Kitabı oku: «Die Grenze»

Yazı tipi:

Leon Grüne

Die Grenze

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

1. Teil

1

2 Zwanzig Jahre später

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

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2. Teil

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47

48

3. Teil

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53

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57

58

59

60

4. Teil

61

62

63

64

65 Eine Woche später

Impressum neobooks

Prolog

Herzrasen. Gänsehaut. Schwitzen. Paranoia. Klamm. Schauer. Oder allgemein gesagt: Angst. Was genau ist Angst? Was löst sie aus? Wie kann man mit ihr umgehen? Kann man die Angst als Solches überhaupt definieren? Aber vor allem: Ist die Angst überhaupt etwas Reales? Verurteilen Sie mich nicht, aber ist Angst nicht im Grunde genommen das Denken an ein meist unwahrscheinliches, fiktives Ereignis in der Zukunft und somit nichts weiter als eine bloße Was-Wäre-Wenn-Konstruktion in unserem Kopf? Genau wie wir uns mit dem Alter entwickeln und dazulernen, entwickelt sich auch unsere Angst weiter und lernt mit der Zeit dazu. Sie ist nichts Starres oder ein durch Normen festgelegtes Konzept, welches bei jedem Menschen die gleiche Anwendung findet. Sie ist viel mehr ein starkes und denkendes Individuum, welches in uns lebt und einen bemerkenswerten Einfluss auf uns hat. Unsere Angst prägt das Leben, das wir haben, wie nichts anderes.

Erinnern Sie sich einmal an Ihre Kindheit zurück. Wovor hatten Sie Angst? Vor Vampiren, Werwölfen und Monstern mit rasiermesserscharfen Zähnen und riesigen Klauen, nicht wahr? Und wovor haben Sie jetzt Angst? Vor Insolvenz, beruflicher Instabilität, Inflationspreisen und der eigenen Unzulänglichkeit. Ich denke, Sie wissen, worauf ich hinaus will. Schlussendlich definiert sich der Mensch über die Entscheidungen, die er trifft. Und im Endeffekt liegt jeder Entscheidung, die wir treffen, eine bestimmte Angst zugrunde. Diese muss nicht einmal zwangsläufig von enormer Präsenz oder besonderem Schrecken sein, um einen Einfluss auf unsere Handlungen zu haben.

Die Angst, die man wirklich üblicherweise als solche definiert, ist eine gänzlich andere. Es ist das Herzrasen, das man empfindet, wenn man nachts als Kind im Bett liegt und glaubt, ein Monster, das einen jede Sekunde mit Haut und Haaren fressen könnte, würde unter dem Bett liegen. Es ist die Paranoia, die man nach dem Ansehen eines Horrorfilms empfindet und einen dazu bringt, sich fast kontinuierlich nach allen Richtungen umzusehen um festzustellen, dass man tatsächlich alleine ist. Es ist der Schauer, der einem über den Rücken läuft, wenn man ein Geräusch, welches man sich nicht erklären kann, in der Dunkelheit hört.

Die eigentliche Angst ist immer darauf aufgebaut, sich selbst in einer potenziellen Gefahr zu sehen. Das Fiktive in diesem Szenario nehme ich mir aus dem Grund heraus, dass ich der festen Überzeugung bin, dass die einzige Angst, die wir haben, die vor der unbekannten Gefahr ist. Jede andere ist eine Angst im Luxus, die uns weder die ganze Nacht lang wachhält, noch uns die Haare zu Berge stehen lässt. Doch trotz der Entwicklung unserer Angst, die sie von der Angst der Fiktion zu der Angst des Luxus nimmt, bleibt eine Angst unveränderlich und allzeit gegenwärtig. Die Angst, dass die Monster, die wir unser Leben lang gefürchtet haben, im Endeffekt nicht bloß fiktiv, sondern erschreckend real sind.

1. Teil

Der Anfang ist die Hälfte des Ganzen.

- Aristoteles

Leben und Tod sind eins,

Sowie der Fluss und das Meer eins sind.

Traut den Träumen,

Denn in ihnen ist das Tor zur Ewigkeit verborgen.

– Khalil Gibran

Ain’t that a shame

My tears fell like rain

Ain’t that a shame

You’re the one to blame

- Fats Domino

Hit the road, Jack

And don’t you come back

No More, No More, No More, No More

– Ray Charles

1

Es war der Morgen eines ganz normalen, kalten Sonntags im Dezember, an dem es passierte. Wie jeden Sonntag machten Benjamin und Kris mit ihren Eltern einen Ausflug zu dem großen See, der etwa zwei Kilometer entfernt von ihrem Haus lag, um eine halbe Stunde dort spazieren zu gehen. Eigentlich war es nicht anders als an den bisherigen Sonntagen, die sie mit einem Spaziergang begannen. Vorneweg lief Kris mit seiner Mutter, um sich über die Schule und alles andere zu unterhalten, das seinen Vater nicht interessieren würde. Dahinter liefen Benjamin und sein Vater, die sich über die Weltwirtschaft, die aktuellen Börsenkurse und wie Frederick Christ Trump es schaffte, zum Multimillionär aufzusteigen, austauschten. Alles Themen, die ihn in den Augen seines eigensinnigen Herrn Vaters interessieren mussten, um tatsächlich etwas aus dem eigenen Leben machen zu können.

Nur ein Leben in Wohlstand ist ein gutes Leben, war sein Leitmotiv. Er selbst war ein großer Unternehmer in der Tierfuttermittelbranche. Ihm gehörten mehrere Firmen, die von den Landwirten beauftragt wurden, Futter zu liefern, welches Schweine und Rinder besonders gut und schnell mästete, Kühe mehr Milch produzieren ließ und das alles mit möglichst günstigen und oft auch mehr als unmoralischen Methoden. Es war kein sauberes Geschäft, das unbedingt zur Nachhaltigkeit und der bioökologischen Landwirtschaft beitrug, aber es war ein Geschäft, das sich rentierte, und nur darauf kam es an. Die „Food for Food Corporation“, wie sich das Unternehmen seines Vaters nannte, wurde bereits mehrfach für ihre Arbeit und das offensichtlich rein ökonomische Image kritisiert, aber das störte seinen Vater nicht weiter, denn dies waren in seinen Augen bloß die eifersüchtigen Stimmen der schlecht verdienenden Menschen, die mit ihrer Gutmenschlichkeit niemanden außer sich selbst beeindrucken konnten. Er sorgte sich nicht um Nachhaltigkeit, den Gedanken an eine saubere Umwelt oder qualitativ hochwertiges Bio-Fleisch von Tieren aus artgerechter Haltung. Das, was für ihn wichtig war, war nicht die Vorstellung einer sauberen Umwelt, annehmbare Lebensstandards für künftige Generationen oder der Erhalt gefährdeter Tierarten. Sein Geld, sein Wohlstand und seine Ideologie waren die wichtigen Punkte, die zu jeder Zeit erhalten werden mussten. Abschweifungen oder gar Änderungen unerwünscht. Und aus diesem Grund gingen die vier auch an diesem kühlen Sonntagmorgen, wie jede andere Woche auch, in der üblichen Formation um den See herum.

Geräuschvoll knirschte der Schnee unter Kris Winterstiefeln. Die gesamten letzten Tage hatte es stark geschneit und die Landschaft in ein weißes Wunderland verwandelt. Doch am heutigen Morgen war es wärmer geworden, und die weiße Landschaft begann, sich langsam zu lichten und in dem Licht der Sonne dahinzuschmelzen. Kris‘ Mutter trug einen roten Wintermantel, der ihr bis zu den Knien reichte, sowie einen Pelzhut, der einen stark an die typisch russische Winterkleidung erinnerte. Sie war wunderschön, dachte Kris, als er seiner Mutter ein Lächeln zuwarf, welches sie bedingungslos erwiderte. Im Gegensatz zu seinem Vater war sie ein wahrer Engel auf Erden, den nichts erschüttern konnte. Sie war wie der Fels in der Brandung, der für alles und jeden einen starken Rückhalt bildete und sowohl den Schmerz als auch die Trauer, die bei ihr ausgelassen wurde, wie ein professioneller Seelsorger abfederte. Für Kris war sie die stärkste Frau der Welt, aber das war jede liebende Mutter für ihre Kinder.

Einige Meter hinter ihnen flachte die Stimmung jedoch ab. Kris verstand nicht viel von dem Gespräch zwischen seinem großen Bruder und seinem Vater, aber das, was er hörte, war nichts Erfreuliches. Wie so oft schien Benjamin sich wieder einen Vortrag über den aktuellen Aktienkurs und sinnvolle Investments der Zukunft anhören zu müssen.

„...das Gold liegt in den Immobilien. Mit ihnen wirst du dir ein Vermögen aufbauen können, von dem die meisten nur träumen können. Frederick Trump hat das erkannt und so angefangen sein Geld zu machen. Seine Mutter musste sein Unternehmen gründen, weil er noch zu jung dafür war, aber er hat Rückgrat und Können bewiesen und ist zu dem geworden, was er jetzt ist. Ich meine, sieh dir nur an wie ...“

So ging das Gespräch – eher der Monolog seines Vaters – pausenlos weiter und mit jedem Wort, das von den beiden zu ihm nach vorne durchdrang, war Kris ein Stück weit glücklicher, dass er nicht sein Bruder war.

„Was ist eigentlich mit diesem Mädchen, mit dem du dich triffst?“, fragte seine Mutter schmunzelnd. Vollkommen perplex und auch mit einer gewissen Röte stierte er sie an.

„Wie kommst du darauf?“, fragte er überfordert und versuchte seine Unschuld hinter einem verlegenen Lachen zu verbergen. Er war jetzt fünfzehn Jahre alt und zum ersten Mal richtig verliebt in ein Mädchen, das gemeinsam mit ihm in eine Klasse ging.

„Du hast dich noch nie so oft mit deinen Freunden verabredet wie in den letzten zwei Monaten, und du besetzt andauernd das Telefon“, sagte sie und lächelte ihn verschmitzt an. Im Gegensatz zu Benjamin wurde Kris nicht von allen Freuden und Freizeitaktivitäten isoliert, um sich den wichtigen und intellektuellen Dingen hinzugeben. Es war nicht notwendig, dass auch er auf ein so erfolgsorientiertes Leben geprägt werden würde, wenn Benjamin es bereits wurde. Man brauchte schließlich keine zwei Thronerben. Da war es in Ordnung, wenn die „Vertretung“ des Haupterben nicht demselben Ideal entsprechen würde. Verdutzt und mit einem nervösen Lächeln senkte er den Blick auf die Kieselsteine, die vor ihm auf dem Weg lagen.

„Aber das muss doch nicht zwangsläufig bedeuten, dass ... nun ja, dass es da jemanden gibt“, versuchte er sich verlegen rauszureden.

„Ich bin deine Mutter. Du kannst mir nichts vormachen.“

Sprachlos und überfordert kratzte er sich am Hinterkopf.

„Wie heißt sie denn?“

„Mia“, antwortete er nach anfänglichem Zögern und sein nervöses Lächeln verlor mit einem Mal jede Spur von Verlegenheit.

In diesem Moment liebte er seine Mutter noch mehr, als ohnehin schon und war glücklich, dass er endlich kein Geheimnis mehr aus seiner heimlichen Schwärmerei machen musste. Jeder, der Ähnliches schon einmal erlebt hatte, kannte das Gefühl von Erleichterung und Zuneigung, das einen überkam, wenn man das erste Mal vor seiner Mutter von dem Mädchen zu schwärmen begann, mit welchem man sich eine schöne Zukunft erträumte. Es war kein Gefühl, das man mit Leichtigkeit beschreiben oder in Worten präzise ausdrücken konnte. Man müsste ein eigenes Wort erfinden, das die Emotionen und die Gedanken, die in diesem Moment über einen selbst hineinbrechen, beschreiben könnte, doch es gab kein Wort, welches so viele Gedanken zusammenfassen könnte.

„Wie ist sie so?“, löcherte seine Mutter ihn gnadenlos.

„Sie ist ...“, begann Kris glücklich, aber wurde just von seinem Vater unterbrochen, der hinter ihnen zu brüllen anfing.

„Was machst du denn da?!“, tönte die laute wütende Stimme seines Vaters empört.

„Sie sind da! Siehst du sie nicht? Da auf dem See!“, entgegnete Benjamin aufgeregt und versuchte, sich von seinem Vater loszureißen, der ihn am Arm gepackt hatte. In Sekundenschnelle hatten Kris und seine Mutter sich zu ihnen herumgedreht und sahen das groteske Schauspiel, das sich gut dreißig Meter hinter ihnen vollzog. Wie ein Wahnsinniger zog Benjamin an dem Arm seines Vaters, um ihn näher an den See zu bringen, und wurde gleichzeitig von diesem festgehalten, dass er nicht wegrennen konnte.

„Hör sofort auf mit dem Unsinn!“, brüllte er seinen Sohn an und riss ihn gewaltsam einen halben Meter zurück.

„Sie rufen mich Vater, hörst du es nicht?“, redete Benjamin unbeeindruckt weiter vor sich hin. Neben Kris und seiner Mutter kam ein Jogger zum Stehen und beobachtete die Szene aufmerksam.

„Ich warne dich Benni, wenn du nicht sofort aufhörst, dann stecke ich dich bis an dein Lebensende in die Psychiatrie!“

„Sieh doch, Vater, wie sie mir zuwinken. Sieh doch, wie sie sich freuen, dass wir zu ihnen kommen.“

„Du kommst nur noch in eine Gummizelle, so, wie du mich hier zum Affen machst! Du bist ja vollkommen wahnsinnig!“, erwiderte sein Vater aggressiv.

Geschickt drehte Benjamin sich so aus dem eisernen Griff seines Vaters heraus, dass dieser lang hinschlug und sich die Wange an einem scharfkantigen Stein, der auf dem Weg lag, aufschnitt.

„Hörst du nicht ihr liebliches Lachen? Siehst du nicht, wie sie mich zu sich winken?“, fragte Benjamin und begann auf den zugefrorenen See zu gehen.

„Bleib sofort stehen!“, brüllte sein Vater schwer atmend und versuchte, sich auf dem rutschigen Boden aufzurichten. Seine gesamte Kleidung war beschmutzt mit Erde, und einige Wasserflecken von dem geschmolzenen Schnee prangten auf seinem Mantel wie Flecken von verspritzter Tinte. Ein altes Ehepaar ging beschämt an ihm vorbei und versuchte den Blick bestmöglich auf etwas anderes zu richten. Aus irgendeinem Grund schien der Kies, auf dem sie gingen, besonders interessant geworden zu sein.

„Benni nein!“, brüllte nun auch seine Mutter panisch. Der Schock des Unerwarteten hatte Kris so stark getroffen, dass er immer noch unfähig zu sprechen oder sich zu bewegen auf der Stelle verharrte. Hinter Benjamin begannen sich Risse auf der dünnen Eisschicht des Sees zu bilden. Etwa fünfzig Meter fehlten ihm noch, dann wäre er in der Mitte des Sees angelangt.

„Führt mich, ihr wundersamen Lichtgestalten. Nehmt mich mit euch ins Paradies“, rief er voller Freude und mit einem Strahlen, das sich über sein ganzes Gesicht ausbreitete.

„Junge, komm zurück!“, brüllte sein Vater zornig, aber auch mit Sorge in der Stimme. Scheinbar verbarg sich hinter dem harten Kern in seiner Brust doch noch ein Hauch von väterlicher Liebe für sein eigen Fleisch und Blut. Mit einem Mal blieb Benjamin kurz vor der Mitte des Sees stehen und schaute fasziniert in den Himmel.

„Kris! Mutter! Seht ihr sie? Seht ihr nicht auch Aphrodite? Seht ihr, wie sie uns den Weg ins Paradies zeigen will? Seht ihr sie?“, rief er laut und zeigte hüpfend vor Freude in das blaue unendliche Nichts des klaren Himmels.

„Benni, komm wieder her!“, schrie sie ängstlich. Die Risse in dem Eis wurden mit jedem Sprung, den Benjamin machte, größer und bedrohlicher. Von diesem Moment an spielte sich Kris Erinnerung an diesen Morgen nur noch wie in Zeitlupe ab. Abrupt hörte Benjamin auf zu springen und warf seiner Mutter ein warmes Lächeln zu. Eine Träne rollte über ihre Wange und fiel lautlos auf den matschigen Kiesweg unter ihren Füßen. In einiger Entfernung machte Kris Vater einen Schritt aufs Eis, um zu Benjamin zu gelangen und ihn vom Eis wieder herunterzuholen. Dann passierte das, was sich von der ersten Sekunde an, in der er auf den See gerannt war, angebahnt hatte, und das Eis begann mit einem deutlich hörbaren Knacken unter seinen Füßen zu brechen. Noch ehe Kris oder seine Eltern realisieren konnten, was passiert war, versank Benjamin in sein dunkles, kühles Wassergrab. Das Einzige, woran Kris sich später noch erinnern konnte, war, dass er Minuten später, als die Rettungskräfte kamen, glaubte, ein paar Lichterkugeln über der Stelle tanzen zu sehen, an der sein Bruder versunken war.

2 Zwanzig Jahre später

In der Nacht vom 20. auf den 21. September gingen die Sirenen. Ungestört raste der Rettungswagen über die leeren Straßen auf dem Weg zu dem Einfamilienhaus, aus dem der Hilferuf des völlig aufgewühlten Vaters eingegangen war. Doch an diesem Abend, so wie an vielen folgenden Abenden, lärmten die Sirenen des Rettungswagens vergeblich, denn der Junge war bereits tot.

3

Dulingen war eine glanzlose Stadt. Sie war weder für ihre vielfältigen Einkaufs- oder Shoppingmöglichkeiten bekannt, noch konnte sie mit einer besonders interessanten Geschichte dienlich sein. Dulingen war ein Nichts. Dulingen war Staub und Ziegel. Im Mittelalter einmal war sie kurz davor, zu einer Grafschaft aufzusteigen und ein nicht grade unbedeutender Handelspartner von Karl IV. zu werden, aber das war auch schon alles, was es Interessantes zu sagen gab. Die Pest, auch bekannt als schwarzer Tod, verwehrte den Dulingern jedoch die Möglichkeit des Aufstiegs. Denn durch die Krankheit halbierte sich die Bevölkerung in der Mitte des 14. Jahrhunderts, und sie verlor sowohl Land, als auch Einfluss und Ressourcen. Inzwischen ist Dulingen zu einer Kleinstadt mit knapp fünftausend Einwohnern, einer weiterführenden Gesamtschule, einem Supermarkt, einem eigentlich viel zu kleinen Sportplatz mit einer Aschelaufbahn, einer veralteten Turnhalle, reichlich Kleinkrämerläden und einem US-amerikanischen Automobilzulieferer, der dort einen seiner vielen Auslandsstandorte bezog, geworden. Nicht mehr als ein unauffälliger Fleck auf der Landkarte zwischen Barsinghausen und Springe, den man nur beim genauen Hinsehen entdecken würde. Alles in allem war es eine ziemlich charme- und reizlose Kleinstadt, die man möglichst schnell hinter sich lassen wollte.

Die Menschen in Dulingen waren, grob zusammengefasst, zum Großteil junge Erwachsene und frisch gebackene Eltern, die auf der Suche nach einer nicht allzu teuren, aber trotzdem halbwegs annehmbaren Wohngelegenheit dort gelandet waren. Man könnte es ebenso gut als Stadt der gescheiterten Träume bezeichnen, denn die meisten, die nach Dulingen zogen, wollten das große Glück oder noch besser das große Geld machen und recht schleunigst wieder verschwinden, nachdem sie erfolgreich geworden wären. Doch die Zahl derjenigen, die es tatsächlich aus Dulingen geschafft und das große Geld gemacht hatten, war so gering, dass man sie sogar an einer Hand abzählen konnte, die einem Mann – oder auch einer Frau, wenn sie so wollen – gehörte, die bereits den Zeige- und Mittelfinger hätte einbüßen müssen.

Im März 1992 gelang Christopher Herzig sein endgültiger Durchbruch in seiner jungen Schauspielkarriere, und er wurde für die Hauptrolle eines Filmes engagiert, bei dem der berühmte Wim Wenders Regie führen sollte. Dabei war Wenders so begeistert von ihm, dass er ihn einen Vertrag für vier weitere Filme unterschrieben ließ, die er auf die internationale Bühne bringen wollte. Die Gage des ersten Filmes reichte aus, dass die Bank ihm einen Kredit gewährte, der ihm den Kauf eines eigenen Hauses in einem Vorort von Berlin erlaubte. Noch während der Dreharbeiten des ersten Filmes starben seine Eltern, und er verfiel in eine schwere Depression, die ihn schließlich in den Suizid trieb, indem er sich vor den Zug warf. Genau genommen war er also nie wirklich aus Dulingen weggekommen, denn er hatte zwar das Haus, in das er ziehen wollte, schon gekauft, aber umgezogen war er noch nicht. Doch auch die anderen beiden hatten Dulingen nie tatsächlich verlassen.

Melvin Stiehl erbte 2004 von seinem verstorbenen Vater ein Haus an der Nordsee, sowie mehrere tausend Euro, mit denen er sich an der Küste ein neues Leben aufbauen wollte. Doch er hatte nicht nur die schönen Dinge im Leben von seinem Alten vererbt bekommen, sondern auch einen Herzfehler, der ihm, kurz nachdem er sein neues Heim betreten hatte, den Gnadenstoß gab.

Der Letzte der drei, Georg Kempf, war ein junger Mann, welcher im Juni 2006 seine Verlobte geheiratet hatte und sich entschloss, zu ihr nach Göttingen zu ziehen. Als er auf der Autobahn einen LKW überholte, raste ihm ein neunzehnjähriger Bursche schräg von hinten in das Heck, sodass sein Wagen sich mehrmals überschlug, wobei er sich nicht nur seine Arme und Beine, sondern auch sein Genick brach. Zwar wurde der Raser wegen seiner Teilnahme an illegalen Straßenrennen für sieben Jahre in den Bau geschickt, aber auch das brachte das verunglückte Ehepaar nicht wieder unter die Lebenden.

Man konnte also sagen, dass Dulingen nicht, wie viele es wollten, ein Ort auf der Durchreise, sondern ein Ort für das gesamte Leben vor und nach dem Tod sei. Es war, als wenn der Ort die Menschen verschluckte und nicht wieder freigab. Nicht einmal nach ihrem Tod waren die drei aus Dulingen herausgekommen. Man hatte sie allesamt auf dem christlichen Friedhof von Dulingen, unweit der Kirche, beerdigen lassen.

„Sieh einer an. Schon wieder eine verlorene Seele“, witzelten die Ortsälteren jedes Mal, wenn sie ein neues junges Paar in der Stadt sahen, ohne zu wissen, wie Recht sie im Endeffekt damit hatten.

4

Es war ein sonniger Montagmorgen, an dem Kris zusammen mit seiner frisch verheirateten Juleen in das kleine Haus am Ende der Herrenhäuser Straße einzog. Ihr vierjähriger Sohn, Merlin, lief aufgeregt zwischen den Handwerkern und den Möbelpackern der Umzugsgesellschaft hin und her. Während seine Mutter ihn grade zum ungefähr tausendsten Mal ermahnte, dass er das ewige Rumgerenne doch bitte unterlassen solle, wies Kris die Möbelpacker an, das Ehebett, welches sie vorher für den Transport zum Teil auseinandergebaut hatten, in das Schlafzimmer zu bringen. Die Spedition, die sie für ihren Umzug engagiert hatten, war zum Glück alles andere als unkoordiniert, sodass der große Lastwagen mitsamt den Möbelpackern Dulingen gegen Mittag bereits wieder verließ. Eine halbe Stunde später, nachdem die Satellitenschüssel auf dem Dach angebracht und mit dem Fernseher verbunden worden war, verließ auch der schmierige Elektriker mit Haaren, die vor Fett nur so glänzten, das Haus.

Am Nachmittag waren auch Kris und Juleen mit dem Einräumen der letzten Sachen fertig und ließen sich erschöpft auf das große Sofa neben Merlin fallen, der bereits den Kinderkanal auf dem Fernseher für sich entdeckt hatte. Heute würden sie ihm etwas mehr Freiheiten gewähren als sonst. Schließlich war es auch für ihn ein aufwühlender und mit Sicherheit auch anstrengender Tag gewesen. Sollte er heute ruhig etwas Aufregung abbauen können, ehe er ab morgen wieder seine geregelten Fernsehzeiten – von 12 bis 13 Uhr und von 17 bis 18:30 Uhr - bekommen würde.

Gegen halb sechs machten die drei sich auf den Weg und erkundeten ihre neue Umgebung ein wenig. Zwar hatten sie das schon, nachdem sie sich das Haus angesehen und für sich entschieden hatten, dass sie es kaufen würden, aber immerhin lag dies auch schon ein paar Monate zurück. Auf dem Rückweg kauften sie in der Bäckerei, die sich im Eingangsbereich des Supermarktes befand, für sich einen Käsekuchen und für Merlin ein Stück Schokoladenkuchen mit Vanillepudding. Beides war verhältnismäßig trocken und schmeckte ziemlich langweilig, aber auch das spielte heute keine Rolle. Heute war es in Ordnung, dass nicht alles nach Plan lief.

Wieder zuhause angekommen, - Merlin trank einen Kakao mit drei Löffeln Pulver anstatt der üblichen zwei, denn heute war auch das in Ordnung - befüllte Kris die Kaffeemaschine für fünf Tassen Kaffee und setzte sich mit seiner braunen Ledermappe voller Briefe und anderer zu unterschreibender Dokumente auf einen der Holzstühle mit rotem Sitzpolster an den langen, rechteckigen Esstisch. Er war Arzt und hatte sich, nach nicht ganz zehn Jahren im Krankenhaus, entschieden eine eigene Praxis zu führen. Nach etlichen Bewerbungen, die alle gnadenlos abgeschmettert wurden, fand er schließlich einen Arzt in Dulingen, Dr. Beram, der für seine Praxis einen Nachfolger suchte. Umgehend schickte er seine Bewerbung ab und bekam zwei Tage später die Einladung für ein Bewerbungsgespräch.

Nachdem er zwei Jahre bei ihm als Assistenzarzt gearbeitet hatte, ging Dr. Beram in Rente und übertrug die Führung der Praxis an Kris, der wenig später aus diesem Grund in die nähere Umgebung der Praxis, nach Dulingen, zog. Nicht wenige, um genau zu sein zwei Drittel seiner Patienten, wohnten genau wie er in Dulingen und kamen jeden Montag bis Freitag zu ihm in die Praxis, um ihm von ihren Leidensgeschichten und anderen Wehwehchen zu berichten. Da er weder ein Verfechter der simplen Drei-Minuten-Medizin, noch der unorthodoxen Methode, alles im kompliziertesten und unverständlichsten Fachlatein zu erklären, das nur er selbst verstand, war, nahm er sich immer besonders Zeit für seine Patienten. Natürlich beanspruchte dies auch seine Zeit und seine Sprechstunden dauerten meist deutlich länger, als es auf dem Schild neben der Eingangstür stand, und wie immer beschwerten sich seine Patienten über die langen Wartezeiten, wollten aber zugleich selbst eine halbe Stunde mit dem Herrn Doktor reden. Wenn man selbst etwas hinnehmen muss, ist man der Erste, der direkt zeter und mordio schreit, aber wenn andere einen Nachteil haben, heißt es, dass sie sich doch nicht so anstellen sollen. Manchmal ist es schwer zu glauben, dass der Mensch tatsächlich ein intelligentes Lebewesen sein soll. Würden die verstaubten und knochigen Wissenschaftler eines Tages aus ihren Laboren, abgeschnitten von Sauerstoff und Tageslicht, hervorkommen und sich die Welt nicht bloß unter dem Mikroskop ansehen, dann würden vielleicht einige von ihnen sich an den Kopf schlagen und feststellen, dass wir alles andere als intelligent sind.

Nachdem Merlin seinen Kakao ausgetrunken hatte, verzog er sich in sein neues Zimmer und begann seine Playmobilfiguren aus dem großen Umzugskarton auszuräumen. Eine Stunde später, als Juleen nach ihm sehen wollte, fand sie ihn eingeschlafen auf dem Fußboden neben seinen Figuren liegen. Vorsichtig hob sie ihn hoch und legte ihn in sein Bett, wobei er kurzzeitig verwirrt die Augen öffnete, aber sie sofort wieder schloss und weiterschlief. Liebevoll küsste sie ihn auf die Stirn, dann ging sie zurück ins Wohnzimmer, wo Kris grade, sichtlich fertig mit dem Unterschreiben sämtlicher Dokumente, dabei war seine prall gefüllte Ledermappe zu schließen.

„Und? Was macht er?“, fragte Kris mit einem erleichterten Seufzen und griff nach seiner Tasse mit Kaffee. Es war bereits die Vierte, die er trank.

„Er ist eingeschlafen“, sagte Juleen mit einem Lächeln auf den Lippen und setzte sich auf den Stuhl gegenüber von ihrem Mann.

„Gut. Ich hatte Sorge, dass wir ihn heute wegen der ganzen Aufregung gar nicht ins Bett bekommen würden“, sagte er, wobei er ihr Lächeln müde erwiderte.

„Ich glaube, er steckt die Aufregung echt gut weg. Wir können wirklich stolz auf ihn sein.“

„Ja das stimmt“, antwortete Kris. Das Lächeln verschwand langsam aus seinem Gesicht, und er starrte nachdenklich auf die Holzmaserung des Tisches.

„Was ist los?“, fragte Juleen besorgt und strich ihm seine dunklen Haare von der Stirn, wie bei einem Kind.

„Nichts weiter“, entgegnete er und lächelte sie gezwungen an.

Sie erwiderte sein Lächeln nicht. Sie wusste, dass etwas nicht mit ihm stimmte. Sie waren schon zu lange zusammen, als dass er sie mit so einer billigen Ausrede abspeisen konnte. Früher einmal hatte sie es sich gefallen lassen, dass er nicht mit ihr über manches reden wollte, das ihn bedrückte, aber inzwischen hatte sich das geändert. Inzwischen waren sie verheiratet und hatten einen gemeinsamen Sohn. Es wäre mehr als unfair, ihr nicht zu sagen, was mit ihm los sei. Das könne er mit jemand anderem, jemand Unbedeutenderen für ihn machen, aber nicht mit ihr. Fragend und mit einem Blick, der mehr als genug sagte, musterte sie ihn sorgfältig.

„Was soll das?“, fragte sie schließlich, nachdem er immer noch keine Anstalten machte, seinen niedergeschlagenen Blick zu erklären.

„Was soll was?“

„Du verheimlichst mir etwas.“

„Wie kommst du denn darauf?“, fragte er und schmunzelte verlegen, wodurch er sich endgültig enttarnte.

„Bitte hör auf, mir etwas vormachen zu wollen, Schatz. Ich weiß doch, dass dich etwas bedrückt. Ist es wegen des Jungen? Ben Klein oder so ähnlich.“

„Ben Kleinert. Ja es ist wegen ihm. Ich verstehe einfach nicht, wie das passieren konnte“, gab er zu und griff hilfesuchend nach ihrer Hand. Sie ließ ihn gewähren.

„Der Junge war kerngesund. Er hatte gar keine Beschwerden. Er war nicht krank. Er hatte ja nicht mal eine Allergie.“

Ben Kleinert, der zehnjährige Junge, wegen dem am vergangenen Samstag in der Nacht die Sirene losgegangen war, war Freitag erst noch bei ihm in der Sprechstunde gewesen. Nicht aus einem besonderen oder drastischen Grund, sondern bloß zu seiner Jugendschutzuntersuchung 1. Das bedeutete eine körperliche Untersuchung sowie eine Urinprobe und das Ausfüllen eines Fragebogens zur allgemeinen Befindlichkeit. Nichts Hochkomplexes. Alles war unauffällig ausgefallen.

„Menschen sterben halt…“, versuchte Juleen ihren verzweifelten Mann zu trösten, doch der ging kein Stück darauf ein.

„Alte Menschen sterben halt. Menschen mit unheilbaren Krankheiten sterben halt. Menschen im Koma sterben halt. Aber ein zehnjähriger, kerngesunder Junge stirbt nicht einfach so, nachdem er eingeschlafen ist!“

Nachdenklich sah sie ihrem Mann in die Augen. Sie wollte ihm widersprechen, aber das ging nicht. Sie wusste, dass er Recht hatte. Ben war laut der Aussage seines Vaters wie jeden Abend von ihm ins Bett gebracht worden und fast sofort eingeschlafen. Nachdem er wenige Minuten neben seinem vermeintlich schlafenden Sohn saß, war ihm aufgefallen, dass sich sein Brustkorb nicht mehr hob und er keine Luft mehr durch die Nase oder den Mund ausstieß. Panisch hatte er nach seinem Puls getastet und feststellen müssen, dass er keinen mehr besaß, woraufhin er ohne zu zögern den Rettungswagen gerufen hatte.

„Ich verstehe einfach nicht, wie das passieren konnte“, wiederholte er sich und sah Juleen überfordert an.

Doch auch sie wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. Das ganze Thema war ihr unangenehm. Sie erlebte es selten, ihren Mann verzweifelt und schwach zu sehen, aber wenn sie es sah, dann jagte es ihr einen regelrechten Schauer über den Rücken. Normalerweise war Kris ein selbstbewusster und starker Mann, aber wenn er verzweifelt war, dann wirkte er fast wie ein kleines, weinerliches Kind, das mal wieder in der Schule gemobbt wurde und sich nun bei seiner Mutter ausheulen würde, während sie sich im Stillen fragen würde, was sie in ihrem Leben nur falsch gemacht hätte, um jetzt so dazustehen. Verlegen senkte sie den Blick auf das leere Glas vor ihr. Sie wollte nicht, dass ihre Illusion eines starken und unerschütterlichen Mannes an ihrer Seite zerstört wurde. Nicht heute. Eine ganze Weile saßen sie noch schweigend am Tisch und lauschten der Musik, die aus dem alten Radio hinter ihnen mit gelegentlichen Störungen lärmte. Keiner der beiden schlief heute Nacht besonders gut.

5

Mit gesenktem Kopf betrat Jonas Kleinert das Schulgebäude. Am Freitag würde sein kleiner Bruder seinen letzten Weg unter die Erde finden, und er war alles andere als bereit dafür. Noch am Freitagmorgen hatte ihr Vater sie mit Tickets für das Fußballspiel von Hannover 96 am nächsten Wochenende überrascht. Es wäre das zweite Fußballspiel gewesen, das Jonas sich im Stadion angesehen hätte. Für Ben wäre es das Erste gewesen. Sein Vater hatte die Karten am Montag an Freunde verschenkt. Ihm war die Lust auf das Stadion vergangen. Allerdings wäre es vielleicht die Ablenkung gewesen, die ihnen allen gutgetan hätte, aber wer wollte, beziehungsweise konnte schon abgelenkt werden, wenn es um den unvorhergesehenen Tod des eigenen Kindes gehen würde. Niemand, der auch nur einen Funken Liebe für seine Kinder übrig hatte, verschmerzte so etwas leichtfertig, und Ben und Jonas Eltern hatten eine Menge Liebe für sie übrig. Folglich waren auch die Schmerzen der beiden von beträchtlichem Ausmaß.

Seitdem der Arzt im Krankenhaus Ben offiziell für tot erklärt hatte, liefen alle, sowohl seine Eltern als auch Jonas, in einer eigenen Gefühlsglocke mit der Stabilität von Obsidian, einem Vulkangestein, herum. Man konnte von außen hineinsehen und erkennen, wie es ihnen ging, aber hineingelangen, um ihnen zu helfen oder sie gar hinauszuziehen, war unmöglich. Sie isolierten sich selbst in ihre eigene unerreichbare Gefühlswelt. Sie verließen sie nicht einmal, um sich um ihren anderen, noch lebenden Sohn zu kümmern. Jeder lebte von da an quasi für sich alleine und empfand nicht einmal das eigene Leben noch länger als lebenswert.

In der ersten großen Pause setzte Jonas Kleinert sich auf einen der großen Steine, die wie im Kreis neben der Schulkantine angeordnet waren, und ließ den Kopf in seine verschränkten Arme sinken.

„Hey Jonas“, sagte Mark, ein guter Freund von ihm, vorsichtig und setzte sich zu ihm auf den Stein. Er antwortete nicht, sondern drehte sich noch ein Stück weiter von ihm weg. Respektvoll akzeptierte Mark sein Schweigen, blieb einfach stumm neben ihm sitzen und legte ihm die Hand auf die Schulter. Zumindest stieß er sie nicht weg. Scheinbar wollte er nicht tatsächlich alleine sein, sondern nur nicht reden. Das war in Ordnung. In einer Freundschaft musste man manchmal dem Anderen einfach etwas Freiraum geben, ohne ihn dabei komplett allein zu lassen. Manchmal tat es gut einfach schweigend nebeneinanderzusitzen, ohne in Not zu sein etwas sagen zu müssen. Manchmal sagte Stille schon genug aus.

„Ey Jungs seht mal, was wir da haben. Ne Schwuchtel“, lachte Erik dreckig und stieß seinem Kumpel in die Seite. Erik war das Alpha Tier des siebten Jahrgangs und versuchte sich mit Worten, die für ihn alt klangen, als schlau hervorzutun. Nicht wirklich glaubhaft, wenn man bedachte, dass seine Eltern ihn erst mit sieben eingeschult hatten und er trotz dessen in der fünften Klasse noch eine Ehrenrunde drehen musste, um nicht auf eine Sonderschule geschickt zu werden. Er war groß, stämmig und außerdem vierzehn Jahre alt und somit fast zwei Jahre älter als der Rest der Kinder aus dem Jahrgang, den er besuchte.

„Verzieh dich“, drohte Mark ihm zornig, wobei seine Drohung mehr wie eine kleinlaute Bitte, nicht verprügelt zu werden, klang. Erik hatte ihn schon oft mit blauen Flecken und Rissen in seinen Brillengläsern nach Hause geschickt, weil Mark sich aufgrund seiner Angst und Feigheit, den Mund gegenüber einem Lehrer oder gar seinen Eltern aufzumachen, als das perfekte Opfer seiner Gemeinheiten eignete. Mark war klein, ein wenig pummelig und trug eine Brille. Er war im Grunde genommen also wie dafür geboren, die Fresse eingeschlagen zu bekommen.

„Halt die Klappe, Speckie“, blaffte er ihn an und wandte sich Jonas zu, der immer noch geistesabwesend den Kopf in seinen Armen versteckte und gewissermaßen die Vogelstrauß-Taktik ohne Sand ausführte.

„Hab gehört, deinen Bruder hats erlegt, hä? Weißt du, was mein Vater gesagt hat?“, fragte er und beugte sich zu ihm hinunter, bis sein Gesicht auf einer Höhe mit Jonas gesenktem Kopf war.

„Lass ihn in Ruhe, Erik!“, versuchte Mark es dieses Mal mit ein wenig mehr, aber trotzdem kaum hörbarer, Kraft in der Stimme.

„Wenn du nicht die Schnauze hältst, dann nehme ich deine Brille und schiebe sie dir in deinen Fettarsch, kapiert?“, grunzte Erik ihn wütend an.

Ängstlich verstummte Mark, blieb aber trotzdem mit rotem Kopf neben seinem Freund sitzen. Vielleicht auch einfach, weil er wissen wollte, was passieren würde. Einen anderen logisch erkenntlichen Grund gab es jedenfalls nicht, denn es war zu offensichtlich, dass Erik nicht vorhatte, die Pause ohne ein paar Schläge seinerseits zu beenden.

„Weißt du, was mein großer Bruder gesagt hat, als er davon gehört hat?“

Ein weiteres Anzeichen von Eriks geistiger Schwäche war, obwohl allein seine Art, jedes Wort am Ende eines Satzes unnötig in die Länge zu ziehen, zur Genüge davon zeugte, dass er bei jeder Gelegenheit auf seinen Vater oder seinen großen Bruder verwies. Beide waren wie er nicht sonderlich intelligent, geschweige denn begabt, aber grade deswegen waren sie seine Vorbilder. Sein Bruder, der mit siebzehn seinen Hauptschulabschluss geschafft hatte, war nach absolvierter Ausbildung auf die Baustelle gegangen, wo er sich bis zur für ihn mit Sicherheit mickrigen Rente seine Gelenke und seinen Rücken kaputtschuften durfte. Eriks Vater hingegen hatte es sogar geschafft, eine Ausbildung zum Straßenwärter zu machen und arbeitete nun seit mittlerweile fast dreißig Jahren im öffentlichen Dienst bei der Straßenbauverwaltung der Stadt Dulingen. Keine geistige Meisterleistung, aber die strebte Erik auch nicht an. Alles, was er wollte, war arbeiten und Geld verdienen, ohne sich zu sehr anstrengen zu müssen, wobei Anstrengung für ihn bloß auf geistiger Ebene durch den Versuch zu denken vorkam. So waren sein Vater und sein Bruder in dem Sinne also seine idealen Vorbilder.

„Gut, dass der kleine Wichser tot ist. Noch eine Schwuchtel weniger“, zitierte er seinen Bruder, während er Jonas schief angrinste.

„Hör endlich auf, Erik!“, keifte Mark ihn an. Dieses Mal mit hörbarer Wut. Zornig sprang Mark auf und schubste den vor Jonas hockenden Erik um. Erik verlor das Gleichgewicht und plumpste wie ein nasser Sack nach hinten auf die noch leicht vom nächtlichen Regen befeuchtete Erde.

„Na warte du …“, schimpfte Erik, als er sich wieder aufrappelte und Mark, der den verzweifelten Versuch gestartet hatte wegzulaufen, sämtliche Beleidigungen und Flüche hinterherrief. Mark kam wenige Stunden später mit blutiger Lippe, blauem Auge und einer weiteren zerbrochenen Brille nach Hause. Jonas blieb von Eriks Wutausbruch verschont. Zumindest heute.

6

Angestrengt nahm Kris die Lesebrille von seiner Nase und legte sie vor sich auf den Schreibtisch. Er hatte gerade einige Gespräche mit seinen Psychos hinter sich, die den zeitlichen Rahmen mehr als einfach nur gesprengt hatten. Psychos, wie er sie gerne nannte, waren meist ältere Patienten von ihm, die eigentlich nur zu ihm kamen, weil es ihnen zuhause zu langweilig wurde und sie hofften, dass er etwas finden, würde, um sie als krank diagnostizieren zu können. Nicht, weil sie gerne krank sein wollten, sondern weil sie dann etwas hätten, worüber sie sich beklagen könnten, um etwas Abwechslung in ihren öden und langweiligen Alltag zu bringen. Sie waren schon mit einer Erkältung zufrieden, denn dies konnten sie Freunden, falls sie denn welche hatten oder meist einfach dem Nächstbesten, dem sie auf der Straße begegnen würden, als Bronchitis oder schwere Lungenentzündung verkaufen. Sie scherten sich nicht darum, wie es um andere stand, sondern interessierten sich hauptsächlich für das eigene Wohl. Kinder hatten sie meist keine, und wenn doch, waren sie entweder auch zu Psychos mutiert, oder sie hatten sie schon längst vergrault. Ein Psycho unterhielt sich am liebsten mit drei Gruppen von Menschen: Ärzten, anderen Psychos und jungen Erwachsenen, die ihnen, naiv wie sie oft waren, alles aufs Wort glaubten. Kritik oder gar Widerspruch duldeten sie keinen, außer er kam von ihrem Arzt und führte dazu, dass sie Medikamente bekommen oder sich längere Zeit ausruhen sollten, denn auch dies war wieder Gesprächsstoff, den man rumerzählen und dramatisieren konnte. Die Lieblingsbeschäftigungen der Psychos waren zum einen der Besuch bei ihrem Hausarzt, das Recherchieren von alternativen Fakten und Behandlungsmethoden – Krebs lässt sich mit homöopathischen Medikamenten heilen, vielleicht sollten sie das in Erwägung ziehen Doktor – und das Philosophieren über ihre unerträglichen Schmerzen, um sich dann als tapfer und stark aufzutun, dass sie diese durchstehen würden. Was sie außerdem mit Hingabe und viel Leidenschaft taten, war das Kommandieren anderer, denn Psychos liebten es, wenn sie sich selbst mit gutem Gewissen als intelligente und starke Führungspersonen ansehen können. Sie prahlen gerne vor ihrem Arzt mit Geschichten aus ihrem Leben, welches sie in den häufigsten Fällen bei der Post oder als Putzkraft verbracht haben und mit Wissen, welches sie sich durch das wundersame, aber doch allzeit wahrheitsgemäße Medium Internet angeeignet haben. Sie als philiströs oder spießbürgerlich zu bezeichnen, wäre mehr als verwerflich, denn schließlich waren sie ja, neben ihrem Hausarzt und ihrem ganz eigenen Arzt, namens Dr. Google, die einzig wirklich Aufgeklärten. So waren doch eigentlich nicht sie die Philister der heutigen Zeit, sondern der Rest der Menschheit einfach nur zu ignorant, ihren Intellekt zu würdigen. Die Bezeichnung als Erleuchtete oder als Reindenkende wäre der Wahrheit entsprechend weitaus angebrachter.

Doch zu seinem Glück waren es die letzten Erleuchteten, die er heute in der Sprechstunde betreuen musste. Sie hatten sich, nachdem klar war, dass er die Praxis am Montag wegen seines Umzugs schließen würde, sofort einen Termin für Dienstag machen lassen. Schließlich war der Herr Doktor ja Ewigkeiten nicht erreichbar gewesen, und man würde mit Sicherheit ein leichtes Ziehen im linken Ohrläppchen verspüren, das laut Dr. Google ein Vorbote für ein Magengeschwür, wenn nicht sogar für Hodenkrebs – ja auch bei der weiblichen Fraktion war dies durchaus beängstigend – sein konnte. Kris hatte schon etliche Psychos gehabt, die der Meinung waren, dass sie ihrer Diabetes nicht mit Insulinspritzen, sondern mit Roibuschtee, den man mit einer Hand voll Globuli einnehmen musste, entgegenwirken konnten. Wegschicken konnte er sie nicht, denn schließlich war auch geistige Armut in gewisser Weise eine Krankheit, gegen die es jedoch kein Heilmittel gab. Er könnte sie höchstens an einen Kollegen weiterleiten, der mit Menschen, die geistig verwirrt waren, arbeite, aber auch dabei stellte eine Eigenschaft der Psychos ein Problem dar, nämlich ihre Freude und Bereitschaft, ihr Verhalten in Sekundenschnelle anzupassen, sodass jeder durchschnittliche Neurologe Kris den Vogel zeigen würde, wenn er versuchen würde, ihm beizubringen, dass diese Patienten ein geistiges Problem hätten. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als sich ihnen, ihren Leidensgeschichten und neuen Erkenntnissen aus den Untiefen des World Wide Web zu stellen. Also Augen zu - die Ohren wären ihm in diesem Fall zwar lieber, aber was sollte er schon machen - und durch. Amen.

Er wischte sich mit den Händen über die Augenlider und gähnte müde. Die Uhr mit dem Schmetterlingsverschluss an seinem Handgelenk tickte fast stumm vor sich hin. Langsam wanderte der Minutenzeiger auf die neun, so dass er mit dem Stundenzeiger beinahe eine grade Linie bildete. Mal wieder war er fast drei Stunden länger in der Sprechstunde gewesen, als das Schild neben der Tür verriet. Es zeigte außerdem, dass er ab halb fünf wieder hinter dem Schreibtisch sitzen und sich um Patienten kümmern würde. Aber auch das stimmte nicht. Er würde frühestens gegen fünf wieder an seinem Schreibtisch sitzen. Sein erster Termin für den Nachmittag war erst um viertel vor fünf. Eine Viertelstunde wäre schon zu verschmerzen. Um genau zu sein, war es eine herausragende und unterdurchschnittliche Wartezeit, wenn man bedachte, dass der Durchschnitt der Wartezeit beim Arzt bei einer halben Stunde lag.

Unmotiviert in knapp zwei Stunden wieder dort hinter dem Schreibtisch gegenüber einer seiner Patienten zu sitzen, erhob er sich von seinem Stuhl, nahm seine Jacke vom Haken und schloss die Tür seines Sprechzimmers hinter sich ab. In dem Moment, in dem er die Praxis durch die weiße Fronttür verlassen wollte, klingelte hinter der Rezeption das Telefon. Einen Moment hielt er inne und blickte sich zum Apparat um, der hinter dem 1,40 m hohen Tresen stand. Nachdem er hörte, dass der Anrufbeantworter den Anruf entgegennahm, schaltete er das Licht aus und verließ die Praxis für zwei Stunden.

Um Punkt vier Uhr öffnete Marion die Praxis von Dr. Kris Lindner wieder und hing ihre Jacke mitsamt ihrem Schal an die Garderobe im Eingangsbereich. Sie war eine der vier Medizinischen Fachangestellten - kurz MFA - die für ihn in der Praxis arbeiteten. Gemächlich setzte sie sich auf den runden Schreibtischstuhl ohne Rückenlehne und hörte die ersten Nachrichten von der Mailbox ab.

7

2009 hatte Diedrich Erhard die letzten Tauben in Dulingen gesehen. Jeden Freitag um zwölf Uhr hatte er sich mit einer Tüte Sonnenblumenkerne vor den Supermarkt auf die grün gestrichene Holzbank, von der die Farbe langsam abblätterte, gesetzt und abwechselnd sich und die Tauben mit Sonnenblumenkernen versorgt. Brot durfte er ihnen nicht geben, da es in ihren Mägen gären und ihnen so schaden könnte. Nachdem ihn sein ehemaliger Freund Julius Liebenbröck, der vor wenigen Jahren den friedlichen Tod des zu hohen Alters gestorben war, in die hohe Kunst des Taubenfütterns eingeweiht hatte, hatte er so allerlei Kenntnisse darüber erlangt, wie er sie richtig füttern musste. Getrocknete Erbsen, Popcornmais, Sonnenblumenkerne, roher Naturreis sowie Weizen- und Dinkelkörner eigneten sich besonders gut zum Verfüttern, verarbeitete Lebensmittel mit vielen Kohlenhydraten und Salz hingegen ganz und gar nicht. Im Herbst 2008 hatte die Gemeinde beschlossen, das Füttern von Tauben zu verbieten, da der Kot der Tiere die Stadt übermäßig verunreinigte und sie zudem Parasiten und Krankheiten übertrugen. Anfang des Jahres, noch zu der Zeit von Dr. Beram, waren drei Menschen in Dulingen an Typhus erkrankt. Die Gemeinde gab dem übermäßigen Bestand von Tauben und deren Fäkalien die Schuld an den schweren Durchfallerkrankungen. Seitdem war das Füttern von Tauben verboten und wurde mit einem Bußgeld von bis zu 3.000 Euro geahndet. Daher saß Diedrich jeden Freitag auf der Bank vor dem Supermarkt, von der langsam die grüne Farbe abblätterte, und aß alleine aus seiner Tüte mit Sonnenblumenkernen. Die Tauben waren so etwas wie seine letzten Freunde gewesen, die ihm noch Spaß bereiten konnten. Doch nun waren auch sie, wie der Rest seiner Freunde und seine Frau, fort und kamen nicht wieder. Zehn Jahre war er nun allein gewesen. Doch wer weiß. Vielleicht würde er sie schon bald alle wiedersehen.

8

Klackend landete die Tür des kleinen Hauses in der Neuenburger Straße im Schloss. Leise zog Erik seine Schuhe aus und hängte seine Jacke an den Haken über dem Schuhregal. Seine Jeans – Größe 32 / 34 – war hinten vom Hosenbund abwärts mit getrockneter Erde verschmutzt. Sie war schmutzig geworden als Mark, dieser kleine Hurensohn, ihn in den Dreck geschubst hatte. Dafür hatte er ihm zwar eine verdiente Abreibung verpasst, aber an seiner mit Erde verunreinigten Hose änderte das, außer, dass Mark sie zudem mit ein paar Blutflecken an den Oberschenkeln versehen hatte, verhältnismäßig wenig. Eilig, aber immer noch mit möglichst geringer Lautstärke verschwand er im Badezimmer und warf seine Hose in den Wäscheeimer, wo er sie unter ein paar T-Shirts vergrub, damit sie seinem Vater nicht sofort ins Auge fallen würde.

Eigentlich hatte er überhaupt keinen Grund, einen Blick in den Eimer zu werfen, wo das Waschen doch Aufgabe der Frauen und nicht des Hausherren sei. Wofür hatte man das Weibsbild schließlich im Haus, wenn es sich nicht um das Waschen, das Kochen und das Putzen kümmerte? Um sich belehren zu lassen? Harald brachte der Gedanke jedes Mal aufs Neue zum Lachen, wenn jemand von gebildeten oder intellektuellen Frauen sprach. Weiber waren nicht dafür da, schlaue Sprüche zu bringen von Sachen, die sie entweder nichts angingen oder nicht verstanden. Sie gehörten hinter den Herd, in die Besenkammer und in jeden anderen Raum, höchstens mit einem Putzlappen oder dem Staubsauger in der Hand. Und selbstverständlich gehörten sie darüber hinaus noch in das Bett des Ehemannes, um ihm jedes Mal, wenn ihm danach war, einen guten Fick zu geben.

Derjenige, der auf die Idee gekommen war, den Frauen damals ein Mitspracherecht an den Entscheidungen in der Welt zu geben, musste ohne jeden Zweifel eine verdammte Schwuchtel gewesen sein, die ihr Bier abends in der Kneipe mit einem feuchten Kuss auf den Zauberstab des Wirtes bezahlte, anstatt in barer Münze. Harald mochte Schwuchteln nicht, aber noch viel weniger mochte er es, wenn sein Sohn mit schmutziger Hose und dreckigem Gesicht nach Hause kam. Denn wenn er mit Dreck an den Klamotten zuhause auftauchte, bedeutete das für seinen Vater, dass er sich geprügelt und zudem auch noch verloren hatte. Harald konnte es natürlich nicht auf sich sitzen lassen, dass sein Sohn die Stärke des männlichen Geschlechts seiner Familie ins Lächerliche zog, also musste er ihm bisweilen immer wieder aufs Neue seine Lektionen erteilen, dass er bloß nicht vergaß, dass eine Niederlage nichts war, womit er sich zufriedengab. Seine Lektionen, die er mit dem Gürtel oder einer alten Reitgerte erteilte, dauerten in den häufigsten Fällen ein paar Minuten und hinterließen meist farbenfrohe Blutergüsse auf dem Körper seines vierzehnjährigen Sohnes. Schwäche war etwas, das Harald mindestens genauso verabscheute wie Frauen, die in dem Irrglauben lebten, sie seien relevant und gleichberechtigt. Auch Jesus hat sich die Füße von euch küssen und den Schwanz blasen lassen und ist trotzdem als Heiliger Geist in den Himmel aufgestiegen oder so ähnlich.

Mittlerweile hatte Erik sich eine Jogginghose angezogen und sich mit seinem Ranzen in der Hand nach oben in sein Zimmer begeben, um für den Rest des Tages die Tasten auf dem Controller seiner Playstation zu bearbeiten. Nachdem er zwei Stunden damit verbracht hatte, in der simulierten Version des Zweiten Weltkriegs Zielpunkte einzunehmen, brüllte sein Vater von unten energisch.

„Erik!“, rief er wütend und kam donnernd die Treppen hoch. Erschrocken ließ er den Controller aus der Hand fallen und drehte sich wie vom Hafer gestochen herum. Noch bevor er überhaupt wusste, auf was er sich einstellen musste, flog die Tür auf und sein Vater stand mit streitlustigem Blick im Türrahmen.

„Das ist doch wohl hoffentlich nicht deine Hose, oder etwa doch?“, fragte er und präsentierte ihm das verdreckte Kleidungsstück, das er in der Hand hielt.

„Antworte mir!“, befahl er seinem kreidebleichen Jungen, der mit einem Male alle Lust auf sein Videospiel verloren hatte.

„Ja ...“, antwortete er kleinlaut.

„Sprich gefälligst lauter!“

„Ja.“

„Was ist passiert? Wer war das?“, fragte Harald mit messerscharfem Unterton. Eine schmierige Haarsträhne hing ihm vor der Stirn und wippte im Takt seiner Worte auf und ab.

„Ich wurde geschubst“, gab Erik schüchtern zu. Er war froh, dass niemand aus der Schule ihn so sah. Dann wäre es mit seinem Ruf als starker Junge, vor dem man sich fürchten müsste, vorbei gewesen. Man würde mit Fingern auf ihn zeigen und ihn als Weichei und Pussy verhöhnen, wenn er die Flure entlangging. Zum Glück würde es nie jemand erfahren, dass er in Wahrheit genauso ein Opfer seines Vaters war, wie Mark und Jonas die seinen waren.

„Von wem?“

Erik traute sich nicht zu antworten. Er wusste, dass sein Vater Mark und dessen Familie kannte, und er wusste auch, dass er ihn für einen vollkommenen Versager halten würde, wenn er ihm beichten würde, dass er es war, der ihn geschubst hatte.

„Von wem hab ich gefragt!“, brüllte er seinen Jungen an und schlug mit der schmutzigen Jeanshose nach ihm. Ein Knopf traf ihn am Auge, welches sich sofort mit Tränen füllte, die ihm wenige Sekunden später über die Wangen liefen und ihm noch weitere Schläge einbringen würden.

„Mark Buscher, aber Papa ...“ Ein zweites Mal holte Harald mit der Hose aus und verpasste ihm einen Schlag.

„Von diesem kleinen Scheißer hast du dich in den Dreck werfen lassen?“ Nochmal schleuderte er ihm die Jeans ins Gesicht, wobei sich winzige Brocken Erde von ihr lösten und durch das Zimmer flogen.

„Papa nein ...“

„Und geblutet hast du auch noch, wie ein kleines Mädchen!“, fuhr er in seinem Wutrausch fort und hielt ihm die Blutflecken so dicht vor das Gesicht, dass er einige der winzigen Fasern beinahe einatmen konnte. Doch noch ehe Erik irgendetwas zu seiner Verteidigung sagen oder anbringen konnte, landete ein weiteres Mal ein Knopf der Jeans in seinem Auge, welches inzwischen gerötet war.

„Du bist eine Schande für mich! Jawohl eine Schande!“, brüllte sein Vater so laut, dass die Nachbarn vier Häuser weiter vermutlich noch jedes einzelne Wort ohne Mühe verstehen konnten.

„Ich hätte meine Samen besser spenden sollen, als sie in deine Mutter zu spritzen! Dann würde man meinen guten Namen nicht mit so einem erbärmlichen Haufen Mist wie dir in Verbindung bringen können! Du bist eine Schande, hast du das verstanden? Eine Schande!“, brüllte er weiter, sodass sein Kopf knallrot wurde und die Adern an seinem Hals heraustraten. Drei Schläge und eine Menge Tränen von Erik später, wurde sein Kopf langsam wieder schweinchenrosa, anstatt purpurrot und er wischte sich kopfschüttelnd den Schweiß von der Stirn.

„Du bist nicht mein Sohn. So sehr kann Gott mich nicht bestrafen“, sagte er mit ruhigerer, aber nicht leiser Stimme, dann verließ er das Zimmer und ließ seinen flennenden Jungen alleine zurück.

9

Erschöpft drehte Kris den Schlüssel in der Tür der Praxis und prüfte noch einmal sicherheitshalber, ob sie auch wirklich verschlossen war. Zufrieden zog er ihn aus dem Schloss und machte sich auf dem Weg zu seinem Auto, das er auf dem kleinen Parkplatz vor seiner Praxis abgestellt hatte. Zu seiner Erleichterung hatte er den für ihn reservierten Platz heute Morgen leer und nicht von einem seiner Patienten besetzt vorgefunden. Trotz der ausdrücklichen Botschaft auf dem Blechschild, das hinter besagtem Parkplatz aufgestellt war, dass dieser Platz bereits reserviert sei, kam es immer wieder vor, dass er sein Auto morgens nicht dort, sondern zwei Straßen weiter abstellen musste.

Mit der Zeit verfällt die Menschheit immer mehr der Anarchie. Wer weiß wie lange das Armageddon noch auf sich warten lässt.

Schmunzelnd über diesen Gedanken schloss er sein Auto auf und stellte seinen dunkelblauen Arztkoffer auf den Beifahrersitz. Gähnend drehte er den Zündschlüssel um und schaltete das Abblendlicht des Wagens ein. In einem der Häuser um ihn herum begann ein Baby zu schreien. Langsam griff er nach dem Gurt und schnallte sich an. Die grün leuchtenden Zahlen auf seinem Armaturenbrett verrieten ihm, dass es bereits nach neun Uhr war. Er hatte Überstunden gemacht und trotzdem einen Haufen Papierkram in seiner Mappe übrig, den er zuhause noch erledigen musste. Praktisch alles wie immer. Juleen würde nicht begeistert sein und sich schmollend vor den laufenden Fernseher setzen, während er neben ihr Zettel um Zettel unterschreiben würde. Doch sie nahm es ihm nicht übel. Er suchte es sich ja auch nicht aus, bis spät abends noch arbeiten zu müssen und irgendwer musste schließlich das Geld verdienen, während der Andere sich um den Haushalt und Merlin kümmerte. Ziemlich klischeehaft und sexistisch würden manche meinen, dass er selbstverständlich die Person war, die arbeiten ging und seine Frau zuhause den Haushalt schmiss. Doch solche Leute würden auch Rosa Parks oder Martin Luther King als selbstverliebte Möchtegernpatrioten bezeichnen. Es war nicht sexistisch. Es war das einzig Sinnvolle. Kris verdiente mit seiner Arztpraxis mehr als Juleen, die längere Zeit Lehrerin an einer Grundschule gewesen war. Zudem wäre es mehr als naiv gewesen, die Chance auf eine eigene Praxis aufzugeben, wenn sie ihnen mehr Möglichkeiten auf finanzieller Ebene gab, als Juleens Beruf als Grundschullehrerin, zu dem sie jederzeit zurückkehren konnte. Und genau das hatte sie auch vor, wenn Merlin etwas älter und selbstständiger geworden wäre. Doch bis dahin würde sie zuhause die Stellung halten und sich um ihn kümmern, wenn Kris arbeiten war.

Müde rieb er sich die Augen, dann drehte er den Schlüssel ein weiteres Mal herum und der Motor sprang an. Das Babygeschrei hatte immer noch nicht nachgelassen. Ganz im Gegenteil. Es war sogar lauter geworden und klang nun nicht mehr so, als ob es aus einem der Häuser, sondern von dem Gehweg gegenüber kam. Verwirrt blickte er in den Rückspiegel, aber der Gehweg sowie die komplette Straße war menschenleer. Leicht verunsichert und mit dem Plärren des Babys im Ohr löste er die Handbremse und fuhr rückwärts vom Parkplatz ab. Plötzlich wurde das Geschrei lauter und er sah im Augenwinkel über den Rückspiegel, wie ein Kind im pink-weiß gestreiften Schlafanzug und einer dazu passenden Schlafmütze vom Gehweg auf die Straße taumelte. Mit hochroten Backen, die von Tränen nur so glänzten, hielt es einem blauen Entchenschnuller in der Hand und schrie sich die Seele aus dem Leib.

Warum verdammt hat die Warnanlage nicht ausgeschlagen?

Ohne zu zögern, trat Kris die Bremse und die Kupplung voll durch, sodass das Auto augenblicklich zum Stehen kam. Ein Ruck ging durch den Wagen und das Schreien verstummte auf der Stelle. Innerhalb von einer Sekunde hatte er sich abgeschnallt und die Autotür aufgestoßen. Schwer atmend und in der Erwartung, gleich ein von seinen Reifen zerquetschtes Baby zu finden, rannte er um den Wagen herum. Doch dort war kein Kind. Hastig legte er sich auf den Bauch und sah unter das Auto. Nichts.

Wie war das möglich? Er hatte es doch gesehen und es schreien gehört. Und dann dieser Ruck, als wenn er über eine Gartenfigur aus Plastik gefahren und sie mit seinen Reifen brutal zerdrückt hätte. Aber da war nichts. Keine Gartenfigur und kein lebloser Körper eines Kindes. Keine Delle oder eine Schramme, die den Ruck zumindest erklären könnte.

Ich hab es gesehen. Ich bin nicht verrückt.

Langsam stand er auf, klopfte sich den Dreck von der Hose und blickte sich fragend um. Er war alleine. Nervös fuhr er sich durch die Haare. Nachdem er das Heck seines Autos, sowie die Reifen ein weiteres Mal überprüft hatte, ging er kopfschüttelnd zur Fahrertür zurück. Er sollte sich besser beeilen, denn sein Wagen versperrte die Fahrbahn komplett, und er hatte heute nicht mehr die Nerven, sich deswegen mit jemandem zu streiten.

Grade, als er die Tür öffnete, strömte ihm ein beißender Geruch von Ammoniak entgegen und er verzog angewidert das Gesicht. Bevor er herausfinden konnte, woher der Gestank kam, machte er einen Satz von der Fahrertür zurück und zwang sich die Hand, vor den Mund zu pressen, um nicht schreien zu müssen. Auf dem Fahrersitz vor ihm saß das kleine Kind im pink-weißen Schlafanzug und drehte sich rasend schnell zu ihm um. Weinen konnte es zwar nicht, denn die obere Hälfte des Kopfes war vom Autoreifen zerquetscht worden, dass es nur mehr eine Landschaft aus Blut und kleinen Asphaltrückständen war, aber schreien konnte es immer noch.

„Sehen Sie hin, Doktor“, erklang eine unangenehm krächzende Stimme direkt hinter ihm. Das Baby auf dem Sitz schrie unerbittlich weiter. Sofort drehte Kris sich zu der Stimme um.

„Sehen Sie es sich an, und dann sagen Sie mir was Sie sehen“, forderte der merkwürdige Mann, den Kris im Licht der Straßenlaterne erkannte, ihn auf. Kris schluckte schwach, als er sich die Kleidung des Mannes genauer ansah. Auch er trug einen Schlafanzug, aber nicht mit pink-weißen Quer-, sondern mit blau-weißen Längsstreifen, die sich über den gesamten Pyjama hinwegzogen. Auf dem Kopf trug er eine weiße, fast durchsichtige Schlafmütze, wie der deutsche Michel, von deren Ende ein Bommel neben seinem Gesicht baumelte.

„Wer sind Sie? Was wollen Sie?“, fragte Kris und versuchte die Angst in seiner Stimme zu verstecken.

„Sehen Sie genau hin Doktor. Sehen Sie es? Das ist ihre Zukunft. Das ist das, was Sie erwarten wird“, sagte der Mann in dem Schlafanzug unbehelligt und stierte ihn mit seinen giftig gelben Augen an.

„Was wollen Sie?“, wiederholte Kris. Das Baby plärrte ein weiteres Mal laut und jagte ihm einen Schauer nach dem Nächsten ein.

Das ist nicht real. Halluzinationen und Übermüdung. Du bist nicht verrückt. Du bist nicht verrückt.

Mit einem Male begann der Mann, dessen Gesicht von mehr Furchen durchzogen war als ein alter Baum, den Mund aufzumachen und zu einer widerwärtig grinsenden Fratze zu verziehen. Hinter ihm tauchten zwei Lichtkegel die Straße in ein strahlendes Weiß und blendeten Kris.

„Was wollen Sie?“, fragte er noch einmal laut und hielt sich schützend die Hand vor die Augen.

„Doktor?“, fragte eine ihm angenehm vertraute Stimme besorgt.

„Ist alles in Ordnung mit Ihnen? Wieso steht ihr Wagen quer auf der Straße?“

Blinzelnd öffnete er die Augen und sah Frank Lehmann, einen seiner Patienten und außerdem Polizist, vor ihm den Kopf aus der heruntergekurbelten Autoscheibe seines Opels strecken.

Scheinwerfer und keine mystischen Lichtkegel du Vollidiot. Scheinwerfer. Kein See und keine Aphrodite.

„Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“, fragte Frank weiter. Seine Hand wanderte langsam in Richtung seines Gurtverschlusses, um ihn zu öffnen, falls der Doktor Hilfe bräuchte.

„Nein ich denke ... Nein“, antwortete er desorientiert und drehte sich zu seinem Auto um. Der Fahrersitz sowie der Rest des Wagens waren vollkommen leer.

„Soll ich Sie lieber nach Hause bringen?“

Kris trat ein paar Schritte näher an sein Fahrzeug heran. Auch der beißende Geruch von Ammoniak war wie von Zauberhand verschwunden.

„Nein, nein. Alles in Ordnung. Ich dachte nur, ich hätte ein Tier angefahren, aber scheinbar hat der Kater noch rechtzeitig das Weite suchen können“, versuchte er sein Verhalten und gleichzeitig auch sein auf der Fahrbahn quer geparktes Auto zu erklären.

„Hat der Kleine wohl nochmal Glück gehabt“, fügte er noch schnell hinzu und stieg in sein Auto.

„Sieht wohl so aus. Schönen Abend noch, Doktor“, entgegnete Frank.

„Ihnen auch, Herr Lehmann“, sagte er eilig, dann lenkte er das Auto gerade und fuhr unter dem skeptischen Blick des Polizisten nach Hause.

10

Aufgewühlt wälzte Kris sich im Bett umher. Jede Bewegung, die er machte, verursachte ein weiteres Rascheln der Bettdecke. Er war nicht mehr müde wie vorhin, als er die Praxis abgeschlossen hatte. Jetzt war er hellwach, und sein Kopf arbeitete stärker als am gesamten bisherigen Tag. Links neben ihm lag Merlin und säuselte im Schlaf vor sich hin. Er war vor wenigen Minuten in das Zimmer gekommen und hatte sich zwischen seine Eltern in das große Doppelbett gelegt. Das tat er öfter, wenn er in der Nacht von einem Alptraum wach wurde und nicht alleine sein wollte.

Kein Problem, mein Großer. Mir gehts auch nicht anders.

Grübelnd starrte Kris die Zimmerdecke an, die trotz der Dunkelheit für ihn strahlend weiß, wie ein Himmelszelt voller Sterne, über ihm hing. Inzwischen lag er schon so lange wach im Bett, dass er nahezu alles in dem Raum problemlos erkennen konnte.

Sein Kopf tat weh, aber er wollte nicht aufstehen. Es war wie das Gefühl, das man als kleines Kind hatte, wenn man nachts nicht aus dem Bett steigen wollte, weil man dachte, dass das Monster unter dem Bett hervorkommen und einen verschlingen würde. Es war die stärkste Angst, die man in seinem Leben haben konnte. Kindliche Angst. Auch als Erwachsener gab es sie, nur die Monster, vor denen man sich fürchtete, waren andere.

Er wandte sich noch ein paar Male hin und her, dann stand er nach einigem Hadern schließlich doch auf und schluckte eine Ibuflam 800 mg mit einem halben Glas Wasser. Müde und nicht gerade sanft, stellte er das Glas auf der Ablage rechts vom Hahn ab und stützte sich mit beiden Händen neben dem Becken ab. Als er merkte wie ihm fast die Augen zufielen, raffte er sich auf und ging zurück ins Schlafzimmer zu seiner Frau und seinem Sohn. Eilig zog er sich die Decke über den Oberkörper und fühlte, wie ihm direkt ein Stein vom Herzen fiel, dass er unbeschadet wieder im Bett lag. Verschwunden war seine eigenartige und ungewohnte Angst jedoch noch nicht, weswegen er näher an seinen Sohn heranrückte, um den Arm um ihn und seine Frau zu legen. Gerade, als ihn das Gefühl von Müdigkeit übermannte, war es ihm, als wenn er in der hinteren Ecke des Raumes den schwachen Umriss einer Gestalt erkennen konnte. Doch bevor er wieder wach genug war, um sich darüber den Kopf zu zerbrechen, schlief er ein und träumte von alten Frauen mit giftgelben Augen, die nach Schwefel stanken und Babys in gestreiften Schlafanzügen mit Roibuschtee und Globuli fütterten.

11

An diesem Abend und in dieser Nacht blieb es still. Keine Sirenen ertönten und keine Notrufe wurden aus Dulingen abgesetzt. Als man Diedrich am nächsten Morgen im Badezimmer fand, war es für jede Hilfe bereits zu spät.

12

Mit schlurfenden Schritten näherte Kris sich der Tür seiner Praxis. Diesen Morgen war es wieder soweit gewesen, dass er sich zwei Straßen weiter einen Platz suchen musste, an dem er sein Auto abstellen konnte. Seine Armbanduhr zeigte 17 Minuten nach acht an. Er hatte nach einer durchwachsenen und kurzen Nacht verschlafen und kam mit Augenringen, die aussahen, als wenn Merlin ihn mit der schwarzen Farbe aus seinem Wasserfarbkasten von Pelikan angemalt hätte, in die Praxis.

Schwach stieß er die Praxistür auf und begrüßte Marion, die bereits hinter der Rezeption am Eingang saß.

„Guten Morgen, Doktor Lindner“, erwiderte sie seine Begrüßung und lächelte ihn förmlich an. Es war ein typisches Lächeln, welches man von einer Mutter im mittleren Alter erwartete. Freundlich und besorgt. Worüber sie sich sorgte? Höchstwahrscheinlich um den Doktor selbst. Sein Gesicht hatte keine gesunde rosa Färbung, wie sie es eigentlich gewohnt war, sondern leuchtete blass und ließ ihn in Kombination mit seinen dunklen Augenringen wie Graf Dracula höchstpersönlich aussehen.

Alles in Ordnung Frau Kiesing. Nichts worüber Sie sich das Maul zerreißen müssten. Ich bin nicht verrückt. Nicht ich. Keine Lichtkugeln und keine Feen.

„Wie gehts Ihnen? Viele Termine bis zum Mittag?“, fragte er, um unterschwellig von seinem vermutlich makaberen Aussehen abzulenken.

„Gut, danke der Nachfrage. Es sind zumindest nicht so viele wie gestern. Manche Leute machen sich Sorgen wegen des Jungen, der am Wochenende gestorben ist, und haben ihre Termine abgesagt“, erzählte sie ihm und wischte sich eine Strähne ihrer kurzen, rot gefärbten Haare aus dem Gesicht. Ziemlich unreif für eine Frau, die innerhalb der nächsten fünf Jahre die 50 erreichen würde, fand Kris, aber er wusste, dass die Diskussion unnötig war. Sie machte ihre Arbeit gut und auch die Patienten sahen sie mit Respekt an. Es störte Kris zwar, aber er wollte nicht spießig sein, da er wusste, dass er Probleme damit bekommen würde, eine seiner MFAs zu behalten, wenn er ihnen vorschreiben würde, wie sie ihre Haare zu tragen oder zu machen hätten. Er konnte es sich nicht leisten, eine seiner Mitarbeiterinnen zu verlieren, da er sich sicher war, dass es schwer sein würde, eine Neue zu besetzen, wenn erstmal erzählt werden würde, was der Herr Doktor doch für ein spießiger Tyrann sei. Aus diesem Grund verhielt er sich diplomatisch und sagte schlichtweg nichts zu Marions Haaren, Ninas Tattoo am rechten Unterarm oder Lines Nasenpiercing.

Ich bin nicht der Verrückte hier! Das könnt ihr vergessen!

„Es wird immer Leute geben, die sich Sorgen mache und Gerüchte erzählen, Frau Kiesing. Das wird sich mit Sicherheit genauso schnell legen, wie es gekommen ist“, sagte er und ging rechts am Tresen vorbei in sein Sprechzimmer. Gelangweilt öffnete er die Tür und trat in den kühlen, leeren Raum. Er streifte seine Jacke ab und hing sie an den Kleiderständer, der neben der Tür stand. Grade, als er zu dem Stuhl hinter seinem Schreibtisch gehen wollte, hielt er in der Bewegung inne und warf einen erneuten Blick auf den Haken, an den er seine Jacke gehängt hatte. Langsam stellten sich seine Armhaare auf und eine noch länger anhaltende Gänsehaut machte sich bemerkbar. Zwei Plätze neben seiner Jacke hing eine altmodische, fast durchsichtige Schlafmütze mit weißem Bommel.

„Verzeihen Sie, aber haben Sie einen Termin?“, fragte plötzlich eine krächzende Stimme hinter dem Computer. Erschrocken drehte er sich zu seinem Schreibtisch herum und sah wie der kahlrasierte Kopf des alten, runzligen Mannes im Schlafanzug hinter dem Rechner hervorschaute. Zufrieden begann der Alte zu lachen und machte eine abwinkende Handbewegung, während er sich wieder dem vor ihm leuchtenden Bildschirm zuwandte.

„Nur ein Spaß, Doktorchen. Nur ein Spaß“, beschwichtigte er ihn scherzhaft und hämmerte wie ein Berserker auf die Tastatur des Stand-PCs.

Übermüdung. Halluzination. Atme aus. Du bist nicht verrückt. Übermüdung ...

„...Halluzination. Atme aus. Du bist nicht verrückt. Fällt Ihnen nichts Besseres ein?“, fragte der Mann im Schlafanzug belustigt und erhob sich von dem Drehstuhl und musterte Kris mit einem gewitzten Schmunzeln.

„Wer sind ...“, fing Kris kleinlaut an, aber wurde rasch unterbrochen.

„Nichts weiter als ein alter gebrechlicher Mann“, sagte er und buckelte symbolisch seinen Rücken und machte zwei Schritte auf ihn zu.

„Hören Sie auf mich ...“

„...zum Narren zu halten?“, beendete der Alte den Satz vor Kris und schaute verschmitzt aus seiner Buckelpose zu ihm hoch. Inzwischen konnte man Kris Gesicht nicht mehr als blass, sondern musste es als kreideweiß bezeichnen. Sein Kopf war überfordert und das auf vielen verschiedenen Ebenen.

„Aber Doktor, was ist denn mit ihnen? Sie sehen so blass aus“, sagte der Mann im Schlafanzug und setzte eine besorgte Miene auf.

„Sind Sie etwa krank?“

Hastig erhob er sich aus seiner gekrümmten Pose und machte zwei schnelle, fast lautlose Schritte auf Kris zu. Kris fiel auf, dass er barfuß war und seine Zehennägel die Farbe von einem dreckigen Gelb hatten.

„Strecken Sie die Zunge raus, singen sie mit geschlossenem Mund die Nationalhymne von Nigeria in D-Dur und drehen Sie sich zehn Mal im Kreis“, forderte er ihn ernst auf und legte ihm den Handrücken an die Stirn. Kris reagierte nicht. Er stand einfach nur stumm da und blickte in die Augen des alten Mannes, die ihn auf irgendeine Weise zu hypnotisieren schienen. Kurzzeitig war er versucht, reflexartig den Mund zu öffnen und ihm tatsächlich seine Zunge raus zu strecken. Doch glücklicherweise hatte sein Verstand rechtzeitig die Kontrolle über seinen Körper wiedergewonnen und hielt ihn von diesem Vorhaben ab.

„Welche Symptome haben Sie? Nein, verraten Sie es mir nicht. Halluzinationen, Schlafmangel, Impotenz, stimmts?“, fragte er immer noch mit demselben ernsten Gesichtsausdruck und stieß ihn mit dem Ellenbogen in die Seite. Schwach und mit gespielter Trauer schüttelte er den Kopf.

„Tut mir leid, Doktorchen, aber Sie sind wohl doch verrückt“, sagte er und legte ihm mitfühlend seine knochige Hand auf die Schulter. Sie fühlte sich leicht, aber zugleich auf irgendeine Weise, die mehr von seinem psychischen Empfinden ausging, als von seinem physischen, drückend an. Plötzlich fing der seltsame Mann an, sein krächzendes Lachen hören zu lassen und nahm die Hand von Kris Schulter.

„Bleiben Sie ganz unbesorgt. Als Arzt unterliege ich selbstverständlich der Schweigepflicht“, flüsterte er hinter vorgehaltener Hand und zwinkerte ihm belustigt zu.

„Was ...“, versuchte Kris erneut eine Frage zu stellen, aber wurde unlängst wieder von dem Mann unterbrochen.

„Sie entschuldigen mich, Doktorchen, aber ich habe noch andere Patienten, die meine unfehlbare Diagnose benötigen. Lassen Sie sich einen Termin geben“, sagte er und fischte mit seinem dürren Arm die Mütze vom Kleiderständer.

„Wir sehen uns, Doktorchen.“

Dann setzte er seine Schlafmütze auf und einen Wimpernschlag später war Kris wieder alleine im Raum. Verwirrt blickte er sich um. Der Computer war ausgeschaltet und sein Stuhl stand wie immer unter dem Tisch. Nichts deutete darauf hin, dass vor wenigen Sekunden jemand hinter seinem Schreibtisch gesessen und den Rechner bedient hatte. Mit einem unwohlen Gefühl, als wenn er sich das Frühstück erneut durch den Kopf gehen lassen würde, stellte er seinen Arztkoffer neben dem Schreibtisch ab und zog den Stuhl unter dem Tisch hervor.

Du bist nicht verrückt. Komm wieder zu dir. Du bist nicht verrückt. Nicht du.

Angespannt drückte er auf den Power-Knopf des PC-Towers und setzte sich auf den Stuhl. Langsam und mit einem lauten Rauschen startete der Computer. In dem Moment, in dem er die Datei des ersten Patienten öffnen wollte, tauchte ein gelbes rechteckiges Feld auf und begann unaufhörlich in der Mitte des Bildschirmes zu blinken.

„SEHEN SIE GENAU HIN DOKTOR“, leuchtete die rote Schrift auf dem Feld auf. Unsicher blickte er sich im Raum um. Er war immer noch leer. Als er seine Augen auf den Bildschirm richtete, war das rechteckige Feld mit der roten Schrift verschwunden und der Windows Homescreen mit allen Programmen und Dateien tauchte auf, als wäre nichts gewesen. Vorsichtig rollte er mit dem Stuhl näher an den Computer heran. Zögerlich griff er nach der Maus und wählte eines der Icons auf dem Bildschirm aus.

Doch anstatt, dass sich das ausgewählte Programm öffnete, erschien innerhalb weniger Millisekunden ein Video. Sofort erkannte Kris das Baby, das er glaubte am gestrigen Abend erst überfahren und dann in seinem Auto sitzen gesehen zu haben. Wie am gestrigen Abend saß es dort mit überfahrenem Kopf und von Blut und Tränen geröteten Wangen und schrie ununterbrochen. Erschrocken wich er vom Bildschirm zurück und hielt sich die Hand vor den Mund, während er das Baby weiterhin schreien und plärren hörte. Eilig versuchte er das Video zu stoppen, bevor Marion oder gar ein Patient etwas davon hören würde, aber er konnte es nicht. Wenige Augenblicke später verschwand das Video vom Bildschirm und das gelbe Textfeld blinkte erneut in der Bildschirmmitte auf.

„DAS IST IHRE ZUKUNFT“, zeigte die rote Schrift, dann startete sich der Computer neu.

Ehe Kris wusste, was er tun sollte, klopfte es an der Tür und Marion streckte den Kopf in das Zimmer.

„Dr. Lindner? Der erste Patient wäre da“, sagte sie emotionslos. Immer noch unter Schock warf er einen flüchtigen Blick auf den Rechner, der inzwischen wieder hochgefahren war und nur darauf wartete benutzt zu werden.

„Schicken Sie ihn rein“, bat er seine Angestellte mit einem wirren und überforderten Lächeln. Mit einem großen Fragezeichen auf der Stirn verließ Sie das Zimmer, um dem Doktor den ersten Patienten des heutigen Tages zu bescheren. Verunsichert rückte Kris näher an den PC und öffnete probeweise den Internetbrowser.

Du bist nicht verrückt.

Dieses Mal erwarteten ihn keine bösen Überraschungen und er begann mit dem vertrauten Tagesgeschäft.

Aber was, wenn doch?

13

Wie ein geprügelter Hund, was er ja im gewissen Sinne, mit Ausnahme der Spezies, auch war, ging Mark über den Schulhof zu den Steinen, wo er gestern Jonas getröstet und Erik in den Dreck geschubst hatte. Diesen Morgen fand er seinen Freund nicht dort vor, denn er war am heutigen Tag zuhause geblieben. Irgendwas war mit seinem Magen und er musste sich wohl übergeben, hatte seine Klassenlehrerin ihm genervt erzählt, während sie das Mathebuch schnell wieder in ihrer Ledertasche verstaute und zügig aus dem Raum verschwand. Mark war nicht traurig, dass Jonas heute nicht da war. Er hätte ohnehin nicht mit ihm reden können, weil er immer noch mit den Gedanken bei seinem kleinen Bruder Ben war. Und das war in Ordnung so. Es gab für alles eine Zeit im Leben, und jetzt war die Zeit zur Trauer um einen geliebten Menschen. Eine Zeit, die ein jeder im Leben erhalten sollte.

Nachdenklich setzte Mark sich auf einen der Steine und betrachtete in Gedanken versunken seine von der Erde verdreckten weißen Schuhe. Nach ein paar weiteren Schritten würde die Schleife an seinem linken aufgehen. Langsam driftete er in seine eigene kleine Welt ab, die er immer wieder aufs Neue aufsuchte, wenn er alleine war und sich von der Welt ausgeschlossen und verstoßen fühlte. In seiner eigenen Welt war er kein kleiner, schwacher Junge. In seiner Welt war er ein stolzer und prächtiger Adler, der im Tiefflug über das Gelände der Schule hinweg glitt und die Schüler und Lehrer auf dem Pausenhof beobachtete. Hinter der Schulmensa standen ein Junge aus der neunten und ein Mädchen aus der achten Klasse und küssten sich verlegen, ohne zu bemerken, dass sie von dem majestätischen Vogel beobachtet wurden. Leise schnitten die Flügel des Tieres durch die Luft und er flog an dem jungen Pärchen vorbei auf den großen Hof. An den drei steinernen Tischtennisplatten spielten mehrere Jungen und Mädchen aus der fünften Klasse mit einem Mini-Fußball ein Spiel namens Platte. Es funktionierte ähnlich, um nicht zu sagen genauso wie der Rundlauf beim Tischtennis, nur mit den Händen anstelle des Schlägers. Auch sie bemerkten nicht, wie der Vogel stumm und unsichtbar an ihnen vorbeiflog und sich langsam den Steinen, bei denen Mark saß, nähert.

Ein paar Meter von dem einsamen Kind entfernt bewegte sich eine kleine Gruppe Jungen mit mäßigen, aber bestimmten Gang auf ihn zu. Der Größte der drei stellte sich genau vor den Jungen, der alleine auf dem Stein saß, packte ihn am Kragen und sagte wütend etwas, das er nicht verstehen konnte. Neugierig setzte sich der Adler auf einen der Äste des Baumes, der den Steinen am nächsten war, und betrachtete die Situation aufmerksam. Unsanft hob der große Junge den kleineren, beleibteren vom Stein und stieß ihn auf den Boden, wo er ihm einen Tritt in die Seite versetzte. Nachdem er ein weiteres Mal eine Beleidigung ausgesprochen hatte, spuckte er auf den korpulenten Jungen, der seine Brille bei dem Stoß verloren hatte und entfernte sich lachend mit den anderen beiden vom Ort des Geschehens. Ein paar Sekunden wartete der Vogel noch, ob der Junge wieder aufstehen würde, dann erhob er sich in die Lüfte, während der Junge sich langsam vom Boden aufrichtete und schluchzend seine Brille aufhob.

14

Es war in ungefähr halb zwei gewesen, als Frank aus seiner Mittagspause hinter seinen Schreibtisch zurückkehrte und sich an das Tippen des Berichtes zum gestrigen Einsatz machte. Er war mit seinem Kollegen zusammen auf Streife gewesen und wegen häuslicher Gewalt nach Dulingen gerufen worden. Harald hatte seiner Frau wieder auf seine ganz eigene Art und Weise gezeigt, dass sie gefälligst das tun sollte, was er ihr sagte. Nach einiger Zeit geriet die Situation außer Kontrolle und die Nachbarn hatten die Polizei verständigt. Als Frank jedoch mit seinem Kollegen am Haus der Familie Nitz angekommen war, war bereits alles vorbei und Harald längst wieder einigermaßen zur Beherrschung gelangt.

Wie in Zeitlupe wanderten seine Finger über die Tastatur des Computers. Er war nie ein sonderlich schneller oder geübter Schreiber am PC gewesen. Zwar hatte er bereits einige Übungen und auch Programme, die ihm helfen sollten, schneller tippen zu lernen, getestet, aber er war jedes Mal aufs Neue daran gescheitert.

„Natürlich hat es mir etwas gebracht“, hatte er seinen Kollegen immer wieder erzählt, nachdem er ein weiteres Programm erfolglos ausprobiert und schließlich deinstalliert hatte, nur um im Endeffekt seine Einsatzberichte weiterhin mit der Geschwindigkeit einer Gartenschnecke abzutippen. Doch niemand nahm ihm dieses Verhalten großartig übel, stellte es als simple Ausrede dar oder verurteilte ihn dafür. Als er 27 war, hatte er sich einmal seine Wirbelsäule gebrochen und war seitdem nicht mehr der Mobilste unter seinen Kollegen. Von Zeit zu Zeit kam es durchaus noch vor, dass sein Rücken ihm Probleme und äußerst unangenehme Schmerzen bei starken oder ungewohnten Drehungen bereitete. Mit inzwischen fast 30 Jahren, die er bei der Polizei verbracht hatte, wollte ihm niemand mehr etwas Schlechtes wie Eitelkeit oder überschwängliche Selbstzufriedenheit vorwerfen. Wäre er ein junger Bursche von 23 Jahren, der noch grün hinter den Ohren war und mit solchen leeren Sätzen versuchen würde, sein langsames Tippen zu rechtfertigen, dann hätten ihn alle für das Paradebeispiel der immer weicher und schüchterner werdenden jungen Generation gehalten und er hätte sich jede Aussicht auf Respekt gnadenlos verspielt. Aber er war nicht irgendein junger Bursche, der noch keine Erfahrungen in seinem Leben oder in seinem Beruf gemacht hatte. In seinen unzähligen Jahren, die er bei der Polizei verbracht hatte, hatte er viele Kollegen kommen und gehen sehen und auch so manch einen schon betrauern müssen.

2011 wurde er zusammen mit drei weiteren Polizisten wegen Ruhestörung nach Dulingen gerufen, um für Ordnung zu sorgen. Frank Lehmann, Herbert Plock, Sebastian Körtel und Bernd Schwartzer. Am Morgen nach dem Einsatz tauchten Körtel und Plock in den Todesanzeigen der Regionalzeitung auf. Der Mann, der den Lärm verursacht hatte, war psychisch krank gewesen und stritt sich grade mit einem seiner Alter Egos, als die vier Polizisten an seiner Haustür klingelten. Völlig aufgescheucht hatte er versucht, sich mit einem Sportbogen zu verteidigen und dabei bewiesen, dass er trotz seiner Panik immer noch zielsicher war. Plock, der den Fehler gemacht hatte die Tür zu öffnen, wurde von einem Pfeil in den Magen getroffen und verstarb innerhalb weniger Minuten. Körtel, der noch unerfahren und somit auch naiv war, hastete augenblicklich auf den Angreifer zu, um ihn zu überwältigen. In seinem Schock und seinem jugendlichen Übermut hatte er scheinbar vergessen, dass er selbst eine Waffe bei sich trug und so hatte auch er wenige Sekunden später einen Pfeil genau in der Brust stecken. Es war sein erster Einsatz überhaupt gewesen. Frank hatte ihn mitnehmen wollen, weil er dachte, dass etwas Einfaches wie Ruhestörung genau das Richtige für den Anfang wäre, um ihn langsam in den Berufsalltag auf Streife einzustimmen. Schwartzer, der hinter den beiden das Haus betreten hatte, reagierte schnell und schoss mit seiner Dienstwaffe auf den Mann, der sofort von den Kugeln getroffen in sich zusammenklappte und die Treppe hinunterfiel.

Nach der Trauerfeier quittierte Schwartzer seinen Dienst und kehrte zurück zu seinem ursprünglichen Beruf als Maler, wo er wenige Jahre später den Betrieb seines Vaters übernahm. Vetternwirtschaft vom Feinsten. Er wolle nicht noch einmal miterleben müssen, dass einer seiner Freunde und Kollegen auf diese grausame Art und Weise das Zeitliche segnen würde. Besonders nicht in so einem jungen Alter. Frank hingegen war geblieben und hatte jede Beförderung ohne zu zögern ausgeschlagen. Auch er wollte nicht, dass so etwas nochmal passieren würde. Doch anders als Schwartzer, der lediglich das Weite gesucht hatte, um sich von den unangenehmen Tatsachen und Ereignissen zu distanzieren, wollte er sichergehen, dass er derjenige wäre, der als Erster die Tür öffnen würde, um niemanden sonst einer Gefahr auszusetzen. Auch wenn es mit den Jahren, dank seines zunehmenden Alters, der höheren Quote an Hitzköpfen und immer häufiger auftretenden Affekthandlungen, schwieriger wurde, sich und nicht andere in diese zu begeben. Immerhin hatte auch er mittlerweile seine besten Jahre hinter sich, obwohl er selbst es wohl nie für möglich gehalten hätte, dass dieser Zeitpunkt jemals tatsächlich kommen würde. Aber vermutlich war das der Grund, warum man sagte, dass mit dem Alter die Weisheit kommt. Je älter man wird, desto bewusster wird einem, dass das Leben alles andere als unbegrenzt ist. Die Weisheit liegt darin zu erkennen, dass das Leben nicht unendlich, sondern viel mehr das Endlichste ist, das es gibt. Es beginnt, indem wir geboren werden, und es endet als verfaulender Leichnam in einer Holzkiste, als Häufchen Asche in einer Urne auf dem Kamin unserer Kinder oder in ein Leinentuch gewickelt und mit Gewichten beschwert auf dem Grund irgendeines Gewässers. Es ist keine Gerade ohne Anfang und Ende. Es ist nicht mal eine Halbgerade, die zwar einen Ursprung hat, aber nie ein Ende findet. Das Leben ist eine Strecke. Klar begrenzt und auf Anfang und Ende datiert. Schlussendlich muss und wird jeder zu dieser Erkenntnis gelangen. Eine andere Möglichkeit kann es nicht geben.

Konzentriert auf das Schreiben des recht kurzen Berichts merkte er kaum, wie sein Kollege Melkovich hinter ihm auftauchte und ihm auf die Schulter tippte.

„Frank?“

„Hm“, murmelte er fokussiert auf die schwarzen Buchstaben, die nach und nach vor ihm auf dem Bildschirm erschienen.

„Ein Notruf aus Dulingen. Irgendein Spinner soll wohl versucht haben, sich als Supermarktmitarbeiter auszugeben und an den Schlüssel für die Kasse zu kommen“, erzählte er ihm in fast akzentfreiem Deutsch.

Ivan Melkovich war Ukrainer und im Alter von zehn Jahren mit seinen Eltern zusammen nach Deutschland gezogen. Er war 2007 zur Polizei gekommen und arbeitete seitdem gemeinsam mit Frank im Streifendienst. Die beiden schätzten und respektierten sich nicht bloß im Berufsleben, sondern waren auch privat dem anderen gegenüber immer respektvoll und freundlich. Mit der Zeit hatte sich zwischen ihnen eine gute Freundschaft entwickelt, in der sie schon bereits das ein ums andere Mal die Trinkfestigkeit ihres geschätzten Kollegen auf die Probe gestellt hatten. Während Melkovich entsprechend aller Vorurteile öfters eine Wodkaflasche zur Brust nahm, blieb Frank in seinem Fall hauptsächlich bei einem guten Scotch oder Bourbon. Verheiratet war er nicht, was ihn zugleich für Frank noch eine Spur sympathischer machte. Genau wie Frank war auch Ivan kein Fan von dem Gedanken an eine Frau gebunden zu sein und diverse damit einhergehende Verpflichtungen auferlegt zu bekommen. Die Heirat war für sie nichts anderes als Ketten, die man ihnen anlegen und sie so von den Freuden des Lebens abhalten würde. Es war ein überaltertes Konzept, das in der heutigen Zeit sowohl weniger Wert als auch Aussagekraft hatte. Heutzutage heiratete man, wenn man es schaffte, eine Woche nicht zu streiten, man bereits drei Monate zusammen in einer Beziehung lebte oder nur, weil man vergessen hatte zu verhüten und ein Kind in Erwartung war. Teilweise machte man sich sogar einen Spaß daraus oder ging so weit, eine wildfremde Person nur für eine niveaulose Sendung auf RTL 2 zu ehelichen.

Früher einmal ist die Heirat zweier Menschen etwas Bedeutsames und Prägendes gewesen. Man schuf Bündnisse durch Eheschließungen mit einem anderen Adelshaus und erlangte so Macht und Prestige in der Gesellschaft. Es war ein riesiges Fest mit einem Bankett, von dem man wahrlich nur träumen konnte, und anschließend ging man sicher, dass der Gatte auch wirklich die Ehe mit seiner Frau Gemahlin vollzog, damit sie den beiden einen Sohn gebar und somit die Existenz der Dynastie sichern würde.

Besonders wichtig war außerdem die Jungfräulichkeit des weiblichen Parts, die sie in der Hochzeitsnacht, und nur dann, verlieren sollte. Was früher noch als schändlich und unsittlich galt, war in heutigen Zeiten das Normalste der Welt. Es war nicht verwerflich, wenn eine Frau bereits vor ihrer Hochzeit bereits mit ein oder zwei – in moderneren Zeiten eher drei und mehr – Männern geschlafen hatte. Meistens war es sogar ungewöhnlich oder erzeugte ein abwertendes Runzeln auf der Stirn, wenn man bis zur Heirat noch nicht seine Unschuld verloren hatte. Schließlich solle man sich ja ausprobieren und dürfe nicht blind in die Ehe hineingehen. Ziemlich paradox, so etwas aus derselben Generation zu hören, die sich geradezu danach verzehrte in eine fleischliche Beziehung zu gelangen und dabei jede Form der Logik und des Denkens ignorierte. Die Unbeflecktheit, die früher so eine große Rolle spielte, wurde heutzutage von einem selbst frühestmöglich an den Meistbietenden verschachert und dann wie ein rohes Stück Fleisch zerfetzt, nur um dann mit einem kalten, erniedrigenden Blick abgewehrt zu werden.

Die Welt hatte an Würde und Edelmut verloren, dachte Frank und musste scherzhaft an die „edelmütigen“ Männer des Glaubens denken, die es trotz ihrer Keuschheit geschafft hatten, Kinder in die Welt zu setzen.

Vielleicht war die Welt nicht weniger würdevoll oder edelmütig geworden, sondern einfach offener, toleranter und ehrlicher als zu damaligen Zeiten.

„Dann machen wir uns besser mal auf den Weg, nicht wahr?“, fragte Frank und speicherte den zur Hälfte fertigen Bericht auf dem Computer ab. Entspannt und ohne Eile verließen sie das Gebäude und setzten sich in den Streifenwagen. Als Frank den Motor startete, dachte er an die Bilder von den Konzentrationslagern, Hitler und den Nazis, 9/11 und den Anschlägen von Hanau und Halle und stellte fest, dass die Welt alles andere als toleranter, offener und ehrlicher geworden war.

15

20 Minuten später kamen Frank und Ivan an dem Supermarkt in Dulingen an. Die Wolkendecke hatte sich noch ein Stück weiter zugezogen und ließ kein Sonnenlicht durch ihren depressiv grauen Schleier hindurchschimmern. Vereinzelte Regentropfen fielen auf das Autodach des Polizeiwagens herunter und erzeugten ein leises, altbekanntes, metallenes Klopfen. Leicht fröstelnd zog Frank seine Jacke zu und steckte die Hände in die Taschen, als er sich mit seinem Kollegen auf den Weg in das Gebäude machte. Schon am Eingang erkannten sie den völlig aufgewühlten Mitarbeiter, der sich hilfesuchend – möglicherweise auch eher paranoid – nach allen Seiten umblickte und bereits von einem der anderen Angestellten beruhigt wurde. Zumindest schien er es zu versuchen. Scheinbar ziemlich erfolglos.

„Guten Tag“, begrüßte Frank die beiden freundlich und unvoreingenommen.

„Ah, sehr gut, die Polizei ist da“, sagte der aufgewühlte Mann und machte sofort ein paar schnelle Schritte auf ihn zu.

„Ich bin bereit, eine vollständige Aussage zu machen und Ihnen den Mann zu beschreiben. Wenn es hilft, mache ich Ihnen hier und jetzt eine Phantomzeichnung. Ich ... ich kann sowas. Ich bin freiberuflicher Künstler. Zugegeben im Bereich von Comic und Karikaturen, aber ich bekomme das hin, versprochen! Geben Sie mir nur einen Stift und ich zeige Ihnen ...“, stammelte der hagere Mann mit Akne im Gesicht und gestikulierte dabei nervös mit seinen Armen.

„Ganz ruhig Dominik, alles wird gut. Atme ruhig ein und wieder aus. Alles wird gut“, versuchte der andere, etwas jüngere Mann, ihn zu beschwichtigen und legte ihm beruhigend seine Hand auf die Schulter.

„Du kannst mich mal mit deinem dämlichen ‚atme ein‘!“, entgegnete er aufgebracht und stieß seine Hand von sich weg. Einige der Kunden drehten sich neugierig und überrascht zu ihm herum und begannen leise zu tuscheln.

„Beruhigen Sie sich erstmal!“, brachte Frank die Debatte zum Schweigen. Melkovich stand teilnahmslos neben seinem Freund und starrte Löcher in die Luft. Jeder tat das, was er am besten konnte. Frank kümmerte sich um das Reden und Ivan stand daneben und setzte stumm seinen strengen und kontrollierenden Blick auf, der durch die scharfen Kanten seines Kiefers noch besser zur Geltung kam. In Szenarien wie diesen waren sie ein eingespieltes Team. In einem Verhör würde Frank die Rolle des sogenannten „Good Cop“ und Ivan die des „Bad Cop“ einnehmen. Zwar hatten sie noch nie eines geführt, da sie bloß Streifenpolizisten waren, aber auch so war die Verteilung dieser Rollen mehr als eindeutig zu erkennen.

„Was ist hier passiert?“, fuhr er fort, nachdem die beiden Männer verstummt waren und ihn kleinlaut ansahen. Wenn man ihr Alter miteinander addieren würde, wären sie wahrscheinlich immer noch jünger als ich, dachte Frank und stöhnte verzweifelt innerlich auf.

„Hier war ein Verrückter! Der muss geisteskrank gewesen sein! Wahrscheinlich schizogen oder so!“, ergriff der aufgewühlte Mann mit der Akne wieder das Wort und fuhr sich angestrengt durch seine kurzen, blonden Haare. Seine Stirn glänzte schwach von Schweißperlen und dem Licht der Deckenleuchten.

„Verzeihung?“, fragte Frank verwirrt und runzelte leicht genervt die Stirn. Er konnte es nicht leiden, wenn Jungspunde sich nicht vernünftig ausdrücken konnten. Nervosität hin oder her.

„Naja so schizogen halt. Wenn man anfängt mit sich selber zu reden oder so, was weiß ich“, erklärte er bruchstückhaft und zuckte unkontrolliert mit den Schultern.

„Sie meinen schizophren?“

In Gedenken an unsere Kollegen Herbert Plock & Sebastian Körtel, die ihr Leben zum Schutze anderer geopfert haben. Ruhet in Frieden, Männer.

„Ja, kann sein, aber wie auch immer. Der Kerl muss krank oder gestört gewesen sein. Wenn sie mich fragen wahrscheinlich sogar beides.“

„Ganz in Ruhe. Gehen wir den Vorfall der Reihe nach durch. Was genau ist passiert?“, wiederholte Frank mit einem Unterton, in dem so viel Hoffnungslosigkeit steckte wie nur möglich. Der Mann, dessen Name allem Anschein nach Dominik war, befolgte schlussendlich den Tipp, den ihm sein Kollege bereits vor einigen Minuten gegeben hatte und atmete ein paar Mal tief durch, bis er sich bereit fühlte zu erzählen, was passiert war.

„Ich war gerade dabei, das Regal mit den Wasserflaschen aufzufüllen, als ich sah, wie jemand versuchte die Tür zum Lager zu öffnen. Natürlich bin ich sofort hingegangen und habe ihn darauf hingewiesen, dass er dort nicht reindürfe, wenn er hier nicht arbeite. Auf einmal hat er sich umgedreht und gemeint, dass er hier arbeiten würde und bloß seinen Schlüssel verlegt hätte und ich ihm doch bitte meinen leihen solle. Natürlich hab ich ihm nicht geglaubt und verlangte, seinen Mitarbeiterausweis zu sehen. Ich weiß nicht wie und wann er ihn mir abgenommen hatte, aber auf einmal zeigte er mir meinen Ausweis vor und bat mich erneut nach dem Schlüssel für die Tür und auch für die Kasse. Er müsste noch ...“

Fragend sah Frank den Mann an. Er wollte nicht noch mehr Zeit hier verbringen als notwendig.

„Was müsste er noch?“

Unsicher und verlegen starrte Dominik auf die Fugen zwischen den Bodenfliesen und wischte sich mit einem angestrengten Schnaufen den Schweiß von der Stirn.

„Er müsste noch das Geld für die Sachen, die er sich beim letzten Mal aus dem Lager genommen hatte, bezahlen“, erzählte er mit wackeliger Stimme.

„Fehlt denn etwas aus dem Lager?“, mischte Ivan sich zum ersten Mal mit in das Gespräch mit ein und beäugte Dominik skeptisch. Das Zögern des jungen Supermarktmitarbeiters machte ihn misstrauisch. Hinter ihnen nahm eine Mutter ihrem kleinen Sohn einen Eimer mit Kirschtomaten aus der Hand und stellte ihn zurück auf den Tisch mit den regionalen Produkten.

„Die sind viel zu teuer“, meckerte sie ihr Kind an und nahm eine in Plastik eingeschweißte Verpackung mit Tomaten aus Spanien, die 20 Cent günstiger waren.

„Nein“, sagte Dominik eilig, was Ivans Misstrauen nicht besänftigte. Sein Tonfall klang nicht ehrlich, sondern vielmehr so, als wenn er etwas zu verbergen hätte, aber dies in seiner Aufregung nicht wirklich überzeugend rüberbringen konnte.

„Doch“, warf der andere Mitarbeiter neben ihm überrascht ein. Verwirrt sah Frank erst den nervösen Mann mit Akne, der mittlerweile einen hochroten Kopf bekommen hatte, dann den anderen Mitarbeiter neben ihm an, der seinen Kollegen ebenso verwirrt musterte.

„Also, was denn nun?“

„Seit ein paar Monaten fehlen immer wieder mal Gutscheine, Drogerieartikel und vereinzelte Lebensmittel, die aber in keinem der Kassensysteme als bezahlt aufgeführt werden“, berichtete er sachlich, ohne wie Dominik auszuschweifen oder emotional aufzudrehen.

„Weiß ihr Chef davon?“

„Ja, ich habe bereits vor zwei Monaten mit ihm darüber geredet, aber er meinte, dass es an den Kassen liegen könnte, wenn vereinzelte Artikel nicht in den Rechnungen auftauchen. Seitdem kontrollieren wir stärker, was gekauft wird, aber es verschwinden immer noch Sachen und die Überwachungskameras fallen ständig aus.“

„Hat diese Woche etwas gefehlt?“, fragte Frank weiter. Im Augenwinkel beobachtete er, wie Dominik immer kleiner und nervöser zu werden schien.

„Ja. Drei Gutscheine für Amazon im Wert von jeweils einhundert Euro und fünf Steam Karten im Wert von jeweils fünfzig Euro. Wir haben bereits einen Detektiv engagiert, der sich der Sache annimmt, aber auch der ist bisher zu keinem Ergebnis gelangt“, erzählte er und zuckte enttäuscht mit den Achseln.

„Und Sie wussten davon nichts Herr ...“

„Grüner“, antwortete er aufs Wort. Sein Gesicht hatte inzwischen dieselbe Farbe wie seine Pickel und strahlte eine abnormale Hitze ab. Nervös begann Dominik sich zu kratzen und wich den Blicken der beiden Beamten kontinuierlich aus.

„Herr Grüner“, begann Frank ernst und trat einen Schritt näher an ihn heran.

„Sie wussten also nichts davon, dass hier wöchentlich für den Verkauf bestimme Artikel aus dem Lager entwendet werden?“

„Naja was heißt nichts davon gewusst ... Ich war bei den letzten Meetings nicht immer dabei, verstehen Sie? Das letzte Mal, als ich da war ... Nun ja ...“, stammelte er verlegen und suchte Hilfe bei seinem Kollegen, der jedoch nicht im Ansatz auch nur daran dachte, ihm zur Hilfe zu springen.

„Herr ...?“, fragte Frank den anderen Supermarktmitarbeiter, ohne auf das Gestammel einzugehen, das Herr Grüner von sich gab.

„Bauermann.“

„Sagen Sie, Herr Bauermann, wann war ihr letztes Meeting?“, forderte er ihn auf und sah, wie in den Augen von Grüner vor ihm förmlich die Panik aufstieg.

„Lange ist das noch nicht her. Vor zwei Tagen erst hat uns der Filialleiter zu einer Besprechung wegen den Diebstählen zusammengerufen“, erzählte er gelassen. Respektvoll sah er dem Polizisten in die Augen und verschränkte, wie wenn er einem ranghöheren Offizier Bericht erstatten würde, die Arme hinter dem Rücken. Er hatte nach seinem Realschulabschluss einen 20-monatigen freiwilligen Wehrdienst absolviert und spielte gerne den respektvollen und gehorsamen Soldaten, wenn es ihm möglich war. Aus diesem Grund wurde er von vielen geschätzt, da sie es liebten, wie ein hohes Tier behandelt zu werden und aus eben diesem Grund wurde er auch von vielen mit rollenden Augen betrachtet, da sie sich von ihm zum Narren gehalten fühlten, wenn er sich auf diese Art und Weise begann aufzuplustern. Auch Frank fühlte sich leicht zum Narren gehalten, ignorierte dieses Gefühl jedoch bestmöglich, da er nicht davon ausging, dass der junge Mann es tatsächlich so meinte und stufte es, wie vieles andere auch, als jugendliches Übermaß an Motivation ein.

„War Herr Grüner anwesend?“

Noch bevor Dominik empört und nervös zugleich widersprechen und die Antwort seines Arbeitskollegen abwürgen konnte, hatte dieser Franks Frage bereits mit einem Ja beantwortet.

„Es ist nicht, was Sie denken, Officer ... Sehen Sie, ich war abgelenkt und habe nicht mitbekommen, dass ...“, versuchte er sich eilig in seiner Panik zu erklären. In kleinen, feinen Tropfen lief ihm der Schweiß über die Falten seiner Stirn, und er suchte vergeblich mit seinen Augen nach Hilfe oder Nachsicht von einem der drei Männer um ihn herum.

„Sie werden mir jetzt genau zuhören, Herr Grüner, verstanden?“

„Aber ...“

„Haben Sie mich verstanden?“, wiederholte Frank und spielte seine ganze Autorität, die er ausstrahlte, mit Wirkung aus und Dominik nickte ihm schüchtern zu. Verzweifelt ließ er den Kopf hängen und trocknete seine Stirn mit dem Ärmel seines Poloshirts.

„Erst einmal würde ich Sie bitten, den Blödsinn, mich Officer zu nennen, zu unterlassen. Wir sind in Deutschland und nicht in irgendeiner mittelklassigen amerikanischen Actionserie, kapiert? Sie werden mir jetzt eine Beschreibung des Mannes geben, der Ihnen neben ihrem Ausweis noch den Schlüssel abnehmen wollte, und dann werden mein Kollege und ich Sie zu ihrem Chef begleiten und eine Anzeige gegen Sie wegen Diebstahl aufnehmen. Sind Sie damit einverstanden?“, sagte Frank eiskalt.

Dominik öffnete den Mund, um sich ein letztes Mal kläglich und erfolglos verteidigen zu wollen, schloss ihn jedoch sofort wieder, als er die ernsten, fixierten Blicke der Polizisten sah und nickte ein weiteres Mal schwach.

„Gut“, sagte Frank, nahm einen kleinen Notizblock samt Stift aus seiner Jacke und machte sich bereit zu notieren, was Herr Grüner über den Mann zu erzählen hatte.

„Also? Wie sah der Mann aus?“, fragte er sichtlich entspannter und ließ die Mine des Kugelschreibers herausschnellen.

„Es war ein alter Mann. Um die 80, würde ich schätzen, und sein Gesicht war voller Falten“, erzählte er.

Auch er wirkte etwas entspannter. Vermutlich kam seine Gelassenheit daher, dass die seelische Last, die dieses Geheimnis mit sich gezogen hatte, nun von ihm abgefallen war und sein Gewissen glatt einen Zentner an Gewicht verloren hatte.

„Irgendwelche Auffälligkeiten? Merkmale, an denen man ihn identifizieren könnte?“

Frank begrüßte die neu gewonnene Leichtigkeit des Mannes sehr. Es ersparte ihm viel Mühe, dass er die Sachen nun nicht mehr aus ihm herausquetschen musste, sondern er sie bereitwillig zugab und endlich seine Aussagen wegen des „Verrückten“, wie er ihn bezeichnet hatte, tätigen konnte.

„Seine Augen. Die waren gelb“, erzählte er.

„Wahrscheinlich jemand mit Leberproblemen“, murmelte Frank und warf einen Blick zu Ivan hinüber, der sich etwas weiter links positioniert hatte, um den jungen Mitarbeiter notfalls aufhalten zu können, wenn er an Frank vorbeilaufen wollen würde, um zu fliehen.

„Nicht so gelbe Augen“, warf Dominik ein.

„Wie meinen Sie das?“

„Seine Augen waren nicht gelb wie bei einer Krankheit, sondern das Innere. Dies hier“, erzählte er und zeigte auf die Iris seines rechten Auges. Wahrscheinlich gelbe Kontaktlinsen, kritzelte er in seiner unsauberen Schreibschrift auf den Block.

„Gibt es noch etwas Auffälliges, das Sie uns über ihn sagen können? War er irgendwie auffällig gekleidet?“

„Das kann man so sagen“, sagte Dominik und lächelte nervös.

„Was genau an seiner Kleidung war für Sie besonders auffällig?“, fragte Frank und sah erwartungsvoll in das von Pickeln und Mitessern übersäte Gesicht des jungen Mannes.

„Nun ja ...“ Verlegen kratze er sich am Hinterkopf und sah die beiden Polizisten abwechselnd an, als ob er bereits wissen würde, dass sie ihm ohnehin nicht glauben würden.

„Er trug einen Schlafanzug.“

16

Unsicher warf Kris einen letzten Blick auf den Bildschirm, ehe er den Computer auf seinem Schreibtisch herunterfuhr. Marion war vor einer halben Stunde gegangen und hatte ihn mit seiner Arbeit am Rechner alleine gelassen. Sein letzter Patient, ein Junge namens Erik Nitz, war vor einer Stunde gegangen. Er hatte sich wegen ein paar Prellungen, von denen er partout nicht erzählen wollte, woher er sie hatte, eine Salbe und ein schwaches Schmerzmittel aufschreiben lassen. Das Schmerzmittel hatte Kris ihm erst nach einiger Überlegung verschrieben, denn schließlich wäre jedes Medikament, das nicht zwingend nötig sei, im Endeffekt schädlicher, als wenn man einfach die Zähne zusammenbeißen und keine Mimose abgeben würde. Doch nachdem Erik demonstrierte, dass er vor Schmerzen nicht mehr in der Lage war, seinen linken Arm vollständig auszustrecken, hatte Kris sich schlussendlich dazu durchgerungen, ihm eine Packung Ibuprofen 200 mg aufzuschreiben.

Es war bereits das zweite Mal diesen Monat, dass der Junge mit Prellungen und teilweise schlimm aussehenden Blutergüssen zu ihm gekommen war. Rechtlich gesehen dürfte er in diesem Fall seine Schweigepflicht brechen, um dem Jugendamt eine begründete Vermutung vorzulegen. Doch er hatte weder handfeste Beweise dafür, dass der Junge zuhause geschlagen wurde, noch wollte Erik darüber reden, was der wirkliche Grund für seine Verletzungen war. Zumindest waren seine bisherigen Erklärungen immer ziemlich unstimmig und passten nicht in das Gesamtbild. Das musste zwar nicht zwangsläufig bedeuten, dass seine Aussagen falsch waren und er ihn anlog. Allerdings war es mehr als merkwürdig, dass er sich beim Fußballtraining verletzt hätte, wenn er eine schwere Prellung am Arm hatte, wegen der er diesen nicht vollständig nutzen konnte. Ebenso seine Erklärung am Anfang des Monats, als er Kris gesagt hatte, dass er die Leiter, die zum Dachboden führte, hinuntergefallen war, obwohl diese schon längst nicht mehr existierte. Harald, Eriks Vater, war Anfang des Jahres in seiner Praxis gewesen und hatte sich beim Ausmisten des Dachbodens den Arm gebrochen, da er von jener Leiter gestürzt war. Wutentbrannt, aber in angemessener Lautstärke, hatte er ihm erzählt, dass er das „Scheißding“ abbauen und auf den Schrott schmeißen würde, wenn da oben alles ausgeräumt wäre. Nach dem, was seine Patienten ihm erzählt hatten, lag die Leiter einen Monat später tatsächlich als Sperrmüll auf dem Bürgersteig und wartete darauf, abgeholt zu werden. Wirklich glaubhaft erschienen seine Begründungen folglich nicht, aber was sollte er machen? Es war nicht seine Entscheidung, dass er nichts tun konnte, was dem Jungen in irgendeiner Weise helfen würde. Aber wer entschied so etwas schon? Der Staat? Wohl kaum. Das Schicksal? Eher nicht. Gott? Vermutlich weniger. Vielleicht war es nicht wirklich sinnvoll, in dieser Sache einen Schuldigen ausfindig machen zu wollen. Es war ja doch bloß vergebene Liebesmüh, und ohnehin war die Frage nach der Schuld etwas, das Philosophen und andere Theoretiker, die mit ihrer „Arbeit“ gerne den Sauerstoff anderer aufbrauchten, diskutieren sollten. Es war nicht seine Aufgabe, sich mit derartigen Dingen auseinanderzusetzen und er wollt es auch gar nicht. Also schwieg er.

Die Realität war der Arbeitsbereich von Lehrern, Ärzten und Handwerkern. Philosophen, Schriftsteller und Künstler hingegen haben keinen Arbeitsbereich. Sie haben einen Spielplatz, gegründet von den Gebrüdern Fantasie und Gedankenspiel, auf dem sie sich, ohne müde zu werden, austoben können. Sie sind wie die verlorenen Kinder in Peter Pan, die nie erwachsen werden und sich dem Ernst des Lebens und der Härte der Realität in ihrer eigenen Welt nie ausgesetzt sehen. Manchmal erwischte Kris sich selbst dabei, wie er in Gedanken schwebte und sich selbst gerne für nur eine Sekunde auf diesem Spielplatz verlieren wollen würde, ehe er wieder mit dem Kopf in der Realität ankam und sich seiner Verantwortung und seines Berufes bewusst wurde. Er hatte keine Zeit, sich mit dem Surrealen und anderen Märchen aus nie existierenden Traumwelten auseinanderzusetzen. Fantasie war etwas für Träumer, Nichtsnutze, Bettler und Kinder. Nichts für jemanden mit seiner Bildung und seines Standes, wie es ihm immer wieder von seinem Vater eingebläut worden war.

Mit leichtem Unbehagen nahm er seinen Koffer und seine Jacke und verließ die Praxis. Unruhig machte er sich auf den Weg zu seinem Auto, das er zwei Straßen weiter geparkt hatte. Seine Gedanken kreisten seit gestern Abend immer wieder um den Mann im Schlafanzug, den er heute bereits zum zweiten Mal gesehen hatte. Auch das Ereignis am Morgen war noch nicht genug gewesen. Nachdem er während seiner Sprechstunde kurzzeitig den Raum verlassen hatte, um die Toilette aufzusuchen, klebte bei seiner Rückkehr an seinem Bildschirm ein gelber Zettel mit einer Notiz.

„Doktor Aeterna Somnum bittet morgen um 7:30 zur Sprechstunde. Seien Sie pünktlich!“, lautete die Schrift auf dem gelben Post-it, den er aus seiner Hosentasche kramte und fragend betrachtete. Kopfschüttelnd bog er um die Straßenecke. Neben die Nachricht hatte jemand mit einem schwarzen Edding einen Sichelmond mit geschlossenen Augen und Mütze gemalt und symbolisierend den Buchstaben Z in mehrfacher Ausführung über ihn gekritzelt. Er betrachtete ihn noch ein paar Sekunden, dann warf er ihn in die Hecke des Grundstücks, an dem er vorbeiging. Der Wind wird ihn verschwinden lassen, dachte er sich und verdrängte den Gedanken an das kleine beschriebene Stück Papier. Er würde jetzt zu seinem Auto gehen, und dann würde er seinen Sohn von der Kita abholen.

Alles ist in Ordnung. Du bist nicht verrückt, also benimm dich auch so!

So einfach war das. Keine Männer in Schlafanzügen und keine halb überfahrenen, schreienden Babys. So einfach und verständlich, denn das war die Realität meistens auch, und genauso sollte sie sein. Zumindest ließ sie sich dann am leichtesten ertragen.

Immer noch etwas zerstreut, atmete er einmal tief durch, bevor er in sein Auto stieg und zu der Kita fuhr, die sein Sohn besuchte.

Eine Viertelstunde später kam er mit seinem Wagen auf der kleinen Parkfläche vor dem alten, flachen Holztor der Kita zum Stehen. Müde schaute er auf seine Uhr. Es war bereits halb vier geworden. Gerade als er sich abschnallen und aus dem Auto aussteigen wollte, sah er, wie sein Sohn lächelnd auf ihn zugelaufen kam. Er trug immer noch die blaue Regenjacke, die Juleen ihm, trotz Protest seinerseits, heute Morgen angezogen hatte. Gelassen öffnete Kris die Tür. Leichter Schwindel überkam ihn, als er das Auto verließ.

„Papa“, quietschte er glücklich und stürmte in seine offenen Arme.

„Na, mein Großer. Hast du dich gut benommen?“, fragte Kris und hob ihn hoch. Die Wärme, die von seinem kleinen Körper ausging, hatte etwas Beruhigendes und Zufriedenstellendes an sich. Sie brachte den Eisblock, der Kris‘ Psyche beschwerte, ein wenig zum Schmelzen. Erhielt den Atem an als er sein Kind an sich drückte und schloss in einem Moment der Zufriedenheit die Augen.

„Guten Tag, Herr Doktor“, begrüßte ihn Charlene, die Erzieherin, und blieb lächelnd im geöffneten Holztor stehen. Ein wenig traurig, dass sein Augenblick von seelischem Frieden vorbei war, öffnete Kris die Augen und erwiderte die Begrüßung mit einem aufgesetzten Lächeln. Charlene hatte Merlin schon des Öfteren mit nach draußen gebracht, wenn Kris ihn abholte. Er versuchte, sich nichts darauf einzubilden, aber ihre Blicke sprachen häufig eine andere Sprache, als dass es nichts wäre. Zwar war er verheiratet, aber es schmeichelte ihm ungemein, dass er scheinbar immer noch eine Anziehung auf andere Frauen hatte. Besonders, wenn es eine Frau wie Charlene war. Sie war etwas kleiner als Kris, Mitte 20 und ihre weiblichen Rundungen ließen sich auch von dem Pulli, den sie trug, nicht verstecken. Manchmal spielte Kris mit dem Gedanken, wie es wohl wäre, mit ihr im Bett zu sein. Wäre sie ein Mauerblümchen oder verbarg sich unter der Maske der sympathischen und kinderliebenden Erzieherin in Wahrheit eine lüsterne Nymphomanin? Der Gedanke, dass Charlene in Wirklichkeit alles andere als harmlos und unschuldig war, erregte ihn. Manchmal machte er sich Vorwürfe, wenn er darüber nachdachte, aber was könnte er gegen den ältesten Trieb des männlichen Geschlechts schon ausrichten?

Schuld war etwas, das Philosophen und andere Theoretiker diskutieren sollten.

Aus diesem Grund arrangierte er sich mit seinem stillen Gedankengang und versuchte, dessen Präsenz bestmöglich zu unterdrücken.

„Ich hab dir ein Bild gemalt, Papa“, erzählte Merlin ihm und hoppelte leicht auf seinem Arm auf und ab. Kris schenkte ihm ein ehrliches Lächeln und küsste ihm die Wange.

„Das ist aber lieb. Hast du Mami denn auch eins gemalt?“, fragte Kris und sah Merlin in die Augen. Sie waren eisblau und ein nahezu perfektes Spiegelbild zu seinen. Aufgeregt begann er zu nicken.

„Da wird sie sich bestimmt drüber freuen“, sagte er und öffnete die Tür zur Rückbank. In aller Seelenruhe setzte er ihn auf seinen Kindersitz hinter dem Fahrersitz und schnallte ihn an. Als er ihn anschnallte, fiel ihm auf, dass die Ärmel seiner Jacke zu kurz waren und seine Arme bereits mehr aus den Öffnungen herausschauten, als sie eigentlich sollten. Innerlich machte er sich eine Notiz, dass er am Wochenende mit ihm und Juleen in die Stadt fahren müsste, um eine Neue zu besorgen. Vielleicht würde er seiner Frau dann auch ein kleines Geschenk kaufen. Er hatte ihr schon länger nichts mehr einfach so geschenkt. Wahrscheinlich gehörte das zu den Dingen, die, wie man so schön sagte, mit der Ehe immer weniger wurden. Doch Kris wollte nicht das Standardbild des immer weniger fürsorglichen und aufrichtigen Ehemanns sein, denn er liebte seine Frau immer noch über alles. Auch seine gelegentlichen Gedankenspiele, die sich um Merlins attraktive Erzieherin drehten, änderten nichts daran.

„Ich bin sofort da, okay?“, versicherte er ihm und bückte sich in den Wagen hinunter.

„Okay“, antwortete er knapp und untersuchte neugierig die Taschen seiner Jacke.

„Ich liebe dich“, sagte er lächelnd, doch erhielt keine Antwort, da Merlin von der kleinen Superheldenfigur, die er gefunden hatte, so fasziniert war, dass er ihn gar nicht hörte. Leise schlug er die Autotür zu und wandte sich Charlene zu, die mit dem Rucksack von Merlin in der Hand am dunklen Holztor stand.

„Harter Tag?“, fragte sie freundlich und reichte ihm den gelb-blauen Kinderrucksack.

„Kann man so sagen“, erwiderte er und nahm ihr dankend den Rucksack aus der Hand. Ihr Dior-Parfum stieg ihm in die Nase. Nichts Billiges, so viel stand mal fest. Es war ein Weihnachtsgeschenk ihres Ex-Freundes gewesen, der als Bankier arbeitete und sie während der Arbeitszeit mit einer seiner Kundinnen auf der Angestelltentoilette betrogen hatte, weswegen sie schlussendlich die Beziehung für beendet erklärt hatte.

„Kann ich mir gut vorstellen“, sagte sie und schmunzelte verlegen, da sie merkte, dass die Chance, ein richtiges Gespräch zu beginnen, gerade in den Minusbereich sank.

„Wie macht Merlin sich? Gibt es irgendwelche Probleme mit ihm?“, fragte er höflich, um ihr die Verlegenheit ein wenig zu nehmen.

„Er ist ein lieber Junge, und er hat eine unglaubliche Fantasie. Aber er ist oft alleine und findet keinen richtigen Anschluss, weil er sich lieber mit seinem eigenen Kopf beschäftigt als mit anderen“, erzählte sie ihm und sah den Jungen durch die Scheibe hindurch leicht bemitleidend an.

„Er ist ein Träumer. Das sind die meisten Kinder in dem Alter.“

„Ich hoffe, dass sich das schnell legen wird“, erklärte Kris und sah betreten den Asphalt unter seinen Füßen an.

„Ich hoffe nicht“, seufzte sie.

„Wieso?“, fragte er ein wenig beleidigt. Er war kein großartiger Fan von Widersprüchen. Seine ganz eigene Arroganz ließ etwas wie Gegenwehr oder andere Meinung nicht gerne zu, weswegen er ziemlich ungern Diskussionen über Themen führte, zu denen es vielfältige Meinungen gab, wovon er den meisten nichts abgewinnen konnte. Zustimmung war für ihn das höchste Gut, das er erhalten, aber nur sehr selten abgeben konnte.

„Unsere Träume und unsere Fantasie sind oft das Einzige, das uns vor den Grausamkeiten des Lebens bewahren. Kinder leben sorglos, weil sie Träumer sind. Erst ab dem Zeitpunkt, in dem wir aufhören zu träumen, verlieren wir uns in Problemen und fangen an, das Leben als Krankheit und nicht als das Wunderland anzusehen, das es eigentlich sein sollte“, erklärte sie ihm.

„Es ist besser, wenn die Kinder früh lernen, dass die Welt alles andere als ein Wunderland ist. Die Welt ist Korruption, Betrug, Arbeit und vor allem Geld. Man kann keine Prinzessin wie im Märchen oder Cowboy wie im Wilden Westen werden. Wir belügen sie, um ihnen nicht unverblümt ins Gesicht sagen zu müssen, dass die Welt kein Spielplatz, sondern ein Gefängnis ist“, erwiderte er verärgert. Bemitleidend sah Charlene ihn an.

„Und genau deswegen mache ich diesen Job und nicht sie“, sagte sie langsam und mit einer Ruhe, die mehr als beneidenswert war.

„Einen schönen Tag noch, Herr Doktor.“

Mit diesen Worten machte sie auf dem Absatz kehrt und ging zurück in das Gebäude der Kita. Kopfschüttelnd, aber trotzdem nachdenklich stieg Kris in das Auto und legte den Rucksack zu seinem Sohn auf den Rücksitz. Nachdem er mit gesenktem Kopf einige Sekunden seinen Sohn im Rückspiegel ansah, startete er den Motor und ließ den Wagen vom Parkplatz rollen.

17

Eilig riss Andre die Fahrertür des Rettungswagens auf und sprang auf den Sitz hinter das Lenkrad. Theo, ein noch relativ junger Rettungssanitäter, schwang sich ebenfalls in aller Eile auf den Platz neben ihn und legte sich innerhalb von zwei Sekunden den Sicherheitsgurt an. An diesem Abend hätte Andre lieber einen anderen Kollegen bei sich gehabt. Jemanden mit etwas mehr Erfahrung, dem nichts erklärt werden musste, der einfach, ohne zu fragen, handelte und somit auch das ein oder andere Leben retten konnte.

Doch heute sollte er derjenige sein, der Ton und Tempo vorgab. Es war nicht oft vorgekommen, dass er diese Verantwortung tragen musste. Zwar hatte er in seinem Metier immer eine gewisse Verantwortung, aber er fühlte sich wohler, wenn nicht er derjenige war, der Führungsqualität zeigen musste. 17 Jahre lang arbeitete er jetzt schon als Rettungssanitäter, und trotzdem hatte er in all diesen Jahren, weder im Beruf noch im Leben, gelernt, was es bedeutete, selbstständig zu sein.

Nachdem er im Alter von 17 seine Ausbildung zum Tischler abgebrochen hatte, war er viel in der Berufswelt herumgekommen und hatte sich nicht selten in einem gänzlich anderen Arbeitsbereich ausprobiert. Nach seiner kurzweiligen Beschäftigung als Azubi bei dem Tischler in seinem Wohnort hatte er sich als Koch in einem Vier-Sterne-Restaurant versuchen wollen, aber schlussendlich die Ausbildung abgebrochen, weil der Beruf ihm keinen Spaß und für die mangelnde Freude nicht genügend Geld einbrachte. Mit 22 hatte er es als Einzelhandelskaufmann versuchen wollen, aber sich nach den ersten praktischen Einheiten dagegen entschieden, da er sich nicht wichtig, beziehungsweise relevant genug gefühlt hatte. Auch mehrere Unterredungen mit seiner Mutter, bei der er nach wie vor wohnte, halfen nicht, ihn vom Gegenteil zu überzeugen.

Als Nächstes landete er über einen engen Freund von ihm bei der Werksfeuerwehr des hiesigen Mischkonzerns BOSCH, wo er zum ersten Mal etwas wie einen leichten Anflug von Zufriedenheit verspürte. Doch trotzdem verwarf er auch diese Idee wieder, da er sich in seinem zweiten Ausbildungsjahr mit seinem Ausbilder anlegte, weil dieser ihn als unreif und kindisch bezeichnete, als er herausfand, dass Andre immer noch zuhause wohnte. Aus diesem Grund quittierte er seine dort angefangene Ausbildung und fand mit 26 schließlich seine große Liebe zum Beruf des Rettungssanitäters. Der Beruf bot ihm sowohl das Gefühl, gebraucht zu werden, als auch den nötigen Thrill und die Spannung, die er bisher bei seinen vorigen Ausbildungen so unwissentlich vermisst hatte. Doch er war schon lange nicht mehr 26 und das machte ihm am meisten zu schaffen. Bis er einen festen Job fand, fühlte er sich immer noch wie ein wohlig behütetes Kind unter der Obhut seiner Mutter, das nie erwachsen werden und auf eigenen Beinen stehen musste. Er hatte seit seinen Zwanzigern keine Frau mehr, außer natürlich digital, ohne Oberteil gesehen, und das letzte Mal, dass er in einer Beziehung gewesen war, lag sogar noch einige Jahre weiter zurück. Eigentlich hatte er nie wirklich eine richtige Beziehung, die als solches bezeichnet werden konnte, gehabt. Jetzt war jede Chance auf eine Frau oder gar Kinder für ihn vertan. Jedenfalls machte sein ungepflegt aussehender Bart in Kombination mit seiner großmütterlichen Brille und seinem von Zeit zu Zeit größer werdenden Bierbauch keinen sonderlich ansehnlichen Eindruck. Zudem sah er noch gute acht bis zehn – wenn das Licht schlecht auf seine gekräuselten, hellen Haare fiel sogar fünfzehn – Jahre älter aus, als er eigentlich war, und auch der Zustand seiner übrig gebliebenen Gehirnzellen war mehr als fragwürdig.

Jedes Mal, wenn seine Mutter das Haus für einige Zeit verließ und ihn bat, die Wäsche zu waschen oder das Geschirr in den Geschirrspüler einzuräumen, grenzte es beinahe an ein Wunder, wenn er es tatsächlich ohne Schäden am Inventar geschafft hatte. Meistens allerdings verzweifelte er kläglich daran, und im Endeffekt blieb es immer wieder an seiner fast 70 Jahre alten Mutter hängen, die nur jedes Mal wieder den Kopf schütteln und in sich hineinseufzen konnte, dass er zwar ein lieber Junge wäre, aber eben auch nie ein Mann geworden sei. Er hingegen sah das selbstverständlich ganz anders. In seinen Augen war er ein erwachsener, selbstständiger, lediglich von allen missverstandener Mann, der wichtig und für die Welt unersetzlich ist.

Wenn man jedoch seinen Kollegen Glauben schenken mochte, dann konnte er froh sein, überhaupt diesen Job bekommen zu haben, und das auch nur, weil Rettungssanitäter so händeringend gesucht wurden. Doch dies war alles außerhalb seiner Wahrnehmung. Aus seinem Blickwinkel heraus war er nicht unnütz und lästig, sondern der gebrauchte Held. Nicht das Alter zeigte sich an ihm und er war keinesfalls unbeweglicher als früher, sondern sein Körper machte nur eine einstweilige Pause, von der er sich jederzeit wieder erholen könne. Er war nicht alleine und kindisch und Frauen widerten sich nicht vor ihm, sondern sie sahen nur, dass er zu gut für sei. Das war seine Sicht der Dinge, und sie war gut so. Für ihn jedenfalls. Es schadete nie, zufrieden mit seinem Leben zu sein. Und eben das war es, weswegen er trotz allem ein glücklicherer Mensch war, als die Meisten. Er wollte nicht viel und gab sich mit dem zufrieden, was das Leben ihm bot. Keine Sucht nach Erfolg, Sex oder der Ferne. Auch wenn es von außen nie so schien, war auch ein solches Leben es wert, akzeptiert und gewürdigt zu werden.

Hastig drehte Andre den Zündschlüssel herum und ließ den Motor aufjaulen. Er schaltete das Blaulicht mitsamt der Sirene ein und fuhr aus dem geöffneten Tor in die Richtung, aus der der Notruf abgesetzt wurde. Erst einige Stunden, nachdem der Einsatz vorbei war, wunderte er sich, dass er auch dieses Mal wieder aus Dulingen kam. In aller Eile stiegen die beiden aus dem Wagen aus und rannten zur Tür, an der bereits die vollkommen aufgescheuchte Frau Nitz wartete.

„Helfen Sie ihm! Helfen Sie meinem Jungen!“, kreischte sie in Tränen aufgelöst und zeigte zitternd auf die Treppe, die nach oben zu Eriks Zimmer führte. Ohne nachzufragen, rannten sie die Treppe hinauf und stürmten in das erste Zimmer auf der linken Seite des Flures. Eifrig kniete Andre sich neben das Bett, in dem, regungslos und friedlich wie ein Engel, Erik lag, und versuchte, ihn erfolglos anzusprechen, während Theo am Hals und wenige Sekunden später auch am Handgelenk des Jungen genauso erfolglos dessen Puls suchte. Einen Augenblick später legten die Rettungssanitäter das Kind unter den trauernden und schmerzerfüllten Blicken der Mutter auf den Holzboden und begannen, ihn zu reanimieren.

Zehn Minuten später kam der Notarzt, der jedoch auch nicht mehr machen konnte, als den Tod des Jungen festzustellen. Wenig später verlagerten sie den toten Jungen in einem Leichensack auf die Trage und brachten ihn aus dem Haus. Mit einem leisen Klick fiel die Haustür ins Schloss. Die einzigen Geräusche, von denen das Haus noch erfüllt war, war das laute Weinen von Eriks Mutter und das des laufenden Fernsehers im Erdgeschoss. Am Boden zerstört kauerte sie sich in der Ecke vom Bett ihres gerade verstorbenen Kindes zusammen und weinte in das Kopfkissen, das sie in ihren Armen hielt.

„Was ist los?“, fragte Harald aggressiv. Er stand in der offenen Zimmertür und hatte den ganzen Trubel mit einer Dose Bier in der Hand vor dem Fernseher gekonnt ignoriert. Seinem schäbigen Aussehen und seinem Geruch nach zu urteilen, war er betrunken. Die schwarze Dose, auf der in Weiß „5,0%“ geschrieben stand, war mit Sicherheit nicht die erste an diesem Abend gewesen. Auf seinem weißen Unterhemd prangten unzählige Flecken von Soße und Gewürzen, die er daran abgewischt hatte. Mit gereizten, roten Augen sah sie ihren Mann vom Bett aus an und schluchzte unverständlich in das Kissen vor ihrem Mund. Mittlerweile war die Seite, die ihr Gesicht trocknete, stark von Tränen und Speichel durchnässt.

„Ich habe dich etwas gefragt“, betonte Harald wütend und näherte sich ihr mit langsamen Schritten.

„Er ist tot!“, schrie sie ihn an und presste ihr Gesicht wieder laut schluchzend in das Kissen. Einen Moment blieb er stehen und sah seine weinende Frau an. Es war okay, dass sie weinte. Frauen taten so etwas immer wieder. Aus diesem Grund trafen auch Männer die wichtigen Entscheidungen, da sie nicht so schnell zu flennen begannen und sich alles zu Herzen nahmen. Solange sie ihm nicht auf die Nerven ging und Krach machen würde, sollte sie heulen, wie sie wollte. Er würde es nicht tun. Er war ein Mann und kein emotionales Waschweib, das anfangen würde, sich die Augen aus dem Kopf zu heulen.

„Versager sterben immer früher“, sagte er trocken, als versuchte er, sie damit trösten zu wollen.

Gleichgültig nahm er einen Schluck aus seiner Bierdose, stieß laut auf und verließ unter dem verstörten Blick seiner Frau das Zimmer, um sich wieder zu seiner Tüte Kartoffelchips vor den Fernseher zu setzen. In diesem Moment hasste sie ihn so abgrundtief, dass ihre Trauer für eine Sekunde in den Hintergrund geriet und sich in Hass verwandelte. Während sie sich selbst hinterfragte, wie sie jemals jemanden wie ihn geliebt haben konnte, versank ihr Gesicht wieder in dem Kissen, auf dem vor einer Viertelstunde noch ihr toter Sohn gelegen hatte.

18

Da war sie wieder. Angst. Beklemmende Angst. In den letzten Tagen hatte Kris sie immer wieder und so oft wie selten zuvor erlebt. Er hatte Angst verrückt zu werden, wie sein Bruder Benjamin es gewesen war.

Im Alter von 15 Jahren wurde sein Bruder von ihrem Vater das erste Mal zu einem Neurologen geschickt. Ständig erzählte er von Feen und Elfen, die ihm den Weg ins Paradies zeigen wollten. Niemand hatte ihm geglaubt und als er wenige Wochen später immer noch nicht damit aufgehört hatte, zog sein Vater die Reißleine und gab ihn bei Dr. Winkler, einem ehemaligen Studienkollegen von ihm, in psychiatrische Behandlung. Doch bereits nach ein paar Sitzungen mit dem Jungen verflog jeder Gedanke daran, dass Benjamin bloß seine pubertäre Seite der Romantik und Weltflucht auslebte, wie es E.T.A. Hoffmanns junger Student Anselmus auch getan hatte. Anders als der Student, der in seiner Welt der Fantasie und der Mystik mit Serpentina in Atlantis bleiben konnte, konnte Benjamin nicht in seiner, in der Feen und Elfen ihn ins Paradies führen wollten, überdauern. So funktionierte die Welt der rational denkenden Menschen nicht, und aus diesem Grund musste man ihn aus seiner Traumwelt herausholen und in die Realität zurückbringen, um in dem System zu arbeiten, das alle anderen genauso hassten, wie er selbst.

Kris Vater hatte Benjamin immer als das schwierige Kind bezeichnet, das nur Flausen im Kopf hätte und es nie zu etwas bringen würde, wenn er nicht anfangen würde, klarzukommen. Von Anfang an hatte er versucht, ihn in die Zwangsjacke der Realität zu stecken und ihm immer aufs Neue gepredigt, dass es wichtig wäre sich, nicht auf märchenhaften Schwachsinn, sondern auf Erfolg und Bildung zu konzentrieren. Das Märchen bringt dich in die Klinik, die Bildung führt dich in den Wohlstand.

Auch Kris hatte die Weltanschauung seines Vaters aufgezwängt bekommen, allerdings nicht mit der Härte, die Benjamin erleben musste. Man konnte ihrem Vater zwar viel Realismus vorwerfen, aber nicht, dass er stets in der neuen Zeit lebte. Denn obwohl das Mittelalter bereits lange vorbei war, dachte er immer noch in dem Schema des erbenden Erstgeborenen, weswegen sein Hauptaugenmerk in allen erzieherischen Maßnahmen auf Benjamin ruhte. Kris war bloß die zweite Geige, die erst dann ins Spiel kommen würde, wenn Benjamin entweder tot oder aufgrund irgendeines Umstandes von ihm enterbt worden wäre. Und eben dieser Gedanke hatte sich ihm immer häufiger aufgedrängt, während er seinen Sohn in Behandlung schickte. Er versuchte gar nicht erst, sich selbst als Ursache für die psychischen Probleme seines Kindes verantwortlich zu machen. Den einzigen Vorwurf, den er sich machte, war, dass er ihn auf irgendeine Weise trotzdem liebte.

Schuld war etwas, das Philosophen und andere Theoretiker diskutieren sollten.

Er liebte ein Kind, das der Überzeugung war, dass Feen und Elfen existieren würden. Tiefer konnte er schlichtweg nicht mehr sinken. Nachdem Benjamin seine erste Behandlung in der Psychiatrie hinter sich gebracht hatte und laut Dr. Winkler wieder in der normalen Welt angekommen war, startete sein Vater direkt den nächsten Anlauf, um ihm seine Zwangsjacke anlegen zu können. Fernsehen war nur dann erlaubt, wenn es sich um Nachrichten oder Wirtschaft handelte. Mit Freunden durfte er sich nur treffen, wenn sein Vater sichergehen konnte, dass sie keine Spiele spielten oder Musik hörten. Da erschien es wenig verwunderlich, dass er nie Freunde gehabt hatte. Videospiele waren gänzlich verboten und Musik nur dann, wenn sie von Beethoven oder Bach komponiert worden war, denn Mozarts Stücke waren seiner Auffassung nach zu verspielt und kindisch. Das Einzige, das ihm nicht verboten, sondern aufgezwungen wurde, war das Lesen. Damit waren jedoch keine Romane oder fiktiven Geschichten gemeint, sondern Wirtschaftsmagazine, Biographien erfolgreicher Unternehmer und Wissenschaftler, sowie deren Abhandlungen und Dissertationen. Es sollte nicht überraschend sein, dass die Gründe für die psychischen Probleme und Halluzinationen von Kris großem Bruder das Ergebnis jahrelanger Isolation von den Freuden und der Fantasie des Lebens waren.

Eine Psyche, auf die Druck ausgeübt wird, ändert ihren Zustand dem Druck entsprechend.

Zwei Wochen waren vergangen, seitdem er aus der Psychiatrie entlassen wurde, und von einem Rückfall war noch keine Spur zu erkennen. Aber was sich lange in einem aufstaut, schlägt am Ende nur noch härter zu. Seine Fantasie brachte ihm den Tod, lautete der Text der Traueranzeige, die am nächsten Tag in der Zeitung erschienen war. Doch was war, wenn nicht die Fantasie, sondern der Tod der Fantasie ihn ins Grab befördert hatte? Diese Frage hielt Kris noch lange wach bis er in den frühen Morgenstunden schließlich in einen unruhigen, traumlosen Schlaf fiel.

19

Urplötzlich öffnete Kris die Augen und begann, schwach zu blinzeln. Verwirrt und auf der Suche nach einer Uhr blickte er sich um. Neben ihm lagen Juleen und Merlin, der, wie immer, in der Nacht zu ihnen ins Bett gekrochen war. Es konnte noch nicht sonderlich spät sein, denn für gewöhnlich stand Juleen bereits um sechs auf, um für ihn und den Kleinen das Frühstück vorzubereiten und Kaffee - jeden Morgen vor der Arbeit trank er zwei Tassen schwarzen Filterkaffee - aufzusetzen.

Irgendetwas war anders, ging es ihm durch den Kopf, dann sah er, dass die grünen Zahlen auf seinem Wecker erst 5:30 anzeigten. Eine Stunde noch schlafen, dachte er und schloss die Augen, aber öffnete sie nach wenigen Sekunden bereits wieder, als ihm auffiel, was nicht stimmen konnte. Er war nicht müde, sondern hellwach.

Wie lange konnte er geschlafen haben? Vier Stunden? Vielleicht sogar nur drei oder zweieinhalb? Sein Schlaf konnte nicht mehr als ein nächtlicher Powernap gewesen sein. Es kam ihm nicht einmal so vor, als wenn er überhaupt jemals geschlafen, sondern bloß einmal geblinzelt hatte, wobei sein Wecker um ein paar Stunden nach vorne gesprungen sein musste. Anders konnte Kris sich seinen aktuellen Zustand jedenfalls nicht erklären. Rational gesehen natürlich. Spinner und Abergläubige würden mit Sicherheit tausend Gründe und mehr für das komische Gefühl, das er hatte, finden und vermutlich den Mondzyklus oder den Stand der Planeten dafür beschuldigen. Auch sie waren doch im Endeffekt nur Psychos und Romantiker, die versuchten, der normalen Realität zu entfliehen, weil sie es in dieser zu nicht mehr brachten, als der bekannte Dorfbusfahrer oder die unansehnliche Bürosekretärin zu sein. Alles, wodurch sie sich jemals hervortun oder bemerkbar machen konnten, war, wenn sie gegen etwas rational Erklärbares oder unanfechtbar Bewiesenes mit Halbwahrheiten protestieren konnten. Viren können nicht existieren, weil ich niemanden kenne, der sie schon gehabt hat, Vitamine sind ein Mythos, weil wir sonst zu Pflanzen mutieren würden und der Klimawandel ist eine Lüge, da nicht weit von uns ein Wald mit genug Bäumen steht, der nicht gerodet wird.

Doch da er weder ein Spinner noch abergläubig war, akzeptierte er es, wie es war, und erhob sich aus seinem Ehebett. Da er ohnehin nichts Besseres zu tun hatte, marschierte er unmotiviert in die Küche, um erst Kaffee, den er, wenn er ehrlich war, gar nicht brauchte, zu machen und dann den Tisch für das Frühstück, auf das er eigentlich gut und gerne verzichten konnte, vorzubereiten.

Gelangweilt öffnete er den Schrank über der Spüle und holte einen Kaffeefilter, sowie die hohe zylinderförmige Keramikbox mit dem Kaffeepulver heraus. Nachdem er erst den Filter in die Maschine eingelegt hatte, füllte er in Gedanken versunken Löffel für Löffel das Pulver hinein. Abgelenkt von seinen Gedanken rutschte er ihm aus der Hand und fiel mit einem stillebrechenden Klingen auf den Boden. Verärgert bückte er sich, legte den Löffel auf die Ablage über ihn, holte das weiße Kehrblech samt Handfeger unter der Spüle hervor und machte sich daran, die verschütteten Kaffeekrümel aufzukehren und in den schwarzen Treteimer zu entsorgen. Mit dem Kehrblech in der Hand öffnete er mit seinem Fuß den Eimer und klopfte es darüber aus. Doch, als er den Deckel des Mülleimers wieder zufallen lassen wollte, hielt er inne und beugte sich ein wenig über den Müll. Unter ein paar vereinzelten Krümeln lag der gelbe Zettel, den er gestern an dem Bildschirm des Computers in der Praxis entdeckt hatte. Hatte er ihn nicht gestern eigentlich auf dem Weg zu seinem Auto weggeworfen?

Du bist nicht verrückt. Du hattest vor, ihn auf dem Rückweg wegzuwerfen, aber hast es vergessen und ihn hier in den Müll geworfen. So wird es gewesen sein.

Aber so war es nicht gewesen. Das wusste er. Er hatte ihn gestern in die Hecke eines Grundstücks in der Nähe der Praxis geworfen. Der Wind würde ihn verschwinden lassen, hatte er gedacht, und wenn er ein paar Sekunden länger in sich gegangen wäre, dann wäre er mit Sicherheit zu dem Schluss gelangt, dass es keine Einbildung war, dass er den Zettel in der Hecke entsorgt hatte. Doch seine selektive Wahrnehmung überzeugte ihn lange genug, dass er den Deckel des Mülleimers wieder herunterschnellen ließ und sich wieder dem Decken des Tisches zuwandte.

Verwundert über den frühen Wachheitszustand ihres Mannes kam Juleen eine halbe Stunde später in die Küche, wo es bereits nach Toast und Kaffee roch. Noch mehr, als er seine Frau überrascht hatte, überraschte er sich selbst, als er wie aus einem plötzlichen Impuls heraus um zehn nach sieben aufbrach, um sich zu seiner Praxis zu begeben. Um kurz vor halb acht kam er mit dem Auto vor dem weißen Bungalow, in dem er arbeitete, zum Stehen und zog mit zittrigen Fingern den Schlüssel aus dem Zündschloss. Warum er so zitterte, wusste er nicht, schließlich gab es keinen erklärbaren Grund dafür. Jedenfalls noch nicht.

20

Leise öffnete Kris die Tür zu seinem Sprechzimmer und schaltete mit einem leichten Herzklopfen das Licht ein. Es war zwei Minuten vor halb acht. Erleichtert darüber, dass der Raum leer war, schloss er die Tür hinter sich und hängte seine Jacke an den Kleiderständer. Mit bemühter Ruhe stellte er seinen Koffer neben dem Schreibtisch ab, setzte sich auf seinen Drehstuhl vor den Computer und wartete. Einen Moment lang erschien ihm alles sinnlos. Die Frage, was genau er eigentlich tat, tauchte immer wieder in seinem Kopf auf und ließ ihn noch zerstreuter erscheinen, als er es ohnehin schon war. Anstatt wie ein hibbeliges Kind bei seiner Einschulung unruhig zu warten, bis etwas geschehen würde, behielt er starr die Zeiger seiner Armbanduhr im Auge. Selten war ihm die Zeit so zäh vorgekommen, wie es in diesen Sekunden der Fall war. Es schien so, als wenn er in diesen zwei Minuten, die er wartete, bis die Uhr an seinem Handgelenk halb acht anzeigte, noch einmal zu sich nach Hause hätte fahren können, um Merlin in die Kita zu bringen, und anschließend noch Brötchen vom Bäcker für das Abendbrot hätte kaufen können. Langsam und mit einem schwachen Zittern landete der Minutenzeiger auf der Sechs. Kris schaute auf. Sein flacher Atem und seine Nervosität ließen den Puls in seinen Schläfen bis aufs Äußerste hin pulsieren. Eine weitere Minute verging, ohne dass etwas Nennenswertes geschah, und er ließ erleichtert seinen Arm auf den Tisch fallen.

Natürlich war nichts passiert. Was hätte denn auch passieren sollen?

Nachdem er einen Moment überlegte, ob er diese Frage ernsthaft überdenken sollte, stoppte seine Erleichterung innerhalb eines Augenblicks, als ihm der strenge Geruch von Ammoniak in die Nase drang. Unsicher blickte er sich ein weiteres Mal in dem leeren Sprechzimmer um, während ihm langsam das Blut wieder in den Kopf schoss und seine Schläfen aufs Neue zu pulsieren begannen. Doch er war nach wie vor alleine.

Angespannt hielt er den Atem an und sah aus der großen Fensterwand zu seiner linken. Einzig die beiden senkrechten Holzbalken, sowie der Querbalken, die die Fensterfront in sechs gleich große Bereiche teilte, verhinderten die freie und uneingeschränkte Sicht auf die Straße und die Parkplätze vor seiner Praxis, wo er seinen silbernen Ford Focus abgestellt hatte. Mittlerweile zeigte die Armbanduhr an seinem Handgelenk an, dass es bereits fünf Minuten nach halb acht war. Entschlossen fuhr er den Computer hoch. Seine rational denkende Seite tat es, um sich auf die Arbeit vorzubereiten. Seine unsichere und leichtgläubige Seite tat es, weil sie insgeheim sichergehen wollte, dass es keine Nachricht oder Ähnliches von dem seltsamen Mann gab, die darauf wartete, von ihm gelesen zu werden. Doch dieser Gedanke blieb unterhalb der Akzeptanzgrenze seines Verstandes und wurde deswegen nur heimlich und ohne große Aufmerksamkeit stetig weiter befeuert.

Draußen ging der nervtötende Alarm eines Autos. Ohne sich ablenken zu lassen, öffnete Kris sämtliche Dateien, Ordner und Programme, die auf seinem Rechner zu finden waren. Eine Nachricht oder einen Hinweis darauf, dass er sich weder den Zettel noch den Mann selber eingebildet hatte, gab es nicht. Im Hintergrund piepte immer noch unaufhörlich der Autoalarm, und der erste verärgerte Bewohner steckte bereits den Kopf aus der Haustür, um nachzusehen, wessen vermaledeite Karre seine morgendliche Ruhe störte. Unzufrieden legte Kris den Kopf in seine Hände und rieb sich die Augen. Allmählich holten ihn scheinbar doch die Müdigkeit und der nicht vorhandene Schlaf der letzten Nacht ein.

„Verdammt nochmal stellen Sie endlich dieses dämliche Gepiepse ab!“, brüllte der Mann, der in dem Haus neben der Praxis wohnte und mit Bademantel und Pantoffeln bekleidet in seiner geöffneten Haustür stand. Abgelenkt warf Kris einen flüchtigen Blick aus der Fensterfront seines Sprechzimmers, von wo sowohl der Alarm, als auch die verärgerten Rufe von Herrn Jakobsen herkamen. Verwirrt erhob er sich von seinem Stuhl und trat näher an die Fenster heran, um sich zu vergewissern, dass seine Augen ihn nicht trügten. Draußen auf dem Parkplatz heulte und blinkte, wie eine Alarmsirene, sein eigenes Auto. Ein wenig beschämt, aber auch mindestens auf dieselbe Art und Weise verwirrt, wie es dazu gekommen sein konnte, holte er seinen Autoschlüssel aus der Hosentasche und drückte auf den Knopf, um das Auto aufzuschließen. Doch anstatt, dass der Alarm aufhörte, kam es Kris vor, als wenn das Blinken immer schneller werden würde. Verunsichert drückte er ein weiteres Mal, diesmal etwas länger und stärker und schließlich noch ein drittes Mal auf den Knopf, ohne dass etwas geschah. Während sein Nachbar draußen immer noch auf ihn und seinen Wagen schimpfte und seine Zeitung, als ob er der Karosserie Angst machen wollen würde, wie ein Schwert in die Luft hielt, eilte Kris aus der Tür seiner Praxis hinaus, hob im Vorbeilaufen entschuldigend eine Hand und schloss die Tür des Autos mit dem Schlüssel auf. Augenblicklich, er hatte immer noch die offene Autotür in der Hand, verstummte das Gejaule und Blinken.

„Warum nicht gleich so?“, fragte der mittelalte Mann mit dem Dreitagebart entnervt und plusterte seine roten, wie vom Wind gepeitschten Wangen wütend auf.

„Entschuldigen Sie, Herr Jakobsen, der Sender in meinem Schlüssel muss defekt sein, und ich konnte ihn nicht von meinem Sprechzimmer aus abstellen“, versuchte Kris ihm höflich und verständnisvoll zu erklären.

In Situationen wie diesen diplomatisch und kompromissbereit zu bleiben, war etwas, das sein Vater ihm mit auf den Weg gegeben hatte.

Ehrlichkeit ist gut, aber schlecht fürs Geschäft. Es ist egal, ob du die Leute magst oder nicht, aber es erleichtert dir eine Menge, wenn du den Anschein warst, dass sie dir nicht egal sind. Kein Mann ist jemals reich geworden, indem er der ganzen Welt gesagt hat, wie sehr er sie hasst und wie egal die Menschen ihm sind.

Uninteressiert an dem, was seine Rechtfertigung sein würde, winkte er mit seiner Zeitung in der Hand ab und ging wieder ins Haus zurück, wo er die Tür mit einem lauten Knall zuschlug. Kaum hatte er die Tür zugeschlagen, verschwand Kris freundlicher Gesichtsausdruck und er verschloss sein Auto wieder.

„Arschloch“, murmelte er und schickte ein sarkastisches Stoßgebet in Gedanken hinterher. Als er die Praxis wieder betrat, hielt er sich angewidert die Nase zu und riss die Terrassentür im Wartezimmer weit auf. Der Gestank von Ammoniak war in der kurzen Zeit noch schlimmer und beißender geworden als vorher. Von der Terrasse aus konnte er in das Wohnzimmerfenster von dem eben noch so beleidigten Herrn Jakobsen schauen. Auf dem großen Fernseher, den er mit Sicherheit nicht selbst gekauft hatte und vor dem ein paar der kleinen Porzellanfiguren seiner werten Frau Mama standen, lief das Morgenmagazin. Kopfschüttelnd ließ er ein abfälliges Zischen erklingen und stellte sich vor, wie sich der leicht übergewichtige Jakobsen in seinem Bademantel – das Gemächt baumelt frei vor sich hin – in seine Sofamulde drückte und ein Toast mit einem halben Kilo Marmelade verspeiste. Selbstverständlich musste es eine mit möglichst viel Zucker und einem schwindend geringen Anteil natürlicher Beeren sein, damit sich Kris‘ Bild zu seiner Zufriedenheit vervollständigen konnte. Gelassen drehte er sich um und betrat das Wartezimmer wieder. Das Lüften hatte seinen Zweck kaum erfüllt, und innerhalb weniger Sekunden stieg ihm der Geruch von dem Gemisch aus Stickstoff und Wasserstoff erneut in die Nase und ließ seine Augen leicht zu Tränen beginnen, als er die Tür zu seinem Sprechzimmer öffnete. In dem Moment, in dem ihm auffiel, dass er die Tür, als er nach draußen gegangen war, gar nicht geschlossen hatte, hörte er auch schon die krächzende Stimme.

„Verzeihen Sie, Doktorchen, dass ich mich verspätet habe, aber sie wissen ja, wie das ist. Eine Viertelstunde warten ist ein Luxus, den meist nur die Privatpatienten besitzen, stimmts? Ach, da plapper ich wieder vor mich hin, wo Sie doch so viel Interessanteres zu erzählen haben. Bitte setzen Sie sich doch.“

Geschockt und mit Tränen in den Augen von dem strengen Geruch verharrte Kris auf der Stelle und starrte in die gelben Augen des alten Mannes, der vor ihm auf seinem Schreibtischstuhl saß. Mit offenem Mund, der sich zu einem aufgeregten Lächeln verzogen hatte, deutete der Mann im Schlafanzug auf die beiden Stühle, auf denen normalerweise Kris‘ Patienten Platz nahmen. Zögerlich zog er einen der beiden Stühle zurück und setzte sich langsam und mit einer Spur von Angst auf das blaue Polster. Stumm saßen die beiden sich gegenüber und blickten sich in die Augen. Kris mit Angst und Verzweiflung. Der Mann im Schlafanzug mit Spaß und Gelassenheit.

„Also ... Aeterna Somnum... Ewiger Schlaf... Das wird wohl kaum ihr richtiger Name sein, oder?“, begann Kris unsicher die Konversation. Im Licht der Deckenlampe sah es so aus, als ob der Mann ihm gegenüber drei Reihen von scharfen Zähnen sowohl am Ober-, als auch am Unterkiefer besaß, was Kris an das Revolvergebiss eines Hais erinnerte. Aber er musste sich irren. Das alles wäre viel zu surreal, um wahr zu sein.

„Oho, Herr Doktor. Sie würden ihrem Lateinlehrer alle Ehre machen“, lachte er.

Sein Lachen klang so krächzend wie das Krähen eines Raben, der in einem typischen Horrorfilm auf irgendeinem Straßenschild Platz nehmen und schließlich wegfliegen würde.

„Zu schade, dass er vor vier Jahren an Leberkrebs verstorben ist“, fügte er mit gespieltem Mitleid hinzu und ließ kurz darauf erneut sein grauenhaftes Lachen erklingen.

„Sie sind nicht real. Ich bin verrückt geworden, nicht wahr?“, fragte Kris trocken und sah ihm emotionslos in die Augen.

„Ach Doktorchen, jetzt machen Sie sich doch nicht so kirre im Kopf. Wieso denken Sie denn, dass Sie verrückt wären? Immerhin sehen Sie keine Feen und Elfen, die Sie ins Paradies führen wollen, oder doch? Ich bin ebenso real, wie Sie es sind“, sagte er grinsend, wobei seine Augen verspielt aufblitzten.

„Wenn Sie tatsächlich real sind, dann verraten Sie mir, wer Sie sind. Wurden Sie von einem der Kritiker meines Vaters engagiert, um mir einen Streich zu spielen? Um mir Angst einzujagen? Oder um mich daran zu erinnern, was mit meinem Bruder damals passiert ist? Sind Sie von einem dieser Klatschblätter angestellt worden, die versucht haben meine Familie an den Abgrund zu drücken? Wenn ja, dann finde ich, das nicht nur respektlos, sondern auch äußerst geschmacklos und ich werde dafür sorgen, dass Sie und wer auch immer Sie engagiert hat, dafür zur Rechenschaft gezogen wird. Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mir verraten würden in, wessen Auftrag Sie hier sind, dann sorge ich bei meinem Anwalt dafür, dass Ihre Strafe abgemildert ausfallen wird“, sagte Kris mit einem gewissen Stolz in der Stimme, dass er das Ganze nun doch auf eine reale und erklärbare Ebene gezogen hatte. Es war nicht er, der es sagte, sondern sein Vater, der aus ihm sprach. Der Junge hat nun mal vom Besten gelernt, hätte dieser jetzt mit Sicherheit zu seiner Frau gesagt, wenn er mitbekommen hätte, wie Kris versuchte, sich den vermeintlichen Bemühungen seiner Gegenspieler entgegenzuwerfen.

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9783754170472
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