Kitabı oku: «Angst im Systemwechsel - Die Psychologie der Coronazeit»

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Inhalt

Impressum 4

Vorwort 5

Haftungsausschluss 13

1. Die Zeit der Angst 15

2. Der Sinn der Angst und ihre drei Überlebensstrategien 23

2.1 Flucht 27

2.2 Angriff 33

2.3 Erstarrung 36

3. Angst ohne den Leoparden 42

4. Die vier Grundformen der sozialen Ängste 59

4.1 Die Zwanghafte Persönlichkeit 62

4.2 Die Histrionische Persönlichkeit 68

4.3 Die Depressive Persönlichkeit 73

4.4 Die Schizoide Persönlichkeit 78

5. Wenn die Angst chronisch wird 82

6. Psychologie der Massen 89

7. Wie erzeugt man Angst und Unterordnung? 104

7.1 Isolation 106

7.2 Monopolisierung der Wahrnehmung 108

7.3 Schwächung 126

7.4 Bedrohung 127

7.5 Gelegentliche wahllose Nachsicht 132

7.6. Demonstration der Allmacht 133

7.7 Erniedrigung, Entmenschlichung 137

7.8 Erzwingung trivialer Forderungen 140

8. Die Helfershelfer 147

8.1 Medien 147

8.2 Verwaltungen 151

8.3 Polizei 157

8.4 Justiz 164

8.5 Schule 168

8.6 Kirchen 185

8.7 Ärzte 188

9. Die Krieger des Lichts 206

10. Die drei Wege der Heilung 221

10.1 Informationen 222

10.2 Psychotherapien 272

10.3 Ich-Stärke aufbauen 275

11. Weltsystemwechsel 305

11.1 Eine kranke Welt 305

11.2 Stellung halten bis zur totalen Vernichtung 323

12. Wie gewinnen wir Demokratie, Freiheit und Rechtsstaat zurück? 358

13. Wie könnte unsere Zukunft aussehen? 369

13.1 Ökologische Krise 370

13.2 Soziale Krise 371

13.3 Spirituelle Krise 375

13.4 Führungskrise 379

14. Nachwort 391

15. Literatur 393

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2022 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-166-9

ISBN e-book: 978-3-99131-167-6

Lektorat: Marie Schulz-Jungkenn

Umschlagfoto: Martinmark | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

Innenabbildungen: Jürgen Wächter; RKI; kurzelinks.de; aerzte-fuer-aufklaerung.de

www.novumverlag.com

Vorwort

„Die ganze Welt ist voll armer Teufel, denen mehr oder weniger angst ist.“

Johann Wolfgang von Goethe,

Dichter und Naturwissenschaftler (1749–1832).1

„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“

Friedrich Hölderlin, Lyriker (1770–1843).2

Silvester 2019 hatten wir zwar gute Vorsätze für das neue Jahr, doch dass wir zusammen ein neues Buch schreiben würden, das wussten wir nicht. Corona kannten wir nur als lateinisches Wort für Krone und als Sonnencorona. Das Virus war uns völlig unbekannt. Und hätte man uns da erzählt, was 2020 und 2021 alles geschehen würde, wir hätten vermutet, dass der Erzähler an diesem Festtag zu tief ins Glas geschaut hat. Es sollte alles ganz anders kommen. Das Coronathema beherrscht seit März 2020 die Welt und führt zu Leid, Tod, Unterdrückung und dem Verlust von Menschen- und Grundrechten. Warum geschieht das eigentlich alles? Was ist mit den Menschen los? Geht es nur um ein Virus?

Ich, Leonard Wächter, sehe mich nicht als Corona-Leugner, Verschwörungstheoretiker oder Covidiot. Ich bin weder links noch rechts, ganz im Gegenteil war ich politisch bisher nicht aktiv interessiert. Ich bin nicht gewalttätig, nicht radikal, nicht konfliktinteressiert. Was ich bin? Ich bin Student der Biologie und der Historik, der die Wissenschaft genauso wie die Demokratie liebt.

Ich wünsche mir eine Gesellschaft der individuellen Freiheit, eine basisdemokratische Grundordnung, eine Gesellschaft der Liebe, des gegenseitigen Verständnisses und der freien Meinungsäußerung. Die letzten Monate haben mich schmerzlich erkennen lassen, dass die deutschen Staaten eine solche Ordnung nicht mehr besitzen. Aus diesem Grund sehe ich es als meine Pflicht an, meine Meinung, ohne den Glauben, sie sei die einzig richtige, zu äußern und über die regierungstreuen Leitmedien hinaus möglichst viele Menschen aufzuklären und zum eigenständigen Denken anzuregen.

Genau zu diesem Zweck dient dieses Buch. Wissenschaftliche Fakten zu vermitteln, die helfen können, sich selbst zu reflektieren, die eigenen Ängste abzubauen und eine eigene Ich-Stabilität abseits der medialen Panikmache zu erwerben. Dabei möchten wir niemanden diskriminieren, verletzen oder beleidigen, sondern ausschließlich zum allgemeinen Nachdenken anregen.

Ich, Dr. Jürgen Wächter, bin Historiker und habe mich mit der Umwelt- und Wissenschaftsgeschichte sowie der Psychologie beschäftigt. Außerdem habe ich ein Studium der Politikwissenschaft und einen Abschluss als Diplomverwaltungswirt und bin Bryologe, also auch Naturwissenschaftler. Alles sehr unterschiedliche Dinge. Dass sich all diese verschiedenen Interessen mal zusammenfinden würden, ahnte ich nicht. Doch „überall geht ein frühes Ahnen dem späteren Wissen voraus“, wusste schon Alexander von Humboldt, der große Naturforscher (1769–1859). Was ich so seit Langem schon mehr spürte als wusste, war, dass in unserer Politik etwas nicht mehr richtig läuft, und das schon seit vielen Jahren. Anfangs dachte ich, das ließe sich reformieren. So ließ ich mich in einen Stadtrat wählen und war dort für die CDU und dann die Grünen tätig. Damals lief es auf der Kommunalebene noch ganz gut, da es mehr um die praktischen Dinge vor Ort ging. Ideologien brauchte man dort nicht.

Trotz dieser politischen Praxis und meiner theoretischen Kenntnisse der Politikwissenschaft bekam ich den wirklichen Blick hinter die Kulissen der tatsächlichen politischen Prozeduren erst, als ich zum Bundestagskandidaten für die Wahlen 2016 ausgeguckt worden war. Nun bekam ich Kontakt mit der Landes- und Bundespolitik. Und was ich dort sah, war erschütternd. Die Bürger und deren Wille interessierten gar nicht. Stattdessen ging es um Ideologien und insbesondere um Posten. Die eigene politisch-gesellschaftliche Ideologie sollte die allein Glückseligmachende sein. Sich mit den anderen Parteien und ihren Programmen auseinanderzusetzen, die Argumente abzuwägen und dann evtl. die eigenen Glaubenssätze zu hinterfragen, abzuwandeln oder eine Synthese zu erreichen? Fehlanzeige. Das eigene Denken war richtig, die anderen lagen immer falsch. Und bevor man sich mit deren Gedanken auseinandersetzte, war es doch viel einfacher, die Politiker anderer Parteien zu diskreditieren. So hatten es die Bürger gefälligst auch zu akzeptieren und das Kreuzchen an die richtige Stelle zu machen. Wer das nicht wollte, war ein Feind. Unerhört, dass die Bürger nicht tun, was die Politiker wollen. Die Bürger zu fragen, was sie eigentlich als Souverän von der Politik und den Parteien erwarten und wo ihre Nöte und Bedürfnisse liegen, das interessierte nicht. Und da unterschieden sich die Parteien nicht sonderlich voneinander.

Vielmehr interessierte es die mit Mandaten in Räten, Land- und Bundestag ausgestatteten Politiker, ihre gut bezahlten Posten bei der nächsten Wahl auch zu behalten. Dafür tat man alles. Das Geschacher um Listenplätze, Mandate und Jobs, wie ich es insbesondere auf einem Landes- und einem Bundesparteitag in Berlin erlebte, schockierte mich zutiefst. Wählst du mich, dann wähl ich dich auf den nächsten Listenplatz. Ist der Kandidat dafür geeignet? Egal. Hauptsache man zeigt Linientreue zur Partei. Die tatsächlichen Abstimmungen gerieten so zur Farce. Und vieles war schon vorher beschlossene Sache. So kreiste alles um sich selbst. Was die Bürger und Bürgerinnen wollten, was ihnen helfen könnte, interessierte nicht.

Da ich mich einem Verrat an den Bürgern nicht anschließen wollte, stellte ich in meinem Wahlkampf immer wieder klar: „Wir brauchen eine Politik für die Menschen“. Das kam unter den Wählern sehr gut an, sodass ich das zweitbeste Wahlergebnis der Partei im östlichen Westfalen errang, in der Partei gab man mir aber zu verstehen, dass so ein Alleingang nicht gewollt sei. Hier habe man linientreu zu sein und zu tun, was die Partei will, nicht was der Bürger will. Aus Protest trat ich aus der Partei aus und legte auch mein Ratsmandat nieder. Mein Gewissen galt mir mehr als die Aussicht auf Geld und Macht.

Diese Erfahrungen hatten mir einen kleinen Einblick gegeben, wie schmutzig Politik sein kann, dass die eigenen Interessen in den Parteien wichtiger sind als das Wohl der Bürger, dass der Abgeordnete nicht seinem Gewissen, sondern der Parteilinie zu folgen hat. Das, was ich theoretisch gelesen hatte, hatte ich nun in der Praxis bestätigt gefunden und erkannt: Die derzeitige Politik abseits von Moral, fern von den Menschen und geleitet von Eigennutz ist zutiefst undemokratisch und dient nicht mehr dem Wohl der Bürgerinnen und Bürger.

Mit dem deutschen Grundgesetz, den Verfassungen in Liechtenstein und Luxemburg und den Bundesverfassungen von Österreich und der Schweiz haben wir die besten Verfassungen, die wir je hatten. Sie sichern unsere Grundrechte und sollten unsere freiheitlich demokratische Grundordnung gewährleiten. Sie zu bewahren und zu erhalten, ist unsere wichtigste Aufgabe. Dennoch haben eine Reihe von Akteuren Mittel gefunden, unsere Verfassungen im politischen Leben zu umgehen und ihre eigenen Süppchen zu kochen, vorbei an den Menschen, hin zu ihren persönlichen Vorteilen. Dies zukünftig zu verhindern, ist dringend geboten. Doch von den derzeitigen Politikern und der politischen „Elite“ ist eine solche Reform nicht zu erwarten. Sie rühren weiter in ihrem Sumpf und streben nach Geld und Macht. Das ist wohl den meisten Wählern mittlerweile klar geworden.

Dass die Politik das Volk aber einmal so weit manipulieren würde wie 2020 und 2021, hätte ich nie für möglich gehalten. Manipulative und auf Angst setzende Systeme hatten wir bereits zweimal in der jüngeren deutschen Geschichte. Sie haben Unfreiheit, Leid, Not und Tod über die Menschen gebracht. Das darf niemals wieder geschehen. Doch wieder geht es in diese Richtung.

Mein Vater hatte bis zum Tode im hohen Alter an seinen Kriegstraumata zu leiden. Heftige Albträume begleiteten ihn mehrere Jahrzehnte und noch mit 90 Jahren weinte er über die bei den Nazis erlebten fürchterlichen Erlebnisse. Diese verbrecherische Hitlerclique ließ ihn sein Leben lang weiterleiden, auch als die Verbrecher selbst schon fast sechzig Jahre tot waren. Meine Mutter litt durch die Unterdrückungen an Borderline. Wir haben sie als Kinder weinen und leiden gesehen. Keine Politik, zu welchem Zweck auch immer, hat das Recht, die Menschen krank zu machen, weder physisch noch psychisch. Doch heute steigen die psychischen Erkrankungen wieder und sogar Kinder in den Schulen werden traumatisiert. Menschen sterben, weil sie sich nicht mehr in die Krankenhäuser trauen, oder begehen Suizid, weil sie Angst haben oder den Regierungen nicht mehr vertrauen. Menschen sollen ihr Antlitz unter Masken verbergen und sich bei bester Gesundheit auf Viren testen lassen. Massen werden arbeitslos oder insolvent, die Innenstädte veröden und in der Dritten Welt sterben Millionen Menschen durch die Folgen der „Anticoronamaßnahmen“, in erster Linie durch blanken Hunger. Was für Verbrechen werden bereits wieder an den Menschen begangen. Und die Superreichen werden dabei immer reicher.

Dass das so nicht weitergehen darf, ist wohl mittlerweile den meisten klar. Darum ist es Zeit, mit jedem legalen Mittel gegen die Unmenschlichkeiten auf unserem Planeten vorzugehen. Wir hoffen, alles geht friedlich ab. Wir sollten nicht eher ruhen, bis wir wieder freiheitliche demokratische Länder zurückerrungen haben, unsere Grundrechte wiederhergestellt und unsere Verfassungen auch tatsächlich wieder ihre Gültigkeit zurückerlangt haben

Widerstand allein ist jedoch nicht die wirkliche Lösung. Wir müssen vielmehr wissen, warum es politischen Kräften zum dritten Mal in einem Jahrhundert gelingen kann, die Menschen in Richtung totalitärer Regime zu verführen und zu leiten. Nur mit dem Wissen über die psychologischen Mechanismen können wir die derzeitige Krise lösen und verhindern, dass es ein viertes Mal geben kann. Der Schlüssel zur Erkenntnis ist Angst. Angst ist etwas sehr Mächtiges. Und Angst ist zum wesentlichen Element von Politik und Gesellschaft in den letzten Jahren geworden, was wir in Kapitel 1 näher darstellen. Insgesamt steht die Angst als psychologisches, gesellschaftliches und politisches Phänomen im Mittelpunkt dieses Buches.

Wir werden uns dazu in Kapitel 2 näher der Emotion der Angst widmen und hinterfragen, wofür diese eigentlich da ist und welche Formen der Angst es gibt, sowohl in realen Gefahrensituationen (Kapitel 2), in der menschlichen Erziehung (Kapitel 3), als auch im sozialen und gesellschaftlichen Umfeld (Kapitel 4). Besonders arg kann Angst sein, wenn sie chronisch wird (Kapitel 5) und sich nicht nur in einzelnen Personen, sondern in ganzen Gesellschaften ausbreitet (Kapitel 6). Wir werden dazu eine neue Definition der Angst vorstellen, die zeigt, warum die Masse der Menschen in der Angst gefangen ist.

Mit diesem Hintergrundwissen gerüstet, werden wir dann näheren Einblick gewinnen, welche entscheidende Rolle die Angst in der Coronazeit spielt. Denn Angst ist nichts, was nur einfach so in uns entsteht. Angst ist auch etwas, das sich gezielt schüren lässt. Dazu gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, meist in totalitären Regimen genutzt, wie Angst durch Regierungen als Herrschaftsinstrument eingesetzt werden kann (Kapitel 7). Wie schon mehrfach in der Geschichte wird die Gesellschaft dabei in zwei Lager gespalten. Auf der einen Seite die treuen und gehorsamen Helfershelfer der Regierungen (Kapitel 8) und auf der anderen die sich für Freiheit und Rechtsstaat einsetzenden mutigen Akteure (Kapitel 9).

Haben wir die Zusammenhänge der Angstverbreitung erkannt, können wir beginnen, unsere eigenen Ängste zu überwinden. Dazu stellen wir in Kapitel 10 drei Methoden vor, die jeder hinsichtlich Corona, aber auch für alle anderen kritischen Situationen des Lebens anwenden kann, um möglichst angstfrei Herausforderungen meistern zu können. Hierfür entwickeln wir ein Konzept der vier Intelligenzen, das neben der kognitiven (IQ) und der emotionalen Intelligenz (EQ) eine moralische (MQ) und eine psychologische Intelligenz (PQ) umfasst. Damit gerüstet, können wir das Handeln der Regierungen rein sachlich entschlüsseln und verstehen, ohne dass wir unser Denken durch Angstschüren mehr beeinflussen lassen.

In Kapitel 11 schauen wir uns an, was eigentlich hinter dieser beispiellosen Angstkampagne der Regierungen steht und warum es dazu kommen konnte. Dazu entwickeln wir die Theorie, dass sich die westliche Welt seit einigen Jahren immer mehr zu einer Borderline-Gesellschaft entwickelt, die nunmehr in eine politisch-ökonomisch-soziale Systemkrise gerät und sich dabei selbst zerstört. Mit Wissen und emotionalem Abstand kann es entwickelten Menschen jedoch gelingen, diesen Prozess zu stoppen und Strategien zu entwickeln, wie Demokratie, Freiheit und Rechtstaatlichkeit zurückgewonnen werden können (Kapitel 12).

Widerstand und Erkenntnis sind schön und gut. Aber es reicht nicht, etwas zu verstehen oder nur zu bekämpfen, wenn man nicht weiß, wohin der Weg eigentlich führen soll. Wir wollen daher auch überlegen, wie das gesellschaftliche, politische und finanzökonomische System nach der Überwindung der weltweiten Systemkrise umgestaltet werden könnte (Kapitel 13). Wir kommen hierauf am Ende des Buches zurück. Ein paar Stichworte seien dazu schon vorgemerkt: Liebe, Menschlichkeit, Moral, Mitgefühl, und Herzlichkeit sowie Achtung vor der Natur, dem Leben und der geistigen Welt in uns. Alles Gegenteile der Angst.

Wenn Regierungen durch Angstschüren als psychologische Waffe auch sehr mächtig werden können, gibt es also doch Möglichkeiten, den Ängsten psychologisch zu trotzen. Es hilft uns persönlich, wenn wir in dieser angstbefleckten Zeit Ängste verlieren, wenn wir uns stärken und einen psychologischen Entwicklungssprung hin zu mehr innerer Stärke, Selbstbewusstsein und Ich-Identität finden. Und haben viele Menschen das einmal erreicht, haben totalitär handelnde Politiker keine Chance mehr. Aber das müssen wir erst lernen und leben. Dazu gehört Wissen und Mut. Wir hoffen, beides mit diesem Buch fördern zu können. Lasst uns alle zusammen die Herausforderung dieser großen Krise annehmen. Am Ende werden Wahrheit und Freiheit siegen, und das allein zählt.

Wir haben uns bemüht, recht zahlreiche und vielfältige Quellen für dieses Buch heranzuziehen. Dabei haben wir uns nicht auf Bücher, Zeitungen, Regierungsmeldungen und Internetbeiträge beschränkt, sondern auch Aussagen von Betroffenen berücksichtigt. Das war insoweit nicht ganz einfach, als sich viele Menschen ins Private zurückziehen und sich nicht äußern wollen. Andere haben Angst, sich zu öffnen, weil sie nicht wissen, welchen Konsequenzen sie seitens ihrer Regierungen ausgesetzt sein würden, wenn sie ihre Meinung frei äußern. Es gibt jedoch eine Gruppe von Menschen, die in der Coronazeit in der Öffentlichkeit besonders den Emotionen der Mitmenschen ausgesetzt sind, nämlich diejenigen, die aus medizinischen Gründen keine Masken tragen dürfen. Sie erleben hautnah, wie sie angefeindet, denunziert, kontrolliert und schikaniert werden und wie Mitbürger, Ladenbesitzer und Verkaufspersonal emotional reagieren. Aus dieser Gruppe haben wir daher viele wichtige und hilfreiche Informationen bekommen; einige von ihnen sind in den Fußnoten namentlich genannt.

Wir bitten um Verständnis, dass wir in diesem Buch keinen Gebrauch von einer „gendergerechten“ Sprache machen. Wir lieben alle Menschen und sehen die Gleichbehandlung als wesentliches Element des moralischen Handelns der Gesellschaft an. Aber die deutsche Sprache hat sich über Jahrhunderte zu einem großen Kulturgut entwickelt, das eine wunderbare Vielfalt besitzt. Diese wollen wir nicht durch Sternchen, innen-Anhänge oder sonstige unübersichtliche Strukturen der Genderideologie, die übrigens auch psychologisch erklärt werden kann, verschandeln. Egal wie wir es fortan formulieren, es sind immer alle Geschlechter in gleicher Würde gemeint.

Für unsere Untersuchungen haben wir uns im Wesentlichen auf den deutschen Sprachraum beschränkt. Wenn wir im Folgenden allgemein von Deutschland sprechen, sind alle deutschsprachigen Staaten gemeint; es wäre zu ermüdend, immer alle Staaten aufzuführen. Wir danken an dieser Stelle insoweit allen zahlreichen Menschen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Liechtenstein, Südtirol und Luxemburg sowie anderen Ländern, die durch Mitteilung ihrer Erlebnisse wesentlich zu diesem Buch beigetragen haben. Wir verzichten hier auf eine namentliche Nennung, da einige Befürchtungen vor Repressalien haben. Dies respektieren wir. Vielleicht lässt sich dies in einer späteren Auflage nachholen, wenn die Meinungsfreiheit in unseren Ländern wiederhergestellt ist. Insbesondere bedanken wir uns auch für die freundlichen Zuschriften, die uns ermutigten, dieses Buch zu schreiben: „Ich freue mich, dass es Menschen wie Sie gibt, die sich intensiv mit dieser Problematik auseinandersetzen, jeder ist jetzt gefragt. Das, was gerade in Deutschland passiert, ist wirklich ein Skandal.“3

Haftungsausschluss

Die hier dargestellten Inhalte dienen der politischen und gesellschaftlichen Information und Weiterbildung. Sie geben die Meinungen und Ideen der Autoren und der zitierten Personen wieder. Sie stellen keine Empfehlung für oder gegen bestimmte diagnostische Methoden, medizinische oder psychologische Behandlungen oder Therapien dar. Bei gesundheitlichen Fragen, Beschwerden oder Problemen wenden Sie sich immer an einen erfahrenen Arzt oder Psychotherapeuten. Die Benutzung dieses Buches und der darin enthaltenen Informationen erfolgt ausdrücklich auf eigenes Risiko der Leser. Haftungsansprüche gegen die Autoren und den Verlag für Schäden ideeller, gesundheitlicher, seelischer oder materieller Art, die durch die Nutzung dieses Buches oder einzelner darin vorhandener Informationen verursacht werden, sind ausdrücklich ausgeschlossen. Sofern in den Literaturangaben auf Seiten der digitalen Medien hingewiesen wird, distanzieren wir uns von jeglichen strafrechtlichen oder unmoralischen Aussagen, falls diese dort drin erscheinen sollten; zum Zeitpunkt unserer Einsichtnahme haben wir solche nicht festgestellt.

Dass es eines solchen Haftungsausschlusses heutzutage für ein Buch überhaupt bedarf, ist auch ein Zeichen, wie krank unsere Gesellschaft eigentlich ist. Auch das ist letztendlich ein Zeichen der Angst; wir sind also selbst noch nicht ganz frei von ihr. Doch es geht darum, dass wir uns alle täglich weiterentwickeln. Dann schaffen wir gemeinsam auch wieder eine bessere Welt.

1 GOETHE 1810.

2 SECKENDORFF 1808.

3 Mitteilung von Silvia E.

1. Die Zeit der Angst

„Politik machen: Den Leuten so viel Angst einjagen,

dass ihnen die Lösung recht ist.“

Wolfram Weidner, Journalist (*1925).

„Das Leben wartet immer darauf, dass eine Krise eintritt,

bevor es sich von seiner glänzendsten Seite zeigt.“

Paulo Coelho, brasilianischer Schriftsteller und Philosoph (*1947).

Anfang April 2020 hatten wir bei Facebook noch gepostet: „Der größte Fake der Weltgeschichte. Und die Masse schnallt’s nicht. Das schnalle ich nicht.“ Es gab viele Likes und selbst hochgebildeten Menschen ging es nicht anders. Dr. Matthias Burchardt fragte, ob wir ein gigantisches Umerziehungsprogramm zu einem Homo hygienicus erleben.4 Wie ist „es möglich, daß sich eine Gesellschaft so rasch und bereitwillig widerstandslos in die Geiselhaft einer von der WHO ausgerufenen Pandemie und ihrer Zwangsmaßnahmen nehmen und manipulieren läßt.“5 Dr. Wolfgang Wodarg schrieb entsprechend: „Ich verstehe nicht, dass die Menschen so blöd sind“6 und Professor Max Otte meinte zu den Coronamaßnahmen: „Völlig irre, aber die Mehrheit schluckt es“.7 Erst mit der Zeit wurde es immer deutlicher. In der Coronazeit geht es hauptsächlich um Angst. Angst vor dem Virus, Angst vor den Regierungen, Angst vor dem Verlust des Jobs, Angst vor der Insolvenz, Angst vor Isolation. Dazu Ängste, die man manchmal gar nicht näher erklären kann. Angst ist die Schlüsselemotion zum Verständnis der Coronazeit. Hinsichtlich der Dummheit politischen Handelns schrieb Thilo Sarrazin völlig zu Recht: „Das Problem liegt eben nicht auf der Ebene des Verstandes …, sondern auf der Ebene der Gefühle“.8 Und der bekannte Münchner Facharzt Dr. Martin Marianowicz erklärte, dass unser Hauptproblem nicht das Virus ist, sondern die Angst.9 Der stellvertretende Bundesvorsitzende der FDP, Wolfgang Kubicki, sagte schon im Mai 2020: „Ich verstehe nicht, warum den Menschen Angst gemacht wird“.10 Eine Frau äußerte im WDR: „Da passiert durch die Angst, dass die Eltern sich nicht mehr trauen, die Kinder vor die Tür zu lassen. Es ist Wahnsinn, was in diesem Land abgeht, aber auch weltweit. Wie kann denn eine ganze Welt in sechs Monaten so lahmgelegt werden. Was passiert hier?“11

Dabei ist Angst in den deutschsprachigen Ländern gar kein so neues Phänomen. Bereits in den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts entstand der Begriff der „German Angst“ aus der für „internationale Beobachter rational wenig nachvollziehbaren Art, wie Politik und Medien … in Deutschland auf die sich verstärkt stellende Umweltproblematik im Kontext des Waldsterbens und des Atom-GAUs in Tschernobyl reagierten“.12 Das Thema Angst gewann unter den Menschen immer größere Bedeutung13 und die German Angst fand viele neue Themen. Immer mehr wurde plötzlich als Bedrohung angesehen, Dinge, über die man sich vorher kaum Gedanken gemacht hatte. Aber nun tauchten sie auf.

Nach der Atomkraft ergänzte eine Angst nach der nächsten unseren Panikvorrat. Angst vor dem Ozonloch, ungesunde Nahrung von unseren Äckern, Angst vor Alkohol, Zucker und Fett, Angst vor der Zerstörung unserer Umwelt, vor Waldsterben, der Verschmutzung der Meere, dem Bevölkerungsanstieg, Angst vor den Nebenwirkungen von Medikamenten, Genmanipulation, der Rentenlücke, einer Unterbrechung der Kühlkette, Arbeitslosigkeit und Klimawandel. Ebenso vor Nikotin, Feinstaub, islamischem Terror, Drogen, Überwachungskameras, den Rechten, den Linken, der AfD, den Russen, den Amerikanern, dem Meeresanstieg, Ausländern, Nazis, Aliens, der Gletscherschmelze auf Grönland, den Reichsbürgern, den Kommunisten, Nitrosamin in Bratwürsten, Glutamat in der Fertigpizza, Darmkrebs, Glyphosat auf dem Acker, Angst vor Salmonellen in Eiern und im Pudding von Altenheimen, Angst vor Elektrosmog, Ölunfällen, Autounfällen, Flugzeugabstürzen, Asteroideneinschlägen und vor Ferienwohnungen ohne Rauchmelder. Manche dieser Ängste verschwanden wieder, wie die vor dem Ozonloch, andere hielten sich oder wurden immer weiter verstärkt. In einer Schule in Osthessen verbot ein Schulleiter den Kindern sogar, Schnee anzufassen, denn dann könne kein Kind mit Schnee werfen und niemanden verletzen. Die Eltern der Kinder reagierten entsprechend: „Wie krank muss ein Schulleiter eigentlich sein?“14 Angst hat er, der Verantwortliche für was auch immer zu sein.

Nun könnte man „sehr einfach“ sagen: „Die heutige Gesellschaft hat Angst vor dem Leben. Sie zeigt Furcht, das zu verlieren, was sie ausmacht“15, und Professor Dr. Meinhard Miegel meinte schon 2016: „Die deutsche Bevölkerung ist heute eine fragile, ängstliche und weitgehend erstarrte Bevölkerung.“16 „Dabei ist gerade diese Angst, betrachten wir sie als gesellschaftliches Phänomen, ein Gradmesser dafür, dass wir uns möglicherweise als Gesellschaft in eine falsche Richtung bewegen. Weg von humanitären Werten oder von dem, was menschlich ist.“17

In der Vergangenheit wurde versucht, die Dinge, vor denen Ängste bestanden, in der Sache zu ändern. So folgten eine Flut von Vorschriften darüber, was nicht in unser Essen gehört, welche Abgaswerte an Autos und Industrieanlagen einzuhalten sind, wie weit Gentechnik genutzt werden darf, wie stark Äcker mit welchen Mitteln besprüht werden dürfen, wie häufig Kontrollen in Lebensmittelbetrieben, Chemieanlagen und Bratwürstchenbuden zu erfolgen haben. Technische DIN-Regeln18 wurden immer mehr erweitert und Reichsbürger werden überwacht. Aber hat das alles unsere Angst genommen? Noch nicht? O. k., dann stellen wir noch mehr Verkehrsschilder auf, damit nichts passieren kann, verringern noch mehr die Geschwindigkeiten auf unseren Straßen. Wo früher 70 km/h erlaubt waren, ist nun eine Tempo-30-Zone und auf Autobahnen kommt man kaum noch über 130. Am besten, wir senken die Geschwindigkeit auf null, dann kann bald nichts mehr geschehen.

Wo früher eine Baustelle mit dünnen Dreizackstangen und rotweißem Flatterband gesichert war, da sind es heute schwere und große Absperrbaken zu Dutzenden und die sind manchmal für Autofahrer so aufgestellt, dass sie gefährlicher als die eigentliche Gefahrenstelle sind. Aber wenigstens hat man etwas getan. Ach, wäre ich doch noch einmal zwanzig Jahre alt, dann würde ich im Jahr 1982 eine Firma für solche Absperrbaken und Straßenschilder aufmachen; ich wäre heute mehrfacher Millionär bei solch einem Umsatz. Aber nicht nur dieses Gewerbe hat profitiert. Auch die Hersteller von Alarmanlagen, Tür- und Fenstersicherungen, Überwachungskameras und Sicherheitsdienste sind aufstrebende Branchen.

Angst war es, die das Vorsorgeprinzip immer mehr zur Vormacht brachte. Und diese Angst beschränkte sich bald nicht mehr auf die deutschen Staaten allein. Frank Furedi sprach schon 2002 von einer Angst- und Vorsorgekultur in den westlichen Gesellschaften19 und 2007 wies der amerikanische Rechtsphilosoph Cass Sunstein auf die Überbetonung des Vorsorgeprinzips in den westlichen Gesellschaften hin.20 Doch all das führte nicht dazu, dass die Angst weniger wurde. Denn Angst lässt sich nicht einfach dadurch abbauen, dass wir die Situation ändern. Angst ist in uns.

Das lässt sich sehr schön an der 2018 aufgekommenen Angst vor Feinstaub in der Luft erkennen. Wann war denn die Luft dreckig und wann sauber? Fakt ist, in meinem Leben seit 1962 war die Luft noch nie so sauber wie heute. Als Kind forderte die SPD auf Wahlplakaten den blauen Himmel über der Ruhr. Und tatsächlich war es dort eher grau und braun und dreckig und stinkend. Das ist aber durch viele Umweltmaßnahmen vorbei. Der blaue Himmel ist da. Als ich 1989 nach der Grenzöffnung Eisenach besuchte, qualmte über jedem Haus ein Schornstein Braunkohlenasche in die Luft, die Industrieanlagen bliesen Schadstoffe hinaus, wie wir es uns heute kaum noch vorstellen können. Sie wurden ebenso erneuert wie die stinkenden Trabbis, und ebenso verschwanden Blei und Schwefel aus dem Benzin. Das Immissionsschutzrecht wurde weiter verschärft, Heizungen saniert, Motoren und Verbrennungsanlagen optimiert und mit Filtern und Katalisatoren ausgestattet. Alles das war richtig und half unserer Umwelt und unserer Gesundheit. Nun ist die Luft in Mitteleuropa so sauber wie wohl seit hundert Jahren nicht mehr. Das zeigen sogar einige Flechten und Moose an den Rinden von Straßenbäumen, die teilweise ganz verschwunden waren, da sie verschiedenste Schadstoffe nicht ertragen können. Nun kehren sie zurück. Unsere Luft wird besser und besser. Das heißt nicht, dass wir sie nicht noch sauberer bekommen können. Wir sollten weiter daran arbeiten; Verunreinigungen sollten so weit wie eben möglich minimiert werden. Aber dass jetzt eine Angst vor Feinstaub aufkommt, ist völlig irre. Hätten die Menschen im Ruhrgebiet oder in der DDR damals Angst gehabt, und es gab ja tatsächlich heftige Atemwegserkrankungen durch Schadstoffe, dann wäre das erklärbar gewesen. Aber jetzt, wo alles schon relativ gut geworden ist, noch eine Panikwelle? Das hat mit den Luftwerten nichts mehr zu tun. Da steckt etwas anderes, Psychologisches, hinter.

„Da Angst ansteckend ist, kann sie zum vorherrschenden sozialen Trend werden.“21 Hendrik Streeck, Chefvirologe der Universitätsklinik Bonn, betonte zu Recht, dass es „zu viel Angst“ gebe, und sieht „das Problem in den Köpfen der Menschen“.22 „Zwei von fünf Menschen in Deutschland leiden heute unter einer leichten Angst, jeder 10. wird von seiner Angst im Alltag stark behindert.“23 „Laut einer DAK-Studie zeigt jedes vierte Schulkind in Deutschland psychische Auffälligkeiten. Mit Corona hat sich ihre Belastung noch verschärft. Viele Kinder leiden still.“24 Stäheli schrieb schon 2013: „Das ‚fear marketing‘ gedeiht in einer ‚Angstkultur‘ besonders gut, ist die Angst doch die Kehrseite einer Kultur, die Sicherheit dadurch steigert, dass immer neue Quellen der Unsicherheit geschaffen werden.“25 Die Coronaangst ist somit nicht unbedingt etwas Neues. Die Angst hat nur ein neues Objekt gefunden, ein Virus.

„Angst regiert überall in der angeblich freien westlichen Welt und hat mit der Angst vor Corona die Macht ergriffen.“26 Selbst Markus Lanz stellte im ZDF klar: „Ich erlebe das auch selber so in meinem Umfeld teilweise. Da ist richtig Panik teilweise. Immer noch. Da gibt es Leute, die haben richtig Angst!“27 Viele Menschen sagen: „Ich habe bloß noch Angst!“ Die Folge ist, dass die Psychotherapeuten derzeit völlig überlastet sind. Probst Gerald Goesche aus Berlin berichtete: „Ganz viele Menschen sind tot in ihren Wohnungen aufgefunden worden mit Abschiedsbriefen: ‚Ich halte es nicht mehr aus‘.“28 So heftig war es mit der Angst noch nie. Warum immer wieder Angst? Und warum wird sie so extrem schlimmer und findet immer neue Anlässe?

Dr. Peer Eifler sagte: „Da das ja mein Hauptmetier jetzt hier in Österreich ist, ich bin ja fast ausschließlich als ärztlicher Psychotherapeut tätig, d. h. ich habe ganz viele posttraumatische Störungen mit Menschen, die ganz viel Angst haben, mit Menschen, die Angst verdrängt haben, die ganz fürchterliche Dinge passiert haben, was manchmal Jahre, Jahrzehnte im tiefsten Inneren schlummert. Und dann kommt was und drückt sie über die Klippe und nimmt ihre letzten Chancen, damit irgendwie zu funktionieren. Genau das ist eigentlich passiert auf einer kollektiven Ebene.“29 Verfassungsrichterin Juli Zeh stellte ebenfalls fest, dass Corona „konkurrierende Fundamentalängste auslöst, die aufeinanderprallen“.30 Vor einem Virus, vor Existenzverlust, vor dem Regierungshandeln und mehr. „Hier wird eine Ur-Angst geweckt, die Ur-Angst vor Krankheit, Siechtum und Tod“, sagte Friedrich Pürner, Epidemiologe und Leiter des bayerischen Gesundheitsamtes.31 Der weitdenkende Hirnforscher Gerald Hüther sieht eine „zunehmende Verunsicherung“ in der Gesellschaft, in der die Menschen nach „Halt und Orientierung“ suchen. „Solche Phasen allgemeiner Verunsicherung sind Umbruchphasen einer Gesellschaft.“32 Wir sind ebenfalls der Überzeugung, dass wir es mit einer historisch bedeutsamen Umbruchphase des politischen, ökonomischen, finanzwirtschaftlichen und gesellschaftlichen Systems auf unseren Planeten insgesamt zu tun haben; darauf werden wir in Kapitel 11 näher eingehen. Ebenso stimmen wir Hüther völlig zu, wenn er schreibt: „Erst wenn wir verstehen, weshalb und wovor Menschen Angst haben und was mit ihnen dann passiert, können wir nach geeigneten Auswegen suchen.“

Im Folgenden werfen wir daher einen ersten Blick auf das Phänomen der Angst. Dabei gehen wir davon aus, dass die Angst nicht durch noch mehr Sicherungssysteme und Vorsorge überwunden werden kann, sondern nur durch das Verständnis, was unterbewusst in unseren Köpfen geschieht. Schauen wir nicht auf die angeblichen Gefahrenstellen, sondern auf unser Inneres, unsere persönlichen Schwächen und unsere inneren Stärken. Dieser Weg kann uns tatsächlich dazu führen, dass wir unsere Ängste schließlich abbauen und minimieren und vielleicht einmal ganz verlieren. Und dann haben wir nicht nur persönlich einen riesigen Wachstumsschub gemacht, dann verändern wir damit auch die Welt.

4 BURCHARDT 2020.

5 OLLES 2020a.

6 WODARG 2020.

7 OTTE 2020.

8 SARRAZIN 2016: 16.

9 A. A. 2020zl.

10 KUBICKI 2020a.

11 WESTDEUTSCHER RUNDFUNK 2020.

12 KOCH 2013: 1. Zur German Angst siehe auch BODE 2016.

13 Vgl. BENESCH 1994: 227.

14 A. A. 2020zzzzd.

15 A. A. 2020zzl.

16 MIEGEL 2016.

17 HAGEN 2020: 17–18.

18 Deutsche Industrienorm.

19 FUREDI 2002.

20 SUNSTEIN 2007.

21 HAWKINS 2013: 117.

22 ALTHOFF 2020a.

23 WOLF 2018: 7.

24 GROMES 2020.

25 STÄHELI 2013: 94.

26 STRAUB 2020b.

27 LANZ 2020.

28 A. A. 2020zzzf.

29 EIFLER 2020a.

30 ZEH 2020.

31 KATTENBECK 2020.

32 HÜTHER 2019: 13.

2. Der Sinn der Angst und ihre drei Überlebensstrategien

„Der Grad der Furchtsamkeit ist ein Gradmesser der Intelligenz.“

Friedrich Nietzsche, Philosoph (1844–1900).33

„Ich glaube, dass die Erkenntnis der Wahrheit nicht in erster Linie

eine Sache der Intelligenz, sondern des Charakters ist.

Dabei ist das Wichtigste, dass man den Mut hat, nein zu sagen.“

Erich Fromm, Psychoanalytiker (1900–1980).34

Angst ist eine der zentralen Emotionen des Menschen. Daher ist auch die Psychologische Wissenschaft schon seit früher Zeit bemüht, eine Definition und eine Erklärung für ihr Auftreten zu finden. Viele dieser Bemühungen schlugen jedoch fehl und führen nicht weiter, u. a. die Versuche einer Abgrenzung zwischen den Begriffen Furcht und Angst, die Frage, ob Angst eines Objektes bedürfe, dem gegenüber die Angst entstehe, die Ableitungen von Geburts- und Todesangst oder gar Sigmund Freuds Verbindung mit sexuellen Aspekten, wie seiner Theorie vom Ödipuskomplex.35 Die Psychotherapie hat sich lange auf die krankhaften Formen der Angst konzentriert, die „normale“ Angst hat auch sie vernachlässigt.36

Die Zahl der Dinge, Ereignisse und Gedanken, vor denen wir Angst haben können, ist nahezu endlos. Wir alle kennen die Angst vor dem Tode, vor Höhe, dem Alleinsein, vor Alter, Krankheiten, Geräuschen in der Nacht, Tunneln, Fahrstühlen, Dunkelheit, Spinnen, Mäusen, Hunden, großen Plätzen, Enge, dem Zahnarzt mit seinem Bohrer. Dazu kommt Angst vor Enttäuschung, Prüfungsangst, die Angst, missverstanden oder nicht geliebt zu werden, nicht anerkannt oder verlassen zu werden, die Angst vor Ablehnung, Autorität und Arbeitslosigkeit, die Angst vor Kritik, allgemeine Zukunftsangst, die Angst vor Entscheidungen, vor Veränderung, die Angst, nicht zu genügen, etwas zu verpassen, zu scheitern oder von der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden. Skurril fanden wir es, als wir hörten, dass jemand Angst vor Müllcontainern hatte, aber das ist seit dem Frühjahr 2020 vorbei. Wir hätten uns schließlich auch nie vorstellen können, dass es eine Angst geben könnte, nicht genügend Toilettenpapier zu besitzen. Alles ist möglich.

Auch die körperlichen und emotionalen Reaktionen auf Angst sind vielfältig. Was geschieht nicht alles in uns, wenn wir Angst haben. Der Herzschlag wird schneller, der Blutdruck steigt, unsere Atmung verändert sich, die Muskeln verspannen sich, wir bekommen Mundtrockenheit oder Übelkeit mit Druck in der Magengegend bis hin zum Erbrechen, wir zittern, wir schwitzen und bekommen Schweißausbrüche, unsere Nerven kribbeln. Weiterhin verengen sich unsere Pupillen, unser Blick wird enger, die Stimme zittriger, wir weinen und müssen ständig zur Toilette bis hin zum quälenden Durchfall. Uns kann schwindelig und schwarz vor den Augen werden und manche fallen gar in Ohnmacht. Auch unser Denken ändert sich unter Angst und in unserem Kopf wird es völlig verrückt. Unsere Gedanken kreisen um das Problem, wiederholen es wieder und wieder, grübeln, unsere Kreativität und logisches Denken verschwinden, unser sexuelles Interesse erlahmt gedanklich und körperlich, ein Gefühl der Ausweglosigkeit und Entsetzen macht sich breit, wir sind angespannt und reizbar. Auch hektische Betriebsamkeit und Ruhelosigkeit helfen uns nicht, und wenn dies alles zu lange anhält, können wir irgendwann nicht mehr. Es kommt zu Einschlaf- und Durchschlafstörungen, zu völliger Erschöpfung, wir ziehen uns aus der Umwelt zurück, ziehen die Bettdecke über den Kopf, essen zu viel oder zu wenig, trinken Alkohol oder greifen zu Psychopharmaka. Eventuell erfolgt eine Depression. Warum das nur alles? Das sind doch Reaktionen, die wir gar nicht wollen, die uns nicht guttun. Was soll das, warum reagieren wir so?

Da die Evolution selten auf Dauer Unsinniges bestehen lässt, muss diese Vielfalt an Reaktionen irgendeinen Sinn haben. Versuchen wir einmal, tiefer hinter das Geheimnis der Angst zu schauen.

Um die Vielfalt zu verstehen und den Sinn hinter all dem zu erkennen, müssen wir erst einmal klären, wie die Angst im Laufe der Evolution entstanden ist und wofür sie eigentlich da ist. Damit können wir dann im Umkehrschluss auch analysieren, wann Angst kein guter Ratgeber ist. Und all das führt uns dabei immer wieder zu den vielen Merkwürdigkeiten der Coronazeit. Dazu werden wir die Vielfalt der Angstformen und unsere Reaktionen zu einem kohärenten System zuordnen, das es uns ermöglichen kann, Ängste verstehen und überwinden zu lernen. Und so können wir schließlich die Coronazeit überstehen und Lösungen dafür finden, wie wir aus diesem ganzen Angstgeschehen herauskommen und es erreichen können, dass so etwas nie wieder geschehen kann.

Gehen wir einmal ganz weit zurück. Unsere Vorfahren lebten über Jahrmillionen in einer nicht ungefährlichen Umwelt. Mit einer Körpergröße von nur etwas über einem Meter waren unsere Ahnen in Afrika vor drei Millionen Jahren, wir nennen sie Australopithecus, eine beliebte Beute von Löwen, Leoparden und anderen Raubtieren. In der Psychologie wird oft das Beispiel des Säbelzahntigers bemüht, der war aber gar nicht so relevant und wurde wohl sogar vom Menschen später ausgerottet. Es gab viele andere Raubtiere, die dem Menschen gefährlicher waren. Selbst als Homo habilis und Homo erectus, unsere nachfolgenden Vorfahren, an Gehirn- und Körpergröße zunahmen und das Feuer zu beherrschen gelernt hatten, war das Leben risikohaft. Mit einfachen Lanzen auf Jagd zu gehen, konnte leicht eigene Verletzungen mit sich bringen. Noch im Mittelalter kamen viele Jäger zu Tode oder zu schweren Unfällen, die versuchten, mit einem Sauspieß ein Wildschwein zu erlegen. In südlicheren Ländern kamen Gefahren durch giftige Tiere hinzu, Skorpione, Spinnen und Schlagen etwa. Das Herunterfallen von einem Baum oder Felsen mit Knochenbrüchen konnte ebenfalls den Tod bedeuten. Da machte es in der langen Evolutionsgeschichte Sinn, eine angeborene Empfindung zu besitzen, die vor solchen Gefahren warnte. Die Angst.

Ebenso machte es Sinn, angeborene Lösungsmöglichkeiten zu besitzen, um diesen Gefahren zu entkommen. Natürlich geht das durch den Verstand, doch unser Denken ist verhältnismäßig langsam. Viel schneller arbeiten unser Unterbewusstsein und unsere Reaktionen. Und Schnelligkeit kann Leben retten. Wenn wir etwa stolpern und hinfallen, liegen wir schon auf der Nase, bevor wir bewusst nachdenken können, was eigentlich geschehen ist. Glücklicherweise hat unser Körper automatisch reagiert und uns so hinfallen lassen, dass uns meist nichts passiert ist. „Fall nicht hin“, sagen wir häufig sorgenvoll zu kleinen Kindern. Aber sie fallen dennoch immer wieder und meist geschieht ihnen nichts. So üben sie diese automatischen Körperreaktionen bis zur Perfektion. Erst im Alter, wenn unsere Muskeln und Gelenke nicht mehr so beweglich sind, können sie nicht mehr so flink die automatischen Befehle des Unterbewusstseins ausführen. Dann kommt die Zeit der Knochenbrüche, insbesondere der Oberschenkelhalsbrüche. Grundsätzlich sind unsere angeborenen und automatischen Reaktionsweisen in Gefahrensituationen jedoch eine gute Sache für unser Leben und unsere Gesundheit bis ins hohe Alter.

Begeben wir uns zurück in eine Zeit, in der unsere Vorfahren noch als Steinzeitmenschen in den Savannen Afrikas lebten. Oder noch weiter zurück, als wir als kleine mäuseartige Säugetiere in einer von Dinosauriern beherrschten Welt überleben wollten. Vielleicht noch weiter zurück als kleines Tier, das einmal der Vorfahr aller Wirbeltiere werden würde. Was hatten diese Wesen nun für ein Rüstzeug, um aus Gefahrensituationen lebend davonzukommen? Was konnten sie tun? Nun, die Evolution hat uns gleich mit drei Strategien ausgestattet. Dreifach hält halt besser. Es sind Flucht, Angriff und Erstarrung.

2.1 Flucht

Wir sind ein Steinzeitmensch, vielleicht ein kleiner Homo habilis, der vor eineinhalb Millionen Jahren in der ostafrikanischen Serengeti lebte.37 Mit einem Stock und einem Faustkeil bewaffnet, ziehen wir durch die Savanne, um kleine Tiere zu erbeuten, vielleicht ein Erdferkel oder ein langsames Stachelschwein. Nebenbei sammeln wir und unsere Familienangehörigen Pflanzen und Früchte und suchen nach Aas. Da! Hinter dem Felsen bewegt sich etwas, vielleicht ein kleiner Klippschliefer, eine leckere Beute. Doch nein. Schrecken. Plötzlich und unverhofft starrt uns ein Leopard ins Gesicht, nur zwei Meter vor uns. Seine großen stechenden Augen fixieren uns. Seine starken Muskeln sind zum Sprung bereit, seine weißen großen Reißzähne leuchten uns entgegen. Höchste Gefahr. Lebensgefahr, wir sind dem Tode nahe. Jetzt muss alles ganz schnell gehen; sonst werden wir gefressen.

Was geschieht nun in uns? Angst. Panische Angst. Es gibt nichts anderes mehr als Angst. Denn nur sie kann nun unser Leben retten. Wir denken nicht, das macht unser Unterbewusstsein nun allein. Es checkt ab, ob wir die Gefahrensituation meistern können. Nein, können wir nicht, ist die Entscheidung in Bruchteilen einer Sekunde. Der Leopard ist stärker als wir. Also läuft automatisch unsere erste Bewältigungsstrategie für Angst an, die Flucht.

In Mikrosekundenschnelle drehen wir Steinzeitmensch uns um und laufen mit aller zur Verfügung stehender Kraft von dem Leoparden davon. Wir laufen schneller als jemals zuvor in unserem Leben. Denn die Angst schaltet unseren ganzen Körper auf dieses einzige Ziel der Flucht. Alle Energiereserven werden freigeschaltet. Adrenalin strömt in unsere Muskeln, sodass wir noch schneller werden. Je leichter wir sind, desto mehr Geschwindigkeit bekommen wir. Also alles raus. Heute würden wir uns in die Hose machen, aber damals liefen wir nackt umher. Das kennen wir heute noch, etwa wenn wir vor einer Prüfung noch schnell zur Toilette müssen, obwohl wir kaum etwas getrunken haben. Oder wenn sich dann plötzlich noch Durchfall einstellt. So blöd das für uns heute ist, für uns als Steinzeitmensch damals erhöhte es die Überlebenswahrscheinlichkeit. Wenn der Magen noch gefüllt ist, kann auch ein Erbrechen Sinn haben. Schlussverkauf, alles muss raus, oben und unten. Leichter werden, schneller werden.

Wer schnell läuft, darf nicht überhitzen, benötigt Kühlung. Also beginnen wir zu schwitzen, Schweiß läuft über den ganzen Körper und kühlt uns. Der Blutdruck muss steigen, ebenso der Puls, um die Muskeln mit genügend Sauerstoff versorgen zu können, den wir durch heftiges Atmen hereinhecheln. Denken hilft bei der panischen Flucht nicht, einfach weg, ist die Devise. Ach, wenn uns dies heute nur nicht bei Prüfungen geschehen würde. Angst in der Prüfung und schon kommt der Blackout und wir wissen nichts mehr von dem, was wir so intensiv gelernt hatten und genau wussten. Hier kommt es her. Denn als die Angst entstand, hatte sie den Sinn, das Überleben zu sichern, von Prüfungssituationen wusste sie noch nichts. Aber da holt sie uns dann heute leider manchmal ein.

Als Steinzeitmensch durften wir nicht eingeholt werden. Wir rennen und rennen, so schnell wie nie, so lange wie nie. Irgendwann sagte uns dann etwas im Inneren, wir sind entkommen. Der Leopard ist weg. Wir haben es geschafft, wir leben. Boah, geschafft. Er ist weg, er ist weg. ‚Ist er wirklich weg?‘, taucht als erster Gedanke des nun wieder einsetzenden Denkens auf. Ja, er ist weg. Wir sind sicher. Alles ist gut. Unser Körper entspannt, das Herz pocht noch heftig, aber nach und nach gehen Puls und Blutdruck zurück, die Muskeln erschlaffen, ein Zittern beruhigt die Nerven und wir sind völlig erschöpft und müde. Ausruhen, hinlegen, schlafen, ist unser Wunsch. Einfach erholen jetzt. Ruhe. Nach ein paar Stunden im Schatten einer Akazie kommen wir wieder auf die Beine. Wir gehen zurück zum Lager und stolz erzählen wir den Familienmitgliedern immer wieder, wie wir es geschafft haben, dieser Bestie heil zu entkommen. Nächstes Mal sind wir vorsichtiger, wenn wir etwas hinter einem Felsen rascheln hören.

Flucht kann also das Leben retten. Und diese Methode wenden wir auch heute gern an. Oft auch in Situationen, die eigentlich gar nicht so gefährlich sind. Bei Prüfungen oder Vorstellungsgesprächen ist es zum Beispiel gar nicht selten, dass manche Personen nicht erscheinen. Sie haben Angst vor der Situation bekommen und so flüchten sie vor ihr. Andere verlassen das Haus, wenn die Schwiegermutter zu Besuch kommt, oder Kinder schwänzen die Schule, weil heute der eine Lehrer oder das schlimmste Fach auf dem Stundenplan stehen. All das sind Formen des Fluchtverhaltens. Halten wir durch und stellen wir uns den Situationen, können trotzdem die körperlichen Reaktionen einsetzen. Wer kennt es nicht! Panik, innere Unruhe, Schweißausbrüche im Wartezimmer des Zahnarztes, vor der Prüfung oder neben Hooligans vor dem Fußballstadion.

Nun gibt es auch viele Menschen, die Angst vor Krankheiten haben, vor Krebs, Demenz oder ansteckenden Krankheiten, Viren und Bakterien. Bloß nicht eine Türklinke anfassen, da kann man sich ja wer weiß was holen. Und wenn doch, schnell die Hände waschen. Überall lauert Gefahr für die Gesundheit. Es kann sein, dass solche Menschen Arzt nach Arzt aufsuchen. Und obwohl die unisono beteuern, dass keine Krankheit festzustellen ist und die Patienten kerngesund sind, glauben diese es nicht. Krank sind sie tatsächlich. Nicht der Körper ist krank, sondern die Psyche. Angsterkrankung. Das ist aber nur die Steigerungsform der Angst vor Krankheit, die wir in normaler Form alle in uns haben. Diese hilft uns, vorsichtig zu sein und gesund zu leben, macht also Sinn und hilft uns beim Überleben. Leider kann man diese normale Angst manipulieren und anheizen. Verbreiten sich etwa Behauptungen über die Gefährlichkeit eines Virus oder Bakteriums und wird dies immerfort wiederholt, so steigt bei fast allen Menschen der Angstpegel. Das merken wir ganz besonders in der Coronazeit. Ein ziemlich normales Grippevirus mit dem wir schon lange Zeit leben, wird plötzlich zum Killervirus erklärt. Dabei war die Grippe 2018 viel schlimmer und hatte hohe Todesraten; in Österreich starben 2.900 und in Deutschland 25.000 Menschen daran.38 Doch da machte niemand Angst. Damals war es eine normale Wintererscheinung, die mit Bettruhe und Vitaminen und einem guten Abwehrsystem von den allermeisten Menschen bewältigt wurde, ohne dass die Angst um sich griff. Das jetzige Virus ist harmloser, es sterben weniger Menschen, aber medial wird Angst verbreitet, und die wirkt bei den meisten Menschen. So wurde die Angst vor einer Coronaerkrankung geschürt.

Schlimm ist, dass das durch die Regierungen erfolgt, weiß doch jeder, dass das Immunsystem gerade durch Angst geschwächt wird. In der kurzen Angst des Steinzeitmenschen konnte der Körper darauf verzichten, aber bei der heutigen Dauerangst hat das verheerende Folgen. Angstschüren führt dazu, dass mehr Menschen erkranken, der Krankheitsverlauf heftiger wird und mehr Menschen sterben. Und es zeigt auch, dass es bei dem ganzen Coronatheater nicht um die Gesundheit der Menschen geht. Helfen würde es, Angst zu nehmen, an eine gesunde Lebensweise mit viel Obst, Gemüse, Vitaminen und frischer Luft zu appellieren. Aber nichts von dem. Die Menschen sollen ja gerade ihre Angst behalten. Dann kann man sie besser beherrschen. Und genau das funktioniert. Angst geht um in Europa und der Welt.

Und natürlich versuchen da Menschen, der vermeintlichen Gefahr durch Flucht zu entkommen. Eine Frau, die ohne Maske einkaufen ging, schrieb: „Soeben im Supermarkt. Eine Frau sprang an der Kasse zur Seite, als ich mich ihr näherte, die pure Angst!“39

Sogar im Freien sind solche Fluchtreaktionen zu erleben: „Gerade gehe ich im Park. Da ist eine alte Frau mit Rollator und etwa fünfzehn Meter entfernt hustet einer lautstark. Da sagte sie zu ihrem Mann: ‚Nicht einatmen!‘. Im Ernst. Die machen die alten Leute völlig kirre.“40

Eine Geschichte trug sich in Mitteldeutschland zu: „Margot war immer schon unsere recht merkwürdige Helferin hier bei uns im Baugeschäft. Seit Jahren liegt sie mit allen im Streit. Nicht fortwährend. Sie braucht nämlich eigentlich Menschen, die sie zuquasseln kann. Hat sie ein Opfer gefunden, erfolgt ein ununterbrochener Monolog. Ahnungslos ging ich das Treppenhaus hinunter, da kommt Margot mir entgegen. ‚Jetzt bloß nicht zu freundlich sein‘, denke ich und befürchte sonst ihr nächstes Opfer zu sein. Aber meine Angst ist völlig unnötig. Sie blickt auf. Sieht mich ohne Maske. Erstarrt in ihrer Mimik, um dann in ein Panikgesicht zu wechseln. Dann dreht sie sich zum Treppengeländer und wendet sich von mir ab, mir ihren Rücken zeigend. ‚Margot, hast du ein Problem? Kann ich dir irgendwie helfen?‘, frage ich in aufrichtigem Ton. ‚Nein, Corooona. Steck mich nicht an‘, stürzt es aus ihr heraus und sie versteckt ihren Kopf dabei noch in ihrer Jacke, schnell die Treppe hochstolpernd. Ich bin also ein potenzieller Infektionsherd. Eine Gefahr. Klasse, die nervt mich wohl nicht weiter. Wie es der Deibel will, kommt sie mir ein paar Tage später erneut auf der Treppe zur Verladerampe entgegen. ‚Hallo Margot, schaust du mich denn heute mal freundlich an?‘, necke ich sie. Natürlich geschieht das nicht. Wieder wendet sie sich ab, steckt ihren Kopf in die Jacke und schreit: ‚Ich bin nicht unfreundlich!‘. ‚Das kommt mir aber so vor, ich finde es sehr unfreundlich, wie du dich zeigst!‘, antworte ich. Darauf schreit sie dann noch irgendwas von der Verladerampe zu mir herauf, was ich leider nicht verstehen kann, da einige Kollegen von der Warenausgabe lachend die Szene beobachtet hatten. Jetzt bin ich mir sicher. Margot wird mich wohl nicht mehr nerven. Danke Coroni.“

Für diese Frau kann man nur Mitleid haben. Wie stark muss ihre Angst sein, dass sie sogar vor ihren Kollegen wegläuft, völlig auf ihre Würde verzichtet und sich lieber zum Gespött machen lässt, als souverän mit der Herausforderung umzugehen. Die Frau ist ein Opfer der Angst. Und so ergeht es leider sehr vielen Menschen. Sie haben tatsächlich Angst vor dem Virus, obwohl sie meist im besten Alter sind und zumeist selbst schon mindestens einmal eine Grippe überstanden haben. Doch damals war es nur eine normale Grippe. Heute, so wurde ihnen beigebracht, ist es Corona und da müsse man Angst vor haben. Und so haben sie Angst, fürchterliche Angst. Allein dieses Angsterzeugen stellt eigentlich eine vorsätzliche Körperverletzung dar. Unzählige Menschen leiden darunter.

Eine Frau schrieb uns: „Das Verhalten mancher Bürger kommt schon fast zwanghaft rüber. Das erschreckt mich und mir macht das mehr Angst als das Virus. Jeder schaut nur auf sich. Ob jemand einem anderen noch hilft, wenn er auf der Straße zusammenbricht, oder aus Angst, er könnte ein Virus haben, die erste Hilfe unterlässt? Solche Gedanken finde ich viel bedrohlicher.“41

Doch es geschieht noch mehr als stilles Leiden. Viele Menschen verlassen aus Angst ihre Wohnungen nicht mehr. Der Leiter des Instituts für Rechtsmedizin an der Charité in Berlin, Professor Dr. Michael Tsokos, sagte: „Wir haben natürlich jetzt auch … als Rechtsmediziner viel weniger Covid-19-Tote, sondern vielmehr die Kollateralschäden, die wir jetzt sehen. Allein letzte Woche haben wir mehrfach Menschen obduziert, die seit dem Lockdown nie wieder aus ihrer Wohnung raus sind, die da wirklich jetzt hochgradig fäulnisverändert in Messiewohnungen lagen. Mit Gasmasken und Astronautennahrung, … die auch keiner vermisst hat. Und das sehen wir ganz viel, dass Wohnungen aufgemacht werden und da werden eben hochgradig fäulnisveränderte Leichen von Menschen gefunden, die nicht ins Krankenhaus gegangen sind, weil in ihnen als Drohszenarien, die aufgemacht wurden, eben die Angst überwog, rauszugehen.“42 Das ist so traurig und unmenschlich, dass es einem das Herz zerreißt. Dabei gäbe es doch auch eine ganz andere Bewältigungsstrategie als die Flucht vor dem Virus.

2.2 Angriff

Gehen wir wieder zurück in die Steinzeit Ostafrikas. Unser Steinzeitvorfahre hat nämlich eine weitere Strategie parat, die eigentlich das genaue Gegenteil darstellt, den Angriff. Tritt Angst auf, untersucht unser Unterbewusstsein ja, wie gesagt, in Sekundenschnelle, ob wir der Gefahr gewachsen sind oder nicht. Kommt es zu dem Ergebnis, wir sind es nicht, flüchten wir. Kommt es zur Auffassung, dass wir die Gefahr beherrschen können, greifen wir an. Unser Steinzeitvorfahre ist wieder in der Serengeti und hört ein Rascheln hinter dem Felsen, das sich als Leopard entpuppt.

Diesmal ist er aber nicht allein, sondern fünf erwachsene Jäger aus seiner Familie sind bei ihm, alle mit Lanzen bewaffnet. Höchste Gefahr, aber zusammen schaffen wir das (Entschuldigung, solche Urmenschensprüche verwenden manche noch heute). Die Steinzeitmenschen richten alle ihre Lanzen in Richtung Leopard, ihr Adrenalinspiegel steigt, ihre Muskeln spannen sich an. Sie richten sich auf, machen sich groß und gehen mutig auf den Leoparden los, von drei Seiten gleichzeitig. Dabei schreien sie ihn so laut sie können an. „Du Mistvieh. Wir zeigen es dir!“ Ihre Pupillen erweitern sich. Der Erste wirft seine Lanze, die den Leoparden verfehlt. Der Leopard faucht und reißt sein Maul auf. Wieder fliegt ein Speer, der ihn am Hinterlauf trifft. Jetzt wird er vollends wütend, greift an. Wir sehen in sein zähnebesetztes Maul, sehen seine Reißzähne vor uns, er springt uns an. Intuitiv richten wir die Lanze auf seinen Hals. Alles geht so schnell, wir stoßen zu. Treffer. Der Leopard schreit auf, Blut spritzt. Dann bricht er tot vor uns zusammen. „Jaaah, Sieg. Geschafft. Die Bestie ist besiegt.“ Wir alle jubeln vor Freude, Stolz. Wir sind die größten. Schließlich ziehen wir dem Tier sein Fell ab und hängen es uns triumphierend um. Wir sind so stark wie ein Leopard. Wir sind sogar noch stärker. Wir sind unbesiegbar.

Hier haben wir nahezu die gleiche Situation wie beim Beispiel der Flucht. Eine einzelne Sache ist aber anders und entscheidend. Nämlich unsere innere Einschätzung. Dieses Mal sagt unser Unterbewusstsein in Sekundenschnelle, dass wir dem Tier gewachsen sind. Und diese Entscheidung allein erzeugt ein ganz anderes Verhalten. Die erste Angst verschwindet, die eben beschriebenen Angstreaktionen des Körpers treten gar nicht auf. Niemand zittert oder macht sich in die Hose. Nein, statt einer Fortsetzung der Angst tritt nun die Wut ein, die sich zur Rage steigern kann. Zumindest entsteht ein hohes Selbstbewusstsein, eine subjektiv gefühlte Stärke. Statt wegzulaufen, werden die Lanzen geworfen, wird die Bestie angegriffen. Durch lautes Schreien, Sich-groß-Machen und Aggressivität wird der Feind eingeschüchtert. So machten das auch alle Armeen bei ihren Angriffen. Ein lautes „Hurrahhh“ beim Vorwärtsstürmen gab es noch im Ersten Weltkrieg an allen Fronten. Dazu lautes Trommeln, am besten noch im Takt, um alle geschlossen als starke Masse erscheinen zu lassen. Keine Zeit für Angst, denn wir sind stärker und kämpfen mutig. Lautes Trommeln wurde in der Coronazeit auch bei den Demonstrationen eingesetzt, etwa beim verbotenen Kerzenumzug um die Leipziger Innenstadt am 7. November 2020. Etwa 20.000 Menschen zogen friedlich unter „Wir-sind-das-Volk“-Rufen und lautem Getrommel trotz polizeilichen Hinderungsversuchen ihren vorgesehenen Weg.43 Mutig, geschlossen und friedlich riefen sie „Frieden-Freiheit-Demokratie“ und trotzten so erfolgreich den Versuchen der Stadtverwaltung, die Demonstration aufzulösen.44 Die Menschen zogen so, sich gegenseitig Mut machend, in Wiederholung der Demonstrationen am Ende der DDR, geschlossen mit Kerzen und Friedensfahnen ohne Angst und im Bewusstsein, sich für eine freie und moralisch edle Gesellschaft einzusetzen, ihren Weg. Auch wenn es friedlich war, die Politiker sahen es selbstverständlich als Angriff an. In psychologischer Sicht verständlich. Die Grünen forderten Konsequenzen und den Rücktritt des Innenministers, der die Verantwortung gleich an das Oberverwaltungsgericht abgab, das alles genehmigt hatte.45 Die Linke sprach von Staatsversagen und der Polizeipräsident sah sich am nächsten Tag zu einer Stellungnahme genötigt.

Die Menschen hatten ein Zeichen gesetzt, hatten gezeigt, dass sie keine Angst haben, dass sie sich nicht ängstigen lassen. Es gibt also eine Möglichkeit, aus der Angstspirale herauszukommen, den Angriff, der sogar in friedlicher Form erfolgen kann. Bevor wir später näher darauf eingehen, wie man seine Ängste auf friedliche Weise überwinden kann, wollen wir aber zuerst die dritte Reaktionsweise auf Angst sowie die sozialen Ängste betrachten. Die dritte Form haben zu Coronazeiten die meisten Menschen gewählt, die Erstarrung.

2.3 Erstarrung

Es kann gefährliche Situationen geben, wo eine Flucht nicht möglich ist und wir auch nicht die Kraft eines Angriffs haben. Wir fühlen uns zu klein und es gibt keine Fluchtmöglichkeit. Was macht unser Steinzeitvorfahre dann? Beginnen wir mit einer kleinen Geschichte über unsere beiden Wellensittiche Peti und Anthea. Sie wohnen in ihrem Käfig, der auf der Fensterbank in der Küche steht. Meist können sie sich frei im Raum bewegen und sie fliegen gern hin und her oder sitzen auf ihrem Lieblingsplatz, oben auf der Gardinenstange. Das geht natürlich nicht, wenn wir kochen, denn die Herdplatten sind viel zu heiß und gefährlich. An einem Abend saßen sie daher in ihrem Käfig, während wir Fisch in der Pfanne zubereiteten. Dabei geriet etwas Fett auf die Herdplatte und es gab eine Stichflamme, nur ein bis zwei Sekunden lang. Am Fliesenspiegel blieb etwas Ruß zurück, ansonsten verlief alles glimpflich. Alles gut also.

Aber ganz anders reagierten Peti und Anthea. Sie saßen völlig erstarrt und total verängstigt in der hinteren Ecke ihres Käfigs und wirkten wie ausgestopft. Keine Regung, kein Pieps, nur ein starrer Blick in Richtung Herdplatte. Nicht mal eine Bewegung der Augenlider war erkennbar. Die beiden Wellensittiche hatten sich offenbar erschrocken, obwohl sie in ihrem ganzen Leben noch nie ein Feuer gesehen hatten. Auch konnten sie nie selber gelernt haben, dass Feuer gefährlich sein kann. Für ihre Vorfahren in Australien, was sicher mehr als zehn Generationen zurücklag, bedeutete Feuer in Form von Buschbränden im Outback allerdings eine große Gefahr, auf die durch die großen Wellensittichschwärme mit Fortfliegen, also Flucht, reagiert wird. Insoweit macht eine Angst vor Feuer Sinn. Aber dass diese Angst so tief in ihrem Erbgut gespeichert ist, das war uns neu. Aber woher kam nun ihre Erstarrung?

Das Feuer hatte tiefste Angst ausgelöst. Angriff dagegen war nicht möglich. Also Flucht. Doch diese ging am Gitter des Käfigs nicht weiter. Sie saßen fest. Auch die Flucht funktionierte also ab da nicht mehr. Als dritte Lösung auf Gefahr trat nun der Totstellreflex ein. Peti und Anthea saßen völlig erstarrt in der hintersten Ecke des Käfigs. Wir gingen zu ihnen und erklärten ihnen liebevoll, dass alles okay sei. Keine Reaktion. Wir pfiffen ihr Lieblingslied. Auch keine Reaktion. So ging es eine ganze Stunde lang. Auch das Vorspielen eines Videos mit Wellensittichen auf dem Handy, ihr Lieblingsprogramm, führte zu keiner Reaktion. Völlige Erstarrung. Wir redeten ihnen ermutigend zu, imitierten ihre Töne des Wohlbefindens. Nichts. Erstarrung. Nach etwa eineinhalb Stunden bewegte Peti leicht sein Bein und innerhalb der nächsten halben Stunde kamen leichte Bewegungen auf, um Kontakt miteinander aufzunehmen und sich eng aneinanderzuschmiegen und sich gegenseitig zu trösten und zu kuscheln.

Was bringt so eine Erstarrung? Bei Feuer eigentlich nichts. Beim Buschfeuer wären die beiden so verbrannt. Aber im Australischen Outback gibt es ja auch keine Gitter und die Flucht wäre erfolgreich gewesen. Die Erstarrung ist eigentlich nur der letzte Versuch, wenn die beiden anderen Strategien nicht zum Zuge kommen können.

Schauen wir wieder unseren Steinzeitmenschen an, der allein durch die Savanne zieht. Wieder kommt ein Leopard. Das Unterbewusstsein checkt wieder ab. Flucht? Nein, der Steinzeitmensch ist heute zu langsam. Angriff? Nein, er ist zu schwach und seine Lanze zerbrach eben beim Erbeuten eines Savannenhasen. Geht also auch nicht. Was nun? Dritte Strategie also. Der Steinzeitmensch schleicht langsam zu einem großen Felsen, lehnt sich in eine Nische und verhält sich ganz leise. Nur nicht auffallen. Vielleicht verliert der Leopard ja das Interesse. Bloß kein Geräusch machen. Auch keine Atemgeräusche. Bloß keine Bewegung, die die Raubkatze bemerken könnte. Ruhig bleiben. Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Wie soll man innerlich ruhig bleiben bei einer so direkten Gefahr. Aber es muss sein. Am besten, wir schalten alles ab, dann sind wir am ruhigsten. Und so schaltet unser Inneres tatsächlich ab. Wir erstarren, werden in eine Art Winterschlaf versetzt oder fallen ganz in Ohnmacht. Herzschlag und Atmung werden automatisch auf das absolut Nötigste heruntergefahren. Wir wirken wie tot. Und so werden wir tatsächlich am wenigsten bemerkt, zumindest eine kleine Chance besteht als letzte Lösung. Vielleicht zieht so der Leopard von dannen. Viele Tiere fressen nur frisches Fleisch. So entdeckt der Leopard uns vielleicht, hält uns aber für tot und zieht, angewidert von diesem Aas, Leine. Erst nach einer ganzen Zeit erwachen wir wieder. Aber vorsichtig. Die Gefahr könnte ja noch da sein. Vorsichtig öffnen wir die Augen. Nichts zu sehen. Dann erst leichte Bewegungen, vorsichtig weiter ausschauend. Der Leopard ist weg und so kehrt die Lebenskraft zurück. Noch schwach, ruhen wir uns wieder unter der Akazie aus, gar nicht genau wissend, was eigentlich genau geschehen ist.

Grundsätzlich bestehen die drei angeborenen Möglichkeiten, um auf eine Gefahr zu reagieren, der Angriff, die Flucht und das Erstarren. Diese drei Möglichkeiten treten nicht nur bei Vögeln, sondern auch bei allen Säugetieren auf. Sie sind also evolutionär schon sehr früh entstanden. Da es sie bis heute gibt, liegt es nahe, dass sie im evolutionären Sinn vorteilhaft sind. Hieraus können wir erklären, warum wir uns noch heute bei Angst so oder so verhalten.

Im Internet war im Herbst 2020 ein bewegendes Video zu sehen. Eine weit über 90 Jahre alte Frau, die im Krieg mehrere Personen vor den Nazischergen versteckt hatte, wurde gefragt, was die Angst mit den Menschen damals gemacht habe. Sie antwortete: „Da waren alle ganz still und haben sich zurückgezogen, wenn sie keine Kämpfernatur waren.“ Übersetzt heißt das also, wenn sie keinen Mut hatten und nicht geflüchtet waren, gingen sie in die Erstarrung. Und genauso verhalten sich die Menschen in der Coronazeit. Eine Flucht ist nicht möglich, da ja fast die ganze Welt betroffen ist, einen Angriff gegen die Regierungen trauen sie sich noch nicht zu. Die Folge ist der soziale Rückzug in die eigenen vier Wände. Dieses Verhalten wird noch dadurch unterstützt, als in den Lockdowns Gaststätten sowie Sport- und Freizeiteinrichtungen geschlossen sind. So verkriechen sich die Menschen und vermeiden auch private Kontakte über die Verbote der Coronaregelungen hinaus. So geschah es, dass eine Freundin zum 60. Geburtstag nur Absagen beschert bekam, obwohl private Geburtstagsfeiern zulässig waren. Die Menschen gehen nur noch raus, wenn sie zur Arbeit oder zu notwendigen Besorgungen raus müssen. Viele Geschäfte, in denen man früher stöberte, leiden darunter. Laufkundschaft gibt es nicht mehr und was die Leute brauchen, bestellten sie verstärkt über das Internet. Unser Postbote, immer noch gut gelaunt, schuftet heutzutage deutlich mehr als vor Corona, seine Paketanlieferungen haben sich 2020 verdoppelt. Wo früher in den Fußgängerzonen reges Leben war, schleichen jetzt ein paar vermummte Gestalten daher; wo früher die Touristen Leben brachten, sind nun die Hotels geschlossen, Kneipen und Restaurants dunkel und vor der Kleinkunstbühne und dem Kino prangen Hinweise: „Wegen Konkurs geschlossen.“ Selbst wo früher der allabendliche Stau stattfand, rauscht man während des Lockdowns ab 19 Uhr über verlassene Straßen. Und zu Hause werden dann schnell die öffentlich-rechtlichen Medien eingeschaltet, um sich die tägliche Angstauffrischung reinzuziehen. Ist das noch ein menschenwürdiges Leben?

Dieser Rückzug an allen Fronten geschieht als Reaktion auf Angst. Er ist ein alter Schutzmechanismus, der uns viele Jahrtausende das Überleben gesichert hat, als wir noch in der Natur lebten. In der modernen Gesellschaft dagegen hindert er uns am Leben. Ein Spruch unbekannter Herkunft tauchte 2020 im Internet auf: „Ich hätte nie gedacht, dass ich eine Zeit erleben würde, in der so viele Menschen so große Angst vor dem Sterben haben, dass sie bereitwillig aufhören zu leben.“

Angemerkt sei noch, dass manche Tiere die drei Möglichkeiten auch in Kombination nutzen. Erst ein Stück Weglaufen und dann irgendwo verstecken. Oder erst verstecken und nur im Notfall angreifen, wie manche Schlangen das machen. Eine Schlange ist für den Menschen eigentlich kaum gefährlich, da sie uns schon bemerkt, wenn wir noch weiter entfernt sind. Kommen wir ihrem Versteck aber zu nahe oder treten wir ahnungslos auf sie, dann beißt sie zu, geht also nach dem Erstarren in den Angriffsmodus. Anders macht es der Hase. Er versteckt sich im Gras und erst, wenn wir ihm zu nahe kommen, wechselt er auf den Fluchtmodus und rennt plötzlich los. Das erschreckt uns erst einmal und diese Schrecksekunde nutzt er, um schon mal Abstand zu bekommen. Zusätzlich hat dieser „Angsthase“ die Strategie, im Zickzack zu laufen, wodurch ein Verfolger noch mehr verwirrt wird. Eine prima Dreierkombination, um zu überleben.

Auch der Mensch kann zwischen den drei Strategien wechseln. Der Mutige, der seinen Job und seine Ersparnisse verloren hat, kapituliert vielleicht und zieht sich depressiv zurück. Wer sich zurückzieht, flüchtet vielleicht irgendwann nach Schweden oder überwindet seine Angst und wird zum tapferen Kämpfer gegen die Unterdrückung. Alle Kombinationen sind möglich.

Häufig wurde schon die Frage gestellt, welche Ängste genetisch oder epigenetisch angeboren sind. Bei unseren Vögelchen ist es sicher die Angst vor dem Feuer, bei uns Menschen ist das weniger klar, treten die einzelnen Elemente, vor denen wir Angst haben, doch bei jedem etwas anders auf. Ist Höhenangst vielleicht ein Relikt aus der Frühzeit, oder Angst vor Dunkelheit oder Geräuschen im Dunkeln? So ganz klar ist das nicht. Allerdings scheint manches Schutzverhalten evolutionär angelegt zu sein. Schauen wir uns einmal an, wie sich eine Gaststätte füllt, so sehen wir zumeist, dass erst die Tische an den Wänden besetzt werden, die in der Mitte zuletzt. Den Rücken sichern und Ausblick nach vorne haben, ist eine gute Methode, um in der Wildnis zu überleben. Intuitiv wenden wir sie immer noch an, kommen heute allerdings dann auch damit klar, wenn wir als zuletzt kommend nur noch einen Tisch in der Mitte finden. Angst scheint also eventuell auch teilweise genetisch oder epigenetisch in uns prädisponiert zu sein. Doch sie zu überwinden, können wir lernen. Aber wir können auch lernen, Ängste zu bekommen. Und das geht leider sehr leicht. Schauen wir uns zunächst an, wie Angst vor bestimmten Objekten oder Situationen durch Lernen entstehen kann.

33 NIETZSCHE 1881.

34 FROMM 1956.

35 Vgl. FREUD 1926, GOLDSTEIN 1971, KIERKEGAARD 1984, GONDECK 1990, LACAN 2010.

36 In neuester Zeit haben sich besonders der Neurobiologe Dr. Gerald Hüther und der Psychologe Prof. Dr. Rainer Mausfeld um wertvolle Beiträge zum Thema Angst verdient gemacht (HÜTHER 2018, 2020a, 2020b, MAUSFELD 2019a).

37 Zur Lebenswelt der Serengeti siehe u. a. GRZIMEK & GRZIMEK 1959.

38 A. A. 2019a, b, c, d.

39 Juliane S., Mitteilung vom 08.09.2020.

40 Mitteilung von Juliane S.

41 Mail von Madlin Handt vom 01.09.2020.

42 TSOKOS 2020.

43 Es gab tatsächlich auch Gewalt, allerdings nicht von Seiten der Demonstranten. Einige Antifa-Aktivisten versuchten zu randalieren. Am Hauptbahnhof konnte eine Gruppe beobachtet werden, die sehr schnell und effektiv von einer Polizeieinheit gestoppt wurde. Bei einem der eingesetzten Reisebusse wurden von Antifamitgliedern Scheiben eingeworfen.

44 In der Presse wurde am selben Abend noch berichtet, die Masse hätte „Sieg-Heil“ gerufen, was eine infame Lüge war.

45 A. A. 2020zzz.

3. Angst ohne den Leoparden

„Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen,

der wird am Ende beides verlieren.“

Benjamin Franklin,

amerikanischer Wissenschaftler und Staatsmann (1706–1790).

„Die Freiheit ist das einzige Gut, das sich nur abnutzt,

wenn man es nicht benutzt.“

Voltaire, französischer Philosoph (1694–1788).

Wird ein Kind geboren, hat es erst einmal vor vielen Dingen keine Angst. Trifft ein einjähriges kleines Mädchen etwa auf eine Maus, so findet es diese interessant und spielt mit ihr. Warum auch nicht. Ein kleines Mäuschen ist harmlos und süß und weich und kuschelig. So vergnügt man sich miteinander. Nach einer ganzen Weile kommt die Mama hinzu, sieht die Maus und schreit laut auf. „Iiihhh, eine Maus!“ Sie schnappt das Kind entsetzt und erregt und nimmt es rettend auf den Arm. Das Kind wundert sich, spürt aber die Emotionen der Mutter. Es war alles so schön, aber Mama ist so ängstlich. „Ist dir auch nichts geschehen, mein Kind?“ „Nee“, denkt das Kind und spürt, dass es wohl etwas nicht richtig gemacht hat. Mama hat schließlich immer recht. Wenn sie mich so beschützt, war etwas nicht in Ordnung. Und Mama hatte Angst. So werden fortan „Maus“ und „Angst“ miteinander im Kind verknüpft. Vielleicht erklärt die Mutter noch, dass Mäuse beißen können, oder stellt eine Falle auf oder eine ähnliche Situation wiederholt sich. Am Ende speichert das Kind ab: Maus = Gefahr. Und diese Konditionierung kann lebenslang erhalten bleiben. Eine Bekannte hat selbst mit 82 Jahren noch Angst vor Mäusen und diese Angst hatte sie selbstverständlich so oder ähnlich an ihre Tochter weitergegeben, die einmal panikartig aufschrie, als im Garten ein kleines Mäuschen über ihren Fuß gelaufen war. Für mich eine lustige Situation, für sie ein großer Schrecken. Gelernte Angst.

So wie vor Mäusen können wir lernen, vor allem Möglichen Angst zu bekommen, vor Spinnen, Ratten, Schlangen, Zahnärzten, Weihnachtsbäumen oder auch vor Müllcontainern oder Coronaviren. Ängste, die sich auf spezielle Objekte beziehen, nennen wir Phobien. Alle Dinge sind möglich, angstbesetzt zu werden. Aber nicht nur Dinge, auch für alle denkbaren Situationen kann Angst gelernt werden, sowohl von anderen Menschen als auch durch eigenes Erleben.

Wird ein kleiner Junge von einem Pferd getreten, kann er lebenslang eine Abneigung gegen diese Tiere haben, vielleicht als Erwachsener sogar, ohne noch zu wissen, dass er einmal getreten wurde. Ein Pferdebild im Augenwinkel kann zum Trigger werden und aus ihm unerklärlichen Gründen taucht Angst auf. Ein heftiges Anschreien eines Kindes von einer blonden Frau kann dazu führen, dass der Erwachsene später nur auf brünette oder schwarzhaarige Frauen steht. Wird die Mutter bei Gewitter ängstlich, weil sie das an den Bombenhagel im Weltkrieg erinnerte, übernehmen Kinder das möglichweise und meiden Gewitter selber und geben das vielleicht sogar an ihre Kinder weiter, sodass ein Angstverhalten über Generationen fortgesetzt werden kann. Sagt der kriegsbeeinflusste Vater ständig, dass es nur zu Hause sicher ist und in der Welt draußen ungeahnte Gefahren lauern, bekommen wir vielleicht eine Agoraphobie, also eine Angst, uns allein zu weit vom eigenen Heim zu entfernen. Wir können dann z. B. nicht allein in den Urlaub fahren.

Die Zahl der Ängste, die wir erlernen können, ist somit unbegrenzt. Und jeder Mensch hat andere Ängste in unterschiedlicher Stärke. Was dem einen Angst macht, macht dem anderen keine. So genießt die eine Frau die weiten Blicke vom Aussichtsturm, während ihrer Wanderbegleiterin so ein Turm die Angst hochschnellen lässt. Darauf klettern? Niemals. So wartet sie derweil lieber unten.

Wirklich ganz frei von Ängsten sind wohl nur die allerwenigsten. Wir allein erfahren unterschiedlichste Prägungen in der Kindheit, erlernen Muster, wie wir handeln sollten, übernehmen Bewertungen von Situationen von anderen, machen Erfahrungen und verinnerlichen Ängste der Eltern.

Diese jeweiligen Ängste hindern uns, uns frei ausleben zu können. Sie schränken uns ein, indem wir manche Dinge nicht tun, weil da diese Angst ist. Wir vermeiden solche Situationen. Der schwedische Drehbuchautor Ingmar Bergmann sagte einmal: „Es gibt keine Grenzen, weder für Gedanken, noch für Gefühle. Es ist die Angst, die immer Grenzen setzt.“

Was ist nun aber überhaupt Angst? Bisher haben wir noch keine Definition versucht. Und solche Definitionen sind in der Literatur auch sehr unterschiedlich. Es ist einfach ein Gefühl, sagen die einen, und die anderen definieren sie über die körperlichen Reaktionen heraus. Das ist beides nicht gerade die Spitze der Erkenntnis. Wir selbst wissen sofort, wenn wir Angst haben. Aber eine Definition fällt da schon schwer. Ist es einfach nur das Gefühl für Gefahrensituationen? Immerhin definiert der berühmte „Ofenstein“, das Lehrbuch der angehenden Psychotherapeuten: Angst ist ein zum Überleben wichtiger natürlicher Affekt der Wirbeltiere, der eintritt, wenn die körperliche, seelische oder moralische Unversehrtheit gefährdet ist.46 Aber die kleine Maus oder der Aussichtsturm sind ja keine wirklichen Gefahren für uns.

Wir gehen davon aus, dass Angst immer dann entsteht, wenn die betroffene Person subjektiv mit einem möglichen Verlust konfrontiert wird.47 Als vorläufige Definition können wir das erst mal für einen Augenblick so stehen lassen. Doch wessen können wir nun aber alles verlustig gehen?

Wir hatten schon gesehen, dass der eine vor Dingen Angst hat und die andere vor den gleichen Dingen nicht. Sogar auf den Leoparden reagierten die Steinzeitmenschen ja, wie wir gesehen haben, unterschiedlich. Angst ist also immer sehr persönlich, subjektiv. Es liegt an unserem eigenen Denken, ob wir in der kleinen Maus ein Kuscheltier oder eine fürchterliche Gefahr sehen. Somit entstehen Ängste durch unser Denken. Denken wir, dass wir alles beherrschen, kommt keine Angst auf. So geht der Dompteur frei und selbstbewusst in den Tigerkäfig und die Tiger führen ihre Zirkusdressur vor. Ginge dort jemand hinein, der sich den Tieren nicht gewachsen fühlt, bricht Angst aus. Und die würden die Tiger auch bemerken und losfauchen, wenn nicht Schlimmeres tun. Unser Denken ist das Entscheidende, ob wir Angst bekommen, zumindest, ob wir nach einem Schrecken in Angst bleiben oder wir uns wieder fangen und souverän reagieren.

In uns läuft jedes Mal eine Kette von Geschehnissen ab:

1. Wir geraten in eine bestimmte Situation.

Diese Situation muss nicht im Außen liegen. Es reicht, wenn wir uns etwas vorstellen, z. B. den Zahnarztbesuch nächste Woche. Dieser Gedanke reicht völlig aus, um Angst aufkommen zu lassen, denn unser Gehirn kann nicht unterscheiden, ob etwas gerade stattfindet oder wir nur gerade an eine Situation denken. Anders als die Tiere, können wir so vor Ereignissen der Vergangenheit oder der Zukunft Angst bekommen, Tiere leben dagegen immer im Hier und Jetzt.48 Die gedachten Situationen können wir immer schlimmer denken und so die Angst förmlich emporpushen. „Angst malt den Teufel an die Wand“, heißt es daher.

2. Wir bewerten die Situation danach, ob wir sie bewältigen können oder nicht. Und dies machen wir nicht unbedingt mit logischem Denken, sondern oft sehr subjektiv, emotional und intuitiv.

3. Das entsprechende Gefühl kommt auf. Angst (oder vielleicht Wut, Langeweile, Uninteressiertheit, Freude oder andere Empfindungen).

4. Wir reagieren auf Angst mit den drei Möglichkeiten der Flucht, des Angriffs oder der Erstarrung. Wenn wir es schon gelernt haben, können wir aber auch souverän bleiben und dann mit dem Großhirn entscheiden, wie es weitergeht.

5. Eine oder mehrere der drei Angstreaktionen können zu einem dauerhaften Verhalten werden.

Nun ist die Gefahr, heute einem Leoparden Aug in Aug gegenüberzustehen, recht unwahrscheinlich. Auch andere Raubtiere gibt es zumindest in Europa kaum noch. Und wenn, sind sie, vernunftmäßig gedacht, nicht gefährlich. Aber was ist schon vernünftig. Erscheint doch einmal ein Tier, dann springen die Ängste sofort wieder schreckhaft an. Als 2006 der Bär Bruno von Südtirol nach Bayern wanderte, kam es dort zu einer Panik und man ließ Bärenfänger aus Finnland kommen, weil Bruno ein paar Schafe und Hühner gegessen hatte. Bruno hatten keinem Menschen etwas getan, wieso auch, das hatte er ja bisher in Südtirol und Tirol auch nicht. Ministerpräsident Stoiber malte jedoch den Teufel an die Wand: „Stellen Sie sich mal vor, die Leute wären raus und wären jetzt dem Bären praktisch begegnet!“, sagte er, als Bruno ein Huhn auf einem Bauernhof verspeist hatte.49 Umweltminister Schnappauf machte Bruno ebenfalls zur Gefahr und so wurde das arme Tier schließlich an der Kümpflalm erschossen und steht heute ausgestopft in Schloss Nymphenburg. Er war ein Opfer der menschlichen Angst geworden.

Ein ähnliches Theater gibt es immer wieder bei der Einwanderung von Wölfen in die einzelnen deutschen Bundesländer. Seit Jahren sind sie in Sachsen heimisch, fügen sich in die ökologischen Kreisläufe ein und es gibt keine Probleme. Aber in jedem Bundesland, in das sie sich ausbreiten, springt die Angst an. 2008 zog ein einsames Tier durch das Münsterland und eine Bekannte traute sich nicht mehr aus dem Haus. Selbst ansonsten sich mutig gebende gestandene Männer forderten den Abschuss, der zum Glück nicht erfolgte, weil der Wolf zurück nach Niedersachsen marschierte. Heutzutage gibt es in den Kreisen Wolfsbeauftragte und es bedarf großer Informationsbemühungen, um die Harmlosigkeit dieser Tiere deutlich zu machen. Doch die Angst bleibt in vielen Menschen. Schließlich hat man als Kind diese Angst doch im Märchen von Rotkäppchen und dem bösen Wolf gelernt.50

Auch andere Naturgefahren bestehen heute kaum noch. Hohe Felsen sind meist durch Schilder, Schutzzäune und Sicherungsmaßnahmen ungefährlich geworden und bei Dunkelheit können wir einfach auf den Lichtschalter drücken. Da bräuchte es ja eigentlich die Angst gar nicht mehr, wäre sie lediglich eine Emotion für akute Lebensgefahr. Es muss also mehr dahinterstecken.

Der Psychologe Abraham Harold Maslow stellte 1943, gestützt auf die Erkenntnis, dass Bedürfnisse insgesamt die Grundlage der menschlichen Motivation darstellen, seine Theory of human motivation auf.51 Berühmt geworden ist er dabei besonders mit seiner Bedürfnispyramide, einem Stufenmodell der menschlichen Motivation. Er geht davon aus, dass es fünf Stufen unterschiedlicher menschlicher Bedürfnisse gibt. Auf der untersten Stufe die physiologischen Grundbedürfnisse (Nahrung, Wasser, Wärme etc.), auf der zweiten die Sicherheitsbedürfnisse (Schutz, Stabilität etc.), auf der dritten dann die sozialen Bedürfnisse, wie Zugehörigkeit, Liebe, soziale Anerkennung etc. Stufe vier umfasst die Individualbedürfnisse (Freiheit, Unabhängigkeit, Erfolg, Selbstbewusstsein, Respekt, Prestige, ästhetische und Wissensbedürfnisse etc.) und schließlich findet sich auf der obersten Stufe die Selbstverwirklichung.

Maslow ging davon aus, dass eine Stufe nur erreicht werden kann, wenn sämtliche Bedürfnisse der jeweils darunter liegenden Stufe befriedigt sind. Dies ist bis zu einem gewissen Grad einleuchtend. Stellen wir uns einen armen Slumbewohner in Kalkutta vor, der jeden Tag darum kämpfen muss, überhaupt etwas zu essen zu haben. Er wird allein damit beschäftigt sein, seine Grundbedürfnisse irgendwie zu decken, um zu überleben. Der Gedanke, sich selbstverwirklichen zu wollen, ist so weit von ihm entfernt, dass er ihn wohl überhaupt nicht kennt. Traurig, dass Menschen auf unserem reichen Planeten noch heute auf dieser Stufe feststecken müssen.


Bedürfnispyramide nach Maslow

Natürlich kann man Maslows Stufen der Bedürfnispyramide kritisieren. Sind es tatsächlich nur fünf oder mehr Stufen? Welches Bedürfnis gehört wo hin? Wir brauchen uns damit nicht im Einzelnen zu beschäftigen.52 Es reicht die Kernaussage, dass unsere Bedürfnisse hierarchisch aufeinander aufbauen und wir bemüht sind, diese Stufen so weit wie möglich nach oben zu erklimmen. Da mag es auch Unterschiede zwischen einzelnen Menschen geben. Der einen ist der Schutz besonders wichtig, dem anderen die Freiheit. Wir kommen darauf zurück, wenn wir uns mit den Grundformen der sozialen Ängste beschäftigen. Grundsätzlich wollen wir alle nach oben. „Ein Mann will nach oben“ war eine erfolgreiche Fernsehserie mit Mathieu Carrière und Ursela Monn aus dem Jahr 1978, die dies anschaulich werden lässt.53

Solange wir der Auffassung sind, dass es bergauf geht, geht es uns gut. Wir sind zuversichtlich, wir sind aktiv, motiviert, wir setzen uns ein, arbeiten, schaffen und werken aus freien Stücken. Intrinsische Motivation, also Motivation von innen heraus, nennt das die Fachwelt. Dabei geht es gar nicht darum, auf welcher Stufe wir als Ausgangspunkt stehen, solange es bergan geht. Deutschland und Österreich in den 50er und 60er-Jahren war so eine Gesellschaft des Aufstiegs. Nach den Schrecken des Krieges und dem völligen ökonomischen und materiellen Zusammenbruch durch Krieg, Tod, Bombardierung und Vertreibung, wollten die Menschen wieder nach oben. Überlebende räumten den Schutt weg, Arbeiter bauten ihre Fabriken wieder auf, Politiker schufen zwei neue deutsche Staaten und jeder fasste an und strebte aufwärts. So entstand in Westdeutschland das „Deutsche Wirtschaftswunder“ und Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard schrieb sein berühmtes Buch „Wohlstand für Alle“, seine Idee einer Sozialen Marktwirtschaft.54 Ich erinnere mich noch, welcher Jubel es war, als in der Familie der erste Farbfernseher gekauft wurde, die Kohleöfen durch eine Heizung ersetzt wurden, eines Tages ein Telefon im Haus war und wir zum ersten Mal mit einem Flugzeug nach Italien in den Urlaub flogen. Alles ging aufwärts, nach vorne. Angst gab es eigentlich nur vor den Russen und ihren Atomraketen, aber die hatten ja auch Angst vor uns. In Anlehnung an einen Adeligen zur Zeit der Französischen Revolution konnte man sagen: „Wer die Welt vor 89 nicht gekannt hat, weiß nicht, was Leben ist.“ Dann kam Gorbatschow und die Grenzen öffneten sich. Nun kam der Aufschwung auch in Mitteldeutschland. Endlich wieder vereint. Und auch dort nun das Gefühl: Es geht aufwärts. Alles war gut. Insgesamt war es eine angstfreie und zukunftsmutige Zeit. So sollte es jetzt gemeinsam weitergehen. Prima.

Hat man alles, entsteht natürlich auch die Möglichkeit, dass man das Errungene wieder verliert. Bleibt unser Wohlstand? Gibt es vielleicht Gefahren? Kann es immer weiter aufwärts gehen? Der Planet ist doch endlich, wie der Club of Rome schon 1972 festgestellt hatte.55 Ist das Wirtschaftswachstum irgendwann endlich? Zweifel kamen auf. Das kann doch nicht immer so weitergehen. Und die Umweltauswirkungen sahen wir auch. „Rettet den Wald“ von Horst Stern56, „Rettet das Meer“57, „Rettet …“ wurden bekannte Buchtitel. In den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts kippte der Optimismus zunehmend in sein Gegenteil. Angst kam auf, Angst, auf der Bedürfnispyramide wieder hinabzusteigen. Und Angst lähmt, sagt der Volksmund zu Recht. Der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama hatte 1992 noch vom Ende der Geschichte geschrieben, womit er meinte, nach der Auflösung des OstWest-Konfliktes käme nun eine Zeit des Friedens und des Wohlstandes.58 Kaum jemand merkte es, aber langsam und stetig änderte sich alles, die Geschichte ging doch weiter.

Wenn nun im Denken die Auffassung, dass es bergauf geht, immer schwächer wird und auch ein Bewahren des Errungenen nicht mehr sicher erscheint, wird es kritisch. Wir können etwas verlieren, was wir schon erworben hatten, wir können auf den Stufen unserer Bedürfnisbefriedigung wieder herunterfallen. Allein der Gedanke daran macht uns Angst. Und genau diese Gedanken beschäftigen viele Menschen in den letzten Jahren. Der erste große Schock kam mit der Agenda 2010, einem Konzept zur Neuorganisation des Arbeits- und Sozialsystems in Deutschland durch Bundeskanzler Gerhard Schröder und die SPD in den Jahren 2003–2005, auf das Beschäftigte und Arbeitslose mit höchsten Verlustängsten reagierten und das die SPD ihre Stellung als Volkspartei kostete, mit Stimmenverlusten, von denen sie sich bis heute nicht erholen konnte.59 Weiter ging es mit den Problemen in der Wirtschaft, am Arbeitsmarkt und in der Finanzwelt. Immer mehr Menschen empfanden, dass die besten Zeiten vorbei waren und es eher wohl weiter abwärts gehen würde. Entsprechend stieg die Angst vor eigenem Abstieg.

Haben wir eben vorerst die Angst definiert als subjektives Empfinden möglichen Verlustes, so können wir dies nun präzisieren: Angst ist das subjektive Gefühl der Möglichkeit eines Verlustes von erreichten Positionen auf der Skala der Bedürfnisbefriedigung. Schauen wir uns einmal an, was das in der Coronazeit bedeutet:

1. Grundbedürfnisse

Den Regierungen kann nur daran liegen, die Grundbedürfnisse zu gewährleisten. Essen, Trinken, Wohnen, Wärme etc. stehen den Bürgern in vollem Umfang zur Verfügung und werden auch Bedürftigen durch Sozialleistungen gewährleistet. Und da tuen sie auch gut dran. Denn die Geschichte zeigt, dass die Nichtgewährleistung von Grundbedürfnissen die Menschen in die Rebellion treibt. Sind die Grundbedürfnisse nicht mehr voll gedeckt, haben die Menschen nichts weiter zu verlieren. Also kann und muss man den Aufstand wagen.60 So gingen der Französischen Revolution von 1789 und der Revolution 1848 Hungerkrisen voraus, ausgelöst damals durch Ernteeinbußen aufgrund vulkanischer Eruptionen mit Fallout größerem Umfangs und Minimierung der solaren Einstrahlung.61

Angst, dass die Befriedigung der Grundbedürfnisse einmal nicht mehr so sicher sein könnte, besteht trotzdem. Vor dem ersten Lockdown, und abgeschwächt auch beim zweiten, kam es zu einem panikartigen Kauf von lange haltbaren Überlebensmitteln wie Nudeln, Reis, Mehl, Hefe und Konserven. Die Regale in manchen Supermärkten waren über viele Tage völlig leer. Ebenso geschah es skurriler Weise mit Toilettenpapier, das lange nicht erhältlich war und danach dann erst nur zu exorbitanten Preisen. Es ging der Witz um: „Die Italiener decken sich mit Rotwein ein, die Franzosen mit Kondomen und die Deutschen mit Toilettenpapier.“ Jeder halt mit dem, was man in der Not braucht. Die Lage hatte sich bald wieder entspannt, gab jedoch einen Vorgeschmack, was bei einem Zusammenbruch der Wirtschaft oder längeren Lockdowns geschehen kann, und dass eine Angst vor einer Nichtbefriedigung der Grundbedürfnisse latent vorhanden ist.

Gleichwohl sind derzeit unsere Grundbedürfnisse, rein sachlich betrachtet, völlig gedeckt. Doch nein! Was ist denn mit der Gesundheit und dem Leben? Maslow führt beide in seiner Bedürfnispyramide nicht auf, als wenn es da kein Bedürfnis gäbe. Man kann sich tatsächlich streiten, ob Leben und Gesundheit eine Stufe in der Bedürfnispyramide darstellen oder ob sie der Sinn sind, wofür es die Bedürfnisse überhaupt gibt. Aber das ist eine rein philosophische Betrachtung ohne wirkliche Notwendigkeit. Fakt ist jedoch, dass Leben und Gesundheit unsere allertiefsten Sehnsüchte darstellen. Die Angst vor dem Tod ist die größte und basalste Angst, die der Mensch haben kann. Und wenn eine Krankheit zum Tode führen kann, ist sie angstbesetzt. Unter den reinen Grundbedürfnissen steht somit eine Sehnsucht nach einem gesunden Leben ohne Todesgefahr.

Genau diese basale Ur-Angst wird in Coronazeiten geschürt. Kein Wunder, dass die Menschen fluchtartig vor anderen weglaufen und sich in ihren vier Wänden erstarrt zurückziehen. Wie man die Angst vor dem Tod überwinden kann, schauen wir uns in Kapitel 10 an.

2. Sicherheitsbedürfnisse

Stabilität ist in der Coronazeit nicht mehr vorhanden. Jeden Tag gibt es neue Schreckensmeldungen, neue Gefahren, neue Regelungen, die beachtet werden sollen. Wie es weitergeht, ist unklar. Vieles, was seit Langem Bestand hat, kann nun wanken und stürzen. Ja, Instabilität ist derzeit das Kernmoment des weltweiten Politik- und Gesellschaftssystems. Dies ist ein typisches Phänomen, wenn ein solches System kollabiert und ein neues System im Entstehen ist. Man nennt dies einen Phasenübergang zwischen zwei stabilen Zuständen. Und solche Phasenübergänge sind immer chaotisch und unberechenbar. In ihnen geschieht nichts mehr nach Vernunft und vieles erfolgt plötzlich, unerwartet und unvorhersehbar. Instabilität vernichtet so das Alte und schafft etwas Neues. Und da stecken wir mittendrin. Näheres zum Systemwechsel werden wir uns in Kapitel 11 ansehen.

Sicherheit geht an allen Fronten verloren. Wird der Job morgen noch bestehen oder folgt Arbeitslosigkeit? Sterbe ich an Corona? Muss ich bald in Konkurs gehen? Kann ich mich im Supermarkt anstecken? Was wird, wenn ich mich infiziere? Bricht das Weltfinanzsystem zusammen? Sterbe ich an der Impfung? Kann ich mein Haus weiter abbezahlen? Und was ist mit meinem Ersparten und meiner Rente, mit Bekannten und Verwandten? Werde ich eingesperrt, wenn ich dagegen demonstriere? Sicherheit geht während eines Phasenübergangs stark verloren. Am sichersten ist es noch, sich zu Hause mit der Familie einzuigeln. Aber gibt es da nicht schon Gerüchte, dass die Unverletzlichkeit der Wohnung eingeschränkt werden soll?

Insgesamt ist das Grundbedürfnis auf Sicherheit erheblich tangiert. So wenig Sicherheit hatten wir seit 1945 nicht mehr. Das macht erhebliche Angst.

3. Soziale Bedürfnisse

Die sozialen Bedürfnisse sind in der Coronazeit ganz erheblich eingeschränkt worden. Öffentliche Veranstaltungen wurden verboten, ebenso wie Kinos, Gaststätten, Fitnessstudios, Stadtfeste, Weihnachtsmärkte und alles, wo sich sonst die Menschen treffen, um eine schöne Zeit miteinander zu verbringen.

Aber nicht nur das. Alte Menschen werden in Altenheimen und Krankenhäusern völlig isoliert, sodass sie leiden und am Alleinsein verzweifeln. Ein Herr schrieb dazu: „Besuch im Altenheim. Zwanzig Minuten auf Distanz unter Aufsicht, unter ständigen Belehrungen. Abstand halten (das schon panisch wiederholte Mantra des Personals), Zettel ausfüllen. Fragen nach meinem Gesundheitszustand, Fragen, ob Auslandsreisen stattfanden. Ob man müde, erkältet, fiebrig ist u. s. w., man bekommt einen Platz zugewiesen und dann wird der Angehörige hereingeführt. Als ich aufstand, wurde ich angeranzt: ‚Bleiben Sie doch sitzen!‘ Meine Angehörige, die immer fit war, die klar im Kopf war, erkannte ich kaum wieder. Es schnürte mir komplett die Kehle zu. Die Dame ist blass, hat massig abgenommen und ist komplett durcheinander. Der Besuch war wie eine Vorstellung im Knast. Nach zwanzig Minuten musste ich wieder gehen, meine Angehörige wurde widerstandslos ‚abgeführt‘. Es ist unmenschlich, was man mit den Alten macht. Der ‚Schutz‘ ist mehr Drangsal, Entmündigung und Angstmache, Isolation. Das muss aufhören.“62

Ebenso traurig ist es, wenn Väter bei der Geburt ihrer Kinder nicht anwesend sein dürfen oder Kinder nur noch mit einem Freund spielen sollen, wie es die deutsche Bundeskanzlerin forderte. Merkels Idee stieß allgemein auf große Entrüstung.63 Kinderärzte und Kinderschutzbund haben dies als „überflüssig und schädlich“ zurückgewiesen. Hein Hilgers, Präsident des Kinderschutzbundes, sagte: „Da werden Kinder gezwungen, sich zwischen Freunden zu entscheiden. Es wird tränenreiche Zurückweisungen geben. Das ist unbarmherzig.“64

Selbst private Treffen werden erheblich eingeschränkt, sodass maximale Personenzahlen meist aus nur zwei Haushalten vorgeschrieben werden. Mit all diesen Maßnahmen werden die Menschen vereinzelt. Ihr Bedürfnis nach sozialer Nähe und sozialem Austausch wird völlig missachtet und hintertrieben. Vereinzelt man Menschen, lassen sie sich besser lenken und vernetzen sich nicht so leicht zur Rebellion.

4. Individualbedürfnisse

Die Individualbedürfnisse nach Freiheit und Unabhängigkeit sind ebenfalls ganz erheblich eingeschränkt. Reisen ist in vielen Fällen nicht mehr möglich, das Verlassen des Landes und eine Rückkehr werden erheblich erschwert. Ausgangssperren werden angeordnet und Demonstrationen verboten. Den Menschen wird seitens der Regierungen kein Respekt mehr gewährt, ihre Würde genommen und sie wie Gefangene behandelt. Bürger adé, nun sind es Untertanen, die zu gehorchen haben, und es meist auch tun. Ein CDU-Politiker forderte, bei Veranstaltungen nur noch geimpfte Leute einzulassen, sobald ausreichend Menschen geimpft sind.65 In manchen Kreisen gilt bei erhöhten Inzidenzwerten neben nächtlicher Ausgangssperre eine Aufenthaltspflicht in einen 15-Kilometerradius um den Haushalt. Die Freiheit wird somit immer weiter eingeschränkt.

5. Selbstverwirklichung

Da die Menschen mit den vier unteren Stufen der Bedürfnispyramide beschäftigt sind, ist ein tiefes Erleben des Bedürfnisses nach Selbstverwirklichung derzeit kaum möglich.

Insgesamt werden die Bedürfnisse nicht mehr befriedigt. Die ehemals freien Bürger dürfen lediglich noch arbeiten und ihre überlebensnotwendigen Grundbedürfnisse decken. Auf allen Stufen haben sie deutliche Verluste. Das allein führt zu Angst. Und man kann auf diesen Stufen noch mehr verlieren, was noch mehr Angst erzeugt. So werden die Menschen in ihr Erstarrungsverhalten gebracht und weitgehend dort gehalten. So sind sie ruhig und lehnen sich nicht auf. Grundbedürfnisse decken, alle anderen wegnehmen, ist eine Strategie, die immer wieder in der Geschichte funktioniert hat. Das ist weniger als im Alten Rom, wo es neben dem Brot wenigstens noch die Spiele gab.

Insgesamt zeigt sich so die traurige Logik, warum im Moment so viele Menschen in Angst und Erstarrung versinken. Das alles geschieht nicht aus Gründen der Vernunft, sondern allein durch die Angst. Ein Herr schrieb uns drei Erlebnisse:

„Heute habe ich jemanden gefragt, warum er eine Maske aufsetzt und damit ins Gasthaus geht. Er wusste keine Antwort, aber nach langer Überlegung sagte er, weil es so verlangt werde. Tragisch, dass gerade junge Leute keine Eigenverantwortung kennen und nicht in der Lage sind, für sich selber zu denken. So kann man sich leicht vorstellen, was passiert, wenn morgen jemand sagt, Sie müssen ab sofort auf allen vieren und Maske zur Arbeit gehen. Wäre es nicht an der Zeit, dass Erwachsene und Erfahrene solche Menschen aufklären und ihnen ein wenig helfen?“66

„War beim Einkaufen ohne Maske. Fährt mich der Verkäufer an: ‚Junger Mann, haben Sie eine Maske?‘ ‚Haben Sie eine, die schützt?‘, frage ich zurück. ‚Spielt keine Rolle, es ist Pflicht.‘ Was willst du da doch sagen?“67

„Unfassbare Situation! Meine Arbeitskollegen wurden angewiesen, eine Mund-Nasen-Bedeckung und Handschuhe anzuziehen, um ein KFZ in die Werkstatt zu fahren, weil sich die Besitzerin in Quarantäne befindet. Die Vorgehensweise wurde aus reiner Vorsicht aufgrund des Infektionsgeschehens begründet. Habe heute unseren Chef daraufhin konfrontiert und gefragt: 1. Was hat das Fahrzeug mit der in Quarantäne befindlichen Person zu tun? 2. Warum befindet sich die Person in Quarantäne? 3. Bitte um Erklärung und Bedeutung des PCR-Testes. Antwort: ‚Keine Ahnung!‘ So viel dazu.“68

Wir haben definiert: „Angst ist das subjektive Gefühl der Möglichkeit eines Verlustes von erreichten Positionen auf der Skala der Bedürfnisbefriedigung.“ Diese Verluste sind derzeit auf fast allen Stufen der Bedürfnisse zu verzeichnen oder zu erwarten. Da ist es doch kein Wunder, dass die Menschen von Angst ergriffen werden.

Doch wir haben jedoch längst noch nicht sämtliche Aspekte der Angst betrachtet. Zunächst tritt noch ein weiterer wichtiger Aspekt hinzu, nämlich die sozialen Ängste. Und die haben einige Besonderheiten.

46 Vgl. OFENSTEIN 2014: 21.

47 MÜLLER 2020.

48 Bei einigen Tierarten, wie Delphinen, Elefanten, Menschenaffen etc. könnte es möglich sein, dass sie Vergangenheit und Zukunft erkennen.

49 A. A. 2020zzzq.

50 GRIMM & GRIMM 1812.

51 MASLOW 1943, 1954.

52 Siehe dazu TAORMINA & GAO 2013; WAHBA & BRIDWELL 1976.

53 BALLMANN 1978.

54 ERHARD 1957.

55 MEADOWS et al. 1972.

56 STERN 1979.

57 MAYER 1990.

58 FUKUYAMA 1992b.

59 HEGELICH et al. 2011; KINDLER et al. 2004; HÜTHER & SCHARNAGEL 2005.

60 Das erfolgt dann nicht, wenn die Grundbedürfnisse so dermaßen schlecht gedeckt sind, dass man nur noch damit beschäftigt ist, nach Essen zu suchen, wie es beispielweise in manchen Entwicklungsländern der Fall ist.

61 BOER & SANDERS 2004.

62 Mitgeteilt von Josef Rieger.

63 MÜLLER 2020.

64 A. A. 2020zzzn.

65 A. A. 2020zzzp.

66 Mitteilung von Josef Rieger, Heilbronn.

67 Mitteilung von Josef Rieger, Heilbronn.

68 Mitteilung von Josef Rieger, Heilbronn.

4. Die vier Grundformen der sozialen Ängste

„Faulheit und Feigheit sind die Ursachen,

warum ein so großer Teil der Menschen,

nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen,

dennoch gern zeitlebens unmündig bleiben und warum es anderen so leicht wird,

sich zu deren Vormündern aufzuwerfen.

Es ist so bequem, unmündig zu sein.“

Immanuel Kant, deutscher Philosoph (1724–1804).

„Es gibt Augenblicke, in denen in unserem Leben Widrigkeiten auftauchen,

die wir nicht verhindern können. Doch alles hat seinen Grund.

Erst nachträglich begreifen wir, warum es sie gegeben hat.“

Paulo Coelho, brasilianischer Schriftsteller und Philosoph (*1947).

Unser Unterbewusstsein bewertet Menschen in weniger als einer Sekunde als angenehm oder unangenehm. Erst wenn wir länger in Kontakt stehen, folgt eine differenziertere Sicht. Allerdings nicht immer. Denn viele Menschen laufen stets mit einer Art Mundschutz herum, schon lange vor Corona. Sie bauen eine Maske um sich auf, sagen nicht, was sie denken, und verhalten sich so, dass ihr wahres Innere möglichst nicht nach außen gelangt. Für sie ist die Maske gar nicht so eine Belastung. Sie sind es gewohnt, ihr Ich nicht zu zeigen. Da ist eine Stoffmaske nur eine andere Form ihrer psychischen Maske, die sie sowieso fast nie ablegen. Unter ihnen können sie sich nun besonders gut verstecken. Das Ich dieser Menschen ist noch nicht zur Entfaltung gekommen, sie sind weder in der Liebe zu sich noch zu anderen angelangt.

So eine psychologische Maske kostet allerdings fortwährend Energie, Energie, die in Krisenzeiten nicht mehr zur Verfügung steht. Unter unseren Freunden, Bekannten und Nachbarn verhalten sich in Coronazeiten daher manche plötzlich anders, als wir es erwartet hätten. Manche zeigen ungeahnte Stärke, doch viele reagieren mit Angstsymptomen, alle wirken echter. Nun zeigt sich, wer sie wirklich sind. Selbstbewusste Menschen mit eigener Ich-Stärke oder in Ängsten verfangene Individuen, die den nächsten Schritt ihrer geistigen Entwicklung noch nicht schaffen. Altbundeskanzler Helmut Schmidt sagte schon: „In der Krise beweist sich der Charakter.“ Recht hatte er.

Charakter ist eine sehr stabile Eigenschaft des Menschen. Erforscht wird er in der Persönlichkeitspsychologie. Schon der griechische Arzt Hippokrates sprach im 4. Jahrhundert v. Chr. von den vier Persönlichkeitstypen, dem aufbrausenden Choleriker, dem langsamen Phlegmatiker, dem besorgt pessimistischen Melancholiker und dem eher sorglosen Sanguiniker. Diese Typen leben heute noch fort, etwa in den Persönlichkeitsdimensionen des deutsch-britischen Psychologen Hans Jürgen Eysenck.69 In der Psychologie gibt es mittlerweile eine ganze Reihe von Ansätzen, Persönlichkeiten gliedern und ermitteln zu können. C. G. Jung sah acht Persönlichkeitstypen, die er jeweils noch nach extra- und introvertiert aufteilte, das Modell von Myers-Briggs nimmt vier Persönlichkeitsdimensionen an, die miteinander kombiniert werden können, und das Big-Five-Modell unterscheidet nach den Aspekten Neurotizismus, Extravertiertheit, Offenheit, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit.70

Der Psychoanalytiker Fritz Riemann veröffentlichte 1961 sein bahnbrechendes Werk „Grundformen der Angst“.71 Vier Formen sind danach so dominant, dass sie vier typische Persönlichkeiten hervorbringen. Riemann schrieb: „So vielfältig … das Phänomen Angst bei verschiedenen Menschen ist, … geht es bei genauerem Hinsehen doch immer wieder um Varianten ganz bestimmter Ängste, die ich deshalb als ‚Grundformen der Angst‘ bezeichnen und beschreiben möchte. Alle überhaupt möglichen Ängste haben mit diesen Grundformen der Angst zu tun.“72 Tatsächlich geht es bei diesen vier Formen eher um die sozialen Ängste.

Schauen wir uns diese vier Riemannschen Grundformen im Folgenden einmal an; es sind die Zwanghafte Persönlichkeit, die Histrionische, die Depressive und die Schizoide Persönlichkeit, wobei jeweils zwei in einem gewissen Gegensatz zueinander stehen.


Die vier Persönlichkeiten nach Riemann

4.1 Die Zwanghafte Persönlichkeit

„Gehorsam heißt die Tugend, um die der Niedre sich bewerben darf.“

Friedrich von Schiller (1759–1805).73

„Der Mangel an Urteilskraft ist eigentlich das, was man Dummheit nennt,

und einem solchen Gebrechen ist gar nicht abzuhelfen.“

Immanuel Kant.

Die Zwanghafte Persönlichkeit ist für Deutschland geradezu typisch. Dieser biedere Ordnungsmensch möchte Stabilität und Verlässlichkeit, Regeln und Normen, Gesetz und Befehl. Anordnungen gehorcht er peinlichst genau. „Er versucht, das Leben in Schemata und Regeln zu zwingen“74, liebt pedantische Ordentlichkeit, ist pünktlich und versteht, nirgends anzuecken.

„Der zwanghafte Mensch kann es schwer annehmen, dass es im Bereich des Lebendigen keine Absolutheit, keine unveränderlichen Prinzipien gibt, dass Lebendiges nicht völlig vorausberechenbar festgelegt werden kann. Er glaubt, alles in ein System einfangen zu können, um es lückenlos übersehen und beherrschen zu können.“75 So hat er Angst vor Wandlung, vor Unvorhergesehenem und Veränderung. Er hat die Neigung, „alles beim Alten zu belassen“76, und will „immer das Gleiche, schon Bekannte und Vertraute“.77 „Diese Menschen haben immer die Angst, dass alles sofort unsicher, ja chaotisch würde, wenn sie auch nur ein wenig lockerer ließen, dem Andersartigen sich öffneten und nur etwas nachgäben oder sich einmal spontan überließen, ohne die immerwährende Selbst- und Fremdkontrolle.“78 Sie haben Angst vor der Selbstverantwortung, dem Wagnis, der Spontanität. So weichen sie neuen Erfahrungen aus, sind wenig geöffnet und zeigen ein starres Festhalten an Überkommenen, u. a. auf Gebieten beruflicher, „familiärer, gesellschaftlicher, moralischer, politischer, wissenschaftlicher und religiöser Art“.79

„Das Grundproblem zwanghafter Menschen können wir also in ihrem überwertigen Sicherheitsbedürfnis erkennen. Vorsicht, Voraussicht, zielbewusste Planung auf lange Sicht, überhaupt die Einstellung auf Dauer, hängen damit zusammen. Von der Seite der Angst her gesehen, können wir ihr Problem beschreiben als Angst vor dem Risiko, vor Wandlung und Vergänglichkeit.“80 „Je mehr wir also das Alte festzuhalten versuchen, umso mehr müssen wir die Angst vor der Vergänglichkeit empfinden.“81 Dies ist der Mensch, der in der Krise schnell seinen Vorrat an Nudeln, Mehl und Toilettenpapier auffüllt, damit alles so weitergeht wie bisher.


Leergekaufte Bestände an Toilettenpapier im März 2020

Eine Frau schrieb: „Mein Spruch beim Bäcker, nachdem die Verkäuferin mindestens fünfmal gesagt hat, dass sie ja nur Vorschriften befolgen würde, war: ‚Wie bei den Nazis, da haben auch immer alle nur Vorschriften befolgt.‘ Die Tusse meinte dann zur Polizei, ich hätte sie als Nazi bezeichnet. Habe das richtig gestellt und der Polizei gesagt, dass ich das sogar jederzeit wiederholen würde und dass das für sie im Übrigen gleichermaßen gelte. Sie schauten peinlich weg und gingen dann.“82

„Der zwangshafte Mensch hat Schwierigkeiten mit seinen Aggressionen und Affekten. Er hat es früh lernen müssen, sich zu kontrollieren und zu beherrschen; spontane Reaktionen sind … angstbesetzt.“83 Die Affekte der Zwanghaften Persönlichkeit sind daher abgedrosselt.84 „Bei ihm wird der Verzicht auf die Affekte meist über die Ideologisierung der Selbstbeherrschung und Selbstzucht vollzogen: Affekte zu äußern, ist dann ein Zeichen von Sich-gehen-lassen, von Sich-nicht-in-der-Hand-haben, ein Verhalten, das unter seiner Würde ist.“85 „Für die Aggression Zwanghafter ist es … charakteristisch, dass sie sich an Normen, Regeln und Prinzipien hält; sie geschieht bevorzugt ‚im Namen von …‘ und pflegt eng mit dem Machttrieb gekoppelt zu sein. Dadurch kann man ihnen die Aggression oft schwer nachweisen, und sie bekommt gleichsam etwas Überpersönliches, Anonymes, wohinter sich die persönliche Lust an der Aggression verbirgt.“86 Zwangshafte Menschen finden sich daher bevorzugt in Berufen, die Macht „im Namen der Ordnung, der Zucht, des Gesetzes, der Autorität“ ermöglichen, z. B. bei Politikern, Militärs, Polizei, Beamten, Richtern, Staatsanwälten und Lehrern.87 Dort halten sie sich streng an die Buchstaben des Gesetzes und können als pflichtbewusster, pedantischer Beamter zum „unmenschlichen Paragraphenmenschen“ werden.88

Sie leben durch Überkorrektheit ihre Aggressionen aus und tarnen ihr Verhalten vor sich selbst damit, dass sie ja nur konsequent etwas Richtiges, einen Wert vertreten.89 Gleichzeitig haben sie das gute Gewissen, damit etwas Notwendiges zu tun.90 Eine Dame reagierte auf eine aggressive Verkäuferin konsequent: „An der Kasse eines Supermarktes. Ich hatte ca. 50 % des Wagens schon geleert, als mich die Kassiererin aufforderte, eine Maske aufzuziehen. Ich sagte nein, ich habe ein Attest und bin befreit. Da meinte die Dame, das interessiert nicht, dann darf ich nicht einkaufen. Daraufhin habe ich die Waren und den Einkaufskorb so stehen gelassen und mich mit den Worten:‚Dann eben nicht‘ entfernt.“91

Eine etwas mildere Variante der … „legitimierten“ Aggression ist die übermäßige Korrektheit, die, neben der Unterdrückung der Aggression, wohl die häufigste Form zwanghafter Aggressionsäußerung ist – ohne dass dem Zwanghaften hierbei die Aggression bewusst zu sein pflegt.92 „Wenn alles so bleibt, wie es ist: Die Gegenstände auf dem Schreibtisch in geheiligter Ordnung; die Meinung über etwas in unverrückbarer Gültigkeit; ein moralisches Urteil in paragraphenhafter Starre; eine Theorie in unangreifbarer Behauptung; ein Glaube in unerschütterlicher Absolutheit – dann scheint die Zeit stillzustehen. Alles ist dann voraussehbar, die Welt ändert sich nicht mehr, und das Leben bringt nur mehr die Wiederholung des Gleichen und schon Bekannten – dann ist aus lebendig pulsierendem Rhythmus gleichförmig-stereotyper Takt geworden.“93 Um ja nichts falsch zu machen, zaudern, zögern und zweifeln diese Menschen, wie wir es in den letzten Jahren insbesondere in den Verwaltungen erleben müssen, die sich immer mehr vor Verantwortung drücken und die, statt Entscheidungen zu treffen, sich in monatelangem Prüfen und Paragraphenjonglieren verstecken. Na, und in der Politik kennen wir es ja auch schon viele Jahre.

Die zwanghafte Persönlichkeit zeigt das „Kulturgut des Untertanengeistes“.94 Prof. Dr.-Ing. Jürgen Althoff stellte fest: „Der deutsche Untertan lebt und sehnt sich nach staatlicher Bevormundung. Rationalität und Fakten stören nur und sind ‚irgendwie räächts‘, und wer will sich das schon nachsagen lassen …!“95 Als treuer Untergebener ist der Zwanghafte ein Liebling jeder Regierungsmacht. Er stabilisiert ja das bestehende System. So auch in Coronazeiten. Am liebsten noch mit einem unterwürfigen „Jawoll, Frau Bundeskanzlerin, jawoll, Herr Bundeskanzler!“.

Zwanghafte Menschen können sich „schwer damit abfinden, dass etwas oder jemand sich ihrer Macht entzieht, ihrem Willen nicht untersteht. Sie möchten alle und alles dazu zwingen, so zu sein, wie es ihrer Meinung nach sein sollte“.96 Und wehe, andere halten sich nicht an die Regeln, da kann er sich schnell zum Denunzianten entwickeln, der seine Nachbarn und Kollegen verpfeift. Ein Denunziant fühlt sich im moralischen Recht, wenn er einen anderen bei Behörden meldet oder in der Öffentlichkeit anprangert. Dadurch, dass er einen vermeintlichen Verstoß aufdeckt, meint er, selbst moralisch besser zu sein, da er ja die Regeln befolgt. Ja er sieht dieses Vorgehen sogar oft als seine Pflicht als gehorsamer Bürger an. So kann er sowohl seine eigenen Hass- und Machtgefühle ausleben und gleichzeitig gut dastehen. Häufig erhofft er sich dabei auch eigene Vorteile, z. B. bei der Regierung als loyal zu gelten und zu zeigen, dass er auf Linie mit den Machthabern ist. Dies senkt seine Angst, womöglich selbst ein Opfer von totalitären Maßnahmen zu werden. Darum war das Denunziantentum besonders im NS-Staat und der DDR so weit verbreitet. Jeanette Neuendorf schrieb korrekt: „Bewusst oder unbewusst wird sein Handeln jedoch im Kern von Angst bestimmt.“97

In der Coronazeit blüht das Denunziantentum förmlich auf. Nachbarn werden bei den Behörden gemeldet, weil sie mit Bekannten zusammen auf der Terrasse Kaffee trinken oder sie auf dem Parkplatz keine Maske tragen. In Bielefeld setzte jemand Ende Februar 2021 die Polizei in Bewegung, weil die Partei Die Basis ihren von den Ordnungsbehörden genehmigten Parteitag abhielt.98 Ein Bürger schrieb: „In meinem Heimatort wurde nun wegen eines Kindergeburtstages von Kindern im Kindergartenalter der Spielplatz bis auf Weiteres gesperrt. Anwohner hatten die Mütter mit ihren Kindern verpfiffen. Ich bin empört über die Anwohner, den Bürgermeister und das Ordnungsamt und nicht zuletzt auch über Personen aus meiner eigenen Familie, die es mit ‚Wer nicht hören will, muss fühlen!‘ kommentierten. Was passiert nur mit uns.“99 Die Liste des Denunziantentums würde für 2020 und 2021 wohl viele Bücher füllen; wir wollen es dabei belassen. Es heißt nicht umsonst „Der größte Schuft im Land, ist und bleibt der Denunziant!“ Nur, er selbst merkt das nicht. Zum Glück werden nicht alle Zwangshaften Persönlichkeiten dazu, aber hier liegt das Potenzial dazu.

4.2 Die Histrionische Persönlichkeit

„Mit der Furcht fängt die Sklaverei an,

aber auch mit Zutrauen und Sorglosigkeit.“

Johann Gottfried Seume, Schriftsteller und Dichter (1763–1810).

Als genaues Gegenteil des Spießbürgers möchte die Histrionische Persönlichkeit Wandlung und Veränderung und ist immer auf der Suche nach dem Neuen. Sie ist spontan und ihre Interessen wechseln wie die Jahreszeiten. Jeder neue Hype ist willkommen. Mit vollem Engagement kämpft sie gegen den Hunger in der Welt, will dann stattdessen das Klima retten, bis sich danach alles um Corona dreht. Denn sie hat Angst vor Ordnung und Stetigkeit, hat „Angst vor dem Endgültigen, Unausweichlichen, vor der Notwendigkeit“.100 Histrionische Persönlichkeiten streben ausgesprochen nach Veränderung und Freiheit und bejahen alles Neue, sind „risikofreudig; ihnen ist die Zukunft, die mit ihren Möglichkeiten offen vor ihnen liegt, die große Chance. Dementsprechend fürchten sie nun alle Einschränkungen, Traditionen und festlegende Gesetzmäßigkeiten, die gerade die Werte für den zwanghaften Menschen sind.“101 Die histrionische Persönlichkeit lebt eigentlich in einer Pseudorealität; sie „ist die innere Spiegelung ihres Ausweichens vor der Realität in ‚Rollen‘“.102

Eine Nachbarin von uns ist so eine Histrionische Persönlichkeit. Eine liebenswerte Person, immer fröhlich, freundlich, aktiv, spontan und flink, hilfsbereit und begeisterungsfroh. Was hat sie nicht alles schon gemacht. Früher war sie viel wandern, dann bergsteigen, danach Drachen fliegen und im Moment ist es Fallschirmspringen. Sie ist fortwährend auf irgendwelchen Kursen, mal zur ägyptischen Küche, mal zur gewaltfreien Kommunikation, dann über die sexuelle Erfahrung beim Gruppenspeeddating. Hauptsache, es gibt dabei keine Regeln, die sind ihr ein Graus. Sozial ist sie voll engagiert. 2015 unterstützte sie eine eingewanderte Familie aus dem Libanon, war dann bei Fridays for Future, dann bei Greenpeace auf einem Schiff gegen den Walfang und demonstrierte 2019 gegen den Feinstaub. Alles vielleicht ehrenhaft gemeint, doch nach drei Monaten spätestens verliert sie das Interesse und macht was Neues. Erst supergroßes Engagement, aber es wird ihr schnell langweilig, sie gibt ihr Thema auf und widmet sich dem nächsten. In ihren Liebesbeziehungen ist es nicht anders. Sie kennt Gott und die Welt, erfährt auf den Straßen eine nicht endende Folge von Begrüßungen und die Nachbarschaft hat irgendwann aufgehört, die Zahl ihrer Freunde und Liebhaber mitzuzählen. Mit keinem lief es länger als ein halbes Jahr. Trotzdem erscheint sie immer glücklich. Doch eigentlich hat sie nur Angst vor Stabilität und Stetigkeit. Das würde ihre Freiheit einschränken, würde sie als gefangen empfinden. Was sie nicht merkt, ist, dass hier eine Angst übertrieben wird. Sie weiß nicht einmal, dass sie von einer Angst beherrscht wird. Aber sie ist genauso wie die Zwangshafte Persönlichkeit von ihr gefangen, nur eben auf der anderen Seite des Spektrums zwischen der Angst vor Veränderung und der Angst vor Verharrung.

So extrem ist es bei den meisten Histrionischen Personen nicht, aber schaut man sich ihre Biographien an, so entdeckt man doch eine große Vielseitigkeit an Interessen, Tätigkeiten, Arbeitsbereichen und Erfahrungen.

Regeln werden von diesen Menschen umgangen, wo immer es geht. Sie müssen Sinn machen, sonst hält man sich nicht an sie. Feste Arbeitszeiten? Nein. Verkehrsschilder? Lassen sich weit interpretieren. Gesellschaftliche Konventionen? Ebenso. Natürlich werden auch die Coronaregeln locker gesehen. Eine Frau schrieb spaßig: „Ich prognostiziere mal, dass in diesem Jahr die Leute erheblich zunehmen werden und erheblich mehr rauchen werden, weil das ihre Ausreden sind, wenn sie mal ihre Masken runterfummeln wollen. Ich sehe in der Stadt, da wo Maskenpflicht herrscht, dauernd Leute essend und rauchend durch die Straßen rennen. Das ist wirklich auffällig, sehr lustig.“103

Die Histrionische Persönlichkeit findet immer wieder Auswege, um aus den Regeln ausbrechen zu können. Die folgende Geschichte beschreibt, wie man den Maskenzwang umgehen konnte: „Seitdem das bei uns mit dem Maskenzwang losging, habe ich keine Lust mehr, in Läden zu gehen. Mittlerweile kenne ich bei mir im Ort die Geschäfte, wo ich ohne Maske einkaufen kann, ohne von irgendwelchen Bediensteten angepöbelt zu werden. Aber am schlimmsten ist es in den Supermärkten. Nicht nur, dass die Beschäftigten da meist strikte Anweisung haben, jeden Maskenlosen anzugiften. Allein diese vielen gesichtslosen Wesen mit ihren Masken, denen die Dummheit damit ins Gesicht geschrieben ist, dieses Zeigen von Unterwürfigkeit und fehlenden Stolzes, schlagen mir tief aufs Gemüt. Einkäufe beschränke ich daher auf das absolut Unabkömmliche, das über das Internet nicht bis an die Haustür lieferbar ist. Früher habe ich gerne die kleinen Läden im Ort unterstützt, aber anmeckern lasse ich mich dafür nicht. Was mir jedoch fehlt, ist mal ab und an ein kleiner Bummel durch Läden, mal hier und da schauen und sich inspirieren lassen. Da ich nur eine Autostunde von der niederländischen Grenze entfernt wohne, kam ich auf die Idee, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. In den Niederlanden erfolgt die medizinische Beratung der Politik durch das Outbreak Management Team (RIVM). Dieses vertrat stets die Meinung, dass Masken nicht notwendig sind, wenn die Abstandsregel von 1,5 Metern eingehalten wird.104 Daher gab es dort keine Maskenpflicht. Zack auf die Autobahn, und schwupps war ich in Oldenzaal, dem ersten Städtchen hinter der Grenze. Wo ich hinkam, herrschte reges Treiben, die Menschen waren fröhlich und freundlich, redeten miteinander, begrüßten sich mit Handschlag und waren frei und zufrieden. So schlenderte ich über den Markt, kaufte dies und das, schaute mir die Basilika an, trank ein kopje koffie in einem Café und freute mich über den leckeren Kuchen. Meine geringen Kenntnisse des Niederländischen in Verbindung mit Plattdeutsch reichten völlig aus, zumal die meisten Niederländer auch sehr gut Deutsch sprechen. Endlich hatte ich in Läden mal wieder nette Gespräche. In Deutschland wird man in manchen Läden ja schief angesehen, wenn man zu viel Mühe macht. Hier aber galt der Kunde noch als König. Ich erzählte über meine guten Erfahrungen und meine beste Freundin fragte mich, ob wir da nicht mal zusammen hinfahren könnten. Klar, sehr gerne. So ging’s morgens am 30. September 2020 los und bald sahen wir uns den kleinen Ort De Lutte an. Dort gibt es mehrere schöne Restaurants und Cafés und einen Klompenwinkel, eine kleine Werkstatt, wo Holzschuhe gefertigt werden. Da alles so nett war, beschlossen wir, bis zum nächsten Tag zu bleiben. Nach einem ausgiebigen Frühstück fielen uns ein paar Leute auf, die Masken trugen. Waren das Deutsche, die hier ihren Unterwerfungszwang nicht ablegen konnten? Nee, sie sprachen Niederländisch. Merkwürdig, gestern gab es so etwas noch nicht. Wachgerüttelt wurden wir dann, als wir Mittag essen wollten. In einem Pannekoekenhuis sah es sehr leer aus und ein Gast lief uns entgegen, schnell davon wegeilend. Wir betraten eine Terrasse und eine ältliche Dame schnauzte uns an. ‚Sind Sie gesund?‘ ‚Bitte was?‘ ‚Ob Sie gesund sind, sonst kommen Sie hier nicht rein‘, blökte sie unfreundlichst weiter. Wir waren sichtlich geschockt. So etwas hatten wir in den Niederlanden noch nie erlebt. Die Alte wirkte wie eine Gefängnis-Aufseherin, aber nicht wie die sonst freundlichen Niederländer. Nach weiteren frechen Anordnungen der Frau drehten wir uns um und erklärten ihr, wir würden nun da essen, wo man freundlicher zu uns sei. Sie meinte, was andere Gaststätten machen, interessiere sie nicht, bei ihr herrsche ab heute Ordnung. Das ‚ab heute‘ ließ einen schlimmen Verdacht aufkommen und so kauften wir den Telegraf, eine der größten niederländischen Tageszeitungen. Dort wurde die böse Vorahnung wahr. Nach Druck von der zweiten Kammer hatte das Kabinett in den Niederlanden mit Wirkung vom 01.10.2020 den dringenden Rat (dringende advies) ausgegeben, von nun an im ganzen Land in öffentlichen Innenräumen Masken zu tragen. Allerdings wolle Premier Mark Rutte von einer Pflicht nichts wissen.105 Jetzt gingen also auch die Niederlande diesen Weg des Irrsinns mit. Wir wurden traurig. Aber im Restaurant vom Vortag war man wieder nett und wir aßen zu Mittag. Mitte Oktober wurden die Coronaregeln in den Niederlanden deutlich verschärft, indem nun doch eine Maskenpflicht sowie eine vierwöchige Schließung aller Kneipen, Cafés und Restaurants vorgesehen wurde.106 So zerstört man ein Paradies. Aber wir werden uns etwas Neues einfallen lassen.“ Ab Juli 2021 kehrte in den Niederlanden dann wieder die Normalität ein und maskenfreies Einkaufen war wieder möglich; und kein Niederländer lief mehr mit diesen Dingern rum.

So haben die Histrionischen Menschen Kreativität für jede Lebenslage. Mögen sie von den Zwanghaften Menschen schief angesehen werden und als skurril betrachtet werden, in Notzeiten sind es oft die Histrionischen Menschen, die auf neue Ideen kommen, die Lösungen für Probleme finden, die andere nie entdecken würden, die so quer denken, dass ihnen große Entdeckungen und Erfindungen gelingen.

Für Regierungen ist die Histrionische Persönlichkeit ungefährlich, solange man ihr immer wieder ein neues Thema präsentiert. Viele Pressevertreter lieben sie heutzutage, da sie Schlagzeilen liefert. Aber diese Ungefährlichkeit und Innovationsfreude kann sehr plötzlich ins Gegenteil umschlagen. Springt die Persönlichkeit auf den Widerstand gegen die Regierungen zur richtigen Zeit auf, können sie spontan dafür sorgen, dass die kritische Protestmasse entsteht, die die Regierungen durch Aktionen wegfegen kann, an die die vorherigen Demonstranten überhaupt nie gedacht haben. Diese Menschen stehen für das Neue. Ihre Ideen braucht es nach dem großen Weltsystemwechsel, wenn es darum geht, eine neue Gesellschaft und ein neues Politik- und Wirtschaftssystem aufzubauen.

4.3 Die Depressive Persönlichkeit

„Setze dich deiner tiefsten Angst aus.

Danach hat die Angst keine Macht mehr über dich

und die Angst vor Freiheit schrumpft und verschwindet. Du bist frei.“

Jim Morrison, amerikanischer Rockmusiker (1943–1971).

„A Meinung ham, dahinter steh’n.“

Liedtitel von Andreas Gabalier (*1984)

und Xavier Naidoo (*1971), Musiker.

Der Mensch mit Depressiver Persönlichkeit bildet wohl neben der Zwanghaften Persönlichkeit die größte Gruppe in den deutschsprachigen Ländern. Alles in ihm, „was an Wünschen, Impulsen, Affekten und Trieben in ihm ist“, wagt nicht zu leben.107 Menschen mit dieser Persönlichkeit haben ein geringes Selbstwertgefühl und meist eine sehr unzureichend ausgeprägte Ich-Stärke. Von Ich-Schwäche muss man bei ihnen wohl eher reden. Sie haben es noch nicht geschafft, ihre innere Persönlichkeit zu entwickeln, selbst wenn sie dies manchmal nach außen mit einer vorgespielten Maske von Scheinheiligkeit und großem Gebaren zu verdecken versuchen. Der typische Gutmensch gehört in diese Gruppe, also der Mensch, der versucht, nach außen moralisch und sozial dazustehen, dabei aber die Mitmenschen, die nicht auf seiner Linie sind, ausgrenzt und anprangert. Eine wirklich stabile, in sich ruhende Persönlichkeit ist die depressive Form also nicht. Sie hat vielmehr starke Angst, diesen Entwicklungsschritt zu wagen.

Um trotzdem mit dem Leben zurechtkommen zu können, sind diese Menschen sehr beziehungsorientiert und typische Gruppenmenschen. Denn in der Gruppe finden sie den Halt, den sie sich selbst nicht geben können. Dieses Eintauchen in die Masse kann die Angst vor der Individuation aufheben. „Der depressive Mensch ist dieser Angst besonders ausgesetzt. Bei ihm kann schon ein Sich-von-anderen-Unterscheiden, ein anderes Denken oder Fühlen die Verlustangst konstellieren, weil er es als Entfernung und Entfremdung erlebt. Deshalb versucht er, alles ihn von anderen Unterscheidende aufzugeben.“108 So tut er, was die anderen auch tun, und fühlt sich in der Gruppe, in der Masse der sich gleich Verhaltenden, aufgefangen und beschützt. Der Einzelne gibt seine Individualität auf und wird zum „Trabant eines anderen“109, nämlich der Gruppenlinie.

Die Depressive Persönlichkeit braucht somit die Gruppe, in der alle gleich ticken und in der sie sich sicher aufgehoben fühlt. Und „wenn nun ein Mensch einen anderen so dringend braucht, wird er danach streben, die trennende Distanz zwischen sich und ihm so weit wie möglich aufzuheben. Ihn quält die trennende Kluft zwischen Ich und Du.“110 So macht man das, was die Gruppe macht, hat man die Meinung, die die Gruppe hat, und übernimmt die in der Gruppe herrschenden Regeln und Werte. In der Coronazeit braucht man sich noch mehr und so tauscht man sich via Handy intensiv darüber aus, wie die beste Coronamaske zu nähen ist, und imitiert gerne vielgelikte Stoffkunstwerke. Natürlich hilft man allen anderen in der Gruppe, tauscht Kochrezepte, hilft beim Kirchenbasar und erweckt den Anschein, immer lieb und nett zu sein. Denn „für die erstrebte Harmonie und ungetrübte Nähe muss der Depressive nun seinerseits ‚gut‘ sein und befleißigt sich daher aller altruistischen Tugenden: Bescheidenheit, Verzichtsbereitschaft, Friedfertigkeit“, bis hin zu überwertiger Bescheidenheit, „Überanpassung und Unterordnung bis zur Selbstaufgabe, im Extrem bis zu masochistisch-hörigen Verhaltensweisen. All das lässt sich auf den gemeinsamen Nenner bringen: Durch das Aufgeben eigener Wünsche, durch den Verzicht auf das Eigen-Sein die Verlustangst, die Angst vor der Einsamkeit, zu bannen und sich der deshalb gefürchteten Individuation zu entziehen“.111 „Widerspruch gegen die Herde ist so viel wie Trennung von ihr und wird darum angstvoll vermieden.“112

All das, bloß um dazuzugehören, nicht auf sich allein zurückgeworfen zu werden. Denn „bei den depressiven Persönlichkeiten ist die Verlustangst die dominierende, in ihren verschiedenen Ausformungen als Angst vor isolierender Distanz, vor Trennung, Ungeborgenheit und Einsamkeit, vor dem Verlassenwerden.“113 „Je weniger wir gelernt haben, unser Eigen-Sein, unsere Selbstständigkeit zu entwickeln, umso mehr brauchen wir andere. So stellt sich die Verlustangst heraus als die Kehrseite der Ich-Schwäche.“114

Wunderbar ist für ein totalitäres Regime, dass die Depressive Persönlichkeit sehr friedlich ist und niemals wagt, zu protestieren. Denn „wie kann er aggressiv sein, sich behaupten und sich durchsetzen, wenn er voller Verlustangst ist, sich als abhängig erlebt und so auf Liebe angewiesen ist?“115 Nun, der depressive Typ kann gar „nicht gesund aggressiv sein“.116 „Das geringe Selbstwertgefühl Depressiver hat eine wichtige Wurzel in ihrer nicht gewagten, nicht gekonnten Aggressivität.“117 Denn Aggressivität könnte schließlich seine sichere Position in der Gruppe gefährden. „Was kann man aber mit seinen Aggressionen machen, wenn sie einem so gefährlich erscheinen? Eine Möglichkeit ist es, auszuweichen. Das lässt sich vielleicht dadurch erreichen, dass man eine Ideologie der Friedfertigkeit entwickelt. Dann nimmt man Gelegenheiten zur Aggression und diese selbst nicht mehr wahr, in und außer sich … Je mehr man im Rahmen einer solchen Ideologie sich zurücknimmt, sich kränken lässt, ohne sich zu wehren, sich eigene Affekte nicht erlaubt, umso mehr muss man zum Ausgleich dieser Haltungen kompensieren durch das Gefühl moralischer Überlegenheit – ohne dass man indessen erkennt, dass das auch eine – sublime – Form der Aggression ist. Diese Haltung lässt sich steigern bis zur Dulderrolle, die bis zum seelischen, moralischen und sexuellen Masochismus führen kann.“118

In einer Situation wird die Depressive Persönlichkeit jedoch gleichwohl aggressiv, und das kann sich eine Regierung ebenfalls zunutze machen. Aggressivität erscheint, wenn ein Gruppenmitglied aus der Reihe schert, sich nicht mehr der Gruppenmeinung fügt, ja sogar wagt, Kritik zu äußern und einen eigenen Weg zu gehen. Dann wird das ganze Repertoire der Empörung, der Denunziation, des Schlechtredens und der Infamie aufgemacht. Entweder der Einzelne fügt sich dann in ganzer Reue oder, wenn er den Schritt zu einer wachsenden Ich-Stärke gemacht hat, verlässt er stolz und selbstbewusst diese Gruppe, aus der er sich psychisch und seelisch herausentwickelt hat. Stolz können die Menschen sein, die dies schaffen, egal ob sie den Ausstieg bei Scientology, ihrer Kirchengruppe oder der schon lange entfremdeten Alten-Freunde-Gruppe geschafft haben. Und neue Menschen lernen sie allemal kennen, nämlich die, die es ebenso geschafft haben oder auf der Reise sind, auf eine andere Bewusstseinsstufe zu gelangen.

Da die depressive Persönlichkeit große Angst vor Selbstwerdung und Isolation hat, lässt sie sich bequem lenken, so wie es der Schäferhund mit seiner Herde macht. Sie ist das, wovon jede Regierung nur träumen kann, solange man nur Angst erzeugt, aber zugleich eine gemeinsame Rettung verkündet, so wie Corona und die Impfung. Man muss diese Menschen gar nicht viel lenken, sie fügen sich von selber. Das ist es, wenn Bauer schreibt: „Möglichkeiten zur Selbstbestimmung werden uns nicht nur genommen, wir nehmen sie uns auch selbst. Weit mehr als erforderlich, unterwerfen wir uns dem Druck des Konformismus und der Anpassung an die vermuteten Erwartungen anderer.“119 So stehen dann alle Schafe Schlange vor den Coronaimpfzentren.

Die depressive Form ereilt nicht nur einzelne Menschen, sondern kann ganze Gesellschaften erfassen. Nach Rassenunruhen kam es vor, dass wildfremde Menschen, die nie einem anderen etwas Böses getan hatten, sich vor dunkelhäutige Menschen zu Boden warfen und ihre Füße küssten. In Deutschland entschuldigen sich Personen für die Nazigräuel, die geschahen, als sie noch gar nicht geboren waren. In den USA schämen sich Weiße ihrer Hautfarbe und reißen Kolumbusdenkmäler ein und in England schämen sich Menschen ihres einstigen Empires, das schon Jahrzehnte nicht mehr besteht.

Dies alles geschieht aus einer Ich-Schwäche, gekoppelt mit Schuldgefühlen, Selbsthass und der Angst, nicht dazuzugehören, und drückt sich in Scham aus. „Scham ist der emotionale Begriff für den Verstoß gegen die bejahten Erwartungen der Mitmenschen“.120 Und davor hat die Depressive Persönlichkeit die größte Furcht.

In der Coronazeit sind diese Menschen daher artige Individuen, die tun, was man ihnen sagt. Und wie der Zwangshafte Mensch neigen sie zur Denunziation, wenn jemand aus der Gruppe ausschert. Was wollen Regierungen mehr als viele von solchen noch nicht aufgewachten Untertanen.

Selbst wenn man den Coronamaßnahmen kritisch gegenübersteht und der Depressive Persönlichkeitsanteil gering ist, fühlt es sich komisch an, wenn man anders ist als die anderen Menschen. Eine Frau schrieb dementsprechend: „Mir passiert es auch öfter, dass ich in einen Laden gehe und erst dann merke, dass ich die Maske im Auto vergessen habe, bspw. wenn ich nur schnell eine kleine Besorgung machen möchte. Mir fällt es dann auf, weil mich alle im Laden anschauen wie eine Aussätzige. Komisches Gefühl.“121 Das lässt sich auf Dauer nur aushalten, wenn die Persönlichkeit weit entwickelt ist.

4.4 Die Schizoide Persönlichkeit

„Alles mag man fürchten, nur nicht, was man bekämpft.“

Bettina von Arnim, Schriftstellerin (1785–1859).

„Die Zukunft gehört denen,

die an die Wahrhaftigkeit ihrer Träume glauben.“

Eleanor Roosevelt, amerikanische Politikerin (1884–1962).

Wilhelm Reich, Verfasser des Werkes „Massenpsychologie des Faschismus“, schrieb 1933: „Die menschliche Struktur ist vom Widerspruch zwischen Freiheitssehnsucht und Freiheitsangst beseelt.“122 So ist die Schizoide Persönlichkeit konträr zur Depressiven Persönlichkeit und möchte eigenständig und autark leben, ohne von einer Gruppe gesteuert zu werden. Sie ist ein ausgesprochener Individualist und ist sich selbst genug. Freiheit und Unabhängigkeit sind das höchste Gut. Vor dem Aufgehen in der Masse besteht eine große Angst, es käme für sie dem psychologischen Tod gleich. Sie sind sich ihres Individuums bewusst und vertrauen auf sich selber. Ihrer Ich-Stärke sind sie sich teilweise bewusst. Sich von anderen Menschen oder einer Gruppe etwas vorschreiben zu lassen, kommt für sie überhaupt nicht infrage, sie bestimmen selber. Lange Diskussionen oder die Einschaltung von Betriebsräten, Interessenvertretern oder Elterninitiativen mit viel Gelaber sind für sie reine Zeitverschwendung, wie Gruppenarbeiten in der Schule. Wenn eine Aufgabe ansteht, wird sie auch ohne dies alles allein gelöst. Bedeutet dem Depressiven Nähe Sicherheit und Geborgenheit, so dem Schizoiden Bedrohung und Einschränkung seiner Autarkie; bedeutet dem Depressiven Distanz Bedrohung und Alleingelassenwerden so dem Schizoiden Sicherheit und Unabhängigkeit.123

Aus Film und Fernsehen kennen wir diesen Menschentyp als heroischen Freiheitskämpfer wie in „Braveheart“ (1995) und „Der Patriot“ (2000), beide mit Mel Gibson, „300“ von Zack Snyder (2006), „El Cid“ mit Charlton Heston (1961), „Andreas Hofer“ mit Tobias Moretti (2002) oder als Kämpfer für Wahrheit und Wissenschaft wie in „Agora – Die Säulen des Himmels“ mit Rachel Weisz (2009).

Die Schizoide Persönlichkeit ist der Mensch, dem, wie Fechtner schreibt, nur die Wahl bleibt „zwischen waldgängerischer Kontemplation oder Radikalisierung zum Systemfeind“.124 In gesellschaftlichen Krisenzeiten reagieren die Menschen dieser Persönlichkeit zuerst in zwei unterschiedlichen Weisen. Die einen flüchten erst einmal vor der Realität und verdrängen die Probleme. Sie kümmern sich um ihren eigenen Kram, gehen lieber wandern und posten Fotos von Blümchen und süßen Kätzchen; so lange, bis sie die Realität einholt. Dann entwickeln sie sich auch sehr leicht zum zweiten Typ und bei ihnen wächst die Wut. Sie werden in Krisen als Erste gegen die Verursacher vorgehen, protestieren und demonstrieren.

Die Schizoide Persönlichkeit findet sich in der Coronazeit vorwiegend in den Widerstandsgruppen. Sie trauen den öffentlich-rechtlichen Medien nicht mehr, sondern beschaffen sich selber die grundlegenden Informationen und bilden sich selbst ihre Meinung. Die Zahl der Internetgruppen, in denen sie sich vernetzen, wächst und wächst und ihre differenzierten Intelligenzen verbinden sie mehr und mehr zu einem kohärenten Netz der Zukunft. Vor ihnen haben totalitäre Systeme daher Angst. Aber letztendlich können sie sie nicht aufhalten. Ein König ließ einmal, so eine Geschichte, alle potenziellen Nachfolger umbringen, damit er möglichst lange auf dem Thron bleiben könne. Er fragte, seinen Hofnarren, wen er noch umbringen müsse, um sicher zu sein. Dieser antwortete: „Du kannst alle umbringen, nur deinen Nachfolger nicht!“

Als Menschen der Tat sind die Schizoiden Personen für bestehende Systeme tatsächlich die größte Gefahr. Die Maxime der freien Friesen „Lever dood as Slav!“, ist auch die ihre. Daher versuchen Regierungen, ihrer durch Demonstrationsverbote, Meinungsunterdrückung und Verunglimpfung Herr zu werden. Das gelingt eine Zeit, steigert aber die Wut immer mehr, bis es schließlich zu hoffentlich friedlichen Revolutionen kommen kann.

Angstfreiheit besteht übrigens genau auf der Mitte der vier Grundängste (siehe Bild Seite 65). Riemann schreibt, es wäre „als ein Zeichen von seelischer Gesundheit anzusehen, wenn jemand die vier Grundimpulse in lebendiger Ausgewogenheit zu leben vermöchte – was zugleich bedeutete, dass er sich auch mit den vier Grundformen der Angst auseinandergesetzt hat“.125 Dies sind dann stabile Menschen mit Verstand und Charakterstärke, auf die ein demokratisches Staatswesen angewiesen ist. Autoritäre Staaten schüren Ängste, damit die Menschen ihre stabile Mitte nicht finden, um die Menschen lenken zu können. Demokratien erhalten sich dagegen genau durch diese selbstbewussten, von Liebe, Moral, Mitgefühl und Vernunft gesteuerten mutigen Menschen. Wir werden auf diese Krieger des Lichts in Kapitel 9 besonders zu sprechen kommen.

Welche Persönlichkeiten offenbaren sich nun in einem selbst allgemein und jetzt besonders deutlich in der Coronazeit? Wahrscheinlich von allen vier etwas. Oder ist eine Angst dominant? Dann keine Angst bitte. Jeder Mensch hat es in der Hand, sich zu entwickeln (Kapitel 10). Durch selbstständiges Nachdenken und den Entschluss, sich seinen Ängsten zu stellen, werden die wahren Helden geboren.

69 EYSENCK 1975, 2005; EYSENCK & EYSENCK 1987.

70 ALLPORT & ODBERT 1936; JUNG 1921; HASSELMANN & SCHMOLKE sehen sieben archetypische Urängste.

71 RIEMANN 1961.

72 RIEMANN 2019: 11.

73 SCHILLER 1800.

74 RIEMANN 2019: 126.

75 RIEMANN 2019: 126.

76 RIEMANN 2019: 122.

77 RIEMANN 2019: 123.

78 RIEMANN 2019: 127.

79 RIEMANN 2019: 125.

80 RIEMANN 2019: 123-124.

81 RIEMANN 2019: 125.

82 Mitteilung von Juliane S.

83 RIEMANN 2019: 142.

84 RIEMANN 2019: 143.

85 RIEMANN 2019: 142–143.

86 RIEMANN 2019: 144.

87 RIEMANN 2019: 145.

88 RIEMANN 2019: 175.

89 RIEMANN 2019: 144.

90 RIEMANN 2019: 143.

91 Mail von Heidi Salomon vom 05.09.2020.

92 RIEMANN 2019: 144.

93 RIEMANN 2019: 131.

94 MIES 2020a: 18.

95 ALTHOFF 2020a.

96 RIEMANN 2019: 126.

97 NEUENDORF 2017.

98 A. A. 2021h.

99 Mitgeteilt von Josef Rieger.

100 RIEMANN 2019: 179.

101 RIEMANN 2019: 179–180.

102 RIEMANN 2019: 221.

103 Mitteilung von Juliane S.

104 NEDERHOF 2020.

105 PARLAMENTAIRE REDACTIE 2020.

106 ÜNAL 2020

107 RIEMANN 2019: 73.

108 RIEMANN 2019: 71.

109 RIEMANN 2019: 70.

110 RIEMANN 2019: 69.

111 RIEMANN 2019: 72.

112 FREUD 2020: 63.

113 RIEMANN 2019: 70.

114 RIEMANN 2019: 71.

115 RIEMANN 2019: 81.

116 RIEMANN 2019: 73.

117 RIEMANN 2019: 85.

118 RIEMANN 2019: 82.

119 BAUER 2015: 11.

120 HELL 2018: 145.

121 Mail von Madlin Handt vom 01.09.2020.

122 REICH 2020: 286.

123 RIEMANN 2019: 70.

124 FECHTNER 2020.

125 RIEMANN 2019: 19.

5. Wenn die Angst chronisch wird

„Jedesmal, wenn man ausdrücklich sehen kann,

dass die Befehle der Oberen den Befehlen Gottes entgegen sind

und besonders dem Gebot der Liebe, dann dürfte keiner gehorchen.“

Girolamo Savonarola, Bußprediger,

der als Ketzer verbrannt wurde (1452–1498).126

„Ich bin ja mit dem lieben Gott so weit einverstanden,

aber dass er der Klugheit Grenzen gesetzt hat und der Dummheit nicht,

das nehme ich ihm wirklich übel.“

Konrad Adenauer, deutscher Bundeskanzler (1876–1967).

Bisher haben wir die Ängste als zeitweiliges Phänomen betrachtet. War der Leopard verschwunden, setzte eine Erholungsphase ein. Das ist die ursprüngliche Aufgabe der Angst, sich schnell vor einem Verlust zu retten und dann wieder Ruhe für Körper, Geist und Seele zu bekommen. Denn diese Ruhe ist es, was dem Menschen die notwendige Kontemplation gibt, um diese drei Teile unseres Seins in Harmonie zu halten und mit der Natur und dem höheren Sein in Verbindung stehen zu können. Was geschieht aber nun, wenn wir dauerhaft Ängsten ausgesetzt sind? Hier gibt es zwei heftige Folgen. Die Vermeidung und die Krankheit, die beide oft miteinander gekoppelt sind.

Wissen wir, wovor wir Angst haben, versuchen wir oft, uns der Angstauslöser zu entziehen. Eigentlich ist es eine Flucht, die wir ausüben, bevor das angstauslösende Objekt oder die angstauslösende Situation überhaupt da ist. Eine Bekannte geht im Dunkeln nicht in den Garten, „weil da Mäuse sein könnten“. Eine andere braucht Begleitung im Keller, einen Helden, der wie Junker Siegfried heroisch sofort die möglicherweise dort lauernde Spinne bekämpft. Haben wir Angst beim Fliegen, können wir die Angst vermeiden, indem wir einfach kein Flugzeug mehr besteigen. Und haben wir Angst vor dem Chef, suchen wir vielleicht eine neue Arbeitsstelle oder machen uns selbstständig. Weichen wir so oder anders aus, erleben wir den Angstauslöser nicht mehr und die Angst taucht nicht mehr auf. „Im schlimmsten Fall verändern die Betroffenen ihr ganzes Leben, nur um nicht den Situationen zu begegnen, vor denen sie Angst haben.“127 Daher schränken Ängste „das Leben ein. Sie verhindern, dass wir der Mensch sind, der wir sein könnten. Sie halten uns gefangen in einer Version unserer selbst, die weit unter dem liegt, was möglich wäre, wenn wir relativ angstfrei unser Potential entfalten könnten. Ängste hindern uns daran zu wachsen“.128

Bearbeitet haben wir die Angst bei Vermeidung nicht. In unserem Inneren steckt sie weiter und kann bei passender Gelegenheit wieder hervortreten. Vermeidung ist daher nur eine Scheinlösung zur Angstbewältigung. „Wir haben mancherlei Techniken und Methoden entwickelt, sie zu verdrängen, sie zu betäuben oder zu überspielen und zu leugnen. Aber wie der Tod nicht aufhört zu existieren, wenn wir nicht an ihn denken, so auch nicht die Angst.“129

Es ist auch nur vorübergehend möglich, die Angst zu betäuben. Das geht mit Alkohol, Psychopharmaka, Sexsucht, dem Ansehen von Gewalt- und Horrorfilmen und durch übertriebenen Sport. All das kann unsere Hormone aktivieren und so die Angst übertönen. Doch im Inneren ist sie gleichwohl immer noch.

Wenn wir unsere Ängste nicht bearbeiten, arbeiten sie in uns weiter. Und das sowie unsere Vermeidungsbemühungen kosten fortwährend Energie, sodass uns die eigentlich vorgesehenen Erholungsphasen fehlen. Stellen Sie sich einen Steinzeitmenschen vor, der bei seinen Jagdzügen fortwährend daran denken muss, plötzlich einem Leoparden Aug in Aug gegenüberzustehen. Wir haben gesehen, welche Körperreaktionen bei Angst entstehen; diese kosten sehr viel Kraft, physisch und psychisch. Können wir die verlorene Energie nicht wieder aufladen, leiden wir Mangel und Körper und Psyche versagen ihre optimale Arbeit. Überforderung tritt ein. Körperlich kommt es dann zum Beispiel zu Spannungskopfschmerzen, nervösen Herzbeschwerden und Bluthochdruck, vielleicht auch zu Autoimmunerkrankungen oder Magenbeschwerden. Psychisch sind wir irgendwann auch nicht mehr in der Lage, alle Reize zu verarbeiten, wir werden nervös, unsicher, die Gedanken kreisen, wir sehen keine Auswege, sind gestresst und kommen innerlich gar nicht mehr zur Ruhe. Beutereiche Jäger können wir dann ebenso wenig sein, wie sonstige Dinge erfolgreich tun. Schlafstörungen sind nicht ungewöhnlich. All dieses innere Gezappel verbraucht zusätzlich unsere Kräfte und so entsteht ein Teufelskreis nach unten, der uns in Krankheiten oder zum völligen Zusammenbruch führt. Und wie Professor Max Otte schreibt: „Es geht auf die Seele.“130 „Wenn eine Notfallsituation zur Dauerreaktion wird, brennen irgendwann irgendwo im Körper die Sicherungen durch … Dauerstress führt zum Untergang, entweder zum Tod durch stressbedingte Erkrankungen (denn die Stresshormone unterdrücken auch die körpereigenen Abwehrkräfte), oder durch stressbedingte Unfruchtbarkeit.“131 Die Angst wird oft von Hoffnungslosigkeit und Resignation begleitet und kann in eine Depression führen. Wir machen dann gar nichts mehr.

Dies alles ist keine Besonderheit der Coronazeit, ebenso wie das Auftreten der Folgeerkrankungen. Aber der Coronahype unterstützt beides in ganz erheblichem Umfang und die Folgen sind verheerend. „Dann läuft der Fernseher in Dauerschleife, alles, was passiert, wird aufgesogen und die Ängste dadurch noch vergrößert.“132 „Angst, anhaltender Stress und die durch soziale Distanzierung hervorgerufene Einsamkeit haben nachweislich einen negativen Einfluss auf die psychische und allgemeine Gesundheit.“133 Der Vorstandsvorsitzende der kassenärztlichen Vereinigung Hamburg, Walter Plassmann, sagte: „Wer die Gesellschaft mit immer neuen Hiobsbotschaften auf immer höhere Bäume treibt, der macht die Gesellschaft krank“.134 Schließlich sei Corona „kein Killervirus, das uns zwingt, im aseptischen Panikraum zu zittern bis der Spuk vorbei ist“.135 Hinsichtlich des Coronavirus schreibt auch Jeannette Hagen, dass es dabei nicht um Ängste geht, „die vor realen Gefahren warnen, sondern es sind irrationale Ängste, welche die Gestalt von Paniken annehmen“.136 Ebenso sieht der Professor für Epidemiologie an der Berliner Charité, Stefan Willich, mit den Lockdowns „erhebliche Nebenwirkungen“ verbunden, u. a. Angststörungen und Depressionen sowie Krebspatienten, die zu spät zu einer Behandlung kämen.137

Die Ansätze der Psychologie hinsichtlich Ängsten sind wenig hilfreich. Das ICD10 untergliedert die Phobischen Störungen (ICD 10 F40)138 in die Agoraphobie, soziale Phobien und spezifische Phobien. Außerdem werden die Panikstörungen sowie die Generalisierte Angststörung zu den Angststörungen gerechnet. Das ist eine ziemlich wahllose Zusammenstellung. Bei den Phobischen Störungen handelt es sich um eine Gruppe von Störungen, bei der Angst durch eindeutig definierte, aber eigentlich ungefährliche Situationen oder Objekte hervorgerufen wird, also z. B. der Maus.139 Leitsymptome sind dabei die unbegründete extreme Angst vor bestimmten Objekten oder Situationen. Der Unterschied zwischen Angst und Angststörung liegt nach Daniel Hell darin, dass sich bei letzterer „die Angst auf Situationen ausbreitet, wo nichts zu befürchten ist, oder wenn die Verarbeitung der Angst behindert ist, sodass das Angstempfinden kein Ende findet“.140 Ist aber jeder mit einer Angst vor einer Maus schon wirklich krank und behandlungsbedürftig?

Die speziell im ICD10 aufgeführte Agoraphobie (F40.0) ist eine Erkrankung, bei der die Betroffenen Angst haben, sich aus ihrer gewohnten engeren Umgebung fortzubewegen. Diese Menschen meiden Menschenansammlungen, Läden und große Plätze oder haben Angst, allein zu verreisen. Warum wird nicht auch die Klaustrophobie aufgeführt? Bei sozialen Phobien (F40.1) besteht die Angst, mit anderen Menschen in bestimmten Situationen zusammenzukommen, sodass diese möglichst vermieden werden, z. B. bei Feiern, Veranstaltungen oder beruflichen Besprechungen. Spezifische Phobien (F40.2) richten sich auf bestimmte Situationen (Höhe, Dunkelheit, Donner, geschlossene Räume, Fliegen) oder Objekte (z. B. Mäuse, Spinnen, Blut). Besteht eine große Angst, lässt sich diese aber keiner konkreten Situation oder Objekten zuordnen, spricht man von einer Generalisierten Angststörung (F41.1).

Insgesamt ist diese Einteilung noch sehr grob und unvollständig und es ergeben sich daraus noch keine umfassenden Therapieansätze für die Ängste insgesamt. Ist die Psychotherapie bei den Spezifischen Phobien noch sehr erfolgreich, insbesondere mittels Expositionstherapie, sind die Therapien sozialer Phobien schon weniger erfolgreich und bei der Generalisierten Angststörung wirkt wenig, will man sich nicht mit Psychopharmaka zuballern.

Besonders hart betroffen sind Menschen, die gleich von mehreren Ängsten beherrscht werden. Wer Todesangst vor dem Virus hat und zugleich um den Fortbestand seines Betriebes bangt, sitzt in einer besonderen Zwickmühle. Ebenso trifft es Menschen, die sowieso schon unter psychischen Vorerkrankungen leiden. Depressive Menschen etwa gehen aus Angst vor Ansteckung nicht zum Therapeuten und leiden so verstärkt.141 Vera Lengsfeld betonte, dass „viele ehemalige Patienten, aber auch Nicht-Patienten, Leute, die nie Corona hatten, unter Angstzuständen, Angstattacken leiden und behandelt werden müssen, wegen Schlaflosigkeit, Angstattacken und so weiter“.142 Andere werden nicht an Corona krank, entwickeln jedoch Waschzwänge insofern, als sie „ständig ihre Hände waschen, ständig duschen, Angst davor haben, andere Menschen zu treffen, dass es Leute gibt, die ihre Wohnungen kaum noch verlassen“.143 Der ärztliche Direktor des Lukaskrankenhauses Bünde, Ulf Schmerwitz, sagte: „Die undifferenzierte Betrachtung der Infektionszahlen schürt Ängste in der Bevölkerung, die schwerwiegende Auswirkungen haben können, wie wir in der Praxis täglich beobachten.“ So sagen Patienten Operationen ab oder kommen mit Herzinfarkt, Schlaganfall oder Krebs verspätet oder gar nicht in ein Krankenhaus.144 „Wir sehen zunehmend Menschen mit schweren Erkrankungen, die bei rechtzeitiger Behandlung möglicherweise geheilt hätten werden können. Wir sehen zudem ältere Menschen mit Depression und Kinder und Jugendliche mit Angststörungen.“145

So kommen in der Coronazeit viele Ängste, die lange im Untergrund lagen, weil sie nie bearbeitet wurden, mit ans Tageslicht. Der psychische Druck ist so groß, dass die Energie, sie weiter zu verdrängen oder Situationen zu vermeiden, nicht mehr vorhanden ist. So sind plötzlich alle Ängste da, drängen ans Tageslicht und die Menschen leiden und werden krank.

Hierbei sollte man jedoch nicht verkennen, dass trotz allen Leidens die Coronazeit auch eine Chance sein kann, unsere Ängste endlich aufzuarbeiten. Verdrängen klappt jetzt nicht mehr. Und so bleiben zwei Möglichkeiten. Entweder wir erliegen der Angst, werden krank und begehen vielleicht sogar Selbstmord. Oder wir gehen die Sache jetzt endlich an, stellen uns unseren Ängsten, bearbeiten sie und überwinden sie. Als Resultat kommen wir dann zu innerem Wachstum, innerer Ruhe und machen einen großen Sprung zu einem selbstbewussten entwickelten Menschen mit Ich-Stärke, Mut und Tapferkeit. Und wenn genug Menschen diesen Weg gehen, dann hilft das nicht nur jeder und jedem Einzelnen, dann kann auch keine Regierung diese Menschen mehr erfolgreich unterdrücken. Wie solch eine Überwindung der Angst geschehen kann, schauen wir uns in Kapitel 10 näher an.

126 SAVONAROLA 1496.

127 WOLF 2018: 7.

128 HAGEN 2020: 17.

129 RIEMANN 2019: 8.

130 OTTE 2020.

131 HÜTHER 2018: 23.

132 HAGEN 2020: 27.

133 REDAKTION EIGENTÜMLICH FREI 2020.

134 REUTH 2020.

135 REUTH 2020.

136 HAGEN 2020: 34.

137 MAIER 2020.

138 DEUTSCHES INSTITUT FÜR MEDIZINISCHE DOKUMENTATION UND INFORMATION 2015.

139 DISSE 2015: 149.

140 HELL 2018: 201.

141 A. A. 2020zzzh.

142 LENGSFELD & LILGE-STODIECK 2020.

143 LENGSFELD & LILGE-STODIECK 2020.

144 NIEDER-ENTGELMEIER 2020.

145 NIEDER-ENTGELMEIER 2020.

6. Psychologie der Massen

„Wenn fünfzig Millionen Menschen etwas Dummes sagen,

bleibt es trotzdem eine Dummheit.“

Anatole France, französischer Literaturnobelpreisträger (1844–1924).

„Die Leute sind gar nicht so dumm,

wie wir sie durchs Fernsehen noch machen werden.“

Hans-Joachim Kulenkampff,

Schauspieler und Fernsehmoderator (1921–1998).

Wir haben bisher die Angst bei der einzelnen Person betrachtet. Was geschieht aber, wenn diese bei großen Gruppen auftritt? Die erste bahnbrechende Forschung dazu hat der Franzose Gustave Le Bon gemacht, der 1911 seine „Psychologie der Massen“ veröffentlichte.

In der Masse verschwinden bis zu einem gewissen Grad das Ich und die persönliche Individualität der Emotionen des Einzelnen. So versucht die Massenpsychologie, die überraschende Tatsache zu erklären, dass das „Individuum unter einer bestimmten Bedingung ganz anders fühlt, denkt und handelt, als von ihm zu erwarten stand, und diese Bedingung ist die Einreihung in eine Menschenmenge, welche die Eigenschaft einer psychologischen Masse erworben hat“.146 Auf die aktuelle Situation übertrug dies der Kinder- und Jugendpsychotherapeut Dr. Hans Hopf: „Irrationale Ängste können aber auch kollektiv auftreten. Die Angst vor dem Coronavirus bewirkte Hamsterkäufe, von Nudeln, Hefe, bis hin zu Toilettenpapier.“147

Die Menschen vereinigen sich dabei zu einer eigenen Form der psychologischen Einheit. Le Bon schreibt: „Das Überraschendste an einer psychologischen Masse: welcher Art auch die einzelnen sein mögen, die sie bilden, wie ähnlich oder unähnlich ihre Lebensweise, Beschäftigungen, ihr Charakter oder ihre Intelligenz ist, durch den bloßen Umstand ihrer Umformung zur Masse besitzen sie eine Art Gemeinschaftsseele, vermöge deren sie in ganz anderer Weise fühlen, denken und handeln, als jedes von ihnen für sich fühlen, denken und handeln würde … Die psychologische Masse ist ein unbestimmtes Wesen, das aus ungleichartigen Bestandteilen besteht, die sich für einen Augenblick miteinander verbunden haben, genauso wie die Zellen des Organismus durch ihre Vereinigung ein neues Wesen mit ganz anderen Eigenschaften als denen der einzelnen Zellen bilden.“148

Le Bon sah drei Ursachen für dieses merkwürdige Phänomen: „Die erste dieser Ursachen besteht darin, dass der einzelne in der Masse schon durch die Tatsache der Menge ein Gefühl unüberwindlicher Macht erlangt, welches ihm gestattet, Trieben zu frönen, die er für sich allein notwendig gezügelt hätte. Er wird ihnen umso eher nachgeben, als durch die Namenlosigkeit und demnach auch Unverantwortlichkeit der Masse das Verantwortungsgefühl, das die einzelnen stets zurückhält, völlig verschwindet.“149 Der Einzelne geht also so in der Masse auf, dass ihm eigene Aktionen nicht mehr zugeschrieben werden können. Er ist in der Masse versteckt, ist gesichtslos. Und dies erst recht, wenn sein Gesicht auch materiell noch mit einer Maske verdeckt ist. Er ist dann kein Individuum mehr, sondern nur noch ein Teil des Ganzen, das sich selbst nicht mehr als verantwortlich für seine Taten sieht. Besonders die Zwanghafte und die Depressive Persönlichkeit können leicht in solchen Massen gefangen sein, die Histrionische nur für eine gewisse Zeit. Gefeit ist am ehesten die Schizoide Persönlichkeit.

In einer Zeit, wo fast alle Masken tragen, sind die, die von deren Sinn und Richtigkeit überzeugt sind, eine solche Masse, die sich nun frei ihren Trieben überlassen kann. Das spüren insbesondere Menschen, die aus medizinischen Gründen keine Masken tragen können und so der Masse der Regierungstreuen gegenüberstehen. Hier einige Beispiele.

„Ich war in einem Baumarkt und wollte einen Duschkopf kaufen. An der Kasse wieder der dumme Spruch hinsichtlich der Maske, worauf ich erklärte, diese aus medizinischen Gründen nicht tragen zu müssen. Darauf forderte mich die Kassenfrau auf, einen Einkaufwagen zu nehmen. Der Einwand, es gehe schneller, gerade abzurechnen, ließ sie nicht gelten, so ging ich artig raus, einen Einkaufswagen zu holen. Die Kassiererin war jedoch nachgelaufen und stellte sich in den Eingang und verweigerte den Zutritt zum Laden. Ich fragte sie, ob sie sich bei so einem Gehampel wohlfühle, drückte ihr den Duschkopf in die Hand und erklärte ihr, zukünftig woanders zu kaufen.“150

„Ich bin heute einkaufen. An der Kasse kam es dann. Da hat eine Frau gerade mit einem Mann geredet. Und dann wurde sie lauter, schaut mich an und sagt: ‚Wegen solchen, wie der, haben wir das Problem immer noch!‘ Dann wandte sie sich zum Kassierer und sagte: ‚Und Sie machen nix?‘ Der Kassierer fragte mich, wieso ich keine Maske aufhabe und ich antwortete ‚Ich habe ein Attest!‘ Er nickte, lächelte und scannte weiter. Die Alte wollte keine Ruhe geben. ‚Ja bestimmt so ein Fake-Attest!‘ Dann bin ich hoch. ‚Wie fühlt man sich denn, wenn man solche Züge in sich hat?‘ ;Bitte?‘ ‚Gute Frau, können Sie mich nicht einfach selbst fragen? Ich habe ein ärztliches Attest von meinem Hausarzt!‘ ‚Aber Sie sehen gar nicht krank aus!‘ ‚Sie sehen auch nicht aus wie eine Denunziantin. So kann man sich täuschen. Hitler wäre stolz auf Sie!‘ Dann kam nichts mehr.“151

„Ich war hochschwanger und hatte schon ohne Maske Probleme gehabt, Luft zu bekommen. Mein Freund und ich wollten den einen Tag in aller Ruhe einkaufen gehen, und da ich dieses Problem hatte, bin ich einfach ohne Maske in den Lebensmittelmarkt rein. Ich dachte mir: ‚Cool, niemanden interessiert es, ob ich eine Maske trage oder nicht. Hoffentlich komme ich damit bis zum Schluss durch. Aber schon im Augenwinkel hab ich gesehen, dass ein großer schlanker Mann die ganze Zeit über mich beobachtete. Da mein Freund und ich uns getrennt hatten, da jeder für sich was suchte, stand ich alleine da. Ich bin durch sämtliche Gänge geschlichen, um diesen Kerl, der mich dann noch verfolgte, abzuwimmeln. Ich wusste ja, dass irgendwas nicht stimmt. Als ich dachte, ich bin den Typen los, konzentrierte ich mich also auf meinen Einkauf, bis dieser Mann mich ansprach. ‚Setzen Sie Ihre Maske auf!‘ Ich erwiderte sofort: ‚Sehen Sie nicht, dass ich hochschwanger bin und erstrecht Probleme habe, Luft zu bekommen?! Ich setze die Maske nicht auf!‘ Der Mann wurde etwas lauter und wiederholte sich. Ich wollte ihn stehen lassen und mit meinem Einkauf weitermachen, aber dieser Mann verfolgte und drängte mich solange, bis ich zu ihm sagte: ‚Kippe ich wegen diesem Mist um und meinem ungeborenen Kind passiert etwas, werde ich diesen Laden bis auf den letzten Krümel auseinandernehmen!‘ Und musste die Maske aufsetzen. Außerdem wollte ich weiteren Stress vermeiden, allein wegen meinem Kind. Meinen Freund hab ich erst Minuten nach dem Geschehen gefunden und der Typ war verschwunden. Habe ihn auch nicht wiedergefunden. Seitdem gehe ich auch nicht mehr in diesen Laden.“152

„Bei uns in der Firma wurde im Mai angeordnet, dass wir außerhalb des direkten Arbeitsplatzes in den Gebäuden diese Unterdrückungsmasken tragen sollten. Ich holte mir darauf ein Attest und nach der ersten Ansprache legte ich es meinem Abteilungsleiter vor. Der schrie mich richtig an. Wenn er was anordne, hätte ich zu gehorchen. Ich machte ihn auf die Rechtslage aufmerksam und nachdem er sich informiert hatte, sagte er nichts mehr. Ich dachte, damit sei alles erledigt. Aber nee. Plötzlich gingen alle möglichen Schikanen los. Irgendetwas hätte ich falsch gemacht, was nicht stimmte. Mein Verhältnis zu den Kolleginnen sei spannungsreich, was auch nicht stimmte. Eines Morgens zitierte mich der Abteilungsleiter zu sich und verlangte, dass ich mein „rechtradikales Abzeichen“ am Auto zu entfernen habe; so etwas dulde man auf dem Firmenparkplatz nicht. Ich überlegte, ob mir jemand einen Streich gespielt und etwas unbemerkt auf meinen Wagen geklebt hatte. Niemals war ich rechts oder radikal gewesen. Wir gingen dann zum Auto und der Abteilungsleiter zeigte auf einen Aufkleber mit einem Thorhammer. Den habe ich tatsächlich am Wagen, da ich nicht christlich bin, sondern an die germanischen Götter glaube. Ich erklärte ihm, dass das ein religiöses Zeichen ist. ‚So was benutzen aber auch Rechtsradikale.‘ ‚Rechtsradikale gehen auch in den Supermarkt, wenn Sie dort sind, trotzdem sind Sie deshalb noch kein Rechtsradikaler‘, konterte ich. Schließlich akzeptierte er mein Glaubensbekenntnis. Aber die Schikanen gingen weiter. Haarsträubende Dinge wurden gesucht. Im September erhielt ich dann die Erklärung, dass mein zum Jahresende auslaufender Vertrag nicht verlängert würde; es seien fachliche Gründe dafür entscheidend, nicht die Maskenbefreiung, hieß es offiziell. Jeder im Betrieb wusste, dass es wegen der Maskenablehnung war. Seitdem trägt hier jeder widerstandslos eine Maske, ich war also das Exempel, das statuiert wurde, um alle zu disziplinieren. Ab Januar bin ich arbeitslos, aber meine Würde habe ich behalten.“153

In der Masse kann der Einzelne jede Schweinerei begehen. Er selbst tut es ja nicht, er ist kein verantwortliches Individuum mehr. Die Verantwortung liegt bei der Masse, der er nur gehorcht. Klar, dass hinterher alle sagen konnten, sie hätten in der Nazizeit nicht mitgemacht. Dazu brauchte es jedoch keines Abzeichens und keiner Parteimitgliedschaft. Ein schrecklicher Charakter reicht, um sich in einer Masse ausleben zu können. Doch dadurch machen sie sich erst recht zum Helfershelfer von Unterdrückung und Boshaftigkeit.

Der zweite Grund ist für Le Bon, dass in der Masse sehr schnell Gefühle und Handlungen von der Masse auf die Einzelnen überspringen. „In der Masse ist jedes Gefühl, jede Handlung übertragbar, und zwar in so hohem Grade, dass der einzelne sehr leicht seine persönlichen Wünsche den Gesamtwünschen opfert. Diese Fähigkeit ist seiner Natur durchaus entgegengesetzt, und nur als Bestandteil einer Masse ist der Mensch dazu fähig.“154 „In der Masse sind wir keine Erwachsene.“155 Springt eine Aggressivität gegen Maskenverweigerer, Impfgegner oder wahllos ausgesuchte andere in die Masse, wird diese schnell übernommen und zur Gruppenaggressivität. Das ist der Grund, warum in so vielen Läden diese Menschen ausgegrenzt und diskriminiert werden.

Eine Dame erlebte Folgendes in einem Einkaufsmarkt: „Ich hatte meinen Einkauf erledigt und stand an der Kasse. Da kam eine Kassiererin zur anderen und meinte: ‚Du glaubst es nicht, schon wieder jemand, der mit dem Anwalt droht, nachdem ich ihn auf die Maskenpflicht aufmerksam gemacht habe. Es laufen nur Spinner umher!‘ Die andere rollte nur mit den Augen. Ich hab mir nur gedacht, dass die Verkäuferinnen selbst keine Maske tragen und schon vor Corona rumliefen wie sieben Tage Regenwetter. Ich wollte dieser Frau noch verbal eine drücken, habe es dann doch gelassen und gehe definitiv nicht mehr in den Laden. War ein großer Fehler.“156

„Ich war mit Maske in einem Baumarkt, kaufte aber nichts und wollte hinausgehen. Ich musste an der Warteschlange an der Kasse vorbei, wie man das so mit dem üblichen ‚Darf ich mal vorbei‘ so macht. Plötzlich stellte ein Mann seinen Wagen quer, sodass ich nicht weiterkam, und schrie mich an ‚Abstand halten!‘ Solche Frechheiten sind mir früher nicht geschehen.“

„Gestern in einem Laden. Ich beim Betreten gehe zwei Meter rückwärts … Bodenmarkierung übersehen. Oje. Da blafft die Verkäuferin: ‚Sie müssen Ihre Maske aufsetzen.‘

Ich: ‚Ich habe eine Befreiung.‘

Sie: ‚Sie brauchen einen Korb.‘

Ich: ‚Ich brauche keinen Korb.‘

Sie: ‚Das ist wegen der Anzahl.‘

Ich: ‚Ja, ja, das ist besonders wichtig in einem total leeren Laden.‘

Sie: ‚Ich mache nur meine Arbeit.‘

Ich: ‚Ja, das machen wir alle.‘

Sie zu der einzigen anderen Kundin im Laden: ‚Die sterben hoffentlich alle.‘

Ich: ‚Ich habe das gehört.‘

Sie: ‚Ja stimmt doch aber auch‘.“157

Der dritte Grund ist die Suggestibilität. „Wir wissen heute, dass ein Mensch suggestiv stark beeinflusst werden kann. „Sorgfältige Beobachtungen scheinen nun zu beweisen, dass ein einzelner, der lange Zeit im Schoße einer wirkenden Masse eingebettet war, sich alsbald… in einem besonderen Zustand befindet, der sich sehr der Verzauberung nähert, die den Hypnotisierten unter dem Einfluss des Hypnotiseurs überkommt … Ungefähr in diesem Zustand befindet sich der einzelne als Glied einer Masse … Unter dem Einfluss einer Suggestion wird er sich mit unwiderstehlichem Ungestüm auf gewisse Taten werfen. Und dies Ungestüm ist in den Massen noch unwiderstehlicher als bei den Hypnotisierten, weil die für alle Einzelnen gleiche Suggestion durch Gegenseitigkeit wächst. Die einzelnen in einer Masse, die eine hinreichend starke Persönlichkeit haben, um dem Einfluss zu widerstehen, sind in zu geringer Anzahl vorhanden.“158

Bei Corona haben wir es mit der größten Massensuggestion der Weltgeschichte zu tun. Der Begriff der Suggestion wird heute meist in der Hypnosetherapie verwendet, doch Suggestionen sind ein Phänomen, das uns täglich begegnet. Suggestionen sind eine manipulative Beeinflussung, die so vorgenommen wird, dass der Betreffende diese Manipulation gar nicht bemerkt. Dabei können sowohl Gedanken, Empfindungen oder Denkweisen so in das Unterbewusstsein geschleust werden, dass der Betroffene denkt, sie kämen von ihm selber.159 Man unterscheidet zwischen direkten Suggestionen (z. B. wenn ein Arzt sagt: „Gehen Sie spazieren, dann wird ihr Schnupfen besser!“) und indirekten Suggestionen (z. B. in der Werbung, wenn zu einem Produkt wunderschöne Urlaubsbilder mit harmonischer Musik gesendet werden, sodass sich positive Emotionen und Gedanken auf das Produkt übertragen). Geschickt angewendete Suggestion kann es ermöglichen, dass Leute Dinge tun, die gar nicht von ihnen ausgehen und sie dabei diese Fremdsteuerung gar nicht bemerken. Und das gelingt besonders über häufiges Wiederholen in den Medien. Massen werden damit in eine Richtung gelenkt.160

In der Masse kann sich also aufgrund der drei von Le Bon genannten Gründe die Individualität mit allen erworbenen geistigen Errungenschaften verlieren. Für ihn steigt der Mensch „allein durch die Tatsache, Glied einer Masse zu sein,… mehrere Stufen von der Leiter der Kultur hinab. Als einzelner war er vielleicht ein gebildetes Individuum, in der Masse ist er ein Triebwesen, also ein Barbar.“161 Siegmund Freud bezieht sich auf den Briten McDougall, der hinsichtlich der Massen sagte: „Die geringeren Intelligenzen ziehen die größeren auf ihr Niveau herab. Die letzteren werden in ihrer Betätigung gehemmt, weil die Steigerung der Affektivität überhaupt ungünstige Bedingungen für korrekte geistige Arbeit schafft, ferner weil die Einzelnen durch die Masse eingeschüchtert sind.“162 Genau das erleben wir in der Coronazeit.

Die Masse wird fast ausschließlich vom Unbewussten geleitet. Sie ist übermäßig beeinflussbar. „So muss die Masse, die stets an den Grenzen des Unbewussten umherirrt, allen Einflüssen unterworfen ist, von der Heftigkeit ihrer Gefühle erregt wird, welche allen Wesen eigen ist, die sich nicht auf die Vernunft berufen können, alles kritischen Geistes bar, von einer übermäßigen Leichtgläubigkeit sein. Sie denkt in Bildern, und das hervorgerufene Bild löst eine Folge anderer Bilder aus, ohne jeden logischen Zusammenhang mit dem ersten. Diesen Zustand verstehen wir leicht, wenn wir bedenken, welche sonderbaren Vorstellungsreihen zuweilen ein Erlebnis in uns hervorruft. Die Vernunft beweist die Zusammenhanglosigkeit dieser Bilder, aber die Masse beachtet Vernunft nicht und vermengt die Zusätze ihrer entstellenden Phantasie mit dem Ereignis. Die Masse ist unfähig, das Persönliche von dem Sachlichen zu unterscheiden. Sie nimmt die Bilder, die in ihrem Bewusstsein auftauchen und sehr oft nur eine entfernte Ähnlichkeit mit der beobachteten Tatsache haben, für Wirklichkeit.“163 „Welche Ideen den Massen auch suggeriert werden mögen, zur Wirkung können sie nur kommen, wenn sie in sehr einfacher Form aufzunehmen sind.“164

Es ist faszinierend zu sehen, wie dies während der Coronoia zutrifft. Unzusammenhängende Informationen, Bilder und Falschmeldungen werden für einen einzigartigen Angst- und Panikzustand eingesetzt, obwohl bei rationaler Betrachtung keine überdurchschnittliche Gefahr vorhanden ist. Vernunft spielt nicht nur keine Rolle, sondern die Betroffenen wollen auch gar keine rationale Analyse des Geschehens. Einer in totale Virenpanik geratenen Freundin versuchte ich lediglich die amtlichen Zahlen zu zeigen. Sie weigerte sich, überhaupt diese zur Kenntnis zu nehmen und darüber nachzudenken. Sie lief dann mit den Worten weg: „Aber ich höre doch Nachrichten. So viele Tote, so viele Tote“. Da lässt sich mit Verstand nicht rankommen. Und das wird nicht enden, bevor diese Menschen völlig auf die Nase gefallen sind, oder – hoffentlich – es schaffen, einen inneren Wachstumsschritt zu vollziehen. „Regierungen lieben Krisen, denn wenn die Menschen Angst haben, sind sie eher bereit, Freiheiten gegen das Versprechen aufzugeben, die Regierung werde sich um sie kümmern.“165 „Seit Ende Februar 2020 haben sie nun die Gewissheit, dass sie breite Massen mit der Herstellung von Angst jederzeit unter Kontrolle haben, sie psychologisch perfekt steuern und in lemminghaftes Panik-Verhalten versetzen können. Die Autoritätshörigkeit der Massen ist beklemmend, ebenso ihre angstgesteuerte Bereitschaft, auf alle bürgerlichen Freiheiten zu verzichten.166 Der ehemalige Leiter eines bayerischen Gesundheitsamtes, Friedrich Pürner, stellte fest: „Aufgabe der Politik wäre es: Ängste nehmen, nicht Panik schüren. Das Gegenteil ist der Fall: Wir haben eine Panikstimmung.“167

„Da die Masse das, was sie für Wahrheit oder Irrtum hält, keinen Zweifel setzt, andererseits ein klares Bewusstsein ihrer Kraft besitzt, so ist sie ebenso eigenmächtig wie unduldsam. Der einzelne kann Widerspruch und Auseinandersetzung anerkennen, die Masse duldet sie niemals. In den öffentlichen Versammlungen wird der leiseste Widerspruch eines Redners sofort mit Wutgeschrei und groben Schmähungen beantwortet, und wenn der Redner beharrlich ist, folgen leicht Tätlichkeiten, und der Redner wird hinausgeworfen.“168 Ein Herr aus Rheinland-Pfalz schilderte so einen wahren Horrortag. Erst ging er in eine Apotheke und wurde sofort angemahnt, eine Maske zu tragen. Auf seine Erklärung, er trage aus medizinischen Gründen keine Maske, kam sofort die rabiate Aufforderung, ein Attest vorzuzeigen. „Die stand da, wie ein Rottweiler!“ Gerade wollte eine andere Beschäftigte ihn hinter einer Plexiglasscheibe bedienen, tauchte der Apotheker auf und forderte ihn zum Verlassen der Apotheke auf, wobei er sich auf das Hausrecht berief. Der Kunde erklärte, er dürfe das nicht, da er nur ein eingeschränktes Hausrecht habe. Doch das interessierte den Ladeninhaber nicht. So ging der Kunde in ein benachbartes Lottogeschäft, wo er erneut auf die Maskenpflicht hingewiesen wurde. Sein Hinweis „Sie tragen ja auch keine Maske!“ wurde beantwortet mit „Ich stehe ja hinter einer Plexiglasscheibe!“ „Ich auch!“, antwortete der Kunde und brachte die Dame damit so in Verwirrung, dass sie den Lottoschein abrechnete. Nach so viel Theater betrat er nun eine andere Apotheke, wo das gleiche Szenario ablief. Dort erklärte er dem Apotheker: „Deswegen bin ich hier. Ich möchte eine Maske mit Beipackzettel, wo draufsteht, wie ich sie richtig anlege!“ „So etwas haben wir nicht. Nur 50er-Packungen, aber alle ohne Beipackzettel.“ Schmunzelnd verabschiedete sich der Herr, um beim Hereingehen in eine Tankstelle von hinten angebrüllt zu werden: „Maske!“. „Da stand ein zwei Meter großer Muskelmann.“ Wagemutig entgegnete er: „Hast du nicht alle Latten am Zaun, mich so zu erschrecken?“ Die Kassiererin lächelte vergnügt über diese Szene. Dann fuhr ein Streifenwagen vor und ein Polizist betrat ohne Maske den Tankstellenladen. Totenstill. Doch der Herr ging selbstbewusst auf den Zweimetermann zu und sagte: „Na, jetzt biste ganz leise, was?“ Dieser guckte ganz verdutzt und der Polizist lächelte ebenso vergnügt wie die Kassiererin.169

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