Kitabı oku: «Anna Karenina, 2. Band»

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Fünfter Teil

1

Die Fürstin Schtscherbazkaja fand, daß es unmöglich sei, die Hochzeit vor den Fasten, bis zu denen noch fünf Wochen waren, zu feiern, da die eine Hälfte der Ausstattung bis dahin nicht fertig zu stellen war; doch konnte sie nicht umhin, sich mit Lewin einverstanden zu erklären, daß es nach den Fasten wieder viel zu spät werden würde, da eine alte Tante des Fürsten Schtscherbazkiy sehr krank war und bald sterben konnte, und alsdann die Trauer die Hochzeit noch weiter verzögert haben würde. Die Fürstin erklärte sich infolge dessen, nachdem sie die Mitgift in zwei Partieen – eine große und eine kleine geteilt hatte, damit einverstanden, daß die Hochzeit zu den Fasten gefeiert würde. Sie beschloß den kleineren Teil der Mitgift schon jetzt bereit zu machen, während der größere später folgen würde, und war sehr erbost über Lewin, weil dieser ihr durchaus nicht ernsthaft zu antworten vermochte, ob er hiermit einverstanden sei oder nicht. Diese Ordnung der Dinge war um so bequemer, als die jungen Eheleute sogleich nach der Hochzeit auf das Land gingen, wo die große Mitgift gar nicht erforderlich war.

Lewin befand sich noch immer in jenem Zustande der Verzücktheit, in welchem es ihm schien, als ob er und sein Glück den hauptsächlichsten und einzigen Zweck alles Seienden bildete, daß er jetzt an nichts denken, für nichts sorgen dürfe, daß vielmehr alles für ihn von anderen gemacht wurde oder gemacht werden würde. Er hatte durchaus keine Pläne oder Ziele für sein zukünftiges Leben, sondern gab die Entscheidung hierüber anderen anheim in der Überzeugung, es werde schon alles gut gehen. Sein Bruder Sergey Iwanowitsch, Stefan Arkadjewitsch und die Fürstin leiteten ihn an, was er zu thun habe, und er war vollständig einverstanden mit allem, was man ihm vorschlug. Sein Bruder nahm Geld für ihn auf, die Fürstin riet, nach der Hochzeit Moskau zu verlassen, Stefan Arkadjewitsch riet, eine Hochzeitsreise ins Ausland zu machen. Er war mit allem einverstanden. „Thut was Ihr wollt, wenn es Euch Vergnügen macht. Ich bin glücklich, und mein Glück kann nicht größer sein und nicht kleiner, was immer Ihr auch thun möget,“ dachte er.

Als er Kity den Rat Stefan Arkadjewitschs mitteilte, eine Hochzeitsreise ins Ausland zu machen, wunderte er sich sehr, daß sie damit nicht einverstanden war, sondern bezüglich des beiderseitigen künftigen Lebens gewisse eigene bestimmte Forderungen stellte. Sie wußte, daß Lewin seine Beschäftigung auf dem Lande hatte, die er liebte. Sie verstand, wie er sah, nicht nur nichts hiervon, sondern wollte auch gar nichts davon verstehen lernen, doch hinderte sie dies nicht, jene Beschäftigung für sehr wichtig zu halten. Sie wußte ferner, daß ihr Haus in einem Dorfe stand, und wünschte nun eben, nicht ins Ausland zu fahren, wo sie ja nicht leben würde, sondern dorthin, wo ihr Haus stand. Dieser bestimmt ausgeprägte Entschluß setzte Lewin in Verwunderung, doch da ihm alles gleichgültig war, bat er sogleich Stefan Arkadjewitsch, als ob dies dessen Verpflichtung wäre, auf das Dorf zu fahren und dort alles vorzubereiten, wie er es verstünde, mit jenem Geschmack, den er in so reichem Maße besäße.

„Höre einmal,“ sagte nun eines Tags Stefan Arkadjewitsch zu Lewin, – vom Dorfe zurückgekommen, woselbst er alles für die Ankunft des jungen Paares eingerichtet hatte – „hast du denn ein Zeugnis, daß du gebeichtet hast?“

„Nein. Warum?“

„Ohne dies wirst du nicht getraut!“

„O, o, o,“ rief Lewin aus; „ich habe ja schon seit neun Jahren keine Fasten mehr innegehalten. Daran habe ich gar nicht gedacht!“

„Du bist mir Einer,“ lachte Stefan Arkadjewitsch, „und mich willst du einen Nihilisten nennen! Aber das geht wirklich nicht – du mußt fasten.“

„Wann denn? Es sind noch vier Tage übrig.“

Stefan Arkadjewitsch ordnete auch dies, und Lewin begann zu fasten. Für ihn, als einen Häretiker, der aber gleichwohl den Glauben anderer achtete, war die Gegenwart und Teilnahme bei jeder Art von kirchlichen Ceremonien sehr lästig. Jetzt, in seiner allen gegenüber gefühlvollen, weichen Seelenstimmung, in der er sich befand, war dieser Zwang zu heucheln, Lewin nicht nur lästig, er schien ihm vielmehr vollständig undurchführbar. Jetzt, in seiner vollen Mannhaftigkeit und Blüte sollte er entweder lügen oder spotten! Er fühlte sich nicht in der Lage, eines von beiden zu thun, aber soviel er Stefan Arkadjewitsch auch anliegen mochte, ob er nicht ein Zeugnis erhalten könne, ohne gefastet zu haben, Stefan Arkadjewitsch erklärte, dies sei unmöglich.

„Und was kann es dir darauf ankommen – zwei Tage? Er ist ein so lieber, verständiger Geistlicher und wird dir diesen Zahn ausziehen, daß du es gar nicht gewahr wirst.“

In der ersten Messe machte Lewin den Versuch, in sich die Erinnerungen an seine Jünglingszeit und jene mächtigen religiösen Gefühlsregungen wieder aufzufrischen, die er in seinem sechzehnten und siebzehnten Jahre durchlebt hatte. Doch alsbald überzeugte er sich, daß ihm dies vollständig unmöglich war. Er versuchte nun, auf alles das zu blicken, wie auf eine eitle Sitte, die keine innere Bedeutung besaß, und Ähnlichkeit mit der Sitte des Visitemachens hatte, empfand aber, daß er auch dies durchaus nicht über sich gewann. Lewin befand sich der Religion gegenüber, wie die Mehrzahl seiner Altersgenossen, auf einem vollständig unbestimmten Standpunkt. Glauben konnte er nicht, war aber bei alledem doch nicht fest überzeugt davon, daß alles Glauben unwahr sei, und so empfand er denn – weder imstande, an die Bedeutsamkeit dessen zu glauben, was er that, noch fähig, gleichgültig darauf zu schauen, wie auf eine leere Formalität – während der ganzen Zeit dieser Fasten ein Gefühl von Unbehagen und Scham, indem er that, was er selbst nicht verstand und was, wie ihm eine innere Stimme sagte, gewissermaßen irrig und nicht gut war.

Während der Kirchenfeier lauschte er bald den Gebeten und bemühte sich, ihnen eine Bedeutung beizulegen, die mit seinen Anschauungen nicht in Konflikt geriet, bald suchte er, in der Empfindung, daß er nichts verstehen könne und sie verwerfen müsse, die Gebete nicht zu hören und beschäftigte sich mit seinen Gedanken, Beobachtungen und Erinnerungen, die mit außerordentlicher Lebhaftigkeit während dieses müßigen Stehens in der Kirche in seinem Kopfe durcheinandergingen.

Er hörte die ganze Messe, die Vigilien und am andern Tage, zeitiger als sonst aufgestanden, begab er sich, ohne den Thee genommen zu haben, um acht Uhr morgens wieder in die Kirche, um die Frühgebete und die Beichte zu hören.

In der Kirche befand sich nur ein armer Soldat, zwei alte Weiber und die Kirchendiener.

Ein junger Diakonus, dessen langer Rücken sich in zwei Hälften scharf unter dem dünnen Leibrock abhob, trat ihm entgegen und begann sogleich, zu einem kleinen Tischchen an der Wand tretend, zu lesen. An der Art seines Lesens, besonders an der häufigen und schnell aufeinanderfolgenden Wiederholung der nämlichen Worte „Herr erbarme dich unser“, die von der Hast völlig entstellt klangen, fühlte Lewin, wie ihr Sinn für diesen Mann verschlossen und versiegelt war, fühlte aber auch, daß es sich nicht zieme, jetzt daran zu rühren, da hieraus nur eine Verwickelung entstehen konnte – und so fuhr er fort, hinter dem Geistlichen stehend, ohne ihn zu hören oder sich in ihn zu versenken, an seine eigenen Angelegenheiten zu denken.

„Es liegt wunderbar viel Ausdruck in ihrer Hand,“ dachte er, sich vergegenwärtigend, wie sie gestern beide am Ecktisch gesessen hatten. Zu sprechen hatten sie wenig miteinander gehabt, wie das fast stets während dieser Zeit ist; sie hatte, nur die Hand auf den Tisch legend, diese geöffnet und geschlossen und dazu gelacht, indem sie auf ihre Bewegung blickte. Er dachte daran, wie er die Hand geküßt und dann die ineinanderlaufenden Linien auf der rosigen Handfläche betrachtet hatte.

„Wieder das entstellte ‚Herr erbarm dich‘,“ dachte Lewin, sich bekreuzend, verbeugend und auf die geschmeidige Bewegung des Rückens des sich beugenden Diakonus schauend. „Sie nahm darauf meine Hand und betrachtete die Linien; ‚du hast eine schöne Hand‘, hatte sie gesagt“ und er schaute auf seine Hand und auf die kurze Hand des Diakonus. „Ja, nun ist es bald zu Ende,“ dachte er, „nein, es scheint wieder von vorn anzufangen,“ dachte er, den Gebeten lauschend; „doch, es ist zu Ende, da neigt er sich schon bis zur Erde, das ist stets erst zuletzt der Fall.“

Diskret mit der Hand unter dem Plüschaufschlag ein Dreirubelpapier in Empfang nehmend, sagte der Diakon, er werde nun registrieren und schritt mit seinen neuen Stiefeln schnell und hallend über die Steinplatten der leeren Kirche zum Altar. Nach Verlauf einer Minute schaute er von dort wieder zurück und winkte Lewin. Der Gedanke, welchen dieser bisher in sich verschlossen gehabt, regte sich jetzt wieder in seinem Hirn, doch bestrebte er sich sogleich, ihn von sich zu weisen.

„Es wird sich schon machen,“ dachte er und schritt zu dem Altar. Er stieg die Stufen empor und erblickte, sich rechts wendend, den Geistlichen. Der greise Priester mit spärlichem, halbergrautem Bart und mattem gutmütigem Blick stand und blätterte in der Agende. Nachdem er Lewin leicht gegrüßt hatte, begann er mit der gewohnten Stimme sogleich die Gebete zu lesen. Als er hiermit zu Ende war, neigte er sich bis zur Erde und wandte sich hierauf mit dem Gesicht nach Lewin.

„Christus steht unsichtbar hier und nimmt Eure Beichte entgegen,“ sprach er, auf das Kruzifix deutend. „Glaubet Ihr an alles, was uns die heilige apostolische Kirche lehrt?“ fuhr der Geistliche fort, die Augen von Lewins Gesicht wegwendend und die Arme auf sein Epitrachelion legend.

„Ich habe gezweifelt und zweifle noch an allem,“ sagte Lewin mit einer Stimme, die ihm selbst unangenehm war, und schwieg dann.

Der Geistliche wartete einige Sekunden, ob Lewin nicht noch etwas Weiteres sagen würde, und sprach dann, die Augen schließend, in schnellem wladimirschen o-Dialekt:

„Die Zweifel sind der menschlichen Schwachheit eigen, aber wir müssen beten, auf daß der barmherzige Gott uns stärke. Was für besondere Sünden habt Ihr auf Eurem Gewissen?“ fügte er hinzu, ohne die geringste Pause dabei zu machen, und gleichsam, als wollte er keine Zeit verlieren.

„Meine vornehmste Sünde ist mein Zweifeln. Ich zweifle an allem, ich befinde mich größtenteils nur in Zweifeln.“

„Der Zweifel ist der menschlichen Schwäche eigen,“ wiederholte der Geistliche mit den nämlichen Worten, „aber woran zweifelt Ihr vornehmlich?“

„An allem. Ich zweifle bisweilen selbst an Gottes Dasein,“ antwortete Lewin unwillkürlich, und erschrak über das Unziemliche dessen, was er gesprochen hatte.

Auf den Geistlichen machten indessen, wie es schien, die Worte Lewins keinen Eindruck.

„Welche Zweifel können wohl über Gottes Dasein walten?“ sagte er schnell und mit kaum merklichem Lächeln.

Lewin schwieg.

„Welchen Zweifel könnt Ihr an dem Weltenschöpfer haben, wenn Ihr seine Werke schaut?“ fuhr der Priester in schneller, gewohnheitsmäßiger Sprache fort. „Wer hat den Himmelsdom mit Sternen geschmückt? Wer hat die Welt in ihrer Schönheit gekleidet? Wie sollte das ohne den Schöpfer möglich gewesen sein?“ sprach er, fragend auf Lewin schauend.

Dieser fühlte, daß es unschicklich gewesen wäre, einen philosophischen Wortwechsel mit dem Geistlichen zu beginnen und gab deshalb zur Antwort nur, was sich auf die Frage selbst bezog.

„Ich weiß es nicht.“

„Ihr wißt es nicht? Aber wie könnt Ihr dann daran zweifeln, daß Gott alles geschaffen hat?“ versetzte heiter-bedenklich der Geistliche.

„Ich begreife nichts,“ antwortete Lewin errötend, und im Gefühl, daß seine Worte thöricht waren und in dieser Situation thöricht sein mußten.

„Betet zu Gott und bittet ihn. Auch die Kirchenväter haben gezweifelt und Gott gebeten um Stärkung ihres Glaubens. Der Teufel hat gar große Macht und wir dürfen uns ihm nicht überliefern. Betet zu Gott und bittet ihn. Betet zu Gott,“ – wiederholte der Geistliche und schwieg hierauf einige Zeit, als sei er in Nachdenken versunken. „Wie ich vernommen habe, bereitet Ihr Euch vor, in den Ehebund mit der Tochter meines Pfarrbefohlenen und Beichtkindes, des Fürsten Schtscherbazkiy zu treten?“ frug er lächelnd, „das ist eine herrliche Jungfrau!“

„Ja,“ antwortete Lewin, über den Geistlichen errötend; „wozu brauchte derselbe bei der Beichte hiernach zu fragen?“ dachte er bei sich.

Als ob der Geistliche diesen Gedanken beantworten wollte, sagte er zu Lewin: „Ihr bereitet Euch vor, in den Stand der heiligen Ehe zu treten, und Gott kann Euch mit Nachkommenschaft segnen, nicht so? Welche Erziehung könnt Ihr alsdann Euren Kindlein geben, wenn Ihr selbst in Euch nicht die Versuchung des Teufels besiegen wollt, der Euch zum Unglauben verleitet?“ frug der Geistliche mit sanftem Vorwurf. „Wenn Ihr Euer Kind liebt, so werdet Ihr, als ein guter Vater, nicht nur Reichtum, Überfluß und Würden Eurem Kinde wünschen; Ihr werdet auch sein Heil wünschen, seine geistige Erleuchtung durch das Licht der Wahrheit. Ist es nicht so? Was werdet Ihr antworten, wenn das unschuldige Kindlein Euch frägt, Vater, wer hat das alles geschaffen, das mich in dieser Welt so sehr ergötzt, Erde, Wasser, Sonne, Blumen und Gräser? Solltet Ihr ihm antworten wollen, ich weiß es nicht? Ihr müßt es wissen, da Gott der Herr in seiner hohen Gnade es Euch geoffenbart haben wird. Oder wenn Euer Kind Euch früge ‚was erwartet mich im ewigen Leben?‘ Was werdet Ihr ihm da antworten, wenn Ihr nichts wißt? Wie wollt Ihr ihm einen Bescheid geben? Werdet Ihr ihm den Reiz der Welt und des Teufels zeigen? Das wäre nicht gut,“ sagte er und hielt inne, das Haupt auf die Seite neigend und Lewin mit guten sanften Augen anschauend.

Dieser antwortete jetzt nicht; nicht deswegen, weil er etwa nicht in einen Streit mit dem Geistlichen hätte kommen mögen, sondern, weil ihm noch niemand derartige Fragen gestellt hatte, und er, wenn erst einmal Nachkommen sie ihm stellen würden, noch Zeit genug hatte, darüber nachzudenken, was er dann antworten wollte.

„Ihr tretet ein in diejenige Zeit Eures Lebens,“ fuhr der Geistliche fort, „da es nötig ist, einen Weg zu wählen und sich auf demselben zu halten. Betet zu Gott, damit er in seiner Güte Euch helfe und sich Eurer erbarme,“ schloß er. „Unser Herr und Gott Jesus Christus in seiner göttlichen Gnade und Milde, seiner Liebe zu den Menschen vergebe dir mein Sohn!“ und das Sühnegebet beendend, segnete ihn der Priester und entließ ihn.

Als Lewin an diesem Tage heimgekehrt war, empfand er ein freudiges Gefühl darüber, daß diese peinliche Lage nun ihr Ende erreicht hatte, so erreicht, daß er nicht hatte zur Lüge greifen müssen. Daneben aber war in ihm auch eine unklare Erinnerung davon zurückgeblieben, daß das, was jener gute und liebenswerte Greis gesagt hatte, durchaus nicht so dumm gewesen war, als es ihm anfänglich geschienen, und daß es etwas hierbei gebe, was der Aufklärung bedürfe.

„Natürlich nicht jetzt,“ dachte Lewin, „aber später einmal.“ Lewin fühlte jetzt mehr, als früher, daß in seiner Seele etwas unklar und unrein sei, und daß er sich in Bezug auf die Religion in der nämlichen Lage befinde, die er so klar bei andern erkannt und nicht eben gern gesehen hatte, wegen deren er seinem Freunde Swijashskiy Vorwürfe gemacht.

Lewin war, den Abend mit seiner Braut bei Dolly verbringend, ausnehmend heiter, und sagte, als er Stefan Arkadjewitsch von der gährenden Gemütsverfassung Mitteilung machte, in der er sich befand, daß er sich wohl befinde wie ein Hund, den man durch den Reifen zu springen gelehrt habe und der nun, nachdem er endlich begriffen und ausgeführt hat, was von ihm verlangt wurde, winselt, und schweifwedelnd vor Entzücken auf Tische und Fenster springt.

2

Am Tage der Trauung bekam Lewin nach der üblichen Sitte – auf der Beobachtung aller Gebräuche behaarten die Fürstin und Darja Aleksandrowna streng – seine Braut nicht zu sehen und speiste im Hotel wo er wohnte, zusammen mit drei Junggesellen, die sich zufällig gefunden hatten; Sergey Iwanowitsch, Katawasoff, ein Universitätsfreund und nunmehriger Professor der Naturwissenschaften, den Lewin auf der Straße getroffen und mit sich genommen hatte, und Tschirikoff, ein Moskauer Friedensrichter und Gefährte Lewins auf der Bärenjagd.

Beim Diner ging es sehr heiter zu. Sergey Iwanowitsch war in aufgeräumtester Stimmung und trieb seine Kurzweil mit Katawasoffs Eigentümlichkeit. Katawasoff, welcher fühlte, daß seine Originalität geschätzt und verstanden werde, kokettierte mit derselben und Tschirikoff unterstützte die allgemeine Unterhaltung in seiner heiteren und gutmütigen Art.

„Da haben wir es ja,“ sagte Katawasoff mit seiner, auf dem Katheder angenommenen Art, die Worte zu dehnen, „welch ein tüchtiger Bursch unser Freund Konstantin Dmitritsch ist. Ich spreche von dem Abwesenden natürlich, denn er ist schon gar nicht mehr hier. Erst liebte er die Wissenschaft, und nach seinem Abschied von der Universität pflegte er menschliche Interessen; jetzt verwendet er die eine Hälfte seiner Fähigkeiten darauf, sich selbst zu betrügen, und die andere – um diesen Betrug zu rechtfertigen.“

„Einen entschiedeneren Feind des Heiratens, als Euch, habe ich noch nicht gesehen,“ sagte Sergey Iwanowitsch.

„O nein; ich bin kein Feind davon; ich bin vielmehr ein Freund der Arbeitsteilung. Die Menschen, welche selbst nichts fertig bringen können, müssen Menschen hervorbringen, und die übrigen – müssen zu deren Aufklärung und Beglückung wirken. So fasse ich die Sache auf. Für die Mischung dieser beiden Berufszweige giebt es ja eine Unmasse von Liebhabern, ich aber gehöre nicht unter die Zahl derselben.“

„Wie glücklich würde ich sein, wenn ich einmal erführe, daß Ihr Euch verliebt hättet,“ sagte Lewin, „ladet mich nur ja zur Hochzeit ein!“

„Ich bin schon verliebt.“

„Ja, ja, vielleicht in einen Tintenfisch. Du weißt doch,“ wandte sich Lewin an seinen Bruder, „daß Michail Ssemionowitsch ein Werk über Ernährung schreibt und“ —

„Nun; nur nichts durcheinanderbringen! Das ist doch ganz gleich. Es handelt sich jetzt nur darum, daß ich wirklich einen Tintenfisch lieben soll.“

„Das hindert Euch aber nicht, auch ein Weib zu lieben.“

„Er nicht, aber das Weib hindert.“

„Inwiefern denn.“

„Ihr werdet es schon noch sehen. Ihr liebt das Landleben, die Jagd – paßt nur auf!“

„Archip war heute hier und meldete, daß eine Masse Elentiere in Prudno wären, und zwei Bären,“ sagte jetzt Tschirikoff.

„Nun; die müßt Ihr schon ohne mich fangen.“

„Ganz richtig,“ sagte Sergey Iwanowitsch, „empfehle dich nur gleich von vornherein der Bärenjagd – deine Frau wird dich nicht mehr fortlassen.“

Lewin lächelte. Der Gedanke, daß seine Frau ihn nicht mehr zur Bärenjagd lassen würde, war ihm so angenehm, daß er bereit war, dem Vergnügen, Bären zu sehen, für immer zu entsagen.

„Aber es ist doch schade, daß diese beiden Bären ohne Euch erlegt werden. Besinnt Ihr Euch noch, das letzte Mal in Chapilowo? Das war eine wunderbare Jagd,“ sagte Tschirikoff.

Lewin wollte ihn nicht ernüchtern, indem er sagte, daß es auch ohne die Bärenjagd noch manches Schöne geben könne und antwortete daher nicht.

„Nicht unnützerweise hat sich diese Sitte des Abschiednehmens vom Junggesellenleben eingebürgert,“ sagte Sergey Iwanowitsch, „wie glücklich du auch sein magst, schade ist es doch um die verlorene Freiheit. Gesteht nur, man hat dabei ein Gefühl wie der Gogolsche Bräutigam, daß man durch das Fenster hinausspringen möchte.“

„Natürlich ist es so, aber er will es nur nicht zugeben,“ sagte Katawasoff und brach in lautes Gelächter aus.

„Was denn! Das Fenster ist ja noch geöffnet! Fahren wir sogleich nach Twjerj! Dort ist eine Bärin, zu der können wir ins Lager. Fahren wir mit dem Fünfuhrzug. Dort macht man was man will,“ meinte Tschirikoff lächelnd.

„Nun, bei Gott,“ antwortete Lewin lächelnd, „ich kann in meinem Innern dieses Gefühl des Bedauerns über meine verlorne Freiheit nicht finden.“

„Ja, in Eurer Seele ist jetzt aber auch ein solches Chaos, daß Ihr überhaupt nichts darin finden könnt,“ sagte Katawasoff, „wartet nur, wenn Ihr erst ein klein wenig mit Euch ins klare gekommen sein werdet, dann werdet Ihr es schon finden.“

„Nein, fühlte ich auch nur im geringsten, daß es außer meinem Gefühl,“ – von Liebe wollte er vor dem Freunde nicht reden, „noch ein Glück gäbe, dann wäre es schade, die Freiheit zu verlieren – aber im Gegenteil, ich freue mich sogar über diesen Verlust meiner Freiheit!“

„Schlimm! Ein hoffnungslos Verlorener!“ sagte Katawasoff, „nun, trinken wir auf seine Genesung, oder wünschen wir ihm nur, daß wenigstens ein Hundertstel seiner Träume in Erfüllung gehe. Schon dies wird ein Glück werden, wie es nie auf der Erde existiert hat.“

Bald nach dem Essen verabschiedeten sich die Gäste, um zur Hochzeitsfeier Toilette zu machen.

Allein zurückgeblieben und sich die Gespräche dieser Hagestolze vergegenwärtigend, frug sich Lewin noch einmal, ob er denn wirklich dieses Gefühl des Bedauerns über den Verlust seiner Freiheit in der Seele habe, von dem sie gesprochen. Er lächelte bei dieser Frage. „Freiheit? Warum Freiheit? Das Glück besteht allein darin, daß man liebt, wünscht und denkt mit ihren Wünschen, ihren Gedanken, das heißt, ohne jede Freiheit – dies ist das Glück! – Aber kenne ich denn ihre Gedanken, ihre Wünsche, ihre Gefühle?“ flüsterte ihm plötzlich eine Stimme zu. Das Lächeln verschwand von seinem Gesicht und er versank in Nachdenken. Plötzlich hatte ihn eine seltsame Stimmung erfaßt, es überkam ihn Furcht und Zweifel – ein Zweifel an allem. – „Wie, wenn sie mich gar nicht liebte? Wie, wenn sie mich nur deswegen heiratete, um sich eben zu verheiraten? Oder, wenn sie gar selbst nicht wüßte, was sie thut?“ frug er sich. „Sie kann zur Erkenntnis kommen und, kaum verheiratet erkennen, daß sie gar nicht liebt, mich nicht lieben kann?“ Die seltsamsten und schlimmsten Ideen über sie begannen ihm aufzutauchen. Er war eifersüchtig auf sie gegen Wronskiy, wie ein Jahr zuvor; als ob jener Abend, an welchem er sie bei Wronskiy gesehen hatte, erst gestern gewesen wäre. Er argwöhnte, daß sie ihm nicht alles gesagt habe, und er sprang schnell auf. „Nein, so geht es nicht!“ sprach er voll Verzweiflung zu sich. „Ich werde zu ihr gehen, sie fragen, und ein letztes Mal ihr sagen: Wir sind noch frei, ist es nicht besser, es zu bleiben? Es wäre dies doch besser, als ein ewiges Unglück, als Schande und Untreue!“ Verzweiflung im Herzen und voll Zorn gegen die ganze Menschheit, auf sich und sie, verließ er das Hotel und fuhr zu ihr.

Er traf sie in den Hinterzimmern. Sie saß auf einem Koffer und traf mit einer Dienerin Anordnungen, einen Haufen verschiedenartiger Kleider durchmusternd, welche auf den Rücklehnen der Stühle und auf dem Fußboden ausgebreitet lagen.

„Ah!“ rief sie, ihn erblickend, und ihr Gesicht erstrahlte vor Freude. „Wie kommst du – wie kommt Ihr“ – bis zu diesem letzten Tage hatte sie bald „du“, bald „Ihr“ zu ihm gesagt – „das habe ich nicht erwartet. Ich mustere soeben meine Mädchenkleider, für wen das Eine oder Andere“ —

„Ach, sehr gut!“ antwortete er düster, auf die Zofe blickend.

„Geh hinaus, Dunjascha, ich werde dich dann rufen,“ sagte Kity. „Was ist dir?“ frug sie, ihn unbedenklich mit „du“ ansprechend, sobald das Mädchen gegangen war. Sie bemerkte sein seltsames Gesicht, welches aufgeregt und düster aussah, und ein Schrecken befiel sie.

„Kity; ich leide. Ich kann aber nicht allein leiden,“ sprach er, Verzweiflung in der Stimme, blieb vor ihr stehen und schaute ihr beschwörend in die Augen. Er hatte schon an ihrem liebevollen, treuherzigen Gesicht gesehen, daß sich nichts aus dem ergeben werde, was er ihr zu sagen beabsichtigte, aber gleichwohl hatte er das Bedürfnis, von ihr selbst seine Zweifel zerstreut zu sehen. „Ich bin gekommen, dir zu sagen, daß es noch nicht zu spät ist, daß alles wieder aufgehoben und in das alte Geleis zurückgebracht werden kann.“

„Was denn? Ich verstehe nichts. Was ist dir?“

„Das was ich tausendmal gesagt habe und woran ich immer denken muß; das, daß ich deiner nicht wert bin. Du konntest nicht einwilligen, mich zum Manne zu nehmen. Bedenke es. Du hast einen Irrtum begangen. Überlege recht wohl! Du kannst mich nicht lieben! Wenn – sage lieber“ – sprach er, ohne sie anzublicken. „Ich werde unglücklich sein. Mögen alle reden, was sie wollen, es ist besser so, als ein Unglück; es ist besser, jetzt zu sprechen, so lange es noch Zeit ist“ —

„Ich verstehe nicht,“ antwortete sie erschreckt, „das heißt, du willst alles aufheben, daß es nicht mehr nötig sei?“ —

„Ja, wenn du mich nicht liebst.“

„Du bist von Sinnen!“ rief sie aus, vor Unwillen errötend. Aber sein Gesicht sah so kläglich aus, daß sie ihren Verdruß unterdrückte, und sich, die Kleider von einem Lehnstuhl werfend, ihm näher setzte. „Was denkst du eigentlich; sage mir alles!“

„Ich denke, daß du mich nicht lieben kannst. Weshalb solltest du mich denn lieben können?“

„Mein Gott, was soll ich anfangen?“ sagte sie und brach in Thränen aus.

„O, was habe ich gethan!“ rief er jetzt und begann, vor ihr auf die Kniee niederfallend, ihre Hände zu küssen.

Als fünf Minuten später die Fürstin in das Zimmer trat, fand sie die beiden schon vollständig beruhigt. Kity hatte ihm nicht nur versichert, daß sie ihn liebe, sondern ihm sogar, auf seine Frage antwortend, weshalb sie ihn denn liebe, erklärt, warum.

Sie hatte ihm gesagt, daß sie ihn liebe, weil sie ihn ganz kenne, weil sie wisse, was er lieben müsse, und daß alles, was er liebe, stets gut sei. Und dies war ihm auch vollständig klar erschienen. Als die Fürstin bei ihnen eintrat, saßen sie beide nebeneinander auf dem Koffer und musterten Kleider, streitend, daß Kity jenes zimmetfarbene Kleid, welches sie getragen, als ihr Lewin seinen Antrag gemacht hatte, der Dunjascha geben wollte, während er darauf bestand, man dürfe dieses Kleid an niemand weggeben, sondern möge der Dunjascha das blaue schenken.

„Aber verstehst du nicht? Sie ist doch brünett und dies wird ihr daher nicht stehen. Bei mir ist alles schon vorbedacht.“

Als die Fürstin erfahren hatte, weshalb er gekommen sei, geriet sie halb im Scherz und halb im Ernst in Groll und schickte ihn wieder nach Hause, damit er sich ankleide und Kity bei der Toilette nicht störe, da Charles sogleich kommen würde.

„Sie hat so schon während dieser ganzen Tage nicht gegessen und ist magerer geworden und du bringst sie nun mit deinen Thorheiten noch mehr aus der Fassung,“ sagte sie zu ihm; „mach daß du fortkommst nach Hause, nach Hause mein Lieber.“

Lewin kehrte verlegen und beschämt, aber beruhigt, nach seinem Hotel zurück. Sein Bruder, Darja Aleksandrowna und Stefan Arkadjewitsch, alle in voller Gesellschaftstoilette, erwarteten ihn schon, um ihn mit dem Heiligenbild zu segnen. Es war keine Zeit mehr zu verlieren.

Darja Aleksandrowna mußte noch nach Hause zurückkehren, um ihren pomadisierten und frisierten Sohn zu holen, welcher das Heiligenbild mit der Braut tragen sollte. Dann mußte ein Wagen nach dem Brautführer gesandt werden und ein anderer, der Sergey Iwanowitsch fortbrachte, wieder hergeschickt werden. Überhaupt gab es sehr viele und verwickelte Überlegungen hierbei, und nur Eines war unzweifelhaft, daß nicht mehr gesäumt werden dürfe, da es bereits halb sieben Uhr war.

Die Segnung mit dem Bilde hatte nichts weiter auf sich. Stefan Arkadjewitsch stellte sich in komisch-feierlicher Haltung neben seine Gattin, nahm das Heiligenbild, segnete Lewin, nachdem er diesem befohlen hatte, sich bis auf die Erde zu verbeugen, mit seinem gutmütigen und sarkastischen Lächeln und küßte ihn dreimal. Das Nämliche that Darja Aleksandrowna, die sich dann sogleich beeilte, abzufahren und abermals in das Arrangement der Bewegung der Wagen vertiefte.

„Nun, so wollen wir es also machen: du fährst in unserem Wagen ihn abzuholen, und Sergey Iwanowitsch würde, wenn er die Güte haben wollte, vorausfahren, den Wagen aber zurückschicken.“

„Gewiß, sehr gern.“

„Wir aber können gleich mit ihm fahren. Sind die Kleider in Ordnung?“ frug Stefan Arkadjewitsch.

„Sie sind es,“ versetzte Lewin und befahl Kusma, seinen Anzug zu bringen.

3

Ein Haufe von Menschen, namentlich Weibern, umringte die zur Trauungsfeier erleuchtete Kirche. Diejenigen, welche nicht bis in die Mitte hatten vordringen können, drängten sich um die Kirchenfenster unter Stoßen und Streiten und schauten durch die Gitter.

Mehr als zwanzig Wagen waren bereits von der Polizei die Straße entlang aufgestellt worden und der Polizeioffizier stand, die Kälte nicht achtend, in seiner glänzenden Uniform am Eingang. Unaufhörlich kamen noch weitere Equipagen angefahren und bald traten Damen in Blumenschmuck mit hochgenommenen Schleppen, bald Herren, das Käppi oder den schwarzen Hut abnehmend, in die Kirche ein. In dieser selbst waren die beiden Lustres und alle Kerzen vor den feststehenden Heiligenbildern bereits angezündet. Der goldige Schimmer auf dem roten Fonds des Ikonostas, das vergoldete Schnitzwerk an den Bildern und das Silber der Kronleuchter und Leuchter, die Steinplatten des Fußbodens mit den Teppichen, sowie die Banner oben über den Chören, die Stufen des Altars und die vom Alter schwarzgewordenen Kirchenbücher, die Leibröcke und Chorröcke, alles das war wie von Licht übergossen. Auf der rechten Seite der geheizten Kirche, in der Masse der Fracks und weißen Krawatten, der Uniformen und verschiedenen Stoff-, Samt- und Atlasroben, der Haarfrisuren und Blumen, der dekolletierten Schultern und Arme, und hohen Handschuhe summte ein verhaltenes, aber lebhaftes Gespräch, das seltsam in dem hohen Kuppelbau wiederhallte. Sobald das Kreischen der aufgehenden Kirchenthür ertönte, verstummte das Gespräch in dem Haufen und alles schaute auf in der Erwartung, den eintretenden Bräutigam und die Braut zu erblicken. Aber die Thür hatte sich schon mehr als zehnmal geöffnet, und immer war es nur ein verspäteter Geladener oder eine Geladene gewesen, die sich nun nach rechts dem Kreis der Gäste beigesellte, oder eine Zuschauerin, die den Polizeioffizier überlistet oder nachsichtig gestimmt hatte, und sich nun dem fremden Haufen links anschloß. Die Verwandten und Bekannten hatten schon die ganze Stufenleiter des Wartens durchlaufen.

Anfangs glaubte man, daß der Bräutigam und die Braut in jedem Augenblick erscheinen müßten und schrieb der Verspätung keinerlei Bedeutung zu. Dann begann man öfter und öfter nach der Thür zu schauen, und davon zu sprechen, es möchte doch ja nichts vorgefallen sein. Dann wurde die Verspätung schon peinlich und die Verwandten wie die Gäste gaben sich den Anschein, als ob sie gar nicht mehr an den Bräutigam dächten und ganz von ihrem Gespräch in Anspruch genommen seien.

Der Protodiakonus räusperte sich ungeduldig, gleichsam zur Andeutung des Wertes seiner Zeit, und machte damit die Scheiben in den Fenstern klirren. Auf dem Chor wurden die Proben der Stimmen vernehmbar, dann das Schneuzen der sich langweilenden Chorsänger. Der Geistliche sandte fortwährend bald den Küster, bald den Diakonus nach Erkundigung fort, ob der Bräutigam noch nicht gekommen sei und ging sogar selbst in seinem lilafarbenen Priestergewand mit dem gestickten Gürtel, häufiger und häufiger zu den Seitenthüren, in der Erwartung des Bräutigams.

Endlich sagte eine der Damen nach der Uhr blickend „das ist aber doch seltsam“ und alle Trauzeugen gerieten in Unruhe und begannen laut ihre Verwunderung und ihr Mißvergnügen zu äußern. Einer der Herren fuhr wieder fort, sich zu erkundigen, was denn geschehen sei. Kity stand währenddem, schon lange fertig, im weißen Kleid, langen Schleier und Kranz von Pomeranzenblüte nebst der die Mutter und Schwester vertretenden Frau Lwoffs im Saale des Hauses der Schtscherbazkiy und blickte durch das Fenster, schon seit einer halben Stunde vergeblich die Benachrichtigung des Brautführers von der Ankunft des Bräutigams in der Kirche erwartend.

Lewin indessen lief noch, zwar in den Beinkleidern, aber ohne Weste und Frack in seinem Zimmer auf und ab, unaufhörlich den Kopf zur Thür hinaussteckend und den Korridor entlang blickend. Auf dem Korridor jedoch wurde derjenige nicht sichtbar, den er erwartete, und voll Verzweiflung kehrte er, mit den Armen fuchtelnd wieder zurück und wandte sich an den ruhig rauchenden Stefan Arkadjewitsch.

„Hat sich jemals wohl ein Mensch in einer gleich entsetzlichen und albernen Lage befunden?“ sagte er.

„Ja, es ist dumm,“ bestätigte Stefan Arkadjewitsch, sanft lächelnd, „doch beruhige dich, man wird es sogleich bringen.“

„Nein, sicherlich,“ sagte Lewin mit verhaltener Wut, „und diese albernen ausgeschnittenen Westen! Unmöglich!“ sagte er mit einem Blick auf den zerknitterten Brusteinsatz seines Oberhemds. „Und wie, wenn die Sachen schon zur Bahn wären?“ rief er voll Verzweiflung.

„Dann ziehst du ein Hemd von mir an!“

„Das hätte aber schon längst geschehen sein müssen!“

„Es ist allerdings nicht angenehm, lächerlich zu werden. Warte doch, es wird sich machen.“

Die Sache lag so, daß als Lewin die Toilette befahl, Kusma, der alte Diener Lewins, den Frack, die Weste und alles was nötig war, brachte.

„Und das Hemd?“ rief Lewin.

„Das habt Ihr ja schon an,“ versetzte Kusma mit stoischem Lächeln.

Kusma hatte nicht daran gedacht, ein frisches Hemd dazubehalten, und nachdem er den Befehl erhalten hatte, alles einzupacken und zu den Schtscherbazkiy zu bringen, von wo aus das junge Ehepaar noch am Abend abreisen wollte, that er also und packte alles ein außer einem Paar Fräcken.

Das am Morgen angezogene Hemd war schon zerknittert, und ließ sich unmöglich unter der modernen offenstehenden Weste tragen. Zu den Schtscherbazkiy zu schicken, war es zu weit. Man schickte in ein Geschäft.

Der Diener kam zurück: „Alles war geschlossen – es ist Sonntag heute.“ – Man schickte nun zu Stefan Arkadjewitsch, ein Hemd kam, aber es war viel zu weit und kurz. Man schickte endlich doch zu den Schtscherbazkiy, um wieder auspacken zu lassen. Der Bräutigam wurde in der Kirche erwartet, und lief wie ein im Käfig eingekerkertes, wildes Tier im Zimmer umher, auf den Korridor hinausschauend und mit Entsetzen und Verzweiflung daran denkend, was er Kity sagen sollte und was diese jetzt denken mochte.

Endlich flog der unglückliche Kusma, mit Mühe nach Atem ringend, mit dem Hemd in das Zimmer herein.

„Ich habe sie gerade noch erwischt; die Sachen waren schon auf dem Fuhrwerk,“ sagte er.

Drei Minuten später stürzte Lewin, ohne nach der Uhr zu sehen, um seine Wunde nicht noch zu vergrößern, Hals über Kopf den Korridor entlang.

„Damit kannst du nicht mehr viel helfen,“ sagte Stefan Arkadjewitsch lächelnd, ihm hastig nachstrebend. „Es wird sich schon machen, es wird sich schon machen – sage ich dir!“

4

„Er ist da! – Da ist er! Welcher ist es? Ist er nicht ziemlich jung? Und sie – ja – mehr tot als lebendig!“ – klang es in der Menge durcheinander, als Lewin, nachdem er seine Braut an der Einfahrt begrüßt hatte, mit dieser zusammen die Kirche betrat.

Stefan Arkadjewitsch hatte seiner Gattin die Ursache der Verzögerung mitgeteilt, und die Trauzeugen zischelten nun lächelnd untereinander. Lewin sah und hörte nichts, er musterte nur unverwandten Blickes seine Braut.

Alle sagten, daß sie in den letzten Tagen sehr abgenommen hätte, und im Kranze bei weitem nicht so gut aussah, wie gewöhnlich, aber Lewin fand dies nicht. Er schaute ihre hohe Frisur mit dem langen weißen Schleier und den weißen Blüten an, den hochstehenden gefalteten Kragen, der eigenartig jungfräulich von den Seiten und von vorn ihren schlanken Hals bedeckte und auf die überraschend enge Taille, und ihm schien, daß sie so schöner sei, als sie je gewesen, nicht deshalb, weil diese Blüten, dieser Schleier, dieses aus Paris verschriebene Kleid zu ihrer Schönheit noch etwas hätte hinzufügen können, sondern, weil trotz der künstlichen Pracht der Kleidung der Ausdruck ihres guten Gesichtchens, ihres Blickes, ihrer Lippen, immer der nämliche bei ihr geblieben war mit seiner unschuldigen Treuherzigkeit.

„Ich dachte schon, du wolltest mir davonlaufen,“ sagte sie lächelnd zu ihm.

„Es war so thöricht, was sich mit mir zugetragen hat, daß ich es gar nicht erzählen kann,“ antwortete er, errötend, mußte sich aber jetzt zu seinem an ihn herantretenden Bruder Sergey Iwanowitsch wenden.

„Nicht übel, die Geschichte mit deinem Hemd,“ sagte Sergey Iwanowitsch, lächelnd den Kopf schüttelnd.

„Ja, ja,“ versetzte Lewin, ohne zu verstehen, wovon man mit ihm sprach.

„Nun, mein Konstantin, jetzt müssen wir,“ sagte Stefan Arkadjewitsch mit scheinbar erschrecktem Gesicht, „eine wichtige Frage entscheiden. Du nur bist jetzt in der Verfassung, die ganze Bedeutung derselben zu ermessen. Man frägt mich, ob heruntergebrannte Kerzen angesteckt werden sollen, oder nicht heruntergebrannte? Der Unterschied macht zehn Rubel aus,“ fügte er hinzu, die Lippen zu einem Lächeln kräuselnd, „ich habe entschieden, fürchte jedoch, daß du mir deine Einwilligung nicht geben wirst.“

Lewin erkannte, daß dies ein Scherz sein sollte, aber er vermochte nicht zu lächeln.

„Also wie? Nicht gebrannte oder heruntergebrannte? Das ist die Frage.“

„Nun, nicht gebrannte.“

„Nun, freut mich sehr. Die Frage ist entschieden,“ sagte Stefan Arkadjewitsch lächelnd. „Aber wie thöricht doch die Menschen in einer solchen Situation werden,“ fuhr er zu Tschirikoff gewendet fort, nachdem Lewin, ihn zerstreut anblickend, wieder zu seiner Braut getreten war.

„Paß auf, Kity, du mußt also zuerst auf den Teppich treten,“ sagte die Gräfin Nordstone herzukommend. „Wie stattlich Ihr ausseht,“ wandte sie sich an Lewin.

„Dir ist doch nicht ängstlich?“ frug Marja Dmitrjewna, ihre alte Tante.

„Ist dir nicht wohl? Du bist blaß. Halt, beuge dich ein wenig,“ sagte die Lwowa, die Schwester Kitys, ihre vollen schönen Arme krümmend und lächelnd ihr die Blüten auf dem Haupte ordnend.

Auch Dolly kam; sie wollte etwas sagen, konnte aber nichts herausbringen und begann zu weinen und unnatürlich zu lachen.

Kity schaute alle mit den nämlichen abwesenden Blicken an, wie Lewin. Mittlerweile hatten die Kirchendiener ihren priesterlichen Schmuck angelegt und der Geistliche mit dem Diakonus traten zu dem Altar, welcher in der Vorhalle der Kirche stand. Der Geistliche wandte sich an Lewin und sagte zu diesem einige Worte. Lewin vernahm nicht, was der Priester gesagt hatte.

„Nehmt Eure Braut an der Hand und führt sie,“ sagte der Brautherr zu ihm.

Lange Zeit konnte Lewin nicht verstehen, was man von ihm wollte. Man besserte lange an ihm herum und wollte schon die Hoffnung aufgeben – weil er stets nicht mit der richtigen Hand griff, oder den richtigen Arm nahm – als er endlich erkannte, daß er mit der rechten Hand ohne seine eigene Stellung zu verändern, sie ebenfalls bei der rechten Hand zu nehmen hatte. Nachdem er endlich die Braut in der gehörigen Weise bei der Hand genommen hatte, ging der Priester einige Schritte vor und blieb auf der Altarerhöhung stehen. Die Schar der Verwandten und Bekannten in summendem Gespräch und unter dem Rauschen der Schleppen folgte ihnen; jemand beugte sich nieder und ordnete die Schleppe der Braut. In der Kirche wurde es so still, daß man das Fallen der Wachstropfen vernahm.

Der alte Priester im Scheitelkäppchen mit seinen schimmernden, silbergrauen Haarlocken, die hinter den Ohren nach beiden Seiten geteilt waren, streckte die greisen kleinen Hände aus dem schweren silbernen und mit einem goldenen Kreuz auf dem Rücken geschmückten Gewand hervor und blätterte noch ein wenig auf dem Altar.

Stefan Arkadjewitsch begab sich behutsam zu ihm hin und flüsterte ihm, nach Lewin hinblinzelnd etwas zu, worauf er wieder zurückkehrte.

Der Geistliche zündete zwei mit Blumen geschmückte Kerzen an, indem er sie mit der linken Hand schräg hielt, sodaß das Wachs langsam von ihnen herniedertropfte und wandte sich zu den Neuvermählten. Der Geistliche war der nämliche, bei welchem Lewin gebeichtet hatte. Er schaute mit mattem, traurigen Blick auf Bräutigam und Braut, seufzte und segnete mit der Rechten, die er unter dem Priestergewand hervorstreckte, den Bräutigam, worauf er gleichfalls, aber mit einem Anschein hütender Zärtlichkeit, die Finger auf das geneigte Haupt Kitys legte. Er reichte hierauf beiden die Kerzen und verließ sie langsam, das Räucherfaß nehmend.

„Ist es denn wahr?“ dachte Lewin und blickte auf seine Braut. Wie von oben herab erschien ihm ihr Profil, und an einer kaum bemerkbaren Bewegung ihrer Lippen und Wimpern erkannte er, daß sie seinen Blick empfunden hatte. Sie schaute nicht auf, aber der hohe Rüschenkragen bewegte sich leise, der bis zu ihrem rosigen kleinen Ohr heraufging. Er sah, daß ein Seufzer ihre Brust belastete und die kleine Hand zitterte, welche in dem hohen Handschuh das Licht hielt. All jener eitle Kram mit dem Hemd, der Verspätung, die Auseinandersetzung mit den Bekannten und Verwandten, deren Mißvergnügen, seine komische Situation – alles das war plötzlich verschwunden und es wurde ihm freudig und bange zugleich zu Mut.

Der schöne stattliche Protodiakonus im silbern-schimmernden Chorhemd und den nach seitwärts in gewundenen Locken gekämmten Haaren trat schnell vor und blieb, in der üblichen Geste mit zwei Fingern die Stola hebend, dem Geistlichen gegenüber stehen.

„Segne, Herr!“ ertönten langsam einer nach dem anderen, feierliche Klänge, die Luft in Schwingungen versetzend.

„Gelobt sei unser Gott immerdar jetzt und fürderhin in alle Ewigkeit,“ antwortete sanft und in singendem Tone der alte Geistliche, noch immer auf dem Altar nach etwas suchend. Die ganze Kirche erfüllend von den Fenstern an bis zu den Kreuzbögen, erhob sich, harmonisch und getragen, ein voller Akkord vom unsichtbaren Chor aus, wuchs an, stand einen Augenblick und erstarb dann.

Man betete, wie üblich, für den himmlischen Frieden und das Seelenheil, für die Synode und für Gott, es wurde gebetet auch für den Knecht Gottes, Konstantin, und Jekaterina, die sich jetzt verlobten.

„Daß ihnen sende hernieder eine völlige friedsame Liebe, daß ihnen helfe Gott, das bitten wir,“ atmete gleichsam die ganze Kirche von der Stimme des Protodiakonus.

Lewin vernahm die Worte und sie machten ihn betroffen. „Wie konnte man vermuten, daß Hilfe not that, gerade Hilfe?“ dachte er, sich alle seine kürzlichen Befürchtungen und Zweifel wieder zurückrufend. „Was weiß ich! Was vermag ich in dieser schweren Aufgabe ohne Hilfe? Allerdings, Hilfe thut mir jetzt not.“

Als der Diakonus die Litanei beendet hatte, wandte sich der Priester mit seinem Buche zu den Verlobten: „Ewiger Gott, der du das Getrennte vereinet hast,“ las er mit weicher, singender Stimme, „der das Band der Liebe unauflöslich gestiftet, und Isaak und Rebekka gesegnet hat, dir stelle ich diese als Nachfolger in deinem Bunde vor. Segne du sie selbst, diese deine Knechte, Konstantin und Jekaterina, denen ich allen Segen wünsche, gleichwie du ein erbarmender Gott voll Menschenliebe bist und wir dir Lob singen, dem Vater und dem Sohne und dem heiligen Geiste jetzt und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“ Wiederum ertönte in der Höhe der unsichtbare Chor.

„Der das Getrennte vereinet hat und das Band der Liebe gestiftet, wie gedankenvoll diese Worte sind und wie sie dem entsprechen, was man in diesem Augenblick empfindet,“ dachte Lewin. „Ob sie wohl das Nämliche fühlt wie ich?“

Aufschauend begegnete er ihrem Blick, aus dessen Ausdruck er schloß, daß sie ebenso verstanden hatte, wie er. Aber dies war durchaus nicht der Fall; sie hatte fast gar nichts von den Worten der Ceremonie verstanden, ja, diese während der Verlobung nicht einmal vernommen. Sie war nicht fähig, sie zu vernehmen und zu fassen, so mächtig war jenes eine Gefühl, welches ihr die Seele füllte und mehr und mehr zunahm. Dieses Gefühl war das der Freude über die endgültige Vollendung dessen, was schon sechs Wochen zuvor in ihrer Seele vollendet gewesen war und sie im Laufe dieser langen Wochen erfreut und zugleich bedrückt hatte. In ihrer Seele hatte sich, am nämlichen Tage, als sie in dem zimmetfarbenen Kleid im Salon des Hauses Arbatskiy schweigend zu ihm hingetreten war und sich ihm ergeben hatte, zu Tag und Stunde ein völliger Bruch mit ihrem früheren Leben vollzogen; sie hatte ein vollständig anderes, neues, ihr noch völlig unbekanntes Leben begonnen, in der Wirklichkeit freilich das alte nur fortgesetzt. Diese sechs Wochen bildeten die seligste und doch zugleich auch qualvollste Zeit für sie. Ihr ganzes Leben, alle ihre Wünsche und Hoffnungen, vereinigten sich in jenem einen, von ihr noch nicht verstandenen Manne, mit welchem sie ein Etwas, welches von ihr noch weniger begriffen wurde, als jener Mann selbst, verband, ein bald näherungslustiges, bald abstoßendes Gefühl; bei alledem aber fuhr sie fort, in den Verhältnissen ihres vorherigen Lebens weiter zu leben. In diesem ihren alten Leben hatte sie Schrecken empfunden über sich selbst, über ihre vollendete, unbezwingbare Gleichgültigkeit ihrer gesamten Vergangenheit gegenüber; ihrem Eigentum, ihren Gewohnheiten, den Menschen, die sie geliebt hatten und noch liebten, ihrer Mutter die über diese Gleichgültigkeit erbost war, und ihrem guten, früher über alles in der Welt geliebten, zärtlichen Vater gegenüber. Bald erschrak sie über diesen Gleichmut, bald empfand sie Freude über das, was sie dazu gebracht hatte. Sie mochte nichts weiter denken oder wünschen als ein Leben mit jenem Manne, aber dieses neue Leben war noch nicht eingetreten, und sie vermochte es sich nicht einmal klar vorzustellen. Es war nur ein Erwarten – Furcht und Freude über etwas Neues und noch nicht Bekanntes. Jetzt aber, siehe da, war dies Erwarten und die Unkenntnis, die Reue über den Verzicht auf ihr vorheriges Leben vorüber, und etwas Neues sollte beginnen. Dieses Neue aber konnte nicht furchtbar sein in seiner Unbekanntheit; gleichviel, mochte es furchtbar oder nicht furchtbar sein, es hatte sich sechs Wochen vorher schon in ihrer Seele voll entwickelt und wurde jetzt nur das geweiht, was sich lange vorher schon in derselben vollzogen hatte.

Wieder auf den Altar zurückgekehrt, nahm der Geistliche mit Mühe den sehr kleinen Ring Kitys und steckte ihn, sich Lewins Hand reichen lassend, an dessen erstes Fingerglied. „Es wird verbunden der Knecht Gottes Konstantin mit der Magd Gottes Jekaterina.“ Nachdem er den großen Ring an den rosigen kleinen, in seiner Schwächlichkeit Mitleid erregenden Finger Kitys gesteckt hatte, wiederholte der Priester das Nämliche.

Mehrmals glaubten die Brautleute zu erraten, was sie thun müßten, irrten aber jedesmal, und der Geistliche wies sie mit flüsternder Stimme an. Endlich, nachdem alles Erforderliche erledigt war, und er die Ringe gesegnet hatte, übergab er nochmals Kity den großen und Lewin den kleinen Ring, aber von neuem gerieten beide in Verwirrung, und wechselten zweimal den Ring, ohne daß das zu stande kam, was erforderlich war.

Dolly, Tschirikoff und Stefan Arkadjewitsch traten vor, um zu verbessern. Eine Konfusion, Zischeln und Lächeln entstand, aber der feierlich stille Ausdruck auf den Zügen des Brautpaares änderte sich nicht, im Gegenteil, als sie sich mit den Händen geirrt hatten, schauten sie noch ernster und feierlicher als vorher, und das Lächeln, mit welchem Stefan Arkadjewitsch flüsterte, daß jetzt jedes seinen eigenen Ring aufzustecken habe, erstarb unwillkürlich auf dessen Lippen. Er fühlte, daß jedes Lächeln sie nur kränken könne.

„Denn du hast von Anfang an das männliche Geschlecht geschaffen und das weibliche,“ las der Priester weiter nach dem Ringwechsel, „und von dir wird dem Manne das Weib gesellt zur Hilfe und zur Fortpflanzung des Menschengeschlechts. Denn du selbst, Herr unser Gott, hast die Wahrheit gesandt zu deiner Nachfolge und für deinen Bund, für deine Knechte, unsere heiligen Väter, deine Auserwählten; schaue auf deinen Knecht Konstantin und deine Magd Jekaterina und bestätige ihren Bund im Glauben und in der Einmütigkeit und in der Wahrheit und in der Liebe.“

Lewin empfand mehr und mehr, daß alle seine Ideen über das Heiraten, seine Gedanken darüber, wie er sein Leben hatte einrichten wollen, kindlich gewesen waren, und daß hier etwas vor sich ging, was er bis jetzt noch nicht verstanden hatte, und jetzt sogar noch weniger verstehe, obwohl es sich über ihm selbst vollzog. In seiner Brust hoben sich höher und höher innere Schauer, und zudringliche Thränen traten ihm in die Augen.

5

In der Kirche befand sich ganz Moskau an Verwandten und Bekannten. Während der Ceremonie der Trauung, in der glänzend erleuchteten Kirche, im Kreise der geputzten Damen und jungen Mädchen, der Herren in weißen Krawatten, in Fräcken und Uniformen war ununterbrochen eine leise Konversation geführt worden, die namentlich die Herren anregten, während die Damen in der Beobachtung aller Einzelheiten einer sie stets ja sehr fesselnden heiligen Handlung versunken waren.

In dem Kreise der der Braut zunächst Stehenden befanden sich deren beide Schwestern, Dolly und die ältere, ruhige und schöne Lwowa, die aus dem Auslande gekommen war.

„Was ist das für ein Mary-Kostüm in Veilchenblau; gerade als wäre es schwarz – zu einer Hochzeit“ – sprach die Korsunskaja.

„Die einzige Rettung für ihren Teint,“ antwortete die Trubezkaja. „Mich wundert, daß man die Trauung abends ausgeführt hat – das ist so kaufmännisch“ —

– „Aber schöner. Auch ich bin abends getraut worden,“ antwortete die Korsunskaja und seufzte, als sie daran dachte, wie schön sie an jenem Tage, wie lächerlich verliebt in sie ihr Mann damals gewesen war, und wie jetzt so alles ganz anders geworden sei.

„Man sagt, daß jemand der mehr als zehnmal Brautführer gewesen ist, nicht heirate; ich wollte es heute zum zehntenmale sein, um mich in Furcht zu setzen, allein die Stelle war besetzt,“ sprach Graf Sinjawin zu der hübschen jungen Fürstin Tscharskaja, die Absichten auf ihn hatte.

Die Tscharskaja antwortete ihm nur mit einem Lächeln. Sie blickte auf Kity, und dachte daran, wie und wann sie selbst mit dem Grafen Sinjawin an Kitys Stelle sein würde, und wie sie diesen dann an seinen jetzigen Scherz erinnern wollte.

Schtscherbazkiy sagte dem alten Fräulein Nikolajewa, daß er den Kranz auf Kitys Chignon setzen werde, damit sie glücklich werde.

„Es ist gar nicht nötig einen Chignon aufzusetzen,“ antwortete die Nikolajewa, die schon längst entschlossen war, daß, wenn sie der alte Witwer, nach welchem sie angelte, heiraten sollte, die Trauung die allereinfachste sein sollte. „Ich liebe dieses ‚fast‘ nicht.“

Sergey Iwanowitsch sprach mit Darja Dmitrjewna, sie scherzend versichernd, daß die Sitte, nach der Vermählung abzureisen, deswegen so verbreitet sei, weil Neuvermählte stets kein gutes Gewissen hätten.

„Euer Bruder kann stolz sein. Es ist wunderbar, wie schön sie ist. Ich glaube, Ihr beneidet ihn?“

„Ich habe das schon durchgemacht, Darja Dmitrjewna,“ antwortete er und sein Gesicht nahm unerwartet einen trüben und ernsten Ausdruck an.

Stefan Arkadjewitsch erzählte nun seiner Schwägerin einen schlechten Witz über eine Ehescheidung.

„Man muß den Kranz zurechtrücken,“ antwortete diese, ohne ihn zu hören.

„Wie schade, daß sie so angegriffen aussieht,“ sagte die Gräfin Nordstone zu der Lwowa. „Und gleichwohl wiegt er ihren kleinen Finger nicht auf. Nichtwahr?“

„O, mir gefällt er sehr gut; aber nicht deswegen etwa, weil er mein künftiger beau frère ist,“ antwortete die Lwowa, „und wie schön er sich hält! Es ist so schwer, sich in solch einer Situation gut zu halten und nicht komisch zu werden. Er aber ist nicht komisch, nicht steif, er ist offenbar ergriffen.“

„Ihr habt dies wahrscheinlich erwartet?“

„Fast so. Sie hat ihn stets geliebt.“

„Nun, beobachten wir, wer von ihnen zuerst auf den Teppich tritt. Ich habe es Kity geraten.“

„Gleichviel,“ antwortete die Lwowa, „wir sind doch alle die untergebenen Weiber; es liegt dies doch einmal in unserer Rasse.“

„Ich bin aber doch vorsätzlich zuerst mit Wasiliy darauf getreten; und Ihr Dolly?“

Dolly stand neben ihnen, sie hörte wohl, antwortete aber nicht; sie war tief gerührt. Die Thränen standen ihr in den Augen und sie hätte kein Wort reden können, ohne in Thränen auszubrechen. Sie freute sich über Kity und Lewin; in ihrer Erinnerung zu der eigenen Trauung zurückkehrend, blickte sie nach dem wonneglänzenden Stefan Arkadjewitsch, vergaß alles Gegenwärtige und dachte nur ihrer ersten unschuldigen Liebe. Sie dachte nicht allein an sich, sondern auch an alle nahestehenden oder ihr bekannten Frauen. Sie erinnerte sich ihrer in jener einzigen, für sie so feierlichen Zeit, da sie ebenso wie Kity unter dem Kranze gestanden hatte mit Liebe, Hoffnung und Bangen im Herzen, sich lossagend von der Vergangenheit und in eine geheimnisvolle Zukunft eintretend. In der Zahl aller dieser Bräute, die ihr ins Gedächtnis kamen, sah sie auch ihre geliebte Anna, über deren vermutliche Trennung sie unlängst die Einzelheiten gehört hatte. Auch sie hatte rein in den Pomeranzenblüten und dem Schleier da gestanden. Und jetzt? „Furchtbar seltsam“ – sagte sie.

Aber nicht nur die Schwestern, auch die Freundinnen und weiblichen Verwandten folgten allen Einzelheiten der heiligen Handlung; auch die fremden Frauen, die Zuschauerinnen beobachteten voll Aufregung, mit stockendem Atem, in der Furcht, eine einzige Bewegung verlieren zu können, den Ausdruck der Mienen des Bräutigams und der Braut, und antworteten ärgerlich den gleichgültigen Reden der gleichgültigen Männer gar nicht, oder überhörten sie oft sogar, wenn dieselben scherzhafte oder nebensächliche Bemerkungen fallen ließen.

„Weshalb sieht sie so verweint aus? Folgt sie ihm gezwungen?“

„Was, gezwungen einem so schönen Manne! Ist er nicht ein Fürst?“

„Das ist wohl seine Schwester dort im weißen Atlaskleid? Höre nur, wie der Diakonus plärrt ‚und sie soll ihren Mann fürchten‘.“

„Sind sie denn fremd?“

„Nein, es sind synodale.“

„Ich habe einen Diener gefragt. Er sagte, daß der Bräutigam die Braut sogleich mit sich auf sein Gut nehmen würde. Er soll unendlich reich sein, heißt es. Deswegen hat man ihm auch die Braut gegeben.“

„Nicht doch, das Paar ist so schön.“

„Und da habt Ihr nun gestritten, Marja Wasiljewna, daß die Kanarienvögel wegflögen. Sieh die dort, es soll eine Gesandtin sein, wie gewählt“ —

„Die Braut ist doch zu lieblich, wie ein geputztes Lämmchen. Was Ihr auch sagen mögt; es ist doch schade um sie.“

So schwatzte der Haufe der Zuschauerinnen durcheinander, dem es gelungen war, durch die Thüren der Kirche hereinzuschlüpfen.

6

Nachdem die Trauungsfeier in der Kirche beendet war, breitete der Küster vor dem Altarplatz in der Mitte der Kirche ein rosafarbenes, seidenes Zeug aus; der Chor stimmte einen kunstvollen und schwierigen Psalm an, in welchem Tenor und Baß sich antworteten und der Priester, sich umwendend, wies die Verlobten auf das ausgebreitete rosafarbene Stück Zeug hin. So oft diese nun schon davon gehört hatten, daß, wer zuerst auf den Teppich träte, das Regiment in der Familie führen würde, vermochten sich doch weder Lewin noch Kity dessen zu entsinnen, als sie die wenigen Schritte zurücklegten. Sie hörten weder die vernehmbaren Bemerkungen und Auseinandersetzungen, daß nach der Beobachtung der Einen er, nach der Meinung der Anderen – beide zugleich darauf getreten wären.

Nach den üblichen Fragen betreffs ihres Wunsches die Ehe zu schließen, ob sie nicht anderweit Versprechungen gegeben hätten, auf die ihre Antworten ihnen selbst seltsam genug klangen, begann eine neue Ceremonie.

Kity hörte die Worte des Gebetes und bemühte sich, deren Sinn zu verstehen, aber sie vermochte dies nicht. Das Gefühl des Stolzes und der lichten Freude begann mit der sich dem Ende nähernden Feier mehr und mehr ihre Seele zu erfüllen, und machte es ihr unmöglich, aufmerksam zu sein. Man betete: „Gieb ihnen Weisheit und Leibesfrucht zu ihrem Nutzen, damit sie heiter seien beim Anblick ihrer Söhne und Töchter;“ es wurde erwähnt, daß Gott das Weib aus einer Rippe Adams geschaffen habe, und „deswegen wird der Mensch Vater und Mutter verlassen und dem Weibe anhangen und sie werden beide sein ein Leib,“ und „dieses Geheimnis ein großes“ sei; man betete, daß Gott ihnen Fruchtbarkeit und Segen verleihe, wie Isaak und Rebekka, Joseph und Mose, und daß sie die Söhne ihrer Söhne noch sehen möchten. „Alles das ist schön,“ dachte Kity, als sie diese Worte vernahm, „alles das kann auch gar nicht anders sein“ und ein Lächeln der Freude, das sich unwillkürlich allen denen, die sie anschauten, mitteilte, glänzte auf ihrem hellgewordenen Antlitz auf.

„Setzt ihn nur ordentlich auf!“ vernahm man zuredende Stimmen, als der Geistliche ihnen die Kränze aufsetzte, und Schtscherbazkiy mit zitternder Hand, im dreiknöpfigen Handschuh, den Kranz hoch über Kitys Kopf hielt.

„Setzt ihn auf,“ flüsterte diese lächelnd.

Lewin blickte sie an und war überrascht von dem freudestrahlenden Glanze, welcher auf ihrem Gesicht lag; diese Empfindung teilte sich auch ihm unwillkürlich mit, und auch ihm wurde dabei so leicht und heiter zu Mut, wie ihr.

Es machte ihnen Freude, dem Lesen der Apostelsendung zu lauschen und dem Verrauschen der Stimme des Protodiakonus beim letzten Vers, das von dem zuschauenden Publikum mit großer Ungeduld erwartet worden war. Es machte ihnen Freude, aus der flachen Schale den lauen roten Wein, mit Wasser gemischt, zu trinken, es machte ihnen noch mehr Freude, als der Geistliche, das Meßgewand zurückwerfend, ihrer beider Hände in die seine nahm und sie unter dem Dröhnen der Bässe, welche das „Jesu freue dich“ ausführten, rings um den Altar geleitete. Schtscherbazkiy und Tschirikoff, welche die Kränze hielten, verwickelten sich in die Schleppe der Braut, lächelten gleichfalls und waren heiter, bald stehen bleibend, bald nach vorn anstoßend an die Jungvermählten, sobald der Geistliche eine Pause im Rundgang machte. Der Götterfunke der Freude, der in Kity entzündet war, schien sich allen mitzuteilen, die in der Kirche anwesend waren; und Lewin dünkte es, als wenn auch der Geistliche und der Diakonus, ebenso wie er, zu einem Lächeln neigten.

Der Geistliche nahm die Kränze von ihren Häuptern, las das letzte Gebet und beglückwünschte die jungen Eheleute. Lewin schaute auf Kity und noch nie bisher hatte er diese so gesehen. Sie war reizend in dem ungewohnten Schimmer von Glück, welcher auf ihrem Antlitz lag. Lewin wollte zu ihr sprechen, aber er wußte nicht, ob die Feier zu Ende sei. Der Geistliche entriß ihn seinen Bedenken, er lächelte ihm gutmütig zu und sagte leise, „küßt Euer Weib, und Ihr, küßt Euren Mann“ und nahm ihnen die Lichter aus den Händen.

Lewin küßte taktvoll ihre lächelnden Lippen, reichte ihr den Arm, und verließ im Gefühl der Nähe eines neuen, seltsam berührenden Etwas die Kirche.

Er glaubte nicht und konnte nicht glauben, daß es Wahrheit sei. Erst als ihn verwunderte und schüchterne Blicke trafen, glaubte er daran, weil er fühlte, daß sie schon Eins waren.

Nach dem Souper, noch in der nämlichen Nacht, fuhren die jungen Leute nach dem Dorfe ab.

7

Wronskiy und Anna reisten bereits seit drei Monaten zusammen in Europa. Sie hatten Venedig, Rom, Neapel besucht und waren soeben in einer kleinen italienischen Stadt angekommen, wo sie sich für einige Zeit niederzulassen gedachten.

Ein eleganter Oberkellner, mit einem vom Nacken beginnenden Scheitel im dicht pomadisierten Haar, im Frack und mit breiter weißer Battistbrust im Oberhemd, auch einem Bündel Berloques auf dem gerundeten Bäuchlein, antwortete gerade, die Hände in den Taschen und geringschätzig mit den Augen zwinkernd, in gemessenem Tone einem stehenbleibenden Herrn. Als er von der andern Seite der Einfahrt Schritte vernahm, welche die Treppe hinaufgingen, wandte sich der Oberkellner um, zog, als er den russischen Grafen erblickte, welcher hier die besten Zimmer gemietet hatte, respektvoll die Hände aus den Taschen und erklärte mit einer Verbeugung, daß der Kurier da wäre, und die Angelegenheit mit dem Mieten eines Palazzo im Gange sei.

„Ach, das freut mich sehr,“ sagte Wronskiy, „ist die gnädige Frau daheim oder nicht?“

„Gnädige Frau waren spazieren gegangen, sind aber jetzt zurückgekehrt,“ antwortete der Kellner.

Wronskiy nahm den weichen, breitkrempigen Hut vom Kopfe und trocknete mit dem Taschentuch die schweißbedeckte Stirn und die halb über den Ohren hängenden Haare, welche zurückgekämmt waren und die kahle Stelle auf seinem Kopfe bedeckten. Zerstreut auf den noch immer dastehenden und ihn anschauenden Herrn blickend, wollte er vorübergehen.

„Dieser Herr ist Russe und frug nach Ihnen,“ berichtete der Oberkellner.

Mit einem Gefühl, in dem sich Verlegenheit und der Verdruß mischten, daß man nirgends seinen Bekannten entgehen könne, aber im Wunsche, doch wenigstens eine Zerstreuung in der Einförmigkeit seines Lebens zu finden, blickte Wronskiy nochmals den abseits getretenen und wartenden Herrn an, und in ein und demselben Augenblick leuchteten beider Augen auf.

„Golenischtscheff!“

„Wronskiy!“

In der That, es war Golenischtscheff, ein Kamerad Wronskiys vom Pagencorps her. Golenischtscheff gehörte im Pagencorps der freidenkenden Richtung an, trat aus demselben mit bürgerlichem Range aus und hatte nirgends Dienste genommen. Die Kameraden waren seit dem Verlassen des Corps ganz auseinandergekommen und hatten sich in späterer Zeit nur einmal wiedergesehen.

Bei jener Begegnung erkannte aber Wronskiy, daß Golenischtscheff eine hochgeschraubte, freisinnige Wirksamkeit entwickelt hatte und infolge dessen die Thätigkeit und den Beruf Wronskiys gering schätzte, und so kam es, daß dieser bei dem Zusammentreffen mit Golenischtscheff jene kalte stolze Haltung annahm, die er den Menschen gegenüber anzunehmen verstand, und deren Gedanke der war: „Mag Euch meine Lebensart anstehen oder nicht, dies ist mir ganz gleichgültig; Ihr müßt mich aber achten, wenn Ihr meine Bekanntschaft sucht.“

Golenischtscheff hingegen verhielt sich diesem Tone Wronskiys gegenüber mit geringschätzigem Gleichmut. Es dürfte nun scheinen, als ob jene Begegnung sie noch mehr voneinander hätte trennen müssen, jetzt aber erglänzten beider Mienen und sie riefen sich freudig an, indem sie einander erkannten.

Wronskiy hätte nie erwartet, daß er sich über Golenischtscheff so freuen könne, aber wahrscheinlich wußte er nur selbst nicht, wie er sich langweilte. Er hatte den unangenehmen Eindruck ihrer letzten Begegnung vergessen und streckte jetzt dem einstigen Schulkameraden mit offener, freudiger Miene die Hand entgegen. Ein solcher Ausdruck von Freude veränderte auch den ersten unsicheren Ausdruck im Gesicht Golenischtscheffs.

„Wie freue ich mich, dich zu treffen!“ sagte Wronskiy, freundschaftlich lächelnd seine festen weißen Zähne zeigend.

„Ich habe gehört, ein Wronskiy ist hier; wußte aber nicht, welcher. Ich freue mich ganz außerordentlich!“ —

„Komm doch mit herauf. Nun, was machst du denn?“

„Ich wohne schon seit zwei Jahren hier. Ich arbeite.“

„Ach so,“ versetzte Wronskiy voll Teilnahme, „also komme mit herein.“

Nach der Gewohnheit der Russen begann er französisch, anstatt gerade russisch das zu sagen, was er vor der Dienerschaft verbergen wollte.

„Bist du mit der Karenina bekannt? Wir reisen zusammen. – Ich gehe zu ihr,“ – fuhr er auf französisch fort, Golenischtscheff aufmerksam ins Gesicht blickend.

„Ah, ich wüßte nicht,“ antwortete Golenischtscheff ruhig – der recht wohl das Verhältnis kannte – „bist du schon seit lange hier angekommen?“ fügte er hinzu.

„Ich? Seit vier Tagen,“ antwortete Wronskiy, noch einmal aufmerksam das Gesicht des Schulkameraden musternd.

„Ja wohl, er ist ein vernünftiger Mensch und nimmt die Dinge, wie sichs gehört,“ sagte Wronskiy zu sich selbst, die Bedeutung des Gesichtsausdrucks Golenischtscheffs und den Wechsel der Unterhaltung verstehend; „man kann ihn schon mit Anna bekannt machen; er verhält sich ganz so, wie es sich gehört.“

Wronskiy hatte sich während der drei Monate, die er im Auslande mit Anna zugebracht hatte, im Zusammentreffen mit den Menschen stets die Frage vorgelegt, wie die betreffende neuerscheinende Person seine Beziehungen zu Anna betrachte, und größtenteils begegnete er bei den Männern der Auffassung „wie es sich gehörte“. Wenn man ihn aber frug, oder diejenigen frug, welche verstanden, was das „wie es sich gehört“, eigentlich bedeute, so wäre wohl er selbst ebenso wie jene in großer Verlegenheit gewesen.

In Wirklichkeit verstanden diejenigen, welche nach Wronskiys Meinung das „wie es sich gehört“ kannten, dieses nicht im geringsten, sondern verhielten sich nur im allgemeinen so, wie wohlerzogene Leute sich in allen verwickelten und unlösbaren Fragen zu verhalten pflegen, die das Leben von allen Seiten umgeben – sie verhielten sich zurückhaltend, und mieden Anspielungen und unangenehme Fragen. Sie gaben sich den Anschein, als ob sie vollständig Bedeutung und Sinn der Situation erfaßt hätten, sie erkannten dieselbe an und hießen sie sogar gut, hielten es aber für unangebracht und überflüssig, das alles auszusprechen.

Wronskiy hatte sich nicht sogleich gedacht, daß Golenischtscheff einer von diesen Leuten wäre, und er war daher doppelt erfreut über ihn. In der That verhielt sich Golenischtscheff der Karenina gegenüber, nachdem er bei derselben eingeführt worden war, so, wie Wronskiy es nur immer wünschen konnte. Augenscheinlich vermied er ohne die geringsten Schwierigkeiten alle Gespräche, die zu einer peinlichen Situation hätten führen können.

Er hatte Anna früher nicht gekannt und war überrascht von ihrer Schönheit, noch mehr aber von der Naivetät, mit welcher sie ihre Lage auffaßte. Sie errötete, als Wronskiy Golenischtscheff einführte, und dieses kindliche Erröten, das ihr offenes schönes Gesicht überzog, gefiel ihm außerordentlich. Besonders aber sprach ihn an, daß sie sogleich, wie in der Absicht keinerlei Zweifel in Gegenwart eines Fremden möglich bleiben zu lassen, Wronskiy einfach „Aleksey“ nannte und erzählte, daß sie mit ihm in ein neugemietetes Haus übersiedeln werde, welches man hier den Palazzo nenne. Dieses offenherzige und naive Verhalten angesichts ihrer Lage gefiel Golenischtscheff. Angesichts dieser gutmütig heitern energischen Art und Weise Annas und seiner Bekanntschaft mit Aleksey Aleksandrowitsch und Wronskiy schien es ihm, als ob er sie vollständig verstände. Es schien ihm als ob er erkenne, was sie nicht im entferntesten erkannte; nämlich das, daß sie sich, das Unglück eines Mannes verschuldend, indem sie ihn und ihren Sohn verließ und ihren guten Ruf verlor, dennoch voll Energie heiter und glücklich fühlen konnte.

„Er liegt dort drüben,“ sagte Golenischtscheff, den Palazzo meinend, den Wronskiy gemietet hatte. „Es befindet sich ein schöner Tintoretto dort, aus der letzten Epoche des Künstlers.“

„Wißt Ihr was? Das Wetter ist schön, begeben wir uns einmal hin und besichtigen wir ihn nochmals,“ sagte Wronskiy, sich zu Anna wendend.

„Sehr erfreut; ich komme sogleich mit und will nur meinen Hut aufsetzen, Ihr sagt, es ist heiß?“ sprach sie, an der Thür stehen bleibend und fragend auf Wronskiy blickend. Wiederum bedeckte eine helle Röte ihr Gesicht.

Wronskiy erkannte an ihrem Blick, daß sie nicht wisse, in welchen Beziehungen er mit Golenischtscheff zu stehen gedenke, und besorgt sei, ob sie sich auch so verhalten habe, wie er es gewünscht haben möchte.

Er schaute sie mit einem zärtlichen langen Blicke an.

„Nein, nicht so sehr,“ versetzte er.

Ihr schien, daß sie damit alles verstanden hatte, namentlich, daß er zufrieden mit ihr sei, und ihm zulächelnd ging sie schnellen Schrittes zur Thür hinaus.

Die Freunde blickten einander an und in den Zügen beider erschien Verlegenheit, es war, als ob Golenischtscheff, augenscheinlich bezaubert von ihr, etwas über sie zu sagen wünschte, aber nicht fände was, während Wronskiy das Nämliche wünschte und es doch zugleich fürchtete.

„So ist es also“ – begann Wronskiy, um doch wieder eine Unterhaltung anzuknüpfen, „du hast dich hier angesiedelt? Treibst du denn noch immer deine alte Beschäftigung?“ fuhr er fort, sich erinnernd, daß man ihm gesagt hatte, Golenischtscheff schriebe etwas.

„Ja. Ich schreibe den zweiten Teil meiner ‚Zwei Gesetze‘,“ antwortete dieser, vor Vergnügen über diese Frage ins Feuer geratend, „das heißt, um genau zu sein, ich schreibe noch nicht, sondern bereite noch vor, ich sammle Material. Dieser zweite Teil wird bei weitem umfangreicher werden und fast sämtliche Fragen umfassen. Man will bei uns in Rußland nicht begreifen, daß wir die Erben von Byzanz sind,“ begann er eine lange eifrige Auseinandersetzung.

Wronskiy war es anfangs peinlich, daß er die erste Abhandlung über die „Zwei Gesetze“, über welche der Autor mit ihm sprach, als ob sie etwas ganz Bekanntes wäre, gar nicht kannte. Als aber Golenischtscheff seine Ideen zu entwickeln begann, und Wronskiy ihm zu folgen vermochte, hörte ihn der Letztere, auch ohne die „Zwei Gesetze“ zu kennen, mit Interesse an, da Golenischtscheff gut sprach, doch versetzte ihn die verbissene Erregtheit, mit welcher Golenischtscheff über den ihn beschäftigenden Gegenstand sprach, in Erstaunen und Mißstimmung. Je länger jener sprach, umsomehr entflammte sich sein Blick, umsomehr beeilte er sich, eingebildeten Gegnern zu replizieren und um so unruhiger und trüber wurde sein Gesichtsausdruck. Wronskiy war, indem er sich Golenischtscheff als den hageren, lebhaften und gutmütigen Knaben von gutem Herkommen, der stets der Erste im Corps gewesen war, in die Erinnerung zurückrief, nicht imstande, einen Grund für diese Gereiztheit zu finden, und schüttelte den Kopf über ihn. Insbesondere wollte ihm nicht gefallen, daß Golenischtscheff als ein Mann aus der guten Gesellschaft, sich auf eine Stufe mit gewissen Skriblern stellte, die ihn gereizt hatten, und denen er nun grollte. War das die Sache wert? Wronskiy gefiel dies nicht, aber er empfand, daß Golenischtscheff unglücklich war, und fühlte Mitleid mit ihm. Verzweiflung, ja fast Geistesverwirrung war auf diesen beweglichen, ziemlich angenehmen Zügen sichtbar, während er, Annas Eintreten gar nicht einmal bemerkend, fortfuhr, hastig und eifrig seine Ideen zu äußern.

Als Anna in Hut und Überwurf, mit ihrer schönen Hand in schnellen Bewegungen mit dem Sonnenschirm spielend, neben Wronskiy stehen blieb, riß sich dieser mit einem Gefühl der Erleichterung von den starr auf ihn gerichteten, klagenden Blicken Golenischtscheffs los und schaute mit neuer Liebe auf seine reizende Freundin in ihrer Fülle von Lebenskraft und Freude.

Golenischtscheff konnte sich nur schwer wieder sammeln und blieb anfangs niedergeschlagen und finster, doch belebte ihn Anna, freundlich gegen jedermann gestimmt – wie sie überhaupt während dieser Zeit war – bald wieder durch die Natürlichkeit und Heiterkeit ihres Verkehrs. Nachdem sie verschiedene Themata versucht hatte, brachte sie das Gespräch auf die Malerei, über die er sehr gut sprach und hörte ihm aufmerksam zu. Sie gingen zu Fuße nach dem gemieteten Haus und besichtigten es.

„Über Eines freue ich mich sehr,“ sagte Anna zu Golenischtscheff, als sie bereits auf dem Rückwege waren. „Aleksey wird ein gutes Atelier haben. Du wirst doch ohne Zweifel dieses Zimmer nehmen,“ sagte sie zu Wronskiy auf russisch, ihn jetzt duzend, da sie schon erkannt hatte, daß Golenischtscheff ihnen in ihrer Einsamkeit sehr nahe treten würde, und man so vor ihm nichts zu verhehlen brauche.

„Malst du denn?“ sagte dieser, sich schnell zu Wronskiy hinwendend.

„Ja, ich habe mich lange damit beschäftigt und jetzt wieder ein wenig angefangen,“ versetzte Wronskiy errötend.

„Er hat ein bedeutendes Talent,“ antwortete Anna mit freudigem Lächeln, „ich bin natürlich kein Kritiker, aber kundige Kunstrichter haben es auch gesagt.“

8

Anna fühlte sich in dieser ersten Zeit ihrer Freiheit und schnellen Genesung in einer Weise glücklich und voll Lebensfreude, die nicht zu vergeben war. Die Erinnerung an das Unglück ihres Gatten vergällte ihr ihre Seligkeit nicht. Diese Erinnerung war ihr einerseits zu furchtbar, als daß sie daran hätte denken mögen, andrerseits verlieh ihr das Unglück des Gatten eine viel zu hohe Seligkeit, als daß sie Reue über dasselbe hätte empfinden können. Die Erinnerung an alles, was sich mit ihr seit ihrer Krankheit zugetragen, die Aussöhnung mit dem Gatten, der Bruch mit ihm, die Nachricht von der Verwundung Wronskiys, dessen erneutes Erscheinen bei ihr, die Vorbereitung der Ehescheidung, das Verlassen des Hauses ihres Gatten, der Abschied von ihrem Sohne – alles das erschien ihr wie ein Fiebertraum, aus welchem sie, allein mit Wronskiy, im Auslande erwacht war. Die Erinnerung – das Böse, das sie ihrem Gatten zugefügt hatte, erweckte in ihr ein Gefühl, welches dem Ekel und dem Gefühl ähnlich war, welches ein Mensch empfindet, der ertrinken wollte und sich von einem andern losgerissen hat, der sich an ihn anklammerte. Dieser letztere Mensch war ertrunken. Natürlich war das keine schöne Handlung, aber es war die einzige Rettung und man that daher am besten, an diese furchtbaren Einzelheiten nicht mehr zu denken.

Ein Schluß der sie über ihre Handlungsweise beruhigte, kam ihr damals, in der ersten Minute nach dem Bruch, und wenn sie jetzt an ihre ganze Vergangenheit dachte, erinnerte sie sich dieses Schlusses. „Ich habe unwiderleglich das Verhängnis dieses Mannes herbeigeführt,“ dachte sie, „aber ich will aus diesem Unglück keinen Vorteil ziehen; auch ich leide und werde leiden, ich bin dessen beraubt, was ich über alles schätzte, – des ehrenhaften Namens und meines Sohnes. Ich habe schlecht gehandelt, und will daher kein Glück, keine Ehescheidung; ich werde leiden in meiner Schmach und der Trennung von dem Sohne.“

Aber so aufrichtig Anna auch leiden wollte, sie litt nicht; und ihre Schmach war für sie nicht vorhanden. Mit dem Takte, von welchem sie beide so viel besaßen, kamen sie im Auslande, indem sie russische Damen mieden, nie in eine falsche Situation und überall trafen sie Leute, die sich stellten, als ob sie die beiderseitige Lage noch weit besser verständen, als sie selbst sie auffaßten. Selbst die Trennung von ihrem Sohne, den sie liebte, war ihr in der ersten Zeit nicht schmerzlich. Ihr Töchterchen, sein Kind, war so lieb, hatte Anna so für sich eingenommen, seit ihr das Mädchen allein verblieben war, daß sie nur selten noch des Sohnes gedachte.

Ihr Bedürfnis zu leben, mit der Genesung erhöht, war so stark, und ihre Lebensverhältnisse waren so ungewohnte und angenehme, daß Anna sich unverzeihlich glücklich fühlte.

Je mehr sie Wronskiy erkannte, desto mehr liebte sie ihn. Sie liebte ihn um seiner selbst willen und wegen seiner Liebe für sie. Ihre vollständige Herrschaft über ihn war ihr eine fortwährende Freude. Seine Nähe war ihr stets willkommen. Alle Züge seines Charakters, den sie mehr und mehr erkannte, waren ihr unaussprechlich lieblich. Sein Äußeres, das sich im Civilanzug verändert hatte, war für sie so anziehend, wie für eine liebende junge Frau. In allem was er sprach, dachte und that, sah sie etwas besonders Edles und Erhabenes, und ihr Entzücken über ihn erschreckte sie selbst sogar häufig. Sie suchte nichts Unschönes in ihm und konnte auch nichts finden; sie wagte es nicht, das Bewußtsein ihrer Nichtigkeit vor ihm gewahr werden zu lassen, denn es schien ihr, als ob er, wenn er dies wüßte, schneller aufhören könne, sie zu lieben. Jetzt aber fürchtete sie nichts so sehr – obwohl sie nicht den geringsten Anlaß hierzu hatte – als, seine Liebe zu verlieren. Sie konnte nicht umhin, ihm dankbar zu sein für sein Verhältnis zu ihr und mußte ihm zeigen, wie hoch sie dasselbe schätzte. Er, der nach ihrer Meinung einen so ausgeprägten Beruf für die Staatscarriere besaß, in der er einmal eine bedeutende Rolle spielen mußte – er hatte seinen Ehrgeiz für sie geopfert, ohne je auch nur das geringste Bedauern darüber zu zeigen.

Er war mehr noch als früher, liebevoll und achtungsvoll gegen sie geworden und der Gedanke, sie möchte sich des Peinlichen ihrer Lage niemals bewußt werden, verließ ihn nicht eine Minute. Er, so ganz ein Mann, war vor ihr nicht nur widerspruchslos, er hatte nicht einmal seinen eigenen Willen, und war offenbar nur damit beschäftigt, auf welche Weise er ihren Wünschen zuvorkommen könne. Und sie konnte nicht umhin, dies hochzuschätzen, obwohl sie das Übermaß seiner Aufmerksamkeit für sie, diese Atmosphäre liebevoller Sorgfalt mit der er sie umgab, bisweilen bedrückte.

Wronskiy jedoch war ungeachtet der vollständigen Verwirklichung dessen, was er so lange ersehnt hatte, nicht vollkommen glücklich. Er fühlte bald, daß die Verwirklichung seines Wunsches ihm nur ein Körnlein von jenem Berg von Glück gewährt hatte, den er erwartete. Diese Verwirklichung zeigte ihm nur den ewigen Fehler, den die Menschen begehen, indem sie sich das Glück als Verwirklichung eines Wunsches denken. In der ersten Zeit, nachdem er sich mit ihr vereinigt und den Civilrock angelegt hatte, empfand er all den Reiz der Freiheit im allgemeinen, den er nicht vorher gekannt hatte, sowie die Freiheit der Liebe, und er war zufrieden; doch nicht auf lange. Bald fühlte er, daß sich in seiner Brust der Wunsch der Wünsche regte – die Langeweile. – Ganz ohne seinen Willen klammerte er sich an jede vorüberhuschende Laune, indem er sie als Wunsch und Ziel erfaßte. Sechzehn Stunden des Tages mußte man sich beschäftigen, obwohl man im Ausland in vollkommener Freiheit lebte, außerhalb jenes Kreises von Anforderungen des gesellschaftlichen Lebens, wie er die Zeit in Petersburg für sich in Anspruch nahm.

An jene Zerstreuungen des Junggesellenlebens, die Wronskiy bei früheren Reisen ins Ausland beschäftigt hatten, war nicht mehr zu denken, da schon ein einziger Versuch dieser Art einen unerwarteten, einem verspäteten Abendbrot unter Bekannten nicht entsprechenden Trübsinn in Anna hervorrief. Beziehungen zu der Gesellschaft des Ortes, auch den Russen hier, konnten sie bei der Unbestimmtheit ihrer Verhältnisse ebenfalls nicht unterhalten. Eine Besichtigung der Sehenswürdigkeiten hatte, abgesehen davon, daß sie alles schon gesehen hatten, für ihn als einen Russen, und verständigen Menschen, nicht jene unerklärbare Bedeutung, wie sie die Engländer diesem Punkte beimessen.

Wie daher das hungernde Tier nach jedem fallenden Gegenstande schnappt, in der Hoffnung, in ihm etwas zu fressen zu finden, so griff auch Wronskiy vollständig instinktiv bald zur Politik, bald nach neuen Büchern, bald nach der Malerei.

Da er von Kindheit an Talent zur Malerei gehabt, und, indem er nicht wußte, wofür er sein Geld verausgaben sollte, Stahlstiche zu sammeln begonnen hatte, so blieb er endlich bei der Malerei, und begann sich mit ihr zu beschäftigen und jenen brachliegenden Wust von Wünschen, welcher nach Verwirklichung verlangte, in ihr abzulagern.

Er besaß die Fähigkeit, die Kunst zu erfassen, und in der That mit Geschmack die Kunst nachzuahmen; er meinte auch, daß er dasselbe besäße, was der Künstler brauche, und befaßte sich, nachdem er einige Zeit geschwankt hatte, welches Genre der Malerei er erwählen solle: das religiöse, historische oder realistische, mit Malen. Er verstand sich auf jedes Genre und konnte sich für dieses, wie für jenes begeistern, aber er vermochte sich nicht vorzustellen, daß es auch möglich sei, ganz und gar nichts zu wissen, was es für Richtungen in der Malerei gebe, und sich unmittelbar von dem inspirieren zu lassen, was in der Seele lebte, ohne Sorge, ob das, was man malte, auch zu einem bestimmten Genre in der Kunst gehörte. Da er dies nicht kannte, und sich nicht unmittelbar vom Leben beeinflussen ließ, sondern mittelbar, vom Leben wie es durch die Kunst schon verkörpert war, so begeisterte er sich sehr schnell und leicht und erreichte ebenso schnell und leicht, daß das, was er malte, demjenigen Genre sehr ähnlich wurde, welches er nachzuahmen wünschte.

Vor allem gefiel ihm die französische Schule, die graziöse und effektvolle, und nach dieser begann er, das Bild Annas in italienischem Kostüm zu malen. Das Porträt erschien ihm und jedermann, der es sah, als sehr gelungen.

9

Der alte vernachlässigte Palazzo mit den hohen bossierten Plafonds und Fresken an den Wänden, Mosaikboden und schweren gelben Stoffgardinen an den hohen Fenstern; Vasen auf den Konsolen und Kaminen, geschnitzten Thüren und dämmerigen Sälen, die mit Gemälden vollgehängt waren – dieser Palazzo hielt, nachdem sie in ihn übergesiedelt waren, schon in seiner äußeren Erscheinung in Wronskiy eine angenehme Täuschung wach, die, daß er weniger ein russischer Gutsherr und Stallmeister ohne Amt sei, als vielmehr ein erlauchter Liebhaber und Kunstmäcen, und er selbst – ein bescheidener Künstler, der sich von der Welt losgesagt hatte, von seinen Verbindungen und dem Ehrgeiz – für ein geliebtes Weib.

Die Rolle, welche Wronskiy mit seinem Umzug in den Palazzo erwählt hatte, gelang vollständig und durch Vermittelung Golenischtscheffs mit einigen interessanten Personen bekannt geworden, fühlte er sich für die Anfangszeit beruhigt. Er malte unter der Leitung eines italienischen Professors der Malerei Studien nach der Natur und beschäftigte sich mit dem Kunstleben Italiens im Mittelalter. Das mittelalterliche Kunstleben Italiens hatte für Wronskiy in letzter Zeit soviel Reiz gewonnen, daß dieser selbst einen Hut und das Plaid über der Schulter nach der mittelalterlichen Mode zu tragen begann, was ihm sehr gut stand.

„Da leben wir hier und wissen gar nichts davon,“ sagte eines Tages Wronskiy zu Golenischtscheff, der früh zu ihm gekommen war. „Hast du das Gemälde Michailoffs gesehen?“ Er reichte die am Morgen soeben erhaltene russische Zeitung hin, und wies auf einen Artikel über einen russischen Maler, der in der nämlichen Stadt lebte und hier ein Gemälde ausgeführt hatte, über welches schon lange Gerüchte umliefen und das schon im voraus angekauft worden war.

In dem Aufsatz wurden der Regierung und der Akademie Vorwürfe gemacht, daß der vorzügliche Künstler jeder Aufmunterung und Unterstützung entbehre.

„Ich habe das Bild gesehen,“ antwortete Golenischtscheff, „natürlich ist er nicht talentlos, aber er verfolgt eine vollständig verkehrte Richtung; das ist noch immer jene Richtung Iwanoff-Strauß-Rénan, Christus und der kirchlichen Malerei gegenüber.“

„Was stellt das Gemälde dar?“ frug Anna.

„Christus vor Pilatus. Christus ist als Hebräer mit allem Realismus der neuen Schule dargestellt“ – durch die Frage nach dem Inhalt des Gemäldes auf eines seiner Lieblingsthemen gebracht, begann Golenischtscheff zu erklären.

„Ich begreife nicht, wie man einem so groben Irrtum verfallen kann. Christus hat doch schon seine bestimmte Verkörperung in der Kunst der größten Altmeister. Wenn man nicht Gott darstellen will, sondern einen Revolutionär oder Weisen, so mag man sich den Sokrates aus der Geschichte wählen, den Franklin, die Charlotte Corday – aber nur nicht Christus. – Man nimmt da aber gerade diejenige Gestalt, die man für die Kunst nicht nehmen soll, und dann“ —

„Aber ist es denn wahr, daß sich dieser Michailoff in so großer Armut befindet?“ frug Wronskiy in dem Gedanken, daß er, als russischer Mäcen, ohne Rücksicht darauf, ob das Gemälde gut oder schlecht sei, dem Künstler helfen könne.

„Kaum; er ist ein bedeutender Porträtmaler. Ihr habt wohl sein Porträt der Wasiljtschikowa gesehen? Er scheint indessen nicht mehr Porträts malen zu wollen, und kann es allerdings möglich sein, daß er sich wirklich in Not befindet. Ich sage, daß“; —

„Könnte man ihn nicht bitten, ein Porträt der Anna Arkadjewna zu malen?“ sagte Wronskiy.

„Weshalb meines?“ fiel Anna ein, „außer dem deinigen möchte ich kein anderes haben. Oder noch besser wäre Any“ – so nannte sie ihr kleines Mädchen – „da ist sie gerade,“ fügte sie hinzu, durch das Fenster auf eine hübsche italienische Amme schauend, welche das Kind in den Garten trug, und dann sorglich verstohlen auf Wronskiy blickend.

Die hübsche Amme, deren Kopf Wronskiy für sein Gemälde porträtiert hatte, bildete das einzige geheime Leid im Leben Annas. Wronskiy hatte sie gemalt, sich in ihre Anmut und Mittelalterlichkeit verliebt, und Anna wagte nicht, sich zu gestehen, daß sie fürchtete, sie könne auf diese Amme eifersüchtig werden. Infolge dessen behandelte sie dieselbe ausnehmend gut und verzärtelte sie sogar, ebenso wie den kleinen Sohn derselben.

Wronskiy blickte ebenfalls durch das Fenster und dann Anna in die Augen, wandte sich jedoch hierauf sogleich wieder zu Golenischtscheff und sagte:

„Kennst du diesen Michailoff?“

„Ich bin ihm begegnet, doch ist er ein Sonderling und ohne jede Bildung. Wißt Ihr, er ist einer jener Wilden, jener Neuerer, die man jetzt so häufig trifft; einer jener Freidenker, welche d'emblée, in den Begriffen des Unglaubens, der Negierung und des Materialismus aufgezogen sind. Früher,“ fuhr Golenischtscheff fort, ohne zu bemerken, oder bemerken zu wollen, daß auch Wronskiy und Anna zu reden wünschten, „früher war ein Freidenker ein Mensch, der in den Begriffen Religion, Gesetz und Moral erzogen worden, und selbst durch Kampf und Mühe zum Freidenkertum gelangt war; jetzt zeigt sich ein neuer Typus der selbstgewordenen Freidenker, welche emporwachsen, ohne auch nur davon gehört zu haben, daß es Gesetze der Moral, der Religion giebt, und daß Autoritäten existieren; solcher, die eben geradezu in den Begriffen des absoluten Nein, das heißt also, wie Wilde aufwachsen. So Einer ist er nun; der Sohn eines höheren Moskauer Lakaien wohl, der keinerlei Bildung empfangen hat. Nachdem er in die Akademie eingetreten war und sich einen Namen gemacht hatte, begann er, gerade kein Dummkopf, das Bedürfnis nach Bildung zu fühlen. Er wandte sich daher zu dem, was ihm als Quelle der Bildung erschien – zu den Journalen. Man bedenke nur, in der alten Zeit hätte ein Mensch, der sich bilden wollte, nehmen wir an, ein Franzose, alle Klassiker studieren müssen: die Theologen, Tragiker, Historiker und Philosophen; man bedenke die geistige Arbeit, die ihm da obgelegen haben würde. Jetzt aber, bei uns, ist er geradenwegs auf die oppositionelle Litteratur gestoßen, hat sich schnell den ganzen Extrakt der Verneinungswissenschaft zu eigen gemacht – und ist fertig! Vor zwanzig Jahren würde er in dieser Litteratur die Kennzeichen eines Kampfes mit der Autorität, mit hundertjährigen Anschauungen gefunden haben, er würde aus diesem Kampfe erkannt haben, daß es noch etwas Anderes gebe, jetzt aber verfällt er geradenwegs einer Litteratur, in welcher man die alten Anschauungen nicht einmal mehr einer Bekämpfung würdigt, sondern unverhohlen heraussagt, ‚das ist nichts mehr, évolution, Kampf ums Dasein!‘ Ich habe in meiner Abhandlung“ —

„Wißt Ihr was,“ sagte Anna, die schon lange aufmerksame Blicke mit Wronskiy gewechselt hatte, und wußte, daß diesen der Bildungsgang des Künstlers nicht interessierte, sondern nur der Gedanke beschäftigte, ihm zu helfen, ihm ein Porträt zuzuweisen: „Wißt Ihr was?“ unterbrach sie den sich im Redefluß verlierenden Golenischtscheff, „wir wollen zu ihm gehen!“

Golenischtscheff sammelte sich und stimmte bereitwillig zu, da jedoch der Künstler in einem entfernteren Viertel wohnte, beschloß man einen Wagen zu nehmen.

Nach Verlauf einer Stunde fuhren Anna die neben Golenischtscheff saß, und Wronskiy, der auf dem Vordersitz des Wagens Platz genommen hatte, vor einem neuen, unschön aussehenden Gebäude in dem abgelegenen Stadtviertel vor. Nachdem sie von der heraustretenden Frau des Hausmanns erfahren hatten, daß Michailoff den Zutritt zu seinem Atelier wohl gewähre, augenblicklich aber sich in seiner Privatwohnung, die wenige Schritte entfernt lag, befinde, so sandten sie ihm ihre Karten mit der Bitte um die Erlaubnis, seine Gemälde sehen zu dürfen.

10

Der Maler Michailoff war, wie immer, bei der Arbeit, als man ihm die Karten des Grafen Wronskiy und Golenischtscheffs überbrachte. Er hatte diesen Morgen in seinem Atelier an einem großen Gemälde gearbeitet. Als er in seine Wohnung gekommen war, hatte er sich über seine Frau geärgert, weil diese nicht mit der Hauswirtin umzugehen verstand, die Geld verlangte.

„Zwanzigmal wohl habe ich dir gesagt, laß dich nicht in Erklärungen ein, du bist ohnehin schon dumm genug; willst du aber auf italienisch etwas erklären, dann wirst du noch dreimal dümmer,“ sagte er zu ihr nach langem Gezänk.

„Sei lieber nicht so nachlässig! Ich kann doch nicht dafür. Wenn ich Geld hätte“ —

„Laß mich in Ruhe, um Gottes willen!“ rief Michailoff, Thränen in der Stimme, eilte, sich die Ohren zuhaltend, in sein Arbeitszimmer hinter die Zwischenwand, und schloß die Thür hinter sich. „Einfältige,“ sprach er zu sich selbst, ließ sich an seinem Tische nieder, klappte den Karton auseinander und machte sich mit besonderem Eifer an eine schon begonnene Zeichnung.

Niemals arbeitete er mit so großem Eifer und Erfolg, als wenn es ihm im Leben nicht gut ging, besonders aber, wenn er sich mit seiner Frau gezankt hatte.

„Könnte man nur sonstwohin durchbrennen!“ dachte er bei seiner Arbeit. Er entwarf eine Zeichnung zu der Figur eines Menschen, der sich im Zornanfall befindet. Die Zeichnung war schon vorher entworfen, aber er war mit derselben nicht zufrieden. „Nein, die andere war besser; wo ist sie denn nur?“ Er ging zu seiner Frau, und frug grollend, und ohne aufzublicken, die alte Magd, wo das Papier wäre, welches er ihnen gegeben hätte. Das Papier mit der darauf hingeworfenen Zeichnung fand sich, es war aber beschmutzt und mit Stearin betropft. Gleichwohl nahm er die Zeichnung, legte sie vor sich auf den Tisch, und begann, nachdem er mit den Augen blinzelnd zurückgetreten war, sie zu betrachten. Plötzlich lächelte er und schwenkte freudig mit den Armen. „So ist es, so!“ sagte er, und begann, den Bleistift ergreifend, schnell zu zeichnen. Ein Stearinflecken hatte der Figur eine neue Stellung verliehen. Er zeichnete diese neue Stellung und plötzlich fiel ihm das energische Gesicht eines Kaufmanns mit hervorstehendem Unterkinn ein, bei dem er sich seine Cigarren kaufte, und dieses Gesicht, dieses Kinn gab er nun seiner Figur. Er lachte vor Lust; die Gestalt war plötzlich aus einer toten, nur gedachten, lebendig, eine solche geworden, die man nicht mehr verändern konnte. Diese Figur lebte, sie war deutlich und zweifellos bestimmt. Man konnte jetzt wohl noch die Zeichnung ändern, im Einklang mit den Erfordernissen der Gestalt, man konnte wohl selbst die Füße anders stellen, die Haltung des linken Armes gänzlich ändern, die Haare zurücklegen. Brachte man auch diese Verbesserungen an, so verankerte man doch nicht die Figur, sondern nur das, was die Figur verdeckte. Er nahm damit gleichsam nur die Hüllen von ihr ab, wegen deren sie nicht ganz sichtbar war und jeder neue Strich zeigte die ganze Gestalt nur noch mehr in all ihrer energischen Kraft, einer Kraft, die ihm plötzlich von den Stearinflecken hervorgebracht zu sein schien. Sorgfältig beendete er gerade die Figur, als man ihm die Karten brachte.

„Sogleich, sogleich!“

Er eilt zu seiner Frau.

„Laß es gut sein, Sascha, sei nicht mehr böse!“ sagte er zu ihr, schüchtern und zärtlich lächelnd, „du warst schuld und ich war schuld; ich will schon alles in Ordnung bringen.“ Nachdem er sich mit seiner Frau ausgesöhnt hatte, zog er einen olivenfarbigen Paletot mit Sammetkragen an, setzte seinen Hut auf, und begab sich nach seinem Atelier. Die so wohlgelungene Figur hatte er bereits vergessen. Es erfreute und erregte ihn jetzt nur der Besuch seines Ateliers seitens dieser vornehmen Russen, die im Wagen angekommen waren.

Über sein Gemälde, dasselbe, welches jetzt auf seinem Platze stand, hatte er auf dem Grunde seines Herzens nur ein Urteil – dies, daß ein ähnliches Gemälde bisher noch niemand gemalt habe. Er wähnte nicht, daß sein Bild besser sei als alle Rafaelschen, er wußte nur, daß das, was er auf demselben wiedergeben wollte, noch nie jemand wiedergegeben hatte. Dies wußte er genau und er wußte es schon lange, seit jener Zeit, da er es zu malen begonnen hatte. Aber die Urteile der Menschen hatten für ihn, wie sie auch sein mochten, gleichwohl eine ungeheure Wichtigkeit, und sie regten ihn bis auf den Grund seiner Seele auf. Jede Bemerkung, selbst die allergeringste, welche bewies, daß seine Kritiker auch nur den kleinsten Teil von dem erkannten, was er in diesem Gemälde gesehen hatte, regte ihn bis auf den Grund seiner Seele auf.

Seinen Kritikern maß er stets größere Tiefe an Verständnis bei, als wie er selbst besaß, und er erwartete von ihnen stets etwas, was er selbst noch nicht in seinem Gemälde gesehen hatte. Oft fand er dies auch, wie ihm schien, in den Urteilen der Beschauer.

Schnellen Schrittes näherte er sich der Thür seines Ateliers; und trotz seiner inneren Erregtheit, frappierte ihn die matte Beleuchtung der Gestalt Annas, wie sie im Schatten der Einfahrt stand und dem eifrig ihr etwas auseinandersetzenden Golenischtscheff zuhörte, zu gleicher Zeit aber auch offenbar wünschte, den herankommenden Künstler zu sehen.

Er selbst war sich dessen gar nicht bewußt geworden, daß er an sie herantretend, diesen Eindruck erfaßt und sich zu eigen gemacht hatte, ebenso wie das Unterkinn jenes Kaufmanns der ihm Cigarren verkaufte, und er barg ihn nun an eine Stelle, von der er ihn wieder hervorholen würde, sobald er ihn brauchte. Die Besucher, schon vorher durch Golenischtscheffs Erzählung über den Künstler ernüchtert, wurden dies noch mehr durch dessen äußere Erscheinung.

Von mittlerer Größe, gedrungen, mit schwankendem Gang, machte Michailoff in seinem zimmetfarbenen Hut, dem olivengrünen Paletot und den engen Beinkleidern – man trug zu dieser Zeit längst schon weite – insbesondere aber durch das Gewöhnliche seines breiten Gesichts und einen Ausdruck, in welchem sich Schüchternheit mit dem Wunsche, seine Würde zu beobachten, vereinigte, einen nicht eben angenehmen Eindruck.

„Bitte ergebenst,“ sagte er, sich bemühend, gleichmütig zu erscheinen, und zog, in den Hausflur tretend, einen Schlüssel aus der Tasche um die Thür zu öffnen.

11

Beim Eintritt in das Atelier musterte der Künstler Michailoff noch einmal seinen Besuch und prägte seinem Gedächtnis noch den Gesichtsausdruck Wronskiys ein, insbesondere dessen Backenpartieen.

Wenn auch sein künstlerisches Empfinden fortwährend thätig war, indem es Material sammelte, wenn er auch immer mehr und mehr die Erregung darüber empfand, daß die Minute der Beurteilung seines Werkes nahte, so hatte er sich doch dabei schnell und feinsinnig aus unmerklichen Anzeichen eine Vorstellung über diese drei Personen gebildet.

Der Eine da – Golenischtscheff – war ein hiesiger Russe. Michailoff entsann sich weder seiner Familie, noch wußte er mehr, wo er ihm begegnet war, und was er mit ihm gesprochen hatte. Er entsann sich nur noch seines Gesichts, wie er sich überhaupt aller Gesichter entsann, die er einmal gesehen hatte, doch entsann er sich auch, daß dies eines jener Gesichter war, die von seiner Phantasie in die höchst umfangreiche Klasse der unwahren und ausdrucksarmen einregistriert wurden. Die langen Haare und die sehr offene Stirn verliehen dem Gesicht äußere Bedeutung, obwohl sich auf ihm nur wenig, kindlich-unruhiger Ausdruck, der sich über der schmalen Nasenwurzel konzentrierte, zeigte.

Wronskiy und die Karenina mußten nach der Vorstellung, die sich Michailoff von ihnen machte, vornehme und reiche Russen sein, die nichts von Kunst verstanden, wie alle diese reichen Russen, sich aber als Liebhaber und Verehrer derselben gebärdeten.

„Sie haben gewiß schon die ganze alte Kunst gesehen und bereisen jetzt die Ateliers der neuen Meister, die deutschen Charlatane und die englischen Praerafaelistennarren, und kommen nun zu mir nur der Vervollständigung der Umschau halber,“ dachte er.

Er kannte die Manier der Dilettanten sehr genau – je klüger diese erschienen, um so schlimmer war es – welche die Ateliers der zeitgenössischen Künstler nur mit der Absicht zu sehen kamen, daß sie das Recht hätten sagen zu können, die Kunst sei im Niedergang begriffen und daß sich, je mehr man auf die Neuen schaue, umsomehr wahrnehmen lasse, wie unnachahmlich erhaben die alten Meister geblieben seien.

Er erwartete alles dies, sah alles dies, schon auf ihren Gesichtern, in dieser gleichmütigen Nachlässigkeit, mit der sie unter sich sprachen und auf die Büsten blickten und sich ungezwungen bewegten, in der Erwartung, daß er ihnen das Gemälde zeigen würde. Aber nichtsdestoweniger empfand er beim Durchblättern seiner Skizzen und als er die Vorhänge hob und die Decke wegnahm, eine hohe tiefe Erregung; umsomehr, als ihm, obwohl alle vornehmen und reichen Russen dumm und beschränkt nach seinen Begriffen sein mußten, Wronskiy sowohl wie besonders Anna, gefielen.

„So, ist es gefällig?“ sprach er, mit linkischem Gange auf die Seite tretend und nach dem Bilde weisend. „Es ist die Mahnung des Pilatus. Matthäi Kap. XXVII“ – sagte er, im Gefühl, daß seine Lippen vor Aufregung zu zittern begannen. Er ging abseits und trat hinter sie.

Während der wenigen Sekunden, während deren die Besucher schweigend das Gemälde beschauten, blickte es Michailoff gleichfalls an, und er schaute mit gleichgültigem, interesselosem Blick darauf. Während dieser wenigen Sekunden hatte er sich im voraus davon überzeugt, daß das höchste und gerechteste Urteil von ihnen ausgesprochen werden würde, gerade von diesen Besuchern, welche er eine Minute zuvor noch so gering geschätzt hatte. Er hatte alles vergessen, was er über sein Bild vorher gedacht hatte während der drei Jahre, in denen es von ihm gemalt ward; er vergaß alle Vorzüge desselben, die für ihn zweifellos vorhanden waren und sah sein Bild nur mit ihrem unbewegten, unparteiischen und frischen Blick an; und jetzt sah er an ihm nichts Gutes mehr. Er sah im Vordergrund das unwillige Gesicht des Pilatus und das ruhige Antlitz Christi, im Hintergrund die Gestalten der Kreaturen des Pilatus und das Gesicht Johannis, die Vorgänge beobachtend. Jedes Gesicht, unter so vielem Suchen, so vielem Irren, Verbessern an seinem eigenartigen Charakter in ihm erstanden, jedes dieser Gesichter, die ihm soviel Mühe und Freude gemacht hatten, sie alle, so oft umgeändert unter der Rücksichtnahme auf den Gesamteindruck, und auf alle diese Nüancen des Kolorits und der Töne, die er mit soviel Mühe erzielt hatte, alles dies vereint, zeigte sich ihm jetzt, indem er die Augen der Besucher beobachtete, als Trivialität, die schon tausendmal wiederholt worden war.

Selbst das wertvollste dieser Gesichter, das Antlitz Christi, als Mittelpunkt des Bildes, der ihm soviel Freude gemacht hatte, als er es endlich gefunden, alles das erschien jetzt verloren für ihn, als er auf sein Gemälde mit ihren Augen blickte. Er sah nur eine gut – und selbst das nicht einmal, da er jetzt klar eine Masse von Mängeln wahrnahm – gemalte Wiederholung aller jener zahllosen Christusbilder Tizians, Rafaels, Rubens', und der nämlichen Söldner des Pilatus. Alles war trivial, dürftig und veraltet, ja, selbst schlecht gemalt – bunt und schwach. Sie werden recht haben, wenn sie in Gegenwart des Künstlers verstellte höfliche Phrasen drechseln, ihn aber bedauern und verspotten, sobald sie unter sich sind.

Das Schweigen wurde ihm allzu drückend, obwohl es nicht länger als eine Minute gewährt hatte; um es zu brechen und zu zeigen, daß er nicht aus seiner Ruhe gekommen sei, wandte er sich, indem er sich zusammenraffte, an Golenischtscheff.

„Ich hatte wohl, wie mir scheint, das Vergnügen“ – sagte er zu demselben, unruhig bald auf Anna, bald auf Wronskiy blickend, um nicht einen einzigen Zug des Ausdrucks ihrer Gesichter zu verlieren – „Ihnen schon begegnet zu sein?“ —

„Gewiß! – Wir sahen uns bei Rossi, entsinnt Ihr Euch jenes Abends, als jene italienische Dame vortrug,“ begann Golenischtscheff frei, und ohne das geringste Bedauern den Blick von dem Gemälde ab und zum Maler wendend.

Als er indessen bemerkte, daß Michailoff ein Urteil über sein Gemälde erwarte, sagte er: „Euer Bild hat gute Fortschritte gemacht, seit ich es zum letztenmal gesehen habe. So wie damals, überrascht mich auch jetzt die Figur des Pilatus. So muß man diesen Mann auffassen, als gut und brav, aber als Beamter bis auf den Kern seiner Seele, der nicht weiß, was er anrichtet. Mir scheint indessen“ —

Michailoffs bewegliches Gesicht erglänzte plötzlich über und über, seine Augen leuchteten auf.

Er wollte etwas sagen, konnte es aber vor Erregung nicht, und stellte sich nun, als müsse er husten. So niedrig wie er auch die Fähigkeit Golenischtscheff, die Kunst zu verstehen, anschlug, so unbedeutend auch die treffende Bemerkung desselben über die Wahrheit des Gesichtsausdruckes des Pilatus als eines Beamten war, so zurücksetzend für ihn die Äußerung einer so unbedeutenden Bemerkung erscheinen konnte, die zuerst kam, während über das Hauptsächlichste nicht gesprochen worden war, befand sich Michailoff gleichwohl in Entzücken über dieselbe. Er selbst dachte über die Figur des Pilatus das Nämliche, was Golenischtscheff ausgesprochen hatte. Der Umstand, daß dieses Gutachten nur eines von Millionen anderer war, die, wie Michailoff sicher wußte, alle richtig gewesen sein würden, verminderte für ihn die Bedeutung desselben nicht. Er gewann Golenischtscheff für diese Bemerkung lieb und fiel aus der Stimmung der Beklommenheit plötzlich in die des Entzückens. Sofort lebte sein ganzes Gemälde vor ihm wieder auf in all der unaussprechlichen Schwierigkeit alles Lebenden. Michailoff versuchte es nochmals zu sagen, daß er sich den Pilatus ebenso gedacht habe, aber seine Lippen vibrierten nur widerspenstig und er konnte sich nicht äußern. Wronskiy und Anna sagten gleichfalls etwas mit jener leisen Stimme, mit welcher man gewöhnlich – teils um den Künstler nicht zu verletzen, teils um nicht laut eine Dummheit zu sagen, die man so leicht äußern kann, wenn man über Kunst spricht – in Gemäldeausstellungen konversiert.

Michailoff schien es, als ob sein Bild auch auf sie Eindruck gemacht hätte. Er trat zu ihnen hin.

„Wie wunderbar ist der Ausdruck des Christus!“ sagte Anna. Vor allem, was sie gesehen, hatte ihr dieser Ausdruck gefallen, und sie fühlte, daß dies der Mittelpunkt des Gemäldes war und deshalb ein solches Lob dem Künstler angenehm sein würde.

„Man sieht, wie er Pilatus bemitleidet!“

Dies war wiederum eins aus der Million richtiger Urteile, die man an seinem Bilde und an der Figur des Christus finden konnte.

Sie hatte gesagt, daß es ihm leid thue um Pilatus. In dem Ausdruck des Christus mußte ja auch der von Mitleid liegen, da in ihm der der Liebe lag, einer überirdischen Ruhe und Todesbereitschaft, des Bewußtseins einer bevorstehenden Rechenschaft über seine Worte. Gewiß lag der Ausdruck des dienstthuenden Beamten in dem Pilatus, der des Mitleids mit diesem in dem Christus, da der Eine die Verkörperung des fleischlichen, der Andere die des geistigen Lebens ist. Alles das und noch vieles andere ging Michailoff durch den Kopf, und abermals leuchtete sein Auge auf vor Entzücken.

„Und wie diese Figur gearbeitet ist, wie viel Luft; man kann um ihn herumgehen,“ sagte Golenischtscheff, offenbar um mit dieser Bemerkung anzudeuten, daß er den Gedanken und Sinn der Figur nicht billige.

„Ja, ein wunderbares Meisterstück. Wie jene Figuren in dem Hintergrunde sich abheben! Das ist Technik!“ sagte Wronskiy, sich zu Golenischtscheff wendend, und damit auf ein zwischen ihnen stattgehabtes Gespräch darüber, daß Wronskiy an der Erwerbung dieser Technik verzweifelte, anspielend.

„Ja, ja, wunderbar,“ bestätigten Golenischtscheff und Anna.

Trotz des aufgeregten Zustandes, in welchem sich Michailoff befand, griff diesen doch die Bemerkung über die Technik schmerzlich ans Herz und grollend auf Wronskiy blickend, verfinsterte er sich plötzlich. Oft schon hatte er das Wort Technik gehört und durchaus nicht begriffen, was man eigentlich darunter verstände. Er wußte, daß man mit diesem Worte die mechanische Fertigkeit des Malens und Zeichnens meine, die vollständig unabhängig war von dem Inhaltlichen. Oft schon hatte er bemerkt – auch bei der gegenwärtigen Lobesspende – daß man die Technik dem inneren Werte gegenüberstelle, gerade als ob es möglich wäre, das gut zu malen, was schlecht sei. Er wußte wohl, daß viel Aufmerksamkeit und Vorsicht erforderlich sei, um ein Gemälde nicht zu schädigen, wenn man von ihm die Hüllen abnahm, aber eine Kunst des Malens – eine Technik – die gab es dabei nicht. Hätte sich einem kleinen Kinde, oder seiner Köchin das ebenfalls geoffenbart, was er sah, dann würden diese gleichfalls das herauszuschälen verstanden haben, was sie sahen. Aber selbst der erfahrenste und auch geschickteste Beherrscher der Maltechnik wäre allein mit der mechanischen Fertigkeit nicht imstande gewesen, etwas zu malen, wenn sich ihm nicht vorher die Grenzen des Inhaltlichen offenbarten. Dann aber wußte er auch, daß wenn man nun einmal von einer Technik sprach, er ihretwegen nicht gerühmt werden konnte. In allem was er malte und schon gemalt hatte, erkannte er ihm in die Augen fallende Mängel, die aus der Unvorsichtigkeit hervorgegangen waren, mit der er die Hüllen entfernt hatte, und die er nun nicht mehr verbessern konnte, ohne die ganze Schöpfung zu verderben. Fast auf allen Figuren und Gesichtern sah er noch die Mängel nicht vollständig abgenommener Hüllen, die sein Gemälde verdarben.

„Eines, wenn Ihr mir gestattet, diese Bemerkung zu machen, ließe sich sagen,“ äußerte Golenischtscheff.

„Ah, sehr erfreut, ich bitte Euch,“ antwortete Michailoff mit gekünsteltem Lächeln.

„Es ist dies, daß dieser Christus da bei Euch ein Menschgott, aber kein Gottmensch geworden ist. Indessen, ich weiß ja, daß Ihr es eben so gewollt habt.“

„Ich konnte den Christus nicht malen, der nicht in meiner Seele ist,“ versetzte der Maler mürrisch.

„Ja, aber in diesem Falle – wenn Ihr mir gestattet meine Idee auszusprechen – Euer Gemälde ist so gut, daß meine Bemerkung ihm nicht schaden kann, und dann ist dies ja auch nur meine persönliche Meinung. Bei Euch ist das etwas Anderes; selbst das Motiv ist ein anderes. Aber nehmen wir etwa den Iwanoff. – Ich glaube, daß wenn Christus mit der Norm eines historischen Gesichts zusammengebracht wird, es für Iwanoff besser wäre, ein anderes historisches Thema zu wählen, ein neues, noch nicht angeschlagenes.“

„Wie aber, wenn dies das erhabenste Thema wäre, welches sich der Kunst bietet“ —

„Wenn man nur suchen will, so wird man auch andere finden. Es handelt sich nur darum, daß die Kunst keinen Streit, und keine Düfteleien duldet. Vor einem Gemälde Iwanoffs ersteht für den Gläubigen wie für den Nichtgläubigen die Frage: Ist das Gott oder ist es nicht Gott? und diese stört die Einheit des Eindrucks.“

„Warum? Mir scheint, daß für gebildete Menschen,“ sagte Michailoff, „ein Streit nicht mehr bestehen kann.“

Golenischtscheff war hiermit nicht einverstanden und fertigte Michailoff mit seinem ersten Gedanken über die Einheit des Eindrucks ab, die in der Kunst notwendig sei.

Michailoff geriet in Erregung, wußte aber nichts zur Verteidigung seines Gedankens zu sagen.

12

Anna und Wronskiy hatten schon längere Zeit Blicke miteinander gewechselt im Bedauern über die scharfsinnige Redefertigkeit ihres Freundes; endlich schritt Wronskiy, ohne auf den Hausherrn zu warten, zu einem anderen, einem kleinen Gemälde.

„Ah, wie reizend, wie reizend! Wundersam! Wie reizend!“ riefen beide mit einer Stimme.

„Was hat ihnen so gefallen?“ dachte Michailoff. Er hatte das vor drei Jahren gemalte Bild vergessen; vergessen alle die Leiden und Freuden, welche er mit diesem Bilde durchlebt hatte, indem es ihn mehrere Monate hindurch ausschließlich, und ohne daß er sich davon hätte trennen können, Tag und Nacht beschäftigte, es vergessen, wie er überhaupt stets seine vollendeten Bilder vergaß. Er liebte nicht einmal, es anzuschauen, und stellte es nur deshalb aus, weil er einen Engländer erwartete, der es zu kaufen wünschte.

„Ah; eine alte Studie,“ sagte er.

„Wie hübsch,“ rief Golenischtscheff, gleichfalls augenscheinlich aufrichtig von dem Reiz des Bildes gefesselt.

Zwei Knaben im Schatten einer Bachweide angelten Fische. Der Eine, ältere, hatte soeben die Angel ausgeworfen und führte aufmerksam die Angelspule aus einem Gestrüpp heraus, ganz versunken in diese Beschäftigung; der Andere, jüngere lag im Grase, den wirren Blondkopf auf die Ellbogen gestützt, und schaute mit den blauen Augen nachdenklich auf das Wasser.

Woran mochte er denken?

Das Entzücken über dieses sein Bild rief in Michailoff die frühere Erregung hervor, doch scheute er sich vor diesem unangenehmen müßigen Interesse für ältere Arbeiten, und so suchte er, obwohl ihm dieses Lob angenehm war, die Besucher zu dem dritten Bilde hinzuziehen.

Doch Wronskiy frug, ob er dieses Gemälde verkaufe. Michailoff, von dem Besuch erregt, war diese Frage über Geldgeschäfte jetzt sehr unangenehm.

„Es ist zum Verkauf ausgestellt,“ versetzte er, sich verfinsternd.

Nachdem die Besucher gegangen waren, setzte sich Michailoff vor seinem Bilde „Pilatus und Christus“ nieder und wiederholte sich in Gedanken alles, was gesprochen worden, oder, wenn nicht ausgesprochen, so doch von den Besuchern angedeutet worden war. Und seltsam, was so hohe Bedeutung für ihn gehabt hatte, während sie hier waren und er sich in Gedanken auf ihren Standpunkt versetzte, hatte jetzt plötzlich für ihn allen Wert verloren. Er schaute jetzt auf sein Gemälde mit seinem vollen künstlerischen Blick, und kam zu demjenigen Standpunkte der Überzeugung von seiner Vollkommenheit und darnach auch Bedeutung, welcher ihm notwendig war zu der alle anderen Interessen ausschließenden Spannkraft, mit welcher allein er nur zu arbeiten vermochte.

Der eine Fuß des Christus war allerdings nicht recht befriedigend. Er nahm die Palette und machte sich an die Arbeit. Indem er den Fuß besserte, blickte er fortwährend auf die Gestalt des Johannes im Hintergrund, welche die Besucher gar nicht bemerkt hatten, und die gleichwohl – er wußte es – noch über der Vollkommenheit selbst stand. Nachdem er mit dem Fuß fertig war, wollte er sich an diese Figur begeben, aber er fühlte sich allzu erregt dazu. Nichtsdestoweniger konnte er aber auch nicht arbeiten, wenn er ganz kühl, sowie wenn er zu weich gestimmt war und alles zu sehr sah. Es gab nur eine Stimmung in dem Übergang von der Kühle bis zur Begeisterung, in welcher ihm die Arbeit möglich war. Jetzt befand er sich in allzugroßer Aufregung. Er wollte das Gemälde verhüllen, hielt aber inne, mit der Hand den Vorhang haltend, und schaute lange, beglückt lächelnd, auf die Gestalt des Johannes. Endlich, gleichsam mit Schmerz sich losreißend, ließ er den Vorhang fallen und begab sich ermüdet, aber beglückt heim.

Wronskiy, Anna und Golenischtscheff waren, heimgekehrt, in ausnehmend angeregter und heiterer Stimmung. Man sprach von Michailoff und seinen Bildern. Das Wort „Talent“, unter welchem sie eine angeborene, fast physische Fähigkeit, unabhängig von Verstand und Herz verstanden, und als das sie alles bezeichneten, was von dem Künstler durchlebt wird, tauchte besonders häufig in ihrer Unterhaltung auf, da es ihnen unentbehrlich dazu war, das zu bezeichnen, wofür sie kein Verständnis besaßen, und worüber sie doch sprechen wollten. Sie sagten, man könne ihm das Talent nicht absprechen, infolge der mangelnden Bildung aber vermöge sich dieses nicht zu entwickeln. – Dies sei das Unglück aller russischen Künstler! – Aber das Bild mit den beiden Knaben war doch in ihrer Erinnerung haften geblieben und immer wieder kehrten sie zu ihm zurück. Wie reizend! Wie schön war es ihm gelungen! Und wie einfach! Er selbst weiß gar nicht, wie schön es ist. „Ja, das darf man nicht fortlassen, das muß man kaufen,“ sagte Wronskiy.

13

Michailoff verkaufte Wronskiy das Bild und willigte auch ein, Annas Porträt zu malen. Am festgesetzten Tage kam er und begann seine Arbeit.

Von der fünften Sitzung an setzte das Porträt jedermann in Erstaunen, besonders Wronskiy, nicht nur durch die Ähnlichkeit, sondern vornehmlich durch seine Schönheit. Es war seltsam, wie Michailoff jene nur ihr eigene Schönheit hatte treffen können. „Man muß sie kennen und lieben, wie ich sie geliebt habe, um diesen eigenen, lieblichen und seelischen Ausdruck bei ihr zu entdecken,“ dachte Wronskiy, obwohl nur er in diesem Gemälde den lieblichen, seelischen Ausdruck erkannte. Derselbe war aber so getreu, daß es ihm und anderen schien, als ob sie ihn schon längst gekannt hätten. „Wie lange habe ich mich nun schon geplagt, und nichts fertig gebracht,“ sprach er bezüglich seines eigenen Porträts, „und er hat sie nur angeschaut und gemalt! Das ist die Technik.“

„Es wird noch kommen,“ tröstete ihn Golenischtscheff, nach dessen Auffassung Wronskiy Talent besaß und, was die Hauptsache war, auch die Bildung, die einen erhabneren Blick auf die Kunst verlieh. Die Überzeugung Golenischtscheffs von Wronskiys Talent wurde noch dadurch gestützt, daß Golenischtscheff Wronskiys Teilnahme und Lob für seine Arbeiten und seine Ideen brauchte, und so fühlte er, daß Lob und Unterstützung hier auf Gegenseitigkeit beruhten.

In einem fremden Hause, und insbesondere in dem Palazzo bei Wronskiy war Michailoff ein abweisend anderer Mensch, als in seinem Atelier. Er war abstoßend höflich, gerade als fürchte er die Annäherung an Menschen, die er nicht achte. Er nannte Wronskiy Ew. Erlaucht und blieb niemals, ungeachtet der Einladungen Annas und Wronskiys, zum Essen da, kam auch nicht zu anderen Zeiten, als zu den Sitzungen. Anna war gegen ihn freundlicher, als gegen andere, und ihm dankbar für das Porträt. Wronskiy war mehr als nur höflich gegen ihn, und interessierte sich augenscheinlich für das Urteil des Künstlers über sein eigenes Gemälde. Golenischtscheff ließ keine Gelegenheit vorüber, Michailoff die wahren Begriffe über Kunst beizubringen, allein Michailoff blieb sich immer gleich in seiner Zurückhaltung gegen alle. Anna fühlte an seinem Blick, daß er sie gern betrachtete, doch er mied Gespräche mit ihr. Zu den Gesprächen Wronskiys über dessen Malerei schwieg er beharrlich, und er schwieg ebenso beharrlich, als man ihm das Bild Wronskiys zeigte; er fühlte sich auch offenbar belästigt von den Reden Golenischtscheffs und erwiderte diesem nichts.

Im allgemeinen gefiel ihnen daher Michailoff mit seinem zurückhaltenden und unangenehmen, gleichsam feindseligen Verhalten sehr wenig, nachdem man ihn näher kennen gelernt hatte, und man war deshalb froh, daß als die Sitzungen beendet waren, in ihren Händen ein schönes Porträt zurückblieb, während er selbst sein Kommen einstellte.

Golenischtscheff war es zuerst, der den Gedanken aussprach, den alle hatten, nämlich, daß Michailoff auf Wronskiy einfach neidisch sei.

„Gesetzt, er beneidete ihn nicht, weil er Talent besitzt, ist es ihm doch verdrießlich, daß ein Hofmann und reicher Mann, noch dazu ein Graf, was schon alle beneiden, ohne besondere Mühe das Nämliche, wenn nicht noch Besseres, leistet, als er, der sein ganzes Leben dem geweiht hat. Die Hauptsache bleibt doch die Bildung, die jener nicht hat.“

Wronskiy verteidigte Michailoff, doch auf dem Grunde seines Herzens glaubte er hieran, weil nach seiner Auffassung ein Mensch aus jener anderen, niedrigeren Welt Neid hegen mußte.

Das Porträt Annas, ebenfalls in derselben Weise nach der Natur gemalt von ihm wie von Michailoff, hätte Wronskiy den Unterschied zeigen müssen, welcher zwischen ihm und jenem bestand, aber er gewahrte denselben nicht. Er hörte nach der Arbeit Michailoffs nur auf, sein Porträt von Anna weiter zu malen, indem er meinte, dies sei nunmehr überflüssig geworden. Sein Gemälde aus dem mittelalterlichen Leben hingegen setzte er fort, und er selbst, wie auch Golenischtscheff und namentlich Anna fanden, daß es sehr schön sei, weil es den berühmten Bildern viel ähnlicher werde, als das Bild Michailoffs.

Dieser nun war, ungeachtet dessen, daß ihn die Porträtierung Annas sehr angezogen hatte, seinerseits noch froher als jene, als die Sitzungen zu Ende waren und er nicht mehr das Geschwätz Golenischtscheffs über Kunst anzuhören brauchte, und die Malerei Wronskiys vergessen durfte. Er wußte, daß es unmöglich war, Wronskiy zu verbieten, mit der Malerei Mutwillen zu treiben; er wußte, daß dieser ebenso wie alle anderen Dilettanten das volle Recht besaß, zu malen was ihm anstand – aber ihm war dies unangenehm. Es war eben unmöglich, einem Menschen zu untersagen, sich eine große Puppe aus Wachs zu machen und sie zu küssen. Aber wenn nun gar dieser Mensch mit der Puppe kam, und sich vor einem Verliebten hinsetzte und beginnen wollte, seine Puppe zu liebkosen, wie ein Verliebter die, welche er liebt, so mußte das dem Verliebten widerlich sein. Und dieses widerliche Gefühl empfand Michailoff beim Anblick der Malerei Wronskiys; es wurde ihm dabei komisch und ärgerlich, kläglich und grimmig zugleich zu Mut.

Die Passion Wronskiys für die Malerei und das Mittelalter hielt nicht lange an. Wronskiy besaß doch soviel Geschmack für Malerei, daß er sein Bild nicht zu beenden vermochte und es blieb liegen. Voll Bestürzung war er inne geworden, daß die Mängel des Bildes, im Anfang weniger bemerkbar, überraschend wirkten, wenn er es fortsetzte. Es ging ihm, wie Golenischtscheff, der fühlte, daß es ihm auf das Reden nicht ankomme und sich beständig damit selbst täuschte, daß nur seine Idee noch nicht ausgereift sei, daß er sie erst austragen und Material sammeln wolle. Aber Golenischtscheff hatte dies verbittert gemacht und es marterte ihn; Wronskiy hingegen vermochte sich weder selbst zu täuschen noch zu peinigen oder gar über sich selbst verbittert zu werden; mit der ihm eigenen Charakterfestigkeit hörte er eben auf, ohne eine Erklärung oder Rechtfertigung, zu malen.

Ohne diese Beschäftigung indessen erschien ihnen – sowohl ihm wie Anna, die sich über seine Ernüchterung verwunderte – das Leben nun so langweilig in der italienischen Stadt, wurde der Palazzo plötzlich so sichtlich alt und schmutzig, schauten die Flecken auf den Gardinen so unangenehm hervor, die Ritzen auf den Fußböden, die abgefallene Stuccatur an den Karnisen, wurde ihnen auch der ewige Golenischtscheff, der italienische Professor und ein deutscher Reisender nach und nach so langweilig, daß man dieses Leben ändern mußte. Man beschloß, nach Rußland auf das Land zu gehen. In Petersburg gedachte Wronskiy mit seinem Bruder eine Vermögensteilung vorzunehmen, während Anna ihren Sohn wiedersehen wollte. Den Sommer beabsichtigten sie auf dem großen Erbbesitz Wronskiys zu verleben.

14

Lewin war seit drei Monaten verheiratet. Er war glücklich, aber nicht ganz so wie er erwartet hatte. Auf jedem Schritte begegnete er der Enttäuschung in früheren Träumen, doch auch neuen, unerwarteten Reizen. Er war glücklich, sah aber, nachdem er ins Familienleben getreten war, auf jedem Schritte, daß dieses durchaus nicht so war, wie er es sich vorgestellt hatte. Auf jedem Schritte erfuhr er an sich, was ein Mensch fühlen mag, der sich an der glatten glücklichen Fahrt eines Nachens auf dem See ergötzt, nachdem er sich etwa selbst hineingesetzt hat. Er sah, daß er, indem er schon ruhig sitzen mußte und nicht schaukeln durfte, sich auch noch dessen bewußt sein mußte – ohne nur eine Minute zu vergessen, wohin er fahren wollte – daß unter seinen Füßen Wasser war und er rudern mußte, und daß dies den nicht daran gewohnten Händen mühsam wurde. Die Sache sah wohl sehr leicht aus, aber sie zu vollbringen – wenn es auch mit viel Freude verbunden war – blieb doch sehr schwierig.

Als Junggeselle hatte er oft, auf das Eheleben mit seinen kleinlichen Sorgen, seinem Streit, seiner Eifersucht blickend, geringschätzig in seinem Innern gelächelt. In seinem künftigen Eheleben konnte nach seiner Überzeugung nicht nur nichts Ähnliches existieren, es sollten sogar alle äußerlichen Formen desselben, wie ihm dünkte, dem Leben der anderen in allem vollständig unähnlich sein. Plötzlich aber hatte sich anstatt dessen auch sein Leben mit seinem Weibe nicht nur nicht besonders gestaltet, sondern sich im Gegenteil, gerade aus all jenen kleinlichsten Kleinigkeiten zusammengesetzt, die er vordem so sehr verachtet hatte, die aber jetzt, gegen seinen Willen, eine ungewöhnliche und unabweisbare Bedeutung erhalten hatten. Lewin erkannte auch, daß die Regelung aller dieser Kleinigkeiten durchaus nicht so leicht war, als ihm früher geschienen hatte. Ungeachtet dessen, daß Lewin glaubte, die richtigsten Begriffe vom Eheleben zu besitzen, stellte er sich, wie alle Männer, das Familienleben unwillkürlich nur als eine Befriedigung seiner Liebe vor, der kein Hindernis mehr in den Weg treten durfte, und von welcher ihn keine kleinlichen Sorgen abziehen sollten. Er sollte nach seiner Auffassung seine Arbeit verrichten und von derselben ausruhen im Glück der Liebe. Sie sollte daher auch nur geliebt werden; allein er hatte dabei, wie alle Männer, vergessen, daß auch sie arbeiten müsse. Er wunderte sich, wie sie, die poetische, reizende Kity, nicht in den ersten Wochen, nein, schon in den ersten Tagen des Ehelebens bereits, denken, sich erinnern, sich sorgen konnte um Tischtücher, Möbel, Matratzen für die anreisenden Besuche, das Geschirr, den Koch, das Essen und dergleichen. Schon als Bräutigam war er in Erstaunen gesetzt worden von der Bestimmtheit, mit welcher sie auf eine Reise ins Ausland verzichtete und sich dafür entschieden hatte, auf das Dorf zu gehen, gerade als ob sie schon wüßte, was not thue, und daß sie außer an ihre Liebe, auch noch an Nebensächliches denken könne. Dies hatte ihn damals verstimmt, und auch jetzt verstimmten ihn mehrmals ihre kleinen Mühen und Sorgen. Doch er sah, daß ihr dies ein Bedürfnis war, und da er sie liebte, so konnte er nicht umhin, sich über diese Sorgsamkeit zu freuen, wenn er auch nicht wußte weshalb, und wenn er auch darüber spöttelte.

Er lächelte darüber, wie sie die Möbel stellte, welche aus Moskau gebracht worden waren, wie sie ihr Zimmer und seines neu ausschmückte, Gardinen aufsteckte, über die künftige Unterbringung der Besuche verfügte, wie die Dollys; ferner wie sie ihre neue Zofe unterbrachte, wie sie dem alten Koch das Menü vorschrieb und mit Agathe Michailowna in Widerspruch geriet und diese der Verwaltung der Speisekammer enthob. Er sah, daß der alte Koch lächelte und damit zufrieden war, sah, daß Agathe Michailowna bedenklich, aber freundlich den Kopf schüttelte über die neuen Verfügungen der jungen Herrin in der Vorratskammer; er sah, wie Kity ungewöhnlich lieblich war, wenn sie lachend und weinend zugleich, zu ihm kam, um ihm mitzuteilen, daß die Magd Mascha gewöhnt sei, Agathe als Herrin zu betrachten, und daß deshalb niemand auf sie höre. Ihm erschien dies lieblich, aber auch seltsam, und er dachte es würde wohl besser sein, wenn dies nicht wäre.

Er kannte jenes Gefühl der Veränderung nicht, welches sie nun kennen gelernt, nachdem sie daheim wohl bisweilen einmal nach Kohl mit Kwas oder Konfekt verlangt hatte, ohne daß dies oder jenes zu haben gewesen wäre, während sie jetzt befehlen durfte, was sie wollte, ganze Haufen von Konfekt kaufen, Geld soviel sie wollte ausgeben, oder Backwerk bestellen konnte nach Herzenslust.

Mit Freude dachte sie jetzt auch der Ankunft Dollys und der Kinder, besonders deswegen, weil sie für jedes der Kinder dessen Lieblingsgebäck hatte backen lassen, und Dolly ihre ganze neue Einrichtung abschätzen lassen wollte. Sie wußte zwar selbst nicht, warum und zu welchem Zwecke, aber das Hauswesen zog sie unwiderstehlich an. Instinktiv fühlte sie das Nahen des Frühlings und wohl wissend, daß es auch für sie schwere Stunden geben werde, baute sie sich, wie sie es verstand, ihr Nest, und mühte sich zu gleicher Zeit zu lernen, wie man bauen müsse.

Diese pedantische Sorglichkeit Kitys, dem Ideal Lewins von einem erhabenen Glück der ersten Zeit so sehr entgegengesetzt, war eine der Enttäuschungen. Diese liebliche Fürsorge, deren Sinn er nicht begriff, die er aber lieben mußte, war die erste der neuen Enttäuschungen.

Eine zweite Ernüchterung, zugleich aber auch einen Reiz bildeten die Zwiste. Lewin hatte sich nie vorstellen können, daß zwischen ihm und seinem Weibe andere Beziehungen, als zärtliche, achtungsvolle und liebevolle bestehen könnten, und plötzlich, gleich von den ersten Tagen an, gerieten sie einmal so in Zwist, daß sie zu ihm sagte, er liebe sie gar nicht, liebe nur sich selbst und nun zu weinen begann, und die Arme hochhob.

Dieser erste Streit kam davon her, daß Lewin nach einer neuen Meierei gefahren und eine halbe Stunde länger geblieben war, weil er auf einem kürzeren Wege hatte heimfahren wollen, in welchem er sich jedoch geirrt hatte. Er fuhr heim, nur in Gedanken an sie, an ihre Liebe und sein Glück, und je näher er kam, um so heißer wallte in ihm die Zärtlichkeit für sie. Er eilte nach ihrem Zimmer noch mit der nämlichen Empfindung – ja einer noch stärkeren – als die gewesen, mit der er sich dem Hause der Schtscherbazkiy genähert hatte, um seine Werbung anzubringen. Da aber begegnete ihm plötzlich ein finsterer, noch nie an ihr gesehener Ausdruck; er will sie küssen, sie stößt ihn von sich.

„Was hast du?“

„Du hast ja recht gute Laune,“ begann sie, sich bemühend, ruhig und sarkastisch zu erscheinen.

Kaum aber hat sie den Mund geöffnet, als der Redestrom der Vorwürfe einer sinnlosen Eifersucht sich ihr entrang, alles dessen, was sie in dieser halben Stunde gemartert hatte, die von ihr, indem sie unbeweglich am Fenster saß verbracht worden war. Da erkannte er zum erstenmal klar, was er noch nicht gewußt, als er sie nach der Trauung aus der Kirche geführt hatte. Er erkannte, daß sie ihm nicht nur nahe stehe, sondern daß er jetzt nicht einmal mehr wisse, wo sie aufhöre und wo er anfange. Er empfand dies an jenem quälenden Gefühl der Zweiheit, welches er in dieser Minute hatte. Im ersten Augenblick war er verletzt, ebenso schnell aber wurde er auch inne, daß er von ihr nicht verletzt werden könne, daß sie ja er selbst sei. Er empfand in diesem ersten Augenblick ein Gefühl, ähnlich dem, welches ein Mensch hat, wenn er, plötzlich einen starken Schlag von hinten erhaltend, sich gereizt und mit dem Wunsch nach Rache umwendet, den Schuldigen zu entdecken, sich aber dabei überzeugt, daß er sich unvermutet selbst geschlagen hat, und daher niemandem zürnen dürfe, sondern seinen Schmerz überwinden und beschwichtigen müsse.

Niemals hatte er dies mit solcher Macht in der Folge wieder empfunden, aber jenes erste Mal konnte er sich lange Zeit darüber selbst nicht wieder finden. Ein natürliches Gefühl erheischte von ihm, daß er sich rechtfertigte und ihr ihre Schuld vorhalte; dies aber thun, hieß sie nur noch mehr reizen und den Bruch noch größer machen, der die Ursache des ganzen Leides bildete. Die eine, gewöhnlich vorhandene Empfindung zog ihn, die Schuld von sich ab und auf sie zu wälzen, eine andere, noch viel stärkere aber, schnell – so schnell als möglich – den stattfindenden Gefühlsausbruch, zu besänftigen und ihn nicht stärker werden zu lassen. Es war qualvoll, unter einer ungerechten Beschuldigung zu leiden, allein sich zu rechtfertigen und ihr wehe zu thun, war noch schlimmer. Wie ein Mensch im Halbschlaf, der von einem Schmerz gequält ist, so wollte er jetzt die schmerzende Stelle losreißen, von sich werfen und fühlte, als er zur Besinnung kam, daß diese schmerzende Stelle – er selbst war. – Man konnte sich somit nur bemühen, der kranken Stelle behilflich zu sein, zu dulden, und er bemühte sich denn, dies zu thun.

Beide söhnten sich aus; sie, indem sie ihre Schuld einsah, ohne sie jedoch einzugestehen, wurde wieder zärtlich gegen ihn, und beide verspürten ein neues verdoppeltes Glück in ihrer Liebe. Dies hinderte indessen nicht, daß sich diese Zusammenstöße nicht wiederholten, ja sogar ziemlich häufig, und bei den unerwartetsten und geringfügigsten Anlässen. Diese Zusammenstöße entstanden oft daraus, daß sie noch nicht wußten, was das Eine für das Andere bedeutete, daraus, daß sie in dieser ganzen ersten Zeit beide häufig in schlechter Laune waren. Befand sich der eine Teil in guter, der andere in übler Stimmung, so wurde der Frieden nicht gestört, wenn sich aber beide gerade in Mißstimmmung befanden, so entstanden Zwiste aus Ursachen, die ihrer Nichtigkeit halber so unbegreiflich waren, daß beide sich nachher durchaus nicht mehr zu entsinnen vermochten, worüber sie sich entzweit hatten. Allerdings verdoppelte sich hingegen das Glück ihres Lebens, wenn sie beide bei guter Stimmung waren. Nichtsdestoweniger war aber doch diese erste Zeit eine schwere für sie.

Während dieser ganzen Zeit hatte sich eine lebhafte Spannung, gleich einem Zerren nach den beiden Enden einer Kette, durch die sie verbunden waren, fühlbar gemacht.

Überhaupt war jener Honigmonat, das heißt der Monat nach der Hochzeit, von dem sich Lewin, der Überlieferung nach, so viel versprochen hatte, nicht nur nicht süß, sondern bildete vielmehr in der Erinnerung beider gerade die schwerste und niederdrückendste Periode ihres Lebens. Indessen bemühten sie sich beide für ihr späteres Leben alle die häßlichen und beschämenden Umstände dieser ungesunden Zeit, in der sie doch beide selten in normalem Seelenzustand, selten sie selbst gewesen waren, aus ihrem Gedächtnis zu verwischen.

Erst im dritten Monat ihres Ehestandes, nach der Rückkehr von Moskau, wohin sie sich für einen Monat begeben hatten, gestaltete sich ihr Leben geebneter.

15

Sie waren kaum von Moskau wieder zurückgekommen und freuten sich nun ihrer Einsamkeit. Er saß im Kabinett am Schreibtisch und schrieb; sie, in jenem dunkellila Kleid, welches sie in den ersten Tagen ihres Ehestandes getragen und heute wiederum angelegt hatte, und das besonders denkwürdig und teuer für ihn war, saß auf dem Diwan, dem nämlichen altmodischen Lederdiwan, der stets unter dem Großvater und Vater Lewins im Kabinett gestanden hatte und stickte eine broderie anglaise. Er sann und schrieb, fortwährend in dem angenehmen Gefühl ihrer Gegenwart. Seine Beschäftigung, sowohl die mit der Landwirtschaft, als seinem Werke, in welchem die Prinzipien einer neuen Landwirtschaft dargelegt werden sollten, war nicht von ihm aufgegeben worden, aber so wie ihm vordem schon diese Arbeiten und Ideen klein und geringfügig erschienen waren im Vergleich mit dem Dunkel, welches das ganze Leben bedecke, so erschienen sie ihm auch jetzt noch unwichtig und kleinlich im Vergleich mit dem vom warmen Lichtglanz des Glückes überfluteten Leben, das vor ihm lag. Er setzte seine Arbeiten fort, empfand aber jetzt, daß der Schwerpunkt seiner Aufmerksamkeit auf etwas Anderes übergegangen sei und er infolge dessen ganz anders und klarer auf die Sache blickte. Vordem war für ihn diese Beschäftigung sein Lebensheil gewesen, vordem hatte er empfunden, daß ohne dieselbe sein Dasein allzu düster sein würde; jetzt aber waren ihm diese Arbeiten notwendig, damit ihm das Leben nicht zu einförmig erhellt sein möchte. Nachdem er sich von neuem seinen Manuskripten gewidmet hatte, fand er beim Durchlesen des Geschriebenen mit Genugthuung, das Werk sei es wert, daß er sich mit ihm befaßte. Viele der früheren Ideen zeigten sich ihm zwar überflüssig oder übertrieben, aber vieles noch Fehlende wurde ihm auch klar, als er das ganze Werk in seinen Gedanken wieder auffrischte. Er schrieb jetzt ein neues Kapitel über die Gründe der ungünstigen Lage des Ackerbaues in Rußland. Er legte dar, daß die Armut Rußlands nicht nur von der unregelmäßigen Verteilung des Grundbesitzes und falscher Methode herrühre, sondern auch in der letzten Zeit die in Rußland in nicht normaler Weise zur Entwickelung gelangte äußerliche Civilisation hierzu beigetragen habe, insbesondere durch die Verkehrswege, die Eisenbahnen, welche die Centralisierung in den Städten mit sich gebracht hätten, die Entwickelung des Luxus, und in der Folge hiervon, zum Schaden für die Landwirtschaft, die Entwickelung des Fabrikwesens, des Kreditwesens und seines Trabanten – des Börsenspiels. —

Ihm schien, daß bei einer normalen Entwickelung des Wohlstandes im Reiche, alle diese Erscheinungen erst auftreten, nachdem man auf die Landwirtschaft schon bedeutende Mühe verwendet hätte und dieselbe in gesetzliche, oder wenigstens bestimmte Verhältnisse getreten sei; daß der Reichtum einer Gegend in gleichmäßigem Wachstum stehen müsse, und insbesondere in der Weise, daß andere Schößlinge der Kapitalwirtschaft nicht der Landwirtschaft zuvorkommen dürften, daß im Einklang mit notorisch bekannten Verhältnissen der Landwirtschaft auch dementsprechende Verkehrswege dafür vorhanden sein müßten; und daß bei der gegenwärtigen ungeregelten Ausnutzung des Bodens die Eisenbahnen, welche nicht einem landwirtschaftlichen, sondern einem politischen Bedürfnis entsprängen, verfrüht wären, und, anstatt zu der Hebung der Landwirtschaft, welche letztere man doch von ihnen erwarte beizutragen, dem Landbau zuvorkommend, nur eine Entwickelung der Industrie und des Kredits hervorriefen, jenen aber hemmten. Er bewies, daß weil nun die einseitige und verfrühte Entwickelung eines einzelnen Organs im lebenden Organismus dessen Gesamtentwickelung hemmte, auch der Kredit auf die allgemeine Entwickelung des Wohlstandes in Rußland, die Verkehrswege, den Kraftaufwand der industriellen Thätigkeit, die in Europa so zweifellos notwendig, weil alle zur rechten Zeit entstanden seien, in Rußland nur Schaden verursachten, indem sie die Hauptfrage der Organisierung des Ackerbaues verdrängten.

Während er so seine Ideen niederschrieb, dachte sie daran, wie unnatürlich aufmerksam ihr Gatte gegen den jungen Fürsten Tscharskiy gewesen sei, der ihr am Abend vor der Abreise sehr taktlos die Cour gemacht hatte.

„Er ist offenbar eifersüchtig,“ dachte sie; „mein Gott, wie gut und befangen er ist! Er ist eifersüchtig auf mich! Wenn er wüßte, daß alle für mich soviel sind, wie Peter der Koch.“ Und mit einer ihr selbst wunderlichen Empfindung von Selbstgefühl blickte sie auf seinen Nacken und den rotschimmernden Hals. „Es ist zwar schade, ihn seiner Arbeit zu entreißen – er macht Fortschritte – so muß ich doch sein Gesicht sehen; ob er wohl fühlt, daß ich nach ihm schaue? Ich will, daß er sich umwendet! Ich will es, nun!“ und sie öffnete die Augen weiter, im Wunsche, damit die Wirkung ihres Blickes zu verstärken.

„Ja, sie saugen alle Säfte in sich auf und geben einen falschen Glanz,“ murmelte er, mit Schreiben innehaltend, und blickte sich um, indem er fühlte, daß sie auf ihn schaue, und lächelte.

„Was ist?“ frug er noch lächelnd, und erhob sich.

„Er hat sich umgeblickt,“ dachte sie.

„Nichts. Ich wollte nur, daß du dich umschautest,“ versetzte sie, ihn anblickend und zu erraten suchend, ob es ihm unangenehm gewesen sei oder nicht, daß sie ihn gestört habe.

„Wie wohl wir uns doch so zu Zweien befinden! Ich wenigstens,“ sagte er, zu ihr hintretend und von einem Lächeln des Glückes strahlend.

„Auch mir ist so wohl! Ich werde nirgends mehr hinfahren, namentlich nicht nach Moskau.“

„Woran dachtest du denn eigentlich?“

„Ich? Ich habe gedacht – nein, nein, geh nur, schreib, zerstreue dich nicht,“ sprach sie, die Lippen kräuselnd, „ich muß jetzt diese kleinen Löcher hier ausschneiden, siehst du?“ —

Sie ergriff die Schere und begann auszuschneiden.

„Ach nein, sage mir doch, woran dachtest du?“ sagte er, sich zu ihr setzend und der kreisförmigen Bewegung der kleinen Schere folgend.

„O, woran ich dachte? Ich dachte? An Moskau, an deinen Nacken.“

„O, warum mir solch ein Glück? Es ist übernatürlich. Das ist zu schön,“ sagte er, ihr die Hand küssend.

„Mir ist es im Gegenteil um so schöner, je natürlicher es ist.“

„Du hast da ein Zöpfchen,“ sagte er, behutsam ihren Kopf wendend. „Ein Zöpfchen. Siehst du hier. Doch nein, nein, arbeiten wir!“

Die Arbeit wurde indessen nicht mehr fortgesetzt, und sie fuhren wie schuldbewußt auseinander, als Kusma eintrat, um zu melden, daß der Thee serviert sei.

„Ist aus der Stadt Etwas angekommen?“ frug Lewin Kusma.

„Soeben. Es wird ausgepackt.“

„Komm sobald als möglich,“ sagte sie zu ihm, das Kabinett verlassend, sonst werde ich in deiner Abwesenheit die Briefe lesen. Wir wollen auch vierhändig spielen.“

Allein geblieben, packte er seine Hefte in das neu von ihr gekaufte Portefeuille und wusch sich alsdann die Hände in dem neuen Waschbecken und mit dem neuen, mit ihr zugleich hier erschienenen eleganten Zubehör. Lewin lächelte über seine Gedanken und schüttelte mißbilligend den Kopf darüber; eine Empfindung, die der Reue ähnlich war, quälte ihn. Etwas Beschämendes, Verweichlichtes, Capuanisches, wie er es sich selbst nannte, lag in seiner jetzigen Lebensweise.

„Es ist nicht gut, so zu leben,“ dachte er bei sich. „Bald sind es nun schon drei Monate und ich arbeite fast nichts. Heute habe ich mich beinahe zum erstenmal wieder ernstlich an eine Arbeit gemacht, und was geschah dabei? Kaum angefangen, habe ich sie wieder beiseite geworfen. Selbst meine gewöhnlichen Übungen, selbst die habe ich fast aufgegeben. Die Ökonomie, ich gehe fast gar nicht mehr nach ihr und fahre auch nicht mehr. Bald thut es mir leid, sie im Stich lassen zu müssen, bald sehe ich, daß sie sich langweilt. Habe ich doch gedacht, daß bis zur Heirat das Leben an und für sich nicht gerechnet werden kann, daß es erst nach derselben als ein wirkliches beginnt. Aber nun sind es schier drei Monate, und noch nie habe ich meine Zeit so müßig und so nutzlos hingebracht! Nein; das kann nicht mehr so fortgehen; man muß anfangen. Natürlich ist sie nicht schuld. Ihr kann man in keiner Beziehung Vorwürfe machen. Ich selbst hätte fester sein und meine männliche Unabhängigkeit wahren müssen. Indessen ist es ja möglich, sich selbst wieder daran zu gewöhnen und auch sie darin zu unterrichten; natürlich ist ihr keinerlei Schuld beizumessen,“ sprach er zu sich selbst.

Es ist indessen schwer für einen unzufriedenen Menschen, einem anderen, und zwar gerade dem, der ihm am nächsten steht, in Bezug auf das, worüber er unzufrieden ist, nicht Vorwürfe zu machen. Auch Lewin war es dunkel in den Kopf gekommen, daß – nicht, daß sie selbst schuld daran gewesen wäre – sie konnte an nichts Schuld tragen – ihre Erziehung wohl schuld sei, die allzu oberflächlich und frivol gewesen war – (dieser Narr Tscharskiy; sie, das weiß ich, wollte ihn wohl von sich abweisen, aber sie verstand es nicht). Außer dem Interesse für das Haus – das heißt ihre Familie – außer ihrer Toilette und der broderie anglaise hat sie keine ernsthaften Interessen. Sie hat kein Interesse für ihre eigene Angelegenheit, die Wirtschaft, ihre Bauern, auch nicht für die Musik, in der sie doch ziemlich sicher war, noch für Lektüre. Sie thut nichts und ist doch vollständig zufrieden.

Lewin tadelte dies in seinem Innern und erkannte noch nicht, daß sie sich auf diejenige Periode ihrer Wirksamkeit vorbereite, die für sie erscheinen mußte, und in welcher sie zu gleicher Zeit als Frau ihres Gatten, und Herrin des Hauswesens Kinder zu nähren und zu erziehen haben würde. Er erkannte nicht, daß sie dies durch ihre Ahnung schon wußte und sich in der Vorbereitung auf diese schwere Mühe über die Augenblicke der Sorglosigkeit und des Liebesglückes, die sie jetzt noch genoß, keine Vorwürfe machte, sondern heiter ihr künftiges Nest sich baute.

16

Als Lewin nach oben kam, saß seine Gattin vor dem neusilbernen Ssamowar hinter dem neuen Theegeschirr und las, nachdem sie die alte Agathe Michailowna mit einer ihr kredenzten Tasse Thee mit an das kleine Tischchen gesetzt hatte, einen Brief Dollys, mit welcher sie beide in beständigem und lebhaftem Briefwechsel standen.

„Da seht, Eure Herrin hat mich hierher gesetzt; sie sagte, ich solle auch mit bei ihr sitzen,“ begann Agathe Michailowna, Kity gutmütig zulächelnd.

In diesen Worten Agathe Michailownas sah Lewin die Lösung eines Dramas, welches sich in jüngster Zeit zwischen dieser und Kity abgespielt hatte. Er sah, daß ungeachtet alles Leides, welches der Agathe Michailowna durch die neue Herrin verursacht worden war, die ihr die Zügel des Hausregiments aus der Hand genommen hatte, Kity sie gleichwohl überwunden und gezwungen hatte, sie zu lieben.

„Da habe ich einen Brief an dich gelesen,“ sagte Kity, ihm einen fehlerhaft geschriebenen Brief reichend. „Hier ist einer von jenem Weibe deines Bruders, wie es scheint,“ sagte sie, „ich habe ihn nicht gelesen. Der hier ist von den Meinen und von Dolly. Denke dir, Dolly hat Grischa und Tanja zum Kinderball zu den Sarmatskiy geführt! Tanja hatte dabei eine Marquise gemacht.“

Lewin hörte sie jedoch gar nicht; errötend hatte er das Schreiben von Marja Nikolajewna, der früheren Geliebten Nikolays, ergriffen und es zu lesen begonnen. Es war dies bereits das zweite Schreiben von ihr. Im ersten Briefe hatte sie geschrieben, daß sein Bruder sich ihrer entledigt habe, ohne daß sie sich eine Schuld beizumessen hätte, und mit rührender Naivetät hinzugefügt, daß sie, obwohl sie nun wieder im Elend lebe, um nichts bitte und nichts wünsche, und daß sie nur der Gedanke quäle, Nikolay Dmitrjewitsch könne ohne sie mit seiner schwachen Gesundheit ins Verderben geraten; sie hatte den Bruder gebeten, Sorge für ihn zu tragen. Jetzt schrieb sie einen zweiten Brief. Sie hatte Nikolay Dmitrjewitsch gefunden, sich wieder mit ihm in Moskau vereint, und war mit ihm in eine Gouvernementsstadt gereist, woselbst er ein Amt erhalten hatte. Dort war er indessen mit seinem Vorgesetzten in Differenzen geraten und wieder nach Moskau zurückgekehrt, „und der teure Mann ist nunmehr so krank geworden, daß er wohl schwerlich je wieder aufkommen wird,“ schrieb sie; „er hat fortwährend Eurer gedacht, Geld besitzt er gar nicht mehr.“

„Lies, da schreibt Dolly von dir,“ begann Kity lächelnd, hielt aber plötzlich inne, als sie die Veränderung ihres Gatten gewahrte.

„Was hast du? Was ist da?“

„Sie schreibt mir, daß mein Bruder Nikolay dem Tode nahe ist. Ich muß zu ihm.“

Das Gesicht Kitys veränderte sich plötzlich. Die Gedanken an Tanja als Marquise, an Dolly, alles war verschwunden.

„Wann wirst du fahren?“ sagte sie.

„Morgen.“

„Und ich gehe mit dir, darf ich!“ fuhr sie fort.

„Kity! Was soll das?“ frug er vorwurfsvoll.

„Was das soll?“ erwiderte sie, gekränkt, daß er darüber wie es schien ungern und mit Verdruß ihren Vorschlag entgegennahm. „Weshalb soll ich nicht mit reisen? Ich werde dir nicht hinderlich sein. Ich“ —

„Ich reise, weil mein Bruder stirbt,“ antwortete Lewin. „Weshalb sollst du da“ —

„Weshalb? Eben deshalb, weshalb du reisest“ —

„In einer für mich so ernsten Minute denkt sie nur daran, daß sie sich allein könnte langweilen,“ dachte Lewin, und die Auslegung in der so ernsten Angelegenheit brachte ihn auf. „Es ist aber unmöglich,“ sagte er in strengem Tone.

Agathe Michailowna, welche sah, daß es zum Streit kommen wollte, setzte leise ihre Tasse nieder und ging hinaus. Kity hatte sie gar nicht bemerkt. Der Ton in welchem ihr Mann die letzten Worte gesprochen hatte, hatte sie insofern besonders verletzt, als dieser offenbar dem nicht glaubte, was sie sagte.

„Ich sage dir, daß wenn du reisest, ich mit dir reisen werde; unbedingt mit reisen werde,“ fügte sie eifernd und zürnend hinzu. „Weshalb ist denn das unmöglich? Weshalb sagst du, es sei unmöglich?“

„Weil wir, Gott weiß wohin, auf was für Wegen und mit welchen Gasthäusern zu reisen haben werden. Du wirst mir nur beschwerlich sein,“ sprach Lewin, sich bemühend, kaltblütig zu bleiben.

„Auf keinen Fall! Ich habe keinerlei Bedürfnisse. Wo du bist, kann ich auch sein!“

„Nun dann, schon deshalb kannst du nicht, weil sich dort jenes Weib befindet, dem du dich doch nicht nähern kannst“ —

„Ich weiß nichts und will nicht wissen, wer oder was dort ist! Ich weiß nur, daß der Bruder meines Gatten stirbt und daß mein Gatte zu ihm geht; ich aber mit meinem Gatten gehen will, um“ —

„Kity! Rege dich nicht auf! Bedenke, die Sache ist zu wichtig, so daß es mir schmerzlich ist, zu denken, du könntest die Empfindung einer Schwäche, die Abneigung davor, allein zu bleiben, hereinmengen. Nun, wird es für dich langweilig hier, so fahre nach Moskau.“

„Da haben wirs! Stets schreibst du mir nur schlechte, niedrige Gedanken zu,“ fuhr sie fort, unter den Thränen der Erbitterung und des Zornes. „Ich will nichts; es ist keine Schwäche, nichts; ich fühle nur, daß es meine Pflicht ist, mit meinem Gatten zu sein, wenn er Leid trägt; du aber willst mir absichtlich weh thun, willst mich absichtlich nicht verstehen.“

„Nein; das ist doch zu schrecklich; geradezu ein Sklave zu sein!“ rief Lewin aus, indem er aufstand. Er war nicht fähig, seinen Verdruß noch länger zurückzuhalten. Doch in diesem Augenblick empfand er, daß er sich selbst traf.

„Aber weshalb hast du dann geheiratet? Wärest du doch frei geblieben! Weshalb hast du geheiratet, wenn du es bereust!“ fuhr sie fort, sprang auf und eilte in den Salon.

Als er ihr nachfolgte, brach sie in Schluchzen aus. Er begann ihr zuzureden mit dem Wunsche die Worte zu finden, welche sie, wenn nicht überzeugen, doch wenigstens beschwichtigen könnten. Aber sie hörte ihn nicht und war mit nichts einverstanden. Er beugte sich herab zu ihr, und ergriff ihre abwehrende Hand. Er küßte die Hand, er küßte ihr das Haar und küßte wiederum ihre Hand – sie schwieg beharrlich. – Als er sie aber mit beiden Händen beim Kopfe nahm und „Kity“ sagte, da kam sie plötzlich zur Besinnung, brach in Thränen aus und war beschwichtigt.

Es wurde also bestimmt, daß man morgen vereint reiste. Lewin sagte zu seinem Weibe, daß er wohl glaube, sie wollte nur mitreisen, um ihm nützlich zu sein; er gab auch zu, daß Marja Nikolajewnas Aufenthalt bei dem Bruder nichts Anstößiges habe – reiste aber nichtsdestoweniger, auf dem Grund seiner Seele unzufrieden mit ihr und mit sich selbst.

Mit ihr war er unzufrieden, weil sie es nicht hatte über sich gewinnen können, ihn fort zu lassen, obwohl es doch notwendig war. Wie seltsam ward es ihm jetzt bei dem Gedanken, daß er, der ja noch vor kurzem nicht gewagt hatte, an das Glück zu glauben, daß sie ihn lieben könne, sich jetzt darüber unglücklich fühlte, daß sie ihn zu sehr liebte! – Mit sich hingegen war er unzufrieden, daß er seinen Willen nicht durchgesetzt hatte. Noch weniger war er im Grund seiner Seele damit einverstanden, daß sie mit jener Weibsperson, die bei seinem Bruder lebte, etwas zu thun haben sollte, und er dachte mit Schrecken an alle Berührungen, welche stattfinden konnten.

Schon das Eine, daß sein Weib, seine Kity, in einem Raume mit jenem Mädchen leben sollte, machte ihn schaudern vor Ekel und Entsetzen.

17

Das Gasthaus der Gouvernementsstadt, in welcher Nikolay Lewin krank lag, war eines jener Gouvernementshotels, wie sie nach neuen, vervollkommneten Mustern gebaut werden, ausgestattet mit den vorzüglichsten Rücksichtnahmen auf Sauberkeit, Komfort und selbst Eleganz, sich aber infolge des Publikums, das sie besucht, mit außerordentlicher Schnelligkeit in schmutzige Schenken, unter dem Anstrich zeitgemäßer Vervollkommnung, verwandeln, damit aber noch schlimmer werden, als die altmodischen, nur unsauberen Gasthäuser.

Das Hotel war schon in diesen Zustand geraten, und der Soldat in schmutziger Uniform, welcher am Eingang eine Cigarette qualmte, und das Amt eines Portiers versah, sowie die gußeiserne, zugige, düstere und unfreundliche Treppe, der freche Kellner in schmutzigem Frack und der öffentliche Salon mit dem staubbedeckten Bouquet von Wachsblumen, welches den Tisch zierte, der Staub und Schmutz, die Unordnung überall, und dazu noch die eigentümliche gleichzeitig bemerkbare Eisenbahnhast, riefen in dem Lewinschen Ehepaar nach dem jungen Eheleben ein beklemmendes Gefühl hervor; besonders beklemmend dadurch, daß sich der scheinbare Eindruck, den das Gasthaus machte, in keiner Weise mit dem vereinbarte, was beide darin erwartete.

Wie immer, so zeigte es sich auch jetzt, daß, nachdem sie die Frage, zu welchem Preise sie ein Zimmer zu haben wünschten beantwortet hatten, nicht ein einziges in gutem Zustande befindliches da war. Ein gutes Zimmer war von einem Eisenbahnrevisor besetzt, ein zweites von einem Moskauer Advokaten, ein drittes von der Fürstin Astaphjewa, die vom Dorfe gekommen war. Es blieb nur ein schmutziger Raum, neben dem man am Abend noch ein zweites freizumachen versprach.

Voll Verdruß über sein Weib, da es so kam, wie er erwartet hatte, und namentlich, daß er im Augenblick der Ankunft, wo ihm das Herz von Bewegung ergriffen war bei dem Gedanken, wie es mit dem Bruder stehen möge, Sorge für sie zu tragen hatte, anstatt sofort zu dem Bruder eilen zu können, führte Lewin seine Frau in das ihnen zugewiesene Zimmer.

„Geh, geh,“ sagte sie, ihn mit schüchternem, schuldbewußten Blick anschauend.

Schweigend schritt er aus der Thür und traf hier mit Marja Nikolajewna zusammen, die von seiner Ankunft erfahren hatte, aber nicht wagte, bei ihm einzutreten. Sie sah noch geradeso aus, wie er sie in Moskau gesehen hatte, das nämliche wollene Kleid, Arme und Hals nackt, und das nämliche, gutmütig stumpfe, nur etwas voller gewordene, pockennarbige Gesicht.

„Wie geht es? Was macht er? Wie?“

„Sehr schlecht. Er steht gar nicht mehr auf. Er hat Euch schon erwartet. Er – Ihr seid mit Eurer Gattin gekommen?“

Lewin verstand in der ersten Minute nicht, was sie in Verlegenheit setzte, doch klärte sie ihn sogleich auf.

„Ich will gehen – nach der Küche,“ sagte sie; „der Herr wird sich freuen. Er hat schon gehört, und kennt die Dame, und entsinnt sich ihrer noch vom Auslande her.“

Lewin verstand jetzt erst, daß sie seine Frau meine, wußte aber nicht, was er ihr antworten sollte.

„Kommt, kommt!“ sagte er.

Kaum hatte er sich jedoch zum Gehen angeschickt, als sich die Thür seines Zimmers öffnete und Kity herausblickte. Lewin errötete vor Scham und Ärger über sein Weib, das sich selbst und ihn in diese schwierige Situation gebracht hatte; Marja Nikolajewna errötete aber noch mehr. Sie drückte sich seitwärts, bis zum Weinen rot geworden und drehte die Zipfel ihres Tuches, die sie mit beiden Händen ergriffen hatte, in ihren roten Fingern, ohne zu wissen, was sie sagen oder anfangen sollte.

Im ersten Moment sah Lewin den Ausdruck einer lebhaften Neugier in dem Blick, mit welchem Kity auf dieses für sie unbegreifliche, schreckliche Weib schaute, aber dies währte nur einen Augenblick.

„Nun, wie ist es denn, wie ist es denn?“ wandte sie sich an ihren Gatten und an jene. „Was macht er?“ wandte sie sich an ihren Mann und dann an sie.

„Man kann indessen auf dem Korridor nicht sprechen!“ sagte Lewin sich voll Verdruß nach einem Herrn umblickend, welcher dröhnenden Schrittes, als wäre er ganz allein hier, soeben den Korridor hinabging.

„Nun, so kommt doch herein,“ sagte Kity, zu der sich emporrichtenden Marja Nikolajewna gewendet, fügte aber, als sie das erschreckte Gesicht ihres Mannes erblickte, sogleich hinzu, „oder geht, geht, und schickt nach mir,“ und wandte sich wieder in ihr Zimmer zurück.

Lewin ging zu seinem Bruder. Er hatte durchaus nicht erwartet, was er bei dem Bruder sah und empfand. Er hatte erwartet, noch den nämlichen Zustand der Selbsttäuschung zu finden, welcher – er hatte dies gehört – bei Brustleidenden so häufig sein soll, und der ihn während des Besuchs seines Bruders im Herbst so betroffen gemacht hatte. Er hatte erwartet, die physischen Anzeichen des nahenden Todes noch ausgeprägter zu finden, eine größere Schwäche und größere Magerkeit, aber es zeigte sich fast noch immer der nämliche Zustand. Er hatte erwartet, selbst wieder jenes Gefühl des Schmerzes über den Verlust des geliebten Bruders und des Entsetzens vor dessen Tode zu empfinden, welches er damals gehabt hatte, nur in noch höherem Grade. Er hatte sich selbst darauf vorbereitet, aber er fand etwas ganz Anderes.

In einem kleinen, unsauberen Zimmer, deren gemaltes Getäfel an den Wänden bespieen und hinter dessen dünner Zwischenwand Gespräch vernehmbar war, in einer von erstickendem Geruch verunreinigten Luft lag auf einem von der Wand abgerückten Bett ein vom Deckbett verhüllter menschlicher Körper. Ein Arm dieses Körpers lag oben auf der Bettdecke, und die große, wie eine Harke aussehende Hand dieses Armes hing auf unbegreifliche Weise an einer dünnen, langen, von Anfang bis zur Mitte gleichmäßig verlaufenden Spule fest. Der Kopf lag seitwärts gedreht auf dem Kissen. Lewin sah die schweißbedeckten, spärlichen Haare an den Schläfen und über der Stirn.

„Es kann nicht sein, daß dieser entsetzliche Körper mein Bruder Nikolay ist,“ dachte Lewin. Doch er trat näher, erblickte das Gesicht und sein Zweifel war schon unmöglich geworden. Trotz der furchtbaren Veränderung dieser Züge, mußte Lewin doch erst noch diese lebhaften, sich auf den Eintretenden richtenden Augen, und diese leichte Bewegung des Mundes unter dem zusammenklebenden Schnurrbart erblicken, wollte er die furchtbare Wahrheit begreifen, daß dieser Totenkörper da sein lebender Bruder war.

Die glänzenden Augen blickten ernst und vorwurfsvoll auf den eintretenden Bruder, und sogleich mit diesem Blicke entstand eine lebhafte Wechselbeziehung unter den Lebenden. Lewin fühlte sofort den Vorwurf in dem auf ihn gerichteten Blick, und Reue über sein eigenes Glück.

Als Konstantin Nikolays Hand ergriff, lächelte dieser. Sein Lächeln war schwach, kaum merklich, und trotz dieses Lächelns schwand der strenge Ausdruck seiner Augen nicht.

„Du hast wohl nicht erwartet, mich so zu finden,“ brachte er mit Anstrengung hervor.

„Ja – nein“ – sprach Lewin, in seinen eigenen Worten irre werdend. „Warum konntest du nicht früher von dir wissen lassen, zur Zeit meiner Verheiratung? Ich habe überall Nachforschungen nach dir angestellt.“

Es mußte gesprochen werden, damit man nicht schwieg, und er wußte doch nicht, was er sagen sollte, um so weniger, als sein Bruder nicht antwortete, sondern nur unverwandt schaute, und offenbar in den Sinn eines jeden Wortes eindringen wollte. Lewin teilte dem Bruder mit, daß auch seine Frau mit ihm gekommen sei. Nikolay drückte sein Vergnügen darüber aus, sagte aber, er fürchte, sie durch seinen Zustand zu erschrecken. Ein Schweigen trat ein. Plötzlich regte sich Nikolay und begann zu sprechen. Lewin erwartete etwas besonders Bedeutendes und Gewichtiges dem Ausdruck seines Gesichts nach, doch sprach Nikolay nur über seine Gesundheit. Er klagte den Doktor an, beklagte, daß er keinen berühmten Moskauer Arzt habe und Lewin erkannte, daß er noch immer Hoffnung hegte.

Die erste Minute des Schweigens benutzend, erhob sich Lewin, im Wunsche, wenigstens für eine Minute von dem peinigenden Gefühl erlöst zu sein, und sagte, daß er gehen wolle, um seine Frau herzuführen.

„Gut, ich will indessen anordnen, daß hier gesäubert wird. Es ist schmutzig hier und riecht übel, glaube ich. Mascha! Räume hier auf,“ sagte der Kranke mit Anstrengung, „und wenn du aufgeräumt hast, kannst du hinausgehen,“ fügte er hinzu, den Blick fragend auf den Bruder richtend.

Lewin antwortete nichts. Als er auf den Korridor hinaustrat, blieb er stehen. Er hatte gesagt, daß er seine Frau herführen wolle, jetzt aber, als er sich Rechenschaft von jenem Gefühl gab, welches er empfunden hatte, beschloß er, im Gegenteil zu versuchen, sie zu überreden, daß sie nicht zu dem Kranken gehe. „Wozu sie peinigen, wie ich mich peinige?“ dachte er.

„Nun? Was ist? Wie steht es?“ frug ihn Kity mit erschrecktem Gesicht.

„Ach, es ist doch entsetzlich, entsetzlich. Warum bist du nur mitgekommen?“ sagte Lewin.

Kity schwieg einige Sekunden, schüchtern und kläglich auf ihren Mann blickend; dann trat sie auf ihn zu und hing sich mit beiden Armen an seinen Ellbogen.

„Mein Konstantin! führe mich zu ihm, es wird uns zu Zweien leichter werden. Führe du mich nur, führe mich, bitte, und komm,“ sagte sie, „begreife doch, daß es mir bei weitem schwerer wird, dich zu sehen und ihn nicht. Dort werde ich vielleicht dir und ihm nützlich werden können. Bitte gestatte es!“ beschwor sie ihren Mann, als ob das Glück ihres Lebens hiervon abhinge.

Lewin mußte einwilligen und begab sich, nachdem er sich etwas erholt hatte, Marja Nikolajewna schon ganz vergessend, mit Kity wieder zu seinem Bruder.

Leisen Schrittes und unverwandt auf ihren Gatten blickend, welchem sie ihr mutiges und doch gefühlvolles Antlitz wies, betrat sie das Zimmer des Kranken und schloß, sich ohne Hast zurückwendend, geräuschlos die Thür. Mit unhörbaren Schritten näherte sie sich rasch dem Lager des Kranken und so herantretend, daß dieser den Kopf nicht zu drehen brauchte, nahm sie sogleich das Skelett seiner großen Hand in ihre frische, jugendliche, drückte sie und begann dann, mit jener, nur den Frauen eigenen, und nicht verletzenden stillen Lebhaftigkeit mit ihm zu sprechen.

„Wir sind uns in Soden begegnet, sind uns aber dort nicht bekannt gewesen,“ sagte sie, „Ihr habt da nicht vermutet, daß ich einmal Eure Schwester werden würde.“

„Ihr solltet Euch nicht nach mir erkundigt haben?“ frug er mit dem Lächeln, welches schon bei ihrem Eintreten aufleuchtete.

„Nein; dann hätte ich ja erfahren. Wie recht Ihr doch gethan habt, uns von Euch Nachricht zu geben! Kein Tag ist vergangen, daß Konstantin nicht Eurer gedacht und sich beunruhigt hätte um Euch.“

Die Lebhaftigkeit des Kranken währte indessen nicht lange. Sie hatte noch nicht aufgehört zu sprechen, als auf seinem Gesicht abermals der strenge vorwurfsvolle Ausdruck des Neides des Sterbenden gegenüber dem Lebenden erschien.

„Ich fürchte, Ihr werdet Euch hier nicht recht wohl befinden,“ sagte sie, sich von seinem starren Blicke abwendend und im Zimmer Umschau haltend. „Man muß bei dem Wirt ein anderes Zimmer erbitten,“ sagte sie zu ihrem Manne, „schon, damit wir näher sind.“

18

Lewin konnte den Bruder nicht ruhig ansehen, nicht natürlich und ruhig unbewegt in seiner Gegenwart sein. Als er bei dem Kranken eingetreten war, hatte sich sein Blick und seine Wahrnehmungskraft unbewußt verdunkelt, und er gewahrte nicht mehr die Einzelheiten des Zustandes seines Bruders. Er hörte von dem entsetzlichen Geruch, sah die Unsauberkeit, Unordnung und die peinvolle Lage, dieses Stöhnen, und fühlte, daß Hilfe nicht mehr möglich war. Es war ihm nicht einmal in den Sinn gekommen, daran zu denken, daß er alle Einzelheiten in dem Zustande des Kranken erfaßte, daß da unter der Decke dieser Körper lag, diese gekrümmten abgezehrten Beine, Brustknochen, dieser Rücken und ob es nicht anginge, das alles besser zu legen, etwas zu thun, was die Lage, wenn nicht besser, so doch weniger mißlich gestaltete. Kalt rieselte es ihm über den Rücken hinab, als er an alle diese Einzelheiten zu denken begann. Er war fest überzeugt, daß hier nichts mehr zu thun war, weder etwas für eine Verlängerung des Lebens, noch für eine Erleichterung der Leiden; doch das Bewußtsein, sich eingestehen zu müssen, jede Hilfe sei unmöglich, machte sich ihm schmerzlich fühlbar und versetzte ihn in Erbitterung. Lewin wurde es infolge dessen noch schwerer ums Herz. Der Aufenthalt in dem Zimmer des Kranken war qualvoll für ihn, nicht darin zu sein aber noch schlimmer. Unter verschiedenen Vorwänden begab er sich daher fortwährend hinaus, da er nicht die Kraft besaß, allein hier zu bleiben.

Kity aber dachte, fühlte und handelte durchaus nicht ebenso. Bei dem Anblick des Kranken jammerte es sie um ihn, und das Mitleid in ihrer Frauenseele erweckte durchaus nicht jenes Gefühl des Entsetzens und des Ekels bei ihr, wie es dies bei ihrem Manne hervorgerufen hatte, sondern lediglich die Erkenntnis ihrer Pflicht zu handeln, alle Einzelheiten seines Zustandes kennen zu lernen und ihnen beizukommen. Und da in ihr nicht der geringste Zweifel darüber bestand, daß sie ihm Hilfe leisten müsse, so zweifelte sie auch nicht daran, daß dies möglich sei und begab sich sofort ans Werk.

Alle jene Einzelumstände, deren bloße Vorstellung schon ihren Mann in Schrecken versetzt hatte, lenkten sogleich ihre Aufmerksamkeit auf sich. Sie schickte nach einem Arzt und in die Apotheke, befahl der mit ihr gekommenen Zofe, sowie Marja Nikolajewna, zu fegen, den Staub zu wischen und den Kranken zu waschen, wusch selbst mit ab, und reichte Etwas unter die Bettdecke. Gegenstände wurden herbeigebracht oder aus dem Krankenzimmer hinausgetragen nach ihrer Anordnung, und sie selbst begab sich mehrmals nach ihrem Zimmer, ohne die ihr begegnenden Herren zu bemerken, langte Betttücher und Überzüge, Handtücher und Hemden hervor und brachte sie herbei.

Der Diener, welcher im Gesellschaftssaale ein Essen für Ingenieure auszurichten hatte, erschien mehrere Male mit ärgerlicher Miene auf ihren Ruf, konnte aber nicht umhin, ihre Befehle zu erfüllen, da sie dieselben mit so wohlwollender Bestimmtheit erteilte, daß man sie unmöglich sich selbst überlassen konnte. Lewin hieß dies alles durchaus nicht gut; er glaubte nicht, daß daraus noch irgend ein Nutzen für den Kranken erwüchse, vor allem aber fürchtete er, der Kranke könne dabei noch in Aufregung geraten. Dieser jedoch verhielt sich, wenigstens wie es schien, dem gegenüber gleichgültig und geriet nicht in Erregung, sondern empfand nur eine gewisse Scham, interessierte sich aber im allgemeinen für das, was sie an ihm that. Vom Arzte zurückgekehrt, zu welchem Kity ihn gesandt hatte, fand Lewin, die Thüre öffnend, den Kranken in dem Moment, als man nach Kitys Anordnung seine Wäsche wechselte. Das lange bleiche Skelett des Rückens mit den großen hervorstehenden Schulterblättern, und den starrenden Rippen und Rückgratwirbeln war entblößt; Marja Nikolajewna und der Diener waren mit dem einen Hemdärmel in Unordnung geraten und konnten den langen herabhängenden Arm nicht hineinbringen. Kity, welche geschäftig die Thür hinter Lewin wieder schloß, hatte nicht nach dieser Seite geblickt, aber der Kranke stöhnte auf und sie wandte sich schnell zu ihm hin.

„Schneller,“ befahl sie.

„Ihr geht ja nicht,“ sagte der Kranke gereizt, „ich will selber“ —

„Was sagt Ihr?“ frug Marja Nikolajewna dazwischen.

Kity hatte jedoch gehört und verstanden, daß es ihm peinlich und unangenehm war, in ihrer Gegenwart entblößt zu sein.

„Ich sehe nicht hin, sehe nicht hin!“ sagte sie daher, den Arm richtend, „Marja Nikolajewna, tretet von dieser Seite, bringt ihn in Ordnung,“ fügte sie hinzu. – „Geh doch – bitte – in meinem kleinen Reisesack befindet sich ein Riechfläschchen,“ wandte sie sich an ihren Mann, „du weißt ja, in der Seitentasche. Bring es mir doch, während man hier noch vollends Ordnung macht.“

Als Lewin mit dem Riechfläschchen zurückkehrte, fand er den Kranken bereits wieder zurecht gelegt, und alles in seiner Umgebung völlig verwandelt. Der drückende üble Geruch war mit einer Atmosphäre von Essig und Parfüms vertauscht worden, welche Kity mit gespitzten Lippen und aufgeblasenen roten Wangen durch das Flacon umhersprengte. Von Staub war nichts mehr zu sehen und vor dem Bett lag ein Teppich. Aus dem Tische standen geordnet Flacons und Caraffen, lag auch die nötige Wäsche, sowie eine Arbeit in broderie anglaise von Kity. Auf einem andern Tische am Bett des Kranken, stand Getränk, ein Licht und Arzneipulver. Der Kranke selbst, gesäubert und gekämmt, lag in frischen Überzügen, auf hochgemachten Kissen und in weißem Hemd mit einem weißen Kragen um den unnatürlich dünnen Hals, und blickte mit einem Ausdruck von Hoffnung unverwandt auf Kity.

Der von Lewin herbeigebrachte, erst im Klub aufgefundene Arzt, war nicht der nämliche, welcher Nikolay Lewin sonst behandelte und mit welchem dieser unzufrieden war. Der neue Arzt langte ein Hörrohr hervor und behorchte den Kranken, schüttelte den Kopf, verschrieb eine Arznei, und erklärte mit großer Ausführlichkeit zunächst, wie die Arznei zu nehmen sei, und dann, welche Diät beobachtet werden sollte. Er empfahl rohe oder nur weichgekochte Eier, und Selterswasser mit warmer Milch von bestimmter Temperatur.

Nachdem der Arzt gegangen war, sagte der Kranke etwas zu seinem Bruder, allein Lewin vernahm nur die letzten Worte „deine Katja“; an dem Blicke jedoch, mit welchem jener sie anschaute, erkannte Lewin, daß sie gelobt worden sei. Er rief nun auch Katja, wie Nikolay sie genannt hatte.

„Mir ist schon bei weitem besser,“ sagte er, „bei Euch wäre ich freilich schon längst wieder gesund geworden. Wie wohl mir ist!“ Er ergriff ihre Hand und zog sie an seine Lippen, gab aber, wie in der Furcht, es möchte ihr dies unangenehm sein, seine Absicht auf, ließ die Hand sinken und streichelte sie nur. Kity faßte diese Hand mit ihren beiden Händen und drückte sie. „Jetzt legt mich auf die linke Seite und geht schlafen,“ fuhr er fort.

Niemand hatte verstanden, was er sprach, nur Kity hatte es erfaßt. Sie hatte es verstanden, weil sie fortwährend in Gedanken beobachtete, was er wünschen möchte.

„Auf die andere Seite,“ sagte sie zu ihrem Manne, „er schläft stets auf jener. Lege du ihn um, ich möchte nicht gern die Dienerschaft dazu rufen. Ich aber kann es nicht. Ihr könnt es auch nicht?“ wandte sie sich an Marja Nikolajewna.

„Ich fürchte mich,“ versetzte diese.

So entsetzlich es Lewin auch sein mochte, diesen grauenhaften Körper mit beiden Armen umfassen zu müssen und Stellen unter der Bettdecke zu berühren, von denen er nichts wissen mochte, machte Lewin, dem Einflusse seines Weibes nachgebend, das energische Gesicht, das dieses schon an ihm kannte und schickte sich dazu an, indem er die Arme vorstreckte, war aber bei aller seiner Kraft, von der seltsamen Schwere dieser ausgemergelten Glieder überrascht.

Während er ihn wandte, seinen Hals von dem abgezehrten, langen Arme umfaßt fühlend, drehte Kity schnell und leise das Kopfkissen um und schob es wieder unter, legte den Kopf des Kranken zurecht und ordnete ihm das spärliche Haar, welches wieder an den Schläfen klebte.

Der Kranke hielt des Bruders Hand in der seinen. Lewin fühlte, daß er etwas mit dieser Hand zu thun wünsche und dieselbe mit sich zog; erstarrend folgte er derselben. Nikolay führte seine Hand an die Lippen und küßte sie und Lewin erschauerte in Schluchzen und verließ, nicht fähig zu reden, das Gemach.

19

„Er hat sich vor den Weisen verborgen und den Kindern und Thoren entdeckt.“ So dachte Lewin auch über sein Weib, als er an diesem Abend mit ihr sprach.

Lewin dachte an das Wort des Evangeliums nicht deshalb, weil er selbst sich für weise gehalten hätte. Er hielt sich nicht für weise, wußte aber auch recht wohl, daß er doch klüger war, als sein Weib und als Agathe Michailowna; wußte recht wohl, daß er, wenn er des Todes gedachte, dies mit allen Kräften seines Geistes that. Er wußte auch, daß viele höhere Geister von Männern, deren Gedanken er darüber gelesen hatte, nicht ein Hundertstel von dem gedacht hatten, was sein Weib und Agathe Michailowna darüber wußten. So ungleich nun diese beiden Weiber einander sein mochten, Agathe Michailowna und Katja, wie sie sein Bruder Nikolay, und auch Lewin sehr gern nannte, hierin waren sie einander vollkommen ähnlich. Beide wußten sicher, was Leben eigentlich war, und auch was Tod sei, und obwohl sie nicht antworten konnten, oder die Fragen auch nur verstehen, die sich Lewin aufdrängten, so zweifelten sie beide doch nicht an der Bedeutung dieser Erscheinung und betrachteten dieselbe vollkommen gleichartig, nicht nur unter sich, sondern, indem sie ihre Anschauung mit Millionen Menschen teilten. Der Beweis dafür, daß sie genau wußten, was Tod sei, lag darin, daß sie, ohne sich eine Sekunde zu besinnen, wußten, wie man mit Sterbenden umgehen müsse, und diese nicht fürchteten. Lewin und die anderen wußten, obwohl sie viel über den Tod sagen konnten, augenscheinlich nicht, warum sie ihn fürchteten; sie wußten sicher nicht, was zu thun sei, wenn ein Mensch starb. Wäre Lewin jetzt allein gewesen mit seinem Bruder, so würde er ihn voll Entsetzen betrachtet, und mit noch größerem Entsetzen gewartet haben, aber nicht imstande gewesen sein, irgendwie zu handeln.

Er wußte nicht, was er sagen, wie er blicken, wie er gehen sollte. Über Fernerliegendes mit ihm zu sprechen, erschien verletzend, das ging nicht; über den Tod zu sprechen, die finstere Macht, ging auch nicht; schweigen – gleichfalls nicht. – Blickte er den Kranken an, so konnte dieser denken, er wolle ihn durchforschen, blickte er ihn nicht an, so konnte Nikolay denken, er sei bei etwas ganz Anderem. Ging er auf den Fußspitzen, so mochte der Bruder unzufrieden damit sein, trat er voll auf, so schickte sich das nicht.

Kity dachte augenscheinlich gar nicht an sich und hatte wohl auch nicht die Zeit, an sich zu denken; sie dachte nur an ihn, weil sie etwas Bestimmtes wußte, und alles ging gut bei ihr von statten. Sie hatte ihm von sich erzählt, von ihrer Hochzeit und hatte gelächelt und ihn bemitleidet, ihm geschmeichelt, und mit ihm über Fälle von Genesungen gesprochen, und das alles ging ihr gut von statten; vielleicht weil sie etwas wußte.

Der Beweis dafür, daß ihre Wirksamkeit, wie diejenige Agathe Michailownas, keine instinktive, rein physische unbedachte war, lag darin, daß außer der physischen Beruhigung, der Erleichterung der Leiden, sowohl Agathe Michailowna als Kity für den Sterbenden noch etwas weit Wichtigeres anstrebten, als physische Beruhigung, ein Etwas, das nichts Gemeinsames besaß mit physischen Umständen. Agathe Michailowna hatte in dem Gespräch über jenen verstorbenen Alten gesagt: „Nun, man hat ihm das Abendmahl, die letzte Ölung gegeben, gebe Gott, daß ein jeder so sterbe!“ Ganz ebenso hatte Kity ungeachtet aller Sorge für die Wäsche, die wundgelegenen Stellen, das Trinken des Kranken bereits am ersten Tage demselben von der Notwendigkeit gesprochen, daß er kommuniziere.

Nachdem sie für die Nacht von dem Kranken in ihre beiden Zimmer zurückgekehrt waren, hatte sich Lewin niedergesetzt und den Kopf sinken lassen, ohne zu wissen, was er beginnen solle.

Geschweige, daß er davon gesprochen hätte, zu Abend speisen zu wollen, oder das Nachtlager in Ordnung zu bringen, und zu überlegen, was nun zu thun sei, vermochte er nicht einmal mit seiner Frau zu reden; so schwer war ihm das Herz. Kity hingegen war geschäftiger, als gewöhnlich; sie war sogar lebhafter, als sonst. Sie befahl Abendessen zu bringen, packte selbst die Sachen aus, half die Betten vorzurichten und vergaß nicht einmal, sie mit persischem Pulver zu bestreuen. In ihr lag eine Munterkeit, eine Präcision im Denken, wie sie sich bei den Männern vor einer Schlacht, einem Kampfe, in gefahrvollen entscheidenden Momenten zeigt, jenen Minuten, in welchen ein für allemal der Mann seinen Wert zeigt und beweist, daß seine ganze Vergangenheit nicht umsonst gewesen ist, sondern eine Vorbereitung war für diese Minuten.

Alles ging ihr von statten, und es war noch nicht zwölf Uhr, als alle Sachen sauber ausgepackt waren; sorgfältig und in einer Weise, daß das Zimmer ihrem eigenen Hause ähnlich wurde, ihren Zimmern. Die Betten waren aufgeschlagen, die Bürsten, Kämme, Spiegel aufgelegt, und Servietten übergebreitet.

Lewin fand es sei unverzeihlich, jetzt zu essen, zu schlafen, ja selbst zu reden und dabei zu empfinden, daß jede seiner Bewegungen nicht schicklich sei. Sie hingegen steckte die Bürsten aus, verrichtete aber alles so, daß nichts Verletzendes darin lag.

Essen konnten sie allerdings nicht und lange Zeit fanden sie auch keinen Schlaf, ja sie wollten erst lange Zeit gar nicht zur Ruhe gehen.

„Ich bin sehr froh, daß ich ihm zugeredet habe, morgen zu kommunizieren,“ sagte sie, im Ärmelleibchen vor ihrem Necessaire sitzend und sich mit dem dichten Kamme das reiche duftige Haar strählend, „ich habe dies noch nie gesehen, weiß aber, daß Mama mir gesagt hat, es wären Gebete für die Herstellung dabei.“

„Glaubst du wirklich, daß er wieder gesund werden kann?“ sagte Lewin, nach der, sobald sie den Kamm vorwärts bewegte, fortwährend verhüllten dichten Zahnreihe an der hinteren Seite ihres runden Köpfchens schauend.

„Ich habe den Arzt gefragt; er sagte mir, daß er nicht länger als noch drei Tage leben könne. Aber können die es wissen? Ich bin gleichwohl sehr froh, daß ich ihn überredet habe,“ sagte sie, unter ihrem Haar hervor seitwärts nach ihrem Manne blickend. „Es ist alles möglich,“ fügte sie hinzu mit jenem eigentümlichen, ein wenig schlauen Ausdruck, der stets auf ihrem Gesicht lag, wenn sie über Religion sprach.

Nach jenem Gespräch über die Religion, zur Zeit als sie noch Bräutigam und Braut waren, hatte weder er noch sie ein Gespräch darüber wieder angeknüpft, sie aber erfüllte dies Ceremoniell des Kirchenbesuchs, des Gebetes, stets in dem nämlichen ruhigen Bewußtsein, daß es so erforderlich sei. Ungeachtet seiner Versicherungen des Gegenteils war sie fest überzeugt, daß er ein ebensolcher, ja, noch besserer Christ war, wie sie und daß alles, was er darüber sprach, nur eine seiner sarkastischen Männerlaunen sei, ebenso wie das, was er über die broderie anglaise sagte: „Möchten doch die guten Leute lieber die Löcher zustopfen, hier aber werden sie absichtlich eingeschnitten“ und Ähnliches.

„Jenes Weib da, die Marja Nikolajewna hat nicht verstanden, alles das einzurichten,“ sagte Lewin, „und – ich muß es eingestehen, daß ich sehr, sehr froh bin, daß du mitgekommen bist. Du bist solch eine Reinheit, daß“ – er ergriff ihre Hand, küßte sie aber nicht – das Küssen ihrer Hand in dieser Nähe des Todes, erschien ihm unpassend – sondern preßte sie nur, mit schuldbewußtem Ausdruck in ihre aufleuchtenden Augen blickend.

„Für dich allein wäre es doch so peinlich geworden,“ sagte sie, wand die Hände emporhebend, welche ihre vor Freude erglühenden Wangen deckten, die Zöpfe auf dem Scheitel zusammen und steckte sie fest. „Nein,“ sprach sie, „das hat sie nicht verstanden. Zum Glück habe ich viel in Soden gelernt.“

„Waren denn dort derartige Kranke?“

„Noch schlimmere sogar.“

„Es ist furchtbar für mich, daß ich ihn stets so sehen muß, wie er in der Jugend war. Du glaubst nicht, welch ein schöner Jüngling er gewesen ist; ich aber habe ihn damals nur nicht verstanden.“

„Ich glaube es wohl, recht wohl. Wie empfinde ich es, daß wir so gut mit ihm gewesen sein würden,“ sagte sie, erschrak aber sogleich über das was sie gesagt hatte, sich nach ihrem Manne umschauend, und Thränen traten ihr in die Augen.

„Ja – gewesen sein würden“ – sagte er traurig, „das ist eben einer jener Menschen, von denen man sagt, daß sie nicht für diese Welt sind.“

„Gleichviel, uns stehen noch viele Tage bevor, doch wir müssen uns niederlegen,“ sagte Kity, auf ihre winzige Uhr sehend.

20.
Der Tod

Am anderen Tage empfing der Kranke das Abendmahl und die letzte Ölung. Während der Ceremonie betete Nikolay Lewin inbrünstig. In seinen großen Augen, die nach der Monstranz gerichtet waren, welche auf einem mit farbiger Serviette überdeckten L'hombretisch stand, drückte sich ein so leidenschaftliches Flehen, eine Hoffnung aus, daß es Lewin entsetzlich war, dies mit ansehen zu müssen. Lewin wußte, daß diese leidenschaftliche Bitte und Hoffnung ihm die Trennung vom Leben, das er so sehr liebte, nur noch schwerer machen würde. Lewin kannte seinen Bruder und den Gang seiner Gedanken; er wußte, daß sein Unglaube nicht davon herrührte, weil es ihm leichter ankam, ohne Glauben zu leben, sondern davon, weil Schritt für Schritt die modernen wissenschaftlichen Erklärungen der Welterscheinungen das Glauben verdrängt hatten, und weil er wußte, daß seine jetzige Rückkehr zu demselben keine logische war, die sich auf dem Wege eines solchen Gedankenganges vollzogen hätte, sondern eine nur vorübergehende, egoistische, entstanden in der sinnlosen Hoffnung auf eine Genesung. Lewin wußte auch, daß Kity diese Hoffnung noch durch Erzählungen von ungewöhnlichen Heilungen von denen sie gehört, genährt hatte. Alles dies wußte er, und es war ihm qualvoll, auf diesen flehenden, hoffnungsvollen Blick, auf diese abgezehrte Hand schauen zu müssen, die sich mühsam erhob, um das Zeichen des Kreuzes auf der überhängenden Stirn, den hervorstehenden Schultern und der heiserröchelnden, verödeten Brust zu machen, die alle nicht mehr das Leben in sich zu bergen vermochten, um welches der Kranke bat. Während des Sakraments that Lewin, was er in seinem Unglauben tausendmal gethan hatte. Er sprach, sich zu Gott wendend: „Mache, wenn du bist, daß dieser Mensch gesunde,“ und wiederholte dies mehrere Male, „und du wirst ihn und mich erretten.“

Nach der Salbung wurde es dem Kranken plötzlich bei weitem besser. Er hustete nicht ein einziges Mal im Verlauf einer Stunde, er lächelte, küßte Kity die Hand, dankte ihr mit Thränen und sagte, daß ihm wohl sei, daß er sich nirgends krank fühle und Eßlust und Kraft verspüre. Er erhob sich sogar selbst, als man ihm Suppe brachte und bat noch um ein Kotelett. So hoffnungslos Lewin nun auch war, so augenscheinlich es bei seinem Anblick wurde, daß er nicht genesen könne, befand er sich und Kity während dieser Stunde in dem gleichen Glück, der nämlichen Erregung darüber, ob man sich vielleicht doch nicht im Irrtum befinde.

„Ist er besser? – Ja, bei weitem. – Wunderbar. – Nichts Wunderbares. – Er ist doch besser,“ so sprachen sie flüsternd und einander zulächelnd.

Die Täuschung war indessen nicht von langer Dauer. Der Kranke schlief ruhig ein, nach einer halben Stunde jedoch weckte ihn der Husten, und plötzlich waren alle Hoffnungen seiner Umgebung und in ihm selbst geschwunden. Die Wirklichkeit des Leidens vernichtete, auch abgesehen von dem Zweifel, an den vorher gehegten Erwartungen oder selbst der Erinnerung an sie, die Hoffnungen Lewins und Kitys und die des Kranken selbst.

Ohne dessen zu gedenken, woran er eine halbe Stunde vorher noch geglaubt hatte, gleichsam als wäre es tadelnswert, sich daran zu erinnern, verlangte er, daß man ihm das Jod, in einem Glase, welches von durchlochtem Papier überdeckt war, zum Einatmen gebe. Lewin reichte ihm die Flasche und der nämliche Blick leidenschaftlicher Hoffnung, mit welchem er kommuniziert hatte, richtete sich jetzt auf den Bruder, von diesem Bestätigung für die Worte des Arztes heischend, daß die Einatmung von Jod Wunder thue.

„Wie, ist Kity nicht hier?“ raunte er umherblickend, nachdem ihm Lewin die Worte des Arztes mit innerem Widerstreben bekräftigt hatte. „Nun, so kann ich es sagen; nur ihr zu Liebe habe ich diese Komödie durchgemacht. Sie ist so lieb, aber wir beide können uns gegenseitig nicht mehr täuschen. Hieran glaube ich,“ sprach er, die Flasche mit seiner Knochenhand pressend, und begann über ihr zu atmen.

Um acht Uhr am Abend nahm Lewin mit seiner Frau den Thee auf seinem Zimmer ein, als Marja Nikolajewna atemlos ins Zimmer gestürzt kam. Sie war bleich und ihre Lippen bebten.

„Er stirbt!“ flüsterte sie; „ich fürchte, er stirbt sogleich!“

Beide eilten zu ihm. Er hatte sich erhoben und saß, mit dem Arme auf die Bettdecke gestützt, den langen Rücken gekrümmt, mit tief herniederhängendem Kopfe.

„Wie fühlst du dich?“ frug Lewin flüsternd nach einer Pause.

„Ich fühle, daß ich scheide,“ sprach Nikolay mit Anstrengung, aber die Worte mit einer außerordentlichen Bestimmtheit langsam aus sich herauspressend. Er hob den Kopf nicht, sondern richtete nur das Auge nach oben, ohne mit ihnen das Gesicht des Bruders zu erreichen. „Katja, geh' hinaus,“ fuhr er fort.

Lewin sprang auf und befahl ihr mit gebieterischem Flüstern hinauszugehen.

„Ich scheide,“ sagte er wiederum.

„Weshalb denkst du das?“ antwortete Lewin, um etwas zu sagen.

„Deshalb, weil ich scheide,“ wiederholte Nikolay, sich gleichsam in diesem Ausdruck gefallend. „Es ist zu Ende.“

Marja Nikolajewna trat zu ihm.

„Ihr müßtet Euch legen, dann würde Euch leichter,“ sprach sie.

„Bald werde ich liegen,“ versetzte er leise, „als ein Toter,“ er sprach höhnisch, erbittert, „nun, aber legt mich nur, wenn Ihr wollt.“

Lewin legte den Bruder auf den Rücken, ließ sich neben ihm nieder, und blickte ihm, mit angehaltenem Atem ins Gesicht.

Der Sterbende lag mit geschlossenen Augen, aber auf seiner Stirn bewegte sich ein leises Muskelspiel, wie bei einem Menschen, der tief und angestrengt sinnt. Unwillkürlich dachte Lewin zusammen mit ihm das, was sich jetzt in Nikolay vollziehen mochte, aber ungeachtet aller geistigen Anstrengungen mit jenem übereinzukommen, gewahrte er an dem Ausdruck dieses ruhigen ernsten Gesichts und dem Muskelspiel über den Brauen, daß einem Sterbenden sich voll und ganz jenes Eine offenbart ebenso, wie es für Lewin dunkel blieb.

„Ja, ja, so,“ brachte der Sterbende abgebrochen und langsam hervor. „Bleibt.“ Er schwieg wieder. „So,“ sagte er dann gedehnt und befriedigt, als habe sich nun alles für ihn entschieden. „O Gott!“ begann er dann nochmals und seufzte schwer.

Marja Nikolajewna fühlte seine Füße an, „sie werden kalt“, flüsterte sie.

Lange, sehr lange, wie es Lewin schien, lag der Kranke unbeweglich. Aber er war noch immer am Leben und bisweilen atmete er auf. Lewin war bereits abgespannt von der Anstrengung des Denkens. Er fühlte, daß er trotz aller geistigen Anstrengung nicht begreifen könne, was jenes „so“ bedeutete. Er fühlte, daß er weit entfernt stand von dem Sterbenden. Über die Frage des Todes selbst vermochte er nicht mehr nachzusinnen, aber unwillkürlich kamen ihm Gedanken darüber, was er jetzt sofort zu thun haben werde; dem Bruder die Augen zuzudrücken, ihn ankleiden zu lassen und die Beerdigung zu bestellen. Und seltsam, er fühlte sich dabei vollkommen ruhig und empfand weder Schmerz, noch einen Verlust, und noch weniger Mitleid mit dem Bruder. Wenn jetzt ein Gefühl für seinen Bruder in ihm war, so war es eher der Neid wegen jenes Wissens, welches der Sterbende nun hatte, er aber nicht besitzen konnte.

Noch lange saß er so bei ihm, immer das Ende erwartend, aber das Ende kam nicht. Die Thür öffnete sich und Kity erschien. Lewin stand auf, um sie zurückzuhalten, aber gerade im Augenblick, als er sich erhob, hörte er, daß der Sterbende sich regte.

„Geh nicht fort,“ sagte Nikolay und streckte die Hand aus. Lewin gab ihm die seine und winkte heftig seiner Frau, hinauszugehen.

Die Hand des Sterbenden in der seinen, saß er eine halbe Stunde, eine ganze Stunde und noch eine Stunde.

Er dachte jetzt schon gar nicht mehr an den Tod; er dachte daran, was Kity machen möge. Wer wohnte wohl in dem benachbarten Zimmer? Besaß der Arzt ein eigenes Haus? Er sehnte sich nach Essen und Schlaf, behutsam befreite er seine Hand und fühlte nach den Füßen. Sie waren kalt, aber der Kranke atmete noch. Lewin wollte nun auf den Zehen wieder herausgehen, aber von neuem regte sich der Kranke und sagte: „Geh' nicht fort“ —

Der Tag dämmerte herauf. Der Zustand des Kranken blieb noch immer derselbe. Lewin befreite leise seine Hand, ohne auf den Sterbenden zu blicken, begab sich nach seinem Zimmer und schlief ein. Als er erwachte, erfuhr er anstatt der Nachricht vom Tode seines Bruders, die er erwartete, daß der Kranke in den früheren Zustand zurückverfallen sei. Er hatte sich wieder gesetzt, wieder gehustet, wieder zu essen und zu sprechen angefangen, und wieder aufgehört, vom Tode zu reden. Er hatte wieder Hoffnung auf Genesung ausgedrückt, und war noch reizbarer und mürrischer geworden als vorher. Niemand, weder sein Bruder, noch Kity vermochten ihn zu besänftigen. Er war gegen jedermann gereizt, sagte jedermann Unangenehmes, machte allen Vorwürfe über seine Leiden und verlangte, daß man ihm einen berühmten Arzt aus Moskau herbeischaffe. Auf alle Fragen, die man an ihn über sein Befinden richtete, antwortete er stets mit dem Ausdruck von Wut und Vorwurf „ich leide furchtbar, unerträglich!“

Der Kranke litt mehr und mehr, besonders infolge der aufgelegenen Stellen, die sich nicht mehr heilen ließen, und geriet mehr in Wut über seine Umgebung, der er Vorwürfe über alles machte, und namentlich darüber, daß man ihm den Arzt aus Moskau nicht herbeischaffe. Kity bemühte sich in jeder Weise, ihm Beistand zu leisten und ihn zu beschwichtigen, aber alles war vergebens und Lewin sah, daß sie selbst körperlich, wie geistig erschöpft war, obwohl sie es nicht eingestand. Jene Ahnung des Todes, welche in allen durch seinen Abschied vom Leben in jener Nacht, als er den Bruder rief, erweckt worden war, war verwischt. Sie alle wußten wohl, daß er unwiderruflich und binnen kurzem sterben werde, daß er zur Hälfte schon tot sei, sie alle wünschten nur das Eine, er möchte so bald als möglich sterben, aber sie alle gaben ihm, indem sie dies verbargen, aus der Flasche die Arznei, forschten nach Heilmitteln und Ärzten und täuschten ihn, und sich selbst untereinander. Alles dies war eine Lüge, eine häßliche, verletzende und hohnvolle Lüge. Und diese Lüge empfand Lewin, sowohl der Eigenart seines Charakters halber, als auch, weil er den Sterbenden mehr als alle anderen liebte, besonders schmerzlich.

Lewin, welchen der Gedanke, seine beiden Brüder wenigstens vor dem Tode noch auszusöhnen, schon lange beschäftigt hatte, schrieb an Sergey Iwanowitsch, und las, nachdem er Antwort erhalten hatte, dem Kranken das Schreiben vor. Sergey Iwanowitsch schrieb, daß er selbst nicht kommen könne, bat aber in rührenden Ausdrücken den Bruder um Verzeihung.

Der Kranke erwiderte nichts.

„Was soll ich ihm nun schreiben?“ frug Lewin. „Ich hoffe, daß du ihm nicht mehr gram bist?“

„Nein, keineswegs!“ antwortete Nikolay voll Verdruß über diese Frage. „Schreibe ihm, er möge nur einen Arzt schicken!“

Es vergingen noch weitere drei qualvolle Tage; der Kranke befand sich immer im gleichen Zustand. Das Gefühl des Wunsches, er möchte sterben, hatten jetzt alle, die ihn sahen, sowohl der Diener des Hotels, wie der Wirt desselben und alle Insassen des Hauses; der Arzt und Marja Nikolajewna, wie Lewin und Kity.

Allein der Kranke drückte dieses Gefühl nicht aus, sondern eiferte im Gegenteil darüber, daß man den Arzt nicht schaffe, und fuhr fort, Arznei zu nehmen und vom Leben zu sprechen. Nur in den gezählten Minuten, in denen das Opium ihn für einen Augenblick die ununterbrochenen Leiden vergessen ließ, sprach er im Halbschlaf bisweilen aus, was mächtiger als bei allen anderen, in seiner Seele ruhte: „O, wenn doch ein Ende käme“, oder „wann wird das vorüber sein“.

Die Qualen, stetig wachsend, thaten das ihre, und bereiteten ihn zum Tode vor. Es gab jetzt keine Stellung mehr, in welcher er nicht gelitten hätte; es gab keine Minute mehr, in welcher er einmal sich selbst vergessen hätte, keine Stelle, kein Glied seines Körpers, welches nicht geschmerzt, ihn nicht gemartert hätte. Selbst die Erinnerung, die Eindrücke und die Gedanken über diesen Körper erregten in ihm jetzt bereits einen solchen Ekel, wie der Körper selbst. Der Anblick der übrigen Menschen, ihre Gespräche, ihre eigenen Erinnerungen, alles das war für ihn nur peinlich. Seine Umgebung empfand dies, und gestattete sich daher wie unbewußt in seiner Nähe weder eine freie Bewegung, noch Gespräche oder Äußerungen von Wünschen. Sein ganzes Leben zerfloß in das eine Gefühl des Leidens, und des Wunsches, hiervon erlöst zu sein.

Augenscheinlich hatte sich nun jene Wandlung in ihm, die ihn auf den Tod wie auf eine Erfüllung seiner Wünsche, wie auf ein Glück blicken lassen mußte, vollendet. Früher war jedem besonderen Wunsche, hervorgerufen durch Leiden oder Entbehrung, wie Hunger, Müdigkeit, Durst, schon ein Zurechtrücken des Körpers, welches ihm Befriedigung gewährte, genügt worden; jetzt aber fand die Entbehrung und der Schmerz keine Befriedigung mehr, denn schon der Versuch zu einer Befriedigung rief neue Schmerzen hervor, und so flossen denn alle Wünsche in dem einen zusammen – dem Wunsche, erlöst zu sein von all den Qualen und von der Quelle derselben – dem Körper.

Aber zum Ausdruck dieses Wunsches nach Befreiung hatte er keine Worte, und daher sprach er nicht davon, sondern forderte nur noch nach seiner Gewohnheit die Befriedigung der Wünsche, die schon nicht mehr erfüllt werden konnten.

„Legt mich auf die andere Seite,“ sagte er und verlangte gleich darauf, daß man ihn wieder lege, wie vorher. „Gebt mir Bouillon! Schafft sie fort! Sprecht doch etwas, weshalb schweigt ihr so!“ Sobald man aber angefangen hatte, zu sprechen, schloß er die Augen, und drückte Ermattung, Gleichgültigkeit und Widerwillen aus.

Am zehnten Tage nach der Ankunft in der Stadt erkrankte Kity. Es stellte sich Kopfschmerz und Erbrechen bei ihr ein, und sie vermochte den ganzen Morgen nicht, das Bett zu verlassen.

Der Arzt erklärte, daß das Unwohlsein von Ermüdung und Aufregung herrühre und empfahl geistige Ruhe.

Nach Tische indessen erhob sich Kity und begab sich wie gewöhnlich, mit einer Arbeit zu dem Kranken. Er blickte sie streng an, als sie eintrat und lächelte verächtlich, als sie sagte, daß sie unwohl sei. An diesem Tage schneuzte er sich unaufhörlich und stöhnte kläglich.

„Wie fühlt Ihr Euch?“ frug sie ihn.

„Schlechter,“ brachte er mit Mühe heraus, „es schmerzt so.“

„Wo schmerzt es?“

„Überall.“

„Heute geht es zu Ende, paßt auf,“ sagte Marja Nikolajewna; zwar flüsternd, aber doch so, daß der Kranke, welcher fein hörte, wie Lewin bemerkt hatte, sie vernehmen mußte. Lewin zischte ihr zu und blickte sich nach dem Kranken um. Nikolay hatte dies gehört, aber die Worte brachten bei ihm keinen Eindruck hervor. Sein Blick war noch der nämliche vorwurfsvolle und gespannte.

„Warum denkt Ihr das?“ frug Lewin sie, als sie ihm auf den Korridor hinaus folgte.

„Er hat angefangen, sich abzunehmen,“ sagte Marja Nikolajewna.

„Was ist denn das?“

„Nun dies,“ antwortete sie, die Falten in ihrem wollenen Kleide aufzupfend; in der That bemerkte Lewin, daß der Kranke an diesem ganzen Tage an sich etwas herunterreißen wollte. Die Voraussagung Marja Nikolajewnas war richtig. Der Kranke war bis zum Abend schon nicht mehr bei Kräften, die Arme zu heben, und schaute nun vor sich hin, ohne den Ausdruck konzentrierter Aufmerksamkeit im Blick zu verändern. Selbst wenn sein Bruder oder Kity sich über ihn beugten, so daß er sie sehen konnte, blickte er so. Kity sandte nach einem Geistlichen, um das Sterbegebet sprechen zu lassen.

Während dieser das Gebet las, gab der Kranke kein Lebenszeichen von sich, seine Augen waren geschlossen. Lewin, Kity und Marja Nikolajewna standen am Bett. Das Gebet war von dem Geistlichen noch nicht zu Ende gelesen worden, als sich der Sterbende streckte, seufzte und die Augen schloß. Der Geistliche legte, nachdem er das Gebet beendet, das Kreuz auf die kalte Stirn, zog es darauf langsam unter sein Gewand zurück, und berührte, nachdem er noch zwei Minuten schweigend gestanden, die erkaltete, blutlose große Hand.

„Er hat vollendet,“ sprach er und wollte gehen, da aber bewegte sich plötzlich der zusammengeklebte Bart des Toten und deutlich in der Stille wurden aus der Tiefe der Brust bestimmt und klar die Worte vernehmbar:

„Nicht ganz – aber bald.“ —

Nach Verlauf einer Minute erst erhellte sich das Gesicht, ein Lächeln trat unter dem Barte hervor und die anwesenden Frauen befaßten sich nun bestürzt damit, den Verstorbenen anzukleiden.

Der Anblick des Bruders und die Nähe des Todes erneuerte in der Seele Lewins jene Empfindung des Entsetzens vor dem Rätselhaften und zugleich vor der Nähe und Unvermeidbarkeit des Todes, das ihn an jenem Herbstabend ergriffen hatte, als sein Bruder zu ihm gekommen war.

Dieses Gefühl war jetzt noch mächtiger als früher; noch weniger, als früher fühlte er sich fähig, die Vorstellung vom Tode zu verstehen, und noch entsetzlicher stellte sich ihm das Unvermeidliche desselben vor Augen. Jetzt aber brachte ihn dieses Gefühl, dank der Nähe seines Weibes, nicht zur Verzweiflung und trotz des Todes fühlte er die Notwendigkeit, zu leben und zu lieben. Er fühlte, daß die Liebe ihn von der Verzweiflung errettet hatte, und daß diese Liebe unter den Schrecken der Verzweiflung nur noch stärker und reiner geworden war.

Das Geheimnis des Todes hatte sich nicht sobald vor seinen Augen vollzogen, ungelöst geblieben, als schon ein anderes auftauchte, ebenso unlösbar und herausfordernd zu Liebe und Leben.

Der Arzt hatte seine Vermutungen bezüglich Kitys bestätigt; ihr Unwohlsein bestand in Schwangerschaft.

21

Seit der Minute, in welcher Aleksey Aleksandrowitsch aus den Erklärungen mit Betsy und mit Stefan Arkadjewitsch erkannt hatte, daß von ihm nur gefordert wurde, er möge sein Weib in Ruhe lassen, indem er sie nicht mehr mit seiner Gegenwart belästigte, und daß sein Weib selbst dies wünschte, fühlte er sich so verlassen, daß er keinen selbständigen Beschluß mehr zu fassen vermochte, nicht mehr wußte, was er jetzt wollte, und sich in die Hände von Leuten gebend, welche sich mit dem bekannten Vergnügen um seine Angelegenheiten kümmerten, auf alles nur billigende Antworten gab.

Nun nachdem Anna schon sein Haus verlassen hatte, und die Engländerin sandte, um ihn fragen zu lassen, ob sie mit ihm zusammen zu Mittag speisen werde oder allein, da erkannte er zum erstenmale klar seine Lage und erschrak über sie.

Am schwierigsten in dieser Lage war vor allem, daß er in keiner Weise seine Vergangenheit mit ihr so wie sie jetzt war, in Einklang und Harmonie bringen konnte. Nicht jene Vergangenheit, in der er glücklich mit seinem Weibe gelebt hatte, machte ihn ratlos. Den Übergang aus derselben zu der Erkenntnis der Untreue seines Weibes hatte er bereits wie ein Märtyrer durchlebt, der Zustand war schwer, aber er war ihm verständlich gewesen. Wäre sein Weib damals, nachdem sie ihm von ihrer Untreue Mitteilung gemacht, von ihm gegangen, so würde er erbittert, unglücklich gewesen sein, aber er hätte sich dann nicht in jener für ihn selbst unentwirrbaren, unbegreiflichen Lage befunden, in der er sich jetzt fühlte.

Er konnte sich durchaus nicht seine neuerliche Verzeihung vergeben, seine Versöhnlichkeit, seine Liebe zu dem kranken Weibe, und dem fremden Kinde, angesichts dessen, was jetzt war, das heißt, dessen, was er, gleichsam als Belohnung für alles dies, jetzt empfand, vereinsamt, beschimpft, verlacht, niemandem brauchbar und von allen verachtet.

In den ersten zwei Tagen nach der Abreise seines Weibes empfing Aleksey Aleksandrowitsch Bittsteller, den Geschäftsführer, begab sich ins Komitee, und ging zur Mittagstafel nach dem Salon wie gewöhnlich. Ohne sich Rechenschaft, weshalb er dies thue, zu geben, verwandte er alle Kräfte seines Geistes in diesen zwei Tagen nur darauf, ein ruhiges, ja selbst gleichmütiges Aussehen zu behaupten.

Indem er auf die Fragen, wie mit den Sachen und den Räumen der Anna Arkadjewna verfahren werden sollte, antwortete, machte er die gewaltigsten Anstrengungen über sich selbst, um den Anschein eines Mannes zu wahren, für den das stattgehabte Ereignis nicht unvorhergesehen gekommen sei, und nichts in sich trage, was aus der Reihe der gewöhnlichen Vorkommnisse heraustrete; und er erreichte seine Absicht! Niemand vermochte an ihm Anzeichen der Verzweiflung zu finden. Am zweiten Tag nach der Abreise aber, als Korney ihm die Rechnung vom Modewarenmagazin überreichte, welche Anna zu begleichen vergessen hatte, und meldete, der Commis sei selbst da, befahl Aleksey Aleksandrowitsch, diesen hereinkommen zu lassen.

„Entschuldigen Excellenz, daß ich zu stören wage. Aber wenn Excellenz befehlen, daß ich mich an gnädige Frau wende, so geruhen Excellenz wohl, deren Adresse mitzuteilen.“

Aleksey Aleksandrowitsch dachte nach, wenigstens wie es dem Commis schien, und setzte sich, abgewendet, plötzlich an seinen Tisch. Den Kopf in die Hände gestützt, verharrte er lange in dieser Stellung, einige Male zu sprechen versuchend, aber wieder innehaltend.

Die Empfindungen seines Herrn begreifend, bat Korney den Commis, ein ander Mal wiederzukommen. Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch wieder allein war, erkannte er, daß er nicht die Kräfte besitze, die Rolle der Festigkeit und Ruhe noch weiter zu behaupten. Er befahl den auf ihn wartenden Wagen wieder auszuspannen, niemand vorzulassen, und ging auch nicht zur Mittagstafel.

Er fühlte, daß er diesem allgemeinen Andrang von Verachtung und Gefühllosigkeit, wie er beides auf den Zügen des Commis und Korneys und aller ohne Ausnahme, denen er in diesen zwei Tagen begegnet war, offen gesehen hatte, nicht widerstehen könne. Er fühlte, daß er die Gehässigkeit der Menschen nicht werde zurückweisen können, weil diese Gehässigkeit nicht davon herrührte, daß er ein Narr war – in diesem Falle hätte er schon sich bemühen können, als etwas Besseres zu erscheinen – sondern davon, daß er schmachvoll und widerlich unglücklich war.

Er wußte, daß man deswegen – eben deswegen, weil sein Herz zerrissen war – mit ihm mitleidlos sein würde. Er fühlte, daß die Menschen ihn vernichteten, wie man einen zerrissenen Hund, der vor Schmerz winselt, noch erwürgt. Er wußte, daß seine einzige Rettung vor den Menschen die war – seine Wunden vor ihnen zu verbergen – und er hatte dies zwei Tage unbewußt zu thun versucht, fühlte sich aber jetzt nicht mehr bei Kräften, diesen ungleichen Kampf fortzusetzen.

Seine Verzweiflung vergrößerte sich noch in dem Bewußtsein, daß er vollständig vereinsamt dastand mit seinem Leid. Nicht nur in Petersburg besaß er keinen einzigen Menschen, dem er alles hätte anvertrauen können, was er erfahren hatte, der in ihm nicht den hochgestellten Beamten, nicht das Mitglied der guten Gesellschaft bemitleidet hätte, sondern einfach den leidenden Menschen – nein, nirgends hatte er einen solchen Menschen.

Aleksey Aleksandrowitsch war als Waise aufgewachsen; sie waren ihrer zwei Brüder gewesen. Auf den Vater konnten sie sich nicht mehr besinnen, die Mutter war gestorben, als Aleksey Aleksandrowitsch zehn Jahre zählte. Das Vermögen war klein; der Onkel Karenin, ein hoher Beamter und einstiger Günstling des verstorbenen Kaisers, erzog die beiden.

Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch das Gymnasium und die Universität mit Prämien absolviert hatte, betrat er sogleich mit Hilfe des Onkels die dienstliche Laufbahn und ergab sich von dieser Zeit an ausschließlich dem amtlichen Strebertum. Weder auf dem Gymnasium noch auf der Universität, oder später im Amte hatte Aleksey Aleksandrowitsch mit irgend jemand freundschaftliche Beziehungen angeknüpft. Sein Bruder war ihm der geistig zunächst stehende Mensch gewesen, doch hatte derselbe im Ministerium der äußeren Angelegenheiten gearbeitet, war stets im Auslande gewesen, und auch bald nach der Verheiratung Aleksey Aleksandrowitschs hier gestorben.

Während er eine Gouverneurstelle bekleidete, hatte die Tante Annas, eine reiche Dame im Gouvernement, den zwar nicht mehr jungen Mann, wohl aber jungen Gouverneur, mit ihrer Nichte bekannt gemacht, und ihn in eine Situation verwickelt, nach welcher er sich entweder erklären oder die Stadt verlassen mußte. Aleksey Aleksandrowitsch schwankte lange. Es gab damals ebenso viel Gründe für diesen Schritt, wie gegen denselben, und es gab keinen entscheidenden Anlaß, der ihn bewogen hätte, seinen Grundsatz, sich im Unentschiedenen zu erhalten, zu ändern. Die Tante Annas indessen hatte ihm bereits durch einen Bekannten zu verstehen geben lassen, daß er das junge Mädchen bereits kompromittiert habe und die Rücksicht auf seine Ehre ihn zwingen müsse, einen Antrag zu machen. Er machte den Antrag, und weihte seiner Braut und Frau alles Gefühl, dessen er fähig war.

Jene Anhänglichkeit, die er für Anna empfand, schloß in seiner Seele auch die letzten Voraussetzungen für eine Unterhaltung herzlicher Beziehungen zu den Menschen aus, und jetzt besaß er unter allen seinen Bekannten keinen Vertrauten. Er besaß wohl viel von dem, was man Verbindungen nennt, Freundschaftsverhältnisse aber hatte er nicht. Aleksey Aleksandrowitsch hatte auch viele, die er zu sich zur Tafel einladen, um Teilnahme in einer ihn interessierenden Sache bitten konnte, um Protektion eines Petenten, mit denen er sich aufrichtig über die Thätigkeit anderer Männer und der höchsten Regierungsstelle äußern konnte – aber seine Beziehungen zu diesen Personen waren in einem durch Sitte und Gewohnheit festbestimmten Bereich begrenzt, aus dem es unmöglich war, herauszutreten. Es war da ein Universitätsfreund, welchem er sich später wieder genähert hatte, und mit dem er über sein persönliches Leid hätte sprechen können, aber dieser Kamerad war Inspizient eines ferngelegenen Lehrbezirks. Unter den Personen, welche in Petersburg waren, standen ihm am nächsten und waren noch die denkbarsten von allen der Kanzleidirektor und sein Arzt.

Michail Wasiljewitsch Sljudin, war ein einfacher, verständiger, guter und moralischer Mensch, und in ihm verspürte Aleksey Aleksandrowitsch eine persönliche Neigung für sich, aber ihre fünfjährige amtliche Thätigkeit hatte zwischen beiden eine Schranke für seelische Beziehungen aufgerichtet.

Aleksey Aleksandrowitsch, die Unterschrift der Papiere beendend, schwieg lange, auf Michail Wasiljewitsch blickend, und versuchte mehrmals zu sprechen, ohne daß er es vermochte. Er hatte schon den Satz vorbereitet „habt ihr von meinem Unglück gehört?“ Aber er vollendete damit, daß er, wie gewöhnlich sagte, „macht mir das also fertig,“ womit er ihn entließ.

Der zweite Mensch war sein Arzt, der gleichfalls freundschaftlich gesinnt für ihn war, aber zwischen ihnen bestand schon seit langem ein schweigendes Einverständnis darüber, daß sie beide mit Geschäften überhäuft wären, und sich beeilen müßten.

An seine weiblichen Freunde, selbst an den nervösesten unter ihnen, die Gräfin Lydia Iwanowna, hatte Aleksey Aleksandrowitsch nicht gedacht. Alle Weiber, schlechtweg als Weiber, waren ihm furchtbar und widerlich.

22

Aleksey Aleksandrowitsch hatte die Gräfin Lydia Iwanowna vergessen, diese aber nicht ihn. In der schwersten Minute seiner Vereinsamung und Verzweiflung gerade kam sie zu ihm und trat ohne Meldung in sein Kabinett. Sie traf ihn in der Stellung, in welcher er gesessen hatte, den Kopf auf beide Arme gestützt.

„J'ai forcé la consigne,“ sagte sie, indem sie mit schnellen Schritten und schwer atmend vor Erregung und der schnellen Bewegung eintrat. „Ich habe alles gehört! Aleksey Aleksandrowitsch! – Mein Freund!“ – fuhr sie fort, mit beiden Händen fest die seine drückend und ihm mit ihren schönen, sinnigen Augen ins Auge blickend.

Aleksey Aleksandrowitsch verfinsterte sich, erhob sich ein wenig, und schob ihr, seine Hand von ihr losmachend, einen Stuhl zu.

„Nicht gefällig, Gräfin? Ich empfange nicht, weil ich krank bin,“ sagte er und seine Lippen bebten.

„Mein Freund!“ wiederholte die Gräfin Lydia Iwanowna, ohne die Augen von ihm zu verwenden, und plötzlich hoben sich ihre Brauen mit den inneren Seiten, ein Dreieck auf der Stirn bildend, und ihr unschönes gelbes Gesicht wurde noch unschöner; doch Aleksey Aleksandrowitsch empfand, daß sie ihn bemitleide und im Begriff war, zu weinen. Auch ihn überkam eine weiche Stimmung; er ergriff ihre fleischige Hand und küßte sie. „Mein Freund!“ sagte sie mit von Erregung unterbrochener Stimme. „Ihr dürft Euch dem Schmerz nicht so hingeben. Euer Leid ist groß, aber Ihr müßt Trost finden.“

„Ich bin zerschmettert, vernichtet, ich bin kein Mensch mehr,“ sagte Aleksey Aleksandrowitsch, ihre Hand freilassend, aber weiter, in ihre von Thränen gefüllten Augen schauend. „Meine Lage ist furchtbar dadurch, daß ich nirgends, in mir selbst nicht einmal, einen Stützpunkt dafür finde.“

„Ihr werdet eine Stütze finden; sucht sie aber nicht in mir; obwohl ich Euch bitte, an meine Freundschaft zu glauben,“ antwortete sie mit einem Seufzer, „unsere Stütze ist die Liebe, jene Liebe, die der da droben uns gegeben hat. Eine Bürde in ihm ist leicht,“ sagte sie mit jenem verzückten Blick, den Aleksey Aleksandrowitsch so gut kannte, „er wird Euch halten und Euch beistehen!“

Trotzdem, daß in diesen Worten sowohl das Mitleid mit seinen erhabenen Empfindungen, wie auch jene, Aleksey Aleksandrowitsch überflüssig erscheinende, neue verzückte, erst seit kurzem in Petersburg verbreitete, mystische Stimmung lag, war es diesem angenehm, sie jetzt zu vernehmen.

„Ich bin schwach. Ich bin vernichtet. Ich habe nichts vorausgesehen und fasse jetzt nichts.“

„Mein Freund,“ wiederholte Lydia Iwanowna.

„Nicht der Verlust dessen ist es, was jetzt nicht mehr ist, nicht dies!“ fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort, „ich klage um nichts. Aber ich muß mich schämen vor den Menschen wegen der Lage, in der ich mich befinde. Das ist schlimm, aber ich kann nicht, kann nicht anders.“

„Nicht Ihr habt jene erhabene That der Vergebung ausgeführt, von der ich entzückt bin, wie jedermann, sondern der droben, der in Eurem Herzen wohnt,“ sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, verzückt die Augen hebend, „und daher dürft Ihr Euch Eurer Handlungsweise nicht schämen.“

Aleksey Aleksandrowitsch verzog das Gesicht und begann, die Hände hinter sich nehmend, mit den Fingern zu knacken.

„Man muß eben alle Einzelheiten kennen,“ sagte er mit dünner Stimme, „die Kräfte des Menschen haben ihre Grenze, Gräfin, und ich habe die Grenze der meinigen gefunden. Den ganzen Tag jetzt muß ich Verfügungen treffen, Verfügungen über das Hauswesen, die sich für mich ergeben haben“ – er betonte das letztere Wort – „aus meiner neuen, vereinsamten Stellung. Das Gesinde, die Gouvernante, die Rechnungen – dieses Kreuzfeuer hat mich versengt und ich war nicht bei Kräften, es zu ertragen. Bei Tische – ich bin gestern kaum seit der Mittagstafel hinausgekommen. Ich konnte es nicht ertragen, wie mich mein Sohn anblickte. Er frug mich nicht, was das alles bedeuten solle, aber er wollte fragen, und ich konnte diesen Blick nicht ertragen. Er fürchtete, mich anzuschauen, aber das ist noch wenig“ – Aleksey Aleksandrowitsch wollte jener Rechnung Erwähnung thun, die man ihm gebracht hatte, doch seine Stimme begann zu zittern und er hielt inne. An diese Rechnung auf blauem Papier, mit den Hüten und Bändern, konnte er nicht ohne Mitleid mit sich selbst denken.

„Ich verstehe, mein Freund,“ sagte die Gräfin Lydia Iwanowna. „Ich verstehe alles. Hilfe und Trost werdet Ihr nicht in mir finden, aber ich bin dennoch nur deshalb gekommen, Euch beizustehen, wenn ich kann. Wenn ich doch alle diese kleinlichen, erniedrigenden Mühewaltungen von Euch nehmen könnte. Ich verstehe, daß hier ein Frauenwort, ein weibliches Regiment not thut. Vertraut Ihr es mir an?“

Aleksey Aleksandrowitsch drückte ihr schweigend und dankerfüllt die Hand.

„Wir wollen uns mit dem kleinen Sergey beschäftigen. Ich bin nicht stark in praktischen Dingen. Aber ich werde mich nützlich machen und Eure Hausverwalterin sein. Dankt mir nicht. Ich thue das nicht von mir aus.“ —

„Ich muß danken.“

„Aber, mein Freund, überlaßt Euch nicht diesem Gefühl, von welchem Ihr gesprochen habt – daß Ihr Euch dessen schämtet, was das höchste Gebot des Christen ist: Wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöht werden. Und danken könnt Ihr nicht mir. Ihm ist zu danken, ihn muß man um Hilfe bitten, in ihm allein finden wir Ruhe, Trost, Heil und Liebe,“ sagte sie, und die Augen zum Himmel emporhebend, begann sie zu beten, wie Aleksey Aleksandrowitsch aus ihrem Schweigen erkannte.

Aleksey Aleksandrowitsch vernahm sie jetzt auch, und jene Ausdrücke, welche ihm früher, wenn nicht unangenehm, so doch überflüssig erschienen waren, kamen ihm jetzt natürlich und tröstlich vor. Aleksey Aleksandrowitsch liebte diesen neuen, verzückten Geist nicht; er war ein religiöser Mensch, der sich für Religion hauptsächlich im politischen Sinne interessierte, aber die neue Lehre, die sich mehrere neue Auslegungen gestattete, war ihm deshalb besonders, weil sie dem Streit und der Analyse Thür und Thor öffnete, grundsätzlich unangenehm. Früher hatte er sich kühl, ja selbst feindselig gegen diese neue Lehre verhalten, und mit der Gräfin Lydia Iwanowna, die von derselben eingenommen worden war, zwar nie gestritten, aber geflissentlich durch Schweigen ihre Herausforderungen umgangen. Jetzt nun zum erstenmal hörte er ihre Worte mit Befriedigung und widersprach ihnen innerlich nicht.

„Ich bin Euch sehr, sehr dankbar, sowohl für Eure Thaten als für Eure Worte,“ sprach er, als sie mit Beten fertig war.

Die Gräfin Lydia Iwanowna drückte ihrem Freunde nochmals beide Hände.

„Jetzt will ich ans Werk gehen,“ sagte sie lächelnd, nachdem sie eine Weile geschwiegen und sich die Spuren der Thränen aus dem Gesicht gewischt hatte. „Ich werde zu Sergey gehen, und mich nur im äußersten Notfall an Euch wenden.“ Sie erhob sich und ging hinaus.

Die Gräfin Lydia Iwanowna begab sich zu Sergey und erzählte dem erschreckten Knaben, ihm die Wangen mit Thränen bethauend, daß sein Vater ein Heiliger und seine Mutter gestorben sei.

Die Gräfin Lydia Iwanowna erfüllte ihr Versprechen. Sie nahm in der That alle Sorgen und das Arrangement und die Hausverwaltung Aleksey Aleksandrowitschs auf sich, hatte aber nicht übertrieben, wenn sie sagte, daß sie in praktischen Dingen nicht stark sei. Alle ihre Anordnungen mußten abgeändert werden, da sie unausführbar waren, und sie wurden abgeändert durch Korney, den Kammerdiener Aleksey Aleksandrowitschs, der jetzt, ohne daß dies jemand merkte, das ganze Haus Karenins leitete, und ruhig und schonungsvoll während des Ankleidens seinem Herrn berichtete, was notwendig war. Gleichwohl aber blieb die Hilfe Lydia Iwanownas im höchsten Grade wesentlich: sie verlieh Aleksey Aleksandrowitsch eine moralische Stütze in der Erkenntnis ihrer Liebe und Achtung für ihn, und insbesondere darin, daß sie ihn, – es war ihr dies ein tröstlicher Gedanke – fast zum Christentum bekehrte, das heißt, aus einem gleichgültig und träg Religiösgesinnten zum eifrigen und festüberzeugten Parteigänger jener neuen Offenbarung der christlichen Lehre machte, welche sich in der jüngsten Zeit in Petersburg verbreitet hatte.

Aleksey Aleksandrowitsch wurde es leicht, sich von dieser Lehre überzeugen zu lassen. Er ebenso wie Lydia Iwanowna und andere Leute, die ihre Anschauungen zersplitterten, war einer wahrhaft vertieften Vorstellungskraft, jener geistigen Fähigkeit, dank welcher die Vorstellungen, welche von der Phantasie so hervorgerufen sind, ja thatsächlich werden, daß sie mit den anderen Vorstellungen und mit der Wirklichkeit einen Einklang fordern, völlig beraubt. Er erblickte nichts Unmögliches und Ungestaltes in der Vorstellung, daß der Tod, für die Ungläubigen wirklich vorhanden, für ihn aber nicht da sei, und daß, da er den wahrsten Glauben besitze, über den er selbst Richter wäre, auch keine Sünde mehr in seiner Seele sei, und er schon hier auf Erden ein volles Seelenheil kennen lerne.

Allerdings wurde die Leichtfertigkeit und Fehlerhaftigkeit dieser Vorstellung von seinem eignen Glauben Aleksey Aleksandrowitsch dunkel fühlbar, und er wußte, daß er, wenn er ohne daran zu denken, daß seine Verzeihung die Wirkung einer höheren Kraft gewesen war, sich diesem Gefühl unmittelbar hingab, mehr Glück verspürte, als wenn er, wie jetzt, jede Minute dachte, daß Christus in seiner Seele sei und er, wenn er Akten unterschrieb, damit nur dessen Willen erfülle. Aleksey Aleksandrowitsch war es indessen so unumgänglich notwendig, so zu denken, es war ihm so notwendig, in seiner Herabwürdigung eine, wenn auch nur erklügelte, Erhabenheit zu besitzen, mit welcher er, von allen sonst verachtet, auch alle selbst verachten konnte, daß er sich, wie an eine Rettung, an sein vermeintliches Seelenheil anklammerte.

23

Die Gräfin Lydia Iwanowna war noch als sehr junges, exaltiertes Mädchen an einen reichen, vornehmen, sehr gutmütigen und sehr ausschweifenden Lebemann verheiratet worden.

Im zweiten Monat schon vernachlässigte sie ihr Gatte und antwortete auf die exaltierten Versicherungen ihrer zärtlichen Gesinnung für ihn nur mit Spott, ja selbst Feindseligkeit, welche sich diejenigen, die das gute Herz des Grafen kannten, und keinerlei Fehler in der verzückten Lydia wahrnahmen, nicht erklären konnten.

Seit jener Zeit lebten beide, wenn auch nicht getrennt, so doch gesondert, und wenn der Gatte seiner Frau begegnete, dann trug er gegen sie einen sich stets gleichbleibenden beißenden Sarkasmus zur Schau, dessen Ursache man nicht begreifen konnte.

Die Gräfin Lydia Iwanowna hatte schon längst aufgehört, in ihren Mann verliebt zu sein, hörte aber von da an nie mehr auf, in irgend jemand sonst verliebt zu sein. Sie war in Mehrere zugleich verliebt, in Männer wie in Frauen; sie war in fast alle Menschen verliebt, die irgendwie besonders hervortraten. Sie war verliebt in alle neuen Prinzessinnen und Prinzen, die mit der Familie des Zaren in Verwandtschaft traten, sie war verliebt in einen Metropoliten, einen Vizegeistlichen und einen Kapellan. Sie war verliebt in einen Journalisten, drei Slovenen und in Komissaroff, in einen Minister, einen Arzt, einen englischen Missionär und in Karenin. Alle diese Liebesverhältnisse, bald sich abschwächend, bald stärker werdend, behinderten sie nicht in der Unterhaltung der verzweigtesten und verwickeltsten Beziehungen mit dem Hof und der Gesellschaft, aber seit der Zeit, da sie nach dem Verhängnis, welches Karenin betroffen, diesen unter ihre Fürsorge genommen hatte, seit der Zeit, da sie im Hause Karenins waltete, in der Sorge um dessen Wohlergehen, empfand sie, daß alle die übrigen Liebesverhältnisse keine echten gewesen waren, und sie jetzt wahrhaft nur in Karenin allein verliebt war.

Das Gefühl, welches sie jetzt für diesen empfand, erschien ihr stärker, als alle früheren Gefühle, und indem sie dasselbe untersuchte und es mit diesen verglich, erkannte sie klar, daß sie in Komissaroff nicht verliebt gewesen sein würde, wenn er nicht das Leben des Zaren gerettet hätte, daß sie in Ristitsch-Kudschizkiy nicht verliebt gewesen sein würde, wenn es keine slavische Frage gäbe, daß sie aber Karenin um seiner selbst willen liebte, um seines hohen, nicht zu erfassenden Geistes, des milden, für sie so zarten Klanges seiner Stimme mit ihren gedehnten Accenten, um seines matten Blickes, seines Charakters, seiner weichen weißen Hände mit den aufgetretenen Adern willen.

Sie freute sich nicht nur der Begegnung mit ihm, sie suchte auch auf seinem Gesicht Kennzeichen des Eindruckes, den sie auf ihn machte. Sie wollte ihm nicht nur in ihren Reden gefallen, sondern mit ihrer ganzen Persönlichkeit. Ihm zu Liebe beschäftigte sie sich jetzt mehr mit ihrer Toilette, als je zuvor. Sie ertappte sich auf Träumereien, was wohl geschehen könne, wenn sie nicht verheiratet und er frei wäre. Sie errötete vor Vergnügen, wenn er in das Zimmer trat, und konnte ein Lächeln des Entzückens nicht unterdrücken, wenn er ihr etwas Angenehmes sagte.

Schon mehrere Tage befand sich die Gräfin Lydia Iwanowna in einer sehr starken Aufregung. Sie hatte erfahren, daß Anna und Wronskiy wieder in Petersburg seien. Man mußte Aleksey Aleksandrowitsch vor dem Wiedersehen mit ihr bewahren, man mußte ihn bewahren selbst vor der qualvollen Kenntnisnahme davon, daß dieses furchtbare Weib in ein und derselben Stadt mit ihm sei und er ihr jeden Augenblick begegnen könne.

Lydia Iwanowna erforschte durch ihre Bekannten, was jene „widerlichen Menschen“, wie sie Anna und Wronskiy nannte, zu thun beabsichtigten, und bemühte sich nun während dieser Tage, alle Bewegungen ihres Freundes zu leiten, damit er ihnen nicht begegnen könnte.

Ein junger Adjutant, ein Freund Wronskiys, durch welchen sie ihre Nachrichten empfangen hatte, und der durch die Gräfin Lydia Iwanowna eine Konzession zu erhalten hoffte, teilte ihr mit, daß die beiden ihre Angelegenheiten ordneten und am nächsten Tage abreisen würden.

Lydia Iwanowna war schon ruhiger geworden, als man ihr am andern Morgen ein Billet brachte, dessen Handschrift sie mit Entsetzen erkannte.

Es war die Handschrift Anna Kareninas. Das Couvert bestand aus dickem, rindenartigem Papier, war länglich und von gelber Farbe und trug ein großes Monogramm, während das Schreiben selbst Wohlgerüche ausströmte.

„Wer hat das gebracht?“

„Ein Beauftragter aus dem Hotel.“

Die Gräfin Lydia Iwanowna vermochte lange nicht, sich zu setzen und den Brief zu lesen. Sie bekam vor Aufregung einen Anfall von Atemnot, an der sie litt. Nachdem sie sich indes beruhigt hatte, las sie folgendes, französisch abgefaßte Schreiben:

„Madame la Comtesse! Die christlichen Gefühle, welche Ihr Herz erfüllen, verleihen mir die, ich fühle es, unverzeihliche Kühnheit, Ihnen zu schreiben. Ich bin unglücklich über die Trennung von meinem Sohne. Ich flehe Sie um die Erlaubnis an, ihn nur ein einziges Mal sehen zu dürfen vor meiner Abreise. Verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen mich selbst in Erinnerung bringe, ich habe mich an Sie, und nicht an Aleksey Aleksandrowitsch nur deshalb gewandt, weil ich diesen hochherzigen Mann nicht veranlassen will, in der Erinnerung an mich, zu leiden. Da ich Ihre freundschaftliche Gesinnung für ihn kenne, werden Sie mich verstehen. Senden Sie Sergey zu mir, oder soll ich ins Haus kommen zu der üblichen, festgesetzten Stunde – oder würden Sie mich wissen lassen, wann und wo ich ihn außerhalb des Hauses sehen kann? Ich versehe mich nicht einer Verweigerung, da ich die Großmut dessen kenne, von dem dies abhängt. Sie können sich die heiße Sehnsucht ihn zu sehen nicht vorstellen, die ich empfinde, und daher auch nicht die Dankbarkeit, die Ihr Beistand in mir hervorrufen würde.

Anna.“

Alles in diesem Briefe versetzte die Gräfin Lydia Iwanowna in Zorn; sowohl der Inhalt im allgemeinen, als der Hinweis auf Großmut und insbesondere der, wie ihr schien, frivole Ton.

„Sag', es gebe keine Antwort,“ sprach die Gräfin Lydia Iwanowna, und schrieb sogleich an Aleksey Aleksandrowitsch, sie hoffe, ihn um ein Uhr zur Hofcour zu sehen.

„Ich habe mit Euch über eine wichtige und traurige Angelegenheit zu sprechen, und dort wollen wir verabreden, wo dies geschehen kann. Am besten wohl bei mir, wo ich den Thee so wie Ihr ihn ja liebt, bereiten lassen werde. Es ist unbedingt notwendig. Gott legt uns das Kreuz auf, aber er giebt uns auch die Kraft,“ fügte sie hinzu, um ihn doch wenigstens in Etwas vorzubereiten.

Die Gräfin Lydia Iwanowna schrieb gewöhnlich zwei oder drei Briefe täglich an Aleksey Aleksandrowitsch. Sie liebte diese Verkehrsweise mit ihm, da sie an sich Eleganz und Diskretion besaß, wie sie sich ihr in persönlichen Beziehungen nicht bot.

24

Die Hofcour war vorüber. Die Abfahrenden pflogen bei der Begegnung noch Gespräche über die letzten Tagesneuigkeiten, über neuempfangene Auszeichnungen und Versetzungen hoher Beamter.

„Etwa der Gräfin Marja Borisowna das Kriegsportefeuille, und an die Spitze des Stabes die Fürstin Watkowskaja,“ sagte ein alter Herr in goldgestickter Uniform zu einer hochgewachsenen Schönheit, die sich bei ihm über die Beförderungen erkundigt hatte.

„Und mich zum Adjutanten,“ versetzte das Fräulein lächelnd.

„Ihr habt bereits Eure Bestimmung. Man bestellt Euch in das Ressort für geistliche Sachen. Und zu Eurem Beistande – Karenin.“

„Guten Tag, Fürst,“ sagte der alte Herr, einem Hinzutretenden die Hand drückend.

„Was habt Ihr zu Karenin gesagt?“ sprach der Fürst.

„Er und Putjakoff haben den Alexander Newskiy erhalten.“

„Ich dachte, er hätte ihn schon.“

„Nein. Seht ihn Euch doch an,“ sagte der alte Herr, mit dem goldgestickten Hute auf den, bei einem einflußreichen Mitglied des Staatsrats an der Saalthür stehenden Karenin weisend, der in Galauniform war und das neue rote Band über der Schulter trug. „Glücklich und zufrieden, wie ein Kupfergroschen,“ fügte er hinzu, stehen bleibend, um einem athletischgebauten, schöngewachsenen Kammerherrn die Hand zu drücken.

„Er ist gealtert,“ sagte der Kammerherr.

„Von Sorgen. Er macht jetzt nur Projekte. Keinen Unglücklichen entläßt er jetzt, bevor er nicht alles gewissenhaft dargelegt hat.“

„Wie, gealtert? Il fait des passions. Ich glaube, die Gräfin Lydia Iwanowna ist jetzt eifersüchtig auf seine Frau.“

„Was soll das heißen! Über die Gräfin Lydia Iwanowna, bitte, sprecht nichts Übles!“

„Ist denn das schlecht, wenn sie in Karenin verliebt ist?“

„Ist es denn wahr, daß die Karenina hier ist?“

„Das heißt nicht hier am Hofe, sondern in Petersburg! Ich begegnete ihr gestern mit Aleksey Wronskiy, bras dessus, bras dessous, auf der Morskaja.“

„C'est un homme qui n'a pas“ – begann der Kammerherr, hielt aber inne, indem er grüßend Platz machte vor einer vorüberschreitenden Persönlichkeit aus der Familie des Zaren.

So sprach man fortwährend von Aleksey Aleksandrowitsch, ihn richtend und verspottend, während dieser, dem von ihm in Beschlag genommenen Mitglied des Staatsrates den Weg vertretend, und um keine Minute seine Ausführungen verkürzend, um ihn nicht fortlassen zu müssen, demselben Punkt für Punkt einen Finanzplan vorlegte.

Fast zu gleicher Zeit, als Aleksey Aleksandrowitsch von seinem Weibe verlassen wurde, ereignete sich für diesen das bitterste Ereignis was einem Beamten passieren kann – Stillstand in seiner aufwärtsführenden Carriere. Derselbe war Thatsache geworden, und alle erkannten dies klar, Aleksey Aleksandrowitsch selbst aber hatte sich noch nicht eingestanden, daß seine Carriere zu Ende sei. War es der Zusammenstoß mit Stremoff, war es das Unglück mit seinem Weibe, oder einfach der Umstand, daß Aleksey Aleksandrowitsch zu der ihm bestimmten Grenze gelangt war, für jedermann war es im laufenden Jahre klar geworden, daß es mit seiner amtlichen Laufbahn vorüber war. Er bekleidete noch einen wichtigen Posten, er war noch Mitglied vieler Kommissionen und Komitees, aber auch ein Mann, der in Ungnade gefallen, und von welchem man nichts mehr erwartete. Was er auch reden mochte, was er auch in Vorschlag brachte, man hörte ihn, als wäre das, was er beantragte, schon längst bekannt und eben gerade das, was gar nicht notwendig war.

Aber Aleksey Aleksandrowitsch merkte das nicht, im Gegenteil, der direkten Teilnahme an der Regierungsthätigkeit fernstehend, sah er jetzt viel klarer, als früher, die Mängel und Fehler in der Thätigkeit anderer, und hielt es für seine Pflicht, auf die Mittel zu deren Verbesserung hinzuweisen.

Bald nach seiner Trennung von der Gattin begann er, seine Denkschrift über die neue Rechtsordnung zu schreiben, die erste aus einer zahllosen Reihe niemandem nutzbringender Denkschriften über alle Zweige der Verwaltung, welche er sich vorgenommen hatte, zu schreiben.

Aleksey Aleksandrowitsch erkannte seine hoffnungslose Stellung in der Beamtenwelt nicht nur nicht, er war auch nicht erbittert hierüber, sondern eher noch mehr als je zufrieden mit seiner Thätigkeit.

„Ein Beweibter sorgt sich um das Eitle, wie er seinem Weibe gefallen mag, ein Unbeweibter um das Erhabene, wie er dem Herrn gefallen kann,“ sagt der Apostel Paulus, und Aleksey Aleksandrowitsch, in allen Dingen jetzt nur noch geleitet von der heiligen Schrift, erinnerte sich oft dieses Textes. Es schien ihm, daß er seit der Zeit, seit welcher er ohne seine Frau lebte, gerade mit diesen Projekten dem Herrn mehr diente, als früher.

Die augenscheinliche Ungeduld des Mitgliedes des Staatsrats, welches wünschte, von ihm loszukommen, setzte Aleksey Aleksandrowitsch nicht in Verlegenheit; er hörte nicht eher damit auf, seinen Plan zu entwickeln, als bis das Ratsmitglied, die Gelegenheit des Vorüberschreitens der Persönlichkeit aus der Zarenfamilie benutzend, ihm entschlüpft war.

Allein geblieben, ließ Aleksey Aleksandrowitsch den Kopf sinken, indem er seine Gedanken sammelte, blickte dann zerstreut um sich, und schritt der Thür zu, an welcher er der Gräfin Lydia Iwanowna zu begegnen hoffte.

„Wie sind sie alle körperlich so stark und gesund,“ dachte Aleksey Aleksandrowitsch, auf den mächtigen Kammerherrn mit seinem frisierten, wohlriechenden Backenbart blickend, auf den rotschimmernden Hals des straff in seiner Uniform erscheinenden Fürsten, an denen er vorbeizuschreiten hatte. „Es ist ganz richtig gesagt, daß alles in der Welt von Übel ist,“ dachte er, nochmals seitwärts nach den Waden des Kammerherrn blickend.

Langsam seine Beine weiterbewegend, verbeugte er sich mit dem gewöhnlichen Ausdruck von Ermüdung und Würde vor jenen Herren, welche von ihm gesprochen hatten, und suchte, nach der Thür blickend, mit seinen Augen die Gräfin Lydia Iwanowna.

„Ah, Aleksey Aleksandrowitsch!“ sagte der alte Herr, mit boshaft blinzelnden Augen, während Karenin neben ihm hinschritt und mit kalter Bewegung den Kopf neigte.

„Ich habe Euch noch nicht beglückwünscht,“ sagte der alte Herr, auf sein neuempfangenes Ordensband weisend.

„Ich danke Euch,“ versetzte Aleksey Aleksandrowitsch, „welch ein herrlicher Tag ist heute,“ fügte er hinzu, nach seiner Gewohnheit besonders Betonung auf das Wort „herrlich“ legend.

Daß man über ihn lachte, wußte er, aber er erwartete von ihnen ja auch gar nichts anderes als Feindseligkeit; er war schon daran gewöhnt.

Als er die aus dem Korsett emporsteigenden gelben Schultern der Gräfin Lydia Iwanowna, die in die Thür getreten war, und ihre ihn zu sich rufenden, schönen sinnigen Augen erblickte, lächelte er, die weißen, nicht schlecht gewordenen Zähne zeigend, und begab sich zu ihr hin.

Die Toilette Lydia Iwanownas hatte große Mühe gekostet, wie überhaupt alle ihre Toiletten in der letzten Zeit. Der Zweck derselben war jetzt ein vollständig umgekehrter im Vergleich zu dem, welchen sie vor dreißig Jahren damit verfolgt hatte.

Damals hatte sie sich nur mit Etwas putzen wollen, je mehr, um so besser. Jetzt, im Gegenteil hatte sie so notorisch in einer ihren Jahren und ihrer Figur nicht entsprechenden Weise an Schönheit verloren, daß sie nur noch darum bemüht war, den Gegensatz zwischen diesem Putz und ihrer äußeren Erscheinung nicht gar zu schrecklich werden zu lassen.

Was Aleksey Aleksandrowitsch anbetraf, so hatte sie dies erreicht, und erschien diesem anziehend. Sie bildete für ihn die einzige Insel nicht nur von Zuneigung, sondern auch der Liebe, inmitten des Meeres von Feindseligkeit und Hohn, das ihn umgab.

Durch die Spießrutengasse von höhnischen Blicken hindurchschreitend, strebte er naturgemäß ihrem Blick voll Liebe zu, wie die Pflanze dem Licht.

„Ich gratuliere Euch,“ sprach sie zu ihm, mit den Augen auf sein Ordensband weisend.

Ein Lächeln des Vergnügens unterdrückend, zuckte er nur mit den Schultern, die Augen schließend, als wollte er sagen, es könne ihn dies nicht erfreuen. Die Gräfin Lydia Iwanowna wußte recht wohl, daß dies für ihn eine der höchsten Freuden war, obwohl er es nimmermehr eingestanden haben würde.

„Was macht unser Engel?“ sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, an Sergey denkend.

„Kann nicht gerade sagen, daß ich vollständig zufrieden mit ihm wäre,“ sagte Aleksey Aleksandrowitsch, die Brauen in die Höhe ziehend und die Augen öffnend. „Auch Sitnikoff ist nicht zufrieden mit ihm.“ Sitnikoff war der Pädagog, dem die weltliche Erziehung Sergeys anvertraut war. „Wie ich Euch schon gesagt habe, besitzt er eine gewisse Kühlheit gerade denjenigen Hauptfragen gegenüber, die die Seele eines jeden Menschen, und jedes Kind berühren,“ begann er, seine Gedanken über die einzige, ihn neben seiner amtlichen Thätigkeit interessierende Frage zu entwickeln – über die Erziehung seines Sohnes.

Nachdem Aleksey Aleksandrowitsch mit Hilfe Lydia Iwanownas aufs neue dem Leben und der Thätigkeit wieder geschenkt worden war, fühlte er auch seine Verpflichtung, sich mit der Erziehung des Kindes zu befassen, welches in seinen Händen geblieben war. Da er sich vorher niemals mit Erziehungsangelegenheiten beschäftigt hatte, so opferte Aleksey Aleksandrowitsch einige Zeit dem theoretischen Studium des Gegenstandes, und indem er einige anthropologische, pädagogische und didaktische Bücher durchlas, stellte er einen Erziehungsplan auf, und ging, den besten Petersburger Schulmann zur Leitung desselben einladend, ans Werk. Dieses Werk nun beschäftigte ihn beständig.

„Ja, aber das Herz? Ich erkenne in ihm das Herz des Vaters und mit einem solchen Herzen kann ein Kind nicht schlecht sein,“ sagte Lydia Iwanowna verzückt.

„Ja, mag sein; was mich anbetrifft, so erfülle ich meine Pflicht. Das ist alles, was ich thun kann.“

„Ihr kommt doch mit zu mir,“ sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, eine Pause machend, „ich muß über eine traurige Angelegenheit mit Euch reden. Alles hätte ich darum gegeben, Euch mit gewissen Erinnerungen zu verschonen, aber die anderen denken ja nicht so. Ich habe ein Schreiben ‚von ihr‘ erhalten. Sie ist hier, in Petersburg.“

Aleksey Aleksandrowitsch erschrak bei der Gemahnung an sein Weib, sofort aber stand auch jene totenhafte Unbeweglichkeit auf seinen Zügen, welche seine vollkommene Hilflosigkeit in dieser Sache ausdrückte.

„Ich habe das erwartet,“ sagte er.

Die Gräfin Lydia Iwanowna blickte ihn verzückt an, und die Thränen des Enthusiasmus vor seiner Seelengröße traten ihr in die Augen.

25

Als Aleksey Aleksandrowitsch in das kleine, mit altertümlichem Porzellan dekorierte und Gemälden behängte anheimelnde Kabinett Lydia Iwanownas trat, war die Herrin selbst noch nicht anwesend. Sie kleidete sich um.

Auf einem runden Tische war ein Tafeltuch aufgedeckt, auf welchem ein chinesisches Service und eine silberne Theemaschine stand. Aleksey Aleksandrowitsch betrachtete zerstreut die unzähligen, ihm bekannten Porträts, welche das Kabinett schmückten, und öffnete, nachdem er sich an dem Tische niedergelassen, das auf demselben liegende Evangelium.

Das Rauschen des seidenen Kleides der Gräfin zog ihn davon ab.

„So, nun wollen wir uns gemächlich setzen,“ sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, mit aufgeregtem Lächeln hastig zwischen Tisch und Diwan durchschreitend, „und bei unserem Thee sprechen.“

Nach einigen Worten der Vorbereitung gab die Gräfin Lydia Iwanowna schwer atmend und errötend das empfangene Schreiben Aleksey Aleksandrowitsch in die Hände.

Das Schreiben durchlesend, blieb dieser lange stumm.

„Ich glaube nicht das Recht zu haben, ihr einen abschläglichen Bescheid geben zu dürfen,“ sagte er zaghaft, die Augen erhebend.

„Mein Freund, Ihr seht doch in keinem Menschen das Böse!“

„Im Gegenteil sehe ich, daß alles von Übel ist! Ob es aber richtig ist.“

In seinem Gesicht lag Unentschlossenheit und das Suchen nach Rat, nach Unterstützung und Leitung in der Sache, die ihm unerfaßbar war.

„Nein“ – unterbrach ihn die Gräfin Lydia Iwanowna, „alles hat seine Grenze! Ich begreife die Unmoral,“ sagte sie – nicht ganz aufrichtig, da sie nie begreifen konnte, was Frauen zur Unmoral führt – „begreife aber nicht diese Hartherzigkeit. Gegen wen? gegen Euch! Wie kann man in dieser Stadt verbleiben, in welcher Ihr seid? Nein; man kann hundert Jahre leben und lernt nicht aus! Ich aber lerne Eure Erhabenheit und ihre Niedrigkeit erkennen!“ —

„Wer will einen Stein auf sie werfen?“ sagte Aleksey Aleksandrowitsch, augenscheinlich mit seiner Rolle zufrieden. „Ich habe alles vergeben, und kann sie daher nicht dessen berauben, was eine Forderung ihrer Liebe ist, der Liebe zu ihrem Kinde“ —

„Aber ist denn das Liebe, mein Freund? Ist das aufrichtig von Euch? Gesetzt auch, Ihr habt ihr vergeben, Ihr verzeiht ihr – haben wir deshalb das Recht, auf die Seele jenes Engels einzuwirken? Er hält sie für tot. Er betet für sie und bittet Gott, ihr ihre Sünden zu vergeben. So ist es doch am besten. Sonst aber – was wird er da denken?“ —

„Hieran dachte ich nicht,“ antwortete Aleksey Aleksandrowitsch, augenscheinlich zustimmend.

Die Gräfin Lydia Iwanowna bedeckte das Gesicht mit den Händen und blieb stumm. Sie betete.

„Wenn Ihr nach meinem Rate fragt,“ sagte sie, mit beten fertig und das Gesicht wieder aufdeckend, „dann empfehle ich Euch, dies nicht zu thun. Sehe ich denn nicht selbst, wie Ihr leidet, wie dies alle Eure Wunden wieder geöffnet hat? Aber nehmen wir an, Ihr vergäßet, wie immer, Euch selbst; wozu könnte das dann führen? Zu neuen Leiden nur Eurerseits, zu Qualen für das Kind! Wenn in ihr noch etwas Menschliches geblieben ist, so darf sie dies selbst nicht wünschen. Ich rate, ohne mich dabei zu bedenken, nicht dazu, und wenn Ihr bestimmt, werde ich ihr schreiben.“ —

Aleksey Aleksandrowitsch willigte darein, und die Gräfin Lydia Iwanowna schrieb folgendes Billet auf Französisch:

„Geehrte Frau! Die Erinnerung an Euch kann für Euren Sohn zu Fragen seinerseits führen, auf die es keine Antwort giebt, welche in die Seele des Kindes nicht den Geist des Tadels dem gegenüber einpflanzen müßte, was für ihn ein Heiligtum sein soll; demgemäß ersuche ich Euch, den abschläglichen Bescheid Eures Gatten im Geiste der christlichen Liebe aufzufassen.

Ich bitte den Höchsten um seine Barmherzigkeit mit Euch.

Gräfin Lydia Iwanowna.“

Dieses Schreiben verfolgte jenen geheimen Zweck, den die Gräfin Lydia Iwanowna sogar vor sich selbst verhehlte. Es traf Anna bis auf den Grund der Seele.

Aleksey Aleksandrowitsch seinerseits von Lydia Iwanowna nach Hause zurückgekehrt, vermochte es nicht, sich an diesem Tage seinen gewöhnlichen Geschäften zu widmen, und jenen inneren Frieden des gläubigen und geretteten Menschen zu finden, den er vorher empfunden hatte.

Die Erinnerung an sein Weib, das so schuldbeladen vor ihm war, und vor welchem er so hehr erschien, wie ihm ganz richtig die Gräfin Lydia Iwanowna gesagt hatte, hätte ihn nicht beunruhigen dürfen; und doch war er nicht ruhig; er vermochte das Buch nicht zu verstehen, welches er las, er vermochte die quälenden Erinnerungen an seine Beziehungen zu ihr nicht von sich zu weisen, die Erinnerung an jene Fehler, die er, wie ihm jetzt schien, ihr gegenüber begangen hatte.

Die Erinnerung daran, wie er, bei der Rückkehr von den Rennen, das Geständnis ihrer Untreue entgegengenommen hatte – besonders dies, daß er von ihr nur äußeren Anstand verlangt und nicht zum Duell herausgefordert hatte – peinigte ihn jetzt wie eine Reue. Ebenso folterte ihn auch die Erinnerung an das Schreiben, welches er ihr gesandt hatte, und insbesondere seine Verzeihung, die niemand etwas genützt hatte, und seine Sorge um jenes ihm fremde Kind versengte sein Herz vor Scham und Reue.

Ganz das nämliche Gefühl der Scham und Reue empfand er auch jetzt, da er seine ganze Vergangenheit mit ihr durchmusterte, und indem er sich der ungeschickten Worte erinnerte, mit denen er ihr nach langem Zaudern, seine Erklärung gemacht hatte.

„Aber woran trage ich eine Schuld?“ sprach er zu sich selbst, und diese Frage rief in ihm stets eine andere hervor – die, ob die anderen Menschen wohl anders empfänden, anders liebten, anders heirateten. Jene Wronskiy, Oblonskiy, diese Kammerherren mit den drallen Waden, und eine ganze Reihe von jenen strotzenden, starken, rücksichtslosen Männern stieg vor ihm auf, die stets, wider seinen Willen und allerorten seine Neugier und Aufmerksamkeit erregt hatten.

Er wies diese Gedanken von sich, er bemühte sich, sich zu überzeugen, daß er nicht für das gegenwärtige Leben lebe, sondern für das ewige, daß sich in seiner Seele der Frieden und die Liebe befinde. Aber das, was er in diesem zeitlichen, nichtigen Leben begangen hatte, wie ihm schien, einige unbedeutende Fehler, peinigte ihn doch so, als gäbe es jenes ewige Seelenheil gar nicht, an welches er glaubte.

Aber diese Versuchung währte nicht lange, und alsbald erstand wieder in der Seele Aleksey Aleksandrowitschs jene Ruhe und Erhabenheit, dank welcher er das zu vergessen vermochte, dessen er nicht zu gedenken wünschte.

26

„Nun, wie steht's Kapitonitsch?“ sagte der kleine Sergey rotwangig und heiter, von dem Spaziergang am Vorabend seines Geburtstags zurückkehrend und seine faltige Poddjovka dem hochgewachsenen, aus seiner ganzen Größe auf den Kleinen herablächelnden alten Portier reichend.

„War heute jener zurückgesetzte Beamte da? Hat ihn der Papa empfangen?“

„Empfangen. Soeben ist der Direktor gegangen und ich habe ihn gemeldet,“ sagte der Schweizer heiter blinzelnd. „Gestattet mir, daß ich Euch auskleide.“

„Sergey!“ sagte der Erzieher, in der Thüre stehen bleibend, welche nach den inneren Gemächern führte. „Legt selbst ab!“

Doch Sergey widmete, obwohl er die schwache Stimme des Pädagogen gehört hatte, diesem nicht die geringste Aufmerksamkeit. Er stand, sich mit der Hand an dem Brustgurt des Portiers anhaltend und ihm ins Gesicht blickend.

„Hat denn Papa auch für ihn gethan, was not thut?“

Der Portier nickte bestätigend mit dem Kopfe.

Ein Beamter, der schon siebenmal bei Aleksey Aleksandrowitsch mit einem Anliegen vorgesprochen hatte, interessierte Sergey und den Portier. Sergey hatte denselben auf dem Vorsaal getroffen und gehört, wie kläglich er den Portier bat, sein Anliegen vorzutragen, und gesagt hatte, daß er mit seinen Kindern werde untergehen müssen.

Seit dieser Zeit interessierte sich Sergey, der dem Beamten noch ein zweites Mal auf dem Vorsaal begegnet war, für diesen.

„Hat er sich denn recht gefreut?“ frug er.

„Wie sollte er sich nicht gefreut haben? Bald gesprungen wäre er, als er von hier fortging.“

„Hat man etwas für uns gebracht?“ – frug Sergey nach einer Pause.

„Nein, Herr,“ antwortete kopfschüttelnd und flüsternd der Portier, „von der Gräfin ist etwas da.“

Sergey ersah sofort, daß das, wovon der Schweizer sprach, ein Geschenk von der Gräfin Lydia Iwanowna zu seinem Geburtstage sein müsse.

„Was sagst du? Wo ist es denn?“

„Korney hat es zu Papa getragen. Es scheint etwas recht Schönes.“

„Wie groß ist es denn? – So?“ —

„Kleiner, aber was Hübsches.“

„Ein Buch?“

„Nein, ein Spielzeug. Aber geht, geht, Wasiliy Lukitsch wird gleich rufen,“ sagte der Portier, die nahenden Schritte des Gouverneurs vernehmend und behutsam das bis zur Hälfte im abgezogenen Handschuh steckende Händchen, welches ihn noch bei seinem Ledergurt hielt, losmachend.

„Wasiliy Lukitsch, diese Minute!“ antwortete Sergey mit dem nämlichen heiteren und lieblichen Lächeln, welches den seines Amtes beflissenen Wasiliy Lukitsch stets besiegte.

Sergey war in viel zu heiterer und glücklicher Stimmung, als daß er sich mit seinem Freund, dem Portier, nicht erst noch hätte in das freudige Familienereignis teilen sollen, von dem er auf dem Spaziergang im Sommergarten durch die Nichte der Gräfin Lydia Iwanowna erfahren hatte.

Dieses freudige Ereignis erschien ihm besonders wichtig nach dem Zusammentreffen mit dem Glücksfall des Beamten und seiner eigenen Freude darüber, daß man ihm ein Spielzeug gebracht hatte. Sergey schien es, daß heute ein Tag sei, an welchem jedermann glücklich und heiter sein müsse.

„Weißt du, daß Papa den Alexander Newskiy erhalten hat?“

„Warum sollte ich das nicht wissen? Man ist ja schon gekommen, um zu gratulieren.“

„So; freut er sich?“

„Wie sollte man sich über des Zaren Gunst nicht freuen? Das heißt, er hat ihn ja auch verdient,“ sagte der Portier streng und ernst.

Der kleine Sergey wurde nachdenklich, blickte in das von ihm schon bis in die kleinsten Einzelheiten studierte Gesicht des Portiers, insbesondere auf das Kinn, welches zwischen den grauen Backenbärten hing und das niemand außer Sergey je erblickt hatte, da dieser ihn nie anders als von unten herauf anschaute.

„Deine Tochter ist lange nicht bei dir gewesen?“

Die Tochter des Portiers war Balletttänzerin.

„Wie soll sie an den Wochentagen ausgehen können? Die haben auch zu lernen. Und auch Ihr müßt nun lernen, Herr, geht.“ —

In das Zimmer tretend, erzählte Sergey, anstatt sich zur Lektion niederzulassen, seinem Lehrer von seinen Vermutungen darüber, ob das was man für ihn gebracht habe, eine Maschine sein könnte.

„Was meint Ihr dazu?“ frug er.

Wasiliy Lukitsch dachte nur daran, daß ein Lehrer lediglich die Grammatikstunde zu geben habe, welche um zwei Uhr begann.

„Nein, sagt mir nur, Wasiliy Lukitsch,“ frug er plötzlich, schon hinter dem Arbeitstisch sitzend und das Buch in der Hand haltend, „was ist denn noch mehr, als der Alexander Newskiy? Ihr wißt, daß Papa den Alexander Newskiy erhalten hat?“

Wasiliy Lukitsch antwortete, daß der Wladimir höher sei als der Alexander Newskiy.

„Und noch höher?“

„Am höchsten ist der Orden des heiligen Andreas.“

„Und höher noch als der Andreas?“

„Ich weiß es nicht.“

„Was; selbst Ihr wißt das nicht?“ und Sergey versank, sich aufstemmend, in Nachdenken.

Seine Überlegungen waren sehr verwickelt und mannigfaltig. Er überlegte, wie sein Vater plötzlich auch den Wladimir und den Andreasorden erhalten könnte, und wie er infolgedessen heute in der Lektion bei weitem fleißiger sein wolle, und wie er selbst, wenn er erst einmal groß wäre, alle Orden, und auch das, was noch höher als der Andreasorden sei, erhalten wollte. Sobald man einen ausgesonnen hätte, wollte er ihn verdienen; und dächte man ihn noch höher aus, so wollte er ihn sofort auch verdienen.

In solchen Überlegungen verstrich die Zeit, bis der Lehrer kam. Die Lektion über die Umstände der Zeit und des Ortes und den Umstand der Art und Weise saß nicht, und der Lehrer war nicht nur unzufrieden, sondern selbst erzürnt. Der Groll des Lehrers rührte Sergey. Er fühlte sich schuldig, weil er seine Lektion nicht gelernt hatte, aber wie er sich auch bemühen mochte, er konnte es durchaus nicht ermöglichen; so lange der Lehrer ihm Etwas erklärte, überzeugte er sich und schien zu verstehen, doch sobald er allein war, vermochte er sich durchaus nicht mehr zu entsinnen, und zu begreifen, daß das ziemliche kurze und so verständliche Wort „plötzlich“ ein „Umstand der Art und Weise“ sei; allein dennoch that es ihm leid, daß er den Lehrer kränkte.

Er wählte eine Minute, in welcher der Lehrer schweigend in das Buch blickte.

„Michail Iwanitsch, wann wird Euer Namenstag sein?“ frug er plötzlich.

„Ihr dächtet doch besser an Eure Arbeit; die Namenstage haben keinerlei Bedeutung für ein vernünftiges Wesen. Es sind Tage wie alle anderen, an denen man arbeiten muß.“

Der kleine Sergey schaute aufmerksam seinen Lehrer an, dessen spärlichen Bart und die Brille, welche sich unter die Kerbe, die auf der Nase war, gesenkt hatte, und versank so tief in Gedanken, daß er nichts mehr von dem hörte, was der Lehrer ihm erklärte. Er hatte erkannt, daß dieser nicht so dachte, wie er gesprochen hatte; er fühlte dies an dem Tone, in welchem es gesagt worden war.

„Aber warum haben sie sich alle verabredet, dies immer in ein und derselben Weise zu äußern, immer so langweilig und so zwecklos? Warum stößt er mich von sich, warum liebt er mich nicht?“ frug er sich betrübt und konnte keine Antwort finden.

27

Nach der Lektion seitens des Lehrers folgte eine Stunde beim Vater. Bis dieser erschien, hatte sich Sergey an den Tisch gesetzt, mit seinem Messerchen spielend, und zu grübeln begonnen. Zu der Zahl der Lieblingsbeschäftigungen Sergeys hatte das Aufsuchen seiner Mutter während des Spazierganges derselben gehört. Er glaubte nicht an den Tod überhaupt, und im besonderen nicht an den ihren, soviel ihm auch Lydia Iwanowna davon gesagt und der Vater es bestätigt hatte, und so suchte er sie, auch nachdem man ihm mitgeteilt hatte, daß sie tot sei, noch immer während der Zeit seiner Ausgänge. Jede vollgebaute, graziöse Dame mit dunklem Haar war seine Mutter. Bei dem Anblick einer solchen Dame regte sich in seiner Seele ein Gefühl der Zärtlichkeit, ein Gefühl, daß er tief Atem holte und die Thränen ihm in die Augen traten, und so wartete er denn, daß sie wieder zu ihm kommen und ihren Schleier aufheben möchte. Ihr Gesicht würde wieder sichtbar werden, sie würde wieder lächeln, ihn umarmen, er würde ihren Duft wahrnehmen, die Zartheit ihrer Hand fühlen und glückselig weinen, wie er schon einmal des Abends ihr zu Füßen gefallen war und sie ihn gestreichelt hatte; er aber hatte gelacht und sie in die weiße beringte Hand gebissen. Später, als er dann zufällig von der Kinderfrau erfuhr, daß die Mutter nicht gestorben sei, und sein Vater und Lydia Iwanowna ihm erklärten, sie sei für ihn tot, weil sie nicht gut gewesen – was er durchaus nicht zu glauben vermochte, da sie ihn ja geliebt hatte – so forschte er noch immer nach ihr und wartete auf sie.

Heute nun im Sommergarten war eine Dame in einem lila Schleier gewesen, welcher er mit stockendem Herzen in der Erwartung, sie wäre es, mit den Blicken gefolgt war, während sie auf dem Wege zu ihnen herankam. Die Dame aber hatte sie nicht erreicht, sondern war abgebogen.

Heute nun fühlte Sergey stärker als je die Regungen dieser Liebe zu ihr und völlig sich selbst vergessend in der Erwartung des Vaters, zerschnitt er den ganzen Rand des Tisches mit dem Messerchen, mit blitzenden Augen vor sich hinblickend und ihrer gedenkend.

„Papa kommt,“ riß ihn Wasiliy Lukitsch aus seiner Träumerei. Sergey sprang auf, eilte auf seinen Vater zu, küßte ihm die Hand, und blickte ihn aufmerksam an, nach Kennzeichen der Freude über den Empfang des Alexander Newskiy-Ordens an ihm suchend.

„Hast du einen hübschen Spaziergang gemacht?“ sagte Aleksey Aleksandrowitsch, sich in seinen Lehnstuhl setzend, ein Exemplar des Alten Testamentes heranziehend und es aufschlagend. Ungeachtet dessen, daß Aleksey Aleksandrowitsch Sergey öfter gesagt hatte, jeder Christ müsse die biblische Geschichte sicher kennen, hatte er sich doch öfter mit Hilfe des Buches verbessern müssen, und Sergey hatte dies bemerkt.

„Ja, es war sehr lustig, Papa,“ sagte er, sich seitwärts auf den Stuhl setzend und ihn schaukelnd – was ihm verboten war.

„Ich habe Nadenka gesehen,“ Nadenka war die bei Lydia Iwanowna zur Erziehung befindliche Nichte, „sie hat mir erzählt, daß man Euch einen neuen Stern verliehen hätte. Freut Ihr Euch auch?“

„Zuerst – schaukle nicht, bitte,“ sagte Aleksey Aleksandrowitsch, „zweitens eine Belohnung ist nicht kostbar, nur die Arbeit dafür. Ich möchte du verständest dies. Wenn du arbeitest und lernst, zum Zwecke, Früchte dafür zu ernten, so wird dir die Arbeit schwer erscheinen; wenn du aber arbeitest“ – sprach Aleksey Aleksandrowitsch, indem er sich vergegenwärtigte, wie er sich nur durch sein Pflichtbewußtsein bei der langweiligen Arbeit des heutigen Morgens, die in dem Unterschreiben von hundertundachtzehn Papieren bestanden, aufrecht erhalten hatte – „indem du die Arbeit selbst liebst, so wirst du für dich selbst darin eine Belohnung finden.“

Die von Zärtlichkeit und Lust glänzenden Augen Sergeys wurden trübe und senkten sich unter dem Blick des Vaters. Das war der nämliche, ihm längst bekannte Ton, mit dem ihm sein Vater stets begegnete, und dem Sergey schon sich anzubequemen gelernt hatte.

Der Vater sprach stets mit ihm – so fühlte Sergey – als wende er sich an einen für ihn nur in der Vorstellung vorhandenen Knaben, einen Knaben, wie sie nur in Büchern vorkommen, und der dem Sergey vollständig unähnlich war; und Sergey bemühte sich nun stets, sich vor dem Vater zu stellen, als sei er ein ebensolcher Bücherknabe.

„Du verstehst das, hoffe ich?“ sagte dieser.

„Ja, Papa,“ antwortete Sergey, sich stellend, als sei er ein solcher Phantasieknabe.

Die Lektion bestand in dem Auswendiglernen einiger Verse aus dem Evangelium, und der Wiederholung des Anfangs des Alten Testaments. Die Verse des Evangeliums hatte Sergey ordentlich gelernt, aber im selben Augenblick, als er sie hersagte, schaute er auf des Vaters Stirnbein, welches sich so scharf an der Schläfe bog, daß er den Faden verlor und das Ende des einen Verses in einem einzelnen Worte mit dem Anfang des anderen zusammenbrachte. Aleksey Aleksandrowitsch war es klar, daß Sergey nicht verstanden hatte, was er hersagte, und dies reizte ihn.

Er wurde finster und begann wieder das Nämliche zu erklären, was Sergey schon viele Male gehört hatte und nie wieder vergessen konnte, weil er es schon allzu klar erkannt hatte, in der nämlichen Weise, wie dies, daß „plötzlich“ ein Umstand der Art und Weise sei.

Sergey schaute mit erschrecktem Blick auf den Vater und dachte nur an das Eine: Will der Vater wiederholen lassen oder nicht, was er gesagt hatte, wie es doch bisweilen der Fall war? Dieser Gedanke erschreckte Sergey so sehr, daß er nun gar nichts mehr begriff. Der Vater ließ ihn indessen nicht wiederholen und ging zu der Lektion aus dem Alten Testament über. Sergey recitierte die Ereignisse selbst gut, doch als er Fragen darüber beantworten sollte, was einige der Ereignisse bedeuten sollten, wußte er nichts, obwohl er schon wegen dieser Lektion bestraft worden war. Die Stelle, bei welcher er nichts mehr zu antworten wußte und in Unruhe geriet, in den Tisch schnitt oder mit dem Stuhle schaukelte, war die, wo er von den vorsündflutlichen Patriarchen zu sprechen hatte.

Er kannte keinen von ihnen, außer Henoch, der lebendig in den Himmel aufgenommen worden war. Früher hatte er die Namen gewußt, sie jetzt aber ganz und gar vergessen, besonders deshalb, weil Henoch seine Lieblingsgestalt aus dem ganzen Alten Testament war, und sich an dessen Aufnahme bei Lebzeiten in den Himmel eine ganze, lange Reihe von Ideen in seinem Kopfe knüpfte, der er sich auch jetzt hingab, mit den Augen auf der Uhrkette des Vaters und an einem halb zugeknöpften Knopfe der Weste desselben haften bleibend.

An den Tod, von welchem ihm so oft gesprochen wurde, glaubte Sergey nicht so ganz. Er glaubte nicht daran, daß die von ihm geliebten Leute sterben könnten, und insbesondere nicht, daß er selbst sterben würde. Dies war für ihn vollständig unmöglich und unbegreiflich. Doch man sagte ihm, daß alle Menschen sterben müßten; er frug nun selbst die Leute, denen er glaubte, und diese bestätigten es; die Kinderfrau hatte es ihm auch gesagt, wenn schon ungern. Aber Henoch war doch nicht gestorben, und so starben vielleicht nicht alle Menschen.

„Weshalb soll denn nicht jeder sich vor Gott ebenso verdient machen können und lebend in den Himmel aufgenommen werden?“ dachte Sergey. Die Bösen, das heißt, die Menschen, welche Sergey nicht liebte, die konnten sterben, doch die Guten konnten sämtlich sein wie Henoch.

„Nun, welche sind die Patriarchen?“

„Henoch, Henoch“ —

„Aber das hast du ja schon gesagt. Das ist schlecht, Sergey, sehr schlecht. Wenn du dir nicht Mühe giebst, zu erkennen, was das Nötigste ist von allem für den Christen“ – sagte der Vater aufstehend – „was kann dich denn dann noch interessieren? Ich bin unzufrieden mit dir und auch Peter Ignatzitsch“ – dies war der Hauptlehrer – „ist unzufrieden mit dir. Ich muß dich bestrafen.“

Der Vater und der Lehrer waren beide mit Sergey unzufrieden, und in der That hatte dieser sehr schlecht gelernt. Damit ließ sich aber durchaus nicht sagen, daß er ein unbefähigter Knabe gewesen wäre. Im Gegenteil, er war viel fähiger, als diejenigen Knaben, welche der Pädagog Sergey als Muster hinstellte. Vom Gesichtspunkte des Vaters aus wollte er nicht lernen, was jene lernten. In Wirklichkeit aber – konnte er es nicht lernen. – Er konnte es deshalb nicht, weil sein Geist Bedürfnisse hatte, welche für ihn viel bindender waren, als die, welche ihm der Vater und der Erzieher auseinandersetzten. Diese Bedürfnisse bestanden in dem Drang zu widersprechen, und er stritt kühnlich mit seinen Erziehern. Sergey war neun Jahre alt, noch ein Kind, aber seine Seele kannte er und sie war ihm teuer, er hütete sie, wie das Augenlid das Auge schützt, und ohne den Schlüssel der Liebe ließ er niemand in seine Seele hinein!

Seine Erzieher beklagten sich über ihn, daß er nicht lernen wolle, aber seine Seele war erfüllt von dem Durst nach Erkenntnis. Und er lernte bei Kapitonitsch, bei der Kinderfrau, bei Nadenka, bei Wasiliy Lukitsch – aber nicht bei seinen Lehrern. – Das Wasser, welches ihm der Vater und der Erzieher auf die Räder gaben, war schon längst versiegt und arbeitete an einem anderen Platze.

Der Vater bestrafte Sergey, indem er ihn nicht zu Nadenka, der Nichte Lydia Iwanownas ließ, aber diese Bestrafung erschien Sergey sehr gelegen zu kommen. Wasiliy Lukitsch war bei guter Laune und wies ihm, wie man Windmühlen baut. Der ganze Abend verging nun über dieser Arbeit und den Gedanken daran, wie sich eine Windmühle so bauen ließe, daß man sich selbst auf ihr drehen könne, indem man sie mit den Armen bei den Flügeln faßte, oder sich daran festband – und sich drehen ließ. —

An die Mutter dachte er den ganzen Abend nicht, doch als er sich ins Bett legte, fiel sie ihm plötzlich wieder ein und er betete in seinen Worten, daß seine Mutter morgen, zu seinem Geburtstage, nicht mehr länger für ihn verborgen bleiben und zu ihm kommen möchte.

„Wasiliy Lukitsch, wißt Ihr, worum ich noch außer dem Sonstigen gebetet habe?“

„Damit Ihr besser lernt?“

„Nein.“

„Vom Spielzeug?“

„Nein. Ihr ratet es nicht. Es ist ausgezeichnet, aber ein Geheimnis! Wenn es sich erfüllt, sage ich es Euch. Habt Ihr es noch nicht heraus?“

„Nein. Ich rate es nicht. Sagt mirs doch,“ sprach Wasiliy Lukitsch, und lächelte, was bei ihm selten der Fall war. „Doch, legt Euch nur, ich will das Licht auslöschen.“

„Mir ist ohne Licht das, was ich sehe und wovon ich betete, nur noch sichtbarer. Da – beinahe hätte ich jetzt mein Geheimnis verraten!“ – sagte Sergey unter heiterem Lachen.

Nachdem man das Licht fortgebracht hatte, hörte und fühlte Sergey seine Mutter. Sie stand über ihm und koste ihn mit liebevollem Blick, doch da erschienen die Windmühlen, sein Messerchen, alles ging durcheinander, und er schlief ein.

28

In Petersburg angekommen, waren Wronskiy und Anna in einem der besten Hotels abgestiegen. Wronskiy gesondert, in der unteren Etage, Anna oben, mit ihrem Kinde, der Amme und der Zofe, in einem großen Appartement, welches aus vier Zimmern bestand.

Am ersten Tage nach seiner Ankunft fuhr Wronskiy zu seinem Bruder; woselbst er seine in Geschäften von Moskau angekommene Mutter traf. Die Mutter und Schwägerin begegneten ihm, wie sonst, sie frugen über seine Reise ins Ausland, sprachen von gemeinsamen Bekannten, erwähnten aber mit keinem Worte sein Verhältnis zu Anna. Sein Bruder aber kam am anderen Tage früh zu ihm und frug ihn selbst nach ihr und Aleksey Wronskiy erzählte ihm offen, daß er seinen Bund mit der Karenina gleich einer Ehe betrachte; daß er hoffe, die Scheidung zu erlangen und sie dann heiraten werde und daß er sie bis dahin ebenso als sein Weib achte, wie man jedes andere Weib achte, und bat ihn, dies der Mutter und seiner Gemahlin so mitzuteilen.

„Wenn die Welt es nicht billigt, so ist mir das gleichgültig,“ sagte Wronskiy, „aber wenn meine Verwandten mit mir in verwandtschaftlichen Beziehungen stehen wollen, so müssen sie in den nämlichen Beziehungen auch mit meiner Frau stehen!“

Der ältere Bruder, welcher die Urteile des jüngeren stets geachtet hatte, wußte nicht recht, ob dies richtig oder falsch sei, so lange die Welt selbst die Frage entschieden haben würde. Er seinerseits hatte gar nichts gegen die Sache und ging zusammen mit Aleksey zu Anna.

Wronskiy sagte in Gegenwart seines Bruders, wie in der aller anderen zu dieser „Ihr“, und verkehrte mit Anna wie mit einer nahen Bekannten, aber doch herrschte die stillschweigende Voraussetzung dabei, daß der Bruder ihre Beziehungen kannte und es wurde davon gesprochen, daß Anna nach dem Gute Wronskiys gehe.

Trotz aller seiner Welterfahrung war Wronskiy nach dem Eintritt in das neue Verhältnis, in welchem er sich befand, in einem furchtbaren Irrtum. Wohl hatte es ihm begreiflich erscheinen müssen, daß die Welt für ihn und Anna verschlossen war, aber jetzt entstanden in seinem Kopfe gewisse unklare Vorstellungen, daß es nur in der älteren Zeit so gewesen sei, und jetzt bei dem schnellen Fortschreiten der Zeit – er war jetzt, ohne daß er selbst es merkte, ein Anhänger jeder Art von Fortschritt geworden – der Blick der Gesellschaft sich verändert habe, und daß auch die Frage, ob sie in der Gesellschaft wieder angenommen werden würden, noch nicht entschieden sei. „Natürlich,“ dachte er, „die Hofkreise werden Anna nicht aufnehmen, aber die ihr nahestehenden Leute können und müssen die Sache auffassen, wie es sich gehört.“

Man kann einige Stunden sitzen, die Füße übereinandergeschlagen, und in ein und derselben Stellung, wenn man weiß, daß uns nichts hindert, diese Lage zu verändern; wenn aber ein Mensch weiß, daß er so mit unterschlagenen Beinen sitzen muß, dann befällt ihn der Krampf, die Füße werden zittern und sich nach dem Orte hinziehen, an den man sie bringen möchte.

Dies erfuhr auch Wronskiy an sich bezüglich seiner Stellung zur Welt. Obwohl er auf dem Grund seiner Seele wußte, daß dieselbe für sie beide verschlossen sei, so versuchte er es doch, ob sich die Welt jetzt nicht ändere und sie doch aufnehmen werde. Aber sehr bald wurde er inne, obwohl die Welt für ihn persönlich offen stand, sie doch für Anna verschlossen blieb. Wie bei dem Spiele Katze und Maus, senkten sich die Hände, die vor ihm erhoben wurden, sofort vor Anna.

Eine der ersten Damen der Petersburger Gesellschaft, welche Wronskiy wiedersah, war seine Cousine Betsy.

„Endlich!“ begegnete ihm diese voll Freude. „Und Anna? Wie freue ich mich. Wo seid Ihr abgestiegen? Ich kann mir denken, wie nach Eurer reizenden Reise unser Petersburg Euch schrecklich sein muß; ich kann mir Euren Honigmond in Rom vorstellen. Was wird mit der Scheidung? Habt Ihr alles besorgt?“

Wronskiy bemerkte, daß der Enthusiasmus Betsys sich verringerte, als sie erfahren hatte, daß eine Scheidung noch nicht erfolgt sei.

„Auf mich wird man den Stein werfen, ich weiß es,“ sagte sie, „aber ich werde zu Anna kommen; ja, ich komme sicherlich. Ihr bleibt wohl nur kurze Zeit hier?“

Und in der That, noch am nämlichen Tage kam sie zu Anna gefahren, doch war ihr Ton schon nicht ganz so der nämliche wie früher. Sie war offenbar stolz auf ihre Kühnheit und wünschte, daß Anna die Treue ihrer Freundschaft schätze. Sie blieb nicht länger als zehn Minuten, von den Stadtneuigkeiten sprechend, und sagte beim Abschied: „Ihr habt mir nicht gesagt, wenn die Ehescheidung stattfindet? Gesetzt auch, daß ich meinerseits der Sache durch die Finger sehe, so werden doch die anderen Euch kalt entgegenkommen, so lange Ihr nicht geheiratet habt. Und das geht ja jetzt so leicht. Ça se fait. Ihr reist also Freitag ab? Schade, daß wir uns nicht noch einmal wiedersehen können.“

Am Tone Betsys konnte Wronskiy erkennen, was er von der Welt zu erwarten hatte, er machte aber gleichwohl noch einen Versuch in seiner Familie. Auf seine Mutter hoffte er dabei freilich nicht. Er wußte, daß diese, von Anna in der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft so entzückt gewesen, ihr gegenüber jetzt unerbittlich hart war, weil sie an der Vernichtung der Carriere ihres Sohnes Schuld trug. Dieser aber setzte große Hoffnungen auf Warja, die Frau seines Bruders. Ihm schien, daß Warja den Stein nicht mit werfen, sondern in ihrer Einfachheit und Entschlossenheit zu Anna kommen und diese auch empfangen würde.

Am Tage nach seiner Ankunft fuhr Wronskiy denn auch zu ihr, und teilte ihr – er traf sie allein an – offen seinen Wunsch mit.

„Du weißt, Aleksander,“ sprach sie, ihn ruhig zu Ende hörend, „wie ich dich liebe, und wie bereit ich bin, alles für dich zu thun; doch ich habe geschwiegen, weil ich wußte, daß ich weder dir, noch Anna Arkadjewna nützlich sein kann,“ sagte sie, den Namen Anna Arkadjewna mit eigentümlicher Betonung aussprechend. „Denke nicht, daß ich etwa einen Tadel äußern will, vielleicht hätte ich an ihrer Stelle ganz das Nämliche gethan. Ich will und kann nicht auf Einzelheiten eingehen,“ fuhr sie fort, zaghaft in sein finsteres Gesicht schauend. „Doch muß man das Ding beim Namen nennen. Du willst, daß ich sie besuche, sie auch empfange, und damit in der Gesellschaft rehabilitiere, aber verstehe wohl, ich kann das ja nicht thun! Meine Töchter wachsen heran und ich muß in der Welt für meinen Mann leben. Nun komme ich zu Anna Arkadjewna; diese wird ihrerseits begreifen, daß ich sie nicht zu mir einladen kann, oder es dann wenigstens so thun müßte, daß sie nicht Leuten begegnet, die andere Anschauungen haben. Das aber wird sie verletzen! Ich kann ihr nicht aufhelfen.“

„Ich kann aber nicht glauben, daß sie tiefer gefallen sein sollte, als Hunderte von Frauen, die Ihr empfangt,“ unterbrach sie Wronskiy noch düsterer, und erhob sich schweigend in der Erkenntnis, daß das Urteil seiner Schwägerin unabänderlich sei.

„Aleksey! Sei nur nicht bös! Beherzige, bitte, daß ich nicht schuld bin,“ begann Warja wieder, mit schüchternem Lächeln auf ihn blickend.

„Ich zürne dir nicht,“ sagte er, noch ebenso finster, „aber mir ist das doppelt schmerzlich. Mir ist noch schmerzlich, daß dieser Umstand unsere Freundschaft zerstört, oder wenn nicht zerstört, so doch schwächt. Du begreifst, daß dies für mich ja auch nicht anders sein kann.“

Mit diesen Worten verließ er sie.

Wronskiy hatte erkannt, daß weitere Versuche vergeblich sein würden, und er diese wenigen Tage in Petersburg so zu verleben hätte, wie in einer fremden Stadt, indem er alle Beziehungen zu der früheren Gesellschaft mied, um sich nicht Unannehmlichkeiten und Kränkungen aussetzen zu müssen, die ihm doch so peinlich waren.

Eine der hauptsächlichsten Unannehmlichkeiten seiner Lage in Petersburg war die, daß Aleksey Aleksandrowitsch und sein Name, wie es schien, überall zu finden war. Man konnte von nichts zu sprechen anfangen, ohne daß das Gespräch auf Aleksey Aleksandrowitsch kam, man konnte nirgendshin fahren, ohne ihm zu begegnen. So schien es wenigstens Wronskiy, indem er sich wie ein Mensch mit einem schlimmen Finger vorkam, der, als wäre es absichtlich, gerade mit diesem schlimmen Finger an alles anstößt.

Der Aufenthalt in Petersburg erschien Wronskiy auch noch dadurch um so schwerer, als er während dieser ganzen Zeit in Anna gleichsam ein neues, ihm unverständliches Geschöpf erblickte. Bald war sie wie verliebt in ihn, bald wurde sie kalt, reizbar und unergründlich. Sie litt eine Qual und verbarg Etwas vor ihm; bemerkte aber wie es schien, die Kränkungen nicht, die ihm das Leben vergifteten, und für sie mit ihrem feinen Wahrnehmungsvermögen, doch nur noch qualvoller sein mußten.

29

Unter den Zwecken, welche der Reise nach Rußland zu Grunde lagen, war für Anna auch der des Wiedersehens mit ihrem Sohne. Seit dem Tage, seit welchem sie Italien verlassen, hatte dieser Gedanke nicht aufgehört, sie in Aufregung zu erhalten, und je näher sie Petersburg kam, desto mehr und immer mehr erschien vor ihr das Freudige und Bedeutungsvolle dieses Wiedersehens. Sie legte sich gar nicht die Frage vor, wie sie dieses Wiedersehen bewerkstelligen wollte. Es erschien ihr ganz natürlich und einfach, daß sie ihren Sohn wiedersah, wenn sie mit demselben in einer und derselben Stadt sich befand; allein nach ihrer Ankunft in Petersburg, zeigte sich plötzlich ihre jetzige Stellung in der Gesellschaft klar vor ihr, und sie erkannte, daß es schwierig sei, das Wiedersehen zu ermöglichen.

Bereits zwei Tage war sie in Petersburg. Der Gedanke an den Sohn verließ sie nicht eine Minute, und noch hatte sie ihn nicht gesehen. Geradenwegs in das Haus zu fahren, wo sie mit Aleksey Aleksandrowitsch zusammentreffen konnte, dazu, sie fühlte es, besaß sie nicht das Recht. Man konnte sie vielleicht gar nicht einlassen und sie beleidigen. Zu schreiben und sich mit ihrem Manne in Verbindung zu setzen, war ihr schon dem Gedanken nach peinlich. Sie vermochte nur dann ruhig zu bleiben, wenn sie ihres Mannes gar nicht gedachte. Den Sohn auf dem Spaziergange zu sehen, nachdem sie sich erkundigt hatte, wohin und wann er ausgehe, war ihr nicht genug; sie hatte sich so sehr auf dieses Wiedersehen vorbereitet, sie hatte ihm soviel zu sagen, es verlangte sie so sehr, ihn in ihre Arme zu schließen, ihn zu küssen. Die alte Amme Sergeys konnte ihr behilflich sein und sie benachrichtigen. Aber diese befand sich nicht mehr im Hause Aleksey Aleksandrowitschs. In solcher Ungewißheit und unter Erkundigungen nach der Amme waren die zwei Tage vergangen.

Nachdem Anna von den nahen Beziehungen Aleksey Aleksandrowitschs zur Gräfin Lydia Iwanowna vernommen hatte, entschloß sie sich am dritten Tage, dieser einen Brief zu schreiben, der ihr viel Überwindung kostete, und in welchem sie mit Vorbedacht sagte, daß der Entscheid darüber, ob sie ihren Sohn sehen könne, von der Großmut ihres Mannes abhängen müsse. Sie wußte, daß wenn man den Brief ihrem Manne wies, dieser ihr, seine Rolle des Großmütigen weiterspielend, keinen abschlägigen Bescheid geben würde.

Der Bote, welcher den Brief hingetragen hatte, überbrachte ihr die so harte und unerwartete Nachricht, daß es keine Antwort gebe.

Noch nie hatte sie sich so erniedrigt gefühlt, als in dieser Minute, als sie, den Boten kommen lassend, von diesem die einfache Mitteilung vernahm, daß er gewartet habe, und man ihm endlich gesagt hätte, es würde keine Antwort erteilt werden. Anna fühlte sich gedemütigt, verletzt, aber sie erkannte, daß von ihrem Gesichtspunkt aus die Gräfin Lydia Iwanowna recht habe. Ihr Schmerz war um so größer, als er ein vereinsamter war. Sie konnte und wollte ihn nicht mit Wronskiy teilen. Sie wußte, daß für ihn, obwohl er doch die Hauptursache ihres Unglücks bildete, die Frage ihres Wiedersehens mit ihrem Kinde von höchst geringer Bedeutung sei. Sie wußte, daß er niemals fähig sein werde, ihre Leiden in deren ganzer Tiefe zu verstehen, sie wußte, daß sie ihn wegen eines kühlen Tones bei Erwähnung der Sache würde hassen müssen. Dies aber fürchtete sie über alles in der Welt, und so verbarg sie vor ihm alles, was ihren Sohn betraf.

Den ganzen Tag über zu Haus verweilend, hatte sie die Mittel erwogen, zu einem Wiedersehen mit ihrem Sohne, und war bei dem Entschluß stehen geblieben, an ihren Mann zu schreiben. Sie setzte den Brief noch auf, als ihr das Schreiben Lydia Iwanownas gebracht wurde. Das Schweigen der Gräfin hatte sie beruhigt und besänftigt, das Schreiben aber, und alles das, was sie zwischen den Zeilen desselben las, versetzte sie in solche Erbitterung, erschien ihr, gegenüber ihrer leidenschaftlichen natürlichen Zärtlichkeit für ihr Kind so aufreizend in seiner Gehässigkeit, daß sie gegen andere gereizt wurde und aufhörte, sich selbst anzuklagen.

„Diese Kälte – diese Gefühlsheuchelei!“ sagte sie zu sich selbst. „Ihnen war es ein Bedürfnis, mich zu beleidigen und das Kind zu foltern, und ich soll mich vor ihnen demütigen! Um keinen Preis! Sie ist schlechter, als ich! Ich lüge wenigstens nicht!“ —

Und nun entschloß sie sich, morgen, am Geburtstage Sergeys, geradenwegs in das Haus Aleksey Aleksandrowitschs zu fahren, die Leute zu bestechen und List anzuwenden, um – koste es was es wolle – den Sohn wiederzusehen und den ungeheuerlichen Trug, mit welchem man das unglückliche Kind umgeben hatte, zu zerstreuen.

Sie fuhr nach einem Spielwarenladen, kaufte Spielzeug und überlegte sich ihren Operationsplan. Frühmorgens, um acht Uhr, wenn Aleksey Aleksandrowitsch, wahrscheinlich, noch nicht aufgestanden war, wollte sie sich hinbegeben; sie wollte Geld nehmen, es dem Portier und dem Diener in die Hände drücken, damit man sie einlasse, und wollte, ohne den Schleier zu lüften, sagen, sie käme von einem Paten Sergeys, um diesem zu gratulieren, und ihr sei aufgetragen, Spielzeug auf das Bett des Kindes zu legen. Sie bereitete sich nicht auf die Worte vor, welche sie zum Sohne sprechen wollte – soviel sie auch darüber nachdachte, sie vermochte nichts auszudenken.

Am andern Tage um acht Uhr morgens, stieg Anna allein aus der Mietkutsche und läutete an der großen Einfahrt ihres ehemaligen Hauses.

„Sieh nach, was man will. Wer die Dame ist,“ sagte Kapitonitsch, noch nicht angekleidet, im Überrock und Kaloschen, indem er durch das Fenster nach der Dame blickte, die von einem Schleier bedeckt, dicht vor der Thür stand. Der Gehilfe des Portiers, ein Anna nicht bekannter, junger Bursch, hatte dieser nicht sobald die Thür geöffnet, als sie schon in dieselbe hineintrat, ein Dreirubelpapier aus dem Muff nahm und es ihm in die Hand drückte.

„Sergey – Sergey Aleksandrowitsch,“ sprach sie und wollte voranschreiten. Der Gehilfe des Portiers besah das Rubelpapier, hielt sie aber an der zweiten Glasthür fest.

„Was wollt Ihr?“ frug er.

Sie hörte weder seine Worte, noch antwortete sie etwas.

Als Kapitonitsch die Verwirrung der Unbekannten bemerkte, kam er selbst zu ihr, ließ sie in die Thür herein und frug, was ihr gefällig wäre.

„Vom Fürsten Skorodumoff komme ich und will zu Sergey Aleksandrowitsch,“ sprach sie.

„Der junge Herr ist noch nicht aufgestanden,“ antwortete der Portier, sie aufmerksam betrachtend.

Anna hatte durchaus nicht erwartet, daß das vollständig unverändert gebliebene Äußere des Vorzimmers dieses Hauses, in welchem sie neun Jahre gelebt hatte, so mächtig auf sie einwirken würde. Eine nach der anderen, erhoben sich frohe und trübe Erinnerungen in ihrer Seele und für einen Augenblick hatte sie vergessen, weshalb sie hier war.

„Wollt Ihr gefälligst warten?“ sagte Kapitonitsch, ihr den Pelz abnehmend. Nachdem er den Pelz abgenommen hatte, blickte er ihr ins Gesicht, erkannte sie und machte schweigend eine tiefe Verbeugung. „Bitte gefälligst, gnädigste Frau,“ sagte er zu ihr.

Sie wollte etwas erwidern, doch versagte ihr die Stimme, so daß sie keinen Ton hervorzubringen vermochte. Wie schuldbewußt bittend, blickte sie den Alten an, und stieg dann mit schnellen Schritten die Treppe hinauf. Ganz vorgebeugt und mit den Kaloschen an den Stufen hängen bleibend, lief Kapitonitsch ihr nach im Bemühen, ihr zuvorzukommen.

„Der Lehrer ist dort, er ist vielleicht nicht angekleidet. Ich muß erst melden.“

Anna ging weiter die ihr bekannte Treppe hinauf, ohne zu verstehen, was der Alte gesprochen hatte.

„Hierher, bitte links. Entschuldigt, daß alles noch unsauber ist. Der junge Herr ist jetzt im früheren Diwanzimmer,“ sagte der Portier keuchend. „Gestattet, geduldet Euch ein wenig, Excellenz, ich will nachsehen,“ sagte er, öffnete, vor sie tretend, die hohe Thür und verschwand in derselben. Anna blieb stehen und wartete.

„Er ist soeben erwacht,“ sagte der Portier, wieder aus der Thür kommend.

Im nämlichen Augenblick, als der Portier dies sagte, hörte Anna den Klang eines kindlichen Gähnens. Schon an der Stimme dieses Gähnens erkannte sie den Sohn und sie sah ihn wie lebendig vor sich.

„Laß mich hinein, laß mich, laß mich!“ sprach sie und trat durch die hohe Thür. Rechts von derselben stand das Bett, und im Bett saß der Knabe, welcher sich aufgerichtet hatte, im halbgelösten Hemdchen, den kleinen Körper vorgebeugt, sich streckend und ausgähnend.

Im Augenblick, als seine Lippen sich schlossen, kräuselten sie sich zu einem glücklichen traumhaften Lächeln, und mit diesem Lächeln legte er sich langsam und zufrieden wieder zurück.

„Mein Sergey!“ flüsterte sie, unhörbar an ihn herantretend.

Während ihrer Trennung von ihm, und unter dem Einfluß der Liebe, welche sie in dieser ganzen letzten Zeit empfunden, hatte sie sich ihn als vierjährigen Knaben, so wie sie ihn am liebsten gehabt hatte, vorgestellt.

Jetzt war er schon nicht einmal mehr so, wie sie ihn verlassen hatte. Er hatte sich noch weiter entfernt vom Alter des Vierjährigen, war noch mehr gewachsen und magerer geworden. – Was war das? – Wie hager erschien sein Gesicht, wie kurz war sein Haar? Wie lang seine Hände! Wie hatte er sich verändert seit jener Zeit, da sie ihn verlassen! Aber er war es doch, mit dieser Form seines Kopfes, seinen Lippen, dem geschmeidigen Hals und den breiten kleinen Schultern.

„Sergey!“ wiederholte sie dicht über dem Ohr des Kindes.

Dieser erhob sich wiederum auf den Ellbogen, wandte den Kopf verwirrt nach beiden Seiten, als suche er etwas und öffnete die Augen. Still und fragend blickte Sergey einige Sekunden auf die unbeweglich vor ihm stehende Mutter, dann lächelte er plötzlich, glückselig, schloß wiederum die noch schlaftrunkenen Augen, und warf sich, nicht mehr zurück, sondern ihr entgegen, in ihre Arme.

„Sergey! Geliebter Knabe!“ sprach sie mit erstickter Stimme, mit beiden Armen den blühenden Körper umfangend.

„Mama!“ sagte er, sich regend in ihren Armen, um mit wechselnden Stellen seines Leibes ihre Arme berühren zu können.

Schlaftrunken lächelnd, noch immer mit geschlossenen Augen, faßte er mit den runden Ärmchen von der Bettlehne nach ihren Schultern, und warf sich auf sie, jenen lieblichen Schlafduft, jene Wärme von sich ausströmend, die nur bei Kindern da ist, und begann dann, sein Gesicht an ihrem Hals und ihren Schultern zu reiben.

„Ich wußte es,“ sagte er, die Augen öffnend. „Heute ist mein Geburtstag. Ich wußte es, daß du kommen würdest. Sogleich werde ich aufstehen.“

Mit diesen Worten kam er zu sich.

Voll Sehnsucht betrachtete ihn Anna; sie sah, wie er gewachsen war und sich in ihrer Abwesenheit verändert hatte. Sie erkannte und erkannte auch nicht seine nackten Füße, die jetzt so groß geworden waren und aus der Bettdecke hervorschauten, sie erkannte diese hager gewordenen Wangen, diese verschnittenen, kurzen Haarlocken im Nacken, auf welchen sie ihn so oft geküßt hatte. Sie befühlte alles dies und vermochte nichts zu sprechen; die Thränen erstickten sie.

„Weshalb weinst du denn Mama?“ sagte er, vollständig aus dem Schlafe erwacht. „Mama, weshalb weinst du?“ rief er aus mit weinerlicher Stimme.

„Ich weine nicht; ich weine vor Freude; ich habe dich so lange nicht gesehen. Nein, ich werde nicht, werde nicht weinen,“ sagte sie, ihre Thränen verschluckend und sich abwendend. „Nun, jetzt mußt du dich aber ankleiden,“ fügte sie, sich aufrichtend hinzu, und setzte sich, ohne seine Hände loszulassen, neben seinem Bett auf einen Stuhl, auf welchem sein Anzug bereit lag.

„Wie kleidest du dich ohne mich an? Wie“ – wollte sie natürlich und heiter zu sprechen beginnen, aber sie vermochte es nicht, und wandte sich abermals ab.

„Ich wasche mich nicht in kaltem Wasser. Papa hat es nicht gestattet. Aber Wasiliy Lukitsch, den hast du wohl noch nicht gesehen? Er wird gleich kommen. Du hast dich ja auf mein Kleid gesetzt!“

Sergey lachte auf; sie blickte ihn an und lächelte.

„Mama, mein Herz, meine Taube!“ rief er aus, sich wieder ihr entgegenwerfend und sie umfangend. Es war, als ob er jetzt erst, indem er ihr Lächeln erblickte, klar erkannt hätte, was vorgefallen sei. „Das ist nicht nötig,“ sagte er, ihr den Hut abnehmend, und gleichsam, als ob er sie aufs neue ohne den Hut erkännte, warf er sich abermals ihr entgegen, um sie zu küssen.

„Aber was hast du von mir gedacht? Du hast nicht gemeint, daß ich tot sei?“

„Niemals habe ich es geglaubt.“

„Du hast es nicht geglaubt, mein Herz?“

„Ich habe gewußt, gewußt!“ wiederholte er mit seiner Lieblingsphrase, und begann, nachdem er ihre Hand ergriffen, die mit seinem Haar spielte, sie mit der inneren Fläche an seinen Mund zu pressen und zu küssen.

30

Wasiliy Lukitsch, welcher anfangs nicht begriff, wer diese Dame da war, und erst aus dem Gespräch erkannte, dies sei jene selbe Mutter, welche ihren Gatten verlassen, und die er nicht kannte, da er erst nach ihrem Scheiden dieses Haus betreten hatte, befand sich in Zweifel, ob er eintreten oder Aleksey Aleksandrowitsch Mitteilung machen sollte. Nachdem er aber erwogen hatte, daß seine Verpflichtung nur darin bestehe, bei Sergey zur bestimmten Stunde zu inspizieren, und er demgemäß keine Beobachtungen anzustellen habe, wer dort saß, die Mutter oder jemand anderes, sondern nur seine Pflicht erfüllen müsse, so kleidete er sich an, trat zur Thür und öffnete sie.

Aber die Liebkosungen zwischen Mutter und Kind, der Klang ihrer Stimmen und das, was sie sprachen, ließ ihn doch noch seinen Entschluß ändern. Er schüttelte den Kopf, seufzte und schloß die Thür wieder.

„Ich werde noch zehn Minuten warten,“ sagte er zu sich selbst, hustend und sich Thränen abwischend.

In der Dienerschaft des Hauses war mittlerweile eine mächtige Bewegung entstanden. Alle hatten erfahren, daß die Herrin angekommen sei, und Kapitonitsch sie eingelassen habe, daß sie sich jetzt in der Kinderstube befinde, während sich doch der Herr selbst stets in der neunten Stunde dorthin begebe; und alle erkannten, daß eine Begegnung der beiden Gatten unmöglich war, und verhindert werden müsse.

Korney, der Kammerdiener, begab sich in die Portierloge und frug, wer die Dame eingelassen habe, und wie dies zugegangen sei, und als er gehört hatte, daß Kapitonitsch sie empfangen und hereingeleitet habe, machte er dem Alten Vorwürfe. Dieser hörte mit hartnäckigem Schweigen zu, als ihm aber Korney sagte, daß man ihn deswegen davonjagen müßte, sprang Kapitonitsch auf ihn zu und sagte, mit den Händen vor Korneys Gesicht fuchtelnd:

„Ja, du hättest sie freilich nicht eingelassen! Ich habe zehn Jahre hier gedient und nichts als Liebes gesehen, du aber wärest gekommen und hättest gesagt ‚bitte, gefälligst hinaus!‘ – Du verstehst die Politik fein! So ist es! Du scheinst auf deine Weise schon zu verstehen, wie man einen Herrn für sich einnimmt und den Mantel nach dem Winde hängt!“

„Ein Soldat!“ erwiderte Korney verächtlich, und wandte sich zu der eintretenden Amme: „Urteilt Ihr, Marja Jesimowna: Er hat die Gnädige eingelassen, ohne jemandem etwas davon zu sagen,“ wandte sich Korney zu ihr.

„Aleksey Aleksandrowitsch wird sogleich erscheinen und nach der Kinderstube gehen.“

„Was giebt es da für Auseinandersetzungen,“ sagte diese, „Ihr Korney Wasiljewitsch, habt ihn irgendwo ein wenig zurückzuhalten, den Herrn nämlich, und ich laufe sogleich, um die gnädige Frau irgendwie beiseite zu bringen. Sind das Auseinandersetzungen!“ —

Als die Kinderfrau in die Kinderstube trat, erzählte Sergey der Mutter gerade, wie er mit Nadenka vom Berge herab, beim Eisfahren gefallen sei und daß sich dabei beide dreimal umkugelt hätten. Sie lauschte den Klängen seiner Stimme, sah sein Gesicht und das Spiel seiner Mienen, sie fühlte seine Hand, aber sie verstand nicht, was er sprach.

„Ich muß fort, und ihn verlassen,“ das allein nur dachte und fühlte sie noch. Sie vernahm wohl die Schritte Wasiliy Lukitschs, der zur Thür schritt, und hustete, sie vernahm wohl die Schritte der nahenden Kinderfrau, aber sie saß, wie zu Stein geworden, und nicht bei Kräften zu sprechen oder aufzustehen.

„Gnädige Frau, meine Liebe!“ begann die Amme, sich Anna nähernd, und ihr Hände und Schultern küssend. „Gott hat unserem Geburtstagskinde Freude gebracht. Ihr habt Euch doch gar nicht verändert.“

„Ach, Amme, du Gute, ich habe gar nicht gewußt, daß Ihr noch im Hause seid,“ sagte Anna, für eine Minute zur Besinnung kommend.

„Ich wohne nicht hier, sondern bei meiner Tochter, und bin nur gekommen, um zu gratulieren, Anna Arkadjewna, meine Teure.“

Die Amme brach plötzlich in Thränen aus und küßte von neuem die Hand der Herrin.

Sergey hielt sich, mit glänzenden Augen lächelnd, mit der einen Hand an seiner Mutter, mit der anderen an der Amme an und stampfte mit den wohlgenährten Füßchen auf den Teppich. Die Zärtlichkeit der geliebten Amme gegen seine Mutter versetzte ihn in Entzücken.

„Mama! Sie kommt oft zu mir, und wenn sie kommt“ – wollte er beginnen, hielt aber inne, als er bemerkte, daß seine Amme der Mutter etwas zuflüsterte, und auf deren Gesicht sich Schrecken auspräge, und etwas wie Scham, was der Mutter so gar nicht zu Gesicht stand.

Diese kam zu ihm.

„Mein Liebling,“ sprach sie.

Sie konnte nicht sagen, „lebewohl“, aber der Ausdruck ihres Gesichts sagte es, und er verstand.

„Mein süßer, lieber Kleiner!“ sagte sie zu ihm und nannte ihn mit einem Kosenamen, mit welchem sie ihn als er noch ganz klein gewesen, zu rufen pflegte, „wirst du mich auch nicht vergessen? Du“ – doch weiter vermochte sie nicht zu sprechen.

Soviel Worte sie sich auch später noch ausdachte, die sie ihm hätte sagen können – jetzt wußte und vermochte sie nichts zu sagen. – Sergey aber verstand alles, was sie ihm mitteilen wollte. Er verstand, daß sie unglücklich sei und ihn liebte. Er verstand sogar, was die Amme flüsternd gesprochen hatte. Hörte er doch die Worte: „Stets in der neunten Stunde“; und er begriff, daß damit sein Vater gemeint sei, und die Mutter mit dem Vater nicht zusammentreffen dürfe. Dies verstand er; Eins aber konnte er nicht begreifen: weshalb sich auf ihrem Antlitz Schrecken und Scham gezeigt hatte! Sie war nicht schuldig, und fürchtete ihn doch und empfand Scham über Etwas. Er wollte eine Frage stellen, die ihm diesen Zweifel hätte aufklären können, wagte es aber nicht zu thun. Er sah, daß sie litt, und empfand Mitleid mit ihr. Schweigend schmiegte er sich an sie und sprach flüsternd:

„Geh' noch nicht. Er kommt noch nicht gleich.“

Die Mutter schob ihn von sich, um zu erkennen, ob er auch so denke, wie er gesprochen hatte, und las aus dem erschreckten Ausdruck seines Gesichts, daß er nicht nur von dem Vater gesprochen habe, sondern sie sogar gleichsam frage, wie er wohl über seinen Vater denken solle.

„Sergey, mein Herzblatt,“ sagte sie, „liebe ihn, er ist besser und edler als ich, und ich trage eine Schuld vor ihm. Wenn du einmal groß bist, dann wirst du urteilen können.“

„Bessere Menschen als dich giebt es nicht!“ rief er voll Verzweiflung, durch Thränen hindurch, faßte sie an den Schultern, und begann sie aus allen Kräften an sich zu pressen mit vor Anstrengung bebenden Armen.

„Meine Seele, mein liebes Kind!“ sagte Anna, und begann, hingerissen, so nach Kinderart zu weinen, wie er selber weinte.

Da öffnete sich die Thür und Wasiliy Lukitsch trat ein.

An der anderen Thür wurden Schritte vernehmbar, und entsetzt flüsterte ihr die Amme zu „er kommt“ und reichte Anna den Hut.

Sergey ließ sich auf sein Bett sinken und begann zu schluchzen, das Gesicht mit den Händen bedeckend. Anna nahm diese Hände weg, küßte ihm noch einmal das bethaute Antlitz und ging schnellen Schrittes zur Thür hinaus.

Aleksey Aleksandrowitsch trat ihr in den Weg. Als er sie erblickt hatte, blieb er stehen und beugte den Kopf.

Ungeachtet dessen, daß sie soeben erst gesagt hatte, er sei besser und edler als sie, erfaßten sie bei dem schnellen Blick, den sie auf ihn warf, seine ganze Erscheinung mit allen ihren Einzelheiten umfangend, die Gefühle des Widerwillens gegen ihn; der Wut und des Neides um den Sohn. Mit schneller Bewegung ließ sie den Schleier fallen, und eilte fast, ihren Schritt verdoppelnd, aus dem Zimmer.

Sie war nicht dazu gekommen, die Geschenke herauszunehmen, die sie mit so großer Liebe und so großem Schmerz gestern im Laden gekauft hatte, und brachte sie wieder mit nach Hause.

31

So sehr wie Anna auch ein Wiedersehen mit ihrem Sohne gewünscht hatte, so lange sie auch nur hieran gedacht, sich nur hierauf vorbereitet hatte, so hatte sie doch keineswegs erwartet, daß dieses Wiedersehen eine so mächtige Wirkung auf sie ausüben würde.

Zurückgekehrt in ihre einsamen Appartements im Hotel, konnte sie lange nicht fassen, warum sie eigentlich hier sei.

„Ja; das ist alles vorüber und ich bin wieder allein,“ sagte sie zu sich und setzte sich, ohne den Hut abzulegen, auf einen am Kamin stehenden Sessel. Mit unbeweglichen Augen auf die Bronzeuhr blickend, welche auf dem Tische zwischen den Fenstern stand, begann sie zu sinnen.

Die französische Zofe, die mit aus dem Auslande gebracht worden war, trat ein, um sie anzukleiden. Verwundert blickte sie dieselbe an und sagte nur „später“. Der Lakai brachte den Kaffee; sie sagte nur „später“. Die italienische Amme, die das kleine Mädchen geputzt hatte, trat mit demselben ein und brachte es Anna. Das dicke, wohlgenährte Kind hob, wie stets, wenn es die Mutter sah, die nackten mit Bändern umspannten Händchen, die Handflächen nach unten, und begann, mit dem noch zahnlosen Mündchen lächelnd, wie ein Fisch an der Angel mit den Händchen zu arbeiten, und mit ihnen an den gesteiften Falten des gestickten Jäckchens zu scheuern.

Man mußte unwillkürlich lächeln und das Kindchen küssen, man mußte ihm einen Finger vorhalten, an dem es anfassen konnte, jauchzend und mit dem ganzen Körper in Bewegung. Man konnte nicht umhin, ihm die Lippe darzubieten, die es anstatt eines Kusses in das Mündchen nahm. Und alles das that Anna, und sie nahm das Kind auf ihre Arme und ließ es hüpfen, und küßte es auf die frische Wange und die entblößten Ärmchen, aber bei dem Anblick dieses Kindes wurde es ihr nur noch klarer, daß das Gefühl, welches sie für dasselbe hegte, nicht einmal Liebe war im Vergleich zu dem, was sie für Sergey fühlte. Alles an diesem kleinen Mädchen war lieblich, aber alles das fand keinen Eingang in ihr Herz. Auf ihrem ersten Kinde – hatte sie es auch gleich von einem ungeliebten Manne – ruhte alle Kraft jener Liebe, die keine Befriedigung gefunden hatte; das Mädchen war unter den schwierigsten Verhältnissen geboren worden, und auf dasselbe war nicht der hundertste Teil der Sorgfalt verwendet worden, wie auf das erste Kind; außerdem war bei diesem Mädchen alles noch Erwartung, Sergey hingegen schon fast wahrhaft Mensch und ein geliebter Mensch; in ihm kämpften bereits Gedanken und Gefühle miteinander. Er begriff und liebte, er beurteilte sie, wie sie meinte, indem sie seiner Worte und Blicke gedachte. Und doch war sie auf immer nicht nur körperlich, sondern auch geistig von ihm getrennt, ließ sich nichts mehr besser gestalten.

Sie gab das kleine Mädchen der Amme zurück, entließ diese, und öffnete ein Medaillon, in welchem ein Porträt Sergeys war, ihn darstellend, als er noch fast das nämliche Alter hatte, wie das kleine Mädchen jetzt. Sie stand auf und nahm, ihren Hut ablegend, von einem kleinen Tische ein Album, in welchem sich Photographieen ihres Sohnes aus anderen Lebensaltern befanden. Sie wollte diese Photographieen vergleichen, und begann sie aus dem Album herauszunehmen; sie nahm sie alle heraus, nur eine einzige, die letzte und beste, war noch übrig. In weißem Hemd saß er darauf auf einem Stuhle, machte böse Augen und lächelte mit dem Munde. Dies war ein ganz eigentümlicher Ausdruck, der ihm am besten stand. Mit den kleinen, flinken Händen, die sich jetzt besonders angespannt mit ihren weißen, schmalen Fingern bewegten, hatte sie mehrmals an die Ecke des Bildes geklopft, aber das Bild war losgerissen und sie konnte es nicht erlangen. Ein Messer befand sich nicht auf dem Tische, und sie nahm daher eine Photographie, welche daneben stand – es war ein in Rom gefertigtes Bild Wronskiys, welches ihn in rundem Hut und langen Haaren darstellte – und stieß damit das Bild ihres Sohnes heraus.

„Das ist ja er!“ sagte sie, auf das Bild Wronskiys blickend, und sich plötzlich vergegenwärtigend, wer die Ursache ihres jetzigen Harmes sei. Sie hatte noch nicht ein einziges Mal während dieses ganzen Morgens an ihn gedacht. Jetzt aber, als sie dieses männliche, edle, ihr so vertraute und liebe Gesicht wieder erblickte, empfand sie plötzlich eine unerwartete Regung der Liebe zu ihm. „Aber wo bleibt er denn? Läßt er mich allein mit meinem Leiden?“ dachte sie mit einem Gefühl des Vorwurfs, und vergaß dabei, daß sie selbst vor ihm doch alles verborgen hielt, was ihren Sohn betraf. Sie sandte zu ihm mit der Bitte, doch sogleich zu ihr zu kommen; mit stockendem Herzen, sich die Worte vergegenwärtigend, mit denen sie ihm alles sagen wollte, und die Worte seiner Liebe, mit welchen er sie trösten würde, erwartete sie ihn. Der Bote kam mit dem Bescheid zurück, der Herr habe Besuch, würde aber sofort kommen; Wronskiy hatte befohlen, bei ihr anzufragen, ob sie ihn zusammen mit dem Fürsten Jaschwin, der nach Petersburg gekommen sei, empfangen könne.

„Er kommt nicht allein, und hat mich doch seit dem gestrigen Mittag nicht gesehen,“ dachte sie, „er kommt nicht allein, daß ich ihm alles sagen kann, sondern mit Jaschwin.“ Und plötzlich tauchte ein seltsamer Gedanke in ihr auf. „Wie wenn er aufgehört hätte, sie zu lieben?“

Und indem sie die Vorkommnisse der letzten Tage musterte, schien ihr, als ob sie in allem eine Bestätigung dieses entsetzlichen Gedankens sehe; schon darin, daß er gestern nicht zu Haus zu Mittag gespeist hatte, daß er darauf bestanden hatte, sie möchten in Petersburg getrennt logieren, wie darin, daß er jetzt nicht einmal allein zu ihr kam, gerade als ob er einem Wiedersehen Auge in Auge mit ihr aus dem Wege gehen wollte.

„Aber er muß mir dies sagen. Ich muß es wissen; und so bald ich es weiß, dann weiß ich auch, was ich zu thun habe,“ sagte sie zu sich, ohne Fähigkeit, sich die Lage vorzustellen, in welche sie kommen würde, wenn sie sich von seiner Gleichgültigkeit überzeugte. Sie glaubte, er habe aufgehört, sie zu lieben, sie fühlte sich der Verzweiflung nahe, und infolge dessen besonders reizbar. Sie schellte der Zofe und begab sich nach dem Ankleidezimmer. Beim Ankleiden beschäftigte sie sich mehr als während der letztvergangenen Tage mit ihrer Toilette, als ob Wronskiy sie, wenn er sie nicht mehr lieben sollte, deshalb von neuem lieben müsse, weil sie diese Robe und jene Frisur, die ihr besser standen, trug.

Sie hörte die Glocke, noch bevor sie fertig war. Als sie in den Salon trat, begegnete nicht er, sondern Jaschwin ihrem Blick. Jaschwin betrachtete die Photographieen ihres Sohnes, die sie auf dem Tische vergessen hatte, und er beeilte sich nicht eben, den Blick nach ihr zu wenden.

„Wir sind ja Bekannte,“ sagte sie, ihre kleine Hand in die große Jaschwins legend, der in Verwirrung geraten war – was sich bei dem riesigen Wuchs und dem derben Gesicht desselben sonderbar genug ausnahm. – „Wir sind Bekannte seit dem vorigen Jahre, von den Rennen. Gebt doch her,“ sagte sie, mit schneller Bewegung die Bilder des Sohnes, die er ansah, vor Wronskiy wegnehmend, und ihn bedeutungsvoll mit den blitzenden Augen anschauend. „Waren im gegenwärtigen Jahre die Rennen gut? Anstatt der unsrigen, habe ich die Rennen auf dem Corso in Rom gesehen. Ihr liebt übrigens wohl nicht das Leben im Ausland?“ frug sie mit freundlichem Lächeln. „Ich kenne Euch, und kenne alle Eure Geschmacksrichtungen, obwohl ich Euch wenig begegnet bin.“

„Das thut mir sehr leid, da meine Geschmacksrichtungen immer schlechter werden,“ sagte Jaschwin, sich in seinen linken Schnurrbart beißend.

Nachdem er noch einige Zeit geplaudert und bemerkt hatte, daß Wronskiy nach der Uhr blickte, frug Jaschwin sie, ob sie noch lange in Petersburg bleiben werden und griff, seine mächtige Gestalt einknickend, ans Käppi.

„Wahrscheinlich nicht mehr lange,“ sagte sie voll Verwirrung, auf Wronskiy blickend.

„So sehen wir uns also nicht wieder?“ antwortete Jaschwin, aufstehend und sich an Wronskiy wendend, „wo speisest du?“

„Kommt, mit mir zu dinieren,“ sagte Anna entschlossenen Tones, gleichsam erzürnt über sich selbst wegen ihrer Verlegenheit, aber errötend, wie dies stets bei ihr der Fall war, wenn sie vor einer ihr nicht vertrauten Persönlichkeit ihre Meinung äußerte. „Das Essen ist hier nicht gut, aber Ihr könnt ihn doch wenigstens wiedersehen. Aleksey liebt von allen seinen Kameraden aus dem Regiment keinen so, wie Euch.“

„Sehr erfreut,“ sagte Jaschwin mit einem Lächeln, aus dem Wronskiy ersah, daß ihm Anna sehr gefiel.

Jaschwin empfahl sich und ging, Wronskiy blieb allein zurück.

„Du gehst auch?“ sagte sie.

„Ich habe mich schon verspätet,“ antwortete er, „geh! Ich komme dir sogleich nach!“ rief er Jaschwin nach.

Sie nahm ihn bei der Hand und blickte ihn, ohne das Auge abzuwenden, an, in ihren Gedanken suchend, was sie ihm sagen sollte, um ihn zurückzuhalten.

„Warte, ich habe dir etwas zu sagen,“ seine kleine Hand nehmend, preßte sie dieselbe an ihren Hals, „nicht wahr, es thut nichts, daß ich ihn zum Essen geladen habe?“

„Das hast du ganz recht gemacht,“ sagte er, mit ruhigem Lächeln seine engstehenden Zähne zeigend und ihre Hand küssend.

„Aleksey, du bist nicht anders geworden gegen mich?“ sprach sie, mit beiden Händen seine Rechte drückend. „Aleksey, ich quäle mich hier ab, wann reisen wir?“

„Bald, bald. Du kannst nicht glauben, wie auch mir das Leben hier schwer ist,“ sagte er, seine Hand ausstreckend.

„Nun so geh, geh,“ sagte sie verletzt und ging schnell von ihm hinweg.

32

Als Wronskiy heimkehrte, war Anna noch nicht wieder da. Bald nach ihm war, wie man ihm sagte, eine Dame angekommen und mit dieser zusammen sei sie weggefahren.

Daß sie weggefahren war, ohne gesagt zu haben wohin, was bei ihr bis jetzt noch nicht der Fall gewesen war, daß sie noch an diesem Morgen ausgefahren, ohne ihm etwas davon zu sagen – alles das, zusammen mit dem seltsam aufgeregten Ausdruck ihres Gesichts heute früh und mit der Erinnerung an die feindselige Haltung, mit welcher sie in Gegenwart Jaschwins die Bilder ihres Sohnes fast seinen Händen entrissen hatte, stimmte ihn nachdenklich.

Er schloß, daß es notwendig sei, sich mit ihr auszusprechen, und er erwartete sie nun in ihrem Salon. Anna kehrte indessen nicht allein zurück, sondern brachte ihre Tante mit sich, eine alte Jungfer, die Fürstin Oblonskaja. Das war die Dame, welche heute früh angekommen und mit welcher Anna Einkäufe zu machen ausgefahren war.

Anna schien den besorgten und fragenden Ausdruck der Züge Wronskiys nicht zu bemerken, und berichtete ihm heiter, was sie heute Morgen gekauft habe. Er sah, daß in ihr etwas Besonderes vorgehe; denn in ihren blitzenden Augen lag, wenn sie sich auf ihn im Vorübergleiten hefteten, eine gespannte Aufmerksamkeit, und in ihrer Rede, in ihren Bewegungen jene nervöse Schnelligkeit und Grazie, die ihn in der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft so bestrickt hatte, jetzt aber beunruhigte und erschreckte.

Das Diner wurde für Vier gedeckt. Alle waren bereits versammelt, um in das kleine Speisezimmer zu gehen, als Tuschkjewitsch mit einem Auftrag für Anna von der Fürstin Betsy ankam. Die Fürstin Betsy bat um Entschuldigung, daß sie nicht gekommen sei, um Abschied zu nehmen. Sie fühle sich unwohl, bat aber Anna, zwischen halb acht und neun Uhr zu ihr zu kommen. Wronskiy blickte Anna an bei dieser Zeitbestimmung, welche bewies, daß Maßregeln getroffen waren, sie niemandem begegnen zu lassen, doch schien dies Anna gar nicht zu bemerken.

„Sehr schade, daß ich gerade zwischen halb acht und neun Uhr nicht kann,“ sagte sie mit leisem Lächeln.

„Die Fürstin wird das sehr bedauern.“

„Auch ich.“

„Ihr wollt wahrscheinlich die Patti hören?“ sagte Tuschkjewitsch.

„Die Patti? Ihr gebt mir da einen guten Gedanken ein. Ich würde hinfahren, wenn es möglich wäre, eine Loge zu erhalten.“

„Ich kann sie erhalten,“ brüstete sich Tuschkjewitsch.

„Ach, da würde ich Euch recht sehr dankbar sein,“ antwortete Anna, „aber wollt Ihr nicht mit uns speisen?“

Wronskiy zuckte kaum merklich die Achsel; er verstand absolut nicht, was Anna that. Weshalb brachte sie diese alte Fürstin mit, weshalb veranlaßte sie Tuschkjewitsch, mitzuspeisen, und, was am wunderbarsten war, weshalb schickte sie ihn nach einer Loge? War es denn denkbar, daß sie in ihrer Lage in das Abonnement der Patti fuhr, wo die gesamte, ihr bekannte Welt zugegen sein würde? Mit ernstem Blick schaute er sie an, doch sie antwortete ihm mit jenem herausfordernden, weniger heiteren, als verzweifelten Blick, dessen Bedeutung er nicht verstehen konnte. Bei Tische war sie provozierend heiter, sie kokettierte fast mit Tuschkjewitsch und Jaschwin. Als man vom Tische aufstand und Tuschkjewitsch wegfuhr, um die Loge zu bestellen, während Jaschwin ging, um zu rauchen, begab sich Wronskiy mit letzterem zusammen hinweg in seine Zimmer. Nachdem er einige Zeit hier verweilt hatte, eilte er wieder nach oben. Anna hatte sich schon in eine hellseidene Toilette mit Samt geworfen, die für sie in Paris gefertigt worden war, mit offener Brust und kostbaren weißen Spitzen auf dem Kopfe, die ihr Gesicht einrahmten, und ihre blendende Schönheit besonders vorteilhaft hervorhob.

„Ihr fahrt bestimmt zum Theater?“ sagte er, sie geflissentlich nicht ansehend.

„Weshalb fragt Ihr so voll Furcht?“ antwortete sie, aufs neue verletzt davon, daß er sie nicht anblickte, „weshalb sollte ich nicht?“ —

Sie schien den Sinn seiner Worte gar nicht zu verstehen.

„Natürlich, nicht die geringste Ursache, warum man es nicht thun sollte,“ antwortete er finster werdend.

„Das sage ich eben auch,“ versetzte sie, mit Absicht keine Ironie in ihren Ton legend, und ruhig den schmalen, duftenden Handschuh umwendend.

„Anna, um Gott! Was ist mit Euch?“ frug er, sie zur Besinnung bringend, ganz ebenso, wie einst ihr Mann zu ihr gesprochen hatte.

„Ich verstehe nicht, wonach Ihr fragt.“

„Ihr wißt, es ist unmöglich ins Theater zu fahren.“

„Warum? Ich fahre ja nicht allein. Die Fürstin Barbara geht, um sich anzukleiden, sie wird mit mir fahren.“

Er zuckte die Schultern mit dem Ausdruck der Unentschlossenheit und Verzweiflung.

„Aber wißt Ihr denn nicht“ – begann er.

„Ich will nichts wissen!“ schrie sie fast auf. „Ich will nicht! Bereue ich denn, was ich gethan habe? Nein, nein, und aber nein! Und geschähe wieder das Nämliche, von Anfang an, so wäre es wieder so. Für uns, für mich und Euch ist nur Eines von Wichtigkeit: ob wir uns gegenseitig lieben! – Andere Erwägungen giebt es nicht! Wozu wohnen wir hier gesondert und sehen uns nicht? Warum kann ich nicht ins Theater fahren? Ich liebe dich und mir ist alles gleich,“ sprach sie russisch, mit jenem eigenartigen, unverständlichen Glanz der Augen auf ihn blickend, „wenn du dich nicht verändert hast. Warum schaust du mich nicht an?“

Er blickte sie an. Er sah die ganze Schönheit ihres Gesichts, dieser Toilette, die ihr stets so gut zu Gesicht stand. Aber jetzt war gerade ihre Schönheit und Eleganz das, was ihn betroffen machte.

„Meine Empfindungen können sich nicht ändern; Ihr wißt es, aber ich bitte Euch, nicht dorthin zu fahren, ich beschwöre Euch,“ sprach er, wieder auf französisch, und mit zärtlicher Bitte in der Stimme, aber Kälte im Blick.

Sie hörte seine Worte nicht, sondern sah nur die Kälte des Blicks und antwortete gereizt:

„Ich bitte Euch nur, mir zu erklären, warum ich nicht fahren soll.“

„Weil es Euch Ursache werden könnte zu“ – er blieb stecken.

„Ich verstehe nichts. Jaschwin n'est pas compromettant und die Fürstin Barbara ist in nichts schlechter, als die anderen. – Da ist sie ja!“ —

33

Wronskiy empfand zum erstenmale ein Gefühl des Verdrusses, fast des Zornes über Anna, wegen ihres absichtlichen Mißverstehens ihrer Situation. Dieses Gefühl verstärkte sich noch dadurch, daß er ihr die Ursache seines Verdrusses nicht aussprechen konnte. Hätte er ihr offen mitgeteilt, was er dachte, dann hätte er ihr gesagt: „In dieser Toilette sich mit der jedermann bekannten, unverheirateten Fürstin im Theater zu zeigen – hieß nicht nur die Lage eines gefallenen Weibes selbst eingestehen, sondern auch, der Welt eine Herausforderung zuschleudern, oder, mit anderen Worten, sich für immer von dieser lossagen.“

Dies konnte er ihr nicht sagen. „Aber wie kann sie es nicht verstehen, und was geht in ihr vor?“ sagte er zu sich. Er fühlte, wie sich zu ein und derselben Zeit seine Achtung vor ihr verminderte, während die Erkenntnis ihrer Schönheit in ihm wuchs.

Finster kehrte er nach seinem Zimmer zurück und befahl, sich zu Jaschwin setzend, welcher seine langen Beine auf einen Stuhl gestreckt hatte und einen Cognac mit Selterwasser trank, ihm das Nämliche zu bringen.

„Du sagst, der Moguschtschij Lankowskiys. Das ist ein gutes Pferd, ich rate dir, es zu kaufen,“ sagte Jaschwin, das finstere Gesicht des Kameraden musternd. „Er hat zwar ein Hängekreuz – aber seine Füße und der Kopf – etwas besseres kann man nicht verlangen!“

„Ich denke, daß ich ihn kaufen werde,“ antwortete Wronskiy.

Das Gespräch über die Pferde beschäftigte ihn zwar, aber er vergaß nicht eine Minute Annas, unwillkürlich dem Klange der Schritte auf dem Korridor lauschend, und nach der Uhr auf dem Kamin blickend.

„Anna Arkadjewna hat befohlen zu melden, daß sie ins Theater gefahren ist.“

Jaschwin stürzte noch ein Glas Cognac mit Sodawasser hinunter, stand auf und knöpfte sich zu.

„Nun, fahren wir?“ sagte er, fein lächelnd unter dem Schnurrbart, und mit diesem Lächeln zeigend, daß er den Grund der Mißstimmung Wronskiys begreife, derselben aber keine Bedeutung beimesse.

„Ich werde nicht mitfahren,“ versetzte Wronskiy.

„Ich aber muß; ich habe es versprochen. Nun denn, auf Wiedersehen. Kommst du in den Klub? Du kannst Krusinskijs Platz nehmen,“ sagte er im Gehen noch.

„Nein, ich habe Geschäfte.“

„Mit einem Weibe hat man schon Sorgen, aber mit einer, die nicht unser Weib ist, ist es noch schlimmer,“ dachte Jaschwin, das Hotel verlassend.

Wronskiy, allein geblieben, erhob sich vom Stuhle und begann im Zimmer auf und abzuschreiten.

„Was ist denn heute? Das vierte Abonnement. Jegor ist mit seiner Frau dort und meine Mutter wahrscheinlich. Das heißt, ganz Petersburg ist da. Jetzt kommt sie nun, legt den Pelz ab und tritt in die Gesellschaft. Tuschkjewitsch, Jaschwin und die Fürstin Barbara,“ malte er sich aus, „und ich? Entweder fürchte ich mich, oder ich habe meine Protektion über sie an Tuschkjewitsch abgetreten. Wie man die Sache auch betrachten mag – sie ist dumm, dumm! – Aber warum bringt sie mich nur in diese Lage?“ sagte er, mit der Hand ausschlagend.

Mit dieser Bewegung traf er den kleinen Tisch, auf welchem das Selterswasser und eine Caraffe mit Cognac stand und stieß ihn fast um. Er wollte ihn halten, ließ ihn aber fallen, und voll Verdruß stieß er ihn mit dem Fuße um. Er schellte.

„Wenn du bei mir dienen willst,“ sagte er zu dem eintretenden Kammerdiener, „so merke dir deinen Dienst. Daß dies nicht wieder vorkommt! Du hast Ordnung zu machen.“

Der Kammerdiener, welcher sich schuldlos fühlte, wollte sich rechtfertigen, mit einem Blick auf seinen Herrn aber gewahrte er an dessen Miene, daß er hier nur zu schweigen habe, und ließ sich, geschäftig zusammengekrümmt, auf den Teppich nieder, auf dem er die ganz gebliebenen und die zerbrochenen Gläser und Flaschen zusammenzulesen anfing.

„Das ist nicht deine Arbeit, geh, der Diener kann das zusammenlesen, lege mir meinen Frack bereit!“ —

Wronskiy ging halb neun Uhr ins Theater. Die Vorstellung war in vollem Gange.

Der Theaterdiener, ein kleiner Alter, nahm Wronskiy den Pelz ab und begrüßte ihn, nachdem er ihn wiedererkannt hatte, mit „Eure Durchlaucht;“ schlug ihm vor, lieber nicht eine Nummer zu nehmen, und rief einfach Fjodor. In dem hellen Korridor war niemand außer dem Theaterdiener und zwei Lakaien mit Pelzen auf den Armen, die an der Thüre horchten. Aus einer verschlossenen Thür heraus waren die Klänge des vorsichtigen Accompagnements des Orchesters in staccato hörbar, sowie die einer weiblichen Stimme, welche ausgezeichnet ein Recitativ vortrug. Die Thür öffnete sich, den Theaterdiener durchlassend und der Satz, welcher zu Ende ging, traf klar ans Ohr Wronskiys. Die Thür schloß sich indessen sofort wieder und Wronskiy hörte das Ende und die Kadenz nicht mehr, nahm aber an dem dröhnenden Beifallsklatschen durch die Thür heraus wahr, daß die Schlußkadenz zu Ende sei.

Als er in den hell von Lustres und bronzenen Gasarmen erleuchteten Saal trat, dauerte der Lärm noch fort. Auf der Scene stand eine Sängerin, schimmernd in ihren entblößten Schultern und ihren Brillanten, sich verbeugend und lächelnd, und sammelte mit Hilfe ihres Tenors, der sie an der Hand führte, die ungeschickt über die Rampe geworfenen Bouquets auf, wobei sie zu einem Herrn, mit einem Scheitel in der Mitte der pomadeglänzenden Haare, welcher sich mit langen Armen mit einem Gegenstande über die Rampe beugte, trat, und das gesamte Publikum im Parterre wie in den Logen, voller Bewegung, sich vorbeugte, rief und klatschte.

Der Kapellmeister auf seinem erhöhten Platze half bei der Übergabe des Gegenstandes und ordnete dann seine weiße Krawatte. Wronskiy trat in die Mitte des Parterre und begann, stehen bleibend, Umschau zu halten. Weniger als je, widmete er seine Aufmerksamkeit der bekannten, gewohnten Umgebung, der Bühne, und diesem Lärm, dieser ganzen, wohlbekannten, bunten Schar der Zuschauer in dem dichtbesetzten Theater, die ihn nicht interessierten.

Dieselben gewissen Damen mit den gewissen Offizieren waren da wieder im Hintergrund der Logen; dieselben buntfarbigen Damen, Gott weiß wer sie waren, und Uniformen und Röcke, der nämliche schmutzige Haufe auf dem Paradies oben, und in dieser ganzen Masse, in den Logen, dem ersten Rang befanden sich nur einige vierzig „wirkliche“ Herren und Damen. Nach dieser Oase richtete sich sogleich Wronskiys Augenmerk und sogleich war auch er mit ihr in Beziehung getreten.

Der Akt war zu Ende, als er eintrat, und daher schritt er, ohne in die Loge seines Bruders zu treten, bis zur ersten Reihe, und blieb an der Rampe bei Serpuchowskoy stehen, welcher, das eine Knie geknickt und mit dem Absatz gegen die Rampe klappend, ihn schon von weitem erblickt hatte, und ihn mit einem Lächeln zu sich rief.

Wronskiy hatte Anna noch nicht wahrgenommen; er blickte absichtlich nicht nach der Seite, auf der sie war, doch sah er schon an der Richtung der Blicke, wo sie sich befand. Verstohlen blickte er um sich, suchte sie aber nicht. Das Schlimmste erwartend, suchte er mit den Augen Aleksey Aleksandrowitsch; doch zu seinem Glück war derselbe für diesmal nicht im Theater.

„Wie wenig vom Soldaten ist doch an dir geblieben,“ sagte Serpuchowskoy. „Diplomat, Artist – das wäre so Etwas für dich.“

„Ja, ja, als ich nach Haus kam, zog ich den Frack an,“ sagte Wronskiy lächelnd, langsam sein Augenglas nehmend.

„Ich beneide dich eigentlich, offen gestanden darin. Stets, wenn ich aus dem Ausland heimkehre, und dies wieder anlege,“ sagte er, seine Epauletten berührend, „dann thut es mir leid um die Freiheit.“

Serpuchowskoy hatte schon längst seine Erwartungen bezüglich einer dienstlichen Wirksamkeit Wronskiys aufgegeben, liebte diesen aber noch wie früher, und war jetzt besonders liebenswürdig gegen ihn.

„Schade, daß du dich zu dem ersten Akte verspätet hast.“

Wronskiy, der nur mit halbem Ohr zuhörte, ließ sein Glas über die Bel-Etage gleiten und musterte die Logen. Neben einer Dame im Turban und einem kahlköpfigen Alten, der zornig in dem Glase des auf ihn gerichteten Krimstechers blinzelte, erblickte Wronskiy plötzlich den Kopf Annas, stolz, frappierend in seiner Schönheit, lächelnd in der Umrahmung der Spitzen. Sie saß nur zwanzig Schritte von ihm von vorn, und sprach, leicht gewendet, zu Jaschwin etwas. Die Haltung ihres Kopfes auf den schönen breiten Schultern und der verhalten herausfordernde Glanz ihrer Augen und ihres ganzen Antlitzes erinnerte ihn ganz an sie, wie er sie ebenso auf dem Balle in Moskau erblickt hatte. Jetzt aber empfand er diese Schönheit ganz anders. In seinem Gefühl für sie lag nichts Geheimnisvolles mehr, und daher zog ihn zwar ihre Schönheit selbst stärker noch als früher an, zugleich damit aber bereitete sie ihm jetzt auch Schmerz. Sie schaute nicht in der Richtung nach ihm, aber Wronskiy fühlte, daß Anna ihn schon gesehen hatte.

Als Wronskiy das Glas abermals nach jener Richtung bewegte, bemerkte er, daß die unverheiratete Fürstin Barbara auffallend rot aussah, unnatürlich lachte und unaufhörlich nach der Nachbarloge blickte. Anna hingegen, die den Fächer zusammengelegt hatte und mit ihm auf den roten Sammet klopfte, schaute in unbestimmter Richtung, und sah nicht, oder wollte offenbar nicht sehen, was in der Nachbarloge vorging. Auf dem Gesicht Jaschwins lag jener Ausdruck, den es annahm, wenn er verspielt hatte. Mürrisch nahm er tiefer und tiefer seinen linken Schnurrbart in den Mund und schielte nach der gleichen Nachbarloge hinüber.

In dieser, ihnen zur Linken, befanden sich die Kartasoff. Wronskiy kannte sie, und wußte auch, daß Anna mit ihnen bekannt war. Die Kartasowa, ein mageres, kleines Weib, stand in ihrer Loge, und warf, mit dem Rücken gegen Anna gewandt, einen ihr von ihrem Gatten gereichten Überwurf um. Ihr Gesicht sah blaß und böse aus und sie sprach in erregtem Tone. Kartasoff, ein dicker, kahlköpfiger Herr, schaute Anna fortwährend an und bemühte sich dabei, seine Frau zu besänftigen. Nachdem diese gegangen war, zögerte er noch lange, suchte mit seinen Augen den Blick Annas und wollte sie offenbar grüßen. Anna jedoch, die ihn offenbar absichtlich nicht bemerkte, hatte sich rückwärts gewandt und sprach zu Jaschwin, der sich zu ihr mit seinem frisierten Kopfe herniederbeugte. Kartasoff ging, ohne grüßen zu können, und die Loge stand leer.

Wronskiy erkannte nicht, was zwischen den Kartasoff und Anna vorgefallen sei, aber er begriff, daß etwas für Anna Erniedrigendes geschehen war.

Er erkannte dies schon an dem, was er wahrnahm, und vor allem an dem Gesicht Annas, die – er wußte es – ihre letzten Kräfte zusammennahm, um die einmal übernommene Rolle zu Ende zu führen. Diese Rolle, die äußerlich Ruhige zu spielen, gelang ihr vollständig. Wer sie und ihre Kreise nicht kannte, nicht alle die Äußerungen des Bedauerns, des Unwillens und der Verwunderung seitens der Frauen darüber hörte, daß sie sich erlaubt hatte, in der Welt zu erscheinen und sich mit ihrem Spitzenschmuck und ihrer Schönheit so bemerkbar zu machen, die bewunderten die Ruhe und Schönheit dieser Frau und ahnten nicht, daß sie die Empfindungen eines Menschen in sich trug, der an den Schandpfahl gestellt ist.

In der Gewißheit, daß Etwas vorgefallen sei, aber ohne zu wissen was, fühlte Wronskiy eine quälende Unruhe und begab sich, in der Hoffnung, etwas darüber erfahren zu können, nach der Loge seines Bruders. Absichtlich einen der Loge Annas gegenüberliegenden Gang im Parterre wählend, stieß er im Hinausgehen mit seinem früheren Regimentskommandeur, der mit zwei Bekannten sprach, zusammen. Wronskiy hörte, daß der Name der Karenin genannt wurde, und bemerkte, wie der Regimentskommandeur sich beeilte, laut den Namen Wronskiys zu nennen, indem er die Sprechenden anblickte.

„Ah, Wronskiy! Wann kommst du denn einmal zum Regiment? Wir können dich nicht ohne ein Fest fortlassen. Du bist unser Stammhalter,“ sagte der Regimentskommandeur.

„Es thut mir sehr leid, ein ander Mal,“ sagte Wronskiy und eilte die Treppe hinauf in die Loge seines Bruders.

Die alte Gräfin, die Mutter Wronskiys, mit ihren stahlblauen Haarlocken befand sich in derselben. Warja und die Fürstin Sorokina begegneten ihm auf dem Korridor der Bel-Etage.

Nachdem Warja die Fürstin Sorokina zu ihrer Mutter geführt hatte, reichte sie ihrem Schwager die Hand, und begann dann sogleich mit ihm über das zu sprechen, was ihn interessierte. Sie war so aufgeregt, wie er sie nur selten gesehen hatte.

„Ich finde, daß dies niedrig und gemein ist, und Madame Kartasowa dazu nicht das geringste Recht hatte. Madame Kartasowa“ – begann sie.

„Aber was ist denn? Ich weiß gar nicht“ —

„Wie, du hast nicht gehört?“

„Du hörst wohl, daß ich der Letzte bin, der also davon erfährt.“

„Giebt es wohl ein schlechteres Geschöpf, als diese Kartasowa.“

„Aber was hat sie denn gethan?“

„Mir hat es mein Mann erzählt – sie hat die Karenina beleidigt. Ihr Mann hatte mit dieser über die Loge hinüber gesprochen, und die Kartasowa ihm darauf eine Scene gemacht. Sie hat, wie er mir erzählt, sich laut in kränkender Weise ausgesprochen und ist dann gegangen.“

„Graf, Mama läßt Euch rufen,“ sagte die Fürstin Sorokina, aus der Thür der Loge blickend.

„Ich warte schon lange auf dich,“ sprach die Mutter zu ihm, sarkastisch lächelnd. „Man sieht dich ja gar nicht mehr.“

Der Sohn erkannte, daß sie ein Lächeln der Freude nicht unterdrücken konnte.

„Guten Tag, Maman; ich kam eben zu Euch,“ sagte er kühl.

„Warum gehst du denn nicht, faire la cour à madame Karènine?“ fügte sie hinzu, als die Fürstin Sorokina weggetreten war. „Elle fait sensation. On oublie la Patti pour elle.“ —

„Maman, ich bat Euch, nur nicht hiervon zu sprechen,“ antwortete er sich verfinsternd.

„Ich spreche nur das, was alle sprechen.“

Wronskiy erwiderte nichts, und ging wieder, nachdem er der Fürstin Sorokina noch einige Worte gesagt hatte. In der Thür begegnete er seinem Bruder.

„Ah, Aleksey,“ sagte dieser. „Welche Niedrigkeit! Diese Närrin – weiter ist sie nichts! Ich wollte soeben zu ihr gehen. Komm, wir gehen zusammen.“ —

Wronskiy hörte ihn nicht. Mit schnellen Schritten stieg er hinunter; er empfand, daß er etwas thun müsse, wußte aber nicht, was. Sein Verdruß über Anna, daß sie sich und ihn in eine so schiefe Lage gebracht hatte, doch auch das Mitleid mit ihr wegen ihrer Leiden, versetzten ihn in Aufregung. Er ging hinunter ins Parterre und schritt geradenwegs auf den Platz Annas zu. Neben diesem stand Stremoff, der sich mit ihr unterhielt.

„Tenöre giebt es eben nicht mehr. Le moule en est brisé!“

Wronskiy verneigte sich vor ihr und blieb stehen, Stremoff begrüßend.

„Ihr scheint spät gekommen zu sein und die besten Arien nicht gehört zu haben,“ sagte Anna zu Wronskiy, ihn spöttisch anblickend, wie ihm schien.

„Ich bin ein schlechter Kritiker,“ antwortete er, streng auf sie schauend.

„Wie der Fürst Jaschwin,“ sagte sie lächelnd, „welcher findet, daß die Patti zu laut singt. Ich danke Euch,“ mit der kleinen Hand im hohen Handschuh einen von Wronskiy aufgehobenen Theaterzettel nehmend; und plötzlich, in diesem Augenblick, erbebten ihre schönen Züge. Sie stand auf und begab sich in die Tiefe der Loge.

Als Wronskiy bemerkt hatte, daß im folgenden Akt ihre Loge leer war, ging er, während sich in dem bei den Tönen einer Kavatine stillgewordenen Theater ein Zischeln erhob, aus dem Parterre und fuhr heim.

Anna war schon zu Haus. Als Wronskiy bei ihr eintrat, befand sie sich noch in der Toilette, in welcher sie im Theater gewesen war. Sie saß auf dem nächsten an der Wand stehenden Lehnstuhl und starrte vor sich hin. Sie blickte ihn an und nahm dann ihre frühere Stellung wieder ein.

„Anna!“ sagte er.

„Du, du bist schuld an allem!“ rief sie unter Thränen der Verzweiflung und der Wut in der Stimme, und erhob sich.

„Ich habe dich gebeten, dich beschworen, nicht zu fahren; ich habe gewußt, daß es dir unangenehm werden würde“ —

„Unangenehm!“ rief sie, – „entsetzlich! So lange ich lebe, werde ich dies nicht vergessen! – Sie hat gesagt, es sei entehrend, neben mir sitzen zu müssen!“ —

„Die Worte eines thörichten Weibes,“ sagte er, „aber wozu mußtest du dazu herausfordern?“

„Ich hasse deine Ruhe! Du durftest mich nicht so weit bringen. Wenn du mich geliebt hättest“ —

„Anna! Wozu hier eine Frage nach meiner Liebe“ —

„Ja, wenn du mich liebtest, wie ich dich liebe, wenn du dich martertest, wie ich mich martere“ – sprach sie, mit dem Ausdruck des Entsetzens auf ihn blickend.

Es that ihm wehe um sie, und dennoch empfand er auch Verdruß. Er versicherte sie seiner Liebe, weil er sah, daß nur dies allein sie jetzt beruhigen konnte, und machte ihr keine Vorwürfe mit Worten; wohl aber tadelte er sie in seinem Innern.

Und jene Versicherungen der Liebe, die ihm so niedrig erschienen, daß es ihm schwer ankam, sie auszusprechen, sog sie in sich ein und wurde etwas ruhiger. Am andern Tage fuhren beide, vollständig ausgesöhnt, auf das Land.

Sechster Teil

1

Darja Aleksandrowna verbrachte den Sommer mit den Kindern in Pokrowskoje bei ihrer Schwester Kity Lewina.

Auf ihrem Gute war das Wohnhaus gänzlich in Verfall geraten, und Lewin mit seiner Gattin hatten ihr zugeredet, den Sommer bei ihnen zuzubringen.

Stefan Arkadjewitsch billigte dieses Arrangement sehr; er drückte sein Bedauern darüber aus, daß der Dienst ihn verhindere, den Sommer mit der Familie zusammen auf dem Dorfe zu verleben, was für ihn das höchste Glück bilde, und kam, in Moskau bleibend, nur selten für einen Tag oder für zwei auf das Land.

Außer den Oblonskiys mit all ihren Kindern und der Gouvernante war bei Lewins während dieses Sommers noch die alte Fürstin, welche es für ihre Pflicht hielt, ihre unerfahrene Tochter im Auge zu behalten, die sich in gewissen Umständen befand. Weiterhin hatte auch Warenka, die Freundin Kitys, von dem Aufenthalt im Auslande her ihr Versprechen erfüllt, zu Kity zu kommen, wenn diese verheiratet sein würde, und war jetzt bei ihrer Freundin zu Besuch.

Alles waren Verwandte und Freunde der Frau Lewins, aber obgleich dieser sie alle lieb hatte, war es ihm doch einigermaßen leid um seine „Lewinsche Welt“ und die Ordnung, welche durch diese Überschwemmung mit dem „Schtscherbazkischen Element“, verschlungen worden war, wie er sich selbst sagte. Von Verwandten seiner Linie weilte in diesem Sommer nur Sergey Iwanowitsch zu Besuch da, und auch dieser war kein Mensch von Lewins, sondern von Koznyscheffschem Schlag, so daß Lewins geistige Sphäre vollständig unterdrückt war.

In Lewins so lange verödet gewesenem Hause befanden sich jetzt so viel Menschen, daß fast alle Räume besetzt waren, und fast jeden Tag kam es vor, daß die alte Fürstin, wenn sie bei Tische sitzend alles überzählte, den dreizehnten, Enkel oder Enkelin, an einen besonderen kleinen Tisch setzen mußte. Auch für Kity, die sich sorgsam mit der Hauswirtschaft befaßte, gab es nicht wenig Sorge um die Beschaffung der Hühner, Kapaunen und Enten, welche bei dem Sommerappetit der Gäste und der Kinder zahlreich verbraucht wurden.

Die ganze Familie saß bei Tische. Die Kinder Dollys machten mit der Gouvernante und Warenka Pläne, wohin sie Pilze suchen gehen wollten. Sergey Iwanowitsch, welcher im Kreise sämtlicher Gäste einen Respekt vor seinem Geist und seiner Gelehrsamkeit genoß, der fast bis zur Verehrung ging, sah alles in die Unterhaltung von den Pilzen vertieft.

„Aber mich nehmt Ihr doch auch mit Euch. Ich gehe sehr gern Pilze suchen,“ sagte er, Warenka anblickend, „und finde, daß das ein sehr hübscher Zeitvertreib ist.“

„Nun, wir werden uns sehr freuen,“ antwortete Warenka errötend. Kity wechselte einen bedeutungsvollen Blick mit Dolly. Der Vorschlag des gelehrten und geistreichen Sergey Iwanowitsch, mit Warenka Pilze suchen zu wollen, stützte gewisse Vermutungen in Kity, welche diese in jüngster Zeit lebhaft beschäftigt hatten. Schnell begann sie mit ihrer Mutter zu sprechen, damit ihr Blick nicht bemerkt werden möchte.

Nach Tisch setzte sich Sergey Iwanowitsch mit seiner Tasse Mokka an das Fenster im Salon, ein mit dem Bruder begonnenes Gespräch fortsetzend und dabei nach der Thür blickend, zu welcher die Kinder hinausgehen mußten, die sich fertig machten, in die Pilze zu gehen.

Lewin saß auf dem Fenster bei seinem Bruder, Kity stand neben ihrem Manne, sichtlich auf das Ende des für sie nicht interessanten Gesprächs wartend, um ihm etwas mitzuteilen.

„Du hast dich sehr verändert, seit du verheiratet bist, und zwar zu deinem Vorteil,“ sagte Sergey Iwanowitsch, Kity zulächelnd und augenscheinlich von der Unterhaltung wenig interessiert, „aber du bist deiner Leidenschaft, die paradoxesten Themen zu verteidigen, getreu geblieben.“

„Katja, es ist für dich nicht gut, zu stehen,“ sagte der Gatte zu ihr, einen Stuhl heranschiebend und sie bedeutungsvoll anschauend.

„Ah; ich habe übrigens gar keine Zeit mehr,“ fügte Sergey Iwanowitsch hinzu, die hinauseilenden Kinder erblickend.

Allen voran, von seitwärts im Galopp mit den drallsitzenden Strümpfchen, ein Körbchen und den Hut Sergey Iwanowitschs schwingend, kam Tanja gerade auf letzteren zugeeilt. Frohmutig auf ihn zueilend mit leuchtenden Augen, die in ihrer Schönheit denen des Vaters so ähnlich waren, reichte sie Sergey Iwanowitsch den Hut und that, als wolle sie ihm denselben aufsetzen, mit schüchternem, sanftem Lächeln ihre Ungebundenheit zügelnd.

„Warenka wartet schon,“ sagte sie, ihm den Hut behutsam aufsetzend, nachdem sie an dem Lächeln Sergey Iwanowitschs erkannt hatte, daß sie dies dürfe.

Warenka stand in der Thür, in einem gelben Kattunkleid, um den Kopf ein weißes Tuch geschlungen.

„Ich komme schon, ich komme, Barbara Andrejewna,“ sagte Sergey Iwanowitsch, seine Tasse Mokka leerend und ein Schnupftuch nebst dem Cigarrenetuis in seinen Taschen verteilend.

„Wie reizend ist doch meine Warenka, nicht wahr?“ sagte Kity zu ihrem Manne, sobald Sergey Iwanowitsch aufgestanden war. Sie sagte dies so, daß Sergey Iwanowitsch sie vernehmen konnte, woran ihr offenbar gelegen war. „Und wie schön sie ist, wie edel schön! Warenka!“ rief Kity. „Ihr werdet wohl im Mühlenholz sein? Wir kommen zu Euch hin!“

„Du vergißt doch entschieden deinen Zustand Kity,“ bemerkte die alte Fürstin, schnell zur Thür herauskommend, „du darfst nicht so schreien.“

Warenka, welche die Stimme Kitys sowie die Äußerung der Mutter vernommen hatte, kam leichten Schrittes zu Kity geeilt. Die Schnelligkeit ihrer Bewegungen, die Farbe, welche ihr munteres Gesicht bedeckte – alles das bewies, daß in ihr etwas Ungewöhnliches vorging. Kity wußte, was dieses Ungewöhnliche war, und beobachtete sie aufmerksam. Sie hatte jetzt Warenka nur gerufen, um ihr für ein wichtiges Ereignis, welches sich nach ihrer Erwägung heute, nach Tische im Walde vollziehen mußte, innerlich Segen zu wünschen.

„Warenka, ich würde sehr glücklich, wenn sich etwas ereignen sollte,“ sagte Kity flüsternd und sie küssend.

„Ihr werdet aber mit uns kommen?“ sagte Warenka in Verwirrung geratend, zu Lewin, und gab sich den Anschein, als habe sie gar nicht gehört, was zu ihr gesagt worden war.

„Ich werde kommen, doch nur bis zur Tenne, und dort werde ich bleiben.“

„Was hast du denn vor?“ sagte Kity.

„Ich muß die neuen Fuhren inspizieren und nachzählen,“ antwortete Lewin, „doch wo wirst du bleiben?“

„Auf der Terrasse.“

2

Auf der Terrasse hatte sich die ganze weibliche Gesellschaft versammelt. Die Damen liebten es, überhaupt dort nach Tische zu sitzen, aber heute gab es da sogar etwas zu thun. Außer dem Nähen und Sticken, womit sich alle beschäftigten, wurde heute Eingemachtes nach einer für Agathe Michailowna ganz neuen Methode – ohne Zuguß von Wasser – zubereitet.

Kity hatte diese neue Methode, welche bei ihr zu Haus in Gebrauch war, eingeführt. Agathe Michailowna, welcher früher dieses Geschäft anvertraut gewesen war, hatte in der Ansicht, daß das, was im Haus der Lewin gemacht wurde, doch nicht schlecht sein könne, gleichwohl ihr Wasser über die Wald- und Gartenerdbeeren mit der Versicherung gegossen, daß es unmöglich anders sein könne, aber sie wurde in ihrer Meinung überführt, und jetzt brodelte vor aller Augen die Himbeere, und Agathe Michailowna mußte sich überzeugt sehen, daß auch ohne Wasser das Eingemachte gut werde.

Agathe Michailowna mit erhitztem, erbittertem Gesicht, wirren Haaren, und bis an den Ellbogen entblößten, hageren Armen schwenkte die Schüssel im Kreise über dem Feuerbecken und blickte grollend auf die Beeren, aus Seelengrunde wünschend, sie möchten nicht gar werden.

Die Fürstin, welche merkte, daß auf sie, als die hauptsächlichste Ratgeberin bei der Zubereitung der Beeren, der Zorn Agathe Michailownas gerichtet sein müsse, bemühte sich, den Anschein zu wahren, als sei sie mit ganz anderen Dingen beschäftigt, und interessiere sich gar nicht für die Himbeeren; sie sprach von Nebensächlichem, schaute aber immer dabei seitwärts nach dem Kohlenbecken.

„Ich kaufe den Mädchen stets Kleider,“ sagte die Fürstin, ein begonnenes Gespräch fortsetzend – „wollen wir jetzt nicht den Schaum abnehmen, Liebe?“ – fügte sie aber hinzu, sich an Agathe Michailowna wendend. „Das brauchst du durchaus nicht selbst zu thun, es ist heiß,“ hielt Kity diese dabei zurück.

„Ich werde es thun,“ sagte Dolly, stand auf und begann behutsam den Löffel über den schäumenden Zucker zu führen; bisweilen damit, um von ihm das daran haften Gebliebene zu entfernen, auf einen Teller klopfend, der bereits von mischfarbigem, gelbrotem Schaum und flüssigem blutrotem Syrup bedeckt war. „Wie sie das schlecken werden zum Thee,“ gedachte sie dabei ihrer Kinder und rief sich ins Gedächtnis zurück, wie sie selbst, als sie noch ein Kind gewesen, sich schon immer verwundert hatte, daß die Erwachsenen nicht gerade das Beste äßen – nämlich den Schaum – „Stefan sagt, es sei bei weitem besser, Geld zu geben,“ sagte Dolly dabei, das begonnene, interessante Gespräch darüber, wie man die Dienstleute beschenken solle, fortsetzend, „allein“ —

„So viel es möglich ist, Geld,“ sagten wie mit einer Stimme die Fürstin und Kity. „Sie schätzen das.“

„Nun, ich habe beispielsweise im vergangenen Jahre unserer Matrjona Ssemjonowna ein Kleid gekauft,“ sprach die Fürstin.

„Ich besinne mich, zu Eurem Geburtstage ging sie darin.“

„Ein reizendes Muster – so einfach und fein. Ich hätte es mir selbst machen lassen, wenn es nicht ihr gehört hätte; – so, wie das von Warenka war es. So hübsch und billig.“

„Jetzt scheint es fertig zu sein,“ sagte Dolly, den Syrup vom Löffel laufen lassend.

„Wenn Kringel werden, ist es gut. Kocht noch weiter, Agathe Michailowna.“

„Diese Fliegen,“ antwortete Agathe Michailowna gereizt.

„O, wie niedlich, verjagt ihn nicht!“ sprach Kity plötzlich, auf einen Spatz blickend, der sich auf dem Geländer niedergesetzt hatte und das Mark einer Himbeere zu picken begann.

„Ja, aber du mußt etwas weiter vom Kohlenbecken weg,“ sprach die Mutter.

„A propos de Warenka,“ begann Kity französisch, wie sie stets sprachen, damit Agathe Michailowna sie nicht verstehe. „Ihr wißt, maman, daß ich heute aus gewissen Gründen eine Entscheidung erwarte. Ihr versteht wohl, welche. Wie schön wäre das!“

„Ah, welch meisterhafte Freibewerberin du bist,“ sprach Dolly, „wie sie behutsam und geschickt die Leute zusammenführt.“

„Nun, maman, sagt doch, was Ihr dazu meint!“

„Was soll ich meinen? Er“ – unter dem Er verstand man Sergey Iwanowitsch – „konnte stets die erste Partie in Rußland machen, er ist zwar jetzt nicht mehr so jung, aber gleichwohl, ich weiß es, würden ihn auch jetzt noch viele Frauen nehmen. Sie ist sehr gut, aber er könnte doch“ —

„Nein, seht nur erst ein, maman, warum etwas Besseres für ihn, wie für sie nicht zu denken ist. Erstens – sie ist eine Schönheit!“ sprach Kity, einen Finger ausstreckend.

„Sie gefällt ihm sehr, das ist wahr,“ bestätigte Dolly.

„Dann nimmt er eine solche Stellung in der Welt ein, daß ihm ein Vermögen, ein Stand in der Welt für seine Frau ganz und gar nicht erforderlich ist. Ihm ist Eins nur nötig – ein gutes, liebevolles ruhiges Weib.“

„Jawohl, und mit ihr kann man ruhig leben,“ bestätigte Dolly.

„Drittens; sie muß ihn lieben! So ist es ja auch – und soweit wäre alles ganz gut. Ich erwarte, daß sie aus dem Walde kommen und alles entschieden ist. Ich werde es sogleich an ihren Augen erkennen; und würde mich so sehr freuen! Wie denkst du darüber, Dolly?“

„Rege dich nur nicht auf. Du darfst dich durchaus nicht erregen,“ sagte die Mutter.

„Aber ich rege mich ja gar nicht auf, maman; mir scheint nur, daß er heute seinen Antrag machen wird.“

„Ach; es ist so seltsam, wenn ein Mann eine Liebeserklärung macht. Erst ist so eine Scheidewand vorhanden, und plötzlich ist sie durchbrochen,“ sagte Dolly, gedankenvoll lächelnd und sich an die Vergangenheit mit Stefan Arkadjewitsch erinnernd.

„Mama, wie hat Euch denn Papa seine Liebeserklärung gemacht?“ frug Kity plötzlich.

„Es war nichts Außergewöhnliches dabei, sehr einfach,“ antwortete die Fürstin, aber ihr ganzes Gesicht erglänzte bei dieser Erinnerung.

„Nun, wie denn? Ihr habt ihn doch geliebt, bevor Euch noch erlaubt war, mit ihm zu sprechen.“

Kity fand einen eigenen Reiz darin, mit ihrer Mutter jetzt wie mit einer Gleichgestellten über diese höchsten Fragen des Frauenlebens sprechen zu können.

„Versteht sich, liebte er mich! Er kam zu uns auf das Land.“

„Aber wie entschied es sich? Mama?“

„Du denkst wahrscheinlich, daß ihr beide euch etwas Neues ausgedacht hättet? Es war ganz dieselbe Geschichte; mit Blicken und Lächeln“ —

„Wie Ihr das so schön ausgesprochen habt, maman! Ja, die Augen, das Lächeln,“ bestätigte Dolly.

„Aber welche Worte sprach er denn?“

„Was für Worte hat dir dein Konstantin gesagt?“

„Er schrieb sie mit Kreide. Es war wunderbar. Wie weit scheint mir dies schon dahinten zu liegen,“ antwortete Kity.

Die drei Frauen sannen jetzt über ein und dasselbe nach. Kity brach zuerst wieder das Schweigen. Der ganze letzte Winter vor ihrer Verheiratung, ihre Leidenschaft für Wronskiy kam ihr wieder ins Gedächtnis.

„Aber noch Eins – jene frühere Leidenschaft Warenkas,“ sagte sie, in einem natürlichen Gedankengang sich dessen erinnernd. „Ich wollte Sergey Iwanowitsch schon irgendwie Mitteilung machen, ihn vorbereiten. Sie sind ja alle Männer,“ fügte sie hinzu, „und entsetzlich eifersüchtig auf unsere Vergangenheit.“

„Nicht alle,“ antwortete Dolly, „du urteilst so nach deinem Manne; der martert sich noch jetzt ab in der Erinnerung an Wronskiy. Nicht wahr? Habe ich nicht recht?“

„Du hast recht,“ antwortete Kity, gedankenvoll mit den Augen lächelnd.

„Ich weiß nun nicht,“ fuhr die Fürstin fort, ihre mütterliche Obhut für die Tochter wieder übernehmend, „was eigentlich in deiner Vergangenheit ihn stören könnte? Daß Wronskiy dir den Hof machte? Das passiert jedem jungen Mädchen.“

„Ach, sprechen wir nicht davon,“ sagte Kity errötend.

„Nein, gestatte,“ fuhr die Mutter fort, „du selbst wolltest mir ja nicht gestatten, mit Wronskiy Rücksprache zu nehmen. Weißt du noch?“

„Ach, Mama!“ sagte Kity mit einem Ausdruck von Leiden.

„Deine Beziehungen zu ihm konnten ja nicht weitergehen als sie durften; ich selbst würde ihn noch ermutigt haben. Doch im übrigen, liebe Seele, taugt es nicht für dich, wenn du dich erregst. Denke, bitte, hieran, und beruhige dich.“

„Ich bin vollkommen ruhig, maman.“

„Wie war es doch zum Glück damals für Kity, daß Anna kam,“ sagte Dolly, „und wie verhängnisvoll wurde das für sie selbst. Da haben wir es gerade umgekehrt,“ fügte sie hinzu, betroffen über ihren eigenen Gedanken. „Damals war Anna so glücklich und Kity hielt sich für unglücklich. Welch ein völliger Umschlag! Ich denke oft an sie.“

„Das wäre das Weib, an welches man denken dürfte! Ein häßliches, ausschweifendes Weib ohne Herz,“ sprach die Mutter, welche nicht vergessen konnte, daß Kity nicht einen Wronskiy, sondern einen Lewin geheiratet hatte.

„Was ist es für ein Vergnügen, hiervon zu sprechen,“ fuhr Kity voll Verdruß fort, „ich denke nicht daran und will nicht daran denken. Ich will nicht daran denken,“ sprach sie, dabei dem wohlbekannten Klang der Schritte ihres Mannes auf den Stufen zur Terrasse lauschend.

„Wovon ist denn die Rede ‚ich will nicht daran denken?‘“ frug Lewin, die Terrasse betretend.

Niemand antwortete ihm, und er wiederholte seine Frage nicht.

„Ich bedaure, euer Frauenreich gestört zu haben,“ sprach er, mißvergnügt alle anblickend und wohl gewahrend, daß man über etwas gesprochen hatte, wovon man in seiner Gegenwart nicht geredet haben würde.

Einen Augenblick empfand er, daß er die Gefühle Agathe Michailownas teile, die Unzufriedenheit darüber, daß man die Himbeeren ohne Wasser einkoche, und über den fremdartigen Einfluß der Schtscherbazkiy. Er lächelte aber doch und trat zu Kity.

„Nun, wie befindest du dich?“ frug er sie, mit dem gleichen Ausdruck auf sie blickend, mit welchem sich ihr jetzt alle zuwandten.

„Oh; ich befinde mich recht wohl,“ sagte Kity lächelnd, „und wie geht es bei dir?“

„Man fährt dreimal mehr, als der Wagen aushält. Aber wollen wir zu den Kindern hinausfahren? Ich habe anspannen lassen.“

„Wie, willst du Kity im Wagen ausfahren?“ frug die Mutter vorwurfsvoll.

„Wir fahren natürlich Schritt, Fürstin.“

Lewin nannte die Fürstin nie maman, wie das sonst Schwiegersöhne thun, und dies war der Fürstin unangenehm, aber wenn er die Fürstin auch sehr lieb hatte und achtete, konnte er sie doch nicht so nennen, ohne die Empfindungen für seine dahingeschiedene Mutter zu entweihen.

„Fahret mit uns, maman,“ sagte Kity.

„Ich will diese Unüberlegtheit nicht mit ansehen.“

„Dann gehe ich zu Fuß. Ich befinde mich ja ganz wohl.“ Kity erhob sich, trat zu ihrem Gatten und nahm dessen Arm.

„Ganz wohl, aber alles mit Maßen“ – bemerkte die Fürstin.

„Nun, Agathe Michailowna, ist das Eingemachte fertig?“ sagte Lewin lächelnd zu Agathe Michailowna, mit dem Wunsche sie heiter zu stimmen. „Geht es gut nach der neuen Mode?“

„Muß wohl; es geht gut. Nach meiner Meinung ist es fertig.“

„Es ist besser so, Agathe Michailowna; das Eingemachte wird nicht sauer und bei uns ist das Eis jetzt ohnehin schon gethaut, so daß es keinen Platz zum Aufbewahren giebt,“ sagte Kity, sogleich die Absicht ihres Mannes durchschauend und sich in der nämlichen Absicht an die Alte wendend. „Übrigens ist Euer Pökel so gut, daß Mama behauptet, ihn noch nirgends so gegessen zu haben,“ fügte sie hinzu, sich lächelnd einen Zopf ordnend.

Agathe Michailowna blickte grollend Kity an.

„Ihr braucht mich nicht zu trösten, Herrin; ich beurteile Euch, wie er, und befinde mich wohl dabei“ – sprach sie; der rauhe Ausdruck „er“ statt „der Herr“ verletzte Kity.

„Wir wollen zusammen nach Pilzen gehen, Ihr könnt uns die Plätze zeigen.“ Agathe Michailowna lächelte kopfschüttelnd, als wollte sie sagen „wenn ich Euch auch gern gram sein möchte, so kann ich es doch nicht.“

„Handelt, bitte, nach meinem Rate,“ sprach die alte Fürstin, „über das Eingemachte legt Ihr ein Papier und feuchtet es mit Rum an; auch ohne Eis wird alsdann niemals ein Kahm darauf kommen.“

3

Kity war herzlich froh über die Gelegenheit, mit ihrem Gatten einmal Auge in Auge allein sein zu können, da sie bemerkt hatte, wie ein Schatten der Verstimmung über sein Alles so lebhaft ausdrückendes Gesicht huschte, im Augenblicke da er die Terrasse betreten und man ihm, als er gefragt hatte, wovon man spreche, nicht antwortete.

Als sie zu Fuß den anderen vorausgingen und außer Sehweite des Hauses den ausgefahrenen, staubigen und mit Kornähren und Körnern überstreuten Weg hinausschritten, stützte sie sich fester auf seinen Arm und preßte denselben an sich.

Er hatte jenen momentanen, unangenehmen Eindruck bereits vergessen, und empfand, in der Einsamkeit mit ihr, jetzt, da ihn der Gedanke an ihre Schwangerschaft keinen Augenblick verließ, jene ihm noch neue, freudige, vollkommen von Sinnenlust freie Befriedigung in der Nähe des geliebten Weibes.

Zu sprechen war nichts, aber ihn verlangte es, den Ton ihrer Stimme zu hören, die sich ebenso wie ihr Blick, jetzt in ihrer Schwangerschaft verändert hatte. In ihrer Stimme wie in ihrem Blicke war eine Weichheit, ein Ernst, ähnlich jener, die bei Leuten vorhanden zu sein pflegt, die beständig auf ein einzelnes geliebtes Werk konzentriert sind.

„Du wirst doch nicht müde werden? Stütze dich fester,“ sagte er.

„Nein, ich bin so froh über die Gelegenheit, mit dir einmal allein zu sein, und gestehe dir, daß mir, so wohl mir auch in ihrer Gesellschaft ist, doch unsere Winterabende zu Zweien recht leid thun.“

„Es war schön, doch dies ist noch besser. Wir beide sind besser daran,“ sagte er, ihren Arm drückend.

„Du weißt, wovon wir sprachen, als du eintratest?“

„Von dem Eingemachten?“

„Ja, auch von dem Eingemachten, dann aber davon, wie man einen Heiratsantrag macht.“

„Ah,“ sagte Lewin, mehr den Klang ihrer Stimme hörend, als die Worte die sie sprach, und fortwährend auf den Weg Bedacht nehmend, der jetzt im Walde hinführte und diejenigen Stellen vermeidend, die sie nicht sicher hätte betreten können.

„Auch von Sergey Iwanowitsch und Warenka. Du hast wohl bemerkt? – Ich wünschte es sehr,“ fuhr sie fort, „wie denkst du darüber?“ Sie blickte ihm ins Gesicht.

„Ich weiß nicht, was man da denken muß,“ antwortete Lewin und lächelte. „Sergey erscheint mir in dieser Beziehung sehr seltsam. Ich habe dir wohl erzählt“ —

„Daß er jenes Mädchen, welches gestorben ist, geliebt hatte“ —

„Das war der Fall, als ich noch ein Kind war. Ich kenne dies nur aus der Überlieferung, kann mich aber noch auf ihn damals besinnen. Er war wunderbar liebenswert. Seit jener Zeit beobachte ich ihn im Umgang mit den Frauen; er ist liebenswürdig, manche gefallen ihm auch, aber man fühlt, daß sie für ihn einfach nur Menschen sind, keine Weiber.“

„Ja, aber jetzt mit Warenka. Es scheint, daß doch etwas“ —

„Kann sein, daß dem so ist – doch muß man ihn eben erst kennen lernen; er ist ein absonderlicher und wunderlicher Mensch. Er lebt nur ein geistiges Leben und ist ein Mensch von allzu reinem und erhabenem Gemüt.“

„Wie? Sollte ihn denn etwa ein solches Verhältnis erniedrigen?“

„Nein; aber er ist so daran gewöhnt, ein einsames Geistesleben zu führen, daß er sich mit der Wirklichkeit nicht vertragen kann, und Warenka ist doch immerhin eine Wirklichkeit.“

Lewin war jetzt schon gewohnt, seine Gedanken frei auszusprechen, ohne sich zu bemühen, dieselben dabei in präcise Worte zu kleiden, er wußte, daß sein Weib in den Minuten der Liebe, sowie auch jetzt schon aus der Andeutung verstehen würde, was er sagen wollte, und Kity verstand ihn auch.

„Ja; aber in ihr ist doch nicht diese Wirklichkeit, wie in mir; ich verstehe; daß er mich wohl niemals hätte liebgewinnen können; sie hingegen ist ganz Gemüt.“

„O nein; er liebt dich sehr, und mir ist es stets so angenehm, wenn die Meinigen dich lieb haben.“

„Ja; er ist gut gegen mich, aber“ —

„ – nicht so, wie mit dem verstorbenen Nikolay; ihr habt einander liebgewonnen,“ vollendete Lewin. „Weshalb sollte ich das nicht sagen?“ fügte er hinzu, „ich mache mir manchmal Vorwürfe, und das hört erst damit auf, daß man vergißt. O, welch ein furchterweckender, und doch reizvoller Mensch war er! Doch wovon sprachen wir?“ sagte Lewin, nachdem er eine Weile geschwiegen hatte.

„Du denkst, daß er nicht zu lieben vermag,“ sagte Kity, in ihre Sprache übersetzend.

„Nicht, daß er nicht lieben könnte,“ antwortete Lewin lächelnd, „aber er besitzt nicht die Schwäche, die dazu nötig ist – ich habe ihn stets beneidet und selbst jetzt, wo ich doch so glücklich bin, beneide ich ihn noch darum.“

„Du beneidest ihn, weil er nicht lieben kann?“

„Ich beneide ihn darum, daß er besser ist, als ich,“ antwortete Lewin lächelnd. „Er lebt nicht für sich; sein ganzes Leben ist der Pflicht geweiht, und infolge dessen kann er ruhig und zufrieden sein.“

„Und du?“ frug Kity mit schelmischem, liebevollem Lächeln.

Sie konnte nicht im entferntesten den Gedankengang ausdrücken, der sie lächeln machte; aber das letzte Resultat desselben war dies, daß ihr Gatte, von seinem Bruder entzückt, und sich vor demselben herabsetzend, nicht mehr aufrichtig blieb.

Kity wußte, daß diese Heuchelei seinerseits von der Liebe zu dem Bruder herrührte, von dem Gefühl seiner Besorgtheit darüber, daß er allzu glücklich sei, und insbesondere seinem Wunsche, der ihn nie verließ, besser zu sein. Sie liebte dies an ihm und lächelte daher.

„Und du? Womit bist du unzufrieden?“ frug sie mit dem nämlichen Lächeln.

Ihr Mißtrauen seiner Unzufriedenheit mit sich selbst gegenüber, erfreute ihn und ohne Besinnen forderte er sie heraus, ihm die Ursachen ihres Mißtrauens mitzuteilen.

„Ich bin glücklich, aber mit mir nicht zufrieden,“ sprach er.

„So kannst du also unzufrieden sein, wenn du glücklich bist?“

„Wie soll ich sagen. Ich wünsche in meinem Herzen nichts, als daß du nicht strauchelst; so darf man natürlich nicht springen!“ brach er das Gespräch ab, mit einem Vorwurf, weil sie eine zu schnelle Bewegung gemacht hatte, indem sie über einen auf dem Fußwege liegenden Ast weggestiegen war, „wenn ich über mich Betrachtungen anstelle und mich mit anderen vergleiche, besonders mit meinem Bruder, dann fühle ich, daß ich ein Nichts bin.“

„Aber inwiefern denn?“ fuhr Kity noch mit dem nämlichen Lächeln fort, „wirkst du etwa nicht auch für andere? Und deine Meiereien, deine Ökonomie, dein Buch?“

„Nein; ich fühle es namentlich jetzt – und du bist schuld daran,“ sagte er, ihr den Arm pressend, „daß dem eben nicht so ist. Ich arbeite nur so leichthin. Wenn ich all dieses Wirken lieben könnte, wie ich dich liebe – aber so habe ich die ganze letzte Zeit gearbeitet, wie nach einer mir aufgegebenen Lektion.“

„Und was würdest du da über Papa sagen,“ frug Kity; „er ist jedenfalls auch nichts wert, weil er nichts für das Allgemeine gewirkt hat.“

„Er? Nein. Aber man muß jene Natürlichkeit, Klarheit, Güte besitzen, wie dein Vater. Habe ich die etwa? Ich arbeite nicht, ich quäle mich nur, und alles das hast du mir zugefügt! Wärest du nicht gewesen, so wäre auch das da noch nicht,“ sagte er, mit einem Blick auf ihren Körper, den sie verstand, „so würde ich alle meine Kräfte auf die Arbeit verwenden; jetzt aber kann ich dies nicht, und darüber ist mir das Herz schwer; ich arbeite wie man eine aufgegebene Lektion lernt, ich heuchle“ —

„Nun, dann würdest du dich sogleich mit Sergey Iwanowitsch ausgewechselt wünschen,“ sagte Kity. „Würdest wünschen, jene gemeinnützige Thätigkeit betreiben, und jene aufgegebene Lektion lieben zu können, wie er sie liebt, und weiter nichts?“

„Natürlich nicht,“ antwortete Lewin. „Im übrigen bin ich ja so glücklich, daß ich nichts weiter begreife. Du denkst also, daß er ihr heute schon seinen Antrag machen wird?“ fügte er nach einer Pause hinzu.

„Ich denke, vielleicht aber wird er's auch nicht. Jedenfalls wünsche ich es aufs Sehnlichste. Da, halt“ – sie beugte sich nieder und pflückte am Rande des Weges eine wilde Kamille ab. „Nun zähle: Entweder erklärt er sich heute, oder er erklärt sich nicht,“ sprach sie und reichte ihm die Blume.

„Er thut es, er thut es nicht,“ sagte Lewin, die weißen, schmalen langen Blätter abreißend.

„Nein, nein!“ hemmte ihn Kity jetzt, seine Hand erfassend, nachdem sie seinen Fingern voll Erregung gefolgt war. „Du hast zwei abgerissen!“

„Nun, dafür kommt dann dieses kleine hier nicht mit in Anrechnung,“ antwortete Lewin, ein kurzes, noch nicht entwickeltes Blättchen abpflückend, „doch da hat uns der Wagen erreicht.“

„Bist du nicht ermüdet Kity!“ rief die Fürstin.

„Nicht im geringsten!“

„So setze dich doch in den Wagen, wenn die Pferde ruhig sind, und fahrt Schritt.“

Doch in den Wagen zu steigen, hätte keinen Zweck mehr gehabt; man war schon dem Ziel nahe und alles ging zu Fuß weiter.

4

Warenka mit ihrem weißen Tuch auf dem schwarzen Haar, von den Kindern umringt, und gutherzig und heiter mit ihnen beschäftigt, erschien, augenscheinlich aufgeregt durch die Möglichkeit einer Erklärung mit dem Manne, welcher ihr gefallen hatte, sehr anziehend.

Sergey Iwanowitsch schritt neben ihr hin und ließ nicht nach, ihr Aufmerksamkeiten zu erweisen. Sie anblickend, rief er sich alle die freundlichen Worte ins Gedächtnis zurück, die er von ihr vernommen hatte, alles, was er von ihr Gutes wußte, und erkannte dabei immer mehr und mehr, daß das Gefühl, welches er für sie empfand, ein gewisses besonderes war, das er schon lange vorher nur einmal gehegt hatte in seiner ersten Jugend. Das Gefühl der Freude über ihre Nähe wurde immer stärker, und ging so weit, daß er, als er ihr einen von ihm gefundenen Birkenschwamm auf dünnem Stengel in ihren Korb gab, und die Röte der freudigen und zugleich ängstlichen Aufregung gewahrte, die ihr Gesicht überdeckte, selbst in Verwirrung geriet, und ihr schweigend zulächelte, in einer Weise, die nur zu sprechend war.

„Wenn dem so ist,“ sagte er zu sich, „muß ich erwägen und mich entscheiden, aber mich nicht wie ein Knabe der Verleitung des Augenblickes hingeben. Ich werde jetzt abgesondert von allen, Pilze suchen gehen, da sonst meine Ausbeute nicht bemerkenswert ausfallen wird,“ sprach er und ging allein vom Rande des Waldes, an welchem sie auf dem seidenartigen, niedrigen Grase zwischen vereinzelten alten Birken hingeschritten waren, nach der Mitte des Waldes zu, wo zwischen den weißen Birkenstämmen graue Eschen und dunkle Nußbüsche schimmerten. Nachdem er vierzig Schritt abseits gegangen war und einen in voller Blüte rosenrot prangenden Busch erreicht hatte, blieb Sergey Iwanowitsch stehen, da er wußte, daß man ihn nicht mehr sehen könne.

Rings um ihn herrschte vollkommene Stille. Nur im Wipfel der Birken, unter welchen er stand, summten gleich einem Bienenschwarm, ohne zu verstummen, die Fliegen, und vereinzelt klangen auch die Stimmen der Kinder bis zu ihm. Plötzlich, unweit des Waldrandes, erklang die Altstimme Warenkas, die Grischa rief, und ein freudiges Lächeln trat auf die Züge Sergey Iwanowitschs. Seines Lächelns inne werdend, schüttelte er mißbilligend den Kopf über seinen Zustand, holte das Cigarrenetuis hervor und begann zu rauchen. Lange gelang es ihm nicht, das Zündholz an einem Fichtenstamm in Brand zu setzen. Eine feine Schicht der weißen Rinde haftete auf dem Phosphor und das Feuer erlosch. Endlich brannte eines der Zündhölzer und der duftige Rauch der Cigarre verbreitete sich wie ein hin und her wallendes, breites Tischtuch scharfbegrenzt vor- und rückwärts über dem Busch unter den herniederhängenden Zweigen der Birke. Mit den Augen den Streifen des Rauches folgend, ging Sergey Iwanowitsch leisen Schrittes weiter, über seine seelische Verfassung nachdenkend.

„Warum sollte ich nicht?“ dachte er. „Wäre es ein Strohfeuer oder ein leidenschaftlicher Rausch, fühlte ich nur diese Neigung, diese wechselseitige Neigung – ich kann sagen ‚wechselseitige‘ – und fühlte ich dabei, daß sie im Widerspruch mit meiner ganzen Art zu leben – fühlte ich, daß ich in der Hingabe an diese Neigung meinen Beruf, meine Pflicht verletzte, – aber dies ist nicht der Fall! Das Einzige, was ich dagegen sagen kann, ist dies, daß ich, als ich Maria verlor, mir sagte, ich wollte ihrem Angedenken getreu bleiben. Dies Eine nur kann ich gegen mein Gefühl einwenden; ‚und das ist wichtig,‘“ sagte Sergey Iwanowitsch zu sich, zugleich dabei empfindend, daß dieser Gedanke für ihn persönlich keine Bedeutung weiter habe, als die, daß er etwa in den Augen anderer Leute seine poetische Rolle verdarb. „Abgesehen hiervon, werde ich, soviel ich auch suchen mag, nichts finden, was ich gegen meine Empfindung einzuwenden hätte. Hätte ich allein mit meinem Verstande gewählt, ich könnte nichts Besseres finden.“

So viele Frauen und Mädchen aus seiner Bekanntschaft er sich auch vergegenwärtigen mochte, er konnte sich keiner Jungfrau erinnern, die bis zu solchem Grade alle, gerade alle diejenigen Eigenschaften in sich vereinigte, welche er bei kühler Beurteilung einmal in seinem Weibe zu sehen gewünscht hätte.

Sie besaß den ganzen Reiz und die Frische der Jugend, war aber kein Kind mehr, und wenn sie ihn liebte, liebte sie ihn mit Bewußtsein, so wie ein Weib lieben muß. Dies war das Eine.

Ein Zweites lag darin, daß sie nicht nur der Weltlichkeit fern stand, sondern offenbar einen Ekel vor der Welt empfand, sie zugleich aber doch kannte, und alle die Manieren der Frau aus der guten Gesellschaft besaß, ohne welche für Sergey Iwanowitsch eine Lebensgefährtin undenkbar war.

Ein Drittes bestand darin, daß sie religiös war; doch nicht wie ein Kind, religiös, ohne sich Rechenschaft davon zu geben, und gut wie beispielsweise Kity; sondern ihr Leben war auf religiösen Überzeugungen begründet. Selbst bis auf Kleinigkeiten fand Sergey Iwanowitsch in ihr alles, was er von einer Frau wünschte; sie war arm und stand allein; so daß sie keinen Haufen von Verwandten und deren Einfluß mit in das Haus des Mannes schleppte, so, wie er das bei Kity sah; sie mußte vielmehr ihrem Gatten in allem verpflichtet sein, was er auch immer für sein künftiges Familienleben gewünscht hätte.

Und dieses Mädchen nun, welches alle jene Eigenschaften in sich vereinte, liebte ihn. Er war bescheiden, mußte dies aber doch wahrnehmen – und liebte sie wieder. – Den einzigen Gegengrund bildeten seine Jahre. Doch seine Konstitution war dauerhaft, er hatte noch kein einziges graues Haar, niemand maß ihm vierzig Jahre bei und er entsann sich, daß Warenka gesagt hatte, nur in Rußland hielten sich die Leute von fünfzig Jahren für Greise, während sich in Frankreich der fünfzigjährige Mann „dans la force de l'âge“ erachte, ja, der vierzigjährige als „un jeune homme“.

Aber was bedeutete die Altersrechnung, da er sich jung an Geist fühlte, so wie er es vor zwanzig Jahren gewesen? War denn nicht Jugend das Gefühl, welches er jetzt empfand, da er, auf der anderen Seite wieder zu dem Rande des Waldes hinaustretend, im hellen Glanz der schrägen Sonnenstrahlen die graziöse Gestalt Warenkas im gelben Kleid und mit dem Körbchen, leichten Schrittes an dem Stamm einer alten Birke vorüberschreitend erblickte, und der Eindruck dieser Erscheinung Warenkas in Eins zusammenfloß mit dem ihn durch seine Schönheit frappierenden Anblick des von den schrägen Lichtstrahlen übergossenen, gelbschimmernden Haferfeldes und des alten fernen Waldes hinter dem Felde, der, mit Gelb ins Bunte spielend, in blauer Ferne verschwamm?

Sein Herz zog sich zusammen vor Lust, ein Gefühl des Friedens überkam ihn, und er empfand, daß er einen Entschluß gefaßt hatte.

Warenka, welche sich soeben niedergelassen hatte, um einen Pilz aufzunehmen, erhob sich mit schneller Bewegung und schaute sich um. Die Cigarre wegwerfend, begab sich Sergey Iwanowitsch mit schnellen Schritten auf sie zu.

5

„Barbara Andrejewna, als ich noch sehr jung war, hatte ich mir ein Ideal vom Weib gebildet, wie ich es einmal lieben wollte und welches mein Weib nennen zu können, ich glücklich sein würde. Ich habe nun ein langes Leben gelebt und begegne jetzt zum erstenmal dem, was ich suche, in Euch. Ich liebe Euch und trage Euch meine Hand an.“ —

Sergey Iwanowitsch hatte dies zu sich selbst gesagt, während er noch zehn Schritte von Warenka entfernt war. Auf den Knieen liegend, und mit den Händen einen Pilz vor Grischa schützend, rief sie die kleine Mascha.

„Hierher, hierher; ihr Kleinen! Hier sind viel!“ rief sie mit ihrer milden Bruststimme.

Als sie den Sergey Iwanowitsch herankommen sah, erhob sie sich nicht, veränderte auch ihre Stellung nicht; alles aber sagte ihm, daß sie sein Kommen fühle und sich dessen freue.

„Habt Ihr denn etwas gefunden?“ frug sie unter ihrem weißen Tuch hervor, ihm das schöne, ruhig lächelnde Antlitz zukehrend.

„Nicht einen einzigen,“ sagte Sergey Iwanowitsch, „und Ihr?“

Sie antwortete ihm nicht, mit den Kindern beschäftigt, die sie umringten.

„Noch diesen, neben dem Zweige da,“ wies sie der kleinen Mascha einen kleinen eßbaren Erdschwamm, dessen elastischer roter Hut quer von einem trockenen Grase durchschnitten war, unter dem er sich hervorgemacht hatte.

Warenka erhob sich, als Mascha den Pilz, den sie in zwei Hälften zerbrochen hatte, aufgenommen hatte.

„Dies ruft mir meine eigene Kindheit ins Gedächtnis,“ fügte sie hinzu, an der Seite Sergey Iwanowitschs von den Kindern hinwegschreitend.

Sie gingen schweigend einige Schritte. Warenka sah, daß er sprechen wollte; sie vermutete auch, was, und erstarrte fast in freudiger Erregung und Angst. Beide waren so weit hinweg geschritten, daß sie niemand mehr vernehmen konnte, aber noch begann er nicht zu sprechen. Für Warenka wäre es besser gewesen, zu schweigen. Nach einigem Stillschweigen war es leichter, das zu sagen, was sie sagen wollte, als nach den Worten über die Pilze, aber gegen ihren Willen, gleichsam wider Erwarten, sprach sie:

„So habt Ihr also nichts gefunden? Inmitten des Waldes giebt es allerdings stets weniger.“

Sergey Iwanowitsch seufzte und erwiderte nichts. Es war ihm verdrießlich, daß sie wieder von den Pilzen anfing. Hatte er sie doch auf ihre ersten Worte, die sie über ihre Kindheit gesagt hatte, führen wollen. Gleichsam wider seinen Willen, äußerte er nun, nachdem er einige Zeit geschwiegen, eine Bemerkung zu ihren letzten Worten.

„Ich habe nur gehört, daß die weißen vorzugsweise am Rande stehen, obwohl ich den weißen nicht zu unterscheiden verstehe.“

Wieder vergingen einige Minuten; sie gingen noch weiter von den Kindern hinweg und waren jetzt vollständig allein. Das Herz Warenkas pochte so stark, daß sie seine Schläge vernahm, und empfand, daß sie errötete, blaß wurde und wieder errötete.

Die Frau eines Mannes wie Koznyscheff zu sein, nach ihrer Stellung bei Madame Stahl, erschien ihr als Gipfel des Glücks. Dann aber war sie auch fest überzeugt, daß sie ihn liebe; und dies sollte nun bald entschieden werden. Ihr war furchtbar zu Mut; furchtbar, daß er sprechen würde, furchtbar, daß er nicht sprach.

Jetzt oder nie mußte man sich erklären; und dies empfand auch Sergey Iwanowitsch. Alles, im Blick, in der Röte ihres Gesichts, in den niedergeschlagenen Augen Warenkas, zeigte ihm ihre schmerzliche Erwartung. Sergey Iwanowitsch sah es und empfand Mitleid mit ihr. Er fühlte sogar, daß es sie bedeutend verletzt haben würde, wenn er jetzt nicht sprach. Er wiederholte nun schnell im Geiste die Gründe, die für seinen Entschluß sprachen, er wiederholte die Worte, mit welchen er seinen Antrag ausdrücken wollte; anstatt dieser Worte aber frug er infolge einer ihn unerwartet überkommenden Idee plötzlich:

„Welcher Unterschied ist denn zwischen einem weißen Pilz und einem Birkenschwamm?“

Die Lippen Warenkas bebten vor Erregung, als sie antwortete: „In den Köpfen ist fast gar kein Unterschied, nur im Stengel.“

Und kaum waren diese Worte gesagt, so hatte er wie sie erkannt, daß alles vorüber war; daß das, was hätte gesagt werden müssen, nun nicht gesagt werden würde, und die gemeinsame Erregung, die auf den höchsten Grad gestiegen war, begann sich zu legen.

„Der Birkenpilz – sein Stengel – erinnert an einen seit zwei Tagen nicht rasierten Bart eines Brünetten,“ sagte Sergey Iwanowitsch, schon ruhig geworden.

„Ja, es ist wahr,“ antwortete Warenka lächelnd; unwillkürlich hatte sich die Richtung ihrer Promenade verändert. Sie begannen sich den Kindern wieder zu nähern. Warenka war es schmerzlich zu Mute, und sie empfand Scham, zugleich aber auch verspürte sie ein Gefühl der Erleichterung.

Als Sergey Iwanowitsch heimgekehrt war und alle seine Beweisgründe wiederum durchmusterte, fand er, daß er falsch spekuliert hatte. Er konnte an dem Gedächtnis Marias nicht Verrat üben.

„Stiller, Kinder, seid stiller!“ rief Lewin fast zornig den Kindern zu, vor seinem Weibe stehend, um es zu schützen, als der Haufe der Kinder mit Freudengeschrei ihnen entgegenflog.

Nach den Kindern war auch Sergey Iwanowitsch mit Warenka aus dem Walde gekommen. Kity brauchte Warenka nicht zu fragen; an dem ruhigen und etwas kühlen Ausdruck auf beider Gesichtern erkannte sie, daß sich ihre Pläne nicht verwirklicht hatten.

„Nun, wie steht es?“ frug ihr Gatte sie, als sie wieder nach Hause zurückgekehrt waren.

„Er nimmt sie nicht,“ sagte Kity, in Lächeln und Sprachweise an den Vater gemahnend, was Lewin häufig mit Vergnügen an ihr wahrnahm.

„Warum sollte er nicht?“ —

„So steht es,“ sprach sie, die Hand des Gatten ergreifend, sie an ihren Mund führend und mit geschlossenen Lippen berührend; „so wie man die Hand des Priesters küßt.“

„Wer aber mag denn wohl nicht?“ sagte er lachend.

„Beide. – Sie müßten so hier“ —

„Es kommen Bauern vorüber“ —

„Sie haben nichts gesehen.“ —

6

Während die Kinder den Thee erhielten, saßen die Erwachsenen auf dem Balkon und unterhielten sich, als sei nichts vorgefallen, obwohl doch alle und insbesondere Sergey Iwanowitsch und Warenka, recht gut wußten, daß sich ein wenn auch negativer, so doch sehr wichtiger Umstand ereignet hatte.

Sie empfanden beide das nämliche Gefühl, ähnlich dem, welches wohl ein Schüler haben mag, der nach einem mißglückten Examen in der alten Klasse zurückgeblieben, oder für immer aus der Anstalt ausgewiesen worden ist. Alle Anwesenden, gleichfalls empfindend, daß etwas geschehen sei, sprachen lebhaft von Nebendingen.

Lewin und Kity fühlten sich besonders glücklich und liebeerfüllt an diesem Abend. Daß sie glücklich waren in ihrer Liebe, das schloß freilich einen unangenehmen Wink für diejenigen in sich, welche es ebenfalls sein wollten und nicht konnten – und hieraus machten sie sich ein Gewissen.

„Denkt an mein Wort, Alexandre wird nicht kommen,“ sagte die alte Fürstin.

Am heutigen Abend erwartete man Stefan Arkadjewitsch von der Bahn, und auch der alte Fürst hatte geschrieben, daß er vielleicht gleichfalls kommen werde.

„Ich weiß, woher es kommt,“ fuhr die Fürstin fort, „er sagt, man müsse junge Leute in der ersten Zeit allein lassen.“

„So hat Papa auch uns gelassen. Wir haben ihn noch nicht wiedergesehen,“ sagte Kity, „und was wären wir denn für junge Eheleute? Wir sind doch schon so alt!“

„Nun, wenn er nicht kommt, muß ich euch verlassen, Kinder,“ sprach die Fürstin, bekümmert seufzend.

„Was ist dir, Mama?“ fielen ihr beide Töchter ins Wort. „Bedenke doch, sein Befinden – wir sind doch jetzt“ —

– Die Stimme der alten Fürstin begann plötzlich und unverhofft zu schwanken. Die Töchter verstummten und blickten sich gegenseitig an. „Maman findet stets eine rührende Seite für sich,“ sagten sie mit diesem Blick. Sie wußten nicht, daß, so wohl sich auch die Fürstin bei ihrer Tochter befand, so notwendig sie sich für diese auch hier fühlte, es ihr gleichwohl qualvoll traurig zu Mute war, ihr, wie ihrem Gatten, seit der Zeit, seit welcher sie ihre letzte geliebte Tochter verheiratet hatten, und das elterliche Heim verödet war.

„Was ist Euch, Agathe Michailowna?“ frug Kity plötzlich die mit geheimnisvoller Miene und bedeutungsvollem Gesicht stehen gebliebene Agathe Michailowna.

„Die Bestimmung für das Abendessen.“

„Schön so,“ sagte Dolly, „gehe du, um deine Verfügungen zu treffen, ich will mit Grischa dessen Lektion wiederholen; er hat ohnehin heute noch nichts gethan.“

„Laß mich doch diese Lektion geben! Nein, Dolly, ich will gehen“ – sagte Lewin aufspringend.

Grischa, welcher bereits das Gymnasium besuchte, mußte im Sommer seine Lektionen repetieren. Darja Aleksandrowna, welche schon in Moskau mit ihrem Sohne zugleich die lateinische Sprache gelernt hatte, hatte es sich, nachdem sie zu Lewin gekommen war, zum Gesetz gemacht, mit ersterem die schwierigsten Lektionen im Lateinischen und der Arithmetik, wenigstens einmal täglich, zu repetieren.

Lewin hatte sich erboten, sie abzulösen, aber die Mutter, welche einmal den Unterricht Lewins mit angehört, und bemerkt hatte, daß derselbe nicht so erteilt würde, wie der Lehrer in Moskau repetierte, so erklärte sie ihm, verlegen und sich bemühend, Lewin nicht zu verletzen, bestimmt, daß man nach dem Buche so vorgehen müsse, wie der Lehrer, und daß sie dies am liebsten wohl selbst wieder thun möchte.

Lewin ereiferte sich über Stefan Arkadjewitsch, weil dieser in seiner Sorglosigkeit sich nicht selbst mit der Überwachung des Unterrichts befaßte, sondern die Mutter, welche doch nichts davon verstand, und ferner auch über die Lehrer, weil sie die Kinder so schlecht unterrichteten; seiner Schwägerin aber gab er das Versprechen, daß er den Unterricht so geben wolle, wie sie es wünschte. Er ging daher mit Grischa nicht mehr nach seiner Methode weiter, sondern nach dem Buche, und daher mit Widerwillen und häufig die Lehrzeit vergessend.

So war es auch heute.

„Nein, ich gehe, Dolly, bleib du sitzen,“ sagte er; „wir werden schon alles machen, wie es der Ordnung gemäß ist, nach dem Buche. Sobald Stefan gekommen ist, wollen wir zur Jagd gehen; wir werden uns dann schon die Zeit vertreiben.“

Lewin begab sich zu Grischa.

Das Nämliche sagte Warenka zu Kity. Warenka hatte es verstanden, sich in dem glücklichen, wohlbestellten Haus der Lewin nützlich zu machen.

„Ich will das Abendessen bestellen, Ihr aber bleibt nur sitzen,“ sagte sie und erhob sich, um zu Agathe Michailowna zu gehen.

„Man hat wohl keine jungen Hühner gefunden. Denn“ – sagte Kity.

„Ich werde schon mit Agathe Michailowna überlegen“ – und Warenka verschwand mit dieser.

„Welch ein liebes Mädchen,“ sagte die Fürstin.

„Nicht lieb, Maman, reizend, wie es keines weiter giebt.“

„So erwartet Ihr also heute Stefan Arkadjewitsch?“ sprach Sergey Iwanowitsch, der augenscheinlich das Gespräch über Warenka nicht fortzusetzen wünschte. „Es dürfte schwer sein, zwei Schwager zu finden, die einander weniger ähnlich wären,“ sagte er mit feinem Lächeln. „Der Eine beweglich, nur in der Gesellschaft lebend wie ein Fisch im Wasser; der Andere, unser Konstantin, lebhaft, schnell, empfänglich für alles; aber sobald er in der Gesellschaft ist, erstirbt er, oder schlägt sich sinnlos wie ein Fisch auf dem Lande.“

„Ja, er ist sehr unüberlegt,“ sagte die Fürstin, sich zu Sergey Iwanowitsch wendend, „ich wollte Euch eben bitten, ihm zu sagen, daß sie,“ sie wies auf Kity, „unmöglich hier bleiben kann, sondern jedenfalls nach Moskau kommen muß. Er sagt, er würde einen Arzt verschreiben“ —

„Maman, er thut alles und ist mit allem einverstanden,“ antwortete Kity, voll Verdruß über die Mutter, weil sie in dieser Angelegenheit Sergey Iwanowitsch zum Richter berief.

Mitten in ihrer Unterhaltung wurde in der Allee das Schnauben von Pferden und das Geräusch von Rädern auf dem Schotter vernehmbar.

Dolly hatte sich noch nicht erhoben, um ihrem Mann entgegenzugehen, als Lewin aus dem Fenster des Zimmers, in welchem Grischa lernte, hinabsprang und Grischa heruntersetzte.

„Es ist Stefan!“ rief Lewin unter dem Balkon hinauf, „wir sind fertig Dolly; fürchte nichts!“ fügte er hinzu, und begann wie ein Knabe, der Equipage entgegenzurennen.

„Is, ea id, eius eius eius,“ schrie Grischa, auf der Allee hinspringend.

„Und noch jemand ist mit! Wahrscheinlich der Papa!“ rief Lewin, am Eingang der Allee stehen bleibend. „Kity geh nicht zu der steilen Treppe herunter!“

Lewin irrte indes, wenn er den, der noch im Wagen saß, für den alten Fürsten gehalten hatte. Als er dem Wagen näher kam, erkannte er neben Stefan Arkadjewitsch nicht den Fürsten, sondern einen rot aussehenden, wohlbeleibten, jungen Mann in schottischer Mütze mit langen Bandstreifen hinten hinunter.

Dies war Wasjenka Wjeslowskij, ein Vetter im dritten Gliede von den Schtscherbazkiy, und ein in Petersburg und Moskau glänzender junger Mann, „ein ausgezeichneter Mensch und leidenschaftlicher Jäger“, wie ihn Stefan Arkadjewitsch vorstellte.

Durchaus nicht verlegen über die Enttäuschung, die er hervorrief, indem er mit seiner Person die des alten Fürsten vertrat, begrüßte Wjeslowskij Lewin heiter, an die alte Bekanntschaft erinnernd, und Grischa in den Wagen hebend, setzte er denselben an des Pointeurs Stelle, den Stefan Arkadjewitsch mitgebracht hatte, weiterfahrend.

Lewin setzte sich nicht mit in den Wagen, sondern ging hinterdrein. Er war verdrießlich, daß der alte Fürst nicht mitgekommen war, den er umsomehr liebte, je mehr er ihn kennen lernte, sowie darüber, daß dieser Wasjenka Wjeslowskij, ein vollständig fremder und überflüssiger Mensch erschienen war. Derselbe kam ihm um so fremder und überflüssiger vor, als er, indem Lewin zur Freitreppe schritt, auf welcher sich der ganze lebhafte Trupp der Erwachsenen und Kinder versammelt hatte, bemerkte, wie Wasjenka Wjeslowskij mit besonderer Zärtlichkeit und galanter Miene Kity die Hand küßte.

„Aha, wir sind ja Cousins mit Eurer Frau und alte Bekannte,“ sagte Wasjenka Wjeslowskiy, die Hand Lewins wiederholt außerordentlich stark drückend.

„Nun, giebt es viel Wild hier?“ wandte sich Stefan Arkadjewitsch an Lewin, der kaum mit der Begrüßung eines jeden fertig wurde. „Ich und der da, wir haben die ernstesten Absichten. Nun maman, seit dem letzten Male nicht wieder in Moskau gewesen! Tanja, für dich habe ich Etwas! Hole dir's, im Wagen, hinten,“ so sprach er nach allen Seiten. „Wie du dich erholt hast, Dollchen,“ sagte er zu seiner Frau, ihr nochmals die Hand küssend, indem er dieselbe in der seinen hielt und sie von oben mit der andern sanft pätschelte.

Lewin, eine Minute zuvor noch in der heitersten Stimmung gewesen, blickte jetzt finster auf alle; es gefiel ihm jetzt nichts mehr.

„Wen mag er gestern mit diesen Lippen da geküßt haben?“ dachte er, die Zärtlichkeit Stefan Arkadjewitschs für seine Gattin sehend. Er schaute Dolly an, und auch sie gefiel ihm nicht. „Sie glaubt doch nicht an seine Liebe. Weshalb ist sie denn so erfreut? – Widerlich,“ dachte Lewin.

Er schaute auf die Fürstin, die einen Augenblick zuvor noch so liebenswürdig mit ihm gewesen war, und es gefiel ihm die Art und Weise nicht, mit welcher sie diesen Wasjenka mit seinen Bändern bewillkommte, als lüde sie ihn in ihr eigenes Haus.

Selbst Sergey Iwanowitsch, der gleichfalls auf die Freitreppe herausgetreten war, erschien ihm unangenehm mit jener geheuchelten Freundlichkeit, mit der er Stefan Arkadjewitsch begegnete, obwohl doch Lewin wußte, daß sein Bruder Oblonskiy weder liebte noch achtete.

Selbst Warenka – selbst diese war ihm zuwider, dadurch, daß sie sich mit ihrem Ausdruck sainte nitouche mit diesem Herrn da bekannt gemacht hatte, obwohl sie doch nur daran dachte, wie sie wohl einen Mann bekommen könne. Am allerverhaßtesten aber war ihm Kity, da sie sich dem nämlichen Tone der Heiterkeit hingab, mit welchem dieser Herr, wie an einem Festtag, für sich und alle, seine Ankunft auf dem Dorfe betrachtete, und sie war ihm ganz besonders unangenehm durch das eigenartige Lächeln, mit welchem sie dem seinigen antwortete.

In geräuschvoller Unterhaltung gingen alle in das Haus; man hatte sich aber kaum niedergelassen, als Lewin sich wandte und hinausging.

Kity sah, daß in ihrem Manne etwas vor sich ging. Sie wollte eine Minute erhaschen, um mit ihm allein zu sprechen, er aber beeilte sich, vor ihr fortzukommen, indem er sagte, er müsse nach dem Comptoir.

Seit langem waren ihm die Wirtschaftsangelegenheiten nicht so wichtig erschienen, als jetzt. „Sie haben hier immer Feiertag,“ dachte er, „hier aber giebt es Arbeiten, die nicht müßiger Natur sind, welche nicht warten, und ohne die man nicht existieren kann.“

7

Lewin kehrte erst nach Hause zurück, als man ihn zum Abendessen hatte rufen lassen. Auf der Treppe stand Kity und Agathe Michailowna in der Beratung über die Weine für das Abendessen.

„Aber wozu solchen Aufwand machen? Setzt doch vor, was es gewöhnlich giebt.“

„Nein; Stefan trinkt nicht – aber Konstantin, so warte doch, was ist denn mit dir?“ rief Kity, ihm nacheilend; er aber ging unbarmherzig, ohne auf sie zu warten, mit großen Schritten nach dem Salon und mischte sich sofort in das allgemeine, lebhafte Gespräch, das hier Wasjenka Wjeslowskij und Stefan Arkadjewitsch unterhielten.

„Nun, fahren wir morgen zur Jagd?“ sagte Stefan Arkadjewitsch.

„Bitte, fahren wir,“ sagte Wjeslowskij, sich seitwärts auf einen anderen Stuhl setzend und das fette Bein unterschlagend.

„Freut mich sehr, wir werden fahren. Habt Ihr schon gejagt dieses Jahr?“ sagte Lewin zu Wjeslowskij, aufmerksam dessen Fuß betrachtend, aber mit erheuchelter Freundlichkeit, die Kity so gut an ihm kannte, und die ihm so wenig stand. „Ob wir Wachteln finden werden, weiß ich nicht, doch Bekassinen sind viel vorhanden; nur muß man zeitig fahren. Ihr seid doch nicht müde? Bist du nicht ermattet, Stefan?“

„Ich ermattet? Ich bin noch nie matt gewesen. Wir wollen die ganze Nacht nicht schlafen! Fahren wir spazieren!“

„In der That; wir wollen einmal nicht schlafen! Ausgezeichnet!“ stimmte Wjeslowskij bei.

„O, wir sind davon überzeugt, daß du nicht zu schlafen vermagst, und andere nicht schlafen lassen kannst,“ sagte Dolly zu ihrem Gatten mit jener kaum bemerkbaren Ironie, mit welcher sie sich jetzt fast stets an ihn wandte. „Aber nach meiner Ansicht ist es jetzt schon Zeit – ich will gehen, ich werde nicht zu Abend essen.“ —

„Nein, du bleibst sitzen, Dollchen,“ rief Stefan Arkadjewitsch, auf ihre Seite am großen Tische hinübergehend, an welchem zu Abend gegessen wurde. „Ich habe dir noch soviel zu erzählen.“

„In Wahrheit aber nichts.“

„Weißt du, Wjeslowskij war bei Anna; und er wird wieder zu den beiden fahren. Sie sind freilich einige siebzig Werst weit von euch entfernt. Auch ich werde zweifellos einmal hinfahren. Wjeslowskij, komm doch hierher!“

Wasjenka war zu den Damen gegangen, und hatte sich neben Kity niedergelassen.

„Ach bitte erzählt uns doch, bitte, Ihr waret also bei ihr? Wie geht es ihr?“ wandte sich Darja Aleksandrowna an ihn.

Lewin war auf der anderen Seite des Tisches geblieben und sah, ohne in dem Gespräch mit der Fürstin und Warenka innezuhalten, daß zwischen Stefan Arkadjewitsch, Dolly, Kity und Wjeslowskij ein lebhaftes und geheimnisvolles Gespräch geführt wurde. Obwohl das Gespräch leise geführt wurde, gewahrte Lewin doch auf dem Gesicht seiner Frau den Ausdruck einer ernsten Empfindung, als sie unverwandt in das rote Gesicht Wasjenkas blickte, der lebhaft erzählte.

„Es geht ihnen sehr gut,“ berichtete Wasjenka von Wronskiy und Anna.

„Ich natürlich möchte es nicht auf mich nehmen, zu urteilen, aber in ihrem Hause befindet man sich wie in der Familie.“

„Was beabsichtigen sie denn zu thun?“

„Wie es scheint, wollen sie für den Winter nach Moskau.“

„Wie schön wäre es, wenn wir zusammen zu ihnen reisen könnten. Wann wirst du fahren?“ frug Stefan Arkadjewitsch Wasjenka.

„Ich werde den Juli bei ihnen zubringen.“

„Und auch du wirst doch mitfahren?“ wandte sich Stefan Arkadjewitsch an seine Frau.

„Ich habe schon lange hingewollt und werde sicher fahren,“ sagte Dolly. „Sie thut mir leid, und ich kenne sie. Sie ist ein schönes Weib. Ich werde allein reisen, wenn du weggehst, und niemand dadurch belästigen. Es ist sogar besser, wenn du nicht da bist.“

„Auch gut,“ sagte Stefan Arkadjewitsch, „und Kity?“

„Ich? Weshalb sollte ich hinreisen?“ antwortete Kity, in mächtige Aufregung geratend, und schaute nach ihrem Gatten.

„Aber Ihr seid doch mit Anna Arkadjewna bekannt?“ frug sie Wjeslowskij, „sie ist ein sehr anziehendes Weib.“

„Ja,“ antwortete sie Wjeslowskij, noch tiefer errötend, erhob sich, und ging zu ihrem Manne.

„Du willst also morgen auf die Jagd fahren?“ sagte sie.

Seine Eifersucht in diesen wenigen Augenblicken war, besonders angesichts dieser Röte, die ihre Wangen bedeckte, als sie mit Wjeslowskij sprach, schon hoch gestiegen. Jetzt faßte er, indem er ihre Worte vernahm, diese nach seiner Weise auf. So seltsam es ihm auch erschien, wenn er späterhin hieran zurückdachte, jetzt schien es ihm klar zu sein, daß sie, wenn sie ihn frug, ob er auf die Jagd fahre, nur interessierte, zu erfahren, ob er Wasjenka Wjeslowskij das Vergnügen machen wolle, ihm, in den sie nach seiner Auffassung schon verliebt war.

„Ja, ich werde fahren,“ antwortete er mit unnatürlicher, ihm selbst abstoßend erscheinender Stimme.

„Aber Ihr verbrächtet doch besser den Tag morgen hier; Dolly hat ja sonst ihren Mann gar nicht gesehen; übermorgen könntet Ihr fahren,“ sagte Kity.

Der Sinn dieser Worte Kitys war von Lewin bereits so gewandelt: „Trenne mich nicht von ihm. Daß du fährst, ist mir ganz gleichgültig, doch laß mich die Gesellschaft dieses reizenden jungen Mannes genießen.“

„Ach, wenn du willst, so werden wir morgen zu Haus bleiben,“ antwortete Lewin mit eigentümlicher Zuvorkommenheit.

Wasjenka mittlerweile, der nicht im geringsten das Leid ahnte, welches seine Anwesenheit verursacht hatte, war mittlerweile nach Kity vom Tische aufgestanden und ihr, sie mit freundlichem lächelnden Blick verfolgend, nachgegangen.

Lewin sah diesen Blick. Er erblich und vermochte eine Minute nicht, Atem zu schöpfen. „Wie kann man sich erlauben, so auf mein Weib zu schauen,“ schäumte es in ihm.

„Also morgen? Fahren wir also,“ sagte Wasjenka, sich auf den Stuhl niederlassend und wiederum nach seiner Gewohnheit den Fuß unterschlagend.

Die Eifersucht Lewins stieg noch höher. Er sah sich schon als betrogenen Gatten, den die Frau und ihr Liebhaber nur dazu brauchen, ihnen die Annehmlichkeiten des Lebens und Vergnügungen zu gewähren. Aber nichtsdestoweniger frug er Wasjenka liebenswürdig und gastfreundlich nach seinen Jagdzügen, seinem Gewehr, den Stiefeln und war einverstanden damit, morgen zu fahren.

Zum Glück für Lewin kürzte die alte Fürstin seine Leiden dadurch, daß sie sich erhob und Kity anriet, schlafen zu gehen. Aber auch hierbei ging es nicht ohne einen neuen Schmerz für Lewin ab. Als sich Wasjenka von der Frau des Hauses verabschiedete, wollte er wiederum ihre Hand küssen, allein Kity sagte errötend, und mit einer naiven Herbheit, wegen der ihr später die alte Fürstin Vorwürfe machte, indem sie ihm ihre Hand entzog: „Das ist bei uns nicht üblich!“

In den Augen Lewins war sie dadurch schuldig, daß sie solche Beziehungen überhaupt zugelassen hatte, und noch schuldiger, weil sie so ungeschickt bewiesen hatte, daß dieselben ihr nicht gefielen.

„Was ist das für ein Vergnügen zu schlafen!“ sprach Stefan Arkadjewitsch, nachdem er beim Abendessen einige Gläser Wein geleert hatte und in seine gemütliche und poetische Stimmung geraten war. „Sieh Kity,“ sagte er, auf den hinter den Linden heraufsteigenden Mond weisend, „wie reizend! Wjeslowskij, das wäre etwas, wenn du eine Serenade singen willst. Weißt du, er hat nämlich eine großartige Stimme, wir haben zusammen unterwegs gesungen. Er hat schöne Romanzen mit, zwei neue; die könnte man mit Barbara Andrejewna singen!“

Als sich alles schon zurückgezogen hatte, ging Stefan Arkadjewitsch mit Wjeslowskij noch in der Allee spazieren, und man hörte ihre Stimmen in der neuen Romanze.

Lewin saß, den Stimmen lauschend, finster in dem Lehnstuhl im Schlafgemach seiner Frau und schwieg hartnäckig auf deren Fragen, was er denn habe; doch als sie endlich selbst schüchtern lächelnd frug: „hat dir etwa irgend etwas mit Wjeslowskij nicht gefallen?“ da brach es hervor aus ihm, und er sagte alles. Das, was er aber hervorbrachte, kränkte ihn, und erzürnte ihn nur so noch mehr.

Er stand vor ihr mit furchtbar unter den finsterzusammengezogenen Brauen blitzenden Augen, und preßte die starken Hände auf die Brust, als biete er alle seine Kräfte auf, an sich zu halten. Der Ausdruck seines Gesichtes wäre rauh und selbst hart gewesen, wenn nicht zugleich auch der Schmerz sich darauf ausgeprägt hätte, was sie rührte. Seine Kinnbacken knirschten und seine Stimme brach ab.

„Verstehe wohl, daß ich nicht etwa eifersüchtig bin; dies ist ein häßliches Wort! Ich kann nicht eifersüchtig sein und glauben, daß – ich kann nicht sagen, was ich fühle, doch dies ist furchtbar! Ich bin nicht eifersüchtig, aber beleidigt, erniedrigt, dadurch, daß jemand wagt, zu denken – wagt, mit solchen Augen auf dich zu blicken!“ —

„Aber mit was für Augen?“ sagte Kity, sich bemühend, so gewissenhaft als möglich sich alle ihre Reden und Bewegungen vom heutigen Abend, sowie alle Schattierungen derselben ins Gedächtnis zurückzurufen.

Auf dem Grund ihrer Seele fand sie, daß in jener Minute, als er ihr nach dem andern Ende des Tisches gefolgt war, in der That etwas gelegen hatte, aber sie wagte dies nicht einmal auch nur sich selbst einzugestehen, und entschloß sich daher um so weniger, es ihm zu sagen und dadurch seinen Schmerz noch zu vergrößern.

„Was soll nur Anziehendes sein an mir, wie ich jetzt bin“ —

„Ach!“ rief er, sich an den Kopf greifend; „hättest du nicht so gesprochen – das heißt also, wenn du anziehend gewesen wärest“ —

„Mein Konstantin, halt ein, höre doch!“ – sprach sie, ihn mit leidendem und mitleidvollem Ausdruck anblickend. „Was denkst du nur? Wo es für mich doch keinen Menschen giebt, keinen, keinen! Willst du, daß ich niemand hier sehen soll?“

In der ersten Minute war seine Eifersucht beleidigend für sie gewesen; es war ihr verdrießlich gewesen, daß ihr auch die kleinste Zerstreuung, selbst die unschuldigste, untersagt wurde; jetzt aber hätte sie sich gern, nicht in solchen Kleinigkeiten, sondern in allem für seine Ruhe geopfert, um ihn von dem Schmerz zu befreien, den er litt.

„Begreife doch nur das Entsetzliche und das Komische meiner Lage,“ fuhr er in verzweifeltem Flüsterton fort, „daß er in meinem Hause ist, daß er nichts Unanständiges begangen hat, abgesehen von jener Ungezwungenheit und dem Übereinanderschlagen seiner Füße. Er hält dies für den besten Ton, und demzufolge muß ich noch mit ihm liebenswürdig sein!“

„Aber, liebster Konstantin, du übertreibst ja,“ sagte Kity, in der Tiefe ihres Herzens erfreut über die Kraft seiner Liebe zu ihr, die sich jetzt in seiner Eifersucht ausdrückte.

„Am Entsetzlichsten von allem ist, daß du – jetzt so wie du es stets gewesen, ein Heiligtum für mich – daß wir so glücklich gewesen sind, so selten glücklich – und plötzlich konnte dieser Wicht – nicht Wicht; weshalb sollte ich ihn schimpfen? – Ich habe mit ihm nichts zu schaffen! Aber weshalb soll mein Glück, dein Glück“ —

„Weißt du, ich begreife, woher dies alles gekommen ist,“ begann Kity.

„Woher? Woher?“

„Ich habe gesehen, wie du blicktest, als wir beim Abendessen sprachen.“

„Nun ja, nun ja!“ sagte Lewin erschreckt.

Sie erzählte ihm, wovon man gesprochen hatte, und als sie es erzählte, kam sie vor Erregung außer Atem. Lewin verstummte, betrachtete ihr bleiches, angstvolles Gesicht und griff sich plötzlich an den Kopf.

„Katja, ich habe dich gemartert! Mein Täubchen, verzeihe mir! Dieser Wahnsinn! Katja, ich bin unendlich schuldig! Kann man nur durch solche Thorheit sich quälen!“

„Nein, du nur thust mir leid.“

„Ich? Ich? Was für ein Wahnwitziger ich bin! Weshalb thue ich dir leid? Es ist mir entsetzlich zu denken, daß jeder fremde Mensch unser Glück zerstören kann.“

„Natürlich! das ist eben das Kränkende“ —

„Nein; so werde ich ihn mit Absicht den ganzen Sommer bei uns behalten und mich in Liebenswürdigkeiten gegen ihn überbieten,“ sprach Lewin, ihr die Hand küssend. „Du wirst sehen. Morgen. Ja, es ist wahr, morgen wollen wir fahren.“

8

Am andern Tage hatten sich die Damen noch nicht erhoben, als die Jagdwagen schon vor der Einfahrt standen und Laska, der bereits am Morgen gemerkt hatte, daß es zur Jagd gehe, sich heulend und nachdem er sich satt getummelt hatte, in den einen der Wagen neben dem Kutscher setzte, welcher ärgerlich und mißlaunig über die Verspätung nach der Thür blickte, aus welcher die Jäger noch immer nicht herauskommen wollten.

Zuerst erschien Wasjenka Wjeslowskij, in großen neuen Jagdstiefeln, welche bis zur Hälfte der dicken Schenkel gingen; in grüner Bluse, mit einer neuen, nach Juchten duftenden Patronentasche gegürtet und in seiner Bändermütze und dem neuen englischen Gewehr. Laska sprang ihm entgegen, begrüßte ihn, sprang an ihm empor und frug ihn auf seine Weise, ob bald noch die anderen herauskommen würden, kehrte aber dann, da er keine Antwort von ihm erhielt, auf seinen Warteposten zurück, um hier wieder still zu werden, den Kopf auf die Seite gewendet und das eine Ohr spitzend.

Endlich öffnete sich kreischend die Thür, und heraus flog, sich wirbelnd und in der Luft drehend, Krak, der hellgescheckte Pointeur Stefan Arkadjewitschs, worauf dieser selbst heraustrat, die Flinte in den Händen und die Cigarre im Munde. Freundlich rief er seinem Hunde zu, der ihm die Pfoten auf Leib und Brust setzte und sich mit denselben in der Jagdtasche verwickelte.

Stefan Arkadjewitsch war mit ledernen Schnürstücken mit untergelegten Strumpflappen an den Füßen, einem zerrissenen Beinkleid und einem kurzen Rock bekleidet. Auf dem Kopfe saß die Ruine eines Hutes, das Gewehr aber, nach modernstem System, war ein wahres Spielzeug und die Jagdtasche und Patrontasche, obwohl abgetragen, von vorzüglicher Qualität.

Wasjenka Wjeslowskij hatte früher diese echte Jägerkoketterie nicht begriffen, in Lumpen zu gehen, und dabei ein Jagdgerät von vorzüglichster Güte zu führen. Er begriff sie aber jetzt, als er Stefan Arkadjewitsch mit diesen Lumpen, in all seiner eleganten, wohlgenährten und behaglich gestimmten Herrenerscheinung erblickte, und faßte den Entschluß, sich bei der nächsten Jagd unfehlbar ebenso zu equipieren.

„Nun, und was macht unser Wirt?“ frug er.

„Ein junges Weib,“ sagte Stefan Arkadjewitsch lächelnd.

„Und noch dazu ein reizendes.“

„Er war bereits angekleidet, aber wahrscheinlich ist er nochmals zu ihr gelaufen.“

Stefan Arkadjewitsch hatte es erraten. Lewin war mehrmals zu seiner Gattin geeilt, um sie noch einmal zu fragen, ob sie ihm seine gestrige Dummheit vergeben habe, und dann, um sie zu bitten, doch um Christi willen vorsichtiger zu sein. Hauptsächlich – sich vor den Kindern ferner zu halten – sie konnten sie leicht einmal stoßen. Dann mußte er von ihr nochmals die Versicherung erhalten, daß sie ihm nicht gram sei darüber, daß er auf zwei Tage fortfuhr, und sie bitten, ihm unbedingt morgen früh, mit dem ersten Zug, ein Billet zu schicken, und ihm wenigstens zwei Worte zu schreiben, damit er nur wußte, daß sie sich wohl befinde.

Kity war es wie stets schmerzlich, sich auf zwei Tage von ihrem Gatten trennen zu sollen; allein als sie seine lebhafte Erscheinung, die besonders groß und kraftvoll in den Jagdstiefeln und der weißen Bluse erschien, und einen gewissen, ihr unverständlichen Schimmer der Jagdfreude wahrgenommen hatte, vergaß sie, um ihm seine Freude zu lassen, ihren Schmerz, und verabschiedete sich heiter von ihm.

„Entschuldigung, meine Herren!“ sagte er, auf die Freitreppe herauskommend. „Hat man das Frühstück eingepackt? Warum ist der Fuchs rechts gespannt? Nun gleichviel! Laska – leg' dich! – Laß sie in die ledige Herde,“ wandte er sich an den Viehwärter, der an der Treppe mit einer Frage über die Wallachen wartete.

Lewin sprang vom Wagen, auf dem er sich schon setzen wollte, zu einem Zimmermann hin, der mit einem Ellenmaß zur Treppe gekommen war.

„Gestern ist er nicht ins Comptoir gekommen und heute hält er mich nun ab. Was ist denn?“

„Wir müssen noch drei Stufen hinzunehmen; dann paßt es; sie wird dann bequemer liegen.“

„Hättest du mir gehorcht,“ antwortete Lewin ärgerlich. „Ich habe gesagt, du sollst zuerst die Treppenlager, und die Stufen zuletzt machen! Jetzt kommst du nun nicht aus. Thu wie ich dir befohlen habe, und mache ein neues Lager.“

Es handelte sich darum, daß in einem im Bau befindlichen Flügel der Zimmermann die Treppe verpfuscht hatte, indem er sie selbständig, ohne die Höhe zu berechnen, gefertigt hatte, sodaß nun alle Stufen schräg hingen, als man die Treppe an ihrem Platz aufstellte. Der Zimmermann wollte nun, die Treppe lassend wie sie war, nur noch drei Stufen hinzufügen.

„Es wird so viel besser werden.“

„Aber wohin willst du denn kommen mit den drei Stufen!“

„Gestattet,“ antwortete der Zimmermann mit geringschätzigem Lächeln; „da sie sich von unten erhebt,“ er sprach dies mit überzeugender Gebärde, „muß es gehen, sie muß passen!“

„Aber drei Stufen gehen doch noch in die Länge? Wohin soll sie denn da kommen?“

„Da sie von unten auf geht, so muß sie passen,“ beharrte der Zimmermann.

„Bis unter die Decke und an die Wand kommt sie.“

„Aber, mit Verlaub, sie kommt doch von unten, da wird sie passen.“

Lewin ergriff seinen Ladestock und begann ihm im Staube die Treppe zu zeichnen.

„Siehst du nun?“

„Wie Ihr befehlt,“ sagte der Zimmermann, plötzlich mit den Augen hell aufblickend und endlich offenbar die Sache begreifend. „Es ist klar, es muß eine neue Treppe gezimmert werden.“

„Nun also, thue nun, wie dir geheißen ist,“ rief Lewin und setzte sich wieder in den Wagen. „Fahr zu! – Halt die Hunde, Philipp!“

Lewin empfand jetzt, nachdem er alle Sorgen des Hauses und der Wirtschaft hinter sich gelassen hatte, ein so mächtiges Gefühl von Lebensfreude und Erwartung, daß er keine Lust verspürte, zu sprechen. Er hatte auch das Gefühl der konzentrierten Aufregung, welche jeder Jäger verspürt, wenn er sich seinem Revier nähert. Wenn ihn jetzt überhaupt etwas beschäftigte, so waren es nur die Fragen, ob man im Kolpenskischen Moor etwas finden werde, wie sich Laska im Vergleich zu Krak zeigen, und wie ihm selbst heute das Jagdglück lächeln würde.

Daß man sich vor einem fremden Jäger keine Blöße gab; daß Oblonskiy ihn nicht überschießen möchte, auch dies kam ihm in den Kopf.

Oblonskiy hatte ein ganz ähnliches Gefühl, und war gleichfalls wortkarg. Nur Wasjenka Wjeslowskij schwatzte lustig und unaufhörlich weiter.

Als Lewin ihn jetzt hörte, fühlte er sich beschämt, wenn er daran dachte, wie ungerecht er gestern gegen ihn gewesen sei.

Wasjenka war in der That ein vorzüglicher, naiver, gutmütiger und sehr heiterer Mensch. Wäre Lewin noch unverheiratet mit ihm zusammengekommen, so würde er sich ihm genähert haben. Nur war ihm ein wenig unangenehmer seine müßige Stellung zum Leben, und eine gewisse Ungezwungenheit bei aller Eleganz. Er schien sich gewissermaßen selbst eine hohe unzweifelhafte Bedeutung beizumessen, daß er lange Nägel und eine kleine Mütze trug und alles übrige dementsprechend, doch konnte man dies bei seiner Gutherzigkeit und Solidität entschuldigen. Er gefiel Lewin wegen seiner guten Erziehung, einer ausgezeichneten Aussprache des Französischen und Englischen, und dann deshalb, weil er ein Mensch seiner eignen Welt war.

Wasjenka gefiel das donische Steppenpferd am linken Strang außerordentlich. Er war fortwährend exaltiert davon, „wie schön muß es sich auf einem Steppenpferd durch die Steppe jagen lassen! Ha? Nicht so?“ sprach er. Er stellte sich in dem Ritt auf einem Steppenroß etwas wundersames poetisches vor, woraus sich zwar nichts ergab, aber seine Naivetät, besonders im Verein mit seiner Schönheit, seinem freundlichen Lächeln und der Grazie seiner Bewegungen war sehr anziehend. Kam es nun davon her, daß seine Natur Lewin sympathisch war, oder davon, daß Lewin sich bemühte, zur Sühne für seinen gestrigen Fehltritt alles an ihm gut zu finden, genug, Lewin fühlte sich angenehm von ihm berührt.

Nachdem man drei Werst gefahren war, tastete Wjeslowskij plötzlich nach seinen Cigarren und der Brieftasche, und wußte nicht, ob er beides verloren oder auf dem Tische liegen gelassen hatte.

In der Brieftasche waren dreihundertsiebzig Rubel, und daher durfte man sie nicht im Stich lassen.

„Wißt Ihr was, Lewin, ich werde auf diesem donischen Beipferd nach Hause reiten. Das wäre ausgezeichnet. Nicht?“ sagte er, schon bereit, aufzusitzen.

„Nein; warum das?“ antwortete Lewin, der schon berechnet hatte, daß Wasjenka nicht weniger als sechs Pud Gewicht haben müsse. „Ich werde den Kutscher schicken.“

Der Kutscher ritt auf dem Beipferd ab, und Lewin lenkte nun selbst die beiden übrigen Pferde.

9

„Was haben wir denn für eine Marschroute? Erzähle doch gefälligst ein wenig,“ sagte Stefan Arkadjewitsch.

„Der Plan ist folgender: Jetzt werden wir bis Gwozdjowo fahren. In Gwozdjowo befindet sich diesseits eine Niederung mit Schnepfen, hinter Gwozdjowo aber ziehen sich wunderbare Bekassinensümpfe hin, und Schnepfen sind auch da. Es ist jetzt heiß; wir werden gegen Abend – es sind noch zwanzig Werst – ankommen, ein Abendfeld nehmen, dann übernachten, und morgen schon in die großen Sümpfe gehen.“

„Aber giebt es denn unterwegs nichts?“

„O doch, aber wir würden uns da nur aufhalten und es ist heiß. Es giebt zwei ausgezeichnete Plätze, aber schwerlich wird es da etwas geben.“

Lewin hatte selbst Lust, nach jenen Plätzen zu gehen, aber dieselben lagen seiner Wohnung zu nahe und er konnte sie stets erreichen; die Plätze waren auch klein – drei konnten nicht auf ihnen schießen. Infolge dessen schlug er im Geiste einen Haken, und sagte, es dürfte kaum etwas dort zu finden sein. Als sie an dem kleinen Sumpfe angekommen waren, wollte Lewin vorüberfahren, doch der erfahrene Jägerblick Stefan Arkadjewitschs unterschied sogleich die vom Wege her sichtbare Feuchtigkeit.

„Wollen wir nicht hinfahren?“ sagte er, auf den Sumpf weisend.

„Lewin bitte; wie reizend!“ begann Wasjenka Wjeslowskij zu bitten, und Lewin mußte einwilligen.

Sie hatten noch nicht Halt gemacht, als schon die Hunde, sich gegenseitig jagend, dem Sumpf zuflogen.

„Krak! Laska!“

Die Hunde kehrten zurück.

„Zu Dreien wird es uns zu eng werden. Ich werde hier bleiben,“ sagte Lewin, in der Hoffnung, daß sie nichts finden möchten als Kibitze, die sich vor den Hunden erhoben und sich im Fluge überschlagend, kläglich über dem Sumpfe schrieen.

„Nein! – Kommt! Wir wollen zusammen gehen, Lewin!“ rief Wjeslowskij.

„Richtig ist das; es wird zu eng! – Laska, zurück; – Laska! – Braucht Ihr dann nicht einmal einen anderen Hund?“

Lewin blieb bei dem Wagen und schaute voll Mißgunst auf die Jäger. Diese durchwanderten den ganzen Sumpf, aber außer einer Henne und Kibitzen, von denen Wjeslowskij einen erlegte, war nichts darin.

„Nun da seht Ihr, daß ich den Sumpf nicht bedauerte,“ sagte Lewin, „wohl aber den Zeitverlust.“

„Ach nein; es war immerhin ganz hübsch! Habt Ihr es gesehen?“ sprach Wasjenka Wjeslowskij, unbehilflich auf den Wagen kletternd, die Flinte und den Kibitz in den Händen. „Wie ich den gut getroffen habe, nicht wahr? Nun, werden wir denn bald an den richtigen Ort kommen?“

Plötzlich rissen die Pferde in das Geschirr, Lewin schlug mit dem Kopf an den Lauf eines der Gewehre, und ein Schuß ging los. Der Schuß an sich ertönte schon früher, aber es schien Lewin nur so. Wasjenka Wjeslowskij hatte, die Hähne in Ruhe setzend, den einen Drücker berührt, während er den andern Hahn gehalten hatte.

Die Ladung ging in die Luft, ohne jemand Schaden zuzufügen. Stefan Arkadjewitsch schüttelte den Kopf und lächelte Wjeslowskij vorwurfsvoll zu, Lewin aber war nicht in der Stimmung, ihm einen Vorwurf zu machen; erstens wäre jeder Vorwurf nur durch die vorübergegangene Gefahr und die Beule, welche auf der Stirn Lewins auftrat, hervorgerufen erschienen, zweitens aber war Wjeslowskij anfangs so naiv ärgerlich, und fing dann so gutmütig und ansteckend an über die allgemeine Aufregung zu lachen, daß es unmöglich war, nicht mit zu lachen.

Als sie an den zweiten Sumpf gelangten, welcher ziemlich groß war, und daher viel Zeit in Anspruch nehmen mußte, suchte Lewin dahin zu wirken, daß man nicht hineinging. Doch Wjeslowskij besiegte ihn wieder durch sein Bitten, und wiederum blieb Lewin, als gastfreundlicher Wirt, bei dem Wagen zurück.

Sogleich bei der Ankunft witterte Krak nach den Maulwurfshügeln. Wasjenka Wjeslowskij lief als der Erste hinter dem Hunde her und Stefan Arkadjewitsch war noch nicht herangekommen, als schon ein Vogel aufging. Wjeslowskij schoß fehl und der Vogel ließ sich in einer ungemähten Wiese wieder nieder. Wjeslowskij aber war diese Beute bestimmt. Krak fand sie wieder auf, stellte sie und er schoß sie und kehrte dann zu dem Wagen zurück.

„Jetzt geht Ihr, und ich will bei den Pferden bleiben,“ sprach er.

Lewin begann der Jagdneid zu ergreifen. Er übergab Wjeslowskij die Zügel und begab sich in den Sumpf.

Laska, der schon lange kläglich gewinselt und sich über die Ungerechtigkeit beklagt hatte, eilte vorauf direkt nach einem verheißungsvollen, Lewin bekannten Gebiet, in welches Krak noch nicht gekommen war.

„Weshalb hältst du ihn denn nicht zurück?“ rief Stefan Arkadjewitsch.

„Er wird dich nicht schrecken,“ antwortete Lewin, voll Freude über seinen Hund, und ihm eilig folgend.

Auf der Suche Laskas wuchs, je näher dieser den bekannten Hügeln kam, mehr und mehr der Ernst der Situation. Ein kleiner Sumpfvogel zerstreute diesen nur auf einen Augenblick. Er beschrieb einen Kreis vor den Hügeln, begann einen zweiten, erschrak dann plötzlich und verschwand.

„Geh, geh Stefan!“ rief Lewin, welcher fühlte, wie ihm das Herz höher zu schlagen begann, und wie plötzlich, gleich als ob sich ein Riegel in seiner seelischen Spannung zurückbewege, alle Geräusche, den Maßstab ihrer Entfernung verlierend, ihn ungeregelt, aber scharf zu treffen begannen. Er vernahm die Schritte Stefan Arkadjewitschs, sie für das ferne Stampfen der Pferde haltend, er vernahm das spröde Geräusch der mit den Wurzeln sich loslösenden Ecke eines Maulwurfhaufens, auf welchen er getreten war, indem er dasselbe für den Flug eines Vogels hielt. Er vernahm auch im Rücken in nicht großer Entfernung ein Klatschen auf dem Wasser, von welchem er sich nicht Rechenschaft zu geben vermochte.

Indem er sich einen Standort für die Füße suchte, bewegte er sich auf seinen Hund zu.

Eine Bekassine machte sich vor dem Hunde auf. Lewin legte das Gewehr an, aber in dem Augenblicke, als er zielte, verstärkte sich jenes Geräusch von Klatschen auf dem Wasser; es kam näher, und mit ihm vereinigte sich die Stimme Wjeslowskijs, der in sonderbarer Weise laut rief.

Lewin sah, daß er mit der Flinte die Bekassine von hinten treffen werde, schoß aber gleichwohl.

Überzeugt, daß er einen Fehlschuß gethan, blickte er um sich und gewahrte, daß die Pferde mit dem einen Jagdwagen gar nicht mehr auf dem Wege, sondern im Sumpfe waren.

Wjeslowskij, welcher das Schießen hatte sehen wollen, war in den Sumpf gefahren und hatte die Pferde in eine Untiefe geführt.

„Hol' ihn der Teufel,“ sagte Lewin zu sich selbst, zu der feststeckenden Equipage zurückkehrend. „Weshalb seid Ihr denn fortgefahren,“ sagte er mit dürren Worten zu ihm, und machte sich, nachdem er den Kutscher herbeigerufen hatte, daran die Pferde loszubringen.

Lewin war verdrießlich geworden, daß man ihn im Schießen gestört und die Pferde in den Sumpf geführt hatte, hauptsächlich aber auch, daß bei dem Ausspannen der Pferde, was erforderlich war um sie wieder freizumachen, weder Stefan Arkadjewitsch, noch Wjeslowskij ihm und dem Kutscher Hilfe leisteten, weil weder dieser noch jener auch nur den geringsten Begriff davon hatte, worin eigentlich das Anschirren bestehe. Ohne Wjeslowskij ein Wort auf dessen Versicherung, es sei hier ganz trocken, zu antworten, arbeitete Lewin schweigend mit dem Kutscher daran, die Pferde zu befreien.

Als er indessen bei der Arbeit warm geworden war und sah, wie beflissen und eifrig Wjeslowskij den Wagen an der Deichselstange zog, sodaß er diese sogar abbrach, machte er sich selbst Vorwürfe darüber, daß er unter dem Einfluß der gestrigen Empfindung allzu kalt gegen Wjeslowskij gewesen war, und bemühte sich mit besonderer Liebenswürdigkeit seine Barschheit wieder gutzumachen.

Nachdem alles wieder in Ordnung gebracht war, und die Wagen sich wieder auf dem Wege befanden, ließ Lewin das Frühstück bringen.

„Bon appétit – bonne conscience! Ce poulet va tomber jusqu'au fond de mes bottes,“ sagte Wjeslowskij, wieder lustig geworden, mit einem französischen Sprichwort, ein zweites Hühnchen verspeisend. „Jetzt sind unsere Leiden zu Ende und alles wird nun glücklich gehen. Nur will ich wegen meines Vergehens dazu gezwungen sein, auf dem Bocke zu sitzen. Ist es nicht recht so? Nein, ich bin Automedon! Paßt auf, wie ich Euch fahren werde!“ versetzte er, ohne die Zügel loszugeben, als ihn Lewin bat, den Kutscher fahren zu lassen. „Nein; ich muß mein Vergehen wieder gut machen, und befinde mich ganz wohl auf dem Bocke,“ und er fuhr.

Lewin fürchtete ein wenig, er möchte die Pferde malträtieren, besonders das Handpferd, einen Fuchs, den er nicht zu lenken verstand; doch unwillkürlich fügte er sich seiner Heiterkeit, lauschte er den Romanzen, welche Wjeslowskij, auf dem Bocke sitzend, den ganzen Weg entlang sang, oder seinen Erzählungen und Vorführungen, wie man auf englische Manier four in hand fahre – und alle fuhren nach dem Frühstück in der heitersten Stimmung nach dem Sumpfe von Gwozdjowo.

10

Wasjenka trieb die Pferde so schnell, daß sie zu früh bei dem Sumpfe ankamen, und es noch immer heiß war.

Als sie bei der Niederung angelangt waren, dem Hauptziele der Fahrt, dachte Lewin unwillkürlich, wie er Wasjenka los werden und ohne eine Störung jagen könnte. Stefan Arkadjewitsch wünschte augenscheinlich das Nämliche, und auf seinem Gesicht sah Lewin den Ausdruck einer Besorgnis, welche bei dem echten Jäger stets vor Beginn der Jagd da zu sein pflegt, sowie den einer gewissen ihm eigenen gutmütigen Verschlagenheit.

„Wie wollen wir fahren? Der Sumpf ist ausgezeichnet, ich sehe es; auch Habichte sind da,“ sagte Stefan Arkadjewitsch auf zwei über dem Ried kreisende, große Vögel weisend. „Wo Habichte sind, ist sicher auch Wild.“

„Nun, seht ihr Herren,“ sagte Lewin, mit etwas mürrischem Ausdruck seine Stiefel hochziehend und die Pistons auf dem Gewehr nachsehend; „seht ihr diesen Ried?“ Er wies auf eine kleine, dunkel in Schwarzgrün schimmernde Insel, in einem weiten, sich auf dem rechten Ufer des Flusses ausdehnenden, bis zur Hälfte gemähten nassen Wiesengrund. „Der Sumpf beginnt hier, gerade vor uns, seht ihr – wo das Grün ist. Von da geht er rechts, wo die Pferde sind; – hier befinden sich auch Maulwurfshaufen und Bekassinen – dann rund um diese Wiese bis zu jenem Erlenwald und dicht bis zu der Mühle, dort wo man die Bucht sieht. Das ist ein ausgezeichneter Platz; ich habe einmal siebzehn Bekassinen hier geschossen; wir wollen uns nun mit den beiden Hunden nach den verschiedenen Seiten trennen, und dort bei der Mühle wieder zusammenkommen.“

„Aber wer geht rechts; wer links?“ frug Stefan Arkadjewitsch. „Rechts ist es weiter; geht dort zu Zweien, ich will links gehen,“ sagte er, so harmlos, wie er nur konnte.

„Schön; wir wollen ihn überschießen; also gehen wir, gehen wir,“ drängte Wasjenka.

Lewin konnte damit nur einverstanden sein, und so trennten sie sich. Kaum waren sie in den Sumpf gelangt, als beide Hunde gleichzeitig zu suchen begannen und nach dem Schlamme witterten. Lewin kannte dieses Suchen Laskas, vorsichtig und zurückhaltend; er kannte auch den Platz, und erwartete den Schwarm der Schnepfen.

„Wjeslowskij, geht nebenher, nebenher!“ sagte er mit leiser Stimme, zu dem im Wasser hinterher plätschernden Gefährten, dessen Gewehrlaufrichtung Lewin nach dem unvorhergesehenen Schuß am Kolpenskischen Sumpfe unwillkürlich interessierte.

„Ach nein, ich will Euch nicht im Wege sein, denkt nur nicht an mich!“

Lewin dachte aber unwillkürlich an ihn, und rief sich die Worte Kitys ins Gedächtnis, mit denen diese ihn von sich gelassen: „Paßt auf, und schießt einander nicht!“ – Näher und näher kamen die Hunde, einer am anderen vorüber und jeder seine Spur verfolgend; die Erwartung war so mächtig, daß Lewin das Schmatzen seines aus dem Schlamme emporgehobenen Stiefelabsatzes als Schrei einer Schnepfe erschien, sodaß er den Kolben des Gewehres packte und preßte.

„Puff, puff,“ klang es ihm in die Ohren. Wasjenka hatte in eine Schar Enten geschossen, welche über dem Sumpfe schwebten und jetzt bei weitem noch nicht für Jäger in Schußweite gekommen waren. Lewin hatte sich kaum umgeschaut, als eine Schnepfe schmatzte; eine zweite, eine dritte – noch acht dazu erhoben sich – eine nach der anderen.

Stefan Arkadjewitsch erlegte eine gerade im Augenblick, als sie ihre Zickzacklinien zu beschreiben begann, und die Schnepfe fiel wie ein Klumpen in den Moorgrund. Oblonskiy legte hastig auf eine zweite an, die noch niedrig flog, und auch diese fiel, zugleich mit dem Fall des Schusses, und es war deutlich zu erkennen, wie sie von dem gemähten Grunde aufsprang, mit dem heilgebliebenen weißen Flügel schlagend.

Lewin war nicht so glücklich; er hatte auf die erste Schnepfe zu nahe geschossen und gefehlt; er hatte auf sie angelegt, indem sie sich noch erhob, aber zur gleichen Zeit flog noch eine weitere dicht vor seinen Füßen auf, lenkte ihn ab, und er that einen zweiten Fehlschuß.

Während sie die Gewehre wieder luden, erhob sich eine weitere Bekassine und Wjeslowskij, der soeben zum zweitenmale geladen hatte, sandte ihr über das Wasser noch zwei Ladungen feinen Schrot nach. Stefan Arkadjewitsch sammelte seine Schnepfen und schaute mit glänzenden Augen auf Lewin.

„Nun, jetzt wollen wir uns trennen,“ sprach er, und schritt, auf dem linken Fuße hinkend, die Flinte in Bereitschaft haltend und dem Hunde pfeifend, nach der einen Seite.

Lewin mit Wjeslowskij gingen nach der anderen.

Lewin ging es stets so, daß er, wenn die ersten Schüsse unglücklich waren, in Wallung geriet, ärgerlich wurde und den ganzen Tag schlecht schoß. So war es auch jetzt.

Bekassinen zeigten sich eine Menge; dicht vor den Hunden, vor den Füßen der Jäger gingen sie unaufhörlich auf, und Lewin hätte sein Mißgeschick wieder gut machen können, aber je mehr er schoß, umsomehr blamierte er sich vor Wjeslowskij, der wohlgemut darauf losplatzte, ohne etwas zu erlegen, dadurch aber nicht im geringsten aus der Fassung kam.

Lewin geriet in Unruhe, und mehr und mehr in Hitze, so daß er beim Schießen schon fast nicht mehr hoffte, noch etwas zu erlegen. Auch Laska schien dies zu verstehen; er begann, träger zu suchen, und schaute wie zweifelnd und vorwurfsvoll auf die Jäger. Schuß auf Schuß fiel. Pulverdampf lagerte sich um die Jäger, aber in dem großen Netze der Jagdtasche befanden sich nur drei leichte kleine Bekassinen, von denen eine noch durch Wjeslowskij, eine von beiden gemeinsam erlegt war. Währenddem vernahm man auf der andern Seite des Sumpfes zwar nicht häufige, wohl aber, wie Lewin schien, bedeutungsvolle Schüsse von Stefan Arkadjewitsch, bei denen fast nach einem jeden ein: „Krak, Krak, apport!“ hörbar wurde.

Dies regte Lewin noch mehr auf; die Bekassinen kreisten ohne Aufhören in der Luft über der Niederung. Ihr Schmatzen am Boden und das Schnarren in der Höhe war ohne Unterbrechung von allen Seiten vernehmbar; die vorher aufgestiegenen, und in der Luft kreisenden Vögel ließen sich vor den Jägern nieder und anstatt zweier Habichte schwebten jetzt deren zehn pfeifend über dem Sumpfe.

Nachdem sie die größere Hälfte des Sumpfes durchschritten hatten, gelangten Lewin und Wjeslowskij zu einer Stelle, auf welcher mit langen Streifen eine Bauernwiese abgeteilt war, durch eingetretene Streifen, und durch einen gemähten Schwaden angemerkt. Die Hälfte dieser Wiese war schon gemäht.

Obwohl nun wenig Hoffnung war, auf dem nichtgemähten Teil ebensoviel zu finden, wie auf dem gemähten, so hatte Lewin Stefan Arkadjewitsch doch einmal versprochen, mit diesem wieder zusammentreffen zu wollen, und schritt er daher mit seinem Gefährten weiter durch die gemähten und ungemähten Streifen hindurch.

„He da, ihr Jäger!“ – rief ihnen aus einem Trupp Bauern, welche bei einem ausgespannten Wagen saßen, einer zu, „kommt her, eßt mit uns Mittag! Hier giebt es auch Branntwein zu trinken!“ —

Lewin schaute sich um.

„Komm nur her!“ rief ein heiterer bärtiger Landmann mit rotem Gesicht, die weißen Zähne lächelnd zeigend, und die grünliche, in der Sonne blitzende Flasche hochhaltend.

„Qu'est ce qu'ils disent?“ frug Wjeslowskij.

„Sie laden uns ein zum Branntweintrinken. Wahrscheinlich haben sie die Wiesen geteilt. Ich möchte schon einmal trinken,“ sagte Lewin nicht ohne Hintergedanken, in der Hoffnung, Wjeslowskij möchte sich vom Branntwein verführen lassen und mit zu ihnen hingehen.

„Weshalb laden sie uns ein?“ —

„Nun; sie sind guter Laune. Geht doch einmal hin zu ihnen. Es wird Euch interessieren.“

„Allons, c'est curieux.“

„Geht, geht, Ihr werdet den Weg zur Mühle schon finden!“ rief Lewin, schaute sich um, und bemerkte mit Vergnügen, daß Wjeslowskij, stolpernd und mit müden Beinen, das Gewehr in dem gestreckten Arm haltend, sich aus dem Ried zu den Bauern herausarbeitete.

„Komm du doch auch!“ rief der Bauer Lewin zu. „Alle Wetter, es giebt Pasteten zu essen!“

Lewin gelüstete es stark, einmal Branntwein zu trinken, und ein Stück Brot zu essen. Er war müde geworden und fühlte, daß er nur noch mit Mühe die einsinkenden Füße aus dem Morast zog; und einen Moment schwankte er. Doch sein Hund hatte gestellt, und sofort war alle Müdigkeit verschwunden; leicht schritt er über das Moor hin seinem Hunde zu. Unter seinen Füßen flog eine Bekassine auf, er feuerte und erlegte sie – der Hund stand noch immer. „Los!“ vor dem Hunde erhob sich eine zweite. Lewin schoß; allein der Tag war nicht glücklich; er fehlte, und als er die erlegte Schnepfe suchen wollte, fand er sie nicht einmal. Er suchte den ganzen Ried ab, aber Laska wollte nicht glauben, daß er eine Schnepfe erlegt habe, und als Lewin ihm befahl, zu suchen, that er, als ob er suche, suchte aber nicht.

Auch ohne Wasjenka, welchem Lewin sein Unglück beimaß, wurde also die Sache nicht besser. Bekassinen waren auch hier viel, aber Lewin that Fehlschuß auf Fehlschuß.

Die schrägfallenden Strahlen der Sonne waren noch heiß, die Kleider, von Schweiß durch und durch naß, klebten ihm am Leibe, der linke Stiefel, voller Wasser, war schwer und schmatzte; über das vom Pulverschmand besudelte Gesicht rann der Schweiß in Tropfen, im Munde machte sich ein bitterer Geschmack fühlbar, in der Nase Pulvergeruch und Schlammduft, und in den Ohren klang das unausgesetzte Schnarren der Schnepfen; die Flintenläufe durfte er nicht anrühren, so erhitzt waren sie, das Herz pochte ihm schnell und kurz, die Hände zitterten vor Erregung und die mattgewordenen Beine stolperten und blieben in den Maulwurfhaufen und im Morast stecken; aber er ging weiter und schoß. Endlich, nachdem er wiederum einen schmählichen Fehlschuß gethan, warf er das Gewehr und die Mütze zu Boden.

„Nein; erst muß ich zur Besinnung kommen!“ sagte er zu sich selbst. Flinte und Mütze wieder aufhebend, rief er Laska zu seinen Füßen, und verließ den Ried. Als er auf das Trockene gekommen war, setzte er sich auf einen Erdhaufen, zog sich aus, goß die Stiefel aus, ging dann zum Sumpfe zurück und trank Etwas von dem Wasser mit schlammigem Beigeschmack, feuchtete die glühenden Läufe an und wusch sich Gesicht und Hände. Nachdem er sich so erfrischt hatte, begab er sich wieder nach dem Platze, auf dem sich eine Bekassine niedergesetzt hatte, mit dem festen Vorsatz, nicht in Aufregung zu geraten.

Er wollte ruhig sein, aber es blieb beim Alten. Sein Finger berührte den Drücker früher, als er den Vogel aufs Korn genommen hatte; es ging schlechter und schlechter.

Er hatte nur fünf Stück in seiner Jagdtasche, als er aus dem Ried heraus zu dem Erlenwalde kam, wo er mit Stefan Arkadjewitsch zusammentreffen sollte.

Bevor er diesen jedoch selbst erblickte, gewahrte er seinen Hund. Hinter der Wurzel einer Erle hervor sprang Krak, ganz schwarz von übelriechendem Moorschlamm, und beschnüffelte Laska mit dem Ausdruck des Siegers. Hinter Krak erschien im Schatten der Erlen nun auch die stattliche Gestalt Stefan Arkadjewitschs, der ihm, rot aussehend, schweißbedeckt mit aufgeknöpftem Kragen, noch immer hinkend, entgegenkam.

„Nun, wie steht es? Ihr habt viel geschossen!“ sagte er heiter lächelnd.

„Und du?“ frug Lewin. Das Fragen war indes nicht nötig, weil er schon die gefüllte Jagdtasche erblickt hatte.

„O, nichts von Bedeutung.“

Er hatte vierzehn Stück.

„Ein famoser Sumpf! Dich, scheint es, hat Wjeslowskij gestört. Zwei mit einem Hunde, das ist allerdings unbequem,“ sagte Stefan Arkadjewitsch, seine Siegesfreude bezwingend.

11

Als Lewin und Stefan Arkadjewitsch in der Hütte des Bauern ankamen, bei welchem Ersterer stets rastete, war Wjeslowskij bereits da. Er saß mitten in der Hütte, sich mit beiden Händen an einer Bank anhaltend, vor welcher ihn ein Soldat, der Bruder der Bauersfrau, an den schlammbedeckten Stiefeln herunterzerrte, und lachte mit seinem ansteckend lustigen Lachen.

„Ich bin soeben angekommen. Ils ont été charmants. Stellt Euch vor, sie haben mich getränkt und gefüttert! Welch ein Brot, das war wunderbar! Delicieux! Und ein Branntwein! Ich habe noch nie schmackhafteren getrunken! Und sie wollten um keinen Preis Geld nehmen! Sie sagten nur immer „Nje obsudisj!“ —

„Warum sollten sie Geld nehmen? Haben sie denn den Branntwein zum Verkauf?“ sagte der Soldat, der endlich den durchnäßten Stiefel mit dem schwarzgewordenen Strumpfe heruntergezogen hatte.

Trotz der Unsauberkeit der Hütte, welche von den Stiefeln der Jäger und den schmutzigen, sich leckenden Hunden noch erhöht wurde, trotz des Geruches nach Schlamm und Pulver, von welchem dieselbe erfüllt war, und des Fehlens von Messern und Gabeln, tranken die Jäger ihren Thee, nahmen sie ihre Abendmahlzeit mit solchem Appetit, wie man eben nur auf der Jagd ißt. Nachdem sie sich gewaschen und gereinigt hatten, gingen sie nach dem sauber gefegten Heuschuppen, wo die Kutscher den Herren ein Lager zurecht gemacht hatten.

Doch obwohl es bereits dunkelte, hatte keiner der Jäger Lust, zu schlafen.

Hin- und herschweifend zwischen den Erinnerungen und Erzählungen über das Schießen, die Hunde und frühere Jagden – war die Unterhaltung auf das alle interessierende Thema gekommen. Angesichts der bereits mehrmals wiederholten Äußerungen des Entzückens Wasjenkas über den Reiz dieses Nachtlagers, den Duft des Heues, das Anziehende eines zerbrochenen Wagens – der Wagen schien ihm zerbrochen, weil er von den Vorderrädern genommen worden war – über die Gutmütigkeit der Bauern, die ihn mit Branntwein gefüttert hatten, über die Hunde, die beide zu Füßen ihrer Herren lagen, berichtete Oblonskiy über die Reize einer Jagd bei Maltus, wo er im vergangenen Jahre gewesen war.

Maltus war ein bekannter Eisenbahnkrösus. Stefan Arkadjewitsch erzählte, was für Jagdgründe dieser Maltus im Gouvernement von Twer aufgekauft habe, und wie dieselben gepflegt würden, und weiter, was für Equipagen die Jäger geführt hätten und was für ein Zelt zum Frühstück an der Jagdniederung aufgestellt worden sei.

„Ich begreife dich nicht,“ sagte Lewin, sich auf seinem Heulager aufrichtend, „daß dir diese Leute nicht widerlich sind? Ich begreife, daß ein Frühstück mit Lafitte sehr angenehm ist, aber sollte dir gerade dieser Luxus nicht zuwider sein? Alle diese Leute, unsere einstigen Spekulanten, gewinnen ihr Geld so, daß sie mit ihrem Gewinste nur die Verachtung der Menschen verdienen; aber sie verachten diese Geringschätzung, und kaufen sich mit dem ehrlos Erworbenen von ihrer früheren Verachtung los.“

„Vollkommen richtig!“ bemerkte Wasjenka Wjeslowskij, „vollkommen; natürlich thut dies Oblonskiy nur aus Bonhomie, wie die anderen sagen; Oblonskiy fährt nicht zu ihnen“ —

„Keineswegs,“ – Lewin fühlte, wie Oblonskiy lächelte, als er dies sprach, „ich halte ihn einfach nicht für unehrlicher, als sonst einen der reichen Kaufleute und Adligen. Sowohl diese, wie jene sind reich geworden durch ihre Arbeit und ihre Intelligenz.“

„Ja, aber durch was für Arbeit? Ist das etwa Arbeit, daß sie Konzessionen erbeuten und diese weiter verkaufen?“

„Natürlich eine Arbeit. Eine Arbeit in dem Sinne, daß wenn es diese Leute oder ihnen ähnliche nicht gäbe, auch keine Eisenbahnen da wären.“

„Aber diese Arbeit ist doch nicht eine solche, wie die eines Bauern, oder des Gelehrten.“

„Nehmen wir so an; aber es ist eine Arbeit in dem Sinne, daß diese Thätigkeit ein Resultat ergiebt – die Eisenbahnen! Du freilich findest wohl, daß die Eisenbahnen ohne Nutzen sind.“

„Nein; das ist eine andere Frage; ich bin bereit anzuerkennen daß sie nützlich sind, aber jeder Erwerb, welcher der für ihn aufgewandten Mühe nicht entspricht, ist ehrlos.“

„Wer bestimmt aber dieses Verhältnis?“

„Erwerb auf unehrlichem Wege, durch Anwendung von List,“ sagte Lewin, im Gefühl, daß er die Grenze zwischen ehrlich und unehrlich nicht klar zu bestimmen wußte, „ebenso wie der Erwerb der Bankbureaus,“ fuhr er fort, „sind von Übel; sie bestehen in der mühelosen Erwerbung ungeheurer Summen, wie dies der Fall war bei den Aufkäufen; nur die Form hat sich verändert. Le roi est mort, vive le roi! Kaum hatte man die Bodenspekulation vernichtet, da erschienen die Eisenbahnen und Banken; gleichfalls ein Erwerbsbetrieb ohne Müheaufwand.“

„Ja, das kann alles recht wahr und scharfsinnig sein – leg' dich Krak“ – rief Stefan Arkadjewitsch seinem Hunde zu, der sich kratzte und das Heu durchwühlte – augenscheinlich von der Richtigkeit seiner Meinung überzeugt und daher ruhig und ohne Übereilung.

„Aber du unterscheidest nicht die Grenzen zwischen ehrlicher und unehrlicher Arbeit. Daß ich an Gehalt mehr bekomme, als mein Kanzleivorsteher, obwohl der die Sache besser versteht als ich, ist das ehrlos?“

„Ich weiß nicht.“

„Nun, so will ich dir sagen: Daß du für deinen Müheaufwand in der Landwirtschaft, sagen wir, fünftausend Rubel einnimmst, während unser Wirt hier, der Bauer, so viel er auch arbeiten mag, nicht mehr als fünfhundert hat, ist ganz ebenso ehrlos, wie, daß ich mehr als mein Kanzleivorsteher erhalte, und daß Maltus mehr als ein Eisenbahnmeister einnimmt. Im Gegenteil, ich erblicke ein gewisses, durch nichts begründetes, feindseliges Verhalten der Gesellschaft diesen Leuten gegenüber, und es scheint mir, daß hier der Neid“ —

„Nein; das wäre ungerecht,“ sagte Wjeslowskij, „Neid kann es hier nicht geben, aber etwas Unsauberes liegt in diesem Geschäft.“

„Gestatte;“ fuhr Lewin fort. „Du sagst, es sei ungerecht, daß ich fünftausend Rubel habe, und der Bauer fünfhundert; das ist wahr. Es ist ungerecht, und ich fühle es, doch“ —

„Es ist so in der That. Weshalb essen wir, trinken wir, jagen wir, faulenzen wir, während er ewig, ewig bei der Arbeit ist?“ sagte Wasjenka Wjeslowskij, augenscheinlich zum erstenmal im Leben klar hierüber nachdenkend, und infolge dessen auch vollständig aufrichtig.

„Ja; du fühlst es wohl, würdest ihm aber dein Vermögen doch nicht geben,“ sagte Stefan Arkadjewitsch, gleichsam mit Absicht Lewin zusetzend.

In letzter Zeit war zwischen den beiden Schwagern eine Art von verborgenem, feindseligem Verhältnis eingetreten; seit der Zeit, seit welcher sie mit den Schwestern verheiratet waren, hatte sich zwischen ihnen gleichsam ein Rivalentum darin entwickelt, wer sein Leben besser fundiert hätte, und jetzt kam diese Gegnerschaft in einem Gespräch zum Ausdruck, welches einen persönlichen Charakter anzunehmen begann.

„Ich werde es ihm deshalb nicht geben, weil es niemand von mir fordert, und wenn ich selbst wollte, würde ich es nicht können,“ versetzte Lewin, „wie überhaupt niemand.“

„Gieb es nur dem Bauer hier; er wird dir nicht abschläglich antworten.“

„Ja; aber wie soll ich es ihm geben? Soll ich mit ihm hinfahren und ihm einen Kaufbrief ausstellen?“

„Ich weiß nicht; doch wenn du überzeugt bist, daß du nicht das Recht hast“ —

„Ich bin durchaus nicht überzeugt hiervon; im Gegenteil fühle ich, daß ich nicht das Recht habe, zu verschenken, daß ich Verbindlichkeiten meinem Boden, wie meiner Familie gegenüber habe.“

„Nein doch; gestatte; wenn du urteilst, daß diese Ungleichheit eine ungerechte sei, weshalb handelst du dann nicht so?“

„Ich handle ja so; nur aber negativ; in dem Sinne, daß ich mich nicht bemühen will, jenen Unterschied der Lage, welcher zwischen mir und jenem besteht, noch zu vergrößern.“

„Nein, entschuldige, aber das ist paradox!“ —

„Ja, das ist eine etwas sophistische Erklärung,“ bestätigte Wjeslowskij. „Ah, da kommt ja unser Wirt,“ sprach er zu dem Bauer, welcher, mit der Thür kreischend, in den Schuppen trat.

„Nun, schläfst du denn noch nicht?“

„Nein; wie soll man schlafen! Ich denke immer, unsere Herren schlafen, da höre ich sie reden,“ fügte er hinzu, behutsam mit den nackten Füßen auftretend.

„Wo schläfst du denn?“

„Wir gehen auf die Nachtwache.“

„Ach, welche Nacht!“ sagte Wjeslowskij, auf die beim schwachen Scheine der Abendröte in dem großen Rahmen der jetzt offenen Thür sichtbar werdenden Umrisse der Hütte und des ausgeschirrten Wagens schauend.

„Hört nur, da singen Weiberstimmen, und wahrhaftig, nicht schlecht. Wer singt denn da, Herr Wirt!“

„Ach, das sind die Mägde, vom Hof.“

„Laßt uns hingehen; wir wollen spazieren gehen! Wir werden doch nicht schlafen; Oblonskiy, kommt mit!“

„Das wäre; ich liege, geht nur,“ antwortete Oblonskiy sich reckend, „es liegt sich ausgezeichnet hier.“

„Nun, dann gehe ich allein,“ sagte Wjeslowskij, lebhaft aufstehend und kleidete sich an. „Auf Wiedersehen denn, ihr Herren. Wenn es hübsch werden sollte, werde ich euch rufen; ihr habt mich mit Wild regaliert, und ich werde eurer nicht vergessen.“

„Nicht wahr, ein vortrefflicher Bursch?“ sprach Oblonskiy, nachdem Wjeslowskij gegangen war und der Bauer hinter ihm die Thür geschlossen hatte.

„Ja, vortrefflich,“ erwiderte Lewin, weiter über das Thema des soeben stattgehabten Gesprächs nachdenkend. Ihm schien es, als habe er, soweit er es verstand, seine Ideen und Empfindungen klar ausgesprochen, und doch hatten diese beiden, zwei nicht eben beschränkte, und aufrichtige Männer, einstimmig gesagt, daß er sich mit Sophismen tröste. Dies machte ihn ratlos.

„So, so ist es, mein Freund. Eins von beiden ist nötig; entweder zugestehen, daß die gegenwärtige Einrichtung der Gesellschaft gerecht ist, und dann deine Rechte behaupten, oder zugestehen, daß du unrechtmäßiger Vorzüge teilhaft bist – , wie ich dies thue – und von diesen mit Vergnügen Gebrauch machen.“

„Nein. Wenn das ungerecht wäre, so könntest du diese Güter nicht mit Vergnügen genießen – ich wenigstens könnte es nicht. – Mir ist die Hauptsache – ich muß fühlen, daß ich keine Schuld trage.“

„Aber wollen wir nicht doch ein wenig mitgehen?“ sagte Stefan Arkadjewitsch, augenscheinlich abgespannt von dieser Anstrengung seines Geistes. „Wir können ja doch nicht schlafen. Es ist wahr; gehen wir!“

Lewin antwortete nicht. Das im Laufe des Gesprächs geäußerte Wort, daß er, wenn auch nur im negativen Sinne, gerecht handle, beschäftigte ihn.

„Sollte man nicht auch in negativem Sinne gerecht sein können?“ frug er sich selbst.

„Wie stark doch auch das frische Heu duftet!“ sprach Stefan Arkadjewitsch, sich erhebend. „Ich kann um keinen Preis schlafen! Wasjenka hat wohl schon etwas angestiftet da drüben. Hörst du das Gelächter und seine Stimme? Wollen wir nicht hingehen? Komm!“

„Nein; ich gehe nicht mit!“ antwortete Lewin.

„Wirklich nicht? Thust du dies auch nur aus Prinzip nicht?“ sagte lächelnd Stefan Arkadjewitsch, in der Finsternis nach seiner Mütze suchend.

„Nicht aus Prinzip, aber wozu sollte ich mitkommen?“

„Weißt du, du machst dir selbst das Leben schwer,“ sagte Stefan Arkadjewitsch, der die Mütze gefunden hatte, aufstehend.

„Inwiefern?“

„Sah ich denn nicht, wie du dich mit deinem Weibe gestellt hast? Ich habe gehört, wie es bei euch eine Frage der höchsten Wichtigkeit war, ob du für zwei Tage auf die Jagd fahren solltest oder nicht! Alles das ist ja ganz gut, wie ein Idyll, aber für das ganze Leben reicht es nicht zu. Der Mann muß unabhängig sein; er hat seine Mannesinteressen!“

„Der Mann muß männlich sein,“ sprach Oblonskiy, die Thür öffnend.

„Was heißt das? Etwa den Mägden die Cour schneiden?“ frug Lewin.

„Weshalb sollte man nicht einmal hingehen, wenn es dort lustig zugeht? Ça ne tire pas à conséquence. Meine Frau wird sich davon nicht schlechter und ich werde mich wohl befinden. Die Hauptsache ist aber die, daß man das Heiligtum des Hauses wahrt; damit im Hause nichts vorfällt; doch die Hände braucht man sich deshalb noch nicht zu binden!“

„Mag sein,“ versetzte Lewin trocken und wandte sich auf die Seite. „Morgen müssen wir früh aufbrechen und ich werde niemand wecken, sondern mit dem Zwielicht aufgehen.“

„Messieurs, venez vite!“ wurde die Stimme Wjeslowskijs vernehmbar, der zurückkam. „Charmante! Das habe ich entdeckt. Charmante, ein vollständiges Gretchen, und ich bin schon mit ihr bekannt geworden! Wahrhaftig reizend!“ – erzählte er mit so billigendem Gesichtsausdruck, als sei sie eigens für ihn selbst so hübsch geschaffen worden, und als sei er zufrieden mit demjenigen, der dies für ihn arrangiert hatte.

Lewin stellte sich schlafend; Oblonskiy, die Pantoffeln anziehend und eine Cigarre ansteckend, verließ den Schuppen, und bald waren beider Stimmen verklungen.

Lewin konnte lange Zeit nicht einschlafen. Er lauschte, wie seine Pferde das Heu kauten, dann wie sein Wirt mit dem ältesten Sohne sich fertig machte und zur Nachtwache abging; dann hörte er, wie der Soldat sich mit einem Neffen, dem kleinen Sohne des Hausherrn, auf der andern Seite des Schuppens schlafen legte, wie der Knabe mit seinem dünnen Stimmchen dem Onkel seine Eindrücke über die Hunde mitteilte, die ihm furchtbar und ungeheuer erschienen, ferner, wie der Knabe frug, wen diese Hunde fangen wollten, und wie der Soldat mit heiserer und schläfriger Stimme ihm sagte, daß die Jäger morgen in den Sumpf wollten und aus ihren Flinten schießen würden, und wie er schließlich, um die Fragen des Knaben los zu sein, sagte: „Schlaf, Waska, schlaf, oder“ – Bald schnarchte er selbst, und alles war still geworden; nur das Wiehern der Pferde und das Schnarren einer Schnepfe war hörbar.

„Sollte es wirklich nur negativ sein?“ wiederholte er sich, „aber was; – ich bin doch nicht schuld daran.“ – Und er begann hierauf, sich den nächsten Tag zu überlegen. „Morgen will ich früh aufbrechen und werde mir vornehmen, nicht in Aufregung zu kommen. Bekassinen giebt es eine Unmenge. Und werde ich hierher heimkehren, so wird ein Brief von Kity da sein. Ja, Stefan, hast du denn recht? Ich bin nicht männlich gegen sie, ich bin verweichlicht. Aber was thun – es ist wieder etwas Negatives.“

In sein Träumen hinein vernahm er das Lachen und das heitere Geschwätz Wjeslowskijs und Stefan Arkadjewitschs. Für einen Augenblick öffnete er die Augen; der Mond war aufgegangen und durch die geöffnete Thür, hell von dem Mondlicht beleuchtet, sah er sie stehen und plaudern.

Stefan Arkadjewitsch hatte etwas über die Frische der Mädchen gesagt und sie mit einer eben von der Schale befreiten frischen Nuß verglichen, und Wjeslowskij mit seinem ansteckenden Gelächter, wiederholte wahrscheinlich die ihm von dem Bauer gesagten Worte: „Mach dich soviel als möglich an dein Mädchen heran!“

Lewin murmelte im Schlafe:

„Ihr Herren, morgen mit Tagesanbruch!“ und entschlummerte.

12

Als Lewin mit dem frühen Morgenrot erwacht war, versuchte er es, die Gefährten zu wecken. Wasjenka, auf dem Bauche liegend und den einen Fuß noch mit dem Strumpfe von sich streckend, schlief so fest, daß keine Antwort von ihm zu erhalten war.

Oblonskiy weigerte sich im Schlafe, so früh aufzubrechen und selbst Laska, verschlafen und im Kreis zusammengeringelt, am Rande des Schuppens liegend, erhob sich nur ungern und streckte träge, eins nach dem andern, die Hinterbeine von sich.

Nachdem Lewin sich angekleidet hatte, ergriff er das Gewehr, öffnete sachte die kreischende Thür des Schuppens, und trat auf die Gasse hinaus. Die Kutscher schliefen bei den Wagen, die Pferde träumten; nur eines fraß faul seinen Hafer, ihn mit seinem Schnauben auf der Holzkrippe auseinanderblasend.

Auf dem Hofe war alles noch grau.

„So früh schon auf, Herr?“ wandte sich, freundlich, wie zu einem alten guten Bekannten, die alte Hausmutter, welche aus dem Bauernhause kam, an ihn.

„Ja, es soll zur Jagd gehen, Mütterchen! Komme ich dort nach dem Sumpfe?“

„Gerade durch die Gärten, unsere Tennen, lieber Mann, und die Hanffelder; dort geht der Weg.“

Behutsam mit den nackten, gebräunten Füßen auftretend, führte die Alte Lewin und öffnete ihm den Verschlag bei der Tenne.

„Geradeaus so und du kommst in den Sumpf; unsere Kinder haben dort Nachtweide gehabt.“

Laska lief lustig voraus auf dem Fußsteig; Lewin folgte ihm mit schnellem, leichtem Schritt, fortwährend nach dem Himmel schauend. Er wünschte, die Sonne möchte nicht früher aufgehen, als bis er zum Ried gekommen wäre, doch die Sonne säumte nicht. Der Mond, welcher noch schien, als er herausgetreten war, glänzte jetzt nur noch wie ein Stück Quecksilber. Das Morgenrot, welches man vorher deutlich sehen mußte, war jetzt zu suchen, und vorher unbestimmt gewesene Flecken im fernen Felde waren jetzt klar sichtbar; es waren Kornfeime. Der ohne das Sonnenlicht noch nicht sichtbar gewesene Thau in dem duftenden, hohen Hanf durchnäßte die Füße und die Bluse Lewins bis über den Gürtel. In der klaren Ruhe des Morgens waren die leisesten Geräusche vernehmlich. Eine Biene flog mit dem Sausen der Kugel an Lewins Ohr vorüber. Er schaute auf und sah eine zweite, eine dritte. Sie alle kamen hinter dem Zaune des Bienengartens hervorgeflogen und verschwanden über dem Hanf in der Richtung nach dem Ried. Der Fußsteig führte gerade aus in den Sumpf, und diesen selbst konnte man schon an den Dünsten erkennen, welche sich aus ihm erhoben, hier dichter, dort weniger dicht, so daß die Wiese und Gebüsche wie kleine Inseln in dem Nebel flimmerten.

Am Rande der Niederung und des Weges lagen Knaben und Bauern, welche die Nacht beim Vieh gewacht hatten und im Morgenrot alle unter ihren Kaftanen schliefen. Unweit von ihnen gingen drei gefesselte Pferde; eines derselben klirrte in seinen Ketten. Laska ging neben seinem Herrn, nach vorwärts strebend und sich umblickend.

Nachdem Lewin bei den schlafenden Bauern vorübergegangen und an die erste Wasserstelle gelangt war, besichtigte er die Pistons und ließ den Hund los. Eines der Pferde, ein gutgefütterter, brauner Dreijähriger, erschrak, als er den Hund erblickte, hob den Schweif und schnob. Die übrigen Pferde gerieten gleichfalls in Schrecken, und eilten mit den gefesselten Beinen im Wasser plätschernd, und mit den aus dem dichten Lehm gezogenen Hufen einen Lärm verursachend, welcher dem Klopfen ähnlich war, aus dem Sumpfe.

Laska war stehen geblieben, schaute spöttisch auf die Pferde und fragend auf Lewin. Dieser streichelte den Hund, und pfiff, zum Zeichen, daß er nun beginnen könne.

Munter und vorsichtig eilte Laska über das unter ihm schwankende Moor.

Als er in den Sumpf geeilt war, witterte er unter den ihm vertrauten Gerüchen und Sumpfgräsern, des Schlammes und des hier nicht hergehörigen Duftes von Pferdemist, der in diesem ganzen Revier verbreitet war, den Geruch eines Vogels, des Vogels, der ihn mehr als alle anderen Witterungen in Aufregung versetzte.

An manchen Stellen im Moos und bei Sumpfpflanzen war dieser Geruch sehr stark, aber es ließ sich nicht entscheiden, nach welcher Seite hin er zunahm oder schwächer wurde.

Um die Richtung zu finden, war es nötig, weiter unter den Wind zu gehen. Ohne die Bewegung seiner Füße zu fühlen, eilte Laska in scharfem Galopp, doch derart, daß er bei jedem Sprung Halt machen konnte, wenn es nötig werden sollte, nach rechts, hinweg von dem von Osten her wehenden leichten Morgenwind, und wandte sich dann gegen denselben. Mit offener Nase die Luft in sich einziehend, witterte er sogleich, daß nicht nur die Spuren von ihnen, sondern sie selbst da waren, in seiner Nähe, und nicht vereinzelt, sondern viele. Laska verminderte die Schnelligkeit seines Laufes. Sie waren da, aber wo, vermochte er noch nicht zu bestimmen.

Um den Ort nun zu finden, begann er bereits einen Kreislauf, als ihn die Stimme seines Herrn davon abzog. „Laska, dort,“ sagte er, ihn auf die andere Seite weisend. Der Hund stand, und frug ihn, ob es nicht besser wäre, zu thun, wie er begonnen hätte. Doch der Herr wiederholte mit strenger Stimme seinen Befehl, auf einen mit Wasser überdeckten Fleck zeigend, wo nichts sein konnte.

Er gehorchte ihm, sich stellend als suche er, um ihm Vergnügen zu machen, durchstreifte den Fleck und kehrte dann zu seinem alten Platz zurück, und sofort witterte er die Vögel wieder. Jetzt, da sein Herr ihn nicht mehr störte, erkannte er, was zu thun sei, und begann, ohne auf seine Füße acht zu haben und ärgerlich über die hohen Erdhügel strauchelnd, oder ins Wasser fallend, aber mit flinken starken Füßen seinen Kreislauf, welcher ihm alles klarmachen mußte.

Der Geruch der Vögel wurde stärker und stärker, er drang immer bestimmter und bestimmter auf ihn ein, und plötzlich war es ihm vollkommen klar, daß einer derselben dort, hinter jenem Erdhügel sei, fünf Schritte vor ihm; und er blieb stehen, blieb unbeweglich mit dem ganzen Körper.

Auf seinen niederen Beinen konnte er vor sich nichts sehen, an der Witterung aber erkannte er, daß der Vogel nicht weiter als fünf Schritt entfernt von ihm saß. Er stand, mehr und mehr des Wildes Nähe fühlend und sich in der Erwartung freuend. Die steife Rute war hochgestreckt und bebte nur ganz am Ende. Sein Maul war leicht geöffnet, die Ohren waren gespitzt. Das eine Ohr hatte sich noch während des Laufs zurückgelegt, und er atmete schwer, aber vorsichtig, und schaute sich noch vorsichtiger nach seinem Herrn um, mehr mit den Augen, als mit dem Kopfe. – Dieser, mit seinem gewohnten Gesicht, aber den ihm stets furchtbaren Augen, kam, über die Erdhaufen strauchelnd, ungewöhnlich gemächlich, wie ihm schien, und doch lief er.

Als Lewin das seltsame Suchen Laskas bemerkt hatte, wie sich dieser ganz zur Erde drückte, mit großen Schritten der Hinterfüße gleichsam rudernd, das Maul leicht geöffnet, erkannte er, daß Laska einer Schnepfe nachspüre und eilte, im Geiste Gott bittend, daß er ihm Erfolg, besonders für den ersten Vogel verleihe, zu dem Hunde.

Als er nahe an diesen herangekommen war, hielt er in seiner Größe vor sich Umschau und erblickte mit den Augen, was sein Hund mit der Nase erkannt hatte. In einem Schlupfwinkel zwischen zwei Erdhügeln, in der Entfernung von einem Faden, war eine Bekassine sichtbar. Den Kopf gewendet, lauschte sie; dann plötzlich die Flügel leise reckend und sie wieder zusammenlegend, schüttelte sie das Hinterteil und verbarg sich hinter einer Ecke.

„Stell, stell!“ rief Lewin, Laska in den Rücken stoßend.

„Ich kann ja nicht,“ dachte Laska, „wohin soll ich gehen? Von dorther wittere ich die Vögel, aber wenn ich mich vorwärts bewege, werde ich nicht erfahren, wo sie sind.“ Doch er stieß den Hund mit dem Knie und sprach in aufgeregtem Flüsterton, „stell, mein Laska, stell!“

„Nun, wenn er es denn will, werde ich es thun, doch ich bin jetzt für nichts mehr verantwortlich,“ dachte Laska, und drang in vollem Laufe vorwärts zwischen den Erdhügeln. Er hatte bis jetzt noch nichts gemerkt und nur geschaut und gelauscht, ohne etwas zu erfassen.

Zehn Schritte von seinem vorigen Platze erhob sich mit breitem Schnarchen und dem den Schnepfen eigenen vollen Ton des Flügelschlags eine Schnepfe, stürzte aber sofort auf den Schuß schwer platschend mit der weißen Brust auf den nassen Moor herab. Eine zweite ließ nicht auf sich warten und stieg hinter Lewin ohne Hund auf.

Als Lewin sich nach ihr umwandte, war sie schon weit entfernt, aber sein Schuß erreichte sie. Nachdem sie zwanzig Schritt geflogen war, stürzte sie, sich steil im Kreise erhebend und überschlagend, wie ein geworfener Ball schwer auf einen trockenen Platz herab.

„So hat das Ding Sinn!“ dachte Lewin, die noch warmen, fetten Vögel in seiner Jagdtasche bergend, „nicht so, Laskchen, das wird etwas werden?“

Als Lewin, nachdem er das Gewehr wieder geladen hatte, sich weiter bewegte, war die Sonne, obwohl hinter den Wolken noch nicht sichtbar, bereits aufgegangen. Der Mond, seines Schimmers ganz verlustig gegangen, stand bleich wie eine Wolke am Himmel, und von den Sternen war kein einziger mehr sichtbar. Der Morast sah wie Bernstein aus; die Bläue der Gräser ging über in gelbes Grün. Die kleinen Sumpfvögel tummelten sich auf den von Thau schimmernden, lange Schatten am Bache werfenden Büschen. Ein Habicht war erwacht und saß auf einem Schober, den Kopf von einer Seite auf die andere wendend und grießgrämig auf den Sumpf blickend. Dohlen flogen auf das Feld, und ein barfüßiger Junge trieb schon die Pferde zu dem sich unter seinem Kaftan aufrichtenden, und sich kratzenden Alten. Der Rauch der Schüsse lag weiß wie Milch auf dem Grün des Grases.

Einer der Knaben kam zu Lewin gelaufen.

„Herr, gestern waren da Enten!“ rief er ihm zu und folgte ihm aus der Ferne.

Lewin gewährte es doppeltes Vergnügen, vor den Augen des Knaben, welcher seine Freude darüber ausdrückte, noch Schlag auf Schlag drei Bekassinen erlegen zu können.

13

Die alte Jägererfahrung, daß wenn das erste Wild, der erste Vogel, nicht gefehlt worden ist, das Revier günstig bleibt, erwies sich als richtig.

Müde und hungrig, aber beglückt, kehrte Lewin um zehn Uhr morgens, dreißig Werst hinter sich, mit neunzehn Stück schönen Wildprets und einer Ente, die er an den Gürtel gebunden hatte, da sie schon nicht mehr in die Jagdtasche ging, in sein Quartier zurück. Seine Gefährten hatten schon längst ausgeschlafen, hatten Hunger empfunden und gefrühstückt.

„Halt, halt, ich weiß doch, daß es neunzehn sind,“ sagte Lewin, zum zweitenmal die Schnepfen durchzählend, welche jetzt nicht mehr den charakteristischen Anblick zeigten, den sie boten, wie sie aufflogen; zusammengekrümmt und eingeschrumpft, mit dem geronnenen Blute und seitwärts herniederhängenden Köpfchen.

Die Rechnung stimmte und der Neid Stefan Arkadjewitschs kitzelte Lewin. Noch angenehmer aber war ihm, daß er, als er in das Quartier zurückkam, schon einen Boten mit einem Brief von Kity antraf.

„Ich bin gesund und munter. Wenn du Besorgnis um mich hegst, so kannst du wohl noch ruhiger sein, als zuvor. Ich habe jetzt einen neuen Leibhüter, Marja Wlasjewna,“ dies war die Wehfrau, eine neue und wichtige Persönlichkeit im Familienleben Lewins. „Sie ist gekommen, um sich nach mir zu erkundigen, und hat mich vollständig gesund befunden; wir haben sie bis zu deiner Rückkunft dabehalten. Alles ist gesund und munter, aber, bitte, übereile dich nicht, und bleibe, wenn die Jagd gut ist, noch einen Tag.“

Diese beiden freudigen Ereignisse, die glückliche Jagd und der Brief seiner Gattin, waren so schwerwiegend, daß zwei kleine Unannehmlichkeiten nach der Jagd von Lewin leicht verwunden wurden. Die eine bestand darin, daß das braune Handpferd, welches gestern offenbar zu viel geleistet hatte, nicht fraß und den Kopf hängen ließ. Der Kutscher sagte, es sei kreuzlahm.

„Ihr habt es gestern übertrieben, Konstantin Dmitritsch,“ sagte er; „zehn Werst sind wir gar nicht auf dem Weg gefahren.“

Die andere Unannehmlichkeit, die im ersten Augenblick seine gute Laune verdarb, über die er indessen später viel lachte, bestand darin, daß von dem ganzen Vorrat an Lebensmitteln, der von Kity in solcher Fülle mitgegeben worden war, daß es schien, als könne er in einer Woche nicht aufgezehrt werden, nichts mehr übrig war.

Müde und hungrig von der Jagd heimkehrend, hatte Lewin so lebhaft von den Pasteten geträumt, daß er, dem Quartier näher kommend, schon den Duft und den Geschmack derselben im Munde witterte, wie Laska das Wild, und sogleich Philipp befahl, sie ihm zu bringen. Da aber stellte sich heraus, daß nicht nur keine Pasteten, sondern auch keine jungen Hühner mehr da waren.

„Es gab schon Appetit,“ sagte Stefan Arkadjewitsch lachend, auf Wasjenka Wjeslowskij weisend; „ich leide doch nicht gerade Mangel an Appetit, aber dies war bewundernswert“ —

„Nun, aber was jetzt thun!“ sagte Lewin, mürrisch auf Wjeslowskij blickend; „Philipp, so gieb mir Rindfleisch!“

„Das Rindfleisch haben wir gegessen und die Knochen den Hunden gegeben,“ antwortete Philipp.

Lewin ärgerte sich hierüber so, daß er voll Verdruß sagte: „Hätten sie mir auch nur wenigstens etwas übrig gelassen!“ und das Weinen stand ihm nahe.

„So weide denn ein Stück Wildbret aus,“ sagte er mit bebender Stimme zu Philipp, es vermeidend, Wasjenka anzublicken, „und lege Nesseln dazu. Laß dir wenigstens etwas Milch für mich geben.“

Bald darauf indessen, nachdem er die Milch getrunken hatte, that es ihm leid, daß er seinen Verdruß einem fremden Menschen gegenüber ausgesprochen hatte, und er begann über seinen hungrigen Zorn zu lachen.

Am Abend machten sie noch einen Streifzug, in welchem auch Wasjenka mehrere Stück erlegte und kehrten nachts heim.

Die Heimfahrt war ebenso vergnügt, wie die Herfahrt. Wjeslowskij sang bald, bald gedachte er mit Wonne seiner Erlebnisse bei den Bauern, die ihn mit Branntwein bewirtet und ihm gesagt hatten, er solle sich nicht besinnen; bald seiner nächtlichen Abenteuer mit den Nüssen und der Magd und dem Bauer, der ihn gefragt hatte, ob er verheiratet sei, und nachdem er erfahren, es wäre nicht der Fall, ihm gesagt hatte, er solle sich nicht um die Frauen anderer kümmern, sondern möglichst bald selber heiraten. Diese Worte hatten Wjeslowskij ganz besonders heiter gestimmt.

„Im allgemeinen bin ich außerordentlich zufrieden mit unserer Fahrt. Und Ihr, Lewin?“

„Ich bin auch sehr zufrieden,“ antwortete dieser, dem es recht froh zu Mut war, aufrichtig. Er empfand nicht nur keine Feindseligkeit mehr, wie er sie in dem Hause gegen Wasjenka Wjeslowskij gehegt hatte, sondern, im Gegenteil, die freundschaftlichste Gesinnung für denselben.

14

Am andern Tag um zehn Uhr klopfte Lewin, der schon die Ökonomie inspiziert hatte, an das Zimmer, in welchem Wasjenka übernachtete.

„Entrez!“ rief ihm dieser entgegen. „Ihr entschuldigt mich wohl, ich bin soeben erst mit meinen ablutions fertig,“ sagte er lächelnd, im bloßen Hemde vor ihm stehend.

„Laßt Euch nicht stören, bitte,“ sagte Lewin und setzte sich ans Fenster. „Habt Ihr gut geschlafen?“

„Wie ein Toter. Was für ein Tag doch heute zur Jagd wäre!“

„Trinkt Ihr Thee oder Kaffee?“

„Weder dies, noch das: ich frühstücke. Mir liegt übrigens etwas auf dem Herzen. Haben sich die Damen bereits erhoben? Jetzt läßt sichs vortrefflich einen Rundgang machen. Zeigt mir doch einmal Eure Pferde!“

Nachdem Lewin mit durch den Garten gegangen und im Pferdestall eine Weile gewesen, selbst einige gymnastische Übungen mit ihm am Barren gemacht hatte, wandte er sich mit seinem Gaste dem Hause wieder zu und trat mit ihm in den Salon.

„Wir haben vortrefflich gejagt, und wieviele Eindrücke empfangen,“ sagte Wjeslowskij, zu Kity gehend, welche hinter dem Ssamowar saß. „Wie schade, daß die Damen dieser Vergnügungen beraubt sind.“

„Nun, er muß doch mit der Frau des Hauses sprechen,“ dachte Lewin bei sich; es zeigte sich ihm wiederum Etwas in dem Lächeln in jenem triumphierenden Ausdruck, mit dem sich der Besucher an Kity wandte.

Die Fürstin, jenseits des Tisches mit Marja Wlasjewna und Stefan Arkadjewitsch sitzend, rief Lewin zu sich und begann mit ihm ein Gespräch über die Umsiedelung nach Moskau wegen der Niederkunft Kitys und der Anstalt zur Bestimmung eines Quartiers.

Wie für Lewin schon alle Vorbereitungen bei der Hochzeit unangenehm gewesen waren, die mit ihrer Niedrigkeit die Erhabenheit dessen, was sich vollzog, beeinträchtigten, so erschienen ihm die Anstalten für die bevorstehende Niederkunft, deren Zeit gleichsam an den Fingern abgezählt wurde, noch verletzender. Er suchte geflissentlich während dieser ganzen Zeit, die Gespräche über die Art der Windelung des zu erwartenden Kindes zu überhören; er bemühte sich, gewisse geheimnisvolle endlose gestrickte Streifen, gewisse dreieckige Stückchen Leinwand, denen namentlich Dolly eine besondere Wichtigkeit beimaß, und andere Dinge von sich zu weisen und nicht zu sehen.

Das Ereignis der Geburt eines Sohnes – er war überzeugt, es werde ein Sohn sein – das man ihm in Aussicht gestellt hatte, an welches er aber gleichwohl nicht zu glauben vermochte, so ungewöhnlich dünkte es ihm – erschien ihm einerseits als ein so ungeheuerliches und daher unmögliches Glück, anderseits als ein so geheimnisvoller Vorgang – daß diese vermeintliche Kenntnis dessen, was kommen würde, und demnach die Vorbereitung dazu als zu etwas Gewöhnlichem, von Menschen herbeigeführtem, ihm ärgerlich und herabwürdigend vorkam.

Aber die Fürstin verstand seine Empfindungen nicht; sie erklärte seine Unlust, darüber zu denken, zu sprechen, als Leichtsinn und Gleichgültigkeit; und ließ ihn infolge dessen nicht in Ruhe. Sie übertrug es Stefan Arkadjewitsch, eine Wohnung zu besichtigen, und rief nun Lewin zu sich.

„Ich weiß nichts, Fürstin. Thut, was Ihr wollt,“ sagte dieser.

„Es muß aber ein Entschluß gefaßt werden, wann Ihr übersiedelt.“

„Ich weiß es wirklich nicht. Ich weiß nur, daß Kinder zu Millionen auch ohne Moskau geboren werden, und ohne Ärzte – wozu das“ —

„Aber wenn es so steht“ —

„Nun; wie Kity will“ —

„Mit Kity läßt sich hierüber nicht reden. Wie; willst du, daß ich sie erschrecken soll? In diesem Frühling ist die Nataly Galizina gestorben durch die Schuld eines Geburtsfehlers.“

„Wie Ihr sagt, werde ich thun,“ sagte er finster.

Die Fürstin begann nun mit ihm weiter zu sprechen, aber er hörte sie gar nicht. Obwohl ihn das Gespräch mit der Fürstin verstimmte, wurde er nicht infolge desselben mißlaunig, sondern durch das, was er bei dem Ssamowar sah.

„Nein; es ist unmöglich,“ dachte er, bisweilen nach Wasjenka blickend, der zu Kity herniedergebeugt, dieser mit seinem hübschen Lächeln etwas erzählte, und sie anblickte, die errötete und erregt war. Es lag etwas Indecentes in der Stellung Wasjenkas, in seinem Blick, und seinem Lächeln. Lewin sah sogar etwas Indecentes auch in der Haltung und im Blick Kitys. Und wiederum verfinsterte sich die Welt vor seinen Augen. Wiederum, wie gestern, plötzlich, ohne den geringsten Übergang, fühlte er sich von der Höhe seines Glückes, seiner Ruhe und Würde herabgeschleudert, in einen Abgrund der Verzweiflung, Wut und Erniedrigung. Wiederum wurde ihm jedermann und alles widerlich.

„Macht was Ihr wollt, Fürstin,“ sagte er nochmals, sich umblickend.

„Es ist gar schwer, alles allein thun zu sollen,“ sagte Stefan Arkadjewitsch scherzweise zu ihm, offenbar nicht nur auf das Gespräch mit der Fürstin deutend, sondern auch auf die Ursache der Aufregung Lewins, welche er bemerkt hatte. „Wie kommst du heute so spät, Dolly!“

Alles erhob sich, um Darja Alexandrowna zu begrüßen. Wasjenka stand nur für eine Minute auf, und verbeugte sich kaum, mit dem den neumodischen jungen Herrn eigenem Mangel an Höflichkeit gegen die Damen, worauf er seine Unterhaltung wieder fortsetzte, über irgend etwas in Gelächter ausbrechend.

„Mich hat Mascha gepeinigt. Sie schlief schlecht und ist heute entsetzlich launisch gewesen,“ sagte Dolly.

Das Gespräch, welches Wasjenka und Kity pflogen, drehte sich wiederum um das gestrige Thema, um Anna und die Frage, ob die Liebe höher stehen könne als die Gesetze der Welt.

Kity war das Gespräch unangenehm geworden; es regte sie schon durch seinen Inhalt auf, sowie durch den Ton, in welchem es geführt wurde, namentlich aber dadurch, daß sie schon inne geworden war, wie es auf ihren Mann wirke. Sie war indessen zu naiv und zu unschuldig, um es zu verstehen, das Gespräch abzubrechen, etwa schon um deswillen, jenes äußere Behagen, welches ihr die sichtliche Aufmerksamkeit dieses jungen Mannes verursachte, zu verbergen.

Sie wollte das Gespräch abbrechen, wußte aber nicht, was sie da zu thun habe. Was sie auch alles thun mochte, sie wußte, es wurde von ihrem Gatten bemerkt, und alles werde auch nach der üblen Seite ausgelegt werden.

Und in der That, als sie Dolly frug, was mit Mascha sei, und Wasjenka wartete, bis dieses für ihn langweilige Gespräch vorüber sein werde, und er sich einstweilen damit beschäftigte, Dolly gleichgültig anzuschauen, so erschien Lewin diese Frage unnatürlich und anwidernd in ihrer Verschmitztheit.

„Nun; werden wir denn heute in die Pilze gehen?“ frug Dolly.

„Laß uns gehen, bitte; auch ich komme mit!“ sagte Kity und errötete. Sie wollte Wasjenka aus Höflichkeit fragen, ob er mitkäme, frug aber nicht. „Wohin willst du, Konstantin?“ frug sie mit schuldbewußtem Ausdruck ihren Gatten, als dieser mit entschlossenem Schritt an ihr vorüberging. Dieser schuldbewußte Ausdruck bestätigte alle seine Zweifel.

„In meiner Abwesenheit ist ein Maschinist angekommen, ich habe ihn noch nicht gesehen,“ sagte er, ohne sie anzublicken. Er ging hinab, hatte aber das Kabinett noch nicht verlassen, als er die wohlbekannten Schritte seiner Frau vernahm, die ihm unvorsichtig schnell nachkam. „Was willst du?“ sagte er lakonisch zu ihr. „Ich bin beschäftigt.“

„Entschuldigt,“ wandte sie sich an den deutschen Maschinisten, „ich habe einige Worte mit meinem Manne zu sprechen.“

Der Deutsche wollte gehen, doch Lewin sagte zu ihm:

„Laßt Euch nicht stören.“

„Den Dreiuhrzug?“ frug der Deutsche, „sollte man sich nicht verspätigen können?“

Lewin antwortete ihm nicht, sondern ging mit seiner Frau hinaus.

„Nun, was habt Ihr mir zu sagen?“ sprach er auf französisch.

Er blickte nicht in ihr Gesicht, wollte nicht sehen, daß sie, in ihrem Gesundheitszustand im ganzen Gesicht bebte und einen kläglichen beschämten Ausdruck zeigte.

„Ich – ich will sagen, daß man so nicht leben kann, daß das eine Marter ist,“ fuhr sie fort.

„Es sind Leute dort im Büffett,“ sprach er zornig, „macht keine Scene!“

„Nun; gehen wir hierher!“

Sie standen in einem Zwischenzimmer. Kity wollte in das Nebenzimmer treten, doch dort unterrichtete die Engländerin Tanja.

„So wollen wir in den Garten gehen.“

Im Garten stießen sie auf einen Mann, welcher den Weg säuberte. Aber ohne daran zu denken, daß der Mann ihr verweintes Gesicht sehe und Lewins erregte Züge, ohne daran zu denken, daß sie den Anblick von Menschen boten, welche vor einem Unglück fliehen, gingen sie mit schnellen Schritten vorwärts im Gefühl, daß sie sich aussprechen und gegenseitig überzeugen müßten; von einer und derselben Qual eingenommen oder befreit werden müßten, die sie beide empfanden.

„So läßt sich nicht leben! Das ist eine Qual! Ich leide, du leidest! Und weshalb?“ sagte sie, als beide endlich zu einer abgelegenen Bank in der Ecke einer Lindenallee gekommen waren.

„Sage mir nur das Eine: War in seinem Tone etwas Unehrerbietiges, Unlauteres, Erniedrigendes?“ sprach er, vor sie wieder in der nämlichen Stellung tretend, die Fäuste auf der Brust, wie er in jener Nacht vor ihr gestanden.

„Es lag etwas darin,“ sagte sie mit zitternder Stimme. „Aber, mein Konstantin, siehst du denn nicht, daß ich gar nicht schuldig bin? Seit dem Morgen schon wollte ich einen Ton annehmen – aber diese Menschen – warum ist er nur gekommen? Wie glücklich waren wir!“ sprach sie, tiefatmend vor Schluchzen, welches ihren sich allmählich füllenden Körper hob.

Der Gärtner sah mit Verwunderung – trotzdem, daß sie nichts verfolgte und sie nichts zu fliehen hatten, daß auch auf der Bank nichts besonderes Erfreuliches zu finden sein konnte – daß sie an ihm vorüber nach dem Hause zurückkehrten, mit beruhigten, freudeschimmernden Gesichtern.

15

Nachdem Lewin sein Weib hinausbegleitet hatte, begab er sich in die Gemächer Dollys. Darja Aleksandrowna ihrerseits war den ganzen Tag in großer Erbitterung gewesen. Sie ging im Zimmer auf und ab und sprach zornig zu ihrem in der Ecke stehenden weinenden kleinen Töchterchen.

„Den ganzen Tag wirst du in der Ecke stehen und allein zu Mittag essen; du sollst nicht eine einzige Puppe mehr zu sehen bekommen und auch kein neues Kleid laß ich dir machen,“ sprach sie, gar nicht mehr wissend, womit sie sie noch weiter strafen sollte. „Nein, ist das ein häßliches Kind!“ wandte sie sich zu Lewin. „Woher kommen bei ihr diese schlimmen Neigungen?“

„Was hat sie denn begangen?“ sagte ziemlich gleichgültig Lewin, der sich über seine eigene Angelegenheit Rats zu erholen gewünscht hatte, und dem es daher verdrießlich war, daß er zur unrechten Zeit kam.

„Sie sind mit Grischa nach den Himbeeren gegangen und dort – ich kann dir gar nicht sagen, was sie gethan hat! Tausendmal bedauere ich Miß Elliot. Die jetzige Gouvernante übt um keinen Preis Aufsicht. Sie ist eine Maschine. Figurez vous, que la petite“ – und Darja Aleksandrowna erzählte das Vergehen Maschas.

„Dies beweist noch gar nichts; dies sind durchaus keine häßlichen Neigungen, es ist einfach Mitleid,“ beruhigte sie Lewin.

„Aber du bist wie mißgestimmt? Weshalb kamst du?“ frug Dolly, „wie geht es drüben?“

An dem Tone dieser Frage hörte Lewin, daß es ihm leicht sein würde, zu sagen, was er zu sagen beabsichtigte.

„Ich war nicht drüben, ich war mit Kity allein im Garten. Wir haben uns ein zweites Mal gezankt, seit – Stefan gekommen ist.“ —

Dolly blickte ihn mit klugen, verständnisvollen Augen an.

„Nun, sag' mir, Hand aufs Herz, wäre etwa nicht – nicht bei Kity, sondern bei jenem Herrn ein Ton, welcher unangenehm werden kann, nicht nur unangenehm, sondern furchtbar, verletzend für einen Gatten?“

„Das heißt – wie soll ich sagen – du bleibst stehen, in der Ecke!“ – wandte sie sich zu Mascha, welche, ein kaum bemerkbares Lächeln auf dem Gesicht der Mutter gewahrend, sich umgedreht hatte; „die Meinung der Welt wäre die, daß er sich benimmt, wie sich alle jungen Männer benehmen. Il fait la cour à une jeune et jolie femme, ein Mann von Welt aber darf nur geschmeichelt sein hiervon.“

„Ja, ja,“ versetzte Lewin düster, „aber hast du es bemerkt?“

„Nicht nur ich, auch Stefan hat es bemerkt. Er hat mir nach dem Thee offen gesagt, je crois, que Weslowskij fait un petit brin de cour à Kity.“

„Schön; jetzt bin ich beruhigt. Ich werde ihn davonjagen,“ sagte Lewin.

„Was willst du, hast du den Verstand verloren?“ rief Dolly mit Schrecken. „Was thust du, Konstantin, komme zur Besinnung!“ sagte sie dann lachend – „jetzt kannst du zu Fanny gehen“ – wandte sie sich zu Mascha. – „Nein; wenn du schon willst, so werde ich es Stefan sagen; er mag ihn mit fortnehmen. Man kann ja sagen, du erwartetest Gäste. Überhaupt gehört er ja nicht zu unserem Hause.“

„Nein; das sage ich auch.“

„Aber du wirst Händel suchen?“

„Keineswegs. Mir wird es so ganz lieb sein,“ sagte Lewin, in der That mit heiter glänzenden Augen. „Nun aber vergieb ihr, Dolly; sie wird es nicht wieder thun,“ sagte er zu der kleinen Sünderin, die nicht zu Fanny ging und unentschlossen vor der Mutter stand von unten her schielend und wartend, und ihren Blick suchend.

Die Mutter schaute sie an. Das Kind begann zu schluchzen und vergrub das Gesicht zwischen die Kniee der Mutter, Dolly aber legte ihre hagere, zarte Hand auf des Kindes Haupt.

„Was ist denn Gemeinsames zwischen uns und ihm?“ dachte Lewin, und ging, um Wjeslowskij aufzusuchen.

Als er durch das Vorzimmer ging, befahl er anzuspannen, um auf die Station fahren zu können.

„Es ist gestern die Feder gebrochen,“ antwortete der Diener.

„Dann nehmt den Tarantaß, aber schnell! Wo ist der Besuch?“

Sie gingen nach seinem Zimmer.

Lewin traf Wasjenka gerade, als dieser, der seine Sachen aus dem Koffer ausgepackt und neue Romanzen aufgeschlagen hatte, Gamaschen zum Reiten anprobierte.

Lag nun im Gesicht Lewins etwas Besonderes, oder empfand Wasjenka selbst, daß ce petit brin de cour, den er angestiftet, in dieser Familie unstatthaft wäre; genug, er wurde ein wenig – soviel dies eben ein Weltmann werden kann – verlegen beim Eintritt Lewins.

„Ihr wollt in Gamaschen reiten?“

„Ja; das ist bei weitem sauberer,“ sagte Wasjenka, den feisten Fuß auf einen Stuhl stellend, und die unterste Schnalle zumachend, wobei er heiter lächelte.

Er war unzweifelhaft ein ganz guter Mensch und that Lewin leid. Dieser kämpfte mit sich selbst, als Herr des Hauses, als er die Schüchternheit im Blick Wasjenkas wahrnahm.

Am dem Tische lag ein Stück eines Stockes, den sie am Morgen beim Turnen zusammen zerbrochen hatten, indem sie probierten, den Barren zu heben. Lewin nahm den Trümmer in die Hand und begann, da er nicht wußte, wie er anfangen sollte, das zersplitterte Ende rund herum abzubrechen.

„Ich wollte – “ er verstummte, sagte aber dann plötzlich, Kitys gedenkend und alles dessen, was geschehen war, und ihm entschlossen in die Augen blickend, „ich habe befohlen, für Euch anspannen zu lassen.“

„Was heißt das?“ begann Wasjenka voll Verwunderung, „wohin soll es gehen?“

„Ihr sollt zur Bahn fahren,“ sagte Lewin finster, die Spitze des Stockes abzupfend.

„Verreist Ihr, oder ist etwas vorgefallen?“

„Es ist das vorgefallen, daß ich Besuch erwarte,“ sprach Lewin, schneller und schneller mit den starken Fingern die Zacken des zersplitterten Stockes abbrechend. „Oder vielmehr ich erwarte nicht Besuch, und es ist nichts vorgefallen, aber ich ersuche Euch, abzureisen. Ihr mögt Euch meine Unhöflichkeit erklären, wie Ihr wollt.“

Wasjenka richtete sich auf.

„Ich bitte Euch, mir zu erklären,“ sprach er mit Würde, endlich begreifend.

„Ich kann Euch nicht erklären,“ fuhr Lewin, gedämpften Tones und langsam sprechend fort, sich bemühend, das Beben seiner Kinnbackenmuskeln zu verbergen, „und es ist auch besser für Euch, nicht zu fragen.“

Da sämtliche zersplitterte Enden bereits abgebrochen waren, machte sich Lewin mit den Fingern an die dicken Enden, riß den Stock auseinander und hob das hingefallene Stück sorgsam auf.

Wahrscheinlich mochte der Anblick dieser straffangestrengten Hände, dieser Muskeln da, welche er heute früh beim Turnen befühlt hatte, der blitzenden Augen, der gedämpften Stimme und der bebenden Kinnbacken Wasjenka mehr als Worte überzeugen; er verbeugte sich, nachdem er die Achseln gezuckt und verächtlich gelächelt hatte.

„Kann ich nicht Oblonskiy sehen?“

Das Achselzucken und Lächeln brachten Lewin nicht auf, „was bleibt ihm weiter übrig?“ dachte dieser.

„Ich werde ihn sofort zu Euch schicken.“

„Was ist das für ein Unsinn,“ sagte Stefan Arkadjewitsch der von dem Freunde erfahren hatte, daß man ihn aus dem Hause jage, zu Lewin, als er diesen im Garten fand, wo er, die Abfahrt des Gastes erwartend, spazieren ging.

„Mais c'est ridicule! Was für eine Fliege hat dich denn gestochen. Mais c'est du dernier ridicule! Was ist dir darin erschienen, daß ein junger Mann“ —

Die Stelle, an welcher Lewin die Fliege gestochen hatte, schmerzte aber offenbar noch, da derselbe abermals bleich wurde, als Stefan Arkadjewitsch ihm die Ursache klarmachen wollte, und diesen hastig unterbrach.

„Bitte, erkläre mir keine Ursache! Ich kann nicht anders! Es thut mir sehr leid um deinet- und seinetwillen, aber ihm, glaube ich, verursacht es kein großes Herzeleid, abreisen zu müssen, während mir und meiner Frau seine Gegenwart unangenehm ist.“

„Es ist dies aber eine Beleidigung für ihn! Et puis c'est ridicule!“

„Auch für mich ist es beleidigend und peinlich! Und doch bin ich an nichts schuld, und habe keinen Grund, leiden zu sollen!“

„Das hätte ich nicht von dir erwartet! On peut être jaloux, mais à ce point, c'est du dernier ridicule!“

Lewin wandte sich schnell um und ging von ihm hinweg in die Tiefe der Allee, wo er seinen Spaziergang allein auf und abwärts fortsetzte. Bald vernahm er das Rollen des Tarantaß und sah hinter den Bäumen hervor, wie Wasjenka, auf Heu sitzend, denn leider gab es keine Sitzbank in dem Tarantaß, mit seiner schottischen Mütze, von den Stößen in die Höhe schnellend, durch die Allee fuhr.

„Was giebt es denn noch?“ dachte Lewin, als ein Diener, der aus dem Hause eilte, den Tarantaß halten ließ. Es war der Maschinist, den Lewin gänzlich vergessen hatte. Nachdem derselbe gegrüßt hatte, sprach er etwas mit Wasjenka, stieg darnach auf den Tarantaß und sie fuhren zusammen ab.

Stefan Arkadjewitsch und die Fürstin waren verstimmt von der Handlungsweise Lewins. Auch dieser selbst fühlte sich nicht nur im höchsten Grade „ridicule“, sondern auch schuldig und beschimpft; als er sich aber vergegenwärtigte, was er und sein Weib gelitten hatten, gab er sich, indem er sich selbst frug, wie er ein zweites Mal handeln würde, die Antwort, daß er es ganz wieder so gemacht hätte.

Trotz alledem war zu Ende dieses Tages jedermann, mit Ausnahme der Fürstin, welche Lewin sein Verfahren nicht verzeihen konnte, außergewöhnlich lebhaft und heiter, gleichwie Kinder nach einer Bestrafung oder Erwachsene nach einem wichtigen offiziösen Empfang, so daß abends in der Abwesenheit der Fürstin von der Entfernung Wasjenkas gesprochen wurde, wie von einem längst geschehenen Vorfall.

Auch Dolly, welche von ihrem Vater die Gabe besaß, humoristisch zu erzählen, brachte Warenka zu dem herzlichsten Lachen, als sie zum dritten oder vierten Mal, mit immer neuen humoristischen Zuthaten berichtete, wie sie gerade dabei gewesen sei, ihre neuen Halbstiefeln des Gastes halber anzulegen und schon in den Salon gegangen sei, als sie plötzlich das Kreischen einer alten Karrete vernommen hätte. Und wer hätte darin gesessen? Wasjenka, mit der schottischen Mütze und den Romanzen, mit den Reitgamaschen, auf dem Heu.

„Hätte er nur wenigstens den Wagen anspannen lassen! Aber nein! und dann hörte ich „halt!“ – Nun, denke ich, man hat Mitleid mit ihm bekommen! Ich sehe nach; da setzt man noch den dicken Deutschen zu ihm und fährt ihn weiter. Aus war es mit meinen hübschen schottischen Bändern.“

16

Darja Aleksandrowna führte ihre Absicht aus und reiste zu Anna.

Es that ihr sehr leid, die Schwester erbittern und etwas thun zu müssen, was deren Gatten unangenehm war; sie begriff, wie sehr recht die Lewin hatten, mit dem Wunsche, keine Beziehungen mit den Wronskiy zu pflegen, allein sie erachtete es für ihre Pflicht, zu Anna zu kommen, und ihr zu zeigen, daß ihre Gefühle sich nicht verändern könnten trotz der Veränderung ihrer Lage.

Um bei dieser Reise nicht von den Lewin abhängen zu müssen, sandte Darja Aleksandrowna nach ihrem Dorfe, um Pferde mieten zu lassen; doch Lewin, der hiervon erfahren hatte, kam, um ihr Vorwürfe zu machen.

„Warum denkst du, daß mir deine Reise unangenehm sei? Ja, und selbst wenn sie mir unangenehm wäre, so wäre sie es mir dadurch noch mehr, daß du nicht meine Pferde nimmst,“ sagte er. „Du hast mir nicht ein einziges Mal gesagt, daß du entschieden fahren wolltest. Und nun auf dem Dorfe Pferde zu mieten, ist erstens unangenehm für mich, und dann, was die Hauptsache ist, man mietet sie, aber sie bringen dich nicht hin. Ich habe doch Pferde; und wenn du mich nicht böse machen willst, so nimmst du sie.“

Darja Aleksandrowna mußte einwilligen, und am festgesetzten Tag hatte Lewin für seine Schwägerin ein Viergespann von Pferden und einen Vorspann aus Zug- und Reitpferden gewählt, bereit gemacht, der nicht sehr schön, aber doch imstande war, Darja Aleksandrowna in einem Tage an ihr Ziel zu bringen.

Jetzt, wo Pferde sowohl für die Fürstin, welche abreiste, wie für die Wehfrau gebraucht wurden, war das eine schwierige Aufgabe für Lewin gewesen, doch konnte derselbe der Pflicht der Gastfreundschaft Folge leistend, nicht zugeben, daß Darja Aleksandrowna von seinem Hause aus Pferde mietete, und außerdem wußte er auch, daß die zwanzig Rubel, welche man von Darja Aleksandrowna für die Fahrt verlangte, für dieselbe von großer Bedeutung waren; die Finanzverhältnisse Darja Aleksandrownas, welche sich in sehr schlechtem Zustande befanden, wurden von den Lewin empfunden, als wären es ihre eigenen.

Darja Aleksandrowna fuhr nach dem Rate Lewins noch vor der Morgenröte ab. Der Weg war gut, der Wagen ging ruhig, die Pferde liefen munter und auf dem Bocke saß noch außer dem Kutscher, an Stelle eines Dieners, der Comptoirschreiber, der von Lewin der Sicherheit halber mitgesandt worden war. Darja Aleksandrowna träumte und erwachte erst, als sie schon zu der Poststation gekommen war, wo die Pferde gewechselt werden mußten.

Nachdem sie den Thee bei jenem nämlichen begüterten Großbauern, bei welchem Lewin auf seiner Fahrt zu Swijashskiy gerastet hatte, eingenommen, und sich mit den Weibern über die Kinder, mit dem Alten über den Grafen Wronskiy unterhalten hatte, den jener sehr lobte, fuhr Darja Aleksandrowna um zehn Uhr weiter. Zu Hause hatte sie, vor Sorgen um ihre Kinder, nie Zeit zu denken. Dafür aber häuften sich jetzt erst, auf dieser vierstündigen Fahrt, alle die vorher unterdrückt gewesenen Gedanken plötzlich in ihrem Kopfe, und sie überdachte ihr ganzes Leben, wie sie es noch nie zuvor gethan, und von den verschiedensten Seiten aus. Ihr selbst kamen ihre eigenen Gedanken seltsam vor.

Im Anfang dachte sie ihrer Kinder, um die sie sich, obwohl ihr die Fürstin, wie besonders Kity – auf diese verließ sie sich vielmehr – versprochen hatten, nach ihnen zu sehen, gleichwohl beunruhigte.

„Wie wenn Mascha wiederum dumme Streiche machte, wenn den Grischa ein Pferd schlüge und der Magen Lilys noch mehr verdorben würde.“

Dann aber begannen die Fragen der Gegenwart sich mit denen der nächsten Zukunft abzulösen. Sie dachte jetzt daran, daß man in Moskau für diesen Winter eine neue Wohnung mieten, die Möbel im Salon umtauschen und der ältesten Tochter einen Pelz fertigen lassen müsse. Darnach tauchten die Fragen der entfernten Zukunft vor ihr auf; wie sie ihre Kinder in die Welt einführen würde, „mit den Mädchen ist es noch nichts“, dachte sie, „aber mit den Knaben?“

„Gut; ich beschäftige mich jetzt mit Grischa, aber ich kann es doch nur deshalb, weil ich selbst jetzt kein Kind unter dem Herzen trage. Auf Stefan läßt sich natürlich nicht rechnen. Jedoch mit Hilfe guter Menschen werde ich sie schon erziehen; und wenn wieder einmal eine Geburt“ – ihr kam der Gedanke, wie ungerecht der Ausspruch sei, daß der Fluch auf dem Weibe liege, daß sie in Schmerzen Kinder gebäre. „Die Geburt selbst hat nichts zu sagen, aber das Austragen – das ist das Qualvolle,“ dachte sie, sich ihrer letzten Schwangerschaft und des Todes dieses letzten Kindes erinnernd. Es fiel ihr auch das Gespräch mit der jungen Frau auf dem Posthof wieder ein. Auf ihre Frage, ob sie Kinder habe, hatte dieselbe ganz heiter geantwortet: „Ich hatte ein Mädchen, aber Gott hat es erlöst, ich habe es zu den Fasten begraben.“

„Hast du es sehr betrauert?“ hatte Darja Aleksandrowna weiter gefragt.

„Wozu betrauern? Der Alte hat Enkel, und zwar viel. Man hat doch nur Sorge dabei, und kann weder arbeiten noch sonst etwas thun, sondern ist nur gebunden.“

Diese Antwort war Darja Aleksandrowna abstoßend erschienen, ungeachtet des gutmütigen Äußeren der jungen Frau, jetzt aber vergegenwärtigte sie sich unwillkürlich diese Worte. Es lag auch ein Teil von Wahrheit in diesen cynischen Äußerungen.

„Und im allgemeinen,“ dachte Darja Aleksandrowna, auf ihr ganzes Leben während der fünfzehn Jahre ihrer Ehe zurückblickend, „Schwangerschaft, Übelkeiten, Stumpfsinn, Gleichgültigkeit für alles, und hauptsächlich Ruin der Schönheit. Kity, die junge, hübsche Kity, auch sie war häßlich geworden, ich aber werde in der Schwangerschaft ungeschlacht, ich weiß es. Geburten, Leiden, undenkbare Schmerzen; dann jene letzte Minute – hierauf aber die Ernährung, alle die schlaflosen Nächte, diese furchtbaren Schmerzen“ —

Darja Aleksandrowna erbebte schon vor der Erinnerung an den Schmerz einer aufgehenden Brustwarze, den sie fast bei jedem Kind gehabt hatte. „Dann kommen die Kinderkrankheiten, diese ewige Angst, dann die Gedanken wegen schlimmer Neigungen“ – sie dachte an das Vergehen der kleinen Mascha in den Himbeeren – „der Unterricht, das Latein, alles das so unverständlich und schwierig. Und außer dem allen noch die Möglichkeit des Todes eben dieser Kinder!“

Und wiederum tauchte in ihrer Phantasie die ewig ihr Mutterherz drückende, herbe Erinnerung an den Tod ihres letzten Knaben auf, der noch an der Brust gelegen hatte, und in der Krippe gestorben war. Sie dachte an sein Begräbnis, die allgemeinherrschende Gleichgültigkeit für jenes kleine rosengeschmückte Grab, an ihren herzzerreißenden, vereinsamten Schmerz über der bleichen, kleinen Stirn mit den hohen Schläfen, über dem geöffneten, verwundert scheinenden Mündchen, welches aus dem Sarge herausschaute, als man denselben mit einem Rosendeckel und einem Kreuz bedeckte.

„Und warum alles das? Was folgt aus alledem? Daß ich, ohne einen Augenblick Ruhe zu haben, bald in gesegneten Umständen, bald ein Kind nährend, ewig mich ereifernd, scheltend, mich selbst und andere folternd, dem Manne zuwider, mein Leben hinlebe, und mir unglückliche, schlecht erzogene und unbemittelte Kinder aufwachsen?

„Und jetzt – wäre nicht dieser Sommer bei den Lewin, ich wüßte nicht, wie wir ihn verleben sollen. – Natürlich sind Konstantin und Kity so zartfühlend, daß sie es uns nicht merken lassen, aber es kann doch nicht so fortgehen! Sie werden Kinder bekommen und uns nicht mehr unterstützen können; sind sie doch schon jetzt in Bedrängnis. Und was kann Papa, der für sich fast nichts mehr übrig behalten hat, noch helfen? Die Verhältnisse liegen so, daß ich die Kinder nicht allein erziehen kann, nur mit Hilfe anderer, und mit eigener Erniedrigung. Und nehmen wir selbst den glücklichsten Fall; sollten mir keine Kinder mehr sterben und sollte ich sie erziehen können, so werden sie im besten Falle doch nur höchstens keine Taugenichtse werden. Das ist alles, was ich wünschen kann. Und dafür so viele Qualen, so viele Mühen! Ein ganzes, verlorenes Leben!“ —

Und wieder fiel ihr ein, was die junge Frau gesagt hatte, wiederum war es ihr widerlich, daran zu denken; und gleichwohl mußte sie doch zugeben, daß in jenen Worten ein Stück rauher Wahrheit lag.

„Ist es denn noch weit, Michail?“ frug Darja Aleksandrowna den Comptoirdiener, um sich ihren Gedanken, die sie bange machten, zu entreißen.

„Von diesem Dorfe sollen es noch sieben Werst sein!“

Der Wagen fuhr in der Dorfgasse über eine kleine Brücke. Über die Brücke ging geräuschvoll und lustig schwatzend ein Haufe frohgelaunter Weiber. Die Weiber blieben auf der Brücke stehen, neugierig den Wagen betrachtend. Alle ihr zugewandten Gesichter erschienen Darja Aleksandrowna gesund, heiter, neckisch für sie in ihrer Lebenslust.

„Sie alle leben, und freuen sich ihres Lebens,“ fuhr Darja Aleksandrowna in ihrem Gedankengang fort, an den Weibern vorüberfahrend, einen Berg hinauf und dann im Trab wieder weiter, angenehm gewiegt auf den geschmeidigen Federn der alten Kutsche, „ich aber, wie aus einem Gefängnis hinausgelassen aus jener Welt, die mich mit ihren Sorgen ertötet, komme nur jetzt auf einen Augenblick zur Besinnung. Sie alle leben doch; diese Weiber, die Schwester Nataly, Warenka, Anna, zu der ich fahre, – nur ich lebe nicht! —

Anna greifen sie an; aber warum? Bin ich denn besser? Ich habe zwar wenigstens einen Mann, den ich liebe. Wäre es nicht so, wie wollte ich lieben, aber ich liebe ja ihn; während Anna den ihren nicht geliebt hat. Wessen ist sie nun schuldig? Sie will leben! Gott hat uns das in die Seele gelegt! Es ist sehr wohl möglich, daß ich das Nämliche gethan hätte. Und bis heute weiß ich noch nicht, ob ich wohl daran that, ihr in jener furchtbaren Zeit gehorcht zu haben, als sie zu mir nach Moskau kam. Damals hätte ich meinen Gatten verlassen und ein neues Leben beginnen müssen. Ich hätte lieben können und wahr geliebt werden können! Und ist es nun etwa besser geworden? Ich achte ihn nicht! Ich brauche ihn aber,“ dachte sie ihres Gatten, „und so dulde ich ihn. Ist das etwa besser? Damals konnte ich noch gefallen, da hatte ich noch meine Schönheit,“ fuhr Darja Aleksandrowna fort, zu sinnen, und sie hätte gern einmal in den Spiegel geblickt. In ihrem Reisesack befand sich ein kleiner Reisespiegel, und sie wollte ihn hervorholen, doch indem sie auf die Rücken des Kutschers und des schaukelnden Comptoirdieners blickte, fühlte sie, daß es ihr fatal sein müßte, wenn einer der beiden sich umschaute; und sie holte den Spiegel nicht hervor.

Aber auch wenn sie nicht in den Spiegel blickte, meinte sie, sei es jetzt noch nicht zu spät; und sie dachte an Sergey Iwanowitsch, der besonders liebenswürdig gegen sie war, an den Freund Stefans, den guten Turovzyn, der mit ihr zusammen ihre Kinder beim Scharlachfieber gepflegt hatte und in sie verliebt war. Und noch ein ganz junger Mann war da, welcher, wie ihr der Gatte im Scherz gesagt, gefunden hatte, sie sei schöner, als alle ihre Schwestern. Die leidenschaftlichsten und unmöglichsten Romane tauchten vor Darja Aleksandrowna auf. „Anna hat recht gehandelt, und ich werde ihr nie den geringsten Vorwurf mehr machen. Sie ist glücklich, begründet das Glück eines andern Menschen, ist nicht abgestumpft, wie ich, sondern wahrhaftig so, wie sie immer war, frisch, verständig und empfänglich für alles,“ dachte Darja Aleksandrowna und ein schlaues Lächeln kräuselte ihre Lippen, namentlich, weil sie an den Roman Annas denkend, sich ähnlich dazu für sich selbst einen eigenen, fast ebensolchen Roman erdachte, mit einem erdichteten Musterhelden, der in sie verliebt war. Ebenso wie Anna, gestand sie alles ihrem Gatten, und die Verwunderung und Bestürzung Stefan Arkadjewitschs bei dieser Nachricht nun machte sie lächeln.

In solchen Träumereien gelangten sie zu dem Scheideweg, welcher von der Landstraße ab nach Wosdwishenskoje führte.

17

Der Kutscher hielt das Viergespann an und blickte nach rechts, auf ein Roggenfeld hinaus, auf welchem Bauern bei einem Wagen saßen. Der Comptoirdiener wollte abspringen, besann sich aber anders und rief befehlerisch einem Bauern zu, ihn zu sich heranwinkend. Der leichte Wind, welcher während der Fahrt geweht, hatte sich gelegt, als sie anhielten; die Bremsen hatten sich an die heftig abwehrenden, schweißbedeckten Pferde festgesetzt. Das metallisch von dem Wagen herübertönende Geräusch des Sensendengelns verstummte. Einer der Bauern erhob sich und kam zum Wagen.

„He, bist wohl vertrocknet!“ rief der Comptoirdiener gereizt dem langsam über die Erdhügel des nicht ausgefahrenen, trockenen Weges mit den nackten Füßen schreitenden Bauern zu, „so lauf doch!“

Ein kraushaariger Alter, das Haar mit Lindenbast aufgebunden und mit von Schweiß dunkelgefärbtem gekrümmten Rücken, beschleunigte seinen Schritt, trat an den Wagen heran und faßte mit der gebräunten Hand an die Seite des Wagens.

„Wollt Ihr nach Wosdwishenskoje?, auf den Herrenhof? Zum Grafen?“ wiederholte er, „dann fahrt nur so! Macht die Wendung nach links, dann gerade aus und Ihr kommt gerade darauf. Zu wem wollt Ihr denn? Zum Herrn selbst?“

„Ist denn Eure Herrschaft zu Haus, Freund?“ frug Darja Aleksandrowna ausweichend, ohne zu wissen, wie sie, selbst dem Bauern gegenüber, nach Anna fragen sollte.

„Er ist wohl daheim,“ sagte der Bauer einen Schritt vortretend und dabei mit den nackten Füßen im Staube eine deutliche Spur seiner Fußsohle mit den fünf Zehen hinterlassend. „Er wird wohl zu Haus sein,“ wiederholte er, augenscheinlich mit großer Lust, ein Gespräch zu beginnen. „Gestern sind erst Gäste gekommen. Gäste – es war eine Menge – Was willst du!“ – wandte er sich nach einem Burschen um, der ihm vom Wagen her etwas zuschrie. „Sie sind kaum erst alle zu Pferde hier vorbeigekommen, um eine Schnittmaschine zu besichtigen. Jetzt werden sie wohl zu Hause sein. Wo kommt Ihr denn her?“

„Wir sind von weiter weg,“ sagte der Kutscher, auf den Bock steigend, „also es ist nicht weit?“

„Wie ich sage; dort! Wie Ihr eben fahrt“ – sagte er, mit der Hand nach der Seite des Wagens deutend.

Ein junger, gesunder und stämmiger Bursche kam auch heran.

„Wie, haben wir keine Arbeit auf Rechnung der Ernte?“ frug derselbe.

„Weiß nicht, mein Lieber! Wie gesagt, wenn du dich links hältst, kommst du gerade drauf,“ sprach der Bauer, der augenscheinlich ungern die Reisenden fortließ und mit ihnen schwatzen wollte.

Der Kutscher fuhr weiter, doch kaum hatten sie eingelenkt, als der Bauer rief: „Halt! He, Freund! Halt an!“ Eine zweite Stimme rief ebenso. Der Kutscher hielt an.

„Da kommen sie selbst. Dort sind sie!“ rief der Bauer. „Dort sind sie!“ fügte er hinzu, auf vier Reiter und zwei Personen in einem Wagen weisend, welche den Weg daherkamen.

Es war Wronskiy mit seinem Jockey, Wjeslowskij und Anna zu Pferde, die Fürstin Barbara und Swijashskiy im Wagen. Sie waren spazieren geritten, und wollten die Arbeit der neu eingeführten Erntemaschinen besichtigen.

Als die Equipage stand, kamen die Reiter im Schritt heran. Voran ritt Anna neben Wjeslowskij. Sie ritt in ruhigem Schritt eine kleine englische Vollblutstute mit gestrählter Mähne und gestutztem Schweif. Annas schönes Haupt mit den unter dem hohen Hut hervordringenden schwarzen Haaren, ihre vollen Schultern, die schmale Taille in der schwarzen Amazone und ihr ruhiger graziöser Sitz frappierten Dolly.

Im ersten Augenblick erschien es ihr unpassend, daß Anna ritt. Mit der Vorstellung vom Reiten der Damen verband sich nach dem Begriff Darja Aleksandrownas auch die einer jugendlichen flatterhaften Koketterie, die nach ihrer Meinung mit der Lage Annas nicht harmonierte; doch als sie diese in der Nähe sah, söhnte sie sich sofort mit ihrem Reiten aus, denn selbst bei ihrer Eleganz, war alles an ihr so einfach, ruhig und würdevoll in Haltung und Kleidung, sowie auch in ihren Bewegungen, daß nichts natürlicher erscheinen konnte.

Neben Anna auf einem grauen feurigen Kavalleriepferd, welches die starken Füße hochwarf und augenscheinlich mit sich kokettierte, ritt Wasjenka Wjeslowskij in seiner schottischen Mütze mit den wehenden Bändern, und Darja Aleksandrowna konnte sich ein Lächeln nicht verbeißen, als sie ihn erkannte.

Hinter ihnen ritt Wronskiy; er saß auf einem dunkelbraunen Vollblut, welches sichtlich vom Galopp aufgeregt war; um es zu halten, arbeitete er mit den Zügeln.

Nach ihm kam ein kleiner Mensch in Jockeykostüm. Swijashskiy mit der Fürstin in einem neuen Wagen, der von einem starken schwarzen Traber gezogen wurde, folgten den Reitern.

Das Gesicht Annas, als sie die in dem kleinen, alten Wagen in die Ecke geschmiegte Gestalt Dollys erkannte, erglänzte von freudigem Lächeln. Sie stieß einen Schrei aus, erbebte im Sattel und setzte das Pferd in Galopp. Als sie am Wagen angelangt war, sprang sie ohne Beistand ab und eilte, ihre Amazone aufnehmend, Dolly entgegen.

„Ich dachte es wohl, wagte es aber nicht zu denken! Welche Freude! Du vermagst dir meine Freude nicht vorzustellen,“ sagte sie, sich bald mit dem Gesicht an Dolly schmiegend, und sie küssend, bald sich entfernend und sie mit einem Lächeln betrachtend. „Das ist eine Freude, Aleksey!“ sprach sie, sich nach Wronskiy umblickend, der vom Pferde gestiegen war und zu ihnen herankam.

Wronskiy trat, den grauen hohen Hut abnehmend, zu Dolly.

„Ihr könnt nicht glauben, wie erfreut wir über Eure Ankunft sind,“ sagte er, seinen Worten ein besonderes Gewicht verleihend und lächelnd dabei seine festen weißen Zähne zeigend.

Wasjenka Wjeslowskij nahm, ohne vom Pferde zu steigen, die Mütze ab und bewillkommnete den Besuch, freudig die Bänder über seinem Kopfe schwingend.

„Dies ist die Fürstin Barbara,“ antwortete Anna auf den fragenden Blick Dollys, als der Wagen herangekommen war.

„Ah,“ sagte Darja Aleksandrowna, und ihr Gesicht drückte unwillkürlich Mißvergnügen aus.

Die Fürstin Barbara war die Tante ihres Gatten und sie kannte sie lange, achtete sie aber nicht. Wußte sie doch, daß die Fürstin Barbara ihr ganzes Leben als Konkubine reicher Verwandter verbracht hatte. Daß sie aber jetzt bei Wronskiy lebte, einem ihr fremden Mann, dies verletzte in Hinsicht auf die Familie ihres Gatten. Anna bemerkte den Ausdruck im Gesicht Dollys und wurde verlegen; sie errötete, ließ ihre Amazone aus den Händen gleiten und stolperte über dieselbe.

Darja Aleksandrowna begab sich zu dem stehen gebliebenen Wagen und begrüßte kühl die Fürstin Barbara. Swijashskiy war ihr gleichfalls bekannt. Er frug, wie sich sein Freund und Sonderling mit seiner jungen Frau befinde und schlug den Damen, mit einem schnellen Blick auf die nicht gerade dampfenden Pferde und den Wagen mit den ausgebesserten Seiten, vor, in der Equipage zu fahren.

„Ich hingegen werde in diesem Vehikel fahren,“ sagte er, „das Pferd ist sanft und die Fürstin fährt ausgezeichnet.“

„Nein, bleibt, wie Ihr waret,“ sagte Anna herzutretend, „aber wir wollen in diesem Wagen fahren,“ und Dolly bei der Hand nehmend, führte sie dieselbe mit sich.

Darja Aleksandrownas Augen schweiften über die elegante, von ihr noch nicht gesehene Equipage, die schönen Pferde, die vornehmen, glänzenden Personen, die sie umgaben, aber mehr als alles das frappierte sie die Veränderung, welche mit der ihr so wohlbekannten, geliebten Anna vor sich gegangen war. Ein anderes Weib, welches weniger aufmerksam gewesen wäre, und Anna früher nicht gekannt hätte, insbesondere nicht die Gedanken hegte, welchen Darja Aleksandrowna unterwegs nachgehangen hatte, würde nichts Eigenartiges an Anna bemerkt haben.

Jetzt aber war Dolly betroffen von jener nur zeitweisen Schönheit, die allein in Momenten der Liebe bei den Frauen zu erscheinen pflegt, und die sie jetzt auf Annas Gesicht fand. Alles an deren Gesicht, die Schärfe der Grübchen in Wangen und Kinn, die Lage der Lippen, das Lächeln, welches gleichsam rund um ihr Gesicht flog, der Glanz der Augen, die Grazie und Schnelligkeit ihrer Bewegungen, die Fülle des Tones ihrer Stimme, selbst ihre Manieren, mit denen sie ernst-freundlich Wjeslowskij antwortete, der sie um die Erlaubnis bat, sich auf ihre Stute setzen zu dürfen, um sie Galopp mit Rechtseinsatz lehren zu können – alles das war eigentümlich anziehend und sie selbst schien dies zu wissen und darüber Freude zu empfinden.

Nachdem sich die beiden Frauen in den Wagen gesetzt hatten, überkam sie beide eine plötzliche Verlegenheit. Anna geriet in Verwirrung wegen des aufmerksam fragenden Blickes, mit dem Dolly sie anschaute. Dolly, weil sie sich, nach den Worten Swijashskiys über das Vehikel, ihrer schmutzigen alten Kalesche schämte, in welche sich Anna mit ihr gesetzt hatte.

Der Kutscher Philipp und der Comptoirdiener hatten das nämliche Gefühl. Der Comptoirdiener beeilte sich, um seine Verlegenheit zu verbergen, den Damen beim Niedersetzen behilflich zu sein, während Philipp, der Kutscher, mürrisch geworden war, und sich vorgenommen hatte, dieser äußeren Überlegenheit nicht nachzugeben. Ironisch lächelnd blickte er auf den schwarzen Traber, und hatte schon im Geiste das Urteil gefällt, daß dieser Rappe im Wagen nur gut sei zur „Promenade“ und nicht vierzig Werst weit scharf und ohne Ausspann laufen könne.

Die Bauern hatten sich sämtlich von ihrem Wagen erhoben und schauten neugierig und belustigt den Besuchern entgegen, ihre Bemerkungen dazu machend.

„Sehr erfreut, sehr lange nicht gesehen,“ sagte der kraushaarige Alte mit dem Lindenbast.

„Nun, Vater Gerasim, der schwarze Hengst müßte die Garben hereinbringen; das ginge lebhaft!“

„Schaut an! Ist der da in den Hosen auch ein Frauenzimmer?“ sagte Einer, auf den im Damensattel sitzenden Wasjenka Wjeslowskij zeigend.

„Über den Bauer! Wie geschickt er anspielt!“

„Nun Kinder, wollen wir nicht ein Mittagsschläfchen halten?“

„Ach was, jetzt gar Schlaf!“ sagte der Alte, gebückt nach der Sonne schauend. „Mittag ist vorbei! Nehmt die Griffe fest; los!“ —

Türler ve etiketler

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Litres'teki yayın tarihi:
27 eylül 2017
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