Kitabı oku: «Anna Karenina, 1. Band», sayfa 23

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Die äußeren Beziehungen Aleksey Aleksandrowitschs zu seiner Gattin blieben die nämlichen wie früher. Der einzige Unterschied bestand nur darin, daß er jetzt noch mehr beschäftigt war, als vorher.

Wie in früheren Jahren, so fuhr er mit Beginn des Frühlings in das Bad nach dem Ausland, um seine durch die aufreibende Winterarbeit alljährlich angegriffene Gesundheit wieder zu kräftigen; wie gewöhnlich, kehrte er im Juli zurück und widmete sich dann sogleich wieder mit erhöhter Energie der gewohnten Thätigkeit. Wie immer, ging alsdann sein Weib auf den Landsitz während er in Petersburg blieb.

Seit der Zeit jenes Gespräches nach der Soiree bei der Fürstin Twerskaja, hatte er nie wieder mit Anna über seinen Argwohn und seine Eifersucht gesprochen und jener ihm eigene Ton des Nachahmens anderer konnte nicht passender für seine jetzigen Beziehungen zu seiner Frau sein.

Er war jetzt etwas kühler ihr gegenüber geworden; aber er schien auch gleichsam noch ein leises Mißvergnügen über jenes erste nächtliche Gespräch zu empfinden, welchem sie auszuweichen gesucht hatte. In seinen Beziehungen zu ihr ruhte ein Schatten von Verdruß, aber nichts weiter.

„Du wolltest dich mit mir nicht aussprechen,“ schien er zu sagen, sich in Gedanken zu ihr wendend, „um so schlimmer für dich. Du wirst mich nun bitten, aber jetzt werde ich nicht bereit sein zu einer Aussprache,“ sagte er in Gedanken zu sich; wie ein Mensch, der es vergeblich versucht hat, eine Feuersbrunst zu dämpfen und nun, erzürnt über seine vergeblichen Anstrengungen, sagt, „möge es nun über dich kommen, mögest du nun verbrennen dafür!“ —

Er, dieser verständige, in Amtsgeschäften so feinfühlige Mann, begriff noch nicht die ganze Unmöglichkeit eines solchen Verhältnisses zu seinem Weibe. Er begriff es nicht, weil es ihm allzu furchtbar erschien, seine Lage, wie sie wirklich war, erkennen zu sollen, und verbarg und verschloß und versiegelte daher auf dem Grund seiner Seele jenes Behältnis, in welchem seine Empfindungen zur Familie, zu Weib und Kind, ruhten.

Er, ein aufmerksamer Vater, war seit dem Ende dieses Winters auffallend kühl gegen sein Kind geworden, er beobachtete ihm gegenüber die nämliche ironisierende Haltung, wie er sie seinem Weibe gegenüber beobachtete. „Nun, junger Mann!“ wandte er sich an ihn.

Aleksey Aleksandrowitsch dachte und sprach es auch aus, daß er in keinem Jahre so viele Geschäfte gehabt habe, als in dem laufenden, aber er gestand nicht zu, daß er sich selbst in diesem Jahre die Geschäfte auferlegt hatte, und daß dies nur eines der Mittel sein sollte, durch welche er die Öffnung jenes Behältnisses vermeiden wollte, in welchem die Empfindungen für sein Weib und seine Familie ruhten, sowie seine Gedanken über beides, die um so furchtbarer wurden, je länger sie in demselben schlummerten.

Hätte jemand das Recht gehabt, Aleksey Aleksandrowitsch zu befragen, was er über diese Führung seines Weibes denke, so würde dieser sanfte, friedsame Mensch nicht geantwortet haben, und nur über denjenigen sehr in Zorn geraten sein, der ihn darnach gefragt.

Infolge dessen lag auch im Gesichtsausdruck Aleksey Aleksandrowitschs etwas Stolzes und Herbes, wenn man ihn nach dem Befinden seines Weibes frug. Aleksey Aleksandrowitsch wollte nicht über das Befinden seines Weibes oder die Gefühle desselben nachdenken und tatsächlich dachte er auch gar nicht daran.

Die Villa Aleksey Aleksandrowitschs war in Peterhof, und gewöhnlich hielt sich auch die Gräfin Lydia Iwanowna den Sommer hindurch dort auf, in der Nachbarschaft und in stehenden Beziehungen zu Anna.

Im laufenden Jahre hatte nun die Gräfin Lydia Iwanowna darauf verzichtet, ihren Aufenthalt in Peterhof zu nehmen, und sich nicht ein einziges Mal bei Anna eingefunden, vielmehr Aleksey Aleksandrowitsch auf das Unpassende in der Annäherung Annas an Bezzy und Wronskiy aufmerksam gemacht.

Aleksey Aleksandrowitsch hatte sie daraufhin ernst verwiesen, dem Gedanken Ausdruck verleihend, daß seine Frau über jeden Verdacht erhaben sei, und seitdem die Gräfin Lydia Iwanowna zu meiden begonnen.

Er wollte nicht sehen, und sah auch nicht, daß in der hohen Gesellschaft viele schon sein Weib von der Seite ansahen; er wollte nicht begreifen und begriff auch nicht, weshalb sein Weib gerade darauf bestand, nach Zarskoje überzusiedeln, wo Bezzy wohnte, und von wo es nicht weit bis zum Lager des Regiments in welchem Wronskiy diente, war. Er gestattete sich nicht, hierüber Betrachtungen anzustellen und er stellte auch keine an.

Und nichtsdestoweniger wußte er doch auf dem Grunde seiner Seele, ohne sich dies je selbst zuzugestehen, ohne sogar auch nur den geringsten Beweis, oder den geringsten Verdachtgrund dafür zu haben, unzweifelhaft sicher, daß er ein betrogener Gatte war, und er war infolge dessen tief unglücklich.

Wie oft hatte er sich während der Zeit seiner achtjährigen glücklichen Ehe mit seinem Weibe im Hinblick auf andere ungetreue Frauen und betrogene Ehemänner gefragt, wie man dies dulden könne, weshalb man ein solches Mißverhältnis nicht auflöse. Jetzt aber, da das Unglück auf sein eigenes Haupt herniedergebrochen war, dachte er nicht nur nicht überhaupt daran, wie er dieses Verhältnis lösen solle, sondern er wollte dieses überhaupt gar nicht kennen, und zwar deshalb nicht, weil es zu furchtbar, zu unnatürlich war.

Seit der Zeit seiner Rückkehr vom Auslande war Aleksey Aleksandrowitsch zweimal auf seinem Landsitz gewesen. Das eine Mal hatte er daselbst zu Mittag gespeist, das andere Mal den Abend mit Besuch dort verbracht, aber noch nicht ein einziges Mal war er über Nacht dageblieben, wie er dies sonst in früheren Jahren zu thun gewohnt war.

Der Tag der Rennen war ein Tag voller Beschäftigung für Aleksey Aleksandrowitsch, aber, nachdem er schon morgens sich die Einteilung des Tages gemacht hatte, beschloß er, sogleich nach dem ersten Frühstück auf den Landsitz zu seinem Weibe zu fahren und von dort nach den Rennen, zu denen der gesamte Hof anwesend war und bei denen er daher gegenwärtig sein mußte.

Zu seinem Weibe wollte er sich deshalb begeben, weil er den Entschluß gefaßt hatte, der Etikette halber einmal wenigstens in der Woche zu verweilen. Außerdem aber mußte er ihr an diesem Tage, zum fünfzehnten des Monats, nach der eingeführten Regel, Gelder zur Führung des Haushaltes übergeben.

Mit der gewohnten Herrschaft über seine Gedanken gestattete er sich, nachdem er das alles überlegt hatte, nicht, noch weiter abzuschweifen in dem, was sie anging.

Der Vormittag war sehr reich an Arbeit für Aleksey Aleksandrowitsch gewesen. Am Abend vorher hatte ihm die Gräfin Lydia Iwanowna die Broschüre eines in Petersburg anwesenden bekannten Chinareisenden mit einem Briefe übersandt, in welchem sie ihn ersuchte, den Reisenden selbst wohl aufnehmen zu wollen, da er in verschiedenen Beziehungen ein sehr interessanter und nützlicher Mann sei.

Aleksey Aleksandrowitsch hatte sofort die Broschüre am Abend nicht ganz durchlesen können und erledigte die Lektüre am folgenden Morgen. Hierauf erschienen bei ihm die Bittsteller, Vorträge begannen, Empfänge, Bestimmungen, Absetzungen, Korrespondenzen, Verfügungen über Auszeichnungen, Pensionen, Gehälter, kurz alle die Werkeltagsobliegenheiten warteten seiner, wie sie Aleksey Aleksandrowitsch nannte und die soviel Zeit in Anspruch nahmen.

Dann folgte eine persönliche Angelegenheit in dem Besuche des Arztes, und dem seines Geschäftsführers, welcher indessen nicht soviel Zeit für sich in Anspruch nahm, und nur die Aleksey Aleksandrowitsch erforderlichen Gelder überbrachte, dabei einen kurzen Bericht über den Stand des Vermögens gebend, welches nicht völlig befriedigend stand, da sich zeigte, daß im gegenwärtigen Jahre infolge häufiger Ausschreitungen mehr verbraucht worden und hierdurch ein Deficit entstanden war.

Der Arzt aber, ein berühmter Mediziner Petersburgs, der zu Aleksey Aleksandrowitsch in freundschaftlichen Beziehungen stand, hatte viel Zeit in Anspruch genommen.

Aleksey Aleksandrowitsch hatte ihn an diesem Tage gar nicht erwartet, und war verwundert gewesen über sein Kommen, noch mehr aber darüber, daß der Arzt ihn sehr aufmerksam nach seinem Befinden frug, seine Brust behorchte und seine Leber befühlte.

Aleksey Aleksandrowitsch wußte nicht, daß seine Freundin Lydia Iwanowna, bemerkend, seine Gesundheit sei heuer gar nicht gut, den Doktor gebeten hatte, doch zu ihm zu fahren und den Leidenden zu untersuchen.

„Thut es um meinetwillen,“ hatte die Gräfin Lydia Iwanowna zu demselben gesagt.

„Ich thue es für Rußland, Gräfin,“ hatte der Arzt erwidert.

„Ein unschätzbarer Mensch!“ sagte die Gräfin Lydia Iwanowna.

Der Arzt war sehr unzufrieden mit Aleksey Aleksandrowitsch. Er fand eine bedeutende Lebervergrößerung, die Ernährung beeinträchtigt und die Wirkung des Bades war gleich null.

Er schrieb ihm soviel als möglich körperliche Bewegung, und so wenig als möglich geistige Arbeit vor, hauptsächlich aber möchten aller Ärger streng vermieden werden; also gerade das, was Aleksey Aleksandrowitsch ebenso unmöglich zu gewähren war, als wie er das Atmen hätte unterlassen können. Hierauf fuhr der Arzt von dannen, in Aleksey Aleksandrowitsch eine unangenehme Empfindung zurücklassend, daß etwas in ihm nicht in Ordnung sei, was sich jedoch auch nicht bessern lasse.

Bei seinem Fortgang von Aleksey Aleksandrowitsch stieß der Doktor auf der Treppe mit dem ihm gut bekannten Sljudin, Alekseys Geschäftsführer zusammen.

Beide waren Kameraden auf der Universität gewesen und achteten sich, obwohl sie selten zusammenkamen, als gute Freunde, weshalb denn auch der Arzt niemandem seine aufrichtige Meinung über den Kranken gesagt hätte, als Sljudin.

„Wie freue ich mich, daß Ihr bei ihm waret,“ sagte Sljudin. „Er befindet sich nicht wohl und mir scheint – wie steht es denn?“ —

„So steht es,“ sagte der Arzt, über den Kopf Sljudins hinweg dem Kutscher zuwinkend, daß er vorfahre, „so steht es,“ sagte er, einen Finger seines Glacéhandschuhs in die weißen Hände nehmend und ihn langziehend. „Spannt man die Saiten nicht und probiert man sie zu zerreißen, so ist dies sehr schwer; spannt man sie aber bis zur äußersten Möglichkeit und legt man sich nur mit eines Fingers Schwere auf die gespannte Saite, so springt sie. Er aber mit seiner Unermüdlichkeit, seiner Gewissenhaftigkeit bei der Arbeit – er freilich ist bis zum äußersten Grad angespannt, und eine Beseitigung des Leidens ist nicht direkt lebensgefährlich aber schwer,“ fügte der Arzt hinzu, bedeutungsvoll die Brauen hochziehend. „Werdet Ihr zu den Rennen gehen?“ frug er dann, sich in seinem vorgefahrenen Wagen niedersetzend.

– „Ja, versteht sich, es nimmt mir freilich viel Zeit weg,“ versetzte dann noch der Arzt auf eine Frage Sljudins, die er gar nicht gehört hatte. —

Nach dem Arzte, der Aleksey Aleksandrowitsch soviel Zeit geraubt hatte, erschien der berühmte Chinareisende, und Aleksey setzte nun, die Früchte seiner soeben beendeten Lektüre und seine Kenntnisse über den Gegenstand, die er schon früher besessen hatte, benutzend, den Reisenden in Erstaunen mit der Tiefe seines Wissens und seinem weitreichenden, klaren Blick.

Zugleich mit dem Chinareisenden wurde auch die Ankunft des Gouvernementsdirektors gemeldet, welcher in Petersburg angekommen und mit dem eine Konferenz abzuhalten war. Nach seiner Abreise mußten wieder tägliche Geschäfte mit dem Geschäftsführer erledigt werden und dann mußte er noch in einer ernsten und wichtigen Angelegenheit zu einer hervorragenden Persönlichkeit Petersburgs fahren.

Aleksey Aleksandrowitsch war um fünf Uhr, zur Zeit wo er Mittag speiste, kaum wieder zurückgekehrt so lud er seinen Geschäftsführer, nachdem er mit ihm gespeist hatte ein, zusammen mit ihm nach seinem Landsitz und zu den Rennen zu fahren.

Ohne daß er sich davon Rechenschaft zu geben vermochte, suchte er jetzt nach Gelegenheiten dritte Personen bei seinen Begegnungen mit der Gattin hinzuzuziehen.

27

Anna stand oben vor dem Spiegel, mit Hilfe ihrer Zofe Annuschka ein letztes Band auf ihrem Kleide feststeckend, als sie vor der Einfahrt das Geräusch des von Rädern gepreßten Kieses vernahm.

„Für Bezzy wäre es noch zu früh,“ dachte sie und schaute aus dem Fenster. Sie erblickte einen Wagen, einen schwarzen Herrenhut der daraus hervorkam und die ihr so wohlbekannten Ohren Aleksey Aleksandrowitschs. „Das kommt ungelegen. Er wird doch nicht über Nacht hier bleiben?“ dachte sie und ihr erschien alles das, was hieraus entstehen konnte, so entsetzlich und furchtbar, daß sie ihm, ohne sich eine Minute zu besinnen, mit heiterem und freudestrahlendem Gesicht entgegeneilte. Nur die Gegenwart des ihr schon bekannten Geistes der Lüge und Truges fühlend, ergab sie sich diesem sogleich, indem sie, ohne zu wissen was sie sagen sollte, zu sprechen begann.

„O, wie ist das reizend von dir!“ sagte sie, dem Gatten die Hand reichend, und mit freundlichem Lächeln Sljudin, den Hausfreund, begrüßend. „Du bleibst doch über Nacht, hoffe ich?“ war das erste Wort, welches der Geist der Lüge ihr eingab, „jetzt fahren wir doch zusammen. Es ist nur schade, daß ich Bezzy versprochen habe – sie will kommen, mich abzuholen.“

Aleksey Aleksandrowitsch verfinsterte sich bei dem Namen Bezzys.

„O, ich will Unzertrennliche nicht trennen,“ antwortete er mit seinem gewöhnlichen launigen Tone. „Wir werden dann mit Michailow Wasiljewitsch zusammen hingehen; die Ärzte haben mir ohnehin das Gehen empfohlen, und ich werde daher zu Fuß laufen und mir dabei denken, ich wäre im Bad.“

„Wir haben indessen nicht die geringste Eile,“ sagte Anna, „wollt Ihr Thee trinken?“ Sie schellte. „Bringt Thee und sagt meinem Sergey, daß sein Vater angekommen sei. Was macht denn deine Gesundheit? – Michailow Wasiljewitsch, Ihr waret noch nicht bei mir; seht Euch einmal an, wie hübsch es auf meinem Balkon draußen ist,“ fuhr sie fort, sich bald an ihren Gatten, bald an dessen Begleiter wendend.

Sie sprach sehr ungekünstelt und natürlich, nur zu viel und zu schnell. Anna fühlte dies selbst umsomehr, als sie an dem neugierigen Blicke, mit welchem sie Michail Wasiljewitsch anschaute, inne wurde, daß er sie zu beobachten schien.

Michail Wasiljewitsch begab sich sofort nach der Terrasse hinaus. Sie ließ sich neben ihrem Manne nieder.

„Du siehst nicht ganz wohl aus,“ begann sie.

„Ja,“ antwortete er, „der Arzt war heute bei mir und hat mir eine Stunde Zeit geraubt. Ich merke wohl, daß ihn irgend einer von meinen Bekannten hergeschickt hatte; so kostbar ist meine Gesundheit.“

„Nun, was sagte der Arzt?“

Sie erkundigte sich nun über seine Gesundheit und seine Arbeiten, und redete ihm zu, sich Schonung zu gönnen und doch ganz zu ihr überzusiedeln.

Alles das hatte sie heiter, schnell und mit einem auffallenden Glanz in den Augen gesprochen, aber Aleksey Aleksandrowitsch schrieb diesem Tone bei ihr heute keinerlei Bedeutung zu.

Er vernahm nur ihre Worte und legte ihnen nur genau den nämlichen Sinn bei, den sie thatsächlich hatten. Er antwortete ihr gerad, wenn auch in seiner launigen Weise, und in dem gesamten Gespräch lag nichts Eigenartiges, doch konnte sich Anna nachmals der Empfindung eines peinigenden Schmerzes und der Scham nicht verschließen, wenn sie sich diese ganze kurze Scene wiederum vergegenwärtigte.

Sergey trat jetzt herein, begleitet von seiner Gouvernante. Hätte Aleksey Aleksandrowitsch sich selbst dazu verstanden, zu beobachten, so würde er den zaghaften, irrenden Blick wahrgenommen haben, mit welchem der kleine Sergey erst seinen Vater anschaute und dann seine Mutter. Aber er wollte nichts sehen, und sah auch nichts.

„Nun, junger Mann! Wie er groß geworden ist, recht so, das wird ein ganzer Mann! Wie geht es, junger Mann?“

Er gab dem erschreckten kleinen Sergey die Hand.

Sergey, schon vordem stets schüchtern gewesen in seinem Verhalten gegenüber dem Vater, fühlte sich jetzt, nachdem ihn Aleksey Aleksandrowitsch einen jungen Mann geheißen hatte, und ihm jenes Rätsel wieder in den Kopf kam, ob Wronskiy ein Freund oder ein Feind sei, seinem Vater entfremdet. Wie Schutz suchend, blickte er nach seiner Mutter; bei seiner Mutter allein war ihm wohl.

Aleksey Aleksandrowitsch hielt indessen sein Söhnchen an der Schulter, während er mit der Gouvernante zu sprechen begonnen hatte, und Sergey wurde es dabei so qualvoll peinlich zu Mute, daß Anna bemerkte, wie er sich zum Weinen anschickte.

Anna, welche in dem Augenblick als ihr Söhnchen eintrat errötet war, sprang jetzt, nachdem sie wahrgenommen, daß Sergey sich nicht wohl fühlte, schnell herbei, nahm die Hand ihres Mannes von der Schulter des Knaben, küßte diesen und führte ihn auf die Terrasse, worauf sie sogleich zurückkehrte.

„Indessen; es ist Zeit jetzt,“ sagte sie, auf ihre Uhr blickend. „Weshalb nur Bezzy nicht kommt.“

„Ja,“ versetzte Aleksey Aleksandrowitsch, stand auf, legte seine Finger ineinander und ließ sie knacken. „Ich bin auch noch gekommen, dir Geld zu bringen, da man die Nachtigallen ja doch nicht nur mit Liedern nährt,“ sagte er. „Ich glaube, du brauchst welches.“ —

„Nein, ich brauche keines – oder doch, ja, doch,“ – antwortete sie, ohne ihn anzusehen, und errötete bis in die Haarwurzeln. „Ich denke doch, daß du von den Rennen wieder hierher zurückkommst.“

„Gewiß werde ich,“ versetzte Aleksey Aleksandrowitsch. „Doch da kommt ja auch die Löwin von Peterhof, die Fürstin Twerskaja,“ fügte er hinzu, indem er durch das Fenster eine englische einspännige Equipage anfahren sah, die sich durch einen außerordentlich hoch angebrachten kleinen Kutschbock auszeichnete. „Welch eine Koketterie. Es ist reizend. Doch, wir wollen nun auch gehen!“

Die Fürstin Twerskaja verließ ihre Equipage nicht; nur ihr Lakai in halblangen Stulpstiefeln, Pelerine und schwarzem Hut, sprang vor der Einfahrt herab.

„Ich gehe also, lebt wohl!“ sagte Anna, küßte ihr Söhnchen, trat zu Aleksey Aleksandrowitsch und reichte diesem die Hand. „Es war recht hübsch von dir, daß du gekommen bist.“ Aleksey Aleksandrowitsch küßte ihr die Hand. „Also auf Wiedersehen! Du kommst doch zum Thee; schön so!“ sagte sie und ging, strahlend und heiter.

Sie war ihm indessen kaum aus dem Auge, als sie die Stelle auf ihrer Hand empfand, die seine Lippen berührt hatten, und voll Widerwillen erschauerte.

28

Als Aleksey Aleksandrowitsch bei den Rennen erschien, saß Anna bereits auf der Tribüne neben der Fürstin Bezzy, auf derselben Tribüne, auf welcher sich die gesamte höchste Gesellschaft versammelt hatte. Sie sah ihren Gatten erst von ferne.

Zwei Menschen, ihr Mann und ihr Geliebter, waren die beiden Mittelpunkte für ihr Dasein, und ohne daß ihr die äußeren Sinne dazu verholfen hätten, empfand sie deren Nähe.

Schon von fern fühlte sie die Annäherung ihres Gatten und unwillkürlich folgte sie ihm in dem Menschengewoge, inmitten dessen er sich bewegte.

Sie sah, wie er zu der Tribüne kam, bald herablassend auf die Begrüßungen antwortend die ihn suchten, bald freundlich, aber zerstreut Gleichgestellten begegnend, bald streberisch die Blicke der Mächtigen der Erde erwartend, und seinen großen runden Hut abnehmend, der die Spitzen seiner Ohren drückte.

Sie kannte alle diese Manieren und sie alle waren ihr zuwider.

„Allein der Ehrgeiz, allein der Wunsch, Erfolg zu haben, das ist alles, was in seiner Seele wohnt,“ dachte sie, „und seine hochfliegenden Pläne, die Liebe zur Volksaufklärung, seine Religiosität, alles das sind nur die Mittel dazu, diesen Erfolg zu erreichen.“

An seinen Blicken nach der Damentribüne – er schaute gerade auf sie, erkannte aber seine Frau nicht in dem Meere von Zöpfen, Bändern, Federn, Sonnenschirmen und Blumen – nahm sie wahr, daß er sie suche; doch sie wollte ihn mit Absicht nicht bemerken.

„Aleksey Aleksandrowitsch!“ rief ihm die Fürstin Bezzy zu, „Ihr seht wohl Eure Gattin gar nicht; hier ist sie ja!“ —

Er lächelte in seiner kühlen Weise.

„Es ist hier so viel Glanz, daß die Augen davon geblendet werden,“ sagte er und trat in die Tribüne ein.

Seinem Weibe zulächelnd, wie ein Mann lächeln muß, der seiner Frau begegnet, die er vor kurzem eben erst gesehen hat, begrüßte er auch die Fürstin und die übrigen Bekannten, jedem das Seine zuteilend; das heißt mit den Damen scherzend und mit den Herren Bewillkommnungen tauschend.

Unten, neben der Tribüne stand ein von Aleksey Aleksandrowitsch höchst geachteter Mann, bekannt durch seinen Geist und seine Bildung; ein Generaladjutant.

Aleksey Aleksandrowitsch geriet ins Gespräch mit ihm; es fand gerade eine Pause zwischen den Rennen statt und nichts störte daher die Unterhaltung.

Der Generaladjutant sprach sich abfällig über Rennen aus; Aleksey Aleksandrowitsch widersprach, indem er dieselben vertrat.

Anna hörte seine dünne, gleichmäßige Stimme, die kein Wort von dem was sie sprach, verschluckte. Aber jedes seiner Worte erschien ihr unrichtig und schnitt ihr schmerzhaft ins Ohr.

Als das Vierwerstrennen mit den Hindernissen begann, beugte sie sich nach vornüber, und blickte unverwandt nach Wronskiy, wie er zu seinem Pferde trat und aufsaß. Zur nämlichen Zeit mußte sie die widerliche, nicht verstummende Stimme ihres Mannes hören.

Sie empfand Qualen in der Angst um Wronskiy, aber noch mehr wurde sie gequält von dem unaufhörlich schallenden Klange seiner dünnen Stimme mit den ihr so bekannten Accenten.

„Ich bin ein schlechtes, ein verworfenes Weib,“ dachte sie, „aber ich liebe es nicht, zu lügen; ich werde die Lüge nicht ertragen – seine Stimme aber – das ist eine Lüge! – Er weiß alles und sieht alles; was jedoch kann er fühlen, wenn er so ruhig zu sprechen vermag? Wenn er mich tötet oder Wronskiy, ich würde ihn achten. Aber nein, er bedient sich lediglich der Lüge und der Etikette,“ sprach Anna zu sich selbst, ohne darüber nachzudenken, was sie eigentlich von ihrem Manne wollte und wie sie ihn zu sehen wünschte.

Sie begriff auch nicht, daß diese eigentümliche Sprechseligkeit heute bei Aleksey Aleksandrowitsch, von der sie so in Gereiztheit versetzt wurde, nur der Ausdruck seiner inneren Verwirrung und Unruhe war.

Wie ein Kind, welches gefallen ist, emporspringt und seine Muskeln in Bewegung bringt, um den Schmerz zu betäuben, so war diese geistige Gymnastik für Aleksey Aleksandrowitsch unentbehrlich, damit er jene Gedanken über seine Frau betäuben konnte, welche in ihrer Gegenwart wie in der Wronskiys, sowie angesichts der beständigen Wiederholung von dessen Namen, seine Aufmerksamkeit so in Anspruch nahmen. Und wie es bei dem Kinde natürlich ist zu springen, so mußte auch er gut und verständig reden.

„Die Gefahr ist bei den Offiziersrennen, den Kavalleristenrennen,“ sagte er, „eine unerläßliche Voraussetzung. Wenn England in seiner Militärgeschichte auf die glänzendsten Leistungen von Reitern blicken kann, so ist dies nur dem zu danken, daß es in sich selbst historisch diese Kraft, sowohl der Menschen wie der Tiere zu entwickeln verstand. Der Sport hat nach meiner Meinung eine hohe Bedeutung, wir aber sehen – wie immer, – nur die oberflächlichste Seite der Sache.“

„Nicht die oberflächliche,“ sagte die Fürstin Twerskaja, „denn ein Offizier soll zwei Rippen gebrochen haben.“

Aleksey Aleksandrowitsch lächelte mit dem ihm eigenen Lächeln, indem er nur die Zähne zeigte, ohne damit etwas zu sagen.

„Setzen wir also den Fall, Fürstin, daß es sich hierbei nicht um eine Oberflächlichkeit handelte,“ fuhr er dann fort, „so liegt doch dann etwas Innerliches vor. Doch darum handelt es sich ja nicht,“ und er wandte sich von neuem an den General, mit welchem er ernst weiter sprach, „vergeßt doch nicht, daß hier Leute vom Militärstand reiten, die sich diese Thätigkeit auserkoren haben, und gebt mir zu, daß jeder Beruf seine Kehrseite der Medaille hat. Dieser Sport gehört zu den Obliegenheiten des Militärstandes. Jener ungestalte Sport des Boxens hingegen oder der der spanischen Stiergefechte ist nur ein Zeichen von Barbarei. Der specialisierte Sport hingegen das der Fortentwickelung.“

„O nein. Ich komme nicht wieder ein zweites Mal hierher, denn dies regt mich zu sehr auf,“ rief die Fürstin Twerskaja. „Habe ich nicht recht, Anna?“

„Es regt allerdings auf, aber man kann sich nicht abschließen,“ sagte eine andere Dame. „Wäre ich eine Römerin gewesen, ich würde keine Cirkusvorstellung versäumt haben.“

Anna sagte nichts; sie blickte, das Glas nicht von dem Auge nehmend, auf einen bestimmten Punkt.

In diesem Augenblick schritt ein hochgewachsener General durch die Tribüne. Aleksey Aleksandrowitsch brach sein Gespräch ab, stand hastig, aber würdevoll auf und verbeugte sich tief vor dem vorbeischreitenden Offizier.

„Reitet Ihr nicht mit?“ scherzte dieser mit ihm.

„Mein Reiten ist schwieriger,“ versetzte Aleksey Aleksandrowitsch ehrfurchtsvoll.

Obwohl diese Antwort nichts weiter in sich schloß, machte der General doch ein Gesicht, als habe er ein geistreiches Wort von einem geistreichen Menschen vernommen, und vollkommen die pointe de la sauce verstanden.

„Jede Sache hat zwei Seiten,“ fuhr Aleksey Aleksandrowitsch hierauf fort, „es giebt Schauspieler und Zuschauer. Die Liebe für diese Schauspiele ist das echteste Kennzeichen niederer Entwickelung seitens der Zuschauer. Ich gebe ja das zu, allein“ —

„Fürstin, pari!“ rief plötzlich von oben die Stimme Stefan Arkadjewitschs, der sich zu Bezzy gewandt hatte.

„Auf wen haltet Ihr?“

„Anna und ich auf den Fürsten Kuzowleff,“ antwortete Bezzy.

„Ich auf Wronskiy. Ein Paar Handschuhe!“

„Gilt!“ —

„Wie hübsch; nicht wahr?“

Aleksey Aleksandrowitsch war verstummt, während man um ihn herum sprach, doch hub er sogleich wieder an.

„Ich bin ja einverstanden, es giebt keine Männerspiele, die“ —

In der nämlichen Sekunde begann das Rennen und alle Gespräche wurden abgebrochen.

Aleksey Aleksandrowitsch war gleichfalls verstummt. Alles erhob sich von den Sitzen und eilte nach dem Flusse.

Aleksey Aleksandrowitsch interessierte sich nicht für die Rennen und blickte deshalb gar nicht nach den Reitenden hinüber, sondern begann zerstreut mit abgespannten Blicken die Zuschauer zu mustern. Sein Blick blieb auf Anna ruhen.

Ihr Gesicht war bleich und herb. Sie sah und hörte offenbar nichts, ausgenommen einen Einzigen. Ihre Hand preßte krampfhaft den Fächer, sie atmete nicht.

Er blickte sie an und wandte sich dann hastig ab, auf andere Gesichter schauend.

„Auch jene Dame dort – und andere nicht minder – sehen höchst erregt aus, das ist ja sehr natürlich,“ sagte Aleksey Aleksandrowitsch zu sich selbst.

Er wollte nicht auf sie blicken, aber sein Auge blieb unwillkürlich auf ihr haften. Er schaute wiederum in ihr Antlitz, sich bemühend, das nicht zu lesen, was so klar auf ihm geschrieben stand, und gegen seinen Willen, mit Entsetzen, las er auf demselben, was er nicht erkennen wollte.

Der erste Sturz Kuzowleffs bei dem Flusse brachte alles in Aufregung, aber Aleksey Aleksandrowitsch sah klar auf dem bleichen, triumphierenden Gesicht Annas, daß der, dem sie mit den Augen folgte, nicht gestürzt war.

Als hierauf, nachdem Machotin und Wronskiy die große Barriere genommen hatten, der folgende Offizier ebendaselbst auf den Kopf stürzte und wie tot auf dem Platze blieb, als ein Schrei des Entsetzens durch die Zuschauermassen ging, da sah Aleksey Aleksandrowitsch, daß Anna dies gar nicht einmal bemerkt hatte und nur mit Mühe faßte, wovon man ringsum sprach. Immer tiefer und tiefer, mit größter Beharrlichkeit bohrte sich sein Blick in sie hinein.

Anna, förmlich verschlungen von dem Anblick des dahinjagenden Wronskiy, empfand den von seitwärts auf sich gerichteten Blick der kalten Augen ihres Gatten.

Sie schaute für einen Augenblick empor, blickte ihn fragend an, verfinsterte sich leicht und wandte sich dann wieder weg, als wollte sie ihm sagen, daß alles ihr gleichgültig sei, und nun schaute sie nicht ein einziges Mal mehr nach ihm.

Das Rennen verlief sehr unglücklich. Von den siebzehn Teilnehmern an demselben waren mehr als die Hälfte gestürzt und bei seiner Beendigung befand sich alles in einer Aufregung, die sich noch mehr erhöhte, weil der Zar mißvergnügt darüber geworden war.

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02 mayıs 2017
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