Kitabı oku: «Katharina II. Russische Hofgeschichten»
Alexander von Sacher-Masoch
Katharina II.
Russische Hofgeschichten
Saga
Nero im Reifrock.
I.
„Eine neue Verschwörung der Garden ist entdeckt!“
Das war der Morgengruß Orlow’s am 23. Mai 1765 an die Zarin Katharina II.
Sie sprang mit beiden Füßen aus dem Bette und faßte den Günstling bei dem Goldkragen seiner Uniform. „Hast du sie verhaftet, Gregor?“ rief sie zornig.
„Sie sind in deiner Hand, Katharina.“
Die Kaiserin nickte und zeigte vergnügt lächelnd ihre schönen Zähne, dann warf sie einen mit flandrischen Spitzen besetzten leichten Schlafrock über sich, riß an der Glocke und berief ihre Vertrauten. Ohne Orlow weiter zu beachten, ging sie, die Arme auf der Brust verschränkt, mit großen Schritten in ihrem Schlafgemache auf und ab. In wenig Minuten waren die Fürstin Daschkow, Graf Panin, Geheimrat Teglow, Generalleutnant Wegmare um sie versammelt.
Zuletzt erschien Frau von Mellin, die schöne Amazone, welche das Regiment Tobolsk als Oberst kommandierte, im grünen militärischen Ueberrock, den kleinen dreieckigen Hut kokett auf das Toupet gestülpt, die Reitpeitsche in der Hand. Zu ihr wendete sich die Kaiserin zuerst.
„Setzen Sie sich zu Pferde, liebe Mellin“, rief sie noch immer erregt, „teilen Sie scharfe Patronen an Ihre Soldaten aus und führen Sie das Regiment hierher zur Ablösung der Garden. Eilen Sie!“
Der schöne Oberst salutierte und flog dann rauschend aus dem kaiserlichen Schlafgemache.
„Eine neue Verschwörung der Garden“, fuhr Katharina fort, „will die Empörung gegen mich kein Ende nehmen? Was wollen die Menschen, die sich unter meine Räder werfen, wie wahnsinnige Indier vor den Wagen ihrer Göttin? Ich muß sie zermalmen und ich will doch kein Blut sehen. Seit zweiundzwanzig Jahren ist kein Schafot in meiner Hauptstadt aufgerichtet worden, heute will ich aber ein Exempel statuieren! Graf Panin, eilen Sie in die Kaserne unserer Garden und sprechen Sie den Verführten zu; Sie, Teglow, versammeln den Senat. Ihre Truppen, General Wegmare, besetzen die Straßen zum Palast, Ihre Geschütze, Orlow, fahren unten auf dem Platze auf.“
Die Kaiserin machte eine Bewegung gegen das Fenster.
Jeder neigte sich tief und eilte, den Befehl der unumschränkten Herrscherin Rußlands zu vollziehen.
Nicht lange danach verlangte eine Deputation der Garden, welche die Wache im Palaste bezogen hatten, von ihr Gehör. Katharina erbleichte, aber befahl kurz und stolz sie einzulassen. Die Deputation marschierte herein, zwei Offiziere, zwei Unteroffiziere, zwei Soldaten, und stellte sich in Reih und Glied.
Die Kaiserin schritt langsam ihre Front ab, Mann für Mann fest ins Auge fassend, und blieb dann vor ihrem Toilettentisch stehen, die Hände nach rückwärts auf denselben gestützt.
„Wer hat euch gewählt?“
„Unser Regiment.“
„Zu welchem Zwecke?“
„Wir verlangen Gerechtigkeit für unsere Kameraden.“
„Ihr bittet um Gnade.“
„Um Gerechtigkeit“.
„Gerechtigkeit soll ihnen werden“, rief die Kaiserin rot vor Zorn, „und euch! Bei dem nächsten Komplotte laß ich eure Regimenter dezimieren.“
„Wenn Ihr es wagt“, rief der Sprecher der Soldaten, ein junger Offizier.
„Es wird sich zeigen, was ich kann, adieu!“ Katharina kehrte ihnen den Rücken und trat an das Fenster. „Geht!“
Die Garden rührten sich nicht.
„Geht!“ herrschte sie ihnen zu.
„Wir gehen nicht! — Gebt unsere Leute heraus!“ schrien sie tumultarisch durcheinander.
„Gib sie heraus!“ rief der junge Offizier, unsanft Katharinas Arm fassend.
Die Fürstin Daschkow riß ihn zurück. In demselben Augenblick tönten die Trommeln des Regiments Tobolsk, und der weiße Federbusch der Frau von Mellin winkte die Straße herauf.
„Ich gebe sie nicht“, erwiderte Katharina kalt. „Strenge Strafe wird die Empörer treffen. Und nun zu Euch. Wer für Rebellen bittet, ist selbst Rebell.“ Sie trat rasch auf den jungen Offizier zu und riß den Degen aus der Scheide. „Ihr seid mein Gefangener. Und ihr“ — rief sie majestätisch den andern zu — „gebt Euch gutwillig, Ihr seid in meiner Hand.“
Kolben rasselten nieder, Frau von Mellin erschien in der Türe, ihre Soldaten hatten alle Ausgänge besetzt. Stumm, das Haupt gesenkt, ließen sich die Deputierten der Garden verhaften und abführen. Bald rasselten von allen Seiten die Trommeln, die Geschütze Orlow, Wegmare folgten Frau von Mellin auf dem Fuße; das Volk wogte auf und ab, planlos, mehr neugierig als aufgeregt; die Garden hatten sich gefügt und baten durch Panin um Gnade für die Schuldigen. Die Empörung war zu Ende.
„Ich will ein Exempel statuieren“, sprach Katharina, „ich gab mein Wort.“ Zugleich streifte sie den Spitzenärmel empor und besah den Fleck, den die rauhe Hand des jungen Rebellen in ihren vollen Arm gedrückt hatte. „Ich will ihre Köpfe fallen sehen.“
„Für diesmal laß dir den Appetit vergehen,“ entgegnete Orlow, „es ist nicht zu wagen. Eine öffentliche Hinrichtung kann uns neue unermeßliche Gefahren wecken.“
„Sind wir so schwach?“
„Wir sind es, so lange Prinz Iwan lebt,“ sprach Panin, „ihn nannte man den Garden als den rechtmäßigen Zar.“
„Wer nannte ihn?“
„Die Priesterschaft, die dir mißtraut, die du mit deinen Reformen beleidigst.“
„Sollen die Rebellen deshalb straflos ausgehen?“ fragte die Daschkow.
„Sie müssen sterben“, rief die Kaiserin mit funkelnden Augen, „man begrabe sie in den Kasematten ohne Licht, ohne Speise und Trank, dort sollen sie verfaulen.“
Während sie mit heftigen Schritten durch das Gemach ging, zeigte die schöne Frau ihren Anhängern den üppigen zornig wogenden Busen ebenso erbarmungslos, wie sie das Todesurteil ihrer Feinde sprach.
„Zieht die Truppen im Palaste, in den Kasernen zusammen und laßt sie unter Waffen bleiben bis zum Abend. Ich werde zu Pferde steigen und mich dem Volke zeigen. Jetzt aber will ich mich ankleiden,“ fügte sie schelmisch lächelnd hinzu. „Au revoir!“
Sie waren allein, Katharina die Große, wie Voltaire die Zarin getauft hatte, und Katharina die Kleine, wie der Hof scherzweise die Fürstin Daschkow nannte.
Die Kaiserin war in der vollen Blüte ihrer Schönheit, eine mittelgroße Gestalt von den feinsten Proportionen, etwas zu üppig für den Reifrock, wie modelliert für das Piedestal einer antiken Göttin. Die Ungebundenheit ihres Spitzenneglig es zeigte bald die kleinsten Füße, die niedlichsten Hände, bald den prächtigen Busen.
War sie auch eine Meisterin der Verstellung, ihr Kopf verriet sofort das große Weib, das zum Herrschen geboren war. Auf ihrem Antlitz lag eine naive Selbstvergötterung, eine sonnige Freude an sich selbst. Die hohe edle Stirn, das große, klare blaue Auge, die kühnen, zornigen Brauen, die feine schwungvolle Nase, dieser kleine Mund mit den allerliebsten dicken Lippen, beinahe zu klein zum Küssen, dieses auffallend entwickelte runde harte Kinn, dieser Amazonenhals, die kleinen neronischen Ohren, das üppige, trockene, rotblonde Haar, das unter dem Kamme knisterte und sprühte wie ein Miniaturgewitter, das alles sprach deutlich: Dieses Weib verlangt unbändig nach Herrschaft und Genuß, aber sie hat auch das Genie zu lenken, zu gebieten, zu genießen, den starken Willen, den Hindernissen nur spornen. Es fehlt ihr aber auch nicht an List, dieselben zu umgehen, wenn sie nicht zu zertreten sind.
In diesem Weibe ist keine Spur von Sentimentalität, aber auch keine Grausamkeit. Sie wird kein Mittel scheuen, ihren Zweck rasch und vollständig zu erreichen, sie wird durch das Blut ihrer Gegner waten, wenn es sein muß, aber sie wird niemand quälen. Ja, es spricht ein feiner menschlicher Geist aus ihrem Antlitz, es liegt eine gewisse Güte auf demselben, die Güte des Löwen gegen die Maus.
Sie ist die gefährlichste Despotin, sie strömt eine wollüstige Atmospäre aus, vor ihr beugt sich freiwillig jedes Knie, und jeder Nacken ist bereit, sich ihr Joch aufzuladen.
Die „kleine Katharina“ bildet den größten Gegensatz zu ihr. Die Fürstin Daschkow ist eine schmächtige, geistige Frau mit unruhigen Bewegungen, einem bleichen, nervösen Gesichtchen, das unendlich gescheit, unendlich veränderlich und unendlich pikant ist.
Die beiden Damen schwiegen geraume Zeit, dann sehen sie sich einen Augenblick an. Sie haben sich sofort verstanden.
„Wollen wir Toilette machen, Katinka?“ spricht die Kaiserin und öffnet ihr Haar. „Nein!“ ruft sie plötzlich und stampft mit dem Fuße. „Wir wollen plaudern.“
Die Fürstin ging rasch zu der Türe, welche in den Vorsaal führte, öffnete sie, blickte hinaus und schloß sie wieder. Dann setzte sie sich auf ein Taburett zu den Füßen der Kaiserin und sagte leise: „Iwan muß sterben.“
„Ja, er muß sterben“, sprach die Kaiserin trübe, dabei stützte sie den Kopf schwermütig in die Hand, wie ein verliebtes Mädchen.
„Du darfst nicht dulden, daß sich dir etwas entgegenstellt“, flüsterte die Daschkow eifrig fort, „jeder Tag bringt neue Gefahren, neue Hemmnisse. Du hast das Recht, sie aus dem Wege zu räumen, und die Pflicht, denn deine Bahn geht aufwärts. Du verfolgst große menschliche Ideen, ihnen mußt du diesen blöden Knaben opfern. Iwan muß sterben.“
„Du bist die einzige Seele, der ich wahrhaft vertraue, meine einzige Freundin“, begann Katharina II.
„Nein, du hast keine Freunde“, fiel die Fürstin ein, „du machst aus Freunden wie aus Feinden Werkzeuge deiner Taten. Du hast Recht. Auch ich bin nur dein Werkzeug, aber du bindest mich mit den stärksten Banden echter Sympathie. Ich liebe die Menschheit, ich liebe mein Vaterland, und beiden dienst du, indem du die Zügel führst.“
„Ich will es“, entgegnete Katharina II., „ob ich es kann, wird die Zukunft, wird die Geschichte entscheiden. Siehst du, ich denke so. Die französischen Philosophen haben die große Wahrheit entdeckt: der Mensch ist zur Freiheit geboren, frei kann er aber nur durch Bildung werden. Ich beherrsche ein Riesenreich. Ich will in diesem Reiche Bildung säen, damit auch hier einst die Saat der Freiheit reift.
Ich weiß, daß kein Mensch das Recht hat, andere zu knechten, aber meine Natur verlangt nach Herrschaft, nach unumschränkter Herrschaft. Und wenn ich Bildung, Freiheit erst zertreten müßte, um zu herrschen, ich zweifle keinen Augenblick, daß ich es täte und ohne Bedenken. In diesem Reiche aber hat mein Wille keine Schranken, ich kann hier gebieten, wie ein Alexander, jede meiner Launen sättigen, wie ein Nero, und für die Menschheit wirken, wie ein Philosoph. Die Gegenwart ist mein, die Zukunft kann ich neidlos meinem Volke geben. Die „Semiramis des Nordens“, wie Voltaire mir schmeichelt, will ich nicht bloß heißen, sondern wahrhaftig sein.
Glaube mir, man verzeiht uns Mächtigen der Erde unsere Laster, aber keine Schwächen, und sind meine Entwürfe nicht groß, nicht menschlich genug, ihnen manchen tollen Kopf zu opfern, manche Unmenschlichkeit zu vergeben?“
„Deine Politik überrascht Europa“, erwiderte die Daschkow, „Frankreich und Oesterreich sehen sich durch dich getäuscht, indem du mit Friedrich dem Großen Hand in Hand gehst. Die katholischen Mächte sehen staunend, wie du die Dissidenten in Polen offen zu beschützen wagst, wie du diesem unruhigen Volke in Poniatowski einen König gibst, der dein gekrönter Sklave ist.“
„Mut ist alles, Katinka. Ich habe den Mut, der eine große Politik macht. Ich bin entschlossen, vorwärts zu gehen, ohne Rücksicht, ohne Erbarmen. Ich will Rußland vor allem groß machen. Die Fäden meiner Diplomatie spielen mit Erfolg nach allen Richtungen, meine Heere bedrohen zugleich Schweden, Polen, die Türkei und Asien. Ich will die Türken aus Europa jagen und Polen teilen: Mein Volk soll sich aus der Barbarei erheben. Große Reformen sind in das Leben getreten. In religiöser Duldung steht mein Reich obenan, der Handel, die Gewerbe blühen auf. Ich kenne das Uebel, das unseren Landbau hemmt und will es an der Wurzel anfassen, ich will die Leibeigenschaft aufheben, ich will Deputierte aller Stände, aller Völker meines Reiches nach meiner Hauptstadt berufen, damit sie ein neues Gesetzbuch schaffen, und diese Versammlung soll der Anfang eines Parlamentes sein.
Hat je ein Monarch dies alles freiwillig getan, wenn ihn keine Empörung dazu zwang?
Ich tue es, weil ich will, und dies gibt mir ein Recht, zu herrschen. Daß ich dies Recht so schwer erkaufen muß, ist das meine Schuld? Ich hasse Maria Theresia, weil es ihr so leicht gemacht wird, zugleich groß und tugendhaft zu sein. Kein starkes Herz kann ohne Liebe und Ehrgeiz leben.
Ich habe meinen Gatten gestürzt, getötet, weil ich mußte, weil ich ihn nicht liebte und weil ich herrschen wollte. Er konnte es nicht. Hätte er mir den Thron freiwillig geräumt, ich hätte ihn geschont. Ich habe einmal Blut vergießen müssen, um zu regieren, jetzt kann von etwas mehr oder weniger nicht mehr die Rede sein. Wer sich gegen mich empört, soll in den Kasematten meiner Festung verfaulen. Ich habe ein Recht zu herrschen, und ich will herrschen!“
Die Fürstin sah sie mit einem bedeutungsvollen Blicke an.
„Du glaubst wohl, Katinka, ich täusche mich über meine Lage“, fuhr die Kaiserin fort. „Ich schrieb einmal an Voltaire — wie gleich?“ — sie dachte nach.
„So war es: In der ungeheuren Ausdehnung Rußlands ist ein Jahr nur ein Tag, wie tausend Jahre vor dem Herrn. Dies meine Entschuldigung, daß ich noch nicht so viel getan habe, als ich sollte. Dazu die vielen rohen und widerstrebenden Elemente, die Unzufriedenheit aller jener, welche auf die Thronumwälzung ihre Hoffnung gebaut haben und sich getäuscht sehen, aller jener, die sich durch meine Reformen in ihren Interessen bedroht finden. Bis jetzt habe ich glücklich laviert, die Partei Orlow und die Partei Panin gegeneinander abgenützt, mir beide dienstbar gemacht, meine Mitschuldigen vor meinen Triumphwagen gespannt. Liegt nicht sogar Humor darin, wenn ich den Arzt, der dem Vater das Gift bereitet, zum Leibarzt des Sohnes machte?“
„Zum Leibarzt deines Sohnes, des Thronfolgers“, warf die Fürstin ein.
Die Kaiserin zuckte die Achseln. „Ich habe sogar aus dem Geliebten meinen Sklaven gemacht, und doch bedroht mich jeder Tag mit neuen schlimmen Zeichen. Als ich in Moskau festlich einzog, im kaiserlichen Hermelin, hat mich auch nur ein einziger Jubelruf begrüßt? Das Volk stand schweigend in den Straßen und staunte das Gepränge an. Die Garden bereuen ihre Tat, und diese ehrgeizige Priesterschaft, die ich mit den Waffen des Jahrhunderts bekämpfe, stellt mir diesen Popanz entgegen, diesen blöden Prinzen Iwan? Aber dieser Popanz hat zum Unglück Blut in den Adern, und ich werde dieses Blut vergießen müssen, gegen meinen Willen.“
„Aber wie?“ fragte die Daschkow mit reizender Naivität.
„Wie?“ Die Kaiserin versank in Nachdenken. „Wie? — das ist es. Auf dem Hermelin sieht man jeden Blutfleck abscheulich. Ich darf kein neues Blut vergießen.“
„Ist das nötig?“ dachte die kleine Fürstin mit den Spitzen spielend, welche den Schlafrock ihrer Herrin umsäumten. „Du wirst ihn liebenswürdig töten, ohne Aufsehen.“
„Meinst du? — Apropos — du siehst so blaß aus. Härmst du dich um deinen General in Polen? Soll ich deinem Gatten einen Urlaub geben?“
„Um Gotteswillen“, fiel die Daschkow lebhaft ein, die Hände flehend zu der Despotin erhoben, „du erschreckst mich.“
Die Zarin lachte und legte den Arm leicht auf ihren Nacken. „Hat Panin deine Schlinge noch fest um den Hals, meine Kleine?“
„Er wohnt mit mir in Gatschina.“
„Sehr gut. Du darfst ihn jetzt am wenigsten loslassen, Katinka, du mußt ihn unter deiner Aufsicht behalten. Der alte Geck hätte nicht übel Lust, meinen Sohn auf den Thron zu setzen, den Knaben Paul, und den Regenten zu spielen. Behalte ihn im Auge und — in der Schlinge.“
„Verlasse dich auf mich.“
Die Kaiserin erhob sich, trat an das Fenster und schwieg.
„Es gibt doch Augenblicke, meine Kleine“, sprach sie dann nach einer Weile, „wo mich die Herrschaft müde macht und trostlos.“
Die Daschkow rührt sich nicht.
„Und was das schlimmste ist, Katinka, Orlow langweilt mich!“
Die „kleine Katharina“ sah überrascht zu der großen Katharina empor, dann spielte ein allerliebstes mutwilliges Lächeln um ihre Mundwinkel.
„Jetzt wollen wir Toilette machen“, rief die Kaiserin lachend, „und dann zu Pferde steigen und unserem treuen Volke unser Antlitz zeigen.“
II.
Die Zarin gab Audienz im Sommerpalaste.
Zwei Weltteile hatten die seltsamsten Typen in ihrem Vorsaal zusammengeworfen. Neben dem runden Kaufmann von Nowgorod mit vollem Barte, dicken goldenen Ringen in den fleischigen Ohren, stand ernst der magere Tartar mit bronzenen Zügen, langem, schwarzen Schnurrbart. Ueber den gelben, kahlen geschlitzten Kopf des Kalmücken blickte das edle Antlitz, das kühne Auge des Kosaken. Leibeigene Bauern, mächtige Große, Soldaten, Popen, Juden, Liwopaner, Jesuiten. Eine wunderliche Antichambre.
Mitten drin stand ein junger Offizier, schlank, wohlgebaut, mit dem bleichen träumerischen Gesicht, den großen ruhigen Märtyreraugen eines Fanatikers.
„Leutnant Mirowitsch vom Regiment Smolensk“, rief der diensttuende Kammerherr. Wenige Augenblicke danach stand der junge Offizier vor seiner Kaiserin.
Sie trug über dem schwarzen Kleide, das sich knisternd über den weiten Reifrock bauschte, ein breites blaues Ordensband, in dem hohen weißen Toupet einen kleinen Reichsapfel aus einem einzigen großen Diamanten mit dem griechischen Kreuze, als die einzigen Attribute der Herrschaft.
Der junge Offizier sah aber nur den weißen Busen, der das blaue Band hob, die üppigen Locken, welche von dem gekrönten Haupte hinabfielen, er sah zum ersten Male das schönste Weib seines Reiches, das ihn vom Kopfe bis zum Fuße wohlgefällig musterte und gnädig wie einen Sklaven. Er kniete nieder und überreichte seine Bittschrift.
„Steht auf.“
„Ich huldige der schönen Frau“, sprach bescheiden der Offizier, „von der Monarchin verlange ich mein Recht.“ Damit erhob er sich und sah Katharina II. furchtlos in das Auge, über dem sich die stolzen Brauen etwas zusammenzogen.
„Wie ist Ihr Name?“
„Mirowitsch.“
„Leutnant?“
„Im Regiment Smolensk.“
„Sie bitten um eine Gnade?“
„Um mein Recht.“
Wieder zogen sich die stolzen Brauen zusammen.
„Nun, was wollen Sie?“
„Vor allem eine Frage an Eure Majestät richten.“
„Nun, die Audienz ist mindestens originell. Fragen Sie also, Leutnant — wie gleich?“
„Mirowitsch.“
„Leutnant Mirowitsch, Sie unterhalten mich.“
Mirowitsch biß die Zähne zusammen und wurde blutrot.
„Nun fragen Sie mich. Ich befehle es.“
„Ertragen Sie die Wahrheit, Majestät?“
Die neronischen Brauen zuckten, aber im nächsten Augenblick schon ruhte das schöne Auge der Monarchin mit wolllüstigem Interesse auf dem jungen Offizier.
„Nun, eine Frage an Sie, Leutnant — wie gleich?“
„Mirowitsch.“
„Leutnant Mirowitsch, lieben Sie die Lektüre?“
„Leidenschaftlich, Majestät.“
„Sie lesen Romane, ich merke, Ihre Phantasie ist danach, Ihr Ton — nun, ich habe auch lange Zeit Romane gelesen. Lesen Sie gute Bücher, Mirowitsch, allenfalls Voltaire. Ich lese eben seine Geschichte Peters des Großen und habe die Absicht, die Briefe des Monarchen, in denen er sich selbst malt, herauszugeben. Wissen Sie, was mir an seinem Charakter am besten gefällt? Daß auf ihn — so zornig er auch war — die Wahrheit jederzeit ihre volle Wirkung übte.“
„Majestät!“
„Nun, sagen Sie mir jetzt, was Sie wollen.“
„Ich bin ein Ukrainer, Majestät, der Sohn eines stolzen, freien Volkes, der Enkel jenes Mirowitsch, der mit Mazeppa focht, dessen Name in den Liedern der Kosaken lebte. Er büßte, wie viele seines Volkes, den Abfall vom Zar mit dem Verluste seiner Güter. Hier steh’ ich als sein Enkel, Majestät, mit einem großen edlen Namen, arm und dürftig, und bitte um mein Recht. Vergebens habe ich dies Recht bei allen Aemtern, allen Gerichtshöfen dieses Reiches gesucht. Da dachte ich, das größte Herz in diesem Reiche müßte auch das beste sein und das gerechteste, und nun steh’ ich vor Eurer Majestät und bitte, jenen Spruch der Willkür aufzuheben, mich in das Besitztum meiner Väter wieder einzusetzen.“
Die Kaiserin lächelte. „Sie haben viel zu viel Romane gelesen, Mirowitsch,“ sagte sie mit der Gutmütigkeit der Löwin, „Ihr Recht soll geprüft werden, so sehr ich mir auch erlaube, an demselben zu zweifeln. Vertrauen Sie aber auf meine Gnade und — lesen Sie gute Bücher.“
Die großen Augen des armen Ukrainers fieberten der Kaiserin entgegen, er verneigte sich und machte eine Bewegung nach der Türe.
„Küssen Sie mir die Hand, Mirowitsch.“
Der junge Offizier warf sich der Zarin zu Füßen und zwei Tränen fielen auf ihre Hand.
„Sie sind ein Kind, Leutnant“, rief Katharina II. überrascht, „lesen Sie Voltaire und — warten Sie hier meine Entscheidung ab. Verstehen Sie, Mirowitsch?“
Verwirrt preßte dieser die kleine warme Hand der Kaiserin noch einmal an seine Lippen und noch einmal. Dann erhob er sich und stürzte aus dem Kabinett.
Katharina II. blickte einen Augenblick lächelnd zu Boden, dann klingelte sie und berief den Polizeiminister.
„Notieren Sie —“
Die Exzellenz zog ihr Portefeuille.
„Mirowitsch, Leutnant im Regimente Smolensk.“
„Alter?“
„Sie sollen ja keinen Paß schreiben.“
„Also dieser Mirowitsch —?“
„Jung, schön, mutig, ehrgeizig. Legen Sie mir so schnell als möglich seine Konduite vor.“
Der Polizeiminister verneigte sich.
„Apropos, ich will auch wissen, ob er Liaisons gehabt hat und mit wem und — ob er in diesem Augenblicke eine Geliebte hat. Verstehen Sie?“
„Ich verstehe. Eine Geliebte.“
III.
Mehr als eine Woche war seit der Audienz des jungen Offiziers verflossen, er wartete noch immer auf eine Erledigung seiner Bittschrift.
Da fand er eines Abends, als er von einem Spaziergange zurückkehrte, ein elegantes Billett auf dem Boden seiner Stube liegen, es war offenbar durch das offene Fenster hereingeworfen worden. Die Adresse war an ihn gerichtet. Eine unbekannte Schrift, die kleinen, unruhigen Züge einer Frau.
Der Inhalt lautete:
„Mein Freund! Sie erwarten eine Entscheidung der Kaiserin über Ihr Schicksal. Sie können lange warten. Die Kaiserin ist gütig, aber — vergeßlich. Um an diesem Hofe etwas zu erreichen, brauchen Sie Protektion, die Protektion einer Frau, denn die Frauen regieren in Petersburg. Ich will Ihre Protektorin sein. Wenn Sie Mut haben, so finden Sie sich heute Nacht, wenn die Uhr elf schlägt, vor der Kirche von Kasan ein. Sie werden dort einen Wagen treffen. Man wird Ihnen die Augen verbinden, Hände und Füße schließen. Lassen Sie alles mit sich geschehen. Fragen Sie nicht. Ein süßer Lohn erwartet Sie.
Eine Freundin.“
Mirowitsch ging mit sich zu Rate, er faßte und verwarf ein Dutzend Entschlüsse.
Der Zeiger der Uhr gab zuletzt den Ausschlag. Er nahm seinen Mantel, drückte den Hut tief in die Stirne und verließ das Haus. Die Nacht war sternenlos finster.
Dichte Nebel wallten um die Kirche von Kasan.
Als Mirowitsch dem Portale nahte, trat der dunkle Wagen beinahe gespenstisch hervor, die schwarzen Pferde scharrten ungeduldig den Boden. Zwei Vermummte empfingen ihn, legten ihm schweigend leichte Hand- und Fußschellen an und verbanden ihm die Augen mit einem weißen Tuche.
Derlei Abenteuer waren in Petersburg zur Zeit des Frauenregiments unter drei Zarinnen — Anna — Elisabeth — Katharina — so gewöhnlich, daß kaum ein Vorübergehender über die geheimnisvolle Prozedur erstaunt gewesen wäre.
Es ging aber niemand vorüber. Mirowitsch wurde in den Wagen gehoben, der Schlag geschlossen und fort ging es im rasenden Laufe.
Als das unheimliche Fuhrwerk hielt, und Mirowitsch wieder festen Boden unter den Füßen fühlte, wehte eine scharfe, schneidende Luft um ihn, er war offenbar im Freien.
Man führte ihn breite Steintreppen empor, durch einen Korridor, eine Reihe von Zimmern. Jetzt war er allein. Ein Lichtschimmer drang durch das Tuch.
Noch einen Augenblick, dann sprach eine angenehme weibliche Stimme: „Besorgen Sie nichts, Mirowitsch, Sie sind in guten Händen.“ Ein Frauengewand rauschte, zwei zarte Hände bemühten sich, den Knoten des Tuches zu lösen, die Bande fiel. Er sah sich in einem kleinen, mit orientalischem Luxus eingerichteten Gemache und wie er den Kopf wendete, erblickte er eine kleine zarte Frau in einem dunklen Ueberrock, eine schwarze Samtlarve vor dem Gesichte.
„Geduld, ich muß Sie vorerst von Ihren Fesseln befreien.“ Sie nahm ihm die Handschellen ab. „Nun lösen Sie selbst den Rest Ihrer Ketten.“ Mirowitsch gehorchte.
Eine kleine zitternde Hand faßte die seine und zog ihn auf eine Ottomane nieder.
„Verzeihen Sie meine Seltsamkeit“, sprach die Dame mit der Maske, „aber ein Kavalier darf sich von seiner Dame schon etwas gefallen lassen. Ich habe wichtige Gründe, mich mit Geheimnissen zu umgeben, aber nichts soll mich hindern, Ihnen zu nahen, Sie zu lieben, Sie mein zu nennen. Ich liebe Sie, Mirowitsch!“ Sie lehnte sich an seine Schulter und schlang den Arm um seinen Hals. Mirowitsch fühlte sein Herz stärker schlagen, er faßte die Hand der geheimnisvollen Freundin, führte sie an die Lippen und sprach beinahe verschämt: „Vergeben Sie, daß ich Ihnen nicht von Liebe spreche, Madame, daß ich Sie bitte, mich sofort zu entlassen. Sie haben meinen Mut herausgefordert und mich so gezwungen, vor Ihnen zu erscheinen, aber ich kann Sie nicht lieben. Mein Geständnis kann Sie nicht verletzen, noch kenne ich Sie nicht, noch habe ich Ihre Züge nicht gesehen.“
„Sie sollen sie sehen.“
„Um Gotteswillen — nein!“
Die Dame antwortete mit einem mutwilligen Lachen und nahm die Maske herab. Es war ein fremdes, aber reizendes Gesichtchen, zwei große dunkle Augen schmachteten Mirowitsch entgegen, zwei rote Lippen boten sich den seinen zum Kusse.
„Nun, gefalle ich Ihnen nicht?“
Mirowitsch warf sich der reizenden Frau zu Füßen.
„Lachen Sie über mich, Madame, Sie verdienen, daß man Sie anbetet, daß man sich töten läßt, aber mein Herz verbietet es mir, Sie zu lieben, meine Ehre — Sie zu täuschen.“
„Sie lieben!“ rief die Schöne überrascht.
„Ja, Madame“, entgegnete Mirowitsch, indem er sich erhob.
„Eine andere.“
„Ja — eine andere.“
„Und man sagte mir doch —“, murmelte die Dame.
„Was Madame?“
„Daß Sie keine Liaison haben, noch keine Liaison gehabt haben.“
„Man sagte Ihnen die Wahrheit.“
„Wie versteh’ ich das?“
„O Madame, Sie sind schön, Sie sind vornehm, wenn Sie lieben, lieben Sie glücklich. Können Sie eine Liebe verstehen, wie die meine, eine Liebe ohne Glück, ohne Hoffnung, eine Liebe, die vor sich selbst erschrickt?“
„Ich verstehe Sie, Sie lieben eine Frau, die Ihnen unerreichbar scheint. Törichtes Kind, wer sagt Ihnen, daß für die Liebe etwas unerreichbar ist. Es wäre denn die Mutter Gottes von Kasan.“
„Es kommt beinahe auf dasselbe hinaus, Madame.“
„Sie lieben —?“ rief die Dame heiter.
„Meine Kaiserin! Der Untertan seine Monarchin, der Sklave seine Herrin!“
In diesem Augenblicke bewegte sich der Vorhang, welcher das Fenster des Gemaches von oben bis unten schloß.
„Das ist freilich schlimm“, sprach die Dame, „aber ich habe ein gutes Herz, ich will Ihnen helfen, so gut ich kann. Ich habe eine Freundin, Mirowitsch, welche die Gestalt der Kaiserin —“
„Nein, Madame, Sie verstehen mich nicht. Ich beschwöre Sie, entlassen Sie mich“, rief Mirowitsch.
„So sehen Sie sie doch nur an — es ist ganz Ihr Geschmack. Da ist sie.“
Der Vorhang teilte sich und eine hohe üppige Frau in einem schweren blauen Seidenkleide, das vorne nach der Mode viereckig ausgeschnitten ihre herrliche Brust unverhüllt zeigte, eine schwarze Samtlarve vor dem Gesichte, näherte sich dem überraschten Offizier. Ein Wink von ihr entfernte ihre Freundin, sie machte zugleich eine Bewegung nach dem Divan und lud Mirowitsch mit der Hand ein, sich zu ihr zu setzen.
Dem jungen Offizier stand das Herz still. Diese Frau hatte etwas Wollüstiges in ihrer Erscheinung, das ihn berauschte, etwas Herrisches in ihrem Wesen, das ihn vollständig unterwarf. Nachdem sie, die Arme auf der Brust gekreuzt, ihn eine Weile angesehen hatte, lachte sie und fragte mit einer Stimme, bei der ihn ein tiefer, wollüstiger Schauer überkam: „Wirst du mich lieben können, Mirowitsch?“
„Nein.“
Sie lachte wieder. „Du liebst also deine Kaiserin?“
„Ich liebe sie so leidenschaftlich, so wahnsinnig, daß eine Dame Ihres Standes dies nicht verstehen kann“, rief Mirowitsch.
„Warum nicht?“
Mirowitsch sprang auf und ging im Gemache auf und ab.
„Beruhigen Sie sich. Man sagt, daß die Kaiserin sehr verliebt ist und galante Abenteuer liebt. Vielleicht finden Sie Gnade vor ihren Augen.“
Mirowitsch blieb stehen und sah die üppige Schöne beinahe erschreckt an.
„Ich glaube, Sie würden sich vor Ihrem Glücke fürchten?“
Mirowitsch trat einen Schritt zurück, er war bis in die Lippen bleich geworden und bebte am ganzen Leibe. Jetzt kannte er diese wollüstige Stimme, er sank in die Knie und mit dem Antlitz zur Erde.
„Hast du den Mut, deine Kaiserin zu lieben?“ rief sie und riß die Maske herab. Vor ihm stand Katharina II. gebieterisch in hinreißender Schönheit.
„Komm!“ Sie hob ihn auf — „du bist mein. Ich liebe dich.“ Die üppigen Arme der Despotin schlangen sich um ihn und zogen ihn an ihre leidenschaftlich wogende Brust. Mirowitsch fieberte.
Katharina II. stampfte mit dem Fuße.
„Mut, Mirowitsch, du sollst mich lieben, ich will es. Du bist mein Sklave, sans phrase. Es gibt Stunden, wo ich ein Kind bin und ein Spielzeug brauche. Komm, ich will mit dir spielen.“
Das war zu viel.
Mirowitsch riß seinen Degen aus der Koppel und warf ihn zu Boden, dann faßte er die Zarin leidenschaftlich in seine Arme. Sie lag an seiner Brust, ihre Lippen sogen ihm die Seele aus, seine Hände wühlten in ihren Locken, daß der Puder wie ein leichter Reif auf seine Schultern fiel.
„Ich liebe dich“, flüsterte die Kaiserin, „ich will dich glücklich machen, wenn du Mut hast, wenn du ein Geheimnis bewahren kannst. Niemand darf ahnen, daß ich dir gehöre. Hier im Schlosse von Gatschina, im Pavillon der Fürstin Daschkow sollst du mich fortan an jedem Abend sehen. Aber es wird eine Zeit kommen, wo meine Liebe dich erhöhen wird vor allen andern. Dein Schicksal ist in deiner Hand. Sei kühn, sei vorsichtig und liebe mich. Es tut mir wohl, geliebt zu werden.“
IV.
Im Pavillon von Gatschina saßen Katharina II. und die Fürstin Daschkow im vertraulichen Gespräche. Die Zarin war zu Pferde gekommen, sie trug hohe Männerstiefel von Saffian, wie sie von russischen Bäuerinnen und Kaufmannsfrauen im vollen Staate getragen werden, einen dunklen Männerüberrock, wie ihn die Modedamen damals trugen, einen kleinen dreispitzigen Hut mit wallender weißer Feder. Voll Ungeduld klopfte sie den Absatz ihres Stiefels mit der Reitpeitsche, stand von Zeit zu Zeit auf und warf sich wieder unmutig in die Polster der Ottomane.
Die Daschkow betrachtete sie mit großer Neugier und plötzlich spielte ein feines Lächeln um ihre Lippen.
„Du lachst über mich, Katinka“, sprach die Zarin, „was lachst du?“
„Du bist sehr verliebt.“
„Weiß Gott, sehr verliebt, in wahrhaft unkaiserlicher Weise.“
„Seit einem Monat siehst du Mirowitsch bei mir Abend für Abend, und er ist dein, wie ein Sklave, und doch hat sich dein Vergnügen an ihm noch nicht abgenützt. Ich bewundere dich. Und heute, nachdem er mehr als einen Monat dir gehört, bist du sogar die erste bei dem Rendezvous und kannst deine Ungeduld, ihn zu sehen, kaum bemeistern. Du bist wahrhaftig verliebt.“
„Wahrhaftig“, nickte die Kaiserin und legte nachlässig ihr rechtes Bein über das linke. „Ich bin verliebt, das ist es aber nicht allein. Mirowitsch liebt mich. Man wird nicht zu oft geliebt und niemals so mit ganzem Herzen, mit ganzen Sinnen, daß kein Gedanke, keine Regung bleibt für eine andere. Er ist mein mit Leib und Seele. Ich ergötze mich an ihm und seiner Liebe, wie ein Gourmand an einem seltenen Gerichte.“
Die beiden Frauen schwiegen eine Weile. Die Kaiserin horchte auf. „War das nicht der Hufschlag eines Pferdes?“
„Nein.“
„Mir schlägt das Herz“, sprach Katharina II. und legte die Hand gegen die Brust.
„Du große kleine Frau“, rief die Daschkow, „und was willst du mit ihm anfangen?“
„Ich weiß es nicht“, entgegnete die Kaiserin und trat an das Fenster, um ihre Verlegenheit zu verbergen.
„Du weißt es nicht?“
„Das eine weiß ich nur“, begann die schöne Despotin ernst, „gemein darf er nicht enden.“
„Wie also?“
„Wie eine Flamme, die sich selbst verzehrt.“
„Das ist ein grausamer Gedanke.“
„Vielleicht aber ein Gedanke voll Poesie.“
„Muß er überhaupt enden?“ fragte die Fürstin.
Die Kaiserin nickte. „Ich habe mich in ihm getäuscht, Katinka. Mein Herz ist befangen, aber mein Kopf ist frei. Mirowitsch ist kein Mann, um einen Orlow zu stürzen, zu ersetzen, er ist ein Schwärmer. Das, was ihn mir so liebenswürdig macht, macht ihn gefährlich für den Staat. Mit ihm kann es nur ein kurzes wollüstiges Intermezzo geben. Was aber dann mit ihm anfangen?“
„Deine Liebe hat eine furchtbare Logik.“
Katharina II. ging auf und ab, die Hände auf dem Rücken, das Haupt gesenkt. „Er wird mir unbequem werden, er liebt mich, er ist leidenschaftlich, mutig, er wird Spektakel machen, mich kompromittieren.“
„Und dich langweilen“, warf die Daschkow ein.
„Vielleicht auch das. Was also mit ihm anfangen? Er muß entfernt werden, aber wie?“ — Die schöne Frau dachte jetzt kalt und ruhig über den Geliebten nach, wie über ein Staatsgeschäft: „Sein Fanatismus könnte mir vielleicht nützlich werden. Warte nur.“ Sie stand still und verschränkte ihre Arme auf der Brust. Plötzlich flog ein grauenhaftes Lächeln über ihre strengen Züge. „Welch ein Gedanke“, rief sie, „ich habe es! — Was sagst du dazu“, ihre Stimme sank zum Flüstern herab, „wenn ich diesen Mirowitsch benütze — um mich von Iwan zu befreien?
Die Daschkow schauerte zusammen.
„Fürchte nichts, Katinka, der sterbende Thronprätendent soll den unbequemen Liebhaber mitreißen in das Grab.“
„Wie?“
„Ueberlaß das mir — ja, dabei bleibt es. Ich bin entschlossen. Zwei Sorgen fallen zugleich von meiner Brust, zwei ernste große Sorgen, die mir den Schlaf raubten und die Ruhe. Ich werde bald wieder schlafen können.“
„Du bist grausam, Katharina!“
„Nur klug, meine Kleine.“
Die Fürstin überlegte. „Kannst du ihn für diese Tat gewinnen, so tue es bald“, sagte sie dann, „tue es heute noch. Iwan muß sterben und bald sterben, sobald als möglich. Gewinne Mirowitsch, wenn du es kannst und heute noch.“
„Nein, Katinka“, erwiderte die Kaiserin, „noch macht er mir zu viel Vergnügen. Er soll enden in einer Tat, die mich befreit, die mich erlöst, aber dann — dann erst, wenn ich ihn satt habe — und heute! — O! —“ sie schrie entzückt auf. „Das ist sein Schritt, seine Stimme!“ Die Kaiserin flog Mirowitsch entgegen und warf sich mit zärtlichem Lachen an seine Brust.
Wenige Tage später erschien die Fürstin Daschkow im Kabinette der Kaiserin, welche eben an Voltaire schrieb.
„Es ist höchste Zeit, deinen Plan auszuführen“, sprach sie erregt. „Iwan muß sterben. Du kennst die Macht, welche die Priesterschaft über dein Volk hat. Deine Reformen gefährden diese Macht, und sie kehrt sich, heute noch in voller Kraft, gegen dich. Sie nennen dich eine Fremde, eine Aufklärerin, welche das alte Recht verletzt, die alten Sitten, den alten Glauben, und nennen gegen dich den rechtmäßigen Zar Iwan, den Erben Rußlands, nach dem Testamente der Zarin Anna.“
„Verdammt“, rief die Kaiserin und stampfte mit dem Fuße.
„Du mußt Mirowitsch opfern, die Liebe deiner Größe opfern.“
„Wer sagt dir, daß ich Mirowitsch liebe?“ sprach Katharina II., „aber er ist mein liebstes Spielzeug. Ich werde weinen, wenn ich es zerbrochen habe.“
„Du findest kein besseres Werkzeug zu dieser Tat als Mirowitsch“, fuhr die Daschkow fort, „eile, ihn zu gewinnen.“
„Noch unterhält er mich, und ich soll —“
„Du mußt — heute noch.“
„Nein, heute nicht. Heute will ich ihn noch einmal lieben, wie ein Weib liebt.“
„Also morgen“, fiel die Daschkow ein.
„Morgen? — Eh bien! Morgen will ich dafür ein Nero im Reifrock sein. Ist das nicht geistreich gesagt, kleine Daschkow? Das kommt daher, wenn man mit Voltaire im Briefwechsel steht. Ich muß morgen schön sein. Ich will Toilette machen, die ihm gleich von vornherein die Besinnung nimmt. Sonst schmükt man das Opfer, ich will mich für das Opfer schmücken. Also morgen.“
V.
Als Mirowitsch an dem nächsten Abend in den Pavillon von Gatschina eintrat, lag die Kaiserin auf der Ottomane und schien zu schlafen. Sie lag auf dem Rücken, die eine Hand unter dem Kopfe. Ein halbdurchsichtiges Gewand von rosigem persischen Stoffe, ein offener dunkelgrüner Schafpelz, mit schwarzem Zobel verschwenderisch ausgeschlagen und gefüttert, umflossen sie. Ihre göttlichen Formen badeten sich in dem dunklen Pelze. Im Atmen wogte ihre Brust, zuckten ihre Lippen.
Mirowitsch näherte sich leise, kniete nieder und küßte ihren bloßen Fuß, welcher den Pantoffel abgestreift hatte.
Katharina II. schrak empor, stieß ihn von sich, sah ihn mit großen Augen an und zog ihn dann rasch an ihre Brust. „Ich habe einen bösen Traum gehabt“, flüsterte sie, „mir war, als hätte ich dich verloren. Liebst du mich noch?“
Statt einer Antwort sank das Haupt des Geliebten auf ihre Knie, und er bebte am ganzen Leibe. Katharina betrachtete ihn mit grausamem Vergnügen. „Geh’, du liebst mich nicht“, sprach sie dann mit einem Tone, der ihm ins Herz schnitt. „Rühre mich nicht an, ich will nichts von dir wissen.“
Entsetzt sprang Mirowitsch auf und warf sich im nächsten Augenblicke wieder leidenschaftlich zu ihren Füßen nieder. „Katharina, du machst mich wahnsinnig“, schrie er auf, „binde mich an einen Pfahl und peitsche mich, bis mein Blut mich badet, ich werde jauchzen! Lege mich wie die christlichen Märtyrer auf einen glühenden Rost.“
„Narr!“ rief die Kaiserin.
„Sag mir: Du langweilst mich, ich will noch dein sein bis zum nächsten Neumond, dann aber fällt dein Haupt, und ich will dir danken wie meinen Gott.“
Katharina lachte. „Nun, womit wollen wir beginnen?“ sprach sie, indem sie ihm das verwirrte Haar aus der Stirne strich, „mit dem glühenden Rost?“
Mirowitsch schlang beide Arme um sie, preßte sein glühendes Gesicht an ihre Marmorbrust und zitterte.
„Rühr’ mich nicht an“, sagte sie wieder lachend, „ich will dich heute prüfen, ich will grausamer sein als Peitsche und Rost.“
Mirowitsch sah sie an. „Du hast heute etwas vor“, sprach er, „du bist so seltsam schön.“
„Ja“, rief sie heiter, „ich will dich fangen.“
„Bin ich nicht gefangen?“
„Noch nicht ganz.“
„Nun, so ziehe das Netz zusammen. Da hast du mich“, flüsterte er im Liebeswahnsinn, „mache mit mir, was du willst.“
„Narr! Bedarf ich dazu deiner Erlaubnis?“ entgegnete Katharina mit einem Blick, welcher Mirowitsch das Blut in den Adern erstarren machte.
Er küßte ihre üppige Schulter, von der der Pelz herabgesunken wir.
„Küsse mich nicht“, rief die Kaiserin und stieß ihn roh und schnöde mit dem Fuße von sich. „Ich will dich erst wieder lieben, wenn du ganz mein bist, ein Ding in meiner Hand.“
„Das bin ich, Katharina“, beteuerte er mit feuchten weinenden Augen. „Ich verlange, dir nur etwas zu sein, ein Sklave, ein Ding, ein Spielzeug, ein Instrument, mache aus mir, was du willst, und wirf mich weg, wenn ich dir unnütz bin.“
Die Kaiserin sah ihn beinahe gerührt an. Dann beugte sie sich zu ihm und küßte ihn auf die Stirne. „Mirowitsch“, sprach sie mit sanfter Stimme, „wenn du mich liebst, befreie mich von meiner größten Sorge — von —“
„Du hast Sorgen?“ sprach Mirowitsch zärtlich leise. „O sprich, befiehl deinem Sklaven.“
„Ich kann nicht ruhig schlafen, mein Geliebter“ — sie beugte sich zu ihm und legte die Lippen an sein Ohr, „solange Iwan lebt.“
„Prinz Iwan!“ schrie Mirowitsch.
„Er ist der rechtmäßige Zar durch das Testament der Kaiserin Anna. Ich muß es selbst bezeugen. Ich habe ihn nicht entthront, die Zarin Elisabeth riß ihn aus der Wiege in den Kerker. Dort wuchs er auf wie ein Tier im Käfig, fern von der menschlichen Gesellschaft. Ein Mann mit den Gedanken, mit dem Herzen, mit der Ausdrucksweise eines Kindes, reizt dieser blöde Prinz jetzt den Ehrgeiz aller Unzufriedenen, aller meiner Feinde. Man stellt ihn mir entgegen, man will mich durch ihn stürzen.“
„Nimmermehr!“ rief Mirowitsch. Er richtete sich groß auf, ein blinder Fanatismus lag in diesem Augenblicke auf seinem bleichen Gesichte, in seinen versunkenen Augen.
„Der nächste Tag kann meinen Thron zertrümmern, mein Geliebter, willst du mich im Kerker sehen, oder“ — — sie preßte die Hände vor das Gesicht.
„Soll ich ihn morden?“ flüsterte Mirowitsch, „Geliebte!“ Seine Stimme war heiser vor Aufregung.
„Mirowitsch!“ schrie Katharine auf, sie schien erschreckt.
„Du mußt ihn aus dem Wege räumen“, fuhr er eifrig fort, „so sprich sein Todesurteil, und ich vollstrecke es. Laß mich dann aufs Rad flechten, rette deinen Namen, ich sterbe gerne für dich, Katharina!“ Er küßte ihre Hände, ihre Füße und weinte.
„Beruhige dich, mein Freund“, sprach die Kaiserin, „ich werde deine treuen Hände nicht mit Blut beflecken. Ich habe einen Plan. Du sollst ihn erfahren. Willst du also in dieser Sache ganz nur mein Werkzeug sein?“
„Ich will“, entgegnete Mirowitsch, „ich bin ja dein — dein bis in den Tod.“
„Sprich nicht vom Tode“, flüsterte die Kaiserin, „mir schauert“. Einen Augenblick war ihr schönes Antlitz grauenhaft entstellt. „Heute winkt uns das Leben, Mirowitsch“, rief sie dann mit dem Lachen einer Bacchantin, „küsse mich! —“
VI.
„Die Kaiserin geht nach Livland“, flog es von Mund zu Mund. Die widersprechendsten Meinungen über den Zweck dieser Reise wurden laut. Zuletzt einigte man sich darin, daß Katharina II. dieselbe unternehme, um mit Poniatowski zusammen zu kommen. Sie habe Orlow satt, hieß es, die Liebe zu dem ritterlichen Polen sei wieder mächtig in ihr erwacht, und dergleichen mehr.
Ehe der Nero im Reifrock den Reisewagen bestieg, wurde die Fürstin Daschkow in das kaiserliche Kabinett berufen.
Katharina II. ging unruhig im Zimmer auf und ab. Sie schien ausnehmend heiter, summte eine frivole italienische Arie und betrachtete sich von Zeit zu Zeit mit einem gewissen Stolz im Spiegel.
„Ich bin schön“, sprach sie lebhaft, „ich habe Mirowitsch glücklich gemacht, seine kühnsten Träume überflügelt, er kann nun für mich sterben. Aber ich will ihn nicht mehr sehen, der Abschied würde mich aufregen. Hier sind die Instruktionen für ihn, hier die Summen, die er braucht.“ Sie übergab beides der Fürstin, schritt dann zu ihrem Schreibtische, nahm ein Aktenstück von demselben, las es noch einmal aufmerksam und unterzeichnete hierauf rasch. „Lies“.
Die Daschkow las. Es war eine Ordre an die beiden der Kaiserin treu ergebenen Offiziere, Kapitän Wlassiew und Leutnant Tschekin, welche den Prinzen Iwan in seinem Kerker in Schlüsselburg bewachten und mit ihm in einem Zimmer schliefen, und enthielt den Befehl, sobald ein Versuch zur Befreiung des Gefangenen gemacht werde, denselben auf der Stelle zu töten. Begründet war derselbe durch die Aufregung, welche zugunsten des Prinzen immer bedrohlicher an den Tag trat.
„Für Petersburg habe ich meine Maßregeln getroffen“, sprach Katharina II. mit imposanter Ruhe, „Orlow nehme ich mit mir, Panin bleibt, ich überlasse ihn dir, du bewachst ihn, du haftest mir für ihn. Mein Sohn, der Thronfolger, bleibt in seinen Händen.“ Die Daschkow machte eine Bewegung. „Ich kenne Panin“, fuhr die Zarin majestätisch fort, „es könnte ihm einfallen, meine Abwesenheit zu benützen, den Großfürsten Paul zum Kaiser auszurufen und für den Knaben zu regieren, aber Panin ist vorsichtig und unentschlossen. Bei der ersten Regung einer Empörung bemächtigst du dich meines Sohnes und bringst ihn zu mir. Die besten Offiziere der Garde begleiten mich, was hier bleibt, sind junge Leute ohne Kriegserfahrung. Im entscheidenden Augenblicke werden an die Feldregimenter scharfe Patronen ausgeteilt, und wagen die Garden den Aufstand mit der blanken Waffe, dann habe ich die Armee in Livland, und wehe ihnen, wenn ich als Siegerin in meine Hauptstadt einziehe. Lebe wohl! —“
An demselben Tage, an welchem die Kaiserin Petersburg verließ, kehrte Mirowitsch zu seinem Regimente zurück, welches eben in der Stadt Schlüsselburg in Garnison lag. Die Kompagnien desselben zu hundert Mann lösten sich Woche für Woche bei dem Dienst in der Festung ab.
Acht Mann bewachten den Gang zu der Kasematte, in welcher der rechtmäßige Zar Iwan gefangen gehalten wurde.
Mirowitsch verbrannte sofort nach seinem Eintreten in Schlüsselburg seine Instruktionen sorgfältig in dem Feuer seines Kamins und ging dann mit ebensoviel List als Fanatismus an die Ausführung derselben.
Mit dem Gelde, das ihm die Fürstin Daschkow eingehändigt hatte, bestach er drei Unteroffiziere und zwei Soldaten seines Regimentes. Er sagte ihnen, der Prinz Iwan sei ihr rechtmäßiger Zar nach dem Testamente der Kaiserin Anna, und er habe den Entschluß gefaßt, denselben aus seinem Kerker zu befreien.
Kurz darauf traf ihn selbst der Wochendienst und er benützte denselben, um alle Verhältnisse der Festung auszukundschaften, und bestimmte endlich die Nacht des 16. Juli für den Losbruch.
An demselben Abende ging sein Dienst zu Ende. Er bat den Kommandanten Berednikow um die Erlaubnis, denselben noch fortsetzen zu dürfen. Der Festungskommandant erteilte sie ihm nicht nur bereitwillig, sondern vergaß sogar, wie es schien, ihm die Schlüssel der Festung abzufordern.
In der Nacht des 16. Juli 1765, Schlag 1 Uhr, öffnete Mirowitsch seinen Mitverschworenen die Ausfallspforte. Sie eilten auf die Wache, riefen die Kompagnie zusammen, und Mirowitsch las den Soldaten mit lauter Stimme einen falschen Ukas des Senates vor: „Da die Kaiserin Katharina II. müde ist, über barbarische, undankbare Völker zu herrschen, die ihren ruhmwürdigen Bemühungen in keiner Weise entgegenkommen, hat sie den Entschluß gefaßt, das russische Reich zu verlassen und sich mit dem Grafen Orlow zu vermählen;“ — bei diesen Worten zitterte seine Stimme — „jetzt wo sie an der Grenze ihres Reiches angelangt ist, will sie die Kaiserkrone dem unglücklichen Fürsten Iwan zurückgeben. Darum befiehlt der Senat dem Leutnant Mirowitsch, denselben aus dem Gefängnis zu befreien und sofort nach Petersburg zu bringen.“
Die Soldaten brachen in wilden Jubel aus, mehr als fünfzig derselben griffen sofort zu den Waffen, einige hoben Mirowitsch auf die Schultern und fort ging es unter Hurrarufen zu der Wohnung des Kommandanten. Berednikow war seltsamerweise noch nicht zur Ruhe gegangen und kam ihnen in voller Uniform entgegen.
„Im Namen des rechtmäßigen Kaisers Iwan, den Ihr ungerecht gefangen haltet, Euren Degen!“ rief Mirowitsch.
Berednikow übergab ihn schweigend und wurde auf Mirowitschs Befehl von zwei Verschworenen in seiner Wohnung bewacht.
Mirowitsch drang nun mit seiner Schar in die Kasematte, welche zu Iwans Kerker führte. Die Wachen gaben Feuer. Von beiden Seiten fielen Schüsse, ohne daß jemand verwundet wurde. Man hatte den Soldaten blinde Patronen ausgeteilt.
Mirowitsch erreichte zuerst die Türe des Gefängnisses und pochte mit seinem Degengefäß an dieselbe.
„Wer da?“ rief Kapitän Wlassiew.
„Gute Freunde“, schrie Mirowitsch, „öffnet, im Namen des Senats, öffnet!“
„Wir dürfen nicht“, entgegnete Leutnant Tschekin.
„Dann brechen wir die Türe auf“, rief Mirowitsch, zugleich stemmten sich mehrere der Empörer gegen dieselbe „Gebt unseren Zar heraus!“
„Wir können keinen Widerstand leisten“, schrie Wlassiew, „wir müssen den Prinzen töten, so lautet unsere Ordre“.
Prinz Iwan war eben durch den Lärm erwacht und saß bleich mit erschrockenen Augen auf seinem Bette.
Die beiden Offiziere warfen sich mit einem Male auf ihn. Iwan sprang auf Wlassiew los und suchte ihm den Degen zu entreißen, in demselben Augenblicke stieß ihm Leutnant Tschekin den seinen in den Leib. Der Prinz wankte und brach mit einem Schrei zusammen. Beide stachen nun in ihn hinein, bis er mit acht Wunden in seinem Blute lag. Dann öffnete Wlassiew die Türe mit den Worten: „Da habt ihr euren Zar.“
Mirowitsch und die Soldaten, welche mit ihm in den Kerker gedrungen, standen gesenkten Hauptes schweigend um einen Sterbenden. In wenig Augenblicken war alles vorbei. Mirowitsch wandte sich erschüttert ab. „Flieht!“ rief er den Soldaten zu, „der Zar ist tot. Unsere heldenmäßige Tat hat diesen traurigen und verderblichen Ausgang herbeigeführt. Ich gebe mich der Kaiserin gefangen.“ Damit reichte er seinen Degen dem Kapitän. Die Empörer warfen zugleich die Waffen weg und baten um Gnade.
Noch in derselben Nacht sandte der Festungskommandant einen Kurier an die Kaiserin. Als Katharina II. die Nachricht empfing, leuchtete einen Augenblick eine entsetzliche Freude in ihrem Antlitz. Dann biß sie die Zähne zusammen. Sie dachte an Mirowitsch.
Eine Stunde später war sie auf dem Wege nach Petersburg.
VII.
Der Tod des Prinzen Iwan rief in der Hauptstadt eine ungeheuere Aufregung hervor, man beschuldigte den Hof, die Kaiserin, geradezu des Mordes. Der Pöbel, die Garden zeigten eine verdächtige Bewegung.
Die Fürstin Daschkow gab sofort im Namen der Kaiserin dem Generalleutnant Wegmare den Befehl, die Feldregimenter in den Kasernen zu konsignieren und ließ scharfe Patronen an dieselben austeilen.
Mitten in der Verwirrung erschien die Kaiserin, ruhig, siegesgewiß. Sie betrachtete die Volkshaufen, welche ihrem Wagen folgten, mit einem verächtlichen Lächeln, indem sie mit den Fingern auf dem Wagenschlag trommelte.
Noch an demselben Tage trat sie vor den Senat mit eiserner Stirne im vollen kaiserlichen Pomp.
„Eine entsetzliche blutige Tat ist geschehen“, sprach sie majestätisch, „eine Schar von Wahnsinnigen hat sich gegen Uns empört und in der Absicht, den unglücklichen Prinzen Iwan zu befreien und auf Unseren Thron zu erheben, dessen Tod herbeigeführt. In bezug auf diesen von meinen Vorgängern als Staatsgefangenen behandelten Prinzen habe ich nur die Befehle bestätigt, welche den mit seiner Bewachung betrauten Offizieren von der letzten Regierung erteilt worden sind. Ich hätte als absolute Herrscherin in diesem Reich das Recht, den Zusammenhang des Schlüsselburger Attentates durch eine von mir ernannte Kommission unmittelbar unter meinen Augen untersuchen zu lassen. Mir ist aber dieses verabscheuungswürdige Verbrechen so sehr zu Herzen gegangen, daß ich mich für diesen ganz besonderen Fall meiner höchsten Gewalt entkleide und dem Senate hiermit die Machtvollkommenheit erteile, die Untersuchung über die bei diesem Attentate verwickelten Personen zu führen und in letzter Instanz ohne Appellation über dieselben die rechtskräftigen Urteile zu fällen.“
So groß die augenblickliche Wirkung dieser Erklärung auf den Senat war, nahm das Volk dieselbe doch nur mit Mißtrauen auf und in der Gesellschaft flüsterte man, die zwölf Senatoren, welche in diesen Gerichtshof gewählt wurden, seien durchaus ergebene Kreaturen des Hofes, das Ganze ein abscheuliches abgekartetes Spiel.
Indes waren Mirowitsch und seine Mitschuldigen in Ketten nach Petersburg gebracht worden. Der erstere zeigte einen Gleichmut, ja eine Heiterkeit, welche neuen Verdacht erregte. Gleich im ersten Verhör sagte er ruhig, er habe die Absicht gehabt, die Kaiserin zu stürzen, den wahren Herrscher zu befreien. In diesem Sinne beantwortete er alle Fragen, welche im Laufe des Prozesses an ihn gerichtet wurden, klar, besonnen, ohne Umschweife, ohne sich nur ein einziges Mal in Widersprüche zu verwickeln. Der „Nero im Reifrock“ konnte mit seinem Opfer zufrieden sein.
Am 20. September 1765 wurde endlich das Urteil in diesem historischen Prozesse gesprochen.
Mirowitsch wurde mit Zustimmung des Synods, der Inhaber der drei ersten Rangklassen und der Präsidenten der Kollegien als Aufrührer und Reichsverräter schuldig erkannt und zur Enthauptung durch das Beil verurteilt. Er hörte das Urteil schweigend, mit kaltem Blute, dann senkte er das Haupt und ein seltsames Lächeln flog über sein bleiches Gesicht. Seine Mitschuldigen, 68 an der Zahl, wurden teils zu Spießruten, teils zu Zwangsarbeit verurteilt.
Das Urteil wurde der Kaiserin durch den Senator Neglujew zur Bestätigung vorgelegt.
Katharina II. saß an dem riesigen holländischen Kamine ihres Arbeitszimmers und las der Daschkow einen launigen Brief Voltaires vor. Neglujew übergab das Aktenstück, Katharina blickte hinein, warf es gleichgültig auf den Kaminsims und entließ den Senator mit einer gnädigen Kopfbewegung.
„Es ist das Urteil“, sprach die Daschkow erregt.
„Ja, Mirowitsch ist zum Tode durch das Beil verurteilt“, entgegnete die Kaiserin nachlässig.
„Wirst du es unterzeichnen?“ fragte die Fürstin rasch.
„Hör’ erst den Brief zu Ende“, sprach Katharina heiter. Die Daschkow überlief es.
Als die Zarin zu Ende war, hob sie das Urteil vom Kaminsimse und breitete es auf ihren Knien aus.
„Gib mir eine Feder, Katinka.“
„Du wirst sein Todesurteil unterzeichnen?“ schrie die Daschkow auf.
„Gewiß. Die Feder.“
Die Fürstin erhob sich langsam.
„Rasch!“ Die Kaiserin ergriff die Feder, welche ihr die Daschkow zögernd reichte, und setzte mit einem energischen Zuge ihren Namen unter das Todesurteil des Geliebten.
„Du wirst es aber nicht vollziehen lassen, du kannst es nicht!“ rief die Fürstin.
„Und warum nicht, Kleine?“
„Panin war bei mir“, fuhr die Daschkow fort, „Mirowitsch rechnet zuversichtlich auf Gnade.“
Katharina zuckte die Achseln. „Ich könnte ihn begnadigen“, sprach sie lächelnd, „ihn verbannen, aber wird er leben können ohne mich? Und könnte er es, dann ließe ich ihm das Haupt erst recht mit wahrer Lust herunterschlagen.“
„Du kannst noch scherzen!“
„Nun denn, Ernst, Katinka“, fuhr die Kaiserin mit strengem, unerbittlichen Gesichte fort. „Man klagt uns des Mordes an in ganz Europa, man beschuldigt uns des Einverständnisses mit Mirowitsch, wenn ich ihn schone, bestätige ich den Verdacht. Ich muß ihn opfern.“
„Und wenn du dich in seinem Charakter irrst“, warf die Daschkow ein, „er hofft auf Gnade. — Wenn er sich getäuscht sieht? Wenn er auf dem Schafotte Enthüllungen machte?“
„Auch das ist zu bedenken“, sprach die Kaiserin, „er liegt nun zwei Monate in Ketten, und es muß erbärmlich kalt in einem Kerker sein. Wenn seine Gluten verloschen sind, wenn sein wollüstiger Rausch verflogen ist? — —
Die Kaiserin lehnte sich zurück und hob die Augen zum Plafond empor. „Ich möchte ihn sehen — ich sollte ihn sehen. Der arme Teufel! Nichts kann ihn retten, er muß sterben, aber er muß bis zum letzten Augenblick glauben, daß ich ihn liebe, daß das Ganze nur ein grausames Spiel ist, und in diesem Glauben muß ihn das Beil des Henkers treffen.“
VIII.
Es war die Nacht vor der Hinrichtung.
Mirowitsch lag auf dem feuchten Strohlager seines finstern kalten Kerkers, das Antlitz zur Erde, und seltsame Gedanken, seltsame Empfindungen zogen durch sein Hirn, seine Brust. Er sah die Mutter, die ihm am winterlichen Feuer die alten Geschichten seines Volkes erzählte und wunderbare Märchen und ihm Kosakenlieder sang voll wildem Freiheitssinn und Lebensübermut, er sah den alten Diener, der ihn zum Regimente geleitet und ihn bewacht hatte, wie seinen Sohn, der den jungen Fähnrich nach einer in Trunk und Spiel durchwachten Nacht am Morgen wie ein Vater schalt und meisterte. Beide lagen längst im Grabe, und er war allein, allein im Kerker, in Ketten, und auch sie hatte ihn verlassen, die er bis zum Wahnsinn liebte, für die er zum Rebellen, zum Mörder geworden war. —
— Nein — sie nicht.
Die Wand rasselte und tat sich auf, ein Luftzug kam über ihn, ein Gewand rauschte, er richtete sich auf. Katharina II. stand an seinem Lager und er — er lag jetzt zu ihren Füßen und küßte diese kleinen Füße, und seine Tränen flossen auf sie herab.
Die Kaiserin war durch eine geheime Tür in seinen Kerker getreten, sie hielt eine Fackel in der Hand, welche sie in einer eisernen Schließe an der Wand befestigt, um sich dann zärtlich über ihn zu beugen.
„Es ist kalt hier“, sprach sie, indem sie fröstelnd den kostbaren Pelz über ihrer Brust zusammenzog. „Du bist so bleich. Wie ist dir, mein Freund?“
„Gut, gut“, sagte er leise und lehnte sein Haupt an ihr Knie, seine Augen glühten wie im Fieber. „Nur manchmal —“
„Was sagst du?“
„Manchmal faßt mich doch ein Schauer“, fuhr er fort, „ich bin so lange schon im Kerker in schweren Ketten und verurteilt, und du hast das Urteil bestätigt. Das Spiel ist furchtbar ernst geworden, Katharina. — Ich habe mich, wie du gewollt, ganz in deine Hand gegeben. Da hast du mich nun, wie ein Ding. Ja, schlimmer noch, denn das Ding hat kein Empfinden, keine Gedanken, keine Einbildungen. Und ich bilde mir mancherlei ein. Ich habe dich so lange nicht gesehen, du bist mir fremd geworden, und mein Leben und Tod ist bei dir.“
Die Kaiserin schwieg.
„Liebst du mich noch?“ begann Mirowitsch wieder. „Oh, wenn du mich satt bist und kein Erbarmen hast! Und doch — dann — dann lieber sterben.“
Katharina hob ihren Pelzüberwurf graziös in die Höhe, ließ sich auf dem Stroh nieder und nahm das Haupt des Unglücklichen sanft in ihren Schoß. Es war ein wollüstiges Grauen, ein Kitzel für ihre weltmüden Nerven, zu denken, daß dieses Haupt, das so wahnsinnig von ihr träumte, das jetzt noch zwischen ihren Händen glühte, morgen durch das Beil des Henkers fallen sollte.
„Wir spielen ein furchtbares Spiel“, sprach sie dann, „aber das Spiel muß zu Ende gespielt werden. Ich kann es dir nicht ersparen. Man klagt mich laut des Einverständnisses mit dir an. Ich darf dich erst auf dem Schafott begnadigen.“
Mirowitsch sah sie entsetzt an, mit großen Augen wie ein Kind.
„Fürchte nichts“, rief sie und zog ihn höher an ihre Brust.
„Verrate mich nicht“, flehte er mit zitternder Stimme. „Wenn du mich töten mußt, sag’ es, ich sterbe gern für dich.“
Die Kaiserin lächelte sonderbar, und leise wie in Gedanken senkte sie die wollüstig feuchten Lippen zu den seinen und küßte sie wieder. Er fieberte in ihren Armen, die düstere Wölbung des Kerkers schwand für einen Augenblick.
„Steige mutig die Stufen zu dem Blutgerüst empor, mein Freund, denn ich will nicht, daß man sich an deiner Todesangst ergötzt. Sei ruhig, ich selbst bringe dir Gnade, und statt des weißen Tuches winkt von weitem schon mein Hermelin.“ Die Kaiserin streichelte ihn, sah ihm lange stumm in das Auge und erhob sich dann.
Mirowitsch stützte das glühende Gesicht in beide Hände.
„Wenn du mich täuschen könntest“, murmelte er, „wärst du teuflisch grausam.“
„Ein Nero im Reifrock“, lachte die Kaiserin, aber ihr Lachen klang so hölzern, gezwungen, daß eine entsetzliche Angst über ihn kam, er warf sich vor ihr nieder und umfaßte verzweifelt ihre Knie.
„Mir schaudert, Herrin, wenn du mir nicht gnädig bist — wenn du mich töten läßt. Ich zittere vor dir. Erbarme dich!“
Katharina II. lachte. „Es ist bloß kalt und feucht hier“, rief sie. „auch mich fröstelt. Ich werde gehen.“ Kaltblütig machte sie sich von ihm los und nahm die Fackel. Seine Hände sanken herab, er kniete vor ihr stumm, apathisch, wie der Sklave vor der Gebieterin, der Verbrecher vor seinem Richter.
„Ich leide furchtbar, Katharina“, flüsterte er, „aber ich leide ja für dich.“
In der Tür wendete sie sich noch einmal zu ihm.
„Du sollst bald erlöst werden“, sprach sie milde, „leb wohl.“
„Leb wohl!“
IX.
Der Tag brach an.
Tiefer Schnee lag auf den Dächern und Straßen, die Sonne schwamm als eine rote Dunstkugel in dem weißen Himmel.
Das Kommando, welches Mirowitsch zur Hinrichtung abholte, fand ihn schlafend, ein heiteres Lächeln verklärte sein Gesicht. Er hörte die Kolben rasseln und richtete sich auf. Aus seinen Träumen schwebte das Bild des wahnsinnig geliebten Weibes in die furchtbare Wirklichkeit herüber und erfüllte sein Herz mit süßer Hoffnung. Sie konnte nicht so entsetzlich grausam sein, sie konnte ihn nicht verraten.
Mirowitsch stand auf und verließ festen Schrittes seinen Kerker, ihm winkte Glück und Freiheit. Er grüßte freudig die scharfe Luft, die seine Wange kühlte, das rosige Licht, den heimatlichen Schnee.
Aufrecht, das Haupt stolz erhoben, ein Lächeln um die Lippen, schritt er im Zuge, den rauhen Soldatenmantel um die Schulter. Seit 22 Jahren hatte die Hauptstadt keine Hinrichtung gesehen. Landvolk war herbeigeströmt, der Zug konnte durch die vollgepfropften Straßen nur langsam vorwärts kommen. Alle Fenster, alle Balkone waren besetzt, und Schritt für Schritt kam er dem Blutgerüst näher; der Gedanke machte Mirowitsch wieder erbleichen, ihn fröstelte. Der Priester sprach zu ihm von der Sünde, der Vergeltung und dem ewigen Leben. Er hörte nichts, ihm klang nur ihre Stimme im Ohr: „Ich selbst bringe dir Gnade.“
Aber es war so früh, die Nebel lagen noch auf der Erde, wenn sie ihn vergaß? Wenn sie die Stunde verschlief?
Schon sah er das Schafott, es ragte hoch über die Häupter des Volkes empor, welches es umgab. Ein Regiment Fußvolk hatte ein großes Viereck um dasselbe gebildet, nur einzelne Schlitten vornehmer Damen, welche in prächtigen Pelzen dasaßen und ihn lorgnettierten, um jedes leise Zucken der Todesangst von seinem Gesichte herab zu lesen, hatten in demselben Einlaß gefunden.
Am Fuße des Gerüstes empfing der Gerichtshof den Verurteilten. Noch einmal wurde feierlich das Schuldig über ihn gesprochen. Kalten Blutes, ruhigen Angesichts hörte Mirowitsch das Urteil verlesen, sah er den Stab brechen, die Kerzen verlöschen.
Man übergab ihn dem Henker.
Als man ihm die Hände auf den Rücken band, überlief es ihn. Er fühlte sich nun vollkommen willenlos der Gewalt, der Gnade oder Ungnade der Geliebten hingegeben. „Ich selbst bringe dir Gnade!“ murmelte er, und ein sanftes Lächeln überflog sein entsetzlich bleiches Gesicht.
Man zögerte noch. Der Polizeiminister blickte auf die Uhr und flüsterte mit dem Henker, er hatte den Befehl, bis zu einer bestimmten Stunde und Minute auf Begnadigung zu warten.
Jetzt führten sie Mirowitsch endlich die Stufen des Schafotts empor, jetzt stand er oben und blickte umher. Eine unabsehbare Menge umgab dasselbe, Totenstille. Noch keine Bewegung, welche das Nahen der Monarchin angekündigt hätte! Ein tiefer Schauer kam über Mirowitsch, die Knie bebten ihm. Da stand der furchtbare Block, der Henker stützte das blanke Beil auf denselben. Man wollte Mirowitsch die Augen verbinden, er wies es zurück und blickte gen Norden. Von dort mußte sie kommen, kalter Schweiß stand auf seiner Stirne, das Herz schlug ihm bis zum Halse hinauf.
Da sah er einen Schlitten, der pfeilschnell herangeflogen kam, näher, immer näher, sie war es — ihr Hermelin glänzte im Sonnenlicht.
Lächelnd kniete er nieder, noch einmal blickte er hinüber, er erkennt sie, die Menge wogt auf und ab, er legt sein Haupt auf den Block und lacht.
Die Kaiserin fliegt im phantastischen Schlitten, in Zobelfelle köstlich gebettet, herbei, sie trägt einen Ueberwurf von blutrotem Samt mit Hermelin — er sieht alles deutlich — und hat eine hohe Mütze von Hermelin auf dem göttlich schönen Haupte. Heute ist sie eine Göttin, die Leben gibt und nimmt. An ihrer Seite sitzt die Fürstin Daschkow und zittert.
Der Schlitten der Kaiserin teilt die Menge, sie sieht das Schafott, sie sieht Mirowitsch knien — ein Blitz fährt durch die Luft.
Die Fürstin Daschkow schließt die Augen.
Jetzt hebt der Henker ein blutiges Haupt empor und zeigt es der Menge.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.