Kitabı oku: «Die Erde ist uns anvertraut»
Leonardo Boff
Die Erde ist uns anvertraut
Leonardo Boff
Die Erde ist uns anvertraut
Die Eine ökologische Spiritualität
Aus dem Portugiesischen übersetzt von Bruno Kern
Butzon & Bercker
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ISBN 978-3-7666-1355-4
E-BOOK ISBN 978-3-7666-4125-0
EPUB ISBN 978-3-7666-4126-7
© 2010 Butzon & Bercker GmbH, 47623 Kevelaer, Deutschland, www.bube.de
www.religioeses-sachbuch.de
Alle Rechte vorbehalten.
Umschlagfoto: © Clinton Friedman – getty images
Umschlaggestaltung: Christoph Kemkes, Geldern
Satz: Schröder Media GbR, Dernbach
Druck: Bercker Graphischer Betrieb, Kevelaer
Inhalt
Einleitung: Das Prinzip Erde
Erstes Kapitel: Die Lebensgeschichte der Erde
1. Wie die Erde entstand und Gestalt gewann
2. Die Besonderheit der Erde
3. Wie die Kontinente entstanden
4. Die schönste Ausdrucksgestalt: das Leben
5. Das menschliche Leben bricht sich Bahn
6. Die große Zerstreuung und die Zivilisationen
7. Die aktuelle Phase der Erdgeschichte: die Mundialisierung
Zweites Kapitel: Die Erde als Gaia und Gemeinsames Haus
1. Die Entdeckung der Erde
2. Gaia, die neue Weise, die Erde zu sehen
3. Die Verwüstungen, denen die Erde ausgesetzt war und ist
4. „Wir sind Erde, die empfindet und liebt.“ – Was bedeutet dieser Satz?
Drittes Kapitel: Die Bedrohungen, denen Gaia ausgesetzt ist
1. Die gekreuzigte Erde
2. Warnende Stimmen
3. Das Fallbeispiel Amazonien
Viertes Kapitel: Das Ende der Gattung Mensch?
1. Die Erde wird eines Tages verschwinden
2. Bedeutet der weltweit durchgesetzte Kapitalismus Selbstmord?
3. Reale Möglichkeit des Endes der Gattung Mensch
4. Konsequenzen des Verschwindens der Menschheit
5. Wer könnte uns in der Evolution des bewussten Lebens ersetzen?
6. Wie sieht die Theologie das mögliche Ende der Gattung Mensch?
Fünftes Kapitel: Die Option für die Erde und die Dringlichkeit der Ökologie
1. Die Ökologie als Antwort auf die Krise der Erde
2. Die unterschiedlichen Dimensionen von Ökologie
a) Umweltökologie: die Gemeinschaft des Lebens
b) Politische und soziale Ökologie: nachhaltige Lebensweise
c) Mentale Ökologie: ein neues Denken und ein neues Herz
d) Integrale Ökologie: Wir gehören dem Universum an
3. Kann uns die Nanotechnologie retten?
4. Die ökologische Ethik: Sorge und Verantwortung für den Planeten
Sechstes Kapitel: Ein neues Paradigma der Zivilisation
1. Überwindung des herrschenden Paradigmas
2. Das Paradigma und seine Grundzüge
3. Die Gemeinschaft des Lebens
4. Das Universum: Ausdehnung, Selbstschöpfung und Selbstorganisation
5. Das Paradigma der Komplexität und die Logik der Gegenseitigkeit
6. Hat das Universum eine geistig-spirituelle Dimension?
7. Der Gottespunkt im Gehirn
8. Das Ganze in den Teilen und die Teile im Ganzen
Siebentes Kapitel: Planetarische Ethik und Spiritualität
1. Tragödie oder Krise und Chance?
2. Ein neues Modell der Produktion, der Verteilung und des Konsums
3. Orientierungspunkte für eine notwendige Moralität
4. Spiritualität der Erde
Achtes Kapitel: Die Erdcharta: jenseits der Entzauberung
1. Wie die Erdcharta entstand
2. Die wichtigsten Inhalte der Erdcharta
3. Verständnis, Mitgefühl und Liebe zur Erde
a) Für die Gemeinschaft des Lebens in Verständnis sorgen
b) Für die Gemeinschaft des Lebens in Mitgefühl sorgen
c) Für die Gemeinschaft des Lebens in Liebe sorgen
4. Die Erdcharta: von Neuem bezaubert
Neuntes Kapitel: Praktische Vorschläge, um Gaia zu schützen
1. Veränderungen in unserem Denken
2. Veränderungen im alltäglichen Leben
3. Veränderungen in Bezug auf die Umwelt
4. Ökologische Ratschläge des Padre Cícero Romão
5. Ökologische Prinzipien eines Meisters und Weisen
Schluss: Feier der Mutter Erde
Anmerkungen
Literaturverzeichnis
Einleitung
Das Prinzip Erde
Niemals zuvor wurde so viel über die Erde gesprochen wie in jüngster Zeit. Man könnte fast meinen, die Erde sei erst vor Kurzem entdeckt worden. Die Menschen haben unglaublich viele Entdeckungen gemacht: Indigene Völker, die in noch nicht erkundeten Waldgebieten verborgen lebten, neue Lebewesen, ferne Länder und ganze Kontinente … Doch die Erde selbst ist nie wirklich entdeckt worden. Es bedurfte erst der Tatsache, dass wir die Erde verließen und sie von außerhalb sahen, um sie als Erde zu entdecken, als das Gemeinsame Haus und die Weltkugel, wie sie sich vom dunklen Hintergrund des Universums abhebt.
Dies geschah in den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts im Zuge der sowjetischen und nordamerikanischen Raumfahrten. Die Astronauten übermittelten uns Bilder, die man niemals zuvor gesehen hatte, und sie beschrieben sie mit bewegenden Worten. So sagten sie zum Beispiel: „Die Erde kommt einem wie ein Weihnachtsbaum vor dem dunklen Hintergrund des Universums vor“; „sie ist unbeschreiblich schön, leuchtend, blau-weiß, sie hat in meiner Hand Platz und ich kann sie mit meinem Daumen verdecken.“ (White 1987) Andere zeigten angesichts der Erde Gefühle der Ehrfurcht und Dankbarkeit, ja sie beteten sogar. Alle kehrten sie aus dem Weltall mit einer neu entfachten Liebe zum Gemeinsamen Haus, unserer guten, alten Erde, unserer Mutter, zurück.
Dieses Bild von der von außerhalb betrachteten Weltkugel wurde via Fernsehen in der ganzen Welt verbreitet und findet sich auf großen Postern in den Schulklassen. Es erweckt in uns ein Gespür für die Heiligkeit und schafft ein neues Bewusstseinsstadium. Aus der Perspektive der Astronauten, vom Weltall aus, bilden Erde und Menschheit eine Einheit. Wir leben nicht nur auf der Erde. Wir sind die Erde, die aufrecht geht, wie es der argentinische Dichter und Sänger Atahualpa Yupanqui ausdrückte (Galasso 1992, 102 und 184). Wir sind die Erde, die denkt, die Erde, die liebt, die Erde, die träumt, die Erde, die verehrt, die Erde, die sich um Andere sorgt. Wir gehören zu den vielen Söhnen und Töchtern, die die Erde hervorgebracht hat und die gemeinsam die große Gemeinschaft des Lebens bilden, angefangen von den Bakterien, den Pilzen, den Viren, den Pflanzen, den Fischen und den Tieren bis hin zu uns Menschen.
Doch in jüngster Zeit sind schwerwiegende Bedrohungen sichtbar geworden, die die Erde in ihrer Gesamtheit betreffen. Daher rührt die neuerliche Sorge um sie, denn sie ist die Vorbedingung von allem: Sie ist es, die die Existenz aller Lebewesen aufrecht erhält und allererst ermöglicht; sie ist die Grundbedingung aller unserer Vorhaben. Ohne die Erde ist nichts möglich (Hart 2006, 61 – 78). Doch die Erde ist nun erkrankt, weil sie Jahrhunderte lang die Aggression vonseiten der Gattung Mensch zu ertragen hatte – jenes Menschen, der zugleich homo sapiens (intelligent) und demens (dumm) ist. Beim Menschen handelt es sich um eine Gattung, die nur allzu oft bewiesen hat, dass sie zum Brudermord, zum Völkermord fähig ist, indem sie Menschen und ganze Ethnien ausgerottet hat, und die nun möglicherweise die Ökosysteme und das Leben vernichtet und auf tragische Weise auch die lebendige Erde selbst töten kann.
Die Daten, die der IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Changes, das heißt der wissenschaftliche Beirat der UNO zu Fragen des Klimawandels) im Zeitraum vom 2. Februar 2007 bis zum 17. November in Valencia veröffentlicht hat, machen uns bewusst, dass wir in eine neue Epoche der Erde eintreten, in die Phase der globalen Erwärmung, die plötzliche und irreversible Veränderungen bewirken wird. Diese Erderwärmung kann je nach Region zwischen 1,4 und 6 Grad Celsius schwanken. Im globalen Durchschnitt wird sie sich zwischen 2 und 3 Grad Celsius bewegen. Diese Erwärmung, die grundsätzlich etwas sein könnte, was der Physiologie der Erde eigen ist, hat sich in den letzten Jahrhunderten durch das Handeln des Menschen stark beschleunigt. Das menschliche Handeln ist nun ihre Hauptursache. Die klimatischen Veränderungen sind anthropogen, das heißt, der Mensch und der von ihm ins Werk gesetzte Industrialisierungsprozess, der nun schon drei Jahrhunderte andauert und seine Spuren in der Umwelt hinterlässt, sind deren Hauptverursacher.
Diese Veränderungen machen sich im Abschmelzen der Polkappen, in Taifunen, in länger anhaltenden Dürreperioden, verheerenden Überschwemmungen, im kontinuierlichen Rückgang der Artenvielfalt, in einer noch nie da gewesenen Wüstenbildung (die bereits 40 % des Bodens betrifft), in einer alarmierenden Trinkwasserknappheit und einer Zerstörung der Wälder bemerkbar. Wenn wir hier nichts unternehmen, erwartet uns ein trostloses Szenario: Das Leben von Millionen Menschen könnte ernsthaft bedroht sein.
So wie wir auf unverantwortliche Weise zur Zerstörung beigetragen haben, müssen wir nun dringend an der Regeneration der Erde arbeiten. Die Heilung der Erde fällt nicht vom Himmel, sie muss vielmehr das Ergebnis unserer Mitverantwortung und einer erneuten Sorge der gesamten Menschheitsfamilie sein (Colon 2007, 108 – 119). Deshalb bildet die Option für die Erde den neuen zentralen Bezugspunkt des weltweiten Denkens und der weltweiten historisch-gesellschaftlichen Praxis. So dramatisch die Situation auch ist: Wir glauben dennoch fest daran, dass der Mensch nach Millionen Jahren Evolutionsgeschichte nicht für ein solch tragisches Ende vorherbestimmt ist. Er hat keinen Grund, zum Satan der Erde zu werden, er kann vielmehr ihr Schutzengel sein. Seine Berufung ist es, für die Erde Sorge zu tragen wie jemand, der einen Garten – wie den Garten Eden – kultiviert (Boff 2002, 89 – 93). Dies ist die Lehre, die den ersten Seiten der Heiligen Schrift der Juden und Christen, die mit dem Buch Genesis beginnt, entnommen werden kann.
Angesichts dieser Situation ist die Erde tatsächlich zum großen Objekt der Sorge und Liebe der Menschen geworden. Sie ist nicht das physische Zentrum des Universums, wie man in der Antike und im Mittelalter annahm, doch sie wurde in den letzten Jahren zum Zentrum der Affektivität der Menschheit (Toolan 2001, 22 – 44). Wir haben keinen anderen Planeten, auf dem wir wohnen könnten. Hier haben wir uns entwickelt. Von hier aus betrachten wir das gesamte Universum. Hier lieben, weinen, hoffen, träumen wir und empfinden Ehrfurcht. Von der Erde aus beginnen wir unsere große Reise zum Jenseits, zum neuen Himmel und zur neuen Erde.
Allmählich entdecken wir, dass der höchste Wert darin besteht, das Weiterbestehen des Planeten Erde – des Erbes, das uns das Universum und Gott übereignet haben, um es zu behüten und zu vervollkommnen – sicherzustellen. Doch dieser Wert besteht auch darin, die physisch-chemischen, ökologischen und geistigen Bedingungen für die Selbstverwirklichung der Gattung Mensch, der gesamten Gemeinschaft des Lebens und jedes einzelnen ihrer Mitglieder so umfassend und solidarisch wie möglich zu garantieren (O’Murchu 2002, 197 – 206).
Aufgrund dieses neuen Bewusstseins sprechen wir vom Prinzip Erde, das eine neue Radikalität begründet. Jeder Wissenszweig, jede Institution, jede spirituelle und religiöse Tradition und jede einzelne Person müssen sich folgende Frage stellen: Was mache ich, um die gemeinsame Heimat, die Erde, zu erhalten und ihre Zukunft zu sichern, die aus dem bereits 13.700 Millionen Jahre alten Universum hervorgegangen ist und es wert ist, weiter zu bestehen? Auf welche Weise trage ich dazu bei, dass die Menschheit weiterhin am Leben bleiben, sich entwickeln und ihr weltweites Projekt verwirklichen kann? Das ist der Sinn unseres vorliegenden Buches „Die Erde ist uns anvertraut“: Die Lösung für die Erde fällt nicht vom Himmel.1
Die hier dargebotenen Überlegungen stehen in engem Bezug zum Hauptanliegen, das uns in den letzten Jahren beschäftigt und seinen Niederschlag in Vorlesungen, Tagungen und Artikeln gefunden hat (s. meine einschlägigen Zeitschriftenartikel und Bücher im Literaturverzeichnis).
All diese Überlegungen haben zum Ziel, eine neue Liebe und ein überwältigendes Gefühl der Ehrfurcht für die Erde zu erwecken. Diese Erde ist, wie wir weiter unten sehen werden, ein lebendiger Großorganismus, sie ist Gaia (griechisch: Erde), unsere gemeinsame Heimat, die Pacha Mama (Mutter Erde) unserer lateinamerikanischen Völker, die Mutter und Schwester des Franz von Assisi und von uns allen. Unser Schicksal ist an das ihre geknüpft. Und weil wir Erde sind, wird es ohne die Erde keinen Himmel für uns geben.
Angesichts der dramatischen Situation aufgrund der Klimaveränderungen scheint es uns dringend notwendig zu sein, das Prinzip Erde und die Option für die Erde zu betonen. Die Heilung der Erde wird das Ergebnis einer neuen Praxis sein, die von der Logik des Herzens, der Sorge, dem Mitleid, der Mitverantwortung, der empfindsamen Vernunft und der spirituellen Intelligenz geprägt ist. Diese Eigenschaften werden uns helfen, zu einem vernünftigen, solidarischen und demokratischen Umgang mit den Ressourcen und Gaben zu finden – sie alle sind endlich, einige sind erneuerbar und andere nicht –, die die Erde für die Gemeinschaft des Lebens bereithält.
Erstes Kapitel:
Die Lebensgeschichte der Erde
Die überwiegende Mehrheit der Menschen kennt nicht die Geschichte des Hauses, das sie bewohnt: der Erde. Sie kennt nicht einmal ihr eigenes unmittelbares ökologisches Umfeld. Sie weiß nicht, wie sich die Böden gebildet haben, wie alt die Berge ihrer Region sind, wie viele Tier- und Pflanzenarten das lebendige Ökosystem bilden. Sie kennt kaum die Geschichte der Menschen in der eigenen Gegend, weiß kaum, wer sie früher bewohnt hat, welche Helden, Künstler, Dichter, Heilige und Weise es dort gab. Wir alle sind mehr oder weniger ökologische Analphabeten, wissen nichts über den Ursprung der Erde und unsere eigenen Anfänge. Viele interessiert es nicht einmal, warum sie auf dieser Welt sind, was ihre besondere Stellung innerhalb der Gesamtheit der Lebewesen ist, und noch viel weniger beschäftigt sie die Frage, welches ihre Aufgabe angesichts des Universums und der Gemeinschaft des Lebens ist.
Nun, da die Erde und die Menschheit Gefahr laufen, großen Schaden zu nehmen, möchten wir dringend wissen, wie wir in diese Situation geraten sind. Doch zuvor ist es notwendig, die Biographie der Erde zu kennen und zu wissen, wie wir selbst aus ihrem Inneren, aus ihrem geheimnisvollen und aufnahmebereiten Mutterschoß hervorgegangen sind.
1. Wie die Erde entstand und Gestalt gewann
Im Folgenden möchten wir in knapper Form die Hauptabschnitte des Lebens der Erde beschreiben (vgl. Boff 1995; Brahic 2001; De Duve 1997; Hawking 1992, 2001; Küng 2007).
Zuerst gab es die Ursprungsquelle allen Seins, diesen unbenennbaren und praktisch unendlichen energetischen Hintergrund, der dem gesamten Universum und jedem einzelnen Wesen, das existiert, zugrunde liegt. Die Astrophyiker nennen das „Quantenvakuum“. Das ist eine in gewisser Weise unzutreffende Bezeichnung, denn das Vakuum, auf das man sich bezieht, ist alles andere als ein Vakuum im landläufigen Sinne. Es ist von einer unergründlichen und geheimnisvollen Energie erfüllt. Es ist das Zuvor des Zuvor, allem vorausliegend, was existiert und existieren kann, selbst dem Raum und der Zeit.
Zweitens: Aus diesem geheimnisvollen energetischen Hintergrund ging ein unendlich kleiner Punkt hervor, der jedoch von außerordentlicher Dichte und unvorstellbar heiß war. In ihm war alles in verdichteter Form da: Energie, Materie, Information, Raum, Zeit und praktisch alle Wesen, die später im Lauf der Evolution entstanden sind. Wir wissen nicht, warum, aber dieser Punkt dehnte sich aus, bis er schließlich die Größe eines Apfels erreichte, und explodierte mit einem Knall, der so gewaltig war, dass die Wissenschaftler sein entferntes Echo noch heute über die sogenannte „Hintergrundstrahlung des Universums“ vernehmen können. Dabei handelt es sich um eine Strahlung von äußerst niedriger Frequenz und konkret von drei Grad Kelvin.
Unmittelbar nach dieser großen Explosion entstanden Materie und Antimaterie zu praktisch gleichen Anteilen. Innerhalb einer Milliardstel Sekunde begann alles so weit abzukühlen, dass die ersten Elementarteilchen, die Quarks und die Antiquarks, entstehen konnten. Diese stießen nun miteinander zusammen und begannen sich gegenseitig zu zerstören. Sie setzten dabei ein energiehaltiges Photon frei. Die Symmetrie war aber nicht vollkommen. Innerhalb einer jeden Einheit von je einer Milliarde Quarks und Antiquarks gab es ein Quark zu viel. Und genau aus dieser überaus kleinen Restmasse bildete sich das gesamte Universum, das sich über eine riesige Ausbreitung von Gasen und daraus entstehender Materie entwickelte. In dem Maße, in dem es sich abkühlte, bildeten sich weitere Elementarteilchen wie die Protonen, die Neutronen, die Elektronen, die Positronen und die dunkle Materie. Aus der Verschmelzung dieser Elementarteilchen entstand das erste, einfachste Element, das Helium, das das gesamte Universum erfüllt. Es entstand Hunderttausende von Jahren vor dem Wasserstoff.
Die Ursprungsenergie, die einfach „Energie X“ genannt wird, entwickelte sich zu den vier Kräften, die dem gesamten Kosmos und jedem Wesen in ihm zugrunde liegen: Die Gravitation, die elektromagnetische Kraft, die starke und die schwache Kernkraft. Zusammen mit der Lichtgeschwindigkeit bilden diese vier Kräfte die kosmologischen Grundkonstanten. Sie alle wirken stets zusammen und verwandeln so das ursprüngliche Chaos in neue Ordnungen und komplexe Strukturen. So machen sie aus der Expansion einen Prozess der Evolution, der Entwicklung zu immer höherer Komplexität, Ordnung und Selbstorganisation (Autopoiese).
Drittens: Nach Abermillionen von Jahren verdichtete sich dieses erste Gas immer mehr. Es bildeten sich daraufhin die großen roten Sterne, die wie wahrhafte Hochöfen funktionierten, denn in ihrem Inneren herrschte ein andauernder Zustand der Blasenbildung und atomarer Explosionen. Daraus gingen die ersten physisch-chemischen Elemente hervor, die uns vom Periodensystem Mendelejews her bekannt sind, wie Kalzium, Schwefel, Silizium usw. Die roten Sterne leuchteten Abermillionen Jahre lang, dann hörten sie auf zu strahlen, und alle Elemente wurden aus ihrem Inneren in alle Richtungen hinausgeschleudert.
Viertens: Mit der Explosion bildeten sich im Universum auf unregelmäßige Weise unvorstellbar große Gaswolken, die sich aufgrund der Schwerkraft verdichteten und so zirka hundert Milliarden Milchstraßen und Milchstraßenhaufen entstehen ließen. Jede von ihnen umfasste etwa 200 Milliarden Sterne, in deren Innerem sich andere, schwerere Elemente bildeten, die für den heutigen Zustand des Universums wesentlich sind. Unsere Galaxie, die unter dem Namen „Milchstraße“ bekannt ist, hat eine Größe, die hunderttausend Lichtjahren entspricht.
Fünftens: Einer dieser Sterne ist von besonderer Art, denn er ist unsere kosmische Großmutter, der Vorfahr unserer heutigen Sonne. In seinem Inneren bildeten sich die übrigen Elemente wie Sauerstoff und Schwefel, die die Grundlage des Lebens bilden, Phosphor, der die Photosynthese ermöglicht, Kohlenstoff und Stickstoff, die für die Kombinationen, die den Strukturen des Lebens zugrunde liegen, für die Erbinformation, das Gedächtnis und das reflexive Bewusstsein fundamental sind. Auch dieser Stern explodierte, nachdem er Abermillionen Jahre lang geleuchtet hatte, und auch seine Elemente wurden über das gesamte Universum hinausgeschleudert. Ohne das Opfer seiner Existenz wären die Erde, das Leben allgemein und das menschliche Leben im Besonderen unmöglich gewesen.
Sechstens: Die riesige Gaswolke, die sich im Anschluss an die Explosion bildete und die voller Trümmer jeglichen Typs und jeglicher Größe war, wurde immer dichter, bis sie einen leuchtenden Stern bildete. So entstand vor fünf Milliarden Jahren die Sonne, wie wir sie heute kennen, die Herrscherin unseres Sonnensystems. Die Trümmer, die unter dem Namen Planetoiden bekannt sind, bildeten Haufen, aus denen schließlich die Planeten entstanden, die noch heute die Sonne umkreisen. Einer davon ist die Erde, die erst ca. 100 Millionen Jahre nach Bildung des Sonnensystems entstand.
2. Die Besonderheit der Erde
Die Erde ist im Vergleich mit den anderen Planeten des Sonnensystems etwas Besonderes, denn sie weist einige optimale Eigenschaften auf, die dafür sorgen, dass sie das sein kann, was sie heute ist. Sie hat die ideale Entfernung zur Sonne, um eine große Menge an flüchtigen chemischen Elementen anzuziehen bzw. zu bewahren und zu vermeiden, dass das Wasser verdampft. Wenn sie der Sonne näher wäre, wie etwa die Venus, hätten sie die Solarwinde verbrannt. Wenn sie, wie Jupiter oder Saturn, weiter weg von der Sonne wäre, dann bestünde sie hauptsächlich aus Gasen, Helium und Wasserstoff, und die physisch-chemischen Elemente wiesen nicht jene Dichte auf, die die Bildung einer Atmosphäre, der Ozeane, der Flüsse und der Gesamtheit der Faktoren ermöglichte, die die Biosphäre ausmachen – die Biosphäre als die geeignete Umgebung für das Leben in all seinen Formen.
Doch bis dahin bedurfte es einer Reihe von dramatischen Prozessen. Achthundert Millionen Jahre lang war die Erde in einem Schmelzzustand aufgrund ihrer ungeheuren Hitze, die von ihrem stellaren Ursprung herrührte und die noch durch Einschläge von Asteroiden und Meteoriten vergrößert wurde. Ein Teil von ihr löste sich ab und ermöglichte die Entstehung des Mondes. Als sich dank der geeigneten Entfernung von der Sonne die Erdoberfläche abkühlte, bildeten sich die für die Entstehung des Lebens in all seinen Formen nötigen Bedingungen heraus (Lovelock 1991).
Das Leben ist ein Teil der Evolution des Kosmos und gehorcht der Logik der Quantenphysik und den chemischen und physikalischen Gesetzen unter den Bedingungen hoher Komplexität und eines Zustandes, der weit entfernt ist vom Gleichgewicht. (Absolutes Gleichgewicht wäre der Tod). Wenn die Gravitation nicht das richtige Maß hätte und die Gesetze auch nur leichte Abweichungen von ihrer faktischen Geltung aufwiesen, dann wäre diese Art von Leben niemals entstanden.
Simulationen, die man unter höchst ausgeklügelten Versuchsanordnungen realisiert hat, legen es nahe, dass das Leben zwangsläufig entsteht, wenn eine Reihe von Aminosäuren, Proteinen und Nukleinsäuren ein bestimmtes Maß an Wechselwirkung und Komplexität erreichen (De Duve 1997).
Nachdem das Leben einmal entstanden war, schuf es sich die für seine Selbstentfaltung günstigsten Bedingungen. Wir können deshalb in Übereinstimmung mit James Lovelocks Gaia-Hypothese behaupten, dass die Biosphäre eine Schöpfung des Lebens selbst ist. Es entwickelt sich also eine Art Feedback: Das Leben bringt die Biosphäre hervor, und diese wiederum bringt das Leben hervor. Beide unterstützen sich gegenseitig darin, dass die Erde allen Formen des Lebens stets förderlich ist. Das Leben entwickelte sich innerhalb unserer Galaxie, des Sonnensystems und des Planeten Erde immer weiter, erreichte immer höhere Stufen von Komplexität, bis es als menschliches Leben hervorbrach, das heißt als ein mit Bewusstsein ausgestattetes, zur Liebe fähiges, fürsorgliches, der Synergie und der Wahrnehmung Gottes im Universum fähiges Leben. Das geschah vor etwa sieben Millionen Jahren. All diese Entwicklungen stellen auch für die Wissenschaften ein Geheimnis dar. Diese sind zwar in der Lage, zu beschreiben, wie diese Prozesse vonstatten gingen, doch den tieferen Grund ihres Ursprungs können sie nicht entdecken (Collins 2007, 70 – 71).
Möglicherweise gibt es ein inneres kosmologisches Prinzip, einen geheimnisvollen Impuls, der das gesamte Universum mitsamt allem, was in ihm existiert, nach vorne und nach oben bewegt, der ihm die Richtung zu immer höher entwickelten Formen von Ordnung, Komplexität und Bewusstheit vorgibt. Wohin wird dieser Prozess letztendlich führen? Die Wissenschaft hüllt sich in Schweigen. Die Religionen und spirituellen Weltanschauungen hingegen haben den Mut, eine Wette dafür einzugehen, dass dieser gewaltige Prozess einen Kulminationspunkt hat, einen „Punkt Omega“, der ins Innerste des großen Mysteriums hineinreicht, das Gott genannt wird.
Bereits vor 4,4 Milliarden Jahren erreichte die Erde ihre endgültige Gestalt mit den Größen, wie wir sie heute kennen: einem Radius von 6400 Kilometern und einem Erdumfang von ca. 40.000 Kilometern. Und sie wird von konzentrisch angeordneten Schichten, ähnlich einer Zwiebel, gebildet. Die äußerste Schicht bildet die aus Gasen bestehende Atmosphäre. Auf der Oberfläche gibt es die Hydrosphäre, die aus den Ozeanen, den Meeren und den Flüssen auf den Kontinenten besteht. Dann haben wir die aus dem Wasser ragenden Landmassen und den Meeresgrund. Dann kommt der Erdmantel, der etwa 70 % des Erdvolumens ausmacht, und 2900 Kilometer unter unseren Füßen befindet sich der Erdkern, der im Wesentlichen aus flüssigem Eisen und festem Nickel besteht (Morris 2001).
Dies ist nur eine oberflächliche, ich würde sogar sagen dürftige Beschreibung. In Wirklichkeit ist die Erde viel mehr: Sie ist das Zusammenleben und die gegenseitige Vernetzung all dieser Faktoren, die stets voneinander abhängig und auf eine solche Weise miteinander verbunden sind, dass sie aus unserem Planeten ein lebendiges und dynamisches System machen, das stets in Bewegung und in Entwicklung begriffen ist.
Während ihrer ganzen langen Geschichte hat sich die Erde im geologischen Sinn als äußerst aktiv erwiesen. Immer wieder brachen Vulkane aus oder es schlugen riesige Meteoriten ein, die riesige Krater auf der Erdoberfläche hinterließen, aber auch beträchtliche Mengen von Wasser und mineralischen Stoffen mit sich brachten. Einigen Forschern zufolge haben wir diesen Meteoriten die Moleküle zu verdanken, die die Grundlage für das Entstehen des Lebens bildeten (Collins 2007, 94 – 100).
3. Wie die Kontinente entstanden
Die Geologen und Paläontologen sagen uns, dass im Archaikum (das ist die älteste Epoche der Erdgeschichte von ihrer Entstehung vor etwa 4,4 Milliarden Jahren bis 2,7 Milliarden Jahre) die Kontinente noch nicht existierten. Vielmehr bedeckte das Wasser die gesamte Erdoberfläche, nur da und dort gab es riesige Vulkaninseln.
Vor etwa 3,8 Milliarden Jahren tauchten da und dort verstreut liegende große Landflächen auf, die ständig in Bewegung waren. Diese Landflächen vereinigten sich und produzierten so große Brüche, Seebeben und Verwerfungen. Eine Milliarde Jahre später hatten sich auf diese Weise bereits große Teile des Festlandes gebildet. Sie glitten auf einer Basaltschicht, veränderten ihre Lage, bis sie sich schließlich zu einem einzigen großen Kontinent vereinigten, dem man den Namen Pangäa gab. Fünfzig Millionen Jahre lang bewegte sich dieser Superkontinent frei über den Globus hinweg. Millionen Jahre später zerfiel Pangäa in Teile, und nach und nach traten an seine Stelle die Kontinente, wie wir sie heute kennen. Unter ihrer Oberfläche befinden sich die tektonischen Platten, die ständig aktiv sind, miteinander zusammenstoßen (und auf diese Weise Gebirge hervorbringen) oder sich überlagern bzw. sich in einer Bewegung, die man „Kontinentaldrift“ nennt, voneinander entfernen. Jedes Mal, wenn die tektonischen Platten aufeinanderstießen, löste das unvorstellbare Katastrophen aus, so wie auch vor 245 Millionen Jahren, als Pangäa auseinanderbrach. Dabei wurden 75 % bis 95 % der damals existierenden Lebewesen vernichtet.
Die Erde hat bereits mehrere große Massenvernichtungen der auf ihr existierenden Lebewesen erfahren. Zwei davon haben zu einer völligen Neuorganisation der Ökosysteme auf dem Festland und im Meer geführt. Die erste dieser Massenvernichtungen haben wir bereits beschrieben: Sie ereignete sich, als Pangäa auseinanderbrach und verschiedene Kontinente bildete. Die zweite fand vor 65 Millionen Jahren statt. Sie wurde von Klimaveränderungen, deutlichen Veränderungen des Meeresspiegels und dem Einschlag eines Meteoriten von etwa 9,6 Kilometern Durchmesser in Yucatan im Südosten Mexikos ausgelöst. Es brachen höllische Brände aus, unvorstellbar heftige Tsunamis (Seebeben) entstanden, zahlreiche giftige Gase breiteten sich aus und verursachten eine lang andauernde Verdunkelung der Sonneneinstrahlung. Die Dinosaurier, die 130 Millionen Jahre lang die Erde beherrscht hatten, verschwanden vollständig und erlitten damit dasselbe Schicksal wie 50 % aller lebenden Arten. Die Erde brauchte zehn Millionen Jahre, um sich zu erholen und ihre immense Artenvielfalt wiederzuerlangen. Doch da sie Gaia ist, das heißt ein lebendiger Großorganismus, verfügt sie über „Resilienz“2, das heißt eine große Fähigkeit, Einflüssen von außen standzuhalten und aus den Katastrophen Chancen entstehen zu lassen, um neue Formen des Lebens hervorzubringen und Anpassungen der Ökosysteme zu bewerkstelligen. Die eben geschilderte Katastrophe war der Ausgangspunkt dafür, dass den Säugetieren das Überleben ermöglicht wurde und dass schließlich der Mensch entstehen konnte.
Geologen und Biologen behaupten, dass eine weitere große Katastrophe in Gang sei. Ihnen zufolge habe sie vor 2,5 Mio. Jahren ihren Anfang genommen: Große Eisflächen begannen den Planeten zu bedecken und veränderten so das Klima und den Meeresspiegel. In dieser Zeit sei der homo habilis entstanden, der den Werkzeuggebrauch erfand (ein Stein, ein Stock …), um effektiver ins Naturgeschehen eingreifen zu können. Später, als er sich bereits zum homo sapiens sapiens weiterentwickelt hatte, legte er nicht nur eine unglaubliche schöpferische Kraft, sondern zugleich auch eine Zerstörungskraft von solchem Ausmaß an den Tag, dass er mit einem gewaltigen Meteoriten verglichen werden kann.
In den letzten drei Jahrhunderten hat der Mensch aufgrund eines verantwortungslosen und gedankenlosen Konsums eine systematische Zerstörung der Ökosysteme praktiziert. Er beschleunigt deshalb den Prozess der massenhaften Auslöschung der lebenden Arten in einem Tempo, das selbst den unerbittlichen Rhythmus der Natur bei Weitem übersteigt. Die „Treibhausgase“ (Kohlendioxid, Methan, Stickoxid, Wasserdampf und Ozon) sind die Hauptverursacher der globalen Erwärmung und der Klimaveränderungen, unter denen die Erde spürbar leidet.
Wir sind also von einigen Kräften abhängig, die sich unserer Kontrolle entziehen und die unsere Gattung vernichten können, so wie sie in der Vergangenheit bereits so viele andere Arten vernichtet haben. Doch das Leben selbst wurde niemals ausgelöscht. Nach jeder Vernichtung fand eine neue Genesis statt. Da die Intelligenz in erster Linie im Universum selbst angelegt ist und erst sekundär eine Qualität von uns Menschen ausmacht, kann man davon ausgehen, dass sie in anderen Lebewesen weiter existieren wird, die hoffentlich ein besseres Verhalten an den Tag legen als wir. Peter Ward, Geologe an der Universität Washington, meinte:
„Was spricht dagegen, dass einige Arten, die heute unbedeutend sind, zu Vorläufern irgendeiner großen Intelligenz werden, die Größeres vollbringt, und mehr Weisheit und Weitsicht an den Tag legt als wir? Wer hätte es denn vorhergesehen, dass die kleinen auf Bäumen lebenden Säugetiere, die vor 75 Millionen Jahren vor den Dinosauriern aus Furcht zitterten, eines Tages uns hervorbringen würden?“ (Ward 1997, 289) Hier liegt ein Grund dafür, warum wir alle Arten erhalten sollten: nicht, weil sie wirtschaftlich, medizinisch und wissenschaftlich für uns wertvoll sind, sondern wegen ihres evolutiven Potenzials, das sie möglicherweise enthalten. Die Zukunft der Intelligenz und des Bewusstseins kann anfanghaft in ihnen vorhanden sein.
Schließlich haben wir die Erde in ihrer bereits reifen Gestalt mit ihren heutigen Merkmalen vor uns: mit ihren Ozeanen und Flüssen, ihren Vulkanen, ihrer Atmosphäre, ihrer Flora und Fauna mitsamt deren immenser Artenvielfalt. Die verschiedenen Bestandteile (Felsen, Berge, Gewässer, Pflanzen, Tiere, Menschen und Mikroorganismen) sind einander nicht entgegengesetzt, sie alle sind vielmehr eng miteinander verknüpft und voneinander abhängig, sodass sie ein einziges komplexes und lebendiges System bilden. Dieses System ist Gaia; es weist ein so fein abgestimmtes Gleichgewicht seiner verschiedenen Bestandteile auf (Sauerstoffgehalt der Luft, Stickstoff im Boden, der Salzgehalt der Ozeane und die Gesamtheit der übrigen physisch-chemischen Elemente), wie es nur ein Lebewesen aufweisen kann. Innerhalb dieses komplexen und weitergehenden Prozesses bildet das Leben das erstaunlichste Phänomen, das auf unserem Planeten und möglicherweise innerhalb unserer Galaxie, der Milchstraße insgesamt, entstanden ist.
4. Die schönste Ausdrucksgestalt: das Leben3
Bis vor einiger Zeit hat man sich das Leben als etwas außerhalb des Entstehungsprozesses des Kosmos vorgestellt, als etwas Mirakulöses, das direkt von Gott kommt. Doch seit 1953, als Watson und Crick den genetischen Code entdeckten, wie er in der DNA von Zellen lebendiger Organismen vorhanden ist, änderte sich unsere Auffassung von der Entstehung des Lebens radikal. Es befindet sich nicht außerhalb des universalen Prozesses der Entstehung des Kosmos. Ganz im Gegenteil, es ist seine höchste Ausdrucksform. Die Forschung hat gezeigt, dass das Leben aus denselben physikalisch-chemischen Elementen besteht wie alle anderen Entitäten des Universums; sie organisieren sich in hoch komplexen Beziehungen zueinander. Alle lebenden Organismen verfügen über dasselbe grundlegende Alphabet: Zwanzig Aminosäuren und vier in den „Nukleotiden“ enthaltene Basen als Grundstoffe: Adenin, Cytosin, Guanin und Thymin. Wir alle sind Brüder und Schwestern, Cousins und Cousinen. Wir unterscheiden uns jedoch durch unterschiedliche Silbenkombinationen dieses lebendigen Alphabets (Watson 2005).
Zu Beginn der 70er-Jahre begriff man im Zuge der thermodynamischen und physikalische Chaosforschung (wir erinnern an dieser Stelle nur an einen bedeutenden Wissenschaftler dieser Richtung, an den im Jahr 2003 verstorbenen russisch-belgischen Wissenschaftler Ilya Prigogine), dass das Leben auf einer sehr hohen Komplexitätsstufe der Materie und im Zusammenhang mit Turbulenzen und chaotischen Verhältnissen der Erde selbst entsteht. Das Chaos ist niemals nur chaotisch. Von Anfang an, seit dem Urknall, erweist es sich als produktiv, indem es immer komplexere und höhere Ordnungen hervorbringt. Das Leben ist eine Ausdrucksform dieser Organisation des Chaos. Es stellt die Selbstorganisation der Materie dar, wenn diese sich in einem Zustand außerhalb ihres Gleichgewichts befindet. Durch das Leben überwindet die Materie das Chaos, findet zu einem neuen dynamischen, sich selbst organisierenden und sich selbst regenerierenden Gleichgewicht. Sobald ein bestimmter Grad an Komplexität erreicht ist, entsteht das Leben als kosmischer Imperativ, wie dies der Mediziner, Biologe und Nobelpreisträger C. De Duve so unübertrefflich zum Ausdruck gebracht hat (Duve 1997).
Das Leben bricht überall dort im Universum hervor, wo diese Komplexitätsstufe erreicht ist. Das Leben ist die schönste uns bekannte Kreatur des Universums, das entzückendste Kind, das die Evolution jemals hervorgebracht hat, es ist stark und zärtlich zugleich, zerbrechlich und dennoch bis heute unzerstörbar.
Es geschah vor ungefähr 3,8 Millionen Jahren, möglicherweise in den Tiefen eines Urozeans oder in einem der alten Sümpfe auf diesem winzigen Planeten Erde innerhalb eines Sonnensystems von nur einem winzigen Bruchteil der Größe der Galaxie in einem ihrer Winkel (29.000 Lichtjahre von ihrem Zentrum entfernt, im Inneren des Orion-Spiralnebels): Die erste lebendige Zelle brach hervor, ein Urbakterium, das Aries genannt wurde. Es ist die Mutter aller Lebenden, die wahre Eva, denn von ihm ausgehend entwickelten sich alle Lebewesen, auch die Menschen.
Mit dem Entstehen dieses Neuen beginnt ein äußerst intensiver Dialog zwischen dem Leben, der Sonne, der Erde mit all ihren Elementen und mit dem ganzen Universum. Die Erde arbeitet ebenso mit dem Leben zusammen wie umgekehrt. Wie James Lovelock mit seiner Gaia-Theorie aufzeigte, ist die Atmosphäre zum großen Teil eine Schöpfung des Lebens selbst, das sich die geeigneten Bedingungen dafür schuf, dass sich sein Umfeld reproduzieren und erweitern kann. Langsam hörte die Erde auf, Erde zu sein, und wurde zu Gaia. James Lovelock definiert sie folgendermaßen: „Gaia ist ein evolvierendes System, bestehend aus allem Lebendigen und seiner Oberflächenumwelt, den Meeren, der Atmosphäre, dem Krustengestein … ein System, das aus der gemeinsamen und wechselseitigen Evolution der Organismen und ihrer Umwelt im Laufe der Entwicklungszeitalter des Lebens auf der Erde hervorgegangen ist. In diesem System geschieht die Regulation von Klima und chemischer Zusammensetzung völlig selbsttätig. Die Selbstregulation bildet sich mit der Evolution des Systems heraus … Das Leben oder die Biosphäre regelt oder stabilisiert das Klima und die Zusammensetzung der Atmosphäre so, wie sie für den eigenen Bestand optimal sind.“ (Lovelock 1991, 11)
Ausgehend von den Studien des deutschen Physikers Winfried Otto Schumann stellte man auch fest, dass die Erde von einem komplexen System elektromagnetischer Wellen umgeben ist. Es entsteht aus der Interaktion zwischen der Sonne, der Erde (ihren Böden, dem Magma, den Gewässern, den Ökosystemen) und dem unteren Teil der Ionosphäre in etwa 55 km Höhe. Es produziert – von einigen Abweichungen abgesehen – eine mehr oder weniger konstante Resonanz von 7,8 Hertz, die auch Schumann-Resonanz genannt wird. Dies entspricht der Frequenz, die vom Gehirn von Säugetieren, auch des Menschen, ausgeht. Es ist, als würde der Herzschlag der Erde als Schrittmacher alle Verhältnisse ins Gleichgewicht bringen, die das Leben aufrechterhält. Dieses Gleichgewicht ist von grundlegender Bedeutung für die Meteorologie, für die Folge der Jahreszeiten, das Leben der Vulkane, den Rhythmus der Ozeane und die Bewegung der tektonischen Platten.
Es gibt nicht wenige Wissenschaftler, die in Übereinstimmung mit diesen Tatsachen behaupten, dass das Gleichgewicht der Herztätigkeit und das emotionale Gleichgewicht der Lebewesen, besonders der Menschen, von der Schumann-Resonanz abhängig sei. Wir haben es hier jedenfalls mit einem Hinweis mehr darauf zu tun, dass die Erde tatsächlich einen lebenden Gesamtorganismus bildet: Gaia. Doch zu Beginn der Achtzigerjahre des 20. Jahrhunderts änderte sich dieser Rhythmus. Von 7,8 Hertz beschleunigte er sich auf 11 und bis zu 13 Hertz. Das Herz der Erde begann zu rasen. Möglicherweise ist die Veränderung der Magnetresonanz eine der Ursachen für Naturkatastrophen, Klimaveränderungen, ja sogar der Zunahme von gesellschaftlichen Konflikten auf der ganzen Welt.
Innerhalb von mehr als drei Milliarden Jahren brachte die Erde eine riesige Vielzahl von Viren, Bakterien, Protozoen, Pilzen, Pflanzen und Tieren hervor. Aufgrund der zahlreichen Krisen, die sie durchmachte und die zu Massenvernichtungen führten, verschwand der größere Teil dieser Arten wieder. Vielleicht blieb nur 1 % erhalten. Und selbst das ist noch viel. Man schätzt, dass es 5000 Arten von Bakterien, 100.000 Arten von Pilzen, 300.000 verschiedene Baumarten und 850.000 verschiedene Arten von Insekten gibt. Niemand weiß das genau. Die Biologen vermuten 30 Millionen verschiedener Arten insgesamt.
Mit dem Auftreten des Menschen nach dem Verschwinden der Dinosaurier gab es eine Vermehrung der Arten wie niemals zuvor in der Evolutionsgeschichte. Die Erde glich tatsächlich einem Paradies und einer wunderbaren Wiege. Plötzlich, ohne dass wir wissen, warum, wurde der Planet, der durch das Chlorophyll völlig grün war, bunt. Ein Frühling voller bunter Blüten brach herein. Genau zu diesem Zeitpunkt erschien auf der Welt das komplexeste, das zerbrechlichste, das am stärksten auf andere bezogene und deshalb das Lebewesen, das mit der größten Fähigkeit zu widerstehen ausgestattet ist: der Mensch, Mann und Frau. Niemand fasste dieses Wunder des Universums besser in Worte als die alte Weisheit der Mayas, eines der Ursprungsvölker Mexikos: „Dass es hell werde, dass das Morgenrot erstrahle im Himmel und auf Erden! Es wird weder Ruhm noch Größe geben, bis die menschliche Kreatur, der gestaltete Mensch ins Leben tritt.“ (Popol Vuh)
5. Das menschliche Leben bricht sich Bahn
Gleichsam als ein Unterkapitel des Lebens tauchten vor etwa 75 Millionen Jahren, als Nordamerika, Grönland und Europa noch einen einzigen Kontinent bildeten, die ersten Affen auf, entfernte Vorfahren des Menschen. Diese kleinen Tiere, die etwa so groß waren wie Mäuse, ernährten sich von Blütenpflanzen, und nicht mehr nur von Insekten wie ihre Vorfahren. Da sie die Bäume hinauf- und hinunterklettern mussten, entwickelten sie die oberen Gliedmaßen. Die Pfote wies einen Finger auf, der in Opposition zu den anderen stand (den Daumen), was es diesen Tieren ermöglichte, etwas zu ergreifen, zum Beispiel eine Frucht oder einen Stein.
Als sich diese Affen weiter entwickelten, tauchten vor etwa 35 Millionen Jahren die ersten Primaten auf, die gemeinsamen Vorfahren der Menschen und der großen Menschenaffen. Sie waren immer noch recht klein und hatten etwa die Größe einer Katze. Sie lebten isoliert in Afrika, wo sie sich den klimatischen Veränderungen – zum einen der großen Trockenheit und zum anderen den vermehrten Niederschlägen und der Ausdehnung der Wälder – anpassten.
Diese Primaten entwickelten sich und wurden größer. Es tauchten die großen afrikanischen Affen auf, die Schimpansen und Gorillas. Vor etwa 7 Millionen Jahren vollzog sich eine Aufspaltung von entscheidender Konsequenz: Auf der einen Seite gab es weiterhin die Schimpansen (sie haben mit uns 99 % der Gene gemeinsam), und auf der anderen Seite entstand der Australopitecus, ein Primat auf dem Weg zur Menschwerdung. Diese Aufspaltung verdankt sich einem geologischen Unfall. Das Gebiet des heutigen ostafrikanischen Grabensystems (Great Rift Valley) stürzte ein: Es entstand ein riesiger Spalt von 6000 Kilometern. Auf der einen Seite befanden sich die tropischen Regenwälder, die gut bewässert waren und wo die höheren Primaten einen angenehmen Lebensraum hatten. Auf der anderen Seite regierten die Trockenheit und die Savanne, und dort befand sich der Australopitecus (Lagney 2002). Diese Veränderung der Umwelt verursachte zwei Evolutionstypen. Im Regenwald existierten nach wie vor die Primaten, Gorillas und Schimpansen. Sie mussten sich kaum anpassen, denn sie lebten in ihrer Umwelt in einer biologischen Siesta. Die anderen waren zur Trockenheit verdammt und mussten Fertigkeiten für das Überleben entwickeln. Sie bedurften der Intelligenz und der Strategie. Die biologische Basis ihrer Arterhaltung war ein höher entwickeltes Gehirn. Sie gingen auf ihren Füßen, um weiter sehen zu können, und sie zwangen sich, alles zu fressen, was sich ihnen darbot (sie sind Allesfresser).
Wie man aus den Knochen von Lucy, einer jungen Frau, die 1974 in Äthiopien entdeckt wurde, ersehen kann, wiesen sie bereits vor drei bis vier Millionen Jahren die Merkmale der Humanoiden auf.
Im Verlauf der Evolution fand ein in höchstem Maß beschleunigter Prozess der Entwicklung des Gehirns statt. Ab einem Zeitpunkt von vor 2,2 Millionen Jahren tauchten nach und nach der homo habilis, erectus und sapiens auf, der bereits in vollem Sinne Mensch war. Es handelte sich um soziale Lebewesen, die sich kooperativ verhielten und sprachen. Wenn sie jagten, aßen sie die Beute nie allein, sondern teilten sie mit Ihresgleichen, angefangen von den Jüngsten bis hin zu den Ältesten.
Im Verlauf von einer Million Jahren verdoppelte sich die Gehirnmasse dieser drei Menschentypen (habilis, erectus und sapiens). In den darauf folgenden eine Million Jahren, in denen der homo sapiens herrschte, wuchs das Gehirn nicht mehr. Das war nicht mehr nötig, denn es wuchs das äußere Gehirn, die künstliche Intelligenz, das heißt die Fähigkeit, zu wissen, Werkzeuge und Kunstgegenstände herzustellen, die Welt zu verändern und Kultur zu schaffen: Dieses Merkmal zeichnet einzig und allein den homo sapiens aus.
Er besitzt kein spezialisiertes Organ. Deshalb ist er, biologisch gesehen, ein Mängelwesen: Er muss den Austausch mit der Natur vollziehen und in diese eingreifen, um zu überleben. Er erweitert seine Sinne mit Hilfe von Techniken, selbst wenn es sich um die rudimentärste handelt, und auf diese Weise entsteht die Sphäre der Kultur. Die Kultur ist das Ergebnis der Aktivität des Menschen in Bezug auf die Natur und in Bezug auf sich selbst, entweder, indem er sich ihr anpasst, oder, indem er die Natur seinen Bedürfnissen entsprechend gestaltet. Dies vollzieht sich immer in einem spannungsreichen Dialog, der nicht immer ausgewogen ist.
6. Die große Zerstreuung und die Zivilisationen
Kaum waren die Menschen aus der Evolutionsgeschichte hervorgegangen, begann ihre Zerstreuung. Von Afrika aus breiteten sie sich über Eurasien, in den Orient und nach Amerika aus und kamen schließlich nach Ozeanien und Polynesien. Zu Ende der Altsteinzeit vor etwa 40.000 Jahren bewohnten sie bereits den gesamten Planeten. Die Bevölkerung erreichte eine Größe von einer Million Menschen. In der Jungsteinzeit, zwischen 10.000 und 5000 v. Chr., fand die Revolution des Ackerbaus statt, eine der größten Umwälzungen in der Geschichte der Menschheit. Die Menschen zähmten Tiere, züchteten Saatgut, führten Bewässerungen durch und schufen die ersten Siedlungen. Zu dieser Zeit gab es etwa fünf bis zehn Millionen Menschen auf dem Planeten.
Seit etwa 3500 v. Chr. entstanden die großen klassischen Zivilisationen der Sumerer in Mesopotamien und zur gleichen Zeit am Nil in Ägypten und der Hindus in Indien. Es entstanden die Kulturen Chinas, der Olmeken und Tolteken in Mittelamerika, der Griechen und Römer in Europa und viele andere. Um 1500 v. Chr., als diese Periode zu einem Abschluss kam, gab es 500 bis 600 Millionen Menschen auf der Welt.
Ab dem 15. Jahrhundert unserer Zeitrechnung bildeten sich die modernen Nationalstaaten, die mittels Grenzen voneinander getrennt sind und sich häufig bekriegen. Im 18. Jahrhundert beginnt die industrielle Revolution, die das Verhältnis des Menschen zur Natur veränderte, denn nun unterwirft er sie seinen Interessen ohne Rücksicht auf den Eigenwert der unterschiedlichen Lebewesen und deren Verhältnis zueinander. Die industrielle Revolution findet ihren Höhepunkt in der Informationsgesellschaft mit ihrer technischen Durchdringung der gesellschaftlichen Beziehungen, mit der atomaren und kybernetischen Revolution und in jüngster Zeit mit einer neuen Art von Technik, die alles verändern könnte: der Nanotechnologie. Unsere Zeit ist auch die Zeit der Eroberung des Weltraums zur Erforschung unseres Sonnensystems und der Weiten des Kosmos. In dieser Phase brachte der Mensch das Prinzip der Selbstzerstörung hervor. Er erweist sich nicht nur als homo sapiens sapiens. Er kommt einem ebenso wie ein demens demens vor. Er besitzt bereits 83 % der Erdoberfläche, bedroht alle Gleichgewichte und alle Arten und führt sich in einigen Fällen wie der Satan des Lebens auf. Er verschaffte sich die Mittel, um die Biosphäre schwer zu schädigen und sich selbst zu zerstören. Zur gleichen Zeit aber setzt er dieser Unvernunft das Prinzip der Fürsorge, der Mitverantwortlichkeit und des Mitleids entgegen. Mit Hilfe dieser Qualitäten nimmt er sein eigenes Geschick, das mit dem der Erde untrennbar verbunden ist, in einer Perspektive der Selbstbeschränkung und der Kontrolle der Zerstörungsmechanismen an. Vom möglichen Satan der Erde verwandelt er sich in deren Schutzengel, einem dem Leben gegenüber guten und wohltuenden Engel. Seine Aufgabe ist es, der Hüter der Natur und der Gärtner des irdischen Paradiesgartens Eden zu sein.
7. Die aktuelle Phase der Erdgeschichte: die Mundialisierung
Trotz der Verwurzelung in ihren jeweiligen Kulturen und Nationalstaaten unternahmen die Menschen unablässig Expeditionen über den gesamten Planeten. Und mit ihnen zogen ihre Bazillen, ihre Krankheiten, ihr Saatgut, ihre Tiere, ihre Bräuche und Weltanschauungen. Unter den Menschen fand immer eine große Vermischung statt. Es gibt keine Rassen, schon gar keine reinen Rassen. Die Gene jeglicher Herkunft vermischten sich, ohne zu verschmelzen. Alle Menschen sind Mischlinge. Dies ist das ständige Ferment einer Globalisierung, wie sie immer stattfindet.
Doch von 1492 an begann ausgehend vom Westen ein überaus großer Expansionsprozess. Columbus brachte den Europäern Kenntnis von der Existenz anderer bewohnter Kontinente mit völlig anderen Kulturen – den Kulturen Amerikas, das er bis ans Ende seiner Tage für Indien hielt. Fernão de Magalhães trat den Beweis dafür an, dass die Erde tatsächlich rund ist und dass jeder beliebige Ort von jedem beliebigen anderen Ort aus erreicht werden kann. Die Hegemonialmächte des 16. Jahrhunderts, Spanien und Portugal, entwickelten zum ersten Mal ein Projekt von weltweiter Dimension. Sie dehnten ihren Einfluss nach Afrika, Asien und Amerika aus. Sie verwestlichten die Welt (Ianni 1966; Touraine 2006).
Dieser Prozess fand seine Fortsetzung im 19. Jahrhundert mit dem westlichen Kolonialismus, der mit Feuer und Schwert die gesamte bekannte Welt den kulturellen, religiösen und vor allem kommerziellen Interessen der Kolonialmächte unterwarf. Dies alles wurde unter extremer Gewaltausübung und Verbreitung von Terror unter den unterlegenen Völkern vorangetrieben. Gewehr und Kanone sprachen lauter als Vernunft und Religion. Der europäische Westen erwies sich als die Hyäne der Völker. Wir, die wir im äußersten Westen leben, sind schon in einer globalisierten Welt geboren und wissen aus eigener Erfahrung, was Globalisierung bedeutet, die als Globokolonialisierung empfunden und erlitten wird.
Die einzelnen Länder haben sich nicht als Nationen konstituiert, die in Gemeinschaften von Bürgern mit einem Sinn für Rechte und Pflichten ihre Grundlage haben; sie wurden vielmehr zu Unternehmen mit weltweitem Aktionsradius gemacht, deren einzige Funktion darin bestand, die natürlichen Reichtümer auszubeuten und sie in die europäischen Märkte zu exportieren. Auf diese Weise (so haben es einige Politikwissenschaftler wie Luiz Gonzaga de Souza Lima, Darcy Ribeiro und Evaldo Cabral de Mello aufgezeigt) entstand zusammen mit dem Nationalstaat der internationalisierte Wirtschaftsstaat als seine tatsächliche Wirtschaftskolonie. Brasilien weist bis heute Spuren dieser Struktur auf. Sie werden in einer geschwächten Souveränität, einem blutleeren staatsbürgerlichen Bewusstsein, einer Beherrschung der Politik durch eine international verflochtene Ökonomie und einer Unterwerfung unter die Interessen der wirtschaftlich und politisch dominierenden Industrienationen (der Länder des „Zentrums“) sichtbar.
Dieser Prozess erreichte seinen Höhepunkt in der Mitte des 20. Jahrhunderts mit der hegemonialen Ausbreitung der USA. Technik und Wissenschaft, die so viele Erleichterungen mit sich brachten, werden nun als Instrument der Beherrschung und Bereicherung eingesetzt. Die transnationalen Konzerne kontrollieren die nationalen Märkte. Eine westliche Einheitskultur löst die regionalen Kulturen auf. Eine einzige Produktionsweise, nämlich die kapitalistische, gewinnt die Oberhand. Ihre Grundlage ist das Konkurrenzprinzip, und so zerstört sie die gesellschaftlichen Bindungen und die Formen der Kooperation. Das einzig gültige, neoliberale Denken breitet sich über alle Teile der Welt aus und entwertet jede Andersheit und jede Alternative. Das Schlimmste daran ist, dass aus der Erde eine Handelsbank gemacht wird, die alles zur Ware macht. Metalle, Pflanzen, Saatgut, Wasser, Gene – alles wird verkauft und zu etwas gemacht, aus dem man Profit schlagen kann. Die Eigenständigkeit und Subjektivität Gaias werden nicht respektiert. Unsere eigenen irdischen Wurzeln und unser Ursprung werden verleugnet, denn als Menschen kommen wir aus der Erde, aus dem Humus, der fruchtbaren Erde. Als Söhne und Töchter Adams (der Name „Adam“ bedeutet Sohn der Erde) entstammen wir dem fruchtbaren Ackerboden (auf hebräisch adamah).
Dies ist das Eisenzeitalter der Globalisierung, das wir auch nach dem Tyrannosaurus benennen können. Wir bezeichnen es als solches, weil es in seiner Vernichtungstendenz eine Analogie zum Tyrannosaurus aufweist, dem gefräßigsten aller Dinosaurier. Tatsächlich prägt die Wettbewerbslogik des Marktes ohne jede Spur von Kooperation dem herrschenden Globalisierungsprozess den Stempel der Gnadenlosigkeit auf. Sie grenzt etwa die Hälfte der Menschheit aus. Sie saugt das Blut der Ökonomien der schwachen und rückständigen Länder aus und gibt Abermillionen von Menschen dem Hunger und der Ohnmacht preis. Sie richtet ökologischen Schaden in solchem Maße an, dass sie die Biosphäre gefährdet, denn sie verschmutzt die Luft, vergiftet die Böden, kontaminiert die Gewässer und durchsetzt die Lebensmittel mit Chemikalien. Sie legt ihrer dinosauriergleichen Gefräßigkeit keine Zügel an und stellt sich nicht der Realität, dass das Projekt Mensch auf dem Planeten nicht mehr möglich sein wird. Sie nimmt lieber das Risiko des Todes in Kauf als den Rückgang ihres materiellen Gewinns. Der französische Genetiker Albert Jaquard hat dies treffend angeprangert: „Das Ziel einer Gesellschaft ist der Austausch. Eine Gesellschaft, deren Hauptantriebskraft der Wettbewerb ist, ist eine Gesellschaft, die mir den Selbstmord nahelegt. Wenn ich gegen den anderen in Wettbewerb trete, kann ich mich mit ihm nicht austauschen, ich muss ihn eliminieren, zerstören.“ (2004)
Dieser skandalöse und perverse Prozess hat dazu geführt, dass nur 20 % der Menschheit 80 % der Ressourcen und natürlichen Reichtümer konsumieren. Fünfhundert große Unternehmen vereinigen 52 % des Reichtums des Planeten auf sich. Das entspricht dem Bruttoinlandsprodukt der 135 ärmsten Länder. Niemals hat man auf der Erde ein solches Übermaß an Ungleichheit und sozialer Ungerechtigkeit gesehen. Jedes Jahr vermehrt sich die Zahl der Slumbewohner um 25 Millionen. Sie geben dem ganzen Planeten nach und nach ein elendes, heruntergekommenes und „verslumtes“ Aussehen (Davis 2006). Dieses auf Ausgrenzung beruhende Modell von Globalisierung (in Brasilien gibt es 120.400 Millionäre neben mehr als 50 Millionen Armen!) läuft Gefahr, die Menschheit in zwei Teile aufzuspalten: Auf der einen Seite sind die Nationen, die im Überfluss leben, im materiellen Konsum ersticken und gleichzeitig im spirituellen und menschlichen Sinne erschreckend arm sind. Sie nehmen alle Wohltaten der Technik und Wissenschaft für sich in Anspruch. Auf der anderen Seite gibt es die großen Massen, die ihrem eigenen Schicksal überlassen und der Barbarei ausgeliefert werden. Sie dienen der Produktionsmaschine als Brennstoff, sind zu einem Tod vor der Zeit verdammt, leiden unter chronischem Hunger, unter den Krankheiten der Armen und unter der allgemeinen Verschlechterung des Zustandes der Erde.
Das alles zeigt, dass dieses System ökonomisch gesehen gescheitert ist und von einer stärker integrierenden Alternative abgelöst werden muss. Es gibt tausend Gründe, uns dieser Art von Globalisierung zu widersetzen. Sie darf nicht von Dauer sein, wenn es uns um die Zukunft der Menschheit geht.
Trotz der aufgezeigten Widersprüche leistet die Globalisierung des Eisenzeitalters einen unverzichtbaren Beitrag zur Globalisierung in einem weiteren Sinne. Sie schafft die Infrastruktur und die materiellen Voraussetzungen für die anderen Formen der Globalisierung: Sie hat die großen weltweiten Kommunikationskanäle hervorgebracht, sie hat das Netz von Handels- und Finanzbeziehungen geschaffen, sie hat den Austausch zwischen allen Völkern, Kontinenten und Nationen gefördert. Ohne diese Voraussetzungen wäre es unmöglich, von Globalisierungen ganz anderer Art zu träumen. Sie gingen immer mit der Ökonomie einher, ohne jedoch die Hegemonie innezuhaben. Nun, nachdem die materielle Globalisierung geschaffen ist, muss sich die menschliche Globalisierung ihrer innerhalb eines größeren und umfassenderen Rahmens bedienen und die Vorherrschaft anstreben. Sie vollzieht sich gleichzeitig auf mehreren Ebenen: der anthropologischen, der politischen, der ethischen und der spirituellen. Dies sind die anderen Formen der Globalisierung, die zur Zeit nicht die Oberhand haben. Doch unser Überleben auf der Erde hängt davon ab, ob es uns gelingt, dafür zu sorgen, dass diese anderen Formen der Globalisierung den Verlauf unserer Geschichte bestimmen und die gemeinsame Zukunft von Erde und Mensch garantieren.
Immer mehr breitet sich die – vom Westen ausgehende, aber keineswegs ausschließlich westliche – Überzeugung aus, dass jede Person, sofern sie Mensch ist, heilig und mit Würde ausgestattet ist (res sacra homo). Der Mensch ist ein Zweck an sich und kann niemals zum bloßen Mittel für irgendetwas degradiert werden. Er stellt ein unendliches Projekt dar, das sichtbare Antlitz des Mysteriums der Welt, Sohn und Tochter Gottes. Im Namen dieser Würde wurden die grundlegenden Menschenrechte, die Rechte der Person und die sozialen Rechte, kodifiziert. Sie wurden präziser gefasst als Rechte der Völker, der Minderheiten, der Frauen, der Homosexuellen, der Kinder, der Alten und der Kranken. Zuletzt wurde die dignitas terrae explizit ausformuliert. Sie umfasst die Rechte der Erde als eines lebendigen Superorganismus, der Ökosysteme, der Tiere und alles dessen, was lebt. Diese Rechte wurden unübertrefflich in der Erdcharta dargelegt. (Erdcharta, 2001)
Die Demokratie als universaler gelebter Wert auf allen Ebenen – in den Familien, den Schulen, den Gemeinden, den sozialen Bewegungen und Regierungsformen – durchdringt nach und nach die politischen Vorstellungen weltweit. Das heißt, jeder Mensch hat das Recht zur Teilhabe an der gesellschaftlichen Wirklichkeit, der er angehört und die er mit seiner Persönlichkeit und Arbeitskraft mitzugestalten hilft. Die Macht muss der Kontrolle unterworfen werden, damit sie nicht zur Tyrannei verkommt. Der Weg zu dauerhaften Lösungen ist der unermüdliche Dialog, die beständige Toleranz und die permanente Suche nach Übereinstimmungen in den Unterschieden, und nicht die Gewalt. Der Friede ist zugleich Methode (der Imperativ, stets friedliche oder die am wenigsten zerstörerischen Mittel zu gebrauchen) wie auch Ziel. Er ist die Frucht der Fürsorge eines jeden für alle, für das Gemeinsame Haus und für die unverzichtbare gesellschaftliche Gerechtigkeit. Die Institutionen, so sehr sie sich auch voneinander unterscheiden mögen, müssen ein Mindestmaß an Gerechtigkeit, Gleichheit und Transparenz verwirklichen.
Ein Minimalkonsens für eine globale Ethik konzentriert sich auf die humanitas (Humanität); wir alle und jeder Einzelne von uns sind deren Träger. Die humanitas ist mehr als ein Begriff; sie ist das tiefe Empfinden dessen, dass wir Brüder und Schwestern sind, denselben Ursprung haben, dieselbe natürliche Ausstattung in physikalisch-chemischer, biologischer, soziokultureller und spiritueller Hinsicht haben und dasselbe Schicksal miteinander teilen. Wir müssen alle der Goldenen Regel entsprechend menschlich behandeln: „Handle am anderen so, wie du selbst von ihm behandelt werden willst.“
Die Ehrfurcht vor dem Leben, die unbedingte Achtung den Unschuldigen gegenüber, die Wahrung der physischen und psychischen Integrität der Personen und aller Schöpfung, die Anerkennung des Rechtes des Anderen, in seiner jeweiligen Besonderheit zu leben – das sind die Grundpfeiler, auf denen die Gesellschaftsfähigkeit des Menschen, die Werte und der Sinn unserer kurzen Reise auf diesem Planeten ruhen.
Es begegnen einander die spirituellen Erfahrungen aus Ost und West, der Ureinwohner und der heutigen Kulturen, und es kommt zu einem Austausch ihrer Weltsichten. Durch sie macht sich der Mensch von Neuem fest an der ursprünglichen Quelle allen Seins, er knüpft ein geheimnisvolles Band, das das gesamte Universum durchläuft und alle untereinander verbundenen Dinge wieder vereint in einem dynamischen, nach oben und vorne offenen Ganzen. Diese spirituellen Erfahrungen, die sich in unterschiedlichen Religionen und Wegen konkretisieren, sind es, die des Menschen Innerlichkeit bilden und die weitesten Horizonte entwerfen, die dieses Universum überschreiten und sich dem Unendlichen öffnen. Nur in dieser Dimension der Überschreitung und Überwindung eines jeden Maßes, von aller Raum-Zeit und aller Sehnsucht empfindet sich der Mensch wahrhaft als Mensch. Diese Lektion haben uns bereits die griechischen Meister gelehrt, als sie sagten, dass der Mensch nur im Raum des Göttlichen in vollem Sinne Mensch sei.
Das menschliche Zeitalter der Globalisierung hat sich noch nicht durchgesetzt. Doch man kann bereits seine Elemente erkennen, die wie ein Sauerteig Geschichte und Bewusstsein durchdringen. Dieses Zeitalter wird eines Tages ruhmreich anbrechen. Es wird die neue Geschichte der Menschheitsfamilie einleiten, die so lange ihre gemeinsamen Ursprünge und ihr Mutterhaus gesucht hat.
Nach und nach bricht eine neue Ära an, die sich durch eine neue gemeinsame Hochachtung, Verehrung und Zusammenarbeit zwischen Erde und Mensch auszeichnet. Es handelt sich um die Ära der ganzheitlichen Ökologie und der im Herzen verankerten Vernunft. Die Menschen nehmen die Tatsache ernst, ein Moment innerhalb eines Gesamtprozesses von Milliarden anderen Momenten zu sein. Sie werden sich dessen bewusst, dass sie ein Netz von lebendigen Beziehungen bilden, für welche sie mitverantwortlich sind. Sie können das Leben, die Ökosysteme und die Zukunft Gaias entweder stärken oder sie weiterhin bedrohen, sie können das Scheitern heraufbeschwören und die Biosphäre vernichten.
Nach so vielen Eingriffen in die Rhythmen der Natur werden wir uns dessen bewusst, dass wir das, was von der Natur noch übrig ist, erhalten und wir sie von den Wunden heilen müssen, die wir ihr zugefügt haben.
Diese Sorge muss alle betreffen und die neue Ära der Globalisierung begründen. Der utopische Traum dieser Phase ist es, den Menschen zu humanisieren zu versuchen – den Menschen, der vor der Herausforderung steht, ausgehend von seiner Besonderheit als gemeinschaftsfähiges, kooperatives, zum Mitleid fähiges und ethisches Wesen zu leben, das in seinem Handeln die Verantwortung dafür übernimmt, dass es dem Ganzen zum Wohl gereicht. Diese Utopie muss innerhalb der Widersprüche, wie sie für jeden historischen Prozess unvermeidlich sind oder wie sie aus Interessenskonflikten hervorgehen, konkrete Gestalt annehmen. Doch sie wird einen neuen Horizont der Hoffnung erschließen, der den Weg der Menschheit in die Zukunft ermöglicht.
Es wird immer Widersprüche und Stolpersteine geben, denn die Wirklichkeit ist stets sym-bolisch und dia-bolisch zugleich. Diese Tatsache muss man im Auge behalten, doch im Glauben daran, dass der gesamte Prozess von einer kosmischen Kraft durchdrungen ist, die ihn stets vorwärts treibt und nach oben bewegt.
Aus dieser Sichtweise geht eine neue Ethik hervor. Von allen Richtungen her werden anfanghaft Kräfte sichtbar, die ein neues menschliches und ökologisches Verhaltensmuster anstreben oder bereits ausprobieren. So groß die Schwierigkeiten auch sein mögen: Es wird immer stärker werden und schließlich die Oberhand gewinnen. Es wird das werden, was Teilhard de Chardin (1959; 1961) die Noosphäre nannte. Es wird jene Sphäre sein, innerhalb derer das Denken und die Herzen der Menschen eine neue, fein abgestimmte Harmonie bilden, die sich durch zunehmende Durchdringung von Liebe, durch Fürsorge, durch gegenseitige Anerkennung aller, durch eine zunehmende spirituelle Sinngebung der gemeinsamen Vorhaben auszeichnen wird. Die Menschen werden in ihrem Planen zusammenwirken, um den Frieden sicherzustellen, um die Integrität der Schöpfung zu gewährleisten und um die ausreichende und sogar im Überfluss vorhandene materielle Basis für die gesamte Gemeinschaft des Lebens zu sichern. Befreit von den Fesseln unserer konsumistischen und überheblichen Zivilisation, können wir in wahrhaft menschlicher Weise als Brüder und Schwestern zusammenleben, und wir werden imstande sein, das Lokale mit dem Globalen, die Teile mit dem Ganzen zu verknüpfen, Arbeit mit Poesie zu verbinden, Effizienz mit Großzügigkeit in Einklang zu bringen und die Subjektivität wiederherzustellen; wir werden als Söhne und Töchter zusammen im Hause zu spielen und zu loben verstehen.
Dieses Bewusstsein von der Zusammengehörigkeit von Erde und Menschheit wird auf eindrucksvolle Weise von jenem Blick auf den Planeten gestärkt, den uns die Astronauten ermöglicht haben. Von ihren Raumschiffen oder vom Mond aus haben sie existenziell erfahren, dass Erde und Menschheit ein einziges Ganzes bilden, das behütet, respektiert und geliebt werden muss. Dieses Bewusstsein in einen dauerhaften Zustand zu verwandeln, ohne dass wir ständig daran denken müssen, bedeutet, bereits innerhalb des neuen zivilisatorischen Paradigmas zu leben (László 2001).
Die Erdcharta ist von dieser ganzheitlichen Sichtweise geprägt. In der Einleitung heißt es: „Die Menschheit ist Teil eines sich ständig fortentwickelnden Universums. Unsere Heimat Erde bietet Lebensraum für eine einzigartige und vielfältige Gemeinschaft von Lebewesen … Der Geist menschlicher Solidarität und die Einsicht in die Verwandtschaft alles Lebendigen werden gestärkt, wenn wir in Ehrfurcht vor dem Geheimnis des Seins, in Dankbarkeit für das Geschenk des Lebens und in Bescheidenheit hinsichtlich des Platzes der Menschen in der Natur leben … Unsere ökologischen, sozialen und spirituellen Herausforderungen sind miteinander verknüpft, und nur zusammen können wir umfassende Lösungen entwickeln … Wir haben die Wahl: Entweder bilden wir eine globale Partnerschaft, um für die Erde und füreinander zu sorgen, oder wir riskieren, uns selbst und die Vielfalt des Lebens zugrunde zu richten. Notwendig sind grundlegende Änderungen unserer Werte, Institutionen und Lebensweise.“ (Erdcharta 2001, 7 – 8)
Trotz aller Hindernisse aus dem Eisenzeitalter der Globalisierung vollziehen sich diese Veränderungen im Schoß der Menschheit, unter all jenen Menschen, die nicht länger die Geiseln eines entmenschlichenden und den Horizont des Glücks zerstörenden Paradigmas sein wollen. Alternativ engagieren sie sich dafür, ausgehend von ihrer eigenen Situation Revolutionen im Kleinen anzuzetteln – in Form von eigenständigen Genossenschaften, Produzentenverbänden des ökologischen Landbaus etc. – die im Sinne des „Schmetterlingseffekts“ auf die Gesamtentwicklung der Gesellschaft ausstrahlen.
Zweites Kapitel:
Die Erde als Gaia und Gemeinsames Haus
Nachdem wir die Biographie der Erde in groben Zügen betrachtet haben, wollen wir uns einer ihrer ganz besonderen Eigenschaften zuwenden. Die Erde ist „unsere Heimat“, „Lebensraum für eine einzigartige und vielfältige Gemeinschaft von Lebewesen“ – so ruft es uns die Erdcharta in Erinnerung (Erdcharta 2001, 7). Die Erde beherbergt nicht nur Leben innerhalb ihrer Atmosphäre und bringt es auf diese Weise hervor, sie ist vielmehr selbst ein lebendiger Großorganismus.
Bis zur Entstehung der modernen Wissenschaften mit den Gründungsvätern des herrschenden Paradigmas (Descartes, Galileo und vor allem Francis Bacon) wurde die Erde als eine lebendige Wirklichkeit empfunden und erlebt, die eine Ausstrahlung hat und zu Furcht, Respekt und Verehrung Anlass gab. Sie erwies sich als großzügige Mutter, aber auch als grausame Stiefmutter.
Mit dem Aufkommen der instrumentellen analytischen Vernunft der Vertreter der Moderne und der technisch orientierten Wissenschaften im 17. und 18. Jahrhundert wurde die Erde nur mehr als res extensa betrachtet, als ein Gegenstand mit den physikalischen Eigenschaften Ausdehnung und Trägheit, der den Menschen als Mittel an die Hand gegeben ist, damit er seinen Willen zur Macht verwirklichen und schöpferisch oder zerstörerisch mit ihr umgehen könne. Eine solche Sichtweise machte es möglich, alle Reichtümer der Erde rücksichtslos auszubeuten, bis das aktuelle Ausmaß einer wahrhaften Vernichtung der Artenvielfalt, des Raubbaus an den nicht erneuerbaren Ressourcen und der Zerstörung des ökologischen Gleichgewichts des Systems Erde erreicht wurde. Wenn wir gemäß dieser Logik fortfahren, ist es möglich, dass wir am Ende des 21. Jahrhunderts der Biosphäre schwersten Schaden zugefügt haben werden, wovor uns bereits zahlreiche Wissenschaftler und offizielle Studien gewarnt haben (vgl. z. B. die Daten des IPCC, des Intergovernmental Panel on Climate Changes, das ist der wissenschaftliche Beirat der UNO für die Fragen des Klimawandels).
Im Gegensatz zu diesem Zerstörungsprozess entsteht überraschend ein neues Gespür dafür, dass die Erde und die Menschheit dasselbe Schicksal haben und dass es die notwendigen Voraussetzungen gibt, um aus der möglichen Tragödie eine Krise des Übergangs von einem prometheischen Paradigma der Eroberung und Zerstörung hin zu einem anderen Paradigma der Sorge und der Erhaltung allen Lebens zu machen. Es eröffnet sich also eine einmalige Chance zur Veränderung. Dieses neue Bewusstsein hat seine Grundlage in den Erkenntnissen der Wissenschaften, die sich mit der Erde beschäftigen, der neuen Biologie, der modernen Kosmologie, der Astrophysik und nicht zuletzt der Tiefenökologie. Daraus entsteht eine neue Mystifizierung im Hinblick auf die Erde, eine neue Utopie, die uns Hoffnung geben und uns zu einer Praxis der Rettung, Erhaltung und Förderung des Lebens ermutigen kann. Und schließlich wird Raum geschaffen für eine neue spirituelle Erfahrung, die dem Leben neuen Sinn verleiht und die Verantwortung für die gemeinsame Zukunft weckt.
1. Die Entdeckung der Erde
Eine überzeugende Einführung in diese neue Utopie stellt der Beitrag der Astronauten dar, deren Zeugnis wir bereits weiter oben erwähnten. Das Zeugnis des Astronauten Russel Scheikhart bringt all diese Berichte auf den Punkt: „Wenn du die Erde von außerhalb siehst, dann bemerkst du, dass all das, was für sie wichtig ist: die gesamte Geschichte, die Kunst, Geburt, Tod, Liebe, Freude, Tränen … all das in diesem kleinen weißen und blauen Punkt enthalten ist, den du mit deinem Daumen verdecken kannst. Und von dieser Perspektive aus versteht man, dass sich alles verändert hat, dass etwas Neues angefangen hat, dass das Verhältnis nicht mehr so ist, wie es früher war …“ (Linfield 1992, 6) Von diesem Ort aus, vom Raumschiff oder dem Mond aus, erscheint die Erde tatsächlich als einer der zahlreichen Himmelskörper innerhalb des unermesslichen Kosmos. Sie ist der dritte Planet der Sonne, und zwar einer Sonne, die ein Stern mittlerer Größe unter anderen 200 Milliarden Sonnen unserer Galaxie ist. Und diese Galaxie ist wiederum eine unter hundert Milliarden Galaxien, die wiederum in Galaxienhaufen gruppiert sind … Das Sonnensystem ist 28.000 Lichtjahre vom Zentrum unserer Galaxie, der Milchstraße, entfernt und befindet sich auf der Innenseite des Orion-Spiralnebels.
Isaac Asimov schrieb im Jahr 1982 in einem Artikel, um den ihn die New York Times anlässlich des 25-jährigen Jubiläums der Sputnik – mit ihr begann die Raumfahrt – gebeten hatte: „Das Vermächtnis dieses Vierteljahrhunderts der Raumfahrt ist die Einsicht, dass von den Raumschiffen aus gesehen die Erde und die Menschheit eine einzige Entität bilden.“ (New York Times, 9. Oktober 1982) Man achte darauf, dass er nicht sagt, sie würden „eine Einheit“ bilden, also das Ergebnis eines Ganzen von Beziehungen. Er behauptet wesentlich mehr: Wir bilden eine einzige Entität, das heißt ein einziges, komplexes, in sich vielfältiges und widersprüchliches, mit einer ungeheuren Dynamik ausgestattetes Wesen. Doch letztlich ist es ein einziges Wesen, eins und vielfältig zugleich, das der berühmte Wissenschaftler James Lovelock „Gaia“ nennt.
Eine solche Aussage setzt voraus, dass sich der Mensch nicht damit begnügt, auf der Erde zu „sein“. Er ist kein umherirrender Wanderer, kein Passagier, der von woanders her kommt und anderen Welten angehört. Nein. Das menschliche Wesen kommt – wir haben es weiter oben schon gesagt – als Mensch (homo) aus dem humus (der fruchtbaren Erde). Er ist Adam (was im Hebräischen „Sohn der Erde“ bedeutet), geboren aus der Adamah (im Hebräischen die fruchtbare Erde). Er ist Sohn bzw. Tochter der Erde. Ja mehr noch: Er ist die Erde selbst in ihrer mit Bewusstsein, Freiheit und Liebe ausgestatteten Gestalt. Nie wieder wird die Überzeugung aus dem menschlichen Bewusstsein verschwinden, dass wir Erde sind und dass unser Schicksal untrennbar mit dem Schicksal der Erde und des Kosmos, in den sie eingebettet ist, verbunden ist (Capra/Steindl-Rast 1993).
Diese Auffassung der gegenseitigen Zugehörigkeit und organischen Einheit Erde-Menschheit geht klar aus der modernen Gen- und Molekularbiologie und aus der Chaostheorie hervor (Gleick 1988). Das Leben stellt eine Ausdrucksgestalt des gesamten Evolutionsprozesses dar, angefangen von den allerersten Energien und Partikeln über die ursprüngliche Gaswolke und die Supernovas bis hin zu den Galaxien, Sternen, der Geosphäre, der Hydrosphäre, der Atmosphäre und schließlich der Biosphäre, aus der die Anthroposphäre (und für die Christen darüber hinaus die Christosphäre und die Theosphäre) und mit der Globalisierung die Noosphäre (Teilhard de Chardin 1959; 1961) entspringen. Das Leben ist mitsamt seiner Komplexität, Selbstorganisation, allseitigen Verbundenheit und Selbsttranszendenz das Ergebnis der Potenzialitäten, die im Universum selbst angelegt sind. Der russisch-belgische Chemiker Ilya Prigogine, der im Jahr 1977 den Nobelpreis erhielt, hat untersucht, wie sich die Thermodynamik in lebendigen Systemen darstellt: Diese erweisen sich immer als offene Systeme in einem Zustand des labilen Gleichgewichts und im ständigen Streben nach Anpassung (Prigogine 1984). Solche Systeme befinden sich in einem ständigen Austauschprozess von Energie mit ihrer Umwelt. Diese Energie verbrauchen sie in großen Mengen, wobei die Entropie (Verschleiß von nutzbarer Energie) zunimmt. Prigogine bezeichnet sie treffend als dissipative Strukturen (energieverbrauchende Strukturen). Doch sie sind auch dissipative Strukturen in einem anderen und paradoxen Sinne, denn sie wirken der Entropie entgegen. Die Lebewesen produzieren Entropie und entkommen ihr zugleich. Sie verwandeln die Unordnung und das Chaos der Umwelt in komplexe Ordnungen und Strukturen, die sich selbst organisieren und der Entropie entfliehen (sie produzieren Negentropie bzw. negative Entropie, und positiv gesprochen produzieren sie Syntropie).
So sind zum Beispiel die Photonen der Sonne für diese selbst von keinem Nutzen, denn es handelt sich dabei um Energie, die beim Verbrennen von Wasserstoff frei wird, von dem sie lebt. Diese Photonen, die eine Unordnung darstellen, dienen der Erde, insbesondere den Pflanzen, als Energiequelle, indem diese die Photosynthese vollziehen. Durch sie und unter dem Einfluss der Sonneneinstrahlung lösen sie das Dioxid vom Kohlenstoff, ihrer Nahrung, und setzen so den Sauerstoff frei, der für das Leben der Tiere und Menschen notwendig ist.
Was für den einen Unordnung ist, lässt für den anderen Ordnung entstehen. Das Leben behauptet sich innerhalb eines prekären Gleichgewichts von Ordnung und Unordnung (Dupuy 1982). Die Unordnung zwingt dazu, neue Formen von Ordnungen zu schaffen, die höher entwickelt und komplexer sind und weniger Energie verschwenden. Dieser Logik zufolge entwickelt sich das Universum zu immer komplexeren Lebensformen und führt auf diese Weise zu einer Reduktion der Entropie.
Auf menschlicher und spiritueller Ebene entstehen Formen von Beziehung und Leben, in denen die Syntropie (sparsamer Umgang mit Energie) vor der Entropie (Verschwendung von Energie) überwiegt. Das Denken, die Kommunikation durch das Wort und andere Medien, die Solidarität und die Liebe sind überaus mächtige Energien, die kaum der Entropie unterworfen sind und ein hohes Niveau an Syntropie aufweisen. Aus dieser Perspektive steuern wir nicht auf den Wärmetod zu, sondern auf die Verwandlung des kosmischen Prozesses, der sich in schöpferischen und lebendigen Systemen höchster Ordnung auszeitigt. Wo und wann wird dies zu Ende kommen? Dies ist eine offene Frage, auf die die Religionen eine Antwort voller Hoffnung riskieren: All dies gelangt zu seinem Höhepunkt, indem es in die ursprüngliche Quelle allen Seins und allen Werdens eingeht.
2. Gaia, die neue Weise, die Erde zu sehen
Das Leben befindet sich nicht einfach nur auf der Erde, indem es einen Teil von ihr in Besitz nimmt (Biosphäre). Die Erde als ganze erweist sich als ein lebendiger Makroorganismus. Was die alten Völker in Ost und West in ihren Mythen von der Erde bezeugt haben – dass sie die Große Mutter ist, die zweitausend Brüste hat, womit man ihre unbeschreibliche Fruchtbarkeit zum Ausdruck bringen wollte –, wird mehr und mehr von der heutigen experimentellen Wissenschaft bestätigt. (Neumann/Kerény 1989) Es genügt der Verweis auf den englischen Mediziner und Biologen James E. Lovelock (1989; 1991; 2006), auf die Biologin Lynn Margulis (1990) sowie auf Sahtouris (1989), Lutzenberger (1990) und andere.
James Lovelock hatte von der NASA den Auftrag bekommen, im Hinblick auf die Raumfahrt Modelle zu entwickeln, die es ermöglichen sollten, außerirdisches Leben zu entdecken. Er nahm die Hypothese zum Ausgangspunkt, dass, falls es Leben gäbe, sich dieses der Atmosphäre und der Ozeane der betreffenden Planeten als Grundlage und Transportmittel für die Materialien seines Stoffwechsels bedienen müsse. Dies würde mit Sicherheit das Gleichgewicht der Atmosphäre dergestalt verändern, dass sich eine solche, die Leben beherbergt, merklich von einer anderen unterscheiden würde, bei der das nicht der Fall ist. Er verglich deshalb die Atmosphäre unserer Erde mit der unserer Nachbarplaneten Mars und Venus, die heute mittels Spektralanalyse der von ihnen ausgehenden Strahlung vollständig bestimmt werden kann.
Die Ergebnisse waren überraschend, denn sie machten das unglaubliche Gleichgewicht des Systems Erde und die erstaunlich fein abgestimmte Dosierung aller Elemente deutlich, die für das Leben förderlich sind. Ganz anders verhielt es sich in Bezug auf Mars und Venus, deren Atmosphären jedes Leben unmöglich machen. Der Kohlendioxidgehalt beträgt bei der Venus 96,5 % und beim Mars 98 %, während er für die Erde nur 0,03 % ausmacht. Der Sauerstoff, unverzichtbar für das Leben, fehlt auf der Venus und auf dem Mars völlig, auf der Erde beträgt der Sauerstoffgehalt der Luft 21 %. Der Stickstoff, der für die Ernährung der Lebewesen notwendig ist, erreicht im Fall der Venus einen Gehalt von 3,5 %, beim Mars von 2,7 %; auf der Erde dagegen macht er 78 % aus. Das Methan in Verbindung mit Sauerstoff ist entscheidend für die Bildung von Kohlendioxid und Wasserdampf, ohne die es kein Leben gibt. Auf der Erde macht das Methan 1,7 ppm (= Parts per Million) aus, auf unseren Nachbarplaneten, die eine der Erde vergleichbare Größe und denselben Ursprung wie die Erde haben und derselben Sonnenstrahlung ausgesetzt sind, fehlt es völlig.
Es gibt also eine fein abgestimmte Entsprechung aller chemischen und physikalischen Elemente, von Wärme und Erdkruste, Atmosphäre, Felsen, Ozeanen … die alle unter dem Einfluss des Sonnenlichtes stehen. Dieses Aufeinander-abgestimmt-Sein sorgt dafür, dass die Erde ein guter, ja sogar optimaler Ort für lebendige Organismen ist. Auf diese Weise erscheint die Erde wie ein großer, lebendiger Superorganismus, der sich selbst reguliert. James Lovelock nennt ihn „Gaia“. Das war der Name der alten Griechen für die Göttin Erde, die sie als etwas Lebendiges betrachteten. Lovelock sagt:
„Gaia ist ein evolvierendes System, bestehend aus allem Lebendigen und seiner Oberflächenumwelt, den Meeren, der Atmosphäre, dem Krustengestein … ein System, das aus der gemeinsamen und wechselseitigen Evolution der Organismen und ihrer Umwelt im Laufe der Entwicklungszeitalter des Lebens auf der Erde hervorgegangen ist. In diesem System geschieht die Regulation von Klima und chemischer Zusammensetzung völlig selbsttätig. Die Selbstregulation bildet sich mit der Evolution des Systems heraus … Das Leben oder die Biosphäre regelt oder stabilisiert das Klima und die Zusammensetzung der Atmosphäre so, wie sie für den eigenen Bestand optimal sind.“ (Lovelock 1991, 11)
Lovelock zeigte die Zweckmäßigkeit auf, die Bedingungen aller erwähnten, für das Leben erforderlichen Elemente relativ konstant zu halten. Dieses Gleichgewicht wird vom System Leben selbst auf planetarischer Ebene, von der Erde als Gaia, geschaffen. Der hohe Sauerstoffanteil (Sauerstoff wurde zunächst vor Milliarden Jahren von bestimmten Bakterien in den Ozeanen freigesetzt, die zur Photosynthese fähig waren, zumal Sauerstoff für sie selbst giftig war) und der geringe Kohlendioxidanteil sind das Ergebnis der photosynthetischen Aktivität der Algen und Pflanzen während eines Zeitraums von Abermillionen Jahren. Andere Gase biologischen Ursprungs, die eine dem Leben förderliche Struktur bilden, sind in der Atmosphäre aufgrund der Existenz von Leben selbst vorhanden. Wenn es auf der Erde kein Leben gäbe, würde sich der Methangehalt um den Faktor 1029 erhöhen, was jedes Leben unmöglich machen würde.
Auf diese Weise ist die Konzentration der Gase in der Atmosphäre für lebendige Organismen optimal. Geringe Abweichungen davon können Katastrophen nach sich ziehen, die nicht wieder gut zu machen sind. Seit Abermillionen Jahren liegt der Sauerstoffgehalt der Luft, der allen Lebewesen das Leben allererst ermöglicht, praktisch unverändert bei 21 %. Wenn er sich auf 25 % erhöhte, würden auf der ganze Erde Brände entstehen, sodass schließlich die Waldflächen der Erdoberfläche vernichtet würden. Und wenn der Sauerstoffgehalt auf 15 % absinken würde, verlören wir das Bewusstsein. Der Salzgehalt der Meere beträgt 3,4 %. Wenn er auf 6 % anstiege, würde das Leben in den Meeren und Seen unmöglich sein (das ist ja beim Toten Meer der Fall), und das gesamte System der Atmosphäre des Planeten geriete aus dem Gleichgewicht.
Während der 3,8 Milliarden Jahre, seit es Leben auf der Erde gibt, hat die Wärme der Sonne um 30 bis 50 % zugenommen. Wie war Leben auf der Erde zu den frühen Zeiten möglich, als die Sonneneinstrahlung noch nicht so warm war? Wir wissen, dass die Atmosphäre damals eine andere Zusammensetzung hatte als heute. Es gab eine größere Menge von Gasen wie etwa Ammoniak, die eine Art dicke Hülle um den Planeten bildeten, die Erde auf diese Weise abkühlten und so für günstige Lebensbedingungen sorgten. Als die Sonneneinstrahlung wärmer wurde, wurde auch diese Hülle – in fein abgestimmter Wechselwirkung mit den Erfordernissen des Lebens – dünner. Die Erde ihrerseits behielt Abermillionen Jahre hindurch eine mittlere Temperatur zwischen 15 und 35 Grad Celsius. Dies ist die optimale Temperatur für lebende Organismen. „Leben und seine Umgebung sind so eng miteinander verflochten, dass eine Evolution immer Gaia betrifft, nicht die Organismen oder deren Umgebung für sich genommen.“ (Lovelock 1991, 43) Das Biotische (die Gesamtheit der lebendigen Organismen) und seine Umwelt entwickeln sich gleichzeitig im selben Sinne.
Die erwähnte Zusammensetzung ist nicht nur für das System Gaia charakteristisch, als ob es sich hierbei um ein geschlossenes System handeln würde. Man kann nachweisen, dass der Mensch selbst in seinem Körper mehr oder weniger denselben Anteil an Wasser hat wie der Planet Erde (71 %) und dass der Salzgehalt seines Blutes dem der Meere entspricht (3,4 %). Das hat Al Gore, der vor allem durch seinen Dokumentationsfilm „Eine unbequeme Wahrheit“ bekannt geworden ist, in seinem Buch „Wege zum Gleichgewicht“ (Al Gore 1992) aufgezeigt. Im Universum finden wir eine so genaue Dosierung, da es sich um ein offenes System handelt, in das die Harmonie der Erde einbezogen ist.
In seinem berühmten Buch „Eine kurze Geschichte der Zeit“ sagt Stephen Hawking im Zusammenhang mit dem Ursprung und weiteren Schicksal des Universums: „Wäre die Expansionsgeschwindigkeit eine Sekunde nach dem Urknall nur um ein Hunderttausendmillionstel Millionstel kleiner gewesen, so wäre das Universum wieder in sich zusammengefallen, bevor es seine gegenwärtige Größe erreicht hätte.“ (Hawking 1988, 155) In diesem Fall gäbe es nichts von dem, was es heute gibt. Wenn die Ausdehnung andererseits ein wenig größer gewesen wäre (in der Größenordnung von Millionstel), dann hätte es keine ausreichend große Dichte gegeben, um die Entstehung der Sterne und der Planeten und letztendlich des Lebens zu ermöglichen. Alles vollzog sich in so ausgewogener Form, dass die für die Entstehung der Biosphäre und der Anthroposphäre so, wie wir sie heute vor uns haben, günstigen Bedingungen entstanden.
Mehr noch: Wenn die schwache Kernkraft (verantwortlich für die Verminderung der Radioaktivität) nicht das Niveau aufrechterhalten hätte, wie sie es tatsächlich tat, hätte sich der gesamte Wasserstoff in Helium verwandelt. Die Sterne hätten sich aufgelöst, und ohne den Wasserstoff hätte es auch das für das Leben unverzichtbare Wasser nicht gegeben. Wenn die starke Kernkraft (die die Atomkerne im Gleichgewicht hält) um ein Prozent größer gewesen wäre, hätte sich auf den Sternen niemals Kohlenstoff gebildet. Und ohne Kohlenstoff wäre die DNA, die die Grundinformation für die Entstehung des Lebens enthält, nie entstanden. Desgleichen gilt: Wenn die elektromagnetische Kraft (für die Elementarteilchen mit elektrischer Ladung und die Photonen zuständig) etwas stärker gewesen wäre, wären die Sterne erkaltet und nicht in der Lage gewesen, in ihrem Inneren jene chemisch-physikalischen Elemente zu schaffen, aus denen die Wesen des Universums bestehen.
Und schließlich: Wenn die Gravitation nicht genau so stark wäre, wie sie aktuell ist, dann gäbe es keine Erklärung dafür, warum das Universum im großen Maßstab so gleichförmig ist, und die Erde würde sich nicht um die Sonne, die Hauptenergiequelle für alle lebendigen Organismen, drehen (vgl. Hawking 1988, 87 – 106). Die symphonische Verbindung dieser vier grundlegenden Wechselwirkungen des Universums ist weiterhin synergetisch am Werk und sorgt dafür, dass der kosmologische Pfeil der Zeit seine Richtung beibehält und auf immer stärker miteinander verbundene und komplexere Seinsformen hin orientiert ist. Diese Wechselwirkungen stellen in Wahrheit sozusagen die innere Logik des Evolutionsprozesses, die Struktur oder besser gesagt den ordnenden „Geist“ des Kosmos selbst dar.
Auf dieselbe Weise, wie eine Zelle Teil eines Organs und jedes Organ Teil eines Körpers ist, so ist auch jedes Lebewesen Teil eines Ökosystems, und jedes Ökosystem ist seinerseits Teil des Systems Erde, die wiederum einen Teil des Sonnensystems bildet. Dieses wiederum bildet einen Teil des Systems Milchstraße, und diese schließlich ist Teil des Systems Kosmos. Das System Gaia erweist sich als äußerst komplex und zutiefst klar. Nur eine ordnende Intelligenz ist dazu fähig, all diese Faktoren auszutarieren. Sie verweisen uns auf eine Intelligenz, die die unsrige bei Weitem übertrifft. Diese Tatsache anzuerkennen stellt einen Akt der Vernunft dar und bedeutet keineswegs, auf unsere Vernunft zu verzichten. Es bedeutet sehr wohl, sich in Demut einer weiseren und überlegeneren Intelligenz anheimzugeben. Dies wiederum setzt voraus, den Rationalismus zu überwinden und die Illusion hinter sich zu lassen, dass unsere Vernunft das Maß aller Dinge sei. Die Gründe haben ihren Ursprung in der Vernunft. Die Vernunft selbst ist keine Vernunfttatsache. Sie ist die einzigartige Ausdrucksgestalt des Universums selbst, das sich als in höchstem Maße vernünftig erweist.
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