Kitabı oku: «Die Wale im Tanganjikasee»

Yazı tipi:

Lennart Hagerfors

Die Wale im Tanganjikasee

SAGA Egmont

Die Wale im Tanganjikasee

Aus dem Schwedischem von Verena Reichel nach

Valarni i Tanganyikasjön

Copyright © 1987, 2017 Lennart Hagerfors og Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

All rights reserved

ISBN: 9788711523780

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach

Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.

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Sansibar

den 15. Januar 1871

Heute morgen ist mir etwas widerfahren, was vielleicht mein Leben verändern wird. Oder ist alles womöglich nur Einbildung, eine Ausgeburt meines verkaterten Hirns.

Ich erwachte von einer harten, metallischen Stimme in der Gasse vor dem kleinen Haus, das ich seit einigen Monaten gemietet habe. Wie ein scharfes Messer durchschnitt die Stimme Rufe und Gelächter der Vorübergehenden, übertönte sogar das Keifen der Nachbarn und das Geschrei ihrer Kinder.

«Mister Shaw! Sind Sie da?»

Gestützt auf meinen Ellenbogen richtete ich mich zu einer halb liegenden Haltung auf. Meinen pochenden, schmerzenden Kopf beschlich eine unangenehme Vorahnung kommender Unverschämtheiten von irgendeinem Handlanger des englischen Konsulats. Zum Zeitvertreib pflegten sie weniger bedeutende Landsleute auf der Insel zu schikanieren. Doch als der Ruf sich wiederholte, unterschied ich einen neutralen, kalten und deutlichen Ton in der Stimme, der eher auffordemd als herablassend war.

Mit dem rechten Ellenbogen stieß ich die Negerin an, die ich gleich nach meiner Ankunft hier in Sansibar gekauft hatte, und bedeutete ihr mit einer Geste, sich in die Küche zu verziehen. Sie wickelte sich einen schlabberigen, schmutzigen Stoffetzen um die Hüften und schlurfte auf nackten Füßen hinaus, einen säuerlichen Duft von Schweiß, Geschlecht und ranzigem Öl hinterlassend.

Sobald ich mich aufsetzte, brach mir der Schweiß aus. Es war offenbar schon spät am Vormittag, und vor dem einzigen Fenster des kleinen grauen Zimmers blitzten und flimmerten die Sonnenreflexe so stark, daß ich die Augen schließen mußte. Hinter meinen geschlossenen Augenlidern sah ich eine Reihe von Sonnen vorbeirollen, die ihr Licht nadelspitz in den empfindlichsten Teil meines Gehirns bohrten. Als ich die Augen wieder öffnete, konnte ich die wohlbekannten Gegenstände im Zimmer nur mit Mühe erkennen: den Holztisch und die beiden Stühle, meinen Koffer und mein Akkordeon, die Kalebassen mit Palmwein und die Whiskyflaschen, die übelriechenden Bündel der Frau mit ich weiß nicht was …

«Mister Shaw! Sind Sie zu Hause?»

Für einen Augenblick hatte ich die Stimme vergessen. Es berührte mich unangenehm, daß sie sich wieder in Erinnerung brachte.

Plötzlich wurde die Tür aufgestoßen, und ein furchtbares, blendend weißes Licht fiel ins Zimmer. Bevor ich die Hand schützend vor die Augen halten konnte, gewahrte ich eine Silhouette in dem hereinflutenden Lichtstrom. Ich stand auf und wankte ins Dunkel neben der Tür.

«Mister Shaw?»

«Das bin ich», krächzte ich mit einer Stimme, die noch nicht vom nächtlichen Schleim befreit war.

Umflutet von Licht stand vor mir ein etwa dreißigjähriger Mann. Er war kleingewachsen. Sein Gesicht hatte außerordentlich mürrische, düstere Züge. Um den Mund hatte er scharfe Falten, die Backenknochen traten hervor, die Stirn war hoch und breit. Der Körper war klein, aber kompakt, wie aus einem Guß. Es war kein schöner Mann.

Zuerst schien er Schwierigkeiten zu haben, in der Dunkelheit des Zimmers etwas zu erkennen. Dann wandte er sich mir zu, und für einen kurzen Augenblick begegnete ich dem Blick seiner blaugrauen Augen, bevor dieser langsam an meinem Körper nach unten wanderte. Irgend etwas im Schritt fesselte seine Aufmerksamkeit, und ich war gezwungen, den Nacken zu beugen, um nachzusehen, was es war. Durch den Schlitz der Unterhosen – sonst hatte ich nichts an – zeigte mein Glied mit einer komischen Geste schräg nach hinten aufs Bett, als wolle es dorthin zurück. Unter seinem Blick, der keinen Moment zur Seite wich, mußte ich meine halbe Erektion in die Unterhose zurückstopfen. Es kam mir in den Sinn, daß ich mich schon lange nicht mehr geniert hatte.

«Entschuldigung.»

«Keine Ursache.»

Er selbst stand gerade aufgerichtet da, die zur Faust geballte Linke in die Hüfte gestemmt. In der Rechten hielt er eine kurze Gerte. Den Tropenhelm nahm er nicht ab. Seine Kleidung war einfach, aber von guter Qualität: geschmeidige Lederstiefel, eine Jacke aus feiner Baumwolle und eine derbe Khakihose.

Nachdem er mich gemustert hatte, wandte er sich der Einrichtung des Zimmers zu, horchte beim Geklapper aus der Küche auf und warf meiner Sklavin einen nüchternen Blick zu, als sie neugierig hinter dem Vorhang hervorspähte, der die beiden Zimmer trennte. Als ich sie mit einer Geste wegscheuchte, löste sich meine Lähmung, und ich rückte ihm einen Stuhl hin.

«Womit kann ich dienen?»

Zuerst schien er meine Frage nicht gehört zu haben, sondern verharrte in seinem versteinerten Nachdenken. Dann streckte er sich, faßte mich ins Auge und begann zu sprechen. Kein einziges Mal schaute er weg, kein einziges Mal blinzelte er. Das breite, kräftige Gesicht war unbeweglich, bis auf den hängenden Schnurrbart, der auf eine nahezu obszöne Weise auf und ab hüpfte.

«Mein Name ist Stanley. Henry Morton Stanley. Journalist bei der amerikanischen Zeitung New York Herald, beauftragt von ihrem Chef James Gordon Bennet junior, eine Expedition ins Innere Afrikas zu unternehmen. Ich biete Ihnen den Posten des dritten Mannes an, Sie werden der dritte Europäer bei der Expedition sein, die planmäßig in einigen Wochen von Sansibar aus starten wird. Sie bekommen einen Sold von 300 Dollar pro Jahr, haben einen Diener zur Verfügung und die Möglichkeit, auf einem eigens für Sie angeschafften Esel zu reiten. Dafür verlange ich von Ihnen, daß Sie die Verantwortung für das Boot übernehmen, das ich zum Tanganjikasee mitzunehmen beabsichtige, daß Sie Träger und Soldaten beaufsichtigen und daß Sie pflichtschuldigst jeden Auftrag ausführen, den ich Ihnen gebe. Kurz gesagt – ich verlange, daß Sie dieser Expedition Ihr Leben weihen.»

Es war, als wäre jemand vom Mond gekommen und hätte mich um meine Dienste gebeten. New York Herald? Karawane ins Innere Afrikas? Von Übelkeit überwältigt, mußte ich mich auf den Stuhl setzen, den ich ihm hingestellt hatte. Mein Lehen als Seemann und der Aufenthalt hier auf Sansibar waren zugleich so reich und so arm an Ereignissen, wie ich es gerade noch verkraften konnte. Ein Boot zum Tanganjikasee tragen? Wo liegt dieser See überhaupt?

Stanley spazierte um mich herum und versuchte dabei, meine Aufgaben bei der Expedition, ihre Organisation und Ausrüstung usw. näher zu beschreiben. Ich hörte nicht zu. Seine Stimme kam aus weiter Ferne, während die ganze übrige Welt sich um den kleinen Punkt herum zu konzentrieren schien, dem mein Katzenjammer entsprang. Wie kam es, daß dieses gewaltige Projekt plötzlich zusammengepreßt worden war, um sich durch das Nadelöhr meines Katzenjammers zu zwängen, meines von Überdruß erfüllten, ausgehöhlten Bewußtseins?

Und dann dieser eigentümliche Mann, der vor Energie zu bersten schien und daherredete, als habe man ihm die Zukunft ins Kreuz hineinoperiert.

«Wer hat Ihnen meinen Namen genannt?»fragte ich müde.

«Das englische Konsulat. Dort sagte man mir, Sie seien ein armer Schlucker, faul, aber nicht unbegabt, und Sie würden bald gänzlich versacken, wenn nichts Entscheidendes in Ihrem Leben passiere. Jetzt ist es passiert. Ich habe beschlossen, Sie mitzunehmen.»

«Warum?»

«Ich kann Sie gebrauchen. Folgen Sie mir!»

In diesem Moment kam meine Negerin mit zwei Bechern Palmwein aus der Küche geschlichen, die sie schweigend auf den Tisch stellte. Nach einem kleinen Knicks ging sie rückwärts hinaus, mit vorgebeugtem Oberkörper, so daß ihre runden Brüste hin- und herschaukelten. Stanley trat einen Schritt vor, packte sie am Arm und zog sie in die Mitte des Zimmers zurück.

«Gehört sie Ihnen?»

Als ich nickte, begann er sie zu mustern und abzutasten wie ein Wissenschaftler, der zum erstenmal ein seltenes Säugetier untersucht. Er drückte an ihrem Kopf herum, kniff sie mit steif ausgestreckten Armen in Brüste und Hinterbacken. Sie blieb regungslos stehen, witternd gleichsam, bereit, beim ersten Anzeichen einer drohenden Gefahr zu flüchten.

Als er zufrieden schien, stieß er ein kurzes, schrilles Gelächter aus und gab ihr einen kleinen Schubs in Richtung Küche, in der sie rasch verschwand. Er wischte sich die Hände an einem Taschentuch ab und nahm wieder seine Wanderung um mich und den Tisch herum auf. Schließlich blieb er vor den Flaschen stehen.

«Trinken Sie?»

«Manchmal.»

Seltsamerweise schien ihm das zu gefallen.

«Von jetzt an müssen Sie Ihre Gelüste zügeln.»

Nie und nimmer habe ich Sehnsucht nach strapaziösen Abenteuern gehabt und schon gar nicht davon geträumt, das Innere Afrikas zu erforschen. Ich bin durch und durch bequem und liebe die einfachen Genüsse, ohne deshalb ein Wüstling zu sein. Harter Arbeit bin ich stets aus dem Weg gegangen. Hin und wieder habe ich mich wohl gefühlt mit einer einfachen Tätigkeit an Bord eines stabilen Schiffes, an Tagen, wenn das Meer still ist und die Himmelskuppel sich hoch und friedlich wölbt. Im Hafen gehe ich den üblichen Vergnügungen nach, hure und saufe wie alle anderen auch. Glücklich bin ich eigentlich nur die wenigen Male, wenn ich genug Ruhe habe, um auf meinem Akkordeon zu spielen.

Irgend etwas blockierte mich. Es war, als steckte ich in einem Engpaß fest und eine gewaltige Flutwelle rollte auf mich zu. Ich fühlte mich wie ein kleiner Pfropfen auf einer unermeßlichen Energie. Jemand hatte mich dazu auserwählt, vielleicht durch einen Zufall, als Leiter an etwas teilzunehmen, dessen Tragweite ich keineswegs überblicken konnte. Zugleich aber ließ mich das Angebot eigentümlich kalt. Es war, als sei es nicht an mich gerichtet. Es traf mich nur zufällig.

«Welches Ziel hat die Expedition?»

«Ein Entdeckungsreisender weiß nie im voraus, was entdeckt werden soll. Wüßte er das, brauchte er nicht zu reisen, nicht wahr?»

Unterhalb meines Kinnbartes sah ich Schweißtropfen über die dicken Fettwülste an meinem Bauch sikkern und sich in den Falten verteilen. Hin und wieder blieben Tropfen in den Brusthaaren hängen, wo sie ein wenig schaukelten, bevor sie weiterrollten und schließlich den Rand meiner grauen Unterhosen durchfeuchteten. Meine Hand lag sonderbar leblos auf dem Tisch, und meine nackten Füße auf dem gestampften Lehmboden schienen jemand anderem zu gehören.

Stanleys Stiefel blieben genau vor mir stehen. Er rief einen Namen, worauf ein schwarzer Diener ins Zimmer gerannt kam und ihm ein Papier und einen Stift überreichte. Er legte beides selbst vor mich auf den Tisch und tippte mit dem Finger ganz unten aufs Papier. Ohne zu lesen, was darauf stand, schrieb ich meinen Namen auf den fetten feuchten Fleck, den sein Finger hinterlassen hatte.

«So. Von nun an unterstehen Sie meinem Befehl.»

«Was wollen wir im Inneren Afrikas?»fragte ich nochmals.

Er antwortete nicht, sondern drehte sich um und ging mit festen Schritten durch die lichtüberflutete Tür hinaus. Kaum hatte er das Zimmer verlassen, als auch schon die Frau in der Küche in Weinen und Klagen ausbrach.

Erst da merkte ich, wie durstig ich war. In zwei Zügen leerte ich die beiden Becher mit Palmwein.

Sansibar

den 1. Februar 1871

Nach dem Kalender sind zwei Wochen vergangen, seit Stanley mich angestellt hat. Sie waren so ereignisreich, daß ich jegliches Zeitgefühl verloren habe. Vielleicht waren es zwei Jahre, seit wir uns in meiner Hütte begegnet sind, die Erfahrungen zweier Jahre scheinen zwischen damals und jetzt zu liegen. Die Eigenbewegung der Zeit dagegen gleicht einem Sturmwind: zwei Wochen sind in einem Zeitraum davongewirbelt, der zwei Tagen entspricht.

Es ist, als fänden die Gedanken in diesen beiden Wochen keinen rechten Halt. Nicht einen Augenblick lang habe ich mich wirklich anwesend gefühlt. Mein Körper war von einem Fieber der Gesundheit durchglüht. Ich befand mich in einem Abstand, war beiseite gestellt. Von wem?

Zwei Jahre, zwei Wochen, zwei Tage? Was spielt das für eine Rolle? Ich bin bei Stanley, und zusammen haben wir unsere Expedition ausgerüstet.

Nichts hat uns hindern können. Hier gibt es kaum einen einzigen Basar oder Markt, kaum ein neu eingelaufenes Schiff, kaum einen Kaufmann und kaum ein Warenlager, die wir nicht besucht haben. Stanley ist unermüdlich. Selbst die verkommensten Negerviertel haben wir auf der Jagd nach Ausrüstung für unsere Expedition durchkämmt. Der Gestank nach Exkrementen, gärenden Müllkippen, Fisch in allen nur erdenklichen Stadien der Fäulnis, Rauch von Feuern und der abgestandene Geruch köchelnder Gerichte, all das drängte sich uns in den engen Gassen auf. Schmutzige, mit Schwären bedeckte Kinder, mit aufgetriebenen Bäuchen und geschwollenem Nabel, kamen aus den baufälligen Hütten gerannt und bettelten uns aufdringlich an. Stanley hielt sie sich mit seiner Gerte vom Leib, ich mit Knien und Armen. Unsere Waden waren vom Gehen im lockeren Sand wie abgestorben, und der Schweiß rann in Strömen (zumindest bei mir, Stanleys Haut war anscheinend zu trocken zum Schwitzen). Noch nie habe ich soviel Wasser getrunken – Wasser!

Kaum weniger mühselig war es in den Arabervierteln, ganz zu schweigen von dem Bezirk, in dem die mohammedanischen Inder wohnen. Dort, in den gewundenen Gassen mit weißgekalkten Häusern, Portalen und Alkoven, mit in den Torwegen postierten Sklaven und, weiter drinnen, schweigsamen Haremsfrauen und Sklavinnen, die in den Innenhöfen herumschlichen, wo sich die Baumwollstoffe zu riesigen Bergen türmten, das Elfenbein wie Holz gestapelt war, Kisten und Körbe mit Werkzeug, Draht und Glasperlen aufeinandergestellt waren, dort schwitzte ich aus anderen Gründen. Der unergründliche, geduldige und überlegene Blick des Orientalen, seine Fähigkeit, dem Europäer ein Gefühl der Unsicherheit und Ungeduld zu geben, als habe er selbst ihm irgendein Wissen voraus, all das berührte mich unangenehm. Sie bewegten sich mit kühler Würde, im vollen Bewußtsein der tiefen Quellen sinnlicher Genüsse, die ihnen in Form von Macht und Ehre, Speisen und Frauen durch ihren Reichtum zur Verfügung stehen. Sie sind allesamt falsch, jedoch beneidenswert.

Sogar Stanley wurde im Umgang mit ihnen steif und nervös. Als Preis und Qualität der Waren erörtert wurden, traten seine Kinnbacken hervor, und die Knöchel der Hand, mit der er die kurze Reitgerte umklammerte, wurden weiß. Es sah aus, als würde er gleich explodieren. Hin und wieder zeigten seine Blässe und ein kurzer Hustenanfall, daß die Explosion nach innen losgegangen war. Verdammte Araber!

Manchmal hat uns Farquhar begleitet. William L. Farquhar ist nach Stanley der Ranghöchste, also derjenige unter den Expeditionsteilnehmern, der direkt über mir steht. Seine Ernennung läßt mich argwöhnen, daß auch Stanley Fehler machen kann. Farquhar ist nämlich jeden Tag betrunken gewesen, was man von mir durchaus nicht sagen kann. Er ist groß und dick, viel fetter als ich, sein rötliches Gesicht endet in einem schütteren Spitzbart, und aus seinem Mund quellen ständig Schwaden von Fusel.

Irgendwann habe ich Stanley gegenüber angedeutet, wie unpassend es sei, ihn mitzunehmen. Aber er lachte nur und erwiderte:

«Keine Angst. Auf dem Karawanenpfad, viele Meilen von den ungesunden Bars dieser Stadt entfernt, werden seine Qualitäten als guter Seemann und scharfsinniger Mathematiker für uns von unschätzbarem Wert sein.»

Seemann und Mathematiker? Auf einer Expedition ins Innere Afrikas? Stanleys Planung ist so minuziös und dabei so unergründlich, daß selbst ich, der seine Gedanken ganz aus der Nähe verfolgt, Schwierigkeiten habe, ihn zu verstehen.

Zuerst dachte ich, Farquhar hätte irgend etwas gegen Stanley in der Hand. Sonst würde er nicht so ruhig und selbstsicher auftreten. Heute schäme ich mich für diesen Verdacht. Es verhält sich wohl eher umgekehrt. Als ich Farquhar zum erstenmal begegnete, schaute er mich amüsiert mit seinen blanken Augen an und sagte:

«Das macht Zwei Seeleute in der Karawane.»

Dann stieß er ein freudloses Gelächter aus. Aber diese Äußerung gefiel Stanley. Ich frage mich bloß, welche inneren Qualitäten dieser Mann besitzen mag, was Stanley eigentlich in ihm sieht. Einstweilen begegne ich ihm mit Respekt.

Bisher habe ich mir von den Negern, die Stanley angestellt hat, nur drei mit Namen merken können. Der eine wird Bombay genannt, ein robustes Mannsbild mit graumelierten Haaren. Er ist zum Hauptmann der Eskorte ernannt, das heißt, der Soldaten. Ihm untersteht eine Schar von Unteroffizieren, von denen ich nur einen beim Namen kenne, Mabruki. Er ist mir aufgefallen, weil er verkrüppelt ist. Eine Hand ist abgestorben – er wurde einmal bestraft, indem man ihn mit gefesselten Handgelenken an einem Ast hängen ließ.

Der dritte ist in Wirklichkeit kein Neger, sondern ein Araber. Als Dolmetscher und persönlicher Diener hat Stanley einen hübschen Araberjungen namens Selim angestellt.

Sowohl Bombay als auch Mabruki sollen an einer früheren Expedition teilgenommen haben, unter der Leitung von zwei Leuten namens Burton und Speke, wenn ich Stanley richtig verstanden habe.

Keiner der Expeditionsteilnehmer darf ein Halbblut sein. Stanley hat mir klargemacht, was für erbärmliche Menschen das sind. Sie sind unzuverlässig, kriecherisch und grausam und haben kein Ziel in diesem Leben. Es mangelt ihnen an Charakter, und sie taugen weder zu Trägern noch zu Soldaten oder Vorgesetzten. Das einzige, was sie zum Handeln anspornen kann, ist ihre Liederlichkeit. Hier auf der Insel gibt es keine Gruppe, die sich so rasch fortpflanzt wie sie.

Mehrere Tage lang ließ Stanley sich kaum blicken. Er stattete zuerst dem amerikanischen und dann dem englischen Konsul seinen Besuch ab. Letzterer trägt den Namen Doktor Kirk. Stanley spricht mit ehrerbietigem Widerwillen von ihm. Als ich ihn einen Tag nach dem Besuch bei Doktor Kirk traf, wirkte er gereizt, hellte sich aber auf, als er mich sah.

«Du bist ein einfacher, gradliniger Kerl», sagte er und schlug mir auf den Arm.

Trotz eines gewissen Schmerzes, denn der Schlag hatte einen empfindlichen Nerv getroffen, freute ich mich über die Wertschätzung, die er mir erwies.

Jedenfalls, die Vorbereitungen für die Reise sind abgeschlossen. In einem riesigen Lagerschuppen, der dem amerikanischen Konsul Webb gehört, ist jetzt alles gestapelt. Die Ausrüstung hat so gigantische Ausmaße, daß es mir unbegreiflich ist, wie das alles ins Innere Afrikas verfrachtet werden soll. Allein diese Berge von Stoffballen, die als Zahlungsmittel für die Ernährung der Expedition und als Tribut für die Häuptlinge dienen sollen, machen einen Wert aus, der das Fünffache von dem darstellt, was ich in meinem ganzen Leben verdienen werde. Dazu kommen die Lebensmittel, Kochtöpfe, zwei demontierte Boote, Seile, Schnüre, Zelte, Sättel, Segeltuch, Teer, Werkzeuge, Munition, Flinten, Hacken, Arzneien, Bettzeug, Geschenke für die Häuptlinge und eine Sonderausrüstung für uns Europäer wie Kleider zum Wechseln, Hygieneartikel und Delikatessen.

Außerdem hat Stanley zweiundzwanzig Esel erworben, die alle keinen Sattel hatten. Endlich gab es Arbeit für Farquhar. Erstaunlich schnell schaffte er es, für jeden Esel einen Sattel anzufertigen.

In den letzten Tagen habe ich kaum ein Wort mit Stanley gewechselt. Aber das liegt an den praktischen Umständen. Farquhars Arbeit mit den Sätteln und mit der Berechnung der Proviantmenge hat Stanley gezwungen, mehr bei ihm als bei mir zu sein.

Eines Nachmittags, nachdem er den ganzen Tag kein Wort mit mir gesprochen hatte und wir im Begriff waren, uns vor seinem Haus zu trennen, sah er mich lange mit seinen graublauen Augen an, die niemals blinzeln. Dann sagte er:

«Shaw, bald werden wir sehen, was für ein Kerl in dir steckt. In Udschidschi, mitten in der tiefsten Dunkelheit, wirst du vielleicht einen Schimmer des Lichts erblicken. Und dann werden wir sehen, ob du dich dieser Gabe als würdig erweist.»

Ich muß ein überaus verständnisloses und einfältiges Gesicht gemacht haben, denn er lachte geniert auf und gab mir einen harten, aber kameradschaftlichen Schlag auf die Wange. Dann machte er militärisch kehrt und stiefelte ins Haus. Worauf immer er angespielt haben mag, ich fühlte mich dessen nicht würdig.

Im übrigen habe ich bemerkt, daß Leute, die ich nicht kenne, mich jetzt in den Gassen grüßen. Sie wissen, wer ich bin: einer von den Leitern der größten Expedition, die jemals aus Sansibar aufgebrochen ist, um von Bagamojo aus den Marsch zu beginnen. Oft lädt man mich auf ein Glas ein.

Jetzt ist Nacht. In nur wenigen Tagen werden wir uns nach Bagamojo einschiffen, wo wir bleiben, bis wir Träger besorgt haben. Heute abend fühle ich mich einsam. Meine Sklavin habe ich schon an meinen Nachbarn verkauft, ein unausstehliches Halbblut, Besitzer der wüstesten Kneipe von ganz Sansibar. Er hatte schon lange ein Auge auf sie geworfen und überbot den üblichen Preis. Sie weinte und jammerte, wie es die Neger zu tun pflegen, sie ist ja auch noch nicht alt, aber sie wird sich wohl bald an ihren neuen Herrn gewöhnen. Im Moment fehlt sie mir jedoch. Für das Geld werde ich unter anderem ein paar Freunde zu einem ordentlichen Gelage einladen, bevor ich abreise.

Vor ein paar Stunden habe ich mir eine Flasche genommen und bin allein einen der schönsten Strände Sansibars entlanggewandert. Ich fühlte mich verlassen, dem Weinen nahe. Es ist eigenartig. Jetzt, wo alles eigentlich anfangen soll, wo ich mich als Mann bewähren, wo mein Leben endlich ein Ziel bekommen soll, ist es, als stünde ich vor dem Ende.

Ich erbrach mich in den Sand. Ich wollte nicht mehr mitmachen. So ist es.

Die Meeresbrise war wunderbar erfrischend, aber mir war übel. Die Wellen spülten sanft über den Strand, und weiter draußen zeichneten sich die Silhouetten der Boote ab, die den Sund zwischen Sansibar und dem Festland befahren. Alles schien so einfach und selbstverständlich. Aber ich gehörte nicht dazu. Ich war ein Fehler. Wie zum Teufel kann Stanley zwei Leute wie Farquhar und mich mitnehmen?

«Es gibt eine Chance von dreiunddreißig Komma dreiunddreißig Prozent, eine Expedition ins Innere Afrikas zu überleben», hat Farquhar neulich mit einem widerwärtigen Grinsen gesagt. In der Mathematik kennt er sich ja aus.

Als ich nach Hause kam, fühlte sich mein Magen leer und unruhig an. Da ich weder einen Essensvorrat hatte noch jemanden, der mir etwas zubereitet, mußte ich zu dem verdammten Halbblut gehen. Er begrüßte mich mit einem zufriedenen Lächeln und sagte, er habe sie schon mehrmals ausprobiert.

«Ich habe ein gutes Geschäft gemacht», stellte er fest.

Ich sah sie vorbeihuschen, bevor sie hinter einem Vorhang verschwand. Sie warf mir einen kurzen, haßerfüllten Blick zu. Ich hätte sie beide umbringen können.

Die Gedanken bringen mich zum Schwitzen, und ich muß ständig hinauslaufen, um meine Blase zu entleeren. Diese verdammte Hure! Dieses verdammte Halbblut! Es wird guttun, morgen mit Stanley zu reden. Und endlich aufzubrechen!

Jetzt will ich schließen – aber es ist ein Trost zu schreiben. Vor meinem schäbigen Haus steht dicht und dunkel die afrikanische Nacht mit ihrer salzigen, abgestandenen Luft. Sie ist voller Geheimnisse. Die Glühwürmchen wissen Bescheid. Zwischen den Häusern hallt das Zirpen der Grillen. Und noch andere Geräusche, die ich nicht näher bestimmen kann, dringen durch mein einziges Fenster herein. Da draußen – da drüben – über den Wäldern, Savannen und Bergen wartet das tiefere Dunkel. Dort leben, in einer dichten, magischen Gemeinschaft, Haut an Haut, Neger, die das Meer nie gesehen haben. Ich gehöre da nicht hin.

Die Neger hier in Sansibar lachen manchmal über mich, als wüßten sie etwas von mir. Ich weiß nichts von ihnen.

Ich denke an meine Heimat, an den ersten Biß in einen Weihnachtsapfel, an den kalten, feuchten Morgennebel über einer gepflasterten Straße, an die Wärme in einem Pub, während draußen der Schnee in großen Flocken fällt. Ich denke sogar an meine Mutter, an ihr bestes Sonntagskleid und den langen Sonntagsspaziergang, den wir Hand in Hand machten, während Papa daheim seinen Rausch ausschlief.

Bagamojo

den 15. Februar 1871

Fast zwei Wochen sind vergangen, seit ich zum letztenmal geschrieben habe. Ich habe es nicht geschafft. Alle Kräfte werden aufgezehrt von der Mühsal, Tag für Tag und Stunde für Stunde zu bewältigen. Ich habe nicht einmal mein Akkordeon angerührt. Was mir fehlt, ist jedoch nicht Zeit. Mir fehlt die Ruhe. Ich suche die Einsamkeit, doch zugleich leide ich darunter, ich meide die Gesellschaft der anderen, sehne mich aber nach Gemeinschaft.

Hier in Bagamojo wurden Farquhar und ich jeder in einer Kammer an der Rückseite des Hauses einquartiert, das Stanley mit Beschlag belegt hat. Vor dem Haus, an dem offenen Platz, der Anfang und Ende der Karawanenstraße bildet, haben wir die Zelte aufgeschlagen. Nach der anderen Seite hin hat Stanley einen Pferch für die vielen Tiere der Expedition errichten lassen, und ringsherum patrouillieren Soldaten, um Diebe und Neugierige fernzuhalten.

Vom frühen Morgen bis in die späte Nacht – ja sogar während der Nacht – herrscht ein unerträglicher Lärm rings um das Haus. Esel schreien, Soldaten rufen und lachen, Ziegen meckern, und Schweine schnüffeln unablässig. Der Gestank vom Kot der Tiere ist schwer zu ertragen, da mein einziges Fenster auf den Pferch hinausgeht.

Nachts schlafe ich unruhig, und tagsüber muß ich die hämischen Blicke der Soldaten aushalten. Aber keiner sagt mehr etwas.

Die letzte Nacht in Sansibar fing damit an, daß wir uns zu einer Gruppe von Europäern zusammenfanden – vor allem englische Seeleute –, die einander in Bars und auf Basaren kennengelernt hatten. Man wollte meine und Farquhars Abreise feiern. Wir spendierten eine Runde nach der anderen. Es war, wie wenn man beim Leichenschmaus über die Stränge schlägt. Ich fühlte mich ganz leer. Aber was fehlte mir eigentlich? Der Alltag? Die künftigen Abenteuer füllten mich nicht aus, dafür aber gingen mir die festen Gewohnheiten des Alltags ab. Es war ein Gefühl, wie wenn man plötzlich auf einem Ohr taub wird. Nur um ein Vielfaches stärker.

«Seht euch mal den Shaw an, wie verbissen der dreinschaut», sagte einer.

«Mach nicht so ein langes Gesicht», sagte ein anderer, «nimm ein Glas und freu dich auf deinen künftigen Ruhm!»

Wir aßen und tranken die halbe Nacht. Um drei brachen wir auf. Ich ging zu mir nach Hause – nach Hause? – und versuchte zu schlafen. Es ging nicht. Michjuckte es von Kopf bis Fuß.

Nachdem ich mich über eine halbe Stunde im Bett hin- und hergewälzt hatte, stand ich auf, zündete eine kleine Stallaterne an und machte mich zum Gehen fertig. Da ertönte ein verstohlenes Klopfen an der Tür. Es war Farquhar.

«Ich komme nicht mit», sagte er kurz.

Wir standen unbeweglich da und sahen uns bloß an. Das Licht meiner Stallaterne fiel von unten über sein Gesicht, und es wirkte grotesk aufgedunsen, mit dunklen Schatten, die einen starken Kontrast zu den gelblich ausgeleuchteten Partien blanker Haut bildeten.

Da fing ich an zu lachen. Schwankend tastete ich mich zum Bett zurück, während Farquhar sich still auf einen Stuhl setzte. Das Gelächter war nicht aufzuhalten. Farquhars Bemerkung hatte einen Pfropfen herausgezogen, und mit dem Gelächter flossen die ganze Expedition, jede Glasperle und jedes Feuersteingewehr aus meinem Körper heraus.

«Ich komme auch nicht mit. Stanley muß allein reisen. Er ist von einem anderen Schlag.»

Viel mehr wurde nicht gesagt. Wir standen auf und gingen wie Schlafwandler in die tropische Nacht hinaus. Draußen herrschte pechschwarze Dunkelheit. Die Stallaterne warf einen gelblichen Schein auf die Hauswände, über die sich mit Riesenschritten die grotesken Schatten unserer Beine bewegten. Schweigend durchquerten wir leere Gassen. Ein Hund schlüpfte vorbei, mit irgend etwas im Maul, ein paar Ziegen duckten sich an eine Hauswand, und warnend gackerten Hühner auf den Innenhöfen. In einem Haus hörten wir einen Säugling schreien, in einem anderen schluchzte verzweifelt eine Frau. Nur ein einziger Hund bellte uns an. Ich fühlte mich heimisch.

Schließlich landeten wir in einer kleinen Kneipe direkt am Strand. Wir weckten den indischen Besitzer und bestellten eine Flasche. Wortlos händigte er sie uns aus, kassierte und ging wieder zu Bett.

Da saßen wir, Farquhar und ich, auf einer Art angebauter Veranda und erwarteten das Morgengrauen. Wir wechselten kaum ein Wort. Husteten, tranken und rauchten unsere Pfeifen.

Im Morgengrauen hellte die Farbe des Meeres sich auf. Ein grauer Dunst lag über dem Strand, an dem ein paar Neger mit Fischernetzen auf den Schultern entlangwanderten. Ein paar frühe Sturmmöwen schrien und tauchten in die Brandung hinab. Aus einer Hütte gleich nebenan trat eine junge Frau. Sie gähnte, streckte sich, raffte den Lendenschurz hoch und ging in die Hocke, um ihre Morgentoilette zu machen. Ein nackter kleiner Junge taperte hinter ihr zur Tür, blieb auf der Schwelle stehen und ließ einen langen Strahl aus seinem kleinen Glied spritzen. Als sie beide fertig waren, beugte sie sich geschmeidig herab, hob ihn auf ihre Hüfte und ging zur Hütte zurück. Ich sah gerade noch ihre weißen Zähne, als sie dem Kind zulächelte. Sie schienen ein gutes Leben zu haben.

Es war ein Morgen mit einem ganz besonderen Licht. Noch nie waren mir die Strände von Sansibar so schön erschienen.

Nach einer halben Stunde war die Sonne aufgegangen, und die Gassen füllten sich mit Menschen. Aus ihrem Geschnatter konnte ich hin und wieder den Namen Stanley heraushören. Unser Wirt kam heraus und warf uns lustlos einen Blick aus den Augenwinkeln zu. Wir bestellten eine weitere Flasche und etwas zu essen. Widerwillig brachte er Reisbällchen vom Vortag und eine Flasche Maisschnaps, der ekelhaft schmeckte.

Zwei Stunden später, als sich mein Katzenjammer und mein Rausch langsam die Waage hielten, begannen die Menschen zum Hafen zu strömen. Sie waren munter, in Feststimmung. Wir kehrten ihnen den Rücken zu, und niemand bemerkte uns.

Als es in den Gassen und Hütten ringsumher ganz still geworden war, tauchte unser Wirt wieder auf. Er sah aus, als habe er gerade einen Frosch verschluckt. Er teilte uns kurz mit, daß er sein Lokal zu schließen beabsichtige, denn auch er wolle zum Hafen hinunter, um sich die Abfahrt anzusehen. Farquhar scheuchte den Mann mit einer Handbewegung weg, worauf dieser erschrocken mit seiner Frau im Schlepptau verschwand.

Nachdem wir eine Weile allein dagesessen hatten, stand Farquhar auf, nahm die leere Flasche und trat auf die Gasse hinaus. Dann warf er die Flasche mit aller Kraft gegen eine Wand, daß die Glassplitter nur so herumflirrten. Laut keuchend kehrte er zurück, noch röter im Gesicht als sonst, und ließ sich schwer auf den Stuhl sinken.

Wir sagten nichts. Mitten am Vormittag herrschte vollständige Stille. Eine unwirkliche Stille. Selbst die Tiere hielten still. Sie verkrochen sich, duckten sich an die Hauswände und lagen regungslos mit offenen Augen da. Es war wie eine Sonnenfinsternis am hellichten Tag.

Als einziges war ein Pfeifen aus Farquhars einem Nasenloch zu hören und ein fernes Stimmengewirr vom Hafen her. Es war, als säßen wir viele, viele Stunden so da.

Schließlich hörte ich Stimmen, die sich näherten. In der Gasse erschien Bombay zusammen mit vier kräftigen Soldaten. Rings um sie her hüpften halbwüchsige Jungen in gespannter Erwartung der kommenden Ereignisse. Bombay hielt eine Peitsche in der Hand, die Soldaten waren mit Gewehren bewaffnet. Ihre Augen leuchteten vor Schadenfreude. Nur Bombays Augen waren ganz kalt und ausdruckslos.

«Mister Stanley sagt, Sie sollen zum Boot kommen», sagte er in seinem schlechten Englisch.

«Sag ihm, daß er allein fahren soll. Wir bleiben hier», sagte ich ohne den Nachdruck, den ich gern in die Worte gelegt hätte.

Etwas brannte an meinem Arm. In meinem benebelten Zustand begriff ich zuerst nicht recht, was geschehen war. Ein blutiger Striemen auf meinem Arm machte mir klar, daß Bombay die Peitsche gebraucht hatte. Ein Neger hatte mir einen Peitschenhieb versetzt!

Dann brach ein kurzer Tumult aus. Farquhar zog seine Pistole, und ich warf mich gegen Bombay. Innerhalb weniger Sekunden hatten sie uns unschädlich gemacht. Farquhar bekam einen kräftigen Schlag auf den Mund, und mein Hemd wurde von den Soldaten zerrissen. Wir gaben sofort auf. Farquhar veränderte sich auf sonderbare Weise. Er streckte sich, sein schlaffes Gesicht wurde straff und zielbewußt, obwohl aus einem Mundwinkel Blut sickerte. Die Soldaten ließen ihn los und machten ein betretenes Gesicht. Dann schritt er ruhig und würdevoll die Gasse hinunter, auf den Hafen zu. Mir gaben die Soldaten einen Schubs und trieben mich an mit Gewehrkolben, die sie mir in den Rücken rammten.

Woher nahm Farquhar seine Würde, seine Kraft?

Bombay ging an der Spitze, dicht gefolgt von Farquhar. Im Abstand von fünfundzwanzig Metern wankte ich hinterher, mit nacktem Oberkörper und umringt von Soldaten und Jungen aller Altersstufen, die Fratzen schnitten und Faxen machten. Die ersten fünfhundert Meter sahen wir nicht einen Menschen. Aber vor uns, in den besseren Vierteln, stieg das Stimmengewirr an. Ich versuchte, meine Schritte zu beschleunigen, um Farquhar einzuholen, konnte aber nicht einmal den Abstand verringern. Kaum war er um eine Ecke gebogen, brach ein gewaltiger Lärm aus. Leute riefen, lachten und sangen. Gleich darauf war ich an der Reihe. Flehend wandte ich mich an die Soldaten. Mir schwebte die vage Idee vor, daß wir vielleicht versuchen sollten, einen abgelegeneren Weg zu wählen. Aber ich schaffte es nicht einmal, diesen Gedanken auszusprechen. Ein Gewehrkolben im Nacken und ein Tritt in den Hintern ließen mich vor aller Augen stolpern. Der Jubel verstärkte sich.

Überall waren Leute: auf den Hausdächern, entlang der Straße, in den Fenstern, auf den Palmen. Die Farbenpracht der Kleider leuchtete vor den weißen Wänden der würfelförmigen Häuser. Die Stimmung war festlich und fröhlich, und diese unerwartete Belustigung gab dem Ganzen noch einen zusätzlichen Reiz. Die Leute kreischten wie verrückt. Neben mir Gesichter aller Schattierungen zwischen schwarz und weiß, und alle schienen sie von Schadenfreude und Bosheit verzerrt. Einige wirkten furchtbar zornig. Weshalb dieser Zorn?

Weiter unten, am Strand, ein Stück von den Booten entfernt, die im seichten Wasser hochgezogen lagen, stand eine große Schar vornehmer Europäer in weißen Anzügen und hellen Kleidern. Zwischen ihnen und den Booten stand ein einsamer Mann, die Arme auf der Brust gekreuzt. Stanley. Die kurze Gerte ragte unter der einen Achselhöhle hervor.

Ich sah alles wie durch einen dünnen Vorhang von strömendem Wasser. Der Lärm war so penetrant, daß er zeitweilig für mich erstarb. Ich weiß nicht, ob ich lachte oder weinte. Aber irgend etwas muß ich gemacht haben, denn ein Soldat schlug mich auf den Mund und schrie mir zu, ich solle still sein. Ich erinnere mich daran, weil ich überrascht war, daß ich einen Laut hervorgebracht hatte.

Ich konzentrierte mich darauf, zu Stanley zu gelangen. Ich fürchtete, die Volksmenge würde mich in Stücke reißen. Sie versuchten, mir Hiebe und Schläge zu versetzen, einige warfen sogar Steine nach mir. Als ich endlich durch den Sand auf Stanley zuwankte, erschien er mir als mein Befreier. Kein anderer konnte mich retten. Kaum war ich bei ihm angekommen, gab er mir mit der Gerte einen kurzen Schlag auf die Brust und zeigte dann mit ausgestrecktem Arm auf eins der Boote.

«Ins Boot, Mann!»schrie er im Falsett.

Da faßte ich Mut. Ich hatte nichts zu verlieren. Es war mir egal, daß alle Blicke auf uns gerichtet waren, ich kümmerte mich nicht um die sonderbare Stille, die dem Lärm gefolgt war.

«Ist es nicht klüger, daß ich hierbleibe? Sehen Sie mich an. Ich bin ein Nichts.»

Da lachte Stanley und wandte sich an die Europäer, um diesen Witz mit ihnen zu teilen. Aber ich sah, daß die meisten nur peinlich berührt dreinschauten. Da wurde er wieder ernst und brüllte:

«Ins Boot, Mann! Haben wir etwa keinen Vertrag gemacht!»

Ich bekam noch einen Hieb, diesmal einen wesentlich härteren. Da griff Farquhar ein. Ich weiß nicht, wie es sonst geendet hätte. Mit dunkler, ruhiger Stimme – wo nahm er die her? – sagte er zu mir:

«Komm, Shaw! Wir gehen ins Boot. Unser Leben steckt in dem Vertrag.»

Er faßte mich unter und führte mich auf eins der Boote zu. Langsam wateten wir durch die Gischt der Brandung. Er half mir über die Reling, und ich sank aufs Hellegatt hinunter, wo ich mich zusammenkauerte.

So lag ich lange, geschützt vor allen Blicken. Farquhar saß die ganze Zeit neben mir, sagte aber nichts. Meine Wunden brannten, und Durst quälte mich. Ringsumher ertönten Rufe und Kommandos, Pferdegewieher und die Schreie der Esel. Stanleys schrilles Falsett drang hin und wieder durch. Die Männer und die Pferde platschten durchs Wasser, regelmäßig rollte die Brandung heran und stieß jedesmal das Boot an. Nach einer Weile brachte mir Farquhar Wasser, ohne daß ich ihn darum bitten mußte.

Als die Sonne im Zenit stand, stieg das Stimmengewirr wieder an. Ich spürte, wie das Boot mit einem kräftigen Ruck vom Boden abhob und in die Brandung hinausschaukelte. Langsam erstarben die Hurrarufe und der Gesang, und das Klatschen der Wellen gegen die Beplankung nahm überhand. Aus der Ferne hörte ich von den anderen Booten her, vom Wind übers Wasser getrieben, die angstvollen Schreie der Esel. Ich hörte die Angst der Kreatur heraus, die sich nicht in ihrem Element befand.

Dann schlief ich im Schatten unter einem Mantel, den Farquhar aufgetrieben hatte.

Bagamojo

den 16. März 1871

Es ist angenehm, resigniert zu haben. Die erste Zeit hier in Bagamojo war ziemlich schlimm. Ich verließ mein Zimmer nur, um zum Abort zu gehen. Jedesmal setzte ich mich dabei dem Gehänsel der Soldaten aus. Sobald sie mich sahen, fingen sie an herumzutorkeln, zu weinen, hysterisch zu lachen, und sofort versammelte sich ein dankbares Publikum.

Am zweiten Tag nach unserer Ankunft bekam ich Fieber, die Striemen von den Peitschenhieben hatten sich entzündet und eiterten. Die Wunde von dem einen Schlag, den Stanley mir auf die Brust gegeben hatte, plagte mich besonders. Farquhar, dieser Muffel, kam jeden Tag zu mir und versorgte meine Wunden. Bevor er das Zimmer wieder verließ, sagte er jedesmal:

«Du mußt resignieren. Nimm deine Aufgabe an!»

Es klang wie eine Beschwörung. Einmal warf ich ihm einen blutigen, vereiterten Verband nach. Er genießt meine Schwäche.

Am vierten Tag nach unserer Ankunft auf dem Festland stand Stanley auf der Schwelle meines Zimmers. Lange sah er mich mit seinen blaugrauen Augen an, ohne zu blinzeln. Wie macht er das? Vertrocknet der Augapfel nicht? An diesem Tag waren sie besonders blank, da er gerade die französischen Jesuiten am Rand von Bagamojo besucht hatte. Dort haben sie französische Weine. Er setzte sich auf eine Kiste neben mein Bett und erzählte von Weinsorten und Gerichten, von denen ich noch nie etwas gehört hatte. Er war entzückt wie ein Kind.

Plötzlich stand er rasch auf. Ich dachte, er sei im Begriff zu gehen, doch er stellte sich an die Fensterluke, mit dem Rücken zu mir. Er kreuzte die Arme, und der ganze Körper spannte sich wie eine Feder.

«Man muß stark sein, Shaw! Stark und zielstrebig. Auf uns Europäern ruht eine große Verantwortung.»

Lange und feierlich sprach er von der Erhärtung des Willens und dem Fluch der Schwäche. Was er sagte, war nichts Besonderes, nur das, was alle Vorgesetzten zu sagen pflegen. Doch das Wie war bemerkenswert. Er sprach mit einer schrillen Wut, als stünde er vor einer riesigen, feindseligen Zuhörerschaft und versuchte sie davon zu überzeugen, daß sie unrecht hätte. Mich schien er völlig vergessen zu haben.

Dann verstummte er und ließ die Worte in meinem kleinen Zimmer verklingen. Nach einer Weile ließ er sich auf meinen Bettrand sinken und griff nach meiner Hand. Instinktiv drückte ich mich gegen die Wand und entzog ihm meine Hand. Jetzt klang seine Stimme wie ein Zischen:

«Ich bin stark. Ich bin ein fordernder, strenger, aber gerechter Vater für unsere ganze Karawane – besonders für die Neger. Ich weiß, was es bedeutet, einen Vater zu haben, denn ich habe nie einen gehabt. Und auch nicht viel von meiner Mutter. Ich weiß es.»

An dieser Stelle entschlüpfte mir ein Kichern, und seine Augen weiteten sich. Es kam mir ungeheuer komisch vor, daß Stanley einmal ein Kind gewesen war. Mit langen, tiefen Atemzügen atmete er über mich hin. Die Wein- und Knoblauchdünste verursachten mir Übelkeit und Schwindel. Schließlich hatte ich ja seit Tagen kaum etwas gegessen.

«Aber ich bin schwach. Wozu mich mitnehmen? Nehmen Sie lieber jemand Starken mit!»

Da stand er auf, stemmte die Fäuste in die Hüften und heftete den Blick an die Decke. Es war wie im Theater.

«Verlaß dich auf mich. Ich weiß, was ich tue. Auch die Schwäche hat ihre Bedeutung, vorausgesetzt, sie ist nicht apathisch. Die Starken vernichten einander oder blockieren sich in einem unentscheidbaren Kampf. Aber in der Bewegung, im Spannungsfeld zwischen Schwäche und Stärke kann etwas verwirklicht werden. Ohne Gegensätze gibt es keine Dynamik. Du, Shaw, solltest daher nach Stärke streben.»

«Und Sie nach Schwäche?»

Er lächelte nachsichtig.

«Nein. Für mich gelten andere Gesetze. Ich bin stark und suche die Stärke. Ich bin das grelle Licht, das das milde Licht sucht. Ich bin der klare Gedanke, der das klare Gefühl sucht. Ich bin die Härte, die eine Milde sucht, stark wie meine eigene Härte …»

Es waren viele dunkle Worte, und ich konnte ihm nicht folgen. Vielleicht lag es an meinem fiebrigen Zustand, daß ich seine Worte als pathetisch und schwülstig empfand. Doch zugleich fürchtete ich sie. Ich wußte bereits, daß in allem, was Stanley sagte, eine verborgene Drohung steckte. Ich begriff, bettlägrig wie ich war, daß alles, was er sagte, das Vorspiel zu einer Handlung war. Die stickige Luft um uns her verstärkte das Drohende. Stanley bereitete mich auf etwas vor. Worauf? Worte ohne Handlung, das ist für ihn, als würde man essen, ohne das Essen zu schlucken.

«Heute wirst du wieder auf die Beine kommen, Shaw. Wir wollen gemeinsam deine Autorität wiederherstellen und dich gesund machen.»

Das sagte er mit seinem sanften Lächeln, in dem gleichen harmlosen Tonfall, mit dem man jemandem zum Geburtstag gratuliert.

«Aber ich bin doch krank.»

«Steh auf!»

Die Stimme war jetzt hart, der vertrauliche Tonfall war verschwunden.

Zuerst verstand ich nicht, was er meinte, sondern starrte ihn nur erschrocken an. Als er die Gerte zückte, setzte ich mich reflexartig auf.

«Steh auf!»

Ich stand recht unsicher auf den Beinen.

«Du stinkst! Sowohl deine Seele als auch dein Körper stinken. Ich werde dich reinigen.»

Und ich wurde gereinigt. Das Ganze war fürchterlich. Um meinen teilnahmslosen, fiebrigen Dämmerzustand zu verlassen und mich wieder der Wirklichkeit zu nähern, mußte ich in einen noch unwirklicheren Zustand übergehen, wurde vom Traum in den Alptraum und dann hinaus in die Wachheit getrieben.

Er führte mich ums Haus herum, zur Vorderseite, setzte sich auf einen Stuhl im Schatten des Hauses und gab Bombay den Befehl, alle Soldaten und die übrige Mannschaft in einem Halbkreis vor dem Haus zu versammeln. Ich selbst wurde in den Mittelpunkt des großen Halbkreises plaziert. Es war mitten am Nachmittag, heiß und staubig, und ich hatte Mühe, mich an das starke Licht zu gewöhnen.

Stanley fragte mich, ob die Soldaten mich ausgelacht und verhöhnt hätten. Als ich nickte, befahl er Bombay, mir die lange Eselspeitsche zu bringen. Ich nahm sie mit matter Hand entgegen. (Diese verfluchten Peitschen!)

«Den, der am meisten gelacht hat, läßt du vortreten und schlägst ihn windelweich! Los!»

Alles war so schnell gegangen. Vier Tage lang hatte ich allein dagelegen, fast ohne etwas zu essen. Jetzt stand ich plötzlich vor aller Augen und sollte zum erstenmal in meinem Leben einen Menschen auspeitschen.

«Sir, meinen Sie nicht, man könnte eine würdigere Lösung finden?»fragte ich zahm.

«Nein. Entweder du peitschst, oder du wirst gepeitscht. Entscheide dich.»

Als ich mich den Soldaten zuwandte, begegnete ich als erstes den höhnischen Augen des hünenhaften Asmani. Er war der Schlimmste gewesen. Sein Lachen war nur verächtlich, ihm fehlten Humor und Leichtsinn der anderen. Neben ihm stand der kleine Saburi, ein beflissener Kerl, den ich im Verdacht hatte, Asmani und die anderen zu provozieren, und den ich für den Anstifter hielt. Jetzt schaute er mich selbstverständlich mit sanften Augen an.

Ich befahl ihm vorzutreten. Er schien darauf vorbereitet, daß ich ihn wählen würde, und ließ sich unaufgefordert auf alle viere nieder. Dann schwang ich die Peitsche mit aller Kraft, deren ich in meinem Zustand mächtig war. Schlaff glitt sie über seinen Rücken, und das Ende machte eine unbeholfene Bewegung im Sand neben ihm, wie eine verdöste Schlange, die sich davonwindet. Asmani und einige andere lachten laut. Ich versuchte es wieder und wieder, konnte aber nicht mit der Peitsche umgehen.

«Bombay! Zeig es ihm!»

Bombay packte die Peitsche mit gelangweilter Miene, und mit einem kräftigen Hieb traf er den Boden vor mir. Als ich zurückzuckte, lachten sie wieder.

«Bombay! Auf den Rücken!»

Bombay wandte Stanley sein zerfurchtes Steingesicht zu und fragte kurz:

«Wofür wird er bestraft?»

«Schweig! Auf den Rücken!»

Der Hieb ritzte einen blutigen Striemen in Saburis schwarzen Rücken. Ein Beben ging durch seinen Körper, aber aus seinem Mund kam kein Laut. Ich bekam die Peitsche zurück und hob sie. Da wandte sich Saburi in seiner knienden Haltung mir zu und sah mich mit ernsten Augen an. Sein Blick wich nicht zur Seite, obwohl ich nach seinem Gesicht schlug. Manchmal landete ich einen Treffer, aber meistens verfehlte ich ihn. Ich begann auch zu zweifeln, ob Saburi wirklich der Schuldige sei. Es konnte tatsächlich genau umgekehrt sein. Als ich endlich gelernt hatte, wie man schlägt, war ich mit meinen Kräften am Ende. Und meine Autorität war keineswegs wiederhergestellt.

Da packte mich ein Zorn, dessen ich mich nicht für fähig gehalten hätte. Die Wahl stand zwischen ihnen und mir. Ich gab Bombay die Peitsche zurück und nahm ihm sein Gewehr ab. Dann befahl ich Asmani vorzutreten, drückte ihm den Gewehrlauf an die Schläfe und ließ durch den Dolmetscher Selim sagen:

«Ich bin ein milder Mann. Ich bin es nicht gewöhnt, mit Peitschen umzugehen. Doch wer mich verhöhnt und meinen Befehlen nicht gehorcht, kriegt eine Kugel in den Schädel. Du, Asmani, wirst jetzt der erste sein.»

Er sah meinen Zorn – oder meine Verrücktheit, was weiß ich – und wurde aschfahl im Gesicht.

«Bitte mich auf den Knien um Gnade, und ich lasse dich am Leben. Das nächste Mal tue ich das nicht!»

Er bat um sein Leben.

Ich gab das Gewehr zurück und stolperte in mein Zimmer, wo ich Galle erbrach. Kaum hatte ich mich ins Bett gelegt, stand Stanley wieder auf meiner Schwelle.

«Das war die innere Reinigung. Bleibt noch die äußere.»

Auf schwachen Beinen mußte ich ihm wieder folgen, diesmal in sein eigenes Badezimmer, wo Selim gerade Wasser in die Badewanne schüttete. Trotz des Schwindelgefühls empfand ich eine große Erleichterung. Die äußere Reinigung war also ein Bad. Nichts Schlimmeres. Ich sollte in Stanleys eigene Badewanne steigen!

Als Selim das Zimmer verlassen hatte, zog ich mich aus. Mit seiner Gerte deutete Stanley dorthin, wo ich meine Kleider ablegen sollte. Als ich im Wasser war, kehrte Selim mit einer Dose Schmierseife und sauberen Sachen zurück. Die schmutzigen nahm er mit.

Es brannte in den Wunden. Ich versuchte zu vermeiden, daß Schmierseife hineinkam, doch Stanley durchschaute das mit einem Blick. Mit der Gerte deutete er auf die Stellen, die ich einreiben sollte, und besonders genau nahm er es damit, daß die Wunden ordentlich ausgewaschen wurden. Schließlich befahl er mir, aus der Wanne zu steigen, und schaute schweigend zu, wie ich mich anzog.

«Heute abend ißt du mit Farquhar bei mir. Ich lasse euch holen, wenn es soweit ist.»

Nach Einbruch der Dämmerung kam Selim mit der Nachricht, das Essen sei fertig. Wir aßen schweigend. Stanley tat mir große Portionen auf. Danach goß er Farquhar und mir je ein Glas Gin ein. Er selbst trank nichts.

«Morgen gehst du wieder an die Arbeit, Shaw. Gute Nacht, meine Herren.»

In der Dunkelheit draußen erbrach ich Essen und Schnaps. Mein Magen war noch nicht in Form.

Stanley ist ein bemerkenswerter Mensch. Nur ein paar Stunden brauchte er, um mich wieder auf die Beine zu bringen, und meine Autorität bei den Soldaten stellte er in einer halben Stunde wieder her. Noch nie ist mir ein Mann wie er begegnet. Die ganze Zeit, sowohl auf dem Hof, bei meiner inneren Wiederherstellung, wie auch an der Badewanne, hatte er einen strengen und bitteren Zug um den Mund. Doch seine großen, vom Wein blanken Augen gaben eine andere Auskunft: er amüsierte sich köstlich.

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