona und der weißen Giraffe getrennt zu sein. Du scheinst jeden Bezug zur Realität verloren zu haben. Du magst vielleicht eine besondere Beziehung zu Jemmy haben, aber er ist und bleibt ein Wildtier, und Wildtiere sind nun einmal unberechenbar. Damit du dich daran erinnerst, verbiete ich dir, in den ersten sechs Wochen nach deiner Rückkehr das Reservat zu betreten, geschweige denn mit Jemmy auszureiten.»

«Nein!», schrie Martine. «Alles, alles, nur das nicht! Ich stehe morgens um fünf Uhr auf und erledige alle Hausarbeiten. Ich spüle das ganze Geschirr, ich bügle alle Blusen, ich miste sogar einen Monat lang die Käfige der Pflegetiere aus. Aber bitte, bitte, nimm mir Jemmy nicht weg. Er braucht mich, und ich kann ohne ihn nicht leben. Lieber sterbe ich.»

Gwyn Thomas ging auf die Tür zu. «Schluss mit dem Melodrama, Martine. Jemmy wird es ohne dich prächtig gehen, und so wie du dich aufführst, sind deine Überlebenschancen viel größer, wenn du dich von ihm fernhältst. Ende der Diskussion. Ich habe gesagt: sechs Wochen ohne Reservat und Jemmy. Punkt. Schluss.»

In diesem Augenblick brachen alle vergessenen Wunden wieder auf: das Gefühl, ihrer Großmutter lästig zu sein, die Erinnerungen daran, von ihr abgewiesen, in ihr Zimmer verbannt zu werden, ihre Enttäuschung darüber, dass sie Jemmy vor gaffenden Touristen zur Schau stellte. All das und das heute an ihr begangene Unrecht ließ sie explodieren: «ICH HASSE DICH, GWYN THOMAS!», schrie sie auf.

Die Großmutter drehte sich abrupt zu Martine um, als wolle sie ihr eine bittere Erwiderung entgegenschleudern. Doch sie schien sich ebenso rasch eines Besseren zu besinnen und ließ die Schultern fallen. «Wir fahren morgen um 8 Uhr los. Ich erwarte dich reisefertig und pünktlich zur Abfahrt.» Dann klickte der Lichtschalter, und sie war weg.

Die Dunkelheit schien auf Martine einzustürzen. Die Nachtgeräusche des afrikanischen Tierlebens – die jagenden Löwen, die Grillen, Frösche und Nachtvögel –, die sie sonst so aufregend und spannend fand, machten die Stille im Haus noch unerträglicher. Die grausamen Worte hingen noch in der Luft. Martine war zwischen Scham und Groll hin und her gerissen. Sie versuchte vergeblich, sich zwei ganze Monate ohne Jemmy vorzustellen: die Schulexkursion und die sechswöchige Strafe. Sie war überzeugt, von Einsamkeit verzehrt zu werden. Die Einsamkeit würde sie Millimeter um Millimeter vertilgen, wie ein fleischfressendes Insekt, bis nichts mehr von ihr übrig war.

Erst gegen Morgen fiel sie in einen unruhigen Schlaf, heimgesucht von Albträumen mit Haien, die sie jagten und ihr dieses Mal näher kamen als je zuvor.


Das Frühstück war eine angespannte und trockene Angelegenheit mit hart gekochten Eiern und Toast. Danach fuhr die Großmutter Martine schweigend zur Schule.

«Während deiner Abwesenheit wirst du ausreichend Zeit und Gelegenheit haben, über dein Verhalten nachzudenken», sagte Gwyn Thomas, während sie Martines Reisetasche aus dem Kofferraum holte. «Und wenn du zurückkommst, müssen wir uns ernsthaft über deine Zukunft in Sawubona unterhalten.»

Lange standen sie sich einfach gegenüber und blickten sich an. Martine wünschte sich nichts so sehr, als von ihrer Großmutter in die Arme genommen zu werden – zum Zeichen, dass sie sie mochte und alles wieder in Ordnung war. Sie wollte bei ihrer Großmutter nicht als schlechtester Mensch dieser Erde gelten. Das alles schmerzte sie so sehr, dass es ihr fast die Brust sprengte. Doch Gwyn Thomas legte nur eine kalte Hand auf ihre Schulter.

«Auf Wiedersehen, Martine», sagte sie. «Auf bald.» Dann bestieg sie ihren klapprigen Datsun und fuhr davon.

Martine musste sich zusammenreißen, um dem Auto nicht hinterherzulaufen. Und so schleppte sie sich blass und elend in den rosengeschmückten Schulhof, wo ihre Mitschüler laut quasselnd in der Morgensonne herumalberten. Normalerweise mochte Martine den von der Schulkantine herüberwehenden Essensduft, doch heute wurde ihr davon beinahe übel. Sie ärgerte sich, dass sie die Frühstückseier hinuntergewürgt hatte.

«Kopf hoch, Martine! Vielleicht passiert es ja doch nicht!», rief Claudius Rapier, der – eine Dose Cola in der Hand – an einem der Holztische herumlümmelte. Seine Freunde lachten lauthals mit.

Martine warf ihm den vernichtendsten Blick zu, den sie zustande brachte. Eigentlich hätte sie ihm gerne gesagt, dass bereits etwas passiert war und dass sie es – abgesehen davon – wie die Pest hasste, wenn andere Leute meinten, sie aufmuntern zu müssen. Doch aus Wortgefechten ging Claudius stets als Sieger hervor.

Claudius war erst seit etwas mehr als einem Semester an der Caracal Junior High School, doch er galt bereits als selbst ernannter Anführer der sogenannten Fünferbande, einer Gruppe der fünf beliebtesten Schülerinnen und Schüler. Er ersetzte Xhosa Washington, der an eine Schule in Johannesburg hatte wechseln müssen, nachdem sein Vater, der Bürgermeister der Stadt, zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden war, weil er dem letzten Wildhüter von Sawubona dabei geholfen hatte, seltene Tiere aus Südafrika hinauszuschmuggeln.

Genau wie Xhosa hatte Claudius eine majestätische Ausstrahlung, doch im Gegensatz zum Sohn des Bürgermeisters war er kein Muskelpaket. Ganz im Gegenteil, er war übergewichtig, oder mit anderen Worten: dick. Doch dies schien ihn nicht zu stören, auch wenn er von lauter Sportstypen umgeben war. Er trug das unentwegte Lächeln eines Menschen auf den Lippen, dem das Schicksal immer hold gewesen war und dem Geld jederzeit Tür und Tor öffnen konnte. Er hatte lange blonde Haare, die in Locken endeten, und – obwohl er sich ausschließlich von Fastfood ernährte, das ihm der Chauffeur der Familie täglich zur Mittagszeit dampfend heiß in die Schule brachte – eine reine Haut, goldgelb mit einem leichten Rotstich. Das Leben war für ihn eine einzige endlose Party.

«He, Martine», rief er ihr nochmals zu, auf ihre Jeans deutend, die an beiden Knien zerrissen waren. «Wir wissen ja, dass du ein Waisenkind bist. Aber musst du dich auch wie eines anziehen?»

Bevor Martine reagieren konnte, gab es am Tisch hinter ihm eine Aufregung. Das üppige Frühstück, das sich Claudius und seine Freunde gerade genehmigen wollten – doppelte Cheeseburger, Donuts mit Marmelade, Schokokekse, Erdbeer-Milkshakes und Caffè Latte in Styroporbechern –, lag zwischen den mit Ketchupflecken übersäten Zeitungsseiten, die sie als Tischdecke benutzt hatten, auf dem Schulhofrasen verstreut.

«Wer war das?», brüllte Claudius, während seine Freunde mit einem Schrei der Entrüstung aufschossen. Martine konnte sich ein Kichern nicht verkneifen, aber im Grunde war sie ebenso verdutzt wie Claudius. Es war windstill, und niemand befand sich in der Nähe des Tisches der Fünferbande. Am nächsten stand noch Ben Khumalo, der geheimnisvolle Junge, der halb Inder, halb Zulu war. Doch er stand mindestens dreißig Meter entfernt und war gerade dabei, einen Anschlag an der Kantinentür zu lesen. Er stand mit dem Rücken zu ihnen, und es sah ganz so aus, als hätte er schon eine Weile dort gestanden. Er kramte einen Stift aus der Hosentasche und schrieb etwas auf ein A4-Blatt, das an die Tür geheftet war.

Ein paar Augenblicke lang starrte Claudius zu ihm hinüber, bis er zu dem Schluss zu kommen schien, dass Ben zu weit entfernt und ein zu großer Feigling war, um eine derart kühne Tat zu vollbringen.

Dann holte er sein Handy hervor. «Moenie, panic nie, meine Freunde», sagte er großspurig. «Keine Panik. Ich bestell gleich Nachschub.»

«Alle einsteigen», dröhnte Miss Volkners Stimme. «Der Bus fährt in fünf Minuten ab.»

«Dann vielen Dank», rief Claudius in die Runde. «Vielen Dank, wer immer du auch sein magst, vielen Dank, dass du mir meinen Morgen verdorben hast.»

Martine war sich nicht ganz sicher, meinte aber, gesehen zu haben, dass Ben ihr kurz zuzwinkerte.


• 5 •


Im Bus nach Kapstadt setzte sich Martine neben Ben. Sie lächelte ihm nur flüchtig zu, als sie sich in den Sitz gleiten ließ. Ben sagte in der Schule kein Wort, und sie respektierte das. Einige glaubten, Ben sei stumm, obwohl andererseits gemunkelt wurde, man habe ihn bei einem ganz normalen Gespräch mit seinen Eltern beobachtet. Martine war auf jeden Fall stolz, in Bens Geheimnis eingeweiht zu sein, denn immer wenn sie miteinander allein waren, sprach Ben ganz normal mit ihr. Ja, er war sogar redegewandter als alle anderen Menschen, die sie kannte.

Die Lehrer nahmen keinen Anstoß daran, dass Ben nichts sagte, denn sein Betragen war in jeder Hinsicht vorbildlich und auch seine Leistungen ließen nichts zu wünschen übrig. Martine hatte ihn nie gefragt, weshalb er sich weigerte, mit seinen Mitschülern zu sprechen, denn sie verstand ihn. Deren Gespräche waren belanglos. Sie redeten über Mode, Popmusik, Fernsehsendungen und das oberflächliche Leben der Prominenten, das Martine nur peinlich fand. Ben verlor kein überflüssiges Wort. Er war ein Naturmensch wie Tendai, der sich draußen am wohlsten fühlte. Für Martine war er ein bisschen wie eine Giraffe, meist schweigsam, dafür aber ziemlich außergewöhnlich.

Mit schnaubenden Druckluftbremsen setzte sich der Bus in Bewegung und fuhr langsam die Straße hinunter durch das mit dem Luchswappen der Schule geschmückte Eingangstor. Hohe Kiefern schossen an den Busfenstern vorbei. Jetzt, da es keine Ablenkung mehr gab, sank Martines Stimmung rapide in den Keller. Die Worte ihrer Großmutter drehten sich unaufhörlich in ihrem Kopf: «Und wenn du zurückkommst, müssen wir uns ernsthaft über deine Zukunft in Sawubona unterhalten.» Was das wohl zu bedeuten hatte? Hatte sie sich vielleicht über Nacht entschieden, nicht mehr für ein elfjähriges Mädchen verantwortlich sein zu wollen und sie stattdessen in ein Kinderheim im grauen, regnerischen England zu verfrachten? In ein Internat? Oder zu Pflegeeltern?

Einen Vorwurf konnte sie ihr auf jeden Fall nicht machen.

Martine wurde es übel, als sie daran dachte, wie sie ihre Großmutter angeschrien hatte wie vom Teufel besessen: «Ich hasse dich, Gwyn Thomas.» Wenn es im Leben doch nur eine Rücklauftaste gäbe! Dann hätte sie sich jetzt ganz anders gefühlt. Klar, sie wäre immer noch sehr verärgert gewesen, weil sie Jemmy nicht sehen durfte, aber wenn sie sich ernsthaft entschuldigt und ihrer Großmutter versprochen hätte, sich nie wieder nachts davonzuschleichen, dann hätte diese sich vielleicht nachsichtig gezeigt. Sie hätte vermutlich verstanden, dass der Versuch, sie und Jemmy länger als eine Woche zu trennen, ein ebenso schwieriges Unterfangen war wie die Trennung von siamesischen Zwillingen.

So hätten sie und Gwyn Thomas sich beim Abschied umarmen und anlächeln können, beflügelt vom Hochgefühl, das sie nach der Rettung des Delfins erfüllt hatte. Ihre Großmutter hätte nicht mit dem Eindruck zurückbleiben müssen, dass sie sie hasste, was ja überhaupt nicht stimmte. Im Gegenteil, sie liebte sie. Sie hatte einfach nie den richtigen Augenblick gefunden, es ihr zu sagen.

Durch einen Tumult im hinteren Teil des Busses wurde Martine jäh aus ihrem Tagtraum gerissen. Die meisten Mitschüler waren von den Sitzen aufgesprungen. Sie zeigten auf die Straße und schrien aufgeregt durcheinander.

«Was ist los?», rief Miss Volkner. «Wir sind eben erst durch das Schultor gefahren, und schon geht hier alles drunter und drüber.» Sie drängte die Kinder auseinander. «Was in aller Welt …?»

Martine drehte sich um und sah zu ihrer großen Verblüffung durch das staubverschmierte Busfenster … Grace dem Bus hinterherlaufen. Mit weit ausholenden Gesten versuchte sie, den Fahrer zum Halten zu veranlassen. Sie schien etwas in den Händen zu tragen. Für eine Frau ihrer Ausmaße bewegte sie sich erstaunlich schnell und sogar anmutig. In ihrem traditionellen afrikanischen Kleid, das scharlachrot, orangefarben und schwarz in der Luft flatterte, war sie ein durch und durch außergewöhnlicher Anblick.

Martine fühlte sich plötzlich erleichtert. Vielleicht wollte Grace ihr ja eine Botschaft ihrer Großmutter überbringen. Hastig öffnete sie ein Seitenfenster und rief hinaus: «Grace!»

Miss Volkner legte die Stirn in Falten. «Kennst du diese Person?»

«Ja, das ist Grace», antwortete Martine stolz. «Sie ist meine Freundin.»

«Seltsamer Umgang, Martine», spöttelte Lucy van Heerden. Dann warf sie ihr seidenblondes Haar nach hinten und sagte mit einem verächtlichen Seitenblick auf Ben: «Aber du umgibst dich ja gerne mit schrägen Vögeln.»

Martine schenkte ihr keine Beachtung.

«Ruhig, Lucy», fuhr Miss Volkner sie an. «Und zu dir, Martine: Ich weiß ja nicht, warum deine Freundin unserem Bus hinterherläuft. Aber so leid es mir tut, wir können nicht mehr anhalten. Wenn du etwas vergessen hast, dann hast du eben Pech gehabt. Du wirst ohne auskommen müssen.»

«Bitte, bitte Miss Volkner, sie müssen den Bus anhalten lassen», flehte sie die Lehrerin an. «Sie müssen es tun.»

«Ich muss ganz und gar nichts, Martine. Verstehst du denn nicht? Ich kann den Bus nicht mehr stoppen. Wenn wir zu spät am Hafen sind, fährt das Schiff ohne uns ab. Das willst du ja wohl kaum!»

«Ich mach ganz schnell. Grace wäre nicht gekommen, wenn es nicht superwichtig wäre. Und sie würde bestimmt nicht hinter uns her rennen. Vielleicht ist ja in Sawubona etwas passiert.»

Die Lippen schürzend sagte Miss Volkner: «Jetzt bist du eine knappe halbe Stunde weg von Sawubona. In der Zeit werden euch ja wohl kaum alle Tiere davongelaufen sein …»

Doch dann beruhigte sich ihre Stimme. «Es soll mir nur nie jemand sagen, ich sei ungerecht oder verständnislos. Ich gebe dir eine Minute. Eine Minute und keine Sekunde mehr.»

Sie wies den Fahrer an, kurz zu halten, woraufhin dieser so abrupt auf die Bremse trat, dass Martine fast hingeflogen wäre. Mit einem Klappern öffneten sich die Türen. Martine sprang in den Straßengraben. Ihre Socken und Turnschuhe waren im Nu vom frischen Tau durchnässt. Grace war von ihrem Dauerlauf noch ganz außer Atem. Das lavagelbe Tuch hatte sich von ihrem Kopf gelöst, und ihre braune Haut glänzte in der Sonne. Sie sah wie ein prachtvoller Vogel aus, der sich gerade mit zerzaustem Gefieder geflüchtet hatte. In den Händen hielt sie eine kleine kautschukartige Pflanze mit orangefarbenen Blüten.

«Was ist los, Grace?», fragte Martine hastig, um in der kurzen Zeit so viel wie möglich zu erfahren. «Ist alles in Ordnung? Ist etwas passiert in Sawubona? Hast du mit meiner Großmutter gesprochen?»

Grace brachte ihr Kopftuch wieder in Ordnung, überprüfte, ob die Pflanze noch unversehrt war, und schien sich mit ihrer Antwort alle Zeit der Welt zu lassen. Wichtige Sekunden verstrichen. Martine blickte über die Schulter nach hinten, wo Miss Volkner mit dem Zeigefinger auf ihre Uhr tippte. «Hüte dich», sagte Grace endlich.

«Hüten?», rief Martine. «Wovor soll ich mich hüten?»

«Vor dem Zaun vom Schiff. Vor dem Zaun vom Schiff sollst du dich hüten.»

«Das verstehe ich nicht», sagte Martine. «Was für ein Zaun von welchem Schiff?»

«So, jetzt ist Schluss», unterbrach Miss Volkner sie. «Die Minute ist vorbei. Steig ein, Martine. WIR WARTEN KEINE SEKUNDE MEHR. Steig ein, oder ich lass dein Gepäck ausladen und du bleibst hier stehen.»

Grace drückte Martine die Pflanze in die Hand. «Hier – ein Geschenk für dich.»

Martine nahm es verunsichert entgegen: «Ähmm, danke Grace. Aber was meinst du mit …»

«Kann ich davon ausgehen, dass du lieber hierbleibst?», rief Miss Volkner schrill und wutentbrannt. «Fahrer, öffnen Sie das Gepäckabteil, damit wir Martines Tasche ausladen können.»

Grace umarmte Martine und schubste sie dann von sich weg. «Geh, Kind. Wenn die Zeit ist gekommen, weißt du schon, was du musst tun.»

Martine sprang auf den rollenden Bus auf. Hinter ihr schnappten die Türen zu. Grace und ihr grellbuntes Gefieder verschwanden in einer großen Staubwolke.


Es war wie bei einem Spießrutenlaufen, als Martine unter den kritischen Augen ihrer Mitschüler durch den Mittelgang des Busses ging. Sie war verwirrt wegen der Warnung der Sangoma und vor allem verärgert über Miss Volkner, weil diese sie von Grace losgeeist hatte, noch bevor die Heilerin ihr sagen konnte, wovor sie sie warnen wollte. Das würde sie jetzt nie erfahren. Dafür musste sie eine der gefährlichsten Küsten der Welt entlangschippern und dies im Unwissen darüber, wovor Grace sie eigentlich beschützen wollte.

«Sollen wir sonst noch irgendwo anhalten, Martine?», rief Claudius. «Wie wär’s mit einem Besuch im Reservat? Oder vielleicht möchtest du ja zu allen Verwandten und Bekannten fahren, die du in letzter Zeit nicht mehr gesehen hast. Auf uns musst du jedenfalls keine Rücksicht nehmen. Wir sind ja sooo gerne mit von der Partie.»

Martine spürte, wie ihr Hals puterrot wurde. Als sie versuchte, rasch an Claudius vorbeizugehen, blieb sie mit einem Fuß im Henkel einer Reisetasche hängen. Sie stolperte, und die Pflanze flog im hohen Bogen durch die Luft. Martine hätte es ihr beinahe gleichgetan, konnte sich aber an der Rücklehne eines Sitzes festklammern und wieder aufrichten. Claudius pflückte sich die Pflanze vom Fußboden. Er hielt sie zwischen Daumen und Zeigefinger und betrachtete sie belustigt und verachtungsvoll zugleich. «Ich wusste gar nicht, dass du Vegetarierin bist», sagte er zu Martine. «He, Sherilyn, willst du mal anbeißen?»

Bevor sie ihn daran hindern konnte, hatte er die Pflanze schon über den Mittelgang geworfen, wo sie sich mit ihren sandigen Wurzeln in Sherilyns Haaren verfing. Sherilyn kreischte und schleuderte die Pflanze von sich. Luke fing sie auf und warf sie weiter. So machte das Gewächs unter Geschrei und Gelächter im ganzen Bus die Runde. Umsonst flehte Martine ihre Mitschüler an, ihr die Pflanze zurückzugeben. Schließlich gab sie auf und ging – den Tränen nahe – wieder auf ihren Platz.

«Ich weiß ja nicht, was dort hinten los ist. Aber ich weiß ganz genau, dass es für einen Morgen reicht», rief jetzt Miss Volkner von ihrem Sitz in der ersten Reihe hinter dem Fahrer. «Wenn ich zwischen hier und Kapstadt auch nur einen Pieps von euch höre, kehren wir sofort um und fahren schnurstracks zur Schule zurück, wo ich euch für den Rest des Monats mit Arrest beglücken werde.»

Martine saß neben Ben und mied seinen Blick. Dieser Morgen war aufreibend gewesen – zu viel für sie. Ein paar Tränen kullerten auf den Ledersitz. Verlegen rieb sie sich die Augen. Als sie sie wieder öffnete, reichte ihr Ben ein ausgebleichtes Halstuch. Martine nahm es dankbar an. Sie drückte den weichen Stoff gegen das Gesicht, und irgendwie schien es ihr dank des frischen Baumwolldufts und Bens einfacher, liebenswürdiger Geste plötzlich viel besser zu gehen. Als sie ihm das Halstuch zurückgeben wollte, schüttelte er den Kopf. Stattdessen gab er ihr, was von der Pflanze übrig geblieben war: zwei Blätter und ein paar mickrige Wurzelfäden. Als Martine sich bei ihm bedanken wollte, hatte er sich bereits abgewandt und war scheinbar in sein Buch versunken.

Während der Bus über die Autobahn fuhr und die Savanne von den zerklüfteten Bergen und nebelumhangenen Waldhütten der winterlichen Kaplandschaft abgelöst wurde, versuchte Martine zu verstehen, was sich eigentlich in den letzten acht Stunden abgespielt hatte. Zuerst die Höhlenmalerei und jetzt Grace mit der unverständlichen Warnung über den «Zaun vom Schiff». Was sie damit wohl gemeint haben konnte? Und warum in aller Welt brachte sie Martine eine Pflanze als Geschenk mit?

Sie öffnete ihre Hand, um die Überbleibsel des Gewächses unter die Lupe zu nehmen. Dort, wo die Blätter zerrissen waren, sonderten sie einen milchigen Saft ab. Nun, die Pflanze war zerstört, es gab also keinen Grund mehr, sie aufzubewahren. Andererseits fand sie den Gedanken unerträglich, ein Geschenk von Grace einfach wegzuwerfen. Sie wickelte die Blätter in Bens Halstuch und verstaute das ganze Knäuel im wasserdichten Überlebensbeutel, den ihr Tendai einmal zum Dank dafür geschenkt hatte, dass sie ihm dabei geholfen hatte, zwei verloren gegangene Leopardenbabys wiederzufinden. Sie hatte die Absicht, den Beutel während der ganzen Studienfahrt um den Bauch geschnürt mit sich herumzutragen. Sie wusste, dass man sie deshalb bestimmt necken würde, doch sie hatte beschlossen, sich nichts daraus zu machen.

«Die meisten Leute bewahren ihre Überlebensausrüstung bei sich zu Hause in einer Schublade oder in ihrer Garage auf – an Orten, wo sie sie vermutlich niemals brauchen werden», hatte ihr Tendai gesagt. «Sie meinen, sie könnten voraussehen, wann ein Notfall eintreten wird. In Wirklichkeit ist das aber leider nur selten so. Behalte also deinen Überlebensbeutel immer bei dir, damit du ihn hast, wenn du ihn wirklich brauchst, Kleine, wenn du ihn zum Überleben brauchst.»

Der Zulu hatte ihr geholfen, die Ausrüstung für diese Reise zusammenzustellen. Abgesehen von ihrer rosafarbenen Maglite-Taschenlampe hatte sie ein paar Streichhölzer eingepackt, die sie mit Kerzenwachs wasserdicht gemacht hatte, ihr Schweizer Armeemesser, eine Rolle Angelschnur «extrastark» mit einem Haken, drei verkorkte Fläschchen mit den speziellen Heilmitteln von Grace zur Behandlung von Wunden, Kopfschmerzen und Magenverstimmungen, eine Trillerpfeife, ein Stück Ingwerwurzel gegen Seekrankheit und einen Blechdosendeckel mit einem Loch in der Mitte zur Alarmierung von Flugzeugen.

«Das brauche ich doch nicht alles», hatte sie zu Tendai gesagt. «Wieso sollte ich Hilfssignale an ein Flugzeug aussenden müssen?»

Doch Tendai hatte erwidert, dass es bei einer Überlebensausrüstung gerade darum ging, Dinge für jeden möglichen Notfall mitzunehmen. Wahrscheinlich würde man gar nichts davon brauchen. Dafür war man aber für alle Fälle vorbereitet.

Als die wolkenverhangenen Felsen des Tafelbergs ins Blickfeld rückten, sangen die Kinder im Bus afrikanische Lieder, und der Geist der Freiheit, verbunden mit dem Gedanken, dass sie sich auf eine abenteuerliche Seefahrt begaben, statt die Schulbank zu drücken, war ansteckend. Doch Martine konnte das Gefühl einfach nicht loswerden, dass irgendetwas Düsteres auf sie zukam. Sie legte eine Hand auf den Überlebensbeutel. Demnächst würde sie ihn brauchen, das spürte sie.


• 6 •


Innerhalb weniger Stunden hatten die kräftigen, salzigen Winde des Kaps und der bloße Anblick des saphirblauen, gegen die Küste brandenden Meers Martines böse Ahnungen wie weggefegt. Es kam ihr auch entgegen, dass sie gar keine Zeit zum Nachdenken hatte. Nach einem Besuch in der Pinguinkolonie von Simon’s Town, dem größten Marinestützpunkt Südafrikas, und einem Picknick mit Mangosaft und Sandwiches mit geräuchertem Barrakuda ließ Miss Volkner die ganz große Überraschung platzen. Noch vor der Sardinenwanderung würden sie zur sogenannten Shark Alley fahren, um dort Touristen beim Käfigtauchen mit Weißhaien zu beobachten.

Haigasse! Schon der Name ließ Martine erschauern. Es war ihr sofort klar, dass sie einen Vorwand haben musste, um von diesem Ausflug verschont zu werden – eine Lebensmittelvergiftung zum Beispiel. So würde sie der Gefahr aus dem Weg gehen, dass ihr Albtraum Wirklichkeit werden könnte und sie sich in einer bewegten blauen Bucht inmitten von Haien tummeln müsste. Doch dann wurde ihr schnell klar, dass eine vorgetäuschte Krankheit in diesem Stadium der Reise, noch bevor sie an Bord des großen Schiffes gegangen waren, unweigerlich zur Folge hätte, dass man sie nach Sawubona zurückschicken würde, zu ihrer Großmutter. Da waren ihr selbst Haie noch lieber.

Wenig später durchpflügte das Tiefseefischerboot Prowler IV die kabbelige See mit ihren weißen Schaumkämmen. Auch Martine war an Bord gegangen und bereute es nicht, ihren Ängsten widerstanden zu haben, die ihr im Nachhinein lächerlich vorkamen. Schließlich war es keineswegs so, dass sich alle Träume verwirklichten. Einmal hatte sie zum Beispiel geträumt, sie habe vergessen, ihre Schuluniform anzuziehen und dies erst beim Betreten der Schule bemerkt. Und sie konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, je etwas Derartiges auch nur im Entferntesten erlebt zu haben.

Und die Höhlenmalerei bedeutete vielleicht nur, dass sie in nächster Zeit viel von Haien und Delfinen umgeben sein würde. Das traf ja durchaus zu. Vielleicht hatten die Buschmänner einfach vergessen, das Schiff zu malen. Auf jeden Fall beschloss Martine, sich nicht weiter den Kopf zu zermartern und stattdessen den Tag zu genießen. Eigentlich konnte ja gar nichts schiefgehen, denn die Sicherheitsvorkehrungen auf der Prowler IV waren äußerst streng. Jedes Mal, wenn das Boot auf eine Welle auffuhr, spürte Martine die hochschießende Gischt wie Nadeln auf ihrem Gesicht, doch solange sie nicht über Bord fiel, bestand eigentlich keine Gefahr, dass sie im Meer untergehen könnte.


Auf der Felseninsel Geyser Rock lebten eine Kolonie von rund 40.000 Pelzrobben und Hunderte von Brillenpinguinen. Die Robben ließen sich von Fels zu Fels plumpsen, bellten, heulten und posierten mit ihren Schnauzen und Barthaaren einmal nach links und einmal nach rechts für die Touristenkameras. Ihre Körper glänzten im diesigen Sonnenlicht, als wären sie aus Bronze.

«Leckerbissen für Haie», spaßte Greg, der Kapitän der Prowler IV, ein mit Sommersprossen übersäter Südafrikaner mit kupferbraunem Seemannsbart. «Das hier ist die Ausgehmeile der Großen Weißen.»

Martine zuckte bei dieser Vorstellung innerlich zusammen. Es machte sie traurig, doch sie wusste andererseits auch, dass eine Überpopulation von Robben, die alle um Raum, Paarungspartner und Nahrung im Wettstreit wären, das sichere Ende der Kolonie bedeuten würde. Die Robben brauchten die Haie ebenso sehr, wie die Haie die Robben brauchten.

Wegen des leckeren Schmauses, der sich ihnen hier bot, bevölkerten Weißhaie den seichten Kanal zwischen Dyer Island und Geyser Rock, und um das mitzuerleben, kamen Touristen aus aller Welt zum Käfigtauchen dorthin. Martine wusste nicht genau, wobei es beim Käfigtauchen eigentlich ging, bis ihnen Greg erklärte, dass das Käfigtauchen für Naturliebhaber und Adrenalinsüchtige gleichermaßen eine einzigartige Gelegenheit bot, mit den gefürchteten Meereskillern auf Tauchstation und Tuchfühlung zu gehen. Es gab verschiedene Techniken, doch meistens wurden Stahlkäfige aus zwölf Millimeter dickem galvanisiertem Maschendraht verwendet. Diese zylindrischen Körbe, in die bis zu vier Menschen passten, wurden dann mitten zwischen die fressenden Haie hinuntergelassen, meistens nicht viel tiefer als ein Meter unter der Wasseroberfläche.

Die Naturschützer seien in Sachen Käfigtauchen geteilter Meinung, sagte Greg. Während die einen die Theorie verträten, dass das Käfigtauchen das Verhalten der Haie veränderte und damit das Risiko von Haiattacken an Badestränden erhöhte, seien die anderen – so auch er selbst als bekennender Haifreund – überzeugt, dass der Kontakt mit Haien in ihrer natürlichen Umgebung den Menschen zeigen könnte, wie einzigartig diese Tiere sind. Filme wie Der Weiße Hai hätten die Meerestiere zu Bestien gemacht, dabei fräßen viele Haie nur Plankton, und auch die Großen Weißen griffen nur äußerst selten Menschen an. Die meisten Unfälle ereigneten sich, wenn Surfer oder Schwimmer von Haien für Robben oder Fische gehalten wurden.

Greg unterbrach seine Erklärungen, um die Prowler IV neben ein kleineres Boot zu manövrieren, das bereits in der Shark Alley festgemacht hatte. An Bord waren zehn Touristen: drei japanische Geschäftsleute, zwei Deutsche und eine Gruppe jovialer Amerikaner – alle mit Hollywoodgebiss. Sie hatten den ganzen Morgen beim Inseltörn verbracht und waren in bester Stimmung. Nun stiegen sie auf die Prowler IV um, auf der es jetzt etwas eng wurde, und tranken Kaffee und südafrikanischen Rooibostee aus großen Tassen, um sich für das bevorstehende Tauchabenteuer zu stärken. Martine unterhielt sich mit Norm und Mary Weston, einem Ehepaar aus Florida, das mit dieser Urlaubsreise Norms Ruhestand nach einer langen Karriere als Staubsaugerverkäufer feierte.

«Wir haben uns gesagt: So, jetzt machen wir einmal all das, wofür wir früher zu wenig Mut oder zu wenig Geld hatten», meinte Mary augenzwinkernd zu Martine. «Norm fragte mich, ob ich es nicht einmal mit Käfigtauchen probieren wolle. Darauf sagte ich ihm: ‹Darling, du darfst dich liebend gerne mit Haien im Wassern tummeln, wenn du mich zum Bungee-Jumping und Riverrafting lässt.›»

Martine machte das Gespräch mit den Amerikanern Spaß, doch als Norm den dicken Taucheranzug, Handschuhe und Stiefel anzog, um sich gegen das eiskalte Winterwasser zu schützen, spürte sie, dass sich hinter Marys Kühnheit auch eine gehörige Portion Angst versteckte. Die Sonne war in den Wollknäueln einer Wolkenbank verschwunden, und das Meer war mehr grau als blau. Es sah nicht besonders einladend aus.

In der Zwischenzeit hatte Greg eine Mischung aus gemahlenen Fischköpfen und anderen übelriechenden blutigen Zutaten, die man Chum nannte, ins Meer geschüttet, um die Haie zu ködern. Dann half er Norm und drei anderen Männern in den Käfig. Sie rangen nach Atem und stöhnten, als sie mit dem kalten Wasser in Berührung kamen. Sobald die Haie aufkreuzten, würde man die Touristen in ihrem Käfig unter die Wasseroberfläche sinken lassen und über Luftschläuche vom Boot aus mit Sauerstoff versorgen. Hinter der großen Taucherbrille war Norms erwartungsvolles Gesicht zu sehen. Man hätte dem 65-jährigen Mann nicht mehr als 45 Jahre gegeben.

«Dort drüben!», rief Scott Henderson. Sofort stürzten sich alle auf seine Seite, wo ein schwarzer Schatten langsam aus der Tiefe des Ozeans nach oben glitt. Er war so groß, dass Martine ihn zuerst für einen Wal hielt, doch als er näher kam, wurden die unverwechselbaren Konturen eines Hais sichtbar. Ohne Warnung schoss er aus dem Wasser. Kinder und Touristen wichen erschreckt zurück. Während eines furchterregenden Augenblicks blieb er in nächster Nähe so in der Luft hängen, dass er auf dem Boot zu landen drohte. Martine konnte die flache graue Schnauze, die leichenhaften Augen und die nadelscharfen Zahnreihen deutlich sehen. Dann verschwand er mit einer Bauchlandung wieder im Meer und begoss sie mit einer ekligen Mischung aus Chum und Eiswasser.

Sofort kamen weitere Weiße Haie hinzu, und schon war das Boot von achtzehn Haien umgeben. Ihre schrecklichen Mäuler schnappten nach den Fischen, die in nächster Nähe der Käfige im Wasser schwammen. Martine sah, wie Norm aus der sicheren Warte des Stahlkorbs mit der Unterwasserkamera Bilder knipste.

Plötzlich machte er keine Bilder mehr und wurde unruhig. Er schien ein Problem mit seiner Luftversorgung zu haben. Gregs Helfer eilte zum Kran, um den Käfig aus dem Wasser zu hieven, und Greg eilte Norm zu Hilfe. Doch noch bevor er bei ihm war, hatte Norm bereits die Einstiegsluke des Käfigs geöffnet, um herauszuklettern.

«Immer mit der Ruhe, Norm!», warnte ihn Greg, über die Reling hinauslehnend. «Vorsicht, die Haie sind rasend vor Hunger. Es wird dir nichts passieren, aber du musst dir von mir helfen lassen.»

Norm lächelte tapfer. Er setzte einen Fuß auf den Rand des Käfigs und griff nach Gregs sommersprossiger Hand …


Als Martine später versuchte, die Ereignisse dieses Vormittags zusammenzufügen, bestätigte sich für sie die gängige Vorstellung, dass Unfälle in Zeitlupe ablaufen. Tatsächlich ereignen sich Unfälle natürlich in wenigen Sekundenbruchteilen, doch werden sie in einer ganz anderen Zeitdimension wahrgenommen. Im ersten Bild sah Martine Norm wie einen schwarz geflügelten Kranich auf dem Käfigrand balancieren und die Hand nach Greg ausstrecken, dann wurde die Zeit schleppend langsam, und Martine sah, wie der vom Sauerstoffmangel unsicher gewordene Amerikaner Gregs Hand verpasste und rücklings in die schäumend schwarze See stürzte.

Marys Schreie gellten über das Wasser, während die Möwen oben ihre Kreise zogen.

Als Norm platschend ins Wasser fiel, zerstreuten sich die Haie für einen Augenblick. Mittlerweile war die Szenerie fast unwirklich geworden. Der lächelnde Mann, mit dem Martine vor einer knappen halben Stunde noch Kaffee getrunken und Kekse gegessen hatte, lag jetzt wild um sich schlagend und um sein Leben kämpfend im blutroten Wasser. Konnte das sein? Doch sie war nicht im Kino. Der größte Weißhai, ein bestimmt sieben Meter langes Exemplar, das laut Greg über drei Tonnen schwer war, hatte bereits gewendet, um herauszufinden, ob Norm essbar war. Im Boot herrschte das blanke Chaos. Greg versuchte, für Ordnung zu sorgen, während sein Helfer mit einem Bootshaken in den Händen über die Reling hinauslehnte, um den Hai, sollte er in Reichweite kommen, an seiner empfindlichsten Stelle, der Schnauze, zu treffen.

Der bedrohliche Schatten umkreiste Norm zweimal. Der Hai steckte seine platte Schnauze aus dem Wasser und öffnete kurz sein Maul, als wollte er testen, wie viel von Norm er mit einem Biss erwischen konnte. In diesem Augenblick sah Martine ihre Chance. Mit ihren grünen Augen fixierte sie die tief liegenden grauen Augen des Hais, sammelte die ganze wütende Energie, die sie aufbringen konnte, und richtete sie in einem gebündelten Strahl gegen das Tier, so wie sie es einmal bei einem Rottweiler getan hatte. Mit ihren Gedanken zwang sie ihn, von Norm abzulassen und stattdessen ein Wesen seines Kalibers zu terrorisieren oder – noch besser – sich eine Planktonmahlzeit zu genehmigen.

Gerade als der Kopf des Hais unter der Wasseroberfläche verschwand, warf Gregs Helfer den Bootshaken. Doch dieser verfehlte das Tier und trieb in der Strömung rasch davon.

«STOP!», rief Martine dem Hai in ihrem Kopf entgegen. «STOP!»

Doch der Hai hatte sich schon in Bewegung gesetzt. Wie ein tödlicher, pfeilförmiger Torpedo schoss er auf den angeschlagenen Mann zu. Kurz bevor er Norm erreichte, riss der Hai sein Maul auf, sodass seine wie Sägeblätter angeordneten Zahnreihen deutlich sichtbar wurden. Gleich würde er Norm einen Arm, den Kopf oder gleich den ganzen Rumpf zerfleischen.

«STOP», schrie Martine nochmals lautlos in ihrem Inneren.

Der Hai wandte sich ab und verschwand mit einem gereizten Schlag seiner Schwanzflosse in die unergründliche Tiefe. Die Wellen, die er geschlagen hatte, warfen Norm heftig gegen die Bootswand, wo hilfsbereite Hände ihn sofort aus dem Wasser hievten.

Mary warf sich dankbar auf ihren Mann und übersäte ihn mit Küssen. «Als du gesagt hast, du wolltest mit Haien schwimmen gehen, wusste ich nicht, dass du das außerhalb des Käfigs machen wolltest», schalt sie ihren Mann mit bebender Stimme, in der aber auch eine Prise Humor und eine große Portion Liebe mitschwangen.

Eine warme Welle durchfuhr Martine. Sie stieß einen unfreiwilligen Hurraruf hervor, der im allgemeinen Tumult jedoch von niemandem wahrgenommen wurde. Alle redeten wild durcheinander und versuchten zu verstehen, weshalb der Hai plötzlich von Norm abgelassen hatte.

«Er hat in letzter Sekunde gemerkt, dass du keine Robbe bist, Norm», sagte der sichtlich erleichterte Greg, als er sich aufmachte, warme Tücher und gesüßten Tee für seinen angeschlagenen Kunden zu holen. «Menschen sind nun einmal nicht die Standardnahrung für Haie.»

«Darüber bin ich aber sehr froh», sagte Norm, dessen Wangen langsam wieder Farbe annahmen. «Wenigstens habe ich jetzt zu Hause etwas zu erzählen.»

Plötzlich fiel Martine im ganzen Chaos etwas auf. Während alle ihre Aufmerksamkeit auf das glücklich wiedervereinte Touristenpaar richteten, richtete der im Lotussitz auf dem Kabinendach der Prowler IV thronende Ben seine Aufmerksamkeit auf sie. Er lächelte.

• 7 •


Am nächsten Morgen lag Martine bäuchlings auf ihrem Kajütenbett an Bord der Sea Kestrel und sah zu, wie die bullaugenförmige Morgendämmerung das Meer in rosa-, aprikosenfarbene und blaue Streifen teilte. Am Horizont war keine Spur von Land zu sehen. Irgendwann im Laufe der Nacht war Afrika davongeglitten und hatte Sawubona, Jemmy und Martines einziges Gefühl von Heimat mit sich genommen. Wieder einmal, wie nach dem Tod ihrer Eltern, war sie ohne Halt und Wurzeln. Eine Fremde in einer fremden, wasserumspülten Welt und völlig im Ungewissen darüber, was die Zukunft wohl bringen würde.

Und wie fühlte sie sich dabei?

Bisher eigentlich besser als erwartet. Über Nacht hatte sich ihre Stimmung aufgehellt. Es war beruhigend zu wissen, dass die in ihren Träumen und den Höhlenmalereien vorausgesagte Begegnung mit dem Hai vorbei war und gut geendet hatte. Der Mensch im Wasser war Norm. Sie hatte auch eine einigermaßen logische Erklärung für die von Grace ausgesprochene Warnung mit dem «Schiffszaun», denn der Stahlmaschendraht des Käfigs hatte zumindest eine entfernte Ähnlichkeit mit einem Zaun. Die Haie waren ihr zwar wieder in ihren Albträumen erschienen, doch das war eigentlich nicht weiter erstaunlich, hätte sie doch beinahe zusehen müssen, wie ein Mensch bei lebendigem Leib von einem Hai aufgefressen wurde.

Am Wichtigsten jedoch war, dass sie dem Schicksal nicht mehr ausweichen musste, nicht zuletzt, weil sie für sich beschlossen hatte, dass nichts und niemand sie während der zehntätigen Seefahrt dazu bringen würde, ins Wasser zu gehen.

Der Streit mit ihrer Großmutter belastete sie nach wie vor, und sie war immer noch über ihre Zukunft in Sawubona besorgt – schließlich machte ein Leben ohne Jemmy keinen Sinn –, doch da sie mit niemandem darüber sprechen konnte, musste sie sich damit bis zu ihrer Rückkehr nach Kapstadt wohl oder übel abfinden. Miss Volkner hatte ein absolutes Handyverbot ausgesprochen, weil sie wollte, dass sich die Schüler «in der Natur verlieren», wie sie sagte.

Um den Schülern zu helfen, über das schreckliche Erlebnis in der Shark Alley hinwegzukommen, hatten Miss Volkner und Mr. Manning, der Biologielehrer, die ganze Klasse zum Fischessen in ein Hafenrestaurant von Simon’s Town ausgeführt. Nachher waren sie durch die engen Gässchen der Altstadt zur Anlegestelle spaziert, und dort lag sie – die Sea Kestrel – magisch beleuchtet wie ein richtiges Kreuzfahrtschiff. Als sie im gelben Hafenlicht – umschwirrt von Nachtfaltern und mit der algengeschwängerten Luft in der Nase – an Bord ging, war es Martine zum ersten Mal klar geworden, dass sie eigentlich ein Riesenglück hatte. Sie hatte Bens Blick aufgefangen und gesehen, dass er das Gleiche empfand.

An Bord gab es zwanzig einfache, aber saubere Kajüten, alle mit je einem Etagenbett. Martine teilte ihr Quartier mit Sherilyn Meyer, die eng mit Lucy befreundet war. Eigentlich war sie ganz nett, wenn auch manchmal etwas unselbstständig. Sie hatte eine panische Angst vor allen Lebewesen, die mehr als zwei Beine hatten. Bevor sie zum ersten Mal in ihre Schlafkoje kroch, musste Martine den ganzen Boden peinlich genau auf Spinnen untersuchen. Eigentlich störten Sherilyns Macken Martine nicht weiter, denn ihr zweiter Komplex – eine fürchterliche Angst, seekrank zu werden – bedeutete, das Martine oben schlafen musste, was ganz in ihrem Sinne war. Sie war aber froh, als sich das südafrikanische Mädchen schließlich von der Insektenfreiheit der Kabine überzeugen ließ. Erschöpft sank sie ins Bett und ergab sich dem Schlaf.

Es war ein sehr, sehr langer Tag gewesen.


Als sich die rote Sonnenkugel aus dem dunstblauen Ozean gestemmt hatte, kletterte Martine vorsichtig aus ihrer Koje, duschte so leise wie möglich und machte sich auf die Suche nach Nahrung. Es war noch früh, und abgesehen von ein paar Matrosen, die rauchend vor dem Maschinenraum standen, war das Schiff menschenleer. Durch eine Luke, hinter der die Kombüse liegen musste, drangen Wasserdampf und der Duft von frisch gebratenem Speck ins Freie.

«Siehe da, eine hungrige Matrosin!», sagte eine Stimme, die klang, als würde ihr Besitzer täglich mit Sand gurgeln. «Hier geht’s lang zu einem Indischer-Ozean-Frühstück.»

Zwischen Stahlregalen und herumhängenden Kupfertöpfen erspähte Martine ein freundliches afrikanisches Gesicht. Durch die Küchenutensilien schoss eine Hand hervor. «Alberto», sagte die Sandpapierstimme, «wie geht es Ihnen, Miss Martine?» und schüttelte ihre Hand.

«Äh, guten Morgen, Alberto», antwortete Martine. «Danke, es geht mir sehr gut. Aber … äh … kennen wir uns?»

Alberto machte ihr ein Zeichen, dass sie durch die Haupttür in die Schiffsküche kommen sollte. Als Martine die Kombüse betrat, sah sie einen kleinen Afrikaner mit weißem Haarschopf und bemerkenswert faltenloser Haut, der mit krakenhafter Geschicklichkeit Bratpfannen voller brutzelndem Speck, gewürzter Kartoffeln und Eier herumjonglierte. Ohne sie zu fragen, packte er Martine mit seinen kleinen, kräftigen Händen und setzte sie auf einen Stahltresen. Als Nächstes schob er ihr eine große Tasse Milchkaffee und eine gebratene Speck-Bananenrolle hin. Martine hätte nie gedacht, einer derartigen Geschmackskombination etwas abgewinnen zu können, doch der knusprige Speck zusammen mit der karamellisierten, in Butter gebratenen Banane schmeckte nach mehr. Kaum hatte sie die erste Portion verschlungen, bekam sie Lust auf die nächste.

«Sind Sie aus Mosambik?», fragte sie den Koch zwischen zwei Bissen. «Zu welchem Stamm gehören Sie?»

«Was soll der Unsinn mit dem Sie? Du kannst mich ruhig duzen», sagte Alberto. «Und nun zu deiner Frage: Ich bin ein Tsonga. Die Tsonga sind Inselmenschen. Wir stammen vor allem vom Bazaruto-Archipel vor der Küste Mosambiks. Und du bist wohl das berühmte Mädchen. Das Mädchen, das auf einer weißen Giraffe reitet.»

Martine konnte es kaum fassen, wie schnell sich Nachrichten über das Buschtelefon verbreiteten. Afrikanische Stämme und große, weitverzweigte Familien hatten während Generationen über endlose Savannen, Wüsten und Gebirge hinweg miteinander kommuniziert. Es schien, als hätte der Wind ihre Nachrichten weitergetragen. Allerdings hatten auch einige Zeitungen Bilder von ihr und Jemmy veröffentlicht. Vielleicht hatte also Alberto ganz einfach etwas über sie gelesen und gar nichts vom uralten Zulu-Mythos gewusst.

Sie biss noch einmal herzhaft in die Speck-Bananenrolle und sagte dann ausweichend: «Wie sieht eine afrikanische Insel aus, Alberto? Was wächst dort? Dickes Buschwerk und dornige Bäume? Oder gibt es da weiße Sandstrände mit Palmen?» Sie dachte an das Kalenderblatt mit dem Inselbild aus dem Wohnzimmer von Grace – die karibische Heimat ihres Vaters und dessen Vorfahren.

«Ich weiß nur eines: Wenn ich zurückkomme von einer langen Reise und meine Insel Benguerra wiedersehe, fühlen sich meine Augen friedlich», antwortete Alberto.

Martine verstand, was er sagen wollte. Genauso ging es auch ihr, wenn sie das Tor von Sawubona passierte. Aber der Bazaruto-Archipel hatte nichts mit dem goldenen Gras der Savanne zu tun, das sich im Winde wiegte, nichts mit den dichten Akazienhainen, nichts mit den Zebra- und Elefantenherden, die Martines Augen mit einem friedlichen Gefühl erfüllten. Alberto sprach von Inseln mit palmenbestandenen Stränden, die wie schneeweiße Tränen verstreut in einer türkisfarbenen Lagune lagen. Vor Jahrhunderten, als der Archipel die mit vielen Schätzen gesegnete Südspitze der Handelsrouten nach Arabien bildete, hatten die Inseln das besondere Gefallen der Königin von Saba erregt.

Martine hatte keine Ahnung, wer die Königin von Saba war, und wollte ihr Unwissen nicht preisgeben, indem sie fragte, wo Saba lag und ob sie über das Land geherrscht hatte. Doch anscheinend war sie nicht die Einzige, die über die Herkunft der Königin nicht Bescheid wusste. Gemäß Alberto waren sich die meisten Afrikaner einig, dass das alte Königreich von Saba am Horn vom Afrika gelegen hatte, dort wo sich heute Eritrea und Äthiopien befinden, doch es gab auch Leute, die Saba auf der arabischen Halbinsel – im heutigen Jemen – vermuteten.

Martine gefiel der Gedanke, dass diese Königin eine Afrikanerin gewesen sein sollte, sie stellte sie sich als aufregende ebenholzschwarze Schönheit mit hohen Wangenknochen vor, wie man sie so oft bei Stämmen in Nordostafrika antrifft. Sicher hatte sie mit Edelsteinen besetzte Roben getragen und hoch oben am Bug eines großen Segelschiffs auf einem prunkvollen Thron gesessen. Zwischen zwei Besuchen bei König Salomon, dessen Weisheit sie laut biblischen Quellen eine Probe unterzog, beliebte sie, durch die Bazaruto-Inseln zu segeln, um Austern zu schlürfen, Hummer zu essen und Gold zu kaufen.

Später, im 16. Jahrhundert, kamen die Portugiesen – Alberto rollte mit den Augen, als er von ihnen sprach. Offensichtlich war er keineswegs begeistert von der Art und Weise, wie sie seine Heimat kolonisiert hatten. Sie rissen das Land an sich, richteten Sträflingskolonien und Handelsposten für Elfenbein ein und bereicherten sich an den üppigsten Perlen der Welt, die sie aus den Austernbänken des Bazaruto-Archipels raubten. Bis heute ging die Legende um, dass die Kapitäne der portugiesischen Marine, die mit Unmengen von Gold, und Perlen nach Hause segelten, an geheimen Orten, die sie auf einer Seekarte markierten, ab und zu eine Schatzkiste im Meer versenkt hätten – in der Hoffnung, sie eines Tages für sich zu bergen zu können. Da ihnen dies in den seltensten Fällen gelungen war, sollten in der Gegend der Bazaruto-Inseln noch immer Schätze von unvorstellbarem Wert auf dem Meeresgrund lagern.

Heutzutage schien es auf Benguerra vor allem Unmengen von Garnelen und Bäume voller Cashewnüsse, Marulafrüchte und Affenorangen zu geben. Stolz erzählte der Koch, wie die Tsonga von den jahrzehntelangen Invasionen, Bürgerkriegen und Zwistigkeiten im restlichen Mosambik mehr oder weniger verschont geblieben waren.

«Als Krieges war, saßen wir auf unseren Inseln unter den Palmen und sahen, wie das Raketenfeuer auf dem Festland den Nachthimmel erleuchtete. In unseren Herzen waren wir bei unseren Brüdern und Schwestern. Auch heute hören wir von Hunger, Krankheiten und Mord und Totschlag in den Städten; doch bei uns auf Benguerra gibt es das nicht. Wenn bei uns ein Tourist seine Kamera am Strand liegen lässt, bringt sie ihm der ehrliche Finder an nächsten Tag zurück. Auch die kleinsten Kinder können sich auf der Insel allein und sicher bewegen. Unsere Türen haben keine Schlösser. Unserem Nachbarn sagen wir: ‹Du bist mein Gast. Was mir gehört, soll auch dir gehören.›»

Für Martine klang das nach Paradies. Aber wie jedes Paradies hatte auch Benguerra seine kleinen Nachteile. In den Sommermonaten waren die Hitze und die Schwärme von Malariamücken eine Plage. Albertos Insel war außerdem für ihre enorm große Schlangenpopulation bekannt.

Nicht jede der Bazaruto-Inseln hatte eine so glückliche Geschichte aufzuweisen wie Benguerra. Santa Carolina war einmal eine berüchtigte Sträflingskolonie mit vorgelagerter Todesinsel gewesen.

Martine würde nie in ihrem Leben vergessen, was Alberto ihr vom grausamen Los der Gefangenen von Santa Carolina erzählte. «Bei Ebbe haben die Wärter ihre Gefangenen manchmal auf die Todesinsel geführt, die nicht viel mehr war als eine aus angeschwemmten Muscheln bestehende Sandbank. Dort sagten sie ihnen, sie seien frei, wenn sie es schafften, die acht Kilometer lange Passage zurück nach Santa Carolina zu durchschwimmen. Die aber wurde von gefährlichen Strömungen und noch gefährlicheren Haien heimgesucht. Natürlich schafften es nur die wenigsten. Bei Flut versank der kleine Inselstrich im Meer, und die Sträflinge, die nicht schwimmen konnten, starben einen schrecklichen Tod.

Viele Jahre später wurde Santa Carolina dann eine beliebte Urlaubsinsel für betuchte Gäste. Sie nannten sie Paradise Island. Aber ach, Miss Martine, wenn die Touristen geahnt hätten, was dieses Paradies schon alles gesehen hatte: Hunderte von hungrigen Gefangenen, die Qualen erleiden mussten, die kein Mensch überstehen konnte. Und die man auf die Todesinsel brachte, damit sie vom Meer verschlungen würden. – Aber das alles liegt nun schon weit zurück», beeilte sich Alberto hinzuzufügen, «wir können uns wirklich glücklich schätzen, auf einem so wunderbaren Flecken Erde zu leben. Nur, weißt du, sogar die schönsten Orte der Welt können sich verändern. Jetzt, da unsere Inseln immer beliebter werden, kommen viele Leute von außen, und viele junge Inselbewohner wandern ab. Sie haben genug vom einfachen, traditionellen Leben, sie wollen in die Stadt, von der sie sich mehr Geld und mehr Spaß versprechen.»

«Wenn wir nur auf die Bazaruto-Inseln fahren würden!», seufzte Martine. «Leider ist für uns in Inhambane, südlich von Mosambik, Schluss. Dort sollen wir Dugongs zählen. Und dann geht’s wieder zurück nach Kapstadt.»

Alberto lachte heiser und offenbarte dabei einen kleinen roten Edelstein in einem seiner Schneidezähne. Er leuchtete wie ein Feuer im düsteren Licht der Kombüse. «Stimmt, wir fahren nicht bis nach Bazaruto. Aber man kann ja nie wissen.»


• 8 •


Die Lehrer hatten Martine und ihren Mitschülern zur Genüge eingetrichtert, dass die Sardinenwanderung unberechenbar sei. Schließlich handelte es sich dabei um ein Naturereignis, und Naturereignisse hielten sich nun mal nicht an die Daten von Klassenfahrten, an die Abgabetermine von Journalisten oder die Reisepläne reicher Pauschaltouristen. Die Sardinen richteten sich nach kleinen Veränderungen der Wassertemperatur, und wenn die Temperatur nicht stimmte, gingen sie manchmal gar nicht auf Wanderschaft. Mr. Manning, der Biologielehrer, funkte täglich die Haiwache in KwaZulu-Natal an, um zu erfahren, ob Sardinen gesichtet wurden, und jeden Tag wurde er enttäuscht.

Doch verglichen mit der Enttäuschung der Kinder war seine Enttäuschung nicht erwähnenswert. Sie hatten schon so viel von der Sardinenwanderung gehört, dass ihre Erwartungen fast grenzenlos waren. Die meisten hatten sich die Mühe nicht genommen, Miss Volkners Reiseleitfaden zu lesen, und sahen sich schon auf einem Luxuskreuzfahrtschiff wie der Queen Elizabeth 2 mit Sonnenliegen, Whirlpools und jeder Menge Zeit, um im Badeanzug am Pool herumzuhängen. Und selbst jene, die Miss Volkners Beschreibung gelesen hatten, erwarteten von dieser Studienreise vor allem viel Freizeit – Urlaub von der Schule sozusagen.

Die Wirklichkeit sah ein bisschen anders aus. Die Sea Kestrel glich eher einem Fischkutter als einem luxuriösen Kreuzfahrtschiff. Es gab weder Sonnenliegen noch Drinks mit Schirmchen, Meeresfrüchte-Büffets oder andere Annehmlichkeiten, die man gemeinhin von einer Kreuzfahrt erwarten durfte. Es gab nur nackte Planken und die blanken Notwendigkeiten. Und was die Urlaubsstimmung anging, wurden die Schüler rasch eines Besseren belehrt. Caracal Junior war eine Ökoschule, in der Umweltthemen einen großen Stellenwert besaßen, und sowohl Miss Volkner als auch Mr. Manning waren fest entschlossen, jeden Augenblick der zehntägigen Reise unter das Zeichen der Nachhaltigkeit zu stellen.

Von morgens früh bis abends spät mussten sich die Kinder mit dem Thema Natur und Umwelt auseinandersetzen. Sie hielten nach Zugvögeln Ausschau oder analysierten Wasser, das sie in Eimern aus dem Meer geholt hatten, auf Spuren von Phyloplankton und Ähnlichem.

«Phyloplankton ist phosphoreszierend», dozierte Mr. Manning. «Das heißt, es leuchtet im Dunkeln. Bei Mondschein sieht es wie Zuckerwatte aus. Wenn Delfine und Wale durch Phyloplankton schwimmen, ist es, als würden ihre Körper mit einer Folie überzogen. Wenn ihr sie nachts in den Wellen spielen seht, ist es, als hätten sie silberfarbene Konturen.»

Martine war davon so fasziniert, dass sie die nächsten Abende ständig auf dem Deck hin und her ging, um vielleicht einen zuckerwattigen Delfin neben dem Schiff herhüpfen zu sehen. Doch es wollte sich keiner zeigen.

An einem Nachmittag fragte sie Mr. Manning, was es mit dem Stranden von Delfinen und Walen auf sich habe. Mr. Manning war kein Mensch, der rasch handelte oder entschied, und so brauchte er eine Weile, bis er bereit war, ihr eine Antwort zu liefern. Er nahm seine Brille ab, die ein zersprungenes Glas und einen gebrochenen, mit gelbem Isolierband notdürftig geflickten Bügel hatte, und wischte die salzige Gischt von den Gläsern.

«Nun, es ist so, Martine», sagte er. «Man weiß es eigentlich nicht so genau. Manchmal sind die Ursachen eindeutig, beispielsweise, wenn ein Delfin von einem Fischereigerät verletzt, von einem Hai gebissen wurde oder krank war. Wenn aber mehrere Delfine oder Wale stranden, dann wird es schon komplizierter. Alberto hat mir erzählt, dass man im Bazaruto-Archipel immer am Dreizehnten der letzten drei Monate auf gestrandete Delfine gestoßen sei. Ist das nicht seltsam? Einige Tsonga sind der Meinung, dass die Delfine vom Regenwasser betrunken wurden. Andere Kulturen haben andere Erklärungen. Viele Wissenschaftler sind jedoch mittlerweile zu dem Schluss gekommen, dass Sonar die Hauptursache sein muss.»

«Sonar? Meinen Sie die Technik, die Schiffe benutzen, um miteinander zu kommunizieren?»

«Genau. Sonar steht für Sound Navigation and Ranging, was so viel heißt wie Schall, Navigation und Reichweite. Diese Technik wurde 1906 von einem Wissenschaftler namens Lewis Nixon entwickelt, um es Schiffen zu ermöglichen, unter Wasser liegende Eisberge aufzuspüren. Später, im Ersten Weltkrieg, wurde das Sonar von einem französischen Physiker und einem russischen Ingenieur so modifiziert, dass es zur Ortung von U-Booten eingesetzt werden konnte. Heute wird das Sonar natürlich hauptsächlich für militärische Zwecke verwendet. Aber auch Fischer benutzen es, um Fischschwärme in der Tiefe des Meeres aufzuspüren.»

Die Sea Kestrel durchpflügte die Wellen, unterwegs zu einer Stelle, an der angeblich Sardinenschwärme gesichtet worden waren. Martine und Mr. Manning wichen von der Reling zurück, um der wild aufstiebenden Gischt auszuweichen. «Das verstehe ich aber nicht», sagte Martine. «Warum zwingt das Sonar Delfine und Wale dazu, aus dem Meer zu flüchten?»

«Nun, es ist so, dass Wale und Delfine ihr eigenes Sonar haben, um Beutetiere zu orten und sich im Meer zurechtzufinden. Dieses System wird Echolot genannt. Forscher haben nun die Besorgnis geäußert, dass das von Kriegsschiffen eingesetzte aktive Niederfrequenz-Sonar, das man LFA-Sonar nennt, die Tiere verwirrt und dazu führt, dass sie die Orientierung verlieren. Das LFA-Sonar sucht die Meere wie ein enorm großer Flutlichtscheinwerfer ab, und der abgegebene Schall, der so laut ist wie ein startendes Kampfflugzeug, kann sich über mehr als 150 Kilometer im Wasser fortpflanzen. Manchmal veranlasst er die Wale, zu rasch aufzutauchen, was – wie bei den Menschen die sogenannte Dekompressions- oder Taucherkrankheit – zum Tod führen kann. In den Organen der Tiere bilden sich Luftblasen, und es gibt schwere Hirnblutungen.

Sonar ist manchmal so laut, dass das Trommelfell der Wale platzt. Vor ein paar Jahren konnte nachgewiesen werden, dass LFA-Sonar-Tests auf den Bahamas für das Stranden von sechzehn Walen verantwortlich waren, wovon sieben Tiere verendeten. Es hat auf der ganzen Welt immer wieder ähnliche Zwischenfälle gegeben, vor allem nach Flottenmanövern in der betreffenden Gegend. Mittlerweile gibt es Berichte über Tausende von Fällen. 300 Delfine in Sansibar, 130 Grindwale in Tasmanien, 68 Delfine in Florida.»

Wieder wischte Mr. Manning die Gläser seiner Brille ab. «Das ist nicht gerade ein erfreuliches Thema. Warum interessiert es dich so sehr? Hast du schon einmal einen gestrandeten Delfin gesehen?»

Martine setzte ein unschuldiges Engelslächeln auf. Sie hatte nicht die Absicht, ihrem Lehrer etwas über den gestrandeten Delfin bei Kapstadt zu erzählen. «Nein, aber ich mag Delfine einfach gern.»

«Dann erzähle ich dir lieber ein paar schöne Dinge über sie», sagte Mr. Manning. «Ihre spitze Schnauze wird von den Wissenschaftlern Rostrum genannt, was so viel heißt wie Schnabel. Hast du das gewusst? Oder hast du gewusst, dass sich Delfine beim Namen kennen? Ist das nicht wunderbar? Jeder Delfin hat seinen eigenen Pfeiflaut, mit dem er sich zu erkennen gibt und den andere Delfine verwenden, um ihn zu rufen.»

Martine war in der Tat fasziniert, doch noch bevor sie eine nächste Frage stellen konnte, schrie jemand: «Die Sardinenwanderung! Wir haben die Sardinenwanderung gefunden!»


Alle, die nicht auf dem Schiff arbeiteten, rannten nach Steuerbord, doch von Sardinen bekamen sie nichts zu sehen. Stattdessen schien sich die Sea Kestrel in ein seltsames Wettersystem hineinzubewegen. Bizarr geformte Wolken jagten über den Himmel, und Gischtfontänen schossen sporadisch in die Höhe.

«Ist das die Sardinenwanderung?», sagte Luke betont unbeeindruckt. «Und deshalb sind wir den ganzen Weg hergekommen? Man kann die Sardinen ja nicht einmal sehen!»

«Nur Geduld!», besänftigte ihn Mr. Manning. «Warte doch, bis wir näher dran sind.»

«Ist es okay, wenn ich ein kleines Nickerchen mache?», sagte Luke leise und brachte damit Lucy zum Kichern.

Martine blieb an der Reling stehen und hielt hoffnungsvoll nach Delfinen Ausschau. Das Schiff kämpfte sich durch die Wellen. Schließlich lösten sich die seltsamen Wolken in Vögel auf. Aberhunderte von Kaptölpeln und Kormoranen schossen im Sturzflug auf die Wasseroberfläche hinab. Dann erblickte sie die Sardinen. Von oben sahen sie wie ein riesiger, silberner Ölteppich aus. Die Fische schwammen in ihrem gigantischen Schwarm so dicht nebeneinander, dass der Eindruck entstand, sie würden von einer unsichtbaren Stelle aus ferngesteuert. Langsam schob sich ein Wal durch die silberne Sinfonie und verschlang dabei Sardinen in rauen Mengen.

Als Nächstes kamen Hunderte von Delfinen. Von allen Seiten schossen sie blitzschnell auf den Sardinenschwarm zu und trieben, wie Hirtenhunde, die Fische zu einer kompakten Kugel zusammen, an der sie sich sogleich gütlich taten. «Dieses Phänomen nennt man Köderkugel», erklärte Mr. Manning, der sich vor Begeisterung kaum mehr einkriegen konnte.

Die Kinder waren vor Ehrfurcht erstarrt. Selbst Luke und Lucy hatte es vor lauter Erstaunen die Sprache verschlagen. Martine merkte, dass ihr der Mund offen stand.

Die Sea Kestrel ging in der Nähe eines Strands vor Anker. Allerdings war der Strand kaum mehr zu erkennen, weil sich auf ihm eine riesige Menschenmasse zum Wasser hinunter wälzte. Und als sich der Sardinenschwarm dem seichten Uferwasser näherte, gab es für die Schaulustigen kein Halten mehr. Kreischend und schreiend warf sich der ganze Menschenstrom ins Wasser und kämpfte mit den Vögeln um die Beute. Da waren Kinder mit Plastikeimern, Männer mit Netzen, Pfannen, Töpfen, ja sogar Schubkarren, und Frauen, die die Sardinen mit ihren Röcken oder Handtaschen aus dem Meer schöpften. Es war der helle Wahnsinn.

Und dann war alles so urplötzlich, wie es begonnen hatte, schon wieder vorbei. Der Sardinenschwarm löste sich auf, und die herumwirbelnden Vögel flogen davon. Nur die Delfine blieben. Auch wenn sie jetzt satt waren, schwammen sie immer noch um das Schiff herum, als warteten sie auf etwas.

«Martine», sagte Mr. Manning, «würdest du mir einen Gefallen tun und mir im Bug vorne mein Fernglas holen? Ich habe es auf der Bank liegen lassen, wo wir miteinander geredet haben.»

Martine war noch zu überwältigt, um zu antworten. Sie nickte nur und machte sich mit weichen Knien auf den Weg ins Vorderdeck. Dabei ließ sie ihre Finger über die Reling gleiten. Auf halbem Weg fiel ihr auf, dass sich etwa dreißig Delfine vom Schwarm gelöst hatten und sich seitlich des Schiffs in gleicher Richtung mit ihr fortbewegten. Als sie vorne angekommen war, versammelten sie sich unter ihr im Wasser. Da das Schiff verankert war, führte Martine das Fernglas an die Augen und lehnte sich über die Reling, um die Tiere näher zu betrachten. Sie fragte sich, was sie wohl vorhatten.

Die Delfine erschienen im Fernglas verschwommen, doch als Martine es scharf stellte, waren ihre grauen Gesichter und rosafarbenen Mäuler klar zu erkennen. Sie blickten alle zu ihr hinauf; dazu gaben sie Klick- und Schnalzlaute von sich. Martine nahm das Fernglas von den Augen, um zu sehen, mit wem sie wohl schwatzen mochten, doch sie sah niemanden. Es war, als würden sie zu ihr sprechen!

«Was wollt ihr?», rief ihnen Martine über die Reling gebeugt zu. «Was wollt ihr von mir?»

Weil sie Mr. Manning nicht warten lassen wollte, setzte sie sich langsam wieder in Richtung Hinterdeck in Bewegung, ohne jedoch die Delfine aus den Augen zu lassen. Zu ihrem großen Erstaunen folgten sie ihr wieder. Sie war so in diesen Anblick vertieft, dass sie Mr. Manning erst bemerkte, als sie mit ihm zusammenstieß. Er war von einigen ihrer Mitschüler umgeben, die sie voller Missgunst und Unglauben musterten.

«Es ist kaum zu fassen», sagte Mr. Manning. «Das ist jetzt schon meine achte Sardinenwanderung, und ich habe nie etwas Derartiges gesehen. Es ist, als wärst du eine Art Rattenfängerin von Hameln … nur mit Delfinen. Ich kann sonst nicht verstehen, warum sie dir folgen.»

Aus den Augenwinkeln sah Martine, wie die Delfine in das wogende Blau des Meeres eintauchten und verschwanden.

«Ich glaube, das war bloß ein Zufall», sagte sie zu ihm. «Vorne am Bug sprangen ein paar Fische aus dem Wasser, und die Delfine waren zufälligerweise zur gleichen Zeit wie ich dort, als ich Ihr Fernglas holte. Und dann sind sie auch zur gleichen Zeit wieder verschwunden.»

«Ja», sagte Mr. Manning, aber in seiner Stimme schwang Zweifel mit. «Ja, so muss es wohl gewesen sein.»


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