Kitabı oku: «Anna Karenina, 1. Band», sayfa 13

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Der Erste, welcher Anna daheim entgegenkam, war ihr Sohn. Er sprang ihr die Treppe herunter entgegen, ungeachtet des Schreiens der Gouvernante und rief in maßlosem Entzücken: „Mama, Mama!“ Als er sie erreicht hatte, hängte er sich an ihren Hals.

„Ich habe Euch gesagt, daß meine Mama kommt!“ rief er der Gouvernante zu, „ich habe es ja gewußt!“ —

Der Sohn sowohl, wie der Vater, erweckte in Anna ein Gefühl, ähnlich dem der Ernüchterung. Sie hatte ihn für hübscher gehalten, als er wirklich war, und sie mußte sich dieser Wirklichkeit fügen, wenn sie an ihm, so wie er war, ihre Freude haben sollte.

Aber auch so wie er war, war er reizend mit seinen blonden Locken, blauen Augen und vollen wohlgebauten Beinchen in den straffgezogenen Strümpfen. Anna empfand eine fast physische Befriedigung in der Empfindung seiner Gegenwart und seiner Liebkosungen, und eine sittliche Beruhigung, wenn sein naiver, treuherziger und liebevoller Blick sie traf, seine kindlichen Fragen in ihr Ohr drangen.

Sie spendete ihm die Geschenke, die die Kinder Dollys sandten und erzählte ihrem Söhnchen, was für ein hübsches Mädchen die Tanja in Moskau sei und wie diese Tanja schon zu lesen verstehe, ja, ihre anderen Geschwister darin bereits unterrichte.

„Wie, also bin ich schlechter als sie?“ frug der kleine Sergey.

„Für mich bist du besser als alles in der Welt.“

„Ich weiß schon, Mama,“ lächelte Sergey.

Anna hatte ihren Kaffee noch nicht ganz genommen, als man ihr die Gräfin Lydia Iwanowna meldete.

Die Gräfin Lydia Iwanowna war eine hochgewachsene volle Dame mit gelblicher, ungesunder Gesichtsfarbe und schönen sinnigen, schwarzen Augen.

Anna liebte sie, aber heute war es ihr, als erblicke sie die Freundin zum erstenmale mit allen ihren Mängeln.

„Nun, liebste Freundin, habt Ihr den Ölzweig nach Moskau getragen?“ frug die Gräfin, kaum nachdem sie das Zimmer betreten hatte.

„Ei gewiß; es ist alles geschehen, aber die ganze Sache war doch nicht von solcher Bedeutung, wie wir glaubten,“ antwortete Anna. „Im allgemeinen fand ich meine belle soeur nur zu sehr gefaßt.“

Die Gräfin Lydia Iwanowna, welche sich für alles das am meisten interessierte, was sie nichts anging, hatte indessen nichtsdestoweniger die Gewohnheit, niemals das zu Ende zu hören, was sie eben interessierte; sie unterbrach daher Anna:

„Ja, es giebt viel Herzeleid und Sünde in der Welt; auch ich bin heute ganz angegriffen.“

„Was ist Euch?“ frug Anna, mit Mühe ein Lächeln unterdrückend.

„Ich fange jetzt an, es zum Überdruß zu bekommen, so vergeblich Lanzen für die Wahrheit zu brechen, und manchmal bin ich ganz aufgerieben. Jene Schwesterfrage,“ dieselbe betraf einen philanthropischen, religiös-patriotischen Bund, „wäre so ersprießlich zur Entwickelung gelangt, aber mit diesen Herren ist nichts anzufangen,“ fügte die Gräfin mit ironischer Ergebung in ihr Geschick hinzu. „Sie bemächtigten sich der Idee, aber sie verunstalteten dieselbe nur und verurteilen sie jetzt in der oberflächlichsten und geringschätzigsten Weise. Zwei oder drei Herren an der Zahl, darunter Euer Gatte, verstehen ja wohl die ganze Bedeutung der Idee, die anderen aber vernachlässigen sie nur. Gestern schrieb mir Prawdin“ —

Prawdin war ein bekannter Panslawist im Auslande, und die Gräfin erzählte jetzt den Inhalt seines Schreibens.

Die Gräfin Lydia Iwanowna berichtete hierauf noch von den Unannehmlichkeiten und Intriguen gegen den Plan der Vereinigung der Kirchen, und fuhr dann wieder hinweg, in voller Geschäftigkeit, da sie noch heute der Sitzung einer anderen Gesellschaft und dem Slawischen Komitee beiwohnen müsse.

„Sie hatte alle diese Eigenschaften doch schon früher, warum habe ich sie früher nicht bemerkt?“ sagte sich Anna.

Es war in der That lächerlich mit jener Gräfin. Ihr Streben war Tugendpflege, sie war christlich gesinnt, und doch lag sie stets in Hader, stets hatte sie ihre Feinde und stets waren diese ihre Feinde wegen des Christentums und der Tugend.

Nach der Gräfin Lydia Iwanowna kam Annas Freundin, die Gattin eines Direktors, und erzählte ihr alle Neuigkeiten aus der Stadt. Um drei Uhr fuhr dieselbe weg unter dem Versprechen, zum Souper wieder da sein zu wollen. Aleksey Aleksandrowitsch befand sich im Ministerium.

Allein geblieben, verwendete Anna die Zeit bis zum Abend darauf, dem Abendessen des Söhnchens – welches gesondert zu essen pflegte – beizuwohnen, ihre Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, und Briefe zu lesen und zu beantworten die sich auf dem Tische gehäuft hatten.

Die Empfindung einer unerklärlichen Schmach, die sie auf der Heimreise gehabt hatte und ihre innere Erregtheit, waren vollständig geschwunden. In ihren gewohnten Lebensverhältnissen hatte sie sich bald wieder gefaßt und gerechtfertigt gefunden, und mit Verwunderung gedachte sie jetzt ihres gestrigen Zustandes.

„Was war geschehen? Nichts! Wronskiy hatte Dummheiten geschwatzt, welchen man leicht ein Ziel setzen konnte und ich habe ihm so geantwortet, wie es am Platze war. Meinem Gatten brauche ich davon nichts zu sagen – ich kann es nicht einmal: denn davon sprechen hieße der Sache eine Wichtigkeit beimessen, welche sie gar nicht besitzt.“

Sie dachte daran, wie sie einst ihrem Manne erzählt hatte von dem Liebesgeständnis, welches ihr von einem jungen Untergebenen desselben beinahe gemacht worden war, und wie ihr Gatte Aleksey Aleksandrowitsch ihr darauf geantwortet hatte, daß jede Frau, die in der großen Welt lebe, dem ausgesetzt sei, er aber ihrem Takte vollständig vertraue und sich selbst nie gestatten würde, sie oder sich selbst bis zur Eifersucht zu erniedrigen.

„Also würde einfach nichts darüber zu sprechen sein? Nein, Gott sei gedankt, ich werde ihm nichts erzählen,“ sagte sie zu sich selbst.

33

Aleksey Aleksandrowitsch kehrte aus dem Ministerium um vier Uhr zurück, ging aber – wie dies häufig geschah – nicht sogleich zu seinem Weibe. Er trat in sein Kabinett, um wartende Petenten zu hören, und einige Akten zu unterschreiben die ihm vom Sekretär übergeben worden waren.

Zu der Mittagstafel, zu welcher bei den Karenin stets drei Gäste eingeladen wurden, erschienen heute eine alte Cousine Aleksey Aleksandrowitschs, der Departementsdirektor mit seinem Weibe und ein junger Mann, welcher Aleksey Aleksandrowitsch im Dienste empfohlen worden war.

Anna erschien im Salon, um die Gäste zu empfangen. Punkt fünf Uhr – die Bronceuhr, welche Peter I. vorstellte, hatte noch nicht den fünften Schlag gethan – erschien Aleksey Aleksandrowitsch in weißer Krawatte und Frack und zwei Ordenssterne auf der Brust; er mußte sogleich nach dem Essen hinwegfahren.

Jede Minute im Leben Aleksey Aleksandrowitschs war in Anspruch genommen und von vornherein zu einem Zwecke bestimmt, und um stets das, was ihm tägliche Obliegenheit war, gehörig erfüllen zu können, befleißigte er sich der strengsten Accuratesse.

„Ohne Hast aber auch ohne Ruhe,“ war seine Devise.

Er trat in den Salon, grüßte alle und setzte sich schnell, seiner Frau zulächelnd.

„So hätte sich denn meine Einsamkeit beendet; du glaubst nicht, wie peinlich,“ er betonte dieses Wort, „es ist, allein speisen zu müssen.“

Bei dem Essen unterhielt er sich mit seiner Gattin über die Moskauer Angelegenheiten und frug mit ironischem Lächeln nach Stefan Arkadjewitsch, doch bewegte sich das Gespräch vorzugsweise auf Gemeinplätzen, über Petersburger Amtsverhältnisse und allgemeine Angelegenheiten.

Nach dem Essen widmete er eine halbe Stunde seinen Gästen und ging dann, wiederum seiner Gattin mit einem Lächeln die Hand drückend, um zur Ratssitzung zu fahren.

Anna fuhr heute nicht zur Fürstin Bezzy Twerskaja, die sie, von ihrer Rückkunft unterrichtet, für den Abend zu sich eingeladen hatte; auch in das Theater begab sie sich nicht, in dem für sie heute eine Loge reserviert war.

Sie fuhr in erster Linie deswegen nicht, weil eine Robe, auf die sie gerechnet hatte, nicht fertig geworden war; dann aber befand sie sich heute, als sie nach dem Weggang der Gäste Toilette machte, überhaupt nicht bei guter Laune.

Vor ihrer Abreise nach Moskau hatte sie, eine Meisterin darin, sich möglichst einfach zu kleiden, ihrer Modistin drei Roben zur Umänderung übergeben. Die Umänderung sollte in einer Weise zur Ausführung kommen, daß man die Kleider nicht wiedererkenne, und diese hatten schon vor drei Tagen fertig sein sollen. Nun aber stellte sich heraus, daß zwei Roben überhaupt nicht fertig waren, und die dritte nicht in der Weise geändert war, wie es Anna gewünscht hatte.

Die Modistin erschien, um Erklärungen abzugeben; sie versicherte, die Robe werde so am besten aussehen, aber Anna geriet darüber so in Zorn, daß sie in der Folge Reue empfand, wenn sie daran dachte.

Um sich ganz zu beruhigen, ging sie nach dem Kinderzimmer und verbrachte hier den ganzen Abend mit ihrem Söhnchen; sie legte es persönlich schlafen, bekreuzte es und deckte es mit der Bettdecke zu.

Jetzt war sie erfreut darüber, nicht ausgefahren zu sein und den Abend so gut angewendet zu haben. Ihr war so leicht und ruhig zu Mut, sie erschaute jetzt so klar, daß alles, was sich ihr während der Eisenbahnfahrt so wuchtig vor die Seele gedrängt hatte, nur eines jener geringfügigen Vorkommnisse des weltlichen Lebens gewesen war, und sie vor niemand, nicht einmal vor sich selbst noch Scham zu empfinden brauchte.

Sie ließ sich, einen englischen Roman in der Hand, am Kamin nieder und harrte ihres Gatten; um halb zehn Uhr vernahm sie seine Schelle und er trat ins Gemach.

„Endlich kommst du!“ sagte sie, ihm die Hand entgegenstreckend. Er küßte dieselbe und setzte sich neben sie.

„Ich sehe wohl, daß deine Reise von Erfolg begleitet war,“ begann er zu ihr.

„O ja, vollkommen,“ versetzte sie, und begann ihm alles von Anfang an zu erzählen; ihre Hinreise mit der Wronskaja, ihre Ankunft, den Unfall auf der Eisenbahn. Dann sprach sie von ihrem Mitleid erst für ihren Bruder und dann für Dolly.

„Ich glaube nicht, daß es möglich ist, einen solchen Menschen zu entschuldigen, wenn er auch dein Bruder ist,“ sagte Aleksey Aleksandrowitsch in strengem Tone.

Anna lächelte. Sie begriff, daß er dies namentlich sagte, um zu zeigen, daß Rücksichten auf Verwandtschaft ihn nicht abhalten könnten, seine aufrichtige Meinung auszusprechen. Sie kannte diesen Zug an ihrem Manne und liebte ihn.

„Es ist mir aber lieb, daß alles noch glücklich abgelaufen ist und du wieder hier bist,“ fügte er hinzu; „übrigens was spricht man denn von dem neuen Reglement, welches ich im Rat zur Durchführung gebracht habe?“

Anna wußte nichts von diesem Reglement und sie machte sich Vorwürfe, daß sie so leicht hatte vergessen können, was für ihn von so hoher Wichtigkeit war.

„Hier hat dasselbe freilich viel Staub aufwirbelt,“ sagte er mit selbstzufriedenem Lächeln.

Sie sah, daß Aleksey Aleksandrowitsch ihr etwas Angenehmes mitteilen wollte über die Angelegenheit und bestürmte ihn nun mit Bitten, zu erzählen; und so begann er denn mit seinem selbstzufriedenen Lächeln von den Ovationen zu berichten, die ihm infolge der Durchführung jenes Reglements dargebracht worden waren.

„Ich bin sehr, sehr glücklich,“ sagte er, „dies beweist, daß man bei uns nun endlich beginnt, die Sache mit einem verständigen und sicheren Blick zu betrachten.“

Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch ein zweites Glas Thee mit Sahne und Brot zu sich genommen hatte, stand er auf und begab sich in sein Kabinett.

„Du bist gar nicht ausgefahren? Gewiß wirst du dich gelangweilt haben,“ frug er.

„O nein!“ versetzte sie, hinter ihm aufstehend und ihn durch den Salon in das Kabinett begleitend.

„Was liesest du denn jetzt?“ frug sie ihn.

„Jetzt lese ich Duc de Lille, ‚Poésies des enfers‘,“ antwortete er, „ein sehr interessantes Buch.“

Anna lächelte, wie man über die Schwächen geliebter Menschen lächelt und führte ihn, ihren Arm in den seinen legend, bis an die Thür seines Kabinetts.

Sie kannte seine Gewohnheit, die ihm zum Bedürfnis geworden war, abends zu lesen. Sie wußte, daß er es, trotz der fast seine ganze Zeit in Anspruch nehmenden Amtspflichten, als seine Aufgabe erachtete, allem Interessanten, was in der Sphäre der geistigen Welt erschien, zu folgen. Sie wußte auch, daß ihn namentlich politische, philosophische und theologische Werke interessierten, daß die Kunst aber seiner Natur völlig fern lag. Gleichwohl jedoch, oder besser gerade deswegen, ließ Aleksey Aleksandrowitsch nichts von dem unbeachtet vorüber, was auch auf diesem Gebiete von sich reden machte, und hielt es für seine Pflicht, alles zu lesen.

Sie wußte, daß er auf dem Gebiete der Politik, Philosophie und Theologie entweder zweifelte oder forschte, aber in den Fragen der Poesie und Kunst, besonders der Musik, für die ihm ein Verständnis vollständig abging, besaß er die entschiedensten Meinungen. Er liebte es, von Shakespeare, Rafael, Beethoven zu sprechen, von der Bedeutung der neuen Schulen in Dichtung und Musik, die ihm alle in sehr klarer Reihenfolge geläufig waren.

„Nun, Gott mit dir,“ sagte sie an der Thür des Kabinetts, in welchem ihm schon die Lampe mit dem Schirm und eine Flasche Wasser neben dem Lehnstuhl bereit gestellt worden war. „Ich will noch nach Moskau schreiben.“

Er drückte ihr die Hand und küßte dieselbe.

„Unter allen Umständen ist er ein guter Mensch, bieder, gut und bedeutend in seinem Wirkungskreis,“ sagte Anna zu sich selbst, nachdem sie zurückgekehrt, als wolle sie ihn vor jemand schützen, der ihn anklage und sage man könnte diesen Mann nicht lieben. „Stehen denn seine Ohren wirklich so seltsam von ihm ab? Oder hat er sich nur scheren lassen?“

Noch um die zwölfte Stunde saß Anna vor ihrem Schreibtisch, ihren Brief an Dolly vollendend; da vernahm sie die gleichmäßigen Schritte Aleksey Aleksandrowitschs, welcher in Pantoffeln, das Buch unter dem Arme, bei ihr eintrat.

„Es ist nun Zeit,“ sagte er mit besonderem Lächeln und schritt, frisch gewaschen und frisiert, nach dem Schlafgemach.

„Welches Recht besaß er doch eigentlich, in so seltsamer Weise auf ihn zu blicken?“ dachte Anna, indem sie sich den Blick Wronskiys auf Aleksey Aleksandrowitsch vergegenwärtigte.

Nachdem sie sich ausgekleidet hatte, begab sie sich ins Schlafgemach; aber auf ihrem Antlitz war nicht nur nichts mehr von jenem Leben zu sehen, wie zur Zeit ihres Aufenthalts in Moskau, das aus ihren Augen, ihrem Lächeln glänzte, im Gegenteil; das Feuer schien jetzt erloschen zu sein in ihr – oder es hatte sich an einem entlegenen Orte verborgen.

34

Als Wronskiy Petersburg verließ, hatte er sein großes Quartier an der Morskaja seinem Freunde und Lieblingskameraden Petrizkiy überlassen.

Petrizkiy war ein junger Lieutenant von nicht glänzendem Herkommen und nicht nur unbemittelt, sondern vielmehr überschuldet, der des Abends stets berauscht, gar häufig infolge zahlreicher alberner und selbst schmutziger Affairen auf die Hauptwache gebracht wurde, nichtsdestoweniger aber bei seinen Kameraden und Vorgesetzten beliebt war.

Um zwölf Uhr von der Eisenbahn nach seinem Quartier kommend, sah Wronskiy in der Einfahrt das ihm wohlbekannte Mietgeschirr stehen. Hinter der Thür hörte er nachdem er geläutet hatte, das Lachen von Männerstimmen, das Geschwätz einer Frauenstimme und den Ruf Petrizkiys: „Sollte es einer der Bösewichter sein, so wird er nicht eingelassen!“

Wronskiy befahl, man solle von seiner Ankunft nicht Meldung machen und begab sich leise in das nächste Gemach.

Baronesse Gilleton, die Freundin Petrizkiys, in einem lilafarbenen Atlaskleid prunkend und mit geschminktem blonden Gesicht, wie ein Kanarienvogel das ganze Zimmer mit ihrem Pariser Französisch erfüllend, saß vor einem großen, runden Tische und kochte Kaffee. Petrizkiy im Paletot und der Rottmeister Kamerowskiy in voller Uniform, wahrscheinlich vom Dienst gekommen, saßen um sie herum.

„Bravo, Wronskiy!“ schrie Petrizkiy, aufspringend und mit dem Stuhle aufdonnernd. „Der Herr selbst! Baronesse, Kaffee aus einem frischen Kessel! Den hatten wir nicht erwartet! Ich hoffe du bist zufrieden mit der Verschönerung deines Kabinetts!“ sagte er dann, auf die Baronesse zeigend. „Ihr kennt euch ja wohl?“

„Warum nicht?“ antwortete Wronskiy, heiter lächelnd und die kleine Hand der Baronesse drückend; „nicht so, ich bin ein alter Freund?“

„Sobald Ihr im Hause seid, von der Reise gekommen, muß ich weichen. In dieser Minute will ich mich entfernen, wenn ich störe!“

„Ihr seid zu Hause dort, wo Ihr Euch besinnet, Baronesse,“ versetzte Wronskiy. „Sei gegrüßt, Kamerowskiy,“ fügte er hinzu, diesem kalt die Hand reichend.

„Ihr würdet wohl nie verstehen, Euch so angenehm auszudrücken,“ wandte sich die Baronesse an Petrizkiy.

„Bitte! Weshalb? Nach einem Essen spreche ich auch nicht schlechter!“

„Ja; nach einem Essen ist es keine Kunst! Nun, ich will Euch aber Kaffee geben, kommt, wascht Euch und kleidet Euch um,“ sagte die Baronesse, sich wieder setzend und sorglich den Hahn am neuen Kaffeekessel drehend.

„Peter, gebt den Kaffee!“ wandte sie sich an Petrizkiy, den sie kurzweg Pjor nannte nach seinen Familiennamen und ohne ihre familiären Beziehungen zu ihm zu verbergen. „Ich will das übrige hinzuthun!“

„Ihr werdet die Sache nur verderben.“

„Nein, ich werde nichts verderben! Aber was macht denn Eure Frau?“ fragte die Baronesse, plötzlich, mitten in das Gespräch hinein, welches Wronskiy mit seinen Kameraden pflog. „Wir hielten Euch hier schon für verheiratet, habt Ihr Eure Frau mitgebracht?“

„Nein, Baronesse; ich bin als Zigeuner geboren und will als Zigeuner sterben.“

„Um so besser, um so besser. Reicht mir Eure Hand!“

Die Baronesse begann nun, ohne Wronskiy von sich zu lassen, diesem zu erzählen, Scherze dabei einflechtend; sie entwickelte ihm ihre Lebenspläne und frug ihn um seinen Rat.

„Er will in die Ehescheidung noch nicht einwilligen! Also was soll ich thun?“ Der Er war ihr eigentlicher Mann. „Ich will jetzt einen Prozeß gegen ihn beginnen, wie ratet Ihr mir dazu? Kamerowskiy, sieh doch einmal nach dem Kaffee – o, er ist hinausgegangen. Ihr seht, ich bin vollauf beschäftigt! Ich will den Prozeß beginnen, weil ich mein Vermögen brauche. Versteht Ihr die Thorheit; ich soll ihm untreu gewesen sein, und deswegen will er mein Vermögen für sich behalten,“ sagte sie voll Verachtung.

Wronskiy hörte mit Vergnügen dem lustigen Geschwätz des braven Weibes zu, pflichtete ihr in allen Stücken bei, gab ihr halb scherzhaft gemeinte Ratschläge, nahm aber im Grunde doch sofort den ihm im Verkehr mit Weibern dieser Art eigenen Ton an.

In seinem Petersburger Leben teilten sich für ihn alle Menschen in zwei Klassen, die vollständig entgegengesetzt waren.

Die eine derselben war die niedere Klasse, das waren die Gemeinen, die Dummen, und was die Hauptsache bildete, die für ihn komischen Menschen, die da glaubten, es müsse jeder Mann mit nur einem Weibe leben, mit dem, welchem er sich fürs Leben versprochen hatte, die da glaubten, ein Mädchen müsse unschuldig sein, ein Weib schamhaft, ein Mann männlich, standhaft und fest; daß man Kinder wohl erziehen müsse, für sein tägliches Brot arbeiten solle, seine Schulden zu bezahlen hätte und andere, verschiedene, dem ähnliche Dummheiten zu begehen die Pflicht habe.

Dies war die Klasse der ihm altmodisch und komisch erscheinenden Menschen.

Aber es gab dann noch eine zweite Klasse von Menschen; dies waren die eigentlichen Menschen, zu welcher sie alle gehörten, die Menschen, die sich mit Eleganz, Hochmut, Kühnheit und Lust jeder Leidenschaft ohne zu erröten hingaben und welche über alles andere nur lachten.

Wronskiy war nur für den ersten Augenblick verwirrt gewesen unter den Eindrücken einer völlig anderen Welt, die er aus Moskau mitbrachte; aber sogleich, nachdem er die Füße wieder in die alten Pantoffeln gesteckt hatte, war er wieder in der früheren, heiteren und angenehmen Welt.

Der Kaffee kam soeben ins Kochen, er brauste auf, und lief über und vollbrachte nun, was er vollbringen mußte, das heißt, er wurde die Ursache zu allgemeinem Lärmen und Gelächter, indem er den kostbaren Teppich und die Robe der Baronesse übergoß.

„Ah, jetzt entschuldigt mich, Ihr waschet Euch freilich wohl nie rein, in meinem Gewissen aber wird das vornehmste Vergehen eines ordnungsliebenden Menschen sein – die Unreinlichkeit. Indessen Ihr ratet mir also, ich soll ihm das Messer an die Kehle setzen?“

„Unfehlbar; und zwar derart, daß Eure schöne Hand seinen Lippen möglichst nahe kommt. Er wird sie dann küssen und alles wird noch gut,“ versetzte Wronskiy.

„So wie jetzt in Frankreich,“ sagte die Baronesse und verschwand mit rauschendem Kleide.

Kamerowskiy erhob sich ebenfalls, doch Wronskiy gab ihm, ohne seinen Hinausgang abzuwarten, die Hand und begab sich nach seinem Ankleidezimmer. Während er sich wusch, beschrieb ihm Petrizkiy in kurzen Zügen seine Lage und deren Veränderung seit Wronskiys Abreise.

Geld hatte er gar nicht mehr. Sein Vater hatte ihm erklärt, er werde ihm weder welches geben, noch seine Schulden zahlen. Der Schneider hatte gedroht, ihn in Schuldarrest setzen zu lassen und auch von anderer Seite drohte ihm mit unfehlbarer Sicherheit das Nämliche.

Der Regimentskommandeur hatte ihm mitgeteilt, daß er, wenn diese skandalösen Angelegenheiten nicht ein Ende fänden, seinen Abschied nehmen müsse. Die Baronesse aber plage ihn wie ein bitterer Rettig, namentlich damit, daß er stets Geld geben solle; sie sei indessen einzig in ihrer Art, er würde sie Wronskiy zeigen, sie sei ein Wunder an Reizen, nach streng orientalischem Typus, „genre Rebekka“ deutete er verheißungsvoll an. Er hatte sich ferner auch mit Berkoschowy überworfen und diesem Sekundanten schicken wollen, aber natürlich werde nichts dabei herauskommen.

Im allgemeinen aber war alles vorzüglich und außerordentlich lustig gegangen.

Ohne dem Freunde Zeit zu gönnen, sich in die Einzelheiten seiner eigenen Lage zu vertiefen, erzählte Petrizkiy weiter von allen möglichen und interessanten Neuigkeiten und als Wronskiy die ihm so bekannten Geschichten Petrizkiys, in der ihm so vertrauen Umgebung seines schon seit drei Jahren bewohnten Quartiers anhörte, da empfand er wieder das angenehme Gefühl der Lust zur Rückkehr zu dem gewohnten, sorglosen Petersburger Leben.

„Unmöglich!“ rief er aus, den Pedal des Waschbeckens loslassend, mit welchem er seinen rosigen, gesunden Nacken durch eine Douche übergossen hatte. „Unmöglich!“ rief er bei der Nachricht, daß die Lora jetzt dem Milejewy zugethan sei und Fertingoff aufgegeben habe. „Und der ist so dumm und ist damit zufrieden? Was macht denn Buzulukoff?“

„O, mit dem ist eine köstliche Geschichte passiert – reizend!“ rief Petrizkiy. „Du kennst ja seine Leidenschaft für Bälle; er läßt nie auch nur einen Hofball vorüber. Buzulukoff also geht zu einem großen Ball, einen funkelnagelneuen Helm auf dem Kopfe. Hast du die neuen Helme schon gesehen? Sie sind sehr hübsch, bedeutend leichter. – Steht der also – aber hörst du auch?“ —

„Natürlich, ich höre,“ antwortete Wronskiy, sich mit dem feuchten Handtuch abreibend.

„Kommt da die Großfürstin mit einem Gesandten vorüber und sein Unglück will, daß sich das Gespräch der beiden gerade um die neuen Helme dreht. Die Großfürstin wünscht dem Gesandten einen solchen zu zeigen, man schaut umher – da steht gerade unser Freund.“ Petrizkiy zeigte jetzt, wie Buzulukoff im neuen Helm gestanden hatte. „Die Großfürstin bat, ihr doch den neuen Helm zu reichen – er aber gab ihn nicht. Was sollte das heißen? Man blinzelt ihm zu, man nickt ihm zu, man verzieht das Gesicht – er sollte den Helm reichen – er giebt ihn nicht. Stand wie eine Salzsäule. Stelle dir das vor! Man ist außer sich, weiß nicht wie man ihn bewegen soll – will ihm schon den Helm vom Kopfe nehmen – umsonst – er giebt ihn nicht her. Endlich aber nimmt er den Helm ab und reicht ihn der Großfürstin.

„Dies ist der neue Helm,“ sagt diese, und wendet dabei den Helm um – da denke dir: Bauz! kollern Birnen, Konfekt, an zwei Pfund wohl zur Erde! Und unser Held las alles auf!“

Wronskiy schüttelte sich vor Lachen; und noch lange darnach, schon zu einem anderen Thema übergegangen, brach er wieder in sein kerngesundes Lachen aus, und zeigte dabei die festen weißen Zähne, wenn er an die Geschichte mit dem Helm dachte.

Nachdem Wronskiy alle Neuigkeiten vernommen hatte, warf er sich mit Hilfe seines Dieners in die Uniform und fuhr ab, um sich wieder zu zeigen.

Nachdem dies geschehen, beabsichtigte er zunächst, zu seinem Bruder zu fahren und dann zu Bezzy, sowie einige Visiten zu machen, in der Absicht sich in denjenigen Kreis Eintritt zu verschaffen, in welchem er hoffen konnte, der Karenina zu begegnen.

Wie er gewöhnlich in Petersburg that, fuhr er nicht anders von Hause weg, als erst in später Nacht wieder heimzukehren.

Türler ve etiketler

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02 mayıs 2017
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