Kitabı oku: «Anna Karenina, 1. Band», sayfa 15

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Die höchste gesellschaftliche Sphäre in Petersburg steht ganz allein. Alles kennt sich wohl und besucht einander, aber es giebt hier in diesem großen Kreise auch wieder Unterabteilungen.

Anna Arkadjewna Karenina besaß Freunde und pflog Verbindungen in drei verschiedenen Gesellschaftskreisen.

Der eine derselben war der der Beamten, welchem offiziell ihr Gatte angehörte; derselbe setzte sich zusammen aus dessen Kollegen und Untergebenen, welche alle unter sich auf die mannigfaltigste und willkürlichste Weise durch gemeinsame Interessen verbunden und getrennt waren.

Anna vermochte sich jetzt nur schwer noch des Gefühls der fast abgöttischen Verehrung zu erinnern, welches sie in der ersten Zeit diesen Leuten gegenüber empfunden hatte.

Jetzt kannte sie sie alle, wie man sich etwa in einem Landstädtchen gegenseitig kennt; sie kannte die Gewohnheiten und Schwächen eines jeden und wußte, wo einen jeden der Schuh drückte; sie kannte ihre gegenseitigen Beziehungen und diejenigen aller zur höchsten Stelle und wußte, wie alle untereinander standen, wie und wovon sie lebten und worin sich die einzelnen ähnlich oder unähnlich waren.

Aber dieser Kreis von Interessen für Männer der Regierung vermochte sie nicht im geringsten – ungeachtet der Belehrungen der Gräfin Lydia Iwanowna – zu erwärmen, und sie mied daher denselben.

Der zweite, Anna näher stehende Kreis war derjenige, durch welchen Aleksey Aleksandrowitsch seine Carriere gemacht hatte.

Der Mittelpunkt desselben war die Gräfin Lydia Iwanowna. Es war ein Kreis alter, häßlicher, wohlthätiger und bigotter Weiber und kluger, gelehrter ehrgeiziger Männer.

Einer von diesen klugen Männern, die zu jenem Kreise gehörten, nannte denselben „das Gewissen der Petersburger Gesellschaft“.

Aleksey Aleksandrowitsch schätzte diesen Kreis sehr hoch, und Anna, die es so gut verstand, sich mit jedermann zu vertragen, fand in der ersten Zeit ihres Petersburger Aufenthalts auch in diesem Kreise Freunde für sich. Jetzt aber, nach ihrer Rückkunft aus Moskau, war ihr diese Gesellschaft unerträglich geworden.

Ihr schien, als ob sie selbst, wie auch alle jene Menschen, sich nur verstelle, und es wurde ihr nun so langweilig und fad in dieser Gesellschaft, daß sie so selten, als es nur anging, zur Gräfin Lydia kam.

Der dritte Kreis endlich, in welchem Anna Verbindungen besaß, war die eigentliche Welt – die Welt der Bälle und Essen, der glänzenden Toiletten, jene Welt, die sich mit der einen Hand am Hofe anhält, um nicht der Halbwelt zu verfallen und welche die Angehörigen der letzteren zu verachten glaubt, während sie mit ihr in den Geschmacksrichtungen nicht etwa nur verwandt ist, nein, sogar übereinstimmt.

Ihre Verbindung mit diesem Kreise wurde durch die Fürstin Bezzy Twerskaja gestützt, die Gattin ihres Vetters, welche einige hundertzwanzigtausend Rubel jährlicher Einkünfte besaß und Anna von deren erstem Erscheinen in der Welt an ausnehmend liebgewonnen hatte. Sie wußte sich ihr zu nähern, sie in ihre Kreise zu ziehen und verspottete dabei die Gesellschaft der Gräfin Lydia Iwanowna.

„Wenn ich einmal alt und häßlich bin, werde ich auch eine solche,“ sagte sie, „aber für Euch, für ein junges, hübsches Weib ist es noch zu früh zur Gottgefälligkeit.“

Anna hatte anfänglich diese Sphäre der Fürstin Twerskaja gemieden soviel sie gekonnt, da dieselbe erstens einen Aufwand erforderte, welcher weit über ihre Mittel ging und sie selbst sich auch den erstgenannten ihrer Kreise vorzog; indessen nach ihrer Rückkunft von Moskau war ein Umschwung hierin eingetreten.

Sie mied den mehr moralischen Teil ihrer Bekannten und begab sich in die große Welt. Hier begegnete sie Wronskiy und empfand eine stürmische innere Freude bei diesen Begegnungen.

Besonders häufig sah sie Wronskiy bei der Fürstin Twerskaja, die selbst eine geborene Wronskaja und eine Base von jenem war. Wronskiy selbst kam nun überall hin, wo er nur Anna treffen konnte und er sprach zu ihr, wenn er nur konnte, von seiner Liebe.

Sie hatte ihm keinen Anlaß hierzu gegeben, aber stets, wenn sie mit ihm zusammentraf, flammte in ihrer Seele von neuem das nämliche Gefühl der Aufregung empor, welches sie an jenem Tage im Waggon überkam, da sie ihn zum erstenmale wieder erblickte.

Sie fühlte, wie bei seinem Anblick das Entzücken aus ihren Augen leuchtete und ihre Lippen sich zu einem Lächeln kräuselten, und vermochte den Ausdruck dieser Freude nicht zu ersticken.

Anfänglich war Anna in Wahrheit des Glaubens, daß sie über ihn ungehalten sei, weil er sich erlaube, sie zu verfolgen; aber als sie nach ihrer Rückkehr aus Moskau zu einer Soiree gefahren war, in der sie Wronskiy zu treffen dachte, erkannte sie deutlich an der trüben Laune die sich ihrer bemächtigte, als er nicht anwesend war, daß sie sich in einer Selbsttäuschung befinde und daß diese Verfolgung ihr nicht nur nicht unangenehm war, sondern vielmehr das gesamte Interesse ihres Lebens bilde.

Eine berühmte Diva sang zum zweitenmale und die gesamte große Welt war im Theater.

Als Wronskiy aus seinem Sessel in der ersten Reihe die Base wahrgenommen hatte, begab er sich zu dieser – ohne den Zwischenakt abzuwarten – nach ihrer Loge.

„Weshalb waret Ihr nicht beim Souper?“ frug ihn die Gräfin. „Ich bin doch verwundert über diesen Scharfblick der Liebenden,“ fügte sie mit einem Lächeln hinzu, so daß nur er es hören konnte, „sie war auch nicht da. – Aber Ihr kommt doch nach der Oper?“

Wronskiy blickte sie fragend an; sie senkte den Kopf und er dankte ihr mit einem Lächeln und ließ sich neben ihr nieder.

„Ah, ich entsinne mich wohl noch Eurer Galanterieen,“ fuhr die Fürstin Bezzy fort, welche ein besonderes Vergnügen in der Beobachtung der Fortschritte dieser sich entspinnenden Leidenschaft fand.

„Wohin soll das alles führen; Ihr seid in Banden, mein Lieber!“

„Ich wünschte nur das Eine, in Banden sein zu können,“ antwortete Wronskiy mit seinem ruhigen, gleichmütigen Lächeln. „Wenn ich Etwas beklage, so ist es nur dies, daß ich allzuwenig gefesselt bin. Um die Wahrheit zu gestehen, ich fange an, die Hoffnung zu verlieren.“

„Welche Hoffnung könnt Ihr denn hegen?“ sagte Bezzy, etwas pikiert von ihres Freundes Vertraulichkeit. In ihren Augen indessen spielten Reflexe, welche deutlich genug davon sprachen, daß sie recht wohl wisse – genau ebenso gut wie er selbst – welche Hoffnung er haben könne.

„Keine,“ sagte Wronskiy lachend und seine dichten Zähne zeigend. „Ich habe es mir selbst zuzuschreiben,“ fügte er hinzu, aus ihren Händen ein Opernglas nehmend und sich damit beschäftigend, über ihre entblößte Schulter hinweg die Reihe der gegenüberliegenden Logen zu mustern. „Ich fürchte, ich mache mich lächerlich.“

Er wußte recht wohl, daß er in den Augen Bezzys und aller Lebemänner nicht in Gefahr kam, lächerlich zu werden. Er wußte, daß in den Augen dieser Leute nur die Rolle eines Menschen der ein junges Mädchen oder überhaupt ein lediges Weib unglücklich liebte, lächerlich werden konnte. Die Rolle eines Mannes aber, welcher sich einer verheirateten Frau näherte und um jeden Preis sein Leben dafür einsetzte, sie zum Ehebruch zu verleiten, eine solche Rolle hat nur etwas Edles, Erhabenes und kann niemals lächerlich werden und mit stolzem und heiterem Lächeln unter den Spitzen seines Schnurrbartes ließ er das Opernglas sinken und blickte seine Base an.

„Weshalb seid Ihr denn nicht zu dem Essen gekommen?“ frug sie mit liebenswürdigem Lächeln.

„Das muß ich Euch freilich erzählen. Ich war beschäftigt und wollt Ihr wissen womit? Ich würde hundert, ja tausend Rubel wetten und Ihr ratet es nicht. Ich habe einen Mann mit dem Beleidiger seiner Frau versöhnt. Es ist wirklich so!“

„Wie; Ihr habt versöhnt?“

„Beinahe.“

„Ah, das müßt Ihr mir erzählen,“ sagte sie, sich erhebend. „Kommt im Zwischenakt zu mir!“

„Kann nicht; ich muß jetzt in das französische Theater.“

„Der Nilson halber?“ frug mit Schrecken Bezzy, die um keinen Preis der Welt die Nilson von jeder beliebigen Choristin unterschied.

„Was soll ich anders? Ich habe dort ein Rendezvous; alles infolge meines Versöhnungsversuchs.“

„O über diese frommen Friedensapostel, sie kommen stets gut weg,“ sagte Bezzy, sich einer ähnlichen Geschichte erinnernd, die sie einmal gehört hatte. „Aber so nehmt doch Platz und erzählt mir, was hat es gegeben?“

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„Die Geschichte ist ein klein wenig übermütig, aber so hübsch, daß ich sie sehr gern erzähle,“ sagte Wronskiy, mit lachenden Augen auf sie blickend. „Die Familie kann ich freilich nicht nennen.“

„Dann werde ich sie raten; um so besser.“

„Hört denn: Es fahren eines Tages zwei junge Leute“ —

„Natürlich Offiziere Eures Regimentes?“

„Ich spreche nicht von Offizieren, nur von zwei jungen Leuten, die miteinander gefrühstückt hatten.“

„Übertragt dies lieber: getrunken hatten.“ —

„Meinetwegen. Es fahren also diese beiden zu einem Freunde in der lustigsten Stimmung von der Welt. Da gewahren sie, wie eine hübsche jüngere Dame sie in einem Mietwagen überholt, sich nach ihnen umblickt und wie es scheint sogar mit dem Köpfchen nickt und lacht. Die beiden folgen natürlich und streben ihr aus Leibeskräften nach.

Zu ihrer Verwunderung läßt die Schöne an der Einfahrt gerade des nämlichen Hauses halten, zu dem sie selbst sich begeben. Die Schöne begiebt sich in das erste Stockwerk; sie sehen nur ihre roten Lippen unter dem kurzen Halbschleier hervorschimmern und ihre hübschen kleinen Füßchen.“

„Ihr erzählt mit einer Empfindung, als schienet Ihr mir selbst einer jener beiden jungen Leute gewesen zu sein.“

„Ah, was sagtet Ihr da! Also die jungen Leute begeben sich zu ihrem Freunde, bei welchem ein Abschiedsessen stattfindet. Hier nun trinken sie wohl erst viel zu viel, wie dies ja gewöhnlich bei Abschiedsessen der Fall ist, und nach dem Essen wird gefragt, wer in dem Hause in der oberen Etage wohne. Niemand weiß es, und nur der Diener antwortet auf die Frage, ob oben drüber ‚Mamsells‘ wohnten, es gäbe da sehr viele. Nach dem Essen begaben sich die jungen Leute in das Kabinett des Gastgebers und schreiben der Unbekannten ein Billet. Sie schrieben dasselbe in leidenschaftlichem Tone, ein Liebesgeständnis, und tragen es selbst hinauf, um das noch zu erklären, was in dem Briefe nicht völlig verständlich geworden wäre.“

„Weshalb erzählt Ihr mir aber solche Abgeschmacktheiten?“

„Man klingelt oben; eine Magd erscheint; man giebt den Brief ab und versichert dem Mädchen, man sei so verliebt, daß man auf der Stelle vor der Thürschwelle sterben möchte. Das Mädchen läßt sich unschlüssig in eine Unterhaltung ein, plötzlich erscheint ein Herr mit wurstartigem Backenbart, rot wie ein Krebs, und erklärt, es wohne niemand mehr hier im Hause, als seine Frau, und jagt beide von dannen.“ —

„Weshalb meint Ihr, daß der Backenbart des Mannes, wie Ihr sagtet, wurstartig ausgesehen habe?“

„Nun hört, bitte zu. Heut erst war ich zur Aussöhnung dort.“

„Und was geschah dabei?“

„Etwas höchst Interessantes. Es stellte sich heraus, daß man es mit dem glücklichen Ehepaar eines Titularrats und einer Titularrätin zu thun hatte. Der Titularrat wollte die beiden verklagen und ich machte den Friedensstifter, und was für einen! Ich versichere Euch, Talleyrand ist nichts gewesen im Vergleich mit mir!“

„Worin lag denn die Schwierigkeit?“

„Nun hört an. Wir entschuldigten uns, wie es sich gehörte. Wir wären in Verzweiflung, und bäten um Verzeihung für das unglückselige Mißverständnis. Der Titularrat mit den Wurstbackenbärten begann aufzuthauen; doch wünschte er, seinen Empfindungen Ausdruck zu verleihen; sobald er jedoch angefangen hatte, dies zu thun, geriet er in einen so mächtigen Zorn, und schleuderte die gröbsten Grobheiten so um sich herum, daß ich von neuem meine diplomatischen Talente alle in Bewegung setzen mußte. ‚Ich bin völlig damit einverstanden, daß die Handlungsweise dieser Herren nicht gut war, aber ich bitte Euch, ihre Unbesonnenheit und die Jugend berücksichtigen zu wollen; dann hatten die Herren auch soeben erst gefrühstückt. Ihr versteht mich ja wohl. Sie bereuen das Vorgefallene von ganzer Seele und bitten darum, daß man ihnen ihren Fehltritt vergebe,‘ sagte ich.

„Der Titularrat ließ sich wiederum erweichen, ‚ich bin einverstanden, Graf, und bereit, zu vergeben, aber Ihr seht wohl selbst ein, daß mein Weib, mein Weib, eine ehrenhafte Frau, den Verfolgungen und Roheiten einiger Buben ausgesetzt war, Niedriger‘ – Ihr versteht, er nannte die beiden, welche anwesend waren, Buben, und ich sollte das alles ins Gütliche umsetzen. Ich mußte also wieder diplomatisch operieren, und der Titularrat kam richtig, gerade wie ich so weit war, daß die Sache ihr Ende finden konnte, abermals in Zorn, er wurde dunkelrot im Gesicht, seine Backenbärte schienen sich zu erheben und abermals erging ich mich in diplomatischen Finessen.“

„Ah, das muß er auch Euch erzählen!“ wandte sich Bezzy lachend an eine Dame, welche zu ihr in die Loge getreten war. „Er hat mich vorzüglich belustigt.“

„Nun, bonne chance,“ fügte sie hinzu, Wronskiy den Finger reichend, den sie noch frei von dem Fächer hatte, und mit einer Bewegung der Schultern die in die Höhe geschobene Taille des Kleides sinken lassend, damit sie, so wie es sein sollte, möglichst dekolletiert erschien, indem sie vortrat an die Rampe, in das Gaslicht und vor die Blicke der Menge.

Wronskiy fuhr nach dem französischen Theater, wo er thatsächlich seinen Regimentskommandeur sehen wollte, der keine Vorstellung in diesem Theater vorüberließ, um ihm Bericht zu erstatten über seine Friedensmission, die ihn nun schon seit drei Tagen beschäftigte und ergötzte.

In die Angelegenheit war Petrizkiy verwickelt, den er liebte und ein anderer tüchtiger junger Mann, der noch nicht lange erst in Dienst getreten war, aber als ausgezeichneter Kamerad galt, der junge Fürst Kedroff. Vor allem aber handelte es sich darum, daß Interessen des Regiments auf dem Spiele standen.

Beide standen in der Eskadron Wronskiys. Der Titularrat war zum Regimentskommandeur gekommen, er hieß Wenden, und hatte eine Beschwerde über dessen Offiziere eingereicht, weil diese seine Frau beleidigt hätten.

Sein junges Weib – erzählte Wenden, welcher erst seit einem halben Jahre verheiratet war – sei mit der Mutter in der Kirche gewesen, hatte aber infolge eines sie plötzlich anwandelnden, aus bekannten Umständen hervorgehenden Unwohlseins nicht mehr länger stehen können, und sei daher in dem ersten besten, ihr begegnenden Geschirr nach Hause gefahren. Da wären ihr nun einige Offiziere gefolgt, sie sei in Furcht geraten, und, noch mehr unwohl geworden, die Treppen im Hause hinaufgelaufen. Wenden selbst, aus dem Gericht zurückkehrend, hatte die Glocke und die Stimmen vernommen und war herausgetreten, worauf er, der berauschten Offiziere mit dem Briefe gewahr geworden, diese weggejagt habe. Er bat um strenge Bestrafung der Schuldigen.

„Nein, was Ihr auch sagt,“ meinte der Regimentskommandeur zu Wronskiy, den er zu sich berufen hatte, „Petrizkiy wird unmöglich. Es vergeht keine Woche, in welcher er nicht eine Affaire hätte; dieser Beamte wird die Sache nicht auf sich beruhen lassen, er wird weiter gehen.“

Wronskiy erkannte die ganze Aussichtslosigkeit der Sachlage; daß hier von einem Duell keine Rede sein könne und alles versucht werden müsse, diesen Titularrat milder zu stimmen und die Sache niederzuschlagen.

Der Regimentskommandeur hatte Wronskiy hauptsächlich deshalb gerufen, weil er diesen als einen verständigen und klugen Mann kannte, namentlich als einen Mann, der die Ehre des Regiments hochhielt. Sie besprachen sich über die Angelegenheit und entschieden sich dafür, Petrizkiy sowie Kedroff müßten mit Wronskiy zu jenem Titularrat fahren und ihm Abbitte leisten.

Der Regimentskommandeur und Wronskiy begriffen beide wohl, daß der Name Wronskiys und der Namenszug des Flügeladjutanten viel mit zu der Erweichung des Rates beitragen könnte.

Und in der That, diese beiden Mittel erwiesen sich zum Teil wirksam; allein das Resultat der Versöhnung verblieb im Ungewissen, wie Wronskiy auch berichtete.

Als dieser in das französische Theater gekommen, zog er sich mit dem Regimentskommandeur in das Foyer zurück und rapportierte ihm über den Erfolg oder vielmehr Nichterfolg, und nachdem der Kommandeur alles nochmals erwogen hatte, entschied er sich dahin, die Sache ohne Folgen bleiben zu lassen, begann aber alsdann, wie um sich daran zu ergötzen, Wronskiy über die Einzelheiten seines Besuchs zu befragen. Er vermochte lange Zeit nicht, vor Lachen sich zu fassen, als er die Erzählung Wronskiys hörte, wie der Titularrat, sich beruhigend, plötzlich immer wieder von neuem in Wut geraten sei indem er sich die Einzelheiten des Vorkommnisses ins Gedächtnis rief, und wie Wronskiy, bei dem letzten halben Worte, welches noch die Aussöhnung mit zustande bringen sollte, sich lavierend zurückzog und Petrizkiy vor sich her geschoben hatte.

„Eine schmutzige Geschichte, aber zum Kranklachen. Kedroff kann sich mit diesem Herrn nicht schlagen! Also furchtbar wütend ist er geworden?“ frug er nochmals lachend.

„Wie war heute Claire?“

„Wunderbar,“ versetzte er im Hinblick auf die neue französische Schauspielerin. „Man kann sie so oft sehen, wie man will, sie ist jeden Tag neu. Das können doch nur die Franzosen!“

6

Die Fürstin Bezzy verließ das Theater, ohne den Schluß des letzten Aktes abzuwarten.

Sie war kaum in ihrem Toilettezimmer angelangt, und hatte kaum ihr schmales, bleiches Gesicht frisch gepudert, abgerieben, sich wieder empfangsfertig gemacht und den Thee nach dem großen Salon befohlen, als schon die Equipagen, eine nach der anderen, vor ihrem großen Palast in der Bolschaja Morskaja angerollt kamen. Die Gäste kamen zur breiten Einfahrt herein; ein trunksüchtiger Portier, welcher des Vormittags zur Erbauung der Vorhergehenden hinter der Glasthür Zeitungen las, öffnete geräuschlos die mächtige Pforte und ließ die Ankömmlinge an sich vorbei hereindefilieren.

Fast zu der nämlichen Zeit kamen die Dame des Hauses in erneuter Frisur und mit erfrischtem Gesicht aus der einen Thür, die Gäste aus der anderen; sie traten in den großen Saal mit den dunkelen Wänden, den prächtigen Teppichen und der hellerleuchteten Tafel mit dem unter dem Glanz der Kerzen hellschimmernden weißen Tafeltuch, dem silbernen Samowar und dem durchsichtigen Porzellan des Theegeschirrs.

Die Dame des Hauses setzte sich an den Samowar und entledigte sich der Handschuhe. Die Stühle mit Hilfe geräuschlos thätiger Diener heranbewegend, setzte sich die Gesellschaft, in zwei Teile geteilt, nämlich am Samowar bei der Dame des Hauses und am entgegengesetzten Ende des Saals, bei der schönen Gattin eines Gesandten, in schwarzem Sammet und mit scharfen, schwarzen Brauen.

Das Gespräch in den beiden Gruppen schwankte, wie gewöhnlich während der ersten Minuten, durch den Eintritt neu Ankommender, durch Begrüßungen, durch das Anbieten des Thees unterbrochen; es war, als suche man ein Thema, bei welchem man verweilen könnte.

„Sie ist ungewöhnlich hübsch als Schauspielerin und es ist klar ersichtlich, daß sie Kaulbach studiert hat,“ sagte ein Diplomat in dem Kreise der Frau des Gesandten, „habt Ihr bemerkt, wie sie in Ohnmacht fiel?“

„O bitte; wir wollen doch nicht von der Nilson reden; von der läßt sich nichts Neues mehr sagen,“ äußerte eine dicke rote Dame ohne Augenbrauen und Chignon, blond und in einem altmodischen Seidenkleide. Es war die Fürstin Mjagkaja, eine wegen ihrer Einfachheit und Derbheit im Verkehr enfant terrible benannte Dame.

Die Fürstin Mjagkaja saß in der Mitte zwischen beiden Kreisen und nahm, aufmerksam zuhörend, bald an dem Gespräch des einen Kreises teil, bald an dem des anderen.

„Mir haben heute nicht weniger als drei Menschen diese nämliche Phrase über Kaulbach gesagt, gleichsam als hätten sie sich dazu verabredet. Die Phrase hat ihnen, ich weiß nicht warum, so ausnehmend gefallen.“

Die Unterhaltung stockte infolge dieser Bemerkung und es war notwendig, ein neues Thema ausfindig zu machen.

„Erzählt uns doch etwas Lustiges – aber nichts Schlechtes,“ wandte sich die Gattin des Gesandten, eine große Meisterin in der schöngeistigen Konversation, wie man sie auf englisch small talk nennt, an den Diplomaten, der gleichfalls nicht wußte, was er jetzt beginnen sollte.

„Man sagt, das sei sehr schwer auszuführen, denn nur das Böse sei lustig,“ begann er jetzt lächelnd.

„Doch ich will es versuchen. Gebt mir ein Thema, alles liegt in einem Thema, ist dieses gegeben, so kann man leicht daran anknüpfen. Ich denke oftmals, daß es doch den großen Rednern des vorigen Jahrhunderts jetzt sehr schwierig werden müßte, verständig zu reden, denn alles Verständige langweilt.“

„Das ist eine alte Geschichte,“ lachte die Gattin des Gesandten. Die Unterhaltung wurde sehr energielos geführt, aber eben deshalb, weil sie zu energielos geführt wurde, stockte sie wieder. Es war daher notwendig, seine Zuflucht zu einem sicheren, einem nie versagenden Mittel zu nehmen, dem des Klatsches.

„Findet Ihr nicht, daß Tuschkewitsch etwas von Ludwig dem Fünfzehnten hat?“ fuhr der Diplomat fort, mit den Augen auf einen hübschen blonden jungen Mann weisend, welcher am Tische stand.

„O ja; er ist von der nämlichen Geschmacksrichtung wie die Dame des Hauses; und daher ist er auch so häufig hier.“

Dieses Gespräch wurde unterstützt, indem durch Winke über etwas gesprochen wurde, was man in diesem Salon nicht aussprechen durfte, nämlich über die Beziehungen Tuschkewitschs zu der Fürstin Bezzy.

Um den Samowar bei der Dame des Hauses hatte man während dessen ganz in der gleichen Weise einige Zeit hindurch zwischen drei unvermeidlichen Thematen geschwankt, zwischen der letzten Neuigkeit aus der Gesellschaft, dem Theater und der Verurteilung des Nächsten, und das Gespräch war gleichfalls auf dem letzten der drei stehen geblieben, bei dem Klatsch.

„Habt Ihr schon gehört, daß die Maltischtschewa – nicht die Tochter, sondern die Mutter, sich ein Kostüm von diable rose fertigen läßt?“

„Nicht möglich! Nein, das ist ja reizend!“

„Ich staune, wie die das hat ausdenken können – sie ist also doch nicht so dumm – man sieht nur nicht, wie fein sie ist.“

Ein jeder wußte einen Brocken, den er zur Verurteilung oder doch zur Verspottung der unglücklichen Maltischtschewa beisteuern konnte und das Gespräch war jetzt so munter im Gange, wie ein flammender Holzstoß.

Der Gatte der Fürstin Bezzy, ein gutmütiger Dickbauch und leidenschaftlicher Sammler von Gravuren hatte soeben gehört, daß bei seiner Gattin Gäste seien und war daher, noch bevor er in den Klub ging, im Salon erschienen. Unhörbar näherte er sich über den weichen Teppich daher der Fürstin Mjagkaja.

„Wie gefiel Euch die Nilson?“ war seine Begrüßung.

„Ach, wie kann man sich doch so heranstehlen? Wie habt Ihr mich jetzt erschreckt!“ antwortete sie. „Aber sprecht mir nicht mehr, um aller Heiligen willen, von der Oper, Ihr versteht ja doch wohl gar nichts von Musik. Es ist da schon besser, ich accomodiere mich Euch und rede mit Euch von Majoliken und Gravuren. Nun, was für einen Schatz habt Ihr denn da neulich gekauft?“

„Wünscht Ihr, daß ich ihn Euch zeige? Aber Ihr versteht doch nicht die Bedeutung.“

„Zeigt ihn mir. Ich habe das bei jener – wie nennt man sie doch – bei jener Bankiersfamilie gelernt – bei denen giebt es sehr gute Gravuren. Die haben sie uns gezeigt.“

„Wie, waret Ihr bei Schützburg?“ frug die Dame des Hauses vom Samowar herüber.

„Ich bin dort gewesen, ma chère. Man hatte mich eingeladen, mit meinem Manne zur Tafel hinzukommen und erzählte mir, daß allein die Sauce zu Tisch tausend Rubel gekostet habe,“ sprach die Fürstin Mjagkaja mit lauter Stimme in dem Gefühle, daß alles an ihrem Munde hing, „und diese Sauce war doch häßlich, sie sah so grünlich aus. Man hätte den Gastgeber seinerseits einladen müssen, ich hätte alsdann eine Sauce für fünfundachtzig Kopeken hergestellt und alle würden damit sehr zufrieden gewesen sein. Ich kann keine Saucen für Tausende von Rubeln herstellen.“

„Ist die natürlich!“ bemerkte die Dame des Hauses.

„Bewundernswert,“ flüsterte ein anderer.

Die Wirkung, welche die Erzählungen der Fürstin Mjagkaja hervorzurufen pflegten, war stets einzig in ihrer Art, und das Geheimnis der Erzielung dieses Effektes lag darin, daß sie, wenn auch nicht immer ganz so wie in diesem Augenblicke, einfach erzählte, und was Sinn hatte.

In der Gesellschaft, in welcher sie lebte, brachten derartige Reden den Effekt des geistreichsten Witzes hervor. Die Fürstin Mjagkaja vermochte nicht zu begreifen, wie es kam, daß ihre Worte so wirkten, allein sie wußte, daß dies der Fall war, und sie nutzte diese Erkenntnis aus.

Obwohl alles den Worten der Fürstin Mjagkaja die vollste Aufmerksamkeit widmete, und selbst das Gespräch in der Umgebung der Frau des Gesandten abgebrochen worden war, wollte gleichwohl die Herrin des Hauses das Augenmerk der Gesellschaft auf einen Punkt lenken und wandte sich daher an die Dame des Gesandten.

„Wollt Ihr in der That keinen Thee? Ihr hättet zu uns herüberkommen müssen,“ begann sie.

„O nein; ich sitze recht gut hier,“ versetzte lächelnd die Frau des Gesandten und setzte die angesponnene Unterhaltung fort.

Das Gespräch war sehr animiert; man richtete soeben die Karenin, Mann und Frau.

„Anna hat sich sehr verändert seit ihrem letzten Moskauer Aufenthalt. Es liegt so etwas Seltsames in ihr,“ äußerte ihre Freundin.

„Die Veränderung rührt namentlich daher, daß sie als ihren Schatten mit sich den Aleksey Wronskiy gebracht hat,“ sagte die Frau des Gesandten. „Was wollt Ihr doch. Grimm erzählt eine Fabel: Es war einmal ein Mensch ohne Schatten, ein Mensch der seines Schattens beraubt worden war zur Strafe für ein Vergehen. Ich vermag nicht zu begreifen, worin hier die Strafe liegen soll; indessen einem Weibe muß es allerdings unangenehm sein, keinen Schatten zu besitzen.“

„Ja, aber die Weiber, die einen solchen haben, enden meist nicht gut,“ antwortete die Freundin Annas.

„Hütet Eure Zunge,“ sagte plötzlich die Fürstin Mjagkaja, welche diese Worte vernommen hatte. „Die Karenina ist ein schönes Weib; ihren Mann liebe ich übrigens nicht, sie aber sehr.“

„Weshalb liebt Ihr ihren Mann nicht? Er ist doch ein so bedeutender Mensch,“ frug die Frau des Gesandten. „Mein Mann sagt, daß es nur wenig solcher Regierungsbeamten in Europa gebe.“

„Das Nämliche sagt auch mein Mann, aber ich glaube es nicht,“ antwortete die Fürstin Mjagkaja. „Hätten unsere Männer nichts gesprochen, so würden wir schon selbst erkannt haben, wie es mit ihm steht; nach meiner Meinung ist Aleksey Aleksandrowitsch einfach dumm. Ich sage dies nur unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Habe ich nicht recht, daß alles einmal herauskommt? Früher, als man mir aufoktroyiert hatte, ihn geistreich zu finden, forschte ich fortwährend, und fand mich selbst dumm, da ich seinen Geist nicht entdeckte; kaum aber hatte ich zu mir selbst gesagt, er sei dumm, natürlich ganz im geheimen, da war mit einem Male alles klar. Ist es nicht so?“

„O wie boshaft Ihr heute doch seid!“

„Nicht im geringsten. Ich habe keinen anderen Ausweg. Einer von uns beiden ist dumm; und ihr wißt ja doch, von sich selbst sagt man dergleichen nie.

„Niemand ist zufrieden mit seiner Lage, aber jeder mit seinem Verstande,“ warf der Diplomat mit einem französischen Verse ein.

„Da haben wirs; gewiß,“ wandte sich die Fürstin Mjagkaja sogleich an ihn. „Etwas ganz anderes aber ist es mit der Anna; sie ist ein reizendes liebes Weib. Was soll man ihr etwa deshalb nachsagen, weil alle Welt vernarrt ist in sie und ihr wie ein Schatten folgt?“

„Ich denke auch gar nicht daran, sie deshalb zu verurteilen,“ verwahrte sich die Freundin Annas.

„Wenn uns selbst niemand wie ein Schatten folgt, so haben wir deshalb noch lange kein Recht, einem anderen etwas Unrechtes nachzusagen.“

Nachdem sie derart die Freundin Annas abgefertigt hatte, wie es dieser zukam, erhob sich die Fürstin Mjagkaja und ließ sich mit der Frau des Gesandten am Tische nieder, wo sich das allgemeine Gespräch um den König von Preußen bewegte.

„Wen habt Ihr denn soeben dort verlästert?“ frug Bezzy.

„Die Karenin. Die Fürstin hat uns eine Charakteristik Aleksey Aleksandrowitschs gegeben,“ versetzte die Frau des Gesandten, sich lächelnd an den Tisch setzend.

„Schade, daß wir sie nicht gehört haben,“ antwortete die Dame des Hauses nach der Eingangsthür blickend. „Ah, da seid Ihr ja endlich!“ rief sie lächelnd dem eben angekommenen Wronskiy zu.

Wronskiy war nicht nur mit jedermann in diesem Kreise bekannt, sondern sah alle die er hier antraf, täglich, und trat daher mit jenen ruhigen Manieren ein, mit denen man in ein Zimmer kommt, das man soeben erst verlassen hatte.

„Woher ich komme?“ antwortete er sogleich auf die Frage der Frau des Gesandten. „Nun, was ist zu thun, ich muß es schon sagen, aus der Operette. Ich kann sie wohl zum hundertstenmale hören, aber stets höre ich sie mit neuem Vergnügen. Das ist reizend! Ich weiß wohl, daß mir dies nicht wohlansteht, aber in der Oper schlafe ich ein, während ich in der Operette bis zur letzten Minute vergnügt und fröhlich aushalte. Heute“ —

Er nannte eine französische Schauspielerin und wollte sich über sie verbreiten, aber die Frau des Gesandten unterbrach ihn mit komischem Entsetzen.

„Bitte, nicht von diesem Theaterschrecken erzählen.“

„Nun, nun; lassen wir es; umsomehr, als alle diese Schrecken kennen.“

„Und alle würden wohl dorthin fahren, wäre dies ebenso üblich für die Gesellschaft, wie die Oper,“ fügte die Fürstin Mjagkaja hinzu.

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02 mayıs 2017
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