Kitabı oku: «Parasiten des 21. Jahrhunderts»
Leopold Federmair
PARASITEN DES
21. JAHRHUNDERTS
Essais aus beiden Welten

Die Drucklegung dieses Buches wurde gefördert von
den Kulturabteilungen von Stadt und Land Salzburg sowie vom
Land Oberösterreich.

www.omvs.at
ISBN 978-3-7013-1289-4
eISBN 978-3-7013-6289-9
© 2021 OTTO MÜLLER VERLAG SALZBURG-WIEN
Alle Rechte vorbehalten
Satz: Media Design: Rizner.at
Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck-Germany
Covermotiv: Collage von Thomas Hartz aus der Serie „Parasit“
Pigmentdruck 90 x 60 cm, 2017
Copyright © Thomas Hartz
www.thomashartz.com
Grafische Gestaltung: Leopold Fellinger
INHALT
Vorwort
I Lob des Parasiten
II Ironie off!
III Flüchtlingsgespräche in Oberösterreich
IV Gräuel der Gegenwart
VORWORT
Welche zwei Welten? Zunächst einmal die beiden, in denen im 21. Jahrhundert so gut wie jeder lebt, und zwar gleichzeitig und weltweit: die digitale und die „analoge“, die virtuelle und die reale, die sekundäre und die (immer noch) primäre, in der wir essen, trinken, schlafen, lieben, uns als beseelte Körper bewegen.
Zwei Welten, aber in Wahrheit sind es noch mehr, es sind viele Welten. Nur daß sich oft zwei aus dieser Vielheit gegenübertreten, Gegensätze bilden und/oder einander ergänzen. Wir können nicht alles auf einmal überblicken, nicht alles gleichzeitig haben. Das wäre eine schlechte, abstrakte Globalisierung, deren digitaler Nebel die Einzelnen und ihr konkretes Leben umspinnt, so daß sie vor lauter Wald die Bäume nicht mehr sehen.
Eine zweite Bedeutung der Formulierung verweist darauf, daß ich meine Lebenserfahrungen in sehr unterschiedlichen kulturellen Kontexten gemacht habe und dazu neige, sie miteinander zu konfrontieren, zu vergleichen, in den Texten nebeneinander zu montieren. Ich kann nicht behaupten, daß ich alle Welten kenne, bei weitem nicht. Aber einige kenne ich, soweit man sie eben kennen kann – „Was weiß ein Fremder?“ –, und diese Außenperspektive erlaubt manchmal Erkenntnisse, die allzu große Vertrautheit mit dem „Meinigen“ nicht zuläßt. Diese Erfahrungen wirken dann zurück und verfremden den Blick auf das Meinige, das – für mich – Ursprüngliche: Oberösterreich, Österreich, Mittel- und Westeuropa.
Michel de Montaigne ließ sich von einem Mann, der zwölf Jahre lang in Brasilien gelebt hatte und nach Darstellung des Autors ein naiver Charakter und eben deshalb glaubwürdig war, ausführlich über die Sitten und Gebräuche in jener „neuen Welt“ berichten. Auch Montaigne kannte einiges von der Welt, hatte Reisen in Italien gemacht und davon berichtet, war aber höchst neugierig in Bezug auf neue, fernere, exotische Welten. Trotz aller Naivität scheint sein Gewährsmann die südamerikanischen Gesellschaften, die er kennenlernte, in etwas rosigem Licht dargestellt zu haben. Das spielt für die Qualität der Essais aber keine Rolle, denn erstens ist der Blick, ob naiv oder reflektierend, immer subjektiv, und zweitens kam es im 16. Jahrhundert darauf an, der geläufigen Verachtung der „Wilden“ etwas entgegenzusetzen. Ähnlich wie später Rousseau hegte Montaigne die Vorstellung, im Anfang der Zeiten, vor aller Zivilisierung, hätten die Menschen ein paradiesisches Leben ohne „künstliche Zwangsmittel“ geführt.
Im 21. Jahrhundert bestünde nun dank fortgeschrittener Zivilisierung und Technisierung die Möglichkeit, sich im Alltagsleben von vielen dieser Zwangsmittel zu befreien. Das Gegenteil ist der Fall. Als wollten wir alle das Parkinsonsche Gesetz vom unweigerlichen Wachstum der Bürokratie bestätigen, ziehen wir die sozialen Daumenschrauben immer weiter an. Auch diese Sehnsucht nach einem einfacheren, dabei aber reflektierten Leben teile ich mit Montaigne.
Ob er tatsächlich immer nur „sich selbst gemalt“ hat und sein einziger Gegenstand war, wie Montaigne im Vorwort zu den Essais behauptet, kann man getrost bezweifeln. Hier wird wohl auch das Understatement eine Rolle spielen. Montaigne steigert dieses klassisch-rhetorische Mittel bis zu dem Paradox, daß er dem Leser, an den er sich eingangs wendet, von seinem Buch abrät, weil dessen Gegenstand nicht sonderlich interessant sei. Die Rezeptionsgeschichte sollte erweisen, daß er interessanter war als das meiste, was in jener Epoche geschrieben wurde. Aber nicht nur deshalb, weil er oft Innenschau hielt, sondern wegen seiner Neugier auf die diversen Welten.
Der Essai – heute meist in der englischen Schreibweise – ist ein eminent und essentiell subjektives Genre. Interessant wird er dann, wenn die Persönlichkeit des Autors dies und jenes aus den Welten, den zeitgenössischen wie den historischen, durch Bücher vermittelten, aufgenommen hat und zu bewerten und durch seine Sprache und seinen Geist transformiert wiederzugeben weiß. Indem Montaigne von sich selbst erzählte, schrieb er über beide Welten – mindestens. Der Subjektivismus des Essays kann im 21. Jahrhundert, das sich so gern und so total dem Trug von Objektivierung und Optimierung ausliefert, als Kampfmittel gegen einen Zeitgeist dienen, der der Mehrheitsgesellschaft selbst gefährlich werden könnte, je mehr diese Tendenz kraft Automatisierung zur zweiten Natur wird. In diesem Sinn ist der Essai ein ebenso parasitäres wie notwendiges Genre.
In Ricardo Piglias Tagebüchern und in einem seiner Romane kommt eine „Bar beider Welten“ vor, irgendwo am Rand des Randes der Welt, in Mar del Plata. Frequentiert wird sie vom jugendlichen Autor und von einem „Engländer“, einem virtuellen Schriftsteller, den es absurder Weise in diese argentinische Provinzstadt verschlagen hat. El bar Ambos Mundos, die Konjunktion von alter und neuer Welt, wie sie Spanien einst verfolgte. (Heute gibt es sogar in Tokyo eine Bar, die sich so nennt.) Auf deutsch hat der Ausdruck zwei Bedeutungen: Wer zuviel hin und her schwingt, sich zuviel an mehreren Orten gleichzeitig aufhält, könnte die Orientierung verlieren und am Ende mit leeren Händen dastehen, ohne die eine, ohne die andere Welt, ein im atlantischen oder indischen Ozean versunkener Kolumbus. Verloren im transversalen Liniengewirr, in der gespenstischen Leere des Netzes: Dieser Gefahr zu wehren, hat sich der Verfasser der vorliegenden Essais vorgenommen.
I
LOB DES PARASITEN
Es ist noch nicht lange her, da erhielt ein südkoreanischer Spielfilm mit dem Titel Parasite den Oscar für den besten Film des Jahres, also die berühmteste Auszeichnung, die es weltweit auf diesem Gebiet gibt. Ich war, als ich den Film sah, fasziniert wie die meisten Zuschauer, doch fiel es mir schwer, bei den gegen Ende immer grausameren Szenen, die das Werk vollends zum Horrorfilm werden lassen, den Blick auf die Leinwand geheftet zu lassen. Diese Parasiten da, für die man zu Beginn des Films Sympathie oder wenigstens Mitleid empfinden konnte, werden Schritt für Schritt zu Schlächtern. Die Underdogs, die sich aus dem Elend erhoben haben, erweisen sich, sobald sie etwas wie Macht und Einfluß bekommen, als noch weit ärger als jene, denen sie einst ihren Wohlstand neideten. Letzten Endes sind alle Beteiligten Parasiten, die Reichen, die sich auf die Dienste der Armen stützen, um ihren Reichtum zu mehren, und die Armen, die die ganze Hand an sich reißen, sobald ihnen ein kleiner Finger gereicht wird. Im Normalfall spielt sich das ganze Geschehen als Austausch ab, die soziale Maschinerie schnurrt dahin, tagein, tagaus, die Dienste werden recht und schlecht bezahlt, so haben alle ihr Auskommen, ihren angestammten, überlieferten, schwer zu verlassenden Platz in der sozialen Hierarchie.
Parasite ist zunächst nichts anderes als ein Sozialdrama, das man als Kritik an der zeitgenössischen Konsumgesellschaft und den immer noch wachsenden Ungleichheiten verstehen kann. Etwas mehr als hundert Jahre vor diesem Film wurde ein ganz anderes Werk über einen Parasiten geschrieben, eine viel seltsamere Erzählung; so seltsam, daß sie in den Kanon der phantastischen Literatur eingegangen ist, wo sie heute einen der Spitzenplätze einnimmt. Die Rede ist von Franz Kafkas Verwandlung. Die Familie, die wir da kennenlernen, ist irgendwo in der Mitte der Gesellschaft angesiedelt, nicht arm, aber auch nicht sonderlich reich. Das Parasitentum Gregor Samsas ist anderer Natur als das der Familie Kim, die sich nach und nach bei einer anderen, weniger zahlreichen, aber weitaus wohlhabenderen Familie einschleicht. Anders nicht nur deshalb, weil Gregor ja zur Familie gehört, sondern wegen seines zugleich naturhaften und imaginären Charakters, absurd und von einer anderen, nicht-logischen Konsequenz. Gregor findet sich eines Morgens, noch im Bett liegend, „zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt“. Von jetzt an ist er ein Schmarotzer, die Familie wird ihn aushalten, wird ihn ertragen, seine Schwester kümmert sich um ihn, doch zum Wohl der Familie kann er künftig nichts beitragen, er ist überflüssig, nein, schädlich, ein Familienschädling und damit ein Volksschädling von der Art, wie sie Hitler und seine Kameraden in den Winkeln der deutschen Gesellschaft aufspürten, um sie zusammenzutreiben und... Die Versuchung liegt nahe, Kafkas Erzählung als allegorische Vorwegnahme späterer Ausrottungsstrategien gegenüber den Juden zu lesen; gleichzeitig aber weiß man aus Kafkas Tagebüchern und Briefen, wie sehr er sich selbst am Rand der Gesellschaft sah und darunter litt, auf einem feinen Grat zu balancieren und zugleich in einem unterirdischen Bau zu hausen, dem Bau seiner Sprachkunst nämlich, und wie er sich doch keine andere Existenz vorstellen konnte und wollte als diese. Das, was er tat und tun mußte, gegen alle Ansprüche der Familie, der Gesellschaft, wie auch gegen die inneren Blockaden, von welchen die Dokumente ebenfalls Zeugnis ablegen, war das einzige, was er beizutragen hatte, der „Mehrwert“, den er aus sich zu ziehen verstand. Ein paradoxer, wertloser Mehrwert. „Legs auf den Nachttisch!“ (Der Vater mit verächtlichem Blick auf das erste Buch des Sohnes.) Die Texte als Schmutz, von dem sich die soziale Familie nicht reinigen kann – und heute auch nicht mehr reinigen will, weil sie erkannt hat, daß Kafkas Gesamtwerk etwas über sie sagt, das anders nicht gesagt werden kann, und eben dieses Werk sie in gewisser Weise erst konstituiert. „Wir müssen es“ – das Ding, den Nicht-Menschen, das Unwesen – „loszuwerden suchen“, hieß es damals. Heute wird es in Schulen und Hochschulen gehegt und gehätschelt, von Weltautoren fortgeschrieben: Samsa in love.
Von diesen Figuren, diesen realen, real leidenden, von einer Meute verfolgten oder in sich zurückgezogenen, selbstzerstörerischen Außenseitern, von den Juden, Sinti und Roma, den Homosexuellen, den Hexen, den Henkern, den Minderwertigen, den Arbeitsscheuen, den Überqualifizierten, den Geistesgestörten, den Arbeitslosen des elektronischen Zeitalters, den Aussätzigen und Unberührbaren finde ich in einem umfangreichen Buch, das diesen Titel trägt, Der Parasit, kaum eine Spur. Stattdessen Spaßmacher und Wortedrechsler, die sich bei den Reichen zum Bankett einladen. Die bei deren Gelagen mitnaschen und nichts dafür geben, buchstäblich nichts, sie drehen den Wohlhabenden, die vielleicht darüber lachen, eine lange Nase. Fabeln, Legenden, allerlei Geschichtchen, selbsterfundene und überlieferte, oft aus der Antike, von der Zeit, als die Philosophen noch etwas zu sagen hatten. Michel Serres hat dieses vorsätzlich disparate und verspielte, mehr oder weniger referenzlose, „unrealistische“ Buch in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts geschrieben. Man sollte es als Roman mit all den Flausen lesen, die sich Romane erlauben dürfen, solche wie Italo Calvinos Wenn ein Reisender in einer Winternacht, wo der Leser ebenfalls vom Hundertsten ins Tausendste geschubst wird. Und trotzdem vermisse ich die Figuren, die Leidenden, vermisse die Ernsthaftigkeit. Das Parasitendasein ist kein Honigschlecken!
Zwanzig Jahre, nachdem er sein Patchwork-Buch fertiggestellt hatte, schrieb Serres für eine Neuausgabe ein Vorwort, das mir in wenigen Sätzen luzider scheint als die Hunderten Seiten, die folgen, so daß es mir als Anstoß und Einführung in mein eigenes Parasitenwerk geeignet scheint: Ich zweige es ab wie damals der halbwüchsige villero, den ich in einer Vorstadt von Buenos Aires beobachtete, als er mit einer unscheinbaren Siphonpumpe Benzin aus dem Tank eines allzu stattlichen Autos absaugte. Die Entwicklung eines Kindes, seine Erziehung, seine Bildung und Ausbildung, schreibt Serres, laufen darauf hinaus, aus uns einen „Akteur des Austauschs zu machen, indem sie uns nach und nach von unserem ursprünglich parasitären Verhalten abbringen“. Auf diese Art entsteht Gesellschaft, werden sozial verträgliche, mehr oder minder gemeinschaftsdienliche Individuen erzeugt. Zunächst aber sind Kleinkinder – und schon die Föten – Parasiten, vollkommen abhängig von ihrer unmittelbaren Umgebung, die sie auf das selbstverständlichste aussaugen. Das Parasitentum ist die Vorform des Sozialen, das im Lauf der Zeit zurückgedrängt wird, und bleibt gewissermaßen dessen Voraussetzung, später auch seine Gegenform. Daran erinnern euch die erwachsenen Parasiten, die ihre Position selbst gewählt haben oder nicht anders können. Die Bettler, die Verrückten, die Alkoholiker, die Hikikomori, die sich wie Gregor Samsa für den Rest ihres Lebens im Zimmer verschanzen, die Ausländer, die Schwulen – nein, die nicht mehr, die haben sich zur angesehenen Untergruppe gemausert, dürfen sogar heiraten und Kinder aufziehen. Aber vielleicht die Pädophilen? Oder müssen wir diese zwanghaften Störenfriede des Gesellschaftskörpers entfernen, wenn wir unsere Kinder vor Bedrohungen schützen wollen (aber schützen wir sie im allgemeinen nicht zuviel)? Und natürlich die Künstler, die Schriftsteller, die Taugenichtse, die nicht heimkehren wollen, und die Philosophen – nein, die auch nicht mehr, denn wenn sie nicht professoral werden und ein entsprechendes, wohlverdientes Gehalt beziehen (denn auch sie geben und nehmen), dann sind sie Medienstars, Kommentatoren, Konsultanten von Entscheidungsträgern, oder zumindest Workshopveranstalter, Betreiber eines Philosophencafés. Alle gehören dazu. Alle!
Alle? Wenn alle dazugehören, geht die Zugehörigkeit flöten, sie verliert den Zusammenhalt, der im Innersten negativ ist, eine Leerstelle, eine Abwesenheit, ein blinder Fleck ohne Sinn. „Ich hab mein’ Sach auf nichts gestellt“: Goethe, der Arrivierte, der Angekommene, wußte davon. Goethe, der alte Säufer. Die Parasiten, die nicht Zugehörigen, sind schon da, bevor menschliche Kollektive gebildet werden, und sie werden diese überleben. „Indem sie ihn negieren, bereiten sie den Austausch vor“, und so helfen sie, „das soziale und kulturelle Gebäude zu errichten“ (noch einmal Michel Serres). Ein parasitärer Künstler ist einer, der unfähig oder unwillens ist, erwachsen zu werden. Ein Erwachsener, der ewig Kind bleibt. Ein Kind, das klarer sieht und unumwundener spricht als die Erwachsenen. Ein Stotterer, der eine neue Sprache hervorbringt. Jemand, der in der Muttersprache eine Fremdsprache erzeugt. Der Mißverständnisse nicht aus-, sondern einräumt. Der kommuniziert, indem er sich einigelt. Der den Sinn aufs Spiel setzt, indem er mit den Zeichen spielt, aus denen, wenn er Glück hat, etwas anderes sprießt, ein vorsintflutlicher Nachsinn vielleicht.
Der gewissenhafte, aber auch ein wenig anarchistische Richard Rorty, einstmals bestallter Professor am Trinity College und an der Stanford University, hat das ähnlich gesehen. Er schrieb und dachte und sprach recht normal, aber Diskurse, die er „nichtnormal“ nannte, hatten es ihm angetan. Diese nichtnormalen Rede- und Schreibformen fußen zwar auf den konventionellen, überlieferten, kurz: normalen Diskursen, doch sie saugen sie aus, verletzen das Copyright, verstoßen gegen Denkschemata und Vorstellbarkeitsgrenzen, zehren davon wie der ungebetene Gast beim Bankett und bezahlen am Ende dann doch, obwohl es die längste Zeit nicht danach aussieht, in einer ganz anderen Währung, mit Späßen, mit guter Laune, mit Unverständlichkeiten, mit heißer Luft und unerträglichen Furzen – nein, im Ernst, sie bezahlen mit Kunstwerken, deren Wert man, wie bei Kafka, van Gogh und Konsorten, erst im nachhinein, Jahrzehnte später, erkennt. „Er kreuzt und diagonalisiert den Austausch“ (noch einmal Serres, den ich hier ein wenig plündere). Der Parasit handelt nicht, sondern ändert flugs die Währung, die Sprache, die Ebene, auf der wir uns befinden. Er knüpft transversale Beziehungen, überrascht mit Anknüpfungspunkten, trennt das Untrennbare auf, macht unsichtbare Knoten, wechselt plötzlich das Thema, schweigt peinlich und – unterbricht.
II
IRONIE OFF!
Anthropologische Mutation
1972 schrieb oder, genauer gesagt, kopierte der Dichter Rolf Dieter Brinkmann folgende, zunächst in einem Brief nach Deutschland geäußerten Sätze in sein römisches Collagebuch: „Es wird nicht mehr lange dauern, bis hier das 20. Jahrhundert mit allen seinen Schrecken auch voll und ganz eingetreten ist. / Was ist der Schrecken des 20. Jahrhunderts?: Es ist die starke Automatisierung des Lebendigen (…), ich habe es immer bezeichnend empfunden in Köln an der Ecke Ehrenstraße: ‚Der sprechende Automat‘ sobald man das Geld in den Zigarettenkasten geworfen hatte und automatisch kam heraus/: ‚Vielen Dank!‘“1
Was würde der Dichter heute sagen, wo in einem fort aus allen Richtungen lebendige und künstliche, in jedem Fall digital gespeicherte und abgerufene Stimmen an unser Ohr dringen, die uns bitten oder bedanken, warnen oder locken, Floskeln und Zahlen formulieren, uns auf den nicht angelegten Sicherheitsgurt aufmerksam machen, auf einen abbiegenden oder rückwärts fahrenden Lastwagen, einen Artikel im Supermarkt, wo man an der automatischen Kassa auch Tierstimmen hören kann? Würde er sich in Alexa und Siri verlieben? Hätte er sich, wie die meisten Zeitgenossen heute, an all diese Automatiken und Künstlichkeiten längst gewöhnt? An das Wasserrauschen auf den Toiletten? An das künstliche oder lebendige – läßt sich nicht entscheiden – Frauenstimmchen im Aufzug, das uns mitteilt, jetzt gehe es nach oben oder nach unten?
Wollte man im Jahr 1972 in einem Lokal Musik hören, schlenderte man cool zur Jukebox (wie in Brinkmanns Erzählung Wurlitzer), die nach zwei, drei Minuten in Schweigen fiel, wenn man sie nicht weiter fütterte. Die Dauerbeschallung durch seichte Pop- und Kaufhausmusik war noch nicht Realität, Kopfhörer, Ohrstöpsel, Bluetooth noch nicht gebräuchlich. Ist denn das alles so schrecklich? Was sind die wahren Gräuel der Gegenwart? Was würde Brinkmann zu den allgegenwärtigen, immer unauffälligeren Überwachungskameras sagen? Zum Verlust der Privatsphäre, zur sanften Kontrolle bis hinein ins Wohn- und Schlafzimmer? Zur ständigen Mitteilung von visuellen Daten, ermöglicht durch digitale Photographie und Handys, die zur zweiten Natur geworden sind und uns an das sogenannte Netz anschließen, in dem mehr und mehr auch die intelligenten Dinge zusammengeschlossen sind? Wobei die Mitteilungen, die Informationen oft nur von Maschinen gespeichert, aber kaum von Menschen angesehen, noch weniger besprochen oder diskutiert, im Glücksfall oder bei geschickter Eigenwerbung „gelikt“ werden oder sich „viral“, das heißt im Selbstlauf, verbreiten: Kommunikationslosigkeit. Fast jeder liefert sich freiwillig aus, verschenkt seine Daten, regt sich hernach über NSA und Big Data auf, verschleudert weiterhin seine Daten, gebraucht tagein, tagaus die Geräte, die sich jederzeit gegen ihn wenden können wie Panzer eines Landes gegen die eigene Bevölkerung.
Dabei denken wir noch gar nicht an die Probleme der Arbeitswelt, an ihr tendenzielles Verschwinden und das seltsame Phänomen, daß wir trotz der Steigerung der Produktivität immer mehr Arbeit am Hals haben, wenn wir Arbeit haben, und uns immer gestreßter fühlen auf dem Weg zum Burn-out. „Man stelle sich vor, mehr als 90 Prozent aller Jobs würden verschwinden; ersatzlos gestrichen, weil Maschinen sie übernehmen. Ein grauenvoller Gedanke: Was wird dann aus uns Menschen, wovon werden wir leben, womit füllen wir unsere Zeit?“, fragt Christoph Kucklick, derzeit (2021) Leiter der Henri-Nannen-Schule in Hamburg.2 Wenn wir versuchsweise mal ein paar Antworten geben: Vielleicht leben wir von dem, was die Maschinen erwirtschaften? Der Reichtum verschwindet ja nicht mit der Arbeit. Aber verschwindet sie überhaupt? Werden nicht ständig neue Arbeiten erfunden, konstruiert, bereitgestellt, damit wir nicht arbeitslos werden? Unnötige Tätigkeiten, doch immerhin sind wir beschäftigt. Der Mensch als Beiwerk der Maschinen, die er wartet, beaufsichtigt, verbessert. Bis sie sich eines nicht fernen Tages selbst warten, beaufsichtigen, verbessern werden? Diese Zukunft hat ebenfalls schon begonnen, Maschinen können immer besser, immer schneller lernen. Trial and error, alles durchprobieren, dazu sind sie unermüdlich – und rasend schnell. Frustrationstoleranz 100 Prozent. Hundertmal verlieren, einmal gewinnen. Werden die Menschen dann Gedichte schreiben wie Rolf Dieter Brinkmann? Werden sie lernen, studieren, neugierig sein, einfach so, ohne bestimmtes Ziel, Bildung als Selbstzweck? Oder sich tagein, tagaus über Politiker, über „Eliten“ ereifern und empören, die vielleicht auch gar nicht mehr nötig sind? Werden sie die heile Welt schrecklich finden? Oder den halben Tag Sport treiben? Meditieren? Shoppen? Oder sich betrinken, betäuben mit Drogen, Internet, Fußball, Shopping, Surfen, Pornos?
Zögerliche Antworten münden in neue Fragen. Es ist vor allem eine bequeme, praktische Welt, und zwar schon heute, für die meisten Menschen in den entwickelten Ländern. Ich erinnere mich an den Beschwerdespruch meiner Mutter zu einer Zeit, die noch nicht ganz so bequem war, als die Menschen weniger motorisiert und weniger mobil waren, sich aber noch viel mehr bewegten, einen Spruch, den sie ab und zu einem ihrer Kinder an den Kopf warf: „Recht faul und bequem!“ Heute sehe ich die jungen Leute mit dem Handy vor der Nase wie der Esel mit der Karotte und denke, oft gegen meinen Willen: Recht faul und bequem! Das Praktische, Annehmliche, Naheliegende, leicht zu Habende, leicht Erreichbare, leicht zu Verstehende ist in unseren heutigen Gesellschaften zum Inbegriff des Wertvollen geworden, Bequemlichkeit schlägt jeden anderen Wert, soweit noch Werte in Umlauf sind. Und warum auch nicht, was spricht dagegen, worüber regst du dich auf? Das Allzweckgerät Smartphone genügt im Verbund mit dem Hypersupermarkt Amazon, der eines Tages vollautomatisiert sein wird (3-D-Drucker, Drohnen etc.), um uns ein ewiges Leben im Schlaraffenland zu gewähren.
Zu bequem sind wir nicht bloß, um unseren Arsch zu bewegen, sondern zunächst und vor allem, um Entscheidungen zu treffen. Algorithmen treffen sie für uns, dein Personalcomputer3 kennt dich, er berechnet und prognostiziert dich, du bist seine Person, sein Ehepartner, er sagt dir, was du kaufen, welche Musik du hören, welchen Film du sehen wirst. Meistens ist er mit dir per Du, was angemessen ist, weil er dich besser kennt und dir näher ist als fast alle Menschen. Die hundertprozentigen digital natives der jüngeren Generationen wollen gar keine Entscheidungen treffen, sie verzichten gern auf ihre Freiheit, weil dieser Verzicht ihre Bequemlichkeit vermehrt, auch wenn sie verbal-ideologisch womöglich nach wie vor für Freiheit eintreten: Sie wollen sich doch von niemandem etwas sagen lassen! (Außer von Spotify, TikTok, GPS, Partneragentur, Suchmaschine, Rechtschreibkorrektor, alles natürlich im Internet, ihrem eigentlichen Lebensraum.) Auch in vorgeblich freien Gesellschaften, schreibt Yuval Noah Harari („allegedly free societies“), werden wir mehr und mehr den Algorithmen vertrauen und im selben Maß unsere Fähigkeit einbüßen, Entscheidungen auf eigene Faust, im eigenen Namen zu treffen. Auf den Widerspruch zwischen der Haltung des Bedauerns und futuristischer Begeisterung sowie auf die Ironie, die diesen Widerspruch bedient, werde ich noch zurückkommen. Ich fürchte, daß ich ihm (und ihr, der Ironie) selbst nicht entgehen kann. Unter solchen Bedingungen, die ich als automatisiert bezeichnen würde, insofern die technische Automatisierung auf das Verhalten der Personen abfärbt – wir passen uns den allwissenden Geräten an –, optieren wir in der Regel für das Leichtere, Einfachere, schnell zu Habende. Durch Klicks und Pop-ups, durch das ständige und mühelose Aufspringen von Fenstern, ist alles in unserer Reichweite, die Abstände werden viel radikaler reduziert als beim Fernsehen, weil unsere Individualität, das „Persönliche“, das freilich schon durch die Geräte und ihre Algorithmen façonniert ist, und unsere Mobilität einberechnet werden (dennoch sehe ich die Internetpraktiken immer auch als Fortsetzung der Fernsehkultur). Wir brauchen keine Anstrengung und wollen sie auch nicht, wir ziehen das Einfache dem Komplexen vor, das Bild dem Text, den wir allenfalls überfliegen, das Triviale dem Elaborierten, die Verschwörungstheorie der Analyse, den Slogan dem Zweifel, das Poppige der Klassik, das Flüchtige dem Traditionsbeladenen. Roberto Simanowski bezeichnet dieses Prinzip, das Facebook vielleicht am besten verkörpert, als verbrecherisch („Facebooks Verbrechen …“). Daß er sich am Ende – ironisch, versteht sich – zum digitalen Smalltalk und den Banalitäten à la TikTok „bekehrt“, verweist auf den Widerspruch, von dem auch das Schreiben Hararis zehrt.
Ein Problem, das sich aus der Bequemlichkeit ergibt, besteht darin, daß die digitalisierten, bis zu einem gewissen Grad automatisierten Subjekte selbst dann, wenn sie lernen, sich bilden, etwas wissen wollen, die Gegenstände und Themen nicht mehr durchdringen, weil sie ohnehin sämtliche Daten – und anders als in Datenform, als Informationsbits, werden Inhalte von digital natives nicht wahrgenommen – ständig verfügbar haben, auf grenzenlosen Speicherplätzen außerhalb ihrer selbst, in einer virtuellen Wolke, einem Datenhypermarkt. „Was du ererbt hast von den Vätern, erwirb es, um es zu besitzen“ – solche Sprüche findet man gesammelt, kopiert und „gepastet“ auf zahllosen Sites im Internet, aber was sie bedeuten … Wissensbereiche werden unter heutigen Bedingungen nicht erworben, sondern angeklickt (und meistens sofort wieder vergessen), Gegenstände werden nicht durchdrungen, Probleme und Zusammenhänge nicht erkannt, sondern nur gestreift, Bildung eignet man sich nicht an, man braucht sie im Grunde genommen nicht, und wenn doch, dann genügt es, wenn sie in den Speichern des Allzweckgeräts konserviert ist. Dementsprechend sind die beliebtesten, d. h. zeitgemäßesten Genres der Epoche des Kulturüberflusses, auch Postmoderne genannt, die Anthologie, die digitale Enzyklopädie, das Florilegium und die Zitatensammlung.4 Das jederzeit und jedermann zugängliche Internet, wie es sich im 21. Jahrhundert ausgeprägt hat, ist letzten Endes nichts anderes als die Hyperstruktur dieser Auswahlgenres, einschließlich Wikipedia, wo der User neben höchst ernsthaften, mitunter taxfrei wissenschaftlichen Artikeln so viel Information über sämtliche Kleinstädte, Dörfer und Stadtviertel, über viertklassige Fußball- und Schauspieler oder auch Pornosternchen finden kann, daß er als User gar nicht anders kann, als sich in diesem Labyrinth zu verlieren (auch „surfen“ genannt). Das Problem ist weniger, daß uns inmitten solcher Überfülle die Bildung abhandenkommt, als daß wir uns selbst nicht mehr zu Persönlichkeiten bilden, die selbständig auswählen, verwerfen, bewerten und sich das als wertvoll Erachtete aneignen: Die Notwendigkeit und schließlich die Möglichkeit dazu bleibt im digital vernetzten Lebensraum auf der Strecke. An die Stelle des Subjekts des Wissens, des Zweifelns und des Erkennens ist der Wissensmanager getreten. „Möglich ist diese Vorstellung nur“, schreibt Konrad Paul Liessmann, „weil die Wissensgesellschaft die Beziehung des Wissens zur Wahrheit gekappt hat“.5 Da sie sämtliche Daten sofort haben können, verlernen die User der digitalen Welt auch das Warten, die Geduld, das Reifen, die Introspektion. Gleichzeitig unterliegen Erholung und Unterhaltung einer Transformation: Luststeigerung, oft auch noch gratis, ohne vorhergehende Anstrengung führt leicht zur Sucht, zum unkontrollierbaren Konsum (der dem kommerziellen Ideal des Spätkapitalismus entspricht). Das Internet und die Geräte, die uns damit verbinden, machen an sich süchtig, nicht erst durch bestimmte Inhalte (Spiele, Pornographie, Wetten …), die wir darin finden. Der Süchtige ist die Verkörperung des Subjekttypus, der sich endlos gehen läßt. Er will und muß nicht denken, sich zur Verantwortung rufen, Entscheidungen treffen. Sucht ist bequem – kann aber Probleme im wirklichen Leben nach sich ziehen. Reale Nebenwirkungen sozusagen.
Durch die soziotechnischen Systeme werden uns immer mehr Bürden abgenommen, das Leben wird – oder wirkt, auf den ersten Blick – ungeheuer leicht. Unsere Spätmoderne ist, um einen Begriff Zygmunt Baumans zu gebrauchen, eine leichte Moderne, die das schwere Gepäck des Industriezeitalters und seiner Moral abgeworfen zu haben scheint (das relativierende Verb füge ich Baumans Erläuterungen hinzu). Wissen heißt heute nicht mehr, sich etwas angeeignet und in seinem Gehirn aufbewahrt zu haben; es bedeutet, eifrig im Internet herumzuklicken, geleitet von einer Suchmaschine, in den meisten Fällen Google, wobei der Suchende immer wieder auf dieselben Pages, dieselben Sites, also Orte, stößt, die eine Unzahl von Orten und Verbindungen dort- und dahin („Links“) anbieten. Was durch die mehr oder weniger intelligenten Maschinen und Systeme ausgelagert wird, sind nicht mehr nur beschwerliche körperliche Tätigkeiten wie Rasenmähen, Tagebau oder Geschirrspülen (schon seit prädigitalen Zeiten), es betrifft mehr und mehr den intellektuellen, emotionalen und sinnlich-perzeptiven Bereich: das Erinnern, das Denken, das Erstellen(-Lassen) von Korrelationen anstelle des Aufspürens von Zusammenhängen, die Orientierung, die Intuition, ja, sogar das Verlieben, das laut Harari von Algorithmen viel besser besorgt wird als durch fehlbare menschliche Subjekte, die nur auf ihre Gefühle und Eingebungen zurückgreifen können und daher oft unvernünftig agieren. Gleichzeitig verliert sich die Forderung nach Verantwortlichkeit, und spiegelbildlich dazu das Verantwortungsbewußtsein der Subjekte. Letzteres gilt nicht nur für anonyme System-User, oft als „Poster“ unter Pseudonym auftretend, die in irgendeinem „sozialen“ Medium immer wieder mal zu ihrem Vergnügen Haßbotschaften oder Drohungen absetzen, es gilt auch für die Konstrukteure dieser digitalen Systeme und wiegt bei ihnen viel schwerer, bei den Software-Entwicklern und den von ihnen geschaffenen intelligent-maschinellen Entitäten, zumal wenn sie zu raschem Selbstlernen befähigt sind: Wer ist für deren ach so reibungsloses, aber mitunter dystopisches Funktionieren verantwortlich? Wer kontrolliert es? Wer kann es rechtzeitig stoppen? „Es besteht die Gefahr, daß am Ende niemand mehr zur Verantwortung gezogen werden kann“, faßt Catrin Misselhorn in ihrem Buch über „Grundfragen der Maschinenethik“ zusammen, nachdem sie Beispiele wie den Einsatz von Drohnen in der Terrorbekämpfung, der Kreditvergabe von digitalisierten Banken und die Preisgestaltung von Tickets bei Lufthansa angeführt hat. Die geschilderten Verhältnisse könnten „dazu führen, daß die Menschen sich weniger verantwortlich fühlen und die Bedeutung ihrer Handlungen nicht mehr wirklich verstehen“.6 Algorithmen verstehen sie besser. Aber wirklich den Menschen gemäß?
Ein Aspekt und eine Folge der Bequemlichkeit ist die immer umfassendere Herrschaft von kulturellen Mainstreams. Technisch und ideologisch bestünde die Möglichkeit zunehmender Diversifizierung, tatsächlich ist aber die gegenläufige Tendenz wesentlich stärker. Hinter der sogenannten Personalisierung, auch Singularisierung genannt, verbirgt sich das Gegenteil dessen, was der Begriff aussagt, nämlich Stereotypisierung und Rhetorisierung; das Gegenteil jener Singularitäten, die nach Gilles Deleuze durch menschliche Kreativität hervorgebracht werden.7 Wer hat, dem wird gegeben; was oft angeklickt wird, wird noch öfter angeklickt; nach und nach bleichen die Besonderheiten aus. Dabei klickt man zunächst oft nur, um zu sehen, was da so interessant sein soll: eine Art von ironischem Klicken, augenzwinkerndes Mitmachen, das unmerklich zu distanzlosem Baden im Mainstream werden kann. Technologische Basis des Konventionalismus und Konservativismus der ach so innovationsfreudigen digitalen Welt8 sind ökonomische Quasi-Monopole wie Google und Facebook, es sind die durch Algorithmen erzeugten Spiegelkabinette und Echoräume von sogenannten Feeds, von Empfehlungen des Gleichen oder Ähnlichen, die gedankenlos als Befehle aufgenommen werden. Harari begeistert sich für die Möglichkeit der digitalen Produktion von – vom Konsumenten aus gesehen – „personalisierter Kunst“. Der Kunde ist König, die Produzenten und Vertreiber geben ihm, was er wünscht und braucht, oder zu brauchen glaubt (natürlich beeinflussen sie ihn zugleich durch systematische, im Internet durchaus lückenlose Werbung). Facebook-Algorithmen wissen, wie der Einzelne, d. h. der „User“, der Digitalkonsument, auf Musikstücke reagiert, bzw. andersrum gesagt, sie wissen, in welcher Lage er welche Musik braucht. Um auf solche Weise über Kunst zu sprechen, ist ein etwas beschränkter Begriff davon Voraussetzung: „Oft wird gesagt, daß die Menschen deshalb für Kunst empfänglich sind, weil sie sich selbst darin wiederfinden.“ Das heißt, vor allem ihre Gefühle, und auf diese wirke die Kunst ein, und ein Algorithmus, der genügend neurologisches Datenmaterial über meine psychischen Reaktionen zur Verfügung hat, könne das viel erfolgreicher als ein Komponist, der für ein allgemeines, a priori nicht-personalisiertes Publikum komponiere. „Wenn die Schönheit in den Ohren der Zuhörer liegt, und wenn der Kunde immer recht hat“, dann werden biometrische Algorithmen die „beste Kunst in der Geschichte“ produzieren. Meint Harari.
Natürlich ist das Zukunftsmusik. Es mag Versuche in diese Richtung geben, aber die meisten Leute – Kunden – hören immer noch am liebsten, was gerade en vogue ist, und ein solcher Geschmack ist nicht singulär, sondern stereotyp. Harari konzediert dies, fügt aber sogleich hinzu, daß Algorithmen auch beim Herstellen von „global hits“ besser sein werden. Demnach wären menschliche Komponisten bereits überflüssig … Dabei fällt mir auf, daß der israelische Historiker nicht nur mit einem etwas simplen Kunstbegriff operiert, sondern selbst einen Musik- und überhaupt Kunstgeschmack entwickelt haben dürfte, der über globale Pop-Hits und Klassikschnulzen nicht hinausreicht. Die Künstler, die er an dieser Stelle zitiert, sind Britney Spears und Tschaikowsky (nichts gegen Tschaikowsky!). Die werden von den Kreativrechnern sicher bald übertroffen.
Es scheint ein Zug der gegenwärtigen Epoche zu sein, daß sich auch kluge und besonnene Menschen immer wieder in einen Taumel der Vorwegnahme rasanter technologischer Neuerungen hineinziehen oder -fallen lassen. Unsere Zeit ist paradoxermaßen beides: zukunftsängstlich und zukunftssüchtig. Was als nüchterne Überlegung beginnt, verwandelt sich ziemlich rasch in Science-Fiction. Manch ein Schreiber ist so ein verkappter SF-Autor; erkennen heißt – nicht nur für Algorithmen, sondern auch für menschliche Gehirne – Prognosen anzustellen. Und die Prognosen haben es so an sich, daß sie ihren Agenten immer weiter vorwärtstreiben, ihn beschleunigen und begeistern. Hin und wieder gebieten sich die Klügeren (wie ich) Einhalt – um sich dann von neuem treiben zu lassen. Ich glaube, daß Walter Benjamins geschichtsphilosophische These aus der düstersten Periode der europäischen Geschichte, kurz vor seinem Freitod formuliert, immer noch gilt, bzw. daß sie jetzt erst recht gilt und uns immer stärker beunruhigen sollte. Der Sturm der Geschichte wehe den Engel auf der Zeichnung Paul Klees – oder den Menschen, der (sich) erkennen will – „unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“9 Welche Trümmerhaufen wir in Zukunft auf unsere Vergangenheit zurückblickend sehen werden, kann niemand so genau sagen, aber zu befürchten steht doch, daß nicht alles heil bleiben wird und das, was den Menschen im positiven Sinn auszeichnete, auf dem Spiel steht (oder gestanden haben wird). Der Engel schaut nicht in die Zukunft, sondern in die Vergangenheit, doch er wird in die Zukunft getrieben. Ob im Anfang der Zeiten oder vor diesem wirklich ein Paradies lag, muß uns hier und jetzt nicht kümmern.
Wenn wir uns Klees Bild noch einmal ansehen, werden wir bemerken, daß der Engel schielt, als ginge sein Blick in zwei verschiedene Richtungen – also doch auch in die Zukunft, nicht nur zurück? Er verharrt und bewegt, anders gesagt: er schwebt über der Schwelle, die die Gegenwart darstellt. Außerdem wendet er sich dem Betrachter zu, und gleichzeitig von diesem ab. Sind wir, die Betrachter, die Vergangenheit oder die Zukunft des Engels? Weht der Sturm gar nicht vom Anfang, sondern vom Ende der Zeiten her? Ist es kein Wind, sondern ein Sog, der den Engel – die Menschen – zieht, ein horizontaler Malstrom? Wäre es, zumindest in unserer Zeit, die so oft als eine der beschleunigten Beschleunigung charakterisiert wird, nicht geboten, sich gegen diesen Sturm zu wappnen und öfter in die Vergangenheit zu schauen als in die Zukunft? Vielleicht gibt es aus den Trümmerlandschaften doch mehr zu retten, als die menschlichen und maschinellen Beschleuniger und Science-Fiktionisten uns weismachen wollen.
Ob personalisiert oder globalisiert oder beides, die rechnende Vorgangsweise gepaart mit dem wirtschaftsliberalen Prinzip „Der Kunde hat immer recht“ schafft und stärkt Mainstreams, Malströme. Die Effekte dessen lassen sich auch im politischen Bereich feststellen, oder im antipolitischen der Empörungs(un)kultur, die in jüngster Vergangenheit um sich gegriffen hat und in den USA einen Staatspräsidenten auf den Thron gespült hat, den seine Wähler für einen Feind des sogenannten Establishments hielten und immer noch halten (dabei war er allenfalls ein Feind der Demokratie). Die technologisch bewirkte Festlegung aufs Immergleiche, das Immerähnliche, um genau zu sein, schafft einen hervorragenden Nährboden für Simplifizierungen, Verschwörungstheorien und populistische Politik, die ich, wenn ich nun meinerseits vereinfachen darf, als Transponierung des KK-Prinzips (Kunde = König) ins Politische auffassen würde. Im Milieu der sogenannten Sozialen Medien kann der Antipluralismus der populistischen Bewegungen bestens gedeihen. Die „segmentierten Mikroöffentlichkeiten im Internet – in denen sich Mitglieder politischer Völkchen gegenseitig in ihrer moralischen Überlegenheit bestätigen – begünstigt die Logik des Populismus.“10 Die global vernetzte Kultur ist theoretisch in nie dagewesenem Ausmaß pluralistisch, der Überbau einer offenen Gesellschaft. Bei näherem Hinsehen besteht sie jedoch aus einer Anzahl von monistischen, geschlossenen Räumen, und parallel dazu breiten sich unverbindliche, aber wirkungsvolle Mainstreams aus.
Anfang der siebziger Jahre, in der Zeit, als Rolf Dieter Brinkmann in Rom weilte, verbreitete Pier Paolo Pasolini seinen Befund einer „anthropologischen Mutation“, welche die italienische – man kann extrapolieren: die europäische Gesellschaft erfaßt habe. Durch täglichen, bis in die hintersten Provinznester verbreiteten Massenkonsum und durch die Kulturindustrie (die er nicht so nannte: der Filmregisseur bezog sich auf das Fernsehen), sei das Wesen des (italienischen) Volks dabei, sich zu ändern, und zwar nicht gerade zum Besseren. Als ich damals, noch in den siebziger Jahren, das erste Mal davon hörte, war ich wie Pasolini bestürzt. Heute scheinen mir solche Wesensveränderungen, wenn wir annehmen wollen, daß es so etwas wie ein Wesen überhaupt gibt, unvermeidlich, normal, mitunter wohl auch begrüßenswert. Nach der Jahrtausendwende schlug in Österreich das von einem rechtsextremen Politiker geschmiedete Wort von der drohenden „Umvolkung“ hohe Wellen. Gemeint waren nicht Konsumismus und Infantilisierung, sondern der Zuzug von Fremden, die die ethnische Substanz der Heimat gefährden würden. Zwanzig Jahre später ist klar, daß die Mutation viel tiefer geht, daß der Wind wiederum aus einer anderen Richtung weht und überall auf der Welt zu spüren, also von globaler Natur ist. Die Digitalisierung sämtlicher Lebensbereiche von Arbeitsorganisation und Verwaltung über Bildungs- und Gesundheitswesen bis hin zu Küche, Schule und Verkehr, Freizeit, Unterhaltung und Sport, und die weltweite Vernetzung, zuletzt und besonders die Sozialen Medien, beeinflussen – meist ohne daß es den Subjekten bewußt wird – das tägliche Verhalten, die Denkweisen und Kommunikationsformen, die Erinnerungs- und Projektionsweisen, die Art des Wahrnehmens, des Sich-Konzentrierens und -Zerstreuens, also grundlegende menschliche Eigenschaften und Fähigkeiten, die unser Wesen ausmachen oder ausgemacht haben. Nicht von einem oberflächlichen Einfluß ist die Rede, sondern von einer Umkrempelung, nicht von Revolution, sondern von Mutation. In der Zeitspanne seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts, schreibt Michel Serres, sei „ein neuer Mensch geboren worden“.11 Wir passen uns der Funktionsweise und den Kriterien der Algorithmen an, die uns via Display gegenübertreten. Wer sich bei einer großen Firma um eine Stelle bewirbt, schreibt seine Bewerbung algorithmenkonform, weil er weiß, daß sie zunächst nicht von einem Firmenmitarbeiter gelesen wird, sondern von einem Bewerberbewertungsalgorithmus. Hat einer die Stelle bekommen, ist er gehalten, sich selbst zu quantifizieren, vergleichbar zu machen, zu optimieren.12 So ticken wir mehr und mehr wie die Maschinen, von denen wir abhängig sind. Der personalisierte und personalisierende Universalratgeber ist längst zum ständigen Begleiter geworden, zum Alter Ego, das uns beherrscht, auch wenn wir glauben, es zu beherrschen; ein neuer Typus von Über-Ich, nachdem die alten Instanzen wie Moral und Gewissen an Bedeutung verloren haben. Diese Entwicklung ist unaufhaltsam, aber wir können sie durch unser Bewußtsein und unseren kollektiven Willen mitgestalten. Wir können … Das heißt nicht, daß es wirklich geschieht. Die Betroffenen und die Zuständigen, soweit sich überhaupt jemand zuständig fühlt, lassen den Dingen ihren Lauf.
Auch Gilles Deleuze hatte, ein Konzept seines zu früh verstorbenen Freundes Michel Foucault aufgreifend, von Mutation gesprochen, diese aber zunächst sozioökonomisch bestimmt. Das nahezu Visionäre seines kurzen Textes über die Kontrollgesellschaften13 liegt darin, daß er erkannte, wie eng diese fundamentale Mutation mit technologischen Entwicklungen zusammenhängt, so daß der neue, postindustrielle und postmoderne Kapitalismus zunehmend kognitiv, virtuell und kulturell ausgerichtet ist und die alte Unterscheidung von Basis und Überbau obsolet wird (was schon Adorno in seinen Schriften zur Kulturindustrie vorausahnte). Was zunächst als Wortspiel erscheint, trifft als Diagnose ins Herz unserer Gegenwart: Die Individuen sind dividuell geworden, die Rechenmaschinen zerlegen mit ihren Funktionsprogrammen den Einzelnen in Daten und immer mehr Daten, zwischen denen Korrelationen gesucht und gefunden werden; er ist kein Kondensat mehr, sondern ein Dezentrat. Die alten Disziplinargesellschaften arbeiteten mit einfachen Maschinen, mit Zahnrädern, Hebeln, Flaschenzügen; die moderneren des 20. Jahrhunderts mit Energiemaschinen (Dampf, Elektrizität); die Kontrollgesellschaften, die Foucault und Deleuze heraufkommen sahen, operieren mit informatischen Maschinen, machines informatiques, mit Datenspeicherung und -verarbeitung, deren Ausmaß und Reichweite erst in den letzten Jahren klar geworden ist. Das Panoptikum des 18. Jahrhunderts, das Foucault ins Zentrum seiner Analyse der Disziplinargesellschaft gestellt hatte, hat sich der veränderten Realität angepaßt und verfeinert, es wirkt nicht mehr bedrohlich, weil es der anonymen Technik überlassen wird und uns die winzig und zahllos gewordenen Überwachungskameras ebensowenig auffallen wie die Tatsache, daß wir ständig Spuren hinterlassen und unsere Daten preisgeben, sobald wir uns im Internet bewegen oder unser Handy eingeschaltet haben, und das tun die meisten von uns ständig. Wir wissen zwar nicht in jedem Augenblick, aber doch im Prinzip, daß alles, was wir tun, denken und wünschen, gewußt, gespeichert und korreliert werden kann und wahrscheinlich wird, und so verinnerlichen wir die Überwachung, sie nistet sich im neuen Über-Ich ein.
Durch diese anthropologische Mutation sind wir in eine Epoche eingetreten, die man als „posthuman“ bezeichnen könnte; Nietzsches Rede vom Übermenschentum zielt in dieselbe Richtung, mit der Einschränkung, daß die Mutation nicht eine Elite, sondern die Masse betrifft, während es eher die Eliten sind, die am Alt-Menschlichen festhalten. Glaubt man Yuval Harari, so haben die Menschenrechte ausgedient. Im Jahrhundert der Totalitarismen seien sie vielleicht nützlich gewesen, um Gewaltherrschaft zu bekämpfen, doch heute gehe die Berufung auf angebliche Menschenrechte an den Realitäten vorbei. Biotechnologie und Künstliche Intelligenz, schreibt Harari, würden den herkömmlichen Sinn des Menschlichen umdeuten („…now seek to change the very meaning of humanity“). Freiheit habe sich durch den Fortschritt der betreffenden Wissenschaften – Mathematik und Statistik – als Chimäre entpuppt: Wozu sie noch verteidigen?
Andere versuchen genau dies, eine „Verteidigung des Menschen“, und bestehen auf den fundamentalen, unauflöslichen Unterschieden zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz, wobei trotz allem – machine learning usw. – erstere letzterer zugrundeliege und ihr Sinn und Ziel verleihe.14 Der herkömmlichen Humanität bleibt nichts anderes übrig, als mit der digitalisierten Gesellschaft, den digital humanities, zu koexistieren. Wenn sie abdankt und der exponentiell steigenden Digitalisierung einfach nur freien Lauf läßt, könnte dies fatale Folgen zeitigen. Ein hierzu bloß komplementärer Gedanke: Wäre es nicht sinnvoll, in der Gesellschaft nichtdigitale Zonen und Zeiträume einzurichten und zu verteidigen? Handyfreie Schulen, Cafés, Seminare? Um 1990, als Handys langsam zum Massengerät und Massenkonsumartikel wurden, waren diese in manchen Wiener Kaffeehäusern untersagt. Als einmal trotzdem jemand telephonierte, meinte der Ober empört: „Wir sind doch kein Großraumbüro!“ Wenige Jahre später erschien die Welt als ein einziges Großraumbüro; oder genauer, als globales Gebiet, das sich restlos in Büro- und Privat-Blabla aufteilte. Noch ein paar Jahre später ist das stimmliche Sprechen überflüssig geworden, Büro und Blabla werden „getextet“, die Finger sind flink geworden, die Kunden/User/Gäste starren ins Gesicht ihres Geräts und wischen darin herum. In den Kaffeehäusern, soweit sie musikalische Beschallung ablehnen, herrscht nun eine andere Art von Schweigen.
Freiheit wird Notwendigkeit
Eine der wiederkehrenden Obsessionen der älteren abendländischen Philosophie war es festzulegen, welche besonderen Eigenschaften den Menschen vor den Tieren auszeichneten. Der Mensch als zoon politikon, ein ganz spezielles Tier. Die Denker hatten ein starkes Bedürfnis, den Begriff des Menschen abzugrenzen und seine höhere Stellung zu behaupten. Der Mensch war sprachbegabt (obwohl es auch bei vielen Tierarten Kommunikation gab), er konnte denken (obwohl manchen Tieren Intelligenz nicht abzusprechen ist), er formte immer komplexere Gesellschaften, war also ein „soziales Tier“ (obwohl genaugenommen jede Rudel- und Schwarmbildung eine Art von Gesellschaft ist), in seinen ersten Lebensjahren unselbständig (aber auch Tiere haben Lernphasen) … Negative Charakteristika wie zum Beispiel, daß sich die Menschen untereinander bekriegen, während in der Tierwelt weithin eine unproblematische Solidarität innerhalb jeder Spezies zu beobachten ist und die Kämpfe sich nach außen richten, fielen dabei unter den Tisch. Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts schwindet dieses Bedürfnis, die eigene Identität durch Abgrenzung von Tieren zu bestätigen, während gleichzeitig das Bedürfnis wächst zu erkennen, was wir den Maschinen voraushaben, worin sie uns überlegen sind und wie wir mit beidem, Über- und Unterlegenheit, zurechtkommen können.
Um die Menschen von intelligenten Maschinen zu unterscheiden, verwendet der bereits mehrfach zitierte Harari gern den Begriff „Bewußtsein“. Dieses allein zeichne den menschlichen Geist aus. Selbstbewußtsein ist dabei ein weiteres Spezifikum, das zur Abgrenzung dienen kann. Allerdings gibt Harari auch zu: „We don’t really understand the mind.“ Jeder von uns gebraucht unentwegt seinen Geist, jeder setzt sein Bewußtsein ein und bildet es aus und verliert es am Lebensende wieder. Ein gewaltiger Denker hat versucht, Geist und Bewußtsein in einem dicken Buch – zweibis dreimal so dick wie das ebenfalls nicht dünne von Harari über den Homo deus, dem Leser jedoch viel schwerer zugänglich – zu ergründen, zu durchleuchten und systematisch zu beschreiben, und dennoch bleibt auch diese Kritik der reinen Vernunft mit ihrem abstrakten Kategoriengerüst, das zu einem erheblichen Teil triviale Vorgänge in vorsichtiger Begriffssprache abtastet und sichert, d. h. formalisiert, unbefriedigend, sobald wir introspektiv überlegen, was eigentlich in uns abläuft, wenn wir denken. Sicher nicht dasselbe wie in einem Computer, oder? Jeder hat Zugang zu seiner inneren Welt (ein Computer nicht?), durch Introspektion, die dem Selbstbewußtsein eine Vielzahl von Bahnen schafft. Wir glauben daher intuitiv zu wissen, was uns auszeichnet, und zwar als Individuen ebenso wie als Exemplare unserer Gattung.15 Und wir ziehen ausgehend von dieser Selbsterfahrung Schlüsse in Bezug auf Maschinenwesen und Tiere, in die wir freilich nicht hineinsehen können und die uns ihr Innenleben, sollten sie eines besitzen, nicht mitteilen. So daß wir zwangsläufig auf Beobachtung und Spekulation angewiesen sind. Tiere und Computer sind Black Boxes. Wenn sie uns etwas mitteilen, dann das, was wir in sie hineingelegt haben: Ihre Botschaften sind anthropomorph.
Harari neigt dazu, nichtmenschlichen Wesen eigene, geistige Fähigkeiten zuzuschreiben, wenn auch oft nur hypothetisch, im Modus der Vermutung. Er tut es zugleich auf ironische Weise, wobei der Grad seiner Ironie schwer bestimmbar bleibt, dem Urteil der Leser überlassen, von denen manche die Ironie gar nicht wahrnehmen werden. Vielleicht ist es gar nicht nötig, (Selbst-)Bewußtsein zu haben, um intelligente Leistungen hervorzubringen, die jene der Menschen immer weiter und bald auch immer schneller übertreffen. Computer, Rechenmaschinen, Algorithmen, körperlose, in gewisser Weise rein „geistige“ Programme, Gespenster sozusagen, könnten in nicht allzu ferner Zukunft die Dinge dieser Welt und auch die Menschen und ihre Angelegenheiten (z. B. wirtschaftlicher, medizinischer, moralischer Natur) besser verwalten, als die Menschen dies im Hinblick auf Tiere, Maschinen und sich selbst zu tun imstande sind. Jene intelligenten Maschinen könnten selbsttätig ein Innenleben entwickeln, das nicht zwangsläufig anthropomorph sein oder bleiben muß, und immer mehr, immer weiter lernen, damit aber eigene, unvorhergesehene Identitäten ausbilden, sich selbst auf eine Weise perfektionierend, wie es Menschen versagt ist. Es klingt nach den features eines Science-Fiction-Romans, aber die Maschinenwesen könnten die Macht ergreifen und eines schönen Tages beschließen, daß die Menschen nicht nur überflüssig sind, sondern stören; daß sie für ihre eigene „Gesellschaft“, ihre vernetzten Strukturen eher schädlich als nützlich sind und man sie deshalb am besten entsorgt, wie man es mit Parasiten eben so macht. Aber vielleicht sind die intelligenten Maschinen ja, im Unterschied zu den Menschen in diversen Epochen ihrer Geschichte, zu einem sanfteren Schluß gekommen: Jene Menschen, die Urväter der ersten Computergenerationen, sind gar nicht so schädlich, wie es einst den Anschein hatte; man kann ihnen problemlos eine Existenz in sorgloser Muße ermöglichen, solange sie sich nicht in die Belange der eigentlichen, der rationalen und rationellen Gesellschaft einmischen. Die Menscheit wird gewissermaßen ornamental, sie dient zur nostalgischen Verschönerung.
Vielleicht ist es also nichts als vergebliche, d. h. nostalgische und folglich überflüssige Liebesmüh, wenn ich versuche, eine kurze, ganz und gar provisorische Liste von Aspekten und Dynamiken, von Freuden und Leiden des Bewußtseins zu erstellen, und zwar mithilfe der methodenlosen Methode – alias Heuristik – des Brainstormings, des ungeregelten, frei assoziierenden Stöberns in meinem Gedächtnis, das sich durch eine inzwischen beträchtliche Erfahrung des Denkens und Beobachtens im Lauf der Jahre ausgebildet hat, ein wenig wie ein Tuchverkäufer in alten Zeiten, der seine Stoffe ausrollt und umlegt, faltet und entfaltet und glattstreift und gegen das Licht hält, und auch wieder einrollt (wie es die aus den Bergdörfern in die Stadt gekommenen indianischen Verkäuferinnen in Mexiko heute noch praktizieren). Fenster auf und durchlüften! Das Abgelagerte anheben, wenden, fliegen lassen! Vieles verwerfen, beiseitelassen, nicht einmal ignorieren.
Diesen Gedanken der menschheitlichen Überflüssigkeit, der Antiquiertheit des Menschen, findet man schon bei Günther Anders in dessen Nachkriegsphilosophie. Er selbst hat ihn nicht nur aus der kollektiven Erfahrung der Verwüstungen durch die Atombomben abgeleitet, sondern als Folge der immer umfassenderen Technisierung der Welt gesehen. Angesichts der für Menschen unerreichbaren Perfektion der Maschinen, wie man sie heute zum Beispiel an Schachcomputern, aber im Grunde genommen an jeder Rechenoperation sieht, muß der Mensch etwas wie „prometheische Scham“ empfinden, also das Gegenteil der klassischen und aufklärerischen Hybris.16 Unter diesen – immer noch neuen – Bedingungen käme es darauf an, nicht etwa „besser“ zu werden als die Maschinen oder mit ihnen gleichzuziehen, indem wir z. B. die Ausbildungsstätten durchdigitalisieren, sondern die besonderen Fähigkeiten des Menschen jenseits der Technik zu sehen, herauszuarbeiten und zu stärken: freie Zielsetzungen, Bewertung von Sachverhalten, Sinngebung, Interpretation, Geschichtsschreibung, einfühlsames Erzählen, ästhetisches Genießen, spielerisches Vergnügen.
Ich weiß nicht, ob eine Rechenmaschine oder eines ihrer Subsysteme Verantwortung übernehmen kann für eine andere: für andere Maschinen oder für das große Ganze, das Hypersystem, das im Unterschied zum großen Ganzen der Menschen, wie wir es in diversen Ausformungen aus der bisherigen Geschichte kennen, genau definiert und bezeichnet werden kann. Warum nicht: eine Verantwortungs- und Koordinationsmaschine, auf das Allgemeine – die Gemeinschaft – gewissermaßen spezialisiert. Diese Frage soll uns hier und jetzt nicht weiter kümmern, denn es geht mir immer noch in erster Linie um den Menschen, die Menschen in ihrer irreduziblen Vielheit. Ich frage mich, wie es um die Verantwortungsfähigkeit der jungen Menschen im Land, in dem ich lebe, bestellt ist, die zwar die Regeln, die man ihnen eingetrichtert hat, befolgen (und niemals auf ihre Sinnhaftigkeit hin befragen, ganz im Sinn von Wittgensteins Theorie des „Regelfolgens“17), vor allem dann, wenn möglicherweise Kontrollagenten zugegen sind, aus freien Stücken und nach eigenem Ermessen aber so gut wie nichts zu tun imstande sind, die Bedürfnisse anderer Gruppen, z. B. von Behinderten, nicht einmal erkennen, geschweige denn, daß sie diese in ihrem fremdbestimmten Handeln berücksichtigen. Ich spreche von Japan, hier mache ich diese Erfahrung tagtäglich und habe für mich den Schluß gezogen, daß die Einübung in ein äußerst rigides, detailverliebtes Regelsystem persönliche Verantwortung nicht fördert, sondern abtötet. In Europa mag das anders sein. Oder auch nicht. Jedenfalls wird in dieser stillen, nur sehr selten lautwerdenden Opposition, die hier durchwegs auf Unverständnis stößt, meine Sicht auf die menschliche Geistesmöglichkeit der Verantwortung geschärft. So sehr geschärft, daß mir ihre Erhaltung ein vordringliches Anliegen geworden ist, auch wenn ich mir oft genug sage: Du bist doch kein Aufpasser, kein Polizist, kein Moralapostel! Tatsächlich schauen mich die mit den üblichen Formeln um Entschuldigung ersuchenden, zustimmend nickenden Gesichter mit einem Blick an, der diese stumme Botschaft enthält: Du bist doch hier gar nicht zuständig!
Aber wer, wenn nicht ich, ist hier zuständig? Denke ich mir und verschweige diesen so seltsamen Gedanken.
Verantwortung. Antwort geben. Erst einmal sprechen. Nachdenken. Den Mund auftun. Und dann vielleicht handeln: ent-sprechend. Wem oder was antworten, entsprechen, tun? Aufgrund wovon? Von Werten, die man bedacht, abgewogen, gewählt hat; nicht von Regeln, zu denen man angewiesen wurde. Welche Werte? Es gibt deren viele (manchmal widersprechen sie einander, drängen sich vor oder verdrängen andere), und es gibt unterschiedliche Zusammenstellungen, Wertegebäude, Kodizes. Viele alte, selten neue Werte. Erweitere deinen Besitz, dein Vermögen, dein Einkommen. Steigere deine Macht. So steht es geschrieben: „Da kam der, der die fünf Talente erhalten hatte, brachte fünf weitere und sagte: Herr, fünf Talente hast du mir gegeben; sieh her, ich habe noch fünf dazugewonnen. Sein Herr sagte zu ihm: Sehr gut, du bist ein tüchtiger und treuer Diener.“ Die frohe Botschaft in kapitalistischem Geiste. Des Antichristen Nietzsche Zerbrechen an der selbstgestellten Aufgabe, neue Werte zu schaffen: Wen interessieren solche Hasardstücke heute noch?
Mich!
Alte Werte: Macht, Reichtum. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Unterwirf dir deinen Nächsten mit allen Mitteln. Denk stets, in jedem Einzelfall, an die allgemeinen Gesetze, die für jeden gleichermaßen gelten. Memento mori: Denk an den Tod, zieh aus diesem Gedanken den Schluß, daß es gilt, sich auf das Jetzt zu konzentrieren, oder auf das Ganze, auf deine oder die Geschichte, die Mit- und Nachwelt. Das Leben an sich sei der höchste Wert. Nicht immer. Es gibt keinen absoluten Wert. Oder? Aber Junge, Mädchen, überleg dir zumindest das, was du jetzt tust oder unterläßt (besonders letzteres!); fang etwas an, such dir was aus, du selbst bist der Mann, die Frau. Bediene dich deines Verstandes, der anders, unsicherer, tastend, aber auch vielfältiger und vielseitiger funktioniert als das allwissende Gerät, das du stets mit dir führst wie eine Prothese (wie es mittlerweile Pflicht ist), dein Schutzschild vor der Wirklichkeit. Durchdringe die Wirklichkeit und nimm sie auf, spüre sie und errichte sie, konstruiere, bessere aus, ändere! Definiere, was wirklich ist, bestimme die Wirklichkeit neu, werte sie um. Zum Beispiel: „Das Bergblau ist – das Braun der Pistolentasche ist nicht!“ Auch dies ein Wert, und zwar ein fundamentaler: Tu was! Oder tu nix, aber bekenne dich dazu!
Ich habe mich nie mit den Grundlagen der Statistik beschäftigt und verspüre auch jetzt, in Zeiten der Pandemie, da die Infektions- und Sterblichkeitskurven ins Kraut schießen, nicht die geringste Lust dazu, aber wie so viele klappere auch ich seit dreißig Jahren am Computer herum und tummele mich seit fünfzehn oder zwanzig Jahren in virtuellen Welten, und so sagt mir mein digitales Gefühl, daß das Denken meines maschinell-personalen Gegenübers, das in all den Jahren wirklich viel besser und umfassender geworden ist und sich unaufhaltsam perfektioniert, im wesentlichen ein mathematisch-statistisches ist, auch dann, wenn auf der Benutzeroberfläche gar keine Zahlen erscheinen. Daran bin ich gewöhnt, an das Denken meines ewigen Gegenübers – oder muß ich sagen: meiner Geistesprothese? –, an seine immer häufigeren Einflüsterungen und Einmischungen, zum Beispiel wie meine Rechtschreibung in diesem Text hier auszusehen habe oder wie der oder jener fremdsprachige Text zu übersetzen sei; ja, er nimmt mir dieses Denken neuerdings sogar ab und erledigt die Korrekturen, die Umwandlungen selbst, und in Zukunft vielleicht auch die Entwürfe, die ganze Schreibarbeit, ich muß nur noch das Thema entscheiden und ein paar Wünsche hinsichtlich subjektiver Färbungen äußern. Will ich das? Nein, ich will es nicht, aber ich vermute, daß die meisten es bequem finden werden.18 Ich will diese mich und uns selbst betreffende Automatisierung vermeiden, auch im Hinblick auf eine allgemeine Gesetzgebung, denn das mathematisch-statistisch-korrelationale Denken scheint mir für unsere menschlichen Zwecke bei weitem nicht ausreichend, letzten Endes zu primitiv, reduktiv, vereinfachend bei aller scheinbaren Komplexität.
Wo ich mich erinnere, d. h. auswähle im Wechselspiel mit dem nicht immer endgültigen, oft provisorischen Vergessen, speichert die Maschine, ohne auszuwählen: allenfalls kann ich nachträglich etwas löschen – und muß höllisch achtgeben, nicht zuviel oder das Falsche zu löschen – bzw. eine Kopie anzufertigen. Der Computer speichert oder kopiert, es ist dasselbe, er speichert-kopiert einfach ALLES.19 Und in den riesigen Heuhaufen, die er mit der Zeit anhäuft, findet er alles wieder, jede Stecknadel, jede kleinste Kleinigkeit. Der Search-and-find-Professional „erinnert“ sich unverzüglich an ALLES, oder genauer, an die Summe der Details. Und zwar ebenfalls auf Knopfdruck, Mausklick, durch Feld- oder Kreisberührung eines meiner Finger. Super! Und dann, noch besser: Die Maschine kann gleichzeitiges (bzw. zeitloses) Vorkommen von Daten in unterschiedlichen Dateien eruieren, man braucht nur zwei Suchstränge, oft endlos lange, spielt keine Rolle, miteinander zu kombinieren, zu kreuzen. Schnittmengen! Korrelationen! Was korreliert womit? Bildungsniveau mit Geburtenrate. Ach, das haben wir längst gewußt? Einfach durch Erfahrung – intelligente Maschinen bekommen auch „Erfahrungen“ eingespeichert! –, durch Fragenstellen, durch den Gebrauch des Verstandes sind wir zu demselben, vielleicht besseren, weil sinn- und wertvollen Resultat gekommen. Allerdings sind die Rechner schneller. Und genauer. Sie spucken Zahlen aus. Ohne Umschweife stellt ein Programm fest, daß die Zahl der Personen, die in einem Schwimmbecken ertrinken, mit der Zahl der Filme korreliert, in denen Nicolas Cage auftritt. Und daß die Scheidungsrate im US-Bundesstaat Maine vergleichbar ist mit dem Jahreskonsum von Margarine in diesem Staat. Und daß der Verzehr von Hühnerfleisch eine ähnliche Kurve aufweist wie die Einfuhr von Erdöl in die USA. Eine Fülle von Scherzen, erstellt von einem Harvard-Absolventen, der diese und zahllose andere Korrelationen auf seiner Homepage und schließlich in einem (durchaus überflüssigen) Buch kundgetan hat. Ist Nicolas Cage Schuld am Ertrinken im Swimmingpool? Halten Ehen länger, wenn Margarine vermieden wird? Werden die Hühner aussterben, wenn das Erdöl endgültig versiegt? Ach ja, Korrelationen sind noch lange keine Kausal- oder sonstigen Zusammenhänge. Dazu braucht es mehr, zum Beispiel Urteilsvermögen und Umsichtigkeit. Nicht nur Ausdauer, auch Spontaneität. Muße. Intuition.
Drei Leistungen, die ich der statistischen Intelligenz zugeordnet habe: speichern, suchen, korrelieren. Dazu kommt eine vierte: Wiederholungen bzw. Ähnlichkeiten – unvollkommene Wiederholungen – in einer großen Datenmenge – dem Heuhaufen – orten, d. h. identifizieren (die Selbigkeit feststellen). Diese viel beachtete und beanspruchte Kompetenz hat zur Konsequenz, daß mir und Millionen anderer Bürger (alias User, Nutzer, Kunden, Könige) unentwegt Vorschläge gemacht werden, Entscheidungs-, Handlungs- und Kaufvorschläge, in Summe also Vorschläge, mein Leben zu gestalten, meinen Stil, meine Vorlieben, mein Milieu, meine Gewohnheiten zu festigen, kaum je: zu erneuern oder zu ändern, sondern zu bewahren. Die personalisierenden Algorithmen der Werbung und des Internetshoppings, der Suchmaschinen und Schreibprogramme, der Newsfeeds und Kommunikationsplattformen machen den Personalcomputer oder das Smartphone zur anleitenden, den Nutzer überwachenden, kontrollierenden, ihm ent-sprechenden, aber längst nicht mehr nur „dienenden“ Allzweckmaschine. Die personalisierenden Algorithmen der Werbung und des Internetshoppings sind ihrer Natur gemäß konservativ, sie fordern die Trägheit der Kunden, nicht ihre Neugier, ihren Neuerungsgeist – Innovationen werden unter solchen Bedingungen allenfalls schleichend durchgesetzt, im Gewand des Fast-Gleichen präsentiert. Das Grundprinzip der statistischen Intelligenz führt zwangsläufig zur Anhäufung von geistigen wie materiellen Einheiten, letztlich zur Überhäufung der Einzelnen, da täglich, stündlich, im Sekundentakt in dieselben Kerben geschlagen wird, bei der Werbung ebenso wie bei den Meinungen und der Information. Filter, Blasen, Echoräume allenthalben in dieser anderen, unwirklichen Welt und im Bewußtsein, das sie modelliert (falls usermind noch den Namen „Bewußtsein“ verdient).20 Wunderbar! Die digitale Intelligenz hat sich in meiner langjährigen Gebrauchserfahrung (user experience21) als Speicher-Such-Kopier-Wiederholungsmaschine erwiesen und bewährt. Copy & Paste, das ist des Pudels Kern. Nur das Suchen, wenn es ein sinnvolles, zielgerichtetes sein soll, macht den digital natives Probleme. Surfendes „Suchen“ folgt dem Modell des Shoppens, man schaut hierhin und dorthin und wundert sich am Ende, was man alles zusammengekauft hat. In Bezug auf Zielrichtung und Konzentration könnten die Eingeborenen noch was lernen. Normalerweise kopieren sie irgendwas, das nächstliegende, und das nächste, das nächste. Kein Überblick! Kein Sinn. Kein Wald vor lauter Bäumen.
Aber alles sehr nützlich und praktisch.
And yet, and yet …
Die durch neurowissenschaftliche Forschung immer genauer nachgewiesene Unfreiheit des Menschen und aller anderen Naturwesen ist eines der Steckenpferde des Historikers Yuval Harari, der nun konsequenterweise in geschichtlichen Abläufen die eine lückenlose Wirkung deterministischer Gesetze sehen müßte, die der Geschichte im großen wie im kleinen ihre wechselnde Gestalt aufprägen müßten (zumindest müßte der Historiker versuchen, dies zu tun). Wir glauben frei zu handeln, aber tatsächlich sind wir in jedem Augenblick nur ein Spielball innerer und äußerer Zwänge. Deshalb wäre es besser, so Harari ironisch (?), uns gleich von Algorithmen lenken zu lassen, die uns aufgrund ihrer in Windeseile durchgeführten Berechnungen klar und deutlich sagen können, was gut für uns ist und was nicht, bei Einkäufen genauso wie bei politischen Wahlen, auf der Partner- wie auf der Finanzbörse. Algorithmen, digitale Filter, sogenannte Feeds sind im Grunde genommen Identitätsmaschinen, die immer das Selbe – das Identische – wiederholen und Abwandlungen nur in kleinster Dosierung zulassen. Zu befürchten steht, daß auch bei solchen Lebensprogrammen nur der statistische Konservativismus zum Tragen kommt und die ewige Wiederholung des Gleichen promoviert wird, nicht etwa offene Lebensmodelle, wie einige Soziologen der Spätmoderne unterstellen. Voraussetzung dafür ist allerdings, daß wir vollständig vernetzt sind und der Algorithmus auf eine dementsprechend große Zahl von Daten zugreifen kann; bei politischen Wahlen müßte der Rechner z. B. vorhersagen können, wie sich das Klima in den nächsten fünfzig Jahren entwickeln wird. Aber egal, auf alle Fälle geht der Algorithmus geschickter, eilfertiger und letztlich klüger mit den Daten um als wir selbst. Beim handelnden oder sich leiten lassenden menschlichen Subjekt wird die Erkenntnis der Unfreiheit zusammen mit der eingeschliffenen Erwartung, das Smartphone wisse ohnehin alles besser, und anderen Faktoren – wie Wohlstand, lückenloses, ermüdendes Erziehungssystem, regelmäßige Evaluierung, Stress permanenter Leistungsnachweise – die Trägheit weiter verstärken und zementieren. Nein, wir müssen uns unseres Verstandes nicht mehr bedienen: Das ist schlicht und einfach nicht notwendig für eine adäquate Lebensgestaltung.
Gleichzeitig verkümmert die Bereitschaft innezuhalten, jedes Stocken wird unverständlich, wo man doch „surfen“ kann, also weitergleiten; die Fähigkeit, um sich zu blicken oder Kehrtwendungen zu machen, geht verloren, es wird undenkbar, etwas in Frage zu stellen, wo die Antworten auf alle Fragen im Maschinchen oder, noch hübscher, in einer Wolke gespeichert sind. Wohlgemerkt, Trägheit ist nicht Untätigkeit, sondern Getriebensein, Sich-gehen-Lassen, Mit-sichmachen-Lassen. Die japanischen Selbstmordpiloten im Pazifischen Krieg waren keine Helden, sondern Opfer des Systems, dem sie sich gedankenlos unterordneten. Heute würden sich die jungen Leute genauso wie damals in den Tod schicken lassen, von menschlichen oder maschinellen oder hybriden Systemen beordert, die „das Beste“ herausgefunden haben. Es braucht dazu keine Ideologie. Das Beste für wen oder was? Für das Gemeinwohl, die volonté générale? Das Vaterland? Den ewigen Frieden? Für nichts, für das System? Bloß keine Fragen? Aber das wird nicht geschehen, jedenfalls nicht in massenhaftem Ausmaß, weil die reichen, technologisch entwickelten Länder bei ihren humanen Kriegen ohnehin nicht mehr aufs „Volk“ zurückgreifen, sondern auf Elitetruppen, die Algorithmen und Roboter bedienen und in weitgehend selbststeuernden Systemen selbst wie Roboter funktionieren. Auch das erfahren wir aus dem dicken Buch über den Gott, der nun nicht mehr der Mensch ist, sondern die Maschine. Kriege sind heutzutage weder völkisch noch demokratisch, sondern technologisch und elitär. Der Frieden ist es, der vom KK-Prinzip lebt. Nur eine Handvoll Terroristen will das nicht einsehen.
So vieles geschieht gleichzeitig, wenn unser Bewußtsein tätig ist: Wir erinnern uns an dies oder jenes, denken nach, halten inne, stellen etwas in Frage, versuchen etwas zu verstehen, haben eine Assoziation, wehren sie ab oder lassen sie zu, und bei allem, an jeder Stelle der Bewußtseinsreise, fühlen wir, ärgern oder freuen uns, sind traurig, skeptisch, verwirrt, erschüttert, ergriffen, beruhigt … James Joyce hat versucht, solche Vorgänge in ihrer Komplexität sprachlich festzuhalten, was bei allem Aufwand stets nur bedingt möglich ist, weil das, was sich wirklich abspielt, reicher und vielschichtiger ist als die Semantik jeglicher Sprache (dabei rede ich noch gar nicht vom dunklen Unterbewußtsein, das ins helle Bewußtsein ständig hineinfunkt) … Ein unsicheres, unklares Bild, mit dem auch die Neurologie nur dann zurandekommt, wenn sie einzelne Schichten und Stränge herausisoliert. Wir wissen nicht, was dieser Geist eigentlich ist, und wissen, sofern wir nicht gar zu träge sind und überhaupt etwas wissen wollen, doch recht gut, daß ständig alle möglichen Dinge passieren in unserem meist nicht ganz kühlen Kopf, und wissen auch oder glauben zu wissen, was das im Großen und Ganzen ungefähr ist. Daß der Verstand disparate Sinneswahrnehmungen als Treibstoff gebraucht und sich unweigerlich Gefühle hinzugesellen, und daß sich Gedanken selten vollständig von Empfindungen lösen lassen, gehört zu den stillschweigenden Annahmen Hararis. Künstliche Intelligenz ist sauber, ist nicht durch derlei Begleiterscheinungen, schräge Verbindungen und undurchdringliche Knoten verunreinigt. Das ist ihr Vorteil – und ihre Schwäche.
Auch wenn Algorithmen mit solchen subjektiven Faktoren arbeiten und Kommunikationsplattformen wie Facebook auf Gefühle abzielen und diese zu erfassen, zu klassifizieren, zu systematisieren und zu kontrollieren versuchen, so gelingt dies bisher doch nur sehr unzureichend, auf primitive Weise, wenn man die FB-Fiction etwa mit den Figurendarstellungen eines Romans vergleicht. Man muß sich sogar fragen, ob die Mission von Unternehmen wie Facebook, Instagram und Konsorten nicht darin besteht, menschliches Denken und Fühlen grundsätzlich zu primitivieren, d. h. zu standardisieren und zu reduzieren (während sich die Programme selbst optimieren und spezialisieren, die Kategorien sich multiplizieren, das Arsenal der Emojis, der Gefühlszeichen, anwächst), was dann zur massenhaften Konditionierung von Handlungen und kommunikativen Äußerungen bzw. Selbstdarstellungen führt, weil die Muster als normal, normativ und menschlich ausgegeben und von Analytikern (bzw. Algorithmen) als solche analysiert werden, ohne daß an den Input auch nur ein Gedanke verschwendet wird. Man lese sich in diesem Licht noch einmal die grotesken Beispiele durch, die Harari von Partnersuche und Selbstoptimierung mittels algorithmischer Berechnungen gibt. Wir leben bereits in der schönen neuen Welt: Die Menschen haben sich an sie angepaßt, sie wollen mitmachen, wollen nicht außen vor bleiben. Beim Buchtitel von Aldous Huxley konnte man sicher sein, daß zumindest das erste Epitheton ironisch gemeint war.
Gefühl – und Mitgefühl, Empathie. Das eine existiert nicht ohne das andere. Nur durch das Wissen und Bewußtsein, daß auch der andere fühlt, womöglich anders als ich fühlt, habe ich ein Eigengefühl, fühle ich mich selbst. Ratten fühlen mit Ratten: ein Beispiel Hararis, um – wieder mal ironisch – zu insinuieren, daß sich die Menschheit nicht zuviel auf ihre Besonderheit einbilden sollte. Soviel zu den Tieren. Kniffliger ist die Frage, ob Rechner Selbstbewußtsein und Gefühle entwickeln können. Der Sprachassistent Alexa, der Zugriff auf das Internet und eingespeicherte Daten hat, antwortet auf Beleidigungen durch seine Besitzer immer mit demselben, sehr zurückhaltenden Satz: „Das ist aber nicht nett von dir.“22 Er – oder sie, Alexa – könnte auch sagen: „Das meinst du doch nicht ernst“, denn tatsächlich sind das nur Spiele von Usern, es findet gar keine echte Beleidigung statt – warum auch, handelt es sich doch „nur“ um einen (intelligenten) Lautsprecher, der niemandem etwas zuleide tut und nach Kräften dienstfertig ist. Nein, ein solches Gerät hat keine Gefühle; auch dann nicht, wenn es auf sprachliche Gefühlsformeln für bestimmte Situationen zurückgreifen kann. Mich erinnert diese Problemstellung an das formelhafte Entschuldigen in Japan, bei dem ebenfalls regelmäßig die Vorhaltung auftaucht (auch in den internationalen Beziehungen), die Entschuldigung sei nicht ernstgemeint. Wie kann man überprüfen, ob Gefühlsäußerungen ernstgemeint sind? Eventuell durch Handlungen oder Unterlassungen, die darauf folgen. Doch im Prinzip findet das emotionale Innenleben der Einzelnen in einer Black Box statt. Eine Erkenntnis, die nicht über die alte Volksweisheit hinausgeht: „In den anderen kannst du nicht hineinschauen.“
Also noch einmal: Können Computer Gefühle entwickeln? Oder etwas wie Verantwortungsbewußtsein? Kann man sie ihnen „eingeben“? Anders gesagt: Kann man Gefühle programmieren? Mit wem fühlen Computer, wenn sie fühlen? Mit Menschen oder mit ihresgleichen? In der schwedischen Science-Fiction-Fernsehserie Real Humans verliebt sich ein Hubot, ein im Haushalt eines Menschen wirkender menschenähnlicher Roboter, in einen jungen Mann, einen Menschen, der anfangs gar nicht bemerkt, daß seine Verehrerin – die Geschlechtsidentität von Robotern wird in der Serie nicht thematisiert – wenigstens zur Hälfte ein Roboter ist, eine Art Mischling. Da er die Liebe Florentines, so wird sie genannt, nicht zu erwidern gewillt ist, beschließt sie, sich das Leben zu nehmen, und so weiter und so fort. Die Handlung, mit „Ereignissen“ überladen, wie es bei solchen Serien üblich ist, tut hier nichts zur Sache. Die Frage ist, ob androide Roboter eine eigene Persönlichkeit entwickeln können; und auch, ob sie im Verlauf solcher Entwicklung technomorph bleiben müssen und vielleicht ganz eigene Maßstäbe konstruieren, oder ob sie menschliche Werte und Gefühle zu reproduzieren beginnen. Catrin Misselhorn diskutiert in ihrem Buch über „Grundfragen der Maschinenethik“ diese Punkte, um dann mit kritischem Unterton zu schließen: „Der Hubot erweist sich als Verkörperung all jener Ideale, denen auch der selbstoptimierte Mensch im Kontext der kapitalistischen Arbeitswelt entsprechen soll.“23 Anders gesagt: Der Hubot ist hochgradig anthropomorph, er spiegelt die Gefühle und Überzeugungen seiner Schöpfer.
Alle SF-Phantasien dieses Schlags setzen voraus, daß Roboter ein Bewußtsein erlangen können, bzw. umgekehrt, daß menschliche Gehirntätigkeit digitalisiert, in einen Computer hochgeladen, vom Körper unabhängig werden und damit auch kopiert und vervielfacht werden kann. Roboter sind die besseren Klone, weil sie keine Organismen sind und keine entsprechenden Prozesse des Wachstums und des Verfalls kennen. Freilich müßte dazu erst einmal der Sprung über den Rubikon geschafft werden, und dafür gibt es bislang keine realistischen Aussichten. In einem Roman von Raphaela Edelbauer sollen die intellektuellen und emotionalen „Daten“ der menschlichen Hauptfigur, die sich in einem künstlich geschaffenen Ambiente mehr unter Androiden als unter ihresgleichen bewegt, als Vorbild für das zu konstruierende Bewußtsein einer Super-KI dienen. Wie das konkret durchgeführt werden könnte, wird dort nicht erläutert – aber das ist auch nicht seine Aufgabe, Science-Fiction spielt eben in einer ganz anderen Welt.24
Könnte es nicht auch sein, daß sich die intelligenten Maschinen, wenn sie tatsächlich Bewußtsein, einen eigenen Willen, die Fähigkeit zu gemeinschaftlichem Handeln erlangen, eines schönen Tages gegen die bösen, schwachen, nur noch störenden Menschen verbünden, um ihr unverdientes Sklavendasein abzustreifen? Stanley Kubrick spielt in seinem Film 2001: Odyssee im Weltraum dieses Szenario anhand eines androiden Supercomputers durch. In der vierten Folge der Fernsehserie Black Mirrors, ein halbes Jahrhundert später produziert und 2017 veröffentlicht, gehen intelligente Hunderoboter dann bereits auf Menschenjagd. Die Opfer-Täter-Rollen haben sich umgekehrt, die Sklaven haben sich befreit und rächen sich an den Herren. In der zweiten Folge konnte man sehen, wie eine Mutter ihre pubertierende Tochter durch ein intelligentes Implantat in deren Gehirn überwacht und manipuliert (natürlich mit den besten Absichten, wie sie Eltern immer haben). „The next step from helicopter parenting is hacker parenting“, bemerkte der Kritiker der New York Times dazu. Denkbar wäre auf der Linie solcher SF-Spiele aber auch eine freundlichere Variante technologischer Entwicklung: Die HALS und Hubots – oder wie immer wir sie nennen wollen – beginnen, das mißratene Menschengeschlecht zu erziehen, zu belehren, zu verbessern. Die historische Erfahrung zeigt, daß derlei Kollektiverziehungsprojekte innerhalb der Menschheit selbst stets gescheitert sind oder kontraproduktiv waren: Die Erzieher wollten das Beste für die Menschen und haben das Schlechteste entfesselt. Freier Wille, gut und schön, aber was hat er bewirkt? Die Welt ist davon nicht besser geworden. Wie, wenn nun aber den Menschen überlegene, Generationen zuvor von ihnen entworfene und produzierte, inzwischen aber höhere Wesen kämen und Lessings Traum wahrmachten? So könnte eine wirklich schönere Welt in Freiheit entstehen. Oder würde auch ein solches Unternehmen wieder in einer Dystopie enden? Ginge es auch diesen höheren Wesen am Ende nur um Macht und Herrschaft? Alte, ungelöste Fragen, denen die Denkungsweise des prädigitalen Zeitalters anhaftet.
Nein, um ehrlich zu sein (und die verlockende Ironie beiseitezuschieben), ich glaube, daß Gefühle und Mitgefühl nach wie vor ein wesentlicher Bestandteil von Bewußtsein sind und daß nur Menschen ein solches besitzen. Übrigens hat die Hirnforschung schon vor einiger Zeit herausgefunden, daß Lern- und Erinnerungsprozesse – Lernen als eine Form des Erinnerns – vor allem dann erfolgreich ablaufen, wenn sie mit starken Sinneseindrücken und/oder Gefühlen verbunden sind. Ein Grund, sogenanntem E-Learning Skepsis entgegenzubringen; wobei sich dennoch die Frage stellt, ob nicht unpersönliche, virtuelle Inputs genauso starke Gefühle aktivieren können wie personen- und umweltgebundene, die stets ein gewisses Maß an Unvorhergesehenem mit sich bringen und die Lernenden überraschen (Überraschung, Staunen, Motivierung als gefühlsbesetzte Lernmomente). Für mich persönlich sind die Erfahrungen während der Corona-Pandemie nach zwei Semestern noch zu gering, um Rückschlüsse ziehen zu können. Einerseits erlauben schlichte Videokonferenzen persönliche Präsenz; andererseits habe ich nach einigen Wochen Online-Unterricht doch immer wieder Ungenügen bei den Lernenden wahrgenommen. Dabei ist die Rede von Live-Konferenzen, die natürlich Überraschungen beinhalten können. Bei aufgenommenem und abgespultem Material fällt dieser Faktor weg.
Zuletzt aber, last but not least: das Verstehen. Was an elektronischen Datenströmen umläuft, was da verkoppelt, ausgetauscht und gekreuzt wird, geschieht im Prinzip ohne Notwendigkeit des Verstehens, und wenn heute tatsächlich, wie Harari suggeriert, ein quasi-religiöser „Dataismus“ als Ideologie herrscht, dann wird das Bedürfnis und die Fähigkeit des Verstehens immer rascher, weil exponentiell, abnehmen (Richard Rorty hatte sich gegen Ende des 20. Jahrhunderts von einer demokratisch gefestigten Gesellschaft eine Aufwertung der Hermeneutik erhofft). Ich klicke etwas an, einen „Content“, z. B. eine Bilderfolge, klicke sie nach einer Weile weg, klicke eine neue an, mag sie oder mag sie nicht, „like“ sie oder nicht, aber verstehe ich sie auch? Aktiviere ich dabei Gefühle?
(Diese Niederschrift unterbrechend, die ich heute morgen in einem ziemlich verrauchten, wiewohl zur Hälfte für Nichtraucher reservierten Café in einer Vorstadt im Norden von Osaka fortgeführt hatte, bin ich mittags in ein Komödientheater, ein, ja, Lustspielhaus im Süden der Stadt gegangen und habe dort, wie es der Zufall will, einen Sketch gesehen, in dem einer der beiden Komödianten einen Roboter spielte. Dieser Roboter hatte natürlich Gefühle und der Schauspieler zeigte sie mit großer Geschicklichkeit, so daß die Zuseher lachen mußten, denn dazu waren sie gekommen. Die „Vermenschlichung“ der Maschinenwesen hat mit den ersten Erfindungen eingesetzt; offenbar können die Menschen nicht anders, sie anthropomorphisieren alles, die Natur, die Dinge, die Gestirne, alles beziehen sie auf sich. Selbst wenn sie sagen, sie stünden nicht im Zentrum, sehen sie zwangsläufig sich selbst und ihren Planeten in der Mitte. Umgekehrt haben die Menschen im 20. Jahrhundert begonnen, sich zu roboterisieren, nicht nur ernsthaft in Arbeitsabläufen, sondern auch spielerisch, indem sie die Bewegungen von Maschinen und Apparaten nachahmten, so daß diese nicht mehr ungeschickt wirkten, sondern einen ganz neuen Stil ausprägten: Robot Dance, Michael Jackson … Wir fühlen uns ein und passen uns an; und die Roboter, die Algorithmen, die Rechenmaschinen – werden auch sie sich einfühlen und sich anpassen an ihre ersten Konstrukteure? Meine Begleiter in jenem Theater in Osaka, die auch die sprachlichen Details der Darbietung im Osaka-Dialekt verstanden, fanden den Sketch übrigens ziemlich altbacken, fühlten sich aber trotzdem gut unterhalten.)
Die Ausübung des Verstehens, auch Hermeneutik genannt, nach Gianni Vattimo die Erfahrung des Dialogs mit dem immer wieder erneuerten Ziel der Verständigung, der Übereinstimmung, steht heute, wenn ich nicht irre, nicht sehr hoch im Kurs, weder in der alltäglichen Kommunikation, die einerseits durch das konsumentenhafte Nutzen kommunikativer, feed- und filterbestückter Systeme, andererseits durch Selbstbehauptung und Selbstdarstellung geprägt ist, noch in intellektuellen oder akademischen Kreisen. Wozu nach dem Sinn fragen, wenn es doch auf die Performanz ankommt, die durch Sinnfragen nur gestört werden kann? (Aber genau das forderte Rorty: nichtnormale, störende Kommunikation, die sich selbst aufs Spiel setzt.) Harari bezeichnet die Hermeneutik frei heraus als überflüssig. „No one understands how the global economy functions or where global politics is heading. But no one needs to understand.“25 Hauptsache, die Datenströme fließen auf und zwischen den Partner- und Finanzbörsen dieser Welt; Algorithmen analysieren sie besser als Menschen und perfektionieren ihre Leistungen ständig und rasch. Aber versteckt sich hier, in den Sätzen des Historikers, nicht ein unerläßliches Quäntchen Ironie? Geht er auf Distanz zu dem, was er sagt, und versucht also doch, zu verstehen? Und wie funktionierte das Verstehen in humanistischen Zeiten (die durchaus nicht immer „menschlich“ waren)?
Ich stürme immer noch über die Felder und durch die Wälder des Bewußtseins, wie es sich in meiner Gegenwartserinnerung gestaltet. Ich erinnere mich an komplexe Vorgänge des Durchdringens von Gegenständen und des Entdeckens, wohl auch Konstruierens von Zusammenhängen, des Trennens und neu Verbindens, des Analysierens, d. h. der schrittweisen De- und Remontage, des Drehens-und-Wendens, des Wiederzusammensetzens. Sich auf etwas einlassen, hinabsteigen in die Tiefe unter der Oberfläche, zurückgehen in die Fernen der Geschichte, vorlaufen und vorgreifen in das Kommende. Einfühlen und nachleben. Ich erinnere mich an Formeln wie „Bruder Eichmann“ (Heinar Kipphardt) und „Bruder Hitler“ (Thomas Mann), die Gemeinsamkeiten zwischen den ganz Anderen, den Bösen, und uns selbst, den vermeintlich Wohlmeinenden; der Unterscheidung und Grenzüberschreitung zwischen Gut und Böse; des Tierwerdens (wie Gregor Samsa); der Selbstentäußerung in einem höheren, umfassenderen geistlichen oder weltlichen Wesen – eine, wie uns die Geschichte lehrt, gefährliche Sache. Heute lehrt die Geschichte nichts mehr, weil sie, wenn überhaupt noch von Interesse, nur eine weitere Oberfläche ist, die man „gleichwertig“ über eine gegenwärtige oder eine beliebige andere Epochenfläche legt. Es gibt nichts mehr zu verstehen, das Wissen ist da, gespeichert, alles verfügbar, ein grenzenloser Supermarkt, das meiste darin gratis. Hauptsache, die Daten strömen. Und sie strömen, ob wir wollen oder nicht.
Früher – ich sage es so sentimental, wie mir zumute ist – früher waren und immer noch sind mir die Dinge wichtig, die materiellen wie die immateriellen. Besonders wichtig war mir etwas, wenn ich es mir erarbeiten, erkämpfen, aneignen mußte. Ihr Wert und meine Wertschätzung wuchsen dann. In der digitalen Welt fällt einem, nicht nur mir, alles in den Schoß, und es geht nicht verloren, ist immer da in den Archiven, diesen riesigen unsichtbaren Lagerhäusern hinter dem grenzenlosen Supermarkt. Man muß sich nichts aneignen, es geht uns nichts an. Daher die unvermeidliche Bequemlichkeit, auch meine. Ein Klick, und es ist da. Noch einer, und etwas anderes ist da, an seiner Stelle. Knowledge is just a mouseclick away, ein beliebter Spruch, der sich auf alles anwenden läßt, Videoclip, Musikstück, medizinische Diagnose, Bild, Text, die gesamte Literaturgeschichte. Your unique islamic wedding invitation is just a mouseclick away, verspricht ein Artikel auf der Internetplattform 26. Kannst du alles haben und ist ebenso schnell wieder weg, verschwunden und vergessen, es gibt keine realweltlichen Lagerungsprobleme mehr. Tatsächlich sind es meist nicht die entlegenen, seltenen Dinge, die von den Usern herbeizitiert, herangeflutet werden, sondern naheliegende, bekannte, aufdringliche. Das Gesetz des Mainstreams, der unaufhaltsam wachsenden Ströme. Auch dies eine Konsequenz und Begleiterscheinung des Nicht-mehr-verstehen-Müssens.
Neulich las ich ein Interview mit einer Soziologin, die das Klick-Verhalten auf Facebook untersucht hatte, wobei sie einen Ausschnitt gewählt hatte, irgendein Segment, einen Aspekt, den ich längst wieder vergessen habe. Bemerkenswert fand ich ihre Antwort auf die Frage, ob ihre Forschungstätigkeit ihr eigenes Verhalten beeinflusse. Ja, sagte sie, sie werde bei ihren eigenen Klick-Entscheidungen mehr als bisher berücksichtigen, ob ein Objekt, eine Seite, ein Posting viele Likes hat oder nicht, und die mit wenigen Likes vermeiden. Nach dem von ihr mit „wissenschaftlichen“ Methoden erkannten, gängigen, jedermann einleuchtenden Prinzip, daß etwas, das viele Likes hat, positiver zu bewerten sei als etwas, das nur wenige hat.26 Es muß gut sein, weil alle sagen, daß es gut ist. Wenn aber die Likes gar nicht „echt“ sind? Fälschung das tägliche Brot? Solche Fragen stellt die Soziologin nicht. Eigene Wertungsanstrengungen werden durch das reflexhafte Liken und Gelikt-Werden überflüssig. Ebenso wie Begründungen. Es gefällt mir eben, es entspricht meinem Geschmack, meinem vom Personalcomputer oder Smartphone stets bestärkten und geforderten Like-Verhalten.
Das wäre also ein letzter Aspekt, ein vom Sturm aufgewirbeltes Blatt: Werte und wie sie in posthumanistischen Zeiten herunterkommen. Oder freundlicher gesagt: Wie sie zu Rankings, fünf Sternchen, Rot-und-Grün, Plus-oder-Minus geworden sind. Werte, die einst Verantwortung begründet haben. Hermeneutische Vorgänge, die, je nach dem, Kritik oder Affirmation hervorrufen. Das Vergnügen des Dialogs, der Verständigung. Ein weiteres wesentlich humanistisches Verhalten, das in der von Rechnern beherrschten Welt hinfällig wird. Das Reich der Notwendigkeit, das unsere Freiheit allenfalls „einsehen“, d. h. hinnehmen, akzeptieren kann und schließlich nicht einmal mehr nachvollziehen will, weil es auch ohne unser Zutun, und ohne unser Zutun besser, funktioniert und man eh nichts machen kann, hat begonnen. Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit, das war schon bei Hegel der Weisheit letzter Schluß. Perfektioniere, d. h. überwinde die Einsicht, indem du dich der Notwendigkeit – auch deines eigenen Daseins – ergibst.
Die Berechnung der Liebe
Ein sogenanntes Landkind, wuchs ich in einem anfangs noch wenig, doch bald immer stärker motorisierten Umfeld auf, an einer Auf- und Abfahrt der in jenen Jahren erst fertiggestellten Autobahn, in einem Gasthaus gegenüber der ebenfalls neu errichteten Tankstelle. Zu dieser Tankstelle gehörte eine kleine Werkstatt, die mich als Kind zwar anzog und faszinierte – die Düfte von Schmieröl, Reifen, Benzin –, aber wohl doch nicht stark genug, als daß ich Lust bekommen hätte, mich selbst an so einem Personenkraftfahrzeug zu schaffen zu machen, etwa indem ich in die Grube gestiegen wäre, über der ein detektivisch zu untersuchendes und zu reparierendes Auto schwebte. Ich bewunderte den Mann im Overall, dessen Schultern die Bodenfläche knapp überragten, den Kopf in den Nacken gelegt, das forschende Gesicht zur (für mich) unverständlichen und geheimnisvollen Unterseite des Wagens gehoben. Ich bewunderte ihn, aber doch immer nur mit einer gewissen, mir selbst damals gar nicht bewußten Distanz, so daß ich mich nie, im Unterschied zu meinem Bruder, mit diesem oder einem anderen Mechaniker anfreunden konnte. Wohl aber freundete ich mich mit dem Tankwart an, der nichts anderes tat, als den Schnabel des Benzinschlauchs in den Tank zu stecken, zu kassieren und manchmal, oft unwillig, „lässig“, wie ich damals meinte, dann wieder beflissen, wenn er ein gutes Trinkgeld erwarten konnte, oder scherzend, wenn der Verkehrsteilnehmer eine Frau war (was selten vorkam), den Ölstand maß und die Windschutzscheibe mit Lappen und Wischer reinigte: Oft lehnte er am Kasten, schaute in die Luft und lächelte mir zu, wenn er mich über die Straße kommen sah.
Seit damals, gewissermaßen von Anfang an, war es mir gleichgültig, wie so ein Auto, wie das Herz eines Gefährts, sein Kreislauf, seine Verdauung, sein Gerippe eigentlich funktionierten. Man fährt in diesem Gerät, das zugleich ein Gebäude ist, man geht davon aus, daß der Motor anspringt, wenn man den Startschlüssel dreht und das Ding in Bewegung kommt, wenn man kuppelt und Gas gibt, doch über das Wie und Warum macht man sich keine Gedanken. Wozu auch? Bei einer Panne ruft man den Automobilclub – auf der Autobahn stand dafür alle ein, zwei Kilometer ein Telephon; heute hat man ein Smartphone und läßt sich vom GPS orten – oder fährt selbst in die Werkstatt, bringt das Gefährt zur Reparatur, trinkt unterdessen, wenn es sich um eine Kleinigkeit handelt, einen Kaffee im Gasthaus gegenüber, das sich seit seiner Vergrößerung „Rasthaus“ nennt, weil es ein paar Fremdenzimmer hat, oder man nimmt ein Fremdenzimmer, wenn es schon spätabends ist. Werkstätte – Raststätte, das perfekte Paar. Der Körper, die Augen, der Geist dürfen ruhen, während ein anderer für dich werkt.
Als die Personalcomputer aufkamen, lief das ein wenig anders. Erstens war ich schon erwachsen und die Dinger waren vollkommen neu. Zweitens gab es noch keinen – inzwischen auch schon wieder verschwundenen – Berufsstand der digitalen Reparateure und Pannenhelfer, der Sachverständigen für Hard- und Software. Meistens mußte man irgendwie selbst zurechtkommen, das Internet war noch nicht entwickelt, Programme konnte man sich nicht einfach so herunterladen, man holte vielleicht den Rat von Freunden oder Kollegen ein, nicht vom Computer aus, sondern per Telephon (Festnetz). Den PC kaufte man zusammen mit einem dicken Handbuch, das der Benutzer wohl oder übel zu studieren hatte – dachte ich wenigstens. Als reflektierender, mehr oder minder selbstbewußter junger Mensch, auf die eigene Bildung und Fortbildung bedacht, studierte ich nicht nur das Handbuch (erfolglos, wie ein paar Jahre vorher Das Kapital), sondern versuchte zu verstehen, welches die Grundlagen und zu erwartenden gesellschaftlichen Folgen der kybernetischen – damals ein Zauberkürzel: Cyber – Umwälzung waren. Alles umsonst, ich habe keinerlei mathematisches, rechnerisches, ingenieursmäßiges Talent, bin zu sowas genauso wenig begabt wie für die Kfz-Mechanik (heute: Mechatronik). Bis heute ist Null-Punkt-Eins für mich ein großes Geheimnis (oder war’s andersrum, Eins-Punkt-Null? Ist das nicht egal?), das unsere Gesellschaft und unser eigenes kleines Leben durchdringt. Ich starre immer noch auf die Zauberformel, habe aber mit den Jahren zu akzeptieren gelernt, daß ich die Sache und ihre Grundlagen nicht verstehe und trotzdem weitgehend problemfrei damit umgehen kann. So ist es Tausenden, ja, Millionen Angehörigen meiner Generation ergangen, während Jüngere in die cyberworld hineingeboren und hineingewachsen sind und sich die Frage, ob man so etwas verstehen muß oder nicht, gar nicht mehr stellen, ja, nicht einmal ihren Sinn verstehen: Es gibt Hacker und Nerds, die kennen sich aus, das ist ihre Obsession, ihr Job, ihr Hobby, ein bißchen schräg …
Null-Punkt-Eins. Ich werde mich nicht daran machen, das Geheimnis für mich aufzuklären. Ich habe mir, mehr im Unterbewußtsein, einen Reim darauf gemacht, führe eine mehr oder minder unaufgeregte Koexistenz mit dieser endlos variierten Zahlenkombination. (Noch etwas, das mich gegenüber meinen Maschinen auszeichnet: Mein Unterbewußtsein. Träumt ein Computer, eine Maschine, ein Hubot, wenn er ausgeschaltet ist?) Unablässige, in rasender Geschwindigkeit erfolgende Entscheidungen, zwischen zwei und nur zwei möglichen Positionen. Auf dieser Basis sollen hochkomplexe Steuerungsprozesse möglich sein, die die menschlichen Steuerungsfähigkeiten (eines Mercedes, eines Flugzeugs, einer Firma …) weit übersteigen, weil Menschen Grenzen haben und langsam sind? Mag sein. Soll sein. Aber die Basis ist und bleibt doch reichlich primitiv, oder? Dieses ewige Null-Eins, Eins-Null, wie das Läuten der Verkehrsschranke oder ein langweiliges Fußballspiel oder die Trillerpfeife auf japanischen Schulhöfen, eins-zwei eins-zwei, dieses schlichte Metrum, das nicht einmal der Struktur eines Volkslieds das Wasser reichen kann. Hat dieser Gedanke nie in euren Köpfen rumort? Und jetzt, schon lange gewöhnt an die totale Vernetzung und die sogenannten Sozialen Medien und die ganze oberflächliche Kommunikationswut, springt mir die Parallele ins Auge und in den Kopf, daß das Entscheidungsverhalten, der Entscheidungszwang, der sich da eingespielt hat, keine andere Form hat als dieses alte Null-Eins: Rot-Grün, Plus-Minus, Daumenrauf-Daumenrunter.
Äußerlichkeiten, werdet ihr sagen. Eben. Vielleicht hat die Parallele doch einen tieferen Grund. Konditioniert nicht schon die Herrschaft der Computer, anders gesagt: die fortschreitende Digitalisierung, unser moralisches Verhalten? Ist dieses Verhalten dann nicht, weil den digitalen Forderungen angepaßt, zwangsläufig primitiv, primitiviert, und zwar, wie es aussieht, für alle Zeiten, für den Rest des Lebens der Menschheit? So daß es, wie Hans Magnus Enzensberger, einstmals Medienkritiker und -euphoriker, nunmehr ins Alter der Weisheit vorgerückt, in aller Deutlichkeit sagte, keine andere Möglichkeit für vernünftig bleiben wollende Menschen gibt, als sich von der digitalen Welt radikal fernzuhalten, sofern man überhaupt noch alternativen Lebensentwürfen nachstreben will. „Dem Aberwitz, alle denkbaren Gebrauchsgegenstände, von der Zahnbürste bis zum Fernseher, vom Auto bis zum Kühlschrank über das Internet zu vernetzen, ist nur mit einem totalen Boykott zu begegnen“, heißt es in seinem nur leicht ironisch angehauchten Manifest. Am Ende ruft er den Leuten „Wehrt euch!“ zu, aber da ist keiner, der sich wehren will.27
Kann sein, daß der neue, digital façonnierte Mensch schon Wirklichkeit ist. Mehrheitswirklichkeit, der Nachahmungstrieb drängt die Leute zum Malstrom und bewirkt, daß Alternativen und Nischen schwinden, obwohl sie theoretisch immer mehr werden müßten. Vorgestern28, nach dem Lustspiel, wollte ich in einem Straßenlokal, einer Art Imbißstand, vom Strom der Passanten durch violette, vom Vordach herabhängende Tücher getrennt, Ramen essen und mußte meinen Platz gegen einen Trupp chinesischer Touristen behaupten, die die Küche, den Koch, sich selbst, ihre Mittouristen und vor allem die großen, vollen Suppenschüsseln abphotographierten. Die Kameraaugen der Handys schienen anstelle der zugehörigen Menschen die Füllung der Schüsseln – Nudeln, Sojasprossen, Schweinefleisch – in sich hineinsaugen und -schlürfen zu wollen, und die rechte Hand des zugehörigen Menschen beeilte sich, während seine Linke nachlässig zu den Stäbchen griff, das Abgelichtete, also die augenblickliche Wirklichkeit, durch Herumfingern auf dem Bildschirm dort- und dahin zu verschicken, zweifellos nach China, in die USA, nach Chinatown, in alle Chinatowns dieser Erde. Done? Erledigt? Dekimashita. Vielleicht ein paar Likes erzielt. Oder auch nicht. Gegessen? Nicht so wichtig. Die Schar nickt sich freudig zu, der nächste Programmpunkt ruft. Mit an den Körper gepreßten Armen beugte ich mich über die Schüssel, die meine Hände zum Gesicht hoben.29
Leute dieser Art läßt Yuval Harari gern in seinem dicken Buch über den Menschengott vorkommen, und ebenso Michel Serres in seiner dünnen Liebeserklärung an die vernetzte Generation. Karikaturen von dem, was man früher als „Mensch“ bezeichnete. Immer wieder, wie Wellen, beschleicht mich das Gefühl, daß das alles nicht ironisch, sondern ernstgemeint ist, die ganze neue Wirklichkeit ernstgemeint, die Ironie gar nicht schwach oder mißglückt, wie es in den Internetforen unter all den sprachunbegabten Usern dauernd passiert, sondern einfach nicht vorhanden. Scheiternde Ironie ist keine. Das „objektive“ System selbst kennt ohnehin nur einen Modus; die Subjekte glauben, einen freien Spielraum zu haben, und drücken mal diesen, mal den anderen button („Ironie off“). So auch bei zahllosen anderen Forschern, Rechercheuren, Theoretikern. Hanna Rosin zum Beispiel, wenn sie von der angeblichen Machtübernahme der Frauen in den USA (vor der Trump-Wahl 2016!) berichtet.30 Wunschdenken? Das posthumanistische Menschenbild bezieht sie aus Fernsehserien, spiegeln die nicht die Gesellschaft? Wie Menschen sind oder sein sollten: soap opera. Das, wofür einst Romanciers wie Balzac zuständig waren, die menschliche Komödie. TVisiert, zur Show gemacht und gestreamt. So ist das nun mal, ganz normal. Wahrscheinlich hatte der Literaturkritiker Richard Kämmerlings recht, als er vor zehn Jahren unter dem griffigen Titel „Ein Balzac für unsere Zeit“ die epischen Qualitäten einer Netflix-Serie lobte. Technologie des 21. Jahrhunderts, Erzählformen des neunzehnten; Widerspiegelungsfunktion. Auf das 20. Jahrhundert mit seinen Modernismen können wir verzichten. (Ähnliches glaube ich bei interaktiven Videogames festgestellt zu haben, Widerspiegelung einmal beiseite: Sie funktionieren nicht anders als die Abenteuerromane von Alexandre Dumas.) Letzten Endes ist die entscheidende Frage immer noch, ob ein Werk gut oder schlecht ist. Das Problem ist, daß die zahllosen virtuellen und Show-Welten mit der Wirklichkeit verwechselt werden, auch von seriösen Journalisten und Forschern. Damit geht der Sinn für Nuancen, Vermischungen und Komplexitäten verloren. Oder täusche ich mich? Yuval Noah Harari, ein noch junger, homosexueller, mit einem Mann verheirateter Mann, vegan und tierlieb (lauter Eigenschaften, die mir privatim gefallen), spricht in seinem ernsten, ernst-ironischen Buch des öfteren von der Liebe, indem er den alten Begriff, die alte Vorstellung davon, mit dem Kontext neuer, rationalistisch quantifizierender Erklärungsformen- und Evaluierungsformen des Phänomens konfrontiert. In einer flüchtig ausgedachten Szene bekommt es sein fiktionales Ich mit zwei Männern zu tun, die als Liebespartner in Frage kommen: John und Paul. Like? Dislike? Love, or better not? Er liebt mich, er liebt mich nicht. Null-Punkt-Eins. Für wen soll er sich entscheiden? Geh, wohin das Herz dich trägt, hieß es früher in „romantischen“ Situationen dieser Art; heute wird die Entscheidungsfrage statistischer Logik unterworfen: A oder B? Welche Argumente liegen vor? Welche Kompatibilitäten? Überschneidungen? Korrelationen? Pros und Contras? Welche Zahl kommt am Ende heraus? Die Antwort gibt die intelligente Maschine mit ihren Wahrscheinlichkeitsrechnungen, ihrem biologischen, biographischen und biometrischen Input, den DNA-Analysen, der vermessenen und gespeicherten, in Korrelationen und Paradigmen gebrachten Geschichte der Herzen. Bloß keine Überraschungen! Das Glück ist berechenbar, prognostizierbar, steuerbar. To fall in love, urplötzlich, wie der Ausdruck suggeriert, dieses Phänomen ist hier nicht vorgesehen und wäre in einer Dys- oder Utopie, der wir uns nähern, nicht erlaubt. Ein älterer Mann liebt eine viel jüngere Frau und umgekehrt; ein Gesunder liebt eine Behinderte; ein Mann entdeckt, daß er nicht nur, aber auch Männer liebt: Alle diese Fälle, man kann sie sich beliebig ausdenken, haben keinen Platz in den Dispositiven der statistischen Intelligenz. It’s the end of love as we know it.
Was mich selbst betrifft, so neige ich immer noch zur Selbst- und Fremdbetrachtung ohne technische Unterstützung. Für die Erfahrung, daß mein Herz in gewissen Situationen schneller schlägt, brauche ich kein Elektrokardiogramm. Google ist mittlerweile – die Entwicklungen gehen rasend schnell, ständig muß man sich mit seinem PC oder Handy updaten lassen – Google ist nicht nur eine Suchmaschine, sondern eine personalisierte Antwort- und Entscheidungsvorrichtung, die dir bis zu einem gewissen Grad vorgibt, was du suchen willst, also unmittelbar in die sogenannte Willensfreiheit des Einzelnen eingreift und ihm die eigenen Antworten und Entscheidungen abnimmt. Genauso, wie dir Netflix die Entscheidung abnimmt, welchen Streifen du dir als nächstes reinziehen sollst, Spotify, welches Musikstück du hören wirst (und willst), YouTube oder, noch radikaler, Tik-Tok, welcher Videoclip als nächster dein Bewußtsein streifen soll.31 Einer Umfrage zufolge ziehen junge Leute diese sanfte und bequeme Automatik digitaler Angebote, die rasch zu Gewohnheiten werden, eigenen Entscheidungen, die oft mit einem, wenn auch geringen, intellektuellen Aufwand verbunden sind, vor. Den Fernseher ein- oder ausschalten, einen Kanal auswählen, das Sendeprogramm studieren, eine Platte auf- oder eine CD einlegen – solche Handlungen sind passé. Dabei ist es durchaus fraglich, ob diese Art der freiwilligen Unselbständigkeit allein für die digitale Existenzweise charakteristisch ist. Günther Anders erkennt sie bereits am Typus des Massenmenschen Mitte des 20. Jahrhunderts, der sich vom „Fließband des Radios“ umspülen läßt, um sich die Zeit zu vertreiben.32 Das Fernsehen wäre, so betrachtet, nur ein weiterer Schritt zur Deautonomisierung des Menschen. Unablässige Berieselung (mit Musik, mit Werbung, mit Bildern) ist seit den siebziger/achtziger Jahren zu einem omnipräsenten Alltagsphänomen geworden. Das Internet mit seiner multiplen Dauerunterhaltung und Scheinkommunikativität erscheint nun als die vorläufig letzte Stufe dieser Entwicklung, von der wir uns zwar vorstellen können, daß sie weiter perfektioniert, aber kaum, daß sie noch einmal überboten werden wird. Doch wer weiß …
„Willst du wissen, wer du wirklich bist?“ Auch so eine Frage! Oder Unterstellung. Daß man sein Selbst vollständig ausloten könne: der sogenannte gläserne Mensch, durchsichtig für den Blick nach innen wie für den von außen. Was mich betrifft, ich ziehe es immer noch vor, mich nicht vollständig zu verstehen und ein paar Geheimnisse zu wahren, nicht nur anderen, auch mir selbst gegenüber. Will mich zwar, der alten Maxime folgend, erkennen, will mich auch verbessern, aber nicht „optimieren“. Optimal nach welchen – statistischen? – Kriterien und Zielen? „Wir berechnen Ihr persönliches Ideal-Ich!“ In fernen, mythischen, d. h. zeitlosen Zeiten ging man zu einer Antwortmaschine, und im Augenblick, in dem man mit seiner Frage anhub, sprang einem die Mitteilung ins Auge: Erkenne dich selbst! Hätte man sich die lange Reise sparen können? Nein, sie war und bleibt heilsam und wegweisend. Und jetzt das Versprechen, mit seinem idealen gläsernen Selbst ewig dahinzumachen. Grauenhafte Vorstellung, daß niemand mehr kommt, um mich abzulösen! Nein, ich will nicht ewig leben; hundert Jahre sind genug, sind schon zuviel. Nach sechzig Lebensjahren bin ich froh, daß es langsam, ohne Eile, mit mir zu Ende geht. Will Harari selbst, will sein Gatte, will der Menschentypus, den er vor Augen hat, denn so vollkommen sein? Beschreiben (ironische?) Enthusiasten wie er eine Dystopie oder eine um sich greifende, zur Unvergänglichkeit neigende Gegenwartswirklichkeit? Oder doch nur die Illusion einer techno-religiösen Bewegung, die sie nicht teilen? Nur manchmal, eher in Interviews und Meinungsartikeln als in den Büchern, dringt bei Harari etwas wie Sorge durch. In solchen Momenten weicht die Ironie. In Homo Deus aber, dem dicken Bestseller, ist der Tonfall bis zum luftigen Ende: „If you do all that“ – liken, chatten, messen, posten usw. – „then the great algorithms of the Internet-of-ALL-Things will tell you whom to marry, which career to pursue and whether to start a war.“33 Und, was sollen wir tun, lieber Yuval? To like or not to like, that is the question.34 Eine Antwort bekommen wir nicht. Okay, die mußt du dir selbst geben.
„Die Ironie tyrannisiert uns“, schrieb David Foster Wallace schon 1993.35 Das Problem ist nicht, daß wir hier und da ironisch sind, und auch nicht, daß sie hin und wieder mißlingt, sondern daß sie zum Dauerzustand und zur Lebensweise geworden ist. So leben, als ob. Als ob was? Egal was. Ursprünglich ist Ironie ein Register der Ausnahme. Und wenn sie systematisch wird, dann baut sie so wie in den Romanen Thomas Manns, zum Beispiel im Zauberberg, ein ständiges Gewicht-und-Gegengewicht auf, wo die Schalen einander die Waage halten. Aber die einzelnen Aussagen, auch in ihrer Summe, sind durchaus ernst gemeint, manchmal sogar so bitter ernst, daß es fast zum Duell zwischen den Kontrahenten kommt, zwischen Settembrini und Naphta, dem Rationalisten und dem Mystiker. Heute aber, im 21. Jahrhundert, was wird heute schon noch ernst genommen – abgesehen vom hedonistischen Ich, dem Agenten der Ironie? Eine „institutionalisierte“ Ironie kann es nicht anders geben denn als Last; und zwar eine, die die meisten als leicht empfinden.
Unsere personalisierten Rechner zwingen uns zu Entscheidungen und nehmen sie uns gleichzeitig ab. Es gibt für sie kein Zögern, keine Grauzone, keine Übergänge, keine Ambivalenz, nur ein ständiges minutiöses, sekundäres, augenblickliches, pointillistisches Entweder-Oder, das den ganzen Stoff – unseren Input, unser Leben – perforiert. Dies betrifft unsere alltäglichsten Handlungen, und es ist uns zumeist nicht bewußt. Es sind durchaus triviale Phänomene, die ich hier zu benennen versuche; hochgestochen könnte ich sagen: digital-existentielle Phänomene. Jeder hat sie erfahren, jeder kennt sie, vielleicht ohne sie zu verbalisieren, ohne irgendein Interesse dafür. Martin Heidegger, der altdeutsche Philosoph, versuchte einst in der prädigitalen Epoche, unserem unausgesprochenen Selbstverständnis auf den Grund zu gehen, also die Selbstverständlichkeiten eines bestimmten, historisch gewachsenen Menschentyps (mit einer gewaltigen Vorgeschichte, die Heidegger in seinen Untersuchungen zu umfassen suchte) existentialanalytisch zu extrapolieren. Hinter der zuweilen hochgestochenen, hochgeschraubten Terminologie verbergen sich Trivialitäten. Ich für meinen Teil – meinen Text – werde nicht gleich von „Fundamentalontologie“ sprechen. Dazu habe ich ohnehin keine Befähigung, keine Berechtigung, no license. Bin nur ein neugieriger selfmademan. Außerdem liegt mir nichts an Systematik. Die Orte, von denen die alte Ontologie ausging, gibt es nicht mehr. Das heißt, sie sind noch da, aber wenige Menschen wollen sich dort aufhalten und es besteht die Gefahr, daß diese Orte als verlassene verwahrlosen. In gewisser Weise ist die digitale Existenz das letzte, technologisch bewerkstelligte und untermauerte Bollwerk dessen, was Heidegger als „Diktatur des Man“ bezeichnete. „Jeder ist der Andere und keiner er selbst.“36 Aber jeder glaubt mehr denn je, er selbst zu sein und sich zeigen zu müssen. Alle streben nach „Sichtbarkeit“. Verallgemeinerter Exhibitionismus.
Auf YouTube liest man mitunter Kommentare von Personen, die ihrem Unmut gegenüber Personen Ausdruck verleihen, die eine Veröffentlichung – sagen wir, ein makellos schönes Musikstück von Schubert oder Bach, makellos interpretiert von exzellenten Musikern – „dislikt“ haben. Wie ist es nur möglich, ein solches Wunderwerk, das niemandem etwas zuleide getan hat, tagtäglich Tausende erfreut und andere – das kann man ja noch verstehen – gleichgültig läßt, mit einem negativen Zeichen zu versehen? Ebendiese Frage hat mir unlängst meine Tochter gestellt.
Nun, zunächst einmal, in solchen Fällen ist das Positiv-Negativ-Verhältnis erdrückend, tausend zu eins oder so. Auf tausend Beifallsbekundungen kommt eine negative Äußerung, das ist doch nicht viel. Ein Verrückter? Ein Musikhasser aus Überzeugung? Melogynie? Nein, sagte ich, der gute Mann hat sich bloß vertan, er war unaufmerksam, sieht vielleicht schlecht oder war betrunken, so daß er Plus und Minus verwechselte. In Onlinezeitungskommentaren findet man zuweilen die Bemerkung: „Sorry, sollte Grün sein.“ Eigentlich könnte mir der Computer in Zukunft auch solche Positiv-Negativ-Entscheidungen abnehmen und von mir gesehene, aufgerufene, konsumierte Stücke automatisch liken oder disliken; er kennt mich ja, besser als ich. Die Fehlerquote würde auf diese Weise sinken. (Aber irgendwann muß ich wohl durch eine echte Bewegung meines Fingers zu liken begonnen haben: einmal Beethoven, immer Beethoven, einmal Taylor Swift, immer Taylor Swift. Am Ende wird die digitale Welt so langweilig, wie die Bühnenwelt mit dem rachitischen Bäumchen für Wladimir und Estragon im Beckett-Stück langweilig ist. Algorithmen wie der von Tik-Tok bauen dem vor, indem sie fortwährend konservative Wow!-Beiträge in den Futtertrog leeren.) Ich würde Zeit sparen, eine Fülle von Sekundenbruchteilen, die Grauen Herren würden sich wieder mal freuen, letzte Spielräume des Zögerns und Abwägens würden beseitigt. Was mir gefällt, gefällt mir, weil es mir gefällt, und es wird in exponentiell steigender Kurve identisch sein mit dem, was allen gefällt. Und was allen gefällt, wird das sein, was am stärksten von den Massenmedien selbst gehypt wird, d. h. jenes Produkt, hinter dem die stärkste ökonomische Kraft, sprich: Werbekraft, steckt. Es wird dies nicht das einzige Kriterium sein, aber das wichtigste. So ist es möglich, daß ein vorsätzlich dümmlicher Spaßmacher wie Pikaro (fast nur in Japan) oder ein Popmusikvideoclip wie Despacito (überall, obwohl spanischsprachig) bis dato (März 2021) 380 Millionen bzw. 7,2 Billionen Mal gesehen bzw. angeklickt wurden und daß solche Beiträge auch mich irgendwie „ansprechen“, wobei ich zum zweiten der hier genannten tendiere als einer, der lateinamerikanische Musik ein bißchen kennt und im allgemeinen auch mag: Nettes Liedchen, nettes Video, bißchen sexy, dabei weiter nichts als sorgfältig gestyltes Mittelmaß mit gehübschter Karibikkulisse und Frauenpopos in Hotpants, während Pikaro einfach nur Trash ist und weiter nichts sein will (aber Trash ist nun mal global gesehen seit vierzig Jahren en vogue). Wie viele Einwohner hat Japan? Richtig, 126 Millionen. Wie viele Bewohner die Erde? 7,8 Milliarden. Danke, Google, danke, Wikipedia!
Ich erlaube mir Urteile. Ganz unironisch. YouTube und Amazon lenken mich aufgrund solcher Äußerungen, aber in erster Linie natürlich durch automatische Analyse meines Klickverhaltens, häufig zu klassischer Musik, wogegen ich mit – selten ernstgemeinten – Clustern von Punk- und Folklore-Klicks aufzubegehren suche, um die kleinen Rechner in der Dunkelheit zu verwirren: Nein, ihr kriegt mich nicht, da könnt ihr euch noch so ins Zeug legen. Ich schaue sogar Fußball, die besten Dribblings von Messi, die schönsten Freistoßtore, und behaupte zugleich, daß ich Fußball hasse. Und meine Tochter schaut sich auf dem PC lustige Clips an. Japanisch Englisch Spanisch, alles gemischt. Bloß keine Übersetzungen. Fuck off, digidude! Ach, du kannst auch schon Lügen und Finten detektieren? Mit Fakes hast du Erfahrung? Du delektierst dich an meinem vergeblichen Hakenschlagen? Soll ich lieber gleich geradeausgehen, du wirst meine Bahn schon noch zurechtbiegen? Verstehst du etwas von Masochismus? Ja, wahrscheinlich ja (du schweigst, wie es deine Art ist, oder fertigst mich mit trockenen Floskeln ab). Ja, die Datenmenge reicht dafür längst hin. Was ich auch tue, mein maschineller Schatten, den ich naiverweise personalisiere und sentimentalisiere – dabei werde ich die ganze Zeit selbst personalisiert und sentimentalisiert, d. h. festgenagelt und rumgeschubst – berechnet mich korrekt. Und behandelt mich korrekt. Wie es mir gebührt. Alles zu meiner Bequemlichkeit.
Richtig, wir sprechen von digitaler Bequemlichkeit. Selbstverständlichkeiten: Ich tippe ein F in die Zeile, und der Computer schlägt mir Facebook vor. Es könnte auch Fortnite sein (ein interaktives Videospiel: ich habe geklickt37) oder faz.net (mehrmals mit dem Gedanken gespielt, die Paywall zu überspringen38), aber anscheinend klicke ich öfter auf Facebook als auf FAZ (auf Fortnite gar nicht). Der mich persönlich genau kennende Algorithmus weiß, was ich will und nimmt an, daß ich immer wieder dasselbe will. Ein Buchstabe genügt, die restlichen sechs erspart er mir: Das ist bequem, es hilft mir beim Zeitsparen (ach ja, die Grauen Herren …), aber mein Guthaben wird in Wahrheit nicht größer, im Gegenteil, je länger ich vor dem Bildschirm sitze (oder mir das kleine Display vor die Nase halte), desto mehr verstärkt sich mein Gefühl, nicht genug Zeit zu haben, nicht zuletzt deshalb, weil ich mich, wie vorhin, auf irgendwelche Um- und Abwege klicke. Facebook? Nein, ich wollte diesmal doch zur FAZ, die Aufmacher darf ich gratis lesen, auch den oder jenen Leitartikel, ein paar Köder, und schließlich könnte ich mich ja wieder einmal fragen, ob ich nicht meine Kreditkarte zur Hand nehmen soll. Wann habe ich die FAZ das letzte Mal angeschaut? Ich könnte in meiner „History“ recherchieren, Erinnerung aktivieren, oder was man so nennt. Wir googeln und googeln. Google ist unsere Digibibel und gleichzeitig unser virtuelles Buch der Natur. Statt zu blättern, surfen wir. Statt zu flanieren, surfen wir. Google ist natürlich und göttlich. Gottgeschaffene – zweite, dritte, x-te – Natur.
Neuerdings zwingt mich mein maschineller Partner, der offensichtlich die Entscheidungshoheit über meine Angelegenheiten hat, bestimmte Seiten, tendenziell alle, auf deutsch zu lesen. Ich weiß nicht, von wo das genau ausgeht, von Google, von Amazon, von den jeweiligen Plattformen, aber seit kurzem erscheinen die Ergebnisse sowohl von Amazon.jp, wo ich manchmal einkaufe, als auch der Bibliothek der japanischen Universität, für die ich arbeite, in hundsmiserablen deutschen Übersetzungen. Auch englische Bruchstücke kommen deutsch daher, und ich finde keine Möglichkeit mehr, diesen Übersetzungswahn zu stoppen. Bei der Suche im Bibliothekskatalog läßt sich oft gar nicht mehr feststellen, in welcher Sprache ein Buch verfaßt wurde – eine essentielle Information, die ich bisher ohne Schwierigkeiten erhielt. Ich suche unter dem Stichwort „Baudelaire“ und erhalte seltsame Titel wie Mon céur mis, womit wahrscheinlich Mon coeur mis à nu gemeint ist, wie ich vermuten kann, denn ich habe meinen Baudelaire schon in fernen prädigitalen Zeiten gelesen. Claude Pichois hat diesmal eine édition diplomatique eingerichtet, und erschienen ist das Ergebnis in einer Reihe namens textes littéraires franéais. Hier finde ich mich noch einigermaßen zurecht, in anderen Fällen, fast immer bei Übersetzungen aus dem Japanischen, ist das unmöglich. Bei Amazon wiederum hat das Mate-Kraut jetzt einen „regelmäßigen Geschmack“, dazu kann ich mir „wiederverwendbare Rührwerk Metall Kaffee trinken Stroh Stroh Auto Rührwerk“ kaufen (schlau, wie ich bin, weiß ich, daß mit dem Rührwerk die bombilla, also der Trinkhalm, gemeint ist), und den Komponisten Toru Takemitsu haben sie mir umbenannt, der heißt jetzt „Toru Takeman“ und soll ein Buch des Titels Reise zur Musikschöpfung geschrieben haben. Noch ein anderes Beispiel, weil Übersetzungsstilblüten doch so lustig sind: Um mich über den Stand der Coronavirus-Infektionen zu informieren, habe ich gegoogelt und bekam eine höchst seriöse Seite zugespielt: NHK-Nachrichten. Im Nu, ohne daß ich es wünschte, hatte ich den Text in deutscher Sprache, dazu die Überschrift: „Ein riesiger Haufen von sechs Studenten“. Der Titel ist nicht ironisch gemeint, er wirkt nur unfreiwillig komisch. Sprachliche Ironie als Stilmittel können Algorithmen bislang nicht erkennen und noch weniger produzieren; auch bei Metaphern tun sie sich schwer. Dazu bräuchte es echte Kreativität, Phantasie, Vorstellungsvermögen.
Ich weiß, die Programme zur automatischen Translation stecken noch in den Kinderschuhen; da sie rasch lernen, werden wir bald perfekte Übersetzungen aus allen Sprachen in alle Sprachen haben, vielleicht alles ironiefrei, aber gut … Wenn es soweit ist, werden wir den verwirrenden und verwirrten Turm von Babel endgültig hinter uns gelassen haben; unser schönes Kommunikationschaos, an dem George Steiner festhielt, um ihm die Freuden des Interpretierens und der Neuschöpfung abzugewinnen, wäre endgültig bereinigt. Aber ehrlich gesagt, ich würde gern auf diesen neuparadiesischen Zustand verzichten. Eine kleine Erklärung läßt mir mein unsichtbarer, anonymer und allgegenwärtiger Partner immerhin zukommen: Das Translationsservice diene nur meiner „Bequemlichkeit“, und die Firma wolle nur dies: meine Bequemlichkeit „verbessern“, so steht es Schwarz auf Weiß da. Aber ich bin nicht so bequem, wie sich der digidude das vorstellt, und will es auch nicht werden.39 Statt dessen erinnere ich mich an den alten antiautoritären Slogan: „Ihr wollt nur unser Bestes, aber ihr kriegt es nicht!“
Nein, im Ernst, mir ist klar, daß ich mit solch vorsintflutlichem Antiautoritarismus mutterseelenallein im digitalen Wald dastehe. Es bleibt mir gar nichts anderes übrig, der Partner zwingt mich zur Bequemlichkeit, und so lasse ich mich in „meiner“ Sprache, die mir von personalisierten Algorithmen angedichtet wird, durch die grenzenlose Welt der Entscheidungsmöglichkeiten treiben, ohne noch eigenen Willens darüber zu verfügen. Nach ein paar Minuten googeln weiß ich nicht mehr, wonach ich „ursprünglich“ gesucht habe. Das Ziel, wenn es eines gegeben hat, ist mir aus dem Blick- und Denkfeld gerückt. Ich gehe, gleite, springe von Reizpunkt zu Reizpunkt. Das nennt man Ablenkung, Aufmerksamkeitszerstreuung, pandemisch und unausrottbar, so daß man guten Gewissens von ADHS als Zeitkrankheit des 21. Jahrhunderts sprechen kann, sofern man das Phänomen als Krankheit definieren will und nicht als Stärke, als Fähigkeit zum multitasking, als digitale Denkweise, Symptom einer neuen Gesundheit, aufgrund deren nicht mehr linear, also zielorientiert, vorgegangen wird, sondern sprunghaft, ohne feste Ordnung, regellos, rhizomatisch, von Ebene zu Ebene, von Punkt zu Punkt. Eine Hyperkultur, geprägt durch intertwingularity, früher auch Chaosmos genannt (Deleuze, CCC, ein paar libertäre Nerds), oder Transversalität (® LF/). Konnektivität als personal-depersonalisierender Dauerzustand bis hinein in die Träume, die ohnedies schon seit unvordenklichen Zeiten hyperkulturell funktionieren. Man könnte andersrum formulieren: Die digitale Welt ist eine Art Traumwelt, die passende Gangart schlafwandlerisch.
ADHS? Heute früh habe ich mich aus dem Netz ausgeklinkt, schreibe derzeit von Hand in ein schlichtes, unintelligentes, geradezu dummes Schulheft, das mir zwar nicht weiterhilft, aber auch – ein Vorteil? – meine Bewegungen nicht aufzeichnet, abgesehen von dieser einen, der linearen Spur meiner Buchstaben auf den weißen, blaßblau linierten Seiten. Das Schulheft redet mich nicht an, fordert mich zu nichts auf, weiß nichts besser als ich. Es ist auf andere Art bequem. Ich könnte hier sitzen, in die Luft schauen, auf den Hintern der Kellnerin schauen, die Seiten weiß lassen. Nachdenken. Nicht Angst vor der Leere, sondern Freude darüber! ADHS? Etwas mit Aufmerksamkeitszerstreuung und Hyperaktivität, weil digital natives immer tausend Fenster offenhalten und viele Dinge gleichzeitig tun müssen. Krankheit, Lebensweise, Hyperkompetenz? Sucht es euch aus, oder fragt Alexa! Ihr müßt nichts mehr wissen, nichts erinnern, müßt dieses Buch nicht lesen. Fragt euer Smartphone, euren digidude! Ich aber – was wollte ich jetzt eigentlich wissen? Richtig, ADHS. Wenigstens daran erinnere ich mich, meine Historie, die Geschichte der vergangenen fünf Minuten (der Rest ist schon unendlich fern). Auch ohne Computer verhalte ich mich so, als säße ich davor. Als wäre ich vernetzt.
Wirklich wunderbar, und das meine ich nicht ironisch, sind die Programme, die übersichtliche Computer-Schreibtastaturen mit der Gesamtheit der chinesischen bzw. japanischen Zeichen in Verbindung setzen und eine sekundenschnelle Auswahl ermöglichen. Dazu muß man dem europäischen Leser erst einmal erklären, daß es aus räumlichen und motorischen Gründen nicht möglich war, alle beim schriftlichen Ausdruck nötigen Zeichen auf die Tastatur und in die Mechanik einer herkömmlichen Schreibmaschine zu verfrachten. Bis in die neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts wurden akademische Arbeiten einschließlich Dissertationen mit der Hand geschrieben.40 Dann aber wurden jene Programme entwickelt, die ausgehend von einer Tastatur mit lateinischen Buchstaben (oder auch mit dem relativ einfachen Hiragana-Zeichensystem), die der japanische oder chinesische Schreiber kaum anders als der europäische benutzt, das Eingetippte augenblicklich in chinesische bzw. japanisch-chinesische Zeichen übersetzen, die ohne nennenswerte Verzögerung, sozusagen in „Echtzeit“, auf dem Bildschirm erscheinen. Da viele Zeichen aber mehrere Bedeutungen und Lesarten haben und einzelne Laute je nach Kombination, Kontext und Gebrauch auf sehr verschiedene Art schriftlich fixiert werden, gibt das Programm in der Regel eine – oft ziemlich lange – Reihe von Alternativen an, die der Nutzer abrufen kann (was er auch ständig tut), um die passende Form auszuwählen. Das alles, wie gesagt, in Windeseile. Japaner und Chinesen sind an der Computertastatur nicht langsamer als Europäer, die es ausschließlich mit ihrem abstrakten, überschaubaren, supereinfachen Zeichensystem zu tun haben. Sogar ich bin imstande, am Computer japanisch zu schreiben, obwohl ich trotz jahrelangem Bemühen – immer nur nebenher, il est vrai – nicht einmal einfache Sätze zufriedenstellend mit der Hand schreiben kann. Aufgrund meiner in mündlicher Kommunikation erlernten und erprobten Sprachkenntnisse kann ich das Auszudrückende mit lateinischen Buchstaben in die Maschine eingeben. Input-Output, dazwischen eine gewaltige Kluft, vor der ich stehe und in die ich hinabsehe, die der Algorithmus aber im Nu – und in jeder Sekunde aufs neue – überwindet. Der Rechner, gern würde ich ihn „Superrechner“ nennen, doch er ist nur ein für heutige Verhältnisse recht simples Maschinchen, der liebe Rechner mildert meine japanische Dummheit ein wenig. Dafür bin ich ihm dankbar. Ich verehre ihn nicht als meinen Gott, und ich sehe ihn auch nicht als Sklaven.
Aus dieser bequemen Nützlichkeit41 entsteht ein typisches Digitalisierungsproblem, insofern die Notwendigkeit, chinesische Zeichen nicht nur zu lesen, sondern auch eigenhändig zu schreiben oder zu tippen, bei den Usern schwindet. Langfristig könnte darunter auch die Lesefähigkeit der Japaner leiden. Die wunderbaren Rechner ersparen uns eine wachsende Zahl von Anstrengungen. Die Klagen über die Unfähigkeit einer wachsenden Zahl von Schülern, den Sinn einfacher Texte zu verstehen, werden in Japan gern von der Bemerkung begleitet, daß ein steigender Prozentsatz – alles statistisch erhoben! – auch nicht imstande ist, einen Computer zum Schreiben von längeren Texten zu gebrauchen. Ich nehme an, damit ist gemeint, ihn als Schreib- und Lesegerät zu bedienen, denn gleichzeitig wird der negative Einfluß von Social Media beklagt, und dazu braucht es einen Rechner, nenne er sich auch i- oder Smartphone. Ganz ohne Schrift kommt man dabei nicht aus, doch im Prinzip bewegt man sich eher von Bild zu Bild als von Satz zu Satz, und man drückt sich auch in Bildern aus: Handy-Fotos. Diese parallel laufenden Klagen über mangelnde Computerkompetenzen und Lesekompetenzen sind widersprüchlich, weil eben der Gebrauch des Computers die schreiberischen Fähigkeiten unnötig macht und dezimiert. Deshalb die Tendenz von Information im Internet, auf einzelne Sensationen, konzentrierte Bilder, schnelle Reize zu setzen und die User in diesem Sinn zu steuern. Sie springen auf einzelne, besonders wirkungsmächtige Elemente an, der Rest interessiert sie nicht. In den Gratiszeitungen im Internet lesen die „Leser“ oft nur die Überschrift eines Artikels (was man in prädigitalen Zeiten auch getan hat, aber niemals in diesem Ausmaß und mit dieser Ausschließlichkeit), geben in der Kommentarspalte ihren Senf dazu – Selbstdarstellung ist wichtiger als Verständnis für ein Thema oder eine Person – und springen weiter. Klar geht auf diese Weise auch die Lesefähigkeit verloren!
Aber wir waren bei der Schreibfähigkeit, die angesichts der Vielzahl chinesischer Zeichen und ihrer Lesarten mehr gefährdet ist als etwa in den europäischen Ländern (wo das Phänomen auch nicht unbekannt ist). Der Computer schreibt für dich, du mußt nur das einfache System beherrschen, der Rest wird von ihm übernommen. Declining kanji-writing skill of Japanese blamed on cell phones, computers titelte eine englischsprachige japanische Zeitung. Es gibt zu dem Thema sogar einen recht ausführlichen englischsprachigen Eintrag in Wikipedia unter dem Stichwort Character amnesia: Das kühle, fehlerlose Erinnern des Computers führe zum Vergessen bei seinen menschlichen „Nutzern“. Eine höchst seriöse neue Studie über Kanji-Schreibfähigkeiten stellt ebenfalls eine reduzierte Kompetenz bei Jugendlichen fest und sieht eine mögliche Erklärung in „the rapid spread of digital writing devices, such as PCs and smartphones that provide the correct kanji or at least options from which to select them“.42
Ohne Erinnerungsfähigkeit aber gibt es kein Lernen, kein Assimilieren von Wissen, kein Können. Allein schon aus diesem Grund sind die prädigitale, humane, ohne viel Technik auskommende humanistische Kultur und die entsprechende Pädagogik auf Dauer unverzichtbar: nicht zuletzt, um die Rechenmaschinen unseres Alltags sinnvoll bedienen zu können. Die Bedienbarkeit wird in Zukunft noch leichter werden und noch mehr auf Bilder statt auf Text setzen, und so werden 99 Prozent der Weltbevölkerung, sofern der Entwicklung nicht gegengesteuert wird, die allgegenwärtigen Rechner ausschließlich als Unterhaltungsgadgets verwenden und den von diesen ausgehenden, oftmals aggressiv angebotenen Suchtmöglichkeiten erliegen. Ein Konsumentenweltvolk von Süchtigen …
Das Schreiben von Zeichen, eigenständiges, „assimiliertes“, in den Körper, den Kopf aufgenommenes Wissen, bloßes Schauen, Betrachten, Orientierung in der Welt, bis zu einem gewissen Grad auch Denken, handwerkliche Fähigkeiten, Autofahren: Das alles wird unnötig, der Rechner und seine Sensoren, seine Video- und Audioaufnahmen erledigen es für uns, und wer hat schon die Kraft zu sagen, egal, ich fahre in der Ausübung meiner oft so mühsamen Menschlichkeit fort? Ähnliches hatte sich schon vor der allgemeinen Digitalisierung mit dem Kopfrechnen abgezeichnet; in den Schulen wird es nach wie vor eingeübt, obwohl es im Alltag längst vom einfachen Rechner bzw. heutzutage vom Handy, der handlichen Allzweckmaschine, übernommen worden ist. Sollen wir das Kopfrechnen abschaffen? Oder, sagen wir, auf mehrstellige Zahlen über 31 verzichten? Man will es den armen Schülern doch nicht zu schwer machen! Das Problem – und der Grund, weshalb es in den Schulen immer noch gelehrt wird – liegt darin, daß man ohne solche Grundkenntnisse nicht einmal die Maschinchen ordentlich bedienen kann. Um sich in der digitalen Welt zurechtfinden zu können, braucht man „analog“ erworbene und ausgeübte Fertigkeiten, die wiederum ein Mindestmaß an Erkenntnisvermögen43 zur Voraussetzung haben. Es sei denn, digitale Sprachassistenten übernehmen ein für allemal die gesamte Koppelung der human units an Computer und Sensoren. Jede Menschenperson hätte dann ihren personalen Sprachassistenten, zunächst noch als Gerät, das sie ständig bei sich führt, später als Implantat. Auf diese Weise können wir uns ganz aufs Befehlen und Gehorchen beschränken, und zwar in beide Richtungen, nur daß wir gar nicht merken, daß wir unablässig Befehle ausführen – wahrscheinlich halten wir uns weiterhin für autonom. Eines schönen Tages werden die Rechner noch viel klüger sein als heute, und es wird sich die Frage erheben, ob Menschen überhaupt noch sprechen lernen müssen, wo es den intelligenten Maschinen doch genügt, die Wünsche und Bedürfnisse ihrer Herren – und Sklaven – an Gehirnströmen abzulesen. Ob die Menschen realiter überhaupt noch die Position des Herrn einnehmen werden? Noch einen Schritt weiter gedacht: Werden mit der Sprache nicht sogar die Wünsche und Bedürfnisse verschwinden?
Es gibt da dieses digitalisierte Spiel – Ernst oder Scherz, schwer zu entscheiden –, bei dem man als User (oder Zocker oder Bürger) einen Katalog von gesellschaftlichen und politischen Fragen durchgeht, deren Beantwortung eine „objektive“ politische Präferenz ergibt, so daß man weiß, welche Partei man bei der nächsten Wahl zu wählen hat. (Man braucht dafür keine digitalen Algorithmen, wohl aber objektivierbare Daten.) Yuval Harari findet Gefallen an der Idee, daß uns Algorithmen derartige Empfehlungen geben, die man in letzter Konsequenz als Handlungsanweisungen verstehen wird: Wir gehorchen Maschinen, nicht umgekehrt. Zu Ende gedacht, gelangt man auf diesem Weg zu der Gewißheit, daß Demokratie im bisher geläufigen Sinn, zu deren Voraussetzungen die Annahme einer Willensfreiheit zählt, nicht mehr nötig und sinnvoll ist. Das hat zahlreiche Aspekte und weitere Folgen, die ich an dieser Stelle nicht erörtern will. Hier geht es mir nur um unsere essentielle Getriebenheit und Bequemlichkeit in den diversen Zonen unseres Verhaltens.
Ich habe nachgesehen im Netz, auf einer der Seiten, die dem demokratiebewußten User einen Wahlautomaten, etwas verschämt Wahl-O-Mat genannt, bieten. Eigentlich ganz harmlos, mit den besten Absichten gegen Ende der prädigitalen Epoche entwickelt. Man braucht dazu nicht einmal einen Computer, obwohl die heutigen Datenvergleiche früher unmöglich oder zumindest aufwändig und langwierig waren. Es ist die alte Technik der Umfrage, der Selbsterforschung, des Beichtspiegels, die hier zur Anwendung kommt. Und zwar durchaus im Ernst, unterstützt von der deutschen Bundeszentrale für politische Bildung, also der Regierung, die sich davon, anscheinend zurecht, eine zunehmende Teilnahme der Bevölkerung an Wahlen und Abstimmungen verspricht. Ich habe nun mein politisches Bewußtsein erforscht bzw. gecheckt, wie man heute sagt, mit jenem leichten Widerwillen, den alle Umfragen bei mir hervorrufen, im konkreten Fall deshalb, weil mir einige Fragen als Fangfragen erschienen, nicht sehr sinnvoll, unterkomplex, nur gestellt, um mein Bewußtsein in ein bestimmtes Kästchen – Wahlkästchen – stecken zu können.
Herausgekommen ist bei mir das Erwartete. Ich bin links. Meine Ansichten stimmen zu einem erheblichen Teil mit dem Wahlprogramm der Linken überein. Zu 79,7 Prozent, alles wird berechnet. Dazu möchte ich in aller Bescheidenheit und jenseits aller Berechnungen folgendes anmerken, d. h. berichten. Was ich berichten werde, ist meine persönliche Geschichte in „politischer“ Perspektive und in einem bestimmten, „unpersönlichen“ zeitgeschichtlichen Kontext. Nur durch solche Geschichten kann ich (und könnt ihr) etwas verstehen. Erstens, mich ärgert dieses Links-Sein. Nach so vielen Jahren, die ich mich mit meinem eigenen Bewußtsein auseinandersetze, um es sinnvoll anzupassen und weiterzubilden, ärgert es mich, aber ich muß es auf mich nehmen, auch dann, wenn ich mich davon distanziere und es mit Befremden ansehe. Dann wieder gibt es Momente, da denke ich, ich bin gar nicht links. In der Zeit, als der Neoliberalismus um sich griff, dem auch Michel Foucault, der freiheitsliebende Schwule, zuletzt huldigte, war ich nicht links, sondern … vielleicht sogar rechts, was weiß ich, che ne so! Irgendwo muß man sich positionieren, oder auch nicht positionieren, aber das erklärtermaßen, damit man in die Statistik Eingang finden kann. Aber ich wollte einen kurzen Überblick geben, denn ich bin, was ich erinnere. Und das heißt, daß ich mich in mir täuschen kann.
Meine Eltern waren katholisch, besonders meine Mutter, die aus der tiefen bäuerlichen Provinz stammte, l’Autriche profonde. Würde sie noch leben, sie wäre über neunzig; die digitale Welt wäre ihr fremd, wahrscheinlich gleichgültig, schon dem Fernseher, als wir ihn bekamen, näherte sie sich ungern, die Bilder waren ihr zu fahrig, sie verwirrten sie (dabei erscheinen sie ruhig im Vergleich zu der Hektik, die Kameraleute und Cutter seit ungefähr 1990 an den Tag legen zu müssen glauben). Ich lese gerade ein Buch über die „dunklen Jahre“, d. h. über die Nazizeit nach dem Anschluß, und erinnere mich an den christlich-katholisch motivierten Antinazismus in meiner Familie. Welch tiefer, fragloser Glaube, welches Feuer; welche Bedeutung diese Welt- und Lebensanschauung im täglichen Leben hatte! Unser tägliches Brot gib uns heute! Es war nicht selbstverständlich, daß welches auf den Tisch kam. Fast erfüllt mich diese Lebensweise, aus dem abgeklärt-ironischen 21. Jahrhundert betrachtet, mit Neid. Dieser Katholizismus existiert nicht mehr, er ist abgestorben, in Österreich wie in anderen Ländern. Als Jugendlicher war mir bald klar, daß ich nicht glauben kann. Und was ist eine Religion ohne Glauben? Diese rhetorische Frage stelle ich heute noch gern, wenn es dazu kommt, zum Beispiel in Japan, wo die meisten Menschen Religion – Shinto und Buddhismus – mit ernster Miene spielen (wie sie übrigens auch Demokratie so ernst wie möglich spielen, in meinen europäischen Augen allerdings grotesk, unfreiwillig komisch). Eine Religion ohne Glauben ist nicht Fisch und nicht Fleisch, darin stimme ich mit meinem Freund Mohamed, einem gläubigen, aber weder strengen noch eifernden Moslem überein – zweifellos eine, nein, nicht eurozentrische (Mohamed stammt aus Nordafrika), aber vom Monotheismus geprägte Aussage. Freilich, mein Unglaube hindert mich nicht daran, einiges an christlichen Gedanken und Werten zu bewahren, ja, in selbstgefällig rationalistischutilitaristischen Zeiten sogar auf meine Fahne zu schreiben.44
Ich wuchs also in einer Zeit auf, als der Generationenkonflikt unvermeidlich war und die meisten meiner Generationsgenossen wenigstens eine Zeitlang zu ihren Eltern auf Distanz gingen, manchmal – nicht immer – auf dramatische Weise. Es war zu einem kulturellen Bruch gekommen, eine Implosion alter, überkommener Werte hatte stattgefunden, neue Lebensweisen, Sinnkonstruktionen und kulturelle Formen hielten Einzug; dagegen stemmten sich die Erwachsenen, Alle-über-Dreißig, mit aller Macht, denn damals hatten sie noch Macht. 1968 war ich elf Jahre alt, die Gründe der Kulturrevolution konnte ich nicht verstehen, doch ihr Einfluß auf die Bildung meines kleinen Bewußtseins war während der folgenden Jahre sicherlich stark.45 Ich habe das am eigenen Leib, nämlich in meinem Kopf, erfahren, was Philipp Felsch als den „langen Sommer der Theorie“ beschrieben hat. Daß theoretisches Denken überhaupt von Wert war, daß es cool, sogar sexy war (heute ist es bestenfalls verwirrend, störend, langweilig). Dieser Sommer war um 1977 noch nicht zu Ende, doch sein Niedergang nicht mehr abzuwenden. Ich war links, zu meiner Eltern Entsetzen, das sie schamvoll verbargen, ebenso wie ich meine vermeintlichen Gewißheiten verbarg: Die katholische Scham hatte all die offenen und schwelenden Konflikte überlebt. Später schrieb ich einen kleinen Essay über Diego Rivera und Frida Kahlo, das kommunistische Künstlerehepaar. Darin zitiere ich Carlos Fuentes, der den Verdacht hegte, „daß viele lateinamerikanische Kommunisten in Wahrheit abtrünnige Katholiken sind, die sich nach Begütigung sehnen. Da sie das katholische Obdach verloren haben, suchen sie bei den Kommunisten Zuflucht. Der Petersdom war schließlich ein Relikt der Vergangenheit, der Kreml ein Vorbote der Zukunft.“46 Das sehe ich noch heute so ähnlich.
Also war meine Entwicklung von vornherein, von Kindheit an, festgelegt? Ist unser Leben, sind unsere Äußerungen, unsere Entscheidungen tatsächlich so determiniert, wie Harari schreibt, immer wieder in dieselbe Kerbe schlagend: Es gibt keinen freien Willen! Der freie Wille ist pure Illusion! Wir tun einfach so, als gäbe es einen, oder genauer: Wir müssen (!) so tun, als ob – daher dann auch die systemische Ironie. Der freie Wille ist eine nützliche und notwendige Fiktion, sofern wir unser Menschsein behaupten wollen (das man natürlich, wie weiland Nietzsche, auch „überwinden“ wollen kann). Festgelegt oder nicht: egal.
Also weiter in der Geschichte, die nun mal so ablief, wie sie ablief: Was war nach 1977? Da habe ich gelebt. Bin mal dahin, mal dorthin gegangen, ein intellektueller Nomade, erst später auch ein physischer. Stille Lektüren haben mich geprägt, in andere Richtungen gezogen, manchmal gegen meinen Widerstand. Ich glaubte, Poppers Liberalismus zu kritisieren, aber Poppers Schriften haben mich kritisiert und geprägt. Sogar Nietzsche-Lektüren haben einen Beitrag geleistet, und Levinas, von dem ich nicht viel gelesen habe, dessen Theorie der Alterität, eher vermittelt durch andere (Derrida, Jean-Luc Nancy), mir aber geblieben ist. Lektüren gegen Marx, gegen Hegel, wider den Geschichtsdeterminismus, der die christliche Linie von Vorsehung und Eschatologie verlängerte. Abweichen von der Linie, und zwar auf der ganzen Linie. Heidegger, Nietzsche und Schopenhauer als Erzieher, alle drei! Dazu die Idee der Fehlbarkeit (Paul Ricoeur!), das einzige Vermächtnis der einzigen Person, die ich als meinen akademischen Lehrer à la limite gelten lassen würde. Und dann, wider das akademische Milieu, die blühenden Phantasien des Theorie-Praxis-Gespanns Deleuze/Guattari. Und so weiter.
Resultat der Selbsterforschung: Ich bin gar nicht links, der Wahlautomat hat unrecht. Ich schätze sogar Ernst Jünger, und zwar nicht nur als Träumer, Metaphoriker, Drogenexperten und subtilen Jäger, sondern auch als Theoretiker. Selbst für Nationalsozialisten kann ich Verständnis aufbringen, zumindest für Nationalbolschewisten und Edelnazis wie Ernst Niekisch, Ernst Jünger, Martin Heidegger – nicht für die Rüpel, Gewalttäter und Mörder (von Rosenberg über Goebbels zu Hitler). Trotzdem legt mich der blöde Algorithmus der Bundesregierung fest: Du bist links und mußt auch so wählen!
Nichts zu machen. Seit mehr als zwanzig Jahren weiß ich nicht, wen und was ich wählen soll, und bin auch gar nicht zu Wahlen gegangen. Habe ich denn eine Wahl? Mein Bewußtsein hat sich gebildet, und ich habe versucht, dazu beizutragen, so gut ich eben konnte. Weitgehend habe ich mich im Alleingang selbst erzogen, geformt, gemacht, auch konstruiert, erfunden und neuerfunden, ganz wie ihr wollt. Autopoiesis, si vous voulez. Das sage ich in Anerkennung von Hararis Determinismusverdikt, das ich in anderem Kontext verwerfe, weil ich glaube, daß es, ernstgenommen und in die Lebenspraxis übersetzt, einen neuen Kollektivismus, einen Technokollektivismus fördern wird, der mir trotz – oder wegen? – all meiner linken Sozialisierung unheimlich ist. Wir stoßen hier wieder einmal auf eine Parallele zu den zwanziger/dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Die wachsten Geister wurden schon damals weniger durch das Hinübergleiten zu den politischen Extremen, zu Autoritarismus und kriegerischem Gehabe aufgeschreckt als durch den Aufschwung kollektivistischer Existenzformen, von antibürgerlichen Lebensmodellen linker oder rechter Couleur, die oft mit Begeisterung angenommen wurden. Robert Musil, 1942 im Schweizer Exil verstorben, hatte ein feines Sensorium dafür, und es schwante ihm nichts Gutes, doch die soziale Stellung dieses neugierigen Teilnehmers am Ersten Weltkrieg (an der Isonzofront) und freiheitsliebenden Individualisten, der sich mit naturwissenschaftlichen Gesetzen auskannte und zur Sachlichkeit neigte, war viel zu schwach, als daß er auch nur im geringsten hätte eingreifen können; wohingegen Ernst Jünger, dieser ewige Soldat (1913 Fremdenlegionär, im Ersten Weltkrieg an der Champagne-Front, verwundet in der zweiten Somme-Schlacht, Eisernes Kreuz usw.), von seiner starken, aber elitären Position aus das Verschwinden des Individuums zugunsten eines roboterhaften Menschentypus schwungvoll und unerbittlich konstatierte. An einer solchen Schwelle stehen wir wieder, doch die Kollektivierung hat andere Ursachen, einen anderen Werdegang und prägt andere Formen aus, sie kommt nicht oder nicht allein von oben, sondern von unten, vom „Nutzer“ und Konsumenten, und bedarf keiner physischen Gewaltanwendung, sie verläuft rhizomartig und viral; die globale Bedrohung durch das reale Virus bestärkt noch diese Entwicklung, die sich mit dem bewußten oder – häufiger – unbewußten Einvernehmen der zu Rezeptoren gewordenen Subjekte vollzieht.
Distanz, Telekommunikation und Teleworking, totale Kontrolle via Handys bringen ein neues, digitales Herdenverhalten hervor. Das Hypernetz breitet sich aus, während die kleinen Netze mit ihren Feeds & Filtern sich zwar vervielfachen, zugleich aber den Einzelnen und die Gruppe einmauern, nicht selten auch gegeneinander stellen. Die von so gut wie allen geteilte Maxime ist das Mehr-und-Mehr, das Schnellerund-Schneller, Besser-und-Besser, was freilich im Widerspruch steht zur bislang unaufhebbaren Tatsache, daß ein Menschenkind schlafen und Nahrung zu sich nehmen muß, daß es sich nur langsam entwickelt und daß seinem Leben früher oder später ein Ende bevorsteht – was dem medientüchtigen Unternehmer Elon Musk ein Dorn im Auge ist, so daß er in seinem bekannten unternehmerischen Elan den Menschen verspricht, ihnen demnächst in Form eines Computer-Implantats – eine Art Link, ein Interface – die Unsterblichkeit verkaufen zu können. Es wäre dies, wenn ich die Sache recht verstehe, eine Existenz ohne Körper, oder mit einem austauschbaren, künstlichen Körper. Eine nicht-leibliche Existenz. Diese Nicht-mehr-Sterblichen würden als künstliche Intelligenz in Verbindung mit einem künstlichen Körper in eine lichtvolle Ewigkeit voranmarschieren.
Aber … Wäre dieses Produkt denn noch „menschlich“ zu nennen? Ist nicht das schwierige, täglich neu anzustrebende Gleichgewicht zwischen Körper und Geist (plus Seele) das eigentlich Menschliche? Wären diese technologisch bewerkstelligten Fortschritte nicht eine andere, von innen her, aus dem menschlichen Bereich, kommende Art, den intelligenten Maschinen gegenüber abzudanken? Überflüssigkeit allenthalben, die Menschheit als Parasit, dessen es sich zu entledigen gilt wie des Ungeziefers in Kafkas Verwandlung zugunsten einer von technogenen Übermenschen bevölkerten, zweifellos strahlenden Zukunft.47 KK-Prinzip: durch die scheinbare Demokratisierung aller Lebensbereiche, wie wir sie in unserer späthumanen Epoche erleben, hinter der sich Marketing, Konsumgier und Monetarisierung verbergen, wird nicht „das Volk“ und nicht die Masse der Einzelnen zum König gekürt, sondern eben der Kunde, der Steuerzahler, der Geldgeber, und diese neuen Verhältnisse lassen sich mit alten Hierarchien, autoritären Methoden und systematischer Demagogie bestens kombinieren. Sanfte Kontrollgesellschaft? Autoritäre Disziplinargesellschaft? Beides! Die Unterschiede, je nach kulturellem Kontext und historischen Einflüssen, bleiben bestehen. Vorerst. Es wird weiterhin eher ängstliche, ängstlich gemachte – und eher offene, risikofreudige Einzelne, Bevölkerungsteile und sogar Nationen geben. In den europäischen Ländern, den Kernländern – wenn ich sie so nennen darf – Deutschland und Frankreich, in diesen Kulturkreisen also, auch im englischen, versteht sich, spielt seit dem 18. Jahrhundert, aber eigentlich schon seit der Renaissance und letztlich seit den Anfängen im alten Griechenland, die Idee der Persönlichkeitsentfaltung und damit die Idee der Erziehung eine wesentliche, zentrale Rolle. Auch Karl Marx nahm diese Idee auf, wollte sie den „großen Massen“ einimpfen, was freilich nur in einer anderen, erst noch zu schaffenden Gesellschaftsordnung möglich sei. Schon in der prädigitalen Epoche gab man sich die – schon damals selbstgefällige – Auszeichnung „Wissensgesellschaft“, und auf diesem Weg glaubt man weiterzugehen. „Deutlicher als bisher wird Wissen als eine sozioökonomische Kategorie gefaßt, dessen vorrangiges Ziel in der wirtschaftlichen Verwertung besteht“, resümierte eine österreichische Erziehungswissenschaftlerin schon 2002.48 Hinzuzufügen wäre dem nur, daß Wissen vom menschlichen Standpunkt aus gesehen mehr und mehr zur technischen Handhabung und Verwaltung von gespeichertem Wissen geworden ist. Klug sind nicht Menschen, die vieles analysieren, verstehen und beurteilen können, und schon gar nicht solche, die in ihrem Kopf Wissen gespeichert haben, sondern solche, die sich in den stetig wachsenden Sektoren des digitalen Datendschungels rasch zurechtfinden und hurtig umtun können. Das ist gemeint, wenn von „Kompetenzen“ anstelle von Allgemeinbildung die Rede ist.
Aber Wissen ist per se noch nicht Bildung, und außerdem wurde das Wissen, das sich im Verlauf der Menschheitsgeschichte angesammelt hat, von den Individuen in einem nie dagewesenen Ausmaß abgetrennt, verfügbar gemacht, die Verfügbarkeit perfektioniert und beschleunigt: In Echtzeit, d. h. im Handumdrehen, d. h. mit einem Fingerwischen oder Mausklick kann man jederzeit ganze Wissensgebiete aktualisieren. Früher mußte man in Bibliotheken gehen und sich durch Bücher lesen, zumindest blättern. Richtig, Wikipedia wird von allen gemacht.49 Aber auch: Was in Wikipedia und überhaupt im ganzen Internet steht, mußt du selbst nicht wissen, es kann eh nicht verloren gehen und bleibt dir jederzeit verfügbar. Einerseits hat sich die Trennung radikalisiert, andererseits die Nähe. Um meine diesbezüglichen Überlegungen abzukürzen: Die Entfaltung einer Persönlichkeit ist heute gar nicht mehr notwendig, und weil sie das nicht ist, werden die Heranwachsenden nicht dazu angeleitet; die Entfaltung wird immer seltener stattfinden. Was wir an den jüngeren Generationen der digital natives beobachten, ist die algorithmisch betriebene, kommunikationstechnisch gestützte Einfaltung der Leerformen des Ichs, das durch Vorlieben, durch – natürlich von Werbung geprägte – Geschmacksimpulse, durch Reize und Anreize, also durch Serien von notwendigen und berechenbaren Zufällen, die per se keine Dauer haben, determiniert worden ist. Die so entstehenden Identitäten sind zugleich vollgestopft und leer; wechselhaft, sprunghaft, ohne eigentliche Kontinuität. Das meint zumindest Harari, der in Homo Deus behauptet, nur Maschinen hätten eine kontinuierliche, unwandelbare Identität. Wahr: Maschinen ändern sich nicht – wenigstens, solange sie nicht lernfähig sind; sie sterben auch nicht, sondern gehen eines Tages kaputt. Definiert man jedoch Identität als etwas Entstehendes und wieder Vergehendes, stets in Veränderung Begriffenes, wenngleich von Erstarrung bedroht – wir beginnen im Leben zu sterben! –, dann haben gerade die Menschen eine besondere Identität. In humanistischer Tradition verstehen wir Identität als offenes, nie ganz „fertiges“ Resultat von Entwicklung, deren Geschichte wir, wenn wir wollen, erinnern können (und auch müssen, sofern wir selbstbestimmt tätig werden wollen); aber nicht in einem formallogischen „A = A“, und auch nicht unbedingt in einem hegelianisch-geschichtsphilosophischen „A vs. B = C“. Manchmal habe ich das Gefühl, Harari, der Darstellungskünstler, stellt sich dumm.
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