Kitabı oku: «Der Gesang des Sturms»
Der Gesang des Sturms
Liane Mars
Copyright © 2020 by

Drachenmond Verlag GmbH
Auf der Weide 6
50354 Hürth
http: www.drachenmond.de
E-Mail: info@drachenmond.de
Lektorat: Nina Bellem
Korrektorat: Michaela Retetzki
Layout: Michelle N. Weber
Karte: Heiko Günther
Umschlagdesign: Alexander Kopainaki
Bildmaterial: Shutterstock
ISBN 978-3-95991-347-8
Alle Rechte vorbehalten
Für Heiko
Ohne dich wäre niemals ein Buch von mir erschienen.
Danke für dein Vertrauen.
Inhalt
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44

Prolog
In einer windgepeitschten Nacht, in der die Sterne unsichtbar hinter schneeverhangenen Wolken verborgen waren und nicht einmal der Lichtstrahl des Mondes die Erde zu erreichen vermochte, wurde Sirany geboren.
Man gab nicht viel um ihr Leben. Sie war viel zu klein, wog kaum so viel wie eine Feder und verhielt sich wie ein zum Tode verurteiltes Baby.
Sie weinte nicht.
Selbst nach mehreren Klapsen auf ihr Hinterteil blieb sie stumm, betrachtete die Welt um sich herum nur aus trüben, fast traurig wirkenden Augen. Als ihre Mutter sie verzweifelt zum Trinken ermuntern wollte, verweigerte sie die Nahrung, drehte das kleine Köpfchen weg und starrte stattdessen aus dem Fenster, als suchte sie etwas.
Am dritten Tage nach ihrer Geburt rechnete ihre Mutter mit ihrem letzten Atemzug. Stunde um Stunde zog sich dahin, ohne dass Sirany die Welt, die sie bislang nur so kurz besucht hatte, wieder verließ.
Am vierten Tage trank sie endlich. Nicht gierig. Gerade so viel, um am Leben zu bleiben und die Kraft zu haben, auch am nächsten Tag ein wenig zu trinken.
Der Priester kam am fünften Tag, um sie für ihren Gott zu weihen. Er kam spät, denn der Schneesturm hatte ihn aufgehalten. Tausendmal entschuldigte er sich, bevor er endlich sein Weihwasser hervorkramte. Vielleicht half das dem Baby ins Leben.
Siranys Mutter hatte Angst vor diesem Moment. Ihr Mann war sich sicher, dass das Kind gerade so lange hatte leben wollen, um geweiht zu werden. Dann, so der Vater, werde es dieser Welt wieder entschwinden.
Tatsächlich verweigerte das Baby am nächsten Tag die Nahrung. Am darauffolgenden Tag war es dasselbe – bis es wieder so schwächlich war wie bei seiner Geburt.
Vater und Mutter wachten von Stund an vor dem kleinen Bettchen. Der Vater hatte es eigens für ihr allererstes Kind voller Liebe und Vorfreude gezimmert. Während draußen weiterhin der Schneesturm wütete, als wollte er die Welt aus den Angeln heben, verschlechterte sich der Zustand des Kindes zusehends. Mit jeder Böe, die zornig gegen das erst vor Kurzem errichtete Heim peitschte, entrückte das Kind mehr dieser Welt; mit jeder Schneeflocke, die aus den dunklen Wolken zu Boden segelte, verloren die Eltern an Mut – bis zu dem Moment, als der Sturm urplötzlich aufhörte.
Es war nicht so, dass nach und nach keine Flocken mehr zu Boden schwebten oder der Wind abflaute, sondern von einer Sekunde auf die nächste verschwand das Unwetter, als hätte es nie existiert.
In derselben Sekunde, in der die letzte Schneeflocke auf die Veranda fiel, fing das Kind an zu schreien. Es schrie und schrie aus seiner winzigen Lunge, der man derlei Laute gar nicht zugetraut hätte. Die Kraft, die aus diesem Schrei sprach, zeugte von einem unbändigen Überlebenswillen; von einem Geist, der in dieser Welt verbleiben und sich nicht vertreiben lassen wollte.
Von diesem Moment an trank das Baby. Es wurde zunächst nicht so kräftig wie andere Kinder in diesem Alter, doch wurde es zusehends stärker, wuchs und war so gut wie nie krank. Andere Kleinkinder wurden geboren und verließen die Welt wieder. Sirany blieb.
An ihrem fünften Geburtstag zog wieder ein Sturm herauf. Schneeflocken fielen dicht an dicht zu Boden und bedeckten jeden Fleck Erde, den sie erobern konnten. Der wilde Wind fuhr in die Äste und Zweige der Bäume, rüttelte und zerrte an ihnen, bis sie nachgaben und mit einem Knirschen zu Boden fielen.
Am gleichen Tag fielen die Shari über Siranys Welt her, unterwarfen ihr Volk und vernichteten ganze Familien – einfach nur, um ihre neue Herrschaft unter Beweis zu stellen. Das alles geschah so schnell, dass viele erst Wochen später erkannten, was für ein Grauen sie ereilt hatte.
Nur wenige stellten sich den plündernden Scharen der Shari entgegen und das hatte einen ganz bestimmten Grund. Siranys Volk, die Farreyn, bestand zum Großteil aus Bauern, die jeden Tag mit der Natur zu kämpfen hatten. Mit Schwertern einem anderen Volk entgegenzutreten war ihnen neu.
Daher war es nicht verwunderlich, dass der Feldzug der Shari nicht lange andauerte. Innerhalb von drei Wochen hatten sie das magere, unerfahrene Heer des Königs der Farreyn unterworfen, die Adeligen entmachtet und den Thron an sich gerissen. Der König selbst verschwand von der Bildfläche dieser Welt, ermordet in den finsteren Gewölben seiner eigenen Verliese. Allein und unbemerkt.
Statt ihm bestieg der Herr der Shari den Thron, der sich als alleiniger Gott und Herrscher ansah. Wild entschlossen, seine Macht sogleich unter Beweis zu stellen, erließ er Tausende von neuen Gesetzen. Schwindelerregend hohe Steuern wurden erhoben, das Vieh den Bauern entrissen und die Äcker an sharische Adelige verschenkt. Siranys Volk konnte nichts mehr ihr Eigen nennen. Die einzige Ausnahme betraf ihr nacktes Leben – und dieses wollten die wenigsten durch eine Revolte verlieren.
Siranys Eltern taten das, was die anderen ebenfalls machten. Sie zogen die Köpfe ein und hofften, der Sturm möge an ihnen vorübergehen. Heerscharen von fremden Soldaten zogen durch ihr kleines Dorf; brandschatzten, mordeten, plünderten. Doch das Haus der kleinen dreiköpfigen Familie blieb unbehelligt.
Mit den Soldaten kamen die Händler, die mit etwas handeln wollten, was niemand kaufen konnte. Es war eine dunkle Zeit, voller Hunger und Verzweiflung.
Sirany betrachtete diese Welt voller Staunen. Sie sah grimmige Soldaten an sich vorüberziehen, genauso hungrig wie sie und voller Hass auf ihr hartes Los. Das Klirren Tausender Waffen wurde zu einem beständigen Gesang, der sie abends in den Schlaf wiegte, während sie sich die zitternden Männer draußen in der Kälte vorstellte.
Sie bedauerte sie, obwohl sie ihr Land überfallen und niedergerungen hatten. Alles, was sie registrierte, waren die erschöpften, traurigen und kranken Männer dort draußen, die um ihr Leben kämpften.
Nach den Händlern und Soldaten kehrte endlich etwas Normalität in den Alltag der Unterworfenen zurück. Das Leben war hart, meist knapp an der Grenze zum Verhungern, doch es war erträglich.
Das fremde Volk führte indes nach und nach seine Sitten ein, verbot den Gott der Farreyn, verbrannte ihre Kirchen und führte seine eigene Religion ein. Alexej, König der Shari, durfte nur noch als einziger wahrer Gott angebetet werden. Volksversammlungen wurden schwer bestraft, Feste durften nicht gefeiert werden. Die Toten wurden begraben und nicht mehr verbrannt – und die Kinder bekamen andere Namen.
Nach und nach verlor Siranys Volk seine Identität. Überall dort, wo man sie bewahren wollte, wurde sie ihm mit einer Brutalität genommen, die weitere Versuche sofort im Keim erstickte.
Sirany hieß fortan Saka. Sie wurde in das neue Geburtenregister unter diesem Namen eingetragen, ihre Eltern verzeichnet und als Staatsbürgerin der Shari anerkannt. Allerdings mit dem Vermerk L. Leibeigene.
Ihr Lehnsherr hieß Kamu. Numa Kamu. Er war ein grausamer Mann. Seine Familie hatte in seinem eigenen Land nur einen winzigen Fleck Erde, auf dem sie leben konnten. Während der Streifzüge mit seinem Herrn hatte er sich Ehre erworben und somit eine der größten Ländereien der Farreyn errungen.
Voller Stolz und Pflichtgefühl, seiner Familie weiterhin gut zu dienen, machte er sich ans Regieren. Disziplin und Züchtigungen hatte er von der Pike auf gelernt. Seine harte Erziehung übertrug er nun auf seine Untergebenen durch strenge Gesetze und noch härtere Strafen bei Verstößen.
Dieses Verhalten allein trug ihm nicht seinen Spitznamen ein, mit dem er Jahre später in den Geschichtsbüchern erscheinen sollte.
Er war Numa Kamu der Unersättliche. Sonst lasterfrei, von seiner angeborenen Grausamkeit einmal abgesehen, konnte er nicht von den Frauen lassen.
Die jungen hatten es ihm angetan. Die jungen, hübschen und unerfahrenen. Sie durften nicht viel Speck auf den Hüften haben, was ihn zu dem Wahn veranlasste, seine Untergebenen hungern zu lassen.
Wer sich verweigerte, wurde genommen.
Von nun an lebten Siranys Eltern in der ständigen Angst, der verrückte Lehnsherr könne auf ihre kleine Tochter aufmerksam werden. Kinder ließ der Mann in Ruhe, doch sobald sie ein gewisses Alter erreicht hatten und seinen Anforderungen entsprachen, waren sie nicht mehr vor ihm sicher.
Zu ihrem Leid entwickelte sich Sirany zu einer ansehnlichen jungen Frau. Der Babyspeck verschwand ebenso wie die ungelenken Bewegungen. Sie hielt sich aufrechter als so manch andere, blickte mit neugierigen, von dichten, langen schwarzen Wimpern umrahmten Augen in eine ihr fremde Welt.
Aus den Härchen eines Neugeborenen wurden schwarze, lange Haare, die ihr wie ein dunkler Fluss den Rücken hinunterrannen. Meist wurden sie zu einem dicken Zopf geflochten und streng hochgesteckt, um weniger Aufmerksamkeit zu erregen.
Ihre grünen Augen konnte man schlecht verstecken. Ebenso wenig wie ihr anziehendes Lächeln, das ihr gesamtes Gesicht erstrahlen ließ, als sei die Sonne gerade in ihr aufgegangen.
Nein, Sirany konnte man nicht übersehen.
Und gerade wegen ihrer zierlichen Gestalt und der unschuldigen Aura, die sie umgab, passte sie genau in das Beuteschema des Lehnsherrn.

Viele Jahre zogen vorüber. Die Zeiten wandelten sich, genau wie die Stimmung im Volk.
Als Sirany gerade fünfzehn Jahre alt geworden war, ging eine fast unerklärliche Unruhe durch die unterdrückten Farreyn. Sie witterten die Freiheit, die der Frühling wie jedes Jahr versprach.
Dieses Jahr jedoch waren sie bereit, für ihre Unabhängigkeit zu kämpfen.
Tage später wurde der gerade eingekehrte Friede wieder jäh von Schwerterklirren durchbrochen. Notdürftig zusammengezimmerte Klingen trafen auf die scharf gewetzten Schwerter erfahrener Soldaten. Die Bauern kämpften mit dem Mut der Verzweiflung – mit einer Tapferkeit, die sie vor fünfzehn Jahren nicht hatten aufbringen können. Genau wie es vor so vielen Jahren bereits abzusehen war, konnte der Sieg der Freiheit nicht errungen werden.
Immerhin brachten die Bauern aus Siranys Volk den fremden Soldaten so viele Verluste bei, dass der König begann, sich Sorgen zu machen. Er hatte nicht mit einem Aufstand gerechnet, nicht von einem Volk voller Bauern, und schon gar nicht hatte er sich auf die grimmige Miliz vorbereitet, die sich innerhalb eines Monats formierte und nun sogar mit Taktik gegen den Feind vorrückte.
Der König war kein dummer Mann und auf der Nase ließ er sich nicht herumtanzen. Er hatte einen Trumpf im Ärmel, den er nun hervorzog.
Keine zwei Tage später hielten die Assaren Einzug in das von Krieg gebeutelte Land. Ein jeder dieser Krieger war in der Lage, gegen ein halbes Dutzend Bauern zu kämpfen und zu gewinnen.
Man sagte ihnen schnell Magie nach, denn sie kamen wie der Tod, leise, fast unbemerkt und ebenso effektiv. Wer mit der Klinge dieser Männer Bekanntschaft gemacht hatte, konnte später nicht mehr darüber erzählen.
Sie waren Schatten in Siranys Land. Schatten, die töteten, wenn sie hervortraten, und leise wieder verschwanden.
Niemand wusste etwas über dieses Volk, aber es war da und es schlug die Revolte so schnell nieder, wie sie gekommen war.

Als wieder Ruhe einkehrte, nahmen die überlebenden Bürger an, mit dem Krieg hätten auch die Assaren das Land verlassen. Die Einzige, die vom Gegenteil überzeugt war, war Sirany. Das hatte einen ganz bestimmten Grund. Sirany hatte die Assaren gesehen und als solche erkannt. Sie wusste, dass sie weiterhin da waren.
Vor einigen Wochen waren die Assaren durch ihr Dorf geritten. Keiner der Dorfbewohner hatte bemerkt, wen er dort vor sich hatte, und nur Sirany ahnte, was die wahre Identität der unauffälligen Männer war.
In ihre dicken, dreckigen Umhänge gehüllt, die Köpfe gesenkt und die Ponys struppig und mager, hatten sie nicht viel anders ausgesehen als jede andere Reitergruppe. Sirany jedoch hatte gespürt, dass dem nicht so war. Neugierig war sie den fremden Männern ein Stück des Weges gefolgt und hatte beobachtet, wie sie in den Tiefen des angrenzenden Waldes ihr Lager aufbauten und dort fortan blieben.
Sirany war fasziniert von ihnen. So düster sie nach außen hin erschienen, wirkten sie dennoch nicht wie die Mörder, von denen man ihr erzählt hatte. Sie sahen eher wie eine von Kummer und Pein erdrückte Gruppe besiegter Soldaten aus. Dieses Bild setzte sich in Siranys Kopf fest und führte dazu, dass sie die Assaren eher mit großer Neugierde denn mit Furcht betrachtete.
Ihre Faszination für dieses Volk wuchs sogar, als sie Wochen später feststellte, dass sich die Anzahl der Männer reduziert hatte. Zwei von ihnen waren gestorben, wie sie nach Auffinden zweier Grabstellen feststellte. Die geheimnisvollen Krieger waren keineswegs so unsterblich, wie das Gerücht verbreitete.
Ganz entgegen der Sitte der Shari mussten sie die Toten erst verbrannt und danach die Asche in einem kleinen Hügelgrab beigesetzt haben. Das erkannte Sirany schon allein an der Größe der Gräber. Es waren Urnengräber, die vom König der Shari verboten worden waren. Fast liebevoll waren einige wenige Blumen gepflanzt und zwei Schwerter in die Erde gesteckt worden. Vermutlich ein Zeichen für einen Brauch, den Sirany nicht kannte. Die Schrift auf den scharfen Klingen konnte Sirany nicht entziffern, geschwungene Runen wie gemalte Bilder, mystisch und geheimnisvoll.
Fast wie ein Zwang, den sie nicht unterdrücken konnte, legte auch Sirany eine kleine Handvoll Blumen auf die Gräber, ging fort und kam zwei Tage später, um die verwelkten Pflanzen voll schlechten Gewissens wieder fortzunehmen.
Hätte man sie dabei beobachtet, wie sie dem Feind die letzte Ehre erwies, so hätte ihr Volk sie des Verrats bezichtigt. Doch im Tode waren nach Siranys Ansicht alle gleich – und ein paar Blumen als Ehrerbietung würden schon niemanden in Schwierigkeiten bringen.
Eines, das wusste sie genau, war ihr verboten. Niemals, zu keiner Zeit durfte sie den Männern helfen. Viele ihrer Landsleute hatten durch ihre Hände den Tod gefunden. Sie hatten verhindert, dass ihr Volk seine Freiheit erlangte. Ein guter Grund, um die Assaren als Feinde zu bezeichnen.
Ihren Schwur musste sie ein halbes Jahr später gründlich überdenken, nachdem sie Blutspuren im Wald gefunden hatte.
Erst dachte sie, es wäre das Blut eines Tieres. Sie folgte der Spur in der Hoffnung auf leichte Beute, denn auch ein Farreyn-Mädchen konnte durchaus jagen, musste aber bald ihren Irrtum einsehen. Anstatt auf ein verwundetes Reh zu stoßen, führte sie die Fährte geradewegs auf das Lager der fremden Männer zu.
Der Grund für das Blut auf dem Boden war nicht schwer zu ergründen. Einer von ihnen musste verletzt sein, blutete so stark, dass man der Spur ohne Probleme folgen konnte. Das war nicht ihre Angelegenheit – und somit machte Sirany rasch wieder kehrt und lief ins Dorf zurück.
Zwei Tage später erwischte sie sich dabei, wie sie einen Korb mit Verbänden, Nähzeug und fieberstillenden Mitteln auf eines der Gräber stellte, in der stillen Hoffnung, er möge gefunden werden.
Sirany hätte nicht sagen können, warum sie dies tat. Sie tat es einfach und wie sich später herausstellte, hätte sie nichts Besseres tun können.

Kapitel 1
Es zieht ein Sturm auf.« Siranys Mutter Aileen warf einen besorgten Blick gen Himmel, während sie ihre einzige Tochter nach draußen begleitete. »Glaubst du, du schaffst es bis zum Müller?«
Auch Sirany prüfte das Wetter mit einem Blick, sah die dunklen, schneeverhangenen Wolken drohend über ihrem Kopf aufragen. Obwohl der Frühling bereits Einzug in das Land gehalten hatte, rang ihm der Winter noch diese eine Woche ab.
Kälte würgte Mensch und Tier, drang in jeden Knochen und ließ die bereits vorsichtig emporgesprossenen Blumen erfrieren. Eine dicke Schneeschicht lag auf dem kalten Erdboden, als hätte es den Frühling nie gegeben.
»Der Sturm ist nicht das Problem. Der Schnee ist übel«, erwiderte Sirany.
Rasch gab sie ihrer Mutter einen letzten Kuss auf die Wange und sprang von der Veranda hinab in den Schnee. Sie versank bis weit über die Knöchel, hörte das ihr so vertraute knirschende Geräusch zusammengedrückten Schnees.
Fröstelnd zog sie den Umhang um ihre mageren Schultern und ging vorwärts. Es war nicht weit bis zur Mühle des Müllers, doch der Weg war gefährlich. Unweigerlich musste man gleich zwei Wachtposten passieren und die überprüften jeden sehr genau, stets auf der Suche nach jungen, hübschen Frauen.
Sirany war dieses Spiel bereits so gewohnt, dass sie nicht weiter darüber nachdachte. Mit geübtem Griff zog sie sich die Kapuze weit über die Augen, krümmte sich und wirkte daraufhin wie eine alte, zermürbte Frau.
Um kein unnötiges Risiko einzugehen, schlug sie den Weg entlang des Flusses ein. Der führte am äußeren Rand des kleinen Dorfes vorüber. Normalerweise waren hier keine Soldaten anzutreffen, aber so genau wusste man das nie.
Da sie nur auf ihre Füße starrte und nicht den Blick hob, um vorauszuschauen, übersah sie den jungen Mann in Uniform. Er hatte unerlaubt seine Truppe verlassen, um sich hinter einem Busch heimlich eine der verbotenen Zigaretten anzuzünden.
Als er das junge Mädchen näher kommen sah, warf er hastig seinen Verrat in den Schnee, straffte sich und blickte der Gestalt entgegen. Er war jung, unerfahren und wollte sich dringend beweisen. Zudem genoss er das Gefühl der Macht, das mit seiner Uniform einherging. Die Chance, seine Überlegenheit einmal völlig allein auszukosten, ließ er sich daher nicht entgehen.
»Anhalten«, brüllte er so autoritär wie er es vermochte und damit erheblich lauter als nötig.
Augenblicklich erstarrte Sirany in ihrem Schritt. Vorsichtig hob sie den Kopf, um einen Blick auf ihr Gegenüber zu erhaschen. Als sie die Soldatenuniform erkannte, übersprang ihr Herz glatt einen Schlag. Dann wummerte es in ihrer Brust wie eine durchgehende Pferdeherde.
»Was machst du hier?«, bellte der Mann in einem Ton, der sie bis in die Knochen erzittern ließ. »Warum gehst du hier entlang? Das ist verboten.«
Natürlich war das verboten. Aber bisher hatte sie niemand erwischt.
Sirany machte einen unschlüssigen Schritt zurück und überlegte, ob sie die Zeit hatte, sich umzudrehen und die Flucht in das Dorf zu wagen. Möglicherweise konnte sie sich dort verstecken.
Der Soldat stand jedoch zu nahe, hatte sie sogar bereits am Umhang gepackt. Sekunden später riss er ihr die Kapuze vom Kopf und starrte sie verdutzt an.
Über die Jahre hinweg hatten sie und ihre Eltern es zu vermeiden gewusst, Sirany in der Öffentlichkeit zu zeigen. Stets war sie den unauffälligsten Weg gegangen, stets den Soldaten ausgewichen. Nun war das eingetreten, vor dem sie sich am meisten gefürchtet hatte.
Auch dem Soldaten dämmerte, was er da vor sich hatte. Eine Trophäe, eine Seltenheit in diesem Bezirk. Sein Lehnsherr würde sich als sehr dankbar erweisen, wenn er ihm dieses Juwel zuführte.
Sirany las in seinen Augen, was er dachte; er versäumte es, in den ihren zu lesen. Mit der Kraft der Verzweiflung schlug sie ihm die Faust ins Gesicht, riss sich los und sprang an ihm vorbei.
Ein trainierter Soldat war bestimmt auf offenem Feld schneller als sie, daher rannte sie nicht zurück ins Dorf, sondern auf den Fluss zu. Dahinter erstreckte sich unbeweglich der schneeverhangene Wald, sprach von Sicherheit und Geborgenheit – wenn sie ihn denn erreichen konnte.
Der Schlag ins Gesicht hatte den Soldaten nur überrascht und nicht verletzt. Nun wirbelte er mit einem wütenden Schrei herum und sprang ihr hinterher, bekam einen Zipfel ihres Umhangs zu packen und wollte sie zurückreißen.
Sirany befreite sich im letzten Moment von dem störenden Kleidungsstück, stolperte vorwärts und hielt nun direkt auf eine winzige Holzbrücke zu. Im Wald kannte sie sich aus, dort konnte sie auch ihre Wendigkeit zu ihrem Vorteil nutzen. Aber erst einmal musste sie die Baumgrenze erreichen.
Ihr wurde klar, dass sie es nicht schaffen würde, als sie den ersten Fuß auf die alte Holzbrücke setzte. Der junge Mann, mit längeren Beinen und größerer Schnelligkeit ausgestattet als sie, hatte sie erreicht, noch bevor sie über die Hälfte der Planken gehuscht war.
Mit einem Triumphgeheul warf er sich auf sie, packte sie an der Taille und zerrte sie zurück auf das gegenüberliegende Ufer. Sirany schlug wild nach ihm, versuchte ihn zu treten und zu beißen. Er fing spielend leicht ihre Fäuste ab. Gleich darauf versetzte er ihr einen Hieb ins Gesicht, der sie rücklings zu Boden schleuderte.
Er setzte ihr nach, drückte sie mit seinem ganzen Gewicht hinunter und hockte sich rittlings auf sie. Mit einer Hand hielt er ihre beiden Hände fest, presste sie weit über ihrem Kopf in den Schnee, während er mit der anderen ihren Hals umklammerte und anfing, sie zu würgen.
Augenblicklich erlahmte Siranys Gegenwehr. Sie hatte dieses tödliche Glitzern schon oft in den Augen junger Soldaten bemerkt, die in ihren kurzen Leben zu viele schlimme Dinge hatten sehen müssen.
Erst als sie sich kaum noch rührte, gab der Mann ihren Hals frei, um sich nun über sie zu beugen und sie breit anzugrinsen.
»Na, mein Täubchen? Was mache ich nun mit dir?«
In seinem Blick sah Sirany, dass es eine rein rhetorische Frage war. Er wusste sehr genau, was er mit ihr machen wollte. Er verlagerte leicht sein Gewicht, drückte nun mit dem Gesäß ihren Bauch in den Schnee, presste sie an den Boden.
Sie hatte ihm nichts entgegenzusetzen. Kalte Angst ergriff sie, während der eisige Schnee jede Ritze ihrer Kleidung eroberte und sich durch ihre Knochen fraß. Gleichzeitig hämmerte ihr Herz, als wollte es zerspringen, steigerte sich sogar, als der Mann mit der freien Hand über ihren Busen glitt.
Sie schrie auf, wand sich unter ihm. Er hielt sie eisern am Boden und erfreute sich an ihrer Panik.
Sie hörte den Fluss plätschern. Keine zwei Fuß neben ihrem Kopf befand sich die kleine Böschung, die hinunter zum kalten Wasser führte. Konnte sie ihn dort hineinstoßen? Über den Rand hinweg?
Sie verwarf diesen Gedanken wieder, als er mit seiner eiskalten Hand über ihre Kleidung huschte, sich einen Weg zu ihren Beinen suchte. In den glitzernden Augen des Soldaten sah sie plötzlich aufkommende Erregung, vermischt mit dem berauschenden Gefühl, jemand anderen in der Gewalt zu haben.
Mit dem Mut der Verzweiflung unternahm Sirany eine letzte Kraftanstrengung, zog die Beine an und trat mit den angewinkelten Knien nach ihm.
Sie traf seinen Rücken. Durch den unverhofften Stoß fiel er nach vorn und lockerte seinen Griff um ihr Handgelenk gerade genug, dass sie sich befreien konnte. Wild schlug sie ihm beide Hände ins Gesicht, drückte ihn von sich fort und versuchte von ihm wegzukrabbeln, doch er packte sie an den Haaren und riss sie zu ihm zurück.
Auf den Knien hockend kämpften sie weiter verbissen miteinander. Er hatte die Hände in ihren Haaren verkrallt, während sie seine Handgelenke umklammert hielt.
Siranys Kräfte erlahmten und allmählich ahnte sie, dass es für sie keine Fluchtmöglichkeit mehr gab. Sie war ihm hilflos ausgeliefert. Das Einzige, was ihr übrig blieb, war, auf seine Gnade zu hoffen. Auf eine Gnade, die der Mann in seiner Erregung nicht kennen würde.
Doch dann bemerkte sie am Waldrand eine Bewegung. Es war nur ein kurzes Rascheln der Zweige, eine winzige Veränderung unter einem Baum. Sie sah niemanden, spürte aber, dass dort etwas war.
Etwas, was sie beobachtete.
Gerade wollte sie der Soldat wieder in den Würgegriff nehmen, als der Schatten am Waldrand plötzlich Gestalt annahm. Ein Mann trat zwischen den Bäumen hervor, einen Bogen im Anschlag, den Pfeil bereits auf der Sehne. Er zögerte nicht eine Sekunde, zielte kurz und schoss.
Sirany hörte den dumpfen Aufschlag des Pfeils direkt neben ihrem Ohr. Genau dort, wo sich der Hals des Soldaten befinden musste. Es folgte ein wilder Schmerzenslaut, danach ein seltsames Gurgeln.
Anstatt sie endlich freizugeben, krallte sich der Mann an ihr fest, wollte sie selbst in seinem Todeskampf nicht freilassen.
In Panik schlug Sirany erneut nach ihm und sprang aus der Hocke nach vorn, in der Hoffnung, ihm so entkommen zu können. Zu spät fiel ihr ein, dass sich dort die Uferböschung befand – und die führte direkt hinab in den eiskalten Fluss.
Ehe sie es sich versah, rutschte sie haltlos das kurze, steile Stück hinunter. Sekunden später umhüllte sie der eisige Fluss mit seinem kalten Nass, riss sie mit seiner ganzen Kraft vom Ufer fort in seine Mitte, genau dahin, wo der Strom am stärksten war. Normalerweise schlummerte der Dorffluss friedlich vor sich hin, nur nicht zu dieser Jahreszeit. Dann schwoll er zu einer bedrohlichen Sintflut an, riss alles mit sich, was sich in seine Fänge begab.
Genauso verfuhr er nun auch mit Sirany, lähmte sie zuerst mit seiner Kälte und versuchte anschließend, sie in den dunklen Tiefen zu ertränken.

Elendar Assaim hatte es nur gut gemeint. Er wollte das Mädchen retten und nicht umbringen. Wirklich.
Stattdessen musste er nun mit ansehen, wie das Mädchen die Böschung hinunterrutschte und vom wild donnernden Fluss verschluckt wurde. Es tauchte einmal komplett unter, kam prustend wieder zum Vorschein und kämpfte verzweifelt um sein Leben, versuchte panisch das rettende Ufer zu erreichen.
Elendar reagierte sofort. Hastig ließ er Pfeil und Bogen zu Boden fallen und rannte am Ufer entlang, dem von den Fluten davongetragenen Mädchen hinterher.
Er war von Kind auf stets der Schnellste und Wendigste gewesen, doch dies war eine neue Herausforderung. Der Fluss war reißend, spielte mit der gefangenen jungen Frau, als sei sie nur ein albernes Spielzeug, riss sie mehr und mehr von ihm fort.
Gerade als Elendar aufgeben wollte, sah er ihren Schopf wieder aufblitzen. Sie musste all ihre Kraft zusammengenommen haben, um sich an den Rand des Flusses zu retten. Dort floss das Wasser etwas langsamer – und genau das verschaffte Elendar die Möglichkeit, wieder aufzuschließen.
Sirany indes verkrallte sich mit ihren Händen in einem Stein, drei Schritt vom Uferbereich entfernt. Das Moos war glitschig zwischen ihren Fingern, ihr Halt war mehr als bedenklich. Wütend zerrte der Fluss an ihr und ihren Kleidern, versuchte sie in die tieferen Bereiche seines Reiches zu ziehen. Doch noch gab Sirany nicht auf.
Sie wusste, dass sie sterben würde, wenn sie es nicht bis ans Ufer schaffte. Mit der gleichen Gewissheit wusste sie auch, dass sie nicht sterben wollte. Also kämpfte sie wie nie zuvor in ihrem Leben. Gegen die Kälte, gegen den Sog. Doch langsam, ganz langsam kroch der Tod in ihre Glieder. Die Kälte machte sie taub und gefühllos, ihre Finger gehorchten ihr immer weniger. Sie zwang sich dennoch, nicht loszulassen.
Elendar erblickte sie in der Sekunde, als ihre Kraft sie gerade verließ. Ihre Hand löste sich unaufhaltsam von dem rettenden Stein, Finger für Finger. Dann war da … nichts mehr, nur der unendliche Sog. Der Fluss packte wieder zu und zerrte sie mit sich. Sie ging unter.
Daher sah sie den spektakulären Hechtsprung nicht, den Elendar in dieser Sekunde vollführte.
Der junge Mann warf sich hinein in die Fluten, lang gestreckt, jeder Muskel angespannt. Er wusste: Er hatte nur eine Chance, sie zu packen. Er erwischte einen ihrer Arme, fasste zu und hielt ihren davontreibenden Körper auf.
Mit aller Kraft stemmte er die Beine in den Uferschlamm und lehnte sich gegen die Kraft des Flusses. Das Rauschen des Wassers dröhnte in seinen Ohren. Er schaffte es, sich aufrecht zu halten und die junge Frau zu sich heranzuziehen. Schritt für Schritt schleppte er sich Richtung Ufer, die Fremde mit sich ziehend. Dann endlich erreichte er trockene Erde. Der Sog ließ nach und er konnte sie in seine Arme und aus dem Wasser ziehen.
Zwei Schritte, drei. Schließlich hatte er den Fluss besiegt. An Ort und Stelle ließ er sich und die Fremde zu Boden gleiten. Ihr Atem ging hektisch und er gefror augenblicklich zu feinen weißen Dampfwolken vor den Mündern. Das erinnerte ihn unweigerlich an die eisige Kälte.
Das Mädchen lag wie tot vor ihm. Es hatte die Finger seltsam verkrampft, zuckte wie im Todeskampf und atmete nur stoßweise. Die Haut schimmerte milchig weiß und hatte jegliche Farbe verloren. In den Haaren glitzerten bereits die ersten Eiskristalle wie funkelnde Edelsteine.
Elendar wusste, dass sie erfrieren würde, wenn er nicht bald etwas unternahm.
Mit fahrigen Fingern zog er seinen Dolch, setzte ihn an der Kleidung der jungen Frau an und begann, sie aufzuschneiden. Die letzten Fetzen riss er regelrecht von ihrem Körper, während sie es willenlos über sich ergehen ließ. Er sah in ihrem Blick helle Panik, vermischt mit Resignation und Unglauben. Dennoch unternahm sie keinen Versuch, seinen Fingern zu entkommen, selbst dann nicht, als er sie bis auf die nackte Haut entkleidet hatte.
Ohne ein Wort mit ihr zu wechseln, entledigte er sich ebenfalls seiner nassen Kleidung. Dann zog er ihren Körper zu sich heran, presste ihn an sich und umhüllte sie beide mit seinem Mantel, den er aus reinem Instinkt am Ufer hatte liegen lassen, bevor er dem Mädchen in die eisigen Fluten gefolgt war.
Dieses eine trockene Kleidungsstück war nun ihre einzige Hoffnung, sie vor dem Erfrieren zu bewahren.
Sirany lag wie erstarrt in den Armen des fremden Mannes. Er hatte ihren Kopf gegen seine Brust gepresst, die Arme fest um ihren Körper geschlungen und den Mantel wie einen schützenden Kokon um sie beide gelegt. Er lag halb auf ihr, presste seine nackte Haut auf ihre, um seine Körperwärme mit ihr zu teilen.
So lagen sie eine Ewigkeit da, während das Mädchen dem sanften Herzschlag ihres Retters lauschte. Am Anfang hatte sein Herz gehämmert, als wollte es einen Wettbewerb gewinnen, nach und nach hatte es sich jedoch beruhigt.
Die beiden wussten, dass sie nicht ewig so liegen bleiben konnten. Früher oder später würde die Kälte sie töten, die nun unweigerlich auch durch den Mantel drang. Durch die geringe Körperwärme, die von dem Mann ausging, erwachten wenigstens Siranys Arme und Beine zum Leben.
Sie begann, sich zu entspannen. Immerhin hatte der Mann bisher keinerlei Anstalten gemacht, über sie herzufallen – so wie es der Soldat nur Minuten vorher getan hatte.
Das Gebüsch bewegte sich direkt neben ihren Köpfen und ein in dicke Felle gehüllter Mann trat hervor. Er erstarrte bei dem seltsamen Anblick.
Verwundert fragte der Fremde ihren Retter etwas in einer Sprache, die Sirany nicht verstand. Dieser antwortete kurz und knapp, erst danach trat der Fremde zu ihnen und legte eines seiner Felle über sie.
Für einige Zeit bewegte sich niemand. Sirany fühlte sich durch die Anwesenheit des Fremden bedrängt, verängstigt. Sie lag nackt unter einem Mantel und einem Fell, umgeben von zwei Männern, denen sie niemals in ihrem Leben begegnet war.
Sie war ihnen völlig ausgeliefert.
Als sich ihr Retter neben ihr bewegte und dabei mit dem Arm über ihre Brust strich, erstarrte Sirany vor Schreck und wagte keinen Atemzug. Zum Glück war die Berührung nur zufällig gewesen. Ihr Retter richtete sich lediglich auf und befreite sich von den Überwürfen. Fröstelnd schlang er die Arme um sich und nahm dankbar den Mantel entgegen, den ihm der Fremde hilfreich entgegenhielt.
Erst nachdem er sich fest eingehüllt hatte, drehte er sich zu Sirany um. Die hatte sich mittlerweile aufgerichtet und saß nun mit wild klappernden Zähnen da. Ängstlich presste sie die beiden Kleidungsstücke an sich und versuchte sich damit so gut es ging zu verhüllen.
»Du musst dich bewegen, wenn du nicht erfrieren willst«, sagte ihr Retter unverhofft.
Seine Stimme klang weich, fast wohltuend beruhigend, mit einem sehr starken Akzent, den Sirany nicht einzuordnen vermochte.
Sirany war nicht fähig zu sprechen. Ihre Lippen zitterten zu sehr vor Kälte, ihr gesamter Unterkiefer war vor Eis wie erstarrt. Also nickte sie lediglich und bemühte sich nach Kräften, auf die Beine zu kommen. Sie schaffte es erst, als ihr Retter ihr hilfreich unter die Achseln griff.
Dann stand sie da. Zitternd, halb von Sinnen vor Kälte, fast nackt und völlig ungeschützt. Sie stand knöcheltief im Schnee, barfuß, denn ihre Schuhe waren im Fluss verloren gegangen. Ihr war, als müsste sie jeden Moment erfrieren.
Elendar betrachtete das Mädchen einen Moment prüfend und befand, dass er sich erst um sich selbst kümmern musste, um ihr helfen zu können. Efnor hatte zum Glück die Angewohnheit, mit Fellen bepackt wie ein frierender alter Esel herumzulaufen. An wärmenden Decken mangelte es ihnen daher nicht.
Efnor gab so viel ab, wie er entbehren konnte, und reichte schließlich sogar seine letzte Lage Fell an das Mädchen weiter. Nun stand auch er frierend da, nur noch bekleidet mit seinem alten, löchrigen Hemd. Er war jedoch Kummer gewohnt und kümmerte sich nicht weiter um die Kälte.
»Hol Hilfe«, wandte sich Elendar an seinen Freund und sprach extra Assarisch, damit das Mädchen ihn nicht verstand. »Wir brauchen ein Pferd, um schneller ins Lager zu kommen. Sag Sheyn, er soll Steine ins Feuer legen und Felle warm halten. Wir gehen euch entgegen.« Eine Sekunde zögerte er, dann fügte er hinzu: »Am Flussufer liegt ein toter Soldat. Findet und vergrabt ihn, bevor er Aufsehen erregt. Macht rasch.«
Efnor fragte nicht weiter nach, sondern nickte nur und eilte davon, hinein in den Wald. Einen Moment blickte Elendar seinem Freund hinterher, erst danach drehte er sich zu dem Mädchen um.
Das stand nach wie vor wie zur Salzsäule erstarrt da und zitterte vor sich hin. Wenigstens zitterte es wieder. Das war schon mal ein gutes Zeichen.
Elendar trat neben die junge Frau, zog ihr die Felle so fest er konnte um den Oberkörper und sah sie streng an.
»Wir müssen uns bewegen, sonst sind wir so gut wie tot. Versuch es wenigstens.«
Wie in Trance nickte sie, machte einen zaghaften Schritt und knickte augenblicklich ein. Elendar zog sie seufzend wieder auf die Beine und drängte sie nach vorn.
»Du musst gehen«, ermahnte er sie und zog sie mehr hinter sich her, als dass sie selbstständig ging. Auch ihm tat mittlerweile alles weh. Außerdem macht er sich heftige Sorgen um seine Zehen, die er kaum spürte. Seine Schuhe waren völlig durchweicht und boten keinen Schutz gegen die Kälte. Wenigstens hatte er welche, im Gegensatz zur jungen Frau.
Sie verließen das Ufer des Flusses und drangen in den schneebedeckten Wald ein. Äste knackten unheimlich unter ihrer Last, hier und da segelte ein Zweig zu Boden. Ansonsten war alles still, nur durchbrochen von den keuchenden Lauten der beiden Menschen.
Sirany war mittlerweile übel. Wie in einen dichten Nebel gehüllt stolperte sie hinter dem Fremden her, der sie unerbittlich vorwärtsdrängte. Ihr Körper schmerzte heftig und die Brust war wie eingeschnürt. Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, die sie dem Mann folgte, eine Ewigkeit, in der sie durch die Hölle ging. Schließlich war sie mit den Kräften am Ende. Der Kampf mit dem Soldaten, die nackte Panik vor einer Vergewaltigung, das alles hatte sie geschwächt, der Sieg über die eisigen Fluten hatte sie an den Rand ihrer Fähigkeiten gebracht. Der Marsch durch diese eisige Hölle überstieg nun ihre Kräfte.
Elendar fing sie gerade noch auf, als sie zusammenbrach. Er ließ sie in den Schnee gleiten und stützte ihren Oberkörper ab.
»Ich kann nicht …«, flüsterte sie. Dabei krallte sie sich in seinen Fellumhang, als wollte sie ihn nie wieder loslassen. Elendar gab ebenfalls auf. Auch er konnte sich kaum rühren. Eine eigenartige Müdigkeit umgab ihn. Schweigend zog er das Mädchen dicht an sich heran. Es vergrub sein Gesicht an seiner Brust. So verharrten sie.
Keine zwei Minuten später kamen endlich die Pferde – und die brachten sie sicher in das Lager. Dort warteten warme Felle und ein heißes Feuer auf sie.
Später erinnerte sich Elendar nicht mehr vollständig an das Geschehene. Er hatte das Mädchen zu sich auf sein Gebirgspony genommen und war im Jagdgalopp durch den Wald gestürmt, so schnell es der winzige Wanderpfad zuließ. Im Lager angekommen, hatte er das Mädchen vom Rücken seines Tieres gezogen und in sein Zelt getragen, hatte es mit Decken und warmen Steinen bedeckt und war anschließend zu ihm unter die Felle gekrochen.

Kapitel 2
Elendar Assaim war ein praktisch denkender Mensch. Mit seinen knapp zwanzig Jahren hatte er sich eine Art mit Menschen umzugehen angewöhnt, die für sein Alter völlig untypisch war. Seine Männer taten gern, was er ihnen auftrug, und sie folgten seinen Befehlen, ohne sie anzuzweifeln.
Trotz seiner jungen Jahre wirkte Elendar sehr weltgewandt. Beinahe weise. Ruhe und Gelassenheit waren zwei seiner Tugenden, hinzu kamen Klugheit und Führungstalent. Ein gewisser Grad an Skrupellosigkeit, gepaart mit seiner unbändigen Treue zu seinem Volk, formte ihn zu einer ernsthaft gefährlichen Persönlichkeit.
Jetzt gab er eher eine klägliche Figur ab, als er sich zitternd wie ein Baby an die junge Sirany schmiegte. Ihm war kalt, was man angesichts der eisigen Temperaturen durchaus verstehen konnte, und er suchte verzweifelt jede Art von Körperwärme.
Sirany war zum Glück so in ihrem Nebel versunken, dass sie den männlichen Körper, der sich so hartnäckig an ihre Seite presste, erst sehr viel später bemerken sollte. Wenn sie bereits zu dieser Zeit bei Sinnen gewesen wäre, um Elendars Haut so dicht an der ihren zu spüren, wäre sie vor Angst gestorben.
So retteten sie sowohl ihre Nähe zueinander als auch die dicken Decken, die Elendars Männer rasch über sie ausbreiteten. Heiße Steine wurden linkisch unter die Felle, auf denen sie lagen, geschoben und ein kleines Feuer im Zelt errichtet, gerade groß genug, um zu wärmen, und klein genug, um nichts zu verbrennen.
Dann ließ man die beiden in Ruhe, allerdings nicht ohne einige spitze Bemerkungen über ihren engen Körperkontakt auszutauschen.

Sirany wurde davon wach, dass ihre Knochen wie wild prickelten. Die Wärme drang langsam durch ihre Haut hindurch, erhitzte ihren Körper und erweckte die erstarrten Muskeln zu neuem Leben.
Der Schmerz, der dabei entstand, hatte Sirany aus ihrem Erschöpfungsschlaf gerissen. Einen Moment lag sie völlig orientierungslos da, blickte verwirrt zur Decke und versuchte sich zu erinnern, wo sie war.
Erst als sie ruhige Atemzüge direkt neben ihrem Ohr vernahm, kam die Erkenntnis schlagartig zurück.
Sie war in den Fluss gefallen und ein seltsamer Mann hatte sie herausgefischt, sie zu sich ins Lager mitgenommen und sie zugedeckt.
Jetzt lag er dicht neben ihr, hatte wie selbstverständlich einen Arm um sie geschlungen und hielt sie fest an sich gepresst. Sein Kopf lag genau in der Kuhle zwischen ihrem Kopf, dem Hals und der Schulter, seine Brust schmiegte sich an ihre Seite.
Augenblicklich erstarrte sie, als sie bei jedem seiner Atemzüge sein Brusthaar an ihrer Seite auf und ab streichen spürte. Sein Arm, der auf ihrem Bauch lag, bewegte sich im gleichen Rhythmus.
Sirany hatte bisher keinerlei Kontakt zum männlichen Geschlecht gehabt. Sicherlich hatte sie bereits den einen oder anderen Mann nackt gesehen – beim Baden im Teich zum Beispiel, wo sie den alten Ziegenhirten versehentlich überrascht hatte, oder ab und zu mal ihren Vater.
Sie hatte sogar einmal ein Pärchen gesehen, das sich leidenschaftlich hinter einem Gebüsch geliebt hatte. Vom Stöhnen angelockt, hatte Sirany nachsehen wollen, ob dort nicht jemand verletzt lag und ihre Hilfe benötigte. Erst nach einem intensiven Blick auf das Geschehen hatte sie feststellen müssen, dass diese Laute durchaus einen sehr zufriedenen Ton innehatten.
Sie selbst war niemals von einem Mann außerhalb ihrer Familie umarmt worden – weder auf die freundschaftliche noch auf die erotische Weise. Der junge Ziegenhirte hatte sie einmal geküsst und sogar kurz ihre Brust betatscht. Dieses Erlebnis hatte sie vorerst Abstand nehmen lassen von jeglicher männlicher Nähe.
Bis jetzt.
Sirany wusste nicht recht, was sie denken sollte. Zum einen hatte sie natürlich Angst, denn sie kannte den Mann nicht und es war auch nicht zu leugnen, dass sie beide auf eine höchst unziemliche Art und Weise nebeneinanderlagen. Man hätte es durchaus für eine Szene nach einem sehr intensiven Liebesspiel halten können.
Zum anderen war Sirany mit einer ausgeprägten Neugierde gesegnet, weswegen sie zugleich auch sehr fasziniert von dem Mann war, der da neben ihr lag.
Die Wärme, die von ihm ausging, war ausgesprochen beruhigend, die gleichmäßigen Atemzüge gleichsam einschläfernd.
Eine Weile lag Sirany da, ohne sich zu bewegen, lauschte auf ihre Umgebung und sortierte ihre Eindrücke.
Sie lag in einem Zelt, das schon reichlich altersschwach aussah. Spärliches Licht fiel durch den angemoderten Stoff, es mochte früher Abend sein. Die Felle, auf denen sie lag und die sich zugleich auf ihr stapelten, waren kratzig und unbequem. Zumindest waren sie warm. Ansonsten konnte sie rein gar nichts erkennen.
Wie immer, wenn man über seine Lage nachdenkt, kommt einem auf einmal die Art, wie man gerade daliegt, sehr unbequem vor. So erging es nun auch Sirany. Zudem brachte sie ihre Neugierde, sich ihren Retter genauer ansehen zu können, fast um.
Also drehte sie sich langsam auf die Seite, möglichst darauf bedacht, den Schlafenden nicht zu wecken. Als er sich bewegte, erstarrte sie augenblicklich, wurde voller Staunen aber nur fester herangezogen. Der fremde Arm verlagerte sich vom Bauch auf ihre Taille und der Kopf des Fremden ruhte nun parallel zu ihrem eigenen.
Das, was Sirany jetzt betrachten konnte, gefiel ihr.
Ihr Retter war keineswegs so alt, wie sie angenommen hatte. Etwa drei, vier Jahre älter als sie selbst. Seine noch jugendlichen Züge waren im Moment entspannt, ein leichtes Lächeln umspielte seine Mundwinkel.
Er hatte langes schwarzes Haar, das ihm bis zur Schulter reichte. Die meisten Strähnen waren in kleine Zöpfe geflochten. Als wild aussehend hätte man ihn am besten beschreiben können, obwohl ihm dazu der lange Bart fehlte.
Der Fremde war hübsch, entschied Sirany. Ohne die wilden Haare würde er gewiss besser aussehen, zumal sich in ihnen noch etwas Schlamm vom Fluss befand. Aber leider waren Kurzhaarfrisuren seit dem Überfall auf ihr Land aus der Mode gekommen.
Sirany war ganz ins Betrachten vertieft, als sich sein Lächeln verbreiterte und er, ohne die Augen zu öffnen, fragte: »Gefällt dir, was du siehst?«
Augenblicklich schoss Sirany das Blut ins Gesicht. Rasch sah sie fort. Als sie das nächste Mal in das Gesicht ihres Retters blickte, hatte er die Augen geöffnet. Braune Augen blickten sie freundlich an, studierten ihr Gesicht nun ebenfalls.
Sirany brauchte einen Moment, um sich zu fangen, dann lächelte auch sie.
»Du brauchst eine Frisur.«
Der junge Mann zog eine Augenbraue hoch, nahm seinen Arm in der gleichen Bewegung von ihrer Taille und rückte etwas von ihr ab. Erst jetzt bemerkte Sirany, dass sie auf seinem anderen Arm lag, seine Hand hatte bis gerade eben auf ihrem Rücken geruht. Nun zog er auch diese zurück und brachte einen einigermaßen sittsamen Abstand zwischen sich und Sirany, aus dem man sich getrost vorstellen konnte.
»Verrätst du mir deinen Namen? Ich würde gern wissen, welche Wassernymphe ich aus dem Fluss gefischt habe.« Seine Stimme klang angenehm, etwas rau und dunkel vom Schlaf und durchaus freundlich.
»Sirany. Mehr brauchst du nicht zu wissen. Wo sind meine Kleider?« Es war Sirany sehr daran gelegen, etwas Stoff auf ihre Haut zu bekommen.
»Ist dir noch kalt, Sirany?«
»Nein.«
»Dann brauchst du auch keine Kleider.«
Einen Moment war Sirany sprachlos. Anstatt giftig zu antworten, richtete sie sich vorsichtig auf. Sie zog sich eines der Felle so hoch es eben ging über die Brust und blickte sich suchend um.
»Du wirst hier höchstens ein Wollhemd von mir finden«, erklärte Elendar, gähnte herzhaft und schlug nun ebenfalls die Felle beiseite.
Er richtete sich auf und streckte sich ausgiebig. Dann stand er langsam auf und ging zu einem Kleiderhaufen hinüber.
Sirany starrte ihn sprachlos an. Sie hatte gewusst, dass ihr Gegenüber nackt neben ihr lag, aber doch nicht so nackt!
Aus Anstand wollte sie sich schnell von seinem Anblick lösen, doch strahlte der muskulöse männliche Körper, der sich ihr unvermittelt offenbarte, eine verheerende Faszination aus.
Da er ihr seinen Rücken zudrehte und dabei von ihr fortging, hatte sie eine wunderbare Aussicht auf sein Hinterteil, die langen, muskulösen Beine und das breite Kreuz. Muskeln hatte er, definitiv …
Etwas stimmte nicht mit seinem Rücken. Erst nach genauerem Hinsehen stellte Sirany fest, dass die Haut von Dutzenden von Narben übersät war. Eine wahre Kraterlandschaft aus wirren Mustern unterschiedlich verheilter Haut.
Die meisten dieser Narben mussten sehr alt sein.
»Könntest du deinen Blick abwenden, damit ich mich ankleiden kann?«, erkundigte sich Elendar unvermittelt. »Das ist ein Gebot des Anstandes.«
Rasch riss sich Sirany von seinem Anblick los, schielte jedoch weiterhin in seine Richtung.
»Was hast du mit deinem Rücken angestellt?«
Überrascht über die unverhoffte Frage, drehte sich Elendar zu dem Mädchen um, seine Hose unangezogen in den Händen haltend.
»Du bist aber direkt«, sagte er verblüfft.
Sirany hoffte auf eine Antwort. Als die ausblieb, wechselte sie das Thema. »Du gehörst zu den Assaren, nicht wahr?«
Elendar seufzte tief. »Schüchternheit gehört schon einmal nicht zu deinen Tugenden.«
»Sei froh, sonst hätte ich bereits den gesamten Wald zusammengeschrien. Ich liege splitterfasernackt auf deinem Bett und kenne nicht einmal deinen Namen.«
Während sich Elendar sein Hemd über den Kopf zog, bedachte er das Mädchen mit einem Schmunzeln. »Ja, ich gehöre zu den Assaren. Mein Name ist Elendar. Elendar Assaim, um genau zu sein.«
»Ich habe mir euch ein wenig … grobschlächtiger vorgestellt.« Sirany legte den Kopf schräg und betrachtete ihr Gegenüber nun eher ungeniert.
»Wenn ich wirklich so grobschlächtig wäre, wie von den Assaren behauptet wird, dann hätte ich nicht neben, sondern auf dir gelegen.«
Über das Gesicht, das Sirany nun zog, musste Elendar lachen. Er warf ihr ein altes Hemd zu und schnürte danach seine Stiefel.
»Ich werde dir eine Hose organisieren. Deine Sachen liegen leider am Fluss und wurden wahrscheinlich bereits von meinen Leuten entsorgt – die waren nach der Bekanntschaft mit meinem Dolch ohnehin unbrauchbar. Hast du Hunger?«
Sirany nickte und presste sich dankbar das wollende Hemd an die Brust.
»Gut, dann werde ich uns jetzt was zu essen besorgen. Ich mache mich bemerkbar, wenn ich wieder hereinkomme. Deine Schüchternheit scheint wenigstens so weit ausgeprägt zu sein, dass du dich nicht vor mir anziehen willst.«
Unwillkürlich streckte ihm das Mädchen die Zunge heraus. Er lachte nur über diese Geste und verließ das Zelt.

Als Elendar neben seine Männer trat, schnitten diese bereits bezeichnende Gesichter. Kusshändchen, die ihm zugeworfen wurden, und gespieltes Augenklimpern waren die sittsamsten Gesten.
»Na, wie war die Kleine?«, wurde er sogleich von Sheyn begrüßt, der sich das Lachen kaum verkneifen konnte. »War sie unnahbar wie Eis?«
Elendar beachtete die derben Sprüche seiner Männer nicht weiter, sondern beugte sich stattdessen über den Topf und begutachtete den Inhalt.
»Was ist das? Pferdeäpfel?«
»Dein Soldat vom Fluss. Ist ein bisschen zäh, aber recht schmackhaft. Du hast gesagt, wir sollen ihn entsorgen.«
»Sehr witzig. Hört auf, solche Sachen zu sagen, sonst werden die Gerüchte um uns noch schlimmer.« Genervt holte sich Elendar zwei Schüsseln und löffelte den seltsamen Eintopf hinein. »Sind Soldaten in den Wald gekommen, um nach dem Vermissten zu suchen?«
»Ja. Waren sogar hier und fragten nach ihm. Haben ihnen natürlich nichts gesagt. Haben ihnen was vom Eintopf angeboten. Wollten aber nichts.«
Vorsichtig probierte Elendar etwas von dem Eintopf und war erleichtert, als er definitiv Hirschfleisch schmeckte. Bei seinen Männern konnte man nie genau wissen, was sie als essbar ansahen. Kannibalen waren sie nicht, nur in manchen Dingen besorgniserregend praktisch veranlagt. Da landete auch mal eine Schuhsohle im Essen.
»Zack, ich brauche eine Hose von dir. Du hast die schmalsten Hüften. Dem Mädchen passen deine Sachen am besten.«
Zack war es ausgesprochen peinlich, auf einmal im Mittelpunkt der Spötteleien zu stehen. Daher stand er rasch auf, um seinem Anführer die gewünschte Hose zu holen.
Efnor räusperte sich unvermittelt. Augenblicklich kehrte Ruhe ein.
»Jetzt mal ohne Flachs, Elendar. Was hast du dir dabei gedacht, das Mädchen hierherzuschleppen? Es zu retten ist eine Sache, sie gleich ins Lager der Assaren zu bringen eine ganz andere. Außerdem hast du einen Soldaten aus Kumas Reihen getötet.«
Elendar hatte mit derartigen Vorwürfen bereits gerechnet.
»Wenn ich sie hätte dort liegen lassen wollen, hätte ich ihr gar nicht erst in den Fluss hinterherspringen zu brauchen. Außerdem sind wir ihr was schuldig.«
Jetzt starrten ihn gut zwanzig Männer wie verwundert dreinblickende Hornochsen an.
»Besonders du, Efnor, stehst in ihrer Schuld. Ohne die fieberstillenden Mittel wärst du damals garantiert gestorben.«
Stille trat ein, unterbrochen von Zacks Stampfen, als er zurückkam und Elendar die Hose überreichte.
»Das war sie?«
»Ja.«
Damit war die Sache für Elendar erledigt und er stand auf, um dem Mädchen die Hose und das Essen zu bringen.
Wie angekündigt, klopfte er zuerst gegen das Holzgestell des Zeltes und trat dann erst ein. Sirany saß mit angewinkelten Beinen auf dem Haufen Felle.
Als sie den Mann eintreten sah, zog sie sich rasch das Hemd weiter hinunter und warf Elendar ein freundliches Lächeln zu. Er erwiderte die Geste, trat an sie heran und reichte ihr die Hose zusammen mit dem Essen.
Sie nahm beides dankbar entgegen und deutete gleichzeitig auf ihre Füße.
»Ich glaube, ich habe zwei Zehen verloren.«
Mit einem Mal wirkte sie nicht mehr so fröhlich wie zuvor. Elendar beugte sich vor und betrachtete ihre Füße nachdenklich. Sie waren ganz blau, zwei Zehen begannen sich gräulich zu färben.
»Zieh dich an. Ich hole dir heißes Wasser. Da kannst du deine Füße drin baden. Eventuell bringt sie das wieder ins Leben.«
Erst nachdem Elendar das Zelt wieder verlassen hatte, zog sich Sirany vorsichtig weiter an. Ihr Fuß war taub von der Kälte, einige Zehen hingegen schmerzten schrecklich. Von den zwei gräulich verfärbten spürte sie nichts.
Keine fünf Minuten später kam Elendar zurück, setzte einen großen Topf zu ihren Füßen ab und machte eine einladende Bewegung. Sirany wusste, dass ihr nun nichts anderes mehr übrig blieb und fügte sich in ihr Schicksal. Mit vor Schmerz verzerrtem Gesicht tunkte sie ihre Füße in das Wasser und verbiss sich die aufsteigenden Tränen.
»Verdammt, tut das weh«, war alles, was sie sagen konnte.
Elendar setzte sich neben sie. Er war sich nicht sicher, was er jetzt mit dem Mädchen anfangen sollte, und daher schwieg er. Sirany betrachtete währenddessen misstrauisch ihre Füße. Auch sie blieb ruhig, während sich ihr Herzschlag langsam beschleunigte. Mit Stille war sie niemals gut klargekommen. Einen frostig schweigenden Assaren dabei neben sich sitzen zu haben, war noch viel beängstigender. Irgendwann hielt sie es nicht mehr aus.
»Was habt ihr jetzt mit mir vor?«
Elendar ließ sich Zeit mit der Antwort. »Dich zurückbringen, sobald es das Wetter zulässt. Du hast uns in all den Monaten nicht verraten, dann wirst du es jetzt erst recht nicht mehr tun.«
Sirany warf ihm einen überraschten Blick zu.
»Du bist doch unsere kleine Kräutersammlerin mit den Blümchen auf den Gräbern und dem Korb mit fieberstillenden Mitteln?«
Trotz ihrer Schmerzen musste Sirany über diese Ausdrucksweise lachen. Ja, das war sie wohl. Also nickte sie.
»Außerdem wüsste ich nicht, an wen du uns verraten solltest. Numa Kamus Soldaten wissen, wo sie uns finden können, und deine Leute aus dem Dorf werden uns bestimmt nicht besuchen kommen.«
»Nein, bestimmt nicht.«
Danach kehrte wieder Ruhe ein. Nach kurzer Zeit döste Elendar ein, eingelullt durch das sanfte Plätschern des Wassers, wenn Sirany ihre Füße bewegte.
Er war von einem anstrengenden Fußmarsch zurückgekehrt und hatte sich auf sein warmes Lager gefreut. Stattdessen hatte er einem Mädchen in die eisigen Fluten eines wilden Flusses folgen müssen. Der Schlafmangel, der ihn seit vier Tagen begleitete, forderte nun seinen Tribut.
Sirany ließ ihn schlafen und warf ihm nur ab und an einen nachdenklichen Blick zu.
Nach einiger Zeit, in der Sirany stumpfsinnig ihre Füße angestarrt hatte, meldete sich ihr Magen. Sie erinnerte sich an den Eintopf, den ihr Elendar mitgebracht hatte, und nahm ihn zur Hand.
»Warum bist du so dürr wie eine ausgehungerte Hyäne?«, fragte Elendar unvermittelt. Er machte sich nicht einmal die Mühe, die Augen zu öffnen.
»Vielen Dank für das Kompliment«, antwortete sie bissig, schluckte und verzog das Gesicht. Kochen mussten die Assaren noch lernen. Oder sie besaßen einen ausgesprochen abartigen Geschmack.
»Die Shari verlangen hohe Abgaben von uns. Das wenige Vieh, das wir besitzen, müssen wir am Jahresende zum Großteil abgeben. Genauso wie unsere Ernte. Da bleibt nicht viel für uns zum Leben außer Wurzeln und Beeren, die ich im Wald sammle.«
»Das wird sich bald ändern. Ich kenne die Shari. Sie werden in ein paar Monaten, spätestens in einem Jahr das Land als befriedet einstufen und mit ihrem Heer zu neuen Eroberungen weiterziehen. Zurück bleiben ein paar wenige Lehnsherren, die euch im Auge behalten werden. Je weniger Soldaten ihr im direkten Umfeld zu ernähren habt, desto mehr bleibt für euch. Natürlich müsst ihr auch weiter eure Abgaben zahlen, aber wenigstens plündern euch die anwesenden Soldaten nicht mehr länger. Es wird einfacher werden.«
Sirany warf ihm einen abschätzenden Blick zu. »Gehören die Assaren zu den Shari?«
Augenblicklich warf Elendar ihr aus seinen dunklen, so wissend blickenden Augen einen empörten Blick zu. »Nein, ganz bestimmt nicht«, sagte er inbrünstig.
»Warum helft ihr ihnen dann?«
»Warum helft ihr ihnen? Ihr gebt ihnen eure Söhne mit, damit sie für die Shari kämpfen. Ihr gebt all euer Essen her, damit ihre Soldaten leben können. Ihr verhungert, um den Shari zu helfen. Also? Warum helft ihr ihnen?«, entgegnete er.
»Weil wir es müssen. Wir sind von ihnen überrannt und versklavt worden.«
»Genauso erging es uns. Auch wir müssen tun, was man uns befiehlt. Wir kämpfen mit ihnen, um unsere Familien zu schützen.«
Sirany starrte ihn überrascht an. Sie hätte niemals gedacht, dass ein so mächtiges, von vielen Kämpfen geformtes, unglaublich Furcht einflößendes Volk von den Shari überrannt werden könnte. »Jeder hat Angst vor euch. Sogar die Shari. Ich habe oft gehört, wie die Soldaten über euch geredet haben. Als wäret ihr Geister, die jeden heimsuchen würden, der sich euch widersetzt.«
»Unsere Besatzung ist eine lange, traurige Geschichte. Ich will sie dir nicht erzählen.«
Eine dunkle Erinnerung huschte durch Elendars Gedanken, als er sich unwillkürlich in die schreckliche Zeit der Invasion zurückversetzte.
»Die Assaren sind besiegt worden, aber sie sind nicht tot. Das wissen die Shari. Sie fürchten uns, wie ein Wärter sich vor einem Raubtier im Käfig fürchten sollte. Denn obwohl es eingesperrt ist, hat es weiter Klauen und Fangzähne.«
Sirany verstand ihn. Sein Volk nährte sich von der Hoffnung, sich irgendwann von dem Joch der Unterdrückung befreien zu können. Bis es so weit war, taten sie wie geheißen und gehorchten.
Eine Weile sagte keiner der beiden etwas. Elendar war wie gefangen in der Welt seiner Erinnerungen, während sich Sirany mit ihren Füßen beschäftigte, die wild kribbelten und schmerzten.
»Für dein Volk kann ich nichts tun, Sirany. Aber vielleicht für dich.«
»Für mich? Wie kann man mir helfen? Und wobei?«
»Ich habe deinen kleinen Kampf mit dem Soldaten beobachtet. Du bist stark und dein Wille zu überleben ist sehr ausgeprägt. Nur dein Kampfstil ist miserabel.«
»Frauen kämpfen nicht. Das überlassen wir unseren Männern.«
Elendar schnaubte abfällig. »Auch die können nicht kämpfen, jedenfalls nicht die Männer deines Volkes.«
Einen Moment war Sirany ernsthaft eingeschnappt. Seine nächsten Worte besänftigten sie jedoch sofort.
»Frauen müssen nicht unbedingt mit Schwertern kämpfen können. Sie sollten aber in der Lage sein, sich selbst zu verteidigen, wenn sich jemand zwischen ihre Beine drängt und sie etwas dagegen haben.«
Unwillkürlich wurde Sirany tiefrot im Gesicht, als sie sich an die Szene am Fluss erinnerte. Sie hatte sich hilflos, völlig ausgeliefert gefühlt. Die Angst hatte ihr Kraft gegeben zu kämpfen. Ohne Zweifel hätte sie dennoch verloren, wenn Elendar nicht mit seinem Pfeil eingegriffen hätte.
Sie war gedemütigt worden, erniedrigt. Man hatte sie wie ein Tier behandelt, wie etwas, mit dem man nach Belieben verfahren konnte. Als wäre sie ein Ding, das nichts wert war, außer das Verlangen fremder Männer zu befriedigen.
»Ich hatte etwas dagegen«, flüsterte sie leise.
»Ich weiß. Deswegen möchte ich dir auch zeigen, wie du dich zukünftig selbst schützen kannst.«
»Warum? Wir kennen uns doch kaum. Warum willst du einer dir völlig fremden Frau helfen?«
Jetzt verdunkelte sich Elendars Gesicht vor Schmerz.
»Weil ich es an einer anderen Stelle versäumt habe.«

Kapitel 3
Siranys und Elendars Wege trennten sich am nächsten Morgen. Er brachte sie mit seinem struppigen Pony bis zum Waldrand, setzte sie dort vorsichtig ab und verabschiedete sich von ihr.
Sein Herz fühlte sich seltsam schwer an, als er sie langsam die Brücke überqueren sah. Sie humpelte stark, denn ihre halb erfrorenen Zehen schienen ihr nun Schmerzen zu bereiten. Er würde so lange warten, bis sie sicher die Grenzen des Dorfes erreicht hatte. Eher rührte er sich nicht vom Fleck.
Sie hatte zunächst nicht eingewilligt, sein Angebot anzunehmen. Es war ihr unheimlich, etwas zu erlernen, was sie für reine Männersache hielt. Außerdem zögerte sie, sich öfter als nötig mit ihm zu treffen.
Er gehörte zu den Assaren, einem Volk, das geholfen hatte, ihr Volk zu unterdrücken.
Elendar verstand sie gut, war auch froh, ihr dennoch das Angebot gemacht zu haben. Alles Weitere lag jetzt in ihrer Hand.
Seine alte Stute bewegte sich unruhig unter ihm. Sie wollte zurück zu den anderen Ponys und verspürte keine Lust, hier länger zu warten.
Elendar ermahnte sie sanft, ohne den Blick von Sirany abzuwenden. Bald würde sie die Grenze ihres Dorfes erreicht haben. Ihre schmale Gestalt wurde kleiner und unschärfer. Er lächelte, als er sah, wie sie sich kurz vor Erreichen der ersten Hausfront umdrehte, um ihm mit strahlendem Gesicht zuzuwinken.
Grüßend hob er die Hand, dann erst wendete er sein Pony, um im Dunkel der Wälder zu verschwinden.
Sirany erreichte keine fünf Minuten später das Haus ihrer Eltern, schleppte sich die Veranda hinauf und klopfte kraftlos an die Tür. Nur Sekunden vergingen, schon wurde die Tür aufgerissen und ihre Mutter stand vor ihr. Ehe Sirany es sich versah, versank sie in Aileens starken Armen.
»Sirany, wo bist du nur gewesen? Wir sind ganz krank vor Sorge um dich.«
Von hinten hörte sie ihren Vater herantreten. Ihre Mutter gab sie frei, um ihre Tochter an ihren Mann weiterzureichen. Sarns Umarmung war voller Erleichterung.
»Es ist alles in Ordnung mit mir. Ich bin nur müde.«
Ihre Eltern glaubten ihr kein Wort. Sie wurde sofort ins Bett gesteckt und ihre Mutter bereitete einen Sud vor. Vorsichtig strich Aileen die dicke Paste auf die halb erfrorenen Zehen. »Das sollte die Schmerzen etwas lindern«, erklärte sie. Danach starrte sie ihre Tochter eindringlich an.
Natürlich verlangten die beiden eine Erklärung, also begann Sirany zu erzählen. Sie berichtete von dem Soldaten. Von Elendars Rettung. Und von seinem Angebot, sie auszubilden. Als sie geendet hatte, schwiegen sie alle. Dann deckte Aileen ihre Tochter bis zum Kinn zu und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. »Wir sprechen morgen darüber«, sagte sie. »Jetzt schlaf erst einmal.«
Sie verließen das Zimmer und ließen Sirany allein in ihrem Bett zurück. Die starrte die Decke nachdenklich und mit klopfendem Herzen an. Er hat mich gerettet, dachte sie. In letzter Sekunde. Was wäre geschehen, wenn er nicht da gewesen wäre?
Sie schauderte bei dem Gedanken. Nein. Das wollte sie sich lieber nicht ausmalen. Aber wäre es nicht besser, sich auf zukünftige Angriffe vorzubereiten? Sich selbst wehren zu können, anstatt auf Rettung zu hoffen?
Morgen, dachte Sirany. Das entscheidest du morgen.

Am nächsten Tag lag Sirany mit hohem Fieber im Bett. Eine Erkältung hatte sich in ihren Körper eingeschlichen. Sirany war erneut, als würde der Tod sie holen kommen. Sie verlor jedes Zeitgefühl und bekam nur mit, dass erneut ein Sturm aufzog und das Dorf erschütterte. Wieder fielen mehrere Fuß Neuschnee aus den schwarzen Wolken und fesselte die gesamte Familie ans Haus. Sirany fieberte und fieberte. Ständig verlor sie das Bewusstsein und bekam die Sorge ihrer Eltern mit. Sie hatten nichts Nahrhaftes, um es Sirany anbieten zu können. Beeren und Wurzeln waren nicht das Richtige, um einem fieberndem Körper neue Kraft zu schenken.
Nach drei Tagen, in denen es Sirany mit jeder verstreichenden Stunde schlechter ging, war ihr Vater aus lauter Verzweiflung bereit, sich trotz des Sturmes in den Wald zu begeben und zu jagen. Ihm war nicht wohl dabei. Seine letzte Jagd war mehr als zehn Jahre her. Seit der Besatzung war es verboten, den Wald zu betreten, geschweige denn Tiere zu erlegen. Die gehörten jetzt dem König der Shari. Sarn atmete tief durch, sprach sich selbst Mut zu und ging los. Er kam nicht weit. Kaum hatte er das Haus verlassen, blieb er wie angewurzelt stehen.
Über dem Geländer der Veranda hing ein mächtiger Hirsch, daneben zwei Hasen. Der Körper des Hirsches dampfte von der Wärme des Lebens, das er vor kaum einer halben Stunde ausgehaucht hatte. Genau in seinem Herz steckte ein einsamer Pfeil.
Es war ein Zwillingsbruder des Pfeils, der Sirany vor den Händen des Soldaten gerettet hatte.
Schweigend nahm der Vater das Geschenk an, zog den Hirsch in die Hütte und rief nach seiner Frau. Aileen schlug vor Freude die Hände zusammen. »Das wird eine gute Suppe«, rief sie, schnappte sich die Hasen und machte sich an die Arbeit.
Als sie wieder in den Wohnraum trat, sah sie ihren Mann immer noch vor dem nun gehäuteten Hirsch sitzen, den Pfeil in den Händen haltend.
»Mir scheint, dass jemand Fremdes eine schützende Hand über unsere Tochter hält«, murmelte er.
»Ja«, sagte seine Frau ebenso leise. So wie es aussieht, kann sie das auch gebrauchen, dachte sie bei sich, sprach diese Worte aber nicht laut aus.
Dank des Fleisches kam Sirany rasch wieder zu Kräften. Als sie so weit genesen war, dass sie klar bei Verstand war, überreichte ihre Mutter ihr den Pfeil. »Dein Vater hat diesen Hirsch nicht geschossen. Jemand anderes war es«, erklärte sie sanft.
Sirany starrte den Pfeil lange an und drehte ihn nachdenklich in den Händen. Dann stahl sich ein Lächeln auf ihr Gesicht.
Ihre Mutter beobachtete sie dabei und seufzte tief. »Nimm sein Angebot an, Sirany. Lern von ihm, was er bereit ist, dich zu lehren.«
Ohne aufzublicken, nickte das Mädchen. Sirany war längst klar geworden, dass sie jede Hilfe annehmen musste. Um in dieser feindlichen Welt zu überleben, durfte sie nicht noch einmal derart hilflos sein. Sie musste kämpfen lernen. Stärker werden. Sich wehren können. Ihr Retter würde bestimmt nicht jedes Mal zur Stelle sein, um ihr zu helfen. Das wollte sie auch gar nicht. Sie wollte auf sich selbst vertrauen können. Doch dazu brauchte sie erst mal Hilfe.

Zwei Wochen später wagte sich Sirany endlich wieder aus dem Haus. Sie war wackelig auf den Beinen und hatte Schwierigkeiten beim Gehen, aber das Wetter war freundlich und lockte sie in die freie Natur.
Diesmal wählte sie einen anderen Weg, um zum Waldrand zu gelangen.
Er war viel länger, beschwerlicher, dafür sicherer. Die Sonne lachte ihr entgegen, als sie ihren Rucksack überstreifte und hinaus aus dem Dorf trat.
Endlich begann auch der Schnee zu schmelzen, vernichtet durch die tanzenden Sonnenstrahlen, die auf die Erde fluteten. Einige wenige Vögel begleiteten Siranys Schritte mit einem sanften Lied, während der ruhige Wind pfeifend mit einstimmte.
Die Wälder lagen weiterhin still unter einer Schneeschicht. Im Sonnenlicht wirkten sie nun nicht mehr so bedrohlich. Vielmehr glitzerten die Wassertropfen an den Ästen, tauender Schnee fiel sanft von den mächtigen Stämmen hinab.
Sirany fand ohne Schwierigkeiten den Weg zum Lager der Assaren. Sie war ihn schon Hunderte Male gegangen, aber nur bis zu einem bestimmten Punkt. Es war seltsam, diese Grenze, die sie sich selbst gesetzt hatte, zu überschreiten.
Sie hatte sich bis auf wenige Schritte an das Lager herangewagt, als eine mächtige Gestalt ihr den Weg versperrte. Vor Schreck blieb sie wie angewurzelt stehen und starrte den finster dreinblickenden Assaren an, der mit gezogenem Schwert vor ihr stand.
»Wen haben wir denn da?«, knurrte er übellaunig und baute sich drohend vor ihr auf.
Augenblicklich wich Sirany zurück, bis sie über eine Wurzel stolperte und fast der Länge nach hinfiel.
»Lass den Mist, Sheyn.« Ein weiterer Mensch trat aus dem Schatten der Bäume hervor. Sirany erkannte den mit Fellen behangenen Mann sofort wieder. Efnor. Der Mann, der sie zusammen mit Elendar vorm Erfrieren gerettet hatte. Jetzt hatte er einige seiner Schätze abgelegt. Kein Wunder. Die Luft hatte sich durch die Sonnenstrahlen bereits erwärmt. »Sie ist ein Gast«, machte Efnor klar.
Sheyn knurrte etwas Unfreundliches in seiner Sprache und steckte sein Schwert zurück in die Scheide. Ohne sie weiter zu beachten, drehte er sich um und ließ Efnor und Sirany allein zurück.
Der fellbehangene Mann seufzte tief und wandte sich Sirany zu. »Bitte entschuldige sein unflätiges Benehmen. Er ist die Gegenwart einer Dame nicht gewohnt.«
Sirany hätte sich selbst niemals als Dame bezeichnet und schmunzelte daher über diesen Ausdruck. Efnor schien das nicht zu bemerken.
»Elendar wird sich freuen, dich wohlauf zu sehen. Komm, ich bring dich zu ihm.«
Das Mädchen folgte dem Assaren hinein ins Lager. Das bestand aus rund zwanzig einfach aussehenden, etwa mannshohen Zelten, allesamt vielfach geflickt und rein zweckmäßig befestigt. Sie trugen die Farben des Waldes, eine perfekte Tarnung, um nicht weiter aufzufallen.
Die Zelte waren in einem Kreis angeordnet und gruppierten sich um eine Feuerstelle. Ein gelangweilt wirkender Mann rührte ab und zu in einem riesigen, über dem Feuer brutzelnden Kochtopf und flickte hauptsächlich seine Schuhe.
Die Erde rund um die Feuerstelle war durch viele Stiefeltritte zu einem festen Platz zusammengedrückt worden. Der Schnee war dadurch geschmolzen und triste braune Erde präsentierte sich. Es roch nach Matsch, ungewaschenen Männern und Leder.
Hinter den Zelten standen einige Ponys dösend im kargen Sonnenlicht. Sie waren so struppig wie am ersten Tag, nur jetzt erheblich magerer. Der Winter hatte auch bei ihnen seinen Tribut gefordert.
Sirany folgte Efnor durch die Zeltreihen hinüber zu den Ponys. Die reckten bei ihrer Ankunft neugierig die Hälse. Sie waren nur durch großzügige Fesseln an ihren Vorderbeinen an das Lager gebunden und kamen nun langsam näher, um etwas Essbares bei ihnen zu erbetteln.
Efnor scheuchte sie so gut es ging wieder fort und deutete auf eine triste braun-weiß gescheckte Stute, die an einen Baum gebunden war.
»Elendar«, sagte er nur.
Sirany brauchte einen Moment, um den Gesuchten neben der Stute zu entdecken. Er striegelte gerade den Hals des Tieres und sprach dabei mit ihm.
Dankend verabschiedete sich das Mädchen von Efnor und trat zu der Stute und ihrem Besitzer. Der bemerkte sie erst im letzten Moment und hob erstaunt den Kopf. Dann erhellte sich sein Gesicht vor Freude. »Sirany.« Er ließ Striegel und Bürste fallen und wischte sich hastig die Hände an der Hose ab.
Sirany erwiderte sein Lächeln und war unsicher, wie sie ein Gespräch mit ihm anfangen konnte. Um sich Zeit zu verschaffen, wandte sie sich der Stute zu und zupfte Dreck aus ihrem Fell.
»Ich habe mir die Pferde der Assaren etwas edler vorgestellt«, sagte sie. Die Stute war für ein Pony recht groß, aber abgemagert und erschöpft. »Als edles Ross kann man dieses Tier nicht gerade bezeichnen. Ich habe mir dein Pferd als wilden, riesigen schwarzen Hengst vorgestellt.«
»Du denkst zu viel.«
Die Stute bewegte sich plötzlich, hob den Kopf und stupste ihren Herrn fordernd an, sie weiter zu kraulen.
»All unsere Pferde sind trittsichere Tiere, die im Gebirge groß geworden sind. Da ist es besser, klein und wendig zu sein, als groß und erhaben. Diese Stute gehörte früher meiner Schwester. Als mein Wallach mir gestohlen wurde, habe ich ihn durch sie ersetzt. Das Gute an ihr ist, dass man sie mir bestimmt nicht klaut. Ich müsste höchstens draufzahlen, um sie loszuwerden.« Plötzlich wurde er ernst. »Sie ist schnell und hat mir schon oft das Leben dadurch gerettet. Willst du sie mal reiten?«
»Ich kann nicht reiten.«
»Dann musst du viel lernen.«
»Ja, das muss ich wohl. Ich würde mich sehr freuen, wenn du mir dabei helfen würdest.«
Der Assar traute zuerst seinen Ohren nicht und neigte schließlich lächelnd den Kopf. »Es wäre mir eine Ehre.«
Ihm war bewusst, dass sein Angebot für Sirany gefährlich war. Es konnte sie vor zukünftigen Übergriffen retten oder in noch größere Schwierigkeiten bringen. Das lag zum einen daran, dass er ein Assar war. Zum anderen hatte er Feinde, die ihn sehr genau beobachteten.
Mächtige Feinde.
Sein bester Freund Efnor war entsprechend entsetzt, als er von der Vereinbarung erfuhr. »Das kann sie umbringen«, warnte er Elendar eindringlich.
»Wenn ich ihr nicht helfe, ist sie so gut wie tot. Sie ist viel zu hübsch, um länger von Kumas Soldaten unbemerkt zu bleiben. Früher oder später wird sie um ihr Leben kämpfen müssen. Dann ist es besser, wenn sie vorbereitet ist.«
»Oder du sprichst das Todesurteil über sie, weil sie sich mit dir eingelassen hat. Findest du nicht, du solltest sie warnen?«
»Vor mir selbst? Wenn ich das tue, wird sie mich meiden. Ich bin aber ihre einzige Chance, sich selbst zu retten. Nein. Wir müssen das Risiko eingehen. Das sind wir ihr schuldig.«
Efnor wirkte wenig überzeugt, doch Elendars Entschluss stand fest. Er verschwieg ihr sein größtes Geheimnis, um sie zu schützen. Gleichzeitig konnte er nur hoffen, dass ihn seine Vergangenheit niemals einholte.
Denn dann war sie in größerer Gefahr als ohnehin schon.

Sirany ahnte von all diesen Überlegungen nichts. Für sie begann in den nächsten Monaten eine schöne Zeit. Es war ausgesprochen kompliziert, unbemerkt den Wald zu erreichen, aber das war ihr die Zeit mit Elendar wert.
Zuerst war es schwierig für beide, sich aneinander zu gewöhnen. Elendar war ein strenger Lehrer, der während der Arbeit nicht viel Spaß verstand. Sirany hingegen betrachtete das Ganze eher als ein Spiel und brachte ihn mit ihrer fröhlichen Art häufig aus der Fassung.
Sie begannen mit dem Reitunterricht und bald stellte sich heraus, dass das Aufsteigen das größte Problem für Sirany war. Sobald sie sich auf dem Rücken des Tieres befand, fühlte sie sich so wohl wie ein Fisch im Wasser. Beim Nahkampf stellte sich Sirany recht geschickt an, während sie den Schwertunterricht sehr schnell aufgaben. Die Waffe war zu schwer, Sirany zu ungeschickt und Elendar hatte Angst, dass sie sich dabei versehentlich umbrachte. Außerdem nahm er nicht an, dass sie jemals ein Schwert besitzen würde. Zu teuer und außerdem streng verboten.
Nicht lange nach Beginn ihres Unterrichts begriff Elendar, dass sich das Mädchen nur äußerst ungern von ihm anfassen ließ. Erst hatte er gedacht, er würde sich das einbilden, doch ihre Körperhaltung war oft eindeutig. Schließlich akzeptierte er diese Eigenart.
Anscheinend war und blieb Elendar ein Fremder für sie. Ein netter Fremder, und dennoch …
Vielleicht war das auch besser so. Je weiter sie auf Abstand blieben, desto sicherer war Sirany. Die Situation war auch so schon kompliziert genug, zumal Elendar mit jedem verstreichenden Monat unruhiger wurde.
Es war nie gut, so lange nichts von seinem Erzfeind zu hören. Plante er etwas? Wollte er ihn in Sicherheit wiegen? Elendar war ratlos, beschloss dann aber, die Atempause zu nutzen.
Sirany lenkte ihn auch hinreichend ab. Die wahre Gefahr erschien ihm seltsam weit fort. Als sei er in einem anderen Leben gefangen, das es möglicherweise etwas besser mit ihm meinte.
Ein schöner Traum. Elendar hatte nur Angst, daraus zu erwachen.
Er behielt zunächst unrecht, was den Abzug der Besatzungstruppen betraf. Sie blieben länger als gewöhnlich, was zum einen an dem schlechten Wetter lag, das nun seit fast zwei Jahren das Land in seinen Fängen hielt, zum anderen am Reichtum der Farreyn.
Ihre Schätze erstreckten sich von fruchtbarem Ackerland über reiches Viehaufkommen bis zu den hübschen Frauen mit dunklen, ausdrucksstarken Augen. Das alles fesselte die Shari an dieses Land und beschäftigte sie so sehr, dass zunächst an einen Abzug nicht zu denken war.
Siranys Leute hatten sich weitestgehend an das Leben als versklavtes Volk angepasst und fanden sich mit ihrem Los ab. Viele Farreyn träumten weiterhin heimlich von Freiheit, doch niemand dachte mehr an einen Aufstand.
Was Sirany betraf, war auch sie zufrieden mit ihrem Leben. Das Essen war weiterhin knapp. Zumindest blieb ihre Familie gesund und das war das Wichtigste. Nach dem Tod des Soldaten war es sehr unruhig im Dorf gewesen. Seine Vorgesetzten wollten den Vorfall untersuchen, wurden aber glücklicherweise wieder abgerufen und nahmen die meisten ihrer Leute gleich mit. Die strenge Bewachung lockerte sich also, was Sirany mehr Freiraum verschaffte. Außerdem hielt sie die Übungsstunden mit Elendar aufrecht. Auf die freute sie sich wie ein kleines Kind.
Nach fast einem Jahr kannte sie jede Menge Tricks, um einen Mann von sich fernzuhalten. Von allen Lehrstunden mochte sie das Reiten am liebsten. Elendars Stute hatte sich als gutes Lehrpferd erwiesen, meistens lieb und freundlich, manchmal auch stur und übellaunig.
Wie sich herausstellte, hatte das Tier keinen Namen. Elendar nannte es seit Jahren nur Zicke, was Sirany ausgesprochen gemein fand.
Sie fragte, was Zicke in Elendars Sprache hieß und fortan hieß die Stute für Sirany Chuaya. Elendar blieb der Sinn dahinter verborgen, einem Pony den gleichen Namen in einer anderen Sprache zu geben. Er beließ es einfach dabei, ohne nachzufragen.
Elendar fing an, sich in Siranys Nähe wohlzufühlen. Sie war munter wie ein Fisch im Wasser und strahlte eine Lebensenergie aus, die auch auf ihn übersprang. Wenn er mit ihr zusammen war, lachte er mehr als in den zwei Wochen, in denen sie getrennt gewesen waren.
Irgendwann stellte er sogar fest, dass er sie vermisste, wenn sie mehrere Tage oder sogar Wochen nicht zu ihm gekommen war.
Anfangs hatten seine Männer den Treffen ähnlich wie Efnor ausgesprochen misstrauisch gegenübergestanden, doch allmählich gewöhnten sie sich an Siranys heitere Art. Auch sie entspannten sich ein klein wenig und verdrängten die Bedrohung, die über ihren Köpfen schwebte.
Als Ausgleich zu Elendars freundlichen Lektionen zeigte Sirany seinen Männern, wie man schmackhafter kochen konnte. Hier und da ein paar gesammelte Beeren ergänzten von nun an den Speiseplan der Assaren. Zuerst sehr ungern gegessen, fingen die Männer sogar an, die von Sirany angebotenen Speisen zu mögen. Irgendwann ertappten sie einander dabei, wie sie, anstatt mit einem Speer bewaffnet auf Hirschjagd zu gehen, lieber einen Korb ergriffen, um Beeren zu sammeln.
Elendar enthielt sich diesbezüglich jeden Kommentars. Solange Sirany ihnen nicht zeigte, wie man aus Schwertern Essbesteck herstellte, hatte er nichts dagegen.
Immer öfter blieb Sirany bis spät in die Nacht, hörte den derben Geschichten der Männer zu und lachte mit ihnen. Erst wenn die Letzten müde in ihre Zelte krochen, brachen auch Elendar und Sirany auf. Er brachte sie auf Chuaya an den Waldrand, ließ dort das Pony zurück und begleitete sie bis zum Rand des Dorfes. Eingehüllt in seinen schwarzen Umhang verschmolz er mit der Nacht und fiel nicht weiter neben der jungen Frau auf.
Natürlich blieb Siranys Fortbleiben nicht unbemerkt. Das Dorf war klein und jeder war froh über Klatsch und Tratsch. Siranys Eltern verloren niemals ein Wort über die nächtlichen Aktivitäten ihrer Tochter, sosehr man sie auch bedrängte. Sie selbst fragten selten von sich aus nach, was Sirany erlebt hatte.
Manchmal erzählte sie von den Männern, mit denen sie ihre Zeit verbrachte. Am meisten berichtete sie jedoch von Elendar, was ihre Eltern bald zu der Annahme verleitete, die beiden könnten ein Liebespaar sein. Sowohl Vater als auch Mutter beließen es dabei, ohne näher in Siranys Privatsphäre einzudringen – obwohl sich große Sorge in ihre Herzen schlich.
Die Gerüchte um die Assaren waren beunruhigend. Vor allem die um ihren Anführer. Angeblich bekam er seine Befehle von ganz oben. Vom König der Shari persönlich. Alexej Karamu. Dem größten und schrecklichsten Feldherrn der Welt. Selbst ernannter Gottkönig und grausamer Völkermörder.
Und wenn man den Gerüchten glaubte, waren er und der Anführer der Assaren auf eine Weise miteinander verbunden, die nichts Gutes erahnen ließ.

Kapitel 4
Sirany und Elendar waren dabei, mit Pfeil und Bogen zu üben. Es war offensichtlich, dass hier Siranys größtes Talent lag, obwohl sie sich oft bei den unzähligen Übungen langweilte. Fast immer traf sie, und wenn nicht, verfehlte sie ihr Ziel nur um einen Hauch. Heute hatte Elendar ein kleines Stück Fell an einen Baum genagelt, das es zu beschießen galt. Leider war Siranys Lehrer nicht bei der Sache. Er war übellaunig und brummig, sobald Sirany nicht traf. Die endlose Geduld, die Sirany sonst an ihm so schätzte, fehlte ihm heute vollkommen.
»Du bist unkonzentriert«, schimpfte er, als Sirany zum dritten Mal danebenschoss.
»Und du bist schlecht gelaunt.«
»Gib her. Ich zeig es dir noch mal.« Elendar nahm ihr die Waffe aus der Hand, legte einen Pfeil auf und schoss auf das Ziel. Er traf es nicht nur, die Spitze durchschlug sogar das Holz.
Sirany riss erstaunt die Augen auf. »So was geht?«
»Mit den Bögen der Assaren durchaus. Die Waffen der Korun sind sogar noch besser. Wir haben bislang nicht herausfinden können, warum das so ist.«
»Korun? Kennst du das Land? Warst du schon mal dort?«
Elendar zögerte kurz. Sein Gesicht verdüsterte sich dabei. »Korun grenzt direkt an meine Heimat. Es ging vor uns unter. Ich … lass uns nicht über die Korun sprechen. Das erinnert mich zu sehr an meine Vergangenheit.«
»Du hast das Thema begonnen. Dann lass uns weiter über Bögen sprechen. Kann man damit auch zwei Menschen gleichzeitig durchbohren?«
»Vermutlich schon. Warum fragst du solche Sachen?«
»Ich bin nur neugierig. Man weiß nie, ob man solch ein Wissen eines Tages benötigt.« Sirany nahm ihm Pfeil und Bogen ab und schoss weit daneben. Elendar seufzte tief, woraufhin Sirany ihn streng musterte. »Was ist los?« Als sie in seine abweisenden Augen blickte, entschloss sie sich. So konnte das nicht weitergehen. »Laufen wir ein Stück.«
Elendar wollte protestieren und fügte sich erst, als er in Siranys dunkel funkelnde Augen blickte. Sie legte ihre Waffe nieder, ging voraus und er folgte ihr einen gewundenen Pfad entlang, den sie schon unzählige Male zuvor gegangen waren. Meist übten sie abseits vom Lager, da sich Sirany unwohl fühlte, wenn sie von anderen beobachtet wurde. Kurz bevor sie auf den Pfad Richtung Lager gelangten, schlug sie sich seitlich in die Büsche und zog Elendar an der Hand mit sich.
»Wo willst du hin?« Elendar klang weiterhin gereizt.
»Spazieren gehen. Das lockert die Muskeln und entspannt.« Sie ließ den widerstrebenden Elendar los. Dort, wo ihre Finger zuvor um Elendars Handgelenk gelegen hatten, prickelte ihre Haut, als wäre eine Horde Ameisen darüber gelaufen. Ein seltsames Gefühl, das sie nicht ganz einordnen konnte. Eine Mischung aus Freude und Unbehagen.
Sie gingen eine Weile schweigend zwischen Bäumen und Büschen umher, wichen Löchern in der Erde aus und stiegen über Wurzeln und Steine.
Sirany wusste, dass Elendar irgendwann von sich aus anfangen würde zu erzählen, und so schwieg sie. Das Laub raschelte unter ihren Schuhen und die Vögel begleiteten ihren Weg mit fröhlichem Singen. Mäuse und Kaninchen flüchteten vor den zwei Menschen ins Unterholz und hinterließen wippende Zweige, die knackend hin und her hüpften.
Und dann endlich fing Elendar an zu sprechen. »Hast du manchmal Angst, Sirany?«
»Angst? Natürlich hab ich Angst.«
»Und wovor?«
Sie runzelte nachdenklich die Stirn. »Das behältst du aber für dich.«
Elendar nickte ernst.
»Ich hab Angst vor dem Gutsherrn. Davor, dass er mich entdeckt und zu sich ruft. Ich habe Angst vor der Reaktion meiner Eltern und davor, dass sie etwas unglaublich Dummes tun. Ich habe Angst davor, dass unsere Tiere nicht über den Winter kommen oder dass die Ernte schlecht ausfällt. Besonders habe ich Angst davor, dass meinen Eltern etwas passiert oder sie sich verletzen und nicht mehr arbeiten können. Wir leben am Rande der Existenzgrundlage und ich habe Angst, dass wir es eines Tages nicht mehr schaffen.«
Sie kamen in die Nähe eines Teiches und hörten das entfernte Glucksen von Wasser und das Platschen von tauchenden Enten.
»Wenn ich hier so entlanggehe, kann ich mir gar nicht vorstellen, dass unsere Lage so ernst ist. Doch das ist sie. Wir hatten bisher Glück und haben überlebt. Das muss nicht immer so sein.« Sirany verstummte und blieb stehen. »Warum fragst du?«
»Nur so. Es hat mich interessiert.«
»Dich quälen Ängste«, sagte sie trocken. »Deshalb bist du so übel gelaunt. Was ist geschehen?«
Sie rechnete nicht mit einer ernsthaften Antwort und war entsprechend überrascht, als sie eine erhielt. »Die Zeiten ändern sich. Manchmal auch gegen unseren Willen.«
Elendar räusperte sich und ging weiter, um Siranys stechendem Blick zu entgehen. »Ich mag es nicht, wenn ich nicht Herr der Lage bin.«
»Du hast Angst davor.«
Pause.
»Mag sein.«
Sie hatten den kleinen Teich erreicht und Elendar setzte sich an das Ufer. Nichts regte sich in seinen Tiefen, die Fische waren alle auf Tauchstation gegangen und die Enten hatten sich rasch auf die andere Seite verzogen. Aus Erfahrung wusste Elendar, dass der Teich wesentlich tiefer war, als er erschien. Sein Rand fiel steil ab und ging danach mehrere Schritte in die Tiefe. Einzig seine schwarze Farbe wies auf seine Gefahren hin.
Sirany nahm neben ihm Platz und verzog das Gesicht, als sie sich genau auf eine matschige Stelle setzte. Sie schob sich trotzdem die Schuhe von den Füßen. »Was könnte denn in naher Zukunft passieren, warum du nicht mehr Herr der Lage bist?«, nahm sie das Gespräch von zuvor wieder auf. Sie ließ ihre Füße ins Wasser hängen und schauderte, als die Kälte in ihre Haut biss. Das Wasser war kühler als gedacht.
»Möglicherweise werden wir nicht mehr allzu lange in diesen Wäldern bleiben können.«
»Oh.« Siranys Magen zog sich vor Schreck zusammen, genau wie ihr Herz. Gleich darauf fing sie sich wieder. »Dann zieht ihr halt in den nächsten Wald und ich komme euch dort besuchen.«
Elendar lächelte traurig.
»Manchmal wundere ich mich wirklich über deine Naivität.«
Sirany wusste mittlerweile, dass Elendar das nicht beleidigend meinte. Trotzdem tat es ein wenig weh. »In bestimmten Fällen muss man seine Naivität behalten, um nicht traurig und depressiv zu werden. Es hat keinen Sinn, sich über Unausweichliches den Kopf zu zerbrechen. Erst recht nicht, wenn dieses Ereignis gar nicht feststeht. Vielleicht bleibt ihr hier und wir werden viele schöne Tage und Abende zusammen verbringen.«
»Ich mache mir Sorgen, dass ich deine Ausbildung nicht abschließen kann.«
Sirany seufzte tief. »Dein Beschützerinstinkt ist wirklich ausgesprochen ausgeprägt, ganz zu schweigen von deinem Verantwortungsbewusstsein.«
»Sei froh. Sonst wärst du jetzt tot.« Er hatte es leichthin gesagt, doch seine Worte hingen wie ein Fallbeil über ihren Köpfen. Die darauffolgende Stille war ausgesprochen unangenehm.
»Steht euer Abzug denn fest?«, fragte Sirany vorsichtig.
»Nein.«
»Dann hör auf, dir darüber den Kopf zu zerbrechen. Genieße den Tag, Elendar, und entspann dich endlich.«
Elendar verzog das Gesicht zu einer Grimasse, während er beobachtete, wie Sirany ihre Ärmel hochkrempelte und nun auch ihre Arme in das eisige Wasser steckte.
»Mein Kopf ist so voller Sorgen, dass ich manchmal denke, er zerplatzt mir gleich wie eine reife Tomate«, vertraute er ihr an.
Oha. Elendar Assaim wurde redselig. Es musste ihm wirklich schlecht gehen. »Und welche Art Sorgen quälen dich?«
»Du weißt eine ganze Menge nicht über mich. Ernste Dinge. Wichtige Dinge.«
»Ich weiß.«
»Warum fragst du mich das nie? Jeder normale Mensch hätte das schon längst getan.«
Sirany lächelte schmal. Das war eine Frage, die sie sich selbst schon oft gestellt hatte. »Ich habe das Gefühl, dass mir die Antwort nicht gefallen wird. Du bist mein Lehrer und mittlerweile auch mein Freund. Ich mag dich so, wie du bist. Wir leben in unserer eigenen kleinen Welt, die mir so ausgesprochen gut gefällt. Wenn du mir jetzt mehr über dich erzählst, muss ich mich der Realität stellen.« Sie sah Elendar scharf an. »Wie schlimm sieht diese Realität aus?«
Er zögerte viel zu lange mit einer Antwort. »Sehr schlimm. Ich arbeite für Mächte, die mich vollkommen in der Hand haben. Für Leute, die nur auf einen Fehler von mir lauern, um mich endgültig zu vernichten. Und ich habe Feinde. Sehr gefährliche Feinde. Ihnen bin ich hilflos ausgeliefert. Ich kann nur jeden Tag hoffen, dass sie mich vergessen.«
Sirany hatte von den Gerüchten gehört. Ihr Vater hatte versucht, sie vor ihr zu verheimlichen, doch sie waren an ihr Ohr gedrungen. Sie atmete tief durch, um endlich eine entsprechende Frage zu stellen. »Man munkelt, du würdest den König der Shari persönlich kennen. Den Gottkönig dieser Welt.«
Elendar schnaubte verächtlich. »Alexej ist kein Gott. Er blutet genau wie wir. Ich habe es selbst gesehen.« Als er bemerkte, was er da gesagt hatte, winkte er rasch ab. »Mach dir keine Sorgen. Alexej und du, ihr werdet euch niemals begegnen.«
Wie sehr sich Elendar in dieser einen Sache irrte, sollte er Wochen später erfahren. Wahrscheinlich hätte er in diesem Moment einen Schlussstrich unter seine Freundschaft mit Sirany gezogen. So sagte er lediglich: »Dass wir hier fortgehen müssen, ist sehr wahrscheinlich.«
»Bist du dir da wirklich sicher?«
»Wärest du denn traurig darüber?«
»Wie kannst du bloß so eine dämliche Frage stellen?«
»Sie ist nicht dämlich«, entgegnete Elendar vehement und hätte noch mehr hinzugefügt, wenn Sirany nicht just in diesem Moment ihren Halt auf dem Ufer verloren hätte und mit einem Platsch ins Wasser gefallen wäre.
Sie tauchte einmal vollständig unter und erinnerte Elendar daran, dass der Teich wirklich verdammt steil abfiel. Prustend und keuchend kam sie wieder an die Oberfläche. Hilflos paddelte sie herum und so etwas wie Panik spiegelte sich auf ihrem Gesicht.
Im ersten Moment hatte Elendar lachen wollen, aber der Humor blieb ihm im Hals stecken. Endlich begriff er, was er sah. Sirany konnte ganz offensichtlich nicht schwimmen.
Mit einem Fluch zog er sich die Schuhe von den Füßen, riss sich den Mantel herunter und sprang hinterher. Im Nu hatte er Sirany erreicht und gepackt, zog sie näher zu sich heran und hielt sie fest. Einander umklammernd paddelten sie für kurze Zeit still vor sich hin. Siranys Kleider waberten wie Quallen um sie herum und hüllten sie beide ein. Ab und an berührten sich ihre schlagenden Beine und Elendar spürte Siranys Herzschlag an seiner Brust, bemerkte mit erschreckender Klarheit ihre vor Kälte hart gewordenen Brustwarzen, die sich an ihn pressten.
Damit sie nicht unterging, hatte er ihr die Arme unter die Achseln geschoben und die Hände hinter ihrem Rücken verschränkt. Jetzt spürte er ihre schwarzen Haare auf seiner Haut, wie sie ab und zu von ihren Bewegungen in Schwung gerieten und sanft über seine Arme glitten.
Ihre glitzernden Augen waren nur einen Hauch von seinem Gesicht entfernt, und als er in das tiefe Grün ihrer Iriden blickte, setzte sein Herz für einen winzigen Augenblick aus. Sein Körper reagierte instinktiv auf ihren Anblick, auf ihre Nähe. Normalerweise wäre er nun hastig von ihr abgerückt, doch hatte er in diesem Fall Angst, sie könnte wieder untergehen. Es blieb ihm nur zu hoffen, dass sie seine männliche Reaktion nicht als das erkannte, was sie war.
Dann sah er den Schalk in ihren Augen blitzen und ihm dämmerte langsam etwas. Für eine Nichtschwimmerin hatte sie erstaunlich wenig Angst und bewegte sich ein wenig zu sicher in seinen Armen.
»Kannst du wirklich nicht schwimmen?«, fragte er sie schließlich und seine Stimme klang ein wenig gepresster als sonst.
»Klar kann ich schwimmen. Sonst hätte ich mich kaum so lange in diesem Teich halten können. Ich wäre direkt untergegangen«, erwiderte sie mit einem breiten Grinsen. »Wo ich schon mal in den Teich gefallen bin, dachte ich mir, das sei die einzige Möglichkeit, um dir mal eine kräftige Abkühlung zu verschaffen.« Sprachs, und schon schwang sie ihre Hände auf seinen Kopf und legte all ihr Gewicht in ihre Arme, um ihn unter Wasser zu drücken. Elendar war viel zu verblüfft, um zu reagieren. Sekunden später fand er sich selbst in einer wilden Wasserschlacht mit Sirany wieder.

Von da an hatte sich die Stimmung zwischen ihnen verändert. Sirany konnte nicht genau sagen, was es war, aber es war spürbar, auf eine angenehme Art und Weise. Elendar blickte sie jetzt anders an, wenn er gerade dachte, sie würde es nicht sehen, und sie spürte seine Blicke als angenehmes Prickeln auf der Haut.
Sie wusste ganz genau, mit welchen Problemen Elendar im Teich zu kämpfen gehabt hatte, und dieses Wissen beruhigte sie. Seine körperliche Reaktion zeigte ihr, dass er sie nicht als eine Art Schwester ansah, die es auszubilden galt.
Sie musste sofort grinsen, wenn sie an den Moment zurückdachte, als sie aus dem Teich geklettert war und mit tropfendem Rock und wahrscheinlich ziemlich durchsichtigem Hemd am Ufer gestanden hatte. Elendar hatte sich rasch umgedreht, ihr zugerufen, sein Mantel liege im Matsch und sie könne ihn gern überziehen, und war eine Runde schwimmen gegangen, fadenscheinig behauptend, er wolle sich ein wenig abkühlen.
Später versuchte Elendar, sich nichts anmerken zu lassen. Er hielt weiterhin den gewohnten Abstand zu ihr, nutzte aber doch jede Gelegenheit, um ihn zu durchbrechen. Sei es beim Bogenschießen, wenn sie den Bogen angeblich nicht richtig hielt, oder bei der Selbstverteidigung, wenn er sie manchmal ein klein wenig zu lange im Klammergriff hielt. An manchen Tagen ergab sich keine Gelegenheit und dann spürte Sirany, dass sie etwas vermisste.
Seine kurzen Berührungen, und waren sie noch so flüchtig, waren Balsam für ihre Seele. Sie mochte es, wie er sie ansah, und freute sich, wenn er mit ihr lachte. Es war eine gute Zeit.
Natürlich war es nicht die ganze Zeit einfach. Oft war Elendar gestresst oder gereizt. Dann fauchte er sie an oder behandelte sie wie Luft. In dem Fall war Sirany geduldig und wartete auf bessere Laune.
Was er ihr kurz vor ihrem Sturz in den Teich anvertraut hatte, beschäftigte sie sehr. Sie wusste, dass seine oftmals angespannte Stimmung damit zu tun haben musste. Sie fragte sich oft, von welchen mächtigen Männern er seine Befehle bekam. Wer erteilte ihm die Aufträge? Und was musste er dann tun? Und vor allem: Was hatte es mit seiner Andeutung über Alexej auf sich?
Sirany war nicht dumm. Sie spürte, dass solche Worte wie aus Elendars Mund tödlich sein konnten. Alexej war Gottkönig. Seine Kraft durfte nicht angezweifelt werden. Allein der eine Satz hätte gereicht, um sie beide zum Tode zu verurteilen.
Alexej ist kein Gott.
So etwas durfte man in einem sharisch besetzten Land niemals sagen. Niemals!
Sirany sprach Elendar deshalb nicht erneut darauf an und mied solche Themen. Sie hatte das Gefühl, der Politik der Mächtigen viel zu nahe zu kommen. Gefährlich nahe. Daher trat sie einen großen Schritt zurück und befasste sich lieber mit Dingen, die sie begriff.
Bogenschießen zum Beispiel.
Bis Elendar erneut etwas tat, was sie überraschte. Er lud sie ein ins Lager. Das war etwa ein Jahr nach ihrer ersten Begegnung. Dass er ihr einen festen Zeitpunkt nannte und sich dabei seltsam unbehaglich bewegte, verwirrte Sirany, machte sie aber neugierig. Normalerweise kam sie immer dann, wenn sie Zeit hatte. Waren die Männer dann nicht in der Zeltstatt anzutreffen, was häufig geschah, kam sie einfach ein andermal wieder. Jetzt wollte Elendar sie zu einer bestimmten Zeit sehen.
Er bat sie sogar, ein Kleid anzuziehen. Ein schönes.
Sirany kam die Sache sonderbar vor, doch sie tat wie geheißen. Also zog sie ihr bestes Kleid an – ihre Mutter hatte es in zahlreichen stürmischen Nächten für sie genäht – und frisierte sich sorgsam die Haare. Nach langem Überlegen trug sie sogar etwas Beerensaft auf ihre Lippen auf, puderte sich die Wangen und zog sich die Augenlider mit Kohle nach.
Dann starrte sie ihr Spiegelbild an und fragte sich zum ersten Mal, wie Elendar sie sehen mochte.
Durch das viele Arbeiten unter freiem Himmel hatte sie leicht rötliche Wangen, die durch das Puder nun betont wurden. Ihre Lippen waren voll und schön geschwungen, das wusste sie, nur welche Art von Lippen Elendar gefielen, wusste sie nicht.
Seufzend fuhr sie sich über das Kleid, das sich sanft an ihre Haut schmiegte. Ihre Hüften waren im letzten Jahr breiter geworden, die Taille etwas schmaler. Das Einzige, was sich nicht geändert hatte, war ihr Brustumfang.
Stirnrunzelnd betrachtete sie die kleinen Erhebungen, straffte sich und schob die Brust nach vorn. Das Kleid war ein wenig zu tief ausgeschnitten für ihren Geschmack, doch das war nun nicht mehr zu ändern.
Rasch zog sie sich ihre dicken Lederstiefel an, wickelte sich in ihren warmen Mantel und verließ wie viele Male zuvor das Haus durch den Hintereingang, nachdem sie ihren Eltern einen schönen Abend gewünscht hatte.
Die beiden sahen sich vielsagend an, nachdem sie ihre Tochter erblickt hatten und sie dann gegangen war. Schminke war für sie ein eindeutiges Indiz für ihre Vermutungen.
»Du musst bald mit ihr reden«, murmelte Sarn. »Ich mache mir große Sorgen um sie.«
»Weil unsere Tochter erwachsen geworden ist und sich zum ersten Mal verliebt hat? Oder weil dir ihr Auserwählter nicht gefällt?«
»Ich kenne diesen Elendar nicht, aber die Gerüchte über ihn. Ich spüre es bis in die Knochen: Da braut sich was über unseren Köpfen zusammen. Wir müssen herausfinden, was los ist. Und wir müssen entscheiden, ob wir Sirany den Umgang mit diesem Fremden weiter erlauben.«
»Falls du den Beginn unserer Unterhaltung vergessen haben solltest: Unsere Tochter ist erwachsen geworden. Wir können ihr nichts mehr verbieten. Das hätten wir vor einem Jahr tun müssen. Jetzt ist es zu spät. Glaube mir, auch ich mache mir Sorgen. Ich habe vor einem Jahr beschlossen, dass Elendar gut für Sirany ist und sie nicht ins Unglück stürzen wird. Dabei bleibe ich.«
Aileen klammerte sich an ihre eigenen Worte wie eine Ertrinkende. Jeden Abend betete sie zu ihrem verbotenen Gott, dass sie recht behielt. Aber was war, wenn sie sich irrte?

Beschwingten Schrittes schlug Sirany den ihr so vertrauten Weg ein, durchquerte den Wald und erreichte bald ihr Ziel. Sie freute sich auf das Wiedersehen, doch als sie im Lager der Männer ankam, blieb sie wie angewurzelt stehen. Sie hatte mit allem gerechnet, nur nicht mit dem Anblick, der sich ihr nun bot.
Elendars Männer hatten sich halb nackt um ein Feuer gruppiert, jeder nur mit einem Lendenschurz bekleidet. Ihre Körper glänzten im Schein der Flammen wie Öl. Sie waren mit seltsamen Runen bemalt, einige mit ausgesprochen anrüchigen Bildern geschmückt. Die langen Haare hatten sie zu wilden Frisuren geformt.
Instinktiv suchte Sirany Elendar in dem Getümmel, fand ihn schließlich nahe dem Feuer neben Ray, dem jüngsten Mitglied seiner Truppe.
Auch Elendar war fast nackt. Sein Lendenschurz bedeckte wenigstens auch sein Hinterteil. Als er sich bewegte, tanzte das Licht auf seinen Muskeln, die er wie alle anderen mit Öl eingerieben hatte. Sein Körper war etwas dezenter mit Runen verziert, geschwungene Linien zeichneten die eleganten Konturen seiner Schultern nach. Er war auch der Einzige, der sich nicht das Gesicht mit breiten schwarzen Strichen verunziert hatte.
Einen Moment erwog Sirany ernsthaft, den Rücktritt anzutreten. Sie kannte die Männer mittlerweile gut genug, um zu wissen, dass sie ihr nichts Böses wollten, aber ihr furchterregender Anblick tat bei ihr Wirkung. Sie waren viel zu unheimlich. Sirany wollte weiter an ihrem Mut feilen, doch das hier war zu viel. Ihr Kopf schlug Alarm und ihre Beine versuchten wie von selbst die Flucht zu ergreifen.
Sie wollte gerade wieder kehrtmachen, da bemerkte Elendar sie. Mit ein paar mächtigen Sätzen seiner langen Beine war er bei ihr angekommen und fasste sie sanft am Arm, um sie am Fortgehen zu hindern.
»Hallo, Sirany«, begrüßte er sie atemlos. Seine Augen glitzerten freudig. »Entschuldige. Ich hätte dich auf ihren … unseren Anblick vorbereiten sollen. Ich musste es dir verschweigen. Sonst wärest du bestimmt nicht gekommen.«
»Anzunehmen«, antwortete Sirany trocken. Sie musste sich zusammenreißen, um ihren Blick nicht von seinem Gesicht über seinen Körper gleiten zu lassen. Elendars Anziehungskraft war in dieser Sekunde noch stärker als sonst. »Seid ihr verrückt geworden?«, fragte sie.
»Wir feiern Madre, das Fest der Frauen.«
Sirany starrte ihn weiterhin sprachlos an.
Elendar holte tief Luft und nahm seinen ganzen Mut zusammen. »Seit gut drei Jahren feiern wir Madre nun ohne eine Frau, was Unsinn ist. Ich hätte dich niemals gefragt, ob du kommen möchtest, doch meine Männer haben mich darum gebeten. Sie wollen, dass du mit uns feierst.«
Siranys Blick irrte zu der Ansammlung wuchtiger Körper hinüber, die jetzt in einem wilden Tanz um das Feuer herumwirbelten und reichlich Bier dabei verschütteten.
»Es ist harmlos. Ehrlich.«
Elendar sah, wie sich Sirany am liebsten ängstlich zurückgezogen hätte und nur aus Vertrauen zu ihm hier stand.
»Passt du auf mich auf? Ich bin eine Frau mit Anstand und deine Männer sind bereits betrunken. Sie müssen sich mir gegenüber benehmen.«
»Natürlich. Es sieht wilder aus, als es ist.«
»Benimmst du dich mir gegenüber auch? Keine ungebührlichen Annäherungen.«
Sirany sah Elendar bei dieser Frage nicht an. Sie bemerkte, dass er bei seiner Antwort kurz zögerte. »Ich rühre dich nicht an. Versprochen.«
Die junge Frau nickte. »Gut. Dann lass uns zu ihnen gehen.«
Es war erstaunlich mit anzusehen, wie schnell sich Sirany in das wilde Treiben einfand. Es war Tradition, dass zuerst eine Frau ganz allein um das Feuer tanzte und die anderen nach kurzer Zeit zum Mitmachen aufforderte.
Da sich Sirany jedoch verspätet und Elendar ohnehin stark bezweifelt hatte, dass sie den Mut dazu gehabt hätte, mit dem Tanz zu beginnen, hatten die Männer schon einmal angefangen.
Als Sirany in den Schein der Flammen trat und die Assaren sie bemerkten, blieben alle jäh stehen. Die meisten begrüßten sie freundlich und warteten darauf, dass Sirany zu tanzen begann.
Die junge Frau fühlte sich sichtbar unwohl in ihrer Haut, zog Schutz suchend ihren Mantel enger um sich und hielt sich so dicht wie es ging neben Elendar. Schweigen trat ein, während sich alle Augen auf Sirany richteten.
Efnor rettete die Situation, indem er ihr Bier anbot. Zuerst wollte sie ablehnen, nahm aber schließlich dankbar den Krug entgegen. Mit zitternden Händen nahm sie einen tiefen Schluck. Gleichzeitig verfluchte sie sich, nicht die Flucht ergriffen zu haben.
Zwei Männer hatten bisher einsam auf einer Geige und einer Laute vor sich hin gespielt, jetzt veränderte sich der Rhythmus der Musik, wurde schneller, mitreißender.
Der Rest der Assaren begann, im Takt mit den Händen zu klatschen, andere stampften mit den Füßen und tänzelten ungeduldig auf der Stelle. Sie wollten zurück zum Feuer, zurück zum Tanz.
Elendar beugte sich zu Siranys Ohr herab. »Sie warten darauf, dass du den neuen Tanz beginnst. Bei diesem Fest ordnen sich die Männer stets unter. Du musst das nicht tun. Ich kann meine Männer gern vorausschicken.«
Impulsiv wollte Sirany sich für Letzteres entscheiden, zögerte jedoch. Schweigend nahm sie einen tiefen Zug aus dem Krug, straffte sich und betrat den flimmernden Lichtkreis rund um das Feuer.
Erst kam sie sich albern vor, sich ohne jede Vorgabe im Takt der Musik zu bewegen. Die Männer waren nur so begeistert von ihr, dass sie schnell ihre Scheu überwand. Ihre Beine wirbelten schneller über den Boden, sie schien zu schweben und mit den Flammen eins zu werden.
In dieser Sekunde fühlte sie sich so mutig und frei wie noch nie in ihrem Leben. Die Gefahren ihres Alltags verblassten und sie hatte den Eindruck, mit genügend Mut alles erreichen zu können.
Die Assaren folgten ihr mit den Blicken und erfreuten sich an dem Wissen, dass nach so langer Zeit endlich einmal wieder eine Frau unter ihnen weilte. Eine Frau, die sogar mit dem Tanz begann.
Nach und nach folgte Mann um Mann Siranys wildem Beispiel, bis die ganze Horde mit fröhlichem Gelächter tanzte, bis die Musik im Gestampfe zahlreicher Füße unterzugehen drohte. Das störte niemanden besonders.
Sirany brauchte eine Weile, um Elendar im Getümmel wieder zu finden. Er war einer der wenigen, die am Rand standen und nur zusahen. Seine Blicke folgten wie gefesselt ihren Bewegungen. Sie näherte sich ihm sofort und blieb mit glühendem Gesicht vor ihm stehen, rang nach Atem. Ihre Füße wollten gar nicht mehr still stehen.
»Warum tanzt du nicht?«, fragte sie nach Luft schnappend.
»Ich tanze nicht.«
»Und warum trinkst du nichts?«
»Ich trinke nie.«
»Du bist ein sonderbarer Mensch.«
Ohne weiter auf seinen schwachen Protest zu achten, erfasste sie seine Hand und zog ihn hinter sich her in die wogende Menge.

Das Fest dauerte bis in die frühen Morgenstunden. Es wurde viel gelacht, getrunken und getanzt, bis allen die Füße wehtaten und sich kaum noch einer rühren konnte.
Als eine der Letzten stand Sirany auf der Tanzfläche, bewegte sich sanft zu den gedämpfteren Klängen und war tief in Gedanken versunken.
Elendar wusste, dass die junge Frau weit mehr getrunken hatte, als für sie gut gewesen war. Er hatte sich nicht als ihr Aufpasser aufspielen wollen und sie einfach machen lassen.
Jetzt beobachtete er schmunzelnd ihre schlenkernden Bewegungen und genoss ihren Anblick, den er trotz der späten Stunde nicht leid geworden war.
Ein Mann nach dem anderen verkroch sich grunzend in sein Zelt. Als sich sogar der letzte verbliebene Musiker verabschiedet hatte, stand auch Elendar auf, um zu Sirany hinüberzugehen.
»Komm«, sagte er freundlich, ergriff ihre Hand und zog sie hinter sich her. Sirany folgte ihm brav wie ein Lämmchen und wehrte sich nicht, als er sie auf sein Lager dirigierte. Undeutlich brummelnd krabbelte sie unter das oberste Fell, rollte sich zu einem Ball zusammen und war eingeschlafen, ehe Elendar seine Schuhe ausgezogen hatte.
Elendar hielt sich an sein Wort. Er machte keinerlei Anstalten, Sirany die Schuhe auszuziehen oder sie sonst zu berühren. Vorsichtig, um sie nicht zu wecken, legte er sich ans andere Ende des Bettes, seufzte tief und versuchte zu schlafen, während er Siranys Atemzügen lauschte.

»Warum trinkst du nichts?«
Siranys Stimme drang undeutlich wie aus weiter Ferne an Elendars Ohr und riss ihn unsanft aus dem Schlaf.
Verwirrt öffnete der Assar die Lider und blickte direkt in Siranys schöne Augen. Die junge Frau hatte sich längs neben ihn gelegt, ihr Gesicht ruhte auf den gefalteten Händen. Ihre schwarze Haarpracht lag wie ein Kunstwerk über den Fellen und umfloss ihr Gesicht. Sie wirkte völlig schlaftrunken und rieb sich wiederholt über die verquollenen, rot geränderten Lider.
Als er nicht antwortete, rückte sie näher, bis ihre Nasenspitzen sich fast berührten. Erst dann fragte sie erneut: »Warum trinkst du nicht?«
Elendar brauchte lange, um sich an den plötzlichen Schock, Sirany auf einmal so nahe zu sein, zu gewöhnen. Verwirrt rückte er von ihr ab und betrachtete sie kritisch.
»Warum trinkst du so viel?«
»Weich nicht aus.«
»Ich darf nicht trinken. Der Verstand des Anführers sollte nicht vom Alkohol vernebelt sein, solange sich seine Männer in Feindesland befinden.«
In Feindesland. Allein das Wort verursachte Sirany eine Gänsehaut. Sie hatten in dem Jahr, das sie zusammen verbracht hatten, dieses Thema nie angeschnitten. Sie war eine Farreyn. Er ein Assar. Machte sie das theoretisch zu Feinden?
»Ich glaube nicht, dass unser Land Feindesland ist«, brachte sie schließlich mutig hervor.
»Ich betrachte alles außerhalb von Assanien als Feindesland.«
»Klingt anstrengend.«
»Das ist es auch.«
Lange Zeit lagen sie einander so dicht gegenüber, dass sie den Atem des anderen auf der Haut spüren konnten. Elendar schloss die Augen und prägte sich dieses Gefühl ein, das Siranys Nähe bei ihm verursachte, atmete tief ihren Geruch ein, der ihm von gestern Abend erzählte.
»Ich muss gleich gehen«, flüsterte Sirany. Auch sie spürte die besondere Atmosphäre, die zwischen ihnen herrschte. »Meine Eltern machen sich sonst wieder Sorgen.«
»Gib mir noch fünf Minuten.«
Fünf Minuten, in deren Verlauf sich Elendar Assaim mit jeder verstreichenden Sekunde klarer wurde, dass er sich Hals über Kopf in Sirany verliebt hatte.

Kapitel 5
Einige Wochen später waren Elendar und seine Männer nicht mehr im Wald zu finden. Das Lager lag einsam und verlassen da, die Pferde waren verschwunden und nur die Zelte standen wie schweigende Hüter herum. In den ersten Tagen machte sich Sirany keinen Kopf darüber, denn die Männer blieben häufig fort. Wenn sie wieder da waren, wusste Sirany, dass sie einige Tage nichts im Lager zu suchen hatte. Elendar war in dieser Zeit ausgesprochen mürrisch und schätzte ihre Gesellschaft ganz und gar nicht. Was immer die Reiterschar zu erledigen hatte, es ging ihrem Anführer offensichtlich an die Substanz.
Sirany fragte nicht näher nach, denn im Grunde wollte sie es nicht wissen. Elendars Arbeit war schmutzig und blutig und passte nicht zu dem Bild, das sie sich von ihm erschaffen hatte.

Die Tage vergingen und allmählich wurde Sirany nervös. Sie waren mittlerweile deutlich länger fort als üblich. War etwas geschehen? Ihre Eltern bemerkten ihre Unruhe, sagten aber nichts. Sobald ihre Tochter wie eine gefangene Tigerin hin und her lief, hatte es etwas mit den Assaren zu tun.
»Ich glaube, sie sind fort«, sagte sie eines Abends und sie klang so traurig, dass ihre Mutter sich bewogen fühlte, sie in den Arm zu nehmen.
»Dann hätte er sich verabschiedet«, erwiderte Aileen und das beruhigte Sirany ein wenig.
Elendar hatte befürchtet, dass sie aus den Wäldern verschwinden mussten. Hatte er womöglich keine Zeit gehabt, sich zu verabschieden? Es überraschte Sirany selbst, wie entsetzlich sie diesen Gedanken fand. Den restlichen Tag über war sie das reinste Nervenbündel.
Dann kam der Abend und die Sonne verabschiedete sich hinter dem Horizont. Die Vögel stellten mit dem schwindenden Licht das Singen ein und während Sirany im letzten verbliebenden Licht die Wäsche hereinholen wollte, sah sie ihn.
Er stand am Waldrand und blickte zu ihr hinüber.

Sirany brauchte nicht lange, um eine Entscheidung zu fällen. In Windeseile klaubte sie das bisschen Wäsche von den Leinen, hastete ins Haus zurück, stellte den Korb in eine Ecke, schnappte sich einen Mantel ihres Vaters und war auch schon wieder hinaus. Kurz bevor die Tür hinter ihr zuschlug, rief sie noch, sie sei mal kurz weg.
Die nächsten Schritte unternahm sie mit Bedacht, denn der Weg in den Wald war weiterhin gefährlich und man musste vorsichtig sein. Die meisten Soldaten waren abgezogen, doch Kumas Wachen patrouillierten weiterhin. Sirany war aber mittlerweile so geübt im Schleichen, dass sie die schützenden Bäume ohne Probleme erreichte.
Elendar erwartete sie schweigend und lächelte, als er Sirany vor sich stehen sah. Ihre Wangen waren vor Aufregung gerötet, ansonsten wirkte ihr Gesicht blasser als sonst. Sie trug ihr Haar offen und ihr Kleid war eher zum Schlafen gedacht. Der Mantel, den sie sich angezogen hatte, war definitiv nicht ihr eigener und schleifte aufgrund seiner Überlänge auf dem Erdboden.
»Ich hatte solche Angst, dass ihr fortgegangen seid«, sagte sie voller Inbrunst, dann umarmte sie ihn völlig überraschend.
Als Elendar seine Arme fest um ihren Körper legte, registrierte er zum ersten Mal, wie klein und zierlich sie war. Wie eine zerbrechliche Puppe schmiegte sie sich einen winzigen Moment an ihn, legte ihren Kopf an seine Brust und drückte ihn fest. Es war, als gehörte sie dorthin, als wäre sie genau für ihn erschaffen worden. Es fühlte sich gut und richtig an und bei diesem Gedanken begann Elendars Herz zu rasen und kalter Schweiß brach ihm aus.
»Wir sollten hier nicht gesehen werden«, sagte er leise und löste sich widerwillig von ihr. Er nahm ihre Hand und zog sie in den Wald hinein. Sie folgte ihm.
»Du siehst müde und erschöpft aus.«
»Ich weiß.«
»Du solltest schlafen.«
»Ich wollte dich vorher sehen und dir sagen, dass wir wieder zurück sind.« Elendar blieb unvermittelt stehen und fasste Sirany an der Schulter. Er sah schrecklich müde aus. Schwarze Ringe hatten sich unter seinen Augen gebildet, das Weiß um die braunen Iriden war mit roten Adern durchzogen. Außerdem war er über und über mit Dreck besudelt.
»Sirany, es tut mir leid. Ich hätte dich bei unserem letzten ernsten Gespräch nicht verunsichern dürfen. Wenn wir den Wald endgültig verlassen, werde ich es dir sagen. Versprochen.«
Irgendetwas stimmte nicht. Sirany musterte ihn prüfend und bemerkte die seltsame Blässe seiner Haut.
»Bist du krank?«
»Nein.«
Das kam ein bisschen zu schnell.
Sie wand sich aus seinem Griff und trat einen Schritt zurück, um ihn ganz in Augenschein nehmen zu können. Erst jetzt bemerkte sie, dass er leicht nach vorn gebeugt dastand, als könnte er sich nicht richtig aufrichten.
»Ich bringe dich ins Lager«, sagte sie kurz angebunden und wollte entschlossen losgehen. Elendar hielt sie mit einer Hand auf.
»Nein. Du gehst zurück zu deinen Eltern.«
Ihre Blicke trafen sich und Elendar seufzte innerlich, als er die Entschlossenheit in Siranys Augen sah.
»Ich bringe dich ins Lager«, wiederholte sie stur. »Ich will mit eigenen Augen sehen, dass du dich hinlegst, und ich will sehen, dass alles in Ordnung ist.« Damit ging sie auch schon los und Elendar blieb nichts anderes übrig, als ihr zu folgen. Elendars Bewegungen waren dabei unnatürlich langsam. Siranys Sorge wuchs.
Als sie das Lager erreichten, herrschte dort eine seltsame Stille. Viele der Männer mussten sich bereits in die Zelte zurückgezogen haben und nur wenige saßen um das Feuer herum. Sie wirkten mürrisch und zerknirscht, standen aber auf, als sie Sirany bemerkten.
Sie grüßte freundlich, blieb stehen und wartete auf Elendar, der langsam zu ihr aufschloss. Sie erkannte Efnor in der Gruppe wartender Männer. Überrascht bemerkte sie seine verärgerte Miene und erschrak, als er Elendar mit vorwurfsvollen Worten angriff. »Du solltest sie nicht hierherbringen.«
Elendar winkte müde ab. »Ich bin sicher, die Toten haben nichts dagegen. Es waren auch ihre Freunde. Sie hat ein Anrecht darauf, bei der Beerdigung dabei zu sein.«
Tote? Beerdigung? Sirany warf den umstehenden Männern einen nervösen Blick zu, dann dämmerte es ihr. Die fehlenden Männer in der Runde schliefen nicht in ihren Zelten. Sie waren tot.
Elendar warf ihr einen langen entschuldigenden Blick zu. Erst danach trat er an seinen Männern vorbei und ergriff eine bereitliegende Schaufel.
»Lasst es uns hinter uns bringen.«
Die Krieger folgten schweigend seinem Beispiel und liefen mit gesenkten Köpfen und mit Schaufeln in den Händen hinter ihm her. Sirany bildete das Schlusslicht des kleinen Trupps, zutiefst erschüttert und verwirrt.
Als sie zurückfiel, unsicher, ob sie nicht doch fehl am Platze war, wartete Zack auf sie und reichte ihr hilfreich die Hand. Auch er sah erschöpft aus und in seinen sonst munter blitzenden Augen schimmerten unvergossene Tränen.
»Komm, Sirany. Du bist ein Teil von uns. Mein Onkel hätte sich über deine Anwesenheit sehr gefreut«, sagte er leise und drückte ihre Hand.
Sirany erwiderte die Geste und folgte dem trauernden Zug.

I
nsgesamt waren neun Männer gefallen und somit war die ohnehin schon kleine Schar auf fünfunddreißig Männer zusammengeschmolzen. Es war ein harter Schlag für Elendar.
Der Abend verlief düster und schweigend. Die Männer mussten ihre gefallenen Kameraden bereits dort, wo sie gefallen waren, verbrannt haben. Ihre Asche hatten sie in kleinen Tonkrügen mitgenommen, die sie nun in die Erde legten. Sie schmückten die frisch aufgehäuften Gräber mit frischen Waldblumen und zogen sich zum Feuer zurück. Dass sie ihre Toten entgegen der geltenden Gesetze verbrannt hatten, ließ Sirany unkommentiert. Es zeigte ihr, wie anders ihre Völker waren. Ein Farreyn hätte das niemals gewagt.
Die ohnehin mundfaulen Assaren sagten die verbleibende Zeit kein Wort, tranken wortlos assarischen Rum und wachten die ganze Nacht. Elendar saß ebenso in Gedanken versunken neben Sirany. Auch er nahm ab und an einen Schluck aus der Flasche, wenn sie an ihn gereicht wurde, überging Sirany jedoch bei der Weitergabe. Diese war nicht böse drum. Assarischer Rum sollte angeblich tödlich für jeden weiblichen Magen sein.
Elendar sendete ihr deutliche Signale, dass er jetzt weder angesprochen noch berührt werden wollte, und Sirany hielt sich daran. Ihr war ohnehin nicht nach Sprechen zumute. Allerdings musste sie sich schwer zurückhalten, um nicht unauffällig seine Hand zu nehmen. Sie spürte, dass er das jetzt brauchte, traute sich nur nicht. In Anwesenheit seiner Männer war das ohnehin keine gute Idee.
Sobald die ersten Sonnenstrahlen durch die Tannen flackerten, zog sich ein Mann nach dem anderen in sein Zelt zurück. Efnor war neben Elendar und Sirany der letzte. Er warf den beiden jungen Leuten einen ernsten Blick zu und seufzte leise. »Ich wollte dich eigentlich allein sprechen«, sagte er zu Elendar. Als Sirany daraufhin aufspringen wollte, winkte er ab. »Bleib sitzen. Wir vertrauen dir.« Es knisterte, als er aus seiner Hosentasche einen zerknitterten Brief zog und ihn Elendar hinhielt.
Der starrte das Papier irritiert an, ehe er es langsam nahm. »Was ist das?«
»Das hat mir Ra… unser Verbindungsmann im Schloss gegeben. Eine Nachricht für uns alle. Eine Warnung.« Es war offensichtlich, dass er beinahe den Namen des Verbindungsmannes ausgeplaudert hätte. Sirany bezweifelte, dass sie denjenigen gekannt hätte. Im Schloss? Welches Schloss? Doch nicht etwa …
Elendar las mit angespannter Miene. Sirany wagte nur einen kurzen Blick darauf, bevor sie ihre Neugierde zügeln konnte. Ein paar Zeilen. Mehr nicht. Sie genügten, um Elendars Gesichtszüge weiter zu verdunkeln.
»Wann hast du die Nachricht bekommen?«, fragte er tonlos.
»Eindeutig zu spät. Der Bote fand uns erst, nachdem wir in den Hinterhalt geraten waren. Elendar! Es war von Anfang an nicht vorgesehen, dass wir überleben.«
Elendar warf Efnor einen seltsamen Blick zu, dann musterte er Sirany. »Lass uns später darüber reden«, entschied er.
»Es geht auch Sirany etwas an.«
»Tut es nicht.«
»Doch. Du bist erneut in den Fokus des Königs gerückt. Das bedeutet, dass wir doppelt vorsichtig sein müssen. Sirany …«
»Ich werde es ihr erklären. Das ist alles, Efnor.« Elendar warf Efnor einen so warnenden Blick zu, dass dieser sofort aufstand und grußlos in sein Zelt verschwand.
Sie schwiegen eine Weile, bis Sirany den Mut fand, nachzufragen. »Muss ich mir Sorgen machen?«
»Nein. Ich lasse mir was einfallen. Efnor ist stets übervorsichtig.« Er nahm den Brief und warf ihn ins Feuer. Knisternd verbrannte er zu Asche. Erst als auch der kleinste Fetzen von den Flammen verzehrt war, entließ Elendar zischend den angehaltenen Atem. »Dieser Brief hätte viele Menschenleben gerettet, wenn er rechtzeitig angekommen wäre«, sagte er traurig.
»Von wem ist er?«
»Von einem Freund. Er steht dem sharischen König nahe. Mehr musst du nicht wissen. Es ist niemand, den du jemals kennenlernen wirst. Meine Vergangenheit ist kompliziert. Lass es gut sein, Sirany. Frag nicht weiter nach. Efnor hätte den Brief nicht vor deinen Augen zeigen dürfen. Er beunruhigt dich nur.«
»Ich bin kein Kind mehr.«
»Das weiß ich.«
»Kommt mir aber nicht so vor.«
»Ich … ach, Sirany. Ich kann jetzt nicht mit dir streiten. Nicht jetzt. Nicht heute. Nicht nach dem, was geschehen ist.«
Sofort verebbte Siranys Zorn. Elendar wirkte so müde und zerschlagen wie noch nie. Jeder Kampfgeist war aus ihm gewichen. Was immer geschehen war, erschütterte ihn zutiefst. Der Brief hatte es schlimmer gemacht.
Bevor sie ein weiteres Wort sagen konnte, nahm Elendar Siranys Hand und hielt sie fest umklammert. Sein Griff war fest und stark, doch es gab keine Zweifel, wer wem Trost spendete. Sirany bemühte sich, Elendar schweigend zu vermitteln, dass er nicht allein war. Dass sie mit ihm litt. So saßen sie eine ganze Weile da, die Hände ineinander verschränkt, die Knie sich berührend. Elendar entspannte sich in dieser Zeit sogar ein klein wenig und sein fester Griff lockerte sich etwas.
Nach gut einer weiteren Stunde hob sie die Finger ihrer freien Hand und schob Elendar einige Strähnen hinters Ohr, um sein Gesicht besser sehen zu können. Bei ihrer Berührung ging ein kaum spürbarer Ruck durch seinen Körper und er wandte sich ihr zu.
»Ich sollte dich nach Hause bringen«, sagte er mit kaum wahrnehmbarer Stimme.
Sirany nickte bestätigend, obwohl sich alles in ihrem Inneren bei dieser Vorstellung sträubte. Sie wollte nicht fort. Sie wollte bei ihm bleiben. Doch ihre Eltern machten sich sicherlich bereits Sorgen um sie.
Elendar erhob sich mühsam und Sirany folgte seinem Beispiel. Sie sahen einander schweigend an.
»Bevor ich gehe, möchte ich deine Verletzung sehen. Und sag mir nicht, du seist nicht verletzt. Lüg mich nicht an. Lass mich dir stattdessen helfen«, sagte Sirany ruhig und ignorierte den Funken Unmut in Elendars Augen ganz einfach.
»Was nützt das schon?«
»Mich beruhigt es und dir wird es guttun. Ich kann nicht viel, aber vielleicht lindert es ein wenig deinen Schmerz.«
Zu ihrer Überraschung gab sich Elendar geschlagen und ging in sein Zelt. Sirany folgte ihm zögernd. Mit einem Mal hatte sie Angst vor ihrem eigenen Mut.
Elendar war in der Mitte des kleinen Zeltes stehen geblieben und zog sich das Hemd über den Kopf. In der nächsten Sekunde wusste Sirany, warum er ihr erlaubt hatte, ihm zu helfen. Die Wunde musste von einem Messer oder Schwert stammen und zog sich von seinem Bauchnabel über die Seite quer über den Rücken. Dort hatte ihm die Klinge die Haut von der Hüfte bis hinauf zum Halsansatz aufgerissen. Die Verletzung musste schon einige Tage her sein, denn der hässliche Schnitt blutete kaum noch. Rund um die Wunde war die unverletzte Haut mit Blut verschmiert und auch das Hemd sah aus, als hätte man seinen Besitzer gerade abgeschlachtet. Der Mantel hatte das Blut bisher gut vor Siranys Augen verborgen.
»Du kannst dich nicht selbst verarzten«, stellte Sirany trocken fest. Nur deshalb erlaubte ihr Elendar, die Wunde zu versorgen. Ein Stich ging durch ihr Herz, doch sie kämpfte die Enttäuschung nieder. Er vertraut dir trotzdem, dachte Sirany. Das hat nichts zu bedeuten.
Elendar setzte sich auf sein Felllager. »Da hinten ist abgekochtes Wasser», sagte er und deutete auf einen Bottich in einer Zeltecke. »Tücher findest du daneben.«
Sirany ging zu der angegebenen Stelle und fand dort neben sauberen Laken auch jede Menge blutiger Lappen. Elendar hatte sich offenbar vor ihrem Besuch bereits so gut es ging das Blut vom Körper gewaschen.
Schweigend nahm Sirany das, was sie brauchen würde, ging zurück zu Elendar und machte sich an die Arbeit.
»Nur der Rücken«, wies er sie an. »Den Rest kann ich auch allein.«
Sirany antwortete gar nicht erst, sondern wusch Stück für Stück den Dreck und das Blut aus Wunde und Haut.
»Der Schnitt ist nicht tief«, sagte sie nach fast zehn Minuten Schweigen. Während dieser Zeit hatte Elendar nur ab und zu leise zischende Schmerzlaute von sich gegeben. »Ein Dolch?«
Keine Antwort. Sirany seufzte leise.
»Was ist passiert, Elendar? Ihr wart lange fort und habt viele Tote nach Hause gebracht. Was stand in dem Brief?«
Sie war gerade mit dem Rücken fertig und wandte sich nun der Seite zu, doch Elendar hielt sie auf, indem er ihre Hände packte und schmerzhaft festhielt.
»Das reicht. Danke«, sagte er, ließ sie los und bückte sich nach einem einigermaßen sauber aussehenden Hemd.
Plötzlich packte Sirany die Wut. »Ach, und das war es wieder, oder was? Das dumme Bauernmädchen aus dem Nachbardorf hat dich zusammengeflickt und für dich ist die Sache damit erledigt. Erklären braucht man ihr nichts.«
Zornig warf sie den blutigen Lappen auf den Boden und stand auf, um sich drohend vor Elendar aufzubauen. Dessen Gesicht verdunkelte sich jetzt ebenfalls.
»Lass das, Sirany«, sagte er drohend.
»Was soll ich lassen? Zu fragen? Mein Gott hat mir eine Zunge gegeben, damit ich sprechen kann, und wenn ich sprechen kann, kann ich auch fragen. Also, Elendar, ich frage dich erneut. Was ist passiert?«
»Das willst du nicht wissen.«
»Das wiederum kannst du nicht wissen. Du weißt gar nichts über mich, Elendar, gar nichts.«
»Und du noch viel weniger über mich.«
»Schön.«
»Schön.« Jetzt brüllte Sirany und es war ihr egal, dass die anderen Assaren sie hören konnten. »Dann erzähl mir endlich mal was von dir.«
Elendar wusste, dass er besser schweigen sollte, aber er war zu müde und zu erschöpft, um seine sonst so vielfach gepriesene Selbstbeherrschung an den Tag zu legen. Es war eine lange, hässliche Woche gewesen und seine überlasteten Nerven mussten sich Luft verschaffen. Nur deshalb sagte er die nächsten Worte, die er sonst niemals zu Sirany gesagt hätte. Die Angst, sie zu verlieren, ließ ihn sonst schweigen.
»Wir sind nicht die freundlichen Kerle von nebenan, so wie du denkst. Wir sind Krieger. Wir töten. Wir morden. Frauen und Männer. Wir töten, um zu überleben. Wir sind wie Tiere, die wild um sich beißen, um diejenigen zu schützen, die wir lieben.
Man gibt uns Aufträge und wir führen sie aus. Man sagt uns, wen wir töten sollen, und wir tun es. Wir fragen nicht. Wir erledigen es, selbst wenn der Auftrag zu schwierig ist. Selbst wenn wir wissen, dass wir es nicht überleben werden. Wir versuchen es und sterben dabei. Einer nach dem anderen. Keiner von uns ist älter als vierzig und keiner wird es jemals sein. Man schickt uns in den Tod und wir gehen. Aus Pflicht und aus Liebe zu unserem Volk.
Ich bin nicht stolz darauf, was wir machen. Die Ermordeten suchen mich regelmäßig in meinen Träumen heim. Sie fragen mich, warum ich sie ermordet habe, und ich antworte ihnen: Weil ich es musste! Ich weiß, dass das eine verdammt schlechte Ausrede ist. Es ist nun mal so, wie es ist – entweder ihr Leben oder das unserer Familien.
Wären wir nicht so gut im Töten gewesen, hätte man uns niemals für diese Dienste herangezogen. Leider sind wir nun einmal geborene Mörder. Wir haben diese Fähigkeiten und die Shari nutzen sie gnadenlos zu ihrem Vorteil aus. Obwohl wir wissen, dass es falsch ist, können wir nichts daran ändern.«
Elendar holte tief und zitternd Luft und sah Sirany voller Entsetzen an. Erst jetzt kam ihm voll zu Bewusstsein, was er da gesagt hatte. Sirany stand wie angewurzelt vor ihm. Alle Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen. Ihre Finger knackten leise, als sie sie zu einer Faust ballte. Er hatte sie angebrüllt und halb zu Tode erschreckt, das sah er in ihren Augen.
Ehe er wieder etwas sagen konnte, hob sie abwehrend die Hände. »Lass mich«, sagte sie leise. »Ich sollte jetzt gehen, ehe du noch mehr sagst, was dir hinterher leidtut. Du bist müde. Schlaf jetzt.«
Damit ging sie an Elendar vorüber und verließ eilig das Zelt. Elendar sah ihr nach und spürte, dass er sie verloren hatte. Vermutlich für immer.

Kapitel 6
Sirany kehrte lange nicht in das Lager zurück. Sie brauchte Zeit, um das Gehörte zu verdauen. Sie hatte längst geahnt, was die Männer trieben, wenn sie fort waren. Es aus Elendars Mund zu hören, erschreckte sie zutiefst. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie der sonst so sanfte und ruhige Elendar das Schwert gegen eine Frau erhob.
Sirany spürte, dass sie hier an einem Wendepunkt in ihrer Beziehung angekommen waren. Vorbei war das fröhliche Miteinander, vorbei das unbeschwerte Herumtollen. Sirany war zusammen mit der Wahrheit erwachsen geworden. Als junge Frau musste sie sich nun entscheiden, ob sie das, was Elendar war und was er tat, mit ihrem Gewissen vereinbaren konnte. Momentan war sie sich da noch nicht so sicher und somit mied sie den Wald so gut es ging.
Bald schon stieß ihr das Dorfleben auf. Meistens blieb sie zu Hause, denn die Soldaten patrouillierten weiterhin und hielten Ausschau nach leichter Beute. Manchmal besuchte sie Freundinnen, aber es war, als wäre sie eine Fremde unter alten Bekannten. Die Mädchen tratschten über das Dorfleben, schwärmten von jungen Männern oder planten Hochzeiten mit ihren Verlobten.
Sirany konnte da nicht mitreden. Sie wollte keine Hochzeit und fand auch keinen Mann des Dorfes attraktiv. Um nicht als Außenseiter zu gelten, verstellte sie sich. Sie gab vor, den Sohn des Müllers toll zu finden und malte allerhand Unsinn zusammen mit den anderen aus.
Doch aus einem ihr unbekannten Grund fühlte sie sich, als würde sie Elendar bei ihrem Tun verraten.
Während die Mädchen lachten und gackerten, legte Dorin, die Tochter des Metzgers, plötzlich ihr Strickzeug beiseite und blickte Sirany an. Augenblicklich verkrampfte sich ihr Magen und ein ungutes Gefühl beschlich sie.
»Jetzt mal ehrlich, Sirany. Wir wissen alle, dass du einen Geliebten haben musst«, erklärte sie inbrünstig und augenblicklich wurde es ganz still am Tisch.
Alle Augen wandten sich Sirany zu, die sich unter ihren Blicken unruhig zu bewegen begann.
»Wer soll das denn sein?«, entgegnete sie möglichst unschuldig, doch jede am Tisch hörte das leichte Zittern in ihrer Stimme.
»Keine Ahnung. Das möchte ich gern von dir wissen. Mit wem verschwindest du des Nachts im Wald? Mit wem vertreibst du dir die dunklen Stunden?«
»Mit niemandem, Dorin, wie kommst du denn bloß darauf?«
»Ach, komm schon, Sirany«, entgegnete Ella, ein kleines, unscheinbares Ding.
Sirany hatte vergessen, wessen Tochter sie war, und im Grunde interessierte es sie auch gar nicht. Sie hatte bisher nicht viel mit ihr zu tun gehabt und hatte auch nicht vor, das zu ändern. Schon gar nicht nach den nächsten Worten. »Wir wissen alle, dass du rumläufst wie eine läufige Hündin. Wer dir in die Augen schaut, sieht die Gier nach neuen Sünden. Ständig bist du auf der Suche nach …«
»… nach was?«, unterbrach Sirany sie scharf.
Die Mädchen kicherten und einige machten recht anzügliche Bewegungen. »Nach jemandem, der dich besteigen möchte, nach fleischlicher Befriedigung«, formulierte es Freya, die als Einzige in der Runde verlobt war und dementsprechend auch als Einzige Erfahrung hatte. Beschwörend beugte sie sich über den Tisch und starrte Sirany an, während alle Mädchen mit ihren Blicken an ihren Lippen hingen wie Hündchen an der Zitze ihrer Mutter.
»Du kostest von etwas, von dem du keine Ahnung hast. Sei vorsichtig. Es könnte dich für immer verderben.«
Sie machte eine Kunstpause. Sirany wurde schlecht vor Angst. Was mochte jetzt kommen?
»Männer können grausam sein, mein Herzchen. In der einen Sekunde umgarnen sie dich, sagen dir die herrlichsten Worte, in der nächsten reißen sie dir die Kleider vom Leib, um dich nur wenig später allein zurückzulassen.«
Alle starrten sie an, Sirany nicht minder entgeistert als die anderen. Zum Glück fand sie als Erste ihre Sprache wieder. »Ich kann nichts dafür, dass dir das ständig passiert. Du solltest mal darüber nachdenken, ob es an dir liegt«, entgegnete sie kalt, stand auf und ging so schnell wie möglich aus der Hütte.
Draußen atmete sie tief und zitternd durch und ein fauler Geschmack breitete sich auf ihrer Zunge aus. Elendar war ein Mann in der Blüte seiner Jahre. Es gab keinen Zweifel daran, dass er sich durchaus körperlich zu ihr hingezogen fühlte, aber er hatte sie niemals, wirklich niemals unsittlich berührt.
Außer das eine Mal im Teich … und das eine Mal unter der Bettdecke, um sie zu wärmen … und das eine Mal nach der Feier und … plötzlich wurde ihr schlecht und sie übergab sich hinterm nächsten Busch.
Zu allem Übel hatte das eines der Mädchen gesehen. Neue Gerüchte begannen zu kreisen und man munkelte, Sirany sei schwanger. Dieses Gerücht erreichte sogar die Ohren ihrer Eltern und Aileen sah sich gezwungen, mit ihrer Tochter zu reden.
»Du weißt, was über dich erzählt wird?«, fragte sie streng.
»Ja.«
»Ist da was Wahres dran?«
»Nein«, sagte sie leise und schluchzte heiser auf. »Ich habe nichts Unrechtes getan, das musst du mir glauben. Mädchen können so grausam sein.«
Ihre Mutter nahm sie in die Arme und strich ihr tröstend über den Rücken. »Ich weiß, dass dir der junge Mann aus den Wäldern den Kopf verdreht hat. Aber du weißt gar nicht, was er von dir hält. Er ist älter als du, erfahrener, und er wird es nicht beim Händchenhalten belassen. Hast du verstanden? Sei vorsichtig, mein Kind. Er kann gefährlich für dich werden. Und damit meine ich nicht nur deinen Ruf.«
»Was meinst du genau?«
»Die Leute reden, Sirany! Man hat gesehen, wie er zu Kuma ins Schloss gerufen wurde. Zu Kuma! Das bedeutet, dass er den Mann kennt, der dir am gefährlichsten werden kann. Er arbeitet für ihn.«
»Er würde mich nie verraten, Mama. Nie!«
»Hoffen wir es. Es sieht trotzdem für die Dorfbewohner so aus, als würdest du mit dem Feind paktieren. Das kann uns auf Dauer schaden und erregt unangenehme Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit, die wir vermeiden müssen. Wenn Kuma dich durch Elendar bemerkt, können wir dich nicht mehr retten. Sollte das passieren, kannst du auch nicht auf deinen Freund hoffen. Auch sein Leben liegt in Kumas Händen.«
Sirany bemühte sich, weitere Tränen zurückzuhalten. Ihre Mutter hatte recht. Trotzdem tat es weh, der Wahrheit ins Auge sehen zu müssen. »Wir treffen uns ohnehin nicht mehr. Es ist vorbei«, flüsterte sie und ihr Herz fühlte sich an, als müsste es zerspringen.
Aileen zog daraufhin ihre Tochter in die Arme und wiegte sie wie ein kleines Kind. »Ach, mein Mädchen. So jung und schon solche Probleme. Vielleicht ist es ganz gut, wenn ihr euch eine Weile nicht seht. Man beobachtet dich auf eine Weise, die mir nicht gefällt. Wenn du dich und ihn nicht in Gefahr bringen willst, bleib vorerst zu Hause.«

»Find dich damit ab, du hast sie vertrieben«, sagte Sheyn eine Woche später zu Elendar. »Ist auch besser so. Ein Assar gehört zu einer assarischen Frau. Farreyn … pah.« Verächtlich spuckte er auf den Boden. Efnor legte Elendar mahnend eine Hand auf die Schulter, damit dieser sich nicht wutentbrannt auf den anderen Krieger stürzen konnte.
»Sie wird kommen, wenn sie das Problem der Assaren verstanden hat«, sagte Efnor im Brustton der Überzeugung. »Sie wird es verstehen und sie wird kommen.«
Tatsächlich kam sie eines Nachts, allerdings anders als erwartet.
In ihrem Dorf wurde in dieser Nacht eine Hochzeit gefeiert. Die meisten waren schon sturzbetrunken, noch ehe der Priester das Paar getraut hatte. Die Braut war untrüglich schwanger und der Grund der Hochzeit überdeutlich. Sie wirkte auch nicht gerade, als ob sie die Feier wirklich genießen konnte.
Sirany musste an diesem Abend jede Menge Sticheleien über sich ergehen lassen.
»Schaut nur, da ist sie. Sie wird die Nächste sein. Von wem sie wohl schwanger ist?«, und andere miese Andeutungen wurden ihr hinterhergetuschelt. Sirany ignorierte die Tratschtanten weitestgehend und versuchte erst recht, den Jungen auszuweichen. Seitdem sie als leichtes Mädchen galt, war mit ihnen nicht mehr gut auszukommen. Sie hielt sich möglichst nah bei ihren Eltern und verwünschte die närrische Bande um sich herum ein ums andere mal.
Kurz vor Mitternacht verschwand ihr Vater mit einem Bekannten in der Menge und ihre Mutter holte sich etwas zu trinken. Plötzlich stand Sirany allein da und war von einer Horde gackernder Weiber umringt, ehe sie es sich versehen konnte.
»Na, Sirany? Wie geht es dir heute?«
Dorin kam herbei. Sie war ein Jahr älter als Sirany und zog sie dennoch wie ein kleines Kind an ihrem geflochtenen Zopf.
»Und was macht dein kleiner Bastard?«
Sirany schlug Dorins Hände wutschnaubend fort und blitzte sie mit funkelnden Augen an.
»Lass das«, fauchte sie und der drohende Kreis aus Mädchen schloss sich um sie herum.
»Du bist eine Hure«, zischte jemand in ihr rechtes Ohr.
Sie wich nach links aus. Auch da stand ein Mädchen und wisperte das Gleiche.
»Lasst mich. Sucht euch eine andere, die ihr quälen könnt.«
Siranys Stimme schwankte zwischen Wut und Furcht. Sie versuchte aus dem Kreis herauszukommen, doch die Mädchen standen zu dicht um sie herum.
Irgendwer fing an, ihr einen Stoß zu geben, und sie taumelte einen kleinen Schritt nach vorn. Dort stieß sie jemand zurück und plötzlich kreiselte sie wie ein hilfloser Ball zwischen kneifenden, stoßenden und schmerzhaft schlagenden Händen umher.
Und dann reichte es Sirany. Ehe eines der Mädchen reagieren konnte, hatte sie Freya in der Menge ausgemacht und sie zu ihrem Opfer auserkoren. Blitzschnell packte sie zu, vergrub ihre eine Hand in ihren Haaren und schnappte sich eines ihrer Handgelenke. Einige Hebelgriffe später lag das andere Mädchen schreiend und sich windend in Siranys stahlhartem Griff und konnte sich nicht rühren.
»Hör auf zu zappeln oder ich kugele dir den Arm aus«, zischte Sirany drohend. Die Mädchen wichen einen Schritt vor ihr zurück, während Freya vor Schmerz zu quieken anfing.
»Lasst mich endlich in Ruhe, ihr Furien, oder euch allen geht es nicht besser als diesem Miststück hier.«
Sie riss schmerzhaft an Freyas Haaren und ihr Opfer schrie entsetzt auf, als sie den anderen Mädchen ein Büschel ausgerupfter Locken entgegenhielt. Sirany starrte die anderen einen Moment hasserfüllt an, dann gab sie Freya einen Stoß und das Mädchen taumelte gegen ihre Freundinnen.
Sirany beeilte sich, durch die entstandene Lücke zu entkommen, und rannte, was ihre Beine hergaben. In letzter Sekunde bemerkte sie einen der Wächter am Dorfrand, entging ihm um Haaresbreite, überquerte den Fluss in mehreren gewagten Sprüngen von Stein zu Stein, rannte hinein in den Wald und verkroch sich unter der Wurzel eines umgestürzten Baumes.
Hier rollte sie sich zu einer Kugel zusammen und weinte.

Es war Efnor, der Elendar in der Nacht weckte.
»Sirany ist im Wald und weint. Ich habe sie bei einem meiner Rundgänge gefunden. Sie weiß nicht, dass ich sie gesehen habe«, sagte er leise zu seinem Anführer.
Der war schneller auf den Beinen, als Efnor gucken konnte. Sekunden später waren sie auch schon unterwegs.
»Was macht sie zu dieser Zeit im Wald?«, fragte Elendar besorgt.
»Keine Ahnung. Das musst du sie schon selbst fragen.«
Genau das hatte Elendar vor. Als sie in die Nähe des besagten Baumes kamen, blieb Efnor zurück. Elendar bedankte sich stumm mit einem Nicken. Dann trat er auf die zusammengerollte Gestalt zu und zog sie aus dem Erdloch.
»Es ist gefährlich, sich unter einen entwurzelten Baum zu legen«, schalt er sanft und zog die weinende junge Frau zu sich auf den Schoß. »Man weiß nie, wie viel Spannung noch in dem toten Ding ist. Der Baum könnte zurückschnappen und dich unter seiner Wurzel zerquetschen.«
»Weißt du, wie egal mir das im Moment ist?«, schniefte Sirany.
Wie selbstverständlich legte sie beide Arme um seinen Hals und weinte an seiner Schulter. Ihre Berührungen ließen Elendar atemlos werden und ihr Duft verlangsamte sein Denken. Hastig konzentrierte er sich auf die Tatsache, dass sie offensichtlich sehr traurig war.
»Was ist passiert?«, fragte er sanft und erhielt zunächst keine Antwort. Nach einer Weile kam ein geschnieftes: »Ich hab dich vermisst«, was er sich zunächst einzubilden glaubte. Dann lächelte er. »Ich dich auch. Verzeih mir meine harschen Worte.«
Sirany lehnte sich zurück, um ihn besser sehen zu können. »Wirst du mich an Kuma verraten?«, fragte sie. »Falls er dich unter Druck setzt? Mit was auch immer? Ich wäre ein interessantes Geschenk für ihn.«
»Ich würde dich niemals verraten. Nie! Und schon gar nicht auf diese Weise.«
Sirany sah ihm eine Weile forschend in sein Gesicht und nickte beruhigt. »Meine Mutter macht sich deshalb große Sorgen. Sie sagt, dass du mit den falschen Leuten verkehrst und gefährlich für mich bist. Dieser Brief, den du bekommen hast. Er kam aus dem sharischen Königsschloss, nicht wahr? Das allein zeigt, dass an den Gerüchten was dran sein muss. Du kennst zu viele Shari und arbeitest für sie.«
»Deine Mutter ist eine kluge Frau. Sie hat recht. Ich arbeite mit Männern zusammen, die nicht besser sind als dieser Dreck unterm Baum. Ich muss aber für sie arbeiten. Mach dir keine Sorgen. Sie werden sich nicht für ein Bauernmädchen interessieren, solange sie nicht sehen, wie hübsch du bist.«
Sirany spürte, dass das nicht die volle Wahrheit war. Elendar war unwohl zumute. Sie hatte etwas angesprochen, was ihm selbst Sorgen bereitete. Etwas, das er ihr verheimlichen wollte. Sie nahm sich fest vor, herauszufinden, was genau das war. Welche Art von Verbindung unterhielt er zum Königshof? Was war das für ein Spion, der ihm Warnungen zukommen ließ?
Zunächst war sie froh, Elendar zurückzuhaben. Sie ließ sich erneut in seine Arme sinken und gestattete sich einen Moment, um sich auszuweinen. Die Gemeinheiten der Dorfmädchen steckten ihr tief in den Knochen. Sie hatte nicht erwartet, an dieser Front kämpfen zu müssen. Allerdings hatte sie den Streit gewonnen. Schon allein deswegen hatte sich Elendars Training bezahlt gemacht.

Sirany besuchte die Assaren von Stund an wieder. Es war ihr egal, was die anderen sagten, dachten oder schnodderig behaupteten. Sie fühlte sich in ihrem Dorf wie eine Gefangene und das Lager war ihr Zufluchtsort.
Schließlich hörte das Gerede auf. Das hatte zum einen damit zu tun, dass das Thema langweilig wurde, und zum anderen damit, dass auch die Mädchen begriffen, wie gefährlich ihr Getratsche sein konnte. Sirany ging zu einem Assaren. Zu einem Mann im Wald. So jemanden wollte man nicht verstimmen.
Das Verhältnis zwischen Elendar und Sirany normalisierte sich wieder. Elendar gab ihr wie zuvor Unterricht und sie brachte ihn als Gegenleistung zum Lachen. Das leichte Prickeln zwischen ihnen erwähnte keiner von beiden. Sie waren Freunde. Mehr nicht. Das redeten sie sich zumindest ein.
Nach ein paar weiteren Wochen schaffte Sirany es sogar, dass Elendar ein klein wenig aus seinem früheren Leben erzählte. Leider war es verworren und unzusammenhängend, da er die Hälfte ausließ und Sirany sich den Rest selbst zusammenreimen musste.
Er hatte zwei Schwestern gehabt. Die eine hieß Cloey und war gestorben. Woran, ließ er sich partout nicht aus der Nase ziehen. Sobald dieses Thema auch nur im Ansatz aufkam, blockte er ab und wechselte es geschwind. Die andere Schwester hieß Caina und lebte momentan in sharischer Gefangenschaft. Er schien ein sehr herzliches Verhältnis zu ihr gehabt zu haben.
»Sie war so schön wie die Morgenröte. Wenn sie den Raum betrat, wurde dieser ein Stückchen heller. Sie hatte braune Locken und weigerte sich, sie zusammenzubinden. Abends weinte sie oft, wenn Mutter sie kämmte, denn ihre Haare waren hoffnungslos ineinander verknäuelt. Danach brauchte ich meist mehrere Minuten, um sie wieder froh zu stimmen.«
»Und dein Vater? Erzähl mir von deinem Vater.«
»Er war ein Krieger und ein Bauer. Morgens hat er mit mir geübt. Schwertkampf, Bogenschießen, Selbstverteidigung, halt die Sachen, die wir gerade tun sollten.«
Statt zu trainieren, lagen sie nebeneinander im Laub der Bäume und starrten hinauf zu den Kronen, die sich wie ein mächtiges Dach über sie erstreckten. Der Himmel war nicht zu sehen.
»Sobald der Hahn krähte, rief uns meine Mutter herein und wir frühstückten. Danach ging ich meist zu unserem Dorfältesten, der uns ein wenig in den weltlichen Dingen unterrichtete und uns Lesen und Schreiben lehrte. Mein Vater ging in dieser Zeit allein aufs Feld oder kümmerte sich um Haus und Hof. Ab Mittag wurden die Mädchen bei uns unterrichtet und wir Jungen wurden zur Feldarbeit geschickt. Ich musste meistens die größeren Steine von unseren Feldern tragen. Es ist mühsam, in unseren Bergen etwas anzubauen. Das Geröll wächst dort wie Pilze aus dem Boden. Und wenn ich genug Geröll geschleppt hatte, war es meist später Nachmittag. Dann wurde ich zum Spielen nach draußen geschickt. Hauptsache, ich bewegte mich noch ein wenig, sonst wurde ich abends nörgelig und wollte nicht ins Bett.« Jetzt grinste Elendar breit.
»Wie alt warst du da?«
»Fünf oder sechs. Als ich acht Jahre alt wurde, habe ich meine Ausbildung zum Dachdecker angefangen.«
»Du warst Dachdecker?«
Siranys Augenbraue wanderte bis unter ihren Haaransatz und ihr Unglauben beleidigte Elendar beinahe.
»Nicht wirklich. Wie gesagt. Ich fing die Ausbildung erst an. Bei uns bestehen die Dächer aus Stroh. Kinder sind schön leicht und können daher die Dächer am ehesten mit Stroh auslegen. Das ist keine besonders anspruchsvolle Arbeit. Wenn man diese Ausbildung hinter sich gebracht hat, wird einem beigebracht, ganze Hütten zu bauen. Dazu gehört Bäume fällen, Zersägen, Zurechtschneiden, Zusammenzimmern … halt das Übliche.«
»Aber?«
»Was, aber?«
»Du hast diese zweite Ausbildung nicht mehr gemacht?«
»Nein.«
»Warum nicht?«
»Die Shari kamen, Sirany. Da brauchten wir niemanden mehr, der die Dächer mit Stroh auslegen konnte, weil es keine Häuser mehr gab, die es zu bearbeiten galt. Wir brauchten auch niemanden mehr, der Hütten bauen konnte, weil es niemanden mehr gab, der sie hätte bewohnen können.«
Ein kurzes Schweigen folgte.
»Ich hasse es, wenn du das machst.«
»Was?«
»In einer Sekunde erzählst du mir etwas über deine glückliche Kindheit, in der nächsten haust du mir den Tod um die Ohren.« Sirany seufzte tief. »Ich bin selbst schuld. Was frag ich auch so dumm.«
Elendar starrte blicklos hinauf zu den Bäumen und wirkte regelrecht entrückt.
»Meine Kindheit endete leider sehr abrupt mit dem Eintreffen der Shari. Es gab keinen sanften Übergang. Von einem Tag auf den anderen war nichts mehr so wie bisher.«
»Wie alt bist du?«
»Einundzwanzig.«
»Und wann kamen die Shari?«
»Da war ich acht.«
»Deine Eltern starben bei dem Angriff?«
»Ich nehme es an.«
Wie immer gestaltete sich ein Gespräch mit Sirany urplötzlich zu einer Frage- und Antwortstunde und Elendar fühlte sich wie bei einem Verhör, nur ohne Folter.
»Das weißt du nicht? Warum weißt du das nicht?«
Elendar schloss die Augen, um die Welt oder auch den Schmerz auszublenden. »Ich habe meinen Vater nie wiedergesehen. Deshalb nehme ich an, dass er bei dem Angriff ums Leben kam oder danach umgebracht worden ist. Es ist egal, denn er lebt auf keinen Fall mehr. Meine Mutter … ich weiß es nicht. Lass gut sein, Sirany.«
Mit einem Ruck richtete er sich auf und stand auf. Sie war zu weit gegangen. Seufzend erhob auch sie sich aus dem Laub und klopfte sich die Kleider ab.
»Ich kann mir nicht vorstellen, was man als Achtjähriger empfinden muss, wenn die ganze Familie auf einmal nicht mehr da ist. Ich kann mir noch nicht einmal vorstellen, was ich machen sollte, falls meinen Eltern etwas zustoßen würde.«
»Dann würdest du bei mir bleiben«, sagte Elendar leichthin.
Während Sirany ihn mit offenem Mund anstarrte, warf er ihr auch schon ihren Bogen hin. »Na los, du faules Tier. Du musst noch viel lernen.«

Kapitel 7
An Siranys neunzehntem Geburtstag erschütterte ein gewaltiger Sturm das ganze Land. Ab Mittag grollte eine Böe nach der nächsten über Wald, Wiese und Dorf, ließ das Holz knacken und die Tannen stürzen. Ein Heulen und Donnern hing wie eine tödliche Drohung über ihren Köpfen und bei jedem Krachen erschrak Sirany.
Der Wald fiel regelrecht in sich zusammen.
Im Haus ihrer Eltern herrschte ebenfalls Chaos. Sie hatten alle ihre Tiere in den Wohnraum geholt, denn die Hühner in dem klapperigen Hühnerhaus wären schon längst vom Wind weggeweht worden und die Ziegen und die drei Kühe schon lange panisch fortgaloppiert.
Das Gatter, das normalerweise ihre Weide markierte, lag platt auf dem Erdboden, als wäre eine ganze Armee über es hinweggetrampelt.
Ein Blitz erhellte das Zimmer. Der darauffolgende Donner tat sogar in den Ohren weh. Die Hühner gackerten, die Ziegen meckerten und die Kühe muhten. Sie hatten Ziegen und Kühe fest an die nächste Wand gebunden und jetzt sprangen die Tiere panisch in ihrem geringen Bewegungsfeld hin und her. Die Hühner flatterten aufgeregt im ganzen Zimmer herum und man musste achtgeben, damit man nicht versehentlich auf sie trat.
Aileen ließ sich auf ihre Knie sinken und begann zu beten, während Sarn unruhig im Zimmer hin und her wuselte und besorgte Blicke auf die vom Wind gebeutelte Scheune warf. Sirany machte sich eher Sorgen um ihr Haus, das wie ein Verwundeter stöhnte und ächzte.
Plötzlich ertönte ein seltsames Brummen, das von weit hinter den nördlichen Wäldern heranpreschte. Es wurde lauter und lauter und erfüllte mit einem Mal den ganzen Raum, übertönte sogar das angsterfüllte Geheul der Tiere.
»Oh Gott«, sagte Sarn. »Da kommt eine gewaltige Böe auf uns zu.«
Mit einem Satz packte er Sirany, warf sie zu seiner Frau auf den Boden und beugte sich schützend über Frau und Kind.
Das Krachen berstenden Holzes kam näher, dann erschütterte ein gewaltiges Beben das ganze Haus. Sekunden später wirbelten Splitter und Steine um Sirany herum und sie schrie vor Angst und Schmerz.

Gewaltige Winde hatten einen Großteil des Dorfes platt gewalzt. Später würde man dieses Wetterphänomen als Orkan bezeichnen, der seit diesem ersten Mal regelmäßig in den Regionen auftauchte.
Der Sturm hatte ein Drittel des Waldes zerstört. Hauptsächlich waren die wenig verwurzelten Tannen umgestürzt, und überall, wo sich Laubbäume angesiedelt hatten, standen sie wie unheimliche Überlebende inmitten eines Meeres aus totem Gehölz.
Am wenigsten Schaden hatten die Burgen genommen. Die gewaltigen Bauten aus Stein warfen sich dem Sturm entgegen, und obwohl der mächtige Orkan alles darangesetzt hatte, sie zu zerstören, hatte er es dennoch nicht geschafft.
Am Abend der Katastrophe sah das Land der Farreyn aus, als hätte eine gewaltige Faust ausgeholt und einmal kräftig auf die Erde gehauen. An manchen Stellen war außer Schutt und Staub nichts mehr übrig geblieben, an anderen stand noch der eine oder andere Baum und in manchen Bereichen sah es aus, als hätte es den Sturm nie gegeben.
Siranys Dorf war ein Zwischending aus allem.
Die Burg hatte den Sturm gut überstanden und die im Land verbliebenen Shari, die sich dort in Sicherheit gebracht hatten, lebten noch. Das Dorf selbst war zweigeteilt. In dem einen Teil herrschte Verwüstung, Tod und eine seltsame Stille, in dem anderen standen die Hütten noch teilweise. Die ersten Überlebenden kletterten aus ihren windschiefen Verstecken und ein überwältigendes Geschrei erfüllte die Luft.
Sirany und ihre Eltern befreiten sich als eine der Ersten aus dem Chaos ihres Heims. Gemeinsam rannten sie ins Freie. Das halbe Dorf lag in Schutt und Asche. Allmählich regte sich hier und dort etwas Lebendiges und kroch zwischen den Trümmern hervor.
Die Hütte der kleinen Familie stand sogar noch halbwegs. Eine Kuh war vor Schreck tot umgefallen und lag nun in einer Ecke, die andere war halb wahnsinnig vor Angst. Die Ziegen standen zitternd zusammengedrängt und gaben keinen Laut von sich und die Hühner waren so dünn wie Spargel.
»Wir leben noch«, stellte Sarn trocken fest und umarmte ganz fest seine Frauen. Einen Moment hielten sie einander fest an den Händen. »Ich wünschte, wir hätten dir einen schöneren Geburtstag bereiten können.«
Erst nach einigen Minuten brachte Sirany den Mut auf, Richtung Wald zu blicken. Er war noch da, aber wie sah er aus? Bäume lagen über Bäume, Gestrüpp über Gestrüpp. Vereinzelt hörte sie das Krachen erst jetzt umstürzender Tannen, dann senkte sich wieder Stille über den Wald.
»Elendar«, sagte Sirany leise.
Ihre Mutter legte einen Arm um sie und zog sie tröstend an sich.

Die Shari mochten grausam und menschenverachtend sein, aber sie waren keine Monster. Es gab viele Soldaten, die sich nach dem ersten Schreck daran beteiligten, den Bewohnern des eroberten Landes zu helfen, und auch die neu eingesetzten Lehnsherren reagierten auf die Not der Bauern.
Befehle wurden erteilt, den Menschen zu helfen. Tausende Soldaten tauschten ihre Schwerter gegen Axt und Säge ein und begannen, Verschüttete, Verwundete und Tote aus den Trümmern ihrer Häuser zu ziehen.
Das war natürlich nicht ganz uneigennützig. Wie wertvoll war das Land für sie, wenn es in Schutt und Asche lag? Ein verschütteter Bauer brachte keine Ernte ein und keine Ernte bedeutete eine schlechtere Versorgung der Armee.
Nicht alle Shari waren froh darüber, den Menschen ihre Hilfe anbieten zu müssen. Viele hielten das für reine Zeitverschwendung. Sollten sich die Farreyn gefälligst selbst retten. Was hatten sie damit zu tun? Waren nicht auch zahlreiche Shari im Sturm umgekommen? Viele meinten, dass man sich in erster Linie um die eigenen Verwundeten und Toten kümmern sollte.
Sirany stand in den ersten Stunden nach dem Sturm unter Schock. Wie in Trance half sie ihrem Vater, die Nachbarsfamilie aus ihrer Hütte zu befreien. Sie lebten noch alle, doch ihr Heim war zerstört.
Ständig warf Sirany einen erschütterten Blick zum Wald, der schweigend und anklagend dastand. Ein Monstrum aus umgestürzten Bäumen. Ihr Herz wurde schwer und ihre Kehle schnürte sich zu.
Die ansässigen Adligen der Shari hatten sich bisher hauptsächlich um sich selbst gekümmert. Sie riefen die letzten helfenden Soldaten zu sich auf die Burg, damit sie dort aufräumen konnten. Die Dorfbewohner waren vorerst ihrem Schicksal überlassen.
Dann, am selben Abend, ging ein Raunen durch die Menge der Überlebenden. Eine Gruppe Männer trat zwischen den entwurzelten Bäumen hervor und kam vom Waldesrand zu ihnen herüber. Sie führten einige wenige Ponys bei sich. Die meisten waren zu Fuß. Viele humpelten oder stützten sich auf andere Kameraden, andere hatte man auf die Rücken der Tiere gebunden. Sie regten sich nicht.
Es war ein trauriger Zug.
Je näher die Krieger kamen, desto unheimlicher wirkten sie. Sie trugen überwiegend Schwarz und nur der mit Fellen behangene Efnor stach wie immer hervor. Schwerter und Messer blitzten im schwindenden Licht der Sonne.
Unwillkürlich verharrte das ganze Dorf mitten in der Bewegung und wich instinktiv vor den Fremden zurück.
Und dann, endlich, erkannte Sirany Elendar. Er hielt sich sehr aufrecht und ging mit finsterer Miene und entschlossenen Schritten voran. Seine Kleidung war an einigen Stellen zerrissen, sein Gesicht blutig und zerkratzt. Ansonsten musste er den Sturm gut überstanden haben.
Sein stechender Blick glitt unruhig über die Masse schweigender Dorfbewohner und verharrte für einige wenige Sekunden auf Siranys Gesicht. Augenblicklich entspannte er sich ein wenig, nur sichtbar für Sirany und seine Männer, die ihn sehr gut kannten. Dann trat er an ihnen vorüber und ging, ohne sie auch nur eines weiteren Blickes zu würdigen, schnurstracks Richtung Burg.
Siranys Herz klopfte weiterhin viel zu schnell, als die Assaren schon längst nicht mehr zu sehen waren.

Am nächsten Morgen kehrten die unverletzten Assaren zurück. Es waren nur wenige, um die fünfzehn Mann. Ohne ein Wort zu sagen, traten sie an die Seite der Dorfbewohner und packten mit an.
Den Farreyn war nicht wohl in ihrer Haut, doch niemand wagte es, die Fremden fortzuschicken, zumal die geschickten und kräftigen Hände der Assaren wirklich dringend gebraucht wurden.
Elendar war ebenfalls unter ihnen. Er diskutierte kurz mit dem Dorfältesten, ließ den wild gestikulierenden alten Mann nach wenigen Minuten ärgerlich stehen und wandte sich der ersten Hütte zu. Siranys Nähe mied er, als hätte sie die Pest. Das tat weh, war jedoch notwendig. Auch Sirany bemühte sich nach Kräften, sich nichts anmerken zu lassen.
»Das ist er?«, fragte Aileen sie leise und deutete mit einem Nicken auf den Assaren, von dem sie Geschichten gehört, ihn jedoch noch niemals gesehen hatte.
»Das ist er«, bestätigte Sirany im Flüsterton. »Und bitte starr ihn nicht so an, Mama.«
Aileen warf ihrer Tochter einen undefinierbaren Blick zu, dann füllte sie mit Schwung eine Schale mit Hirsebrei und lief los.
Sirany hörte sofort auf, in dem riesigen Bottich zu rühren. Er war notdürftig mit Hirse, Wasser und Milch gefüllt. Ein karges Mahl, aber besser als nichts. Besorgt beobachtete sie, wie ihre Mutter an Elendar herantrat und ihm die Schüssel hinhielt.
Was Aileen sagte, konnte Sirany nicht verstehen. Sie hätte ihr rechtes Ohr dafür hergegeben und das Herz klopfte ihr fast schmerzhaft in der verkrampften Brust.
Es war das erste Treffen zwischen Siranys Mutter und Elendar. Es sollten für lange Jahre die einzigen Worte sein, die sie miteinander wechselten.
»Ihr seid also Elendar?«
»Der bin ich.«
Aileen überreichte ihm die Schüssel und starrte ihn an, als wollte sie ihn durchleuchten. Was immer sie sah, schien sie zu beunruhigen.
»Ihr seid ein Assar und sie ist eine Farreyn. Vergesst das nicht. Sie ist jung und versteht von bestimmten Dingen nichts.«
Eine unangenehme Pause trat ein, in der sich Elendar und Aileen stumm maßen. »Wenn Ihr meiner Tochter etwas zuleide tut, bringe ich Euch um. Ganz egal, ob Ihr ein Assar seid. Ihr seid trotzdem sterblich. Vergesst nicht, dass ich eine liebende Mutter bin … und sie ist mein einziges Kind.«
Ein letzter warnender Blick, dann wandte sich Aileen zum Gehen. Elendars leise Stimme hielt sie noch einmal auf. »Habe ich trotzdem Euren Segen?«
Aileen seufzte tief. »Ja, den habt Ihr.«
Damit ging sie raschen Schrittes zurück zu ihrer Tochter. Elendars und Siranys Blicke trafen sich einen Moment. In Elendars Gesicht konnte Sirany nicht ablesen, was er empfand. Ihre Unruhe wuchs.
»Was hast du zu ihm gesagt?«, fragte Sirany scharf, kaum dass ihre Mutter wieder neben ihr stand und die nächste Schüssel mit Brei füllte.
»Nichts.«
»Mutter.«
»Ich habe ihm erklärt, dass ich ihn umbringen werde, wenn er dir etwas antut.« Augenblicklich sah sie ihre Tochter erbleichen. »Und ich habe euch meinen Segen gegeben«, setzte sie beruhigend hinzu und sofort kehrte die Farbe in Siranys Gesicht zurück.

Die nächsten Tage standen ganz im Zeichen des Aufbaus. Insgesamt waren zwölf Dorfbewohner und sieben Assaren ums Leben gekommen. Man bestattete die Toten getrennt und ging übergangslos in den Hüttenbau über. Die Assaren arbeiteten hart am Tag und verschwanden spurlos in der Nacht.
Sirany nahm an, dass sie im Wald ihr eigenes Lager wieder aufbauten.
Zack half ihrer Familie bei der Hütte und war dabei ausgesprochen mundfaul. Allmählich dämmerte Sirany, dass die Assaren den Befehl von Elendar erhalten hatten, sich möglichst wenig mit den Dorfbewohnern einzulassen. Gespräche zwischen den Völkern waren somit auf das Notwendigste beschränkt.
Elendar tat alles, um Sirany nicht über den Weg zu laufen. An manchen Tagen sah sie ihn nicht ein einziges Mal und das schmerzte sehr. Sie vermisste die Gespräche und sehnte sich sogar nach dem Schweigen, das häufig zwischen ihnen geherrscht hatte. Ihn so nah bei sich zu wissen und ihm dennoch nicht nahe sein zu können, war quälend.
Irgendwann gab es für die Assaren nicht mehr viel zu tun und sie blieben fort. Das normale Leben hatte sie eingeholt und das Erlebte wirkte nunmehr wie ein seltsamer Traum. Ab und zu hörte man ein Rumoren im Wald, ein grummelndes Zeugnis, dass die Assaren im Wald Ordnung schafften.
Ihre Eltern verboten Sirany, für die nächste Zeit in den Wald zu gehen. Nachträglich umfallende Bäume bedrohten jeden Wanderer und auch die Pfade waren nicht begehbar.
Es war eine lange und zähe Zeit für Sirany.
Irgendwann, es war tiefste Nacht, hielt sie es nicht mehr in ihrem Bett aus. Eine unheimliche Sehnsucht hatte sie erfasst und ihr Herz flatterte in ihrer Brust wie ein gefangener Vogel. Sie wusste, was es zum Verstummen bringen konnte, und stand auf. Leise zog sie sich an, entschuldigte sich in Gedanken bei ihren Eltern und schlich sich aus der Hütte.
Der Mond stand hell und klar am Firmament und gelbliche Sternenpunkte sprenkelten den Himmel. Das Licht reichte problemlos, um sich in der Dunkelheit zurechtzufinden.
Sirany war nervös und zittrig. Sie hatte Angst, das Lager nicht finden zu können oder sich im Wald zu verlaufen. Er wirkte anders und bedrohlicher als sonst. Der Pfad, dem sie sonst gefolgt war, existierte nicht mehr. Mühsam erkämpfte sie sich ihren Weg über umgestürzte Bäume, balancierte auf entwurzelten Stämmen und kletterte über gigantische Wurzeln. Bei jedem Knarren hielt sie erschrocken inne und lauschte. Der Wald war zur Ruhe gekommen, der letzte Baum war gefallen. Trotzdem gab sich Sirany nicht der Illusion hin, sicher zu sein.
Etwas knackte neben ihr und sie schrie erschrocken auf, als sie einen Mann im Schatten erkannte. »Ganz ruhig, Sirany. Ich bin es«, brummte der Assar und trat nahe genug heran, dass sie ihn identifizieren konnte. Es war Harun, ein schweigsamer junger Mann, der in der Masse der Assaren unterging.
»Ich hab heute Nachtwache«, erklärte er sich. »Wollte dich nicht erschrecken.«
Sirany nickte zittrig und deutete in Richtung Lager.
»Ist es an der gleichen Stelle zu finden?«
Harun verneinte. »Ich bring dich hin«, bot er an. »Elendar wird nur nicht erfreut sein, dich zu sehen.«
»Ach nein?«
»Er hat gesagt, du sollst nicht allein in den Wald gehen. So dumm wärst du nicht, hat Efnor darauf gesagt. Wär schließlich viel zu gefährlich. Du kennst Sirany nicht, hat Elendar gesagt. Nein, er wird nicht erfreut sein. Willst du trotzdem mit?«
»Ja.«
»Auf deine Verantwortung. Er wird dir den Kopf abreißen.«
Trotz der Warnung folgte Sirany dem Assaren. Schweiß stand ihr auf der Stirn und in ihrem Magen rumorte es. Sie hatte sich auf Elendar gefreut. So wie es aussah, er sich nicht auf sie.
Er sorgt sich, dachte sie, und sofort war das Kribbeln und Prickeln in ihrem Inneren zurück. Sie brauchte eine Weile, um es als Vorfreude zu identifizieren.
Sie erreichten das neue Lager. Es sah anders aus, viel kleiner. Die Zelte erschienen noch unordentlicher und geflickter und es waren weniger geworden. Die Feuerstelle wirkte traurig und verlassen. Selbst die Glut, die darin vor sich hin glomm, strahlte weniger Wärme aus als die alte.
»Wecken kannst du ihn aber allein«, brummte Harun. »Ich bin ja nicht lebensmüde.«
Fahrig deutete er auf eines der aus Stofffetzen zusammengenähten Zelte. An den kleinen ordentlichen Stichen erkannte sie Elendars Handschrift. »Viel Erfolg. Ich geh dann mal wieder auf meinen Posten.«
Sirany bedankte sich leise und stand lange reglos vor dem Zelt. Um sich herum vernahm sie leise schnarchende Geräusche und das Rumoren sich drehender Schläfer. Ein Mann brummelte im Traum vor sich hin.
Tief durchatmend sprach sie sich selbst Mut und ihren Nerven Stärke zu und betrat das Zelt. Es war winzig und bot gerade einmal Platz für einen Mann, einen Sattel und ein wenig Gepäck.
Sirany stand nicht ganz drin, da setzte sich Elendar auch schon kerzengerade auf und griff instinktiv neben sich. Dort lag, wie Sirany genau wusste, sein Schwert, griffbereit und jederzeit einsatzfähig.
»Ich bin es«, beeilte sich Sirany zu sagen und eine Mischung aus Unglauben und Verwirrung malte sich auf Elendars Gesicht ab.
Er musste die Lage recht schnell erfasst haben, denn er stand sofort auf und trat zu ihr. Das Zelt war zu niedrig, als dass er sich hätte aufrichten können, und so musste er gebückt dastehen.
Jetzt schreit er mich an, dachte Sirany, doch da irrte sie sich. Er lächelte und nahm sie so unvermittelt in die Arme, dass sie vor Schreck quiekte. Er hatte ohne Hemd geschlafen, aber, dem Himmel sei Dank, zumindest mit Hose. Allzeit bereit, dachte Sirany mit einem Anflug von Wehmut. Sie spürte seine nackte Haut unter ihren Fingern und seine Muskeln unter ihren Armen.
»Dummes Mädchen«, sagte Elendar leise, dann hob er sie ein kleines Stück vom Boden hoch und lachte glücklich.
Sirany grinste erleichtert und zappelte in seinem Griff, bis er sie wieder absetzte.
»Normalerweise verfluche ich deine Sturheit. Heute mag ich sie wirklich außerordentlich«, setzte er hinzu und sah sie mit einem seltsamen Blick an, der Siranys Beine weich werden ließ.
Sie schwiegen und nur das Klopfen ihrer Herzen hing zwischen ihnen in der Luft. Ihnen war die seltsame Zeit nur allzu bewusst. Die Wärme des anderen machte sie atemlos und ihre Gedanken drängten in die gleiche Richtung.
Als Elendar langsam seine Hand hob, um sie auf Siranys Wange zu legen, schloss diese mit einem leisen Seufzen die Augen. Elendars Berührung fühlte sich verzerrt überdeutlich an.
Sie erwartete den kommenden Kuss, doch als er kam, hätte sie am liebsten vor Enttäuschung geweint. Elendar küsste sie mitten auf die Stirn. Wie ein Bruder, wie ein Vater. Zwar sanft und auch schön, aber es war nicht das, was sie erwartet hatte. Am liebsten hätte sie ihn angeschrien, stand jedoch vor Überraschung wie erstarrt da.
Seine Lippen lagen weiter auf ihrer Haut und er zog sie so fest an sich, dass sie sich kaum rühren konnte.
»Nicht hier. Nicht so«, flüsterte er leise.
Sirany konnte sein Verlangen nach ihr spüren, fühlte sein heftig schlagendes Herz an ihrer Brust. Trotzdem verbat er sich das, wonach er sich offensichtlich sehnte.
»Elendar …«, setzte Sirany an, doch er gebot ihr zu schweigen, indem er ihr einen Finger auf den Mund legte.
»Vertrau mir.« Er trat einen großen Schritt von ihr fort.
Es war, als hätte man ihr einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf gegossen. Nicht dass sie mit der festen Absicht hierhergekommen wäre, Elendar in dieser Nacht zu verführen. Das nicht. Sie hatte ihn lediglich sehen, mit ihm sprechen müssen. Jetzt wollte sie auf einmal mehr und sie sah in seinen Augen, dass auch er ganz ähnlich dachte. Warum lehnte er sie trotzdem ab?
Elendar hob sein Hemd vom Erdboden auf, zog es sich über und nahm schweigend Siranys Hand. Sie sträubte sich leicht, doch er zog sie hinüber zu seiner Stute, legte dem Tier geschickt ein Halfter um und setzte Sirany auf den nackten Pferderücken. Dann schwang er sich hinter der jungen Frau aufs Pony, wendete das Tier und ritt hinein in den Wald.
Er hatte sich niemals so lebendig, so leicht gefühlt. Sirany erfüllte seinen ganzen Körper und ihre Anwesenheit legte sich wie Medizin auf sein Herz. Er spürte ihre Verwirrung und ihren Frust und rechnete es ihr hoch an, dass sie ihn nicht mit Fragen löcherte. Vielleicht spürte sie auch, dass er genau wusste, was er tat.
Ihr Körper zwischen seinen Beinen bereitete ihm Probleme, aber er zwang sich, vernünftig zu bleiben. Chuaya bahnte sich geschickt ihren Weg zwischen den entwurzelten Bäumen und spielte nervös mit den Ohren, als ihr Reiter sie nicht wie gewohnt Richtung Dorf lenkte.
Auch Sirany bemerkte die veränderte Wegstrecke. Unwillkürlich begann ihr Herz zu rasen. Womöglich war doch nicht alles verloren.
Die Stute trottete eine Weile vor sich hin, dann hielt Elendar sie mit einem sanften Zupfen am Zügel an.
»Dort«, sagte Elendar und deutete mit der Hand zwischen den Stämmen zweier Ulmen hindurch.
Sirany erkannte dahinter den still daliegenden Teich, auf dessen Wasser sich nun golden der Glanz des Mondes widerspiegelte. Zwei Enten schliefen darauf, die Köpfchen unter die Flügel gesteckt. Nur ab und zu paddelten sie mit den Füßen.
»Was ist da?«, fragte Sirany verständnislos.
Elendar legte die Zügel auf den Hals der Stute und schlang die Arme um die junge Frau.
»Dort werden wir eines Tages zusammenkommen«, erzählte er ihr mit leiser Stimme und sein Atem kitzelte ihr im Ohr.
Er sprach leise und zärtlich und unwillkürlich stellten sich alle Härchen auf ihrer Haut auf. Er bemerkte es und fuhr ihr mit der Hand über die Arme.
»Wir werden das leise Plätschern des Teiches und das sanfte Rauschen des Waldes als Hochzeitsmusik erklingen hören. Die Grillen bringen uns ein Ständchen und die Libellen fliegen um uns herum, um uns zu beglückwünschen. Im Licht der Sonne werden wir den Regenbogen in ihren Flügeln wiederfinden und die goldenen Bienen werden wie Lichttupfen in der Luft schwirren. Das Ufer wird unser Bett sein und der Sand unsere weiche Unterlage. Vielleicht haben wir auch Glück und ein paar rote Wasserrosen blühen, und eine davon werde ich dir ins Haar stecken. Das Schilf am Rand wird uns vor fremden Blicken schützen. Sein Rascheln wird dich beruhigen, während unsere Herzen im Takt miteinander schlagen und während ich dich liebe, wirst du die Sonne und den strahlend blauen Himmel sehen können und die Wärme legt sich dir auf das Gesicht und den Rest deiner nackten Haut. Du wirst unter mir schmelzen und ich in dir und wir werden zusammen sein. Für immer. Das verspreche ich dir.«
Sirany standen Tränen in den Augen und es fiel ihr nichts ein, was sie hätte sagen können. Sie spürte Elendars Lippen an ihrem Hals und sog seine nächsten Worte wie eine Ertrinkende in sich auf.
»Noch ist diese Zeit nicht gekommen. Ich werde nicht bei dir bleiben können, Sirany. Der König wird uns sicherlich in den nächsten Tagen zu sich rufen. Das spüre ich und mein Gefühl ist untrüglich, was das angeht. Ich werde dich verlassen. Wenn wir uns jetzt lieben, hier und jetzt, ohne darüber nachzudenken, was die Zukunft bringt, wirst du mich hinterher dafür hassen. Ich müsste schon am nächsten Morgen fortgehen und du würdest nicht wissen, wo ich bin, was ich mache oder ob ich dich vergessen habe. Das kann ich dir nicht antun.«
Elendar schluckte hörbar. »Ich muss erst ein freier Mann sein, um dein Geliebter werden zu können, Sirany. Wenn du dann noch ungebunden bist, werden wir das erleben, was wir uns jetzt wünschen.«
»Ich werde auf dich warten«, sagte sie leise.

Kapitel 8
Als Elendar den Botschafter des Königs in sein Lager reiten sah, wusste er, dass sein Leben in diesem Wald vorüber war.
Es war später Abend, die Sonne war gerade hinter den letzten Baumwipfeln verschwunden und das Dämmerlicht war hereingebrochen. Die Geräusche des Tages verschwanden und machten den sanfteren, leiseren Tönen der Nacht Platz.
Mit dem Schwinden des Lichtes verging auch Elendars Freude, während er der zitternden Stimme des Reiters vor ihm lauschte.
»Der König wünscht Euch zu sehen. Sofort«, sagte der Mann.
»Brecht Euer Lager ab und kommt zu ihm so schnell es geht«, sagte der Mann außerdem.
»Eure Mission an diesem Ort ist vorüber«, sagte der Mann zuletzt.
Was er nicht sagte, waren die Worte zwischen den Zeilen. Die Worte, die Elendar zuflüsterten, dass er Sirany verlieren würde.
Der Botschafter verschwand so schnell, wie er konnte. Die Angst vor den Assaren trieb ihn zurück zu seinen Leuten und jede Sekunde, die er bei diesem finsteren Volk verlor, bedeutete für ihn eine Qual.
Nachdem die Hufschläge des davoneilenden Pferdes schon lange verklungen waren, sagte niemand ein Wort.
Die Zukunft der Assaren lag dunkel vor ihnen, entzog sich wieder einmal ihrer Beeinflussung. Was jetzt kommen mochte, konnten sie nicht ändern.
Normalerweise war es Elendar, der nach solch befehlenden Worten eines Fremden die Stimmung wieder aufheiterte. Er sprach Mut und Hoffnung zu, erzählte von einer Zukunft, die nicht mehr fern sein konnte. Von einer Zukunft, in der die Assaren wieder triumphieren würden.
Dieses Mal war Elendar derjenige, der diese Worte am dringendsten benötigte. Es war, als wäre mit einem Mal sein hoffnungsvolleres Leben vorüber. Obwohl er es innerlich bereits erwartet hatte, versank er tief in Zukunftsängsten.
Lange Zeit sagte niemand ein Wort. Die Männer starrten trostlos in das munter knackende Feuer. Die leisen Geräusche des Holzes in den Flammen waren für eine Ewigkeit das einzige Geräusch im ganzen Wald.
Irgendwann stand Elendar schweigend auf und ging hinüber zu seinem Zelt. Mit ruhigen, vielfach geübten Griffen begann er mit dessen Abbau. Seine Männer blickten ihm nach und folgten schließlich seinem Beispiel, während sie verzweifelt auf ein Wort aus dem Mund ihres Anführers warteten.
Elendar blieb selbst in Schweigen gehüllt, als die Assaren längst auf ihren Ponys saßen und den Wald durchquerten. Dumpfe Hufschläge erschütterten den Boden und schreckten die Tiere aus ihrem Schlaf, Leder knarrte in der Stille der Nacht, vermischte sich mit dem Klirren von Stahl und Eisen.
Erst als sie den Waldrand erreicht hatten, zügelte Elendar sein Pony. In der Finsternis konnte man Siranys Heimatdorf erkennen, das schlafend im Mondlicht lag.
Blicklos starrte Elendar hinüber, als suchte er Siranys Gestalt in der Ferne. Sein Herz war so schwer wie seit Jahren nicht. Doch um seiner Männer willen musste er nun stark sein.
»Wartet hier auf mich«, sagte er leise.
Er trieb die Stute hinunter zum Fluss und hielt dabei die Leine eines zweiten Ponys fest in der Hand. Er trug schwer unter einer nur ihm bekannten Angst und seine sonst stolze, Furcht einflößende Gestalt war zusammengefallen wie bei einem Greis.
Efnor blickte seinem Freund besorgt hinterher. Auch er rang mit seiner Trauer. Der Wald, obwohl er ihm anfangs fremd und unheimlich erschienen war, war ihm mittlerweile zur zweiten Heimat geworden. Hier fühlte er sich wohl. Die dunklen Bäume mit ihren bedrohlichen Schatten hatten für ihn Sicherheit bedeutet. Das alles wurde ihm nun wieder entrissen.
»Vielleicht ist es besser, wenn wir weiterziehen«, durchbrach Sheyn schließlich das dumpfe Schweigen. »Je eher er Sirany vergessen kann, desto besser.«
Keiner erwiderte darauf etwas. Sie warteten lediglich auf Elendars Rückkehr.
Elendar hingegen hatte mittlerweile Siranys Elternhaus erreicht. Hastig stieg er von Chuayas Rücken und band die alte Stute an die Veranda. Sie würde hier noch gute Dienste verrichten können und dem Mädchen mehr nützen als ihm.
Dankbar für ihre Treue klopfte er ihren Hals, bestieg den Rücken seines Zweitpferdes und blickte nur kurz zu Siranys Fenster hinauf.
Er würde ihr nicht Lebewohl sagen. Sein Herz würde daran zerspringen.
Daher zwang er den Wallach in einem engen Bogen herum und trieb ihn in einem harten Galopp zurück zu seinen Männern.

Sirany konnte nicht sagen, was sie geweckt hatte. Aber schon lange bevor Elendar ihr Haus erreicht hatte, saß sie reglos an ihrem Fenster und schaute hinaus in die Dunkelheit.
Ihr war, als hätte sie nicht mehr genug Luft zum Atmen. Das Herz schmerzte ihr mit jedem Schlag, ließ sich nur mühsam zu einem weiteren zwingen.
Als sie einen Reiter vom Felde heranreiten sah, wusste sie sofort, um wen es sich dabei handelte. Wie erstarrt beobachtete sie jede von Elendars Bewegungen, sah, wie er Chuaya an der Veranda festband und auf das andere Pony sprang.
Er sah nur kurz zu ihr hinauf, konnte sie jedoch in der Dunkelheit ihres Zimmers nicht entdecken. Sie hingegen sah auf seinem nur kurz vom Mondlicht beschienenem Gesicht die dunklen Furchen, die ihm der Abschied in die Haut gegraben hatte.
Dass er fortging, war für Sirany offensichtlich. Sie spürte auch seine Angst, ihr von Angesicht zu Angesicht Lebewohl sagen zu müssen. Daher blieb sie, wo sie war, bis er hinter der ersten Häuserzeile verschwunden war.
Erst danach stand sie auf und ging hinunter zu der Stute, die nervös an der Veranda auf sie wartete. Sirany band sie los und führte sie hinüber in den Stall, der fortan ihre neue Heimat sein würde.

Kapitel 9
Der König der Shari war ein mächtiger Mann und das wusste er sehr genau. Er war einer jener Männer, die genau über ihre Schwächen und Stärken Bescheid wussten und sich nicht der Illusion hingaben, unfehlbar zu sein.
Er wusste genau, wo er seine Schwachpunkte finden konnte. Über die Jahre hinweg hatte er es vermocht, einige Schwächen zu seinen Stärken zu formen. Andere versteckte er wohlweislich und arbeitete an ihnen.
Im Prinzip arbeitete er die ganze Zeit, egal was er machte. Ob er nun Schlachtpläne entwickelte, sich mit Frauen vergnügte oder nur still dalag, in dem Versuch, sich zu entspannen – stets arbeitete es wie ein nicht enden wollendes Uhrwerk in seinem Kopf.
Er entwickelte Pläne und verwarf sie wieder, hatte Ideen und setzte diese um, eroberte Länder und vernichtete Völker, immer in dem Glauben, sein Handeln sei richtig.
Der König der Shari hieß Alexej Karamu. Er war erst neunundvierzig Jahre alt, vielfach verheiratet und vielfach verwitwet. Keine seiner Frauen war an Altersschwäche gestorben und auch nie durch seine eigene Hand. War er ihrer überdrüssig geworden, so hatte er elegantere Methoden, um sie loszuwerden.
Drei seiner Frauen hatten ihm Kinder geschenkt. Drei Töchter, doch nur einen Sohn. Mochte sein Herz zu Eis erfroren sein, diesen einen Sohn wagte er tatsächlich zu lieben. Es ihm zu zeigen war allerdings ein zu hohes Risiko und so wuchs der Knabe mit dem stetigen Gedanken auf, seinem Vater ein Groll zu sein.
Von seinen Töchtern wusste Alexej nicht einmal ihre Namen und sie interessierten ihn auch nicht sonderlich.
Es gab wenige Dinge, die dem König Freude bereitete. Die Befriedigung seiner körperlichen Bedürfnisse vermochte es schon lange nicht mehr. Er versuchte es von Zeit zu Zeit, fand daran aber keine wirkliche Begeisterung mehr.
Das Einzige, woran sein Herz wirklich hing, waren Eroberungen. In jungen Jahren hatten sich diese Eroberungen nur auf Frauen bezogen, deren Herzen er nach und nach brach. Mit zunehmenden Alter und der Thronbesteigung hatten sich seine Eroberungen auf ganze Länder ausgedehnt.
Heute war er König über das größte Reich, das jemals in der Geschichte der Welt existiert hatte. Tausende von Hektar Land konnte er sein Eigen nennen, Millionen Menschen seine Untergebenen. Jeder blickte zu ihm auf, was ihm ein berauschendes Gefühl der Macht verlieh. Nur dieses eine Gefühl bereitete ihm wirklich wahre Freude.
Er war ein mächtiger Mann. Nicht unfehlbar, doch nah dran. Ein Mann, der über seine Fehler Bescheid wusste.
Über seine größte Schwäche dachte er jedoch, sie sei eine seiner Stärken.
Alexej Karamu hasste seine Feinde und verachtete sie, wenn er sie besiegt hatte. Es gab nur ein einziges Volk, bei dem es ihm nicht so ergangen war.
Die Assaren hatte er nie wirklich besiegt. Ja, er hatte sie vernichtet und ihre Oberhäupter in die Knie gezwungen, ja, er hatte sie an den Rand der Verzweiflung getrieben – aber er hatte nie wirklich über sie triumphiert.
Er hatte die Assaren vor knapp dreizehn Jahren überlistet. Sie waren betrogen worden von jemandem aus ihren eigenen Reihen, verraten und verkauft. Ohne diese List hätte Alexej den Kampf gegen dieses Volk verloren.
Diese Schmach lastete schwer auf ihm, reizte ihn tief in seinem Herzen und verleitete ihn dazu, dieses Volk zu schinden, wie es ihm beliebte.
Das war seine größte Schwäche, eine Schwäche, die er nie erkannte.
Vor vielen Jahren hatte Alexej das Land der Assaren überfallen. Es war nur ein kleines Volk und der König erwartete keine größere Auseinandersetzung.
Er hatte jedoch nicht mit der ungeheuren Willensstärke gerechnet, die den Assaren eigen war. Sie kämpften um ihre Freiheit mit einer Wut in ihren Herzen, die den Shari auf ihren langen Eroberungsfeldzügen nie begegnet war.
Mit ihren wilden Haaren und den grimmigen, meist bemalten Gesichtern erinnerten sie eher an Barbaren, die man mit Strategie und Kriegslist schnell in die Knie zwingen konnte. Der Schein trog.
Auf ihrem eigenen Land hatten die Assaren einen Vorteil, den sie gnadenlos gegen ihre Gegner ausspielten.
Sie begannen ein Katz-und-Maus-Spiel, traten im Dunkeln auf wie Geister und verschwanden wieder in ihren Hochebenen. Zurück ließen sie ein Blutbad ohne Vergleich.
Das träge Heer der Shari, geschult im Kampf auf offenem Feld, hatte den wenigen Assaren kaum etwas entgegenzusetzen. Suchtrupps, die man in die Berge geschickt hatte, um das fremde Volk hervorzutreiben, kehrten nie wieder zurück und wenn, dann niemals lebendig.
Alexej wusste, dass jeder Gegner eine Schwäche hatte. Es galt nun, die der Assaren herauszufinden. Das stellte sich bei einem Gegner, den man selten zu Gesicht bekam, als sehr schwierig heraus.
Bald entdeckte der kluge König ihre engen Familienbande. Frau und Kind standen für jeden Krieger der Assaren über alles.
Diese Schwäche ausnutzend, hatte er es geschafft, die Assaren kurz vor seiner eigenen Niederlage zu schlagen. Man hatte ihm verraten, wo die Männer ihre Frauen und Kinder zurückgelassen hatten. Das Blatt wendete sich zu seinen Gunsten, doch er selbst hatte an jenem Tag eine schwere persönliche Niederlage erlitten. Wohl die schwerste in seinem bisherigen Leben.
Um die Kampfmoral der assarischen Männer zu senken, hatte er befohlen, das Dorf zu überfallen und die meisten Frauen zu töten. Die Kinder sollten verschleppt und als Geiseln genommen werden.
Alexej hatte damals den Kampfgeist eines kleinen Jungen unterschätzt, der sich mit dem Mut der Verzweiflung wehrte, um seine Mutter und seine zwei Schwestern zu retten. Drei seiner Soldaten hatten durch ihn ihr Leben ausgehaucht, der König selbst wurde schwer verletzt.
Es war eine Schande, aber er hatte es überlebt – und er war vorsichtiger geworden.
Besiegte Gegner verachtete er und ließ selten Gnade walten. Dieser eine Junge hatte jedoch nicht verloren. Er hatte den König der Shari besiegt.
Das rettete ihm sein Leben.
Jetzt stand dieser Junge vor ihm. Die Jahre hatten ihn zu einem kräftigen jungen Mann heranreifen lassen und sein Geist war ungebrochen. Jede seiner Bewegungen erzählte von einer unbändigen Wildheit, die selbst durch jahrelange Knechtschaft nie zerstört werden konnte.
Sosehr der König dem Jungen auch zugesetzt hatte, hatte er ihn nicht zähmen können. Mittlerweile begnügte er sich mit dem Wissen, ihm wenigstens die Krallen gestutzt zu haben, und benutzte ihn als sein Werkzeug im Kampf.
»Ihr habt eure Arbeit gut gemacht«, sagte Alexej nun.
Er blickte auf Elendar herab, der vor der untersten Stufe des Königsthrons stehen geblieben war. Elendar machte sich nicht die Mühe, auf die Worte des Königs zu reagieren, sondern wartete lediglich ab.
Innerlich kochte Alexej vor Wut. Er hasste es, wenn er nicht mit dem ihm gebührenden Respekt begrüßt wurde. Elendar dafür zu bestrafen war jedoch müßig. Beim nächsten Mal würde es wieder dasselbe sein wie zuvor.
Alexej betrachtete den Krieger vor sich. Er war mager geworden, der Winter hatte ihm zugesetzt. Auch hielt er sich nicht mehr ganz so gerade wie bisher. Etwas musste vorgefallen sein. Etwas, was ihn bis in seine Grundfesten erschüttert hatte.
War es der Verlust seiner Männer gewesen? Alexej hatte Elendar absichtlich in eine Falle laufen lassen. Zu seiner Überraschung hatten die meisten Assaren seines Trupps überlebt. Oder war es etwas anderes?
Augenblicklich beschloss der König, den Grund für die Veränderung so schnell wie möglich herauszufinden.
»Ich habe eine weitere Aufgabe für euch«, sprach Alexej weiter.
Er zwang sich, sich wieder auf das eigentliche Thema zu konzentrieren. Noch immer rief er durch seine Worte keine Reaktion bei Elendar hervor.
»Ich möchte, dass die Assaren den Vorstoß meiner Truppen im Norden unterstützen. Rebellen überfallen dort ständig meine Versorgungstrupps. Ihr müsst sie schützen.«
»Nein.«
Elendar blickte auf. Hass loderte wie eine dunkle Flamme in seinen Augen. Sein Blick durchbohrte Alexej regelrecht.
»Nein? Mein lieber Elendar, mir scheint, du hast den Ernst der Lage weiterhin nicht begriffen.« Der König lächelte zuckersüß. »Du bist nicht in der Position, dich zu weigern.«
»Meine Männer wollen ihre Familien sehen. Sie kämpfen nicht mehr. Erst wollen sie Gewissheit darüber haben, dass ihre Liebsten am Leben sind.«
»Ihr habt die Familien vor zwei Jahren gesehen. Das muss reichen.«
Alexej war wütend aufgesprungen und einige der Stufen hinuntergesprungen. Jetzt fiel ihm wieder ein, dass man einem Assaren niemals zu nahe kommen sollte.
Elendar wurde zu beiden Seiten von zwei schwer bewaffneten Kriegern flankiert und der König selbst war auch kein Schwächling, aber man konnte nie die Handlung eines Assaren voraussagen.
»Ich meine damit nicht unsere Angehörigen in deinem Schloss. Wir wollen in unser Land zurückkehren. Auch dort haben wir Familie.«
Elendar bat nicht, das spürte Alexej. Er stellte ihm lediglich seine Bedingungen vor. In den dreizehn Jahren seiner Gefangenschaft hatte Elendar nicht einmal um etwas gebeten. Er würde es auch jetzt nicht tun.
Der König überlegte. Er brauchte die Assaren im Norden, doch war ihm auch klar, dass er sie nicht ewig vertrösten konnte. Schließlich nickte er.
»Geht in den Norden, erledigt dort die Rebellen. Dann könnt ihr ohne Umwege zurück in euer Land kehren. Am zehnten des neunten Monats will ich euch wieder bei meinen südlichen Truppen sehen. Ein Teil von ihnen wird in den Norden aufbrechen, um dort die Eroberung fortzusetzen. Schließt euch ihnen an.«
Seine Augen wurden schmal, als er Elendar mahnend betrachtete.
»Wagt es nicht, zu spät zu kommen. Sonst würde es deine Schwester sehr bereuen.«
Elendar war diese Drohung so gewohnt, dass er sie ignorierte. Stattdessen nickte er lediglich, wandte sich grußlos ab und verließ den Saal.
Als die Tür hinter seinem Rücken ins Schloss gefallen war, fragte sich der König, ob er richtig gehandelt hatte. Einem Assaren sollte man niemals zu viel Spielraum geben. Er könnte auf falsche Gedanken kommen. Doch jetzt war es ohnehin zu spät, seine Entscheidung zurückzunehmen.

Elendar fiel auf wie ein bunter Hund, als er durch die Reihen sharischer Zelte hinüber zu seinen Männern ging. Die Soldaten hoben ihre Köpfe, sobald sie ihn bemerkten, und ihre Blicke folgten ihm.
Der Anblick eines Assaren erregte immer allgemeine Aufmerksamkeit. Es war schließlich selten, einen jener Männer zu Gesicht zu bekommen, um die sich so viele Geschichten rankten. Elendar war noch dazu ein ganz besonderer Assar. Der Assar, der beinahe den sharischen König getötet hätte. Ihm zu begegnen war beinahe ein Sakrileg.
Deshalb war Elendar froh, als er bei seinen Männern ankam. Er war das Starren und Wispern gewohnt und empfand es trotzdem als ausgesprochen unangenehm. Mit einer einzigen Kopfbewegung befahl er seine Männer zu sich. Dann erzählte er ihnen kurz und knapp vom Gespräch mit dem König. Als er zum Ende kam, begannen sie zu murren und Elendar musste sie erst einmal beruhigen.
»Wir übernachten heute hier. Weiterzuziehen wäre bei dem Wetter zu gefährlich und die Pferde sind erschöpft. Lasst die Waffen stets griffbereit und fangt um Himmels willen keinen Streit an.«
Die Männer taten wie geheißen, versorgten ihre Ponys und bereiteten ihr Nachtlager vor. Schließlich saßen sie um ein prasselndes Feuer herum und schwiegen sich an. Sie wussten, dass keiner von ihnen in dieser Nacht schlafen würde. Nicht, solange sie von ihren Feinden umzingelt waren.
Die Nacht zog sich dahin. In dem riesigen Armeelager kehrte schließlich Ruhe ein, unterbrochen von dem lauter werdenden Schnarchen zahlreicher Männer. Wie stille Wächter saßen die Assaren da und warteten auf den kommenden Morgen.
Plötzlich spürte Elendar mehr eine Bewegung, als dass er sie sehen konnte. Jemand ging zwischen den Pferden der Assaren umher.
Leise stand Elendar auf und hielt direkt auf den Schatten zu, den er neben einem braunen Hengst entdeckt hatte. Er wusste sehr genau, wen er gleich treffen würde und freute sich darüber.
»Ich habe dich erwartet, mein Freund«, begrüßte er den Mann, der sich abwartend auf den Widerrist eines Hengstes gelehnt hatte.
Als Elendar ihm seine Hand entgegenstreckte, ergriff der Fremde sie und schlug ein.
»Und ich habe auf dich gewartet, mein Freund«, erwiderte er.
Erleichtert umarmten sie einander, eine Geste, die beide in Todesgefahr bringen konnte. Dennoch gingen sie das Risiko ein. Vor Elendar stand niemand Geringeres als Raell Karamu, Sohn des sharischen Gottkönigs persönlich.
»Du warst bei meinem Vater. Ich hoffe, er hat dir nicht zu sehr zugesetzt.«
»Er war höflich wie immer.«
Elendar wusste, dass seine Männer hinter ihm verzweifelt versuchten, das Gespräch zu belauschen. Die kurzen Treffen mit dem Sohn des Königs waren für sie von höchster Bedeutung, um Neuigkeiten über ihre Familien zu erfahren. Zuerst musste er jedoch wichtigere Dinge besprechen.
»Dein Brief kam zu spät, Raell. Er erreichte uns erst, nachdem wir schon im Hinterhalt gefangen waren. Trotzdem danke, dass du uns warnen wolltest.«
»Es war einen Versuch wert. Tut mir leid um deine Männer. Mein Vater möchte dich dringender denn je loswerden. Dich öffentlich hinzurichten lässt sein Stolz nicht zu. Wenn du in einem einsamen Winkel seines Reiches von der Bildfläche verschwindest, würde ihm das sehr gefallen. Er steckt hinter dem Hinterhalt, nicht die angeblichen Rebellen. Du musst vorsichtiger sein!«
Elendar nickte ernst, bemerkte dann jedoch Raells seltsamen Blick. Er erstarrte. »Es gibt schlechte Neuigkeiten, nicht wahr?«
Raell wich seinem Blick aus. Seufzend nickte er. »Sag deinen Männern, dass bei ihren Familien alles in Ordnung ist. Efnors Tochter kümmert sich nach dem Tod von Sabrin um ihre Tochter.« Er verstummte, als er Elendar erblassen sah.
Die Panik in den Augen des Assaren schnürte seinem Freund die Kehle zu. »Was ist mit Caina?«, flüsterte Elendar. Seine Lippen zitterten, Schweiß trat auf seine Stirn. »Was ist mit meiner Schwester?«
Raell atmete tief durch. »Sie ist tot.«
Die Worte hallten Elendar im Kopf herum, als er Raell ungläubig anstarrte. Sie gruben sich unauslöschlich in jede Zelle seines Gehirns, brannten sich dort hinein wie glühendes Eisen. Ein körperlicher, stechender Schmerz glitt wie zischendes Licht durch seinen gesamten Körper und traf sein Herz mit tödlicher Wucht. Unwillkürlich krümmte er sich zusammen und schlug die Hände vor die Brust.
»Elendar«, war alles, was Raell hervorbrachte. Er stützte seinen Freund in der bittersten Stunde seines Lebens. »Es tut mir so leid.«
Efnor musste gespürt haben, was geschehen war, vielleicht hatte er Elendar auch zusammenbrechen sehen. Er kam heran, blickte erst zu Raell, dann zu Elendar und verstand.
»Caina?«
Raell nickte. »Allen anderen geht es gut.«
Für Efnor waren das die erlösenden Worte, aber als er seinen Anführer anblickte, trieb es ihm fast die Tränen in die Augen. Für Elendar war heute Abend zum zweiten Mal in Folge eine Welt zusammengebrochen.
Erst Sirany, jetzt Caina, dachte Efnor bekümmert. Er beugte sich zu Elendar hinunter und tätschelte ihm ungeschickt den Rücken. Efnor war kein Mann der großen Worte. Er vertraute darauf, dass allein seine Anwesenheit genügen mochte.
Unvermittelt richtete sich Elendar auf, gleichzeitig vernahmen Raell und Efnor das Geräusch von Stahl, der aus einer Scheide glitt.
Beide traten instinktiv zurück und blickten den Assaren an, der mit blank gezogenem Schwert vor ihnen stand. Seine Augen waren so dunkel wie die Mitternacht und glänzten unnatürlich im Schein des weit entfernten Feuers. Seine Miene spiegelte keinerlei Regung wider, sein Blick war auf einen nur für ihn sichtbaren Punkt auf der Erde gerichtet. Die Muskeln spannten sich unter seiner Kleidung, wirkten bedrohlich und gefährlich.
Hätte Efnor Elendar nicht schon ewig gekannt, so hätte er sich vor ihm gefürchtet.
»Mach jetzt keinen Fehler, Elendar«, warnte ihn Raell, doch der Assar wirbelte bereits herum und durchquerte mit riesigen Schritten das Lager der Shari. Ohne zu zögern, hasteten die beiden anderen hinter ihm her.
Raell ging ein großes Risiko ein, sich so offen zu zeigen. Niemand durfte von seinen heimlichen Treffen mit den Assaren erfahren. Um seinen Freund aufzuhalten, wagte er es trotzdem. Zum Glück trug er eine weite Kapuze, die sein Gesicht verdeckte.
»Elendar, bleib stehen.« Er packte den Assaren und zog ihn zu sich herum. Als er in dessen eisiges Gesicht blickte, bekam er eine Gänsehaut. »Wo willst du denn hin?«
»Ich will sie sehen.«
Elendars Stimme klang seltsam fremd, dunkel und verzerrt.
»Das kannst du nicht. Sei vernünftig, rein theoretisch weißt du gar nichts von ihrem Tod. Mein Vater glaubt weiterhin, er könne dich belügen.«
Seine Worte prallten an Elendar ab. Vor Kummer nahm der Assar seine Umwelt kaum noch wahr, starrte blicklos vor sich hin.
Schließlich strecke Efnor vorsichtig seine Hand aus, packte Elendars Schwert und zog es aus seiner Umklammerung. Dieser ließ es widerstandslos geschehen. Er wehrte sich auch nicht, als die beiden ihn zum Lager zurückbrachten. Dort angekommen, zwang Raell ihn, sich auf einen Stein vor das Feuer zu setzen, legte ihm eine Decke um und setzte sich neben ihn.
Elendar schloss die Augen und sah für einen winzigen Moment das Bild seiner Schwester aufblitzen. Sie lächelte – wie meistens. Ihre langen Haare flossen ihr in sanften Wellen über die schlanken Schultern, während ihre Augen vor Freude glänzten.
Dann verschwand das Bild und Elendar war wieder allein.
Er brauchte fünf Minuten, um sich zu sammeln. Fünf Minuten, in denen er seine Kraft sammelte und sich innerlich straffte. Sein Volk brauchte ihn jetzt und er musste stark sein. Er würde später zusammenbrechen. Nicht jetzt.
Mit einem Ruck stand er auf und sah einen Mann nach dem anderen streng an. »Wir brechen auf. Sofort. Packt eure Sachen. Ich will in einer Woche im Norden sein. Je eher wir mit den Rebellen fertig sind, desto schneller könnt ihr zu euren Familien.«
Kurz bückte Elendar sich, hob sein Schwert von der Erde auf und steckte es zurück in die Scheide. Dann ging er zu seinem Pony.
»Sag ihm zu einem späteren Zeitpunkt, dass Caina bereits beerdigt wurde. Sie ist vor drei Tagen im Morgengrauen von uns gegangen. Es wurde angemessen für sie gebetet«, sagte Raell leise zu Efnor, als Elendar ihn nicht mehr hören konnte.
»Er wird wissen wollen, wie sie gestorben ist.«
Raells Augen verdunkelten sich. »Sag ihm, sie sei an der Grippe gestorben.«
»Ist sie das?«
»Nein. Aber die Wahrheit sollte er nie erfahren. Sie würde ihn umbringen.«

Kapitel 10
Elendars Reitergruppe erreichte sieben Tage später Attenge, die nördlichste Region von Farreyn. Hier hatte sich eine Rebellengruppe formiert, die sich weiterhin energisch zur Wehr setzte.
Elendar und seine Männer gingen mit einer Brutalität zu Werke, die für die Assaren völlig untypisch war und ihnen weitere schauerliche Mythen einbrachte.
Sie fuhren über die erschrockene Rebellenschar wie eine wütende, alles verschlingende Feuersbrunst und hinterließen nichts als Asche und Rauch. Das Ganze dauerte nicht länger als zwei Wochen. Dann war von dem Aufstand nichts mehr übrig als ein kurzer Bericht in den Geschichtsbüchern.
Kaum waren die Rebellen als vernichtet erklärt, brachen die Assaren auf und ritten wie die Teufel gen Westen, zurück in ihre Heimat. Sie galoppierten durch die Wälder Farreyns, ohne die Schönheit dieser Welt zu sehen, passierten Koruns Grenze und preschten über seine endlosen Weiden. Schließlich wurde der Weg steiniger, steiler und sie erreichten das Hochland. Assanien. Ihre Heimat. Einige von ihnen hatten sie seit dreizehn langen Jahren nicht gesehen.
Nach dem Überfall auf das assarische Dorf vor vielen Jahren waren die meisten Frauen und Kinder getötet oder verschleppt worden. Einige hatten jedoch fliehen können. Sie hatten sich in den Bergen versteckt und auf jene Männer gewartet, die auf dem Schlachtfeld kämpften. Es waren so schrecklich wenige gewesen, die zurückkehrten. So wenige.
Als die überlebenden Krieger sahen, was aus ihren Familien geworden war, weinten sie bitterlich. Anschließend ergaben sie sich – um der Frauen und Kinder willen, die in Gefangenschaft geraten waren. Jene, die hatten fliehen können, versteckten sich in den Bergen, tauchten unter, um nicht ebenfalls zu Geiseln zu werden. Alexej wusste natürlich darum. Hier aber zeigte er sich großzügig. Er erlaubte ihnen zu leben, solange sie sich nicht bemerkbar machten.
Bei den Kriegern war er weniger barmherzig. Die meisten büßten die Kapitulation mit ihrem Leben ein. Den Rest der Krieger zwang Alexej unter seine Herrschaft. Die Bedingung: unbedingter Gehorsam. Sonst starben die Geiseln.
Somit wurde Elendars kleine Reiterschar eine von vielen, die in Alexejs Auftrag Morde ausführte. Sie alle waren an jene verhasste Bedingung gebunden. Es gab kaum jemanden, der nicht einen gefangenen Verwandten hatte.
Die Assaren durften diese Verwandten jedes Jahr einmal sehen. Bei den freien Assaren in den Bergen sah die Sache leider anders aus. Einige von ihnen hatten sie seit einem Jahrzehnt nicht mehr gesehen.
Aber jetzt, jetzt war es so weit. Elendars Männer durften den Teil ihrer Freunde sehen, die frei in den Bergen lebten.
Es war ein freudiges Ereignis und ein merkwürdiges Gefühl, wieder heimzukehren. Allerdings kam Elendar nicht mit zum Wiedersehen. Er blieb am Fuße des Berges stehen, als seine Männer bereits freudestrahlend den Hang hinaufliefen.
Dort oben erwartete ihn niemand mehr. Bekannte vielleicht, möglicherweise auch gute Freunde, die sich über sein Überleben gefreut hätten. Aus seiner Familie war niemand mehr am Leben.
Efnor bemerkte sein Zurückbleiben und kehrte zu ihm um. »Komm«, sagte er und bot seinem Freund auffordernd die Hand.
Elendar drehte sich schweigend fort. »Ich habe dir noch gar nicht gesagt, was Raell mir über deine Tochter erzählt hat.«
»Was hat er denn gesagt?«
»Sie kümmert sich jetzt um die kleine Tochter von Sabrin.«
Als sich Elendar wieder umdrehte, hatte Efnor Tränen in den Augen. »Es tut mir so leid für dich, Elendar. So leid.«
Dann hastete auch Efnor den Hang hinauf, um seiner Frau das zu erzählen, was er soeben erfahren hatte.

Die Assaren blieben in dem einsamen Bergdorf, solange es ihnen möglich war. Sie prägten sich jede Sekunde dieser glücklichen Zeit in ihre Gedächtnisse ein, um sie in Zeiten tiefster Verzweiflung hervorzuholen. Hoffnung wuchs in ihren Herzen und gab ihnen Kraft, die erneute Trennung zu überstehen.
Das Wetter war mild. Keine Regenwolke trübte den Himmel und die Sonne schickte ungehindert ihre warmen Sonnenstrahlen auf die Erde. Nur der kühle Wind des Hochlandes brachte etwas Kälte mit sich. Efnor lief daher wieder mit seinen tausend Lagen Pelz herum.
Für Elendar war es eine Zeit, in der er sich in Ruhe über seine Gefühle klar werden konnte. Einsam ritt er durch seine alte Heimat, hinüber zum alten Dorf, das vor dreizehn Jahren in den Flammen der Shari aufgegangen war.
Die Umrisse jener Hütte, in der er und seine Familie acht Jahre gelebt hatten, waren kaum zu erkennen. Er brauchte eine Weile, um die Stelle zu finden. Sein Familienheim war jetzt fast vollständig von Unkraut überwuchert. Eine riesige Erle war in der Mitte des Hauses emporgeschossen und überspannte das eingestürzte Dach wie ein zweiter Schutzwall.
Elendar blieb lange dort, ging von Haus zu Haus und erinnerte sich an die glücklichen Tage seiner Jugend. Er schaffte es sogar, nicht an den Überfall zu denken, der sein Leben schließlich zerstört hatte. Stattdessen konzentrierte er sich einzig und allein auf die schönen Momente.
Er sah sich als Junge, wie er Steine vom Feld sammelte und dabei über diese undankbare Aufgabe schimpfte. Jetzt hätte er alles dafür getan, um diesen Moment erneut erleben zu können. Denn das würde bedeuten, dass auch seine Familie noch am Leben wäre.
Er sah sich, wie er seiner Schwester Caina an den langen Zöpfen zog oder Cloey mit hinunter zum Bach schleppte, um sie dort zu waschen. Sie zappelte und schrie in seinen Armen, denn das Wasser war kalt. Seine Mutter rief ihn zum Abendbrot und die ganze Familie versammelte sich um den alten, von zahlreichen Mahlzeiten ganz fleckig gewordenen Essenstisch.
Sein Vater saß am Ende der Tafel. Die langen Haare reichten ihm bis weit über die Schultern und er hatte sie an den Schläfen zu zwei kleinen Zöpfen geflochten. Sein Bart wurde allmählich grau. Seine Augen glitzerten voll jugendlichem Übermut, sobald er seine Frau ansah. Elendars Mutter war kurz vor dem Überfall rundlich geworden, und Elendar hatte lange Jahre darüber nachgedacht, ob sie schwanger gewesen sein mochte. Dieses Geheimnis hatte sie allerdings mit in ihr Flammengrab genommen.
Schließlich war es Zeit, zu seinen Männern zurückzukehren. Schweren Herzens saß er auf und lenkte sein Pony fort von den alten Zeiten, hinauf in die Zukunft.
Der kleine zähe Wallach schlug einen fröhlichen Trab an und stolzierte mit wehendem Schweif über die Hochebene. Auch er musste spüren, dass er zu Hause angekommen war, obwohl er seine Heimat noch nie in seinem Leben gesehen hatte. Das Moos unter seinen Hufen federte sanft, der Wind wehte in seine Nüstern und spielte mit seiner Mähne. Er war zu Hause und glücklich.
Auch Elendar genoss diesen kurzen Weg hinauf ins neue Dorf. Doch als er es betrat, erdrückte ihn die Last seiner Aufgabe mit einem Mal.
Die neuen Häuser waren fast nach dem Ebenbild der alten, zerstörten Bauten errichtet worden. Strohdächer glänzten in der Sonne wie schimmerndes Gold und das leise Knarren der Holzwände vermischte sich mit dem Duft der Blumen in den liebevoll gepflegten Vorgärten. Fast vor jedem Haus war ein schwarzes Kreuz errichtet worden zum Andenken an getötete oder verschleppte Verwandte.
Neben jedem dieser Kreuze steckte ein Schwert bis zur Hälfte der Klinge in der Erde. Die Toten waren noch nicht gesühnt worden, die Blutschuld offen.
Elendar wurde still von den Dorfbewohnern begrüßt. Man reichte ihm Essen und Trinken und lud ihn zu sich ein, doch er lehnte ab und antwortete sanft: »Holt bitte meine Männer. Wir müssen wieder fort.«
Es dauerte nicht lange, da saßen die Assaren wieder auf ihren Ponys, ausgestattet mit neuen wollenen Umhängen und frischem Reiseproviant. Auch Elendar überreichte man neue Kleidung. Er nahm diese Dinge dankbar an, legte nach fast sieben Jahren seinen alten Mantel ab und ersetzte ihn durch einen neuen.
Erst danach verließen sie das Dorf, winkten zum Abschied und trieben ihre Ponys zu einem raschen Trab, um möglichst schnell ihre Lieben zurückzulassen.
So manch einer kämpfte still mit seinen Tränen, aber niemand machte Anstalten umzukehren. Die Pflicht ihren gefangenen Verwandten gegenüber ließ ihnen keine andere Wahl, als in den Dienst der Shari zurückzukehren.
Bald erreichten sie das riesige Heerlager. Es lagerte an der Grenze zwischen dem Land Korun und ihrer alten Heimat Assanien. Überall dort, wo die Soldaten der Shari ihre Zelte errichtet hatten, war die Erde zu Schlamm aufgewühlt worden. Alles war braun und trist, das Gras schon lange tot.
Genau wie sie das Gras zerstörten, zermalmten sie auch fremde Kulturen.
Der Anführer der Armee hieß Samell Mi. Mit knirschenden Zähnen begrüßte er die Neuankömmlinge und gab ihnen einen Platz am hintersten Ende des Heeres. Sollten die Assaren doch den Staub seiner Männer schlucken.
Samell Mi hasste es, Angst zu haben, und weil er vor den Assaren Angst hatte, hasste er die Assaren. Das war eine ganz einfache Gleichung für ihn, mit der er jahrelang gut gefahren war.
Elendar machte sich nicht die Mühe zu protestieren und führte seine Männer direkt an die ihnen zugewiesene Position. Dann warteten sie gemeinsam, bis sich das schwerfällige Heer in Gang setzte. Sie folgten dem zertrampelten Pfad.
Es war ein langer, kräftezehrender Marsch. Ab und zu ließ der Kommandant haltmachen, um Truppen vorauszuschicken, die die angrenzenden Dörfer überfielen. So kamen sie an das Essen für die vielen Soldaten.
Wenn die Assaren durch die brennenden Dörfer ritten, sahen sie anstatt der lebendigen Bewohner nur Leichen.
Die meisten der Männer schliefen in den Sätteln ihrer Ponys. Ein Nachtlager gab es nicht, höchstens kurze Essenspausen. So war es kaum ein Wunder, dass die riesige Schar schnell vorankam. Fußsoldaten gab es nämlich nicht.
Elendar machte in all dieser Zeit nicht einmal die Augen zu, sondern hielt stets eine Hand auf den Griff seines Schwertes gelegt. Er misstraute der Ruhe.
»Mir gefällt die Route nicht, die wir einschlagen«, vertraute er irgendwann Efnor an, der neben ihm ritt.
Der alte Assar führte Rais störrische Stute an der Führleine, damit sie ihren schlafenden Reiter nicht unauffällig absetzte.
»Wir nehmen direkten Kurs auf Attenge. Von dort aus werden wir in das Land der Niehren vordringen. Was gefällt dir daran nicht?«
»Wenn wir so weiterreiten, kommen wir direkt an Siranys Dorf vorbei.«
Efnor rechnete nach. In Gedanken verlängerte er den vor ihnen liegenden Weg und kam zum gleichen Schluss. »Verdammt.«
Mit jeder verstreichenden Stunde wurde Elendar nervöser. Der Kommandant machte keine Anstalten, von seiner Route abzuweichen. In spätestens zwei Tagen würden sie Siranys Dorf erreicht haben. Elendar bezweifelte, dass sie diese Menschensiedlung anders behandeln würden als die anderen. Wenn dem so war, befand sich Sirany in unmittelbarer Gefahr.
Seine Sorge übertrug sich auf seinen Wallach, der nach kurzer Zeit übellaunig und schreckhaft war. Unruhig bewegte er sich unter seinem Reiter und kämpfte mit den Zügeln.
Nach einem weiteren Tag entschloss sich Elendar zu handeln. »In der Abenddämmerung breche ich aus der Armee aus und reite voraus.« Nervös spielte er mit den Zügeln in seinen Händen. »Ich warne die Dorfbewohner und komme so schnell wie möglich wieder zurück. Sie haben dann noch ein paar Stunden, um sich zu verstecken.«
Efnor sah ihn entsetzt an.
»Elendar, du kannst dich kaum im Sattel halten. Dein Pony ist erschöpft und einem Gewaltritt nicht gewachsen. Außerdem kommt erschwerend hinzu, dass du gesehen werden könntest. Wenn das passiert, bringen wir alle in Gefahr. Sirany, unseren Trupp und unsere Familien!«
Natürlich hatte Elendar diese Risiken bereits gegeneinander abgewogen und war zu dem Entschluss gekommen, es dennoch zu wagen. Er sah seinen Freund an und blickte ihm tief in die Augen. »Caina und ich waren die einzigen Überlebenden meiner Familie. Jetzt bin ich der letzte. Mich bindet nichts mehr an die Hände der Shari.«
Efnor glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. Solche Worte jemals aus dem Mund seines Anführers zu hören, hätte er niemals erwartet.
»Das Versprechen deinem Volk gegenüber bindet dich.«
»Und ich werde mein Bestes geben, um es einzuhalten.« Elendars Blick wurde flehend, fast verzweifelt. »Versteh mich bitte, wenn ich das Einzige, was mir noch lieb ist, schützen möchte.«
Es war das erste Mal, dass Elendar seinem Freund gegenüber zugab, etwas für Sirany zu empfinden.
»Dann musst du tun, was zu tun ist«, sagte der Assar leise. Elendar dankte ihm still und trieb sein Pony unverzüglich so unauffällig wie möglich an den Rand des Menschenheeres. Nur wenige Minuten später fand man ihn nicht mehr zwischen den Assaren. Er hatte still und heimlich seinen Platz verlassen, ohne je gesehen worden zu sein.
Erst als er sich so weit von den Augen der aufmerksamen Wachen entfernt hatte, dass sie ihn bestimmt nicht mehr erblicken konnten, gab er seinem Pony die Sporen. Das Tier legte seine Ohren widerwillig an und fiel in einen langsamen Galopp. Eine Weile duldete Elendar dieses Tempo, dann erhöhte er es.
Die Reitertruppen, die Samell Mi zur Brandschatzung der Dörfer vorausschickte, waren schnell. Sie saßen auf ausgeruhten und flinken Pferden, die für lange Distanzen gezüchtet worden waren.
Die Gebirgspferde der Assaren fanden ihre Stärken eher in ihrer Ausdauer und Wendigkeit als in ihrer Schnelligkeit. Deshalb trieb Elendar den Wallach rücksichtslos an, bis dieser voller Panik über das kurze Grasland stob.
Keine zwei Stunden später schickte Samell Mi fünfzehn seiner besten Männer los, um sich des Dorfes anzunehmen, das unweit vor ihnen lag. Er kannte es aus einer alten Schlacht und wusste genau, wo es zu finden war.
Elendar brauchte lange, bis er auch nur in Siranys Nähe kam. Der Tag zog dahin und die Sonne versank hinter dem Horizont, doch der Assar hatte keinen Blick für das wunderschöne Lichtspektakel am Himmel. Sein Wallach schnaufte mittlerweile wie ein verendendes Tier, dann ging ein Ruck durch seinen Körper und er blieb mit zitternden Flanken stehen.
Seufzend stieg der Assar ab und führte das Pony in ein nahes Wäldchen, band es dort an einen Baum und ließ es zurück. Der Assar hatte kaum Hoffnung, es später lebend vorzufinden. Wahrscheinlicher war, dass es dort verenden würde.
Jetzt konnte sich Elendar lediglich auf seine eigene Schnelligkeit verlassen. Er begann einen wilden Wettlauf mit den langen Beinen der heraneilenden Reiterschar. Diese war nur eineinhalb Stunden von ihm entfernt.
Die Nacht eilte ihm zu Hilfe, denn in der Dunkelheit verlangsamten die Krieger zur Sicherheit ihrer Pferde das Tempo. Elendar hingegen fand sich auch in der Nacht wie eine Katze zurecht.
Die Angst um Sirany trieb seine Beine zur Höchstleistung an, sein Herz schlug im Rhythmus seines Atems. Er spürte die Nähe der Gefahr und eilte ihr voraus, in der Hoffnung, rechtzeitig anzukommen.
Dann erreichte er völlig entkräftet das Dorf, stolperte zwischen den ihm so vertrauten Häuserzeilen hindurch und erreichte zitternd vor Schwäche Siranys Heim.

Kapitel 11
Sirany wurde davon wach, dass jemand mit unglaublicher Wucht gegen die Tür schlug. Augenblicklich saß sie senkrecht im Bett, sprang auf und jagte die Treppe hinunter.
Ihr Vater hatte die Tür bereits erreicht. Er hatte einen dicken Ast in der Hand, den er nun drohend hob. Mit der anderen Hand drückte er misstrauisch die Klinke hinunter. Seine Tochter trat neugierig neben ihn, die Muskeln gespannt, jederzeit bereit, ihrem Vater zu Hilfe zu eilen.
Wen immer sie vor der Tür auch erwartet haben mochte, Elendar war es gewiss nicht gewesen. Er sah aus wie der leibhaftige Teufel, über und über mit Schlamm bespritzt. Sein mächtiger Brustkorb hob und senkte sich hektisch und sein Atem rasselte hörbar in der Lunge.
Am schlimmsten waren seine Augen, die tief in ihren Höhlen lagen und wie dunkle Schatten ihrer selbst wirkten. Sie erzählten von zu wenig Schlaf und zu viel Anspannung.
Ehe ihr Vater es überhaupt begreifen konnte, flog Sirany bereits an seiner Seite vorbei und fiel dem erleichterten Elendar um den Hals. Elendar zog sie in seine Arme und hielt sie eine Weile eng umschlungen, während er versuchte, zu Atem zu kommen.
»Mein Gott, Elendar, was machst du hier?«, fragte Sirany schließlich und löste sich von ihm.
Er zitterte vor Anstrengung am ganzen Körper und fühlte sich heiß und klamm zugleich.
»Ihr müsst fliehen, sofort«, keuchte er mühsam.
Sirany sah ihn mit großen Augen an.
»Die Shari sind im Anmarsch auf euer Dorf. In spätestens einer Stunde haben sie euch erreicht.« Schweiß rann ihm von der Stirn und er wischte ihn ärgerlich fort. »Weckt die anderen. Ihr müsst euch im Wald verstecken, sonst droht euch der Tod.«
Sirany brauchte nur Sekunden, um das Gehörte zu verstehen. Erschrocken schlug sie sich die Hand vor den Mund und blickte ihren Vater ängstlich an. Der reagierte sofort. »Weck du Mutter, ich gehe zu den Nachbarn.« Kurz wandte er sich Elendar zu. »Was können wir für Euch tun?«
»Nur etwas Wasser bitte.«
Sirany eilte ins Haus und holte ihre Mutter. Anschließend rannte sie in die Küche und brachte dem völlig erschöpften Elendar einen Becher Wasser. Der Assar hatte sich mittlerweile auf den Boden der Veranda gesetzt und versuchte seine zitternden Muskeln zu beruhigen.
Das Dorf erwachte in der Zeit zum Leben, in der Elendar das kühle Nass seine Kehle hinunterstürzte. Sirany beobachtete ihn dabei und ließ sich neben ihn auf die Knie herab. Sie sahen einander lange schweigend an.
Erschrockene Rufe durchdrangen die Nacht. Die Menschen strömten auf die Straße, nur mit wenigen Habseligkeiten beladen. Keiner zweifelte an der Neuigkeit und somit verging nur kurze Zeit, bis die ersten Menschen zum Waldrand eilten.
Elendar schloss für einen Moment die Augen und horchte in die Dunkelheit. Es dauerte nicht lange, da hatte er gefunden, wonach er suchte. Die Reiterei würde gleich das Dorf erreicht haben.
Er war zu spät gekommen, denn Sirany saß noch neben ihm. Sie hatte sich nicht in Sicherheit bringen können.
Wut stieg in ihm hoch, als er seine Augen wieder öffnete und ihre schöne Gestalt erblickte. Sie wirkte so verletzlich und zart. Er würde nicht zulassen, dass ihr etwas geschah.
Entschlossen stand er auf und zog in der gleichen Sekunde das Schwert aus der Scheide. Man mochte seine Schwester getötet haben, aber Sirany würden sie nicht bekommen.
»Was tust du?«, fragte sie mit zitternder Stimme.
In der gleichen Sekunde hallten die ersten Angstschreie durch die Häuserzeilen. Die Reiter hatten das Dorf erreicht.
»Hol den Bogen, den ich dir angefertigt habe, und bring die Leute in Sicherheit. Ich kümmere mich um die Reiter.«
»Du kannst keine zwanzig Mann allein erledigen«, protestierte sie.
»Geh.«
Sirany sah ihn an, zögerte einen Moment. Letztlich trat sie entschlossen vor ihn und gab ihm einen sanften Kuss. Es war nur ein flüchtiger Kuss. Dafür war er umso süßer. Sanft, zärtlich, ein Versprechen. Elendars Lippen schmeckten nach Salz und Wind, sie sprachen von Wärme und Zärtlichkeit. Sie waren wie ein Zuhause.
Sirany riss sich jedoch rasch wieder los. Es war jetzt keine Zeit für Gefühle. Sie huschte ins Haus, holte ihren Bogen und ließ den völlig verwirrten Elendar allein zurück.
Dabei blickte sie nicht einmal zu ihm. Sie wäre sonst womöglich wieder umgekehrt.
Elendar hingegen brauchte einen Moment, fünf Atemzüge, um genau zu sein, um sich von seiner Überraschung zu erholen. Dann wirbelte er herum und sprang die Veranda hinunter.
Sein Schwert glitzerte unheilvoll im Mondlicht.
Die Reiterei fühlte sich überrumpelt. Eigentlich hätten die Menschen schlafen sollen. Stattdessen liefen sie geradewegs Richtung Wald. Was war hier los? Ihr Anführer knurrte ärgerlich und zügelte sein schweißüberströmtes Pferd. Er musste kurz darüber nachdenken, wie es weitergehen sollte.
Er kam nicht weit mit seinen Gedanken, denn just in dieser Sekunde erblickte er eine schwarz gekleidete Gestalt. Es war ein Mann in voller Kriegsmontur. Sein grimmiges Gesicht sah wie eine Maske aus purem Hass aus, und das wilde Haar wehte gespenstig im Wind.
Zehn Schritte von der erstaunten Reiterei entfernt blieb er stehen, rammte mit unbeweglicher Miene sein Schwert in den Boden und zog sich langsam das Hemd aus. Darunter schimmerte bronzene Haut im Lichtglanz des Mondes.
Lediglich mit einer schwarze Hose bekleidet, zog er das Schwert wieder aus der Erde und wog es gelassen in der Hand, während ihn die Shari ungläubig anstarrten.
»Elendar«, flüsterte jemand hinter dem Anführer.
Augenblicklich ging ein Raunen durch die Menge. Doch noch ehe irgendjemand sonst etwas sagen oder tun konnte, ging der Assar vor ihnen in den Angriff über.
Sein wilder Kampfschrei ging in dem Geräusch der gezogenen Stahlklingen unter, wurde sogleich von entsetzten Schmerzenslauten der ersten Sterbenden abgelöst. Pferde wieherten panisch auf, Hufe peitschten die Erde.
Der sonst so still daliegende Rand des Dorfes verwandelte sich in ein Schlachtfeld.

Sirany rannte hinter ihrer Mutter her in Richtung Wald. Aileen hatte ein kleines Kind auf dem Arm, das der Nachbarin. Die hatte mit ihren anderen beiden bereits genug zu schleppen.
Hinter der kleinen Frauenschar erscholl Hufgetrappel. Ein Pferd näherte sich in gestrecktem Galopp, es schnaubte, schnaufte. Sattelzeug knarrte, Eisen klirrte und all diese Geräusche kamen näher und näher. Sie würden die Flüchtenden bald eingeholt haben.
Siranys Gedanken drehten sich im Kreis. Mit einem Mal blieb sie abrupt stehen – und stellte sich der Gefahr, der sie ohnehin nicht entkommen konnte. Da half kein noch so schneller Lauf, und wenn sie nicht etwas unternahm, würden auch die anderen sterben.
Es war ein Shari, genau wie sie vermutet hatte. Er musste Elendars Schwert ausgewichen sein und stattdessen den Fliehenden nachgesetzt haben.
Grimmig zog Sirany einen Pfeil aus ihrem Köcher und legte ihn mit fliegenden Fingern auf dem Bogen an. Nicht zittern, dachte sie. Sei stark. Sei mutig. Sei der Pfeil.
Das war ausgesprochen schwierig. Erst recht, wenn ein Tausend-Pfund-Koloss auf sie zupreschte. Fast war das Pferd heran.
Hinter ihr schrie ihre Mutter, schrien Frauen und Kinder in rasender Panik. »Sirany. Sirany, lauf«, meinte sie zu hören. Sirany verschloss ihre Ohren. Zum Laufen war es nun zu spät. Gerade als sie meinte, die ersten Schweißperlen von Pferd und Reiter abbekommen zu haben, lag der Pfeil richtig auf dem Bogen. Sirany hob ihn, zielte … und ließ das tödliche Geschoss fliegen.
Das Pferd war schon zu nahe, als dass sie den Reiter hätte treffen können. Der Pfeil verfehlte dennoch nicht das Ziel.
Mit einem dumpfen Laut schlug er in der Kehle des Pferdes ein. Fast in der gleichen Sekunde brach das riesige Tier in den Vorderläufen ein und begrub seinen Reiter mit seinem schweren Leib unter sich.
Sirany verlor keine Zeit. Keine Zeit zum Jubel, keine Zeit zum Durchatmen. Sie wirbelte herum und rannte um ihr Leben. Schon hörte sie weiteren Hufschlag hinter sich. Zeit für den nächsten Pfeil. Im Lauf legte sie ihn auf, spannte die Sehne des Bogens, blieb stehen, atmete kurz durch, einmal, zweimal, zielen, zielen, jetzt! Der Pfeil flog – und traf den Reiter. Er stürzte schwer und blieb reglos liegen.
Rückwärtsgehend lud Sirany ihre Waffe und arbeitete sich dabei Stück für Stück Richtung Wald voran. Sie wusste, dass sie verloren war, sollte sie jemals ihr Ziel nicht treffen.
Jetzt war nur noch ein einziger Reiter übrig. Er war schnell und duckte sich tief über den Hals seines Tieres. Sie konnte das Weiß in den Augen des Pferdes sehen, den Schweiß auf seiner Haut riechen.
Als der Pfeil sich von der Sehne löste, spürte Sirany bereits, dass sie zu tief gezielt hatte. Er traf den braunen Hengst und verwundete ihn leicht.
Sirany blieb stehen und legte wie in Trance ihren Bogen zu Boden, wartete auf das Herannahen des Pferdes. Sie sah das Schwert seines Reiters aufblitzen, als dieser es hoch über seinen Kopf hob. Er holte Schwung für den tödlichen Schlag, ließ die Klinge herabsausen.
In dem Moment tauchte Sirany unter dem Schlag hinweg. Elendar hatte ihr vor langer Zeit diesen Trick gezeigt und ihr dabei anvertraut, dass für den Erfolg eine große Portion Glück vonnöten war. Sirany konnte nur beten, dass sie dieses Glück hatte.
Fast geschmeidig zog sie ihr Messer, drehte sich um die eigene Achse und rammte die Klinge mit all ihrer Kraft in den Bauch des Pferdes. Das Tier wieherte schrill und bäumte sich auf. Dann brach es mit einem dumpfen Schlag in sich zusammen.
Die Erde bebte, als es aufschlug. Ärgerlicherweise hatte sich der Reiter rechtzeitig in Sicherheit gebracht. Er rollte sich geschickt ab und sprang auf die Füße. Langsam hob er sein Schwert, schwer atmend, mit wutverzerrter Miene. Sekunden später lächelte er plötzlich, als hätte er sich selbst einen Witz erzählt. Ihm stand eine junge Frau mit einem Messer gegenüber. Einem Messer. Das konnte doch nicht ihr Ernst sein.
Sirany war klar: Einen Zweikampf konnte sie nicht gewinnen. Das wusste sie und das wusste ihr Gegner. Das Messer in ihrer Hand wurde feucht von ihrem Angstschweiß. Sie wich vor dem Shari zurück, ihr Herzschlag hämmerte gemeinsam mit dem bösen Lachen des Kriegers in ihren Ohren.
Sirany hatte keineswegs vor, sich in diesen Nahkampf verwickeln zu lassen. Sie brauchte lediglich etwas Abstand, um besser zielen zu können. Dann wechselte sie blitzschnell den Griff um ihr Messer und schleuderte es mit aller Kraft auf ihren Gegner.
Es traf ihn mit der Klinge voran direkt in der Brust. Ein ungläubiges Keuchen entrang sich seiner Kehle, als der Getroffene begriff, was geschehen war. Augenblicklich verdrehte er die Augen, brach in die Knie und blieb reglos in dem sich rot färbenden Gras liegen.
Sirany blieb wie betäubt im kalten Wind der Nacht stehen. Ihre Glieder zitterten vor Angst. Die Panik kam erst jetzt in ihr hoch und krallte sich in ihre Kehle.
Als sie Schritte hinter sich hörte, drehte sie sich nur langsam in diese Richtung. Im Falle eines Sharis hätte sie ohnehin keinerlei Waffen mehr gehabt, um sich zu wehren.
Stattdessen sah sie Elendar, der müde zu ihr den Hang hinaufkam. Blut klebte auf seiner Haut, in seinen Haaren. Die Klinge seines Schwertes glänzte nicht silbern, sondern rot.
»Mir scheint, du hattest einen guten Lehrer«, sagte er müde.
Sirany löste sich endlich aus ihrer Starre und rannte zu ihm. Er fing sie erleichtert auf und brach zusammen mit ihr auf dem kleinen Hügel in die Knie.
Voller Erleichterung, dass sie noch lebte, legte er den Kopf in den Nacken und blickte zu den schimmernden Sternen hinauf. Inbrünstig dankte er demjenigen, der sie in diesen Sekunden vor dem Tod bewahrt hatte.
Elendar vergrub seine Hand in Siranys dichten Haaren und streichelte ihren Rücken mit der anderen. Sanft küsste er ihre Stirn. Sie zitterte wie Espenlaub und hielt ihn umklammert, als wollte sie ihn nie wieder loslassen. Tränen rannen ihr die Wangen hinunter, tropften auf seine nackte Haut und versickerten dort.
Schließlich drückte Elendar sie von sich fort. Er umfasste ihr schmales Gesicht mit seinen Händen und wischte mit den Daumen die Tränen weg. Dann blickte er ihr tief in die Augen.
»Hör mir jetzt gut zu. Die Gefahr ist nicht vorüber. Bleibt im Wald, versteckt euch so tief in den Wäldern, wie ihr nur könnt. Wenn das Heer hier durchmarschiert und die Toten entdeckt, wird man euch dafür zur Verantwortung ziehen. Um die Leichen zu verstecken, bleibt uns keine Zeit, deshalb können wir nur darauf vertrauen, dass der Heerführer sich nicht weiter mit der Sache beschäftigt.«
Elendars Herz war schwer, als er aufstand und Sirany mit sich zog.
»Pass auf dich auf.«
»Wohin gehst du?«
»Ich muss zurück zum Heer. Wenn ich nicht bald wieder auftauche, wird mein Verschwinden auffallen. Man darf mich nicht mit eurer Warnung in Verbindung bringen, hörst du? Sonst ist mein Volk verloren. Sag das auch deinen Leuten.«
Er blickte Sirany mahnend an, bis sie nickte. Elendar hätte die junge Frau gern geküsst und ermahnte sich selbst. Er war sich nicht sicher, ob er sie sonst jemals wieder loslassen konnte.
Deshalb machte er sich rasch von ihr frei und wollte den Hügel hinabeilen, doch sie hielt ihn mit einer Hand auf.
»Warte.«
Sie strich ihm einige Haarsträhnen zur Seite und betrachtete sein blutiges, zerschundenes Gesicht. Sanft fuhr sie mit dem Zeigefinger über seine Wange und berührte seine Lippen. Er umfasste ihre Hand, beugte sich zu ihr hinunter und küsste sie leidenschaftlich.
Es war nicht so, dass zwei Menschen einander einfach küssten.
Dieser Kuss bedeutete viel mehr, war es ein Kuss zwischen einem Assaren und einer Farreyn. Ein Kuss, der zum ersten Mal diese beiden Völker miteinander verband und zu einer Einheit zusammenschloss.
Es war ein inniger Kuss von Menschen unterschiedlicher Herkunft, die bisher einander mit Missachtung gegenübergestanden hatten und sich plötzlich auf einer gemeinsamen Seite wiederfanden.
Es war ein leidenschaftlicher Kuss voller Hoffnung und Liebe.

Als Sirany den Wald betrat, herrschte um sie herum Stille. Selbst die Bäume schienen den Atem angehalten zu haben und die Nachttiere waren längst vom Lärm der Menschen vertrieben worden.
Sirany traf unweit des Waldrandes auf ihre Mutter. Neben ihr stand die junge Frau mit den drei Kindern und starrte sie an. Natürlich hatten beide die Szene auf dem Hügel mit angesehen.
Aileen sagte nichts, sondern hob nur das kleine Mädchen wieder auf ihre Hüfte und trat tiefer in den Wald. Die anderen Frauen folgten.
Für Sirany bedeutete jeder Schritt, sich weiter von Elendar zu entfernen. Doch es musste sein. Er musste zurückkehren und sie musste fliehen. Keiner von beiden konnte daran etwas ändern.
»Hat er alle Reiter vernichtet?«, fragte Aileen nach langer Zeit in die Nacht hinein.
Ihre Stimme klang fast ein bisschen irre, übergeschnappt. Sie zitterte leicht.
»Bis auf die drei, die ich erledigt habe, alle.«
Sirany sagte es in einem leichten Ton. Innerlich drehte sich ihr der Magen um. Sie hatte Menschen getötet. Es waren zwar ihre Feinde, doch hatte niemand einen solchen Tod wirklich verdient.
Ihre Mutter warf ihr einen scharfen Blick zu. »Hat er dir das Schießen beigebracht?«
»Ja.«
»Dann hat er auch diese drei auf dem Gewissen.«
Sirany wollte erst protestieren, denn ihre Mutter klang, als wolle sie Elendar Vorwürfe machen, aber Aileen sprach bereits weiter. »Und er hat damit unser aller Leben gerettet. Dafür sollten wir dankbar sein.«
Sie tappten fast zwanzig Minuten halb blind durch den Wald, bis sie endlich auf eine Gruppe anderer Dorfbewohner trafen. Gemeinsam gingen sie weiter, tiefer in den dunklen Bauch des Waldes.
Sirany wurde in dieser Zeit fast verrückt vor Angst. Sie bangte um die Menschen, die hierher geflohen waren und sich nun verstecken mussten. Sie hatte Angst vor der nahenden Reiterschar und fürchtete um ihr Dorf und ihr Vieh. Vor allem sorgte sie sich um Elendar, der zu den Leuten zurückkehren musste, die sie alle hatten umbringen wollen.
Irgendwann fand Sirany in dem undurchdringlichen Dickicht ihren Vater. Erleichtert umarmten sie einander. Sarn gab erst seiner Tochter einen kurzen Kuss auf die Stirn, danach küsste er innig seine Frau.
Die Nacht zog sich dahin, bis der Morgen graute und die ersten Vögel vorsichtig ihr Lied anstimmten. Schatten wurden zu Ästen und Dunkelheit zu Licht. Das Leben kehrte in den Wald zurück.
Mit jedem Baum, den Sirany im Licht besser erkennen konnte, wurde sie zugleich unruhiger. Sie spürte das Herannahen des Heeres und wusste, dass ihr Leben weiterhin in Gefahr war. Deshalb trieb sie die kleine Schar zu noch größerer Eile an, bis alle vor Erschöpfung zitterten.
Als der Tag schließlich in seiner vollen Blüte erwacht war, suchten sich die Flüchtenden gute Verstecke im Dickicht und warteten auf das Kommende.
Sekunden verstrichen und wurden zu Minuten, Minuten zu Stunden. Das ewige Warten lastete schwer auf den Nerven der Menschen, an Schlaf war in ihrer Angst ohnehin nicht zu denken.
Plötzlich richtete sich Sirany erschrocken auf und streckte den Kopf in den Wind.
»Rauch«, flüsterte sie entsetzt. Alle anderen schnupperten nun ebenfalls und rochen Qualm, brennendes Holz, tosende Flammen. »Sie fackeln den Wald ab.«
Die Erkenntnis brachte die Menschen wieder auf die Beine. Zwar war der Geruch bisher nur schwach, doch von Sekunde zu Sekunde verdichtete er sich mehr und begann bereits in ihrer Lunge zu brennen. Dann sah Sirany die ersten Flammen über den Baumwipfeln aufleuchten.
»Der Wind treibt das Feuer direkt auf uns zu.« Sarn fuhr sich nervös durch das Haar. »Wir müssen hier weg.«
Nach diesen Worten folgte eine wilde Flucht quer durch den Wald. Ein Wettrennen begann, in dem diesmal nicht die Menschen vor ihresgleichen flüchteten, sondern vor einer Macht, der sie noch weitaus hilfloser ausgeliefert waren.
Das Prasseln der Flammen grollte nun in den Ohren der Dorfbewohner, übertönte jedes weitere Geräusch und ließ die ganze Welt um sie herum in einem Meer aus Angst und Panik verschwinden. Hitze lechzte nach ihren Kleidern; Rauch brannte in ihren Augen, verstopfte ihre Münder und lähmte ihre Lungen.
Verzweifelt versuchten sie dem Feuer aus dem Weg zu gehen, doch es ließ keinen Platz zur Flucht. Unbarmherzig trieb es sie vor sich her, bestimmte jede Richtung.
Nach und nach verloren sie einander aus den Augen, Qualm und Rauch verschluckte sie. Nur ihre verzweifelten Schreie übertönten das Knacken brennender Büsche, Sträucher und Bäume.
Sirany hielt die Hand ihrer Mutter fest umklammert und stolperte vorwärts. Ihre Instinkte sagten ihr, dass hier ein Nebenfluss herführen musste. Darin hatten Elendars Männer ihre Wäsche gewaschen und ihr Trinkwasser geholt.
Die kleine dreiköpfige Familie blieb dicht beisammen, zusammengehalten durch das feste Band ihrer Hände. Die Angst verlieh ihren Füßen Geschwindigkeit, ließ sie über Wurzeln und Stämme hinwegeilen und den Schmerz ignorieren, der in ihren Lungen brannte.
Endlich erreichten sie den Fluss. Er war an manchen Stellen tief, das wusste Sirany. Sein Strom führte direkt aus dem Wald hinaus, parallel zur Feuerfront. Die einzige Möglichkeit, sich retten zu können.
Keiner der drei zögerte lange. Sie stürzten sich in den Fluss, eilten bis zu seiner Mitte und wateten von dort am Ufer entlang. Das Feuer tobte nun seitlich und hauchte den Menschen seinen heißen Atem entgegen.
Je weiter sie gingen, desto tiefer wurde der Fluss. Das Ufer wurde steiler, türmte sich höher vor ihnen auf und schirmte sie dadurch immer mehr von den brennenden Bäumen ab.
Anfangs hatte das Wasser Sirany nur bis zur Wade gereicht, schließlich bis zum Oberschenkel, zur Hüfte … und jetzt zerrte die Strömung so heftig an ihr, dass es sie von den Füßen riss. Neben ihr verlor erst ihre Mutter, dann ihr Vater den Halt und die Strömung trug sie fort, vorbei an heulenden Feuerstürmen, zerberstenden Bäumen und stinkenden Büschen.
Und dann, auf einmal, war es vorbei. Sie waren der Flammenhölle entkommen. Der Fluss hatte sie geradewegs durch das Herz des brennenden Waldes geschwemmt und sie am äußeren Rand wieder ausgespuckt, hinein in eine Flussmündung, die nicht mehr von Bäumen umgeben war.
Nass und erschöpft, wie sie waren, zogen sie sich ans trockene Ufer und starrten den brennenden Wald an. Der türmte sich wie ein riesiges, rot glühendes Ungeheuer vor ihnen auf. Aus seinem Mund stieg grauer Rauch auf und verdunkelte die Sonne.
Sirany und ihre Eltern zögerten lange hinaus, zurück ins Dorf zu gehen. Der Weg war lang und möglicherweise gefährlich. Nach weiteren Stunden war der Lärm des Heeres verschwunden, das Klirren der Waffen und das Wiehern der Pferde fort. Es war weitergezogen.
Also ging es für die kleine Familie zurück, quer durch den Fluss, gegen die Strömung, vorbei an rauchender Asche und toten, verbrannten Tieren. Als sie in ihr Dorf kamen, sah es dort nicht viel besser aus.
Einige Häuser brannten lichterloh, die Scheune zum Beispiel und auch die Mühle. Andere waren nur noch verkohlte, rauchende Ruinen.
Schweigend standen die drei da. Sirany und Aileen hatten Tränen in den Augen und doch konnten sie sich nicht abwenden. Ihre Lebensgrundlage, das, wofür sie so hart gearbeitet hatten, ging langsam und unaufhaltbar in Rauch auf.
Viele Stunden später gesellten sich die nächsten Überlebenden zu ihnen. Sie sagten nicht viel, standen nur da und beobachteten die tanzenden Flammen. Fast alle weinten. Gleichzeitig erfüllte sie auch eine große Erleichterung, noch am Leben zu sein.
Allmählich fragte sich Sirany jedoch, wie sie die nächsten Jahre in solch einem barbarischen Land überleben sollte. Sie erkannte ihre alte Heimat kaum noch wieder. Was kam noch auf sie zu? Was würde geschehen, wenn Elendar sie nicht mehr rechtzeitig warnen konnte?

Kapitel 12
In den nächsten Tagen begann die kleine Dorfgemeinschaft mit dem Wiederaufbau ihrer Behausungen. Es war seltsam, wie selbstverständlich die Menschen ihre alten Häuser abrissen, um sie durch neue zu ersetzen. Trotzdem würde es lange dauern, bis alles wieder stand.
Zum Glück hatten recht viele Farreyn die Feuersbrunst überlebt. Sirany und ihre Familie waren einige der letzten gewesen, die in den Wald geflohen waren. Sie hatten somit das Schlusslicht gebildet – die gefährlichste Position.
Niemand sprach über die Ereignisse. Sie schmerzten zu sehr in der Seele. Einige ahnten, dass der Fremde, der sie gewarnt hatte, ein Assar aus dem Wald gewesen sein könnte. Andere spekulierten ganz richtig, dass er wegen Sirany gekommen war, um sie zu retten. Seltsamerweise sprach sie niemand direkt darauf an. Sirany bat die Menschen lediglich, Stillschweigen zu bewahren. Wenn sie jemals wieder gewarnt werden wollten, so sagte sie streng, müssten sie ihren Retter vor einer Enttarnung schützen.
Am zweiten Tag nach dem Überfall sah Numa Kamu nach dem Rechten. Augenblicklich erstarrten alle Farreyn und blickten ihren Lehnsherrn ängstlich an. Es mochte gut sein, dass er sie noch bestrafen würde. Immerhin waren Soldaten der Shari in ihrem Dorf auf unerklärliche Weise getötet worden – und einen Shari zu töten war keine gute Idee. Das hatte grundsätzlich ein schauerliches Nachspiel.
Schweigend starrte Numa Kamu die Bauern an. Dreckig und verschlammt standen sie vor ihm, blankes Entsetzen in den Augen. Hinter ihm bauten sich seine Soldaten drohend auf, Waffen klirrten.
»Ich weiß nicht, was geschehen ist. Wenn ich es mir genauer überlege, möchte ich es auch gar nicht wissen«, sagte er schließlich ruhig. »Sollte so etwas jemals wieder geschehen, dann Gnade euch unser Gottkönig Alexej persönlich.«
Im ersten Moment wollten die Dorfbewohner erleichtert aufatmen, denn auf den ersten Blick ließ Numa Kamu noch einmal Gnade walten. Doch dieses Gefühl verging ihnen bei seinen nächsten Worten.
»Schnappt euch die drei Burschen dahinten. Die sehen kräftig aus und wirken so, als könnten sie unsere Unruhestifter sein.«
Unter viel Geschrei und Wehklagen bahnten sich die Soldaten einen Weg zwischen den verzweifelten Dorfbewohnern hindurch und packten die drei Angesprochenen. Es waren durchweg kräftige Kerle. Sirany erkannte sie als die drei Söhne des Schmiedes. Der Schmied selbst und seine Frau beobachteten mit erschrockener Miene das Geschehen. Erst als der erste Soldat einen seiner Söhne nach vorn stieß, ging der Vater dazwischen.
»Nein, mein Herr. Bitte. Sie haben nichts damit zu tun«, rief er, verstellte den Soldaten den Weg und hob flehend die Arme. Numa Kamu saß weiterhin ungerührt auf seinem Pferd. »Sie sind wirklich keine Kämpfer.«
»Ach nein? Und wer soll es dann gewesen sein?«, entgegnete der Lehnsherr und ließ prüfend seinen Blick über die Menge gleiten. »Vielleicht er da?« Er zeigte mit seiner Reitgerte auf den zitternden Bäcker. »Oder etwa sie dort?« Die gemeinte alte Frau entblößte kampfbereit ihren zahnlosen Mund und wirkte nicht einmal im Ansatz eingeschüchtert.
»Wir brauchen die Söhne des Schmiedes«, hörte sich Sirany plötzlich selbst sagen. Augenblicklich wandten sich ihr alle Augen zu. »Ohne sie werden wir das Dorf nicht wieder aufbauen können. Ohne ein Dach über dem Kopf werden wir Euch die nächsten Abgaben auf jeden Fall schuldig bleiben.«
»Das dürfte dann euer Problem sein.«
Numa Kamu musterte das dreckverschmutzte Ding vor den Füßen seines Pferdes und befand es als hässlich und eklig. Sirany sah im Moment wirklich nicht nach sich selbst aus. Die Haare waren versengt und struppig, das Gesicht von Müdigkeit und Schrecken gezeichnet. Dunkle Ringe unter den Augen ließen sie um Jahre älter aussehen und das Kleid, das sie trug, war so schmuddelig und zerrissen, dass man es kaum noch als Kleid bezeichnen konnte.
»Es wird Euch wenig nützen, wenn Ihr uns alle zur Strafe hinrichten lasst oder was Euch dann einfallen mag. Die Abgaben werden dadurch auch nicht größer.«
Der Blick, den Numa Kamu ihr nun zuwarf, ging ihr durch Mark und Bein. »Nun, du Besserwisserin, wenn du so allwissend bist, erzähl mir gefälligst, wer außer den drei Burschen sharische Soldaten getötet haben könnten.«
»Ich weiß es nicht«, log Sirany und allmählich begann ihr Herz unruhig zu schlagen.
Ihre Mutter hatte sich längst vor Schreck neben ihr verkrampft und ihr Vater war unauffällig in Kampfstellung gegangen. Von den Dorfbewohnern durfte sie keine Hilfe erwarten. Die starrten sie alle nur mit großen Augen an.
»Ein Wanderer kam hierher und hat erzählt, er habe einen Trupp Reiter gesehen, die in schnellem Galopp näher kämen. Sie hatten angeblich Schwerter mit und sollten nicht sehr freundlich aussehen. Also sind wir geflohen. Mehr weiß ich nicht.«
»Ein Wanderer? Soso.« Numa Kamu wirkte nicht überzeugt, nur mäßig neugierig. »Und wie sah der aus?«
»Dreckig, klein, zerzaust. Vielleicht ein Niehre.« In Gedanken entschuldigte sie sich bei allen Wanderern aus dem Land der Niehren für die kommenden Unannehmlichkeiten. »Trug braune Hosen, war zu Fuß, hatte ein schwarzes Hemd an. Bewaffnet war er mit Pfeil und Bogen und einem Schwert.«
Numa Kamu schien sie mit seinen Blicken zu durchleuchten, dann ließ er seinen Blick über die zusammengeschmolzene Bauernschar schweifen. »Nun gut. Sei es drum. Ihr werdet mir ohnehin nicht verraten, was hier geschehen ist. Aber ihr könnt sicher sein, dass ich das herausfinden werde.« Mit einem Nicken bedeutete er den Soldaten, die drei Schmiede loszulassen. »Lasst sie hier. Sie sollen erst mit aufräumen helfen. Danach können wir sie uns immer noch holen.«
Ein letzter drohender Blick Richtung Dorfbewohner, dann zwang er sein Pferd herum und ritt zurück zu seiner einsamen Burg. Auf dem Weg dorthin blickte er seinen Ersten Offizier drohend an.
»Finde heraus, was wirklich geschehen ist. Niehren, pah.«
Verärgert spuckte er auf den Boden und wirkte mit einem Schlag nachdenklich und beunruhigt.
»Sorg dafür, dass ein paar Männer die Gegend nach einem einsamen Wanderer absuchen. Ansonsten versuch, die Wahrheit aus den Dorfbewohnern herauszuquetschen. Geh bedächtig zur Sache. Keine Toten, sonst werden die nur bockiger. Ich kenn das Pack. Wenn du die unter Druck setzt, werden die noch loyal zueinander. Gemeinsamer Feind und so ein Schwachsinn. Das ist das Letzte, was wir brauchen. Geh listig vor und beeil dich dabei. Der König ist aufs Höchste verärgert über diesen Vorfall und erwartet eine Erklärung.«
Der angesprochene Soldat nickte ernst.
Zen Narim war ein fähiger Mann, der stolz auf seinen Posten als Erster Offizier war. Er enttäuschte seinen Herrn niemals und somit enttäuschte er ihn auch jetzt nicht.
Es dauerte keine zwei Tage, da hatte er jemanden aus dem Dorf gefunden, der ihm Erklärungen gab. Loyalität hatte grundsätzlich ihren Preis und man konnte sie sich schnell erkaufen. Der Verräter erzählte eine Geschichte von einem Assaren und einem Mädchen aus dem Dorf.
Die Neuigkeiten, die Zen Narim daraufhin seinem Herrn erzählte, zauberten ein erfreutes Lächeln auf Numa Kamus Gesicht. Rasch schrieb er einen Brief und sandte diesen unverzüglich seinem König zu. Der las ihn wenig später mit dem gleichen Interesse.
Im Gegensatz zu Kamu verdunkelte sich jedoch seine Miene vor Ärger. Alexej war sofort klar, um wen es sich bei dem Mann handelte. Gleichzeitig wunderte er sich über Elendars unvorsichtiges Handeln.
Als er weiter darüber nachdachte, begann sein Herz vor Freude wild zu schlagen. Zum ersten Mal in der langen Zeit seit Elendars Gefangenschaft hatte der König eine Lücke in dem undurchdringlichen Panzer des Assaren gefunden.
Er hatte sich verliebt. Das war die gesuchte Schwäche, mit der Alexej beabsichtigte, ihn ein für alle Mal in die Knie zu zwingen.
Mit Elendars Schwester hatte er keinen Erfolg gehabt. Aber mit dem Mädchen, das Elendar offensichtlich so liebte, dass er unvorsichtig wurde, hatte er hoffentlich bessere Chancen.
Alexej verfasste zwei Briefe. Den einen schickte er an Numa Kamu mit der Bitte, das Mädchen in seine Gewalt zu bringen. Er solle es festhalten, bis er, der König höchstpersönlich, nach ihm sehen würde.
Den anderen Brief schickte er an Samell Mi, den Oberbefehlshaber seiner Streitkräfte im Norden. Er befahl ihm, unverzüglich den Anführer der Assaren, Elendar Assaim, zurück nach Farreyn zu schicken. Der König persönlich beabsichtige, sich mit ihm zu treffen. Sofort. Augenblicklich. Unverzüglich.

Und so begannen sich die Mühlen der Shari zu bewegen. Sie bereiteten sich unauffällig darauf vor, gleich zwei Leben ein für alle Mal in ihren Fängen zu zermalmen. Noch ahnte keiner der beiden etwas von dem drohenden Unheil, doch als Elendar den Befehl erhielt, zurück zu Numa Kamus Festung zu reiten, wusste er Bescheid.
Der Verdacht war auf ihn gefallen. Jetzt konnte er nur hoffen, dass Sirany unentdeckt blieb.
Sirany hingegen wurde an dem Tag, an dem Numa Kamu den Brief des Königs erhielt, verhaftet. Der Spitzel hatte ihren Namen verraten. Gleich zehn Soldaten klopften an ihre Haustür und drängten ihren Vater zur Seite, als dieser öffnete. Sie stürmten in das Haus, packten die völlig überraschte Sirany und schleiften sie aus ihrem Heim.
Sich zu wehren hatte keinen Sinn und somit ergab sie sich kampflos in ihr Schicksal, begleitet von den verzweifelten Schreien ihrer Mutter.
Man fesselte ihre Arme mit Stricken und führte sie hinauf in die Burg des Lehnsherrn. Sie passierten das riesige Eingangstor mit seinen vier Wachen, überquerten den dahinter liegenden Hof und betraten das dunkle Gebäude mit seinen kalten, tristen Mauern. Ihre Schritte hallten wie tot auf dem reglosen uralten Stein, echoten in den engen Gängen des Gebäudes eine Weile herum und verklangen ungehört tief unten in den Kerkern.
Sirany wurde in den Saal geschleift und da, am anderen Ende des riesigen, fast leeren Raumes, auf einer Art Rampe, stand Numa Kamu und wartete auf sie. Er entblößte vor Freude eine Reihe halb verfaulter Zähne. Was für eine Perle, dachte er für sich. Was für ein schönes Ding, das da zu meinen Füßen auf dem eisigen Boden hockt.
Er kannte das Mädchen nicht, da war er sicher. Dass es die Besserwisserin aus dem Dorf war – auf die Idee kam er nicht. Langsam stand er auf und kam zu ihr hinunter.
»Wie schade, dass ich dich nicht anrühren darf. Der König hat es verboten.« Er grinste böse. »Kein Grund, dich zu freuen. Unser Gottkönig persönlich kommt hierher, um sich deiner anzunehmen.«

Elendar erreichte in Rekordtempo das Schloss. Er hatte seinem neuen Pferd alles abverlangt und entschuldigte sich in Gedanken bei dem Tier, als er es halb tot bei einem Diener in Pflege gab.
Prüfend ließ er seinen Blick über den Burghof gleiten und konnte nichts Aufschlussreiches finden. Der Hof war ein bisschen zu sauber, und es standen ein wenig mehr Soldaten herum als gewöhnlich. Außerdem war der Stall mit mehr Pferden als sonst gefüllt. Ein Anzeichen dafür, dass gerade eine größere Gruppe Reiter angekommen war.
Insgeheim wünschte er sich nichts sehnlicher, als dass er wegen etwas ganz anderem hierherbeordert worden war. Irgendetwas Nerviges, das sich Alexej wieder einmal hatte einfallen lassen, nur um den Assaren zu ärgern. Irgendetwas. Nur nichts, was mit Sirany zu tun hatte.
Wenn sich jedoch der König höchstpersönlich aufmachte, um hierherzureiten, musste es um mehr gehen als nur um ein wenig Zankerei zwischen zwei Erzfeinden. Alexej plante etwas und daraus konnte niemals etwas Gutes für die Assaren erwachsen.
In Gedanken betend folgte er einem der zahlreichen Diener. Der schmächtige kleine Mann wirkte verschüchtert und ängstlich. Er war wenig begeistert davon, einem der gefürchteten Assaren den Weg zu geleiten. Elendar, an diese Art von Behandlung bereits gewöhnt, bemerkte das seltsame Verhalten nicht einmal. Schweigend folgte er dem Mann auf einen Gang nach dem nächsten und straffte sich mit jedem Schritt.

Alexej hingegen pfiff fröhlich ein Liedchen vor sich hin, während er sich auf das bevorstehende Treffen vorbereitete. Gut gelaunt zog er seine Lieblingstunika an, knotete mit flinken Fingern seinen Gürtel und setzte sich mit Schwung die Krone auf. Dann starrte er einen Moment sein Spiegelbild an. Es grinste ihn mit blitzenden Zähnen breit an.
Gut gemacht, schien es zu sagen. Heute ist es so weit. Heute wirst du den Assaren in die Knie zwingen.
»Den heutigen Tag wirst du, Elendar, bis in alle Ewigkeiten verfluchen«, flüsterte der König zwischen gebleckten Zähnen hindurch.
Selbst ihm fiel der leicht wahnsinnige Ausdruck in seinen Augen auf. Er scherte sich nicht darum. Er war König, sogar Gottkönig! Jeder Mann in solch einer Position war ein wenig verrückt. Das brachte die Macht mit sich – und die vielen Momente des Triumphs.
Es klopfte und sein Sohn trat herein. Alexej sah im Spiegel, wie Raell ihn kurz musterte und sich jeden Kommentar verkniff.
»Du siehst blass aus, mein Sohn«, stellte Alexej fest und drehte sich mit Schwung um.
Dann breitete er die Arme aus.
»Wie sehe ich aus?«
»Wie ein König.«
»Gut.« Alexej grinste wieder breit und in Raells Brust wuchs ein dicker Sorgenknoten heran. »Dann kann es gleich losgehen.«
»Willst du mir nicht endlich sagen, was du überhaupt planst?«
Wieder ein breites Grinsen und ein besorgniserregendes Glitzern in den Augen seines Vaters. »Das ist eine Überraschung. Nur so viel sei gesagt. Heute ist der Tag der Abrechnung gekommen.«
Leise glucksend trat der König an seinem Sohn vorbei und stolzierte aus der Tür.
Sirany verstand die Welt nicht mehr. In einer Sekunde saß sie noch neben ihrer Mutter, in der nächsten stand sie ihrem Lehnsherrn gegenüber, der sie nicht anrührte, sie aber wie ein Stück Dreck behandelte. Er sperrte sie in einen schäbigen kleinen Kellerraum, setzte ihr trockenes Brot und etwas Wasser vor und ließ sie allein. Die ganze Nacht hindurch lehnte sie an der kalten Wand, zitterte und fror ganz erbärmlich. Kaum war die Sonne aufgegangen, ging ihre Tortur weiter.
Drei Frauen kamen zu ihr, rissen ihr die Kleider vom Leib und zogen ihr einen braunen Kittel an. Der erinnerte sie verdächtig an die Kleidung einer Küchenmagd. Eine der drei verwuschelte ihr noch mehr das Haar, dann traten alle drei zurück und betrachteten ihr vor Angst bebendes Werk.
»Schau mich nicht so herausfordernd an«, sagte die Erste zu Sirany. Sie hatte triste graue Augen und nur drei schiefe Vorderzähne im Mund. Ihr Atem stank zum Himmel und ihre Kleidung roch nach ranzigem Fett.
»Sie hält sich wohl für was Besseres«, bekräftigte die Zweite. Auch sie starrte vor Schmutz und ihre strähnigen braunen Haare hingen ihr wie tote Würmer ins Gesicht.
»Wir sollten ihr eine Lektion erteilen«, erklärte die Dritte. Ihre Augen glühten vor Grausamkeit, wie Sirany entsetzt erkannte.
Ehe Sirany reagieren konnte, hatte die Dritte ihr eine schallende Ohrfeige versetzt. In ihrem Ohr dröhnte der unverhoffte Schlag noch lange nach.
»Schon besser«, erklärten nun alle drei. Die Erste grinste böse. »Du steckst ganz schön in der Klemme, meine Kleine. Zeit, zu deinem verbotenen Gott zu beten. Oder flehe unseren Gottkönig an, dich zu erhören. Leider befürchte ich, dass du ihn mächtig erzürnt hast.« Ihr grässliches Lachen dröhnte in Siranys Ohren wie das schrille Gekreische einer Hexe.
»Zum Beten ist es ohnehin zu spät«, ergänzte die Dritte. Sie hob wieder die Hand, offensichtlich, um ihr Werk ein wenig auszuschmücken. Diesmal war Sirany darauf gefasst.
Sekunden später verwandelte sich der kleine Kellerraum in einen Käfig voller kreischender, keifender und brüllender Frauen. Sirany setzte sich zur Wehr.
Am Ende mussten drei Wächter den Kampf beenden. Sirany sah danach aus, als wäre sie einmal durch den Fleischwolf gedreht worden. Aber trotz ihrer bestialischen Schmerzen war sie zufrieden mich sich. Ihre drei Gegnerinnen sahen nicht minder mitgenommen aus.
Diejenige, die nach Fett stank, hatte nun keinen einzigen schiefen Zahn mehr, sondern jede Menge Blut im Mund. Die zweite mit den strähnigen Haaren hatte um einiges weniger Haare auf dem Kopf und die Grausame würde aus ihren zugeschwollenen Augen so schnell niemanden mehr gehässig anstarren können.
Einer der Wächter stieß Sirany unsanft aus dem Raum, rief den drei wutschnaubenden Weibern etwas sehr Unfeines zu und zerrte die sich windende junge Frau die Gänge entlang. Dann ließ er sie kurz vor einer Tür warten und stieß sie gleich darauf hindurch. Sirany taumelte, versuchte sich zu orientieren – und wurde hart vom nächsten Wächter auf die Knie gezwungen.
»Wie gewünscht, die Farreyn, mein Herr.«
Sirany wollte instinktiv aufblicken. Nur ein kurzer Blick, um zu schauen, wer ihr gegenüberstand. Doch für diese Dreistigkeit erhielt sie eine heftige Kopfnuss. Die Warnung saß. Sie hielt den Blick gesenkt und blickte geradewegs auf zwei rote Stiefel, die so auf Hochglanz poliert waren, dass sie nur von einem Edelmann stammen konnten.
»Das ist sie?«
Ihr Gegenüber klang nicht gerade begeistert.
»Ja, mein König.«
Sirany wurde schwindelig vor Angst. Tatsächlich passten die roten Schuhe perfekt zu ihrer Vorstellung von einem selbstherrlichen, herausgeputzten König. Aber wenn ein König vor ihr stand und der König der Farreyn schon lange tot war, konnte hier nur …
»Ein bisschen unscheinbar, die Kleine«, erklärte Alexej just in diesem Moment genüsslich, packte Siranys Haare und riss ihren Kopf hoch.
Ein Blick aus grauen Augen huschte prüfend über ihr geschwollenes, aufgeplatztes Gesicht. »Ich hätte Elendar mehr Geschmack zugetraut.«
Oh Elendar, dachte Sirany verzweifelt. Wie sehr hast du dich geirrt! Er hatte ihr versichert, niemals dem König gegenüberstehen zu müssen. Und jetzt das. Ihr wurde mit einem Schlag übel. Der Gestank von drohender Gefahr schwebte wie ein Pesthauch im Raum. Was immer jetzt kommen mochte, es würde für sie beide ausgesprochen grausam werden.
Alexej ließ sie los, grinste breit und ging fort, ließ Sirany als zitterndes Bündel zurück. Sie wusste, dass ihr Leben von nun an nicht mehr dasselbe sein würde und versuchte sich so gut es ging zu wappnen. Doch auf das, was sie erwartete, hätte sie niemand vorbereiten können.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.