Kitabı oku: «Auf der Suche nach dem verlorenen Schnee»
Nicht nur seine Romane spielen in den Bergen, mit dem Leben in den Bergen hat sich Leo Tuor immer auch essayistisch auseinandergesetzt.
Seine Berge, das ist die Surselva, wo Leo Tuor lebt. Das ist der Rhein, oder besser: sind die Rheine, denn am Anfang sind es zwei. Das sind die Alp, der Winter, die Lawine. Die Lawine, die einst Verhängnis war und jetzt zur Quelle von Subventionen und Medienereignissen geworden ist. Der Gletscher, der zum See geworden ist. Er schreibt über die Bergler, deren Element mehr der Stein ist als das Wasser, die entweder schweigen oder schwatzhaft sind wie Tassen. Er schreibt über ihr Leben mit Geistern, Heiligen und Tieren, über das Schwein im Pferch, die Kühe, die Schafe auf der Alp und den Hund, den Wolf, über das Wild und deren ausgekochten Schädel an der Stallwand der Jäger. Er schreibt über die Touristen, die die Landschaft fotografieren und dem Jäger böse Blicke zuwerfen, wenn er mit der Flinte unterwegs ist.
Leo Tuors Texte sind immer prägnant und von erfrischendem Humor, einzelne wie «Vom Schafe hüten» sind bereits Kult und in mehrere Sprachen übersetzt worden.
Die gedruckte Version enthält auch einige Texte in rätoromanisch, dieses E-Buch enthält nur die deutschsprachigen Übersetzungen.

Foto Ayşe Yavaş
Leo Tuor, geboren 1959, wuchs in Rabius und Disentis auf, wo er die Schule im Benediktiner-Kloster besuchte. Er studierte Philosophie, Geschichte und Literatur in Zürich, Fribourg und Berlin. Während des Studiums war er Redaktor der streitbaren rätoromanischen Zeitschrift «La Talina».
Leo Tuor schreibt Erzählungen, Essays, Kolumnen, Kurzgeschichten und Beiträge für Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien. Daneben arbeitet er für Radio und Fernsehen sowie beim nationalen Wörterbuch drg. Viele Jahre verbrachte er den Sommer als Schafhirt auf der Greina und den Herbst als Jäger auf Carpet. Sein Hauptwerk ist die Surselver Trilogie mit den Romanen «Giacumbert Nau. Bemerkungen zu seinem Leben», «Onna Maria Tumera oder Die Vorfahren» und «Settembrini. Leben und Meinungen». Zuletzt erschien die Erzählung «Cavrein».
Leo Tuor
Auf der Suche nach dem verlorenen Schnee
Erzählungen und Essays
Aus dem Rätoromanischen von Renzo Caduff, Michel Decurtins, Elisabeth Peyer, Claudio Spescha, Flurin Spescha und Christina Tuor-Kurth
Limmat Verlag
Zürich
Die Geburt der Geschichten
Es war einmal und es war einmal nicht, eine frühere Zeit, da hängte bei uns niemand Steinbockhörner an die Wand. Das ganze Tier galt als Apotheke. Der hinterletzte seiner Teile wurde verwertet, inklusive Hörner und Fell. Puder und Öle wurden daraus gewonnen. Die Apotheker drückten mit diesen Extrakten Pasten zusammen und machten Salben zum Einreiben und fürchterliche Tinkturen zum Einnehmen, und man erhielt auf diese Weise Qualitäten wie die Standfestigkeit, die Postur, die Potenz, das Profil des Steinbocks.
Das hat sich ein wenig geändert.
In einem echten Bündner Haus wird Ihnen von der Frau Kaffee serviert und vom Hausherrn und Jäger Geschichten – falls er gerne erzählt, sonst erzählen die Tassen. Über diese Eigenart aber später. Es wäre unhöflich, den Kaffee zurückzuweisen. Es wäre unhöflich, den Erzählungen nicht zuzuhören. Sie haben schon längst die ganze Kaffeekanne ausgetrunken und die Erzählungen gehen weiter, und sie würden nie aufhören, wäre nicht der Kaffee ausgegangen und hätten Sie nicht immer und immer wieder betont, Sie dürften nicht zu viel Kaffee trinken. Aber Sie müssen eine zweite Kanne trinken. Man verlangt von den Gästen eine gewisse Höflichkeit, wenn sie schon ins Haus kommen, und diese Höflichkeit bedeutet, mindestens zwei Kannen Kaffee zu leeren und einen guten Teil des Repertoires an Geschichten des Hausherrn oder der Tassen anzuhören, bevor Sie aufstehen und wieder gehen.
Nun ist der Kaffee aus der Kanne natürlich nicht der Kaffee der Maschinen, kein schwarzer Espresso mit einem schönen Schäumchen, sondern eine gestreckte Flüssigkeit, so klar, dass man hindurchsieht. Wegen seiner Klarheit wird er auch caffè da sontga Clara genannt, ein schlechter Kaffee, sozusagen im guten Sinn des Wortes, den können Sie trinken und trinken, ohne dass er Sie kribblig macht und das Hirn austrocknet. Seitdem die Hörner des Steinbocks an der Wand hängen und seine heilenden Kräfte ignoriert werden, ist dieser traditionelle – um nicht zu sagen nationale – Bündner Kaffee der wahre Heiltrunk für Seele und Darm. Und alle trinken sie zu allen Zeiten caffè da sontga Clara: Erwachsene, Jugendliche, Hund und Katze und auch die Wickelkinder nippen an diesem Kaffee genauso gerne wie an der Mutterbrust. Ja, man kann behaupten, er sei die Muttermilch unserer Nation, wie der Schwarztee bei den Engländern. Vor dem Kaffee hatte zwar der Schnaps eine Weile grosse Bedeutung. Er wurde in teuflischen Mengen getrunken wie der Wodka in Russland. Dann vermochten die Moralisten mit scharfen Predigten und polternden Befehlen dieses Getränk zu bannen, welches den angeborenen Schwachsinn und die windschiefen, buckligen, blassgelben, hinkenden, krummen Gestalten hervorbrachte, die nicht alt wurden und entweder an Schwindsucht, Schlagfluss oder Wassersucht starben. So wurde die Kultur des Schnapses vom Ritual des Kaffeetrinkens abgelöst. Kaffee als Heilmittel am Morgen, um wach zu werden, Kaffee am Abend vor dem Zubettgehen, um besser zu schlafen. Kaffee vor dem Zahnarztbesuch zur Beruhigung, Kaffee vor den Prüfungen, um das Gedächtnis zu wecken. Kaffee, um den durchfrorenen Darm la beglia manedla zu wärmen und Kaffee zum Schutz vor der Hitze im Sommer. Ja, es soll sogar Pfarrer geben, die die Messe mit Kaffee zelebrieren. So gross ist die Revolution des Kaffees, dass man ihn in Thermosflaschen im Rucksack des Jägers ebenso findet wie auf dem Altar des Priesters.
Kaffee für alle und überall. Und jede Hausfrau hat immer zwei Thermoskrüge warmen Kaffees bereit für den Fall, dass jemand unerwartet zur Tür hereinkommt, und sie stellt sofort eine neue Pfanne mit Wasser auf den Herd für einen dritten Reservekrug. Die erste Frage ist immer: «Vul in tec caffè?» Und bevor Sie antworten können, steht das Getränk schon vor ihrer Nase, und wenn Sie vor lauter Höflichkeit nicht aufpassen wie der Teufel auf die Seelen, werden gleich noch vier, fünf Löffel Zucker für Sie hineingetan und Sie haben selber nur zu trinken und zuzuhören.
Nun sind die Bergler entweder furchtbar schweigsam oder schreckliche Schwätzer.
Auch die Unterländer waren früher nicht anders. Walter Benjamin erzählt uns von Arnold Böcklin, dessen Sohn Carlo und Gottfried Keller folgende Geschichte:
«Sie sassen eines Tages wie des öftern im Wirtshaus. Ihr Stammtisch war durch die wortkarge, verschlossene Art seiner Zechgenossen seit Langem berühmt. Auch diesmal sass die Gesellschaft schweigend beisammen. Da bemerkte, nach Ablauf einer langen Zeit, der junge Böcklin: ‹Heiss ist’s›, und nachdem eine Viertelstunde vergangen war, der ältere: ‹Und windstill!› Keller seinerseits wartete eine Weile; dann erhob er sich mit den Worten: ‹Unter Schwätzern will ich nicht trinken.›»
Die Bergler sind noch heute furchtbar schweigsam oder schreckliche Schwätzer. Zu welcher Gruppe sie gehören, kann man an dem Service ablesen, in dem sie den Kaffee servieren. Bei den Schwätzern sind die Tassen weiss, braun, gelb. Bei denen, die wenig oder gar nicht reden, sind die Tassen mit jeweils einem ovalen Bild verziert. Dort erzählen die Tassen. Ich erinnere mich an die Tassen von früher, als ich ein Bub war, Tassen mit dem Motiv des Angelusläutens von Jean François Millet und mit den Variationen des extravaganten Salvador Dalí, der im «Angelus»-Motiv, wie mein Grossvater, ein unvermutetes Drama sah, «das sich unter den scheinheiligsten Erscheinungen dieser Welt verbirgt».
In einem Haus, in das wir zum Kaffeetrinken gingen, gab es ein Service mit Engeln, die Ordnung machten: Sie warfen Adam und Eva aus dem Paradies, brachten Sünder wieder auf den richtigen Weg, trieben heiligen Josephen Zweifel aus, beschützten Kinder, die über gefährliche Brücken gingen.
Die Toni Mihels besassen ein Service mit lauter heiligen Michaels, die den Teufel vernichteten. Dort lernte ich den Heiligen Michael von Jacob Epstein an der Kathedrale von Coventry, England, kennen und kombinierte sogleich, dass England also das Land der Engel sein müsse. Dieser Erzengel Michael mit riesigen platten Bronzeflügeln sprang wie ein Athlet auf dem Trampolin auf einen gefallenen Engel herab, der sich nicht wehren konnte. Aber ich habe nie geglaubt, er könne den armen Teufel fertigmachen, auch wenn er als «Führer der himmlischen Streitscharen gegen das Satansheer» galt.
Geradezu harmlos waren dagegen die Tassen mit Jagdmotiven bei unseren Jägern, falls die Tassen selber deren Heldentaten erzählten: Steinböcke, die sich aufrichteten, Gemsen, die zusammenbrachen, Hirschstiere, die brüllten. Wie langweilig sind, verglichen mit dem Geschirr der Toni Mihels, die heutigen Servicetassen mit allen Arten amerikanischer Mickymäuse. Oder die Serien von Tassen mit der einschläfernden rätoromanischen Propaganda: Tgi che sa rumantsch, sa dapli.1 – Tgi che sa rumantsch, po dapli. – Tgi che ei rumantschs, ei dapli. Tassen, angefertigt, um den Rätoromanen ihren Komplex auszutreiben.
Wie die Teetrinker und die Krautmischer an das glauben, was sie trinken, sind auch unsere Kaffeetrinker davon überzeugt, dass ihr Getränk Medizin sei. Ich persönlich hatte immer den Verdacht, die heilende Kraft, die man dem Kaffee zusprach, komme eher von der Grossartigkeit der Tassen. Aber je mehr man daran herumstudiert, desto unsicherer wird man. Am leichtesten leben diejenigen, die nicht zu viel studieren. Schon früh hatte mein Grossvater gesagt, nichts zu studieren sei das beste Mittel, um alt zu werden. Er ist trotzdem alt geworden. Um jedoch gesund zu bleiben, müsse man immer um die Geschichten herum sein, um rauchende Tassen und um haufenweise Bücher. Dann könne man Kräuter, Tabletten, Kügeli und Salben vergessen. Er war einer, der nur Tigerbalsam in seiner Apotheke stehen hatte, eine Gemskugel in seinem Hosensack, und einer von der Sorte, die behaupteten, Baldachin komme von Bagdad, und alle lachten und dachten, er mache seltsame Etymologien, und als ich im Lexikon nachschaute, sah ich, dass Baldachin von Bagdad kommt, und ich staunte.
Mein Grossvater und meine Grossmutter hatten ein Service, das mit seiner Imposanz sogar dasjenige der Toni Mihels schlug. Ein Service mit Geschichten aus Tausendundeiner Nacht. Dieses unendliche Geschirr brachte es fertig, dass der Kaffee bei Grossvater und Grossmutter eine nebensächliche Bedeutung zu haben schien. Musste nicht jeder Dummkopf, der einmal bei meinem Grossvater, meiner Grossmutter zum Kaffeetrinken war, denken, der Kaffee sei nur ein schlechtes, schäbiges Wässerchen verglichen mit einer einzigen Tasse von Tausendundeiner Nacht? Und erst recht alle tausendundeine Tassen, die man ineinander schachteln konnte wie die Geschichten Schahrasads, so, dass am Ende nur eine gigantische Tasse da war, welche die ganze orientalische Welt zeigte: Kalifen und Sultane, Karawanen und Kamele, die Krümmung der Säbel und der schnabelartigen Pantoffeln, die Furchtbarkeit der Dschinnen, die aus Korbflaschen quollen und aus Flaschenhälsen rauchten, die Liebesstellungen von Schahriyar und Schahrasad.
Diese grazilen, zerbrechlichen Tassen, durch die man beinahe hindurchsah, erhielten einen schwarzen Farbton, wenn Kaffee darin war, und sie waren, man wusste nicht wie, alle ein bisschen anders. Man hielt auch jede ein bisschen anders. Eine nur leicht seitlich am Henkel, und sie kam leicht und mühelos zum Mund. Bei einer anderen ging man mit einem Finger in den Henkel und mit dem Daumen in die Tasse hinein, wie um Gegengewicht zu geben. Eine dritte fasste man nur oben am Tassenrand mit je zwei Fingern. Bei einer vierten machte man aus den Händen eine Schale, wie um die Wärme zwischen den hohlen Händen und der Tasse zu behalten, und mit dem Kinn streichelte man das Rund des Henkels. Wieder eine andere mit Spuren von Lippenstift am Rand von der Dame, die zuvor daraus getrunken hatte – denn je älter die Grossmutter wurde, desto schlechter wusch sie ab –, drehte man diskret, um am sauberen Rand zu nippen.
Und trotzdem, so mysteriös sie waren, die leeren Tassen erzählten nichts. Es musste Kaffee aus ihnen rauchen, damit sie erzählten. Der Rauch des Kaffees gab den Anfang der Geschichten. Da sah ich, dass man die Dinge dieser Welt nicht sauber voneinander trennen kann, ohne dumm zu werden. Alles geht ineinander und gehört zusammen: Tasse, Kaffee und Rauch.
Als die Amerikaner anfingen, gut und schlecht zu trennen und mit Tausenden von Bomben Bagdad und Basra bombardierten, die Orte von Tausendundeiner Nacht, waren Grossvater und Grossmutter tot. Ich glaube, sie haben sich im Grab umgedreht, die Tassen ihres Services begannen zu zittern und zerbrachen aus Protest. Die Geschichten sind geblieben. Weder Raketen noch Erdbeben können die Geschichten zerstören. Im Gegenteil: In der einen oder der anderen Form, ja sogar neu, kommen sie wieder hervor aus dem Rauch der zerbombten Städte.
Ja, die Geschichten steigen aus dem Rauch auf. Deshalb braucht es den Kaffee in den Tassen. Aus dem Feuerrauch der ersten Menschen sind die Geschichten entstanden: Die Geburt der Geschichten aus dem Geiste des Rauchs. Später haben andere Rauchschwaden Geschichten geboren: Der Dunst des Himmels und des Meeres, der Rauch von Kain, der Dunst des Weihrauchs, der Rauch von Scheiterhaufen und der aus Kaminen. Die «Nibelungen», die «Ilias», die Don Quichotterien kamen aus dem Nebel des Nordens, aus dem Staub des Sandes, aus dem Dunst Spaniens.
Im Anfang war der Rauch. Aus ihm sind die Geschichten gekommen. Der Rauch aber kommt bei uns aus den Tassen mit den Geschichten. Die Geschichten aber erwärmen das Gemüt des Menschen, sodass er früher einzig den Steinbock als Apotheke brauchte und heute, wie ich glaube, nur Tigerbalsam in seiner Apotheke bräuchte, eine Gemskugel in seinem Hosensack und Tausendundeine Geschichte im Rucksack, «sodass ihn keine Hinterlist mehr treffen kann».
Aus dem Rätoromanischen von Christina Tuor-Kurth
Surselva. Streiflichter
Bei gleicher Umgebung lebt
doch jeder in einer anderen Welt.
Arthur Schopenhauer
Die Wasser
Den Charakter geben dieser Landschaft die Wasser. Ich fantasiere, dass sie die Täler eingefressen haben, vielleicht mit Hilfe der Gletscher, die einmal da waren und mit Zungen die Täler ausfüllten, aber tatsächlich haben die Wasser gefressen, geschichtet, Kerben in die Felsen geschlagen, gespalten, gestemmt. So sind die Täler entstanden. Das wäre, kurz gesagt, schon die Surselva: Täler und Rheine. Die Wasser heissen hier Rheine: Rein da Medel, Rein da Sumvitg, denn rein heisst: «der Fliessende», ein altes vorrömisches Wort. Wenn sie klein sind, nennt der Rätoromane die Rheine einfach aua (Wasser): Aua da Ramosa. Toben sie, sind es darguns, Drachen, die Landschaft und Erde schlucken, die spritzen und schnauben, donnern. Sie ändern ihren Weg, wie sie wollen, dorthin, wo sie der Mensch nicht zwischen behauene Steine gezwängt oder mit Vorbausteinen bezwungen hat – und noch vor diesen Riesensteinen hat der Rhein wenig Respekt, wenn er sich in ein Ungeheuer verwandelt.
Der grosse Rhein wird alle vierzig bis sechzig Jahre ein Drache: 1888, 1927, 1987. Dann geraten auch die modernen Leute ausser sich. Die Fremden schimpfen, wenn sie auf der Strasse nicht weiterkommen. Die Einheimischen staunen, wenn ihre an Rheine gebauten Häuser überflutet werden. Dass die Alten lediglich Sägen, Stampfen und Mühlen an Wasser bauten, hat der Surselver vergessen wie all seine andern Landsleute.
Die Technik
Die Generation unserer Grossväter hat den Rhein in ein mehr oder weniger definitives Bett gezwungen. Vorher floss er hierhin und dorthin, überflutete Felder und Weiden, liess Steine zurück, Holz, Dreck, Sand. Die Generation unserer Väter hat dem Rhein die Wasser genommen, oder besser gesagt: sie nehmen lassen, für ein, zwei Goldvreneli und schlechte Verträge. (Die Zürcher zahlen für unseren elektrischen Strom weniger als wir. Wir subventionieren Zürich auf unsere Art.) So ist der Rhein heute bezwungen, ein Sklave. Riesige Staumauern, die den Bauch vor dem Betrachter nach innen pressen, spannen die Wasser zusammen, lassen sie nicht in ihr natürliches Bett fliessen. Die Wasser werden geleitet, gepumpt, durch künstliche, fast offizielle Wege gepeitscht: kilometerlange Tunnels sind in die Felsen gesprengt. Oh, wie der Berg beleidigt ist. Ah, wie die Wasser nur mit Widerwillen durch diese dunkelsten Felsröhren gehen, mürrisch, nervös. Sonst so lustig, hier gefangen, brausen sie wütend in die Seen, schäumen. Die künstlichen Seen Curnera, Nalps, Lukmanier, Zervreila fassen die Wasser von Tujetsch, fassen die Wasser von Medel, fassen die Wasser des Adula. Sie geben der Landschaft einen neuen Charakter. Wir waren an die Seen von Laax und Flims, an die Hunderte von alpinen Seelein gewöhnt: Tomasee, Lag Serein, Lag da Laus und wie sie alle genannt werden ihrem Aussehen entsprechend. Unsere neuen Seen, die unsere Väter mit den Italienern, welche sie geholt hatten, bauten, sind das Symbol der Kultur des Betons, Hunderttausender von Kubikmetern Beton. Es ist die Zeit der Geburt von Kies- und Sandwerken am Rhein, grauen Gebäuden, immer in Staub und Lärm gehüllt. Um sie herum Berge von Steinen, von Sand, von Steinchen in allen Grössen, und überall die riesigen Maschinen, die wühlen, schwarzen Rauch auspusten, nach Öl riechen. Es ist die Zeit des Fettes und des Diesels, der grauen, blauen Überkleider, der Kompressoren, der Steinbrecher, der Förderbänder, der Krane, die sich einer neben dem andern am Himmel drehen. Die Zeit, in der man erfunden hat, wie man aus Steinen Gold macht. Die Werke sind Geldgruben geworden. Die Zeit der Lastwagen mit den grossen Lenkrädern und den warmen, nach vorne gereckten Nasen.
Das ist das Goldene Zeitalter oder das Zeitalter des Betons, das lange, lange nach der Steinzeit und der Bronzezeit folgte. Statt der Saurier husteten die Saurer die Pässe hinauf, die Chauffeure mit hochgekrempelten Ärmeln. Sie fuhren der Hochkonjunktur entgegen.
Die Konjunktur beginnt also mit den Italienern, die man heute nicht mehr will, mit dem Beton, mit dem Diesel. Pompös stehen die Mauern hier, beeindruckende Riesen, die ein Tal beenden, wenn wir vor ihnen stehen. Sie zwingen uns, hochzuschauen, wenn wir vor ihnen stehen. (Ich stelle mir ein verbrecherisches Saxofon vor, ein Seepferdchen, aber riesig wie ein Rindvieh, das seine Schreie mit Beharrlichkeit schmettert. Die Hornstösse durchdringen Knochen und vibrierten Beton. Stelle mir vor, dass Jericho sei.)
Auf der Schulkarte des Kantons Graubünden haben diese Mauern eine gewisse Aggressivität: Als brauner Strich mit Zähnen nach vorne sind sie gezeichnet. In der romanischen Zeichenerklärung werden sie als Mir da levada bezeichnet. (Mit levada assoziiert der Romane «Auferstehung».) Warum levada? Weil die Mauern die halb tote Konjunktur in blühendes Leben erweckt haben?
Nicht alle Seen sind gebaut worden, wie sie wollten, die Bosse mit den Zigarren, mit den Mappen, die Herren von Baden. Unsere Schulkarte zeigte einen grossen blauen Fleck mit der Form einer Niere zwischen Pass Diesrut und Passo della Greina. Dieser See wurde nur gezeichnet, nie gebaut. – «Wohin wäre die Staumauer gekommen?», fragt der Fremde den Hirten. «Wo wär do d’Staumur cho?», grüsst der Schweizer den Hirten. Der Einheimische fragt nichts, ihm wäre die Mauer willkommen gewesen, egal an welchem Ort, Hauptsache die Gelder wären gekommen. Kurios, der Sursilvan der Generation meines Vaters ist sonst nicht derjenige, der Seen liebt, er fürchtet das Wasser, latscht nicht mit Schnorchel und Flosse, zeigt nicht gerne die weisse Haut, das Nabelloch mit womöglich einer Fussel drin. Aber in der Ebene der Greina, sagen sie, wäre ein See schön gewesen. Schön ist für den Philosophen, wie wir wissen, «was ohne Interesse wohlgefällt». Aber die Generation meines Vaters war ja interessiert, also musste «schön» für unsere Väter etwas mit dem Gebrauchswert einer Landschaft zu tun haben. Die Niere ist jedenfalls auf dem Papier geblieben, und in den Schädeln. Die Greina hat trotzdem ihren See bekommen. Unterhalb des Terri, dort, wo der Wanderer Gletscher erwartet, wenn er von Canal hinaufsteigt, steht er verblüfft vor einem Riesensee. Dumpf schlagen die Wellen gegen den Fels, Eis schwimmt in grauem Wasser. Der Gletscher ist ein sterbendes Tier. Das Weiss, das Blau des Berges weicht dem Wasser, dem Grau und bald schon dem Grün.
Die Gletscher
Die Gletscher sind oben in dieser Landschaft, auf den höchsten Bergen, unter den spitzen Gipfeln. Schon lange machen sie den braun gebrannten Führern mit ihren schwarzen Sonnenbrillen, Handys, Seilen und Pickeln keine Angst mehr. Ihre Pickel sind kürzer geworden und ihr Respekt vor dem Berg kleiner. Nur dem gemeinen Volk machen die Gletscher mit ihren offenen Spalten oder versteckten Klüften noch Angst. Die Zungen haben sie schon lange eingezogen. Der Tourist tut gut daran, sie von allen Seiten zu fotografieren: Glatscher da Medel, clic, clic, clic; Glatscher dalla Greina, clic; Glatscher da Gaglianera, existiert nicht mehr; Glatscher da Gliems, clic; Glatscher da Punteglias clicclic; Glatscher da Rialpe, nicht mehr; Glatscher da Frisal, clic; Glatscher dil Vorab, clic, clicadiclic. Die Zukunft zeigt die Gletscher nur noch auf den Abzügen der Touris, auf den Panoramen der Pioniere. Und ihre Seelen, wo sind ihre Seelen, wenn die Gletscher geschmolzen sind? Die Gletscher, die Tiere mit den grössten Seelen.
Die Himmel
Und die Sonne lacht. Nicht die wahre Sonne, die auf Prospekte und Logos gedruckte Comic-Sonne, diese mit ein paar gelben Strichen gezeichnete Sonne, die das Blaue vom Himmel herunterverspricht. Himmel der Surselva, immer blau, während der Himmel der anderen Landsleute, die wir instinktiv nicht allzu sehr lieben («Wer mit den Fremden ein Geschäft machen will, darf sie auch nicht besonders mögen.» Dürrenmatt), im Unterland in Nebel eingehüllt ist. Übrigens bestätigt auch das «Ferien- und Freizeitbuch Disentis-Sedrun Cadi»: «Nebel ist hier praktisch nie zu erdulden.»
Wie ist unser aktueller Himmel noch? Kreuz und quer eingeritzt von Flugzeugen, die mit der family in die Bahamas fliegen, weil die anderen das auch tun.
Wie wünschen wir uns unseren aktuellen Himmel noch? Manchmal grau-weiss voller Schneeflöckchen, die leicht mit dem Wind tänzeln. Lieber aber voller schwerer Schneeflocken, die ohne Unterlass fallen und Pisten und Dächer bedecken. Manchmal aber, wenn wir aufstehen mögen, ein rot vergoldeter Himmel, silbern und weiss ich noch was, wenn die Sonne aufgeht: feuriger Himmel zwar, aber nicht ohne etwas Diskretes, das daraus einen Akt macht. Einen religiösen Akt, pompös, meditativ, oder nach dem Geschmack eines jeden Bauches, wie er sich das zu fühlen vorstellt. Und was ist über dem Himmel der Surselva, über den Flocken, über den Wolken, über den Flugzeugen, über dem Blau, über der Morgenröte? Dort ist immer noch dieser Himmel, der früher voll von Heiligen war, Herrgöttern und Müttergottes, Avemarias und Vaterunser, mit goldenen Strahlen und glänzenden Heiligenscheinen, dort ist jetzt immer noch dieser himmlische Himmel, aber – leer.
Die Brücken
Von den Rheinen zu den Himmeln, eine waghalsige Reise. Ständig wird der durch die Surselva Reisende mit einem Rhein oder mit einem dieser Himmel konfrontiert. Auf den Brücken extremerweise mit beiden zusammen. Der Himmel ist wegen der Tiefe zu Füssen anders von einer Brücke aus. Aber um das wahrzunehmen, ist es erforderlich, zu Fuss über die Brücke zu gehen. Der Rhein ist wegen der Tiefe anders von einer Brücke aus, schmäler, weisser und sein Rauschen ist irgendwie reiner, lädt vielleicht zum grossen Sprung ein; Lore, Lore, Loreley.
Die hohen Brücken bewirken, dass die tiefen Täler nicht mehr beachtet werden, dass sie schlussendlich nicht existieren. In Eile saust der Verkehr über die Brücken, weiss nichts von den Tälern und von der Mühe, Täler zu durchqueren. Will nichts wissen, will eiligst von einem Ort im andern sein. Die Brücken sind die grossen Hexerinnen: Sie verkürzen die Zeit, lassen die Täler verschwinden, verändern den Himmel. Beispiel Punt Gronda. (Offiziell, wenn ich mich nicht irre, heisst diese Brücke Punt Russein, früher auch Punt Travaulta. Aber das Volk hat Namen, die es fallen lässt.) Diese Brücke, die drei Brücken ist, verbindet den Verkehr, trennt den Himmel vom Tal mit dem Rhein. Die Punt Gronda trennt weiter streng die Materialien: Brücke 1, Holz. Brücke 2, Beton. Brücke 3, Stein. Diese Brücke, die drei Brücken ist, trennt politisch die Cadi in Sursassiala, das sind die Gemeinden gegen Lukmanier und Oberalp hinauf, und in Sutsassiala, das ist der Rest der Cadi: Sumvitg, Trun, Breil, Schlans. Die Punt Gronda ist weiter die Grenze zwischen Sumvitg und Disentis. Doch dieser ganze Namenwirrwarr interessiert niemanden, der über ein von der Konsum- und Tempogesellschaft vergessenes Tal rast.
Der Zug
Am gemütlichsten schlängelt sich der Zug die Landschaft hinauf, zuerst lange dem Rhein entlang, dann, in Trun, schwenkt er langsam in die Wiesen und hinter Rabius tadác tadác in den Hang. Gewohnt, von Bahnhof zu Bahnhof anzuhalten, und gezwungen, sich an einen Fahrplan zu halten, fährt er im Rhythmus des Immergleichen, ohne den Stress des Wettbewerbes, der auf der Strasse herrscht. Er geht tadác immerfort einfach sein Tempo, zieht über Eisenbrücken, schleicht durch Galerien, verschwindet in Tunnels, fährt über elegante Viadukte, die da sind, ohne das Landschaftsbild allzu sehr zu stören, gibt dem Fahrgast die Möglichkeit anzuschauen, wo er ist und sich hinbewegt. Anders als aus dem Auto: «Was das eilige Auge aus dem Automobil gesehen hat, kann nicht behalten werden, und wie jede Spur in ihm verschwindet, so verschwindet es ohne jegliche Spur» (Adorno).
Disentis / Mustér ist Endstation zweier Eisenbahnen: der Rhätischen und der Furka-Oberalp-Bahn. In den Sechziger-, Siebzigerjahren war das leicht zu sehen. Die Züge der Rhätischen waren grün, die der Furka rot. Dann hat die Rhätische einen roten Zug bekommen, einen neuen und schnelleren, und alle wollten mit dem roten fahren, und irgendwann sind alle Züge rot gewesen, wie sie es jetzt sind.
Im Winter unterscheiden sich die Lokomotiven, die vom Berg herunterkommen, von den anderen, die von unten heraufkommen, dadurch, dass sie strapaziert, weiss vom Schneestieben sind, man sieht, dass diese Maschinen alles gegeben haben, um durch Sturm und Schneemassen zu kommen, und sie werden zu wohlwollenden Tieren, den Menschen sympathisch und von ihnen respektiert. Ohè, die schneeverstaubten Lokomotiven der Furka-Oberalp sind der Beweis dafür, dass es Maschinen mit einer Seele gibt, selbstbewusste, solche, die wissen, dass sie unersetzlich sind.
Über dem Bahnhof erstreckt sich das Kloster, ebenfalls weiss wie eine winterliche Lokomotive, kurzum: wie ein fünfstöckiger Zug, bereit, talabwärts zu fahren. Aber was wollte Disentis sein klosterlos, um Gottes Willen, ohne das Kloster, diese christliche Lokomotive, diese Kulturfestung, diese Fassade mit hundert Fenstern, diesen Ort der betenden Mönche und der lernenden Studenten.
Ideen
Für den Touristen gilt gemäss Reiseführer das Folgende: «Die Region Bündner Oberland oder die Surselva, wie die Region im Rätoromanischen genannt wird, umfasst das Gebiet des Vorderrheintals zwischen dem Flimser Wald und dem Piz Badus, wo der Vorderrhein entspringt, sowie die Seitentäler, Lugnez, Safien und Val Medel.» Das wird auch so in der Schule gesagt. Für denjenigen, der von unten heraufkommt, ist der Grosse Wald zwischen Trin und Laax das Tor zur Surselva: Was über diesem Wald ist, ist die Surselva, was unter diesem Wald ist, ist die Sutselva. Von hier aus wurde die Gegend ein erstes Mal bevölkert. Von unten herauf kam auch die römische Kultur, später die deutsche, dann die Reformation. Die Christianisierung kommt mit Sandalen über den Oberalp, mit den Mönchen, den Missionaren, wie es die Legende will. Über den Lukmanier kommt die Gegenreformation. Die Revolution kommt 1799 mit Kanonen über den Oberalppass und kurz später noch von unten herauf, unterwirft und brandschatzt. Die Gegenrevolution kommt in der Person eines alten Generals über den Panixerpass, plündert das Dorf, frisst alles auf, tötet die Haustiere, vergewaltigt die Frauen, wird 1999 von den Panixern gefeiert. So sind die Ideen, die Ideologien, das Tal herauf gegen den Rhein oder die Pässe herunter mit den Rheinen gekommen und haben sich zum Teil miteinander vermischt. Einzig die Aufklärung vermochte kaum von Frankreich über die Pässe zu blasen, wie der Historiker des Klosters Disentis, Pater Iso Müller, mit Befriedigung konstatiert: «Der kalte Hauch der Aufklärung wehte in der Cadi wenig oder gar nicht.» Cadi ist das Haus Gottes, das Kloster und die Gemeinden in seinem Umkreis bis und mit Breil.
Über die Pässe sind die Walser gekommen, hinunter ins Safiental, hinunter ins Valsertal, nach Obersaxen, Medel und Tujetsch. Ohne grosse theoretische Ideologien sind sie gekommen, um zu leben und zu bleiben, haben ihre Holzhäuser zu bauen begonnen, das Landschaftsbild revolutioniert. Sie haben ihre Höfe in die Wildnis gestellt, Haus und Stall auf diesen Hang, Haus und Stall auf jenen Hang. Ganz anders als die geschlossenen Dörfer der romanischen Bevölkerung. Mag dies ein abgedroschenes Klischee sein, für beide Kulturen galt das Axiom des Vriner Architekten Gion Antoni Caminada (*1957): «Bauen ist Leben und das Leben ist die Norm des Architekten. Wer das vergisst, verfällt der Beliebigkeit. Für das Bauen wesentlich ist der Ort, denn aus ihm kommt der Entwurf. Auch im Wechselspiel mit dem Fremden. Das Neue, welches entsteht, weist zum Ort und deutet zugleich über den Ort hinaus. Das war schon immer so …» Es wurde später vergessen. Die Hochkonjunktur hat andere Gesetze gehabt. Sie hat aus Bauzeichnern «Architekten» gemacht, die gezeichnet und gebaut haben nach dem Stil: «Baufreiheit für uns Bauzeichner, die wir Architekten sind, und für alle Bauherren», und «Jeder kann bauen, wie und wo er will, er muss es ja selber bezahlen.» Die Hochkonjunktur hat nicht wissen wollen, dass jedes Gebäude in einer Landschaft steht und also eine öffentliche Dimension hat. So kommt es, dass die Bauten der letzten Jahrzehnte den Geschmack der Bauzeichner widerspiegeln. Das ist die absolute Autonomie des einzelnen Bürgers und Bastlers. Die Demokratie des Privaten, die zum Terror wird für ganze Generationen, weil sie gestraft sind, solche Pfuschereien ein Leben lang anzusehen. Jeder Bürger hat seinen eigenen Stil fabriziert, darum haben viele Dörfer keinen Stil mehr. Es herrscht dort ein Tuttifrutti von Bauereien, ein Gebastel von Stilen. Andere Dörfer haben Charakter behalten, Charakter entwickelt. Beispiel Vrin: Wenn Bauen Leben ist, hat Bauen allein einfach und funktional zu sein, keine Kopie, keine Kulisse, nicht Maske, nicht Schnörkel. Die Architektur wird zur öffentlichen Sache, wird selbst funktional, indem sie den Bergdörfern Struktur, Infrastruktur gibt; indem sie dafür sorgt, dass der Bauer, dass der Arbeiter, dass die Strasse, dass die Kirche, die Lebenden, die Toten im Dorf bleiben; indem sie möglichst mit den vorhandenen Materialien – Holz und Stein – arbeitet und so die Arbeit im Dorf behält. Architektur ist nicht mehr Selbstdarstellung des Bauzeichners oder des Bauherrn.
Die Pässe
Über die Pässe sind also Ideen gekommen, Immigranten, aber auch Sarazenen zu Pferd, Militär. Unsere Leute gingen in die andere Richtung sul cuolm («über den Berg»), wie man sagte. Der Pass war der Berg: Die Alten sagten Cuolm d’Ursera (Urserenberg), nicht Pass Alpsu (Oberalppass), sagten für den Gotthard il Cuolm Avelin (Vogelberg). Noch heute sagen die Walser Valserberg, Safierberg. Also Berg als Ort des Durchgangs. Aber ir sul cuolm hiess auch, für immer zu gehen, in das gelobte Land, wo es vielleicht keine Berge gab und Ängste und Schrecken. Heute heisst ir sul cuolm nach Lugano fahren und schnell einen Café trinken, in Lederrüstung mit Nieten und Fransen. Auf der Passhöhe mach einen Halt, trink und friss und schau herum, zum Beispiel mit den Augen eines Saxofonisten. Werner Lüdi: «… Falafelstand. Der steht neben der Würstchenbude. Diese steht neben dem Gelato-Paradiso. Dem T-Shirt- und Mützentreff. Dem Postkarten- und Souvenirshop. Mountainbiker keuchen die Tremola herauf … Schwere Motorräder heulen auf. Wohnmobile werden in Parklücken eingewiesen. Autocars verbreiten Benzinschwaden. Väter strecken ihr müdes Kreuz … Mütter wickeln Säuglinge, Langläufer auf Rollbrettern ziehen an Picknickern vorbei, Jogger trinken aus Pappbechern.»
Die Berge
Die hohen Berge haben die Fremden verherrlicht, und wegen ihnen haben wir gemerkt, dass sie um uns sind. Sie sind für uns nicht majestätische Kathedralen, ewige, reine. Zwar vielleicht schon ewiger als der ewige Schnee, aber die Berge sind Berge, nicht Freiheitssymbole, nicht intakt, nicht virginal, keine Kontraste zur Zivilisation. Wir wissen noch heute kaum ihre Namen. Das interessiert uns nicht. Weil die höchsten überhaupt nicht vom Rheintal aus zu sehen sind, sind sie irgendwie virtuell. Vom Tödi reden alle respektvoll, fast leise, wie wenn sie über den Everest reden würden, er ist schliesslich auch unser Everest. Und von beiden Bergen wissen wir gleichviel, nämlich nichts. Fazit: Tödi und Oberalpstock sind zwar respektable Grössen, aber unbekannte, darum brauchen wir auch fast exklusiv ihre deutschen Namen statt der romanischen Russein und Tgietschen.
Der Berg ist für uns also anonym. Von der Masse der Berge um uns kennen wir weder Silhouette noch Name. Sie verstehen sich für uns von selbst, ohne Etikette. Sie gehören zu uns. Wir sind die Berge. Landschaften ohne Berge wären für uns keine richtigen Landschaften. Sind das überhaupt Landschaften? Gibt es überhaupt solche? «Gibt’s Länder, Vater, wo nicht Berge sind?» Das ist die Frage, die den Bergler am besten charakterisiert. Hier hat es Schiller auf den Punkt gebracht. So fühlen wir. Aber wenn er, vom Nebel des deutschen Idealismus umhüllt, «Auf den Bergen ist Freiheit!» posaunt, dann ist das ein Flachländer, der etwas behauptet; dann verwandelt er sich in einen Touristen oder im schlimmsten Fall in einen Werbeagenten, der seine Platte aufgelegt hat. In den Bergen, meinen jene, sei die Freiheit in dem Sinne zu verstehen, dass sie tun können, was sie wollen: zelten, ihre Hunde frei und ungehindert herumspringen lassen, hinter jedem Stein die Hosen runterlassen etc. Für uns sind die Berge Tyrannen, die Perspektive, Geist und alles eingrenzen und einengen. Jahrhunderte haben sie uns im Winter – das ist das halbe Jahr – von der Aussenwelt abgeschnitten, isoliert. Immer haben sie mit Lawinen gedroht. Eingeschlossen zu sein, war normal. Heute sind wir daran nicht mehr gewöhnt. Die Strassen haben offen zu sein, damit die Fremden abhauen können, wenn es darauf ankommt. Lawinen, ja cool, aber bitteschön nicht, wenn wir Ferien machen.
Neben den grossen Bergen mit ihrer Aura des Unerreichbaren ist eine andere Sorte Berge zu nennen, eine Art volkstümlicher Berge. Wenn man von unten heraufkommt und durch Flims hindurch im Stau steht und vor den Deutschen Acht gibt, die auf die Klötze treten und mit dem Blinker weder ein noch aus wissen, ist da einmal der Flimserstein mit seiner titanischen Wand über dem Dorf; würdige Wand, um daran einen himmelstürmenden Prometheus zu schmieden, ein horizontaler Berg ohne Spitze, der oben eine Ebene ist, eine Alp. Er ist immer noch ein Handlungsort für verschiedene Märchen und Sagen, wo Berge stürzen, Blitze blitzen, Kühe verschwinden, wo Hexen ihre Rituale machen, wo uralte Eulen landen und ihre kauzigen Kommentare geben.2 Dann, schaut man geradeaus, erblickt man den Crap Sogn Gion und den Crap Masegn, jetzt magische Kulthügel für Snöber und Carver. Diese bedauernswerten Berge müssen im Winter täglich Tausende von bunten Leuten ertragen, die über sie hinwegflitzen. Wäre es nach den Touristikern gegangen, hätte man sie in Crap I und Crap II umbenennen sollen, scheinen doch diese Bergkuppen mit ihren zungenbrecherischen Namen gegen die hektische Invasion zu protestieren. Wenn die Show der Meute vorbei ist, wenn die Sonne untergegangen ist, beginnen die Pistenmaschinen den Berg hinaufzuschaben. Und jetzt, wenn unser Auto diese «Topregion des Tourismus» hinter sich lässt und gegen Ilanz fährt, sehen wir bald vor uns den vierten volkstümlichen Berg, den Péz Mundaun, den Eckpunkt zwischen dem Rheintal und der Val Lumnezia, von den Lehrern seines Panoramas wegen als Bündner Rigi bezeichnet, jedem surselvischen Schüler der obligatorischen Schulreise wegen, die er mit kurzen Hosen einmal nach dorthin gemacht hat, bekannt.
Eine ganz spezielle Sorte von Bergen sind die heiligen Berge. Heiliger Berg meint hier nicht das Numinose, welches jedem Berg anhaftet, meint auch nicht Berge mit aufgepflanztem Kreuz, womöglich mit romanischen oder lateinischen Sprüchen daran, z.B. E montibus salus – diese Kreuze der Kreuzfahrer mit ihrer Wahnidee, erobern zu müssen. Die heiligen Berge sind im besten Fall mit Antennen und Schirmen bespickt, nationale Berge, je näher dem Gotthard desto hohler.
Die Murmeltiere
«Gibt es hier auch Wild?» Standardfrage des Touristen. «Ja es gibt hier auch Wild», sagt der Jäger, «aber lesen Sie lieber Adorno. Sie sehen aus wie einer, der Adorno liest!» Jäger zitiert feierlich Adorno mit romanischem Akzent: «Wer einmal den Laut von Murmeltieren hörte, wird ihn nicht leicht vergessen. Dass er ein Pfeifen sei, sagt zu wenig: es klingt mechanisch, wie mit Dampf betrieben. Und eben darum zum Erschrecken. Die Angst, welche die kleinen Tiere seit unvordenklichen Zeiten müssen empfunden haben, ist ihnen in der Kehle zum Warnsignal erstarrt; was ihr Leben beschützen soll, hat den Ausdruck des Lebendigen verloren. In Panik vorm Tod haben sie Mimikry an den Tod geübt.»
Tourist ist von diesen Beobachtungen Adornos begeistert. Jäger denkt für einen Moment daran, Touristen eventuell mitzunehmen, um das echte Murmeltier zu zeigen, die Gemse, den Steinadler. Steinadler ist für Touristen die Krone der Tiere der Alpen. Er würde verwundert fragen: «Steinadler hat es?» Aber die Frage wird gar nicht gefragt. Der Respekt vor dem Murmeltier des Philosophen lässt den Fremden selbst den sonst so begehrten Steinadler vergessen.
Die Murmeltierwachen stehen wie Hydranten oder Buben mit langen Pelerinen oben in den Geröllhängen. Drehen einzig manchmal mechanisch den Kopf um fünfzehn, um dreissig, um fünfundvierzig Grad, während der Körper ganz still Männchen macht.
Die Heimat
Die Surselver sind stolz auf die Surselva, das ist ihre Heimat, nicht die Schweiz. Nicht einmal im Ausland würden viele Surselver, wenn sie gefragt würden, sagen, dass die Schweiz ihre Heimat sei. Einzig, wenn sie in einem Chor sind, singen sie das mit klaren Stimmen, sie sind also nur im Männerchor Schweizer Patrioten. Dies, weil sie, was sie singen, nicht verstehen wollen und weil sie, sich der Autorität des Dirigenten unterwerfend, nicht wagen zu sagen: «Diesen Text singen wir nicht.» Die Texte der Lieder machen mit unseren Sängern, was sie wollen. Die absolute Autorität des gereimten Wortes. Für die Surselver, wenn sie nicht singen, hat die Schweiz etwas mit Eidgenossen, Lanzen und Hellebarden zu tun, mit Bern, mit Sempach, mit Zürich, aber nicht mit der Surselva. Für die romanischen Surselver ist Surselva noch mehr Heimat, wegen ihrer Sprache, die nach der Landschaft das Sursilvan genannt wird. Heimat hat also auch etwas mit Sprache zu tun – nein enger –, mit Dialekt. Die Engadiner sprechen ja auch Romanisch, aber nicht unser Romanisch. Darum ist das Engadin nicht die Heimat der Sursilvans. Im Engadin fühlt sich der Sursilvan als Deutscher. Er wird deutsch angesprochen, hat Preise wie die Touristen zu bezahlen, müsste von allem begeistert sein. In Laax auf der Piste sind die Einheimischen, die im Umkreis von zwanzig Autominuten wohnen, Touristen, man redet deutsch mit ihnen, sie haben Preise wie die Fremden zu bezahlen, sollten von der Landschaft begeistert sein, welche ein Zirkus zu sein hat, «Weisse Arena», alpiner Kampfplatz des surselvischen Amphitheaters. Die Imperatoren des weissen Schnees haben die Berge geglättet, den Gletscher behandelt, Steine liquidiert, Wald umgeworfen, Erde aufgewühlt, Kanonen aufgerichtet, Natur beleuchtet. Das wollen die Gäste so und wer zahlt, befiehlt: die Alemannen, die Deutschen, die Italiener, die Holländer, die einheimischen Touristen. Unsere Landschaft ist Produkt geworden. Wie ist es merkwürdig, Tourist in der Heimat zu sein. Arena ist nicht Heimat. Heimat ist dort, wo du nicht Tourist bist, dort, wo du keine Souvenirs kaufst, wo du nicht ständig den Fotoapparat dabei hast, wo du die Museen nicht kennst. Vielleicht dort, wo du dich zu Tode schuftest. Nein, dort ist es schon nicht mehr Heimat. Das wissen die Sursilvans in der Fremde am besten. Dieser Typ von Sursilvan ist aus ökonomischen Gründen in die Schweiz ausgewandert, wegen besserer Lohnperspektiven, der Karriere wegen. Er macht Ferien in der Heimat, besitzt dort ein Maiensäss, eine Wohnung, kommt im Sommer, um Servelas zu grillieren, und im Winter, um Ski zu fahren. Er ist einheimischer Tourist, eine Art sanfter Tourist. Er erzählt ständig, wie es früher hier war. Heimat ist das, was du meinst gehabt zu haben, «was die Zeit unter ihrem Schutt zudeckt; was wir verlieren, ohne vergessen zu können», sagt Iso Camartin. Dann hätte Heimat auch etwas mit Erinnerungen zu tun. Surselvische Heimat ist dort, wo ich das Bild der Dörfer, die Lawinenzüge, das Abschüssige der Hänge, die Bahnen der Pisten, die Neugier der Steinböcke, die Umrisse der Berge kenne oder zu kennen meine, wo ich weiss, an welchen Ecken Geschwindigkeitskontrollen gemacht werden, wo es richtige capuns zu essen gibt. Die Tarotkarten sind Heimat, die Musikgesellschaft, die Jungmannschaft, der Skiclub, das Jagdgesetz.
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