Kitabı oku: «Die Kreutzersonate»

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Lew Tolstoi

Die Kreutzersonate

Saga

Die Kreutzersonate ÜbersetztAugust Scholz Coverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 2002, 2020 Lew Tolstoi und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726619065

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

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1.

Es war Frühling. Zwei Tage schon reisten wir. An kleineren Haltestellen stiegen beständig Leute aus und ein; nur drei Reisende saßen gleich mir von der Abgangsstation an im Abteil: eine weder hübsche noch junge Dame mit müdem Gesichtsausdruck; sie rauchte Zigaretten, trug einen fast männlichen Paletot und eine Mütze; ein ihr bekannter Herr, sehr gesprächig, in den vierziger Jahren, äußerst gut gekleidet, und dann noch ein anderer Herr, mittelgroß, nervös, noch nicht sehr alt, aber doch schon mit ergrautem Haar und auffallend lebendigen Augen, die unruhig von einem zum andern Gegenstand sprangen. Er saß etwas abseits und hielt sich auch von allen anderen sehr zurück. Er trug einen bereits etwas abgetragenen Mantel mit einem Lammfellkragen und eine ebensolche Mütze. Der Mantel war aber zweifellos von einem sehr guten Schneider gearbeitet. War der Mantel nicht zugeknöpft, so kam eine Joppe und ein russisches besticktes Hemd darunter zum Vorschein. Mitunter stieß er eigentümliche Töne aus, die man für ein Hüsteln oder abgebrochenes Lachen hätte halten können.

Die ganze Fahrt über vermied er es aufs sorgfältigste, mit den übrigen Fahrgästen irgendeine Bekanntschaft anzuknüpfen. Wagte es wirklich einmal jemand, ihn anzureden, so antwortete er unwillig und kurz. Entweder las er in einem Buche, rauchte oder sah zum Fenster hinaus. Zuweilen entnahm er auch seiner alten Tasche Eßwaren und trank Tee dazu. Mir war es, als litte er unter seinem Alleinsein. Ich versuchte daher verschiedene Male, eine Unterhaltung mit ihm anzufangen; begegneten sich aber unsere Blicke, was häufig vorkam, da wir uns schräg gegenübersaßen, so vertiefte er sich entweder sofort wieder in sein Buch oder schaute weiter der Landschaft nach.

Als wir am Abend des zweiten Tages in einer größeren Station hielten, holte sich dieser Nervöse heißes Wasser und bereitete neuen Tee. Der gutgekleidete Herr aber, ein Rechtsanwalt, wie ich später erfuhr, ging mit seiner Begleiterin, der Dame im halb männlichen Paletot, nach dem Warteraum, um dort Tee zu trinken.

Während der Abwesenheit dieser beiden bestiegen neue Fahrgäste unser Abteil; darunter auch ein alter Herr mit glattrasiertem faltigen Gesicht, der den Eindruck eines Kaufmannes machte. Er war in einen Iltispelz gekleidet und trug eine Tuchmütze mit einem überaus großen Schirm. Er setzte sich auf den Platz der Dame gegenüber und dem Rechtsanwalt und fing sofort eine Unterhaltung mit einem jungen Menschen an, der ein Handungsgehilfe zu sein schien und gleichfalls mit ihm eingestiegen war. Ich saß ihnen schräg gegenüber und konnte, da der Zug stand und sonst keine allzu großen Geräusche waren, Bruchstücke ihres Gespräches vernehmen. Ich hörte zunächst, daß der Kaufmann auf sein Gut fahren wolle, das nur eine Station entfernt sei. Dann sprachen sie, wie üblich, über Preise und Geschäftsfragen, über die Geschäftslage in Moskau und endlich von der Messe in Nishnij-Nowgorod. Der Handlungsgehilfe versuchte zunächst, von irgendwelchen tollen Streichen eines ihnen beiden bekannten Kaufmannes zu erzählen, die jener während der Meßzeit begangen haben soll. Der Alte schnitt ihm aber seine Erzählung ab und tischte nun selbst Berichte von Zechgelagen auf, denen er persönlich beigewohnt hätte.

Er bildete sich scheinbar viel darauf ein und erzählte mit großer Freude, daß er einst in Kunawino mit demselben Bekannten einen ganz wüsten Streich ausgeführt habe, den er nur flüsternd berichten könnte. Der Handlungsgehilfe bog sich vor Lachen, in das schließlich auch der Alte einstimmte. Da mich ihre Erzählungen nicht interessierten, wollte ich ein wenig bis zum Abfahren des Zuges auf dem Bahnsteig auf und ab gehen. In der Tür begegnete ich dem Rechtsanwalt und der Dame, die in ein äußerst lebhaftes Gespräch vertieft waren.

„Es ist keine Zeit mehr,“ sagte mir höflich der Rechtsanwalt, „es wird sogleich das zweite Mal läuten.“

In der Tat, ich hatte kaum den letzten Wagen erreicht, als das Signal ertönte. Als ich meinen Platz wieder eingenommen hatte, waren die beiden immer noch mit ihrem Thema beschäftigt. Der alte Kaufmann saß ihnen schweigsam gegenüber, sah mürrisch vor sich hin und bewegte hin und wieder mißbilligend seine Lippen.

„Sie erklärte also ihrem Manne unumwunden,“ hörte ich den Rechtsanwalt lächelnd erzählen, als ich an ihm vorbeiging, „daß sie weder mit ihm zusammen leben könne noch wolle, da . . .“ Das weitere verstand ich nicht mehr durch die Geräusche anderer vorbeigehender Fahrgäste. Als es wieder ruhig geworden war und ich wieder die Stimme des Rechtsanwalts vernehmen konnte, war das Gespräch schon allem Anschein nach auf allgemeine Betrachtungen übergegangen.

Der Rechtsanwalt erörterte, daß die öffentliche Meinung Europas sich gegenwärtig sehr stark mit der Frage der Ehescheidung befasse und daß auch bei uns solche Fälle immer häufiger aufträten. Da er gewahr wurde, daß man nur seine Stimme allein im Wagen vernähme, unterbrach er seine Rede und wandte sich an den Alten.

„Früher waren wohl solche Probleme den Menschen fremd?“ fragte er freundlich lächelnd. Der Alte wollte etwas erwidern, aber im selben Moment setzte sich der Zug in Bewegung. Der Alte zog die Mütze, bekreuzigte sich und murmelte ein Gebet. Der Rechtsanwalt sah diskret weg und wartete ab. Als der Alte das Gebet gesprochen und sich noch dreimal bekreuzigt hatte, setzte er seine Mütze tief ins Gesicht, streckte sich bequem aus und begann: „Das beschäftigte auch früher schon die Menschen, mein Herr, wenn auch nicht in so vielen Fällen wie heute. Das bringt eben die Zeit mit sich, denn die Menschen von heute sind doch zu gebildet.“

Da der Zug immer schneller fuhr und immer geräuschvoller über die Weichen hinpolterte, konnte ich das Gespräch weiterhin nur sehr schwer vernehmen. Da es mich aber interessierte, rückte ich näher heran. Selbst mein Nachbar, der nervöse Herr, schien Interesse an diesem Gespräch zu haben und lauschte, ohne aber seinen Platz zu verändern, gespannt auf die Unterhaltung.

„In welcher Weise aber soll denn Bildung schädlich sein?“ sagte die Dame mit einem leisen Lächeln. „Sollte es vielleicht besser sein, heute noch zu heiraten, wie es früher üblich war, da Braut und Bräutigam sich vor ihrer Heirat nicht einmal ansehen durften?“ fuhr sie fort, ohne auf die Antwort ihres Partners einzugehen, was ja typisch weiblich ist, sondern auf das antwortend, was er ihrer Meinung nach hätte antworten sollen.

„Sie wußten ja gar nicht, ob sie sich liebten und lieben könnten. Sie heirateten blindlings, um sich dann ihr ganzes langes Leben lang zu martern. Das also erscheint Ihnen die bessere Lösung?“ fragte sie, sich mehr an mich und an den Rechtsanwalt wendend, als an den Alten, mit dem sie doch eigentlich dies Gespräch führte.

„Die Menschen von heute sind eben doch zu gebildet“, sagte der Alte, während er die Dame verächtlich ansah, ohne auf ihre Frage einzugehen. Es würde mich interessieren zu hören, wie Sie den Zusammenhang zwischen Bildung und Disharmonie in der Ehe erklären wollen“, fragte der Rechtsanwalt, kaum wahrnehmbar lächelnd. Der Alte wollte antworten, die Dame aber unterbrach ihn. „Gott, diese Zeit ist doch längst vorbei!“ Der Rechtsanwalt aber schnitt ihr das Wort ab: „Lassen Sie doch erst mal den Herrn seine Ansicht aussprechen.“

„Alle Dummheiten entspringen der Bildung“, sagte der Alte kurz und schroff.

„Man verheiratet Menschen miteinander, die sich nicht lieben, und dann begreift man nicht, wenn sie sich gegenseitig aufreiben“, erwiderte eiligst die Dame, mich, den Rechtsanwalt und selbst den Handlungsgehilfen scharf anblickend, der sich erhoben hatte und auf die Lehne gestützt der Debatte lächelnd zugehört hatte.

„Nur Tiere werden ja nach dem Willen ihres Herrn so gepaart; Menschen aber haben doch ihre eigenen Neigungen und Empfindungen“, sagte die Dame, die scheinbar den Alten damit reizen wollte.

„Sie irren sich, meine Dame,“ versetzte der Alte, „ein Tier ist eben ein Vieh, dem Menschen aber ward ein Gesetz gegeben.“

„Gut, wie aber soll man mit einem Menschen zusammen leben können, den man nicht lieben kann?“ erwiderte die Dame, die sich einbildete, ihre Ansicht sei eine unerhörte Neuigkeit.

„Früher dachte man so etwas nicht,“ sagte der Alte eindringlich, „erst heutzutage besteht diese Mode. Ereignet sich heute irgend etwas, so schreit die Frau sofort: ,Ich lasse mich scheiden von dir.‘ Selbst bei den Bauern ist das zur Mode geworden. ,Da, nimm dein Zeugs, ich geh mit Wanjka, denn er hat schönere Locken als du.‘ Was soll man aber noch viel Worte machen? Die Frau muß eben in erster Linie Furcht haben.“

Der Handlungsgehilfe blickte den Rechtsanwalt, die Dame und mich an, während er ein Lächeln zu unterdrücken versuchte. Er war zweifellos bereit, über die Ansicht des Alten zu lachen oder sie zu billigen, je nachdem wie wir uns zu ihr stellen würden.

„Was für eine Art Furcht meinen Sie denn?“ fragte die Dame.

„Die, von der gesagt wird, daß die Frau Ehrfurcht haben soll vor ihrem Manne, die, die meine ich damit“, antwortete der Alte gelassen.

„Diese Zeiten waren einmal, mein Herr“, erwiderte erregt die Dame.

„Nein, nein, meine Gnädigste, diese Zeiten waren nicht; sie bleiben ewiglich. Wie Eva aus der Rippe des Mannes erschaffen wurde, so wird es auch durch alle Zeiten hindurch bleiben“, sagte der Alte, so streng und siegesgewiß den Köpf schüttelnd, daß der Handlungsgehilfe, den Sieg des Alten vorausfühlend, laut auflachte.

„Ja, so urteilt ihr Männer“, sagte die Dame, die ihre Ansicht noch nicht aufgeben wollte, uns alle musternd. „Euch selbst habt ihr die Freiheit gegeben, während ihr uns Frauen hinter Schloß und Riegel halten wollt. Euch selbst erlaubt ihr alles.“

„Kein Mensch hat uns etwas zu erlauben; aber der Mann bringt nichts ins Haus; die Frau dagegen ist ein zerbrechliches Gefäß.“

Der eindringliche Ton des Alten schien die Zuhörenden auf seine Seite zu ziehen, und selbst die Dame fühlte sich unterlegen, wollte sich aber noch immer nicht ergeben. „Ja, aber Sie werden doch zugeben müssen, daß auch die Frau ein Mensch ist und auch Gefühl und Empfinden hat wie der Mann. Was aber soll sie tun, wenn sie ihren Mann nicht liebt?“

„Nicht liebt?“ wiederholte streng der Alte, Augenbrauen und Lippen verziehend. „Sie muß ihn eben lieben!“

Dieses unerwartete Argument deckte sich vollkommen mit der Ansicht des Handlungsgehilfen, der dies in einem zustimmenden Tone bezeugte.

„Nein! Niemals wird sie ihn lieben,“ gab die Dame zurück, „wo Liebe nicht ist, läßt sie sich nicht erzwingen.“ „Und wenn die Frau ihrem Manne untreu wird, was dann?“ fiel der Rechtsanwalt plötzlich ein.

„Dazu darf es nicht kommen,“ antwortete der Alte, „man muß eben achtgeben.“

„Und wenn es nun dennoch geschieht, was dann? Es kommt doch oft genug vor.“

„Es mag vielleicht vorkommen, aber bei uns nicht“, sagte der Alte.

Alle schwiegen. Der Handlungsgehilfe rückte näher und begann, um hinter den andern nicht zurückzubleiben, zu lächeln.

„Auch bei einem meiner Bekannten ist es einmal zu solch einem Skandal gekommen. Wer schuldig war, war nicht festzustellen. Er geriet in die Arme einer leichtsinnigen Frau, die ein schlechtes Spiel mit ihm trieb. Der Mann war anständig und gebildet. Zuerst trieb sie es mit einem Buchhalter. Der Mann versuchte sie durch Güte zu überreden. Sie ließ nicht ab und trieb weiter ihre dunklen Erlebnisse. Sie stahl ihrem Manne Geld. Da schlug er sie. Immer wüster aber trieb sie es. Sogar mit einem Ungetauften, mit einem Juden, mit Verlaub zu sagen, ließ sie sich ein. Was sollte er tun? Er ließ sie laufen. Seitdem lebt er allein, und sie treibt sich weiter von Mann zu Mann.“

„Weil er ein Dummkopf ist,“ schrie der Alte, „hätte er sie von Anfang an scharf angefaßt und die Zügel ergriffen, so lebte er noch heute mit ihr zusammen. Man darf eben von Anfang an der Frau nicht volle Freiheit lassen. Traue nicht dem Fohlen auf dem Felde, dem Weibe nicht im Hause.“

Da kam der Schaffner, um die Fahrkarten nachzuprüfen.

Der Alte gab ihm seine.

„Ja, ja, frühzeitig die Frauen kurz halten, sonst ist alles verloren!“

„Aber Sie haben ja eben selbst noch erzählt, wie sich die Ehemänner auf der Messe in Nishnij-Nowgorod mit hübschen Mädels eingelassen haben“, wandte ich mich an ihn; ich konnte nicht mehr länger schweigen.

„Das ist ein Kapitel für sich“, gab der Alte mir schroff zur Antwort und verstummte.

Als das Signal ertönte, stand er auf, nahm seine Reisetasche unter der Bank hervor, knöpfte seinen Pelz zu, lüftete die Mütze und verließ den Wagen.

2.

Kaum war der Alte weg, so entspann sich ein äußerst lebhaftes Gespräch.

„Einer vom vorigen Jahrhundert!“ meinte der Handlungsgehilfe.

„Der leibhaftige ,Domostroj‘!“ 1 ) fügte die Dame hinzu.

„Kuriose Ansichten über Frau und Ehe!“

„Stimmt! Wir sind noch sehr weit zurück hinter der europäischen Einstellung über das Problem der Ehe“, meinte der Anwalt.

„Das Wesentlichste dabei ist ja das, daß diese Menschen nicht einsehen wollen, daß eine Ehe ohne Liebe unhaltbar ist,“ fuhr die Dame fort, „daß einzig und allein die Liebe die Ehe heiligt und nur eine solche eine wahrhaftige ist.“

Der Handlungsgehilfe lauschte mit lächelnder Miene und bemühte sich, sich diese klugen Ansichten einzuprägen, um sie gegebenenfalls einmal anwenden zu können.

Mitten in das Gespräch der Dame fiel plötzlich der Laut eines abgerissenen Lachens, das sich wie ein Seufzen anhörte. Als wir uns daraufhin umsahen, gewahrten wir. daß der nervöse Herr aus Interesse am Gespräch unbemerkt näher zu uns gerückt war. Die Arme auf die Lehne gestützt, stand er da. Er machte einen sehr aufgeregten Eindruck. Sein Gesicht hatte sich gerötet, und in seinen Gesichtszügen spielte ein nervöses Zucken.

„Was soll denn das für eine Liebe . . . für eine Liebe . . . sein, die die Ehe heilige?“ fragte er verwirrt.

Die Dame, die seine Erregung erkannt hatte, versuchte, ihm möglichst freundlich und klar zu antworten.

„Wahre Liebe . . . Besteht zwischen Mann und Frau wirklich eine solche, dann ist auch eine Ehe zwischen ihnen möglich“, sagte die Dame.

„Gut! Was aber versteht man unter wahrer Liebe?“ fragte der Herr ängstlich und lächelte verlegen.

„Aber ein jeder weiß doch, was Liebe ist“, erwiderte darauf die Dame, die allem Anschein nach jetzt gern das Gespräch abgebrochen hätte.

„Ich aber weiß es nicht“, versetzte ihr der Herr. „Bitte, sprechen Sie sich näher darüber aus.“

„Höchst einfach“, meinte die Dame, mußte aber doch genauer darüber nachdenken. „Mit Liebe — Liebe bezeichnet man die Bevorzugung einer oder eines anderen gegenüber.“

„Und wie lange soll eine solche Bevorzugung bestehen bleiben? Einen Monat, zwei Monate, eine halbe Stunde?“ fragte der Grauhaarige und lachte verschmitzt.

„Verzeihen Sie, mir scheint es aber, Sie sprechen von etwas anderem?“

„Aber nein, ich spreche durchaus von nichts anderem.“

„Die Dame meint,“ mischte sich der Anwalt ein, „eine Ehe müsse sich erstens auf einer innerlichen Zuneigung, meinetwegen Liebe, wenn Sie das Wort besser finden, aufbauen, dann, nur dann könne sie etwas Geheiligtes darstellen; ferner, daß alle Ehen, denen diese innerliche Zuneigung, ,Liebe‘, fehlt, keine moralischen Verpflichtungen in sich bergen. So meinen Sie es doch?“ wandte er sich an die Dame.

Die Dame bestätigte durch Kopfnicken, daß sie seine Auslegung ihrer Gedanken billige.

„Ferner . . .“, wollte der Anwalt fortfahren, aber der nervöse Herr, dessen Augen jetzt aufglühten und der nur schwer seine Erregung meistern konnte, schnitt ihm das Wort ab.

„Wir wollen nicht abschweifen von der Frage der Bevorzugung eines oder einer vor anderen. Ich möchte ja eben wissen, wie lange eine solche Bevorzugung anhalten soll?“

„Wie lange? Sehr lange, oft zeitlebens“, antwortete achselzuckend die Dame.

„Im Roman — ja — nie aber im Leben. Im Leben hält diese Bevorzugung höchstens einige Jahre, öfter einige Monate, meist aber doch nur Wochen, Tage oder Stunden an“, sagte er. Man fühlte, daß er uns mit dieser Ansicht verblüffen wollte, und er war auch sichtbar zufrieden darüber.

„Aber erlauben Sie! Nein, nicht doch!“ riefen wir alle drei plötzlich auf einmal. Selbst der Handlungsgehilfe stieß irgendeinen Laut von sich.

„Ich, ja, ja, ich weiß es!“ überschrie uns alle der grauhaarige Herr. „Sie alle sprechen von dem, was als feststehend gilt, ich aber von dem, was feststeht. Jeder Mann empfindet das, was Sie mit Liebe bezeichnen, für jede hübsche Frau.“

„Nein, das ist ja schrecklich, was Sie da sagen! Es wohnt doch im Menschen ein Gefühl, das man Liebe nennt, und das nicht Monate und Jahre — sondern die ganze Lebensdauer beherrscht.“

„Nein, das stimmt nicht! Zugegeben, daß ein Mann für die ganze Zeit seines Lebens eine bestimmte Frau allen andern vorzieht, so ist doch mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß diese Frau einem anderen den Vorzug geben wird. Von jeher war das so und wird auch immer so bleiben“, bekräftigte er, nahm eine Zigarette aus seinem Etui und begann zu rauchen.

„Das Gefühl kann doch aber auch von beiden Seiten ein gleiches sein“, bemerkte der Anwalt.

„Nein, das kann es nicht sein,“ erwiderte jener, „das ist ebenso undenkbar wie die Möglichkeit, daß in einem Wagen voller Erbsen zwei vorher bezeichnete Erbsen nebeneinander zu liegen kämen. Auch daher wäre das schon gänzlich unmöglich, weil dann unbedingt eine Übersättigung sich einstellen würde. Von einem Manne oder einer Frau verlangen, das ganze Leben hindurch einen einzigen Menschen zu lieben, ist gleichbedeutend, von einer Kerze zu erwarten, ein ganzes Leben hindurch brennen zu können.

„Sie sprechen ja doch aber immer nur von der sinnlichen Liebe. Erkennen Sie denn keine Liebe an, die auf Gleichheit der Ideale, auf Wahlverwandtschaft fundamentiert ist?“ entgegnete die Dame.

„Wahlverwandtschaft, Gleichheit der Ideale!“ wiederholte er, einen seltsamen Laut von sich gebend. „Aus welchem Grunde soll man denn aber dann, verzeihen Sie den vulgären Ausdruck, zusammen schlafen? Legen sich die Menschen vielleicht aus Gleichheit der Ideale zusammen ins Bett?“ fragte er nervös lächelnd.

„Halt! Erlauben Sie,“ bat der Anwalt, „die Tatsachen widersprechen dem, was Sie sagen. Jeder weiß doch, daß Ehen bestehen, daß die Menschheit, oder doch zum mindesten ein Teil dieser, im Eheverhältnis lebt und daß auch sehr viele ehrlich zeitlebens miteinander verheiratet leben.“

Der nervöse Herr lachte von neuem auf.

„Sie sind der Ansicht, die Ehe sei auf Liebe aufgebaut; wenn ich aber meine Bedenken an der Existenz einer anderen als der sinnlichen Liebe ausspreche, so wollen Sie mir die Existenz der Liebe durch die Existenz der Ehe beweisen. In heutiger Zeit aber ist das ganze Eheleben doch weiter nichts als Lug und Trug.“

„Bitte, erlauben Sie,“ sagte der Anwalt, „ich spreche ja doch nur von der Tatsache, daß es Ehen gibt.“

„Gibt! Gut, warum aber? Sie bestanden und bestehen noch heute bei den Menschen, die in der Ehe ein Sakrament erblicken; ein Sakrament, das den Menschen eine Pflicht Gott gegenüber auferlegt. Solche Menschen besitzen allerdings eine Ehe. Wir andern aber heiraten und betrachten die Ehe einzig und allein nur als Paarungsfaktor. Das, was daraus entsteht, ist ja doch nur Betrug oder Vergewaltigung. Bleibt es nur beim Betrug, dann läßt es sich noch ertragen. Mann und Frau betrügen ihre Mitmenschen, daß sie vortäuschen, in Monogamie zu leben, während sie in Polygamie oder Polyandrie dahinvegetieren. Übel ist das, aber es ist ertragbar. Wenn aber, wie dies das Vorherrschende ist, Mann und Frau, die die gesetzliche Verpflichtung auf sich genommen haben, ihr ganzes Dasein gemeinsam zu durchleben, sich schon im zweiten Ehemonat einander hassen und das Verlangen haben, wieder voneinander zu gehen, dennoch aber weiter nebeneinander herleben, so entsteht daraus jene unerträgliche Hölle, die einen zum Trunk, Selbstmord oder Verbrechen treibt.“

Er hatte sich selbst so in Erregung geredet, daß sich seine Worte überstürzten und keiner auch nur ein Wort dazwischenwerfen konnte.

Es trat eine peinliche Stille ein.

„Gewiß gibt es im Eheleben kritische Episoden“, sagte der Anwalt. Ihm lag viel daran, dieses indiskrete Gespräch, das so hitzige Formen angenommen hatte, endlich abzubrechen.

„Ich habe das Gefühl, Sie haben mich erkannt“, sagte der nervöse Herr leise und ruhig.

„Nein, ich habe nicht das Vergnügen.“

„Ein Vergnügen ist es wohl nicht. Posdnyschow ist mein Name. Ich bin die Person mit der kritischen Episode, auf die sie soeben angespielt haben, der Episode, in der der Mann seine Frau ermordet hat“, sagte er, während er uns alle mit einem pfeilschnellen Blick streifte.

Keiner von uns konnte etwas darauf erwidern.

„Übrigens ist es ja ganz belanglos“, meinte er und stieß wieder seinen eigentümlichen Ton aus. „Verzeihen Sie übrigens! Ich möchte mich Ihnen nicht weiter aufdrängen.“

„Aber nein, bitte sehr . . .“ erwiderte der Anwalt, ohne recht zu wissen, was das ,bitte‘ eigentlich bezeichnen sollte. Posdnyschow achtete aber nicht darauf, wandte sich um und nahm wieder seinen alten Platz ein. Der Herr und die Dame tuschelten miteinander. Ich saß neben Posdnyschow und schwieg. Ich wußte nichts zu reden. Da es zum Lesen zu dunkel war, schloß ich die Augen und tat, als ob ich schlafen wollte. Schweigend fuhren wir so bis zur nächsten Station. Hier stiegen der Herr und die Dame, wie sie dies bereits vorher mit dem Schaffner besprochen hatten, in ein anderes Abteil. Der Handlungsgehilfe streckte sich lang auf der Bank aus und schlief ein. Posdnyschow rauchte weiter und trank seinen Tee, den er sich noch auf der letzten Station zubereitet hatte. Als ich die Augen öffnete und zu ihm hinblickte, wandte er sich plötzlich energisch und stark erregt an mich:

„Sollte es Ihnen vielleicht unheimlich sein, mit mir zusammenzusitzen, jetzt, wo Sie wissen, wen Sie vor sich haben, so kann ich ja hinausgehen?“

„Aber wieso! Durchaus nicht!“

„Darf ich Ihnen vielleicht einen Tee anbieten? Er ist zwar etwas stark.“

Er füllte ein Glas für mich.

„Alles das Gerede! Alles Lug und Trug . . .“ sagte er.

„Von was sprechen Sie, bitte?“ fragte ich ihn.

„Noch immer vom gleichen Thema. Was die mit Liebe bezeichnen. Wollen Sie nicht schlafen?“

„Nein, noch nicht!“

„Interessiert es Sie, zu hören, wie mich diese gleiche Liebe zu dem Ereignis getrieben hat, das ich erlebt habe?“

„Wenn es Ihnen nicht zu schwer wird?“

„Nein, aber das Schweigen fällt mir schwer, Trinken Sie doch den Tee. Oder ist er Ihnen zu stark?“

Er war wirklich wie Bier so dunkel, aber dennoch trank ich mein Glas aus. In diesem Augenblick ging der Schaffner durch den Wagen. Posdnyschow verfolgte ihn mit grimmigen Blicken, und erst als er fort war, nahm er die Erzählung auf.

3.

„Also ich werde Ihnen erzählen . . . Interessiert es Sie aber auch wirklich?“

Noch einmal beteuerte ich ihm, daß es mich sehr interessiere. Er dachte nach, fuhr mit der Hand über seine Stirn und begann:

„Ich muß meine Erzählung von Anfang an beginnen. Da muß ich Ihnen zuerst sagen, wie und warum ich geheiratet habe und was für ein Leben ich vor meiner Heirat geführt hatte.

Vor meiner Heirat lebte ich wie alle unseres Standes. Ich bin Gutsbesitzer und Rechtskandidat. Eine Zeit aber war ich Adelsmarschall. Vor meiner Heirat führte ich wie alle unseresgleichen ein verlottertes Leben und bildete mir dabei ein, daß mein Leben so sei, wie es eben sein müßte. Ich glaubte von mir selbst, daß ich ein netter und wirklich sittlich vollkommener Mensch sei. Ich war kein Verführer, hatte keine unnatürlichen Neigungen, sah in den Ausschweifungen meines Lebens nicht den Kernpunkt, wie das doch viele meiner Altersgenossen taten. Ausschweifungen betrieb ich in Grenzen, anständig, nur der Gesundheit wegen. Dabei hielt ich mich von den Frauen fern, die mich durch Geburt oder allzu große Anhänglichkeit hätten fesseln können.

Vielleicht mögen auch Kinder und Anhänglichkeiten bestanden haben, doch ich kümmerte mich nie um solche. Darin fühlte ich mich nicht nur moralisch einwandfrei, sondern empfand einen gewissen Stolz darüber.“

Er hielt inne und stieß wieder einen jener Laute von sich, wie er das immer tat, wenn er einen neuen Gedanken faßte.

„Darauf baut sich ja eben die größte Gemeinheit auf!“ schrie er los. „Ausschweifung liegt nicht im Physischen — eine rein physische Ausschweifung ist noch lange keine Unzucht; unter wirklicher Unzucht bezeichnet man ein Nichterkennen jeglicher moralischer Pflichten der Frau gegenüber, mit der man physisch verkehrt. Ich weiß noch genau, wie es mich quälte, als ich einmal übersehen hatte, eine Frau, die sich mir allem Anscheine nach aus Liebe hingegeben hatte, mit Geld abzufinden. Und erst, als ich ihr das Geld zugestellt hatte, war ich von meiner Unruhe befreit. Denn dadurch hatte ich ihr zu verstehen gegeben, daß ich mich in keiner Form moralisch ihr gegenüber gebunden hielt . . . Nicken Sie bitte nicht mit dem Kopfe, als seien Sie der gleichen Meinung!“ schrie er mich plötzlich an. „Ich kenne das schon! Wir alle, alle, auch Sie, wenn Sie nicht zufällig eine rühmliche Ausnahme bilden, vertreten die gleichen Standpunkte, auf die ich mich stellte. Na, es ist gleich, verzeihen Sie,“ fuhr er fort, „aber es ist doch schrecklich, schrecklich, schrecklich! Dieser Wirrwarr falscher Ansichten in bezug auf die Frauen und unsere Einstellungen ihnen gegenüber, in dem wir leben. Ja, ich kann nicht ruhig über diese Dinge sprechen; nicht etwa, weil ich jene kritische Episode erlebte, sondern weil ich damals sehend wurde und sich mir dann plötzlich alles in einem anderen Lichte zeigte, in einem anderen, ganz entgegengesetzten!“

Er brannte eine neue Zigarette an, stützte die Ellbogen auf die Knie und begann zu erzählen.

Die Dunkelheit machte mir sein Gesicht unerkennbar, dagegen vernahm ich durch das Geräusch des Zuges seine eindringliche und recht sympathische Stimme.

4.

„Ja, ja, erst nach den unsagbaren Qualen, die ich zu erdulden hatte, und nur dank dieser verstand ich, wo der Kern alles Übels steckt und wie alles eigentlich hätte sein sollen. Aus dieser Erkenntnis erlebte ich denn erst das Unheimliche alles dessen, was ist.

Doch nun achten Sie bitte auf das, was mich zu meiner ,Episode‘ hintrieb und wie und wann es begann. Ich war damals noch nicht achtzehn Jahre alt, Gymnasiast noch, während mein älterer Bruder bereits Student im ersten Semester war. Wenn ich mich auch noch nie einer Frau genähert hatte, so war doch auch ich schon, wie alle unglücklichen Kinder unserer Gesellschaftsklasse, kein naiver Knabe mehr. Meine Mitschüler hatten mich schon seit einem Jahre ,aufgeklärt‘. Schon übte die Frau, nicht eine bestimmte Frau, sondern die Frau als ein wonniges Etwas — die Frauen als solche, der Gedanke an die nackte Frau einen geheimnisvollen Reiz auf mich aus. Die Stunden meines Alleinseins waren nicht mehr keusch. Ich zermarterte mich, wie sich neunundneunzig von hundert unserer Knaben zermartern. Ich entsetzte mich, litt, betete und ward doch nie erlöst. Verdorben war schon meine Phantasie, verdorben war ich auch schon in Wirklichkeit, ohne jedoch den letzten Schritt bereits getan zu haben! Ich allein sank moralisch, ohne an ein anderes menschliches Wesen Hand gelegt zu haben. Da tauchte nun plötzlich einmal ein Freund meines Bruders, ein ausgelassener Student, ein sogenannter guter Kerl auf, der größte Schuft übrigens, brachte uns das Trinken und Spielen bei und überredete uns schließlich nach einer wüsten Kneiperei, nach einem gewissen ,Hause‘ zu ziehen. Wir gingen dann auch hin. Mein Bruder, der auch wie ich noch unschuldig war, ließ hier seine Unschuld zurück. Und ich, der Sechzehnjährige, besudelte, ohne mir darüber klar zu sein, mich selbst und ein Weib. Hatte doch keiner der Erwachsenen mir jemals gesagt, daß das, was ich begangen, unmoralisch sei. Und heute, wer wagte da, diese Belehrung zu geben? Die Zehn Gebote sprechen allerdings davon, aber sie sind doch lediglich nur dazu da, sie dem Geistlichen beim Examinieren aufsagen zu können. Dabei wird ihnen längst nicht die Wichtigkeit beigemessen, die man dem Gebrauche des ,ut‘ im Bedingungssatze zuschreibt.

Keiner der Erwachsenen, deren Ansichten ich hoch einschätzte, hatte mir also gesagt, daß das schlecht sei: im Gegenteil, von denen, an denen ich emporsah, hörte ich, daß es gut sei. Sie erzählten mir, daß alle meine Qualen, meine Martern später verschwänden. Ich hörte und las, daß es der Gesundheit zugute käme. Meine Freunde aber erblickten darin sogar nach ihrer Aussage etwas höchst Rühmliches. Jeder also billigte es als etwas Gutes. Die Gefahr einer Krankheit? Auch der ist vorgebeugt. Der Staat selbst hat Schutzmaßnahmen dafür getroffen. Er überwacht die vorgeschriebene Einrichtung dieser öffentlichen Häuser und sorgt für gefahrlose Ausschweifungen der Gymnasiasten. Ärzte leben von der Überwachung. Alles ist glänzend organisiert. Sie behaupten, die Unzucht sei der Gesundheit wegen erforderlich, und so sorgen sie für geregelte Abwicklung. Mir sind sogar Mütter bekannt, die in diesem Sinne für die Gesundheit ihrer Söhne sorgen. Selbst die Wissenschaft rät den Jünglingen zum Besuch dieser öffentlichen Häuser.“

„Die Wissenschaft?“ fragte ich erstaunt.

„Wozu gehören denn die Ärzte? Sind sie keine Priester der Wissenschaft. Sind sie es nicht, die die jungen Menschen durch die Behauptung verderben, der Gesundheit wegen sei es nützlich. Und dann doktern sie jahrzehntelang an Syphilitikern herum.“

„Warum wenden Sie sich gegen das Behandeln der Syphilis?“

„Weil es keine Spur von Syphilis mehr gäbe, wenn man nur ein Hundertstel der Sorgfalt und Mühe, mit der man versucht, der Syphilis zuleibe zu gehen, auf die Bekehrung von der Unzucht verwenden würde. Alles Mühen konzentriert sich aber nicht auf die Behebung von der Unzucht, sondern auf ihre Förderung und ihre Gefahrbeseitigung. Doch das nur nebenbei. Tatsache ist, daß ich, wie neun Zehntel nicht nur aller Menschen unserer Gesellschaftskreise, sondern auch selbst des Bauernstandes, meine Unschuld nicht durch den natürlichen, verführerischen Reiz einer bestimmten Frau verlor, sondern daß ich fiel, weil meine Gesellschaftsklasse darin einesteils etwas durchaus Erlaubenswertes und der Gesundheit Zuträgliches sieht, und andernteils, weil sie es als das naheliegendste und nicht nur verzeihbare, sondern sogar als das harmloseste Vergnügen für einen jungen Menschen billigte. Ich verstand überhaupt nicht, daß man dies mit einem Fallen bezeichnen könnte. Für mich war es einfach Vergnügen, Bedürfnis, da man mich gelehrt hatte, daß dies einem gewissen Alter eigentümlich sei. Ich tat es ohne jede Überlegung, so wie ich einst mit dem Trinken und Rauchen begonnen hatte. Und dennoch lag in diesem ersten Fallen etwas ganz Eigenartiges und Melancholisches. Ich erinnere mich noch, welcher eigentümliche seelische Schmerz mich damals ergriff, noch bevor ich jenes Zimmer verließ, und daß mir so traurig, so unsagbar traurig ums Herz ward, daß ich hätte losweinen können. Weinen um meine verlorene Unschuld und das für immer verlorene Verhältnis zum weiblichen Geschlecht. Ja, jenes natürliche, keusche Verhältnis zur Frau war nun für ewig verloren; ich konnte es mir nie wieder zurückerobern. Ich war zum Lüstling geworden, befand mich also in einem gleichen physischen Zustand, wie etwa ein Morphinist oder Säufer oder Raucher sich befindet. So wie alle diese Arten von Menschen als normale nicht mehr bezeichnet werden können, so ist auch ein Mensch, der mehrere Frauen zu seinem Genuß erkannt hat, kein normaler Mensch mehr, sondern eben ein für immer gefallener Lüstling. So wie man Morphinisten und Säufer sofort an den Gesichtszügen und an ihren Gebärden erkennt, so auch den Lüstling. Wenn dieser sich auch periodenweise enthalten und gegen seine Begierden ankämpfen kann, so kann er doch nie mehr in seinem Leben in ein klares, reines und einfaches Verhältnis zur Frau treten. Sein Blick und die Art seiner Beobachtung jungen Frauen gegenüber werden ihn stets verraten. So wurde auch ich zum Lüstling, und darin liegt der Grund meines Verderbens.“

5.

„Ja, so war es, und so ging es weiter und immer weiter. Es gab Verirrungen vielerlei Art. O Gott, wenn ich mich heute all dieser Gemeinheiten erinnere, so packt mich ein Ekel vor mir selbst. So urteile ich heute über mich während meine Kameraden sich über meine sogenannte Unschuld lustig machten. Und denke ich erst an die goldene Jugend, die Offiziere, die Pariser! . . . Verkörpern wir alle, wir dreißigjährigen Wüstlinge, auch ich natürlich, die wir Hunderte der verschiedensten Verbrechen gegen die Frau auf dem Gewissen haben, gut gewaschen, glattrasiert, parfümiert, in blendender Wäsche, Frack oder Uniform, sobald wir im Salon oder auf einem Ball erscheinen, nicht das Sinnbild von Reinheit und Makellosigkeit?

Vergleichen Sie doch selbst einmal, wie es ist und wie es sein sollte! Wäre es nicht recht und billig, daß ich, wenn in einer Gesellschaft ein solcher ,Herr‘ sich meiner Schwester oder Tochter nähert, ich, der ich doch seinen Lebenswandel kenne, ihn beiseite nehme und ihm sage: ,Ich weiß ja, mein Verehrter, wie du lebst, in welcher Art und mit wem du deine Nächte verbringst. Was suchst du hier? Hier sind reine, unschuldige Mädchen. Entferne dich eiligst!‘ Das wäre das richtige! So aber, wenn ein solcher ,Herr‘ auf der Bildfläche erscheint, mit meiner Schwester oder Tochter tanzt, jauchzen wir ihm schon zu, wenn er reich und gute Beziehungen hat. Vielleicht läßt er nach dem Straßenmädel auch meiner Tochter die hohe Ehre zuteil werden. Selbst wenn ihm die Folgen einer Krankheit noch zu schaffen machen, schadet das nichts, hat man doch heutzutage reiche Erfahrungen in der Behandlung solcher Leiden. Ich kenne sogar einige Töchter erster Gesellschaftskreise, die von ihren Eltern an Männer verschachert worden sind, die mit diversen Krankheiten behaftet waren. Oh, wie widerwärtig! Schließlich aber wird doch bald die Zeit kommen, da dieser ganze Lug und Trug zusammenbrechen wird!“

Wieder stieß er seinen eigentümlichen Ton von sich und griff zu seinem Tee. Der Tee war furchtbar stark, aber es fehlte an Wasser, ihn zu verdünnen. Ich spürte, daß mich diese zwei Gläser, die ich getrunken, maßlos aufregten. Auch seine Nerven hatte der Tee scheinbar stark aufgepeitscht, denn er wurde immer erregter. Auch wurde seine Stimme immer ausdrucksvoller. Er veränderte unablässig seine Stellung, setzte bald die Mütze auf, bald wieder ab, und sein Gesicht nahm seltsame Veränderungen an bei dem Halbdunkel, das uns umgab.

„So lebte ich bis zu meinem dreißigsten Jahre, ohne dabei den Gedanken an eine Heirat und an ein reines, ideales Familienleben fallen zu lassen. Daher betrachtete ich eingehend die jungen Mädchen, um mir ein passendes zu erwählen. Während ich dem wollüstigsten Leben nachjagte, spähte ich nach einem Mädchen aus, dessen Reinheit meiner würdig sei. Viele verwarf ich, da sie mir nicht makellos genug erschienen, bis ich endlich eine fand, die meiner würdig zu sein schien. Es war eine der beiden Töchter eines einst reich gewesenen, dann aber verarmten Gutsbesitzers aus dem Pensaschen Gouvernement. Eines Abends, als wir von einer Bootsfahrt im Mondschein nach Hause kehrten, ich neben ihr saß und ihre schlanke, von einem enganliegenden Jersey umschlossene Figur und ihre Locken bewunderte, da fühlte ich plötzlich, daß sie, nur sie, die Rechte für mich sei. Mir schien es an jenem Abend, als verstände sie alles, alles, was mein Fühlen und Denken regiere, und als trügen mich selbst nur die edelsten Gedanken und Gefühle. Im Grunde genommen aber war es nur der Jersey und ihre Locken, die gut zu ihr paßten, und mein Verlangen nach dem in ihrer Nähe verlebten Tage, mich ihr noch stärker, noch inniger zu nähern.

Es ist doch eigenartig, wie ausschlaggebend die Einbildung ist, daß das Schöne auch zugleich das Gute sei. Eine schöne Frau kann noch so viele Dummheiten schwatzen, wir lauschen ihr begeistert und bilden uns ein, noch nie etwas so Gutes gehört zu haben. Sie kann die unglaublichsten Dinge tun oder das dümmste Zeug reden, immer werden wir nur etwas Schönes darin erblicken. Sagt sie aber weder etwas Dummes noch Widerwärtiges und ist sie auch noch schön dazu, so sehen wir in ihr den klügsten und sittlich hochstehendsten Menschen.

Völlig berauscht kehrte ich nach Hause zurück und war fest überzeugt, daß sie ein Meisterwerk sittlicher Vollkommenheit und daher meiner würdig sei. Und bereits am nächsten Tage machte ich ihr meinen Antrag.

Was ist das doch für eine Verirrung! Unter tausend heiratenden Männern gibt es nicht nur in unserm Stande, sondern leider sogar im Volke kaum einen, der nicht schon vorher zehnmal bereits verheiratet gewesen wäre. Es soll jetzt allerdings junge Menschen geben, die fühlen und wissen, daß das Heiraten kein Spaß, sondern eine ernste Angelegenheit sei. Gott helfe ihnen! Zu meiner Zeit war kaum ein solcher unter Tausenden zu finden. Alle wissen es und tun doch so, als wüßten sie es nicht. In allen Romanen werden bis auf die kleinsten Einzelheiten die Gefühle der Helden, die Teiche und Gebüsche, an denen sie lustwandeln, eingehendst beschrieben. Zwar wird von der großen Liebe eines Helden zu irgendeinem Mädchen erzählt, ohne jedoch auch nur mit einem Wort etwas von dem Vorleben dieses Gepriesenen zu erwähnen. Kein Wort wird über den Besuch öffentlicher Häuser, über Stubenmädchen, Köchinnen und Frauen anderer gesagt. Beschreibt aber wirklich einer einmal so unpassende Erlebnisse, so gibt man solche Bücher jungen Mädchen, die sie doch am ehesten lesen müßten, nie in die Hände.

Anfangs täuschen wir den jungen Mädchen vor, daß die Sittenverderbnis, die die Hälfte des Lebens unserer Städte und Dörfer beherrscht, überhaupt nicht existiere. Dann gewöhnen wir uns mit der Zeit selbst an diese Lüge, bis wir endlich wie die Engländer fest daran glauben, daß wir alle sehr sittliche Menschen seien und in einer sittlich vollkommenen Welt lebten. Die armen unschuldigen Mädchen glauben aber wahrhaftig daran. Diesen Glauben hatte auch meine unglückliche Frau. Ich erinnere mich noch, daß ich ihr einmal als Bräutigam noch mein Tagebuch zeigte, aus dem sie wenigstens etwas über mein Vorleben hätte erfahren können, hauptsächlich aber über mein letztes Verhältnis, von dem sie ja sehr leicht von anderer Seite Näheres hätte erfahren können, und aus diesem Grunde hielt ich es für notwendig. Noch heute erinnere ich mich ihres Schreckens, ihrer Verzweiflung und Verwirrung, als sie es erfuhr und begriff. Ich fühlte, daß sie damals sich von mir losreißen wollte. Hätte sie es doch getan! . . .“

Wieder gab er seinen Laut von sich, nahm einen Schluck Tee und verstummte.

6.

„Aber nein, nein, es ist ja so besser, viel besser“, rief er aus. „Es geschieht mir ganz recht. Aber es handelt sich ja jetzt gar nicht darum. Ich wollte nur betonen, daß nur die unglücklichen jungen Mädchen einzig und allein die Betrogenen sind.

Die Mütter wissen es ja auch, vor allem diejenigen, die von ihren Männern erzogen worden sind. Sie geben sich zwar so, als wären sie von der Reinheit der Männer überzeugt, handeln in Wirklichkeit aber doch ganz anders. Wissen sie doch nur zu gut, mit welchem Köder sie die Männer für sich und ihre Töchter heranlocken.

Nur wir Männer allein wissen es nicht, einfach, weil wir es nicht wissen wollen. Die Frauen aber wissen recht gut, daß die allerhabenste, sogenannte poetische Liebe nicht von sittlichen Vorzügen, sondern von der körperlichen Nähe, von der Frisur, der Farbe und dem Schnitt der Kleider abhängt. Fragen Sie eine erfahrene Kokette, die sich die Aufgabe gestellt hat, einen Mann zu bezaubern, was sie lieber wagen möchte: in Gegenwart dessen, den sie bezaubern will, der Lüge, der Grausamkeit, ja vielleicht selbst der Sittenlosigkeit überführt zu werden, oder sich ihm in einem schlecht sitzenden, unschönen Kleide zu zeigen? Jede einzelne wird stets das erstere vorziehen. Weiß sie doch ganz genau, daß alles, was wir über die hohen Gefühle schwatzen, nichts als Lüge ist; daß uns nur der Körper reizt und ihr daher alles Scheußliche verzeihen, nur kein häßliches, geschmackloses Kleid. Eine Kokette ist sich dessen völlig bewußt; jedes unschuldige junge Mädchen weiß es auch, aber im Unterbewußtsein, wie ein Tier.

Daher eben auch alle diese Jerseys, die Turnüren, die nackten Schultern, Arme und die nur leicht verschleierten Brüste. Die Frauen, besonders diejenigen, die von den Männern erzogen worden sind, wissen sehr gut, daß die Gespräche über die sogenannten hohen Dinge in Wirklichkeit nur wertloses Geschwätz sind und daß die Männer nur nach dem Körper trachten und sich nur für die Dinge interessieren, die ihn in ein möglichst verführerisches Licht rücken. Und danach handeln sie auch. Wenn man sich von der Einbildung, die uns zwar längst schon zur zweiten Natur geworden ist, alle diese abscheulichen Gewohnheiten schön zu finden, frei macht und einen Blick auf das schamlose Leben unserer ersten Gesellschaftskreise wirft, so muß uns dieses ganze Dasein als ein einziges großes, öffentliches Haus erscheinen. Sie billigen diese Ansicht nicht? Gestatten Sie, ich werde es Ihnen beweisen“, rief er, mich unterbrechend.

„Sie sagen, die Frauen unserer Gesellschaftskreise hätten andere Interessen als die Frauen der öffentlichen Häuser. Ich behaupte das Gegenteil und will es Ihnen beweisen. Wenn Menschen sich in ihren Lebenszielen, in ihrer Auffassung des Lebens unterscheiden, so muß sich das auch in ihrem Äußeren ausprägen. Ziehen Sie doch einmal einen Vergleich zwischen jenen Unglücklichen, von allen Verachteten, und den Damen der ersten Gesellschaft: Sie finden die gleichen Toiletten, den gleichen Schnitt, dieselben Parfüme, dieselben entblößten Schultern und Arme, die gleichen, leicht verschleierten Brüste und die scharf markierte Rückenlinie. Sie stoßen auf die gleiche Leidenschaft für bunte Steine und kostbar glänzende Dinge und dieselben Vergnügungen: Tanz, Musik und Gesang. Sie bedienen sich der gleichen Köder, die Männer an sich zu locken. Es gibt keinen Unterschied zwischen ihnen. Sieht man der Sache auf den Grund, so kommt man allerdings zu der Erkenntnis, daß die Prostituierte im Moment verachtet wird, die dauernd Prostituierte dagegen anerkannt und verehrt wird.“

7.

„So wurde auch ich von diesen Jerseys und Locken eingefangen. Es war nicht schwer, mich zu fangen, weil ich in Verhältnissen groß geworden bin, unter denen die verliebten jungen Leute wie die Pilze aus dem Mistbeet emporschießen. Unsere überreichliche, nervenerregende Nahrung bei völliger körperlicher Untätigkeit dient doch nur zur systematischen Aufstachelung unserer Sinnlichkeit. Sie mögen darüber erstaunen, soviel Sie wollen, es ist so. Auch ich verstand es bis vor kurzem nicht. Jetzt ist es mir aber um so klarer. Daher empört es mich auch so, daß niemand es einsieht und viele solche Dummheiten schwatzen, wie jene Dame.

In meiner Nähe arbeiteten im Frühling Bauern an einem Eisenbahndamm. Die gewöhnliche Nahrung des Bauern besteht aus Brot, Kwaß und Zwiebeln. Dabei fühlt er sich wohl und kräftig, und seine Arbeit fällt ihm leicht. Arbeitet er am Eisenbahndamm, dann besteht seine Nahrung aus Grütze und einem Pfund Fleisch. Dieses Fleisch verbraucht er bei vierzehnstündiger Arbeitszeit täglich hinter einem mit dreißig Pud belasteten Karren. Ihm genügt es, und er fühlt sich wohl. Wie aber verarbeiten wir die zwei Pfund Fleisch, Wild, Fische und allerlei erhitzenden Speisen und Getränke, die wir täglich zu uns nehmen? Doch nur in sinnlichen Exzessen! Ist unser Sicherheitsventil offen, läuft alles seinen guten Gang; schließt man aber das Sicherheitsventil, wie ich es zeitweise tat, so entsteht eine Erregung, die sich, durch das Prisma der künstlichen Bedingungen unseres Lebens brechend, als Verliebtheit, vielleicht sogar als eine platonische äußert. Auch ich verliebte mich, wie alle andern sich verlieben. Alles durchlebte ich: Entzücken, Rührung und Poesie! In Wirklichkeit aber war diese meine Liebe einerseits das Produkt von Schneiderin und Mutter, anderseits die Folge übermäßiger Nahrung bei völliger Untätigkeit. Hätte es keine Bootsfahrt gegeben, keine Schneiderin mit ihren Taillen, wäre meine Frau in einem geschmacklosen Morgenrock herumgelaufen, und wäre ich anderseits ein normaler Mensch gewesen, der nur so viel Nahrung seinem Körper zugeführt hätte, als er zur Ausführung seiner Arbeit benötigt, und wäre mein Sicherheitsventil, das gerade zu jener Zeit verschlossen war, geöffnet gewesen, so hätte ich mich nicht verliebt, und man hätte mich nicht eingefangen.“

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