Kitabı oku: «Die Erlebnisse des Inspector Pernell - Kriminalgeschichten»
Leonhard Frank
Die Erlebnisse des Inspector Pernell
Kriminalgeschichten
SAGA Egmont
Die Erlebnisse des Inspector Pernell - Kriminalgeschichten
© 1981 by Amalthea Signum Verlag, Wien
Copyright © 1978, 2018 Leo Frank-Maier und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
All rights reserved
ISBN: 9788711487877
1. Ebook-Auflage, 2018
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach
Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com
Kein Alibi für Zwinker-Joe
Chefinspektor Marcel Trudeau sah traurig zum Fenster und dachte an seine bevorstehende Pensionierung. Regentropfen klatschten an das Glas, ordneten sich zu kleinen Bächen, Trudeau beobachtete aufmerksam diese Wasserspiele, als ob er in neununddreißig Jahren Kripo-Dienstzeit nichts anderes getan hätte. Wieder so ein scheißverregneter April in Paris! Zwei Tauben hockten am Fensterbrett, tropfnaß und sie gurrten erbärmlich. Der Chefinspektor hatte das Gefühl, das Fenster öffnen und die Tauben hereinlassen zu müssen. Aber sie würden wegfliegen, seine Gastfreundschaft mißverstehen. Arme, dumme Kreaturen, sie würden nicht in sein warmes Zimmer kommen und sich füttern lassen. Klar, die Tauben waren scheu, der Chefinspektor hatte es ausprobiert.
Er betrachtete nun mißmutig das viele Papier, das auf seinem Schreibtisch lag. Der Akteneinlauf. Das alles sollte er jetzt lesen und irgendwie erledigen. Er hatte keine Lust dazu, gar keine. Wieder dachte er an seine bevorstehende Pensionierung, am liebsten hätte er mit den Akten die Tauben gefüttert. Aber Tauben fressen kein Papier. Eigentlich schade.
Es klopte an der Tür und er wußte: Das war Inspektor Pernell. »Herein«, sagte er unglücklich und das Wunder blieb aus, es war tatsächlich Inspektor Pernell, einen Akt in der Hand. Chefinspektor Trudeau kannte diesen Akt.
Inspektor Pernell stand heran zur Beförderung zum Oberinspektor, das wußte jeder in der Polizeidirektion Paris, oder fast jeder. Pernell kannte alle Vorschriften in- und auswendig, und was das Schlimmste war, er hielt sich auch daran. Und seinen Vorgesetzten, den alten Chefinspektor Trudeau, den mochte er gar nicht.
»Diese alten Männer sollten schon lange in Pension sein, schon lange. Sie sollen Tauben füttern im Park«, sagte er, »nicht hier herumkommandieren, sie haben ja keine Ahnung von moderner Verbrecherbekämpfung.« So dachte der angehende Oberinspektor, sagte es überall und auch in der Polizeikantine. Natürlich nur, wenn der alte Trudeau gerade nicht da war. In einfachen Worten: Inspektor Pernell mochte seinen Chef nicht besonders. Und der Chef empfand dasselbe für ihn.
»In dieser Bankraubsache am Gare du Nord«, berichtete nun Inspektor Pernell sachlich, »haben Sie mir den Auftrag gegeben, den einschlägig vorbestraften Joseph Gilette zu überprüfen.«
»Richtig«, sagte der Chefinspektor, »den Zwinker Joe.«
»Das habe ich auftragsgemäß getan«, sagte Pernell. »Der Mann sitzt in meinem Büro. Er hat ein einwandfreies Alibi.«
»Aha«, sagte der alte Chefinspektor.
»Er war zur fraglichen Zeit im Cinema-Rouge, dort spielte ein Sex-Film. Bei der Personsdurchsuchung wurde auch die Kinokarte vorgefunden. Vorstellung von 17–18 Uhr. Der Bankraub geschah um 17.10 Uhr. Gilette scheidet also aus.«
»Aha«, sagte der Chefinspektor wieder.
Es war ganz ruhig im Zimmer, nur die Tauben gurrten am Fensterbrett. »Bring ihn her«, sagte der Chefinspektor und Pernell biß sich auf die Lippen. »Wie Sie meinen«, sagte er, »aber er hat ein Alibi«, und dann war er wieder draußen.
Der Chefinspektor zündete sich umständlich eine Gauloise an. Gauloise mit Filter. Dann nahm er den Telefonhörer und wählte die Klappe 451, das war die Kantine. Er wollte wissen, ob es schon Kaffee gäbe. In ca. 5 Minuten, sagte Madame Brunhild. Madame Brunhild war die Pächterin der Kantine.
Es klopfte wieder und herein kam Pernell mit Zwinker Joe. »Morgen Chef«, sagte dieser und zwinkerte vergnügt. »Diesmal sind Sie auf dem falschen Dampfer. Hab nichts zu tun mit dem Ding in der Bank. Bin unschuldig wie ein Engelchen. Außerdem hab ich ein Alibi.«
»Hab schon gehört, Engelchen, schon gehört. Einwandfreies Alibi. Wußte gar nicht, daß du dir Sexfilme anschaust. Was sagt denn da Christine dazu, deine Freundin?«
»Hat gar nichts dagegen, Chef. Christine ist prima. Auswärts Appetit holen, essen daheim. So ist Christine«, Zwinker Joe wurde immer vergnügter.
Inspektor Pernell hustete ärgerlich.
Der Chefinspektor nahm wieder den Telefonhörer und wählte.
»Ist dort Cinema-Rouge?« fragte er.
»Ah Madame, entschuldigen Sie die Störung. Waren Sie gestern im Dienst, Nachmittagsvorstellung 17.00 bis 18.00 Uhr… sehr gut, sehr gut, sagen Sie mir, war die Vorstellung stark besucht? Ich meine, erinnern Sie sich vielleicht zufällig… was?! Was sagen Sie? Irren Sie sich auch nicht, Madame?… Ja, gestern die Vorstellung von 17 bis 18… ist ja hochinteressant. Ja, verstehe schon, Stromausfall, verstehe schon. Danke verbindlichst, Madame.«
Der Chefinspektor legte den Hörer auf und grinste. »Zwinker«, sagte er vergnügt, »bist wirklich ein Pechvogel. Und dein Alibi kannst du dir in die Haare schmieren. Na, so was…«
Inspektor Pernell sah seinen Chefinspektor an. Er hatte den Alten noch nie so herzlich lachen hören. Zwinker Joe saß da und zwinkerte jetzt ununterbrochen. »Was ist so lustig?« fragte er schließlich, aber der Chefinspektor konnte nicht antworten, weil er so lachte und dann einen Hustenanfall bekam.
Er dämpfte die Zigarette aus.
»Bist wirklich ein Pechvogel«, sagte er.
»Die Kinovorstellung fand nicht statt, ein Stromausfall. Hör zu, Zwinker, sei jetzt nicht blöd, du rückst das Geld heraus, die Strumpfmaske und die Pistole. Ich verschaff dir mildernde Umstände, bescheinige dir ein freimütiges Geständnis. Mach das mit dem Inspektor da aus, ich brauche jetzt…«
»Das kann nur mir passieren«, seufzte Zwinker Joe. »…brauche jetzt einen Kaffee, also…«
In der Kantine wusch Madame Brunhild Gläser. »Chefinspektor«, sagte sie, »gerade wollte ich den Polizeiarzt rufen. Ist ihnen nicht gut? Was redeten sie da vorhin für wirres Zeug am Telefon, von einem Stromausfall, Kinovorstellung nicht stattgefunden und so. Sie haben doch mit mir gesprochen und nicht mit Cinema-Rouge, ich habe…«
»Schon in Ordnung«, grinste der Chefinspektor, »mir geht’s großartig.« Er setzte sich umständlich. »Bring endlich den Kaffee.«
Das Telefon läutete. Anruf für Chefinspektor Trudeau. Es war die Personalabteilung. »Aber natürlich«, sagte der Chefinspektor, »ausgezeichnete Dienstbeschreibung für Inspektor Pernell. Ja, ja, einer meiner besten Leute. Ja, soll befördert werden. Erst heute hat er einen Bankraub geklärt.«
Dann war endlich der Kaffee da. Endlich.
Schwerer Raub an Susanne Brune
Inspektor Pernell sah die beiden alten Männer langsam vor ihm gehen, auf dem langen Korridor zum Erkennungsamt, und er ging rascher, denn er war neugierig, was sie redeten, Chefinspektor Trudeau und der alte Masarin vom Sittendezernat. Die beiden kamen von einem Tatort, das wußte er, ein schwerer Raub an einer Prostituierten, drüben im Quartier Latin. Ihn hatten sie natürlich nicht mitgenommen. Wahrscheinlich sah der Fall nach rascher Klärung aus, und die Alten wollen ja Erfolge nicht mit den Jungen teilen, das kannte man ja. Jetzt war er auf drei Meter heran und wirklich neugierig, was die beiden…
»…Nie im Leben«, hörte er den Chefinspektor sagen, »da freß ich einen Besen samt der Putzfrau, nie im Leben.« »Du wirst schon sehen, Marcel, wirst schon sehen. Wenn Cocon einmal richtig warm wird…« »Cocon ist doch eine Flasche, ein Armleuchter, dem geht doch nach zwanzig Minuten die Luft aus. Ich hab eine Bank getippt auf Racing und…«
Die beiden redeten also von dem Fußballmatch heute nachmittag und Inspektor Pernell war ein wenig enttäuscht. Das sah denen aber ähnlich, diesen Alten, kein Dienstinteresse mehr, keine Ambitionen. Kommen von einem Tatort und reden vom Fußball.
»Guten Morgen, Herr Chefinspektor«, sagte er.
»Morgen, Pernell«, sagte der Chefinspektor, und »Pirie, der Tormann, ist doch auch ein Nachtwächter wie er im Buche steht, und heuer müssen sie froh sein, wenn sie nicht absteigen. Gibt’s was, Pernell?« Sie waren vor der Tür zum Erkennungsamt und Pernell öffnete höflich und ließ die beiden vorgehen. Angenehmer Kaffeeduft strömte ihnen entgegen. Eigentlich nichts Besonderes, Chef«, sagte Pernell, »nur…« »Kaffee«, rief Masarin laut, »eine Tasse schwarz«, und »mir auch einen Schwarzen«, rief der Chefinspektor und »bitte mir einen kleinen Braunen, wenn es geht«, sagte Inspektor Pernell höflich.
Sonntags war die Kantine der Polizeidirektion geschlossen. Es war eine alte Tradition, daß sonntags der diensthabende Kriminalbeamte des Erkennungsamtes Kaffee kochte für die Dienstgruppe. Eine ganz alte Tradition. Wahrscheinlich so alt wie die Polizeidirektion Paris.
Die drei setzten sich an einen Tisch, der voll war mit Fingerabdruckkarten. Masarin schob das Zeug ärgerlich von sich. Diensthabender Kriminalbeamter im Erkennungsamt war heute Oberinspektor Bonin. Sein weißer Labormantel war fleckig von Kaffee. »Gleich fertig«, sagte er und schepperte mit Tassen, »gleich fertig.«
»Also was nun, Pernell«, fragte der Chefinspektor und Pernell war ein wenig verlegen und meinte, es interessierte ihn, wie die Sache aussähe mit dem schweren Raub an der Prostituierten Susanne Brune und was die Ermittlungen am Tatort ergeben hätten und so.
»Ach Su-Su«, sagte Masarin, »der geht’s schon wieder ganz gut, nicht umzubringen das Mädchen.« Und der Chefinspektor hatte wieder seine schmalen Augen, wie immer, wenn er grinste und sagte »Tatort« und erklärte dann, der Tatort wäre eine Straßenecke im Quartier-Latin und ob Pernell glaubte, daß es dort was Besonderes zu sehen gäbe. Ob Pernell glaubte, daß der Täter dort vielleicht seine Visitenkarte verloren hätte und nein, dort wären sie auch gar nicht gewesen, sondern im Krankenhaus bei Su-Su und es ginge ihr schon wieder besser und morgen würde sie entlassen. Zwei Rippen angeknackt und ein blaues Auge. Dann brachte Bonin den Kaffee und die beiden Alten redeten wieder vom Fußballmatch heute nachmittag. Pernell rührte mit dem Löffel in seinem kleinen Braunen und würgte eine Weile an der Visitenkarte. Er dachte daran, wie eindringlich man in der Polizeischule immer gelehrt hatte, der Tatort gehöre abgesucht, das sei sehr wichtig, aber diese überheblichen Alten wußten ja immer alles besser. Sie sollten endlich in Pension gehen.
Bonin machte plötzlich ein Gesicht wie der Weihnachtsmann und dann verkündete er, er hätte eine Flasche Beaujolais im Frigidaire und frischen Käse aus der Bretagne, von seiner Tante, und Trudeau und Marasin wurden ganz vergnügt und riefen »her damit, Alter« und sie ließen seine Tante hochleben. Der alte Bonin ist auch so einer, dachte Pernell, alles andere im Sinn, nur nicht den Dienst, und ein schwerer Raub an einer Prostituierten war denen offenbar ganz egal.
»Keine Spur vom Täter?« fragte er steif.
»Welcher Täter«, sagte Bonin.
»Na der Raub an Susanne Brune«, sagte Pernell.
»Es war der Richtig-Macher«, sagte Marasin, »Alter, der Beaujolais ist Klasse.«
»Der Richtig-Macher«, Pernell war der Verzweiflung nahe. Jetzt erklärte es der Chefinspektor:
»Das ist so ein Komiker, im ganzen Viertel bekannt. Er geht abends zu den Mädchen und läßt sich anquatschen, dann redet er blöd herum, sie mache es sicher nicht richtig und wenn dann die Mädchen heiß werden und beteuern, sie machen schon alles richtig und wie er es denn haben wolle, dann sagt der Spaßvogel: umsonst. Verstehst Du? Er findet das lustig. Wenn die Mädchen dann zu fluchen anfangen, haut er meistens ab. Bei Su-Su hat er zugeschlagen.«
»Und die Handtasche genommen«, erklärte Masarin. Dann redeten die drei Alten wieder vom Käse und der Tante aus der Bretagne.
Sie unterhielten sich so intensiv, daß es eine ganze Weile dauerte, ehe Pernell sich getraute, was Dienstliches zu sagen. Zweimal setzte er zum Sprechen an, aber verschluckte es wieder, bis er herausplatzte:
»Warum verhaften wir ihn nicht?«
»Wen?« fragte Bonin.
»Na den Richtig-Macher.«
»Das hat Zeit«, sagte Masarin. Und der Chefinspektor erklärte wieder väterlich: »Wir wissen seinen richtigen Namen nicht, aber seine Stammkneipe ist das Chat-Noir. Dort war er auch gestern, nach dem Überfall, hat ziemlich gestreut mit Geld, der Bursche. Dumm ist nur, daß wir sein Geständnis brauchen. Su-Su ist sicher, daß er es war, aber beschwören vor Gericht kann sie’s nicht, war ja ziemlich dunkel. Wir brauchen sein Geständnis und die Handtasche als Beweis. Irgendwo hat er sie ja hingeschmissen, die Handtasche ohne Geld, er trägt sie ja nicht spazieren.«
»Dann sollten wir ins Chat-Noir gehen und dort auf ihn warten«, sagte Pernell, »denn hierher wird er bestimmt nicht kommen, hierher ins Erkennungsamt.« Pernell erschrak vor seiner eigenen Kühnheit. Die drei Alten sahen ihn an.
»Schau, schau, der Kleine«, sagte Masarin, aber es klang wie ein Urteilsspruch für Majestätsbeleidigung. Der Chefinspektor hatte wieder seine schmalen Augen. »Da hat er schon recht, unser junger Kollege«, sagte er freundlich. »Hierher wird er kaum kommen, nicht wahr, Bonin? Also Pernell: Das Chat-Noir öffnet um dreizehn Uhr. Da gehst du hin und wartest auf ihn. Sag Madame Colon, der Chefin, einen Gruß von mir. Sie soll dir ein Zeichen geben, wenn er reinkommt, sie kennt ihn ja, den Richtig-Macher.«
»Und wenn er kommt?« fragte Pernell.
»Dann verhaftest du ihn natürlich und bringst ihn zur nächsten Wachstube«, sagte der Chefinspektor. »Très bien«, Pernell erhob sich, »und wo erreiche ich Sie, Chefinspektor?«
»Überhaupt nicht«, sagte Masarin, »wir gehen zum Fußballmatch, nachher kommen wir ins Chat-Noir.« »Aber wenn er früher kommt«, Pernell war ärgerlich. »Er kommt nicht früher«, sagte Masarin, »er ist Racing Anhänger und sicher auch beim Fußballmatch. Aber geh nur schon vor, wenn du es nicht erwarten kannst.«
Das Chat-Noir war so eine Bude wie dutzend andere auch im Quartier-Latin. Sechs Tische mit Steinplatten, leicht abwischbar, eine Musikbox, zwei Spielautomaten. Die Bar mit einer Kaffeemaschine, dahinter ein Regal mit Flaschen und Gläsern. Als Inspektor Pernell hinkam, stand Madame Colon schon hinter der Bar und wischte Aschenbecher aus. Sie war eine üppige Vierzigerin mit tiefem Ausschnitt und Haaren von der satten Farbe einer aufgewärmten Gulaschsuppe. Es roch nach Rauch und alten Socken, die Deckenbeleuchtung war eingeschaltet und an der Klotüre hing ein Zettel mit »außer Betrieb«. Pernell war der erste Gast. Er stellte sich vor und richtete die Grüße des Chefinspektors aus und seine Bitte bezüglich des »Richtig-Machers« und Madame Colon nickte nur und fragte, was er trinken wolle. Pernell wollte eigentlich Apfelsaft, aber er bestellte Bier, weil er die geringschätzigen Blicke von Madame fürchtete. Mit Recht.
Die Stunden vergingen und Pernells Bier wurde warm und der Geschäftsgang im Chat-Noir war flau. Nur ab und zu kam jemand rein und trank seinen Pernod an der Bar und ging wieder. Jedesmal, wenn die Tür aufging, sah Pernell hinüber zu Madame Colon, aber die schüttelte nur leicht den Kopf: Er ist’s nicht, der Richtig-Macher. Gegen siebzehn Uhr wurde es mit einem Male voll im Lokal, alle Tische besetzt und Madame Colon rannte hin und her, daß die Brüste ordentlich wackelten. Die Gäste redeten vom Fußball, das Match war also zu Ende und Pernell konnte den aufgeregten Gesprächen entnehmen, daß Sporting Paris gewonnen hatte. Viel lieber wäre es ihm gewesen, der Richtig-Macher käme endlich. Dann kamen der Chefinspektor und Masarin und sie setzten sich an Pernells Tisch und Trudeau sagte, das hätte er nie für möglich gehalten, daß Cocon, diese Flasche, drei Tore schießt. Aber er freute sich darüber. Sie bestellten Bier und Madame Colon fragte den Chefinspektor, was mit dem Richtig-Macher los wäre und der alte Trudeau sagte, das wäre diesmal ernst, er hätte Su-Su zusammengeschlagen und ihr die Handtasche gezupft. Madame Colon brachte das Bier und sagte nur »Dieses Schwein, fahrt ab mit ihm«, und dann redeten wieder alle über das Match und Cocons drei Tore.
Es war schon gegen sechs und Pernells drittes Bier auch schon warm, als einer reinkam, der aussah wie eine Kanalratte und an die Bar ging und einen Pernod bestellte. Madame Colon schenkte ihm das Glas voll und nickte ihm zu und dann nickte sie zum Tisch des Chefinspektors. Bevor Pernell aufspringen konnte, sagte Trudeau: »Laß ihn zuerst den Pernod austrinken, keine Eile.« Trudeau und Masarin tranken ihr Bier aus, und dann ging der Chefinspektor langsam zur Toilette, er sah den Zettel mit der Aufschrift »außer Betrieb« und kratzte sich gedankenverloren zuerst am Kopf und dann am Hintern. Er ging zu dem Richtig-Macher und hielt ihm seine Dienstkokarde unter die Nase: »Du bist festgenommen, du Arsch«, sagte er laut und »Su-Su läßt grüßen aus dem Krankenhaus.«
Die kleine Kanalratte sprang vom Barhocker und schrie, er hätte mit keiner krummen Tour was zu tun und es wäre eine Gemeinheit von der Polizei, einen friedlichen Bürger mit »Du« und mit »Arsch« anzureden. Der Chefinspektor sagte nun laut: »Pernell, den Achter«, und endlich war für Pernell was zu tun. Er sprang zu dem Richtig-Macher und verpaßte ihm die Handfessel, den Achter, so fix und kunstgerecht, daß sein Instruktor auf der Polizeischule seine helle Freude daran gehabt hätte. Masarin stand daneben und grinste und sagte »brav, Kleiner« und dann: »Wo hast du die Handtasche von Su-Su hingeschmissen, du Ratte.« Der Richtig-Macher schrie nur wütend, er würde sich beim Obersten Gerichtshof beschweren und beim Staatspräsidenten und bei den Vereinten Nationen. Es war jetzt ganz ruhig im Lokal und die Gäste wußten nicht, für welche Partei sie Stellung nehmen sollten.
»Madame Colon«, sagte der Chefinspektor, »seit wann ist das Klo außer Betrieb?«
»Seit gestern abend«, sagte sie, »die Wasserspülung funktioniert nicht.«
»Pernell«, sagte der Chefinspektor, »geh rein und schau nach, oben in dem Wasserbehälter. Ich wette, dieser Arsch hat Su-Sus Tasche in den Behälter geworfen, gestern abend. Ich wette meinen Monatslohn gegen Madame Colons Büstenhalter. Jemand hier, der annimmt?«
Niemand nahm die Wette an.
Pernell hetzte ins Scheißhaus. Die Alten waren vielleicht doch nicht so ganz ohne. Er vergaß, den Ärmel hochzukrempeln und griff voll hinein in den Wasserbehälter. Da war sie, die Handtasche.
»Da ist sie«, schrie er und stürmte ins Lokal. Sein rechter Ärmel tropfte.
»Das beweist gar nichts«, sagte der Richtig-Macher. Jetzt knallte ihm Masarin eine, daß ihm die Zigarette aus dem Mund fiel.
»Deine Tapper sind drauf, deine Fingerabdrücke«, sagte der Chefinspektor ruhig.
»Lächerlich«, sagte der Richtig-Macher, »lächerlich, nach einer Nacht im Wasser.«
»Da bist du nicht auf dem laufenden«, sagte der Chefinspektor, »mit unserem neuen DUKE-Verfahren stellen wir Fingerabdrücke auch nach sechs Monaten im Wasser fest, du Arsch, ab die Post jetzt.« »Haut ab mit diesem Schwein«, schrie Madame Colon, und die Gäste waren jetzt ganz einer Meinung mit ihr.
Noch im Auto auf der Fahrt zur Polizeidirektion legte der Richtig-Macher ein volles Geständnis ab, »ihr mit eurem neuen DUKE-Verfahren«, sagte er böse.
Es war schon am nächsten Tag nach dem Frührapport, es ließ dem Insepktor Pernell keine Ruhe: »Dieses neue DUKE-Verfahren«, sagte er zum Chefinspektor, »ich hab nichts davon gelernt in der Polizeischule.«
»Aber Kleiner«, sagte Trudeau, »Sowas gibt’s doch gar nicht, war nur so eine Idee von mir. Der Richtig-Macher ist darauf reingefallen, weißt du…«
»Ach so«, und »entschuldigen Sie, Chef, aber es klang so überzeugend. DUKE, wie kommen Sie ausgerechnet auf Duke-Verfahren, ich meine…«
»Kleiner«, sagte der Chefinspektor, »war nur so eine Idee, DUKE, Abkürzung für Dummer Kerl, weißt du…«
Als er das betretene Gesicht seines Inspektors sah, wurde der Alte tatsächlich fast verlegen:
»Entschuldige, Kleiner«, sagte er, »ich hab dabei keine Sekunde an dich gedacht, nur an den Richtig-Macher. Keine Sekunde hab ich an dich dabei gedacht, du verstehst…«
Pernell verstand.
Diese Alten sind vielleicht doch nicht so ganz ohne, dachte er, vielleicht doch nicht so ganz ohne, diese Alten.
Die holde Gärtnersfrau
Am Tatort war es so wie immer, wenn ein größeres Ding passiert war. Der Kommissar war nervös und gab unentwegt Weisungen, daß dieses und jenes zu geschehen hätte, und Inspektor Pernell und noch einige Kriminalbeamte sagten, »Jawohl, Herr Kommissar« und taten dann, was sie für richtig hielten. Die Sekretärin hielt ihren Stenogrammblock wie ein Schutzschild vor ihre Brust, obwohl für diese in der gegenwärtigen Situation überhaupt keine Gefahr bestand, und wartete, bis der Kommissar mit dem Diktat des Tatortberichtes beginnen würde. Ihre Anwesenheit am Tatort war eine Neueinführung des Kommissars, seit er Leiter der Abteilung geworden war. »Quod non est in actis, non est in mundo«, sagte er oft sehr intellektuell – was nicht in den Akten steht, existiert nicht auf der Welt – und er konnte es nicht erwarten, alles zu Papier zu bringen.
Chefinspektor Marcel Trudeau hatte die Hände in den Taschen, rauchte an seiner dritten Gauloise und sah abwechselnd auf den sehr lebhaften Kommissar und den sehr toten, verkohlten Leichnam, den man bereits zum Abtransport ins Gerichtsmedizinische Institut an den Straßenrand geschafft hatte. Die Sekretärin kaute jetzt an ihrem Bleistift und betrachtete verstohlen das Gesicht des Chefinspektors. Wieder einmal mußte sie daran denken, daß wohl kaum jemand grantiger dreinschauen konnte als der Alte. Und hätte sie jetzt auf höheren Befehl eines der beiden Gesichter abküssen müssen – die Wahl wäre ihr schwer gefallen. Sie mußte lächeln. Den Bleistift nahm sie aus dem Mund.
»Können wir jetzt endlich mit dem Tatortbericht beginnen«, sagte der Kommissar ungeduldig. Die Sekretärin nickte, und der alte Chefinspektor murmelte in seine Gauloise, daß weit und breit niemand da wäre, der ihn daran hinderte.
»Also, Fräulein«, sagte der Kommissar entschlossen, »schreiben Sie: Rechts oben, Beginn der Tatortuntersuchung: 1.4.1981, 09.30 Uhr…«
»…09.30 Uhr«, wiederholte die Sekretärin, und dann hörte man wieder den Kommissar: »Bei dem mutmaßlich Ermordeten handelt es sich mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit um den Gärtner Robert Jardin, am 31. März 1911 in Paris geboren, verheiratet, französischer Staatsbürger…«
»Was?!« sagte der Chefinspektor plötzlich laut. »Wann ist der alte Gärtner geboren?« Der Kommissar wiederholte das Datum: »31. März 1911«. Er haßte Unterbrechungen, wenn er am Diktieren war. Zu aller Überraschung zeigte der Chefinspektor plötzlich reges Interesse an dem Fall. »Ich geh jetzt zur Gärtnerswitwe«, sagte er und trabte in Richtung des einstöckigen Ziegelhauses. »Madame Jardin hat ihre Aussagen schon dem Inspektor Pernell gemacht«, rief ihm der Kommissar ärgerlich nach. Aber das war so, als ob man einem tauben Roß was nachschreien würde.
Am Eingang zum Haus sah der Alte seinen Inspektor Pernell, der mit den Kriminaltechnikern und dem Brandsachverständigen diskutierte. »Komm her, Kleiner«, rief er, »komm her zu mir!« Inspektor Pernell kam heran. »Erklär mir noch einmal den Sachverhalt, Kleiner. Aber mach’s kurz!« Pernell begann verdrossen zu berichten. Er mochte es nicht, wenn der Alte »Kleiner« zu ihm sagte. Schließlich war er einen Kopf größer.
Um sechs Uhr früh hatte Madame Jardin die Feuerwehr angerufen. Zu diesem Zeitpunkt brannte das kleine Holzhäuschen in der Gärtnerei bereits lichterloh.
Als die Feuerwehr eintraf, brannte fast nichts mehr. Es glühte und rauchte nur mehr aus einem rechtekkigen, schwarzen Haufen von Holzkohle, der vormals das niedliche Gärtnerhäuschen gewesen war. An sich wäre die abgebrannte Hütte kein riesiger Fall gewesen. Aber dann machte die Gärtnersfrau den Feuerwehrleuten Angaben, die auch die Mordkommission der Pariser Polizei alarmierte:
Etwa um halb sechs, so sagte sie, wären ihr Mann und sie von dem Klirren einer eingeschlagenen Fensterscheibe geweckt worden. Aus dem Schlafzimmerfenster blickend, sahen sie einen jüngeren Mann, der gerade durch ein eingeschlagenes Fenster in die Gartenhütte eindrang. Der mutige Gärtnersmann bewaffnete sich mit einer Harke und ging hinunter, um den mutmaßlichen Einbrecher zu verscheuchen. Dann geschah eine ganze Weile gar nichts. Als dann helle Flammen aus der Holzhütte züngelten, verständigte die Gärtnersfrau die Feuerwehr. Sonst konnte sie nichts angeben. Außer, daß sie ihren Mann samt Harke seitdem nicht mehr gesehen hätte. Aber was lag näher, als die Annahme, der Gärtner hätte den Einbrecher auf frischer Tat ertappt, wurde von diesem ermordet, und anschließend legte dieser verruchte Bursche auch noch Feuer. »Um die Spuren zu verwischen«, sagte Inspektor Pernell. Und das wäre auch die Ansicht des Kommissars.
Dem alten Chefinspektor war anzusehen, daß ihm die Geschichte sehr mißfiel. »Was ist das für eine, diese Gärtnersfrau?«, fragte er.
»Madame Clothilde Jardin, 65 Jahre alt, ist Präsidentin des Verbandes der Antialkoholiker, Sekretärin des Vereines der tugendhaften Frauen und Obfrau des Initiativkommittees ›Ohne Rauch geht’s auch‹. Sie genießt einen ausgezeichneten Ruf«, schloß Pernell.
»Und der tapfere Gärtnersmann mit der Harke«, fragte der Chefinspektor, »war der auch so ein Tugendbolzen wie seine Alte?«
Inspektor Pernell meinte, daß, nach seinen bisherigen Ermittlungen, der Gärtner genau das Gegenteil gewesen wäre. Er hätte mäßig aber regelmäßig getrunken, so seine zwei Liter Rotwein am Tag. Geraucht hätte er etwa drei Packungen Gauloise, ohne Filter. »Ihre Marke«, sagte Pernell schadenfroh, »Ihre Marke, Herr Chefinspektor.« Trotzdem aber wäre der Gärtner als fleißiger Mann in der Umgebung allseits bekannt und geliebt gewesen.
»Na, das beruhigt mich ja«, sagte der Alte. Dann sah er seinem Inspektor aufmerksam ins Gesicht. »Warst du im Schlafzimmer?« fragte er.
Inspektor Pernell war nicht im Schlafzimmer. Was hätte er auch dort zu suchen? Mit dem Alten war es heute wieder einmal besonders schwierig. »Was sollte ich im Schlafzimmer der Gärtners«, fragte er verständnislos. »Komm mit«, sagte der Chefinspektor, »ich zeig’s dir.«
Sie stiegen die Treppe hinauf, kaum zwanzig Stufen, aber der Chefinspektor begann trotzdem hörbar zu schnaufen. Irgendwo im Hause hörte man das Gejammer der Witwe, die von mitfühlenden Nachbarn getröstet wurde. Dann waren die beiden im Schlafzimmer: Altmodische Ehebetten, zwei Nachtkästchen, ein Nachttopf, ein Heiligenbild mit der Muttergottes und dem Jesukindlein.
»Da haben wir’s ja«, sagte der alte Chefinspektor gemütlich. »Was haben wir?« fragte Inspektor Pernell verständnislos. Der Alte suchte einen Aschenbecher. Es war keiner zu sehen. So schnippte er die Asche seiner Zigarette in den Nachttopf. Es zischte leise.
»Pernell«, sagte er böse, »schau dir die Betten an.« Es dauerte etwa fünf Sekunden, bis sich in Pernells grauen Gehirnzellen so etwas wie ein verständnisvoller, heller Blitz entzündete. »Chef«, schrie er, »Chef! Das eine Bett ist ja unberührt, darin hat niemand geschlafen! Das bedeutet ja… das hieße also… da hat ja die Witwe…«
»Eben«, sagte der Alte, »eben. Komm jetzt, Kleiner.« Und dann stiegen sie wieder die Treppe hinunter. Diesmal schnaufte der Chefinspektor nicht. Im Gegenteil. Er summte ein Liedchen vor sich hin. »Lebe wohl, du holde Gärtnersfrau…«, hörte Inspektor Pernell. Es war ein sehr altes Liedchen.
Sie gingen quer über eine Rasenfläche und an der Brandstätte vorbei und kamen in den Hörkreis des Kommissars, der noch immer den Tatortbericht diktierte. »Beantragt wird gerichtliche Obduktion des Toten sowie gaschromatographische Untersuchung hinsichtlich der Brandursache«, hörte man die gefestigte Stimme des Kommissars. Die Sekretärin wollte wissen, wie man »gaschromatographisch« schreibt. Der Kommissar erklärte es ihr.
Der Chefinspektor blieb stehen. »Wie heißt das blöde Wort?« fragte er. Inspektor Pernell beeilte sich zu erklären: »gaschromatographisch«, sagte er. »Kommt von Gaschromatographie. Eine neue Erkenntnis in der Kriminaltechnik. Man kann durch dieses Verfahren eindeutig eine Brandursache feststellen, Chef. Die Gaschromatographie ist seit 1970 ein fixer Bestandteil der Zentralstelle für Kriminaltechnik und…«
»Allerhand«, sagte der Alte beeindruckt. »Allerhand, was es heutzutage schon alles gibt!« Er schüttelte den Kopf. »Zeit für mich«, sagte er, »Zeit für mich, in Pension zu gehen.« Aber vorher, so sagte er noch, vorher müßte er noch in dieses Wirtshaus da drüben gehen. Und tatsächlich, keine 50 Meter von der Gärtnerei entfernt, nur schräg über die Straße, stand ein altes Wirtshaus.
›Zum Gelben Drachen‹ konnte man auf einem verblichenen Schild lesen. Mit freiem Auge.
Inspektor Pernell ging gar nicht mit.
Ein Chef, der nicht einmal die Grundbegriffe der Gaschromatographie kannte, war für ihn erledigt. So blieb er beim Kommissar, der immer noch diktierte…
Nach etwa zehn Minuten kam der Chefinspektor vom ›Gelben Drachen‹ zurück. Er ging geradewegs wieder ins Gärtnerhaus. Die Tatbestandsaufnahme wäre jetzt beendet, rief ihm der Kommissar noch zu. Aber, na ja, Sie wissen ja schon, das war, wie wenn man einem tauben Roß nachschreit…
Es dauerte noch einmal zehn Minuten. Die Leiche war abtransportiert ins Gerichtsmedizinische Institut. Die Feuerwehr war abgefahren. Der Brandsachverständige auch. Die Kriminaltechniker fuhren gerade weg und der Kommissar samt Sekretärin und Inspektor Pernell saßen schon im Auto. Ungeduldig warteten sie auf den Alten. »Immer dasselbe«, sagte der Kommissar und trommelte mit den Fingern an die Windschutzscheibe.
Dann kam er endlich, der Alte.
Sie fuhren schon etwa drei Minuten, und der Chefinspektor zündete sich eine Zigarette an. Die Sekretärin hustete. Es wäre ja jetzt alles klar, sagte der Alte freundlich. Kein Mord, auch kein Einbruch. Höchstens der Tatbestand der Vortäuschung einer strafbaren Handlung. Zu Lasten der Gärtnerswitwe. Aber das überließe er dem Kommissar. Das wäre schließlich ein juridisches Problem.
Den Kommissar hätte fast der Schlag getroffen. »Was reden Sie da!« schrie er hysterisch.
Der Alte plauderte weiter.
Im ›Gelben Drachen‹ und überhaupt in der Umgebung wäre allgemein bekannt, daß der alte Gärtner in seiner Wohnung weder rauchen noch trinken durfte. Wegen seiner tugendhaften Alten. So tat er dieses vornehmlich in der kleinen Holzhütte, dort keifte niemand. »Na, und weil er doch gestern Grund zum Feiern hatte«, sagte der Chefinspektor…
»Was denn für einen verdammten Grund zum Feiern«, schrie der Kommissar.
Das stände ja sogar in dem Tatortbericht, meinte der Chefinspektor.
Der Kommissar war am Überschnappen.
Er wäre doch schließlich nicht besoffen, schrie er. Er wüßte doch noch genau, was er vor einer Viertelstunde diktiert hätte. »Von einem Grund zum Feiern«, schrie er, »da steht in meinem Bericht also wirklich nichts drinnen!«
Es wäre das Datum, erklärte der Chefinspektor nachsichtig. Am 31. März hatte der alte Gärtner seinen 70. Geburtstag. Natürlich feierte er diesen ausgiebig – im ›Gelben Drachen‹. Na und nachher schwankte er wie gewohnt in seine Hütte. Ins eheliche Bett durfte er ja nicht. Die Alte hätte ihn glatt rausgeworfen, wie schon so oft. »Die Brandursache war seine letzte Zigarette«, sagte der Chefinspektor. Seine letzte Zigarette, die er in seinem Rausch nicht mehr ausdämpfte. »Der Fall ist klar, Kommissar, da brauche ich keine Gaschroma, Gaschromi… oder wie das Ding heißt.«
Und was denn dann die Gärtnerswitwe für einen Grund gehabt hätte, eine Einbrechergeschichte zu erzählen, wollte der Kommissar irritiert wissen.
Das müßte man auch verstehen, meinte der Chefinspektor. Diese tugendsame Frau wollte einfach nicht zugeben, daß ihr versoffener Ehegatte an so banalen Folgen seiner Saufereien zugrunde gegangen war. Schon wegen der Nachbarn und so… Daher erfand sie diese Einbruchsgeschichte. »Sie hat übrigens zugegeben, daß das Ganze nur ein Märchen war«, sagte der Chefinspektor.
Man war jetzt im Hof des Polizeipräsidiums.
Man ging die Stufen hinauf. Der Chefinspektor schnaufte wieder.
»Warten wir das Gutachten der gaschromatischen Untersuchung ab«, sagte der Kommissar knapp.
Das Gutachten kam in zwei Tagen. Einwandfreie Brandursache, hieß es, eine brennende Zigarette.
»Großartig«, sagte der Chefinspektor, »was es heutzutage schon alles gibt…«
Inspektor Pernell sagte gar nichts.
Das Attentat auf den Botschaftsrat
Der Kommissar sagte viermal »Jawohl« und zweimal »Meine Ergebenheit, Herr Präsident«. Noch bevor er den Telefonhörer auflegte, sagte er: »Meine Verehrung«. Auch zweimal. Inspektor Pernell hatte mitgezählt.
»Da haben wir es«, sagte der Kommissar dann laut. »Da haben wir es!« Sein Tonfall war jetzt ganz verändert.
»Was haben wir?« fragte der alte Chefinspektor gemütlich.
Zornig schlug der Kommissar mit der flachen Hand auf die Schreibtischplatte. Erschreckt flogen ein paar Stubenfliegen auf. Die Sekretärin wäre garantiert mitgeflogen, hätte sie Flügel gehabt. So zuckte sie nur zusammen und murmelte etwas von scheußlichem Betriebsklima in dieser Abteilung.
»Der beraubte Botschaftsrat!« schrie der Kommissar ungemütlich. »Der Präsident will dringend einen Zwischenbericht. Muß ich mich um alles selber kümmern?!«
»Beraubter Botschaftsrat?« fragte der Chefinspektor ungläubig. Inspektor Pernell beeilte sich zu erklären: »Das ist dieser Fall Dr. Pierre Kretin, Chef«, sagte er aufgeregt, »der heute Nacht überfallen wurde. In der Rue de Cac, im Pigalle-Viertel.«
»Dr. Kretin?« fragte der Alte belustigt. »Heißt der wirklich so?«
Der Kommissar fand es ganz unerhört, daß der Chefinspektor noch nicht einmal den Akt gelesen hatte. Ganz unerhört! – fand er das. Und er sagte es auch. In aller Deutlichkeit. »Und wo ist der Akt!?« schrie er dann noch laut.
Der Akt fand sich auf Inspektor Pernells Schreibtisch. Und so war das ja nun auch wieder nicht, daß im Falle des beraubten Botschaftsrates noch niemand einen Finger gerührt hatte. So war das auch wieder nicht: Inspektor Pernell hatte heute morgen Frühdienst gehabt und die ersten Ermittlungen gepflogen. Jetzt berichtete er:
Dr. Pierre Kretin, Botschaftsrat im Außenministerium, 43 Jahre alt, verheiratet, 2 Kinder. Wurde gegen 0.30 Uhr von einer Funkstreife im Rinnsal der Rue de Cac aufgefunden. Blutete aus einer Platzwunde an der Stirn, oberhalb des rechten Auges. War vorerst nicht ansprechbar…
»Vorerst nicht ansprechbar?« hörte man aus der Ecke des Chefinspektors. »Nicht ansprechbar? Alles ist ansprechbar, sogar eine Mumie. Frage ist nur, ob er, sie oder es antwortet. Es müßte richtig heißen…«
Wie es richtig heißen müßte, erfuhr vorerst niemand. Denn jetzt explodierte der Kommissar:
»Halten sie hier keine grammatikalischen Sprachübungen!« schrie er. Und wiederum summten die Fliegen erschrocken. Die Sekretärin hatte eine steile Falte auf der Stirn. Ob sich der Chefinspektor etwa vorstellen könnte, warum der Präsident einen Zwischenbericht haben wollte? Der Kommissar war immer noch sehr laut: »Weil der Herr Außenminister von dem Raubüberfall umgehend informiert werden will«, sagte er düster. »Umgehend!«
Die Sekretärin hatte völlig recht mit ihrer Bemerkung vom scheußlichen Arbeitsklima. Denn der alte Chefinspektor schien wenig beeindruckt von der Lautstärke des Kommissars und begann nun erstens zu fluchen und zweitens zu behaupten, es wäre völlig egal, ob der Überfallene ein Diplomat, ein Briefträger oder ein Zuckerbäcker wäre. »Wir haben eine Verfassung«, sagte er grantig, »und vor dem Gesetz sind alle Bürger gleich!«
Er möge sich nicht lächerlich machen, sagte der Kommissar mit Nachdruck. Dann berichtete Inspektor Pernell weiter:
Um 0.45 Uhr wurde der Botschaftsrat ins Zentralkrankenhaus eingeliefert. Der diensthabende Arzt stellte die Platzwunde oberhalb des rechten Auges, dann noch eine leichte Gehirnerschütterung und Anzeichen von Alkoholintoxikation fest.
»Alkoholintoxikation!« höhnte der Chefinspektor. Bei einem Briefträger würde es heißen, der Kerl war stockbesoffen. Auch bei einem Zuckerbäcker… Inspektor Pernell ließ sich nicht beirren: »Die Angehörigen wurden verständigt«, berichtete er sachlich weiter. Madame Kretin wäre sofort ins Krankehaus gefahren. Noch bevor die Platzwunde genäht wurde, war sie dort. Sie hätte dann auch die Anzeige wegen Straßenraubes erstattet. Beim Journaldienst im Präsidium. Die Brieftasche des Botschaftsrates war verschwunden. Inhalt: Diplomatenpaß und ca. 5000 Franc.
»Diplomatenpaß«, schnaufte der Kommissar unglücklich. »Das auch noch!« Der Chefinspektor zeigte plötzlich und zu jedermanns Überraschung deutliches Interesse an dem Fall. Was denn der Herr Botschaftsrat nach Mitternacht in der Rue de Cac zu suchen gehabt hätte, wollte er vom Inspektor wissen. Die Rue de Cac lag in einer übelbeleumundeten Gegend. Das wüßte jedermann bei der Polizei. Sogar der Kommissar.
Inspektor Pernell war heute morgen nicht in Verlegenheit zu bringen. Er hatte auch dieses Detail bereits erwogen.
»Der Botschaftsrat ist auch ständiger Delegierter der UNDEWA«, berichtete er sachlich. »Das ist eine internationale Vereinigung zum Schutze debiler Wanderprediger im Rahmen der Vereinten Nationen. Diese Organisation hatte ein Arbeitsessen im Hotel Interabnorm. Das dauerte bis cirka 23 Uhr.«
»Arbeitsessen«, hörte man den Chefinspektor kichern, »Arbeitsessen, – wenn ich das schon höre! Entweder es wird gearbeitet oder gegessen…« Die Sekretärin schaute erschrocken zum Kommissar – aber der war offenbar nicht mehr bereit, mit dem Alten zu argumentieren. Jetzt wollte der Chefinspektor wissen, wie denn eigentlich der Botschaftsrat vom Hotel in die Rue de Cac gekommen sei. »Ich hoffe, du hast das genau erhoben, Pernell«, sagte er. Der Inspektor hatte:
»Der Chefportier des Hotel Interabnorm erinnert sich noch genau, dem Botschaftsrat in den Mantel geholfen zu haben«, berichtete er. »Ein gelber Kamelhaarmantel. Dr. Kretin gab dem Portier ein gutes Trinkgeld und steckte dann seine Brieftasche in die rechte Manteltasche. Er erkundigte sich dann noch leutselig bei dem Chefportier, wo denn in der Gegend noch was los wäre und dann ging er zu Fuß in Richtung Pigalle. Das war gegen 23.15 Uhr.«
Die Unerquicklichkeit dieses düsteren Arbeitstages wurde nun noch verstärkt durch das plötzlich einsetzende prasselnde Geräusch von Regentropfen, die ein heftiger Wind gegen die Fensterscheiben warf. »Heiter bis wolkig«, nörgelte der alte Chefinspektor. »Heiter bis wolkig hat der Kerl gestern abend noch gesagt. Im Fernsehen, bei der Wettervorhersage. Na ja…« Dann verlangte er von Inspektor Pernell den Bericht der Funkstreife über die Auffindung des bewußtlosen Dr. Kretin in der Rue de Cac.
Der berühmte »Tote Punkt« schien jetzt erreicht worden zu sein, denn auf einmal wußte niemand etwas zu sagen. Der Chefinspektor war ganz vertieft in den Streifenbericht, die Sekretärin begann gelangweilt, eine Kriminalstatistik zu tippen. Inspektor Pernell formulierte im Geiste seinen Erhebungsbericht im Falle des Dr. Kretin, den er ja erst zu Papier bringen mußte, und der Kommissar blickte finster auf die regennassen Fensterscheiben und dachte an den Polizeipräsidenten und an seine Karriere. Sogar die vorhin so erschreckten Stubenfliegen begannen in der nunmehr eingetretenen Stille wieder einzuschlafen.
Eine ganze Weile war nichts als Stille. Eine ganze Weile. Dann murmelte auf einmal der alte Chefinspektor. »Hallo, hallo«, murmelte er, »was lese ich denn da: Der Mann lag auf dem Bauch mit dem Gesicht nach unten. Er blutete aus einer Platzwunde an der Stirn. Rock und Hose waren stark verschmutzt… He, Pernell, fehlt dir denn da nichts?« Pernell wußte nicht, was da fehlen sollte und das sagte er auch.
»Rock und Hose, stark verschmutzt«, wiederholte der Alte eigensinnig, aber Pernell wußte damit nichts anzufangen. Schließlich war es ganz normal, daß das Zeug stark verschmutzt war. Das Pflaster der Rue de Cac war kein Laufsteg für Mannequins, und einen roten Teppich hatte man für den Herrn Botschaftsrat dort sicher nicht ausgelegt. In der Rue de Cac.
Der alte Chefinspektor konnte ätzend zynisch werden, niemand erlebte das schmerzlicher als Inspektor Pernell. Jetzt war es wieder einmal so weit. Ob denn da wirklich nichts fehlte, fragte der Alte im Tone eines gütigen Vaters, der seinem vertrottelten Sohn die Relativitätstheorie erklärt. Was denn eigentlich aus dem Mantel geworden wäre? Dem gelben Kamelhaarmantel, den der honorige Diplomat bei Verlassen des Hotels ja angehabt hatte.
»He Pernell, wo ist denn der verdammte Mantel? He?… Im Streifenbericht steht nichts davon. Sieht so aus, als ob unser Diplomat den Mantel gar nicht mehr anhatte, als er aufs Pflaster fiel und einschlief!«…
»Sieht so aus«, sagte Inspektor Pernell erschrocken. »Vielleicht hat man den Mantel mitsamt der Brieftasche geraubt«, sagte der Kommissar. Aber es war ihm nicht so ganz wohl dabei. Irgendwie kam es sogar ihm unlogisch vor, daß Straßenräuber einem liegenden Opfer den Mantel ausziehen. Den geringschätzenden Blick des Chefinspektors schluckte er deshalb ohne Kommentar.
Der Chefinspektor ging nun mit langen Schritten im Zimmer auf und ab und summte dabei das Liedchen vom »Mariechen im Walde«. Das tat er immer, wenn er vergnügt war. Das Liedchen war womöglich noch älter als er selber und hatte einen unglaublich obszönen Text. Die Sekretärin begann lauter zu tippen und hustete. Der Kommissar wollte eisig wissen, was denn auf einmal so lustig wäre.
»Die Kneipe«, sagte der Chefinspektor laut. »Pernell, er muß noch in irgend so einem Tingel-Tangel gewesen sein, unser Botschaftsrat! Was hat ihm denn der Portier empfohlen!? Der Portier vom Interabnorm, als unser Kretin wissen wollte, wo in der Gegend noch was los sei?«
»Das Etablissement der Madame Rosa«, sagte Pernell und klatschte sich auf die Stirn. Er war auch schon auf dem Wege zur Tür, als der Alte bellte: »Also los, auf zu Madame Rosa!« – Und die beiden waren draußen, ehe der Kommissar noch Pap sagen konnte. »Nicht einmal einen Mantel hat er angezogen«, sagte die Sekretärin. »Bei diesem Sauwetter. Er wird sich erkälten…«
Es war kurz vor Mittag, als die beiden wieder zurückkamen. Mit nassen Haaren, pfiffigen Gesichtern wie Lausbuben und der Chefinspektor trug einen Mantel, der ihm um drei Nummern zu klein war. Einen gelben Kamelhaarmantel.
»Das kann ja nicht wahr sein!« schrie der Kommissar. »Jetzt sagen Sie bloß, die geraubte Brieftasche…«
Sie war tatsächlich im Mantelsack, die Brieftasche. Samt Diplomatenpaß und Geld. Der Betrag war nicht mehr vollzählig, der Chefinspektor hatte damit die offene Rechnung an Madame Rosa bezahlt. Die der Herr Diplomat vergessen hatte. So wie seinen Mantel. »Der Kerl hatte einen Vollrausch«, sagte der Chefinspektor sachlich.
So wütend hatte man den Kommissar schon lange nicht gesehen: »Dieses Schwein besäuft sich wie ein Latrinentschick«, schrie er, »wacht im Spital auf und macht eine Raubanzeige!« Und er würde diesen Diplomaten anzeigen, schimpfte er weiter. Wegen Vortäuschung einer strafbaren Handlung. Schließlich hätte man eine Verfassung und vor dem Gesetz wären alle gleich. Da gäbe es keine Ausnahmen… Der Chefinspektor wurde immer vergnügter.
Das würde er lieber nicht tun, meinte er, so eine Gerichtsanzeige wegen Vortäuschung einer strafbaren Handlung. Schließlich hätte ja nicht der Botschaftsrat, sondern seine Frau die Anzeige gemacht und… »Aber seiner Frau hat er vorgelogen, er wäre beraubt worden!« schrie der Kommissar.
»Seiner Alten kann er erzählen, was er will«, meinte der Chefinspektor.
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