Kitabı oku: «An den Ufern des Nebraska»

Yazı tipi:

An den Ufern des Nebraska

Die Surehand-Story – Band I

Lennardt M. Arndt


Inhalt

Prolog

Kapitel I – Wahrheit

Kapitel II – Eine Überraschung

Kapitel III – Aufbruch

Kapitel IV – Eine Falle

Kapitel V – Mann-mit-sicherer-Hand

Kapitel VI – Auf Leben und Tod

Kapitel VII – Neue Freunde

Kapitel VIII – Todfeinde

Kapitel IX – Weiße Antilope

Kapitel X – Eine neue Hoffnung

Kapitel XI – Bei den Chaui

Kapitel XII – Das Ende einer Flucht

Anmerkungen des Autors

Dramatis personae

Karte des Wilden Westens (um 1855)

Kartenausschnitt des östlichen Nebraska-Territoriums (Orte der Haupthandlung)

Prolog

Jefferson City, Missouri - 1911

Die vorliegende Erzählung behandelt eine Zeit, in der der Westen der Vereinigten Staaten noch als Wilder Westen bezeichnet wurde.

Ich habe diese Zeit hautnah erlebt. Und heute, im Winter meines Lebens, habe ich mich entschlossen, meine damaligen Erlebnisse für den interessierten Leser aufzuschreiben. Doch wo fange ich an? Nun, … zunächst denke ich, muss ich mich vorstellen.

Geboren bin ich 1841 in Boston, als Sohn eines Kaufmanns. Meine Mutter war eine Indianerin aus dem Süd-Westen. Ich habe einen jüngeren Bruder, doch Neid und Rachsucht zweier Verbrecher fügten es, dass ich früh meine Familie verlor und in der Obhut meines Ziehvaters aufwuchs. Mein Name ist Leo Bender. Bekannt wurde ich später unter dem Namen Old Surehand.

Jahrelang streifte ich durch den Westen der heutigen Vereinigten Staaten, um nach meinen Wurzeln und meiner Familie zu suchen. Dabei war ich von dem unbändigen Wunsch getrieben, die Verbrecher, die meinen Vater auf dem Gewissen hatten, zu finden und zu bestrafen.

Bei meinen Wanderungen traf ich auf Angehörige fast aller Indianer-Völker, die damals zwischen den großen Flüssen, Mississippi und Missouri, und dem Pazifik lebten. Ebenso begegnete ich Jägern, Fallenstellern, Abenteurern, weißen Siedlern und Vertretern der Obrigkeit der Vereinigten Staaten.

Bei all jenen durfte ich Menschen kennenlernen, die mir ans Herz wuchsen. Haltungen wie Kühnheit, Tapferkeit, Stolz, Freundschaft und Ehre wusste ich bei ihnen zu schätzen. Doch traf ich bei einigen, unabhängig von der Farbe der Haut, auch auf Dummheit, Falschheit, Verschlagenheit, Hass und Mordlust.

Bevor ich mich auf die Suche nach meiner Familie und die Jagd auf die Verbrecher machen konnte, musste ich erst lernen, allein in der amerikanischen Wildnis zu überleben. Die dazu notwendigen Kenntnisse und Fertigkeiten erwarb ich bei einem berühmten Prairiemann und einem Stamm der Pawnee.

Im Bürgerkrieg kämpfte ich auf der Seite der Nordstaaten. Meine Jahre als Jäger und Prairieläufer fügten es, dass ich für kurze Zeit bei der Armee als Scout tätig war. Auch hier traf ich auf Menschen, deren Wege die meinen später wieder kreuzen sollten.

Doch der Reihe nach …

Kapitel I – Wahrheit

Jefferson City, Missouri

Der Tag, der alles veränderte, war ein Tag im Sommer des Jahres 1856. Zusammen mit einigen Jungs trieb ich mich nach der Schule in der Nähe des damals noch jungen Städtchens am Ufer des Missouri herum.

Wie so oft vertrieben wir uns die Zeit damit, mit unseren Slingshots1 Ratten und andere kleine Nager zu jagen. Während die Anderen ein Kaninchen aufgestöbert hatten und nun fleißig und lautstark versuchten, es zu treffen, saß ich am Rande des Wassers, stocherte mit einem Stock im Schlamm und dachte über das nach, was wir an jenem Tag im Unterricht gehört hatten.

Die deutschstämmige Lehrerin Mrs. Smith, die eigentlich „Schmidt“ hieß, hatte ein neues Thema begonnen – Indianer! Die noch junge Geschichte der amerikanischen Nation sei unteilbar und in besonderer Art und Weise mit den Stämmen der Ureinwohner des Kontinents verbunden, sagte sie. Daher betrachte sie es als besonders wichtig, auch deren Schicksale näher zu beleuchten.

Also hatten wir über die Indianerstämme gesprochen, die früher auch hier, im Gebiet des Staates Missouri, gelebt hatten und nun noch weiter nach Westen ausgewichen waren. Mrs. Smith hatte viele interessante Dinge über die Indianer berichtet.

Wenn man es ehrlich betrachte, meinte sie, habe man die Ureinwohner nach und nach immer weiter nach Westen verdrängt. Wo sich der Indianer das nicht habe gefallen lassen, sei man rücksichtslos gegen ihn vorgegangen. Der Weiße Mann habe sich das Recht herausgenommen, überall im Indianerland seine Siedlungen zu errichten, Farmen anzulegen, nach Bodenschätzen zu schürfen und damit die Indianer immer wieder zu zwingen, auf ihre angestammten Rechte und Teile ihres Landes zu verzichten.

Auf dem Weg zum Fluss hatten wir über diese Ansichten unserer Lehrerin gesprochen. Die Anderen hielten es mit der Meinung Ihrer Eltern; es sei ja nun einmal so, dass Amerika genug Platz für alle biete. Wo Land nicht bestellt werde, Bodenschätze nicht gehoben oder Tiere nicht bejagt würden, sei es doch des Weißen gutes Recht, dieses zu tun. Wenn die Rothäute das nicht dulden wollten, müssten sie eben weichen.

Ich war mir da nicht so sicher. Wer gab uns denn das Recht, uns einfach zu nehmen, was der Indianer seit Jahrhunderten, wenn nicht gar Jahrtausenden sein Eigen nannte? Und auch wenn er dem Weißen Mann zunächst freundlich begegnete und ein friedliches Miteinander anstrebte, konnten wir doch daraus keine Ansprüche ableiten. Das war so ungefähr, was ich damals darüber dachte.

Ich hatte also, wie so oft, eine andere Meinung, als meine Kameraden. In der letzten Zeit war es häufig so gewesen, dass ich mich absonderte und über Dinge, die ich gehört oder gelesen hatte, nachdachte. Oft wurde ich damit aufgezogen, wieder einmal den Philosophen zu geben. Einer meiner Kameraden hatte mir schon den Spitznamen Diogenes verpasst, in Anlehnung an den griechischen Philosophen in der Tonne.

Vermutlich gaben sie sich nur noch mir ab, weil ich mit der Slingshot immer das Ziel traf. Nun, ich war wohl anders, als die anderen Jungs meines Alters, aber es machte mir nichts aus.

An diesem Nachmittag kreisten meine Gedanken also noch länger um die Ungerechtigkeiten gegenüber den Ureinwohnern Amerikas, wobei ich allerdings zugestehen muss, dass mich das Problem zuvor nicht sonderlich beschäftigt hatte.

Wir waren ja nur junge Menschen, die in diesem neuen Land aufwuchsen und die ihre Welt eben nicht in Frage stellten. Lediglich wenn, so wie heute unsere Lehrerin, jemand über den Roten Mann sprach, beschäftigten mich diese Dinge. Doch als ich am jenem Abend nach Hause kam, sollte sich das schlagartig ändern.

Nach Hause? – Nun, ich wohnte bei meinem Ziehvater –einem Mann namens Jonathan Wallace. Dieser war Bankier, dessen eigenes Bankhaus sich auf der Firestreet in Jefferson City befand.

Er war ein Verwandter, der mich nach dem Tode meines Vaters zu sich genommen hatte. So hatte ich jedenfalls bis heute geglaubt. Obwohl ich keine Erinnerung an meine Eltern hatte, hatte er nie versucht, den Eindruck zu erwecken, mein wirklicher Vater zu sein. Was meine Mutter betraf, dachte ich, dass sie meinen Vater und mich nach meiner Geburt verlassen hatte, um ein Leben in einer der großen Städte im Osten zu führen.

Bei Mr. Wallace hatte ich es immer gutgehabt, dennoch fühlte ich mich manchmal fehl am Platze. Er war alleinstehend und beschäftigte eine Haushälterin und anderes Personal, welches ihm Haus und Hof führte. Die Haushälterin, Mrs. Pittney, sollte sich neben ihren häuslichen Pflichten auch um mich kümmern und so war sie für mich so etwas wie ein Mutterersatz. Doch genau wie Mr. Wallace war auch sie eben nur das, … ein Ersatz. Obwohl beide sich wirklich Mühe gaben, spürte ich instinktiv das etwas fehlte --- nämlich das Gefühl von Familie.

An diesem Abend benahm Mrs. Pittney sich anders als sonst. Als sie mir die Tür öffnete, um mich einzulassen, schaute sie mich kaum an und war ganz in Gedanken versunken. Sonst schimpfte sie mich eigentlich immer aus, weil meine Stiefel schmutzig waren, ich unpünktlich war oder sonst irgendeine ungeschriebene Hausregel verletzt hatte. Sie meinte das zwar nie im Ernst, doch legte sie eben Wert auf bestimmte Regeln, was ja auch in Ordnung war.

Diesmal blieb ich jedoch von diesen Regeln verschont. Mit kaum zu deutender Miene, sagte sie mir nur, dass ich um sieben Uhr zum Abendessen erscheinen solle. Mr. Wallace sei auch schon zu Hause und wünsche heute mit mir gemeinsam zu speisen.

Dies war nicht zwar ungewöhnlich, aber auch nicht unbedingt die Regel. Mr. Wallace saß oft noch des Abends im Bankhaus über den Büchern. Die Aufforderung zum gemeinsamen Abendessen fiel mir aber nur auf, weil sie von Mrs. Pittney so betont wurde.

So wusch ich mir also zunächst die Hände und kämmte mir widerwillig das Haar, um zivilisiert, wie Mrs. Pittney sich ausdrückte, zum Abendessen zu erscheinen. Sie stand daneben und überwachte meine Bemühungen. Seit einiger Zeit ließ ich es mir nicht mehr gefallen, dass sie das Kämmen übernahm. Sie war darüber zwar nicht glücklich, aber es kam mir für den jungen Mann, als den ich mich inzwischen sah, albern vor.

Mr. Wallace saß bereits am Kopfende des langen Tisches und wartete auf mich. Als ich hereinkam, stand er nicht wie sonst auf, um meinen Stuhl am Tisch zurecht zu rücken und schon einige Fragen zu meinen Tageserlebnissen zu stellen. Er blieb dagegen sitzen und schaute abwesend aus dem Fenster. Anscheinend bemerkte er gar nicht, dass ich den Raum betreten hatte.

Ich ging also einige Schritte auf meinen Platz zu seiner Linken zu und endlich war er doch aufmerksam geworden.

„Junge“, sagte er, „schön, dass du kommst. Wie war dein Tag?“

„Gut!“, antwortete ich. „War mit den anderen Jungs am Fluss, haben Nager gejagt!“

„Und? Erfolg gehabt?“, fragte er.

„Hmh, einige von uns müssen wohl noch viel üben.“

„Nun, ich denke, das ist kein Beinbruch. Meister fallen eben nicht vom Himmel!“

Er lachte und fuhr mir mit der Hand durchs Haar. Meine Anstrengungen, zivilisiert zu erscheinen, waren damit zunichtegemacht.

Ich spürte, wie meine innere Anspannung nachließ, war ich doch zunächst auf der Hut gewesen, weil Mrs. Pittneys und auch Mr. Wallace‘ Verhalten so auffällig anders gewesen war. Es war wohl doch nur Einbildung gewesen.

Tom, der dunkelhäutige Diener, trug das Essen auf und Mr. Wallace fragte nach dem Unterricht und nach Mrs. Smith, der Lehrerin. Ich erzählte ihm von dem, was sie heute über die Indianer gesagt hatte. Dies tat ich, weil ich wusste, dass er viel lieber etwas über Mrs. Smith selbst erfahren hätte, wusste ich doch, dass er sie heimlich verehrte.

Sie war mit ihrem Mann aus Deutschland in die neue Welt gekommen. Wie all die anderen Auswanderer auch, hatten sie sich, in Ellis Island - New York - registrieren lassen und dort den Namen „Smith“ verpasst bekommen. Das deutsche „Schmidt“ wollte dem Beamten der Einwanderungsbehörde wohl nicht über die Lippen oder auf das Formular.

Auf dem Treck vom Osten nach Jefferson City hatte Mrs. Smith ihren Mann während eines Scharmützels mit einigen Kriegern der Osagen verloren. Bei der Begegnung mit den Indianern hatte einer der Scouts, die den Treck führten, die Nerven verloren, einen der Krieger angegriffen und verletzt. Bevor der Anführer der Osagen es verhindern konnte, hatte ein anderer der Krieger einen Pfeil abgeschossen, den Scout aber verfehlt und den dahinter haltenden Mr. Smith getroffen.

Trotz der Hilfe des Anführers der Osagen, erlag Mr. Smith seinen Verletzungen. All dies hatte sich vor ungefähr einem Jahr ereignet und es schickte sich einfach nicht, der Witwe schon jetzt „den Hof zu machen“. Also blieb Mr. Wallace zurückhaltend und wartete ab.

Jetzt versuchte er aber nicht, wie es sonst üblich war, mehr über Mrs. Smith zu hören, sondern folgte meinen Ausführungen über die Indianer. Als ich geendet hatte, nickte er vielsagend und schaute mich durchdringend an.

„Und was hältst du davon?“, fragte er mich. Ich gab zurück:

„Was soll ich sagen? Ich meine, dass wir uns hier auf dem Gebiet der Indianer breitgemacht haben, ohne erst um Erlaubnis zu bitten. Anfangs kamen ein paar Farmer, in denen die meisten Stämme wohl keine Feinde gesehen haben. Jetzt kommen immer mehr Weiße aus dem Osten und breiten sich aus. Wenn der Indianer sich beschwert, wird Ihm ewiger Friede angeboten, wenn sie sich in einem bestimmten Territorium aufhalten und ihr bisheriges Land für billigen Tand oder kleinste Geldsummen abtreten. Wehren Sie sich, so werden sie mit Gewalt vertrieben. Ich denke nicht, dass das gerecht ist.“

Wallace antwortete:

„Zumal dieser ewige Friede meist nur kurze Zeit hält. Bis der Weiße glaubt, er könne auch das nächste Stück Land besser nutzen als der Wilde. Dann zwingt man die Roten zu neuen Verhandlungen und drängt sie noch weiter zurück. Du hast recht, Junge; Gerecht ist das bei Gott nicht!“

„Warum fragst du so, Onkel?“ ... dies war meine übliche Anrede für Mr. Wallace.

„Nun, ich denke, ich muss mit dir über deine Familie und deine Herkunft reden! Du scheinst mir alt genug zu sein, um die Zusammenhänge zu verstehen.“

„Was für Zusammenhänge und was hat meine Familie mit deiner Frage nach den Indianern zu tun?“

„Hmh,“ machte er, „du bekommst jetzt Antworten auf diese Fragen, auch auf jene, welche du bisher gar nicht gestellt hast, die du aber wohl bald stellen würdest.

Ich möchte zunächst, dass du weißt, dass du für mich wie ein Sohn bist und dass ich hoffe, dass diese Antworten an unserem Verhältnis nichts verändern. Es wird Zeit reinen Tisch zu machen!“

„Reinen Tisch? Muss ich mir Sorgen machen? Ich möchte lieber gar nichts hören, wenn du so etwas sagst.“

„Nun, so müssen wir es darauf ankommen lassen. Ich kann diese Geschichte nicht ewig verheimlichen und ich möchte mir später nicht vorwerfen müssen, dich zu lange im Unklaren gelassen zu haben. Ich möchte also, dass du mir jetzt genau zuhörst und mich nicht unterbrichst. Du kannst nachher Fragen stellen, wenn du das willst, in Ordnung?“

„Wenn es sein muss?“, gab ich zurück, obwohl ich jetzt doch neugierig geworden war.

Also erzählte er die Geschichte meiner Familie, soweit sie ihm bekannt war. Ich konnte erst gar nicht glauben, was ich da zu hören bekam, stellte es doch meine ganze bisherige Welt auf den Kopf. Ich gebe die Geschichte hier so wieder, wie Mr. Wallace sie mir an jenem Abend erzählte.

Er begann mit einem Indianer vom Stamme der Moqui2, die im nordöstlichen Arizona lebten und den Pueblo-Indianern zuzurechnen waren. Dieser Indianer war bei seinem Stamm ein heiliger Mann, also in etwa das, was man allgemein, auch bei den meisten Indianer-Stämmen, Medizinmann nannte.

Er hatte großen Einfluss auf sein Volk, den größten aber wohl innerhalb des Pueblodorfes in dem er lebte. Die Moqui lebten in einer Gemeinschaft, die aus fünfundzwanzig Dörfern bestand. Jener Stamm war nicht als sonderlich kriegerisch bekannt. Weiße Methodisten, Baptisten aber auch Mormonen und andere Scharlatane versuchten, die Moqui zu missionieren.

Weil Ikwehtsi'pa3, so hieß der Indianer, großen Einfluss auf sein Volk hatte, wurde er mehrfach Hauptziel solcher Bekehrungsversuche. Diese blieben aber alle fruchtlos - bis zu dem Tag, an dem er auf einer seiner Wanderungen in die Berge ging, um dort innere Einkehr zu finden und er einem Weißen das Leben rettete.

Diesem Weißen war an jenem Tag das Pferd durchgegangen. Er hatte den Halt verloren, war vom Pferd gefallen, wobei sein linker Fuß noch im Steigbügel feststeckte. So wurde er von dem Tier mitgeschleift. Das nicht mehr auf Zurufe reagierende Pferd sprengte auf den Rand einer Seitenschlucht des Grand Canyons zu, drohte darüber hinauszuschießen und seinen Reiter mit in die Tiefe zu reißen.

Ikwehtsi'pa erkannte die Lage schnell. Er trug eine von diesen alten einschüssigen Kentucky-Rifles, die bereits geladen war. Er steckte noch das Zündhütchen auf und legte auf das Pferd an. Sein Schuss traf das arme Tier durch die linke Flanke ins Herz. Es machte noch einige Sprünge weiter auf die Schlucht zu, brach dann aber doch kurz vor dem Abgrund zusammen.

Es begrub den Reiter halb unter sich, so dass die Befreiung des Mannes schwere Arbeit für Ikwehtsi'pa war. Der Weiße hatte nur leichte aber doch schmerzhafte Verletzungen davongetragen. So hatte er einige Prellungen erlitten und sein Fußgelenk war ausgerenkt worden.

Als Ikwehtsi'pa Anstalten machte, das Gelenk wieder einzurenken, bemächtigte sich des Mannes eine Ohnmacht, wegen der nun noch schlimmeren Schmerzen. Die sofortige Behandlung war aber dennoch notwendig gewesen, wenn der Reiter keine bleibenden Behinderungen behalten sollte.

Ikwehtsi'pa trug den Weißen den weiten Weg zu seinem Dorf und in sein Pueblo, um sich dessen Heilung anzunehmen. Der Mann erholte sich schnell unter den aufmerksamen Augen und Händen des Medizinmannes. Dieser Weiße hieß Martin Wagner und war ein Deutscher. Martin blieb länger bei den Moqui, als zu seiner Genesung notwendig gewesen wäre. Er erzählte Ikwehtsi'pa nach und nach seine eigene Geschichte.

In seiner Heimat war er zur Zeit der politischen Gärung als „Demokrat“ gegen die Restauratoren um den Fürsten Metternich offen auf dem sogenannten Hambacher Fest aufgetreten. Hier hatten die Oppositionellen im zersplitterten Deutschland getagt. Diese offene Opposition gegen die Mächtigen im Deutschen Bund betrieb er als Vertreter der katholischen Kirche, nämlich als Berater seines Bischofs. Darüber war er bei jenem Bischof in Ungnade gefallen und sollte deshalb das Bistum, oder noch besser gleich den Deutschen Bund, wie von der Kurie gefordert, verlassen. So wurde er in die Vereinigten Staaten geschickt, um hier die Wilden zu missionieren.

Zunächst war er in Michigan zu den Ojibwa4 gekommen. Die brutalen Methoden der Missionare waren ihm aber schon nach kurzer Zeit ein Gräuel. Briefe an seinen Bischof vermochten nichts an der Situation zu verändern. Dies veranlasste ihn letztlich, der Kirche den Rücken zu kehren und nach St. Louis zu gehen, um sich dort Arbeit zu suchen.

Solche war schnell gefunden – im Auftrag eines Pelzhändlers schloss er sich einigen Traders5 an, die von einem Scout auf dem Santa Fé-Trail, durch das Indianerland geleitet wurden. Sie wollten am Ende des Trails ihre Waren in Nuevo-Mexico und Texas an den Mann bringen.

Zwei Monate war der Treck unterwegs gewesen und zuletzt hatte man den Handelsposten Santa Fé aufgesucht. Als man diesen wieder verließ, um den Rückweg unter die Hufe zu nehmen, wurden die Pelzhändler kurz darauf von Capote-Utah angegriffen und aufgerieben. Martin äußerte die Vermutung, dass er den Utah als einziger entkommen war. Er streifte also hungernd allein durch die Berge und Täler und war dabei zu guter Letzt auf Ikwehtsi'pa gestoßen.

Warum sein Pferd durchgegangen war, wusste er nicht mehr. Er hatte einige Tage kein Wild mehr schießen können, weil ihm die Munition ausgegangen war und so war er kurz vor dem Verschmachten gewesen.

Zwischen Ikwehtsi'pa und Martin entwickelte sich eine tiefe Freundschaft und mehr und mehr übernahm der Indianer die Anschauungen seines weißen Freundes. Jenem kam es gar nicht darauf an, zu missionieren. Er gab einfach in seinem Verhalten und in den Gesprächen ein gutes Beispiel eines Christenmenschen im besten Wortsinne ab.

Waren alle bisherigen Versuche spanischer Missionare an Ikwehtsi'pa und den Seinen gescheitert, fand hier eine „schleichende“ Christianisierung statt, die umso tiefer und überzeugender wirkte, als dass sie nicht aufgezwungen wurde.

Ikwehtsi'pa entwickelte eine solche Überzeugung und einen tiefen Glauben an Gott, dass er Christ wurde. Als Martin die Moqui wieder verließ, hatte er mehr als nur eine Saat gepflanzt, hier ging bereits eine ganze Ernte auf. Indem er Ikwehtsi'pa zu einem Christen werden ließ, hatte er einen Streiter für die Gerechtigkeit und Güte in die indianische Wildnis gepflanzt, wie es keinen zweiten geben würde.

Ikwehtsi'pa wanderte in den folgenden Jahren, in der Begleitung seiner beiden Schwestern Tehua6 und Tokbela7 zu den Stämmen und den weißen und mexikanischen Siedlern, um dort Gerechtigkeit und das Christentum zu predigen. Bald war er im gesamten Südwesten der späteren Staaten als Padre Diterico oder Bruder Derrick bekannt. Denn den Namen Derrick hatte er sich selbst als christlichen Vornamen gegeben.

Hier unterbrach ich die Erzählung und fragte:

„Was willst du mir mit dieser Geschichte sagen? Was geht mich dieser Ikwehtsi'pa an?“

„Geduld, Leo! Du wirst gleich noch sehen, warum ich dir das alles erzähle!“

Er fuhr also mit der Erzählung fort und so vernahm ich das Folgende:

Eines Tages verschlug es die drei indianischen Geschwister nach Santa Fé, wo der Padre Diterico als Prediger auftrat. Tehua traf dort den Tuchhändler Bender aus Boston und verliebte sich in ihn. Als Derrick später beschloss, sich das Wissen und die Kenntnisse eines Weißen anzueignen, um als Prediger auch in anderen Teilen Nordamerikas ernst genommen zu werden, ging er zusammen mit seinen Schwestern, die die christlichen Namen Emily und Ellen angenommen hatten, an die Ostküste nach Boston, um dort an einem College zu studieren.

Emily-Tehua traf dort Edward Bender wieder und die beiden beschlossen zu heiraten, doch zuvor sollte die Indianerin die Umgangsformen einer weißen Frau erlernen. Zu diesem Zweck kam sie mit ihrer Schwester Ellen-Tokbela in eine Pension, wo Bender sie regelmäßig besuchte.

Noch vor der Hochzeit, die knapp ein Jahr später stattfand, brachte Emily einen Sohn zur Welt. Ein Jahr nach der Trauung bekamen sie ein weiteres Kind. Die Kinder trugen die Namen Leo und Fred. Es handelte sich, wie Mr. Wallace an dieser Stelle betonte, --- um meinen kleineren Bruder und mich selbst.

Hier erfuhr ich also nun, dass ich ein Halbblut war, der Sohn einer Moqui und eines Yankees aus Boston. Da ich an meine Eltern selbst keine Erinnerungen hatte - ich war kaum drei Jahre alt, als sich die im Weiteren beschriebenen Ereignisse zutrugen - hatte man mich bisher glauben gemacht, dass mein Vater, wie Mr. Smith, bei einem Indianerüberfall auf dem Treck in den Westen umgekommen sei und Mr. Wallace, als einziger erwachsener Überlebender dieses Trecks, mich adoptiert hatte.

Ebenso bekam ich nun zu hören, dass ich einen jüngeren Bruder - Fred - hatte. Wie ich aber gleich erfahren sollte, war der derzeitige Aufenthalt meines Bruders nicht bekannt. Nicht einmal wusste irgendjemand, ob er überhaupt noch am Leben war.

Es ist wohl leicht, sich vorzustellen, dass ich durch diese Eröffnungen meines Ziehvaters wie „vor den Kopf geschlagen“ war. Dies mochte auch er einsehen und so unterbrach er seinen Bericht an dieser Stelle und fragte mich, wie es mir gehe und ob er weitersprechen solle.

Ich schaute ihn nur an und stammelte:

„Wie konntest du -- mir das --- all die Jahre --- verschweigen?“

Er antwortete nicht direkt, sondern meinte, ich solle mir nun auch noch den Rest der Geschichte anhören, dann würde ich vielleicht verstehen und ihm, wie er hoffte, vergeben können.

Die Arme auf den Tisch gestützt und die Hände vor der Stirn geballt saß ich da und fühlte mich wie im freien Fall. Da ich nicht wusste, wie ich meine aufwallenden Gefühle in Worte fassen sollte, schwieg ich nur.

Er fasste dies als Aufforderung auf, mit der Geschichte fortzufahren.

Mit ihren Geschwistern Ellen und Derrick lebte meine Mutter Emily jetzt im Haushalt meines Vaters, des Tuchhändlers Bender. Zu dieser Zeit ging dort auch ein Stiefbruder meines Vaters, ein gewisser John Bender, ein und aus. Er arbeitete auch in dem Handel meines Vaters.

Er trug damals den Namen seines Stiefvaters –Bender- und den Vornamen nach einem verstorbenen Erstgeborenen des Stiefvaters. Eigentlich hieß er Daniel (oder auch Dan) Etters. Zur damaligen Zeit wurde er aber immer nur John Bender genannt. John begehrte meine Mutter und wollte sie meinem Vater abspenstig machen.

Meine Mutter wies den Nebenbuhler ab, was ihn neidisch und missgünstig gegen meinen Vater werden ließ. In der Folgezeit brachte er des Öfteren seinen Kumpan, einen Mann namens Lothair Thibaut, mit in das Haus meines Vaters. Thibaut bandelte mit meiner Tante Ellen (oder Tokbela) an und sie verliebte sich in ihn.

Später fand mein Vater heraus, dass jener Thibaut ein Trickbetrüger und Falschmünzer war und verwies ihn darum des Hauses. Etters und Thibaut verließen daraufhin das Geschäft und den Haushalt meines Vaters, wobei Etters ihm bittere Rache zuschwor.

Auf Betreiben Etters‘, war es für Thibaut ein leichtes, Dokumente zu fälschen und meinen Eltern und Derrick Beweise für Falschmünzerei unterzuschieben.

Die beiden Schurken zeigten meine Eltern und Derrick danach selbst an. Sie hatten die vermeintlichen Beweise so geschickt platziert, dass alle drei tatsächlich angeklagt und zu vielen Jahren Zuchthaus verurteilt wurden.

Das Geschäft wurde von Etters weitergeführt. Mein Vater hatte dies nicht verhindern können. Fred und ich kamen zu unserer Tante Ellen, die sich um uns kümmerte, als wären wir ihre eigenen Kinder.

Wir wohnten wieder in jener Pension, in der meine Mutter und Ellen vor der Heirat untergebracht waren. Thibaut machte sich wieder an meine Tante heran und diese versprach nun, ihn zu heiraten, wenn er meine Eltern befreite. Also bestach er, zusammen mit Etters, einen Gefängniswärter, welcher mit Derrick floh.

Dieser Wärter war --- Mr. Wallace, der damals noch Beckett hieß. Er hatte mit dem Häftling gemeinsam fliehen müssen, weil es ihm nicht gelungen war, die Flucht so einzurichten, dass kein Verdacht auf ihn fallen konnte.

Jetzt schaute ich auf, … was hatte Mr. Wallace da gerade gesagt? Er war der bestochene Gefängniswärter?

„Warum hast du nicht auch meine Eltern befreit? Warum nur Derrick?“, fragte ich erregt.

Er antwortete:

„Ich wusste zunächst gar nichts über deine Eltern. Und selbst wenn ich über sie Bescheid gewusst hätte, wäre es mir nicht möglich gewesen, auch sie zu befreien. Deine Mutter war in einem gesonderten Trakt für weibliche Gefangene untergebracht und dein Vater befand sich in einem anderen Gebäudeteil. Dort war ich nicht eingeteilt.“

„Aber du weißt, was aus ihnen geworden ist, oder? Du musst es wissen!“, rief ich flehentlich.

Er sah mich mit unergründlichem Blick an und bat mich, mit seiner Erzählung fortfahren zu dürfen, ich würde dann alles erfahren. Also nickte ich und setzte mich wieder wie zuvor an den Tisch und hörte angespannt zu.

Etters und Thibaut war es allein darauf angekommen, Derrick befreien zu lassen, weil Etters wusste, dass Derrick einige Goldfundstellen kannte. Sie wollten also über ihn an Gold kommen.

Als Derrick zusammen mit dem späteren Mr. Wallace floh, nahm er meine Tante Ellen und uns Kinder mit. Ziel der Flucht war Taos, damals noch auf mexikanischem Territorium, wo er uns unter dem Schutz Mr. Wallace‘ zurückließ. Er selbst ging noch weiter in die Felsenberge, um Gold zu holen. Damit wollte er seinen Retter belohnen und dann auch meine Eltern befreien.

Mr. Wallace ahnte nicht, dass Derrick ihn für seine Rettung belohnen wollte. Er gestand also dem „Geretteten“, dass er bestochen worden sei, um ihn zu befreien. Er sagte Derrick, dass Etters und Thibaut ihm erzählt hätten, sie seien von der Unschuld des als Padre Diterico bekannten indianischen Predigers überzeugt, könnten aber keine Beweise für dessen Unschuld erbringen. Daher hätten sie sich entschieden, zu versuchen, den Prediger auf diesem Wege frei zu bekommen.

Mr. Wallace hatte die Geschichte über den „Padre“ so überzeugend gefunden, dass er Etters und Thibaut geglaubt und sich zunächst nichts dabei gedacht hatte, an der Befreiung eines solchen Mannes mitzuwirken.

Schließlich hatte er Derrick ja in der Haft kennengelernt und so erschien es ihm nur allzu plausibel, dass es sich hier um einen Justizirrtum handeln konnte. Später seien ihm aber doch Zweifel gekommen, weil er Geld genommen hatte und weil dieser Umstand ihm ins Gewissen biss.

Derrick hatte auf dieses Geständnis nur erwidert, dass er die Zusammenhänge schon geahnt habe. Da Mr. Wallace das Bestechungsgeld nicht mehr haben wollte, redete Derrick ihm zu, dass er es behalten solle. Es seien üble Verbrecher und Verleumder gewesen, die ihm dieses angedient hätten und er brauche sich daher wegen des Besitzes nicht zu grämen. Dass er ein ehrlicher Mann sei, habe er soeben durch sein Geständnis bewiesen.

Derrick teilte ihm nun mit, dass er weiter hinauf in das Felsengebirge gehen wolle, um Gold zu holen und möglichst mithilfe desselben auch meine Eltern frei zu bekommen. Mr. Wallace, der jetzt gründlicher über die Zusammenhänge der Bestechung und der Flucht Derricks nachgedacht hatte, bat ihn, nicht in die Berge zu gehen. Er stand zu vermuten, dass die Schurken Derrick auflauern würden, um an das Gold zu kommen. Dies musste der wahre Grund sein, warum Etters und Thibaut nur Derrick hatten frei haben wollen.

Diese Bedenken zerstreute Derrick jedoch. Schließlich könne niemand wissen, wohin Mr. Wallace und er geflohen seien. Daher könnten Etters und Thibaut den von Mr. Wallace vermuteten Plan nicht in die Tat umsetzen.

Dagegen gab es zunächst nichts vorzubringen. Also ließ Derrick uns Kinder und Ellen in Mr. Wallace‘ Obhut und machte sich auf den Weg.

Wie Mr. Wallace später erfuhr, waren Etters und Thibaut uns sehr wohl auf der Spur gewesen, hatten aber bei der Verfolgung einen Zeitverzug durch eine Verletzung des Pferdes Thibauts hinzunehmen, sodass sie nicht rechtzeitig in Taos eintrafen, um Derrick in das Gebirge zu folgen.

Also nahmen sie in unserer Nähe Quartier und Thibaut versuchte erneut, sich an Ellen heran zu machen. Durch geschickte Täuschung brachte er sie soweit, dass sie die gleiche Lügengeschichte zur Befreiung Derricks glaubte, auf die auch Mr. Wallace zunächst hereingefallen war. Also verzieh meine Tante Thibaut die Verleumdung. Einwendungen von Mr. Wallace wollte sie nicht hören.

Derrick war es inzwischen geglückt, mit dem Gold aus dem aus den Felsenbergen nach Boston zurückzureisen. Mithilfe des Goldes hatte er, ebenfalls durch Bestechung eines Wärters, meine Mutter frei bekommen können. Leider war mein Vater inzwischen im Gefängnis verstorben. Genauere Umstände über seinen Tod hatte Derrick nicht in Erfahrung bringen können. Meine Mutter wusste nichts darüber, weil sie während der Haft keinerlei Kontakt zu meinem Vater hatte.

Hier unterbrach ich die Erzählung erneut. Ich war wieder von meinem Platz aufgestanden und zum Fenster gegangen, schaute hinaus, ohne wirklich etwas zu sehen und sagte:

„Also ist mein Vater wirklich tot, … als Falschmünzer im Gefängnis gestorben. Wegen der Verleumdung durch seinen eigenen Stiefbruder, diesem Dan Etters und seinem sauberen Helfer Thibaut.“

Ich raufte mir die Haare. Dann drehte ich mich zu Mr. Wallace um und fragte:

„Was wurde aus dem Rest meiner Familie? Sind meine Mutter und mein Onkel noch immer auf der Flucht? Durfte ich deshalb keinen Kontakt zu ihnen haben? Aber mein Bruder, Fred …, er und meine Tante waren doch bei dir? Wieso wusste ich bis heute auch von ihnen nichts?“

Wieder dieser unergründliche Blick von Mr. Wallace. Ich rief:

„Nun rede doch schon!“

Er holte tief Luft und setzte die unterbrochene Geschichte meiner Familie fort.

Derrick brachte meine Mutter nun auch nach Taos. Schließlich sollte sie wieder zu ihren Kindern. Sie kamen am Tage der Hochzeit Thibauts und Ellens dort an und platzen in die Trauungszeremonie. Derrick riss seiner Schwester den Kranz vom Kopf, woraufhin Etters und Thibaut über ihn herfielen. Es entspann sich ein Kampf, in dessen Verlauf Derrick Thibaut in den Arm schoss.

Meine Tante hatte sich über die Gefangenschaft ihrer Geschwister gegrämt; sie war krank und schwach dadurch geworden. Durch den Schreck über die plötzlich unterbrochene Trauung und den Schusswechsel erlitt sie einen Zusammenbruch. Sie sprach irr im Fieber, und verfiel dem Wahnsinn. Sie tobte und war nur dann ruhig, wenn sich mein Bruder Fred bei ihr befand, den sie sehr liebte.

Darum wusste Derrick sich nicht anders zu helfen, als seine Schwester einem Arzt anzuvertrauen. Fred musste bei Ellen bleiben, da eine Behandlung der Kranken ohne ihn wohl nicht möglich gewesen wäre. Meine Mutter, Derrick und ich wohnten bei Mr. Wallace. Und alle glaubten, Etters und Thibaut seien verschwunden.

Schließlich ging das Geld zur Neige und Derrick wollte erneut in die Felsenberge gehen, um Gold holen. Meine Mutter begleitete ihn. Ich blieb bei Mr. Wallace. Als nach mehreren Wochen Nachrichten Derricks und meiner Mutter ausblieben, wollte Mr. Wallace nach meiner Tante Ellen sehen und sich bei ihr erkundigen, ob vielleicht Nachricht vorläge.

Als er jedoch bei dem behandelnden Arzt nach ihr fragte, teilte man ihm mit, die Kranke sei von ihrem Ehemann abgeholt worden. Dieser habe Papiere vorgelegt, womit er die Eheschließung mit Ellen Bender habe beweisen können. Sie führe nun, wie er selbst, den Namen „Lassalle“.

Dieser „Lassalle“ war natürlich kein anderer, als der Fälscher Thibaut, der Ellen entführt hatte. Als der Arzt noch berichtete, jener Lassalle sei in Begleitung eines anderen Mannes gewesen, dessen obere Zahnreihe, je rechts und links, auffällige Zahnlücken aufwies, war auch der letzte Zweifel ausgeräumt. Denn bei diesem Mann musste es sich um Dan Etters handeln, der genau solche Zahnlücken hatte.

Mr. Wallace war jetzt überzeugt, dass meine Mutter und Derrick von Etters und Thibaut verfolgt worden waren. Diese Verbrecher hatten sich also seit der unterbrochenen Trauung versteckt gehalten, um auf die Chance zu lauern, doch noch an das ersehnte Gold zu kommen.

Weil meine Mutter und Derrick nicht zurückgekehrt waren, mussten Etters und Thibaut ihr Ziel erreicht und sie getötet haben.

Mr. Wallace selbst war, weil er sich auf die Seite meiner Familie geschlagen hatte, nicht mehr sicher. Er verwischte also alle Spuren, nahm den Namen Wallace an und floh mit mir nach Jefferson City, wo er sein Bankgeschäft gründete. Dazu verwendete er das Gold, welches er von Derrick als Belohnung für die Befreiung aus dem Gefängnis und die Inobhutnahme seiner Neffen erhalten hatte.

Hier endete der Bericht meines Ziehvaters. Ich hatte jedes Wort mit innerer Erregung aufgenommen und wollte noch weitere Details wissen.

Gab es keine Möglichkeit, dass meine Mutter und Derrick noch lebten? Hatte es nie ein Lebenszeichen von Fred und meiner Tante gegeben?

Leider musste Mr. Wallace beide Fragen verneinen. Da er damals jede Spur, die zu uns führen konnte, ausgelöscht hatte, konnte er zwar nicht völlig sicher sein, dass meine Mutter und Derrick nicht doch noch am Leben waren und vielleicht nach mir, Fred und Ellen geforscht hatten. Doch wie die Dinge lagen, musste er annehmen, dass Etters und Thibaut die beiden umgebracht hatten.

Seine eigenen Nachforschungen nach Ellen und meinem Bruder waren auch nicht erfolgreich gewesen. Niemand kannte in Taos Thibaut oder Etters. Niemand, außer dem Arzt Ellens, kannte einen Lassalle. Und so verliefen alle Spuren im Sande. Ich war so erregt, dass ich ihn anschrie:

„Du hast nicht gründlich genug geforscht. Es muss doch irgendwelche Hinweise gegeben haben.“

„Nein, mein Junge!“, antwortete er „Niemand konnte sich erinnern, zwei Männer und eine Frau mit einem einjährigen Knaben gesehen zu haben. Niemand konnte mir sagen, wie sie die Stadt verlassen hatten. Der Arzt hatte sich um die Leute, die seine Patientin abholten, nicht weiter gekümmert, weil er alles in Ordnung fand. Erst später, auf mein Betreiben, zeigte er Thibaut und Etters wegen Entführung an. Es gab keinerlei Spuren.“

„Was war mit meiner Mutter und Derrick? Du hast dich nicht nach ihnen erkundigt? Bist einfach aus Taos verschwunden?“

„Ich habe dir doch gesagt, wie die Sache stand. Etters und Thibaut waren wieder da und nahmen deinen Bruder und Ellen mit sich. Es war klar, dass sie deine Mutter und Derrick gehindert hatten, nach Taos zurückzukehren. Sie waren lange überfällig gewesen. Es musste ihnen etwas zugestoßen sein.“

„Nein, das musste es nicht. Sie waren in die Wildnis gegangen. Du musst doch wissen, dass da immer Dinge geschehen können, die nicht vorherzusehen sind und wodurch man aufgehalten werden kann. Sie waren sicher noch am Leben.“

„Mein Junge, … ich habe selber auch damals daran gedacht, dass ich vielleicht zu überstürzt aufgebrochen bin, aber ich habe dann noch Nachforschungen anstellen lassen. Der Detektiv, den ich anonym beauftragte, nachzuforschen, ob eine Frau namens Emily Bender oder ein Pater Derrick nach Taos zurückgekehrt waren, teilte mir mit, dass er auch drei Monate nach unserem Aufbruch keinerlei Spuren deiner Mutter und ihres Bruders finden konnte. Ich gab dann die Suche auf, weil ich nun sicher war, dass sie tot waren. Alles andere ist vollkommen unwahrscheinlich, Leo.“

„Nein, ist es nicht. Du warst nur zu feige! Du hattest nur Angst um dein eigenes, armseliges Leben. Der bestochene Gefängniswärter Beckett auf der Flucht! Du musstest ja nicht nur Angst vor Etters und Thibaut haben, du wurdest ja wahrscheinlich auch von den Behörden gesucht.“

„Ich kann es dir nicht übelnehmen, dass du mir solche Vorwürfe machst. Aber glaube mir, ich habe alles versucht, deine Mutter und Derrick oder Fred und deine Tante zu finden. Aber nichts!“

Ich konnte ihn nicht mehr ansehen, vor Wut stiegen mir die Tränen in die Augen. Ich drehte mich also von ihm weg und rannte aus dem Raum, die Treppe hinauf, um mich in meinem Zimmer einzuschließen und niemanden sehen zu müssen. Er versuchte nicht, mich zu hindern.

Meine Gedanken rasten. Ich wusste nicht wohin mit meiner Wut und meiner Trauer. Ich wusste nicht mehr, wer ich war. Meine ganze Welt war ein einziger Scherbenhaufen. Mein Vater war also im Gefängnis als Falschmünzer gestorben. Meine Mutter war eine Moqui und … ich hatte einen Bruder!

Wir waren Halbblute! Mischlinge! Nicht gerade das, was man in Jefferson City haben wollte. Aber das war mir jetzt egal. Meine Gedanken waren wirr. Heute kann ich mich kaum daran erinnern, wie ich mich mit der neuen Situation zurechtfand. Aber nach einigen Tagen, in denen ich mein Zimmer nicht verlassen und kein Wort mit Mr. Wallace oder Mrs. Pittney gesprochen hatte, wurden meine Gedanken klarer.

Ich hatte also einen Bruder. Vielleicht hatte ich auch noch eine Mutter, eine Tante und einen Onkel. Ich musste nach ihnen forschen und ich musste die Männer finden, die meinen Vater auf dem Gewissen hatten. Dan Etters und Lothair Thibaut!

Aber wie sollte ich all dies anfangen? Ich war ja nur ein fünfzehnjähriger junger Kerl. Kein Alter, in dem man allein, einfach so, Nachforschungen anstellen und in die Welt hinausziehen konnte. Schon gar nicht, ohne die notwenigen Kenntnisse und Fertigkeiten. Ich musste also Geduld haben und warten. Irgendwann würde sich die Gelegenheit ergeben, mich auf den Weg zu machen und Nachforschungen anzustellen.

Dazu würde ich zuerst nach Taos gehen, um dort zu versuchen, Anknüpfungspunkte zu finden. So wie die Dinge lagen, waren mir aber zunächst die Hände gebunden. Alles, was ich tun konnte war, Mr. Wallace zu bitten, noch einmal zu versuchen, bei den Personen zu denen er, meine Mutter und Derrick zur damaligen Zeit Kontakt hatten, Informationen einzuholen.

Das nahm ich mir nun fest vor. Aber zunächst musste ich mich wieder in die „Außenwelt“ zurückbegeben und weitermachen. Was blieb mir sonst übrig? Ich ging also die Treppe hinunter zur Küche, wo Mrs. Pittney, vor Freude mich zu sehen, völlig aus dem Häuschen geriet. Sie bot mir als erstes etwas zu essen an. Während ich aß, schaute sie mich mit großen Augen an. Vermutlich fragte sie sich, ob ich böse mit ihr sei, weil sie doch schließlich auch Bescheid gewusst hatte. Wenn sie auch vermutlich nicht alle Details kannte.

Aber ich war ihr nicht böse. Wie auch? Sie war ja in keiner Weise verantwortlich für die Geschehnisse. Vermutlich hatte sie bis vor kurzem gar nichts gewusst. Mr. Wallace hatte sie ja erst eingestellt, als wir in Jefferson angekommen waren. Vorsichtig wie er war, hatte er die wahre Geschichte sicher, bis vor einigen Tagen, niemandem anvertraut. Letztlich hatte er Mrs. Pittney aber doch ins Vertrauen gezogen, sonst hätte sie sich an jenem Abend mir gegenüber nicht so seltsam benommen. Mr. Wallace hatte sie wohl vorwarnen wollen, dass sich mein Verhalten plötzlich ändern könnte.

Nun jedenfalls war ich doch froh, wieder von ihr umsorgt zu werden aber ich war noch nicht so weit, dass ich sie das auch spüren ließ. Doch wie sollte ich ihr weiterhin böse sein, wenn ich das noch nicht einmal Mr. Wallace gegenüber fertig brachte?

Ich hatte ihm im Grunde schon verziehen. Nein, … wenn ich es genau betrachtete, gab es gar nichts zu verzeihen. Er hatte so gehandelt, wie andere es in seiner Situation wohl auch getan hätten. Und er hatte versucht, Nachforschungen anzustellen. Er musste davon ausgehen, dass meine Mutter und Derrick tot waren. Meinen Bruder und meine Tante konnte er nicht ausfindig machen. Etters und Thibaut hatten keine Fährte hinterlassen.

Was mich aber am meisten für Mr. Wallace einnahm, war, dass er sich um mich gekümmert hatte, als wäre ich sein eigenes Kind. Was hatte er denn eigentlich mit mir zu schaffen? Ich war das Kind einer Frau, die er kaum kannte. Auch noch das einer Indianerin. Was auch immer der Grund war, ich war ihm dankbar. Aber das wollte ich vor mir selbst noch nicht wahrhaben, vielmehr wollte ich, dass er noch ein schlechtes Gewissen behielt, weil er mich so lange im Unklaren gelassen hatte.

Also war ich schweigsam und zurückhaltender, als dies sonst der Fall war. Aber Mr. Wallace und Mrs. Pittney beschwerten sich nicht darüber, sie waren wohl einfach nur froh, dass ich mich nicht weiter in meinem Zimmer verkroch.

So verging dann einige Zeit, bis ich wieder normal mit den beiden sprach. Wir vermieden aber zunächst, wieder über meine Familie zu sprechen. Mr. Wallace wird vielleicht gehofft haben, dass ich mich mit der Zeit mit den Geschehnissen abfinden und damit nicht weiter belasten würde, aber damit lag er natürlich falsch.

In all den Wochen, die nun vergingen, beschäftigte ich mich mit Plänen, wie ich die Spuren meiner Angehörigen und die der Verbrecher Etters und Thibaut finden könnte. Mein ganzes Streben ging in diese Richtung.

Äußerlich ließ ich mir davon nicht viel anmerken. Ich besuchte weiterhin den Unterricht bei Mrs. Smith und versuchte, diese möglichst unbefangen über die Indianer und insbesondere die Stämme im Süd-Westen der Staaten auszufragen, weil auch die Moqui zu diesen Stämmen gehörten. Von jenen wusste sie allerdings nicht sehr viel. Sie kannte die meisten größeren Stämme dem Namen nach und konnte diese, einiger Maßen genau, den Gebieten auf der neuen Landkarte, die in unserem Unterrichtsraum aufgehängt worden war, zuordnen.

Diese Karte zeigte das Gebiet der Vereinigten Staaten von Amerika nach dem mexikanisch-amerikanischen Krieg, der 1848, also vor ungefähr acht Jahren, mit dem Vertrag von Guadalupe-Hidalgo zu Ende gegangen war. Das Stammesgebiet der Moqui hatte zu der Zeit, als mein Onkel von dort wegging, noch auf mexikanischem Staatsgebiet gelegen.

Auch wenn ich nicht viel über den Stamm der Moqui in Erfahrung bringen konnte, waren Mrs. Smith‘ Lektionen in Geschichte meine Lieblingsstunden. Hier konnte ich immer wieder Fragen zu den Ureinwohnern, den Indianern, anbringen. Wusste ich doch nun, dass ich selbst ein halber Indianer war.

Leider war das verfügbare „Wissen“ um die Ureinwohner ausschließlich von Weißen geprägt. Die Bücher zur noch jungen Geschichte der Vereinigten Staaten enthielten vieles über jene Stämme im Osten, mit welchen man zusammen in den Reihen der Engländer und Franzosen oder gegen die man gekämpft hatte. Von diesen Stämmen war inzwischen nicht mehr viel übriggeblieben. Sie waren nach und nach verdrängt, getötet oder assimiliert worden.

Was man über diese Stämme wusste, waren Berichte von Seiten der Weißen. Nur wenige waren soweit in den Alltag, die Kultur und die religiösen Anschauungen dieser Indianerstämme eingedrungen, so dass man von „Wissen“ zu diesen Themen kaum sprechen konnte. Solches gab es zwar, es wurde aber damals und teilweise auch heute noch nicht für Wert gehalten, verbreitet zu werden.

Die Siedlungen an der Frontier8, wie das Gebiet an den großen Strömen Mississippi und Missouri genannt wurde, waren noch vergleichsweise jung und ebenso jung wie sporadisch war das Wissen um die Indianerstämme, die westwärts dieser Grenze im Süd-Westen der Staaten, den Great Plains, den Rocky Mountains oder jenseits davon, Richtung Pazifik lebten und umherstreiften.

Die Landkarte und die von Mrs. Smith angedeuteten Kreise mit den Gebieten, dieser noch weitgehend unbekannten Stämme, prägte ich mir umso mehr ein, als ich sonst wenig darüber in Erfahrung bringen konnte.

So kam ich auf die Idee, bei Mother Thick‘s Boarding House am anderen Ende der Straße um einen Job zu bitten. Mr. Wallace hatte nichts dagegen gehabt; er kannte die Wirtin seit Jahren und wusste, dass ich dort in guten Händen war. Er glaubte wohl, dass Arbeit die richtige Ablenkung für mich war. Schließlich konnte er ja nicht wissen, dass ich vor allem dorthin wollte, weil ich hoffte, dort mehr über die Indianer und die Gebiete zu erfahren, in die mich meine „Expedition“ unweigerlich führen musste.

„Mother Thick‘s“ beherbergte immer wieder Leute, die von westwärts der Frontier kamen oder im Begriff standen, diese dorthin zu überqueren.

Es wurde da immer eine ganze Menge erzählt und besonders lebhaft und interessant ging es zu, wenn sich Prairiemänner und Jäger dort wiedertrafen. Es wurden dann die neuesten Geschichten aus dem noch reichlich unerforschten und damals noch vom Weißen Mann weitgehend unberührten Indianerland ausgetauscht.

Mrs. Thick war eine rundliche Dame Mitte vierzig, die ihr Schankhaus ordentlich führte und ein Herz für Ihre besonderen Gäste hatte. Allerdings zog ein Wirtshaus hier an der Grenze zum Indianerland auch einiges Gesindel an. Wenn es also mal etwas rauer zuging, stand sie resolut ihren „Mann“ und sorgte schnell für Ruhe. Rowdies mussten außerdem immer damit rechnen, dass Gesellen anwesend waren, die es leicht mit ihnen aufnehmen konnten, so dass sie schnell „den Kürzeren zogen“. So blieb es deshalb meist anheimelnd in der Gaststube.

Ich hatte es also geschafft, eine weitere Informationsquelle zu erschließen. Nach dem Unterricht bei Mrs. Smith ging ich nun immer erst nach Hause, um dort zu essen und gelegentliche Hausaufgaben zu erledigen. Nachmittags, ab fünf Uhr, fand ich mich bei Mrs. Thick ein, um dort auszuhelfen, wo immer gerade eine Hand gebraucht wurde. Da sie mich für meine Arbeit auch gut bezahlte, konnte ich mir ein schönes finanzielles Polster schaffen.

Inzwischen musste ich auf mein Vorhaben zurückkommen, Mr. Wallace zu bitten, noch einmal Nachforschungen zu meiner Familie in Taos zu veranlassen. Vielleicht hatten sich meine Mutter oder Derrick ja doch noch nach unserem Verbleib erkundigt und jemand konnte sich an diese Erkundigungen erinnern.

Dann hätte ich den Beweis, dass sie noch lebten und vielleicht auch einen Anknüpfungspunkt für spätere Nachforschungen nach dem Verbleib der beiden oder dem meines Bruders und meiner Tante.

Als ich also an diesem Abend nach Hause kam, fragte ich Mrs. Pittney gleich, ob Mr. Wallace heute Abend pünktlich sein und das Abendessen mit mir einnehmen würde. Sie bejahte und ich sah ihr an, dass sie sich nun sorgte, ich könnte doch noch Fragen im Hinblick auf meine Familie haben oder sogar weitere Vorwürfe gegen Mr. Wallace erheben. Nun, damit musste sie fertig werden. Ich hatte nicht die Absicht, sie einzuweihen. Zuerst wollte ich sehen, was ich bei Mr. Wallace erreichen konnte.

Als die Zeit des Abendessens gekommen war, begab ich mich also in das Speisezimmer, wo Mr. Wallace schon auf mich wartete. Heute gab er sich wie früher. Er stand sofort auf, rückte meinen Stuhl zurecht und schoss gleich die ersten Fragen nach meinen Tageserlebnissen ab. Ich beschloss, nicht lange mit meinem Anliegen hinterm Berg zu halten. Und so antwortete ich zunächst einsilbig auf seine Fragen.

Als Thomas das Essen aufgetragen hatte, sagte ich rundheraus:

„Ich muss dich um etwas bitten, Onkel!“

Er antwortete:

„Was immer du willst, mein Junge.“

„Nun denn“, gab ich zurück „es hat mit der Wahrheit zu tun, die du mir vor einiger Zeit berichtet hast“.

Ich merkte, wie er hörbar einatmete und sich versteifte, fuhr aber unbeirrt fort.

„Wie du dir sicher schon gedacht hast, habe ich viel über diese Geschichte nachgedacht.“

Er wollte hier schon einhaken, ich unterbrach ihn aber und sprach weiter:

„Ich möchte dir zunächst sagen, dass ich meine Worte an jenem Abend bereue. Ich halte dich weder für einen Feigling, noch werfe ich dir weiterhin vor, zu früh aufgegeben zu haben.“ Ein hörbares Ausatmen … „Ich möchte dir sagen, dass ich dir dankbar bin, für alles was du für mich und meine Familie getan hast. Nichts davon war selbstverständlich.“

Hier machte ich jetzt eine Pause, so dass er aussprach:

„Ich bin froh, dass du so denkst. Du weißt, ich bin für dich da!“

Ich konnte ihm seine Rührung ansehen und er konnte ein Seufzen nur schwer unterdrücken. Daher fuhr ich fort.

„Ich habe nur eine Bitte in dieser Sache, Onkel.“

Er schaute mich jetzt voll an und ahnte wohl, was ich nun fragen wollte.

„Ich möchte, dass du noch ein einziges Mal Nachforschungen in Taos anstellst und versuchst, in Erfahrung zu bringen, ob sich nicht doch noch jemand nach unserem Verbleib dort erkundigt hat.“

Er sagte:

„Das habe ich schon getan, Junge!“

Ich wollte gleich wieder aufbrausen, weil ich annahm, er wollte auf seine Erkundigungen vor nun schon zwölf Jahren hinweisen, aber er winkte ab und machte deutlich, dass ich ihn ausreden lassen solle. Also hörte ich zu und schluckte meinen Ärger hinunter. Er sprach also weiter:

„Gleich nach unserem Gespräch vor einigen Wochen, habe ich jemanden beauftragt, erneut in Taos nach Spuren deiner Familie zu suchen. Der Mann wird voraussichtlich nächste Woche wieder hier sein und mir Bericht erstatten. Er hat mir aus Albuquerque telegraphiert. Die Nachricht kam gestern mit einer Postfracht aus St. Louis.“

Die ersten Telegraphen waren inzwischen in den Staaten in Benutzung. Noch verfügte nicht jedes Nest über die notwenigen Stationen, aber zwischen St. Louis und Albuquerque gab es wohl schon solche Verbindungen.

Ich vergaß vor Aufregung über diese Neuigkeit zunächst, mich bei Mr. Wallace zu bedanken und fragte als erstes:

„Wer hat denn diesen Auftrag angenommen? Hat er schon etwas mitgeteilt? Gibt es eine Spur?“

Er antwortete:

„Eins nach dem anderen, zunächst das dringlichste, … ja es gibt ein Lebenszeichen!“

Ich sprang, ob dieser Neuigkeit, erregt von meinem Stuhl auf, fasste ihn am Arm und fragte:

„Wirklich, wirklich ein Lebenszeichen? Von wem? Von meiner Mutter? So sprich doch endlich!“

„Junge, beruhige dich doch, ich sprach absichtlich von einem Lebenszeichen, nicht von einer Spur. Lass‘ es mich erklären, soweit ich selbst darüber informiert bin. Also der Mann hat herausbekommen, dass eine Indianerin sich gut zwei Jahre nach unserem Weggang aus Taos bei unserem damaligen Vermieter nach uns erkundigt hat. Weil ich aber auch diesem Vermieter nicht gesagt hatte, dass wir weggehen würden und schon gar nicht wohin, lief diese Erkundigung wohl ins Leere. Jedenfalls hat der Vermieter danach niemals mehr etwas von der Indianerin gehört oder gesehen.

Ich mache mir nun noch größere Vorwürfe, nicht schon damals nachhaltiger geforscht zu haben. Vielleicht hätten wir deine Mutter noch finden können. Denn, dass diese Indianerin deine Mutter war, steht bei mir fest.“

„Aber du hast aus deiner Sicht damals alles getan, was zu tun war. Du kannst nichts dafür. Sie ist ja erst sehr lange nach unserem Weggang aus Taos dort aufgetaucht. Du musstest davon ausgehen, dass sie tot war. Das habe ich inzwischen verstanden.“

Nach einer kurzen Pause fuhr ich dennoch aufgeregt fort:

„Und doch ist es jetzt so, dass sie wohl zumindest damals noch lebte und nach uns geforscht hat. Hat der Mann denn noch weiteres in Erfahrung bringen können? Weiß man, wohin sich meine Mutter damals gewendet hat? Gab es Hinweise auf den Aufenthalt meines Bruders? Was war mit meinem Onkel Derrick?“

„Leo, ich kann dir noch nicht alle deine Fragen beantworten. Aber es ist so, dass es wohl einige Tage gedauert hat, diesen Vermieter ausfindig zu machen. Er wohnt längst nicht mehr an der mir bekannten Adresse. Er hat das Haus verkauft und lebt nun außerhalb von Taos auf einem Rancho. Er konnte sich nur noch an die Indianerin erinnern, die sich nach den seltsamen Leuten erkundigt hatte, die eines Tages einfach so über Nacht verschwunden waren. Mehr war aus dieser Quelle nicht herauszuholen.“

„Aber es gibt nun wenigstens Hoffnung, dass meine Mutter noch lebt und vielleicht sogar meinen Bruder gefunden hat. Vielleicht kann ich die beiden und auch meine Tante eines Tages finden, … ich muss unbedingt mit dem Mann sprechen, der in deinem Auftrag in Taos war.“

„Ja, das sollst du auch. Höre dir zunächst mal an, was er noch zu berichten hat. Dann sehen wir weiter!“

„Danke Onkel, danke, dass du noch einmal Erkundigungen eingeholt hast.“

„Das war das Mindeste. Unser Gespräch über deine Familie ließ mich nicht mehr los. Was, wenn ich doch einen Fehler gemacht hätte, indem wir zu früh von Taos fortgingen und ich meinen jetzigen Namen annahm, um keine Hinweise zu hinterlassen? Ich werde mir jetzt immer die Frage stellen müssen, ob ich falsch gehandelt habe, und dich damit um deine wahre Familie gebracht habe. Das tut mir leid und ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen.“

Ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte. Einige Tage zuvor, hatte ich ihm insgeheim die gleichen Vorwürfe gemacht, jetzt hatte ich ihm aber verziehen. Dennoch hatte er wohl recht, es war ein Fehler gewesen und wir waren nicht in der Lage, diesen Fehler zu beseitigen. Ich umarmte ihn, weil mir vor Rührung die Tränen in die Augen traten und er schlang die Arme auch um mich. So standen wir einige Zeit und schwiegen. Was gab es auch zu sagen?

Als wir uns voneinander lösten, sah ich, wie er sich über die Augen wischte. Er holte tief Luft, setzte sich wieder und deutete mit einer Geste an, ich solle mich auch wieder hinsetzen. Dann sagte er:

„Der Mann, den ich beauftragt habe, ist in seinen jungen Jahren bereits ein berühmter Prairiemann. Er wird Old Firehand genannt. Bestimmt hast du schon von ihm gehört. Er ist erst vor wenigen Jahren aus Deutschland hier herübergekommen, hat sich den Pelzjägern angeschlossen und wohl auch einige Zeit bei den Indianern herumgetrieben. Er spricht einige indianische Sprachen und besitzt alle Fertigkeiten, die ihn zu einem guten Scout und Prairiemann machen.

Ich war der Ansicht, es sei besser, einen solchen Mann mit dieser Sache zu betrauen, als einen Polizisten oder einen Detektiv. Hätte er eine Spur gefunden, hätte er sich selbst auf dieselbe gesetzt, auch wenn sie ihn noch weiter in die dark and bloody grounds9 geführt hätte. Das konnte ich nur einem solchen Mann anvertrauen.“

Ich hatte natürlich schon von diesem Prairieläufer und Jäger gehört. Von ihm wurden sich die tollsten Taten berichtet. Er sollte schon einige Male aus der Hand feindlicher Indianerstämme entkommen sein. Er hatte, nach allem was erzählt wurde, auch das eine oder andere Mal ein, bei einigen Stämmen sogenanntes und praktiziertes, Gottesurteil, also einen Kampf auf Leben und Tod, überstanden.

Seinen Namen Firehand hatte er bei den Assiniboin erworben. Dort hieß er „Mann-mit-der-Feuerhand“. Diesen Namen gab man ihm, weil er mit Feuerwaffen so gut umzugehen wusste, dass er angeblich nie sein Ziel verfehlte.

Nun würde ich ihn also bald kennenlernen. Ich freute mich darauf. Insgeheim hoffte ich, dass ich von ihm einiges lernen und in Erfahrung bringen konnte, was mich dazu befähigte, auf eigene Faust auf die Suche nach meiner Familie und den Mördern Etters und Thibaut zu gehen.

Mr. Wallace sollte von diesem, meinem Wunsch aber zunächst nichts erfahren. Er sollte keine Gelegenheit bekommen, mich von diesem Vorhaben abzubringen.

Nun hieß es also zunächst -- warten! Firehand kam in der Woche darauf in Jefferson an. Er suchte Mr. Wallace aber erst einmal in dessen Kantor in der Bank auf, mit der Absicht, ihm dort in aller Ausführlichkeit zu berichten.

Mr. Wallace, der wusste, wie sehr ich darauf brannte, zu hören, was der Scout zu sagen hatte, komplimentierte ihn in unser Haus. Er führte ihn in die Stube und bat ihn Platz zu nehmen. Mrs. Pittney hatte einen Wink bekommen, mich dazu zu holen.

Firehand nahm also auf der Sitzbank am Kamin Platz. Mrs. Pittney informierte mich, dass ich in die Stube kommen solle, Mr. Wallace habe nach mir geschickt. Ich ahnte, dass der Prairiemann angekommen war. Es war schließlich mehr als ungewöhnlich, dass Mr. Wallace um diese Tageszeit im Haus war und mich sehen wollte. Außerdem war bereits fast eine Woche vergangen, seit er mir erzählt hatte, dass er Old Firehand nach Taos geschickt hatte.

Ich stürzte daher förmlich die Treppe hinunter und stürmte in die Stube.

„Ho, ho! Nicht so stürmisch, Junge!“, meinte Mr. Wallace. „Ruhig Blut!“.

Ich lief wohl ein bisschen rot an und empfand Scham, weil ich mich so wenig beherrscht hatte. Mr. Wallace lächelte mich aber freundlich an und stellte nun Firehand und mich einander vor:

„Mr. Firehand, dies ist mein Ziehsohn Leo, von dem ich Euch berichtet habe, der Sohn von Emily Bender oder auch Tehua, der Schwester des Padre Diterico, … Leo, dies ist der berühmte Scout Old Firehand!“

Firehand stand von der Bank auf, um mir die Hand zu reichen. Dabei schaute er mich lächelnd an und sagte:

„Nun weiß ich auch, weshalb Ihr wolltet,“ dabei schaute er zu Mr. Wallace, „dass ich Euch in Euer Haus begleite. Ich soll wohl meinen Bericht nicht zweimal erstatten müssen, was natürlich sinnvoll ist, mir aber keine Umstände gemacht hätte. Freue mich dich kennenzulernen, Leo.“

Ich erwiderte seinen kräftigen Händedruck und jetzt hatte ich Gelegenheit, mir diesen außergewöhnlichen Mann näher anzusehen.

Er war ein wahrer Riese von Gestalt und trug einen Anzug aus Büffelleder. Der Rock war an den Ärmelnähten ausgefranst und wurde von einem breiten Navajo-Gürtel aus Leder zusammengehalten, woraus der Griff eines großkalibrigen Colts ragte. An dem Gürtel hatte er einige Beutel befestigt. Ich nahm an, dass er darin jene notwendigen Utensilien aufbewahrte, die einem jeden Prairiemann unersetzlich waren.

Außerdem befand sich an diesem Gürtel eine lederne Messerscheide, aus der der Griff eines Bowie-Messers herausragte. Um den Hals trug er eine Kette aus den Zähnen des grauen Bären. Seine Füße steckten in kniehohen Schaftmokassins, die, wie ich heute weiß, auch die Apachen trugen. Sein Gewehr, eine langläufige Hawken-Rifle, lehnte an der Seite des Kamins. An dessen Mündung hing eine Waschbärenfellmütze, die er wohl abgenommen hatte, als er eingetreten war.

Dies also war Old Firehand, der berühmte Savannen- und Prairiejäger. Genauso hatte ich ihn mir vorgestellt, wenn bei Mother Thick‘s über ihn erzählt wurde.

Wir nahmen nun alle am Tisch in der Raummitte Platz und Thomas brachte einige Erfrischungen. Firehand bekam ein, bereits vor meinem Eintritt geordertes, Bier und nahm erst einmal einen kräftigen Schluck. Anschließend sagte er:

„Wie gut, dass in Eurem Haushalt die gute deutsche Gemütlichkeit geschätzt und daher auch ein kühles Bier angeboten wird. Obwohl Ihr selbst nicht aus den Deutschen Landen stammt oder irre ich mich?!“

Mr. Wallace antwortete:

„Nein, ich bin ein waschechter Amerikaner aus Boston. Meine Geschichte kennt Ihr ja zum Teil schon. Ich floh damals aus meiner Heimat im Osten. Haben es hier aber gut angetroffen. Vielleicht wisst Ihr, dass sich in Jefferson City und der Umgebung viele Auswanderer aus Eurer Heimat niedergelassen haben? Nun, ich verkehre überwiegend mit solchen deutschstämmigen Einwohnern und einen guten Teil davon kann ich wohl als meine Freunde betrachten. So kommt es dann, dass ich mir auch einige Angewohnheiten jener Freunde und Bekannten zu Eigen gemacht habe. So ein fein gebrautes deutsches Bier ist jedenfalls eine Annehmlichkeit, auf die ich ungern wieder verzichten würde.“

Firehand gab zurück:

„Na, das ist doch mal ein Wort! Ein Yankee, verzeiht den Ausdruck, der ein gutes Bier zu schätzen weiß. Das muss ein guter Mann sein, … Prost!“

Er schmunzelte und hob sein Glas. Dann, ernster werdend, fuhr er fort:

„Nun, Ihr wisst, ich bin kein Mann der großen Worte und weitschweifiger Reden. Ich komme daher gleich zur Sache.

Ich war, Eurem Auftrag gemäß, in Taos, habe Erkundigungen eingezogen und versucht, eine Spur von Leos Familie oder vielleicht der Verbrecher Etters und Thibaut zu finden. Was ich in Erfahrung bringen konnte, war leider nicht sehr viel.

Nachdem ich Euren damaligen Vermieter ausfindig gemacht hatte, fragte ich ihn danach, ob er sich an Euren Aufenthalt in Taos erinnern könne. Er konnte sich darauf besinnen, vor Allem, weil Ihr so plötzlich verschwunden wart.

Nun fragte ich Ihn, ob später noch einmal nach Euch gefragt worden war. Als ich erwähnte, dass es sich bei den Personen, welche sich womöglich erkundigt hatten, auch um Indianer habe handeln können, erinnerte er sich an eine Indianerin, die bei ihm gewesen war. Seiner Erinnerung nach, muss das gut zwei Jahre nach Eurem Verschwinden gewesen sein.

Hierbei wird es sich wohl um Tehua, deine Mutter, gehandelt haben.“, sagte er zu mir gewandt. „Tokbela wird es nicht gewesen sein. Der Mann meinte, die Indianerin habe ihren Namen nicht genannt. Sie habe aber so klares Englisch gesprochen, dass er trotz ihres indianischen Habits glaubte, sie müsse lange unter Weißen gelebt haben. Ein weiteres Indiz für die Annahme, dass es sich um ein Mitglied deiner Familie handelte, Leo. Außerdem liegt dieser Schluss sowieso nahe, weil eine andere Indianerin kaum Interesse an Euch gehabt haben dürfte.

Dieser Hinweis führt mich aber auch zu der Annahme, dass es nicht Tokbela war. Wie wir wissen, war diese ja, in der Folge ihres Zusammenbruchs, zumindest damals kaum zu einem normalen Gespräch in der Lage.“

„Da stimme ich Euch zu, Mr. Firehand!“, meinte Mr. Wallace. „Leo und ich haben das auch schon so beurteilt, als Ihr telegraphiert habt. Seid Ihr noch weiteren Hinweisen nachgegangen?“

„Ja, wie Ihr Euch denken könnt, habe ich versucht, die Spur dieses Thibaut oder Lassalle aufzunehmen. Es ist mir dies aber nicht geglückt. Lassalle-Thibaut hatte auf den falschen Namen eine Kutsche gemietet und ist auch, nach Auskunft des Vermieters derselben, mit einer jungen Indianerin und einem Kind, mit der Kutsche vom Hof gefahren. Weitere Personen seien nicht dabei gewesen.

Die Beschreibung zu Dan Etters oder John Bender, wie der ja damals auch genannt wurde, sagte ihm leider gar nichts. Lassalle-Thibaut hatte die Miete für die Kutsche und zwei Zugpferde im Voraus bezahlt, die übliche Pfandzahlung von einigen Dollars hatte er ebenfalls entrichtet. Das Gespann sollte in Santa Fé abgeliefert werden, was aber nie geschehen ist. Hier verliert sich also auch diese Spur. Immerhin könnte man versuchen, auf der Route zwischen Taos und Santa Fé auf die alte Fährte zu stoßen.“

„Sie können da tagelang unterwegs gewesen sein,“ gab ich zu bedenken, „und irgendwo auf der Strecke von dem angegebenen Ziel abgewichen sein. Wahrscheinlich hatte Thibaut von Anfang an gar nicht vor, bis Santa Fé zu reisen“.

„Das denke ich auch,“ erwiderte Firehand, „ich nehme sogar an, dass er diese Richtung gar nicht eingeschlagen hat. Aber dennoch müsste man hier ansetzen, wenn man die Spur wiederaufnehmen wollte.“

Er schaute mich bei diesen Worten eigentümlich an. Ahnte er, dass ich selbst genau das tun wollte?

„Nun,“ sagte Mr. Wallace, „ich bin Euch jedenfalls sehr dankbar, Mr. Firehand, dass Ihr uns diesen Dienst erwiesen habt. Sicher war die Reise beschwerlich. Immerhin musstet Ihr durch die Gebiete verschiedener Indianerstämme reisen. Hoffentlich hatte es keine Gefahr dabei?!“

„Nein, gar nicht. Die Cheyenne, deren Jagdgebiete ich eigentlich durchqueren musste, habe ich gemieden. Das bedeutete zwar mehrere Tagesreisen Umweg, aber es wird besser so gewesen sein. Da bekannt ist, dass ich mit den Assiniboin auf guten Fuße stehe, ist anzunehmen, dass mich die Cheyenne als Feind betrachten würden. Die Ho-He, wie die Cheyenne die Assiniboin nennen, sind deren Todfeinde.“

„Wenn ich geahnt hätte, in welche Gefahr Ihr Euch da begeben habt, hätte ich Euch nicht nach Taos geschickt, Mr. Firehand.“

„Wie ich bereits sagte, hatte es keine Gefahr für mich. Da ich die Fährnisse auf diesen Wegen kenne, konnte ich ihnen leicht ausweichen. Wie Ihr seht, bin ich ja auch in Jefferson City angekommen, ohne dass mir ein Haar gekrümmt wurde.“

Mr. Wallace kam nun darauf zu sprechen, dass er Firehand die in Aussicht gestellte Entlohnung ausbezahlen wollte. Der lehnte dieses Ansinnen jedoch entschieden ab. Er wies Mr. Wallace darauf hin, dass dieser ihm vor einiger Zeit einen Dienst erwiesen habe, der die Annahme einer Bezahlung unmöglich mache.

Mr. Wallace wollte das nicht zugeben und so ging es noch eine ganze Weile hin und her, bis Firehand sagte, dass er in seiner Ehre gekränkt werde, wenn Mr. Wallace weiter auf der Bezahlung beharre. Das wirkte!

Mr. Wallace gab kleinlaut auf und entschuldigte sich, er habe Firehand nicht beleidigen wollen. Firehand gab hierauf zurück, dass eine Entschuldigung nicht notwendig sei, weil er wisse, dass Mr. Wallace es nur gut mit ihm meine, er aber nun einmal seine Grundsätze habe.

„Was werdet Ihr nun beginnen, Mr. Firehand?“, war meine nächste Frage, weil es mich natürlich brennend interessierte, ob ich Gelegenheit haben würde, mit ihm über meine Pläne zu sprechen. Er antwortete:

„Ich werde noch ein paar Wochen in Jefferson bleiben müssen, weil ich hier mit einigen Jägern verabredet bin, die mit mir in den Westen wollen, um auf Pelze zu gehen.“

Diese Antwort befriedigte mich natürlich sehr und Mr. Wallace fragte dazu:

„Fein, habt Ihr schon Quartier genommen?“

„Ich habe, bevor ich Euch in der Bank aufsuchte, bereits bei Mother Thick‘s ein Zimmer bestellt.“

„Aber Mr. Firehand, so tut uns doch die Ehre an, und bleibt bei uns. Ich werde Euch unverzüglich ein Zimmer bereiten lassen.“

„Mr. Wallace, nichts für ungut, so gern ich Euer Angebot annehmen würde, möchte ich für dieses Mal doch darauf verzichten. Mother Thick‘s ist zwischen den besagten Jägern und mir als Treffpunkt ausgemacht worden und ich würde gerne zur Stelle sein, wenn meine Kameraden dort eintreffen. Ich hoffe, Ihr habt Verständnis dafür.“

„Nun, wenn Ihr es so darlegt, kann ich Euch nicht böse sein. Aber seid wenigstens von Zeit zu Zeit unser Gast. Gerne würde meine Mrs. Pittney für Euer leibliches Wohl sorgen. Wollt Ihr?“

„Gut, hierzu kann ich wiederum nicht Nein sagen. Ich danke Euch und werde sicher über Leo in Kontakt mit Euch bleiben. Mrs. Thick hat mir schon gesteckt, dass Leo bei ihr aushilft.“

Wie sich denken lässt, war ich über diese Entwicklungen sehr erfreut. Ich hatte gehört, dass die Möglichkeit bestand, dass meine Mutter noch lebte. Da sie damals erst nach so langer Zeit nach uns geforscht hatte, musste ihr wohl Schlimmes wiederfahren sein. Ob der Padre noch lebte, war allerdings mehr als fraglich.

Zudem gab es einen Anknüpfungspunkt für die Suche nach den Mördern meines Vaters, Etters und Thibaut. Denn als solche betrachtete ich diese beiden Verbrecher. Etters, der auf Rache gesonnen hatte und auch Thibaut, der ihm dabei geholfen hatte, meine Eltern hinter Gitter zu bringen; beide waren verantwortlich für den Tod meines Vaters. Sie hatten sich damals in Taos zwar getrennt, jedoch stand bei mir fest, dass dies nicht von Dauer gewesen sein würde.

Und jetzt hatte ich hier einen Prairiemann und Jäger vor mir, der diese Spuren ausfindig gemacht hatte, und der noch eine ganze Weile hier in Jefferson sein würde. Dadurch, dass ich in seiner Herberge arbeitete, bestand die Möglichkeit, ihm von meinen Plänen zu berichten und vielleicht sogar, ihn zu bitten, mich in den Westen mitzunehmen.

Firehand verabschiedete sich von Mr. Wallace und mir und drückte uns beiden noch einmal kräftig die Hände, wobei er mir zuzwinkerte und sagte:

„Alright, junger Mann, wir sehen uns.“

Mr. Wallace machte einen sehr zufriedenen Eindruck, als Firehand gegangen war und wollte von mir wissen, was ich von der Sache hielt. Konnte ich ihm sagen, was in mir vorging? Lag es nicht sowieso auf der Hand? Ich überlegte, ob ich meine Wünsche und Pläne heute schon offenbaren sollte, entschied mich letztlich aber zunächst noch dagegen. So sagte ich also nur:

„Ein guter Mann, den du da auf die Fährte gesetzt hast. Hat jedenfalls zwei wichtige Erkenntnisse gebracht.“

„Ja, zum einen, dass deine Mutter vielleicht doch noch lebt und zweitens, dass Etters und Thibaut sich zunächst getrennt haben und Thibaut mit deinem Bruder und Ellen in einer Kutsche Taos, vorgeblich in Richtung Santa Fé, verlassen hat.“

„Genau, doch nun bin ich müde und werde zu Bett gehen. Ich möchte über das Gehörte nachdenken und werde hoffentlich bald schlafen. Ich wünsche dir eine gute Nacht.“

Wie immer wollte er mir übers Haar streichen, bevor ich das Zimmer verließ. Ich wandte mich aber vorher ab. Diese Angewohnheit meines Ziehvaters war mir, genauso wie das Umsorgen Mrs. Pittneys, inzwischen unangenehm. Ich war schließlich kein Kind mehr! Mr. Wallace nahm mir das nicht übel, wie ich an seinem Blick erkannte und so ging ich zu Bett und grübelte lange darüber nach, wie ich ihm erklären sollte, was ich vorhatte. Würde er es zulassen? Würde er mich verstehen?

Nun, ich würde es bald erfahren. Allzu lange ließ sich dieses Gespräch nicht mehr aufschieben. Doch vorher musste ich Old Firehand davon überzeugen, mich mitzunehmen. Das würde sicher das schwerste Stück Arbeit werden. Mit der Überzeugung, dass mir dies letztlich gelingen würde, schlief ich dann doch noch ein.

Kapitel II – Eine Überraschung

Die nächsten Tage verliefen, wie zuletzt immer. Morgens machte ich mich, nach Mrs. Pittneys Frühstück, auf zum Unterricht, wo es mir nun aber doch von Tag zu Tag langweiliger wurde. Alles von Interesse für mich und wovon Mrs. Smith zu berichten wusste, hatten wir nun durchgenommen und meine Mitschüler waren froh, nun endlich etwas zum amerikanischen Unabhängigkeitskrieg zu hören. Auch Mathematik langweilte mich jetzt zusehends, weil ich dort einen großen Wissensvorsprung gegenüber den Anderen hatte. Mrs. Smith mochte mir dies anmerken, sagte aber nichts dazu.

Nachmittags konnte ich es kaum erwarten, meine Arbeit bei Mother Thick‘s aufzunehmen. Gab es hier doch immer wieder Gelegenheit, mit Old Firehand ins Gespräch zu kommen. Ein paar von seinen Kameraden waren inzwischen eingetroffen und so gab es an dem Tisch, den die Jagdgesellschaft besetzte, interessante Gespräche. Man hatte dort auch gar nichts dagegen, dass andere diesen Gesprächen lauschten. Im Gegenteil, wurden die Männer des Öfteren aufgefordert noch weitere Begebenheiten aus ihrem gefährlichen aber doch auch abenteuerlichen Leben zu erzählen. Ich war also beileibe nicht der Einzige, der neugierig war und immer neue Berichte von jenseits der Grenze hören wollte.

Ungefähr eine Woche nach der Ankunft Old Firehands in Jefferson City, stießen Bill Bulcher und Harry Korner zu der Gesellschaft. Als diese ankamen, war ich gerade im Schankraum und durfte die Gesellschaft bedienen. Beim Eintritt der beiden gab es erst einmal ein großes Hallo! Old Firehand nahm sie regelrecht an seine mächtige Brust und schlug ihnen so sehr auf die Schultern, dass ich Angst hatte, die zwei könnten ernsthaft Schaden nehmen. Aber sie hielten sich wacker und schlugen kräftig zurück. Dann nahmen sie rechts und links von Firehand Platz und tauschten auch mit den anderen Jägern kurze Begrüßungen und Handschläge aus. Nun schauten sie auf und suchten offenbar jemanden, der ihnen etwas zu trinken bringen konnte.

Ich ging also zu dem Tisch hinüber, um die Bestellung entgegen zu nehmen. Firehand kam meiner Frage aber zuvor und stellte mich seiner inzwischen auf acht Mann angewachsenen Runde vor:

„Mesch‘schurs10“, das hier ist Leo, der Ziehsohn eines alten Bekannten von mir. Dieser hat mir einmal aus einer Misere geholfen, die größer gar nicht hätte sein können. Ohne ihn wäre mein erstes Jagdabenteuer in den Mountains wohl nicht möglich geworden. Aber genug davon …!

Leo hat noch einiges zu lernen, wenn er, wie ich vermute, demnächst in den Westen will. Ich schlage also vor, er setzt sich erst einmal zu uns und wir unterhalten uns ein wenig.“

Hier fiel ihm Korner in die Rede,

„Firehand, alter Waschbär, Bill und ich hätten jetzt gerne erst einmal etwas zu trinken. Leo, bring uns beiden doch einmal etwas gegen die Trockenheit hier drin. Haben tagelang im Sattel gesessen und nur Wasser getrunken, aber jetzt, wo wir hier in der Zivilisation angekommen sind, hätten wir gegen ein gutes Glas Brandy nichts einzuwenden.“

Ich machte mich also daran, die Bestellung zu erledigen. Als ich zum Tisch zurückkam, um die Gläser vor Bulcher und Korner abzustellen, zog Firehand einen freien Stuhl vom Nachbartisch heran und forderte mich auf, mich zu setzen. Bulcher und Korner hoben die Gläser und alle anderen am Tisch taten es ihnen gleich.

„Halt!“, ließ sich eine weibliche Stimme aus der Richtung des Tresens vernehmen. „Ihr könnt doch nicht anstoßen, wenn Leo noch gar nichts zu trinken hat!“, sagte Mrs. Thick.

„Ich übernehme dann wohl mal selbst wieder die Bedienung, da der junge Herr ja hier zu den Prairiejägern aufgerückt ist.“, sie zwinkerte mir vergnügt zu. „Da einige der Herren hier ja sowieso nur noch Reste in den Gläsern haben, mache ich Euch gleich eine neue Runde fertig. Die beiden Neuankömmlinge können den Brandy ja schon hinunterbringen, ich werde indes für ein vernünftiges Glas Bier für alle sorgen. Geht dann aufs Haus, will ich meinen!“

Und so machte sie sich daran, die Runde zu zapfen. Korner und Bulcher „brachten den Brandy hinunter“ und freuten sich schon auf Mrs. Thick’s deutsche Spezialität, die sie ja schon von früheren Besuchen her kannten und schätzten.

Korner sprach mich an:

„So, so, du willst also ins Indianerland gehen. Wie kommt so ein junger Bursche denn auf diesen Gedanken? Scheinst zu glauben, dass man da draußen so mir nichts dir nichts herumstolzieren und Abenteuer erleben kann, ohne dabei Angst haben zu müssen, sein Leben zu riskieren.

Ist aber leider nicht so einfach, mein Junge. Bei den Indianern weiß man nie, woran man ist. Zumal wenn man keinerlei Erfahrung hat, kann man schon bei ersten Kontakt mit den Roten seine Haut zu Markte tragen. Selbst wir, als erfahrene Prairieläufer und Jäger, haben da schon das eine oder andere Mal mehr Glück als Verstand gehabt, wenn ich das so sagen darf, oder Männer?“

Bei den zuletzt gesprochenen Worten schaute er seine Kameraden an, die ihm auch sofort zustimmten. Firehand lächelte nur und ersparte mir, dadurch, dass er nun selbst sprach, eine wahrscheinlich peinliche Antwort.

„Harry, das stimmt natürlich. Aber auch von uns kann keiner sagen, er habe seine ersten Schritte hinter der Grenze allein unternommen. Um Erfahrung zu sammeln, mussten auch wir erst einmal das Gehen lernen. Greenhorns11 waren wir alle mal, der eine wird schneller das nötige Rüstzeug erwerben, als der andere. Manch einer hat‘s versucht und es in unserem Metier zu nichts gebracht. Wenn er Glück hatte, hat er‘s noch rechtzeitig gemerkt. Weniger Glückliche wachten eines Morgens auf, um festzustellen, dass sie tot waren, hatten sie doch wieder einen ihrer unverzeihlichen Fehler gemacht.“

Er schmunzelte über seinen eigenen schlechten Witz. Die anderen taten es ihm gleich. Dann fuhr er fort:

„Deshalb habe ich es mit diesem jungen Mann hier auch anders vor, als du zu denken scheinst. Ich beabsichtige, ihn auf unserem nächsten Jagdzug mitzunehmen und ihm die Grundausbildung zu verpassen, wenn ihr versteht, was ich meine!“

Rums! Da war es raus! Nun kam auch Mrs. Thick und lächelte von einem Ohr zum anderen. Sie hatte alles gehört und stellte das erste Bier vor meine Nase, von den Worten begleitet:

„Wohl bekomm‘s, Leo. Auf den Schreck brauchst du sicher einen Schluck!“

Die anderen lachten aus vollem Halse und nachdem Mrs. Thick die Biere verteilt hatte, prosteten sie mir zu, womit sie wohl auch ihre Zustimmung zu Firehands Plänen erteilten.

Da hatte ich also, ohne etwas sagen oder tun zu müssen, erreicht, was ich nicht zu hoffen gewagt hatte. Ja, ich hatte vor, genau das, was Firehand nun selbst vorgeschlagen hatte, zu erbitten, war aber sicher gewesen, abgewiesen zu werden.

Ich war glücklich. Mein Vorhaben konnte also beginnen. Nur Mr. Wallace musste ich noch überzeugen. Aber der musste einfach zustimmen, es durfte jetzt nicht scheitern. Firehand strahlte mich förmlich an und fragte leise, so dass die anderen am Tisch davon nichts mitbekamen:

„Ich kann wohl annehmen, dass ich mit meinen Plänen deinem Ansinnen zuvorgekommen bin?“

„Mr. Firehand, Ihr ahnt ja nicht, wie glücklich ich bin, dass Ihr mich mit Euch nehmen wollt. Ich kann so vieles von Euch und Euren Kameraden lernen. Mich treibt meine Geschichte, die Ihr ja genau kennt.

Ich muss meine Familie und die Mörder finden und diese ihrer gerechten Strafe zuführen. Das alles bringe ich nur mit Eurer Hilfe fertig. Ich bin Euch also zu Dank verpflichtet und weiß doch nicht, wie ich diesen Dank abstatten soll.“

„Leo, rede bitte nicht von Dankespflichten. Was ich tue, tue ich aus Anteilnahme und meine Kameraden werden dies nicht in Frage stellen, sondern im Gegenteil gerne unterstützen. Wer weiß, ob nicht eines Tages einer von uns Männern hier am Tisch, dir zu noch viel mehr Dank verpflichtet sein wird.

Wie du soeben von Korner gehört hast, ist das Leben da draußen im Indianerland alles andere, als gemütlich und leicht kann der Stock verkehrt den Fluss hinab schwimmen12. Aber wir werden dich schon auf die richtige Fährte setzen und dir helfen, dein Vermächtnis zu erfüllen.“

Jetzt hatte ich einen Kloß im Hals und wusste nicht, was ich sagen sollte. Firehand schaute auf, weil in diesem Moment die Türe ging und jemand eintrat. Ich saß mit dem Rücken dorthin und konnte deshalb nicht sehen, was vorging. Aber ich sah Mrs. Thick, deren Lächeln jetzt, soweit dies überhaupt möglich war, noch breiter wurde und daher drehte ich mich auf meinem Stuhl um.

Und dort stand … Mr. Wallace und an seiner Seite … Mrs. Smith! Beide lächelten mich an. Ich war vor Staunen stumm und mochte wohl einen nicht gerade intelligenten Gesichtsausdruck gemacht haben.

Bulcher klopfte mir fest auf den Rücken und bellte: „Verschluck dich nicht Junge! Stell‘ uns die Leute lieber vor, die du da so geistreich anstarrst!“

Die Männer brachen erneut in Gelächter aus und Mr. Wallace kam auf mich zu, zog mich vom Stuhl zu sich heran drückte mich fest an sich und sagte:

„Leo, mein Junge, diese Überraschung dürfte uns geglückt sein!“

In seinem Rücken stand Mrs. Smith und als ich kurz zu ihr aufblickte, hielt sie ihren rechten Daumen in die Höhe.

Ich antwortete ihm mit einer Frage:

„Du hast das also angezettelt?“

„Lass gut sein, Junge! Mrs. Smith möchte dir auch für deinen Weg alles Gute wünschen.“

Daraufhin nahm auch sie mich einfach in den Arm und drückte mich fest. Sie sagte nichts aber ich konnte ihr ansehen, dass sie sehr bewegt war.

Jetzt fragte ich wieder:

„Habt Ihr Euch denn alle verschworen, um mir diese Überraschung zu bereiten?“

Das darauffolgende Schweigen und die drei lächelnden Gesichter Firehands, Mrs. Smith‘ und Mr. Wallace‘ waren mehr als beredt.

Wir setzten uns alle wieder hin und die neu hinzugekommenen wurden vorgestellt. Dass sich jetzt eine Dame am Tisch befand, war für die ziemlich rauen Burschen etwas Neues, wie es auch überhaupt ziemlich ungewöhnlich war. Aber an diesem besonderen Abend, war das allenfalls eine Randnote.

Ich konnte mein Glück gar nicht fassen und so kam es, dass ich den weiteren Gesprächen nicht richtig folgte. Der Abend verging und ich ging mit Mr. Wallace und ... Mrs. Smith nach Hause.

Anscheinend hatte ich, da ich in den letzten Wochen ausschließlich mit meinen eigenen Problemen beschäftigt war, so einiges nicht mitbekommen. Natürlich in erster Linie, dass Mr. Wallace offensichtlich, seit er mir die Wahrheit über meine Herkunft erzählt hatte, geplant hatte, was heute Abend auch für mich offenbar wurde. Nämlich, dass ich mich auf eigene Faust auf die Suche machen sollte und dazu bei den richtigen Leuten die nötigen Kenntnisse und Fertigkeiten erwerben sollte.

Darüber hinaus hatte ich aber auch nichts davon bemerkt, dass er und Mrs. Smith sich nähergekommen waren. Hatte er doch endlich seine Scheu überwunden? Es musste wohl so sein, denn er führte sie ja soeben am Arm, mich im Schlepptau, die Firestreet entlang. Als wir an unserem Haus ankamen, meinte er, ich solle schon einmal hineingehen, er werde nur noch Mrs. Smith nach Hause begleiten.

Ich verabschiedete mich also von ihr und sie lächelte mir noch einmal zu und sagte:

„Ich freue mich so für dich, Leo, dass du dem so großen Wunsch nun einen Schritt nähergekommen bist, deine Familie suchen zu können. Ich hoffe für dich, dass die Deinen noch am Leben sind und dass du sie findest. Aber bitte pass‘ auf dich auf! Ich würde mich freuen, dich bald gesund und wohlbehalten wieder hier zu haben!“

Ich dankte ihr von ganzem Herzen und hatte auch gar nichts dagegen, dass sie von Mr. Wallace offensichtlich eingeweiht worden war. Ich fragte mich, welchen Anteil sie wohl daran hatte, dass alles so gekommen war. Ich ging also hinein und ließ die beiden allein.

Als ich zu Bett ging, gingen mir doch noch die Gespräche dieses Abends bei Mother Thick‘s durch den Kopf. Ich hatte mich zwar nicht mehr an diesen beteiligt, aber wohl doch alles erfasst.

Jedenfalls konnte ich mich nun, allein in meinem Zimmer, des Inhaltes der Unterhaltung erinnern. Es war auffällig, dass kein Wort über mein „Vermächtnis“, wie Firehand sich ausgedrückt hatte, am Tisch geäußert worden war. Mr. Wallace, Firehand und Mrs. Smith schienen in stillem Einverständnis darüber zu sein, dass die Gründe für meine „Ausbildung“ zum Jäger und Prairieläufer im Privaten bleiben sollten und dafür war ich ihnen dankbar.

Niemand brauchte zu wissen, was in meiner Familie vorgefallen war. Das konnte ich gut mit mir allein ausmachen. Wie ich nun wusste, gab es außer Mr. Wallace, meinem Ziehvater, noch zwei weitere Personen, die in diese Geschehnisse eingeweiht waren und beide hatten schon bewiesen, dass sie diese Dinge für sich behalten würden. Wenn ich darüber reden wollte, hätte ich wohl in allen dreien Menschen, zu denen ich Vertrauen haben konnte.

Des Weiteren war besprochen worden, dass es, bis zu unserem Aufbruch, nur noch wenige Tage sein würden. Firehand wollte noch auf zwei weitere Kameraden warten, deren Kommen für den nächsten Freitag, also in drei Tagen erwartet wurde. Ihnen würde dann noch ein Tag zum Ausruhen gegönnt und dann sollte es losgehen.

Er hatte sich für den nächsten Morgen angekündigt, um mich „standesgemäß“ auszustatten, wie er sich ausdrückte. Ich rechnete damit, dass er früh hier sein werde und zwang mich daher nun endlich zu schlafen.

Wie ich berechnet hatte, so geschah es; Firehand hatte mit Mr. Wallace vereinbart, ein gemeinsames Frühstück einzunehmen und mich dann zum Einkauf mitzunehmen. Also war er bereits gegen sieben Uhr gekommen und so beeilte ich mich, auch fertig zu werden und am Frühstück teilzunehmen.

Als ich den Speiseraum betrat, stand Firehand von seinem Stuhl auf und begrüßte mich mit Handschlag. Als ich mich gesetzt hatte, fragte er:

„Und? Hast du nach diesem sicher aufregenden Abend gut geschlafen?“

Ich bejahte dies und fragte neugierig:

„Was für Einkäufe werden wir denn heute erledigen, Mr. Firehand?“

„Nun das kommt ganz darauf an, mein Junge.“

„Auf was kommt es an?“

„Darauf, ob du Schießen und Reiten kannst. Wir werden dich heute ein bisschen prüfen und nach dem Ergebnis dieser Prüfungen, werden wir handeln. Also, dich ausstaffieren. Lediglich deine Kleidung ist von keiner Prüfung abhängig. Hier brauchen wir etwas Haltbares, Robustes. Also am besten Lederkleidung. So wie meine Kameraden und ich sie auch tragen. Dann siehst du jedenfalls schon mal aus, wie einer von uns.“

„Schießen und Reiten, … nun ich denke, da kann ich es auf eine Probe ankommen lassen. Habe zwar noch keinen Mustang13 geritten, aber die Pferde der hiesigen Farmer haben mich jedenfalls nicht abgeworfen. Das Schießen wird schon werden, habe ein gutes Gefühl für das Zielen. Jedenfalls treffe ich mit meinem alten Bowie-Knife im Wurf jedes erreichbare Ziel. Gleiches gilt für meine alte Zwille, mit der wir immer am Fluss Ungeziefer jagen. Warum sollte es nicht auch mit einem Revolver oder einem Gewehr klappen?“

„Hoho,“ machte Firehand, „willst doch wohl nicht aufschneiden?“ Er sah mich fragend an. „Bisher hatte ich nicht den Eindruck, dass du ein Gernegroß seist. Ich denke also, dass du es Ernst meinst, mit deinen Worten.“

„Mr. Firehand, das Aufschneiden ist nicht meine Sache. Ich habe ja auch nur gemeint, dass ich mit den Waffen, die ich bisher gehandhabt habe, gute Ergebnisse erzielen konnte. Mir ist durchaus bewusst, dass das Schießen mit einem Gewehr oder einem Revolver etwas ganz Anderes ist. Genauso wie das Reiten eines Mustangs gegenüber dem eines Farmergauls.“

„Recht so, Junge! Aber du liegst schon richtig damit, nicht verzagt an diese Prüfungen heranzugehen. Es soll ja auch kein Examen stattfinden, sondern lediglich festgestellt werden, wie du dich mit Schusswaffen und beim Reiten verhältst. Meister fallen selten vom Himmel, was natürlich nicht heißen soll, dass es mich nicht freute, falls du eine gute Probe machtest.“

Mr. Wallace lächelte zu alldem nur und schien zu wissen, dass ich mich vor Old Firehands Augen nicht blamieren würde. Er sagte:

„Mr. Firehand, ich bin sicher, das Leo Euch keine Schande machen wird. Habt Ihr denn schon die passenden Örtlichkeiten für Eure Proben gefunden?“

„Yes, of course. Wenn man die Stadt in nördlicher Richtung durchquert, befindet sich kurz vor dem Stadtrand auf der rechten Seite der Durchgangsstraße ein Pferdehandel, der bei uns Prairieläufern einen guten Namen hat.

Jos Masterson ist zwar ein Schlitzohr, das seinen Vorteil kennt aber er hat gute Ware und ist bereit, Leo einen Proberitt auf einem guten Pferd machen zu lassen.

Sodann werden wir den guten alten Gunsmith14 auf der Highstreet aufsuchen. Mr. Heintz verfügt über die neuesten 1848‘er Sharps-Karabiner. Hinterlader mit Fallblocksystem und papierummantelten Patronen. Sehr gute Jagd- und Verteidigungswaffen. Spiele selbst mit dem Gedanken, mir ein solches Gewehr zuzulegen.“

„Aber wie soll ich das alles denn bezahlen?“, fiel ich ein, „Habe zwar gutes Geld bei Mrs. Thick in den letzten Wochen verdient, aber das reicht höchstens für den Anzug, nicht aber auch noch für eine gute Bewaffnung und dafür, mich beritten zu machen.“

„Junge,“ meinte da Mr. Wallace, „das lass‘ mal mich machen. Du glaubst doch wohl nicht, dass ich dich mit diesen Jägern und Prairieleuten losziehen lasse, ohne dich ordentlich auszustatten.“

Als ich darauf etwas erwidern wollte, bedeutete er mich, zu schweigen.

„Keine Widerrede! Habe so einiges an dir gut zu machen. Habe viel zu lang geschwiegen und bin untätig gewesen, das muss nun anders werden. Zwar wirst du in einigen Monaten erst sechzehn, doch Mr. Firehand und Mrs. Smith meinten, du seist reif genug, es nun selbst in die Hand zu nehmen. Aber wenigstens deine Ausrüstung will ich übernehmen.“

Was sollte ich da noch sagen? Selbst wenn ich noch einiges hätte vorbringen können, was er schon alles Gute an mir getan hatte, so wusste ich doch, dass ich ohne seine Hilfe keine vernünftige Ausrüstung zusammenbringen würde. Also blieb mir nichts Anderes übrig, als mich herzlich bei ihm zu bedanken, was ich nun auch tat.

Firehand machte dem Reden ein Ende, indem er aufstand und sagte:

„Dann ist das ja jetzt auch geklärt und wir sollten uns auf die Beine machen, um zu Masterson, dem Pferdehändler zu kommen. Er wartet sicher schon auf uns.“

Mr. Wallace begleitete uns zur Tür und wünschte mir viel Glück.

Wir schritten kräftig aus, um rechtzeitig zu Masterson zu kommen. Firehand hatte zwar seine alte Rifle übergehängt, sein Pferd aber im Stall gelassen.

Die paar Schritte durch Jefferson, wollte er zu Fuß gehen. Einen Ausritt wollte er seinem Pferd gönnen, wenn wir es heute schafften, für mich einen passenden Gaul zu finden. Er wollte dann sowohl das Pferd, als auch mich ein wenig eingehender prüfen.

Mr. Wallace hatte mir gesagt, ich solle, im Falle eines Abschlusses, beim Händler angeben, dass er die entstandene Rechnung übernähme. Da Mr. Wallace als Bankier in Jefferson bekannt war und so ziemlich jeder Geschäftsmann seine Verbindungen zum Bankhaus Wallace hatte, sollte es damit keine Probleme geben. Außerdem hatte ich einen berühmten Prairie- und Waldläufer bei mir, dessen Name ebenfalls als Bürgschaft dienen konnte.

Nun kamen wir auf dem Hof des Pferdehändlers an. Der Mann schien gute Geschäfte zu machen. Jedenfalls waren mehrere Stallungen vorhanden und es wurden gerade zwei Männern verschiedene Pferde vorgeführt. Es handelte sich bei diesen Kunden um Farmer, die Pferde für die Arbeiten auf ihren Feldern benötigten, nicht also um Leute, denen es um gute, vielseitige und ausdauernde Läufer ging. Und so wandten wir uns zunächst ab, um die Pferde im Corral15 in Augenschein zu nehmen.

Hier wurden, zu Verkaufszwecken, derzeit drei Pferde gehalten. Weitere befanden sich, wie sich später zeigte, weiter draußen vor der Stadt auf einer größeren Weide. Firehand machte mich gleich auf ein mittelgroßes rotbraunes Pferd aufmerksam und meinte, dass dieser Hengst wohl ein gutes Pferd für meine Zwecke sei.

Er schaute sich aber auch die anderen Tiere noch an und winkte, zur näheren Inspektion, eine der Hands16 des Händlers heran, um sich die Pferde einzeln vorführen zu lassen. Nun fing er an, mit dem Burschen zu fachsimpeln, wobei er sein eigentliches Interesse für den Rotbraunen nicht erkennen ließ. Ich war ziemlich sicher, dass dieses Pferd nach wie vor sein Favorit war, als er alle Pferde im Corral begutachtet hatte.

Nachdem er sich bei dem Helfer bedankt hatte, drehte er sich wieder zu mir um und sagte:

„Und? Was meinst du? Welches dieser Tiere sagt dir zu?“

Hier musste ich ehrlicher Weise gestehen, dass ich keinerlei Kenntnisse auf diesem Gebiet hatte und daher keine Präferenz hatte, obwohl auch mir der Rotbraune sehr gut gefiel.

Firehand sagte:

„Macht nichts, Junge. Das kommt schon noch, wenn du einige Zeit mit uns geritten bist, wirst du die Vorzüge gewisser Pferde schon bald ausmachen können. Hier musst du wohl zunächst meinem Sachverstand vertrauen. Ich bleibe bei meiner ersten Wahl, dem rotbraunen Hengst.

Wie du vielleicht bemerkt hast, steht Masterson schon länger dort hinten auf der anderen Seite des Corrals und beobachtet genau, was hier geschieht, obwohl er sich den Anschein gibt, er sei an den Verhandlungen mit den Farmern interessiert.

Da er aber genau weiß, weshalb ich heute mit dir hier bin, wittert er bereits ein gutes Geschäft. Wollen aber zusehen, dass das Geschäft für beide Seiten ein gutes wird. Darum will ich ihn nicht sofort wissen lassen, wie hoch ich diesen einen Hengst bereits einschätze, ohne dass du ihn Probe geritten hast.“

Ich hatte mir so etwas bei dem Gebaren, das Firehand an den Tag gelegt hatte, schon gedacht, nahm mir also vor, ihn in seiner Absicht zu unterstützen.

Masterson, der Pferdehändler, ließ uns noch ein wenig warten, ehe er so tat, als ob er erst jetzt auf uns aufmerksam wurde und mit ausgebreiteten Armen auf Firehand zuschritt, um ihn lautstark zu begrüßen:

„Old Firehand, endlich einmal wieder in meinen Stallungen! Wie schön Euch zu sehen, Ihr Teufelskerl. Habt Euch zuletzt ziemlich rargemacht. Wart wohl länger im Indianergebiet, als Ihr Euch vorgenommen hattet, wie?“

„War wirklich anders geplant,“ erwiderte Firehand, „hatten aber ein wenig Ärger mit den Roten und mussten länger in den Rockies17 bleiben, als uns lieb war. Haben aber alle Felle glücklich herüber und an den Mann gebracht und werden bald wieder losmachen.“

„Weiß es, weiß es, Sir! Habt so einiges durchgemacht da oben in den Felsenbergen. Eure Erlebnisse sind Euch bereits vorausgeeilt. Gibt kaum einen Jäger oder Fallensteller, der hier nicht von Euch zu berichten wusste. Außerdem hat Euer Kamerad Korner schon vieles berichtet, als er Euren Besuch hier gestern angekündigt hat.“

„Gut, dann wisst Ihr ja bereits, weshalb ich Euch aufsuche. Dieses Mal benötigen wir ein Pferd für unseren neuesten Kameraden hier. Ich möchte Euch den jungen Mann vorstellen. Das ist Leo, der Ziehsohn von Mr. Wallace, dem Bankier.“

„Good day, Leo! Also, wie ich gehört habe, gilt es zunächst mal eine Reitprobe zu unternehmen, richtig?“

„Alright“, erwiderte ich, „muss wohl unter Beweis stellen, dass ich nicht so leicht vom Pferd falle. Habt Ihr denn ein geeignetes Tier zu diesem Zweck?“

„Of course, kommt einmal mit Ihr Leute! Hier im Stall habe ich heute einige Gäule, die ich an die hiesigen Farmer zu verkaufen gedenke. Für eine Reitprobe scheinen sie mir aber genau richtig. Sucht euch eines aus, wir werden dann ein Stück hinaus aus dem Ort, zu meiner Weide gehen, damit die Probe auch vernünftig vonstattengehen kann“.

Firehand zwinkerte mir zu und suchte einen starkknochigen Klepper aus, der allerdings mehr zu Feldarbeiten, als zu den von uns vorgesehenen Zwecken geeignet war. Masterson beauftragte den jungen Mann, der uns eben die drei Tiere aus dem Corral vorgeführt hatte, den Klepper aus dem Stall zu holen und zu satteln. Wir gingen inzwischen voraus an den Rand der Stadt, wo sich westlich des Fahrwegs der Überlandkutschen die Weiden Mastersons ausdehnten.

Hier schauten wir uns noch ein wenig um. Masterson hatte da ein riesiges Areal, auf welchem die Pferde frei grasen und sich weitläufig bewegen konnten. Zum Stadtrand hin befanden sich noch einige Stallungen, für alle Tiere. Masterson erklärte mir, dass die derzeit in den Stallungen seiner Offices befindlichen Tiere üblicher Weise auch hier gehalten würden und dass die Pferde jeden Tag erst, abhängig von angekündigter Kundschaft und Bestellungen, ausgewählt und in die Stallungen oder den Corral in der Stadt gebracht würden.

Ich hatte die weidenden Pferde hier schon oft gesehen und gemutmaßt, wem all diese Tiere wohl gehören mochten. Nun hatte ich den Besitzer und Pferdehändler gleich selbst kennengelernt. Mr. Masterson machte einen guten Eindruck auf mich. Freundlich und kernig. Jedenfalls mochte ich keine Falschheit in seinem Blick erkennen. Allenfalls unterstellte ich ihm ein gutes Maß Schalkhaftigkeit und Cleverness. Aber die musste in seinem Geschäft ja auch sein.

Jetzt kam die Hand mit dem gesattelten Ackergaul und Firehand zeigte mir an, aufzusteigen, wobei er das Pferd an den Zügeln hielt. Er fragte mich, ob das Pferd geführt werden solle. Als ich ihn daraufhin anblickte, zwinkerte er mir zu. Ich verstand den Wink und bejahte die Frage, mir einen unsicheren Ausdruck gebend, als ich aufstieg.

Firehand führte das Pferd nun im Kreise im Schritt herum und schaute, wie ich mich auf dem Pferd machte. Ich hielt mich so, wie ich es bisher immer gehalten hatte und führte das Pferd dabei bereits selbständig, ohne dass Masterson hiervon etwas merkte. Lediglich Firehand musste zusehen, dass er das Seil auf Spannung hielt, damit es aussah, als ob das Pferd an dieser Leine ging. Ich sollte ja auch nicht gleich allein losreiten, um weiterhin Unsicherheit vortäuschen zu können.

Der Zweck war ja der, dass Firehand ein anderes der drei Pferde im Corral für mich aussuchen wollte, um nicht zu offenbaren, dass er eigentlich den Rotbraunen kaufen wollte. Er wollte nicht von vornherein übervorteilt werden. Ich hatte ihn also nach und nach auf das vermeintlich weniger begehrte Pferd zu lenken, indem ich vorgab, mich auf den anderen, auch wesentlich größeren Tieren, nicht sicher zu fühlen. Firehand konnte dann vorgeben, ein aus seiner Sicht weniger gutes Tier kaufen zu müssen.

Jetzt ließ er den Gaul in eine schnellere Gangart fallen und ich gab vor, ein wenig aus dem Rhythmus zu geraten, also den Schluss zum Pferderücken nicht gut halten zu können. Nach ein paar Runden, in denen ich nach und nach den Schluss herstellte, hielt Firehand das Pferd an und hieß mich abzusteigen, wobei er mir wieder verstohlen zuzwinkerte. Ich hatte meine Sache also wohl, zu dem beabsichtigten Zweck, gut gemacht.

Er sagte:

„Okay, Leo. Für den Anfang war das doch gar nicht so schlecht. Anfängliche Nervosität auf einem Pferderücken ist ja natürlich und den richtigen Schluss hast du ja letztlich auch gefunden. Ich denke, wir können dich noch zu einem leidlichen Reiter ausbilden und sollten daher jetzt ein Tier für dich aussuchen.“

Masterson brummte dazu nur und ging bereits wieder in Richtung Stadt voraus zum dortigen Corral. Firehand und ich gingen hinterdrein, wobei er mich anstieß und sagte:

„Gute Arbeit Junge, hab schon bemerkt, dass du dich verstellt hast. Masterson hat aber davon nichts mitbekommen. Werde dir gleich erst ein anderes, größeres Tier aussuchen. Du gibst dann wieder Unsicherheit vor und so wird er uns den vermeintlich verschmähten Rotbraunen für einen fairen Preis überlassen.“

Masterson, der uns einige Schritte voraus war, hielt an, wartete bis wir aufgeschlossen hatten und sagte im Weitergehen:

„Nun, ich denke der junge Mann hier muss noch einiges lernen, was das Reiten angeht und so meine ich, ich habe das richtige Tier für ihn bereits gefunden.“

Wir kamen wieder auf den Hof seines Office‘ und gingen auf den Corral zu.

„Der Rotbraune hier, wird richtig sein. Er ist ausdauernd, kräftig und für seine Größe auch recht schnell, wenn er gefordert wird. Andererseits ist er eher klein und damit für einen noch nicht so sicheren Reiter gut geeignet. Soweit denn ein Pferd, dass mit Euch durch Dick und Dünn soll, überhaupt für einen Ungeübten geeignet sein kann, Mr. Firehand.“

Das waren vermutlich genau die Überlegungen, die auch Firehand angestellt hatte, als er den Rotbraunen für mich ausgewählt hatte. Nun kam Masterson bereits zu Beginn der Verhandlungen auf die Punkte zu sprechen, die Firehand sicher gerne noch nicht zur Sprache gebracht hätte.

Er spielte seine Rolle aber weiter und sagte:

„Masterson, altes `Coon18, was meinst du, soll einer von meinen Jungs mit so einem kleinen Gaul anfangen. Der Klepper ist zwar kräftig gebaut und kann wahrscheinlich auch lang durchhalten, aber wenn es auf Schnelligkeit ankommt, denke ich, wird er mit einem guten Renner nicht mithalten können. Ich denke der Appaloosa-Hengst mit der weißen Blesse auf der Kruppe wäre das richtige Tier.“

„Okay, Mr. Firehand. Ihr seid ein Kenner. Aber ich sage Euch, der Kleine hier,“ er deutete auf den Rotbraunen, „ist schneller als Ihr denkt. Aber wie Ihr wollt, --- der mit der Blesse ist ein guter Renner, soviel steht fest. Für den Appaloosa-Hengst muss ich mindestens einhundertfünfzig Dollar verlangen. Den Morgan-Hengst“, er deutete nochmals auf den Rotbraunen, „kann ich Euch billiger machen.“

Firehand sah zu mir herüber und sagte:

„Leo wird schon mit dem Appaloosa Freundschaft schließen, nicht wahr?“

Ich spielte meine Rolle und machte daraufhin ein verzagtes Gesicht.

„Ist er nicht ein bisschen zu groß für mich, Mr. Firehand? Bedenkt, ich bin Anfänger.“

„Ich sehe da kein Problem, mit uns wirst du schon noch das Reiten lernen, da bin ich sicher. Aber Masterson, über den Preis müssen wir schon noch ein wenig verhandeln. Ich denke, dass der Hengst schon ein paar Tage auf dieser Mutter Erde weilt und nicht mehr der Jüngste ist. Da erscheinen mir einhundertfünfzig Dollar doch zu viel. Ich gebe Euch achtzig für das Tier und meine, dass es damit noch gut bezahlt wäre.“

Jetzt setzte Masterson ein beleidigtes Gesicht auf, wobei ich doch merkte, dass die Sache anfing, ihm Spaß zu machen. Er war halt Pferdehändler durch und durch und hatte den Preis sicherlich viel zu hoch angesetzt, was Firehand natürlich wusste. Masterson sagte:

„Pshaw, wollt Ihr mich beleidigen? Ich drehe doch einem solchen Mann wie Ihr es seid, keinen abgehalfterten Gaul an, der seine besten Tage hinter sich hat. Gut, er hat seine zwölf Jahre in den Beinen, damit ist er kein Jüngling mehr. Das macht er aber durch Reife wett.

War immer in guter Hand das Tier. Gehörte einem alten Mountain-Man. Auf seinem letzten Ritt ist er allerdings in einen Hinterhalt der Oglala-Lakota19 geraten und wurde vom Pferd geschossen. Einer seiner langjährigen Kameraden, dem sie sein eigenes Pferd getötet hatten, konnte auf dem Appaloosa entkommen. Der Mann hatte vom Leben in den Prairien und Wäldern damit genug und ging zurück in Osten. Vorher verkaufte er mir das Tier.“

„Hm, die gute Hand kann ich dem Tier ansehen. Aber zwölf Jahre sind zwölf Jahre und was Ihr Reife nennt, könnten bei unserem Vorhaben, bei dem wir vermutlich monatelang im Westen bleiben werden, auch ausgewachsene Mucken werden. Wer weiß, was der Alte dem Tier so alles anerzogen hat und wie es sich in Feindesnähe bewährt. Ein junges Tier könnten wir noch selbst schulen. Ich bleibe also bei achtzig, Mr. Masterson.“

„Nun, wenn Ihr es von dieser Seite betrachtet, kann ich wenig dagegen vorbringen, meine aber doch, dass einige Jahre in der Hand eines erfahrenen Jägers auch etwas wert sind. Ich sage also, für einhundertzwanzig könnt Ihr ihn haben.“

„Ich sehe das, wie ich schon sagte, anders, akzeptiere aber, dass Ihr beim Ankauf sicherlich auch schon den Verkauf kalkuliert habt. Ich biete daher neunzig Dollar aber auch keinen Cent mehr.“

Hier brachte ich mich wieder ein und sagte:

„Aber Mr. Firehand, wirklich, ich denke nicht, dass der Appaloosa und ich zusammenpassen. Ich würde mich auf einem weniger hohen Tier sicherer fühlen.“

„Wirklich, Junge? Hm, da muss ich wohl Rücksicht auf dich nehmen und von dieser Wahl abstehen.“

Er wandte sich wieder an Masterson.

„Habt‘s gehört, wird wohl nichts werden mit unserem Handel. Das Stockmaß Eures Appaloosas ist mit gut sechzig Zoll20 wohl doch ein wenig zu groß für unseren Neuling hier. Wahrscheinlich hat er sogar recht mit seinen Bedenken.“

„Nicht so schnell, Mister Firehand, kommen wir doch noch einmal auf den Morgan zurück. Ist ein wirklich schönes Tier und hat mit einem Stockmaß von nur fünfundfünfzig Zoll21 vielleicht die richtige Größe für unseren jungen Mann.“

„Ein Morgan-Hengst, ja?“, meinte Firehand mit jetzt wieder bedenklichem Gesicht. „Sicher, dass das eine brauchbare Rasse ist? Weiß nur, dass sie noch nicht allzu lange gezüchtet werden und als stark und ausdauernd gelten, aber wie ich schon sagte, habe ich meine Zweifel, was die Schnelligkeit angeht.“

„Macht Euch doch da keine Sorgen, einige Tiere dieser Rasse haben schon Preise gewonnen. Und dieses Pferd hier ist noch sehr jung, gerade drei Jahre, also im Grunde genau das, wonach Ihr suchtet. Für hundert Dollar lasse ich ihn Euch. Das ist geradezu geschenkt.“

Jetzt blitzten Firehands Augen kurz auf, weil er Masterson nun dort hatte, wohin er ihn haben wollte.

„Sagtet Ihr nicht eben noch, dass Ihr den Morgan billiger machen könntet, als den Appaloosa? Für den hätte ich neunzig gegeben, so kann ich hier unmöglich hundert Dollar auf den Tisch legen. Ich gebe für dieses Tier allenfalls sechzig.“

„Nun macht aber mal halblang, Mr. Firehand. Sechzig sind nun wirklich zu wenig bezahlt. Da leg ich ja am Ende noch drauf. Stammt aus meiner eigenen Zucht das Tier und ich weiß, was es mich kostet, einen Dreijährigen zu ziehen. Neunzig, mein letztes Wort!“, er streckte Firehand die Hand hin, dieser erwiderte:

„Ich gebe Euch fünfundachtzig, bekomme dann aber das Zaumzeug und einen ordentlichen Sattel dazu!“

Masterson hatte jetzt die Hand wieder in die Tasche gesteckt, überlegte ein paar Sekunden und schlug dann in die von Firehand dargebotene Rechte ein.

„Der Handel gilt, kommt mit in mein Office wo wir das Geschäft noch bei einem Drink besiegeln.“

Er machte ein zufriedenes Gesicht, fühlte sich also nicht übervorteilt. Firehand schien mit dem Preis auch zufrieden, so dass der angedachte faire Preis wohl bei dem Geschäft herausgekommen war.

Ich für meinen Teil war auch glücklich, da ich sicher war, dass Firehand wusste, was er tat, indem er den Morgan für mich ausgesucht hatte. Außerdem gefiel mir das Tier auch selbst sehr gut. Ich hatte zwar keinen „Pferdeverstand“, dachte aber, dass er ein schönes, gutmütiges Tier sei.

Als wir Masterson, nun mit unserer Neuerwerbung, verließen, meinte Firehand, ich solle doch einmal aufsitzen, er werde neben mir hergehen. Weit müsse er nicht laufen, da Mr. Heintz, der Gunsmith auf der Highstreet, gleich um die nächste Ecke, bereits auf uns warte.

Er wollte dort, ohne Zeitverzug, zunächst die Schussprobe machen und dann meine Bewaffnung vornehmen. Nachmittags wollte er dann den bereits erwähnten Ausritt unternehmen. Bei Masterson hatte ich, gemäß der Absprache mit Mr. Wallace, dessen Namen für die Begleichung des Rechnungsbetrages angegeben. Wie erwartet, stellte das kein Problem dar. Masterson wünschte mir viel Glück mit dem Tier.

Auf dem Weg zum Gunsmith bedankte ich mich bei Firehand für die Hilfe beim Kauf meines neuen Gefährten. Firehand winkte ab und sagte:

„Für Selbstverständlichkeiten ist kein Dank notwendig, Leo. Wir sind jetzt Kameraden und unter solchen brauchen keine überflüssigen Worte gemacht werden. Ich habe Freude daran, aus dir einen Jäger und Pfadfinder zu machen und werde daher ein Auge auf dich haben und dich solange wie nötig unterstützen.“

Dazu gab es nichts weiter zu sagen und so fragte ich nach einer kurzen Weile:

„Welchen Namen soll ich meinem Pferd geben? Es muss doch einen Namen tragen. Mir fällt aber nichts Passendes ein.“

„Ich würde einfach noch ein wenig warten. Irgendwann wird sich ein Name von selbst ergeben. Die meisten von uns geben ihren Tieren Namen nach deren Eigenschaften.“

Dabei ließ ich es bewenden. Gelegenheiten, die Eigenschaften meines Pferdes kennenzulernen, würden sich wohl noch einige ergeben.

Jetzt hatten wir den Store22 des Gunsmith erreicht. Ich band den Morgan an und wir betraten das Geschäft. Mr. Heintz war nicht zu sehen. Man hörte in einem Nebenraum ein Geräusch wie von einer Feile, was ja auch naheliegend war. Firehand rief nach dem Inhaber:

„Mr. Heintz? Seid Ihr da? Ich bin’s, Old Firehand! Habe den Jungen dabei!“

Jetzt hörten wir einen quietschenden Drehstuhl und Mr. Heintz kam durch die Tür, hinter der sich offenbar seine Werkstatt befand. Dem Mann sah man den Tüftler auf einhundert Schritt an. Er war einen ganzen Kopf kleiner als ich und leicht untersetzt. Bis auf einen grauen Haarkranz war sein Kopf kahl. Auf seiner Nase befand sich eine Halbbrille mit sehr starken Gläsern, über deren Ränder er uns freundlich ansah. Nun sprach er mit einer dunklen Stimme, die man bei dem Männchen gar nicht erwartet hätte:

„Mr. Firehand, ich hatte Euch schon erwartet, habe die Zeit aber genutzt, um noch ein wenig Hand an den Karabiner zu legen, den Ihr Euch zum Probeschießen ausbedungen habt.“

Und als hätte er mich nun erst bemerkt, sprach er weiter: „Ah ja, und das ist euer neuer Kamerad, dem Ihr ein bisschen auf den Zahn fühlen wollt, … Leo nicht wahr?“

„Auf den Zahn fühlen trifft es nicht so ganz, Mr. Heintz. Weiß schon, dass der Junge richtig ist. Es geht mehr darum, zu sehen, ob er schon Anlagen zu einem guten Schützen hat und darum, die richtige Waffe für ihn zu finden.“

„Schon gut, schon gut, wollte gar nicht in Zweifel ziehen, dass der junge Mann das Herz am rechten Fleck hat. Wenn Ihr Euch für jemanden verwendet, Mr. Firehand kann es ja auch gar nicht anders sein. Freue mich darauf, meine Werkstücke einem Test zu unterziehen und einen Eurer Männer mit einem guten Gewehr zu versehen.“

Er verschwand wieder in seiner Werkstatt um den Sharps-Karabiner, von dem Firehand bei Mr. Wallace gesprochen hatte, zu holen. Dann nahm er aus einer Schublade eine Schachtel, offenbar mit der passenden Munition und ging voraus zur Tür. Wir folgten ihm hinaus und er verschloss den Store sorgfältig.

Ich nahm die Zügel von meinem Morgan wieder auf und wir folgten Heintz aus der Stadt hinaus, wie es auch schon bei Masterson der Fall gewesen war. Heintz hatte am Rande eines Buschwerkes am Ufer des Missouri eine Zielscheibe aufgestellt und circa einhundert Schritt Entfernung zu diesem Ziel abgemessen. Wir befanden uns hier ein gutes Stück außerhalb der Stadt, so dass ein Probeschießen möglich war, ohne die Bewohner aufzuschrecken.

Heintz blieb an der Einhundert-Schritt-Marke stehen und hielt mir die Waffe hin. Ich schaute Firehand fragend an und er sagte:

„Schon gut Junge, greif zu. Schließlich sind wir hier, um zu sehen, ob diese Waffe für dich passt. Ich habe sie mir schon näher angesehen und denke, sie tut es. Aber wir werden ja sehen.“

Ich nahm die Waffe also entgegen und sah, dass der Verschluss noch offen, die Waffe also ungeladen war. Ich legte sie probeweise auf das Ziel an und stellte fest, dass sie leichter war, als ich erwartet hatte. Ich konnte das Schwarze in der Zielscheibe über die von mir aufgeklappte Zieleinrichtung gut sehen und bemerkte kein Schwanken oder Zittern. Ich nahm die Waffe wieder herunter und sagte zu Mr. Heintz:

„Scheint mir gut zu liegen die Waffe, könnte ich bitte die Munition haben, um die Waffe zu laden?“

Er zwinkerte Firehand zu und meinte:

„Hat schon erkannt der Junge, dass die Waffe noch ungeladen war. Bin gespannt, ob du dahinterkommst,“ wandte er sich wieder an mich, „wie sie geladen wird. Ist eine relativ neue Konstruktion. Ein Ingenieur namens Christian Sharps hat sie ´48 konstruiert und ich habe hier einen verbesserten Nachbau gefertigt. Musste die Gasabdichtung noch ein bisschen verbessern. Kann es Euch noch zeigen. Die echte Sharps ist für Zivilisten kaum zu bekommen. Derzeit wird die Armee der Vereinigten Staaten damit ausgerüstet. Wird also jetzt in großen Stückzahlen gebaut, da geht aber die Präzision des Büchsenmachers verloren.“

Ich nahm von ihm die Papiermunition entgegen und hatte keine Mühe, die Konstruktion der Waffe zu erkennen und die Patrone somit in das dafür vorgesehene Lager zu schieben. Ich zog den verlängerten Abzugsbügel hoch, sodass die Waffe geladen war.

Firehand gab mir ein Beispiel, wie ich mich bei Schuss hinstellen sollte und mahnte mich, den Kolben tief in die Schulter zu ziehen, um den Rückschlag abzufangen.

„Ansonsten bekommst du einen tüchtigen Slap in the face23, hat schon viele erwischt.“ Er lächelte.

Ich nahm Aufstellung, wie Firehand es mir gezeigt hatte und visierte das Ziel an. Dabei konzentrierte ich mich so sehr auf das Zielen, dass ich vergaß, mir den Gewehrkolben, wie Firehand mir geraten hatte, an die Schulter zu drücken. Ich drückte ab, und … bekam die angekündigte Ohrfeige. Der Karabiner hatte doch einen ordentlichen Rückschlag, den ich nicht, wie geheißen, abgefangen hatte. Firehand und Heintz konnten sich einer gewissen Heiterkeit nicht entziehen und, obwohl der Slap ziemlich weh getan hatte, musste ich selbst auch lachen.

„Okay“, sagte ich, „da muss ich wohl meinem Lehrmeister zukünftig besser folgen. Hab‘ ich verstanden und soll nun besser werden.“

Ich nahm eine neue Patrone, schob sie in die Ladekammer, zog den Bügel hoch und machte mich für den nächsten Schussversuch fertig.

Firehand und Heintz wurden auch wieder ernst und schauten mir zu. Dieses Mal hatte ich an den Rückschlag gedacht und das Gewehr dicht an die Achsel gedrückt. Wieder stellte ich fest, dass ich das Ziel gut im Visier hatte, ohne zu schwanken. Ich drückte ab, und … der Schuss ging an den äußersten rechten Rand der Scheibe.

Obwohl ich selber meinte, einen schlechten Schuss abgegeben zu haben, nickte Mr. Heintz anerkennend und sagte:

„Keine Sorge, mein Junge. Der Schuss war gut. Es ist ein noch nicht eingeschossenes Gewehr. Kommt zum ersten Mal heute zum Einsatz. Wäre geradezu ein Wunder gewesen, wenn damit irgendwer sofort ins Schwarze getroffen hätte.“

Firehand nickte mir aufmunternd zu und pflichtete Mr. Heintz bei:

„Schon recht, hätte mit einer Gun24 direkt von der Werkbank wohl auch kein besseres Resultat erzielt. Schieß am besten gleich noch mehrere Male hintereinander, achte darauf, immer gleich zu zielen. Werden sehen, ob sich das Resultat verändert.“

Ich nahm also das Gewehr wieder vor und lud erneut. Stellte mich auf, zielte wie zuvor und drückte ab.

Wir gingen die hundert Schritt zur Zielscheibe und stellten fest, dass das Geschoss wenige Millimeter links neben der ersten Marke eingeschlagen war. Firehand und Heintz nickten verständig, sagten aber nichts. Wir gingen zurück und ich gab, auf Geheiß Firehands, fünf weitere Schüsse ab, wobei ich weiter, wie zuvor visierte.

Dann gingen wir wieder zur Scheibe und dort zeigte sich, dass meine Schüsse in einem Bereich weniger Millimeter, immer am äußeren rechten Rand eingeschlagen waren. Jetzt nickten sich die beiden, mit einem Seitenblick auf mich, anerkennend zu. Heintz nahm das Gewehr von mir wieder entgegen und sagte:

„Für jemanden, der heute zum ersten Mal mit einem Karabiner schießt, hast du sehr gute Resultate erzielt, Leo. Ich werde jetzt mal kurz an meine Werkbank zurückkehren und ein wenig nachjustieren. Dann kannst du es in einer guten halben Stunde noch einmal mit diesem Karabiner versuchen. Bin sicher, dass du überrascht sein wirst. Könnt die Zeit ja nutzen, um andere Waffen zu probieren.“

Er machte sich schnellen, kurzen Schrittes auf in seinen Store und Firehand klopfte mir auf die Schulter.

„Junge, Freund und Greenhorn, du machst mir ziemlich Freude, wenn ich das einmal so sagen darf. Mr. Heintz war ziemlich beeindruckt von deinen Ergebnissen, denke ich. Und ich selbst nicht minder. Hast gut geschossen!“

„Aber ich habe doch das Ziel um mehrere Zentimeter verfehlt.“

„Tut nichts zur Sache, werde es dir erklären. Hast immer gleich gezielt, wie ich es dir gesagt habe. Daher konnten die Schüsse nicht ins Schwarze gehen. Das Visier der Waffe ist noch nicht auf dein Auge eingerichtet, also gehen deine Schüsse nicht dorthin, wohin du meinst zu zielen. Mr. Heintz ist ein erfahrener Gunsmith und hat hier, wie ich meine, vorzügliche Arbeit geleistet. Alle deine Schüsse schlugen in einem Bereich weniger Millimeter auf der Scheibe ein. Und du bist beileibe kein erfahrener Schütze. Wenn Mr. Heintz jetzt das Visier nach deinen soeben erfolgten Zielübungen einrichtet, wirst du sehen, dass du im Schwarzen landen wirst.“

„Dann bin ich also gar kein schlechter Schütze?“

„Nein ganz und gar nicht. Ich erkenne gute Anlagen an dir. Deine Schusshaltung und dein Auge sind gut. Du hast gut gezielt und hättest die Scheibe wohl ziemlich in der Mitte getroffen, wenn das Visier bereits eingerichtet gewesen wäre. Würde nun gerne noch sehen, wie du mit der alten Gun, die ich hier mit mir herumschleppe, zurechtkommst. Muss sie aber erst noch laden.“

Er nahm sein Gewehr vom Rücken, den Pulver- und den Kugelbeutel zur Hand und lud die Hawken-Büchse. Dann steckte er das Zündhütchen auf. Anschließend gab er sie mir und erklärte kurz die Funktion der Waffe.

Ich stellte mich jetzt auf einen noch stärkeren Rückstoß ein, als bei dem Karabiner, war aber dann beim Betätigen des Abzuges überrascht, dass der Rückstoß viel weniger spürbar war. Dafür zischte und sprühte es kurz Funken, von der Rauchentwicklung gar nicht zu reden. Um es kurz zu machen, mit dieser Hawken-Rifle Old Firehands war ich zunächst ein lausiger Schütze. Als wir nämlich zur Scheibe gingen, stellten wir fest, dass ich ---- nichts getroffen hatte.

Firehand zwinkerte mir zu und meinte:

„Das überrascht mich nicht. Hätte mich vielmehr gewundert, wenn du mit dieser alten Gun so ohne weiteres etwas getroffen hättest. Die Waffe muss man kennen und auch hier kommt es auf dein Auge an. Hinzu kommt, dass du nicht auf die Funken- und Rauchentwicklung beim Schuss gefasst warst.

Bin überzeugt, dass du auch mit so einer Büchse mit ein wenig Übung, gute Treffer landen würdest. Ich bin auf diese Hawken eingeschossen, daher treffe ich auch im Kampfgetümmel immer.“

Ich machte ein bedenkliches Gesicht und er sagte:

„Okay, du scheinst mir nicht zu glauben, denkst ich würde dir ein wenig Honig um den Bart schmieren, auch wenn du ja noch keinen solchen trägst. Lass‘ dir gesagt sein, dass ein Old Firehand es nicht nötig hat, anderen etwas vorzumachen. Ich habe mich nun einmal dazu entschieden, dich in den Westen mitzunehmen und einen brauchbaren Jäger und Scout aus dir zu machen, da meine ich, sollten wir ehrlich miteinander umgehen.

Bin also der Meinung, dass deine Treffsicherheit eine ziemlich gute ist, für einen absoluten Neuling. Und daher denke ich, dass du auch mit meiner Hawken im Notfall treffen würdest. Ich würde das aber gerne genau wissen und daher bitte ich dich, es nun noch einmal zu versuchen.“

Während diese langen Rede hatte er seine „alte Gun“ bereits wieder geladen und hielt mir ein weiteres Zündhütchen hin.

„Alright, Mr. Firehand, werde es also noch einmal versuchen, so sagt mir also, wie Ihr das Gewehr anhaltet, um ins Schwarze zu treffen.“

„Hört, hört, …. hat also genau verstanden, worauf es hierbei ankommt. Nun, ich halte das Gewehr auf hundert Schritt bei einer Zwölfer-Scheibe, wie wir sie hier auch haben, auf sechs hoch an. Dann treffe ich mit absoluter Sicherheit die Mitte der Scheibe.“

„Ich nahm also wieder Aufstellung, steckte das Zündhütchen auf das Piston, zielte kurz und drückte ab. Firehand lief sofort los in Richtung Ziel. Schon nach wenigen Schritten rief er:

„Zounds, da haben wir es doch, landetest schon im Schwarzen. Nicht ganz im Zentrum, aber immerhin.“ Er ging nun auch die letzten Schritte zum Ziel und ich folgte ihm.

„Siehst du, Junge? Ich habe es dir doch gesagt, zur Not triffst du auch mit dem alten Vorderlader. Wenn du beim nächsten Mal das Ziel anvisierst, solltest du noch ein wenig tiefer anhalten, also etwa bei der Acht, dann bist du im Ziel. Dein Auge und dein Stand sind anders als die meinen, daher musst du noch ein wenig anders zielen.“

„Sehr schön, sehr schön“, ließ sich da eine tiefe Stimme in unserem Rücken vernehmen. Mr. Heintz, der Gunsmith war wieder zurück und hatte den Sharps-Nachbau dabei.

„Ihr habt da anscheinend einen guten Fang gemacht, mit dem Jungen. Schießt wie ein Alter. Noch ein wenig Übung und er könnte es zum Meisterschützen bringen.“

„Habe ihm auch schon gesagt, was ich von seinen Probeschüssen halte. Habt ganz recht, Mr. Heintz. Werden aber noch sehen müssen, ob die notwendige Kaltblütigkeit bei der Jagd und noch viel wichtiger, auch im Kampf vorhanden ist.“

„Werdet es ja bald erfahren, denke ich. So eine Jagdgesellschaft mitten im Indianerland, wird schon die eine oder andere Gelegenheit haben, das Jagdglück zu versuchen und Kampfesmut zu beweisen. Will Euch wünschen, dass Ihr weiterhin ohne Schrammen aus diesen Abenteuern hervorgeht. Nun erst recht, wo Ihr so einen vielversprechenden jungen Mann mitnehmt.“

Bei seinen zuletzt gesprochenen Worten, hielt er mir den Karabiner hin und forderte mich auf, erneut damit zu schießen. Er hatte das Visier nach meinen ersten Schüssen nachgestellt und war zuversichtlich, dass ich jetzt besser treffen werde. Jetzt war mein Ehrgeiz angestachelt und ich war selber gespannt, wie gut meine Ergebnisse sein würden. Ich nahm also den Karabiner, schob eine der Papierpatronen in die Ladekammer, betätigte den Ladehebel und nahm Aufstellung. Ich zielte nicht lange und drückte ab.

Aus der Entfernung konnte man die Schussmarke nicht sehen und so machten wir drei uns, fast im Gleichschritt, auf zur Scheibe. Wir waren noch nicht angekommen, da jubelte Heintz förmlich:

„Heigh day, was für ein Schuss, mitten ins Schwarze. Ich habe es ja gewusst. Der Junge kann‘s!“

Firehand sah mich jetzt an und sagte:

„Junge, was darf ich an dir erleben? So einen Schützen habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Kaum zum ersten Mal einen Karabiner in der Hand und schon trifft er auf hundert Schritte ins Schwarze. Ich würde sagen, die Probe hast du meisterlich bestanden. Was meinst du, Leo?“

Ich lief wohl ein wenig rot an und wusste gar nichts zu sagen. Firehand klopfte mir auf die Schulter, drehte sich zu Mr. Heintz um und fragte ihn:

„Nun, Mr. Heintz, was soll denn Euer Sharps-Karabiner, mit dem der Junge schon so hervorragend schießt, kosten?“

„Hm“, machte Mr. Heintz, „normaler Weise müsste ich für so ein Stück hundert Dollar nehmen. Aber weil dieser junge Mann hier so ein vielversprechender Schütze ist, denke ich, dass ich für meine Werkstatt keine bessere Werbung finden kann, als dass Leute wie Ihr, Mr. Firehand, Euch mit meinen Waffen ausrüstet. Könnt ja mal an der einen oder anderen Stelle darauf hinweisen, wo gute Waffen gebaut werden.“

Er zwinkerte Firehand zu.

„Ich gebe ihn Euch also für die Hälfte, sage fünfzig Dollar,“ nun schaute er zu mir, „und der Sharps ist der deine, Junge“!

Ich sah Firehand an, dieser nickte und sagte:

„Mr. Heintz, Ihr seid ein Ehrenmann und ein guter Gunsmith, werden also tun wie geheißen und mit Eurer Waffe ein wenig angeben.“ Er lächelte. „Der Preis ist zu niedrig, aber weil es für das Greenhorn hier ist, nehmen wir das Angebot an, schlagt ein Mr. Heintz und Leo.“

Wir gaben uns zum Abschluss des Kaufs die Hände. Heintz schüttelte die meine kräftig und schien sich wirklich zu freuen, dass ich mit seiner Waffe meinen ersten Ritt hinter die Grenze unternehmen würde. Das Greenhorn konnte ich Firehand nicht übelnehmen, schließlich hatte der Mann ja recht. Ich war ja wirklich in alldem, was noch auf mich zukommen würde, noch „grün hinter den Ohren“. Ich nahm mir aber vor, möglichst schnell diesen Status wieder loszuwerden.

Wegen der Zahlung des Kaufpreises verwies ich auch hier an Mr. Wallace. Und wieder gab es damit keinerlei Probleme.

Zurück im Store sprach Firehand Mr. Heintz nochmals an:

„Sagt einmal, Mr. Heintz, habt Ihr vielleicht noch einen solchen Nachbau in Eurer Werkstatt in Arbeit?“

„Yes, Mr. Firehand. Dauert höchstens noch zwei Tage, so ist das nächste Stück dieser Bauart fertig. Wollt Ihr Euch etwa auch mit einem solchen Karabiner ausrüsten?“

„Ich müsste verrückt sein, wollte ich dies nicht tun. Habe bei meiner letzten Hunt25 gute Geschäfte mit Dickschwanzhäuten26 gemacht. Kann mir also ein solches Gewehr durchaus leisten.

Ein solcher Hinterlader eignet sich doch viel besser als Verteidigungswaffe, als meine alte Gun. Bin sicher noch zwei Tage in Jefferson und kann also auf die Fertigstellung warten, wenn‘s recht ist?“

„Wenn es recht ist? Was für eine Frage! Natürlich sollt Ihr meinen nächsten Karabiner bekommen. Ist mir, wie ich bereits sagte, eine Ehre, Euch ausrüsten zu können. Auch dieser geht aber nur zum genannten Preis über meinen Ladentisch. Werde Euch natürlich nicht mehr Geld abnehmen als dem jungen Mann hier.“

Nun wollte Firehand ihm das abschlagen, meinte er doch, dass Heintz seine Waffen nicht verschenken könne. Dieser ließ sich aber auf keine Verhandlungen mehr ein und meinte abschließend, Firehand solle dies so akzeptieren. Er wiederholte, es sei für ihn eine Ehre, einem solch berühmten Prairieläufer eine Waffe aus seiner Schmiede verkaufen zu dürfen. Wollte Firehand den Gunsmith nicht ernsthaft verärgern, musste er diesem den Willen tun.

Wir erstanden dann noch Munition für die beiden neuen Gewehre, sowie Pulver und Blei für die alte Hawken Old Firehands. Dieser kaufte dann aber auch noch einen sechs-schüssigen Navy-Colt, Kaliber 36, wovon er bereits einen in seinem Gürtel trug, wie ich feststellte, als Heintz die gewünschte Waffe auf seinen Ladentisch legte.

Hier setzte sich Firehand aber durch, den Normalpreis zu zahlen. Er legte den Betrag, der sich auf einem Schild an der Holzkiste, in der sich der Colt befand, angegeben war, einfach passend auf den Tisch. Dann nahm er die Waffe an sich, streckte Heintz die Hand hin und verabschiedete sich mit den Worten:

„Sehen uns in zwei Tagen wieder, Mr. Heintz. Freue mich schon auf Euer neuestes Werkstück und habe vor, diesem alle Ehre zu machen.“

Mr. Heintz strahlte jetzt erst recht, gab auch mir noch die Hand und sagte:

„Wünsche dir alles Gute mein Junge, wirst deinen Weg machen. Und Euch Mr. Firehand, sehe ich dann am Freitag gegen Mittag, wenn es für Euch passt.“ Firehand nickte. „Werde den Karabiner dann fertig haben und wir können dann noch ein paar Probeschüsse und eine wahrscheinlich notwendige Feineinstellung vornehmen.“

Als wir den Store verlassen hatten, hängte ich mir mein neues Gewehr über, band den Morgan los und ging, das Pferd an den Zügeln führend, an der Seite Firehands zurück zur Firestreet.

Er sagte:

„Du gehst am besten jetzt erstmal nach Hause, wo Mr. Wallace dich, sicher schon gespannt darauf, deinen Bericht zu hören, erwartet. Ich werde bei Mrs. Thick erstmal eine Mahlzeit zu mir nehmen und anschließend zum Stall gehen, um meinen Rappen dort abzuholen. Wir treffen uns dann um drei bei Mother Thick‘s, um den Ausritt zu machen, von dem ich heute Morgen gesprochen habe. Hoffe, du hast Lust dazu?“

„Sicher, Mr. Firehand, freue mich darauf, meinen Morgan ein wenig ausreiten zu können und ihn näher kennen zu lernen.“

Wir trennten uns, als wir bei Mother Thick‘s ankamen und Firehand ging hinein. Zu Hause berichtete ich Mr. Wallace, der seine Mittagspause in Erwartung meiner Rückkehr daheim verbrachte, was ich am Vormittag alles mit Old Firehand unternommen hatte. Ich erzählte von den Verhandlungen beim Kauf des Morgan ebenso, wie von meinen leidlichen Schießproben. Obwohl ich das Lob von Firehand nicht erwähnte, meinte auch Wallace, dass diese Ergebnisse wohl eher vielversprechend, als „leidlich“ zu nennen wären und er meinte, dass er stolz auf mich sei.

Er ließ sich von mir den Morgan vorführen und fand, dass das Tier wohl ein wenig klein geraten sei. Wenn Old Firehand aber denke, dass es ein gutes Pferd sei, wolle er dem Kennerurteil nicht widersprechen. Er selbst habe von diesen Dingen ja nun einmal keine Ahnung. Auch den Sharps-Karabiner sah er sich näher an. Hierzu meinte er, dass dieser Hinterlader sicherlich seine Vorteile gegenüber den alten Kentucky-Rifles habe. Er schlug für den Morgan vor, ihn bis zu meiner Abreise in demselben Stall unterzubringen, in dem auch Firehand sein Pferd eingestellt hatte.

Beim Essen redete und redete ich in einem fort, was Mr. Wallace aber nicht störte, sondern im Gegenteil wohl amüsierte. Er erwähnte, dass er Mrs. Smith am Abend zum Dinner eingeladen habe. Sie habe aber nur unter Bedingung zugesagt, dass auch ich dabei sein solle, um über meinen Tag mit Firehand zu berichten.

Wie ich mich für Mr. Wallace freute, dem es endlich gelungen war, mit Mrs. Smith anzubandeln. Ich teilte ihm also mit, dass ich für drei Uhr mit Old Firehand zu einem Ausritt in die nähere Umgebung verabredet sei, sagte ihm aber zu, pünktlich am Abend wieder daheim zu sein.

Zu dem Ausritt mit Firehand bleibt zu berichten, dass wir einige Meilen in die Prairie ritten, um den Tieren ein wenig Auslauf zu gönnen. Hierbei machte der Morgan dem guten Eindruck, den Firehand gehabt hatte, alle Ehre. Er hielt einen längeren Parforceritt gut aus, ohne dass er dabei gegenüber dem Rappen Firehands zurückblieb.

Als wir nach einer guten Viertelstunde gestreckten Galopps nach und nach wieder in einen gemütlichen Schritt übergingen, ging der Atem meines Morgan so ruhig, als seien wir die ganze Zeit in dieser Gangart unterwegs gewesen.

Firehand lobte das Tier genauso wie ich und ich beschloss, dem Guten nach unserer Rückkehr eine extra Portion besten Hafers hinzustellen. Auch mit meinen „Reitkünsten“ war Firehand zufrieden. Er hatte noch den einen oder anderen Tipp für mich, meinte aber, dass ich gut mit dem Pferd harmoniere und sicher keine Probleme hätte, mit den anderen Schritt zu halten und einige Stunden täglich im Sattel zu verbringen. Wir kehrten also nach Jefferson zurück und ich stellte den Morgan zu Firehands Pferd. Wie ich mir vorgenommen hatte, bekam er seine Extraration. Anschließend ging ich nach Hause, um mit Mr. Wallace und Mrs. Smith den Abend zu verbringen.

Die beiden letzten Tage vor der Abreise vergingen im Fluge. Firehand nahm die beiden letzten erwarteten Kameraden in unsere Truppe auf. Ich nutzte die Zeit für Ausritte mit meinem Pferd, wobei ich auch viel mit dem Tier sprach. In Begleitung Old Firehands war mir das unangenehm, wusste ich doch nicht, was er von solchem Gebaren hielt. Ich flüsterte dem Tier des Abends, wenn ich es in den Stall brachte noch einige Dankesworte ins Ohr und sagte ihm, wie stolz ich auf ihn sei. Jedenfalls glaubte ich, dass das Pferd mich verstand und ich hatte das Gefühl, dass wir zukünftig gute Freunde würden.

Der Freitag kam und Firehand ging des Morgens zu Mr. Heintz, um dort sein neues Sharps-Gewehr abzuholen. Wir verabredeten uns für den Nachmittag, um die letzten Einkäufe zu erledigen. Schließlich brauchte ich noch strapazierfähige Kleidung und ein paar kleinere Ausrüstungsgegenstände. Ich packte noch ein paar Habseligkeiten in die Satteltaschen. Am Samstag wollten wir, früh am Tage, in Richtung Westen aufbrechen, um uns ein gutes Jagdrevier und einen Hide-Spot27 zu suchen.

Am Abend vor der Abreise hatte Mr. Wallace noch eine Überraschung für mich vorbereitet. Er hatte Old Firehands ganze Jagdgesellschaft, Mrs. Smith, Mrs. Thick, Mr. Masterson und den Gunsmith Mr. Heintz zum Dinner eingeladen. Mrs. Pittney, die die ganze letzte Woche ein Gesicht gemacht hatte wie „sieben-Tage-Regenwetter“, und Thomas hatten es sich nicht nehmen lassen, selbst ein mehrgängiges Menü zu zaubern und der Gesellschaft aufzuwarten.

Eine solche Gästeschar, wie an diesem Abend, hat es im Hause Wallace davor und sicher auch danach kein weiteres Mal gegeben. Es wurde viel erzählt und gelacht und die an solche Umgebung nicht gewohnten Trapper und Jäger gaben sich alle Mühe, den vermeintlichen Ansprüchen gerecht zu werden.

Als die Jagdgesellschaft später am Abend ging, verabschiedete sich der eine oder andere meiner künftigen Kameraden, indem er mir kräftig auf die Schultern klopfte, bis zum nächsten Morgen. Firehand machte sich zusammen mit ihnen auf den Weg zu Mother Thick’s, um noch einen tüchtigen Schlaf zu tun.

Nun wurde es still im Haus und der Rest der Gesellschaft ging zurück in die Stube, um noch einen Schlaftrunk zu nehmen, wie Mr. Wallace vorschlug. Wir, das heißt Mrs. Smith, Mrs. Thick, Mrs. Pittney, Mr. Wallace und ich setzten uns hin, wo gerade Platz war.

Thomas brachte noch ein paar Gläser und schenkte uns einen Irish-Whiskey ein. Nachdem wir unsere Drinks gelehrt hatten, waren es vor allem Mrs. Pittney und Mrs. Smith, die mir sagten, dass ich ihnen fehlen würde und dass sie Angst um ich hätten. Aber auch Verständnis dafür, dass ich mich aufmachen wollte, um meine Familie zu suchen. Zunächst müsste ich mich aber unbedingt an Mr. Firehand halten, um möglichst viel zu lernen und keine Risiken einzugehen.

Die drei Damen umarmten mich zum Abschied noch einmal herzlich und besonders Mrs. Pittney konnte es nicht verbergen, dass ihr ein paar Tränen die Wangen hinab liefen. Sie sagte, dass sie nun zu Bett gehen würde und in der Früh, wenn aufgebrochen werden sollte, noch einmal Lebewohl sagen wollte.

Mrs. Smith und Mrs. Thick machten sich auf den Heimweg und baten mich, nicht allzu lange fern zu bleiben und mich bald wieder zu Hause sehen zu lassen. Ich versprach, diesem Wunsch bald nachkommen zu wollen, ahnte ich doch heute noch nicht, wie lange ich fortbleiben würde.

Mr. Wallace und ich blieben noch ein wenig in der Stube und er sagte:

„Was für ein Abend. Ich beginne nun doch langsam zu begreifen, dass wir uns wohl für eine längere Zeit trennen müssen, mein Junge. Habe ja selbst alles so arrangiert, weil ich denke, dass es das Beste war, das ich tun konnte. Du hättest sicher alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die Suche selbst in die Hand zu nehmen. Da denke ich, es ist besser, dass du es mit meiner Zustimmung und Unterstützung tust. Außerdem konnte ich so dafür sorgen, dass du den besten Lehrmeister bekommst.

So müssen wir weniger Angst um dich ausstehen. Hatte ursprünglich andere Pläne mit dir, wie du ja weißt. Solltest einmal in das Bankgeschäft eintreten. Naja, hätte eigentlich schon früher wissen können, dass das nichts für dich wäre. Nun wirst du also erst einmal mit Mr. Firehand in den Westen gehen, um ein guter Scout und Jäger zu werden. Wie ich finde, die beste Voraussetzung, um deine Familie wiederzufinden. Das ist wohl alles was zählt, nicht?“

Er seufzte und sah mich an:

„Vergiss deinen alten Onkel nicht, wenn du da draußen bist. Du weißt, die Türen stehen hier immer für dich offen, auch wenn du hoffentlich bald deine eigentliche Familie finden wirst.“

„Niemals werde ich vergessen, was du alles für mich getan hast.“, sagte ich. „Ich hatte, bis zu dem Tag, an dem du mir alles berichtet hast, keine Pläne für meine Zukunft aber nun hat das Schicksal es entschieden. Ich hoffe, dass ich bei Firehand viel lerne und dann schnell auf die Fährten der Gesuchten stoße, um bald wieder hier zu sein.“

„Das will auch ich hoffen, mein Junge. Habe dich liebgewonnen, wie einen eigenen Sohn. Möchte hoffen, dass du findest, was du suchst aber auch, dass du weißt, dass ich weiterhin für dich da bin. So, und nun ist es genug, du musst morgen in aller Frühe fertig zum Aufbruch sein und brauchst noch eine Mütze voll Schlaf.“

Er drückte mich an sich und schickte mich dann in mein Zimmer. Er selbst blieb noch in der Stube. Wie lange er dort noch saß, weiß ich nicht. Aber ich wusste, dass ich ihn nicht unglücklich sehen wollte. Ich konnte mich aber damit beruhigen, dass er nicht allein zurückblieb. Wie ich heute Abend gesehen hatte, war er von vielen guten Freunden umgeben und endlich hatte er ja auch bei Mrs. Smith einen Anfang gemacht.

Kapitel III – Aufbruch

Der nächste Morgen kam und früh um Fünf stand ich auf, um mir meinen neuen Anzug anzulegen. Ich zog also die rindsledernen Hosen an. Das Jagdhemd aus weichem, hellgegerbtem Leder zog ich mir über die Schultern. Hierüber trug ich die ebenfalls rindslederne Jagdjacke, die mit einem breiten Ledergürtel zusammengehalten wurde. Daran hatte Firehand lederne Beutel befestigen lassen, welche zur Aufnahme einiger notwendiger Gegenstände dienten, wie zum Beispiel des sogenannten Punks, des Prairiefeuerzeuges. Den hirschledernen, dunkel gegerbten und stärkeren Mantel legte ich einstweilen noch nicht an. Meine Füße steckte ich in ein Paar aus weichem Leder gefertigte Stiefel, die mir bis zu den Knien reichten und von ledernen Schnüren gehalten wurden, ähnlich denen, die auch Firehand trug.

So ausstaffiert, den Mantel über der Schulter tragend, verließ ich mein Zimmer und ging die Stufen hinunter, um im Speiseraum die vorläufig letzte von Mrs. Pittney für mich bereitete Mahlzeit einzunehmen. Mr. Wallace war auch schon munter und wir aßen, wie sonst auch, unser Frühstück. Auch Mrs. Pittney ließ es sich nicht nehmen, sich dazu zu setzen, als sie mit den Arbeiten in der Küche fertig war.

Wir verhielten uns alle, als sei dies ein ganz normaler Morgen, da wir nicht wussten, was wir noch sagen sollten. Mrs. Pittney war allerdings so nervös, dass sie das Geschirr beim Abräumen fallen ließ und als ich ihr half, die Scherben aufzulesen, fiel sie mir um den Hals und schluchzte:

„Mach‘s gut, mein Junge und komm‘ bald wieder“!

Dann rannte sie aus dem Zimmer und ließ sich nicht wieder blicken. Ich selbst hatte auch ein mulmiges Gefühl, als ich die Teller und Scherben, von Mr. Wallace begleitet, in die Küche brachte. Die gute Mrs. Pittney hatte in der Aufregung alles stehen und liegen lassen, was ihr aber wohl niemand übelnahm.

Mr. Wallace sagte:

„Der Zeitpunkt des Abschieds rückt immer näher und ich weiß nicht, was ich dir noch mit auf den Weg geben soll, Junge! Es ist alles gesagt und du weißt, wie wir alle zu dir stehen.

Siehst gut aus, in deiner neuen Jägermontur. Ein bisschen kannst du noch reinwachsen, aber das ist ja auch gut so. Bei deinem momentanen Wachstum, müsstest du sonst schon bald einen neuen Anzug kaufen.“

Er lächelte und klopfte mir auf die Schulter, um mich in Richtung Ausgang zu bugsieren.

„Firehand wird deinen Morgan gleich mitbringen, denke ich, sodass du nicht erst noch zum Stall zu gehen brauchst.“

„Onkel, ich weiß nicht, wie ich dir für alles danken soll, was du für mich und meine Familie getan hast, aber ich werde versuchen, dich nicht zu enttäuschen und wieder zu kommen, sobald es sich einrichten lässt.“

Draußen ließ sich jetzt das Geklapper von mehreren Pferdehufen vernehmen.

„Ah, da kommen Firehand und seine Leute, um dich abzuholen.“, sagte Mr. Wallace.

Er drückte mich noch einmal an sich und öffnete dann die Tür, um mich hinaus zu begleiten. Firehand hatte, wie vermutet, meinen Morgan an den Zügeln mitgeführt und hielt mir diese hin. Er und seine Leute warteten darauf, dass ich meine Satteltaschen befestigte und aufstieg. Dabei trug ich mein Gewehr auf dem Rücken. Als ich aufgestiegen war, sah ich, dass an der rechten Seite, vor dem Sattel, ein hirschledernes Futteral zur Aufnahme des Karabiners befestigt war. Firehand lächelte mich an:

„Kannst ja deinen Karabiner nicht die ganze Zeit herumschleppen, jedenfalls nicht während des Reitens.“

Ich sah, dass er ebenfalls ein solches Futteral angebracht hatte, worin sein neues Gewehr steckte. Ein weiteres, älteres befand sich an der linken Flanke seines Rappen. Darin steckte seine alte Hawken-Rifle.

Er sah meinen fragenden Blick und sagte:

„Der Gunsmith hat mir diese beiden Futterale dazugegeben. Denke, als Revanche für die Bezahlung des Colts. Er wollte den ja auch noch verschenken, aber wie du weißt, bin ich ihm zuvorgekommen. Habe darüber letztlich kein weiteres Fass aufgemacht und die Geschenke angenommen.“

Ich steckte meinen Sharps-Karabiner in das Futteral und beugte mich noch einmal zu Mr. Wallace hinunter, um ihm nochmals zu danken und mich zu verabschieden. Er drückte mir kräftig die Hand und sagte:

„Hau schon ab, Junge und mach‘s gut.“

Harry Korner rief:

„Auf geht‘s, Boys!“

Er lenkte sein Pferd herum und ließ es die Firestreet hinauf, in Richtung Missouri traben. Die anderen folgten ihm auf dem Fuße und verabschiedeten sich von Mr. Wallace, indem sie die Hand an den Hut oder die Mütze hoben.

Ich winkte auch noch einmal und folgte den anderen. Firehand blieb noch zurück und wechselte ein paar Worte mit Mr. Wallace. Ich würde erst viel später erfahren, um was es hierbei noch gegangen war.

Bald waren die beiden außer Sicht. Wir waren am Stadtrand angekommen und hatten die freie Prairie vor uns und den Fluss zur Linken. Endlich ging es also los!

Wir ließen die Pferde ausgreifen und man merkte sowohl ihnen, als auch den Reitern an, dass sie froh waren, endlich wieder aus der Stadt herauszukommen.

Ich drehte mich nochmal um und sah hinter uns Old Firehand auf seinem Rappen heranpreschen. Dann schloss er sich uns an und hielt das gleiche Tempo. Zunächst hielt er sich zu Bulcher und Korner, die voranritten. Dahinter folgten die anderen Jäger jeweils zu zweit nebeneinander. Ich ritt am Ende des Zuges und fragte mich, was wohl alles auf uns zukommen würde. Würden wir einen guten Jagdgrund finden, auf Indianer treffen, feindliche Begegnungen haben?

War ich wirklich in der Lage, ein guter Jäger und Scout zu werden? Nun, … bald würde ich auf all diese Fragen wohl Antworten bekommen.

Old Firehand ließ sich später nach und nach weiter entlang des Zuges zurückfallen, wechselte ein paar Worte mit jedem der Kameraden. Schließlich kam er bei mir an und blieb an meiner Seite. Wir hatten, nachdem wir die Stadt weit hinter uns gelassen hatten, wieder eine ruhigere Gangart angeschlagen.

Er sagte:

„Endlich sind wir unterwegs, nicht wahr?“

Ich antwortete:

„Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie froh ich darüber bin, mit Euch reiten zu dürfen.“

„Doch, mein Junge, das kann ich. Ich denke, ich weiß, wie es in dir aussieht und meine, ich würde an deiner Stelle ebenso empfinden. Es freut mich, dass ich dafür Sorge tragen kann, dich auf den richtigen Weg zu setzen. Sollst die notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten erwerben, um deiner Bestimmung gerecht zu werden. Dazu werden wir jetzt einige Zeit und Gelegenheit haben. Später kannst du dann deine Familie suchen und vielleicht auch die Verbrecher Etters und Thibaut aufspüren. Was ich dazu beitragen kann, werde ich tun. Hoffen wir, dass du dann schnell auf ihre Fährte stößt.“

Nun schwiegen wir und so lenkte ich meine Aufmerksamkeit mehr auf das Terrain, durch das wir ritten.

Wir kamen jetzt immer mehr auf die offene Prairie und ich stellte fest, dass mein bisheriger Horizont doch ein sehr beschränkter gewesen war. Seit ich mich erinnern konnte, war ich so weit wie heute nicht von zuhause weg gewesen. Das Gelände war, sowohl auf der nordöstlichen Seite des Flusses, als auch in südwestlicher Richtung, weitgehend eben, unterbrochen nur von wenigen kleineren Erhebungen. Das Prairiegras reichte fast bis an die Bäuche der Pferde. Es war ein erhabener Anblick.

Hier, wo wir noch nicht sehr weit von Jefferson entfernt waren, gab es noch den einen oder anderen Hinweis auf das Vorhandensein von Zivilisation. So konnte man einige breite Schneisen im Gras sehen, die offensichtlich von Pferdefuhrwerken herrührten. Hier waren mehrere Reisende vorübergekommen, so dass dieser Weg, wie ich ihn hier einmal nennen möchte, wohl ein vielgenutzter Reiseweg nach Jefferson und von dort weiter in den Osten war. Je weiter wir aber, am Missouri entlang, in Richtung Nordwesten in die Prairie vordrangen, desto spärlicher wurden solche Hinweise.

Old Firehand hatte mir gesagt, dass wir heute noch bis Jamestown reiten wollten, also eine Strecke von ungefähr fünfundzwanzig Meilen, was einer recht guten Tagesdistanz zu Pferde entsprach. Jamestown war damals ein kleiner Weiler, dessen Name daher rührte, dass dort ein Brüderpaar des Namens „James“ einen Store eröffnet hatte. Außerdem gab es dort, wie ich am Abend feststellen durfte, bereits seit einigen Jahren ein Post-Office.

Als wir dort ankamen, ritten wir nur hindurch, da wir alles was wir brauchten, aus Jefferson mitgenommen hatten. Die Munitionsvorräte waren noch kaum angetastet. Bulcher und Sanders hatten am Nachmittag einige Prairiehühner geschossen, die wir uns des Abends am Feuer zubereiten wollten.

In einiger Entfernung von der Niederlassung gab es ein kleineres Wäldchen, an dessen Rand wir uns zur Nacht niederließen. Wir sattelten ab, hobbelten28 die Pferde an und sammelten in der Nähe ein wenig Holz zum Feuermachen.

Korner erklärte mir, dass ein solches Feuer in der Wildnis nicht zu viel Rauch entwickeln sollte und nicht zu weit sichtbar sein dürfte. Schließlich wisse man nie, wer sich in der Nähe aufhalte und daher sollte man vermeiden, möglicherweise feindlich gesinnte Menschen, auf sich aufmerksam zu machen.

Er schichtete daher ein wenig Holz rund um die Feuerstelle auf, um das Feuer von der Seite abzuschirmen und legte das Feuerholz im Kreise so zusammen, dass lediglich die Enden der Hölzer aneinanderstießen. Fachte man nun das Feuer in der Mitte an, so glomm nur eine kleinere Flamme, deren Höhe man dadurch regulieren konnte, dass man die Hölzer weiter zusammenschob oder auseinanderzog.

Da wir aber nun bald die Hühner zubereiten wollten, die Bulcher und Sanders schon gefiedert hatten, meinte er, könne man zunächst noch ein stärkeres Feuer anmachen. Firehand wollte jedoch erst die nähere Umgebung erkunden und also schauen, ob ein solches Feuer noch möglich sei.

Er bat mich, ihn zu begleiten. Als wir uns einige Schritte entfernt hatten, sagte er:

„Sind noch in ziemlicher Nähe der Siedlungen, daher denke ich, haben wir kaum etwas zu befürchten. Indianer streifen in diesen Gegenden schon seit mehreren Jahren nicht mehr umher und weißes Gesindel ist auch eher nicht in der Nähe von Ansiedlungen anzutreffen. Zumindest nicht, wenn es nichts zu holen gibt. Das Nest da drüben,“ er meinte Jamestown, „scheint mir nicht gerade eines mit goldenen Eiern darin zu seien. Wollen aber keine Vorsicht versäumen und unser Wäldchen und seine Umgebung ein wenig inspizieren.“

Er ging also leisen Schrittes voran und ich folgte ihm drein. Die Dämmerung senkte sich, wie immer in dieser Gegend, recht schnell herab, so dass uns nur wenig Zeit blieb, unsere „Inspektion“ bei Tageslicht durchzuführen.

Wir gingen noch eine gute halbe Meile in Richtung Jamestown, also nach Südost zurück, um uns dann nach Südwest zu wenden und in einem Umkreis von einer halben Meile unseren Lagerplatz im Uhrzeigersinn zu umrunden. Dabei hielt Firehand nach allen Seiten Ausschau. In dem hohen Prairiegras hielten wir uns gebückt, um von weitem nicht sofort gesehen zu werden, sollte sich jemand unserem Wäldchen nähern. Als wir unsere Runde vollendet hatten, war die Dämmerung schon weit fortgeschritten. Wir kehrten jetzt um, um uns dem Wäldchen wieder zu nähern. Nach einigen Schritten blieb Firehand stehen, hielt mich am Arm zurück und bat mich, ebenfalls stehen zu bleiben. Er fragte:

„Kannst du dir denken, weshalb ich hier stehen bleibe?“

Ich antwortete:

„Habe gesehen, wie Ihr die Nase in den Wind hieltet, bevor Ihr stehen bliebt, Mr. Firehand. Ich denke daher, dass auch ich jetzt einmal Witterung aufnehmen sollte.“

„Nun, was witterst du?“

„Ich rieche Rauch. Da der Wind von Nordwest kommt, also aus der Richtung unseres Lagerplatzes, denke ich, dass es sich um unser Feuer handelt.“

„Denke es auch. Da wir den Rauch bereits hier wahrnehmen können, muss es sich um ein größeres Feuer handeln. Also hat Korner, das alte ‘Coon, ohne unsere Rückkehr abzuwarten, das größere Kochfeuer bereits entzündet. Werde ihm dazu wohl noch Bescheid geben.“

Bei diesen Worten machte er auf mich aber nicht den Eindruck, als sollte dieser Bescheid allzu deutlich werden. Dann sagte Firehand:

„Hast übrigens eine gute Nase, mein Junge. Habe den Rauch tatsächlich auch erst an dieser Stelle bemerkt. Musst nur noch lernen, deinen Sinnen zu vertrauen und auf dieselben zu hören. Soll heißen, sie zu deiner Vorsicht zu nutzen.“

„Werde es mir merken“, sagte ich „und bei Gelegenheit meine Schlüsse ziehen.“

„Und welche wären das, in dem Falle, dass du Rauch bemerkst?“

„Nun, das liegt auf der Hand. Im Zweifel muss ich voraussetzen, dass der Rauch nicht von einem Feuer herrührt, das meine Kameraden unterhalten. Ich würde mich also vorsichtig und möglichst leise dem Feuer nähern und dabei versuchen, zu erkunden, welches die Ursache desselben ist oder wer das Feuer unterhält.“

„Schön und gut,“ meinte Firehand, „ob dies allerdings so gelingen würde, wie du dir das zu denken scheinst, möchte ich doch bezweifeln. Das Annähern oder, notwendigen Falles, das Anschleichen sind dann doch Fertigkeiten, zu denen viel Übung und Erfahrung erforderlich ist.“

„Mr. Firehand,“ unterbrach ich ihn, „mir ist klar, dass ich diese Fertigkeiten noch nicht besitze, aber Ihr wolltet wissen, welche Schlüsse ich ziehen würde. In meiner jetzigen Situation, würde ich also einen Kameraden auf meine Beobachtung aufmerksam machen und ihn bitten, der Quelle nachzugehen.“

„So ist‘s richtig, Junge. Leichtsinn kann hier leicht ins Verderben führen, aber wie ich mir bereits dachte, verschwende ich meine Ermahnungen an den falschen Mann. Es ist immer gut, wenn man seine Möglichkeiten und Fähigkeiten richtig einzuschätzen weiß. Scheint mir bei dir der Fall zu sein. Werde also meine Ermahnungen künftig sparsamer austeilen.“ Er lächelte mich an. „Heute Abend scheinen sie bei Korner auch angebrachter.“

Wir gingen weiter in Richtung des Wäldchens und konnten auch bald das Feuer sehen, das doch weit in die Ebene hineinschien, also tatsächlich recht groß sein musste.

Wir gingen vollends heran und als die Pferde unsere Annäherung bemerkten, schnaubte der Rappe Old Firehands vernehmlich. Clinton, der die Pferde beaufsichtigte, hielt sofort sein Gewehr schussbereit und schaute sich um. Als er uns sah, wollte er uns zunächst zum Stehenbleiben auffordern, konnte aber bereits erkennen, wen er vor sich hatte und ließ das Gewehr wieder sinken.

„Wenigstens einer ist hier wachsam“, meinte Firehand zu Clinton gewandt.

„Komm mit zum Feuer, Frank. Für die nächsten Stunden, ist keine Annäherung irgendwelcher Leute zu befürchten. Unser Freund hier und ich haben die Umgebung eine halbe Meile breit abgesucht. Innerhalb des Kreises waren keine verdächtigen Spuren zu bemerken und, soweit die Sicht reichte, auch keine Annäherung von Menschen.“

Clinton schloss sich uns an, und wir setzten uns zu den anderen an das Feuer. Firehand setzte sich neben Korner und ich sah, dass er diesem etwas zuraunte. Korner senkte ein wenig den Kopf und machte einen etwas betretenen Eindruck. Ich nahm also an, dass Firehand ihn wegen des zu früh entfachten Feuers zurechtgewiesen hatte. Dass er dies aber nicht vor der versammelten Kameradschaft tat, nahm mich noch weiter für ihn ein. Korner machte auch eher einen dankbaren, als einen gekränkten Eindruck.

Als wir die Hühner verspeist hatten, wurden die Wachen verteilt und das Feuer in der vorhin von Korner erklärten Weise weiter unterhalten. Firehand meinte, dass ein solches Feuer in dieser Gegend vertretbar sei. Außerdem seien genug Leute anwesend, um Wachen auszustellen und dennoch einen tüchtigen Schlaf tun zu können.

Diese Voraussetzung erwies sich als richtig. Nachdem meine Wache, die ich zusammen mit Bulcher hielt, vorüber war, legte ich mich schlafen und wurde früh am Morgen vom Kaffeeduft geweckt. Die Nacht war ohne Zwischenfälle verlaufen. Wir frühstückten ein wenig von den Resten des Huhns vom gestrigen Abend, tranken unseren Kaffee und machten uns fertig zum weiteren Ritt, bei dem wir den Bogen, den der Missouri hier nach Westen machte, abzuschneiden gedachten.

Am Abend des Tages hatten wir, nach einem ebenso weiten Ritt, wie am Vortag, die Gegend von Booneville erreicht. Hier waren wir an einem der letzten Vorposten der Zivilisation angekommen. Es gab hier Salzquellen, die vor allem die Brüder Nathan und Daniel Morgan Boone, Söhne des legendären Pioniers und Waldläufers Daniel Boone, einige Jahre ausgebeutet und das gewonnene Salz nach St. Louis verbracht hatten.

Wir machten an einer der inzwischen verlassenen Salzquellen halt und verbrachten hier die Nacht. Firehand wollte, weiter über Arrow Rock, den nächsten Bogen des Flusses abschneiden, und bei Carrolton am anderen Ufer, an einer ihm bekannten Furt, den Missouri überqueren. Von dort sollte es weiter nordwestlich durch die Prairie in Richtung Saint Joseph gehen. Hier wollten wir dann dem Lauf des Missouri weiter bis zur Mündung des Quicourt29 in den Missouri folgen. Firehand schätzte, dass wir für diesen Ritt ungefähr zwei Wochen brauchen würden.

Über den weiteren Weg entlang des Missouri gibt es im Grunde nicht viel zu berichten. Firehand führte uns durch die Prairie und Flusslandschaften und ich staunte über die Schönheit der Natur entlang der Strecke.

Tagsüber wechselten wir uns mit der Jagd ab und abends wurden am Feuer die erlegten Tiere zubereitet. Waren es zu Beginn unseres Ritts häufig Hühnervögel und Kaninchen, kamen wir später in Gegenden, in denen wir auch auf Elks30 und anderes Wild gehen konnten.

Firehand nutzte jede Gelegenheit, mich weiter zu unterweisen. So nahm er mich jedes Mal zur Seite, wenn wir auf eine Fährte stießen. Dann erklärte er mir, wie solche Fährten zu lesen waren.

Als wir nach ungefähr einer Woche den Nebraska31, einen der größeren Zuflüsse des Missouri überqueren wollten, hielten wir uns weiter westlich des Missouri und befanden uns damit mitten in der hier sanft hügeligen Prairie. Firehand kannte am Nebraska eine Furt. Die Ebene wurde hier durch einen Bach, den Cedar Creek, durchschnitten, der an der Furt in den Nebraska mündete.

Wir waren noch gute vier bis fünf Meilen von der Furt entfernt, als Firehand mich wieder einmal zu sich winkte. Er deutete in Richtung Norden und fragte mich, ob ich dort etwas Auffälliges bemerken würde. Ich sah in die angegebene Richtung und stellte, ungefähr einhundert Schritt voraus, eine Linie im Gras fest, die fast genau von Ost nach West verlief oder umgekehrt.

Ich sagte also:

„Ich sehe dort drüben eine deutliche Linie im Gras, die quer zu der von uns eingehaltenen Richtung verläuft.“

„Und was hältst du davon?“ fragte er.

„Ich denke, dass es sich um eine Fährte handelt.“

„Okay, damit wirst du wohl recht haben. Was für eine Fährte wird das sein?“

„Das kann ich nicht wissen, ohne dass ich sie mir angesehen habe.“

Die Kameraden waren nun auch herangekommen und beobachteten amüsiert, wie ich examiniert wurde. Bulcher lächelte wissend. Er konnte sich wohl denken, wie ich mich fühlte und dass ich einen Fehler unbedingt vermeiden wollte. Wir hatten des Abends, wenn wir uns lagerten und Firehand mich nicht für irgendwelche Übungen in Beschlag nahm, Freundschaft geschlossen.

Er hatte mir erzählt, dass auch er von Firehand in die Fertigkeiten eines Jägers und Prairiemanns eingewiesen worden war und wie sehr er sich noch heute ärgerte, wenn dieser einmal mehr unter Beweis stellte, dass er uns allen haushoch überlegen war. Aber er sagte, das stachele ihn nur an, noch besser zu werden. Er meinte, ich hätte die meisten der Kameraden bereits überflügelt und stelle mich gut an. Nun war er wohl neugierig, wie ich mich heute, bei der neuerlichen Prüfung Firehands, schlagen würde.

„Hm“, machte Firehand, „das kann man in diesem Falle schon wissen, ohne dass man hinüberreitet, um sich die Spur näher anzusehen, strenge mal deinen gar nicht so dummen Kopf an, Junge.“

So durch Firehand darauf aufmerksam gemacht, dass die Spur etwas an sich hatte, dass weitere Schlüsse zuließ, dachte ich nach und mir kam ein Gedanke.

„Nun, ich denke, es handelt sich um eine Fährte, die durch Menschen verursacht wurde, entweder um Fußgänger oder Reiter.“

„Wie kommst du darauf?“

„Die Spur verläuft schnurgerade. Ein einzelnes Tier, welches nicht von einem Menschen geführt wird, würde eine solch gerade Linie nicht einhalten, jedenfalls nicht über einen so langen Abschnitt.“

Die Fährte war in beiden Himmelsrichtungen weit sichtbar. Im Osten verlor sie sich am Horizont und im Westen überquerte sie eine der erwähnten weitläufigen Erhebungen.

„Kein schlechter Gedanke“, meinte Firehand, „sehe das auch so. Was glaubst du, in welcher Richtung sie verläuft.“

Jetzt war ich auf der Hut. War ich auf seine erste Frage nicht vorbereitet gewesen und hatte daher zunächst eine wenig geistreiche Antwort gegeben, sollte mir dies nicht noch einmal passieren. Ich überlegte also kurz und sagte dann:

„Ich denke, sie verläuft von West nach Ost.“

„Wieso das?“

„Seit einigen Stunden wehte uns der Wind von Osten um die Ohren, so dass er schon fast stürmisch genannt werden musste. Das hohe Gras hat sich daher nach Westen geneigt. Der Wind hat gerade vor etwa einer halben Stunde nachgelassen. Eine aus dieser Entfernung so deutliche Fährte kann eigentlich nur entstanden sein, wenn sich der oder die Menschen gegen den Wind bewegt haben, damit gegen die Neigungsrichtung der Halme, also nach Osten.“

Firehand schaute zu Bulcher hinüber, der breit grinste und nickte. Als ich wieder zu Firehand hinübersah, nickte der nur knapp, tippte anerkennend an seine Fellmütze und sagte:

„Alright, hast gerade wieder unter Beweis gestellt, dass man mit ein bisschen Grütze im Kopf eine ganze Menge anstellen kann. Werden uns jetzt aber diese Fährte doch einmal genauer ansehen, auch wenn ich denke, dass hier keine Gefahr vorliegt.

Wir befinden uns in der Nähe von The Barracks, einem Handelsposten an der Mündung des Nebraska, der ja inzwischen auch Platte River genannt wird, in den Missouri. Soll sich inzwischen zu einer echten Ansiedlung gemausert haben und heißt seit kurzer Zeit, ganz nach seiner Lage, Plattsmouth. Die Anwesenheit von Menschen in dieser Gegend ist also ganz natürlich und wird wohl keinen für uns gefährlichen Grund haben.“

Firehand sagte den Kameraden, sie sollten schon einmal weiter vorausreiten, immer am Cedar Creek entlang, in Richtung der Furt über den Nebraska, er werde mit mir die Spur noch weiter in Augenschein nehmen. Niemand hatte etwas dagegen. Nur Bulcher begleitete uns. Wir ritten also vollends zur Spur hinüber und konnten jetzt erkennen, dass sie nicht von Fußgängern ausgetreten worden war.

„Eindeutig Pferdespuren!“, meinte Bulcher, „was meinst du, Leo? Wie viele Tiere?“

Man konnte sehen, dass zwei Pferde nebeneinander geritten waren und mindestens ein weiteres Pferd dahinter oder davor geführt worden war. Ich schaute näher hin und stellte fest, dass die Eindrücke der Tiere von beschlagenen Hufen herrührten. Die Kanten der Beschläge waren eindeutig in dem saftigen Gras erkennbar. Die Spuren deuteten darauf hin, dass der einzelne Reiter den beiden nebeneinander geführten Pferden voraus war.

Ich teilte Firehand und Bulcher meine Beobachtungen mit. Firehand fragte:

„Wieso denkst du, das einzelne Tier sei voran geritten?“

„Nun, die Spur des einen Tieres wird zum Teil überlagert von weiteren Hufabdrücken. Die anderen Spuren, der nebeneinander geführten Tiere, weisen diese Besonderheit nicht auf. Dass es sich bei den überlagernden Abdrücken nicht um die der Hinterhand des voranreitenden Tieres handelt, wird deutlich, wenn man die Spur ein wenig zurück betrachtet, wo die Fährten der Tiere eine Zeit lang parallel verlaufen. Ich denke also, dass zwei Tiere dem voranreitenden Tier gefolgt sind.“

„Sehr schön, sehr schön. Und welche Schlüsse ziehst du nun aus deinen Beobachtungen?“

„Es handelte sich mit einiger Sicherheit um Weiße. Die Pferde von Indianern sind normaler Weise nicht beschlagen. Ebenso ist sicher, dass es sich, wie ich bereits sagte, um drei Tiere handelte. Das ist daran zu erkennen, dass nur zwölf unterschiedliche Hufabdrücke erkennbar sind, wovon vier weniger rund und etwas kleiner sind, als die anderen. Daher denke ich, dass hier zwei weiße Reiter auf Pferden vorüber gekommen sind, wovon einer einen Esel oder ein Maultier am Zügel oder Seil neben sich herführte. Es könnte auch ein Reiter auf dem Esel gesessen haben, ich denke aber, dass dies nicht der Fall war. Der Handelsposten am Missouri, zu dem diese Reiter höchst wahrscheinlich unterwegs waren, spricht dafür, dass der Esel oder das Maultier als Lasttier mitgeführt wurde, um die in Plattsmouth zu verkaufenden Waren zu tragen.“

„Spricht ganz wie ein Alter, meinst du nicht auch, Firehand?“, ließ Bulcher sich nun hören. „Denke aber auch, dass es so gewesen sein wird.“

„Ja, ich stimme euch zu.“, sagte Firehand, „Bin aber doch überrascht, was du schon alles aus diesen Spuren zu lesen vermagst, Leo. Ich sagte es ja vorhin bereits, ein wenig Grütze im Kopf ist doch zuweilen ganz hilfreich. Kann einmal wichtig werden oder sogar das Leben davon abhängen, sich bei solchen Spuren nicht zu irren. Was denkst du, wie alt diese Spur ist?“

„Ich meine, dass sie nicht älter als eine gute Stunde sein kann.“

„Oho,“ machte nun Bulcher, „verrennst du dich da nicht, Leo? Sicher, dass du das so genau weißt?“

„Ich denke schon. Habe schon zuvor gesagt, dass der Wind, der für das Niederdrücken des Grases in Richtung Westen verantwortlich war, vor nun ungefähr einer drei Viertelstunde nachgelassen hat. Wären die Reiter vorher hier entlanggekommen, wäre die Fährte nicht so deutlich gegen den Strich des Grases zu sehen. Der Wind hätte das gegen den Strich durch die Reiter aufgerichtete Gras wieder niedergedrückt. Dann wäre die Spur für uns erst sichtbar gewesen, wenn wir ihr viel nähergekommen wären.“

Bulcher schaute mich zunächst mit großen Augen an, dann fing er lauthals an zu lachen. Firehand sagte gar nichts und ich wollte schon unsicher werden, ob meine Schlüsse vielleicht einen großen Bock enthielten. Da beruhigte sich Bulcher wieder und sagte:

„Ich kann nicht glauben, dass du erst eine Woche mit uns hier draußen unterwegs bist. All deine Beobachtungen treffen den Nagel auf den Kopf. Ich kann Firehand förmlich ansehen, dass er das alles genauso auch beurteilt hat und nun mächtig stolz auf dich ist. Da hat er dich vor wenigen Tagen noch ein Greenhorn genannt und nun läufst du hier draußen rum, und erklärst einem alten Hasen wie mir, so mir-nichts-dir-nichts eine Fährte, ohne dabei auch nur einen kleinen Fehler zu machen. Bin auch vollends davon überzeugt, dass du mit deinen Schlüssen richtigliegst. Lass‘ dir mal von mir ein wenig auf die Schulter klopfen, Junge.“

Er kam auf mich zu und tat ausgiebig, was er angekündigt hatte, indem er klopfte, was das Zeug hielt. Firehand ergriff mich ebenfalls bei der Schulter, sah mich nur an und nickte. Mehr war nicht nötig.

Wir saßen auf, und ritten den anderen, am Creek entlang, hinterher, um sie noch vor der Furt über den Nebraska einzuholen. Ich empfand großen Stolz über das Lob meiner beiden Gefährten und hielt mich hinter ihnen, um das Gefühl noch ein wenig auszukosten.

Eine Verfolgung der Spur war nicht notwendig gewesen, da die Beobachtungen, die wir gemacht hatten, lediglich bestätigten, dass Weiße nach Plattsmouth gegangen waren, um dort Waren an den Mann zu bringen. Eine Gefahr für uns war deshalb nicht zu besorgen und so konnten wir unseren Ritt ohne Unterbrechung fortsetzen.

Bei der Furt gab es ein größeres Zedernwäldchen, nach welchem der Cedar-Creek, der hier in den Nebraska mündete, wohl benannt worden war. In der Nähe dieses Wäldchens machten wir für heute halt.

Firehand hatte eine Stelle zum Lagern ausgesucht, die besser gar nicht geeignet sein konnte. Wir hatten Wasser aus dem Nebraska und jenen Fluss direkt im Rücken. Nach Süden schloss unser Lagerplatz mit einem kleinen Buschwerk ab. Sodass wir nur eine Wache vor diesem Gebüsch abzustellen brauchten, um uns völlig sicher fühlen zu dürfen. Das Buschwerk musste ein von uns angefachtes Feuer weithin gegen Sicht abschirmen. Wir lagerten nicht an der Furt, sondern ein gutes Stück flussaufwärts derselben. Der Nebraska hatte hier eine größere Tiefe und Strömung. Es hätte wohl, zumal bei Nacht, kein Mensch gewagt, den Fluss hier zu durchschwimmen.

Nachdem wir jetzt neun Tage unterwegs waren, waren heute Firehand und ich an der Reihe, die Gesellschaft mit etwas Essbarem zu versorgen. Während unseres heutigen Rittes hatten wir keinerlei Wild oder Geflügel zu Gesicht bekommen. Hier in dieser Gegend konnten wir aber sicher sein, noch erfolgreich bei der Jagd zu sein. Firehand hatte deshalb und wegen des guten Lagerplatzes heute schon früher zum Lagern geraten. In der näheren Umgebung unseres Lagerplatzes hatten wir, außer ein paar Wasservögeln, keinerlei Tiere bemerkt. Es würde noch gute drei Stunden Tageslicht geben und so stiegen wir wieder in die Sättel, um noch ein wenig weiter westlich nach jagdbaren Tieren zu suchen.

Wir waren ungefähr eine halbe Stunde geritten, als Firehand sein Pferd anhielt und das Fernrohr, das er in einer seiner Satteltaschen mitführte, zur Hand nahm. Er richtete es auf eine Baumgruppe, die in südöstlicher Richtung vor uns lag. Als er einige Sekunden hindurchgesehen hatte, reichte er es mir mit den Worten herüber:

„Habe mir doch gedacht, dass wir hier auf größeres Wild treffen würden. Weiß noch von früher her, dass es hier Hirsche gibt. Handelt sich um White-Tails32. Geben einen saftigen Braten ab, denke ich. Sieh mal in Richtung des Wäldchens dort hinten. Wenn du den Rand absuchst, wirst du einen ausgewachsenen Hirsch beim Äsen sehen.“

Ich nahm das Fernrohr vor das Auge und suchte den Waldrand ab. Und …, ja da sah ich den Hirsch. Ich fragte:

„Wie kommen wir an ihn heran, um sicheren Schuss zu haben?“

„Der Wind geht nach wie vor von Osten. Wir kommen von Norden, er wird uns also nicht winden. Werden sicherheitshalber noch einen Bogen nach Südwest schlagen, dass wir gegen den Wind herankommen. Go on!“

Bei diesen Worten gab er seinem Rappen die Fersen in die Weichen und galoppierte in der angegebenen Richtung davon. Ich tat es ihm gleich und holte schnell auf.

Als wir gut eine halbe Meile westlich des Wäldchens an einem Gesträuch hielten, dass uns davor schützte, selbst gesehen zu werden, sahen wir den Hirsch, wie er sich äsend weiterbewegte. Wir waren jetzt in seinem Rücken. Firehand stieg ab, hobbelte seinen Rappen hinter dem Gesträuch an und mahnte mich, das Gleiche zu tun. Wir nahmen unsere Gewehre zur Hand und Firehand sagte:

„Kriegt uns nicht in die Nase das Tier, wollen aber nun vorsichtig sein. Wir werden noch ein gutes Stück zu Fuß herangehen und sehen, wie weit wir uns wagen können. Möchte, dass du ihn dann aufs Korn nimmst. Will doch sehen, ob du heute auch noch Jagdglück hast.“

Mit jedem Schritt, den wir uns dem Hirsch näherten, merkte ich, dass mein Puls schneller ging. Ich spürte, dass mich das Jagdfieber packte und muss gestehen, dass es mir schwerfiel, Ruhe zu bewahren. Firehand schritt voran und setzte näherkommend, immer vorsichtiger und geräuschloser einen Fuß vor den anderen. Als er hielt, wäre ich ihm fast in den Rücken gelaufen. Er drehte sich um und raunte mir zu:

„Machst ja einen Lärm, wie eine ganze Büffelherde.“ Er schaute mich an. „Hast einen knallroten Kopf! Sollte dich etwa das Jagdfieber gepackt haben? Atme einmal tief durch, Junge und dann folge mir weiter. Von jetzt an aber, werden wir uns langsam weiter heranrobben. Das Gras ist hier nicht so hoch, dass wir den Hirsch nicht sehen würden.“

Ich versuchte, wieder ruhiger zu werden und hielt mich neben Firehand. Als wir wieder eine ganze Strecke zurückgelegt hatten, konnten wir sehen, wie der Hirsch den Kopf hob und windete. Wir blieben jetzt liegen, wo wir waren und beobachteten weiter. Der Hirsch hatte nichts gewittert und fuhr fort, das Gras abzufressen.

„Sollten uns jetzt nicht mehr weiter heranwagen.“, meinte Firehand, „könnten uns sonst alles verderben. Ist ein vorsichtiger Bursche der Hirsch. Die Entfernung scheint mir auch passabel.“

Mein Puls ging immer noch schneller als gewöhnlich, aber seltsamer Weise merkte ich nun, wie ich immer ruhiger wurde, je näher der Moment kam. Ich nahm also meinen Karabiner vor und lud die Waffe durch. Auch Firehand lud seine Waffe und sagte:

„Liegend hast du hier keine gute Sicht. Ich würde ihn kniend anvisieren. Versuche einen Schuss in die Flanke. Leicht rechts oberhalb des Vorderbeines.“

Ich ging also in die kniende Schussposition und war nun sicher, das Tier nicht zu verfehlen. Als ich soeben den Abzug betätigen wollte, passierten zwei Dinge gleichzeitig. Aus den Wipfeln der Bäume des Wäldchens stoben ein paar Vögel auf, der Hirsch hob den Kopf und schnellte fast augenblicklich vorwärts. Ich versuchte, der Bewegung zu folgen und zog den Hahn durch. Der Schuss knallte und der Hirsch sprang weiter.

Jetzt hob Firehand das Gewehr und schoss. Der Hirsch knickte in den Vorderläufen ein und fiel ins Gras. Ich wollte schon aufspringen und hinübereilen, da hielt Firehand mich zurück und raunte mir zu:

„Wieder runter, Junge. Wollen abwarten, was nun passiert. Da drüben im Wäldchen gibt‘s Besucher. Jedenfalls hat irgendetwas die Vögel aufgestöbert und damit den Hirsch erschreckt. Also erst einmal liegen bleiben und beobachten.“

Wir blieben also liegen, wo wir waren und beobachteten das Wäldchen scharf. Aber es tat sich eine gute Viertelstunde nichts weiter. Die Vögel hatten sich auch wieder niedergelassen und man konnte ihr Gezwitscher vernehmen.

Firehand gab mir zu verstehen, dass er zum Wäldchen hinüberschleichen werde, um nachzusehen, ob nicht doch etwas oder jemand darin sei. Er gab mir sein Gewehr und einen seiner Colts. Nur mit dem anderen Revolver und seinem Messer bewaffnet, schlich er sich weiter an das Wäldchen heran. Als er den Waldrand erreicht hatte, konnte ich beobachten, wie er vorsichtig, jede plötzliche Bewegung vermeidend, in den Wald eindrang.

Ich blieb liegen, wo ich war und wartete mindestens eine halbe Stunde. Dann sah ich Firehand wieder auf dem Wege, den er für den Hinweg genutzt hatte, zurückkommen. Er ging aber aufrecht, zwar langsam und Geräusche vermeidend, aber doch, ohne darauf zu achten, ob er gesehen werden könnte. Ich stand also auch auf und er winkte mich herbei. Ich nahm unsere Waffen und ging ihm entgegen.

Er lächelte von einem Ohr zum anderen und sagte:

„Gibt Besuch dort drinnen. Aber keinen menschlichen. Schauen uns diesen noch einmal zusammen an und sehen dann, dass wir uns unseren Hirsch schnappen und zum Lager zurückkehren.“

Ich wunderte mich, was für ein nicht menschlicher Besuch dort im Walde stecken sollte, sah aber davon ab, danach zu fragen, weil ich mir dachte, dass Firehand mir nichts sagen würde, bevor wir nicht wieder dort wären.

Wir drangen also wieder in den Wald ein und näherten uns dessen Mitte. Je näher wir kamen, desto vorsichtiger wurden wir nun doch, bis wir uns endlich, wieder auf dem Boden liegend, vorwärts schlichen. Ich beobachtete Firehand, der voran schlich, genau, wie er es geschickt vermied, kleinere Ästchen oder loses Gestein mit dem Körper zu berühren, um kein Geräusch zu verursachen. Er räumte mir den Weg von diesen Dingen fast vollständig frei, so dass ich keine Mühe hatte, ihm genauso lautlos zu folgen. Jedoch merkte ich, wie sehr diese Körperhaltung mir Brennen in Arm-, Bein- und Rückenmuskeln verursachte --- und wir waren gerade einmal zehn Minuten in dieser Haltung unterwegs.

Dann kamen wir endlich am Ziel an. Firehand winkte mich zu sich heran und machte mir Zeichen, ja leise zu sein. Ich schob mich also vorwärts an das hier dichte Unterholz heran, um zu Firehand aufzuschließen. Dann schob er am unteren Rand ein paar Äste leise auseinander und ich konnte eine allerliebste kleine Lichtung sehen, die fast etwas von einer Höhle hatte, so dicht war sie von Laubwerk umgeben. Und genau in der Mitte derselben, saß --- ein Bär.

Ich zuckte fast zurück, so nah waren wir dem Bären gekommen. Dieser verspeiste gerade gemütlich einige Beeren, die es in dieser „Höhle“ in Massen gab. Er schien sich gerade deshalb hier zu befinden.

Nachdem Firehand mir einige Zeit gegeben hatte, mich an dem Tier sattzusehen, tippte er mich an und gebot mir, ihm voran, wieder zurück zu schleichen.

Wir zogen uns also zurück und ich versuchte, mich genauso zu verhalten, wie Firehand es auf dem Hinweg gemacht hatte. Als wir wieder am Waldrand angekommen waren, sagte er:

„Es ist ein Baribal33, eher ein Pflanzenfresser, wie du gesehen hast. Vorsicht ist aber auch bei ihm geboten. Wenn er aufgeschreckt wird, greift er auch den Menschen an. Ist dann ein nicht zu unterschätzender Gegner. Zwar kein Menschenfresser, wie der Grizzly aber immerhin.“

„Wollen wir ihn nicht auch schießen?“, fragte ich. „Soll doch einen famosen Braten geben, wie ich hörte.“

„Nein, Meister Petz hatte heute einmal Glück. Normaler Weise würde ich mir einen Bärenbraten auch nicht entgehen lassen, aber heute haben wir schon den Hirsch geschossen und dieser gibt mehr Fleisch, als wir zurzeit benötigen. Haben hier auch nicht die Möglichkeit, das Fleisch aus dem Pelz zu bekommen. Müssten also das Tier hier liegen lassen und könnten nur einen kleinen Teil mitnehmen. Wenn wir morgen wiederkämen, um uns zusammen den Rest zu holen, würden sich die Aasfresser der Prairie schon an unserem Bären gütlich getan haben. Auch möchte ich ein Tier nur töten, wenn ich das Fleisch brauche, nicht aber um es hier verrotten zu lassen.“

Dagegen gab es nichts zu sagen und er fuhr fort:

„Ich hole die Pferde, geh du schon einmal zu unserem Hirsch.“

Ich lief also die paar Schritte zu unserer Jagdbeute hinüber und schaute nach, ob ich überhaupt getroffen hatte. Da sah ich nun, dass Firehands Schuss genau dort getroffenen hatte, wohin ich zuvor gezielt hatte. Der meine lag etwa zwei Zoll weiter rechts und hatte eine Verletzung hervorgerufen, die nicht sofort tödlich gewesen war, so dass der Hirsch noch weiter springen konnte.

Jetzt kam Firehand mit den Pferden heran. Er stieg ab und untersuchte den Hirsch auch. Dann sah er auf, und sagte: „Guter Schuss, Leo.“ Ich sagte sofort:

„Jetzt hört aber auf, Mr. Firehand! Mein Schuss hat nicht das vorgegebene Ziel erreicht und Euer Schuss hat den Hirsch erst niedergeworfen.“

„Jetzt mach du mal halblang, Junge.“, gab Firehand darauf zurück. „Wenn ich mich nicht irre, war dies dein erster Schuss mit einem Gewehr auf diese Entfernung und dann auch noch auf ein bewegliches Ziel. Zudem wurdest du durch den plötzlichen Sprung des Hirschs überrascht. So wie ich das sehe, war das unter diesen Bedingungen ein hervorragender Schuss. Der Hirsch wäre ein paar Sprünge weiter auch zusammengebrochen. Wenn du mir nicht glaubst, kannst du ja nachher Bulcher um sein Urteil bitten, wenn wir uns den Braten schmecken lassen. So und jetzt hilf mir, den Bock auf dein Pferd zu heben. Wird dunkel und wir sollten uns auf den Rückweg machen.“

Ich schwieg dazu und wir machten den Hirsch, so gut es ging, auf dem Rücken meines Morgan fest, der sich dies auch gefallen ließ. Dann nahm ich hinter Firehand, auf dessen Rappen, Platz. Den Sattel hatte ich dem Morgan abgenommen, da dieser sonst von dem blutenden Hirsch besudelt worden wäre. Am Knauf haltend, trug ich den Sattel deshalb auf dem Rücken. Dies war zwar unbequem, aber zu Fuß zurück zum Lager zu gehen, wäre noch unbequemer gewesen. Zudem war es tatsächlich in den letzten Minuten schnell dunkler geworden.

Als wir am Lager ankamen, war es schon stockfinster und die Kameraden hatten bereits ein Feuer angefacht. Die ausgestellte Wache hörte uns herankommen und rief uns aus dem Gebüsch an:

„Halt, wer da?“

Wir konnten auf die kurze Entfernung, trotz der Finsternis, den langen Lauf einer Rifle auf uns gerichtet sehen. Firehand hielt den Rappen an.

„Wir sind es, Kirby. Hatten Glück bei der Jagd. Sitzen deshalb zu zweit auf meinem Pferd. Kannst die Gun also einziehen.“

Jetzt trat Kirby, ein langer, sehr hagerer, alter Weggefährte Firehands aus dem Gesträuch und tippte sich an den Hut.

„Konnte Euch bei der Finsternis nicht erkennen, Masters34. Stehe aber ja nicht hier, um Löcher in dieselbe zu starren, sondern, um zu wachen.“

„Schon recht, Alter.“, meinte Firehand. „Hattest uns schön gestellt. Wären wohl nicht an euch gekommen, mit dir auf Wache, Kirby.“

Kirby ließ jetzt, aufgrund des Lobes Old Firehands, grinsend seine schlechten Zähne sehen und winkte uns durch eine Lücke im Gesträuch, wo, einige Schritte entfernt, unsere Kameraden um ein Feuer lagerten.

„Ah, seid ihr endlich auch wieder zurück, Mesch‘schurs?“ rief Korner. Und dann: „Oh, was sehe ich da auf dem Gaul unseres Greenhorns? Einen ausgewachsenen White-Tailed. Na, das gibt einen schönen Braten, … einen guten Braten.“

Nun sprangen doch einige Kameraden auf und wollten sich unsere Beute näher ansehen. Bulcher war einer der ersten, die herankamen. Er packte denn auch gleich mit an, um den Hirsch vom Pferde herunter zu heben.

„Schönes Tier.“, meinte er. „Wie geht die Geschichte zu dieser Beute?“

Er sah mich dabei an, ich zuckte jedoch nur mit den Schultern. Daraufhin sah er zu Firehand herüber, dieser sagte:

„Lass gut sein, Bill. Können später darüber reden. Jetzt lasst uns dem Hirsch erst einmal den Rock ausziehen, damit wir alle zu unserem Stück Fleisch kommen.“

Das ließen sich die Jäger nicht zweimal sagen. Die Messer wurden gezogen und in kurzer Zeit brieten die ersten Stücke Fleisches an dem Spieß über dem Feuer. Als alle sich satt gegessen hatten, fragte Bulcher Firehand erneut, wie die Jagd auf den Hirsch verlaufen war. Firehand erzählte das vorgefallene, ließ aber die Begegnung mit dem Bären aus.

Bulcher sagte dazu:

„Habe mir schon gedacht, dass unser Neuzugang sich wieder auszeichnen würde. Hätte noch gefehlt, dass ein solcher Neuling auch hier gleich beim ersten Schuss auf ein flüchtendes Wildtier ins Herz getroffen hätte. War aber, wie du schon sagtest, Firehand, ein hervorragender Schuss. Bin sicher, dass hier keiner besser geschossen hätte, als du es heute getan hast, Leo.“

Aus allen Richtungen wurde Zustimmung geäußert. Ich war zwar nicht davon überzeugt, dass wirklich keiner der anderen ein solchen Schuss getan hätte, war aber doch zufrieden. Wenigstens hatte Firehand nicht übertrieben, als er von einem hervorragenden Schuss gesprochen hatte.

Jetzt entspann sich eine der lebhaften Lagerfeuer-Unterhaltungen unter Prairiemännern, wie ich sie später noch des Öfteren erlebt habe und wie ich sie immer mochte. Jeder hatte sein eigenes erstes Jagderlebnis zu berichten und so kamen einige interessante, spannende aber auch lustige Erlebnisse zur Sprache. Eben erzählte Clinton, wie er bei seiner ersten Jagd auf Büffel beinahe von einem ausgewachsenen Bullen aufgegabelt worden wäre, da stand Bulcher, der die Geschichte wohl schon des Öfteren gehört hatte, auf und sagte:

„Werde mal draußen, den alten Kirby ablösen. Hat sicher auch noch einiges zu erzählen, der alte Waldläufer.“

Er ging durch die bereits erwähnte Lücke im Gebüsch und bald darauf kam Kirby, um sich zu uns zu setzen.

Er nahm sich auch ein Stück Hirschbraten und hatte kurz darauf tatsächlich einige Jagderlebnisse zu berichten. Firehand stand jetzt auch auf und sagte:

„Das Feuerholz geht zur Neige, werde also ein wenig Nachschub holen.“

Er entfernte sich vom Lager. Ich wollte noch einmal nach meinem Pferd sehen und stand daher auch auf, um mich in der entgegengesetzten Richtung vom Feuer zu entfernen. Wir hatten die Pferde nur angehobbelt, so dass sie sich doch in einigem Umkreis vom Lager bewegen konnten. Zwar sollte die Wache die Tiere im Auge behalten, aber ich fand meinen Morgan nicht sofort. Er hatte sich doch sehr weit in die Richtung des Gebüsches bewegt, bei dem Bulcher auf Wache saß.

Bei der Suche nach meinem Pferd kam ich dem Wachtposten daher sehr nahe, war aber zunächst noch durch das Gebüsch gedeckt. Da hörte ich, dass Bulcher nicht allein war. Er sprach mit jemandem. Ich wollte gerade die paar Schritte zu meinem Pferd weitergehen, wobei ich aus dem Sichtschatten des Gesträuchs getreten wäre, da hörte ich die Stimme Old Firehands, der gerade zu Bulcher sagte:

„Ich sagte dir doch, der Junge ist besonders. Habe noch keinen kennengelernt, der sich so leicht in die Dinge hineingefunden hat, wie er.

Erst reitet er, als hätte er nie etwas anderes getan, dann schießt er mit dem Gewehr, wie ein Alter. Beim Spurenlesen leistet er bereits, ohne größere Anleitung, erstaunliches und nun heute dieser Schuss auf ein Wildtier bei seiner ersten Jagd mit einem Schießeisen.“

„Stimmt schon. Der Junge ist fast fertig, ohne groß in die Lehre gegangen zu sein. Hat bereits jetzt mehr Verstand und Können gezeigt, als die meisten unserer Kameraden. Ist aber doch ein Greenhorn.“

„Egad, wieso dieses Wort? Habe es mir bereits abgewöhnt, ihn mit diesem Wort zu ärgern. Ist ja auch unpassend für einen wie ihn.“

„Sehe das anders, Firehand! Der ist noch so grün, dass ihm gar nicht klar ist, wieviel er bereits jetzt zu leisten im Stande ist. Sollten ihm aber auch nicht zu viele Lorbeeren winden, meine ich, könnte ihm zu Kopf steigen. Habe dies heute zwar selbst bereits getan, denke aber, dass das anders werden muss.“

„Hast zwar recht, was seine Unwissenheit betrifft, ich glaube aber nicht, dass er zur Überheblichkeit neigt.“

„Nun, das kann man nicht wissen. Wir kennen ihn im Grunde auch erst ein paar Tage. Aber ich denke auch, dass du ihn richtig einschätzt. Trotzdem muss er sich erst noch im Ernstfall beweisen. Hatten bisher keine Indianer zu fürchten, was aber jetzt bald anders werden kann. Wollen hoffen, dass sie uns nicht feindlich gesinnt sein werden, aber man kann ja nie wissen. Kommen wir in eine Lage, in der Kaltblütigkeit und Erfahrung den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen, wird sich zeigen, was wirklich in ihm steckt.“

„Auch hier pflichte ich dir bei. Dennoch denke ich, dass wir auch in diesem Punkt auf ihn bauen können. Vorhin, beim Anschleichen an den Hirsch, konnte ich ihm zunächst anmerken, dass er sehr aufgeregt war. Immerhin war es seine erste richtige Jagd. Als er aber anlegen sollte, hatte er sich wieder voll unter Kontrolle. Hielt sein Gewehr so ruhig, als gelte es nur, wieder eine Zielscheibe zu treffen.“

„Sollte mich freuen, wenn du recht behieltest. Ist mir ziemlich ans Herz gewachsen der Junge und daher wäre ich mächtig stolz, wenn er einmal ein tüchtiger Scout und Prairiemann würde, von dem wir sagen könnten, er habe seine ersten Schritte bei uns getan.“

Firehand stimmte wiederum zu und machte nun die Bemerkung, dass er noch Feuerholz sammeln wollte und ich schlich mich deshalb wieder ein paar Schritte rückwärts, um vorgeben zu können, soeben erst hier angekommen zu sein, um nach meinem Pferd zu sehen.

Ich ging dann wieder, absichtlich vernehmbareren Schrittes, um das Gesträuch herum, so dass Bulcher rief: „Halt, wer dort?“

Ich gab zurück:

„Ich bin´s, Mr. Bulcher. Wollte noch zu meinem Pferd, muss sich hier irgendwo herumtreiben.“

Ich sah so eben noch, wie Firehand wieder in der Lücke im Gebüsch verschwand und gab mir den Anschein, ihn nicht bemerkt zu haben.

„Dein Pferd? Muss gleich da vorn rechts stehen, schlich eben noch hier vorüber.“

„Ah, ja da ist er. Muss ihm doch noch eine gute Nacht wünschen.“

„Recht so, Junge. Das Tier hat es verdient, dass du dich kümmerst. Werde meinem Gaul gleich auch noch einen Abendbesuch abstatten.“

Unser Wortwechsel war beendet und so ging ich die paar Schritte hinüber zu meinem Pferd. Nachdem ich dem Tier noch ein paar Worte zugeflüstert hatte, legte es sich hin und ich ging zurück zum Feuer, um meine Decken zu holen. Ich wollte bei dem Morgan schlafen. Als ich zurückkam, legte ich meinen Kopf an seinen Hals, was sich das Tier gern gefallen ließ. In all den Jahren, in denen ich in far-west unterwegs war, hatte ich es danach immer so gehalten.

Vor dem Einschlafen dachte ich noch über das zufällig belauschte Gespräch zwischen Firehand und Bulcher nach. Wie man sich denken kann, hatte ich zwar ein schlechtes Gewissen, weil ich gelauscht hatte, war aber doch an diesem Abend ziemlich zufrieden mit mir. Ich nahm mir vor, die beiden nicht zu enttäuschen, sollte es auf unserem Ritt hart auf hart kommen und wir auf feindliche Indianer stoßen. Diesen Überlegungen nachhängend, schlief ich schließlich ein.

Am Morgen danach brachen wir doch nicht gleich wieder auf, sondern nahmen erst ein ausgiebiges Bad im Fluss. Jener machte ein paar Schritte weiter eine Krümmung, in deren Ausbuchtung die Strömung kaum spürbar war und wo deshalb ein angenehmes und ungefährliches Baden möglich wurde. Nach den Tagen im Sattel, empfand ich es als geradezu paradiesisch, mich einmal ausgiebig reinigen zu können. Den anderen schien es ebenso zu gehen und so brachten wir noch fast den halben Tag hier an der Mündung des Cedar Creeks zu.

Kapitel IV – Eine Falle

Erst am frühen Nachmittag brachen wir auf, um unseren Ritt in Richtung des Quicourt fortzusetzen. Wir ließen mehrere Handelsposten der American-Fur-Company rechts, also östlich von unserer Route, liegen. Diese Handelsposten, wie Bellevue, hatten sich in den letzten Jahrzehnten hier gebildet. Wer hier am oberen Missouri Pelze und Felle an den Mann bringen wollte, ging zur Fur-Company, die hier keine Konkurrenz hatte. Auch wir hatten vor, unsere Beute hier nach ein paar Monaten in Geld und andere Waren umzuschlagen, bevor es nach Jefferson City oder weiter in den Osten zurückgehen sollte.

Diese Posten führten nach und nach auch zu einer Besiedelung durch Auswanderer und Settlers35, die aus dem Osten herzogen. Erst vor kurzer Zeit war etwas weiter nördlich, direkt am Missouri, die Ortschaft Omaha-City gegründet worden.

Wir aber strebten weiter nach Nordwesten, in die Jagdgründe der Omaha, nach denen auch die soeben genannte Ortschaft benannt war, und der Pawnee. Während die Omaha inzwischen stark dezimiert worden waren und in der Nähe der Handelsposten der Fur-Company in Dörfern lebten, waren die Pawnee, wenn auch nicht mehr so zahlreich wie noch Ende des 18. Jahrhunderts, noch ein starker Stamm, der ein großes Gebiet zwischen dem Nebraska und dem Quicourt beanspruchte und der diesen Anspruch auch immer noch gegen feindliche Stämme und Eindringlinge weißer Hautfarbe verteidigte. Mit ihnen hatten wir also zu rechnen und mussten jetzt noch weit vorsichtiger sein, als dies bisher der Fall gewesen war.

Der Nebraska machte westlich von der Furt, an der wir ihn überquerten, einen Bogen nach Norden und so hielten wir uns in der Mitte der Ebene zwischen dem Missouri und dem Nebraska. Unser nächstes Etappenziel war Fontanelle am Elkhorn River, welches wir am nächsten Abend zu erreichen trachteten. Hier wollten wir unsere Munitionsvorräte aufstocken. Da es an unserem Ziel, den Jagdgebieten am Quicourt, keine Handelsposten, geschweige denn, Siedlungen gab, hatten wir vor, uns in Fontanelle mit allem zu versorgen, was wir für die nächsten Monate brauchten.

Wir hielten uns also an diesem Nachmittag in Richtung Nordwesten und hofften bis zum Abend noch ein gutes Stück Weges unter die Hufe nehmen zu können, um den Elkhorn River zu erreichen und dort zu lagern. Am nächsten Tag sollte es dann, entlang des Flusses, nach Fontanelle gehen.

Als wir am fortgeschrittenen Nachmittag in die Nähe des Elkhorn kamen, hielt Firehand, der uns heute weit voranritt, plötzlich seinen Rappen an und stieg ab, um etwas auf dem grasigen Boden zu untersuchen.

Wir waren noch gut eine halbe Meile zurück und so sprach ich Bulcher auf das Verhalten Firehands an. Dieser hatte es auch bereits gesehen und erwiderte:

„Scheint mir eine Fährte zu sein, die er da näher betrachtet. Und zwar eine nicht so eindeutige Fährte, sonst wäre er kaum deswegen abgestiegen. Will mir gar nicht gefallen. Hoffentlich bekommen wir es nicht schon jetzt mit den Rothäuten zu tun. Sieh, er hat sich schon wiederaufgerichtet und erwartet uns. Wollen also den Pferden einmal ein wenig Wind um die Ohren gönnen. Bin doch neugierig, was es dort zu sehen gibt.“

Wir gaben unseren Pferden die Fersen und schon galoppierten wir, den andern voran, zu Firehand hinüber. Dieser machte ein ernstes Gesicht, als wir bei ihm anlangten und hieß uns abzusteigen. Er wies auf eine ziemlich ausgetretene Spur im Gras hin und bedeutete uns, sie ebenfalls zu inspizieren.

Wir schritten ein wenig entlang der Fährte auf und ab und Bulcher sah mich nach einigen Minuten auffordernd an. Ich sollte also, einmal mehr, zuerst meine Meinung zu der Fährte äußern. Allerdings muss ich gestehen, dass mir zu dieser Spur nicht viel einfiel. Das Gras war hier vergleichsweise kurz und so war die Spur nicht schon von weitem sichtbar, wie es bei der gestern beobachteten Spur der Fall gewesen war. Ich sah Firehand fragend an und auch er gab mir zu verstehen, dass ich meine Meinung äußern sollte.

Ich sagte also:

„Die Spur führt hier von Südwesten kommend, nach Norden weiter. Außerdem glaube ich, erkennen zu können, dass sie von berittenen Pferden herrührt. Zwar ist die Fährte ziemlich ausgetreten, wird also von einer größeren Zahl Reitern stammen, dennoch sind an manchen Stellen, dort weiter links, einzelne Hufabdrücke sichtbar. Hier ist erkennbar, dass die Tiere unbeschlagen waren, also höchstwahrscheinlich Indianern gehören. Ich kann noch nicht genau beurteilen, wie alt die Fährte ist, weil ich die notwendigen Kenntnisse dazu noch nicht erlernt habe. Ich denke aber, dass sie noch nicht sehr alt ist, weil sich die Halme noch kein bisschen wiederaufgerichtet haben und weil die Halme an den Rändern der sichtbaren einzelnen Hufabdrücke, noch feuchte Knickstellen aufweisen.“

„Sehr gut beobachtet.“, meinte Firehand. „Alles soweit richtig. Nach meiner Schätzung ist die Fährte gut zwei Stunden alt. Wäre sie älter, wären die Knickstellen bereits wieder angetrocknet und angesichts der Witterung, hätte sich das Gras bereits wieder ein wenig aufgerichtet.“

„Wie hoch schätzt du die Zahl der Reiter ein?“, fragte Bulcher.

Firehand gab zurück:

„Ich denke, dass hier mindestens zwanzig, wenn nicht gar dreißig Redmen36 geritten sind. Da sie im Gänsemarsch, hübsch ein Pferd hinter dem anderen, geritten sind, denke ich, dass sie etwaige Feinde im Unklaren über ihre Zahl lassen wollten, sich also folglich vor Feinden in Acht nehmen müssen und sich möglicherweise auf dem Kriegspfad befinden.“

„Das scheint mir auch so und es gefällt mir gar nicht. Denke wir müssen erfahren, um welchen Stamm es sich handelt und wohin sie unterwegs sind. Wenn wir darüber Bescheid wissen, können wir drohenden Gefahren vielleicht ausweichen.“

„Völlig richtig, Bill. Ich werde daher mit Leo dieser Spur nachreiten und versuchen, diese Dinge in Erfahrung zu bringen. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, werde ich die Roten beschleichen. Leo kann dann auf unsere Pferde und meine Waffen achtgeben.“

Jetzt waren auch die Gefährten herangekommen und hatten die zuletzt gesprochenen Worte Firehands gehört. Dieser war bereits wieder auf sein Pferd gestiegen und ich tat es ihm gleich. Dann beugte er sich zu Bulcher hinunter, um ihm weitere Instruktionen zu geben. Firehand, der diese Gegend hier gut kannte, gab Anweisung, der Trupp solle sich immer am Ostufer des Elkhorn Rivers halten. Nach Verlauf einer guten Stunde werde man auf ein Wäldchen, direkt am Fluss gelegen, stoßen. Der nördliche Rand dieses Wäldchens eigne sich gut zum Lager für die Nacht. Da dieser Waldrand sehr dicht mit Unterholz und Gesträuch bestanden sei, sei eine feindliche Annäherung kaum möglich, müsse aber mindestens gehört werden. Der Rand des Wäldchens bilde dort eine Art Bucht, die von drei Seiten mit diesem Gesträuch eingeschlossen sei, sodass man nur die Seite nach Norden scharf im Auge behalten müsse. Ein Feuer solle nicht gebrannt werden, da man nicht wissen könne, ob Feinde in der Gegend seien. Daher müssten die Reste des Hirschs vom gestrigen Abend verspeist werden.

Bulcher gab diese Instruktionen weiter, während auch er wieder auf sein Pferd stieg, und setzte mit den Kameraden den Weg fort. Firehand und ich ritten der Fährte nach, um zu kundschaften. Dies war also mein erster Erkundungsritt oder –gang. Wie oft sollte ich später noch solche Ritte unternehmen?!

Jetzt war mir aber schon ein wenig seltsam zumute. Hatte ich in meinem Leben bisher noch nie mit Indianern zu tun gehabt, so sollte ich hier und jetzt vielleicht dabei sein, einen ganzen Trupp von ihnen zu beschleichen.

Ich nahm die Tatsache, dass Firehand mich auf diesen Ritt mitnahm, als Vertrauensbeweis und nahm mir vor, dieses Vertrauen zu rechtfertigen. Er saß vornübergebeugt auf seinem Pferd und ließ die Spur dabei nicht aus den Augen. Dann sah er zu mir herüber und sagte:

„Wollen die Pferde ausgreifen lassen. Haben nicht mehr lange Tageslicht und ich will so nah wie möglich an die Roten herankommen, bevor wir die Fährte nicht mehr sehen können.“

Er setzte seinen Rappen in Galopp und ich musste meinen Morgan anspornen, um mit ihm Schritt zu halten. Er hielt weiter die Fährte im Auge und wir fegten über die Prairie in Richtung Norden.

Nach dem Verlauf von ungefähr einer halben Stunde, konnten wir, nach einem wahren Parforceritt, am nördlichen Horizont einen dunklen Strich wahrnehmen. Firehand ließ seinen Rappen langsameren Schrittes gehen und so näherten wir uns diesem Strich weiter. Nach wenigen Minuten stieg Firehand ab und setzte sich auf den Boden. Seinen Rappen veranlasste er, sich ebenfalls auf den Boden zu legen. Ich konnte mir sein Verhalten nicht erklären, stieg aber auch ab und ließ den Morgan sich ebenfalls hinlegen.

Firehand sah mich an und fragte:

„Warum machst du so ein zweifelndes Gesicht? Weißt wohl nicht, warum wir hier halten?“

„Ehrlich gesagt, nein! Setzen uns hierhin, als gäbe es keine Gefahr für uns und als hätten wir nichts zu tun. Leuchtet mir nicht ein.“

„Wirklich nicht? Überlege mal, Leo! Kannst sicher selbst darauf kommen. Mache das hier nicht ohne Grund, wie du dir denken kannst.“

Jetzt machte ich wohl einen noch geistreicheren Eindruck als zuvor und Firehand sah mich erwartungsvoll, schmunzelnd an. Nach einigen Sekunden glaubte ich dann doch, sein Verhalten zu durchschauen. Er merkte wohl an meiner Miene, dass ich auf etwas gestoßen war und fragte daher:

„Nun? Eine Idee?“

„Yes! Denke, ich habe es jetzt begriffen. Der Strich dort am Horizont wird wohl ein Wald oder wenigstens größeres Buschwerk sein. Ich nehme an, dass die Indianer dort lagern werden, weil auch sie erst vor kurzem hier vorübergekommen sind und so ein Gehölz für sie ein gutes Versteck gäbe.

Es ist jetzt noch Tageslicht vorhanden, die Roten würden uns also kommen sehen, wenn wir weiterritten. Das gilt es zu vermeiden. Also warten wir hier bis es dunkel wird, um uns dann dem Wäldchen so weit zu nähern, wie dies gefahrlos möglich ist. Dann werdet Ihr wohl die Indianer beschleichen und wenn möglich belauschen.“

„Sehr richtig. Du siehst, man sollte das Gehirn nicht abschalten, wenn ein vermeintlich erfahrenerer Prairiemann zugegen ist. So kommt man, mit ein bisschen Überlegung, auch selber auf diese einfachen Dinge.“

Er hatte recht. So wie es wohl auch die anderen Kameraden taten, wenn Firehand anwesend war, hatte ich mich voll und ganz darauf verlassen, dass er für mich mitdachte, die erforderlichen Maßnahmen ergriff und Anweisungen gab.

„Nun, Ihr habt recht und ich werde zukünftig daran denken, mein bisschen Grips zusammenzunehmen, zumal wenn es eine Gefahr gibt.“

„Recht so, Junge. Genau das wollte ich mit meiner Rede erreichen.“

Wir warteten nun bis zum Einbruch der Dunkelheit und brachen dann auf, um uns dem Wäldchen weiter zu nähern. Zunächst konnten wir wieder reiten, weil jetzt kurz nach der Dämmerung noch kein Mondschein zu bemerken war und wir also nur wenige Schritt weit sehen konnten.

Firehand ritt wieder voran und nach einigen Minuten, ich war sicher, dass wir uns in der Richtung zu dem Gehölz nicht getäuscht hatten, hielt er an und sog die Luft durch die Nase ein. Auch ich hatte schon Rauch wahrgenommen und sagte daher:

„Scheint ein Feuer da drüben zu geben. Ich rieche Rauch.“

„Gute Nase, Junge. Habe es auch soeben erst gemerkt. Brennen ein Feuer die Roten. Wir sollten also hier absteigen. Weiterzureiten, wäre fahrlässig. Der Hufschlag ist zu weit vernehmbar, zudem werden die Indianer Posten ausgestellt haben, die jedenfalls auch zwischen hier und dem Gehölz streifen.“

„Alright, werde also die Pferde beaufsichtigen. Wollt Ihr gleich hinüberschleichen.“

„Ja, das scheint das Beste zu sein. Noch sind die Roten mit der Einrichtung Ihres Lagers beschäftigt. Vielleicht sind die Posten noch gar nicht an ihren Plätzen. Da ist es leichter, an sie heranzukommen.“

„Wie lange werdet Ihr brauchen?“

„Das kann man nicht wissen. Jedenfalls brauchst du dich nicht zu sorgen, solange es ruhig bleibt. Ich nehme einen der Colts mit. Gerate ich in Gefahr, wirst du die kurzen, scharfen Schüsse vernehmen. Dann springst du auf deinen Gaul, nimmst den meinen beim Zügel und reitest in die Richtung des Gehölzes.

Ich werde versuchen, mich durch Flucht in deine Richtung zu retten. Sollte ich es heil auf diese Prairie hier schaffen, werde ich mich durch lautes Rufen bemerkbar machen. Dann kommst du zu mir, und wir können die Flucht zusammen auf den Pferden fortsetzen. Bleiben meine Rufe aus, kehrst du um und suchst die Gefährten. Wo diese sind, hast du vorhin ja mitbekommen. Das Weitere wird sich dann finden.“

„Sollte ich hier an dieser Stelle bleiben, um auf Euch zu warten?“

„Ich denke, ja. Zwar wissen wir nicht, wie nahe wir schon an die Roten herangekommen sind. Doch glaube ich, dass wir gerade so nah sein werden, wie notwendig, falls du mir zu Hilfe kommen musst aber doch weit genug entfernt, um hier nicht von streifenden Posten entdeckt zu werden.

Für alle Fälle lasse ich dir meinen zweiten Colt hier. Hast ja nur das Gewehr. Wenn dich aber doch ein Posten hier bemerkt, wirst du ihn wohl erst sehen, wenn er schon bei dir ist. Dann brauchst du eine Waffe für den Nahkampf. Aber merke dir, nutze sie nur im absoluten Notfall. Wir müssen versuchen, unbemerkt an die Redmen heranzukommen und auch wieder zu verschwinden.“

„Selbstverständlich, Mr. Firehand. Good Luck!“

„Ach, noch etwas Junge. Falls wirklich ein Indianer hier vorbeischleichen sollte, sieh zu, dass dich dein Pferd nicht durch Schnauben verrät. Zu diesem Zweck bedeckst du ihm die Nüstern mit der Handfläche. Mein Rappe hat indianische Schule, habe ihm schon angezeigt, dass er sich ruhig verhalten muss, bis ich wieder zurück bin. Er wird aber nötigen Falls mit dir kommen, wenn du ihm die Worte „hiyupo Tatekohomni“ sagst. Das ist in der Sprache der Assiniboin so viel wie; komm‘ Wirbelwind. Jetzt weißt du auch, wie der Rappe heißt. Kannst du dir das merken?“

Ich bejahte diese Frage und er tippte grüßend mit Zeige- und Mittelfinger an seine Stirn und verschwand in der Dunkelheit.

Ich sagte mir die indianischen Worte noch ein paarmal leise vor, um sie nicht zu vergessen. Dann saß ich in der Dunkelheit und wartete. Es vergingen wohl über zwei Stunden und ich war nun doch in Sorge, dass etwas passiert sein könnte. Aber Firehand hatte ja gesagt, so lange ich nichts hören würde, sei sicher alles in Ordnung. Also übte ich mich weiter in Geduld. Nach einer weiteren Viertelstunde hob Wirbelwind seinen Kopf, kurz darauf tat es ihm mein Brauner nach. Ich hielt ihm schnell, wie von Firehand geheißen, die Nüstern zu. Kurz darauf raschelte, keine zwei Schritte von mir entfernt, das Gras. Schon hatte ich den Revolver Firehands in der Hand, um mich nötigen Falles zu verteidigen. Da sagte jemand:

„Runter mit der Waffe, Junge. Ich bin es, Firehand.“

Ich hatte die Stimme sofort erkannt und nahm die Waffe herunter.

„Gut gemacht, Junge. Hätte wohl jetzt ein Loch in meiner Gestalt, wenn ich ein Angreifer gewesen wäre. Auch auf die Pferde hast du geachtet. Sehr schön! Meist sind die Sinne der Tiere schärfer als die unseren. Können uns gut darauf verlassen. Mein Rappe hat meine Annährung gewittert. Dein Brauner hat aber auch was gemerkt. Kann mit der richtigen Schule noch etwas werden mit ihm, denke ich.“

„Erzählt doch schon. Kamt Ihr an die Indianer heran. Habt Ihr etwas in Erfahrung bringen können?“

„Ja, ja. Alles ist gegangen, wie es gar nicht bessergehen konnte. Doch später mehr dazu. Wir wollen jetzt erst einmal sehen, dass wir von hier fortkommen. Jetzt noch entdeckt zu werden, würde uns einen dicken Strich durch die Rechnung machen. Wenn sie uns auch nicht mehr erwischen würden, wüssten sie doch, dass wir hier waren und wären gewarnt. Also, steigen wir auf.“

Er befestigte noch einen Gegenstand hinter sich an seinem Pferd und bat mich, langsamen Schrittes genau auf der Fährte, die wir beim Herweg verfolgt hatten, voraus zu reiten und möglichst wenig Geräusch zu verursachen. Als wir gut eine Meile zurückgelegt hatten, schloss er zu mir auf und holte den Gegenstand wieder zu sich heran. Jetzt sah ich, dass es ich um eine Decke handelte, die zuvor als Rolle hinter einem Sattel befestigt gewesen war.

„Ah, Ihr habt unsere Spuren vertilgt, indem Ihr die Decke hinter dem Pferd schleifen ließet?“

„Genau, das wird die Spur zwar nicht ganz auslöschen, aber im Morgengrauen wird niemand sehen können, dass die Fährte, die die Pawnee selbst auf dem Herweg gemacht haben, durch zwei weitere, beschlagene Pferde beritten wurde. Sie werden sie also ausschließlich für die eigene halten. Das Gras kann sich soweit über Nacht auch wiederaufgerichtet haben.“

„Also Pawnee sind es, die dort im Wäldchen stecken?“ fragte ich.

„Yes. Haben das Kriegsbeil ausgegraben. Wollen Fontanelle angreifen. Sie sind erzürnt darüber, dass die weißen Siedler sich ohne ihre Erlaubnis dort niedergelassen haben und auch noch Holz machen, ohne zu berücksichtigen, dass das Land ihnen gehört.

Viel schlimmer aber ist, dass ein weißer Rowdy ein junges Pawnee-Mädchen vergewaltigt, schwer verletzt und sie im Wald zurückgelassen haben soll. Er war wohl der Annahme, dass das junge Ding dort elendig zugrunde gehen und somit niemandem etwas erzählen könnte. Darin befand er sich aber in einem Irrtum. Das Mädchen hat überlebt und sich ins nächste Pawnee-Dorf gerettet. Jetzt wollen sie Rache und deshalb das ganze Örtchen dem Erdboden gleichmachen.“

„Also sollen die Bewohner Fontanelles für die Tat dieses Verbrechers büßen?“

„Die Pawnee kochen vor Wut. Es ist ja auch die Tatsache, dass die Siedler sich einfach an dem Eigentum der Indianer vergreifen, ohne lang zu fragen.“

„So seid Ihr mit den Pawnee einverstanden?“

„Wie beurteilst denn du diesen Sachverhalt?“

„Nun, ich verstehe, dass die Pawnee Genugtuung verlangen.“

„Aber?“, fragte Firehand.

„Man sollte das auf dem Verhandlungsweg regeln und den Verbrecher bestrafen, … oder nicht?“

„Das ist das Dilemma der Indianer. Wann immer sie mit dem Weißen Mann verhandeln, werden sie übervorteilt. Wer gibt den Siedlern das Recht, sich auf Indianerland niederzulassen, Zäune zu errichten und zu sagen; Dies Stück Land ist mein.? Die Indianer, denen das Land gehört, werden nicht gefragt. Sie können bei Verhandlungen nur verlieren. Wenn sie auf ihre angestammten Rechte bestehen, werden sie ausgelacht und fortgejagt.

Ergreifen sie den Tomahawk37 des Krieges, um Ihre Rechte zu verteidigen, heißt man sie blutrünstige Wilde. Den Kampf können sie letztendlich nicht gewinnen. Der Weiße Mann ist dem Indianer an Zahl überlegen und er hat den technischen Fortschritt, der ihm zusätzliche Vorteile einbringt. Dennoch werden viele Stämme aufbegehren und kämpfen bis zum Untergang.

Ob ich das verstehen kann, fragst du? Ja, das kann ich. Aber dennoch befinden sich auch immer Unschuldige unter allen Beteiligten und deshalb sollten wir alles tun, um Kampfhandlungen zu verhindern.“

„Muss Euch in allem, was Ihr sagtet beipflichten, Mr. Firehand. Was habt Ihr für einen Plan? Was können wir tun?“

„Geduld, Leo! Wir werden bald die Kameraden am Elkhorn-River erreichen. Dann werde ich genau berichten, was ich erfahren habe und meine Vorschläge machen. Ich denke, dass keiner der Männer die Siedler im Stich lassen wird.“

Ich musste also warten, bis wir am Lagerplatz ankommen würden. Wie ich Firehand gesagt hatte, stimmte ich ihm in allen seinen Ansichten zur Lage der indianischen Nationen zu. Er hatte die richtigen Fragen aufgeworfen. Hatten die Bleichgesichter irgendein Recht hier zu siedeln, sich an der Natur zu vergreifen und die Bodenschätze auszubeuten? Mussten die Roten sich nicht wehren? Hatten sie eine Wahl? Hier kam verschärfend noch die Untat des Verbrechers hinzu. Konnte irgendwer den Indianern ernsthaft vorwerfen, dass sie gegen das Settlement vorgingen? Nein!

Und doch gab es dort Frauen und Kinder, die gewarnt werden und, wenn nötig, beschützt werden mussten. Wir mussten also etwas für die Siedler tun und zwar schnell.

Nach einem Ritt von ungefähr drei Stunden erreichten wir den Elkhorn-River ein wenig unterhalb des Wäldchens, bei dem die Gefährten lagern sollten. Wir ritten also an dem Fluss entlang und stießen bald auf den südlichen Rand des Gehölzes. Firehand drang hier in den Wald ein und gab mir Weisung, ihm zu folgen. Ich wunderte mich über dieses Verhalten, wusste ich doch, dass die Gefährten am nördlichen Rande zu suchen waren. Kurze Zeit später sagte Firehand:

„Fragst dich sicher, warum wir hier in den Wald eindringen, nicht? Nun, ich möchte die Gelegenheit nutzen, deine Fertigkeiten beim Anschleichen weiter zu trainieren und dabei auch gleich zu prüfen, ob die Kameraden wachsam sind.“

Er zwinkerte mir zu. Dann hielt er an und band sein Pferd an den nächsten Baum, legte ihm die Hand auf die Nüstern und sprach ein paar indianische Worte, die ich damals noch nicht verstand. Das Pferd legte sich daraufhin nieder und Firehand konnte sicher sein, dass es sich völlig still erhalten würde, bis er zurückkommen würde. Ich legte meinem Brauen auch die Handfläche auf die Nüstern und bat ihn ruhig zu sein. Das gute Tier schien mich zu verstehen, tat es seinem Artgenossen gleich und legte sich ebenfalls auf den Waldboden.

Firehand sagte:

„Der Wald ist jetzt nur noch fünf Minuten breit. Werden uns also ab hier vorsichtig zu Fuß weiter heranmachen. Ich möchte, dass du vorangehst, damit ich sehe, wie du dich anstellst. Keine Angst; du kannst hier keine Fehler machen, schließlich beschleichen wir die Gefährten.“

Er lächelte verschmitzt und schien sich schon darauf zu freuen, die Kameraden zu überrumpeln. Ich ging also vorsichtigen Schrittes weiter Richtung Norden. Dabei versuchte ich, die Dunkelheit zu durchdringen und auf dem Boden so aufzutreten, dass jedes Geräusch vermieden wurde. Firehand hielt sich keine zwei Schritte hinter mir. Als es nicht mehr weit zu der Bucht am nördlichen Waldesrand war, vernahm ich einige Schritt voraus ein halblautes Sprechen. Einzelne Worte konnte ich noch nicht verstehen, dazu war die Entfernung noch zu groß. Ich ging in die Bauchlage und tastete mich auf Händen und Fußspitzen weiter vor. Dabei war ich wieder darauf bedacht, jedes Geräusch zu vermeiden. Hindernisse, die ich ertastete oder vor mir liegen sah, räumte ich beiseite. Ich hatte mein Bowie-Messer in die Rechte genommen und schnitt einzelne Zweige aus dem Unterholz heraus, um mich durch das selbe hindurch zu winden. So schob ich mich Zoll um Zoll weiter vor, bis ich die Sprecher, keine zehn Schritt vor mir, erkennen und verstehen konnte. Es waren Bulcher und „Badger“ Collins. Gerade sagte Collins:

„Wollen hoffen, dass es keinen Tanz gibt mit den Rothäuten. Wenn wir ausweichen können, sollten wir uns hier schleunigst fortbegeben. Droben am Quicourt haben wir Firehands Hide-Spot und die Ponca, die uns freundlich gesinnt sind, um uns herum.“

„Hast recht, Badger“, meinte Bulcher. „Ist aber auch ein Pech, dass sich ausgerechnet jetzt, wo wir hier durchwollen, Indianer auf dem Kriegspfad befinden.“

Weiter kam er nicht, denn Firehand stand jetzt auf und sagte:

„Good Evening, Mesch‘schurs! Stopp, die Revolver in die Gürtel, ich bin‘s, Firehand!“

Alle, die noch wach waren, sprangen bei diesen Worten auf, wie vom Donner gerührt. Firehand und ich waren direkt in ihren Kreis getreten und sie starrten uns an wie Gespenster.

„Mann, habt ihr uns erschreckt.“, meinte Bulcher nach einigen Sekunden.

„Haben wir gemerkt.“, sagte Firehand. „Habt nicht gehört, dass wir uns angeschlichen haben. Wollte unseren Neuzugang einmal testen. Hat seine Sache gut gemacht, meine ich.“

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
531 s. 3 illüstrasyon
ISBN:
9783753183947
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar