Kitabı oku: «Phantastica»

Yazı tipi:

Louis Lewin

Phantastica

Die betäubenden und erregenden Genussmittel

Für Ärzte und Nichtärzte

Mit einem einleitenden Essay von Helena Gand

Impressum

ISBN 978-3-940621-77-1 (epub)

ISBN 978-3-86408-006-7 (pdf)

Digitalisat basiert auf der zweiten erweiterten Auflage von 1927 aus der Bibliothek des Vergangenheitsverlags; bibliografische Angaben:

Lewin, Louis, Phantastica. Die betäubenden und erregenden Genussmittel. Für Ärzte und Nichtärzte, Berlin 1927.

Bearbeitung: Helena Gand / Frank Petrasch

Einleitendes Essay von Helena Gand

Die Marke „100% - vollständig, kommentiert, relevant, zitierbar“ steht für den hohen Anspruch, mehrfach kontrollierte Digitalisate klassischer Literatur anzubieten, die – anders als auf den Gegenleseportalen unterschiedlicher Digitalisierungsprojekte – exakt der Vorlage entsprechen. Antrieb für unser Digitalisierungsprojekt war die Erfahrung, dass die im Internet verfügbaren Klassiker meist unvollständig und sehr fehlerhaft sind. Die in eckigen Klammern gesetzten Zahlen markieren die Seitenzahlen der gedruckten Ausgabe; durch die Paginierung ist auch die digitale Version über die Referenz zur gedruckten Ausgabe zitierbar. Anpassungen an die aktuelle Rechtschreibung sind wegen der besseren Lesbar- und Verständlichkeit behutsam vorgenommen worden.

© Vergangenheitsverlag, 2011 – www.vergangenheitsverlag.de


eBook-Herstellung und Auslieferung:

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Inhalt

Louis Lewin – Entgegen der „faustischen Qual des Nichterkennenkönnens“

Vorwort.

EINLEITUNG.

1. Zur allgemeinen Orientierung.

2. Die Beweggründe für den Gebrauch betäubender und erregender Genussmittel.

3. Die Bedeutung der persönlichen Veranlagung in Bezug auf fremde Reize, die den Körper treffen.

4. Toleranz und Gewöhnung.

5. Immunität gegen Gifte.

DIE BETÄUBUNGSMITTEL.

1. Die Wirkungsart der Betäubungsmittel.

2. Systematik der betäubenden und erregenden Genussmittel.

EUPHORICA. SEELENBERUHIGUNGSMITTEL.

Opium. Morphin.

1. Geschichte des Opium- und Morphingebrauchs als Genussmittel. Opiumproduktion. Opiumbewegung.

2. Verbreitung des Opium- und Morphingenießens in der Jetztzeit.

3. Der Morphinismus.

4. Die erkennbaren Vorgänge bei Morphinisten und Opiumisten.

5. Fragen allgemeiner Natur, die sich an den Morphinismus knüpfen.

6. Die Hilfe gegen den wachsenden Morphinismus.

Kodein und Derivate, Dionin, Heroin, Eukodal, Chlorodine als Genussgifte.

Kodein.

Dionin.

Heroin.

Eukodal.

Chlorodine.

Der Kokainismus.

1. Die Geschichte der Koka und des Kokains.

2. Wirkungen von gewohnheitsmäßig aufgenommener Koka und Kokain.

3. Die Erscheinungsformen des Kokainismus.

PHANTASTICA. SINNESTÄUSCHUNGSMITTEL

Das Problem der Sinnestäuschungen.

Anhalonium Lewinii.

1. Die Geschichte der Pflanze.

2. Anhalonium Lewinii als Genussmittel.

3. Wirkungsbilder.

Der indische Hanf. Cannabis indica.

1. Die Verbreitung des Cannabinismus in Afrika.

2. Der Hanfgebrauch in Kleinasien und Asien.

3. Die Wirkungen des Hanfrauchens.

Der Fliegenpilz. Agaricus muscarius.

Die Art der Rauschzustände.

Nachtschattengewächse.

Das Bilsenkraut. Hyoscyamus niger.

Hyoscyamus muticus. (Hyoscyamus albus.)

Der Stechapfel. (Datura Stramonium.)

Datura arborea.

Duboisia Hopwoodii.

Banisteria Caapi.

Gelsemium sempervirens.

Die Loco-Kräuter.

INEBRIANTIA. BERAUSCHUNGSMITTEL.

Der Alkohol.

1. Bemerkungen zu der akuten Vergiftung.

2. Der chronische Alkoholismus.

a) Alkoholismus und Nachkommenschaft.

b) Individuelle toxische Störungen in der Trunksucht.

c) Rückblicke in die alkoholische Vergangenheit.

d) Die alkoholischen Getränke.

e) Mäßigkeitsbestrebungen und Abstinententum.

f) Schlussbetrachtungen.

Hoffmannstropfen.

Die Chloroformsucht.

Die Äthersucht.

Der Benzinrausch.

Die Stickoxydulsucht.

HYPNOTICA. SCHLAFMITTEL.

Chloralhydrat.

Veronal

Paraldehyd.

Der Sulfonalismus.

Bromkalium.

Bromural.

Das Kawa-Trinken.

1. Die Verbreitung der Kawa und des Kawatrinkens.

2. Die Bereitung und Verwendung des Getränkes aus der Kawa.

3. Die wirksamen Stoffe in der Pflanze und ihre Wirkungsart.

Kanna

EXCITANTIA. ERREGUNGSMITTEL.

Das Wesen der Erregungsmittel.

Der Kampfer.

Das Betelkauen.

1. Die Geschichte und die Art des Betelkauens.

2. Die Wirkungen des Betelkauens.

Das Kat.

Die Koffeinpflanzen.

Der Kaffee.

1. Die Vergangenheit des Kaffeegebrauches.

2. Kaffeeanbau und Kaffeeverbrauch.

3. Die Wirkungen des Kaffees.

Der Tee.

Die Kolanuss.

Geschichte, Herkunft, Verbreitung.

Die Wirkungen der Kola.

Ilex paraguayensis. Mate.

Ilex Cassine.

Pasta Guarana.

Kakao.

Der Tabak.

1. Allgemeine and geschichtliche Orientierung.

2. Die Verwendungsformen des Tabaks.

a) Das Tabakschnupfen.

b) Das Tabakkauen.

c) Das Tabakrauchen.

d) Die Eroberung der Menschheit durch den Tabak.

e) Die Einschätzung des Tabakgebrauches als Genuss und Gift.

f) Die körperlichen Störungen durch Tabak.

g) Ersatzmittel des Tabaks.

Das Paricá-Schnupfen.

Das Arsenikessen.

Quecksilber.

Schlusswort.

Anmerkungen und Kommentare

Louis Lewin – Entgegen der „faustischen Qual des Nichterkennenkönnens“ 1

Die „Phantastica“, ein enzyklopädistisches Werk der Drogenkunde, veröffentlichte der Chemiker Louis Lewin im Jahre 1924. Sie ist das Ergebnis einer langjährigen Faszination ihres Autors gegenüber den Drogen, „die den seelisch Gepeinigten lastfrei, den Schmerzdurchwühlten oder den dem Tode Geweihten hoffnungerfüllt [machen], dem durch Arbeit Geschwächten […] neue Leistungsimpulse [geben] […] und dem nach der Arbeit weltscheu und stumpf Gewordenen eine Stunde innerlichen Behagens und Zufriedenseins [verschaffen].“2

Schon seit 1886 beschäftigte sich der Berliner Wissenschaftler Lewin mit der Untersuchung derartiger Stoffe. Diese „betäubenden und erregenden Genussmittel“ führte Lewin in dem Neologismus „Phantastica“ zusammen. Der Autor plädierte mit diesem Werk für ein höheres wissenschaftliches Interesse, das den „phantastischen Stoffen“ auf Grund ihrer Bedeutung für Medizin, Psychiatrie, Psychologie, Jura und Ethnologie zukommen sollte. Laut Lewin hätten Genussmittel als anthropologische Konstante seit jeher in verschiedensten Kulturen existiert. Deshalb sollten sie – entgegen der bis zu diesem Zeitpunkt nur geringen Beachtung – nun in den Fokus der Wissenschaften gerückt werden.

Damit traf Lewin den Puls der Zeit. Das ausklingende 19. sowie das beginnende 20. Jahrhundert waren geprägt von einer tiefen Umbruchphase. In beinahe allen akademischen Zweigen formierten sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts durch Differenzierung und Spezialisierung der Forschungen etliche Institute, die der Suche nach Erkenntnis, Raum und Zeit boten.3 Charles Darwin, Robert Koch und Wilhelm Conrad Röntgen, sind nur einige der bekannten Wissensdurstigen dieser Epoche. Mit den Untersuchungen der „Phantastica“ zu einer Zeit, in der unablässig geforscht und ergründet wurde, befand sich Lewin folglich inmitten des Versuchs, der – wie er es nannte – „faustischen Qual des Nichterkennenkönnens“4 zu entkommen.

Nach der Entdeckung des Herstellungsverfahrens von Morphin aus Opium im Jahre 1806, der Erzeugung von Kokain aus der Coca-Pflanze im Jahre 1859 sowie der Gewinnung von Heroin etwa 30 Jahre später, hätten Schriften wie Lewins von großer Bedeutung für den noch weitreichend unbekannten Umgang mit Drogen sein müssen. Doch hielt sich Lewins Erfolg im wissenschaftlichen Feld mit seinem Werk „Phantastica“ in Grenzen. Was war der Grund für diese unglückliche Entwicklung?

Lewins Schicksal spiegelt ein Stück deutscher Geschichte wider, in der Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus lange eine große Rolle spielten. Er lebte zu einer Zeit, in der antisemitische Ressentiments an den Hochschulen weit verbreitet waren und Wissenschaftler jüdischer Herkunft es nicht leicht hatten, sich akademisch Gehör zu verschaffen. Lewins Fachrichtung machte es ihm zusätzlich schwer, anerkannt zu werden. Sein fortschrittliches Denken, das heute als wissenschaftliches Pionierwerk im Umgang mit Drogen angesehen werden muss, wurde zu Lebzeiten noch äußerst zwiespältig betrachtet. Die Toxikologie und Drogenkunde waren zum damaligen Zeitpunkt unbekannte Terrains und befanden sich erst auf dem Weg, sich zu Wissenschaften zu etablieren.

Louis Lewin wurde am 9. November 1850 im westpreußischen Tuchel geboren. Mit seinen Eltern, Rahel und Hirsch Lewin, zog der sechsjährige Junge 1856 aus der polnischen Provinz Suwalki in Russland, in der es Mitte des 19. Jahrhunderts zu schweren Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung gekommen war, in das Berliner Scheunenviertel. In dem von Friedrich Wilhelm I. geschaffenen Viertel für bedürftige Juden, das sich am dicht bebauten Alexanderplatz befand, wurden ostjüdische Einwanderer im 19. Jahrhundert bevorzugt untergebracht.5 Aus den widrigen Umständen seiner Zeit und den einfachen Verhältnissen – als Schuhmacher waren die finanziellen Mittel seines Vaters nur begrenzt – versuchte sich Lewin bereits früh zu befreien. Aus eigener Willenskraft eignete sich der Sprössling, der von seinem Elternhaus nur das Jiddische erlernte, vorerst die deutsche, anschließend die hebräische, griechische, lateinische, englische und schließlich die französische Sprache an. So schaffte er es aus seinem starken Lerneifer heraus, von der jüdischen Gemeindeschule an das renommierte Friedrich-Werdersche-Gymnasium zu wechseln, an dem er im Jahr 1871 seine Reifeprüfung erfolgreich absolvierte. Hier fand er in seinem Lehrer Paul de Lagarde einen guten Freund und Förderer, mit dessen finanzieller Hilfe Lewin sein anschließendes Studium finanzieren konnte.

Seine Wissbegierde trieb den jungen Lewin zu einem Medizinstudium an die Friedrich-Wilhelm- Universität in Berlin, der heutigen Humboldt-Universität. Er promovierte schließlich mit einer preisgekrönten Arbeit zur Untersuchungen der Wirkung des Pflanzengifts Aconitin und arbeitete, nach seinem freiwilligen Dienst im Militär, in München als Assistent am Hygieneinstitut des bayrischen Chemikers Max von Pettenkofer. Im Jahr 1878 kehrte Lewin wieder nach Berlin zurück, um als Assistent am Pharmakologischen Institut der Universität tätig zu werden. Mit 40 Jahren habilitierte sich der Mediziner und erhielt im Jahre 1893 schließlich den Titel des Privatdozenten.

Doch Lehrauftrag sowie Prüfungserlaubnis blieben aus – Lewin wurden weder Räumlichkeiten zur Lehrtätigkeit zugesprochen, noch durfte er offiziell unterrichten. Der jüdische Mediziner wusste sich jedoch zu helfen, worin sich wieder sein starker Wille zeigt: Er zog in der Nähe der Berliner Charité und richtete dort sein eigenes Labor inklusive Lehrraum ein. In diesen Räumlichkeiten hielt Lewin fortan private, unentgeltliche Vorlesungen, die zahlreich besucht und von vielen Studierenden sogar auf Grund ihrer unkonventionellen und leidenschaftlichen Vortragsweise geschätzt wurden.6

Die Anerkennung an der Universität – die für ihn von größter Bedeutung war – blieb Lewin jedoch weiterhin verwehrt. Mehrmalige Bitten, die Kosten für sein Privatinstitut zu übernehmen, wurden von der Universität abgelehnt. War das aufgrund seines jüdischen Glaubens?

Das Lehrpersonal an den Universitäten des Deutschen Reiches entstammte im 19. Jahrhundert überwiegend dem wohlhabenden Bürgertum. Weniger als ein Viertel des Lehrkörpers der Berliner Universität in den Jahren 1871 bis 1933 war jüdischer Herkunft, davon hatten ungefähr 40 Prozent ihren Glauben gewechselt oder waren aus der jüdischen Gemeinde ausgetreten, um ihre Karrierechancen zu steigern.7 Lewin stellte mit seinem jüdischen Ursprung somit eine der wenigen Ausnahmen an der Berliner Universität dar. Er lehnte es ab, zugunsten seiner Karriere zu konvertieren – vielleicht ein Grund wieso der Wissenschaftler so lange auf seinen Lehrauftrag warten musste.

1919 wurde Lewin dennoch zum Honorarprofessor an der Technischen Hochschule in Charlottenburg ernannt, doch blieb damit die ihm auf Grund seiner Leistung eigentlich zustehende ordentliche Professur weiterhin verwehrt. Erst 1923 erhielt er den offiziellen Lehrauftrag an der Charlottenburger Hochschule. Kurz zuvor verlieh ihm die Berliner Universität den Titel des Extraordinarius und damit endlich einen offiziellen Lehrauftrag. Das Lewinsche Privatinstitut am Charitégelände wurde erst im Jahr 1924 von der Universität übernommen, womit nun auch die dafür anfallenden Kosten übernommen wurden.

Lewin konnte diese geringe Würdigung seiner Forschungsleistung jedoch nicht lange schätzen. Nur fünf Jahre später erlag er den Folgen eines Schlaganfalls. Dadurch blieben ihm zumindest die Demütigungen, welche die jüdische Bevölkerung während des Nationalsozialismus erleiden musste, und damit das Schicksal seiner Frau Clara, die 1942 im Konzentrationslager Theresienstadt starb, erspart.

Louis Lewin stellte sein Leben in den Dienst der Wissenschaft und leistete dadurch Pionierarbeit in der Drogen- und Arzneimittelforschung. Das Herausragende an seiner Leistung wird in der „Phantastica“ deutlich. In dieser Drogenenzyklopädie stellte Lewin erstmals Wirkung und Nebenwirkung verschiedener bewusstseinsverändernder Stoffe dar und zeichnete zudem die Geschichte des Drogenkonsums sowohl im eigenen Kulturkreis als auch in fremden Kulturen nach. In der Lewinschen Neuschöpfung des Begriffs „Phantastica“ benannte der Forscher fünf Gruppen von Genussmitteln, die er anhand ihres Wirkungsverlaufs von einander trennte. Zu unterscheiden waren für Lewin „Erregungs-“, „Sinnestäuschungs-“, „Berauschungs-“, „Schlaf-“ und „Seelenberuhigungs- mittel“. Mit einem wortreichen und gewaltigen Sprachduktus berichtete Lewin von Vorkommen und Wirkungen der „phantastischen Stoffe“, die teilweise – wie im Falle des Kaffees – nützliche Reaktionen, teilweise jedoch auch – wie am Beispiel des Kokains – verheerenden Folgen haben können. Lewin verklärt den Drogenkonsum damit in seiner Enzyklopädie nicht, sondern stellt auch die häufig beängstigenden Bilder der Abhängigkeit dar und lässt so seine dringliche Warnung vor dem Gebrauch bestimmter Stoffe verlauten.

Der Sprachstil des Chemikers gepaart mit den oft amüsanten Anekdoten zur Kulturgeschichte des Drogenkonsums erheben die „Phantastica“ zu einem Werk, das einen wissenschaftlichen Anspruch mit Leselust und Spannung vereint. Die Modernität und Fortschrittlichkeit Lewins in seiner „Phantastica“ ist noch heute, fast ein Jahrhundert nach ihrem Erscheinen, von bestechender Aktualität.

Vorwort.

Eine innigere Beziehung zum Leben der gesamten Menschheit haben, wenn man von Nahrungsstoffen absieht, keine von den unzählbaren chemischen Stoffen der Welt, als diejenigen, deren Geschichte und Wirkungen in diesem Werke zur Darstellung gebracht worden sind.

Ich gab ihm den Namen Phantastica, obschon unter diesen von mir formulierten Begriff nicht alles das fällt, was ich im engeren Sinne darunter verstanden wissen will. Aber fast allen hierher gehörigen Stoffen ist eine direkte Gehirnwirkung eigen, die in allen ihren Gestaltungen rätselhaft, unbegreiflich ist.

Ist in der belebten Natur der Wunder vielleicht größtes die Empfindung, so lässt der Versuch, pharmakologisch in das Gebiet der betäubenden und erregenden Stoffe einzudringen, dieses Wunder noch bedeutsamer erscheinen, weil hier der Mensch es vermag, das Alltagsempfindungsleben samt Willen und Denken durch chemische Stoffe, auch bei freiem Bewusstsein, in ungewohnte Formen zu wandeln oder den normalen Empfindungen Leistungshöhen und Leistungsdauer zu geben, die dem Gehirn sonst fremd sind. Chemische Stoffe sind es, die derartiges bewirken können. Die besten [2]von ihnen bildet das gewaltige Pflanzenreich, in dessen stillstes Wachsen und Schaffen menschliches Auge und Forschen noch nicht gedrungen sind. Werden sie auf das Gehirn übertragen, so rufen sie dort Wunder an energetischen Äußerungen wach. Sie machen den seelisch Gepeinigten lastfrei, den Schmerzdurchwühlten oder den dem Tode Geweihten hoffnungerfüllt, dem durch Arbeit Geschwächten geben sie neue Leistungsimpulse, die auch ein starker Wille nicht zustande brächte und dem nach der Arbeit weltscheu und stumpf Gewordenen eine Stunde innerlichen Behagens und Zufriedenseins.

Und alles dieses vollzieht sich auf der gesamten Welt durch einen oder den anderen dieser Stoffe bei allen, die im Besitze derer sind, nach denen sie Begehren tragen. Und sie sind es: Im Urwaldwinkel, wo ein Blätterbehang die kümmerliche Unterkunft bildet, wo auf meerumtobtem Eiland Menschen einen Zuwachs an zeitlich höherer Lebensintensität erwünschen oder ohne Wunschbedürfnis erhalten, wo auf fernen Bergeshöhen der Einsame von dem dumpfen, nicht zum Bewusstsein kommenden Gefühl seiner äußerlichen und innerlichen Lebensbeschränktheit bedrückt, das niedrige Einerlei seines Vegetierens durch Erregungsmittel belebter zu machen vermag oder wo Menschen der Zivilisation aus einem der vielen möglichen Gründe eine solche zeitliche, subjektiv angenehme Zustandsänderung ersehnen. Die Zauberkraft der betäubenden und erregenden Mittel versagt nie.

Weit strahlt die Bedeutung dieser Stoffe aus. Sie führen bei den Einen in die dunkelste Nachtseite menschlicher Leidenschaft, die schließlich in sittliche Ohnmacht, Verkommenheit und körperliches Elend ausklingt, bei den Anderen in fernerleuchtete Freudenstunden oder in gemütvolle und beschauliche Geisteszustände.

Neben diesen die ganze Menschheit als Beteiligte interessierenden Seiten bieten diese Stoffe ein sehr hohes wissenschaftliches Interesse für den Arzt, zumal [3] den Psychiater und den Psychologen, sowie für den Juristen und Ethnologen. Variationen des geistigen Sehens und Empfindens, die tangential oder, mehr als dies, an geistige Erkrankung heranrücken, können die Folgen des zu starken Gebrauches einiger solcher Stoffe sein. Psychoanalytisch, im wissenschaftlichen Sinne, wird hier die Möglichkeit besserer Wesenheitserkenntnis gewisser, auch in Geisteskrankheiten vorkommender seelischer Vorgänge gegeben. Hier bietet sich der Psychologie ein weites Arbeits- und Erkenntnisfeld dar, dessen Gatter bisher nur ganz vereinzelte Forscher hat eintreten lassen. Der Jurist soll in den hier für ihn auftauchenden Fragen über Verantwortlichkeitsbreite, Handlungsfähigkeit und Zurechnungsfähigkeit von Menschen orientiert sein, die, unter dem dauernden Einfluss zumal von betäubenden Stoffen stehend, Anlass geben, dass man sich mit ihnen zivilrechtlich oder strafrechtlich beschäftigt. Für den Ethnologen bieten Verbreitung und Gründe des Gebrauches solcher Stoffe nach vielen Seiten hin und nicht zum mindesten in bezug auf die religionsphilosophische, überaus viele und für neue Aufklärungen vielversprechende Probleme dar. Ich habe der Anregungen für neue Forschungen in diesem Buche genügend gegeben. Ich ließ es frei von belastendem literarischen Rankenwerk, um die pharmakologische Auffassung klarer hervortreten zu lassen und gab doch genug für die sachliche und historische Orientierung.

„Es gibt in der gesamten Pharmakologie kaum ein schwierigeres Kapitel als eine erschöpfende und nach allen Richtungen zutreffende Analyse der Wirkungen der Genussmittel.“ Dieses Wort eines Pharmakologen ist wahr. Ich habe, nachdem ich im Jahre 1886 die ersten, auch chemischen, Untersuchungen über ein solches Genussmittel, die Kawa, kundgab, die so umfangreich nutzbar geworden sind, nicht aufgehört, an diesen Fragen zu arbeiten und manches in meinen Schriften folgen lassen. Dieses Werk, das erste [4] seiner Art, soll nicht nur die Ergebnisse meiner pharmakologischen Auffassungen widerspiegeln, die auch durch das Viele gestützt sind, was ich, in stets sehr lebendigen Beziehungen zur Wirklichkeitswelt, selbst gesehen oder Hilfesuchende mir unterbreitet haben, sondern auch belehrend und aufklärend für jene Hunderttausende wirken, die in dem wogenden Kampfe der Meinungen über betäubende und erregende Genussmittel sich einen klaren Blick über die Bedeutung derselben verschaffen wollen.

Nachdem die erste Auflage dieses Werkes in so kurzer Zeit in vieler Menschen Hände gekommen und überreich mit Zustimmung und Lob bedacht worden ist, folgt ihr die neue, von dem gleichen Geiste getragene und nur im Tatsachenstoff erweiterte. Erneut wird die Menschheit auf das hier dargelegte große Problem hingewiesen, das nicht im schnellen Ansturm gelöst werden wird und gelöst werden kann. Ändernwollen und Ändernmüssen bedürfen sehr viel Zeit zu ihrer Erfüllung, weil übergroße Hemmnisse, die ihre weitverzweigten und mächtigen Wurzeln nicht nur in menschlicher Leidenschaft haben, sich ihnen entgegenstellen. Aber jeder, auch der kleinste Schritt des Vorrückens in der Abwehr von Schädigung des Menschengeschlechts stellt einen wahren Segen dar.

Berlin,

im Sommer 1924,

im Frühling 1926.

Louis Lewin.

[5]

Einleitung.

[7]

1. Zur allgemeinen Orientierung.

Seit Kunde von Menschen auf dieser Erde zu uns gelangt ist so auch die, dass sie Stoffe aufnehmen, die nicht Nahrungs- oder Sättigungsstoffe waren, sondern bewusst dem Zwecke dienen sollten, für eine gewisse Zeit einen Zustand von Euphorie, von Behagen, von erhöhtem, subjektiv angenehmem Wohlbefinden hervorzurufen. Solche Kräfte fanden sie in alkoholischen Getränken und einigen sehr wenigen Pflanzenstoffen, den gleichen, die auch heute noch für den genannten Zweck gebraucht werden.

Kein modernes chemisches Bemühen war bisher imstande, irgend etwas auf synthetischem Wege zu finden, was dem in rätselhafter Weise von den Völkern aller Erdteile als zweckmäßig für ihre euphorischen Wünsche erkannt gewordenen Material auch nur im entferntesten an Wirkungen gleichkäme. Die potentielle Energie der letzteren hat die Erde erobert und über scheidende Gebirge und trennende Meere hinweg die Verbindung zwischen Völkern hergestellt. Die Genussmittel dieser Art sind das einigende Band zwischen Menschen entgegengesetzter Hemisphären, zwischen Zivilisation und Unzivilisation geworden und sie haben, seit sie die Menschen in ihren Bann schlugen, sich Wege für ihr Vordringen gebahnt, die, einmal eröffnet, auch für andere Zwecke begehbar geworden sind. Sie gestalteten sich zu Kennmarken, die, in Völkern zurückgeblieben, einen auch sehr weit zurückliegenden wunderbaren Wechselverkehr unter ihnen so sicher diagnostizieren lassen, wie der Chemiker an einer chemischen Reaktion die innerlichen Beziehungen zweier Stoffe zu erschließen vermag. Der unbewusste Kontakt, der [8] sich durch die Verbreitung solcher Mittel zwischen ganzen Völkerreihen eines Erdteils vollzogen hat, erfordert wohl stets Jahrhunderte oder Jahrtausende. Die Völkerkunde hat, worauf ich mehrfach schon hinwies, ein besonders großes Interesse daran, diesen Berührungswegen nachzugehen, hat aber nie den Versuch gemacht, die Elemente für die Rückverfolgung der hier auftauchenden wissenschaftlich und für die Menschheitsgeschichte so bedeutungsvollen Fragen zu suchen. Und doch würde sich bei eingehendem Forschen mancherlei, zumal mit vergleichend linguistischer Hilfe, finden lassen.

Schon das Finden der Eigenschaften erregend oder betäubend wirkender Stoffe und deren Verwendungsart stellt ein gewisses naturwissenschaftliches, durch praktische Beobachtung gewonnenes Erkennen und damit ein Stückchen vom Anfang von Kultur dar, das höchst beachtenswert ist. Und wenn es als ein Symptom von Zivilisation bezeichnet werden darf, dass nackte Bedürfnislosigkeit einem gewissen größeren Maß von Begehren weicht, dass das Individuum mit der primitiven, rohen Leibesnahrung, die ihm zuwächst oder die es sich erkämpft, nicht mehr zufrieden, Reizmittel, vor allem für sein Nervensystem, findet oder erhält und liebgewinnt, dann müssen auch in seiner Organisation die zeitlichen Bedingungen für ein solches körperliches Begehren, mindestens aber für das Lustgefühl, das es durch Erfüllung derselben empfindet, vorhanden sein.

2. Die Beweggründe für den Gebrauch betäubender und erregender Genussmittel.

Mehr als der reine Tatsachenstoff, der über solche Substanzen geliefert werden kann, interessieren den Denkenden die Beweggründe, die zu ihrem Gebrauche und Fortgebrauche veranlassen. Hier vereinen sich ja alle möglichen menschlichen Gegensätze: Unkultur und Kultur und deren Ab[9]stufungen in materiellem Besitz, Lebensstellung, Wissen, Glaube, Alter und Veranlagung in Körper, Geist und Seele.

Der in starre Frone gebannte Tagesarbeiter begegnet sich hier mit dem von Nahrungssorgen freien, sorgenlos von seinem Besitz Lebenden, der Regierende mit dem Regierten, der Wilde irgendeines fernen Eilandes oder des Kongowaldes oder der Kalahari- oder Gobiwüste mit Dichtern, Denkern, Männern der strengen Wissenschaft, mit Gesetzgebern, Staatenlenkern, Menschheitsverbesserern und Misanthropen, der friedlich Gesinnte mit dem Streitsüchtigen und der Religionslose mit dem Frommen.

Es müssen gewaltige und eigenartige körperliche Antriebe sein, die derart einigend wirken, dass sie so unübersehbar viele Varietäten von Menschen des Erdenrundes in ihren Bann zu schlagen vermögen. Mancher hat sich über sie geäußert, sehr wenige sie in ihrer Gesamtheit übersehen und ihre Wesenheit verstanden. Und noch weniger verstanden sie die inneren Zusammenhänge der Stoffe, in denen jene eigenartigen Energien lagern und die Beweggründe zu ihrem Gebrauch.

So meinte man, dass, je tiefer ein Volk auf der Leiter der geistigen Fähigkeiten stehe, um so gröber die ihm angenehmen Reizmittel seien und um so mehr würde es suchen, durch sie sich um sein Bewusstsein zu betrügen und sich von der dumpf gefühlten inneren Leere zu befreien.8 Ein ungewisses Ahnen eigener unverbesserlicher Unvollkommenheit im drückendsten Grade umfange z. B. die Indianer Südamerikas und deswegen eilten sie, von solchem melancholischen Mißgefühl durch heftige Aufregung sich zu befreien, d. h. durch den Gebrauch von Koka und anderen Stoffen.

Ja, Männer, die, wie Tolstoi, unfähig waren, in diese Fragen einzudringen, gingen auch in unserer Zeit so weit, als Ursache des Rauchens und Trinkens eine Betäubung des Gewissens und für den Gebrauch des Opiums im malayischen Archipel eine ,,ungenügende Erziehung auf christlicher Grund [10]lage“ heranzuziehen. Solchen unglaublichen Absurditäten begegnet man allenthalben reichlich. Sie sind geeignet, einerseits Erstaunen über die Mängel an Tatsachenkenntnis und des Urteils über den Menschen und seine Triebe hervorzurufen und andererseits den dringenden Wunsch in Erfüllung gehen zu sehen, dass mehr Erkenntnis über die hier in Frage kommenden Probleme in weiteren Kreisen geschaffen würde.

Die mächtigste Triebfeder für die häufige oder die Alltagsverwendung der hierher gehörenden Stoffe liegt in ihren Eigenschaften selbst, in ihrer Fähigkeit, in bestimmter Art und mehr oder minder lange die Funktionen der Lust- bzw. Annehmlichkeitsempfindungen vermittelnden Stellen im Großhirn wachzurufen und die Erinnerung an die empfundenen Gefühle in irgendeinem Umfange wachzuhalten. Die Wirkungsunterschiede zwischen den einzelnen sind groß. Selbst innerhalb der beiden großen Gruppen von Wirkungsmöglichkeiten, nämlich der Erregung und der Lähmung, schwanken die Erscheinungsformen ihrer Energieentfaltung. Sie stellen sich als mehr oder weniger abgestimmt und adäquat dem zeitlichen Zustand des Nervensystems des sie Einführenden dar.

Ebenso verschieden sind die ersten Veranlassungen, zumal für die betäubend wirkenden Mittel. Mag es nun aber die nackte, grundlose Nachahmung sein, die ja auf der Welt so viel närrisches oder verderbliches Tun veranlasst und für manche Menschen als dauerndes Zugpflaster für ihre Neugierde bis zur endlichen Erfüllung wirkt oder das Erkannthaben ihrer euphorischen Wirkung, als das Individuum sie als Arznei zu nehmen genötigt war oder die bewusste Absicht, eine angenehme zeitliche Zustandsänderung seiner selbst herbeizuführen, in eine andere Bahn des Denkens und Empfindens zu kommen, z. B. das zu erreichen, was einst ein Indianer in Guatemala, den man fragte, warum er soviel Aguardiente, d. h. Schnaps, trinke, ge[11]antwortet hat: Der Mensch müsse manchmal „zafarse de su memoria“, d. h. sich vor seinem Gedächtnis Ruhe schaffen – immer ist es die Reaktion der oft zauberhaften, manchem der Mittel eingeborenen Kraft auf das Gehirn, die alles weitere veranlasst, was sich danach im Körper von dem bis zur Sehnsucht anschwellenden Verlangen des Weitergebrauches an bis zu den dadurch veranlassten krankhaften Störungen abspielt.

Ich sah Männer, die zuerst aus Neugierde ein narkotisches Mittel nahmen und von der Wirkung desselben erfasst, zu Gewohnheitsgebrauchern desselben wurden. Verderbliche Popularisierung von Wissensstückchen über die Eigenschaften solcher Stoffe schuf und schafft Adepten in verhängnisvollem Umfange. Davon weiß die neueste Zeit zu klagen, in der die Narkomanie zu einer ungeahnten Höhe anschwoll – so hoch, dass selbst diejenigen, die in Bezug auf die Verbreitung solcher Leidenschaften Pessimisten waren, davon überrascht worden sind.

An mich wandten sich Männer mit nicht ganz unbekanntem Namen um einen Stoff zu erhalten, von dem sie erfahren hatten, dass er auffällige Sinnestäuschungen, Trugwahrnehmungen erzeuge. Sie hofften, von den letzteren angenehme Empfindungen zu erhalten, ja, einer meinte, sie sogar für dichterische Produktionen etwa höherer Ordnung verwerten zu können.

Und so könnte noch mancher andere Umstand als erster Veranlasser des in die Alltagsgewohnheit eintretenden Gebrauches betäubender oder erregender Mittel angeführt werden, denn das Leben und nur die Einzelleben mit ihren unübersehbaren zahlreichen, theoretisch gar nicht auszudenkenden Gestaltungsmöglichkeiten schaffen jene so oft überraschenden, für das Einzelindividuum entscheidend werdenden Ursachen für Normalsein, Kümmerlichsein oder Nichtsein.

[12]

3. Die Bedeutung der persönlichen Veranlagung in Bezug auf fremde Reize, die den Körper treffen.

Legte ich in dem Vorstehenden den letzten Grund der Sucht, solche Stoffe gewohnheitsmäßig zu gebrauchen, in deren oft wunderbare Wirkungseignung für das Gehirn, so ist damit zwar der wesentliche Anteil, den diese an der Entstehung auch der körperlichen Folgen hat, bezeichnet, unbeantwortet bleiben jedoch dadurch eine Reihe von schwerwiegenden Fragen, die auch sonst für das individuelle Leben des Menschen von höchster Bedeutung sind. Vor allem diejenigen, die sich auf die verschiedenartige Reaktion der Menschen unter dem Einflusse nicht nur solcher Betäubungsstoffe überhaupt, sondern auch anderer chemischer sowie andersartiger Einflüsse und auf die Möglichkeit beziehen, sie lange Zeit hindurch, scheinbar ungestraft, auch in Mengen zu vertragen, die, in kurzen Intervallen genommen, für andere körperliches Verderben zu bringen geeignet erscheinen. Schon das primitivste Wissen über sie lehrt ja, dass der größere Teil von ihnen Träger hoher Energie ist, die sich fast ausschließlich auf das Nervensystem erstreckt.

Die Beantwortung dieser Fragen ist seit Jahrtausenden oft versucht und nie gegeben worden. Sie zwingt auf ein biologisches Gebiet hin, das zu den dunkelsten der vielen gehört, die Menschen so gern aufhellen möchten, das Gebiet der Individualität, der Persönlichkeit, der persönlichen Veranlagung, zu dem auch das der Gewöhnung gehört. Kein Problem des menschlichen reaktiven Lebens drängt sich wie dieses dem Geiste auf. Auf Schritt und Tritt sperrt es den Weg und quält den, der auch nur bis zur Schwelle der Erkenntnis seines ganzen Inhalts vordringen möchte, seelisch mehr als irgendein anderes der vielen Wissensbegehrnisse, die nur als Fragen und Fragen aus dem Chaos dunkler, undeutbarer Vorgänge, die wir Leben nennen, zum Lichte, zur Erfüllung emporstreben wollen und – doch [13] immer nur Erkenntnisprobleme bleiben werden. Man leidet hier unter der faustischen Qual des Nichterkennenkönnens und bedauert tief, was gerade in unserer Zeit sich unangenehm bemerkbar macht und schon Molière wiederholt satirisch gegeißelt hat: die Sucht, das, was man nicht wissen kann, in ein nichtssagendes griechisches oder lateinisches Fremdwort zu kleiden oder eine erklügelte Vermutung so oft zu wiederholen, bis törichte medizinische und nichtmedizinische Adepten, des eigenen Denkens unfähig, die Phrase als Wahrheit zu stempeln unternehmen. Nicht gar so selten trifft man heute noch auf Deutungen von Arznei- und Giftwirkungen, die nichts anderes als gelehrt ausschauende Umschreibungen der Wirkungen sind. Man erinnert sich dabei der burlesken Szene in Molières „Le malade imaginaire“, in der Fakultätsmediziner auftreten und in einem lateinisch-französischen Kauderwelsch den als Arzt aufzunehmenden Baccalaureus examinieren. Auf die Frage nach dem letzten Grunde der schlafmachenden Opiumwirkung:

Demandabo causam et rationem quare

Opium facit dormire

antwortet der Examinand:

Quia est in eo

Virtus dormitiva

Cujus est natura

Sensus assoupire

d.h. weil in ihm eben schlafmachende und die Sinne betäubende Eigenschaften lägen. Und der Chor der Examinatoren ruft:

Bene, bene, bene, bene respondere

Dignus, dignus est intrare

In nostro docto corpore.

[14] Gerade Pharmakologie und Toxikologie werden auf diese Weise leider oft zum Tummelplatz auch von Verteilern metaphysischer Ungereimtheiten. Diese Lehren vertragen keine Philosopheme und von solchen ist kein Aufklärungserfolg zu erwarten. Arzneimittel und Gifte wurzeln mit ihrer Energie und Energieübertragung in einer stofflichen Welt, welche Wirkungserscheinungen kommen, aber nach dem Wie? vergebens fragen lässt.

Die in gewissen Grenzen bei Menschen zutage tretende Widerstandskraft oder Widerstandslosigkeit gegen manche mit potentieller Energie, auch von außen an sie gelangte Stoffe ist unerklärbar. Die einzige Annahme besteht, dass es eine verschiedene, das ganze körperliche Leben umfassende Energetik gibt. Diese kann man Lebenskraft nennen. Ich verstehe darunter die Summe aller chemischen, physikalischen und vom Willen beherrschten mechanischen Fähigkeiten, die reaktiv in nicht immer gleicher Form bei Individuen zur Betätigung kommen.

Diese eingeborene, an jeden Teil des Körpers, gleichgültig ob Gehirn oder Nerven oder Muskeln, Drüsen oder Eingeweide, Knochen oder Schleimhäute – an alles, was zellhaltig und nicht zellartig zur Konstitution des Gesamtorganismus gehört – sich knüpfende Energie ist nicht jene mystische Kraft, die man als Spiritus rector, als Archaeus in früheren Jahrhunderten in der Theorie des Körperlebens eine Rolle hat spielen lassen, sondern eine im Körper von Ort zu Ort, in Art und Stärke verschiedenartige, zerstörende, aufbauende, lösende, festigende, unübersehbar kompliziert und trotz aller auch individueller Verschiedenheiten immer gesetzmäßig waltende Arbeitsordnung, von der die schließlich verwirklichte Arbeitsleistung abhängt.

Sie äußert sich aktiv oder passiv in erhöhter oder verminderter Arbeit oder in den verschiedenen Gestaltungen des Ertragens, Nichtertragens oder Andersertragens von [15] Forderungen, die durch innerliche oder von außen kommende fremde Einflüsse reizartiger oder anderer Natur gestellt werden. Die Reaktionsformen auf solche Reize können von Mensch zu Mensch sehr weit, bis zur Unähnlichkeit auseinandergehen.

In diese Verschiedenheiten des individuellen Gesamtlebens bzw. des Reagierens von Körperteilen auf Reaktion heischende Potenzen stofflicher oder nichtstofflicher Natur sind auch einzuschließen der Ausgleichstrieb bzw. die Ausgleichsfähigkeit für Unordnungen, die in dem körperlichen Leben durch körperfremde Einflüsse entstanden sind. Jedes Lebewesen verfügt gegenüber einem es treffenden Schaden über ein gewisses Maß abwehrender und regulatorischer Energie, deren Größe einen ebenso schwankenden Wert darstellt, wie die Energie der normalen Lebensvorgänge. Die Betätigung der Selbsthilfe sehe ich als für das Wohl des Individuums erfolgende Zweckmäßigkeitsakte und nicht als zweckfreie innere Notwendigkeiten an. Ich stimme der Auffassung bei, die Pflüger in seiner teleologischen Mechanik zum Ausdruck gebracht hat: „Die Ursache jeden Bedürfnisses eines lebendigen Wesens ist zugleich die Ursache der Befriedigung des Bedürfnisses“, wobei als Ursache des Bedürfnisses jeder veränderte Zustand der lebendigen Organismen, der im Interesse der Wohlfahrt des Individuums in einen anderen Zustand erfolgt, zu verstehen ist. Die Selbsthilfe erfolgt stets in irgendeinem Umfange, kann aber – wenn es sich z. B. um Gifte einschließlich der Krankheitsgifte handelt – aufhören, wenn deren chemisch-reaktive Kraft die vitale Energie, die Lebenskraft, am Orte der Giftwirkung oder allgemein ausschaltet. Auch die den Geweben innewohnende Reservekraft vermag nicht unter solchen Umständen einen Ausgleich eines abnormen körperlichen Vorganges herbeizuführen.

Vielleicht wäre hier auch die geeignete Stelle auf eine Überlegung kurz hinzuweisen, die ich seit vielen Jahren zum [16] Gegenstand der Darlegung in meinen Vorlesungen gemacht habe. Man könnte nämlich daran denken, dass der Antrieb und die Verwirklichung von Ausgleichsvorgängen gegenüber gewissen körperfremden Einflüssen, die den menschlichen Organismus treffen, nach einem naturwissenschaftlichen Prinzip vor sich gehen, das unter dem Namen des Prinzips vom Widerstand gegen den Zwang oder des Prinzips vom kleinsten Zwang von d’Alembert, Gauss und später von Le Chatelier für chemische bzw. physikalische Vorgänge angegeben wurde. Es heißt: Jeder Zwang, der auf ein im Gleichgewicht befindliches System ausgeübt wird, ruft denjenigen Vorgang hervor, der den Erfolg des Zwanges zum Teil aufhebt (Widerstand der Rückwirkung gegen die Wirkung). Man kann auch sagen: Wird das Gleichgewicht in einem System durch einen äußeren Einfluss gestört, so entstehen Wirkungen, welche diesem Einflüsse entgegenarbeiten. Das Gleichgewicht wird in dem Sinne verschoben, dass der Zwang aufgebraucht wird. Systeme, die den angetanen Zwang nicht vermindern sondern vergrößern, sind nicht im stabilen sondern im labilen Gleichgewicht. Der menschliche Körper besitzt beide Arten. Die Folgerungen, die sich aus der Übertragung des genannten Prinzips auf chemisch-reaktive Vorgänge im menschlichen Körper, z. B. nach Einbringung von narkotischen Stoffen, ziehen lassen, im Einzelnen darzulegen ist hier nicht der Ort. Es mag genügen zu sagen, dass schon jetzt durch diese Betrachtungsweise die Vorstellungen über manche solcher reaktiven vitalen Erscheinungen erleichtert werden können.

Innerhalb der beiden extremsten Möglichkeitsgrenzen der gesamten regulatorischen Kräfte des Gesamtorganismus oder einzelner seiner Teile, von Erfolg bis zum Nichterfolg, gibt es zahlreiche von der Energie des Individuallebens abhängige Unterschiede.

[17] Dieses Stück von meist vererbtem Individualleben, die persönliche Veranlagung, die sich durch kein erkennbares äußerliches Körperverhalten und durch keine Gewebs- oder Säfteverschiedenheit verrät, muss für jeden reaktionsmöglichen Einfluss bewertet werden. Sie besteht nicht nur, sondern drängt sich meistens sogar auf. Ihre große Bedeutung leugnen, ist ein Zeichen medizinischer Unbildung, sie unterschätzen kann verhängnisvoll werden, in ihrem Wesen sie zu erklären wird nie einem Sterblichen gegeben sein. Sie wirkt und ist doch in allen ihren Teilen ein Mysterium. Der Versuch, für ihre Deutung nun gar die inkretorischen Drüsen heranzuziehen, muss, schon weil er eine allzubeschränkte Auffassung der Persönlichkeit verrät, zurückgewiesen werden. Sie stellt eine Gleichung mit so vielen unbekannten Größen dar, dass ihre Auflösung unmöglich erscheint.

Sie bringt es auch zuwege, dass normale körperliche Verrichtungen individuell so verschieden sind. Kaum eine Funktion von Körperorganen, von der Gehirn- und Rückenmarkstätigkeit an bis zu der Arbeit der Drüsen, der Assimilation von Nahrung, den allgemeinen Stoffwechselvorgängen, der Bewegung innerer Organe, der Kraftentfaltung muskulöser Teile, vollzieht sich bei den verschiedenen Menschen in gleich starker Weise. Diesen Verschiedenheiten in der Höhe physiologischer Leistung gleichzustellen sind diejenigen der reaktiven Äußerungen auf körperfremde Einflüsse. Nichts hat, von der ältesten Zeit bis heute, Ärzte und Laien biologisch so in Erstaunen gesetzt, wie die Tatsache, dass Krankheitsursachen, einschließlich der Arzneistoffe, Gifte und Genussmittel einen so verschiedenen Resonanzboden bei gewissen Menschen und Tieren finden.

So wird schon in früher Menschheitsgeschichte mitgeteilt, wie Verwundungen den einen töteten und schwerere den anderen freiließen, wie gewisse Tiere giftige Pflanzen in Mengen aufnähmen, durch die ein Mensch und andere Tiere vergiftet werden könnten. Galen, der große medizinische [18] Geist, dem man viel mehr als ein Jahrtausend in seinen Anschauungen nachging und der dann von manchem, der ihn nicht kannte, als Irreführer bezeichnet wurde, hat über Toleranz für Schädlichkeiten auf der Grundlage der Gewöhnung und Nichtgewöhnung Betrachtungen angestellt, die mehr wert sind, als die modernen, für den Kundigen bedeutungslosen Umschreibungen der einfachen, aber unerklärlichen Wahrheit, dass eben die wechselvolle reaktive Kraft chemischer Stoffe bei gewissen Individuen oder Rassen unter sonst erkennbar gleichen Verhältnissen kleiner oder größer ist als bei anderen oder überhaupt sich bricht an einer bestimmten eigenartigen Organisation des Betroffenen. Dies gilt auch für die Wiederherstellung von Krankheiten, gleichgültig ob es Wunden oder innere Störungen sind. So kann man es z. B. für wahr halten, dass Neger eine größere Heilungsenergie als Weiße für die ersteren haben. Dieser Erfolg ist nicht auf klimatische Bedingungen, sondern auf ihnen innewohnende Eigenschaften zurückzuführen.

Die Icheigenschaft kann für jede Art von Einwirkung: mechanische, chemische oder geistige, bestehen und sich durch Über- oder Unterempfindlichkeit kennzeichnen, die ihrerseits wieder die weitestgehenden Äußerungsformen haben können. Ein körperstarker Mensch kann gegen eine bestimmte stoffliche Einwirkung überempfindlich, ein schwacher unter- oder sogar unempfindlich sein. Die persönliche Eigenart schafft auch jene regelwidrigen Verlaufsarten von Vergiftungskrankheiten, auch durch betäubende oder erregende Stoffe, die, da sie einmal möglich sind, keine Voraussage gestatten. Keine Formel und kein Schema gibt es hier, die einen festen Rahmen für die Beurteilung bieten, denn alle gewollte Begrenzung des Urteils durchbricht die Individualität. Wie der Astronom für die Wahrnehmung mit seinem Auge eine „persönliche Gleichung“ hat, so gibt es wahrscheinlich für jeden Menschen, wie ich es [19] nannte – und kleine literarische Diebe es nachschrieben – eine „toxische Gleichung“, d. h. eine verschiedene Empfindlichkeitsgröße des Gesamtkörpers oder einzelner Organe gegenüber verschiedenen chemischen Stoffen. Sie bringt es zuwege, dass die funktionelle Reaktion auf einen solchen Stoff bei dem einen quantitativ, bisweilen auch qualitativ anders verläuft als bei einem anderen. Das Unfassliche wird auf diesem Gebiete zum Ereignis, dass z. B. von zwei Menschen, die in dem gleichen Räume der gleichen Einwirkung von Kohlenoxyd ausgesetzt sind, der eine leicht erkrankt, der andere stirbt oder mit einem unheilbaren Gehirnleiden oder einer Lungenentzündung oder einem Lungenzerfall oder anderen geweblichen Ernährungsstörungen dem Gifte seinen Tribut zahlt.

Die Umsetzung der Wirkungs- bzw. Gefährdungsmöglichkeit in die Schädigungswirklichkeit vollzieht sich durch alle den menschlichen Körper treffende Einflüsse nicht einheitlich gleich. Keinem Menschen war es bisher gegeben, zu erkennen, warum dies letzten Endes so ist. Auch für alles solches Geschehen gilt noch immer und wird in aller Zeit das Wort Albrechts v. Haller Geltung haben:

Ins Innere der Natur

Dringt kein erschaffener Geist,

Glückselig, wem sie nur

Die äußere Schale weist.

Mit einer sehr viel geringeren sachlichen Berechtigung als es vielleicht einmal von einem Berufenen, am Forschungswerke Beteiligten, geschehen könnte, hat Goethe versucht diesen Ausspruch zurückzuweisen. Für den Dichter „hat Natur weder Kern noch Schale – alles ist sie ihm mit einem Male“. Was aber Haller meinte, ist leider nur zu wahr. In der Biologie und allem anderen, was die Natur als Lösungsproblem von Unverständlichem und Unverstehbarem dar-[20]bietet, gibt es wirklich Schale und Kern: das Sichtbare und das dem Wesenheitserkennen Verschlossene. Vor allem in der Biologie. Wir erblicken allenthalben nur das Zifferblatt des Geschehens, mit seinen Zeigern, allein das Werk mit seiner treibenden Kraft zu erkennen, vermögen wir nicht. Es besteht hier die gleiche Kluft wie auf dem Gebiete des kausalen Erkennenwollens und Nichterkennenkönnens der Entstehung von Lebewesen oder eines ihrer Gewebe oder auch nur einer ihrer Zellen. Die Überzeugung von Kant in dieser Beziehung wird immer wahr bleiben: „Eher wird die Bildung aller Himmelskörper, die Ursache ihrer Bewegungen, kurz der Ursprung der ganzen gegenwärtigen Verfassung des Weltbaues eingesehen werden können, ehe die Erzeugung eines einzigen Krautes oder einer Raupe aus mechanischen Gründen deutlich und vollständig kund wird“. Auch „chemische Gründe“ werden nie zum Ziele führen.

Jeder Mensch trägt seine eigenen, individuellen biologischen Gesetze in sich und jeder ist der Träger seiner eigenen psychologischen Komplexe. Mithin gibt es auch keine psychologischen Konstanten. Jeder Versuch solche zu konstruieren, trägt a priori den Stempel der Unfruchtbarkeit in sich. Es ist aus diesem Grunde eine sichere aprioristische Beurteilung dessen, was an Wechselwirkung zwischen einem Stoff und dem Körper eintreten wird, unmöglich. Es ist bezeichnend, dass auch ein Mann wie Kant die hohe Bedeutung der Individualverschiedenheiten so erkannt hat, dass er an einen Arzt, Marcus Herz, schreiben konnte: „Studieren Sie doch ja die große Mannigfaltigkeit der Naturen.“

4. Toleranz und Gewöhnung.

Den eben vorgeführten Problemen gleichwertig ist das der Gewöhnung, das bereits seit frühester medizinischer Zeit die Denker beschäftigt hat. Die Gewöhnung umfasst körper[21]lich reaktive Ereignisse, die bisher keinerlei Möglichkeit einer begründeten, zuverlässigen Erklärung zuließen. Es handelt sich um die Tatsache, dass in jeder Leistungssphäre des tierischen Körpers ein von außen kommender Einfluss, der an sich geeignet ist, eine bestimmte funktionelle Reaktion auszulösen, bei wiederholter Einwirkung, unter sonst gleichbleibenden Bedingungen seiner Form und Masse, allmählich an Wirkung evtl. bis zum Versagen verliert.

Allenthalben im körperlichen Leben begegnet man diesem Ereignis. Wenn durch Druck auf eine Hautstelle, z. B. beim Rudern, Schmerzen und örtliche Veränderungen entstanden sind, so wird, falls sich die wirkende Ursache häufig wiederholt, nach und nach eine Abstumpfung derart eintreten, dass die gleiche Summe der mechanischen Leistung kaum noch empfunden wird und weiterhin örtliche Veränderungen ausbleiben. Dies kann, braucht aber nicht einmal die Folge von Schwielenbildung zu sein. Die sensiblen Nerven können, auch ohne dass eine Schwiele sie schützt, gegen die bezeichnete Art von Insult eine mindere Empfindlichkeit erlangt haben. So sah ich wiederholt, dass Gärtner, die speziell mit Kakteen arbeiteten, bei der Hantierung mit Mamillarien oder Echinokakteen an den Händen viele eingedrungene Stacheln trugen, ohne sonderlich dadurch belästigt zu werden, während bei einem nicht daran Gewöhnten schon ein einzelner infolge seiner Stechwirkung das lebhafte Bedürfnis nach Entfernung erregt.

Ähnliches an den Funktionen von Sinnesnerven zu sehen, bietet sich oft, besonders im praktischen Betriebsleben, Gelegenheit. So wird das Stampfen von schweren Maschinen, das Fallen des Dampfhammers, die Arbeit von vielen Klöppelmaschinen von den berufsmäßig solchen Geräuschen Ausgesetzten ebensowenig unangenehm empfunden als das Abschießen oder die Detonation krepierender Projektile von [22] Soldaten im Kriege schließlich empfunden wird. Alle Sinnesorgane können bei oft wiederholter Wirkung einer gleichen sie reizenden, erschütternden, ihre Funktion in irgendeinem Intensitätsgrade auslösenden Ursache, wie man sagt, eine Abstumpfung ihrer Empfindlichkeit erlangen und erkennen lassen.

Die Art der wiederholt wirkenden Ursache ist in Beziehung auf das schließliche Ergebnis, nämlich die Minderung der subjektiven Wahrnehmung, im Großen und Ganzen von keinem Belang. Jede Reizqualität, deren es ja unübersehbar viele gibt – so viele, dass z. B. selbst schon in der Gruppe der Hautreizmittel, die scheinbar alle die gleiche Einwirkung auf gleicher Grundlage entfalten, ein jedes unterschiedlich von dem anderen wirkt – , vermag eine Abstumpfung der Empfindlichkeit herbeizuführen. Mechanische, thermische, luminare, chemische sind in ihrem diesbezüglichen Endergebnis gleich. Dies erkennt man als eine Wahrheit, wenn man bei dem erstmaligen Aufenthalt in einem Schiffsheizraum durch die strahlende Hitze glaubt ersticken zu müssen und ihn alsbald wieder verlässt, aber bei öfterer Wiederholung von solchen Unerträglichkeitsgefühlen sich frei fühlt. Wenn man zum erstenmal in dem Laderaum eines Akkumulatorenwerkes verweilt und die nebelartig aufstrebende Schwefelsäure Reizwirkungen auch höchsten Grades mit den entsprechenden Symptomen in den Luftwegen veranlasst, so hält man es für unmöglich, dass ein berufsmäßiger Daueraufenthalt in einem solchen Räume möglich sei – und doch arbeiten Menschen darin, ohne erkennen zu lassen, dass die Säure an der Schleimhaut ihrer Luftwege subjektiv das erzeugt, was man selbst so unangenehm und unerträglich empfunden hat.

Was unter solchen Verhältnissen, deren sich allein auf dem Gebiete der Beschäftigung mit chemischen Stoffen Hunderte anführen ließen, als materielle Berührungswirkung auftritt, findet erfahrungsmäßig seine Analogie in der Sphäre seelischer Beeinflussungen. Auch hier stumpfen sich Empfindungen verschiedenster Art und Grades, z. B. Ekel, Furcht, Trauer, ja vielleicht sogar Liebe bei langem Bestehen ab. Psychische Eindrücke von größter Lust bis zur stärksten Unlust, von höchster Freude bis zum tiefsten Schmerz verlieren, wenn sie andauernd auf Menschen einwirken, immer mehr und mehr an Einfluss. Es tritt Gewöhnung an sie ein und der Maßstab ihrer Einwirkungen, die subjektiven Empfindungsäußerungen, mit denen jene Affekte gewöhnlich beantwortet werden, bleiben allmählich aus: „L’habitude emousse le sentiment.“9

Wie, wodurch und in welchem Umfange aber auch immer ein Gewöhnungszustand eingetreten ist – niemals besitzt er den Charakter des Absoluten. Es ist als eine Gesetzmäßigkeit anzusprechen, dass jeder dieser Zustände aufhört der zu sein, der er ist, falls der stoffliche Einfluss, der ihn veranlasst hat, in seiner Masse mit einem Male in die Höhe gesprungen ist oder wenn eine Gefahr, an die man so gewöhnt gewesen ist, dass angesichts ihrer die abwägende Besonnenheit nicht mehr als notwendig erachtet wurde, plötzlich einen höheren Umfang oder eine schlimmere Gestalt annimmt oder wenn das gewohnheitsmäßige Abgestumpftsein gegen ein Leiden durch dessen akute Verschlimmerung die bisherigen Empfindungshemmungen beseitigt, also den Toleranzumfang verkleinert. Die gewohnheitsmäßige Toleranz besteht demnach nur für eine bestimmte letzte Summe und eine bestimmte letzte Art eines Gewöhnung erzeugenden Einflusses. So kommt es, dass eine jähe Steigerung der letzten ertragenen Dosis von Morphin oder Kokain oder Nikotin oder Koffein den Gewöhnten so zu vergiften vermag, als wenn sein Körper durch den vorgängigen langen Gebrauch derartiger Stoffe eine relative Sicherung gegen Giftwirkungen nicht erlangt hätte.

Bis zu den einzelligen Lebewesen herab kann man den Einfluss der Gewöhnung verfolgen. Eine Süßwasser [24] amöbe stirbt, wenn man dem Wasser, in dem sie lebt, plötzlich so viel Kochsalz hinzufügt, dass es 2 Proz. enthält. Setzt man dagegen dem Süßwasser allmählich von Tag zu Tag 1/10 Proz. Kochsalz hinzu, so gelingt es, die Amöbe auf einer immer stärkeren Lösung zu züchten, so dass sie endlich auch in einer 2prozentigen Kochsalzlösung leben kann. Bringt man sie in Süßwasser zurück, so stirbt sie. Meerwasser-Amöben und Rhizopoden bleiben am Leben, wenn durch allmähliche Verdunstung das in einem offenen Gefäß stehende Meerwasser selbst einen Gehalt von 10 Proz. an Salz erreicht hat.

Das Wachstum der Bierhefe wird schon durch 0,17 g Fluorwasserstoff im Liter aufgehoben, während die an das Mittel gewöhnte noch in einer Lösung von 1 g im Liter wächst. Der Pneumobazillus geht durch eine Sublimatlösung von 1:15000 zugrunde, wächst aber nach der Akkommodation in einer Lösung von 1:2000 Wasser.

Die Plasmodien von Aethalium septicum können sich an Zuckerlösungen gewöhnen. Der Schimmelpilz, Aspergillus niger, gewöhnt sich an Nährböden mit steigendem Kochsalzgehalt und durch langsame Konzentrationssteigerung an 28 Proz. Natronsalpeter- oder auch an 52 Proz. Glyzerinlösung. Ein anderer Schimmelpilz, Penicillium glaucum, kann nach längerer Entwicklung auf Nickelsulfat enthaltendem Nährboden dahin gebracht werden, die zehnfache, anfangs entwicklungshemmende Menge davon zu vertragen. In ähnlicher Weise konnte dieser Pilz an Kobalt-, Cadmium-, Quecksilber- und Thalliumsalze gewöhnt werden. Schimmelpilze kann man ferner durch geeignetes Einwirkenlassen steigender Konzentrationsgrade an Äthylalkohol von 2-8 Proz. gewöhnen, ja, sogar an Amylalkohol, an Fusel. Während bei dem Schimmelpilz 0,1 Proz. davon jede Fruktifikation verhindert, kann daran gewöhntes Penicillium noch auf einem Nährboden mit 0,4 Proz. Amylalkohol fruktifizieren.

[25] Rhizopus nigricans wächst gut in einer Morphinlösung von 0,005 Proz. Höhere Konzentrationen beeinträchtigen sein Wachstum. Indessen schon nach einer fünftägigen Vorbehandlung gedieh er am besten in einer 0,5 proz. Lösung.

Plasmodien von Physarum gewöhnen sich an arsenige Säure, die ihnen anfänglich feindlich ist und Penicillium brevicaule sowie andere Schimmelpilze besitzen sogar die, für die gerichtliche Chemie so wertvoll gewordene Fähigkeit, sie in riechende gasige Produkte überzuführen.

Auch höher organisierte Lebewesen weisen durch Gewöhnung Toleranz gegen Gifte der verschiedensten Art auf. So können sich Kaninchen an Jequirity (Abrin) derart gewöhnen, dass selbst die vierfache Menge eines Aufgusses davon, die sonst den Tod herbeiführt, ohne Störungen des Allgemeinbefindens vertragen wird. Selbst an Curare kann bei Hunden und Kaninchen durch allmähliche Steigerung der Dosen eine gewisse Anpassung an das Gift herbeigeführt werden. Man mussdie Menge bald erhöhen, um die nach den ersten Gaben beobachteten Vergiftungssymptome hervorzurufen. So werden Pferde, die Galeopsis tetrahit im Futter aufnahmen, anfangs dadurch stark vergiftet, gewöhnen sich aber schließlich daran.

Ähnliche Beispiele ließen sich viele anführen, z. B. entsprechende Vorkommnisse bei Tieren, die man mit Atropin, einem der Wirkungsstoffe der Tollkirsche, behandelt hat. Mag man Hunde mit kleinen oder großen Mengen dieser Substanz längere Zeit hindurch vergiften, stets findet man nach wenigen Tagen, dass eine Reihe allgemeiner Vergiftungssymptome nicht mehr auftritt, z. B. die Hyperaesthesie der Haut, das Zittern des ganzen Körpers, die Unruhe usw. Schon nach 5-10 Atropineinspritzungen kann man sie nicht mehr von ganz normalen unvergifteten Tieren unterscheiden. Ja, selbst ein örtlich so brutal ätzender Stoff, wie Dimethylsulfat, ließ bei einigen Kaninchen, die damit in allmählich steigenden Dosen gefüttert wurden, an einem Tage bis 0,15 [26] bzw. 0,2 g ohne plötzliche Vergiftung geben, während 0,075 g andere nach 24 Stunden wohl stets töten.

Tiere, die zum ersten Male der Einwirkung des Kohlenoxydgases ausgesetzt werden, zeigen eine stärkere Beeinflussung, z. B. in Bezug auf ihre Körperwärme, als diejenigen, die schon daran gewöhnt sind.

In gleicher Weise findet Gewöhnung an physikalische Faktoren, z. B. an verdünnte Luft auf hohen Bergen statt. An Orten Boliviens, wie Bogota, Potosi, La Paz und anderen, die sich bis 2600-4000m erheben, findet man die körperliche Leistungsfähigkeit der Einwohner in nichts unterschiedlich von derjenigen der Bewohner des Flachlandes. Es handelt sich hierbei um Höhen, die der des Montblanc gleichkommen, wo Saussure kaum noch Kraft besaß, seine Instrumente abzulesen, während seine Führer, abgehärtete Bergbewohner, ohnmächtig wurden. Während der Nichtgewöhnte in großen Höhen anfangs eine auch bei absoluter Ruhe nachweisbare und bei Bewegung viel stärker auftretende Pulsbeschleunigung bekommt, wozu sich meistens Herzklopfen, Oppression und allgemeines Unbehagen gesellt, wird der Puls bei Gewöhnten nach 8-10 Tagen normal und nur seine Spannung bleibt erhöht. Ebenso verhält sich die Atmung, die anfangs häufiger, später normal wird.

Eine solche Höhenanpassung trat in besonders deutlicher Weise bei den an dem Besteigungsversuch des Mount Everest im Jahre 1922 Beteiligten zutage. Anfänglich stellten sich Atemnot und Kopfweh und bei 5000 m Cheyne-Stokessche Atmung ein. Auf etwa zehn oberflächliche Atemzüge folgten einige, die allmählich tiefer wurden und in drei oder vier tiefen Zügen gipfelten, die sich dann wieder verflachten, bis die Runde von neuem begann. Nach mehrwöchentlichem Aufenthalt schwanden alle unangenehmen Erscheinungen. Die Schnelligkeit der Angewöhnung zeigte sich auch bei schwieriger Bergarbeit. Die Anpassungsfähigkeit dauerte schon nach wenigen Tagen in einer Höhe von 6400 m an.

[27] Was im Anfange in Überwindung von Schwierigkeiten Kampf gekostet hatte, wurde dann zu leichter Verrichtung. So wurde es möglich, ohne Sauerstoff bis 8200 m vorzudringen. In dieser großen Höhe vollzog sich gleichfalls die Anpassung sehr schnell.

Noch eine andere Erfahrung: In der Südbretagne ist die Luft so stark mit Salz getränkt, dass manche nach den ersten Tagen des Aufenthalts einen schmerzhaften, kolikartigen Zustand bekommen, der drei bis acht Tage andauert. Hat man ihn überstanden, so kehrt er nicht wieder.

Es gibt kaum ein Gewebe des Körpers, das durch eine geeignete Behandlung nicht zu einer Toleranz gegenüber einem sonst schädlichen Einfluss gezwungen werden und kaum einen funktionsverändernden Stoff im weitesten Sinn des Begriffes, der durch Gewöhnung an ihn nicht teilweis oder ganz seine Wirkung an bestimmten Geweben verlieren kann.

Nach meinen Versuchen scheint nur die Gruppe der den Blutfarbstoff verändernden Gifte und der Phosphor hierin eine Ausnahme zu machen.

Die Anpassung der Gewebe vollzieht sich, wie ich schon hervorhob, meistens in größerem Umfange nur für ein gewisses äußeres Verhältnis oder für einen bestimmten Stoff, während sie für einen selbst ähnlich wirkenden fehlen kann. Modifikationen dieses Erfahrungssatzes kommen vor. Einreibung von Krotonöl in die Haut des Kaninchenohres ruft für einige Wochen eine Art von Immunität hervor, die sich darin äußert, dass nach vollständigem Ablauf der Entzündung die betreffende Stelle auf eine erneute Einwirkung desselben Reizes nicht mehr in der gleichen Weise, sondern erheblich schwächer reagiert. Es ließ sich ferner nachweisen, dass auch eine Vorbehandlung mit anderen entzündungserregenden Stoffen die Haut gegen das Krotonöl widerstandsfähiger macht und dass umgekehrt eine vorausgegangene Krotonölentzündung einen gewissen Schutz sogar gegen andere Entzündungserreger ge[28]währt. Die Reizgewöhnung, die auch ohne sichtbare entzündliche Veränderung zu erzielen ist, kann mehrere Wochen anhalten, dann aber nicht gleichzeitig gegenüber allen gewebsreizenden Einflüssen schwinden, sondern am längsten gegenüber demjenigen Reizstoff bestehen bleiben, an den die Haut systematisch gewöhnt worden war. Analoges fand man im Experiment an Menschen. Behandelte man Psoriasiskranke mit dem Reizstoff Chrysarobin in ganz allmählich steigender Konzentration, so wurden die betreffenden Hautstellen nicht nur gegen Chrysarobin weniger empfindlich, sondern auch gegen andere Reize, wie z. B. gegen Kantharidenpflaster und Krotonöl. Hierbei zeigte sich, dass die Toleranz gegen diese letzteren Stoffe bei einer Kranken schon wieder, verschwunden war, während die gegen Chrysarobin noch wochenlang anhielt.

Experiment und praktische Erfahrung liefern in allen diesen Beziehungen die gleichen Ergebnisse. Hundert- und tausendfach lehren sie, wie seitens des Menschen an die verschiedenartigsten Einflüsse Anpassung durch Gewöhnung stattfinden kann und zwar soweit einzelne Organe, z. B. das Gehirn oder der Gesamtorganismus in Frage kommen, so dass auch wohl ein dafür geeigneter Mensch als Präservativ gegen Schlangengift oder Cholera – wie dies einmal in Ostasien beobachtet wurde – sogar die strychninhaltigen Samen von Strychnos Ignatii oder Strychnos nux vomica ohne Steigerung der Menge Jahr und Tag innerlich gebrauchen kann.

Wie ist ein solches Verhalten zu erklären? Es leuchtet von vornherein ein, dass die jeweilig das Phänomen der Gewöhnung auslösende Ursache nicht auch den Grund der Gewöhnung abgeben kann, dieser vielmehr nur in dem betroffenen Individuum liegen muss. Schon fast 400 Jahre vor unserer Zeitrechnung wurde ausgesprochen: „Von allen Arznei- und Giftpflanzen werden die Wirkungen durch Gewohnheit schwächer. Bisweilen werden sie dadurch ganz unwirksam. Die Natur des Menschen besiegt sie, als wären sie keine Gifte mehr.“ Hier wird der menschliche Körper [29] kraft seiner Organisation zum Zerstörer der Giftfähigkeit bzw. der Giftwirkungen gemacht. Anders etliche Jahrhunderte später Galen: Er erzählt, wie ein altes athenisches Weib sich dadurch an Schierling gewöhnt habe, dass sie, mit kleinen Mengen beginnend, zuletzt davon auch sehr große ungestraft hat nehmen können, weil ,,im Beginne die kleine Giftmenge nur durch ihre Kleinheit besiegt wurde, die Gewöhnung aber das Mittel zu einem natürlichen, verwandten machte“.10

Mancherlei Vorstellungen über den letzten Grund des Geschehens bei der Gewöhnung, z. B. an Morphin oder an ähnlich wirkende Stoffe, sind möglich. Ich weise diejenige zurück, die darauf hinausläuft, es mehr als möglich sein zu lassen, dass nach Maßgabe der eingeführten Menge des Gewöhnungsstoffes sich im Körper ein in das Blutserum übergehendes Gegengift, ein „Antitoxin“, bilde, das nicht nur die betreffenden Individuen schütze, sondern sogar in so reicher Menge erzeugt werde, dass auch fremde, dessen bedürftige Menschen noch von der antitoxischen Eigenschaft eines solchen Blutserums Vorteil haben können – eine um so befremdlichere und unwahrscheinlichere Annahme, als ja ein chronisch vergifteter Zellkomplex trotz anfangs gewiss erhöhten Kraftaufwandes für seinen Selbstschutz, weiterhin stets dem Gifte erliegt.

Tatsächlich haben aber nicht wenige und darunter auch meine eigenen Versuche bewiesen, dass eine Bildung von „Antitoxinen“ gegenüber Alkaloiden, Glykosiden, Stoffen aus der Fettreihe oder aromatischen Körpern oder unorganischen Stoffen nicht stattfindet. Es bildet sich kein Morphin- oder Kokain-Antitoxin im Blute und wenn ein angebliches „antitoxisch wirkendes Serum“ aus Tieren dargestellt worden ist, die mit einem dieser oder anderer Gifte chronisch ver[30]giftet wurden, so wolle man annehmen, dass es sich hier um eine unzulängliche Beobachtungskunst gehandelt habe, die auf keinem anderen Gebiete so wie gerade auf diesem Ereignis geworden ist. Der Spuk von Vermutungen verbreitet sich leicht infektiös und Nachbeter, deren die Welt voll ist, finden suggestiv das leicht, was sie glauben finden zu müssen, weil andere glauben, das Richtige gefunden zu haben. Falls irgendein „antitoxisches Serum“ bei einem Kranken einen zeitlichen symptomatischen Erfolg erzeugt, so ist es, was ich zuerst bestimmt aussprach11 und was jetzt von sehr vielen als Überzeugung geteilt wird, das eingespritzte körperfremde Eiweiß, dem dies zuzuschreiben ist. Dies gilt auch für die sogenannten „Heilsera“, die keinerlei „spezifisches Antitoxin“ enthalten.

Ich halte es gleicherweise für unerwiesen und falsch, dass die Gewöhnung an Gifte, wie Morphin, auf die sich immer mehr steigernde Fähigkeit des Organismus, das Morphin zu zerstören, zurückzuführen sei und darauf beruhe. Schon der Nachweis, dass das Gehirn von Ratten, die gegen Morphin immunisiert worden sind, noch eine Stunde nach der Vergiftung, ohne Symptome zu zeigen, größere Giftmengen enthält, als das Gehirn eines nicht immunen Tieres, das durch eine solche Dosis schwer vergiftet ist, spricht dagegen.

Meine Auffassung über das Wesen der Gewöhnung an Gifte habe ich wiederholt zum Ausdruck gebracht12 und sie ist so Gemeingut geworden, dass mancher, der sich danach [31]

über das gleiche Problem vernehmen ließ und sie als zutreffend erkannt hat, schließlich in geistig kommunistischer Anwandlung der Meinung war, dass sie ihm entstammt sei.

Sie stellt sich in folgender Weise dar. Denkt man sich, es wirke ein reaktionsfähiger Stoff einmal auf gewisse Zellkomplexe im Körper ein, so wird irgendeine funktionelle, mehr oder minder erkennbare, ungewohnte Äußerung ihrerseits erfolgen. Die Rückkehr zum üblichen Zustande erfolgt, wenn außer der Erholung der beeinflussten Gewebe die einwirkende Substanz von ihnen frei wird. Bei häufiger Zufuhr eines mit chemischer Energie versehenen Stoffes findet aber weder das Eine noch das Andere statt. Jede neu eingeführte Menge findet noch Reste der früheren und eine eventuell irgendwie veränderte Funktionsfähigkeit des beeinflussten Gebietes vor.13 Während die Zelle durch ihr Leben, d. h. ihre durch chemische oder physikalische Vorgänge erlangten Spannkräfte, eine Zeitlang imstande ist, einen ihr zugeführten fremden, reaktiven, nicht assimilierbaren Stoff in irgendeiner Weise, auch in seinen Wirkungsfolgen zu überwinden, wird sie bei seiner immer wieder erneuten Zufuhr in immer wieder erneuter Inanspruchnahme nicht nur nicht zur Ruhe kommen können, sondern es wird auch ihre Leistungsfähigkeit in dem Vollzuge ihrer üblichen funktionellen Aufgaben und der Überwindung des ihr wesensfremden, auf sie feindlich, reizend oder lähmend wirkenden Stoffes sich allmählich mindern. Jede neue Dosis findet eine Wirkungsbasis von minderer funktioneller Reaktionsfähigkeit vor. Um sie auf ein erforderliches Niveau zu heben, muss eine fortschreitende Steigerung des wirkenden Fremdstoffes erfolgen. Der Vorgang der Abstumpfung der Zellenergie wiederholt sich immer wieder von neuem, bis schließlich bei einer gewissen Dauer des ganzen Prozesses und einer bestimmten, individuell verschiedenen Menge des aufgenom[32]menen Stoffes die Lebensvorgänge in der Zelle nur noch ausreichen, um zu vegetieren, d. h. sich zu ernähren, aber weder genügen für die Abwehr bzw. die Regulation der ihr dauernd zugefügten Leistungsschädigung noch für eine normale physiologische Tätigkeit einschließlich der Aufrechterhaltung der notwendigen Wechselbeziehungen zu andersartigen Organen des Körpers.

Mithin beruht nach meiner Auffassung die Gewöhnung an Arzneimittel und Gifte, die ich als rein vitale Funktion ansehe, nicht auf einer erhöhten Leistungsfähigkeit, sondern auf einer progressiv zunehmenden, wahrscheinlich durch chemischen Einfluss bedingten Schwäche des Zelllebens. Die Adaptation ist die erworbene Unfähigkeit, auf eine bestimmte Summe von Reiz in normaler Weise zu reagieren.

Durch diese wehrlose Schwäche, als Produkt der allmählichen Anpassung, wird in gewissen Grenzen eine Immunität für die Giftwirkung des Reizmittels erlangt. Wird durch ein Übermaß des Mittels die Toleranzzone weit überschritten, so treten Giftwirkungen wie bei Nichtgewöhnten ein: die vegetative Sphäre der geschwächten Zellgruppen wird in ihrer Existenz bedroht und dann geraten auch Funktionen anderer in Unordnung, die von ihnen, auch regulatorisch, beeinflusst werden. Es besteht ja in gesundem Zustande ein inniger, harmonischer, funktioneller Zusammenhang der Körperorgane untereinander. Das normale Verhältnis lässt sich vielleicht als das einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung auffassen, in der zwar die einzelnen Gesellschafter eine verschieden große Wertigkeit haben, die aber trotzdem die zweckmäßige Zusammenarbeit aller mit dem auf die Erhaltung normaler Gesamtlebensfunktionen gerichteten Ziel einschließt. Leidet ein Verpflichteter von ihnen, so werden andere in Mitleidenschaft gezogen, versuchen auch bis zu der Grenze [35] ihrer Leistungshöhe für ihren Teil den vorhandenen primären Schaden auszugleichen, gehen dann aber nicht selten, bei dem Versagen ihrer Kraft, ihre eigenen, ihnen vorgeschriebenen Leidenswege. Das Gesellschaftsband ist in irgendeinem Umfange zerrissen und schwer oder nie wieder verknüpfbar. Solche Abhängigkeitsleiden können sich bei jeder krankhaften Störung aus irgendeiner Ursache herausbilden und schlimmer werden als das primäre Leiden.

Wird dem durch Gewöhnung funktionell anders gewordenen Organ, z. B. dem Gehirn, das verursachende Mittel in irgendeinem Umfange entzogen, so wird dadurch der bisher künstlich aufrechterhaltene Gleichgewichtszustand im Ertragen des fremden Einflusses und der Funktion in allen ihren Ausstrahlungen gestört. Das Zelleben war auf das Mittel eingestellt oder wurde von ihm beherrscht und so tritt, wenn es fehlt, Verlangen danach ein. Es erinnert dies an den Salzhunger, den man bei langer Enthaltung dieser Substanz hat. So wie diese als notwendiger Bestandteil des Körpers eingeführt werden muss, so werden auch gewisse narkotische und sogar gewisse nichtnarkotische Mittel durch den gewohnheitsmäßigen Gebrauch für das Gehirn gewissermaßen zu integrierenden Bestandteilen und ihr Fehlen wird so wie der eines elementaren Körperbestandteils empfunden. Man könnte auf diese Weise sagen, das Morphin z. B. werde für einen Morphinisten zu einem Hormon. Es tritt in die Körperverwandtschaft ein. Es wird, wie Galen14 es ausdrückte, „ούμφυτον“.

So konnte ein Mann vier bis sechsmal täglich drei Jahre lang 0,1– 0,2 g Chininsalz sich auf die Zunge schütten und ohne Wasser zu trinken, verschlucken. Nach dem Grunde dieses eigenartigen Verlangens gefragt, gab er an, dass er die Wirkung des Mittels liebe. Wenn er es zu nehmen aufhörte, würde er verworren und könnte seinen geschäftlichen Pflichten nicht mehr ordentlich nachkommen. Und [34] so ist es wahrscheinlich jenem alten Weibe ergangen, von dem Galen angab, dass es sich nach und nach an „Cicuta“, d. h, an den gefleckten Schierling – wohl nicht an den Wasserschierling – gewöhnt habe und so gewöhnten sich sogar die Völker, welche die Spanier auf der Küste von Paria trafen, an den Ätzkalk, mit dem sie ihre Geschmacksorgane reizten, wie es heute noch die Goajiros an der Mündung des Rio la Hacha und Andere tun. Ein Entbehren dieses Reizmittels ruft Störungen in ihrem Allgemeinbefinden hervor.

Ob die Zellwirkung solcher Stoffe mit deren Bindung in der Zelle zusammenhängt15und ohne eine solche nicht denkbar ist, darüber kann man nur Vermutungen hegen. Ich sehe eine Notwendigkeit einer solchen Annahme nicht ein, zumal gerade für die hauptsächlich hier in Frage kommenden narkotischen Stoffe, wie Morphin, Kokain usw., die Bindungsfähigkeit mit dem Zelleib bisher in irgendeiner Ausdrucksform vergeblich gesucht worden ist. Aber selbst, wenn dies der Fall sein sollte, so würde es an meiner analytischen Auffassung des Vorganges nichts ändern; denn letzten Endes ist es für den Erfolg gleichgültig, ob Bindung durch den Zelleib oder vielleicht nur Kontaktwirkung vorliegt. Das Wesentliche liegt darin, dass die Zelle in die Abhängigkeit von einer solchen Substanz gerät. Die Abhängigkeit kann zwangsweise durch deren Entziehung aufgehoben werden. Sie wird dann im günstigsten Falle durch die Kräfte, die immer noch in ihr sind oder die sie durch das Leben neu erhält, funktionell so wieder zu sich kommen, wie ein Chloroformierter oder Ätherisierter, bei welchem Ganglienzellen der Großhirnrinde in ihrer Funktion zeitlich gemindert oder ausgeschaltet waren, nach dem Fortlassen des Mittels wieder in den Normalzustand gelangt. Trotzdem kann in der funktionellen Konstitution der Zelle eine gewisse allgemeine Um [35]stimmung erfolgt sein, die nicht weicht und sich bei irgendeiner Gelegenheit durch leichte Rückfälligkeit in ihr altes Abhängigkeitsverhältnis von einem solchen Mittel bemerkbar macht. Veranlassung hierzu gibt bei dem betreffenden Menschen, bei geeigneter Gelegenheit, meistens die Rückerinnerung an die Annehmlichkeitsgefühle, von denen er in der früheren Gebrauchszeit umfangen war. Die zurückgebliebene allgemeine Willensschwäche – auch eine Folge der Umstimmung des Zellebens gleich derjenigen, die die alten Lustgefühle noch lebendig sein lässt – kann dem erneuten Gebrauch keinen Widerstand mehr entgegensetzen und so erfolgt der Rückfall.

Hier wirken materielle Einflüsse. Ähnlich liegen ja aber auch die Verhältnisse in dem rein seelischen Empfindungsleben. Die Liebe zu einem Weibe kann z. B. zu einer Leidenschaft ausarten, gegen die es keine Wehr gibt, die das Leben des Liebenden in Bezug auf Urteil Wille und Tun so in andere Bahnen lenkt, dass sogar natürliche Hemmungen ausgeschaltet werden. Die Anpassung an dieses andersartige, neue Gefühlsleben erfolgt, selbst wenn dem Individuum daraus Nachteile erwachsen, um so sicherer und fester, je häufiger der persönliche Eindruck des geliebten Gegenstandes zur Wirkung kommt. Wird das Weib als Veranlasserin eines solchen Zustandes unauffindbar dem Gesichtskreis des Liebenden entzogen, so bleibt gewöhnlich eine reizbare Schwäche zurück, die ihn seinem früheren Zustande nicht leicht gleich werden lässt. Er lebt in der Rückerinnerung, die auch wohl verblassen, aber erneut zu der alten Leidenschaft mit allen ihren Folgen aufflammen kann, sobald das Weib wieder in seinen Gesichtskreis gerückt ist.

In Bezug auf die Annehmlichkeitsgefühle als Triebfedern des Gebrauches gibt es schon unter den einzelnen narkotisch wirkenden Stoffen weite Unterschiede. Sie sind die Ursache des größeren oder geringeren Verlangens danach. Der Grund solcher Verschiedenheiten ist exakt nicht angebbar. Wahr [36]scheinlich liegt er in feineren Unterschieden ihrer Reizqualitäten. Bis jetzt vermögen wir der Wirkung und der durch Gewöhnung erlangten allmählichen Anpassung an solche Stoffe nur funktionelle Äußerungen der Zelle zu erkennen, die letzten Endens als chemische aufgefasst werden sollten. Eine morphologische Veränderung an der Zelle war bisher sicher nicht zu erweisen. Wo Abweichungen im feineren mikroskopischen Gewebsbau von Gehirn und Rückenmark sich angeblich gezeigt haben, beruhten sie meiner Ansicht nach auf Beurteilungsfehlern. Selbst da, wo man im Experiment, z. B. bei der Gewöhnung an Hautreize, histologisch die betreffenden Hautstellen genau untersucht hat, fehlten pathologische Veränderungen. Narkotika zeichnen ihre Wirkungen, erkennbar, nicht in das Nervensystem ein. Trotzdem ist es möglich, dass Veränderungen vorhanden sind.

5. Immunität gegen Gifte.

Auf dem so vielgestaltigen Boden des Individualismus im weitesten Sinne des Begriffes erwächst bei bestimmten Lebewesen die Erscheinung einer deutlich angeborenen, bisweilen, dem Anscheine nach, absoluten Immunität gegen bestimmte Vollbringer von Giftwirkungen und andersartige Schädiger, die, wie auf den vorstehenden Blättern ausgeführt wurde, wenn überhaupt, so doch nur bis zu gewissen Grenzen durch allmähliche Gewöhnung an steigende Dosen erreichbar ist. Es sieht fast so aus, als ob nicht nur in einzelnen Tierklassen, sondern auch bei Menschen derartiges vorkommen könne, z. B. in Bezug auf das Unterbleiben von Wirkungenbei solchen, die in großen, gefährlichen Epidemien den Umständen nach Krankheitsstoffe in sich haben aufnehmen müssen und dennoch gesund geblieben sind. Ich habe mich jedoch bisher nicht davon überzeugen können, dass bei Menschen eine Immunität von vornherein für bekannte chemische Gifte bestände. Wo man glaubte, eine solche an[37]nehmen zu dürfen, waren es wohl, wie z. B. bei der Einwirkung giftiger Gase, äußere Umstände, die auf das Nichtentstehen von Vergiftung bestimmend wirkten oder es handelte sich um Mengen, die nicht ausreichten, um bei den Betreffenden, Unterempfindlichen, akute, in die Augen fallende Störungen hervorzurufen. Solche hochgradigen Unterempfindlichkeiten, wie sie z. B. für Äthylbromid, Äthylchlorid, Chloroform vorkommen, sind nicht den Immunitäten gleichzusetzen, die man bei manchen Tieren gegenüber Giften wahrnehmen kann, die unter allen Umständen bei Menschen Wirkungen zu veranlassen geeignet sind. In der Organisation solcher Tiere müssen in dieser Beziehung bestimmende Eigenheiten liegen, die sie manche Gifte – soweit dies erkennbar ist – unbeschadet aufnehmen lassen.

Von dem Igel, der bisher als ein in mancher Beziehung „giftfestes“ Tier gegolten hat, erbrachte ich den Nachweis,16 dass er in der Tat z. B. große Mengen von spanischen Fliegen oder Kreuzottergift verträgt, dass diese Widerstandskraft jedoch nur eine relative ist. Ja, die Kreuzotter selbst erwies sich in meinen Versuchen nicht absolut immun gegen ihr eigenes Gift, sondern nur in einem bestimmten Mengenverhältnis. Außerdem zeigte sich bei ihr unter solchen Umständen eine beträchtliche Wirkungsverzögerung.

Auf diesem Gebiete gibt es jedoch so bestimmte weitere Beobachtungen auch über absolute Immunitäten gegen starke Gifte, dass man – die Richtigkeit vorausgesetzt – annehmen muss, dass dann eben bei solchen Lebewesen die Angriffsflächen dafür so anders als bei anderen Tieren und Menschen sind, dass eine toxische Reaktion nicht auslösbar ist. So wirkt z. B. Mucor rhizopodiformis, ein Schimmelpilz, auf Kaninchen giftig ein, auf Hunde gar nicht. Das Weizenälchen, Tylenchus tritici, lebt in Glyzerin vortrefflich und [38] Belladonna, Morphin, Atropin, Strychnin sind für dasselbe unschädlich. Dagegen geht es durch Metallsalze, Säuren und Alkalien zugrunde. Enten, Hühner und Tauben werden durch innerlich gereichtes Opium nicht vergiftet. Der Nashornvogel frisst die Samen von Strychnos nux vomica, Mäuse die des Taumellolches, Amseln Tollkirschen, Meisen die Samen von Stechapfel, Staare die Schierlingsamen, Kaninchen und Meerschweinchen Blätter und Früchte von Belladonna,17 Kühe, Schafe, Schweine angeblich Bilsenkraut, Schnecken Belladonnablätter, die Larve von Deϊopeϊa pulchella nährt sich von der sehr stark giftigen Calabarbohne, die Raupen von Ornithoptera darsius von einer giftigen Aristolochia, deren Gift sich, wie es scheint, dem Schmetterling mitteilt, die Oleanderraupe frisst die giftigen Oleanderblätter und Cimex hyoscyami die Bilsenkrautblätter. Wildschweine sollen begierig die Farnwurzel fressen, Kaninchen gegen Haschisch refraktär sein und Pferde in Guadeloupe begierig die bei Menschen Entzündung erzeugenden Blätter von Rhus Toxicodendron aufnehmen. Ziegen und Schafe verzehren im Kaukasus Veratrum, die Nieswurz, während Pferde und Kühe dort dadurch Giftwirkungen bekommen.

Zu solchen Rätseln gehört auch das Verhalten mancher Tiere gegen niedere Temperaturen. Kann doch der Gletscherfloh, Desoria glacialis, nicht nur auf den Firnfeldern umherspringen, sondern sogar wochen- und monatelang bei – 110 einfrieren, ohne an Lebensenergie einzubüßen, was im Flachlande auch der Schneefloh, Degeeria, kann. Und dabei bestehen sie doch aus Eiweiß! Andererseits vertragen die gewöhnlichen Flöhe nicht das Klima von Feuerland und gehen, dorthin eingeführt, zugrunde. Welche Annehmlichkeit für die Feuerländerinnen!

[39] Allenthalben auf diesem großen Gebiete, der Reaktivität, der Nichtreaktivität und der Andersreaktivität von Lebendem auf körperfremden oder körperheimischen Einfluss starren uns unlösbare Lebensrätsel entgegen. Sie zu lösen ist unmöglich, sie in ihren wechselvollen Äußerungsformen kennen zu lernen notwendig. Die auf die betäubenden und erregenden Genussmittel sich beziehenden gehen alle Menschen, auch diejenigen von selbstzufriedener Gleichgültigkeit, an. Sie gehören zu den Weltfragen, an deren Beantwortung ein jeder der Beteiligten – und wohl alle Menschen sind daran beteiligt – automatisch oder bewusst teilnehmen muss.

[41]

Die Betäubungsmittel.

[43]

1. Die Wirkungsart der Betäubungsmittel.

Die Stoffe, denen Wirkungen zukommen, wie ich sie zuvor allgemein geschildert habe, lassen sich in verschiedene Gruppen einteilen, die zwar nicht scharf voneinander trennbar sind, aber doch Unterschiede in der Wesenheit ihrer energetischen Fähigkeiten bzw. deren Äußerungs- und Verlaufsart aufweisen. Es ist ohne weiteres verständlich, dass bei einer Beeinflussung des Gehirns, mit einer verschiedenen reaktiven Wertigkeit einzelner seiner Teile auch in Bezug auf scheinbar gleichartig wirkende Stoffe gerechnet werden muss. Selbst wenn man willig zugibt, dass die scheinbare Gleichartigkeit der letzteren in Wirklichkeit nicht besteht und nur aus Mangel an Erkennungsmöglichkeit den Eindruck der Wirkungsgleichartigkeit macht, so bleiben noch genug toxikologische Erfahrungstatsachen übrig, die dafür sprechen, dass der feinere chemische Bau einzelner Gehirnteile nicht summarisch als überall übereinstimmend gleich aufgefasst werden darf. Es müssen in ihnen neben quantitativen auch qualitative chemische Unterschiede sowohl in der weißen als auch der grauen Gehirnsubstanz bestehen. Die bisherigen chemischen Untersuchungen sagen darüber herzlich wenig aus. Sie stellten z. B. fest, dass in der grauen Substanz die Menge des Eiweißes und der Leimbildner mehr als die Hälfte und in der weißen etwa ein Viertel der organischen Stoffe beträgt, die Menge des Cholesterins und der Fette in der grauen nur den dritten Teil und das Cerebrin etwa den zwanzigsten Teil so groß wie in der weißen Substanz ist usw. [44] Selbst wenn die genannten und andere Stoffe wirkliche Bestandteile und nicht Zersetzungsprodukte wären, so gäben sie nur über den chemischen Bau des toten Gehirns, aber nicht über denjenigen seiner Teile und gar nicht über die funktionierenden Stoffe des lebenden Auskunft. Bestehen, wie ich annehme, Unterschiede, dann ließe sich verstehen, warum an das Gehirn gelangende chemische Stoffe in dessen einzelnen Gebieten verschiedenartige oder verschieden starke Wirkungen auslösen. Cholesterin, Phosphartide, Kephalin, Cerebroside sind nur Namensbezeichnungen für Stoffe, deren kausale Beteiligung weder an normalen noch krankhaften Betriebsvorgängen im Gehirn zu verstehen ist.

Unterschiede auch in den Lebensbedürfnissen verschiedener Gehirngebiete erschließe ich aus manchem Vergiftungsvorgange. So ist es z. B. bisher ganz unmöglich gewesen auch nur näherungsweise zu verstehen, weshalb als Folge der Kohlenoxidvergiftung mit Vorliebe die

basalen Ganglien, vor allem der Streifenhügel aber auch der Linsenkernen, der Seehügel und die Vierhügel betroffen werden. Die nächstliegende Annahme würde dahin gehen, bei diesen Gehirnteilen ein erhöhtes Bedürfnis nach sauerstoffhaltigem, unverändertem Blut vorauszusetzen, dem durch kohlenoxidhaltiges nicht genügt werden kann – nebenher vielleicht aber auch eine erhöhte chemische Reaktionsfähigkeit auf Stoffe, die aus Zersetzungsvorgängen in den genannten, in ihrer Ernährung gestörten Teilen selbst stammen.

Unterschiede in der Reaktionsfähigkeit einzelner Gehirnteile oder Punkte gegenüber gewissen chemischen Stoffen ergeben sich auch bei der Betrachtung des Verhaltens, z. B. des verlängerten Markes zu narkotischen Stoffen. Während die Zentren der Großhirnrinde auf solche schnell mit Ausfall von Funktionsstückchen reagieren, verlangt das Atmungszentrum für Funktionsänderungen viel mehr Zeit und wirkende Masse. Als Ursache eines so verschiedenen Verhaltens [45]ist nicht allein die Höhe der der wirkenden Dosis anzusprechen, denn wenn auch das Massenwirkungsgesetz in Bezug auf Wirkungen von Arzneistoffen und Giften in einer gewissen Breite fraglos Geltung hat, so ist diese doch nicht mit derjenigen in Vergleich zu stellen, die sie in der Chemie besitzt.

Zu den konstanten reaktiven Äußerungen des Gehirns auf narkotische Stoffe gehört eine primäre Erregung. Ich betrachte es als eine allgemeine biologische Regel, dass eine Funktionsminderung irgendeines körperlichen Organs voraufgegangen wird von einer Funktionserhöhung, die der Ausdruck einer primären Reizung ist. Die Stärke einer solchen Reizwirkung und ihre Dauer hängt von der individuellen Leistungsbeschaffenheit des Gehirns und der Art der wirkenden Substanz ab. Sie ist immer vorhanden, wenn sie auch nicht immer grob sinnlich wahrnehmbar ist und sie kann so groß sein, dass sie für eine gewisse Zeit die einzig erkennbare Reaktion darstellt.

Neben solchen durch die betreffenden Stoffe direkt hervorrufbaren Wirkungen am Zentralnervensystem kommen solche bei anderen Organfunktionen zustande, die, wie ich schon ausführte, als Abhängigkeitswirkungen zu bezeichnen sind. Wenn man an die überaus große, stetige Beeinflussung des körperlichen Lebens durch Gehirn und Rückenmark denkt, wie Herz und Atmung, Drüsen, Muskeln, Sinnesorgane usw., ja, meiner Überzeugung nach, auch die Nahrungs- assimilationsvorgänge Arbeitsimpulse von den Nervenzentren aus erhalten, so wird ohne weiteres die Notwendigkeit klar, dass als Wirkungsfolge von narkotisch wirkenden Stoffen auch die in wesentlicher Abhängigkeit vom Nervensystem lebenden Organe beeinflusst werden. Was dadurch an Symptomen bewirkt wird, stellt, zusammen mit den primären Einflüssen auf Gehirn bzw. Rückenmark, das Wirkungsbild dieser Substanzen dar.

In welcher Weise die Gehirnbeeinflussung durch betäubende Stoffe sich letzten Endes vollzieht, dies zu erkennen, [46] ist bisher niemand vergönnt gewesen. Weniger noch als dies! Selbst ein Ahnen der bei der künstlichen Erzeugung von Schlaf oder der Stillung von Schmerz sich abspielenden Vorgänge ist unmöglich. Keiner der vielen Deutungsversuche verdient Erwähnung. Sie sind kaum etwas anderes als Umschreibungen der Vorgänge selbst und fordern den Spott heraus.

Sind es chemische Wirkungen, die sich in der Nervenmasse, z. B. der Großhirnrinde, abspielen? Ich nehme es an und halte den Zweifel, der sich hiergegen erhebt und der durch die Kleinheit der Mengen begründet wird, die von manchen solcher Stoffe für die Herbeiführung einer Wirkung erforderlich sind, für nicht genügend begründet, um diese Anschauung umzustoßen. Denn wenn auch eine Menge von 0,0005 g Scopolaminsalz im Verhältnis zu der Gehirnmasse scheinbar so klein ist, dass Gehirnwirkungen, wie sie tatsächlich in Gestalt des Dämmerschlafes dadurch erzeugbar sind, überraschen, so ist doch zu bedenken, dass es sich hier wahrscheinlich nur um Einwirkungen auf bestimmte Zentren, d. h. Punkte der Gehirnmasse, handelt. Auf solche könnte das Narkoticum z. B. auch katalytisch wirken, also eine Zeitlang selbst chemisch unverändert bleiben und doch im lähmenden oder erregenden Sinn eine Wirkung auslösen, solange die Berührung an den beeinflussbaren Stellen dauert. Die Annahme bedarf keines Zwanges, dass das Scopolamin oder das Morphin auf diese Weise Funktionsvorgänge, deren das Gehirn fähig ist und die z. B. zum Schlaf führen, hemmen oder beschleunigen kann.

Für eine Gruppe solcher Stoffe, die Inhalationsanästhetika, wird ihre chemische Wirkung nähergerückt, weil sie die erkennbare Fähigkeit besitzen, lösend auf die fettartigen Stoffe des Gehirns zu wirken, also dadurch ohne weiteres als befähigt angesehen werden müssen, auch funktionell ändernd einwirken zu können. Was ich in dieser Weise vor Jahrzehnten als Wirkungsursache derartiger [47] Substanzen begründete18 und was literarische Wegelagerer aufgegriffen und unter ihrem Namen verbreitet haben, hat ein großes Maß von Wahrscheinlichkeit für sich. Das was dabei unverständlich ist, nämlich die Schnelligkeit der Wiederherstellung des Normalzustandes nach dem Fortfall der Stoffwirkung, entzieht sich der Erkenntnis. Die Annahme einer katalytischen Kontaktwirkung, wie sie bei anderen derartigen Stoffgruppen möglich ist, lässt demgegenüber für das Wiedereintreten der normalen Funktion keine Verstehensschwierigkeiten erwachsen.

2. Systematik der betäubenden und erregenden Genussmittel.

Die auf das Gehirn zeitweilig funktionsändernd wirkenden und zu Betäubungs- bzw. Erregungswirkungen benutzten Stoffe teile ich in die folgenden Gruppen:

Erste Gruppe: Euphorica, Seelenberuhigungsmittel. Stoffe, die des Verwenders Gefühls- und Empfindungsleben im weitesten Sinne des Begriffes und in irgendeinem Umfange mit erhaltenem oder teilweis oder ganz geschwundenem Bewusstsein mindern bzw. aufheben und in ihm seelisches und körperliches Behagen, auch mit Freisein von Affekten bewirken. In diese Reihe gehören Opium und seine Inhaltsstoffe, Morphin, Kodein usw. sowie Kokain.

Zweite Gruppe: Phantastica, Sinnestäuschungsmittel. Sie umfasst in ihrem chemischen Bau weit auseinanderstehende Stoffreihen, pflanzliche Stoffe, die als eigentliche Phantastica zu bezeichnen sind. Ihre Vertreter, wie Anhalonium Lewinii, Cannabis indica und die tropein[48]haltigen Pflanzen, rufen eine deutliche, auch in der Gestalt von Sinnestäuschungen, Halluzinationen, Illusionen un Visionen erkennbare Gernerregung hervo, die von Bewusstseinsstörungen und anderen Ausfallssymptomen von Gehirnfunktionen begleitet oder gefolgt sein können.

Dritte Gruppe: Inebriantia, Berauschungsmittel. Synthetisierbare Stoffe, wie Alkohol, Chloroform, Äther, Benzin, die nach einer primären Erregung von Gehirnzentren eine Erregbarkeitsabnahme eventuell bis zum zeitlichen Versagen derselben verursachen.

Vierte Gruppe: Hypnotica, Schlafmittel.

Fünfte Gruppe: Exzitantia, Erregungsmittel. Genussmittel aus dem Pflanzenreich, die in der Regel eine mehr oder minder in die Erscheinung tretende bzw. subjektiv empfundene Erregung des Gehirns ohne Bewusstseinsstörung hervorrufen. Hierher gehören z. B. koffeinhaltige Stoffe, Catha, Taba, Betel, u. a. m.

[49]

Euphorica. Seelenberuhigungsmittel.

[51]

Opium. Morphin.
1. Geschichte des Opium- und Morphingebrauchs als Genussmittel. Opiumproduktion. Opiumbewegung.

Die Verwendung von Opium und seinen Inhaltsstoffen als betäubende Genussmittel ist im Leben der Völker zu einer bedeutungsvollen Kalamität ausgewachsen, die, ungleich dem Alkoholismus, sich dem Laien am Einzelindividuum nicht verrät, aber seit den letzten Jahrzehnten und zumal seit dem Weltkriege auch in Volkskreise einzudringen beginnt, die bisher davon frei waren. Der Vorgang ist fast zu einer Seuche geworden, die die Staaten als berufene Bekämpfer von Seuchen nunmehr zu Abwehrmaßregeln aufgerüttelt hat. Deutschland ist in dieser Beziehung nicht besser als andere Länder, denn alles, was im Möglichkeitsbereich des Tuns von Menschen im Guten oder Schlechten liegt, knüpft sich an alles, was Menschenantlitz trägt.

Um über die hier auftauchenden Fragen zu sprechen, dazu gehört mehr als das Wissen der Gasse. Was ich aus eigenen Forschungen über solche narkotische und andere ähnliche Genussmittel entnehmen kann und was ich an vielen in Leidenschaft zu ihnen verfallenen Menschen an den Gestaden des Stillen Ozeans und bei uns gesehen habe, soll den Inhalt der folgenden Blätter bilden.

Ich definiere diese Leidenschaft als den Zustand, in dem Menschen, ohne durch schweres, unheilbares körperliches [52] Leid dazu veranlasst zu werden, suchtartig, gewohnheitsmäßig Opium, Morphin oder ähnliche Stoffe aufnehmen, um dadurch angenehme, lustartige Gehirnwirkungen zu erzielen, obschon sie wissen oder wissen könnten, dass sie diesen Mitteln schließlich Gesundheit und Leben als Tribut zahlen werden. Diese Definition schließt mithin Morphin chronisch gebrauchende unheilbare Kranke aus der Reihe der Morphinisten im landläufigen Sinne, der einen gewissen moralischen Vorwurf in sich schließt, aus, aber nicht diejenigen, die durch Morphingebrauch Kranke geworden sind.

Gegenüber den moralisch abwegigen Suchten, wie der Spielsucht, hat die Leidenschaft für narkotische Stoffe eine greifbare, materielle Grundlage, nämlich das betreffende Mittel, das verändernd auf die Funktion des Großhirns wirkt. Welche sonstigen Folgen sich auch immer daraus ergeben mögen – eine ist die entscheidende, nämlich der Verlust an Willensfestigkeit gegenüber dem Lockreiz des Morphins, Kokains usw. Die dadurch erzeugten Wirkungsimpulse sind dem Gebraucher so angenehm, dass dadurch auch die moralischen Widerstände gebrochen werden. Wirft man die Frage auf, ob Morphin und seinesgleichen etwa zu jenen Stoffen gehören, die als Reizmittel die vitale Energie des Gehirns zeitlich steigern, gegenüber den in der Welt immer mehr sich steigernden Anforderungen an das Individuum im Sein und Sichhalten, im Leistenmüssen und Leistenkönnen, so muss sie verneint werden. Stoffe, die dies zeitlich bewirken, haben eine andere Gestalt, sind Erregungsmittel, die das Gehirnleben andersartig beeinflussen.

So eigenartig und einzig die Stellung des Opiums und seines Morphins unter allen Arzneistoffen ist, so ohnegleichen ist schon das Wenige, was wir von seiner Geschichte wissen, obschon sie große Lücken hat. Fehlen aber auch Dokumente für deren Überbrückung, so vermag doch der Kundige durch das pharmakologische und toxikologische Gegenwartswissen [53]

induktiv Material für die Zusammenhänge und damit ein geschichtliches Gesamtbild zu liefern.

Ans der Zeiten Dunkel, der etwa 4000 Jahre zurückliegenden Steinzeitepoche, in der es Pfahlbaubewohner gab, tauchen nun deren Relikte, z.B. von den schweizerischen Seen auf, unter denen sich nicht nur die Samen, sondern auch die Fruchtkapseln des Mohns finden. Die Untersuchung der Samenkapseln lässt den Schluss zu, dass man es hier nicht etwa mit der Urform des Mohns, dem Papaver setigerum, sondern mit einer bereits aus dem Anbau stammenden Form zu tun habe. Ob die Kultur des Samenöles wegen oder auch um den betäubenden Mohnsaft zu gewinnen, betrieben wurde, lässt sich nicht entscheiden. Man vermutet auch den letzteren Grund. Dies ist nicht ganz von der Hand zu weisen, weil die Erkenntnis der betäubenden Wirkung des Mohnsaftes bei der Kultur dieser Pflanze leicht erworben werden konnte – schon wenn man aus Neugierde den bei einer zufälligen Verletzung des Mohnkopfes ausfließenden und verhärteten Saft einmal gekostet hatte. Der Schritt zu seiner Verwendung als Betäubungsmittel wäre dann nicht mehr groß. Es würden die Bewohner der Schweizer Seen freilich eine Sonderstellung unter den sonstigen Bewohnern von Pfahlbauten darstellen.

Festere und schlüssigere Anhaltspunkte für die älteste Geschichte des Opiums und der Kenntnis seiner Wirkungen liefern die schriftlichen Dokumente sehr früher Zeit, z. B. des Homer. Damals war aber bereits der Gebrauch der Nepenthes, des Vergessenheitstrankes, so bekannt, dass man von der damaligen Zeit wahrscheinlich noch sehr weit zurückgehen müsste, um an den Beginn des Wissens der Wirkung dieses Stoffes zu gelangen. Denn Nepenthes war ein Opiumpräparat, Deutungen mit anderem Ergebnis worden von solchen gemacht, denen die hier entscheidende Opiumwirkung fremd war – darunter Philologen and auch handwerkerliche Fakultätsmänner.

[54] In der Odyssee19 wird berichtet, dass, als Telemach bei Menelaos in Sparta war und die Erinnerung an Odysseus und andere Kriegsmänner eine weinerliche Stimmung erzeugt hatte, die Menelaos durch ein Mahl zu beenden wünschte, Helena einen eigentümlichen Trank hergestellt habe: Sie

Warf alsbald in den Wein, von dem sie tranken, ein Mittel

Kummer zu scheuchen und Gram und jeglichen Leides Gedächtnis.

Wer von diesem genoss, nachdem in den Krug es gemischt ward,

Nicht an dem ganzen Tage benetzt ihm die Träne das Antlitz,

Nicht ob selbst gestorben ihm wär’ die Mutter, der Vater,

Nicht ob den Bruder vor ihm, ob selbst den geliebtesten Sohn ihm

Tötete feindliches Erz und er mit den Augen es sähe.

Solcherlei zaubrische Mittel besaß sie, die Tochter des Gottes,

Wirksame, die ihr schenkte die Gattin des Thon, Polydamna,

Eine Aegypterin ...

Es gibt nur einen Stoff auf der Welt, der so wirkt und das ist Opium, der Träger des Morphin. Sein entscheidendes Wirkungscharakteristikum, zumal nach häufigerem Gebrauch, ist eben die völlige Gleichgültigkeit gegen alles andere, was nicht Ich ist. Die treffende Schilderung, die Homer hier von diesem Zustande gibt, ist offensichtlich der feste Erfahrungsinhalt von Beobachtungen an Opiophagen, d. h. an Menschen, die zu ihrem Vergnügen chronisch Opium aufnahmen, da eine einmalige Dosis die hier richtig in den Vordergrund gerückte, allgemeine, auf das seelische Leben gerichtete Wirkung desselben nur ganz ausnahmsweise einmal und selbst dann nicht für so lange Zeit erzeugt. Es ist nicht poetische Lizenz, sondern dem Wirklichkeitsleben entnommen, dass von dem ganzen Tag gesprochen wird, an dem Gemütsbewegungen dem unter dem chronischen Opiumeinfluss Stehenden fernbleiben.

[55] Diese Schilderung legt aber noch eine ganz andere Annahme nahe, nämlich dass Nepenthes auch von Kriegern vor der Schlacht gebraucht worden ist, um die Empfindung von Gefahr nicht aufkommen zu lassen, denn im Wesentlichen wird hier, bei Homer, ja nur von Abstumpfung der Seele gegenüber erschütternden Schlachtvorkommnissen gesprochen, die sich ebensogut vor Troja wie anderwärts ereignen konnten und meiner Überzeugung nach sich ereignet haben. Damit wird aber auch die Verbindung zu Jahrhunderte und Jahrtausende später geübter Verwendung des Opiums für den gleichen Zweck gewonnen. Wahrscheinlich haben nur Wissende, „Helden“, davon Gebrauch gemacht, denn nicht jedem war dieser Stoff und die Kenntnis seiner Wirkung zugänglich. Helena wird einen solchen Opiumtrank mehr als dieses eine Mal und für andersartige Gelegenheiten und für andere Begehrende ihres Kreises bereitet haben. Sie hat Stoff und Belehrung von der Ägypterin Polydamna erhalten – ein bedeutsamer Hinweis auf das früheste Produktionsland des Mohns.20

Im Papyrus Ebers findet sich ein Kapitel mit der Überschrift: „Heilmittel zum Vertreiben übermäßigen Kindergeschreies.“ Dort wird berichtet, dass für diesen Zweck „špenn, die Körner der špenn-Pflanze, mit Fliegendreck, der an der Wand ist, zu einer Masse zusammengerührt, durchgeseiht und an vier Tagen eingegeben wird. Das Geschrei höre sogleich auf.“ Die Annahme hat eine gute Begründung, dass es sich hier um Mohnwirkung gehandelt habe. Entweder wurden die unreifen Samen – die reifen sind unwirksam – oder der Mohnkopf verwendet, wie noch heute in Europa und in Ägypten Kinder mit diesen Stoffen – freilich nicht gar so selten mit tötlichem Ausgange – „beruhigt“ werden.

[56] Die Mohnkultur hat sieh dann wahrscheinlich über Kleinasien, das man heute – wie ich glaube, unerwiesen – als Wiege des Opiums bezeichnet, ausgedehnt und ist so auch nach Griechenland und Rom und weiter gekommen. Wie in Indien, wird auch in Ägypten in frühester Zeit Verordnung und Abgabe solcher Stoffe – als Geheimwissenschaft – in der Hand der Priester gelegen haben. Manches dunkle historische Ereignis kann im Lichte der Erkenntnis der Wirkung des Opiums, das aus solcher Quelle floß, Aufklärung finden. So ist oft genug die Verwendung eines hochenergetischen Arzneistoffes aus dem Kreis der menschenfreundlichen Tat in den politischer oder individueller Erwerbs- oder Rachsucht getreten.21

Bildliche Darstellungen des Mohns finden sich in großer Zahl auf späteren römischen Münzen. Innerhalb des jüdischen Geschichtskreises scheint es bisher nur solche auf Kupfermünzen von Johann Hyrkan (135-106 alter Zeitrechnung), dem Fürsten und Hohenpriester aus dem Geschlechte der Makkabäer zu geben.

Die Verführungskraft zu immer erneuter Verwendung, die im Opium liegt, wird – dafür sprechen nun millionenfache Erfahrungen und die Artung des Menschen – auch Gebraucher aus leidenschaftlicher Sucht sich in einen weltentfremdeten Zustand zu versetzen, geschaffen haben, auch in Rom und Griechenland, wo schon die kurzen Schilderungen seiner Gewinnung von Naturkundigen, wie von Theophrast aus dem dritten Jahrhundert vor oder von Plinius und Dioskorides aus dem ersten Jahrhundert nach der jetzigen Zeitrechnung, erkennen lassen, wie gut man auch die Giftwirkungen des Stoffes erkannt hatte, die so hoch eingeschätzt wurden, dass Diagoras aus Melos schon im fünften und Erasistratus im dritten vorchristlichen Jahr [57]hundert rieten, das Opium aus dem Grunde ganz zu meiden.

Es ist aber

..... Lethaeo perfusa papavera somno22

.. Der Mohn, getränkt mit lethäischem Schlummer

nie gemieden worden und nicht nur der den Garten der Hesperiden23 bewohnende und schützende Drache unterlag seiner Wirkung, wenn die Priesterin des Tempels der Hesperiden, der im äußersten Mohrenland, am Ende des großen Weltmeeres liegt, wo die Sonne untergeht und der große Berg Atlas auf seinen Schultern den Himmel trägt:

Spargens kumida melle soporiferumque papaver

... mit tauigem Honig betäubenden Mohn ihm gegeben24

sondern auch ungezählte Menschenscharen.

Man wolle ferner darauf achten, dass der Mohnkopf auch in die Mysterien der Ceres25 gehört, denn sie genoß Mohn, „um den Schmerz zu vergessen“, „ad oblivionem doloris“. Daher hat eine Isis-Ceres mit der Fackel in einem irdenen Bildchen Mohnköpfe in der Hand.26 Allenthalben begegnet man in der antiken Kunst, in Verbindung mit Mythologie, dem Mohn als Sinnbild des Schlafes und sogar der Personifikation des Schlafbringers, des schlafspendenden Gottes, des ύπνοδότηςv, als eines bärtigen Mannes, der sich über die schlafende Person [58] herabbiegt und aus einem in der Hand gehaltenen Horn einem Trinkhorn, Mohnsaft auf die Augenlider des Schlafenden gießt.

Auf dem Sarge der schlafenden Ariadne neigt sich über sie der bärtige Schlafgott, der Mohnköpfe und das Opiumhorn trägt. Auch als jungen Genius mit dem Mohn und dem Opiumhorn oder mit dem Mohnstengel in den Händen findet man den „Somnus“, den Schlafgott, in späterer Zeit abgebildet.

Um Hannibal von Rom fernzuhalten und ihn mit dies bewirkenden Träumen zu erfüllen, ruft Juno:

Somnus herbei, den sie so oft benutzt, um ihres Gemahles

Augen zu schließen, wenngleich er den Schlaf zu haben nicht

wollte.

Ohne Verweilen gehorcht der Berufene. Fertigen Mohnsaft

Hat er im Horne bereit und enteilt durch nächtliches Dunkel

Still zu des Puniers Zelt und taut auf die Augen ihm Ruhe.27

Die Nacht wie der Schlaf wohnen beide in einer Behausung, die, nach Lucians romanhaftem Gemälde, von Mohnpflanzungen umgeben ist. Sie erscheinen mit der sinkenden Sonne, mit Mohn die Stirn umkränzt, im Gefolge flatternder Träume, übergießen den Menschen mit ihrem Schlummer erregenden Mohn und fesseln seine Glieder.

Die hier und da, seit der Wirkungserkenntnis immer geübte Opiophagie wuchs mit der Verbreitung des Wissens über die euphorische Wirkung des Stoffes. Wie konnte es auch anders sein, wo dieses nach dem Schwinden der früheren Ex[59]klusivität, jedem verständlich, Allgemeingut geworden sein dürfte. Es musste zum Versuche verleiten, also zu dem ersten verlangenden Schritt auf der Bahn zur Dauersucht. Ein oder das andere Zeugnis über diesen, zu allen Zeiten das Licht gescheut habenden Gebrauch hat uns die Zeit aufbewahrt. So wird z. B. aus dem zweiten Jahrhundert berichtet, dass Lysis vier Drachmen, also etwa 16 g, Mohnsaft ohne Schaden genommen habe.28 Dies muss ein ausgepichter Opiophag gewesen sein, sonst wäre eine solche Toleranz unmöglich gewesen. In der Zeit der großen arabischen Ärzte des 10. bis dreizehnten Jahrhunderts, nahm die Verbreitung dieser Opiumsucht auch durch die Eroberungszüge der Mohammedaner von Kleinasien aus fast über die ganze damals bekannte Welt zu. Die größten Erfolge, die Wunderkuren, die Paracelsus29 im Beginne des sechzehnten Jahrhunderts gerade mit Opium erzielte, haben gewiss auch chronische Gebraucher desselben geschaffen – vielleicht in erster Reihe Paracelsus selbst: „Ich hab ein Arkanum, heiß ich Laudanum, ist über das alles, wo es zum Tode weichen will.“ Sein späteres Leben und Tun macht den Eindruck, als sei er Opiophag gewesen. Ich glaube, dass dies der Wahrheit sehr nahe liegt. Menschengebaren seiner Art habe ich bei manchem Morphinisten gesehen.

Schon aus seiner Zeit – um das Jahr 1546 – berichtet ein französischer Naturforscher Belon, der Kleinasien und Ägypten durchwandert hat, über die große Ausdehnung der Leidenschaft für OpiumGenuss bei den Türken. „Es gibt keinen Türken, der für sein letztes Geld sich nicht Opium kaufte, das er in Friedens- und Kriegszeiten bei sich trägt. Der Grund für das Opiumessen liegt in der Überzeugung, dass sie dadurch kühner werden, einen beherzten [60] Mut bekommen und die Gefahren des Krieges weniger fürchten. Wenn es Krieg gibt, wird so viel von dem Mittel aufgekauft, dass im Lande kaum noch davon etwas zu finden ist.“ Er sah einen Opiumesser auf einmal 2 g nehmen und als er ihm abgewogene 4 g schenkte, diese auf einmal ohne jeden Schaden aufessen. Schon damals fand ein beträchtlicher Export von Opium nach Persien, Indien und Europa statt. Belon vermeldet, dass damals nach den beiden erstgenannten Gebieten 50 Kamele, mit Opium beladen, gezogen seien. Was immer die Triebfeder für dessen Gebrauch gewesen ist: die Ausschaltung körperlicher oder geistiger Unlustgefühle bezeichnet schon aus dem Beginn des sechzehnten Jahrhunderts der portugiesiche Botaniker Garcias ab Horto auch für die Indier, die er in Goa als Opiumgebraucher kennengelernt hat und er machte sogar schon die Beobachtung, dass, wenn solche genug Opium genommen hatten, sie „gelehrt über alles mögliche sprachen. So viel vermöge die Gewöhnung“.

In Europa wuchs durch den Import aus dem Osten die Zahl der Adepten für diesen Stoff, der, vielleicht anfangs als Arzneistoff genommen, sein Opfer nicht mehr freigab. Ich kenne Mitteilungen aus dem sechzehnten bis achtzehnten Jahrhundert, nach denen in Deutschland Menschen ärztlich beobachtet worden sind, die „dem Opiumessen ergeben“, davon bis zu etwa 40 g täglich verbrauchten und danach nur „stumpfsinnig und dauernd schläfrig benommen“ waren. Von einigen solcher wird angegeben, dass sie über viele Jahre das Opiumeinnehmen in steigenden Mengen fortgesetzt hätten, dass z. B. eine Frau in 14 Jahren 63 Pfund „flüssiges Laudanum“, d. h. Opiumtinktur, eine andere 19 Jahre lang täglich 4 g Opium, also, insgesamt etwa 27 kg verbrauchte und dass eine dritte, die sich infolge einer Zufallsverletzung dadurch schmerzfrei zu werden genötigt sah, in 34 Jahren davon angeblich 100 kg Opium in ihren Körper gebracht habe.

[61] Aus dem Ende des 16. Jahrhunderts berichtet Prospero Alpini, dass es unter den Ägyptern solche gäbe, die durch allmähliche Gewöhnung täglich 12 g Opium ohne Nachteil nähmen.30 Es hat später, z. B. im 17. Jahrhundert, Ärzte, wie Sydenham, gegeben, die begeisterte Verbreiter des Opiums durch Empfehlung nicht nur für allen Schmerz gewesen sind. Infolgedessen sah man Opium „als eine Gotteshand“, als „geheiligten Lebensanker“ an.

Von den so überaus vielen, die ihm in den weiteren Jahrhunderten als Sklaven anheimfielen und umkamen, liegen, außer vereinzelten ärztlichen Berichten, nur wenige Selbstbeobachtungen vor. Eine solche, die etwa 50 Jahre umfasst, stammt von einem englischen Schriftsteller de Quincy,31 der wegen neuralgischer Beschwerden zu siebzehn Jahren mit dem Einnehmen von Opiumtinktur begann, acht Jahre keine Beschwerden dadurch empfand, dann in ein Stadium eintrat, in dem ihm „der göttliche Mohnsaft so notwendig wie das Atemholen wurde“und er davon täglich ein Glas voll mit Portwein und Wasser vermischt, trank. Erneut auftretende Körperbeschwerden machten ihn zu einem „determined opium eater“. Nach acht Jahren nahm er täglich 8000 Tropfen, also etwa 20 g der Opiumtinktur zu sich. In einem weiteren Jahr, welches „wie ein Edelstein vom reinsten Wasser in seiner dunklen Einfassung von Vergangenheit und Zukunft strahlte“, war ihm eine Herabsetzung der täglichen Dosis auf den achten Teil geglückt – auf lange Zeit der letzte Lichtblick in seinem Leben, in dem er in den Bann dieser Zaubermacht gespannt war. Trotz erneuten Ansteigens in den verbrauchten Mengen glaubte er dem Opium [62] Glückeszeiten verdankt zu haben – bis zu dem Zeitpunkt wo das Opiumelend, die Opiumleiden, begannen.

Alle erfahren diese Leiden. Körper und Seele sind verkauft. Der Erlös wird schnell durch die Opiumwonnen verjubelt. Die bittere, reuedurchflochtene Not des materiellen und geistigen Ichs folgt unerbittlich. So erfuhr es auch der englische Dichter Coleridge, der an manchen Tagen 20 bis 25 g Opiumtinktur verbraucht hat und so brach das Unglück auch über Francis Thompson, der zu den begabtesten unter den jüngeren englischen Dichtern gehörte, herein.

Dass auch einzelne Ärzte schon frühzeitig dem Opiumgenuss frönten, ist bekannt. Man wusste in jenen Zeiten sogar schon, dass Opiumgewöhnte durch Substitution gleichgültiger Mittel sich nicht täuschen ließen, weil sie wie die heutigen Morphinisten, „unerträgliche Schmerzen bekamen“.

Auf dem Wege über Persien brachten schon im achten Jahrhundert Araber den Mohn und die Kenntnis seiner schlafmachenden Wirkung nach Indien und China – China, das an Zahl ein Viertel der ganzen Menschheit in sich schließt. Vor der Tang-Dynastie war er dort unbekannt. Etwa um 973 wurde er, der den Namen Ying-tzŭ-su führte, offiziell in das medizinische Werk K’ai-pao-pên-tsăo aufgenommen und um die gleiche Zeit findet sich bereits in einem Gedicht des Su Tung-P’a die Empfehlung des Mohngetränks, die den Eindruck macht, als wenn auch anderes und angenehmeres als die Heilwirkung gegen Dysenterie u. a. m. dadurch bezeichnet werden sollte. Zu Beginn des zwölften Jahrhunderts stellte man Opiumkuchen aus dem eingedickten Milchsaft des Mohns in Form eines Fisches dar, gewiss nicht nur für arzneiliche Zwecke. Im letzten Teil des fünfzehnten Jahrhunderts bestand bereits ein beträchtlicher Handel in China mit einheimischem und von anderwärts her eingeführtem Opium. Gegen Ende der Ming-Dynastie – der letzte Ming-Kaiser herrschte von 1628 - 1644 – als das Tabakrauchen verboten wurde, kam die Übung auf, Opium zu rauchen, die sich später, wie noch um 1793 die nach China geschickte Gesandtschaft berichtete, in die Gewohnheit wandelte, Tabak mit etwas Opium zu rauchen. Als 1729, vorzugsweise durch die Portugiesen aus Goa, 200 Kisten Opium eingeführt worden waren, erließ der Kaiser Yung Ching ein strenges Verbot gegen Opiumverkauf und Opiumrauchen. Um 1790 wurden jährlich schon über 4000 Kisten, 1830 16000, 1838 mehr als 25000 und 1858 70000 Kisten eingeführt. Der Gebrauch des Opiums als Genussmittel wuchs schnell zu großer Höhe an, damit auch der Opiumschmuggel, gegen den im Jahre 1800 erneute Maßregeln getroffen worden waren. Das letzte Verbot, Opium in China einzuführen, stammt aus dem Jahre 1820. Es hatte, da die Engländer darin eine Benachteiligung ihres Handels erblickten, den „Opiumkrieg“ zur Folge, der mit der Zerstörung von 20000 Kisten Opium seitens der Chinesen begann und der sich von 1834 bis 1842 hinzog und die Chinesen schließlich dahin brachte, den Frieden mit bedeutenden territorialen und Geldverlusten zu erkaufen. Schon nach fünfzehn weiteren Jahren folgte ein zweiterKrieg, der gleichfalls für China unglücklich endete. Im Vertrage von Tientsin wurde der Opiumhandel in China legalisiert.32 In dieser harten Not entschloss sich China, selbst Mohn zu bauen, wofür große Landstrecken unter Aufgeben von Nahrungsfruchtbau in Angriff genommen wurden. Unterdessen hatte die Leidenschaft des Opiumrauchens weite Kreise des Volkes ergriffen und wuchs wahrscheinlich beträchtlich mit der leichteren Erlangbarkeit des Mittels im Inlande.

Eine neue Wandlung trat 1906 ein. Nach einem Jahrhundert der Demoralisation durch Opium entschloss sich [64]China, den Mohnanbau aufzugeben. Nach einem Übereinkommen mit England sollte derselbe in zehn Jahren progressiv gemindert werden, während England in derselben Progression den Import von Opium nach China einschränken sollte. Diesem Abkommen hat das Jahr 1917 das Ende und einen gewissen Erfolg gebracht: eine Provinz nach der anderen verlor überraschend schnell die Mohnkultur und der englische Import hörte offiziell auf. Der heimliche Anbau von Mohn ist unter schwerste Strafe gestellt worden. Leider aber fehlt China die Kontrollmöglichkeit über den Handel in den fremden Konzessionsgebieten, z. B. in Schanghai, Hongkong und Macao. Hier wie an noch anderen Stellen kann der Chinese Opium kaufen und es eventuell weiterhin verhandeln. In Macao wird Rauchopium hergestellt, das, da eine offene Einfuhr nach China unter den heutigen Verhaltnissen unmöglich ist, ausschließlich durch Schmuggelhandel verbreitet wird. Ein beträchtlicher Teil findet natürlich am Orte selbst in den bekannten Opiumhöhlen Verwendung, in denen, wie ich es anderwärts sah, die von dem Mittel Bezwungenen auf mehrstöckigen, den Brotgestellen im Backraum ähnlichen Lagerstellen liegen und den höchsten Genuss ihres Erdendaseins auskosten.

Die Frage, wo die beträchtlichen Mengen von Opium bleiben, die in Britisch-Indien33, z. B. in Patna, Malva, Benares, produziert werden, legt mehr als die Möglichkeit nahe, dass sie auf Umwegen auch nach China gelangen. Dieses, in den „vereinigten Provinzen“ gewonnene ist Monopol-Opium. Die gesamte Produktion muss für einen festgesetzten Preis an Regierungsagenten abgegeben werden. Es gelangt dann an die Regierun gsmanufaktur in Ghazipur, um dort marktfähig gemacht zu werden. Allmonatlich werden in Kalkutta Auktionen dieser Ware abgehalten. Das in den Eingeborenenstaaten von Rajputana und Zentralindien gewonnene Produkt, das beim Eingang in das Regierungsgebiet einem Zoll unterliegt, wird wie englisches bezahlt.

[65]In den Freihäfen vor der Seezollsperre liegen nach einer neuen Mitteilung34 seit Jahren große Mengen von indischem Opium im Werte von unschätzbaren Millionen. Im Jahre 1912 wurde der Wert des nur in Schanghai lagernden Opiums auf 11 Millionen Pfund Sterling geschätzt. Es kann, nach den Verträgen, China nicht überschwemmen, wenn der Nachweis nicht erbracht werden kann, dass in China selbst noch Opium angebaut wird. Die große Mühewaltung, die China zur Erreichung des Zieles des Freiwerdens vom Opium, das seine weitere Lebensbedingung und Entwicklung in sich schließt, entfaltet hat, ließ auch im entlegensten Winkel des eigentlichen Reiches auf früheren bunten Mohnfeldern Hirse und Baumwolle aufsprießen. Dieser wirklich gute Wille scheint nun zu einem Teil, dadurch im Ergebnis beeinträchtigt zu werden, dass die Barbarenstämme Osttibets, die, obschon zum größten Teil unabhängig, doch nach dem Wortlaute des Opiumvertrages gebietsmäßig zu China gehören, in ihren weltfernen, einsamen, schwer auffindbaren Gebirgswildnissen, wohin die chinesische Macht und bezahlte Kundschafter nur selten und schwer gelangen können, den Mohn wachsen lassen und seinen Saft auf Schmuggelpfaden nach China einbringen.

Im eigentlichen Tibet haben merkwürdigerweise die Chinesen die Opiumleidenschaft den Eingeborenen bisher nicht in nennenswertem Umfange beigebracht.

Neuerdings ist Japan als größter Opiumkäufer in Kalkutta aufgetreten.35 Die Ware geht nach Kobe und von dort nach Tsingtau. In Japan sollen sehr beträchtliche Mengen von Morphin hergestellt werden, das durch japanische, mit Formosapässen versehene Händler bis nach [66] der Mandschurei vertrieben wird. Von Tsingtau aus geht es über die Schantungprovinz, Nganhwei und Kiangsu, von Formosa zusammen auch mit Opium, nach Fokien und Kwangtung. Auf diese Weise wird China mit den beiden Produkten von dieser Seite organisiert überschwemmt. Man schätzte ihre Gesamtmenge auf 20 tons im Jahr. Eine Morphineinspritzung kostet 3 bis 4 Cents.

Der Export von Morphin aus England nach Ostasien wuchs bis 1914. Er betrug:


19115 1/2 tons
19127 1/2 tons
191311 1/4 tons
191414 tons

Nach japanischen Quellen wäre in der Neuzeit der Export von Morphin aus England von 600.229 Unzen in 1917 auf ein Viertel dieser Menge in 1918 gesunken – was durch die Darstellung dieses Stoffes in Japan Erklärung fände.

Was diese neue Morphinphase in der Geschichte des Opiumgebrauches für das Leben der Ostasiaten bedeutet, zumal wenn, wie sicher anzunehmen ist, das Morphin in größerem Umfange seinen Siegeszug fortsetzen sollte, davon geben die bisherigen Erfahrungen in Europa Kunde. Schon wird von zahlreichen Opfern des Morphinismus in Niutschwang aus den Jahren 1914 und 1915 berichtet. Schon vor Jahren wurde mitgeteilt, dass ein alter Opiumraucher den brennenden Wunsch gehabt hat von seiner traurigen Gewohnheit befreit zu werden. Für die Erfüllung desselben setzte er eine namhafte Belohnung aus. Einer seiner Landsleute, der von einem fremden Arzte die Verwendungsweise des Morphins kennengelernt hatte, machte sich anheischig, ihn zu heilen und unterzog ihn einer Behandlung mit Morphineinspritzungen. Die dadurch hervorgerufenen Sensationen erschienen dem Opiumraucher so angenehm, dass er sehr bald [67] von seiner Opiumpfeife abließ. Der Heilkünstler begab sich nach Hongkong und machte bekannt, dass er ein unfehlbares Mittel gegen die Gewohnheit des Opiumrauchens besitze. In kurzer Zeit wuchs seine Klientel so an, dass er eine ganze Reihe von Morphin-Injektionsanstalten errichtete. Es waren zuletzt etwa zwanzig solcher im Gange. Meistens Kulis ließen sich zwei- bis viermal täglich Einspritzungen machen. Es wurde schließlich durch die Regierung eine Schließung dieser Menschen- Verwüstungsanstalten bewerkstelligt und angeordnet, dass Morphin nur noch auf ärztliche Anordnung verabreicht werden dürfe. So wächst und blüht das Übel nunmehr verborgen weiter.

Der Teil des indischen Opiums, der nun nicht mehr direkt nach China gelangt, sucht neue Märkte oder gelangt auf einem anderen Wege in chinesische Handels- bzw. Verbraucherhände. Besonders sind es die in fremdem Besitz befindlichen früher chinesischen Gebiete, die ein stärkeres Einströmen von Opium erkennen lassen. So wuchs im Fremdenviertel von Schanghai die Zahl der Opiumläden von 131 im Jahre 1908 auf 663 im Jahre 1916. Aus ihnen können die Bewohner des chinesischen Stadtviertels so viel Opium wie sie wollen, beziehen. Ähnlich liegen die Verhältnisse für Hongkong mit Kaulung und Lantau.

Nächst Indien sind die Türkei und Persien die größten Opiumproduzenten der Welt. Ein großer Teil des persischen Opiums, das im reinen Zustande als Schire-Teriak bezeichnet wird, aber für den Export und den Inlandverbrauch Zusätze erhält – Teriak-i-Tschume und Teriak-i-Jule – geht nach Hongkong und Formosa und von dort sehr wahrscheinlich auch nach China. Aus diesem Grunde fehlt es wohl in der folgenden statistischen Tabelle unter den Herkunftsländern des Opiums. In ganz Persien wird Opium gebaut. Die besten Sorten liefern unter anderen Orten Ispahan und das auch weinberühmte Schiras, das vielbesungene Tal der Rosen und [68] Nachtigallen, Schiras, das die Gräber der Dichter Hafis und Saadi birgt. Ispahan ist das Zentrum des Opiumhandels. Schon vor vierzig Jahren gingen von Buschir 2000 Opium- Üsten im Werte von etwa drei Millionen Mark nach England.

Große Opiummengen werden jetzt auch in Mazedonien, Bulgarien und Jugoslawien erzeugt. Im letzteren Gebiete betrug vor dem Kriege die jährliche Opiumproduktion durchschnittlich 120.000 kg. Sie erhöhte sich in den letzten Jahren schon auf 150.000 kg im Werte von 200 Millionen Dinar.

In Ägypten ist jetzt der Anbau von Opium untersagt.

Aber auch andere Länder nehmen davon reichlich auf, z.B. Cochinchina, das importierte:

1912 – 1913 1914 – 1915 1916 – 1917

840 2690 3440

Kisten zu 140 pounds.

In Saϊgon wird das Rohopium als staatliches Monopol zu dem Rauchprodukt Chandu verfeinert. Schon vor etwa 20 Jahren waren es jährlich insgesamt 67.000 kg Rohopium, die 44.800 kg Chandu lieferten. Ohne die geschmuggelte Ware rechnete man auf einen Jahresverbrauch von 120.000 kg als Rauchopium. Daran waren hauptsächlich die in den Zentren, wie Saϊgon oder Cholon lebenden Chinesen beteiligt.

Beträchtliche Mengen gehen in fernere Gebiete. So importierte z. B. das kleine Mauritius 1912 – 13 nur 10 Kisten, 1916 – 17 aber schon 120 Kisten.

Uns interessiert besonders wie sich in dieser Beziehung Deutschland verhält. Darüber gibt die folgende lehrreiche Tabelle Aufklärung, in der auch die Herkunftsländer des Opiums ihren Platz gefunden haben:

[70]


2. Verbreitung des Opium- und Morphingenießens in der Jetztzeit.

Ein tief mahnendes Gesamtbild bietet sich demjenigen dar, der von höherer Warte der Erkenntnis aus die Verbreitung der Opium- und Morphinleidenschaft über die Welt zu schildern unternimmt. Fast über die ganze Erde lagert sich als junge Vorstoßkraft das Morphin, bequem ohne Apparatur verwendbar: eine Spritze, ein Fläschchen, eine dunkle Ecke und der evtl. auch bekleidete Arm oder die Oberschenkel. Die Nadel dringt durch. Kein verräterischer Duft wie nach Opium, kein Hindämmern, das die Ruhelage erfordert – das Verschwinden der Morphinlösung in dem Unterhautgewebe kann aus dem vorher gebrochenen, von Abstinenz durchwühlten Arbeitsunfähigen auch einen Helden irgendwelcher moderner Zweckgestaltung machen. Die Zeit wird – wenn nicht Wunder sich vollziehen werden – kommen, in der das junge Morphin das so alte, schwerfällige Opium wenn vielleicht auch nicht überwältigt, so doch entthront haben wird. Liebhaber für das Traum- und Visionsleben im Opiumschlaf wird es trotzdem immer geben, weil es anziehender, verführerischer ist als die kalte Morphinwirkung. Daher sieht man auch heute in Europa inselartig Liebhaber für das Opium auftauchen. Trennt uns doch nur eine kurze Zeitspanne von der ersten Feststellung, dass in Paris an bestimmten Stellen das Narkotikum auch von Frauen und sogar von jungen Mädchen gebraucht worden ist. In der französischen Kriegsmarine hatte noch kurz vor dem Kriege36 die Öffentlichkeit und sogar die Deportiertenkammer sich mit der Entdeckung beschäftigt, dass in den Kriegshäfen, zumal des Mittelmeeres, das Laster so zugenommen habe, dass daraus eine nationale Gefahr bewirkt werde. Ein Teil des Opiums sollte aus den staatlichen Fabriken von Indochina, ein anderer europäischer Herkunft gewesen sein. [71]

Es gibt noch andere Stellen in Europa, wo verlebte degenerierte Süchtlinge beiderlei Geschlechts, Ganzdirnen, Halbdirnen und Halbmänner – Opfer blinden [sic!], selbst- beherrschungslosen Genießenwollens – ihrer ungezügelten Leidenschaft diese Rauchopfer bringen. Je weiter zum Osten, um so massiger werden die Opiumanhänger. Schon in den Balkanländern und von dort in stetem Wachsen nach Kleinasien hin, steigt der Verbrauch an – stellenweis, wie z. B. in Damaskus, nicht offen gehandhabt, aber weiterhin als anerkanntes Genussmittel in die Volksschicht eingedrungen. Von den drei Gebieten Irans: Afghanistan, Beludschistan und Persien nimmt das letztere auch als Verbrauchsland einen hohen Rang ein. In den Nordprovinzen, zumal in Khorassan, wird von Mohammedanern und Nichtmohammedanern viel Opium geraucht. Buchara und Afghanistan verbrauchen nur wenig davon. Manche schwere Last davon mag jedoch den Weg über den Hindukusch und die eisstarrenden, nach Ost-Turkestan führenden Pässe nehmen. Hier, z. B. in Kaschgar, rauchen Männer und Frauen leidenschaftlich auch in einem öffentlich als Opiumetablissement anerkannten Raume.

Wendet sich der Blick südwärts nach Indien, so wächst die Leidenschaft für Opium. In den vorwiegend mohammedanischen Radschputana- Staaten rauchen Radschputen und Sikhs, die kräftigsten Rassen unter den Eingeborenen. Dem Genusse sind aber auch Hindus ergeben. An der Koromandelküste nehmen hoch und niedrig an diesem Genuss aus der Pfeife, der Huka, teil. Man raucht ein Gemisch von Opium mit Rosenblättern und wenig Tabak. Es gibt auch Opiumesser, z. B. in Bengalen. Für Haidarabad wurde vor Jahren die Zahl der Opiumisten bei einer Bevölkerung von elf Millionen auf weit über eine Million geschätzt. An dem Gebrauche sollten 12% Mohammedaner, 7% Hindus und 5% Parias teilnehmen – Menschen aus dem Flachlande, den Städten und dem Hochland. Nur [72] bei einzelnen Sekten, wie den Jeragis in Ostbengalen, ist Opiumessen als Betäubungsmittel verpönt. Das Verhältnis der Opium essenden Männer zu den Frauen beträgt in Indien 73 : 27. Die Mehrzahlt steht im Alter von 30 bis 40 Jahren.

In den Gebieten vom Radschputana, Zentralindien und in der Provinz Gudscharat findet bei Festlichkeiten unter dem Namen Amalpani und Kusamba eine 5prozentige Opiumlösung Verwendung. Zu dem wesentlich nur in Städten geübten Rauchen werden die Opiumextrakte Maddak und Chandu benutzt, das letztere ein hochwertiges Extrakt, das nach zwölfmonatiger Reifung unter der Einwirkung von Aspergillus niger benutzt wird.

Weiter zieht sich die Gebrauchskette am Süden des Himalaja bis zu dem Flussgebiet des Brahmaputra. In Assam überlassen sich die Eingeborenen mit vollster Hingebung dem Opium. Die Katscharies sind ihm so leidenschaftlich ergeben, dass sie statt Arbeitslohn Opium fordern. Bei den Kakhyens, Karens, Lapais usw. der Khasi-Berge rauchen Männer und Frauen das Opium, das sie nur in kleinen Mengen wegen der großen Höhe ihrer Berge durch Mohnpflanzung gewinnen, zum größten Teil von China beziehen. Die wilden Turungs und Nagas kommen von ihren Bergen in die Täler, um Elfenbein, Baumwolle usw. gegen Reis und Opium einzutauschen. Die Begierde des Erlangens wächst sich hier wie weiter ostwärts bis zum chinesischen Meer und an den Stillen Ozean fast zu einer Lebensnotwendigkeit aus. Stämme von Birma, wie die Pa-yii und und die Katschin üben als Hauptbeschäftigung das Opium, rauchen. Die riesige Nachahmungsinfektion ließ Siam nicht unberührt. Trotz aller, auch scherster Strafandrohung bahnte sich das Opium seinen Weg hierher ging über den Mekong nach Tonkin, Anam, Cambodja, Cochinchina37. Die Tonkinesen rauchen weniger als die Cochinchinesen und vorzüglich die besitzende Schicht. Bei ihnen wie bei den als hysterisch verrufenen und durch [73] Opium so gewordenen Anamiten bringt es ein mittelstarker Raucher auf 60 bis 80, starke bis zu 150 und mehr Pfeifchen täglich.

Ein großer Schmuggelhandel aus China mit billigerer Ware, als sie an Ort and Stelle die von französischen Lieferungsstellen in Saigon, Hanoi usw. erhältlich ist, hat Platz gegriffen. Betrüblich genug sind auch nicht wenige Europäer Abnehmer.

Die mannigfaltigsten Körperstörungen suchen die Opiumraucher heim, von besonderen Mundentzündungen, Magenleiden an bis zu Kreislaufstörungen, Herzarhythmie, lähmungsartiger Schwäche der Gliedmaßen, gelegentlich auch Blasenstörungen und seitens der Gehirnarbeit allem dem, was Morphinisten aufweisen.

Und nun erreicht das Opium sein ausgedehntestes Gebrauchsgebiet – China – , das zugleich das Zentrum ist, von dem aus auch die Verbreitung des Gebrauchs dahin, wo Chinesen in die Welt gezogen sind, sich vollzieht. Weitab vom Heimatslande haben sie die Gewohnheit weiter getragen: tief drinnen in den Wäldern an der mandschurischen Bahn, nur auf schmalem Pfad zu erreichen, finden sich heimliche Ansiedlungen zum Anbau von Mohn, aus dem Opium hergestellt und versteckt in die Städte, hauptsächlich nach Charbin, zum Verkauf gebracht wird.

Nach welcher Himmelsrichtung der Opiumgewöhnte seinen Weg in die Ferne nimmt, begleitet ihn dieser Stoff, auch in die Zivilisation, nach Amerika, Kanada, bis in die Gebiete um die Straße San Juan de Fuca, wo ich diese Leidenschaft toben sah, nach der Vancouver-Insel, nach Alaska, nach Afrika und Australien.

In China selbst wurde bisher excessiv geraucht. Es gibt kaum eine Provinz, die ausgenommen werden kann. In Chinesisch-Turkestan sind die Schantus dem Opium ergeben, für Kan-Su, im Süd-Kokunor-Gebiete, wurde in den Städten eine Beteiligung daran von 80%, in den Dörfern von [74] 30 bis 40% der Bevölkerung geschätzt, wobei als mittlere verrauchte Monatsmenge 150 bis 200 g pro Kopf bezeichnet worden sind. Tafel konnte auf seiner Tibetreise in Kansu schwer Leute bekommen, die nicht Opium rauchten. Yünnan und Sze-tschwan sind die Landschaften, in denen die Bevölkerung am schlimmsten unter dem Fluche des Opiums steht. In Kiang-Si klagen die Missionare über das Opiumrauchen und besonders das Opiumessen der Weiber – letzteres zum Selbstmord. So trifft der Blick des Reisenden in dem Riesengebiete des chinesischen Reiches allenthalben auf die verheerenden Wirkungen, die Opium in Menschen erzeugt hat und – weiter erzeugen wird.

Das Eindringen in die Mongolei vollzog sich zwangsläufig. Schon Prschewalski, einer der erfolgreichsten Forschungsreisenden in China, der bereits vor fünfzig Jahren die Folgen der Opiumpest für China voraussah, fand sie auch in Ala-Schan. Auf Formosa herrscht die gleiche Leidenschaft. Selbst das Betelkauen der wilden Chinwan wird durch Opium verdrängt. In Japan scheint das Mittel jetzt keinen sonderlichen Verbrauchsboden mehr zu finden.

Auf den Philippinen leben etwa 70.000 Chinesen, von denen die große Mehrzahl Opiumisten sind. Viele der Eingeborenen haben sich dem Laster zugewendet, das die Spanier schon seit 1844 durch die Opiumregie glaubten bekämpfen zu können. Amerika will hier durch strenge Strafen, durch Heilanstalten, Belehrung, helfen – kann aber am eigenen Herd das Opium als Genussmittel nicht erwürgen.

Unaufhaltsam ist der Opiumgebrauch bis auf den Niederländischen Archipel weitergezogen: nach Java, Sumatra – wo u. a. die Bataker ihm leidenschaftlich frönen und bei plötzlichem Entbehren Deliriumszustände bekommen, nach Nias, zu den Inseln des Bandameeres, zumal auf den östlichen Teil der Molukken und West-Neuguinea, auf die Aru- und Keyinseln, nach Ceram, Borneo, wo es außer Chinesen die wilden Dajaks rauchen. Der Handel damit [75] ist, wie auch anderwärts, in dem Inselmeer monopolisiert. Bis in das kleinste Dorf hinein erstrecken sich die Verkaufsstellen dieses Produkts.

Das Opium-Apostolat der Chinesen ging auch nach dem fünften Erdteil, nach Australien. Sie brachten es dem Alkohol zur Gesellschaft. Nicht sie jedoch haben den Hauptvorteil im Verdienen daran gehabt, sondern Europäer. Der Alkoholismus, viel mehr aber das Opiumrauchen, das die Eingeborenen schnell und sicher von Weißen und Chinesen erlernen und für das sie eine verhängnisvolle Vorliebe entwickeln, haben zum auffälligsten Abnehmen ihres Bestandes geführt. Die ausgemergelten, blassgesichtigen Gestalten der früher gut entwickelten Maoris sah man in ihren Lagern in Queensland und anderwärts. Es ist zumeist importiertes Opium, das Verwendung findet. Anbauversuche im Lande ergaben ein hochwertiges Produkt.

Auch Inseln der Südsee haben sich dem Opium, dem Überallsieger, unterworfen. Wo er Fuß gefasst hat, da bleibt er. Von einzelnen der Eilande kam über ihn Kunde, so z. B. von den Gilbert- und Marquesasinseln. Dorthin haben gleichfalls die Chinesen den Glauben an das Opium gebracht und dadurch an vielen Orten leider das bis dahin gebrauchte harmlose Kawagetränk verdrängen lassen. Die Eingeborenen der letztgenannten Inseln kaufen Opium, das am Ende des vorigen Jahrhunderts ein Generalpächter der französischen Regie nur an Chinesen verkaufen sollte.

Wo in Afrika Opium geraucht wird, ist die Gewohnheit im Wesentlichen bodenständig, wie die Mohnkultur. Dies gilt z. B. für Ägypten, wo schon vor vielen Jahren auf den entnervenden Einfluss des Mittels hingewiesen wurde, den es auf die untere Volksschicht in den Städten ausübe. In Tunis sowie im ganzen Westen der afrikanischen Nordküste wird nur heimlich und in geringem Umfang dem Opium gefrönt. In der tripolitanischen Stadt Mursuk scheint es mehr Liebhaber dafür zu geben. In Arabien ist das Opium[76]rauchen nicht umfänglich. In Mekka gibt es eine Straße „Kaschkaschia“,38 d. h. Straße der Opiumverkäufer. Man steigt in eine Art von leeren Keller hinein, der an den Wänden steinerne Vorsprünge als Sitze der Gäste hat. Dort finden sich trotz der braunen Haut blass und blutlos erscheinende Menschen, von denen jeder kleine kurze Pfeifen in der Hand hält, aus denen der Dampf des glimmenden Opiums eingesogen wird, um sich an der feuchten Schleimhaut der Luftwege wieder zu kondensieren. Keiner dieser Genießer spricht ein Wort. Nur von Zeit zu Zeit entfährt einem oder dem andern der Ruf: „O Allah!“ oder „O Güte Gottes!“ In Ost- und Zentralafrika, z. B. in der Nähe von Mazaro an den Ufern des Kwakwa in Mozambique sind von Indiern aus Malva vor Jahren Mohnkulturen angelegt worden, ohne dass ein nennenswerter örtlicher Verbrauch des gewonnenen Opiums sich daraus entwickelte. Nicht viele Araber sind durch Indier zum Opiumrauchen veranlasst worden. So ist es auch an einzelnen anderen Stellen, z. B. im nördlichen Ostafrika, in Uganda oder am Kongo, wo chinesische Arbeiter das Rauchen betreiben.

Ein ganz besonderes Interesse gewinnt die Frage der Ausbreitung des Opiumgenießens in irgendeiner Form in den Vereinigten Staaten von Amerika, besonders mit Rücksicht auf den Kampf, der gegen den Alkohol auf dem Wege der Gesetzgebung dort durchgeführt worden ist. Schon vor etwa dreißig Jahren wurden Eröffnungen über das Wachsen des Opiumverbrauches in einzelnen Distrikten, z. B. in Albany, gemacht. Während die Bevölkerung um 59% wuchs, stieg der Opiumverbrauch um 900% und der des Morphins um 1100%. Ganz allgemein wurde behauptet, dass der größte Verbrauchszuwachs sich in den [77] Temperenzstaaten vollzogen habe. Aus neuester Zeit liegt eine Tatsachenfeststellung vor, die von dem unheimlichen, dort wachsenden Weltunglück ein betrübliches Stück kennen lehrt.

Nach Mitteilungen, die der oberste Gesundheitsbeamte der Stadt New York im Jahre 1921 gemacht hat, sollen die Amerikaner zwölfmal mehr Opium als irgendein anderes Volk der Welt verbrauchen. Mehr als 750.000 Pfund werden jedes Jahr nach den Vereinigten Staaten eingeführt, wonach etwa 2,5 g auf den Kopf der Bevölkerung kommen. Die zu gesetzmäßigen Zwecken verwendete Opiummenge beträgt nicht mehr als 70.000 Pfund im Jahr. Wie sehr die Opiumsucht in New York zugenommen hat, beweisen auch die Angaben des Arztes des großen New Yorker Staatsgefängnisses, nach denen die Zahl der Gefangenen, die wegen unerlaubten Opiumgenusses eingeliefert wurden, um 789% in den Jahren 1918 bis 1921 gestiegen ist. Ich stelle diese, wie ich annehme, richtigen Angaben nicht in eine Beziehung zum Prohibitionismus, da auch Äußerungen der Gegenseite vorliegen, die entweder ein Wachsen der Zahl der Narkomanen leugnet oder, falls dies doch der Fall sein sollte, andere Ursachen hierfür heranzieht.

Was ich hier in großen Zügen geschildert habe, lehrt mit überzeugender Eindringlichkeit, wie weder Weltmeere noch himmelanstrebende Gebirge eine Wehr gegen das Menschengehirne in Bann schlagende, die Seele zermürbende, den Körper in falsche Daseinsbahnen zwingende Opium und Morphin liefert. Und Hilfe? Ein fast aussichtsloses Unternehmen! Denn wenn man auch im fernen Osten die Opiumverbrauchsstätten ganz unterdrücken würde, bliebe immer noch der Gebrauch im eigenen Raumund, was sehr viel mehr bedeutet: das Morphin und die Morphinspritze.

Das, was sich jetzt im äußersten Ostasien in Bezug auf den Ersatz von Opiumrauchen durch Morphineinspritzen vollzieht, zeigt deutlich genug, dass, wenn schon dem alten Übel [78] zu wehren unmöglich war, das wachsende neue dort überhaupt unbeeinflussbar ist, schon deswegen, weil der Verbreitung des Mittels durch Händler keine durchgreifende Hemmung entgegengesetzt werden kann. Spielte sich doch im Frühjahr dieses Jahres in Hamburg ein Prozess gegen mehrere Kaufleute ab, die zirka 50 kg Morphin, für die eine Ausfuhrbewilligung nach der Türkei vorlag, statt dorthin zu schicken, nach China umladen ließen.

Welche absonderlichen Wege auch in Deutschland eingeschlagen werden, um Menschen zum Opiumgenuss gelangen zu lassen, ergibt sich aus der Tatsache, auf die im Jahre 1918 in Württemberg amtlich hingewiesen wurde, dass nämlich öffentlich Stengel und Kapseln des Mohnes als Tabakersatzstoffe empfohlen und natürlich gekauft wurden. Die Mohnkapseln enthalten im unreifen und im reifen Zustande genug Opium, um, im Rauche aufgenommen, dessen Wirkungen zu erzeugen.

3. Der Morphinismus.

Der Siegeszug des Morphins begann in Europa schon früh. Eine kurze Zeitspanne verlief zwischen 1817, dem Entdeckungsjahre dieses Pflanzenstoffes und dem Jahre 1830, in dem der Menschenkenner Balzac in der „Comédie du diable“ den Teufel die Gründe dafür aufzählen lässt, warum er keine Zeit für sein eigenes Vergnügen habe. Daran hindern ihn nämlich der wunderbare Zuwachs an Bewohnern, den sein Staat, die Hölle, dauernd erführe durch die Entdeckung des Pulvers, der Buchdruckerkunst, des Morphins usw. Es waren wohl im Wesentlichen Selbstvergiftungen, die sich damals ereigneten. Sehr bald schloss sich daran auch die Morphin-Genusssucht. Sie nahm, von wenigen in ihrem Umfange gekannt oder auch nur geahnt, im Stillen wachsend, immer mehr Menschen gefangen. Die großen Kriege – der Krimkrieg und die folgenden – trugen nicht [79] wenig zum Anwachsen bei. Nicht lange nachdem ich im Jahre 1874 den ersten Fall dieses Leidens bei einem Krankenwärter mitgeteilt hatte, wurden schon Morphium-Entziehungskuren vorgenommen. Die bisher latent gebliebene Verbreitung des Übels wurde offenkundig.

Die Ursachen seines Großwerdens waren und sind die bereits angegebenen:

1. Das Nichtmehrfreiwerdenkönnen davon, nachdem es gegen Schmerz und Schlaflosigkeit gebraucht worden war. Das erlebte Gefühl inneren Behagens wird zur Kette für den erneuten Gebrauch, auch wenn der erste veranlassende Grund längst weggefallen ist.

2. Das Befreitwerdenwollen von seelischer Erregung oder Depression.

3. Neugierde und Nachahmungssucht, die bald zu der nackten Begierde nach Euphorie führen, die das Individuum zum Sklaven des Gebrauchs werden lässt. Unter Ärzten bestand vielfach lange der Unglaube, dass sie dem Zwange des Mittels nicht anheimfallen könnten. Die Erfahrung hat das Gegenteil gelehrt. Die Ärzte stellen ein hohes Kontingent zu den Morphinisten. In einer alle Länder umfassenden Statistik der letzteren waren

40,4 Proz. Ärzte

10,0 „ Arztfrauen.

Für Paris nahm man etwa 50.000 Morphinisten an, also etwa auf 40 Menschen einen solchen. Jetzt wird die Zahl auf sehr viel höher geschätzt. Ich habe vor Jahrzehnten darauf hingewiesen, dass wenn der Alkohol die Hände, das Morphin den Kopf des Volkes vernichtet. In Wirklichkeit ist in den letzten Jahrzehnten und zumal seit dem Weltkriege überall der Morphinismus auch nach der anderen Seite hin gewachsen. Aber immer überwiegen noch weit Ärzte, Professoren, Apotheker, Literaten, Künstler, Juristen, Offiziere, höhere Staatsbeamte usw.

[80]Die dämonische Macht des Morphins ist auch bei Tieren erweislich. Ich habe Tauben tagelang immer zu einer bestimmten Tageszeit mit Morphin versehen und feststellen können, dass die Wirkung nach Stunden abklang und die Tiere dann, kaum Nahrung aufnehmend, in einem Depressivzustand im Käfig hockten, aber flügelflatternd herankamen, wenn ich mich mit der Spritze näherte.

Eine Katze erhielt längere Zeit hindurch täglich Morphin eingespritzt. Nach einiger Zeit zeigte sie sich regelmäßig vor der Injektion apathisch. Durch die dann erfolgte wurde das Benehmen stets in das Gegenteil umgewandelt. Das Tier ging nach 34 Tagen durch Ernährungsstörungen unter Abmagerung zugrunde. Die leidenschaftliche Begierde nach Opium wurde auch bei einem Affen festgestellt. Weit in das Tierreich hinunter, bei Ratten usw. und sogar bei Bienen nahm man ein starkes Begehren nach Opium bzw. Mohn wahr. In Ländern, in denen Opium geraucht wird, atmen Katzen, Hunde, Affen, sobald ihr Herr die Opiumpfeife anzündet, begierig die Dämpfe mit ein, die jener ausstößt, ja, Affen sollen sogar das nicht verbrauchte in das Bambusrohr durchsickernde Opium verzehren.

Gewöhnung an Opium können auch ganz kleine Kinder aufweisen. Ein viermonatiges Kind, das zur Beseitigung von dauernder Schlaflosigkeit Abkochungen von Mohnköpfen in steigenden Mengen von der Pflegerin erhalten hatte, jedesmal nach dem Erwachen aus dem Schlaf munter war und gern die Saugflasche nahm, verfiel, als die Entziehung vorgenommen wurde. Man war genötigt, den Trank weiter gebrauchen zu lassen. Nach weiteren 2 1/2 Monaten trat der Tod ein. Die physische und geistige Entwicklung hatte inzwischen nicht die geringsten Fortschritte gemacht. Der Gehör- und Gesichtssinn war kaum feststellbar, das Kind erkannte niemand, der Blick war stier.

Die Unsitte – wenn es nicht mehr ist – Kindern solche Mohnkopfabkochungen oder Opiumtinktur in schließlich [81] erforderlichen sehr großen Mengen auch nur zur Ruhighaltung zu geben, ist weit verbreitet und schafft viele Opfer.

In den im Jahre 1896 erschienenen, viel Falsches und unrichtig Aufgefaßtes enthaltenden, mehrbändigen Untersuchungsberichten der „Royal Commission on opium“ wird nicht nur behauptet, dass der mäßige Gewohnheitsgenuss von Opium, der in Indien bei 5 - 7 % der Bevölkerung in Tagesmengen von 0,15 - 0,8 - 2,5 und mehr Gramm üblich ist, keinen schädlichen Einfluss auf die Gesundheit und die Volkswohlfahrt ausübe, weil die Indier eine sehr starke Resistenz gegen das Mittel besäßen, sondern dass auch der in den Staaten Rajputana, Malwa und in der Präsidentschaft Bombay herrschende Gebrauch, Kindern zum Ruhighalten Opium zu geben, damit die Mutter ungestört arbeiten könne, keine ungünstigen Folgen habe. Man beginnt dort schon in den ersten Lebenswochen oder -monaten mit 3 - 5 mg und steigt allmählich auf 15 - 30 mg, ja, bis auf 0,12 g ein- oder zweimal täglich. In Bombay werden Kinderpillen (Bala-Golis) mit 0,01 - 0,02 g Opium verkauft. Nach 2 bis 5 Jahren werden die Kinder vom Opium entwöhnt. Wie dies bewerkstelligt wird, erfährt man nicht. Todesfälle durch zu hohe Dosen kämen bei Indierkindern nicht vor, mitunter „nur“ Dysenterie, während europäische, dort von ihren Wärterinnen ebenso behandelte Kinder dadurch sterben könnten. In diesen Mitteilungen sind die Gebrauchstatsachen richtig, die Schlussfolgerungen aber falsch.

Morphinistische Mütter gebären Kinder, die morphinistisch sind, sich schlaflos und erregt zeigen und nur ruhig werden, wenn sie etwas Opium erhalten. Auch das Stillen mit der Milch einer morphinistischen Mutter kann den Säugling in verhältnismäßig kurzer Zeit zu einem morphingewöhnten machen. Das Morphin geht in die Milch über.

Besonders tragisch ist der familiäre Morphinismus, die Verführung der Ehefrau und sogar auch noch der Kinder [82] durch den Vater. Kein Weg führt zu der Erklärung des seelischen Triebes, der den Verführer zu seiner Tat bringt. Nähme man nicht an, dass eine geistige Störung die Veranlasserin für sie sei, so würde sie moralisch ein Verbrechen darstellen. Denn jeder Morphinist weiß oder kann erfahren, dass seine Leidenschaft ihn einen schlimmen Leidensweg bis zum Ende durchmessen lassen wird. Läge bei ihm nicht eine Intellektstörung vor, so würde er durch chronische Darbietung von Gift einen anderen, zumal ihm so Nahestehenden bewusst in das Unglück gestoßen haben. Dass dies schließlich mit Billigung des Opfers geschieht, ändert an dieser Auffassung nichts.

Die Möglichkeit, trotz der Giftzufuhr nach außen hin normal zu erscheinen und in Wirklichkeit in einer gewissen Breite in einer bestimmten Gebrauchsphase noch werktätig sein zu können, wird – wie ich dies bereits ausführte – durch die allmähliche Steigerung der Mengen, die durch die Zellen des Gehirns dem Individuum aufgezwungen wird, wahr. Von Hundertsteln Gramm des Beginnes kann der Tagesverbrauch bis zu mehreren (4 - 5) Gramm steigen. Selbst bei kleinen Kindern tritt die Not des Steigernmüssens dieses Stoffes zutage. Ein solches von sieben Monaten erhielt wegen Hydrocephalus täglich 0,2 mg. Bald mussten die Dosen bis auf 0,6 g erhöht werden, was den Tod nach 81/2 Monaten zur Folge hatte.

Der stets drohende und stets wachsende innere Erschlaffungszustand des durch das Mittel immer wieder zu einer gewissen Leistungshöhe emporgezwängten, Geist und Körper beherrschenden Gehirns tritt schließlich ein und bleibt, weil die endlichen übergroßen Morphinmengen nur Vergiftung aber kein halbwegs normales Leben mehr zulassen. Wie lange dies dauert, bestimmen die Individualitat, d. h. die inneren Widerstandskräfte. Jede Voraussage zerschellt an diesen im Voraus nicht erkennbaren Möglichkeitsgrenzen der Lebensbetätigung.

[83] Die Erkenntnis der intimeren Vorgänge, die sich bei dem Morphingebrauch abspielen, ist uns absolut verschlossen. Wir sehen nur die Erscheinungen – nach dem Wie? fragen wir vergebens. Es ist ein ratloses Grübeln danach, das stets in die Aussichtslosigkeit des Erkennenkönnens ausläuft. Die Psychologie ist bisher den Erscheinungsformen solcher abgeänderter geistiger Tätigkeit, wie sie Narkotika erzeugen – bis auf die Untersuchungen der Wirkungen von Anhalonium Lewinii – aus dem Wege gegangen. Ob sie auch bei intensiven analytischen Versuchen darüber viel wird zutage fördern können, ist mehr als fraglich. Es wird z. B. meiner Überzeugung nach nie festzustellen sein, warum die Gehirnzellen – was nach Alkohol so nicht zutage tritt – das gierige Verlangen gerade nach Morphin kundgeben, warum auch der festeste Wille des Morphinisten ihrem kategorischen Drängen gegenüber nach dem Mittel in das Nichts zergeht.

4. Die erkennbaren Vorgänge bei Morphinisten und Opiumisten.

Die Wirkungen des fortgesetzten Morphingebrauches haben in den einzelnen, voneinander nicht scharf trennbaren, aber doch vorhandenen Stadien ein besonderes Gepräge. Der Beginn sieht den Morphinisten in der Einschätzung seines Könnens, Leistens und seiner Genießensfreudigkeit auf einer auf Selbsttäuschung beruhenden Höhe. Das Ich wird zu sich selbst und in seinen Beziehungen zur Umwelt falsch bewertet – aber, wie auch immer dieses veränderte Sein zustande kommen mag – , das Individuum empfindet es, die Arbeit scheint ihm leichter vonstatten zu gehen, die kleinen Stöße, die die rauhe Wirklichkeit austeilt, werden von ihm nicht oder nicht so wie früher empfunden und dieser gehobene Menschenzustand von einer sechs- bis achtstündigen Dauer ist das Ergebnis einer einzigen Morphindosis.

[84] Dieses erste, einleitende, verführerische, eventuell monatelang anhaltende Stadium führt durch steigende Dosen in die noch morphinglücklichere zweite Episode, die erfüllt ist von Lebensbehagen, Zufriedenheit ohne Begehren, absoluter Selbstgenügsamkeit, Seelenruhe, die durch nichts erschütterbar ist.

Es kann als wirklich empfunden angenommen werden, was ein Opiumesser von diesem Stadium emphatisch geschildert hat: „O Opium, gerecht, sanft und doch gewaltig! Du, das den Herzen der Armen und Reichen gleichermaßen für nimmer heilende Wunden und den Schmerz, dagegen sich der Geist empört, lindernden Balsam spendest. Du baust aus dem Schoße der Finsternis, aus der luftigen Einbildungskraft des Gehirns Städte und Tempel auf, kunstvoller als die Werke des Phidias39 und Praxiteles40 …und rufst ans dem regellosen Reich des Schlafes und der Träume an das Tageslicht hervor die Züge längst begrabener Schönheiten. Du allein spendest der Menschheit diese Gaben und in deiner Hand ruht der Schlüssel zum Paradiese.“

Die Brandungen der Widerwärtigkeiten des Lebens brechen sich eindrucks- und folgelos am morphinisierten Gehirn. Kein unangenehmer körperlicher Zustand wird als belästigend empfunden, Kummer, Sorgen streifen kaum die Seele und leichtere gemütliche Erregungen, wie Verdruss und Ärger, verhauchen eindruckslos. Losgelöst von allem, was den Menschen an die Erde fesselt, selbst frei von dem Gefühl, einen Körper zu besitzen, lebt das Individuum offenen Auges, mit Bewusstsein, in der Tagesarbeit seiner gesellschaftlichen Stellung eine Art von Traumleben. Dieses Leben ist jedoch ein reines Ich-Leben, nur ein Gegenwartsleben. Die Gedanken wenden sich nicht der Zukunft, sondern nur dem Tage mit seinem Opium- bzw. Morphinbedarf zu. Dadurch wird bald das höhere Empfindungsleben defekt. Herz und Gemüt leiden. Die Einschränkung der Welt auf sich schafft moralische Stumpfheit, Unbarmherzigkeit auch gegenüber Frau und Kindern. Das Besorgtsein um diese kommt erst lange nach der Sorge um Morphin oder besteht gar nicht. Das Dichterwort ist hier in übertragenem Sinne wahr:

Zur Warnung hört` ich sagen,

Dass, der im Mohne schlief,

Hinunter ward getragen

In Träume schwer und tief,

Dem Wachen selbst geblieben

Sei irren Wahnes Spur,

Die Nahen und die Lieben

Hält er für Schemen nur.

Die Wirkungsdauer einer Dosis, die jetzt schon auf 0,2 bis 0,5 g gestiegen ist, wird kürzer. Das Mittel muss häufiger und in größeren Mengen eingespritzt werden, um noch, wie im Beginn, angenehm zu wirken, die Sklavenkette wird immer kürzer und zerrt den Morphinisten. Die Gläubiger, die Gehirnzellen, pochen, fordern, schreien und – rächen sich durch Erregung von Schmerzen, sobald sie nicht prompt befriedigt werden. Wo die geldlichen Mittel zur Erlangung des Stoffes fehlen, da wird auch gestohlen und betrogen. Sollen sich doch sogar bisher achtbare Frauen der Prostitution ergeben haben, um Morphin kaufen zu können! Löste im Beginne der Morphinleidenschaft der höchste Genuss das Vergnügen ab, so erscheint jetzt ein Zustand, in dem das zufriedenzustellende Gehirn wohl noch auf eine geeignete Morphindosis die alte Reaktion aufweist, in der Zwischenzeit zwischen zwei Dosen aber schon beginnt, sich unangenehm vernehmen zu lassen, wenn die volle Wirkung zu schwinden anfängt.

So gebiert die Zeit unter schlimmen Wehen das letzte Stadium: das Erwachen der Erkenntnis des Überliefertseins an das Morphin nicht auf Gnade und Ungnade, sondern auf absolute Ungnade. Die Willenskraft ist gänzlich gelähmt. Zur geringsten Leistung fehlt der Entschluss und der standige

[86] Kampf zwischen Wollenmüssen und Nichtvollbringenkönnen gereicht dem jetzt das Gefühl innerlicher Erbärmlichkeit mit sich Herumtragenden zur namenlosen Pein. Und auch selbst in die Träume setzt sich die seelische Marter fort, weil die glückliche, willensfreie Vergangenheit in quälende Vergleiche zu der trostlosen Gegenwart tritt. Die Arbeitspflicht in Amt oder freiem Erwerbsleben kann nur noch durch übergroße Dosen erfüllt werden. Wohl kann der morphinistische Chirurg – ich sah dies bei einem der besten dieses Faches, den auch einst die Muse zum Schaffen von bleibendem Wert begeistert hatte – durch solche noch die zuvor zittrige Hand festigen, den trüben Blick, das unklare Urteil aufhellen, ein Reiter auf der Rennbahn den Sieg erringen, der Richter richtig entscheiden, aber das zum Können aufgepeitschte Wollen verflackert schnell. Das Nichtvollgeladensein mit dem Mittel, der Abstinenzzwang, schafft geistige und körperliche Unruhe und damit Zornmütigkeit, Rücksichtslosigkeit gegen andere, zumal Abhängige, mit den Varianten, die durch den früheren Charakter eines solchen Menschen bedingt sind. Viele Blätter ließen sich allein mit ihren Schilderungen füllen. Sie würden von morphinistischen Richtern erzählen, die in einem solchen Zustande die Angeklagten ungebührlich behandelten, von Vorgesetzten, die ihr Nervenzerren der Abstinenz an ihren Untergebenen auslassen, ja selbst von einem jetzt längst toten Professor, der den Examinanden gegenüber – so erzählte man mir vor Jahren – nur dann menschlich sich benahm, wenn sein Diener, der dafür von den Prüflingen bezahlt wurde, ihm vor dem Examen gut mit Morphin geladene Morphinspritzen bereitgehalten hatte.

Bei solchen Individuen sind jetzt die Springfedern erhebender seelischer Empfindungen für Liebe zu den Seinigen, für jede frohe Laune, für den Glauben, für die Schönheiten der Natur und des menschlichen Schaffens für immer zerbrochen, die Sonnenblicke des Daseins leuchten nicht mehr auf, die auch einem armen, verlassenen Menschenleben mit [87] freiem Gehirn für Minuten oder Stunden als individuelle Glücks- oder Befriedigtseinsempfindung gelegentlich zuteil werden – ungelöscht auf der Tafel des Gedächtnisses bleiben nur, reueumrahmt, die Erinnerungsbilder früherer Glückeszeiten. Das Klagen über das verlorene Leben ist der Miserere-Gesang der Vernichtung.

In langsamer Entwicklung gestalten sich nun auch als Folgen gestörten Gehirnlebens die dadurch bedingten körperlichen Störungen. Das Gehirn als Lenker so vieler Leibesfunktionen erlahmt in seiner regulatorischen Arbeit. Die Nahrungsaufnahme leidet, das Aussehen wird schlecht, Abmagerung stellt sich ein, das Arbeitsvermögen mindert sich auffällig. Nur noch in vergiftender Dosis vermag Morphin körperliche Leistungen irgendwelcher Art zu erzwingen.

Der Morphinist ist meistens jetzt nur noch Haut, Bein und bebender Nerv. Klebrige Schweiße werden, besonders nachts, am ganzen Körper oder nur am Kopfe abgesondert. Haltung und Körperpflege werden nachlässig. Bisweilen erscheinen mehrstündige Fieberanfälle mit Frost, Kopfweh, Beklemmung. Hautjucken, auch in Verbindung mit einem Ausschlag, quält. Dazu gesellen sich: Magenschmerzen, Koliken, Durchfälle mit Brennen am After nach der Entleerung – wohl durch ein unbekanntes Zersetzungsprodukt des Morphin bedingt – , vereinzelt Störungen bei der Harnentleerung, auch Konjunktivitis und Tränenträufeln, Akkommodationsstörungen und Schwachsichtigkeit.

Das Geschlechtsleben leidet. Nachdem im Beginn des Morphinismus eine erhöhte geschlechtliche Erregbarkeit sich eingestellt hat, sinkt später der Geschlechtstrieb bis zur Impotenz: „Infringit stimulos veneris Opium.“ Untersuchung des Samens von einem Morphinisten, der seit mehreren Monaten 0,3 - 0,5 g Morphin einspritzte, ergab ganz dünne, unbewegliche Samenfäden, die auch durch chemische Reagentien nicht beweglich gemacht werden konnten. Bei morphinistischen Frauen stellen sich Men[88]struationsstörungen bis zum Verluste der Menstruation ein. Findet noch vorher Konzeption statt, so kann die Frucht normal ausgetragen werden oder Abort erfolgen. Aber auch im ersteren Falle ist die Möglichkeit eines frühen Todes des Kindes durch eine Art von Lebensschwäche vorhanden. Auch der Same bzw. das mütterliche Ei können morphinisiert und in der Entfaltung ihrer normalen Wirkungsenergie so unangenehm beeinflusst werden, wie dies auch andere chemische Stoffe, z. B. Blei, bei Bleiarbeitern und Bleiarbeiterinnen oder Quecksilber oder Schwefelkohlenstoff in Gewerbebetrieben oft zuwege bringen. Nach der Geburt kann das Kind einer Morphinistin Symptome der Morphinentziehung aufweisen.

So gestaltet, blickt der Morphinist nach Hilfe aus. Er will vom Morphin, seinem Erwürger, frei werden. Es lässt sich auch nicht einmal annähernd voraussagen, wann dieser Zeitpunkt eintritt, wie lange er unter dem vergiftenden Einflusse arbeits-, denk- und lebensfähig bleibt, ehe er sich durch die Pforte einer Entziehungsanstalt zwingt. Die Fristung des trostlosen Lebens bis dahin kann lange währen. Nach drei bis sechs Jahren schon, bei anderen noch nach viel längerer Zeit, kommt der Zeitpunkt des Nichtweiterkönnens. Das Individuum stellt jetzt nur noch ein durch die lange, unheimlich überwältigende Morphinarbeit geschaffenes Wrack dar, dessen Ende, der Zerfall in einen Trümmerhaufen, selten noch abwendbar ist. Für den endlichen Erfolg der Entziehung ist es gleichgültig, ob dieselbe mit einem Male oder in Etappen vollzogen wird. Im ersteren Falle ist das erzeugte Leiden schwer: Erregung auch seitens der bis dahin verlorengegangenen sexuellen Sphäre, Unruhe, Jammer nach Morphin, Wutausbrüche auch mit Zerstörungstrieb, Angstzustände, die das Leitmotiv für Delirien oder für Selbstmordversuche abgeben, nebenher Schmerzempfindungen in den verschiedensten Nervenbahnen, Erbrechen, Diarrhöen, Präkordialangst, gefolgt von Herzkollaps u.a.m., treten für [89] Tage ein. Die langsame Entziehung erneuert bei jeder Verringerung der Dosis den Schrei der Gehirnzellen nach der vollen Dosis, auf die sie eingestellt waren. In beiden Fällen kann schließlich der Morphinist von der nächsten Begierde nach seinem Mittel frei werden – dies ist aber auch alles! Etwa 80 - 90% der Unglücklichen – vielleicht noch mehr – werden rückfällig. Hierin sind auch diejenigen miteingeschlossen, die nicht in einer Entziehungsanstalt, sondern durch ihre zwangsweise Internierung im Gefängnis zeitweilig von ihrer Leidenschaft frei geworden sind.

Der Gebrauch anderer betäubender oder erregender Mittel als Ersatz von Morphin macht das Unheil größer, weil dann beide, das alte und das neue, gebraucht werden. Es tritt der Zustand ein, den ich als „gepaarte Leidenschaft“ bezeichnet habe. Schon vor vierzig Jahren wies ich auf diese Tatsache des gedoppelten Gebrauches mehrerer Narkotika zu Genusszwecken hin, z. B. des Morphins mit Chloroform oder mit Kokain oder mit Äther usw.41

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