Kitabı oku: «Aber die Nacht ist noch jung»

Yazı tipi:

Über das Buch

Flitterwochen, die Geburt des ersten Kindes, eine wilde Nacht in einem Club – drei Stationen im Leben einer Frau verwebt Liat Elkayam zu einem dichten Roman, der von der Sehnsucht nach Jugend erzählt, vom Glanz und vom Elend, heute in einem weiblichen Körper zu stecken.

Liat Elkayam erzählt in diesem herausragenden Roman von drei Stationen aus dem Leben einer Frau, die hofft, worauf wir alle hoffen, auf die großen Momente im Leben, in denen sich zeigt, dass wir die richtigen Entscheidungen getroffen haben. Doch das reale Leben schiebt sich wie ein Zerrspiegel vor das gewünschte. Oder ist es andersrum? Vier Uhr morgens am Strand von Tel Aviv. Die Hochzeitsparty ist vorbei, die Füße schmerzen, der Whiskey war gut, nur wo ist der Hotelzimmerschlüssel? Bei der jungen Frau schleichen sich erste Zweifel an der Ehe ein. Vielleicht, denkt sie sich, kehrt die Magie in den Flitterwochen zurück?

Als einige Jahre später ihr Kind zu früh und mit Kaiserschnitt auf die Welt kommt, ist das erhoffte mütterliche Glück überlagert vom Piepen der Kontrollmaschinen, der Angst um das Baby im Brutkasten und ihren eigenen körperlichen Schmerzen. Sie fängt an, ein »Tagebuch der Erniedrigung« zu führen.

Mann, Kind und Erfolg im Beruf – mit vierzig kann das doch nicht schon alles gewesen sein. In einer langen Nacht in einem angesagten Club lockt ein Seitensprung. Die Nacht ist ja noch jung!

Mit diesem so einfühlsamen wie schonungslos ehrlichen, lakonischen Roman erkundet Liat Elkayam, wie wir uns in unserer Sehnsucht nach ewiger Jugend, nach Vollkommenheit und Effizienz verstricken und damit Gefahr laufen, uns selbst zu verlieren.

Die Autorin

Liat Elkayam, 1975 in Tel Aviv geboren, studierte u.a. Bildende Kunst, Jura, Philosophie und Drehbuch. Sie war Redakteurin der Literaturbeilage von Haaretz, für die sie heute eine Kolumne schreibt. 2015 erhielt sie das Berlin-Stipendium der Akademie der Schönen Künste. Aber die Nacht ist noch jung wurde 2019 mit dem Preis des israelischen Kultusministeriums für das beste Debüt ausgezeichnet. Sie lebt mit ihren zwei Töchtern in Tel Aviv und lehrt Journalismus und Kreatives Schreiben am Sapir College.

LIAT ELKAYAM

ABER DIE NACHT
IST NOCH JUNG

ROMAN

AUS DEM HEBRÄISCHEN

VON GUNDULA SCHIFFER

VERLAG ANTJE KUNSTMANN

Für Zoë, meinen Augapfel

FLITTER

Sie war überglücklich, dass sie die Hochzeit hinter sich hatte. Der ungeschmückte Wagen hielt vor dem Hotel am Ende der Promenade. Sie stiegen aus, und er umarmte zum Abschied den Fahrer, seinen besten Freund. Sie hatte gute Lust, den Freund, der ihr die ganze Hochzeit über auf die Nerven gegangen war, anzuspucken, entschied aber, dass sich das nicht gut mit ihrem puderrosafarbenen Kleid vertrug. In der einen Hand hielt sie ihr Täschchen, in der anderen die silbernen Servierplatten mit den Resten vom Catering. Hätte sie eine dritte Hand gehabt, sie hätte sich auch noch die Stirn gehalten, die auf dem Boden aufzuschlagen drohte. Was ein Segen, dachte sie, dass sie sich die Haare nicht mit Tausenden Nadeln auftürmen hatte lassen, sonst hätte sie jetzt Stunden damit zu tun, die Nadeln wieder zu entfernen. Die sieben Gläser Whisky, die sie getrunken hatte, machten sich mit einem Prickeln in den Fingerspitzen bemerkbar.

Das Schönste am Brautsein war, dass sie ständig jemand gefragt hatte, ob sie etwas trinken wolle, woraufhin sie diesem bloß das Zauberwort »Whisky« zuraunen brauchte, um sofort mit einem Glas versorgt zu werden. Sie stürzte ihre Drinks in wohlüberlegten Intervallen von mindestens zwanzig Minuten hinunter. Weil sie genug aß und zwischen den Drinks immer wieder ein Glas Wasser trank, wurde ihr nicht übel. Auch das jahrelange Training half vermutlich dabei, dass sie sich nicht besinnungslos betrank. Sie grinste breit, leicht beduselt, aber nur ein kleines bisschen beschwipst. Sie erinnerte sich an eine Hochzeit, bei der sich die Braut auf der Toilette vollgekotzt hatte; an eine Hochzeit, bei der der Bräutigam in Ohnmacht gefallen war, sich den Kopf an der Treppe aufgeschlagen und die Lippe aufgerissen hatte; an eine, bei der sich der Vater des Bräutigams an die Mutter der Braut herangemacht hatte; und an eine, bei der der beste Freund des Bräutigams so viel blauen Whisky aus dem Flachmann gesoffen hatte, dass er vom Rand der Tanzfläche aus das ganze Steak in hohem Bogen auf das Parkett reiherte. Die Szenen hatten sich so sehr in ihr Gedächtnis eingebrannt, dass sie einen Vollrausch unbedingt vermeiden wollte.

Auf der Hochzeit hatte sie wie wild getanzt. Die Fotografin beschwerte sich nachher, man könne sie unmöglich erwischen, weil sie nicht mal für eine Sekunde nicht in Bewegung war (und der Satz, den sie hinterherschob, gab ihr einen Stich ins Herz: Und du blinzelst auch die ganze Zeit). Doch jetzt, hier in der Hotellobby, hielt sie einen Moment inne und atmete unter den Millionen wirbelnden Glitzerlichtern des riesigen Kronleuchters mehrmals tief durch.

Jonatan hielt ihre Hand nicht, als sie hineingingen, er war zu beschäftigt mit seinen Servierplatten voller Essensreste, beschwerte sich über sein zerknittertes Ralph-Lauren-Sakko, das er nur deshalb zu tragen bereit gewesen war, weil sie es sich gewünscht hatte. Im Aufzug stellte er sich vor den Spiegel, begutachtete sich kritisch, zog die Wangen ein wie ein Model und hielt sie so. Eine vertraute Geste. Jeden Morgen zog er die Wangen auf diese Art ein, nachdem er sich etwa dreißigmal gekämmt und sein Spiegelbild geprüft hatte; auch jedes Mal, wenn er fotografiert wurde, darum sahen seine Lippen auf Fotos immer aus wie zu einem kleinen, wulstigen 0 geschrumpft. Das Neonlicht gab seinem blassen Teint einen rosafarbenen Ton mit einem Stich ins Graue. Was für ein schrecklicher Fehler, dass sie ihm das pinkfarbene Hemd gekauft hatte, auch noch für sechshundert Schekel! Der V-Ausschnitt lag eng am Hals an, erwürgte ihn fast. Sie selbst war in einem noch viel schlimmeren Zustand, wie sie bei einem flüchtigen Blick in den Aufzugspiegel feststellte. Sie hätte besser nicht gewagt, genauer hinzusehen. Von der Schminke war kaum etwas übrig, nur wenige Partien ihres Gesichts hielten sich noch tapfer – ein kreisrunder Fleck beigen Make-ups um das linke Nasenloch, die akkurate und ebenmäßige Schicht auf der Stirn –, doch die roten Lippen waren aufgesprungen, und der Pickel am Kinn war zwar abgeklungen, aber die trockene, rissige Haut drumherum blätterte ab. Sie hörte, wie etwas leise auf den Boden des Aufzugs trommelte. Sie bückte sich und entdeckte lauter kleine Perlen, die sich von einem gerissenen Faden ihrer bestickten Vintage-Tasche gelöst hatten.

Als sie den mit einem meerblauen Teppich ausgelegten Korridor entlanggingen, dessen Ende im Licht des Vollmonds schimmerte, fragte sie sich, ob er sie wohl in seinem Armen über die Schwelle heben würde wie im Film. Vor der Tür ihres Hotelzimmers stellte sich heraus, dass ihre Schusseligkeit diese Option – sollte sie je bestanden haben – zunichte gemacht hatte. Im Trubel der nachmittäglichen Hochzeitsvorbereitungen, auf dem Höhepunkt des Dramas aus Schminken, Mutter, begleitender Freundin und dem unablässig vor sich hin bürstenden und schwatzenden Friseur, hatte sie keine Sekunde an den Zimmerschlüssel gedacht, und jetzt, wie Tausende Male zuvor in ihrem Leben, war sie sich nicht mehr sicher, ob sie ihn eingesteckt hatte. Sie standen vor der richtigen Tür, nur nicht auf der richtigen Seite. Er schaute sie an.

»Hast du den Schlüssel?«

Schlagartig wurde ihr klar, und ihm auch: Sie hatte ihn nicht.

Erschöpfung und Enttäuschung standen ihm ins Gesicht geschrieben, ihr auch, nur dass sie sich trotz allem zusammenriss, noch einmal Hoffnung schöpfte und in ihrer Handtasche kramte. Sie fischte einen Lippenstift, ein Plastiktütchen mit Lidschatten und Wattestäbchen, das kaputte Telefon, eine Haarnadel und das Band vom Brautstrauß aus dem schmalen Täschchen. Während sie weiter in der kleinen, jetzt leeren Tasche wühlte, verzweifelt nach einem verborgenen Reißverschluss, nach irgendwas suchte, bemerkte er ein Zimmermädchen, schritt mit strammer Brust auf sie zu und fragte äußerst höflich, sogar mit einem warmen Lächeln: »Könnten Sie uns vielleicht ins Zimmer lassen? Wir finden den Schlüssel nicht.« Das Zimmermädchen nuschelte etwas Unverständliches auf Russisch. Er antwortete ihr auf Jiddisch, woraufhin ihm das Zimmermädchen ein Lächeln schenkte, sich zerstreut in den Haaren nestelte und eine kurze Antwort gab. Unterdessen wühlte sie weiter in ihrer Tasche und verhakte sich dabei in dem widerspenstigen Faden. Zehn weitere Perlen kullerten über den Korridor. Er wandte sich ihr mit einem hörbaren Seufzer zu, weil er das natürlich hatte kommen sehen, sogar noch Schlimmeres, und bestimmte: »Wir gehen runter in die Lobby.« Sie streifte die Ballerinas ab, die sie zum Wechseln mitgenommen hatte. Ihre Füße erinnerten sich noch immer schmerzlich an die fünf Stunden in den Riemchenpumps, die ihr das Fußgewölbe verkrümmt und den kleinen Zeh zerquetscht hatten. Sie schleppten sich den Korridor hinunter, der plötzlich grün wurde.

Im Aufzug achtete sie darauf, ihren Blick nicht zu heben. Die französische Maniküre hatte sich ausgezahlt, die rosa Grundierung ihrer Zehennägel war unbeschadet, doch ein dunkelroter Strich zog sich über die ganze Breite des Fußrückens, dort, wo sie der Riemen der silbernen Pumps malträtiert hatte. Er nahm ihre Hand, und sie wusste nicht, wessen Hand die kalte und wessen die warme war.

An der Rezeption saß ein Hotelangestellter mit laufender Nase. Vor ihm stapelte sich benutztes Toilettenpapier. Er putzte sich die rote Nase, es klang wie ein Trompetenstoß. »Gesundheit«, sagte sie. »Hören Sie, wir haben den Zimmerschlüssel nicht.«

Neugierig begutachtete der Rezeptionist den Inhalt seines Taschentuchs und fragte: »Ihre Zimmernummer?«

»219.«

Selbst die Nummer ihres Hotelzimmers ließ sich nicht durch zwei teilen, schoss es ihr durch den Kopf. Der Rezeptionist stöberte im Computer und in der Nase. »Wir sind schrecklich müde«, sagte sie.

Er musterte sie von oben bis unten, hämmerte auf die Tastatur ein und verkündete: »Dieses Zimmer wurde noch nicht bezahlt.«

Hitze stieg ihr von den schmerzenden Füßen bis hoch in den Kopf, und die Scham ließ sie erröten. Ihre Mutter war wieder einmal schusselig gewesen, oder sie hatte die Rechnung absichtlich nicht beglichen. »Dann bezahle ich eben«, sagte sie bestimmt, »aber um meine Tasche mit der Kreditkarte zu holen, muss ich ins Zimmer.«

Der Rezeptionist verzog den Mund. »Und woher soll ich wissen, dass das wirklich Ihr Zimmer ist?« Sie hatte keine passende Antwort. »Keine Ahnung, weiß ich nicht.«

Jonatan lief unterdessen hinter ihr hin und her, seine ausholenden Schritte hallten durch die leere Lobby. Ein Panther im Käfig. Der Rezeptionist zog geräuschvoll die Nase hoch und sah ins Licht. »Ich möchte Hatschi machen, aber es kommt nicht«, stellte er fest. Und gähnte. Sie gähnte zurück. Auf dem Tresen stand eine Tasse mit dem Hotellogo, gefüllt mit einer gräulichen Flüssigkeit, in der zwei Stückchen Zitrone schwammen. Der Rezeptionist nahm die Tasse, um den Inhalt zu begutachten, der eine Antwort barg, allerdings nicht auf ihre Frage. »Wir haben eine lange Nacht hinter uns. Sie sehen es ja, wir sind frisch verheiratet. Ich hatte den Schlüssel, ich habe bloß vergessen, ihn mitzunehmen. Bitte machen Sie uns doch endlich auf, schicken Sie jemanden aufs Zimmer, dann finden Sie unsere Sachen dort, mein Name steht auf der Reservierung.«

Zu seiner Erleichterung konnte der Rezeptionist nun endlich niesen, doch da kein Papier mehr auf der Rolle war, suchte er sorgfältig eines aus den benutzten auf dem Tresen heraus, eines mit langem, sauberem Schwanz, und schnäuzte sich erneut mit einem Trompetenstoß.

»Jetzt reicht’s, das ist doch eine Zumutung.« Ihre Stimme schwoll an, beinah jaulte sie, ein kaltes, aggressives Jaulen. »Es ist vier Uhr morgens, und ich will in mein Zimmer.«

Sie bemerkte, wie Jonatan ihr eine Hand auf die Schulter legte, und wusste, dass er sie in diesem Moment verabscheute. Wieder einmal überkam sie einer ihrer hysterischen Anfälle. Aus irgendeinem Grund trafen diese zügellosen Attacken stets die einfachen Angestellten. Einmal hatten sie furchtbar in einer Handy-Reparaturwerkstatt gestritten, nachdem sie die Mitarbeiterin anschrie, die ihr angeblich nicht gesagt hatte, dass beim Umstieg auf ein neues Gerät alle ihre Nummern gelöscht würden. Er sagte ihr, so könne man nicht mit den Leuten umspringen, es sei unverschämt. Was hatten sie schon getan? Sie taten nur ihre Arbeit, folgten penibel den Anweisungen, die sie bekamen, und es gab absolut keinen Grund, derart auszurasten. Was war bloß in sie gefahren? Wozu diese Respektlosigkeit?

Sie wusste, wie sehr er dieses Verhalten verabscheute und wie unglücklich der Zeitpunkt war, und biss die Zähne zusammen, um nichts mehr zu sagen. In der Stille ertönte der Schrei in ihrem Kopf wie eine Sirene mit tausend Dezibel. »So geht man nicht mit Kunden um, das ist kein Service. Und hören Sie endlich auf, sich vor mir die Nase zu schnäuzen, das ist ja widerlich.«

Der Rezeptionist musterte sie wieder, dieses Mal aber interessiert, als hätte er sie endlich gehört. Ohne Kommentar zückte er eine weiße Plastikkarte, tippte eine rote Zahl ein, sodass ein grünes Licht aufblinkte, und legte die neue Chipkarte auf den Tresen. Als sie in den Aufzug stiegen, gähnte sie wieder: Irgendwo hatte sie einmal gelesen, dass sich der Grad der Empathie eines Menschen auch darin ausdrückt, wie viel Zeit vergeht, bis er sich vom Gähnen des anderen anstecken lässt. Und hier war weniger mehr: Je weniger Zeit vergeht, umso größer die Empathie.

Jonatan steckte die Karte in den Schlitz, und das Licht leuchtete auf – allerdings rot. Er versuchte es noch einmal, rieb die Karte an seiner Hose, das Licht blieb rot. »Fuck«, sagte sie. »Funktioniert nicht«, sagte er. Sie setzte sich auf den Teppich. »Vergiss es, ich kümmere mich darum«, sagte er. Sie sammelte die Perlen ein, die zuvor auf dem Korridor in alle Richtungen gesprungen waren, rutschte auf zerkratzten Knien über den Boden, in einem Kleid, das viel luftiger und leichter aussah, als es in Wirklichkeit war, während er sich auf den Weg hinunter in die Lobby machte. Als er zurückkam, lehnte sie an der Wand, rasselte mit ihrem perlenbeladenen Täschchen wie mit einer einsamen Kastagnette. Sie hatte das Bedürfnis nach etwas Lärm, um nicht denken zu müssen. Er setzte sich neben sie. »Er hat gesagt, er schickt gleich jemanden rauf.«

»Danke, Pu«, sagte sie.

Plötzlich lächelte er, legte seinen Kopf in ihren Schoß. Sie streichelte über sein glattes Haar und die rauen, molligen Wangen.

Nach einigen Minuten kam ein junger Mann mit einem Stapel Chipkarten und öffnete ihnen die Tür. Die Sache mit der Schwelle hatte sie längst vergessen, er hastete aufs Klo, um zu pinkeln. Auf dem Tisch standen die bananenpunschfarbenen Blumen vom Nachmittag. Eine billige grüne Flasche Champagner, Geschenk des Hotels, thronte lauwarm und anklagend auf einem silbernen Tablett neben dem Bett. Sie öffnete die Reisetasche und zog mit heiliger Ehrfurcht das Nachthemd heraus, das sie sich extra für diesen Anlass gekauft hatte. Er kam in den neuen weißen Unterhosen aus dem Badezimmer. Seine Schenkel waren dünn, aber muskulös. Das Haar hell und feucht, unendlich schön.

»Ich habe mir die Haare nass gemacht, zum Duschen habe ich keine Lust mehr, Pu«, sagte er. Sie war so beschäftigt damit, was sie jetzt zu tun hatte und ob er in dieser Nacht wohl mit ihr schlafen würde und was es zu bedeuten hatte, dass er sie den halben Abend lang ignoriert, ihr nicht einmal in die Augen geschaut hatte, dass sie nur sagte: »Gut, aber ich möchte schon duschen, okay?«

Beladen mit Utensilien ging sie ins Badezimmer, um gleich wieder herauszukommen, weil sie die Zahnbürste vergessen hatte. Er saß auf dem Bett und stocherte in dem Essen vom Catering herum, kaute auf den Resten eines Steaks und besudelte die Bettwäsche mit blutigen Fettspritzern.

Im Badezimmer nahm sie die Badehaube aus der weißen Plastiktüte und verstaute ihre Mähne darunter, damit die glänzende Hochzeitsfrisur möglichst noch einen Tag länger hielt. Duschte rasch, aber gründlich, besonders sorgfältig wusch sie die Vagina, einschließlich der Schamlippen, dann zückte sie eine frische Rasierklinge, um etwaige Borsten am After zu eliminieren. Sie benutzte das harte Seifenstück des Hotels. Hätte sie eine Flüssigseife von zu Hause mitgebracht, hätte sie riskiert, dass der Spender in der Tasche auslief, und das hatte ihr gerade noch gefehlt. Inspizierte ihr Gesicht im Spiegel. Die Haut war vom Make-up ausgetrocknet, es musste dringend eine Feuchtigkeitscreme her. Sie kramte in der Tasche. Hatte vergessen, welche einzupacken. Kratzte die trockene Haut um den Pickel am Kinn herum ab, auf die Gefahr hin, dass es zu bluten begann, überkleisterte den Schandfleck mit Make-up. Sie wollte unbedingt schön aussehen, und noch mehr wollte sie, dass er ihr sagte, sie sei schön. Lächelte sich selbst im Spiegel an, es sah erbärmlich aus. Wie zum Trost prüfte sie ihren weißen, flachen, von den Alkoholdämpfen brodelnden Bauch. Trug rotes Lipgloss auf und zog das Nachthemd aus der Stofftasche; mit der cremeweißen Spitze am Abschluss war es fast schön genug, um als Brautkleid durchzugehen. Nur die Träger waren schwarz, aus weichem Samt. Das Dekolleté war tief ausgeschnitten. Durchschimmernde rosa Brustwarzen, enge, betonte Hüften und vom Stoff verhüllte dickliche Knie. In der Hoffnung, dass er nicht eingeschlafen war, ging sie zu ihm. Er lag schon im Bett, seine Kleider hatte er wild durcheinander aufs Bett geworfen, sein Blick war schläfrig, aber er lächelte. Auf Spitze sprang er immer an. »Komm«, sagte er mit seiner sanften, niedlichen Kinderstimme, und sie freute sich, dass er wach war, kroch zu ihm unter die weißen Laken. In Sekundenschnelle waren sie ineinander verschlungen. Er unter ihr, doch offenbar hatte er die Stellung bestimmt, nicht sie. Seine Augen waren glasig, ihre von einem dünnen Schleier überzogen. Er kam, ohne etwas zu sehen. War im Nu eingeschlafen.

Sie lag neben ihm und sagte sich: »Mein Ehemann, mein Ehemann. Mein Mann. Mein Mann.« Wieder. Vielleicht diesmal. Vielleicht ein Flüstern. Nur im Herzen. Mein Ehemann, mein Ehemann. Es ist wahr. Wirklich. Sie versuchte, sich selbst zu überzeugen.

Gedanken an die Hochzeit prasselten auf sie ein. Kann es sein, dass Milka wieder schwanger ist? Warum hat Jochai sich nicht gegen den aufdringlichen Doron gewehrt? Warum ist Avischag nicht gekommen? Wie sehr sie sich verausgabt hatte. Sie war hin- und hergependelt zwischen seinen Kiffer-Kumpanen und ihren nerdigen Kollegen einerseits und seiner religiösen Familie und ihrer Clubgänger-Clique andererseits. Der Ort hatte mit seinen zwei Etagen für die Trennung der verschiedenen Welten gesorgt und sie mehr als sechzigtausend Gesichter gestreift.

Auf der Hochzeit von Catherine und David vor einem Monat hatten sich Braut und Bräutigam so wenig um die Gäste gekümmert, dass sie sich für sie schämte. David behauptete, er sei auf einem Trip, obwohl er nicht einmal einen Joint angerührt hatte, ließ sich einfach treiben, während Catherine sich die ganze Zeit mit ihrem Asthmaspray auf die Toilette flüchtete, wo sie sich vor ihrer Schwester versteckte, die ihr mit Puder und Lippenstift dicht auf den Fersen war und immerzu »Touch-up, Touch-up« kreischte. Wegen Catherine und Davids Hochzeitstermin hatten sie ihren eigenen um einen Monat verschoben. Vielleicht wäre aber genau das der richtige Zeitpunkt für sie gewesen, um zu heiraten. Wer weiß das schon. Wirklich. Am meisten wünschte sie, es würde bei ihnen genauso sein wie bei Adam und Carmela, die sich die ganze Nacht geküsst und einander gefragt hatten: »Erinnerst du dich noch, wie …« »Hast du gesehen, dass …« »War das ein Spaß, als …« Immerhin hatten sie sich nicht wie Dafna und Lior gegenseitig die eingegangenen Schecks vorgezählt.

Sie stand auf, ließ Wasser in die Wanne ein, und tänzelnd wie bei einer Verführung kehrten all die kleinen Demütigungen des Abends zu ihr zurück. Alex, der Jonatan nach der Chuppa sein »Beileid« ausgesprochen hatte. Rotem, der, mit der Videokamera betraut, diese aus Versehen ruiniert hatte, sodass niemand die Trauung filmen konnte. Gal, der beinahe die Party verdorben hätte, weil er mit Schirli und Dafna flirtete, bis seine neue Freundin nach der Hälfte des Abends ging. Dafna, die die ganze Nacht wie ein kaputtes Spielzeug auf der Stelle auf und ab gehüpft war, bis ihr das trägerlose Kleid runterrutschte. Rotem, der ihrem gesamten Team aus der Arbeit halbe Ecstasypillen angeboten hatte. Und schließlich ihr Vater und ihre Mutter, die kein einziges Wort miteinander gesprochen hatten.

Er schlief wie ein Stein, und sie wagte es nicht, laut zu schreien und ihn zu wecken. Hellwach und nervös ging sie vom Bett ins Badezimmer und wieder zurück ins Schlafzimmer, vermaß im Kopf die Schritte und Augenblicke. Zog das spermabefleckte Babydoll aus. Sie mussten früh aufstehen morgen, das Zimmer bis elf Uhr räumen, er wollte bestimmt nicht das Frühstück verpassen. Sie hätte am liebsten eine Woche lang auf dem Teppich geschlafen, aber an Schlaf war nicht zu denken. Sie zog das Hemd ihres Mannes an, knöpfte es bedächtig zu und trat auf den Korridor hinaus, wobei sie die Champagnerflasche in die Tür klemmte, damit sie nicht zufiel, und schlich auf Zehenspitzen über den trockenen Teppich zum Fenster am Ende des Korridors. Mondlicht fiel auf den Strand, drei Palmen und eine gelbe Tankstelle. Auf der anderen Seite färbte sich der Himmel bereits violett. Sie presste die Nase gegen die Scheibe, atmete aus und malte mit dem Finger ein Herz auf das Glas. Dann kehrte sie ins Zimmer zurück und kuschelte sich wie immer von hinten fest an ihn und schlief ein. Gut möglich, dass er ihre Hand nahm, aber selbst wenn nicht, änderte es nichts.

Der Morgen zog mit einem starken, gleißenden Licht herauf. Sie hatte versäumt, die Jalousien zu schließen. Alles erstrahlte in Gelb, und sein Haar funkelte, jedes einzelne in einer anderen Farbe. Sie lugte auf die Uhr neben dem Bett. Zehn. Sie waren nicht rechtzeitig für das Buffett aufgewacht. Was ein Glück. In einer Stunde war Check-out. Sie stand auf, um zu duschen. Sie musste das Gesicht noch einmal waschen, frische Abdeckcreme auf den Pickel auftragen. Sie hatte Lust, wenigstens den Swimmingpool auszuprobieren. Sie packte den Lippenstift, seine Kleidung und das hauchdünne Nachthemd zusammen. Putzte sich die Zähne und ließ all die kleinen, verzierten Fläschchen des InterContinental samt Seife und Conditioner mitgehen. Dann schlüpfte sie in den roten Badeanzug und verbarg die schwarzen Ringe unter den Augen hinter der riesigen schwarzen Sonnenbrille, die sie für die Flitterwochen gekauft hatte. Auch er stand auf und folgte ihr lustlos hinunter. Der Hotelpool war mit kleinen Kindern und jauchzenden Familien bevölkert. In ihrem Kopf schallte noch immer die Diskomusik. Lovely day, lovely day, lovely day. Sie ging allein ins Wasser, schwamm auf dem Rücken bis zum Ende des Pools, der so angelegt war, dass man meinte, das Wasser ergösse sich von hier aus geradewegs ins Mittelmeer. Er trat an den Beckenrand, ragte über ihr, ein weißer, schattenwerfender Körper, die Augen zusammengekniffen. Ein Kind feuerte einen bunten Ball ab und traf ihn am Hintern. Verblüfft fuhr er herum, das Kind lachte. Er hob den Ball hoch, schoss ihn hinüber auf die andere Seite des Pools, wandte sich dann an sie und fragte, ob sie Geld für ein Eis hätte, aber sie hörte es nicht. Nur die Stille des Wassers in den Ohren, trieb sie Richtung Meer.

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Sie warteten auf das Taxi, das sie bestellt hatten. Zwei Menschen. Zwei Koffer. So früh am Morgen, und schon brannte die Sonne. Er fuhr sich mit den Fingern durchs Haar, der Wind, den es nicht gab, hätte es zerzausen sollen. Sie holte ihre neue Sonnenbrille heraus; stets ragten ihre Augenbrauen über den Rahmen, mochte der auch noch so riesig sein.

Als sie sich ins Taxi setzten, tastete sie nach seiner warmen Hand, schloss die Augen. Bei der Auffahrt auf die Ajalon-Schnellstraße wurde ihr übel. Sie hatte schon seit drei Tagen nicht mehr richtig geschlafen und nickte beinahe ein, da piepste plötzlich sein Telefon. Er ging ran: »Wir sind eben losgefahren«, und dann: »Das glaube ich nicht. Wirst du jetzt etwa emotional? Ich habe gerade geheiratet, und du jammerst mir die Ohren voll.« Es folgte eine sehr lange Pause, während der Jonatan, so beobachtete sie es aus dem Augenwinkel, nickte, wieder und wieder den Kopf schüttelte, obwohl sein Gegenüber es nicht sehen konnte. Die Person am anderen Ende der Leitung hörte offenbar gar nicht mehr auf zu sprechen; das konnte nur Alex sein. »David und Catherine sind also mit dem Fahrrad die französische Riviera hinuntergefahren. Und dann was?«, fragte Jonatan und gestikulierte wild mit den Händen. Riss sie hoch und beschrieb Kreise in der Luft. »Er trainiert also. Aus Angst, dass er wieder Letzter wird? In einem Monat fahren wir die ›Meer-zu-Meer‹-Tour, vom Norden runter zum See Genezareth, dann werden wir schon sehen, wer fitter ist.« Es folgte wieder eine lange Pause, dann lachte Jonatan und sagte: »Als wäre er der erste Mensch, der einen großen Fisch geangelt hat. Na klar doch, klar, und die Angelrute war aus Bambusrohr. Und der Fisch ein Meerbarsch, eine Seltenheit, sieben Kilo. Der konnte bestimmt auch reden, der Fisch, hat ihm ein Chanson vorgeträllert, sicher doch …«

Als sie am Flughafen ankamen und aus dem Taxi ausstiegen, zerbrach der Griff des riesigen Koffers, den sie sich von ihrer Mutter geliehen hatte. Vergeblich versuchte sie, ihn zusammenzusetzen. »Hast du mir auch Socken eingepackt?«, fragte Jonatan. Sie nickte. Der Griff fiel wieder auseinander, sie hielt die einzelnen Plastikteile und den Knauf in Händen. Reglos verharrte sie einige Sekunden auf der Stelle, bis er verkündete: »Damit werde ich schon fertig.« Er schubste den schweren, schlingernden Koffer mit Gewalt vorwärts und verzerrte sich dabei die Armmuskeln. Sie versuchte, mitzuhalten, schleppte sich neben ihm vorwärts, in der einen Hand den Strohhut, in der anderen ihren kleinen, leichten Trolly, der enthielt, wovon sie sich unmöglich trennen konnte: zwei Paar in Stofftaschen eingeschlagene, unglaublich teure Schuhe und einen Beutel mit einem Großvorrat an Kosmetika, der die Katastrophe ihrer alternden Gesichtshaut aufhalten sollte.

Am Schalter der Fluggesellschaft sagte die junge Frau mit Halstuch: »Okay, ist das jetzt alles? Ihr Koffer hat zwei Kilo Übergewicht.« Jonatan schaute sie an, wackelte tadelnd mit dem Finger und zog eine Augenbraue hoch oder versuchte es zumindest, denn ungewollt ging die andere mit. Sie summte leise »Lovely day, lovely day, lovely day«, um nicht daran zu denken, was er sich jetzt wohl dachte.

Vor der Passkontrolle hatte sich eine lange, gewundene Schlange gebildet. Jonatan reihte sich ausgerechnet in die längste ein, just hinter eine Gruppe schwarz gekleideter Orthodoxer. Ein Greis, zwei Erwachsene, vier Kinder. Ein Stapel runder Schachteln für ihre Hüte. Er stellte sich absichtlich dicht hinter sie, die Hände hinter dem Rücken, die Brust nach vorn geneigt, den Kopf schiefgelegt. Sein Kinn berührte fast den unteren Hals. Er sah aus wie einer von ihnen. Jonatan zupfte eine Weile an seinen Bartstoppeln und rempelte dann absichtlich einen der Jungen an, der sich auch sofort umdrehte. »Verzeihung«, sagte Jonatan. Der Junge lächelte und neigte den Kopf. »Wohin fahrt ihr?«, fragte Jonatan. »Nach Hause«, antwortete der Junge mit amerikanischem Akzent und maß sie mit einem kurzen Blick. »Und wo ist das?«, versuchte Jonatan, ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Der Junge lächelte wieder, schenkte Jonatan einen kleinen Magneten, und noch bevor er ihm danken konnte, wurde der Junge von einem der anderen Kinder am Schaufaden seines Hemds weitergezogen und von dem schwarzen Haufen verschluckt. Die religiöse Karawane hatte die Ausweiskontrolle schon fast erreicht und stimmte lauten Gesang an: »Ein Wallfahrtslied. Ich hebe meine Augen zu den Bergen, woher kommt meine Hilfe?« Jonatan zupfte wieder an seinen Bartstoppeln, fasste sich in den Schritt, beäugte den Magnet mit dem Reisesegen. »Gauner, böse Bestien«, murmelte er, »eine Religion für Paranoide.«

Sie sah auf die Uhr im oberen Bereich der Halle und zählte rückwärts. Die Zeiger bewegten sich im Kreis. Der Flughafen als Transitstation hat tatsächlich keine Stunden für sich allein, die Zeit ist hier relativ, wird vom Moment des Abflugs diktiert. Sie hatten nur noch zwanzig Minuten. Sie ahnte, dass sie durch den Duty-Free-Shop würde hetzen müssen. Bei ihrer ersten gemeinsamen Auslandsreise hatte er sie schnurstracks in einen Elektroladen gesteuert und alle Kopfhörer mit Adapter durchprobiert, bis fast keine Zeit mehr blieb; erst in allerletzter Sekunde hatte sie sich allein zum Parfüm und zum Schmuck durchgeschlagen und im Handumdrehen zweihundert Dollar ausgegeben. Als sie in den Elektroladen zurückkehrte, hatte er sich nicht vom Fleck gerührt, stand mit offenem Mund da, die Unterlippe voller Wut über sie, die ihn alleingelassen hatte, trotzig vorgeschoben. »Warum bist du einfach weggegangen?«, fragte er, und sie erinnerte sich, dass er ihr einmal davon erzählt hatte, wie er als Kind im Kaufhaus verloren gegangen war und seine Mutter ihn nicht wiederfand, sodass er noch Jahre später Albträume davon hatte. Da war sie wütend auf sich selbst geworden. Bei ihrer zweiten Reise wich sie nicht von seiner Seite. Selbst dann nicht, als er im Spielzeugladen eine intelligente Tanzmatte kaufen wollte, die man an den Computer anschließt, um dann zu allen möglichen Popsongs darauf zu tanzen. Sie pflichtete ihm enthusiastisch bei, auch wenn sie sich zur Begeisterung zwingen musste, denn sie war sich absolut sicher, sie würden diese Tanzmatte, sobald die erste Euphorie abgeklungen war, nie wieder benutzen, nicht einmal als Badvorleger. In Gedanken rechtfertigte sie den Kauf mit dem Argument, dass sie das Spiel gut für ihre Arbeit testen könne, und schwor sich parallel, eine Lehre aus dieser Sache zu ziehen. Und tatsächlich, jetzt, zu Ehren ihrer Flitterwochen, bat sie ihn zärtlich und äußerst vorsichtig, sich im Duty-Free-Shop doch bitte zu trennen. Er war einverstanden, sie würde ihn bei den CDs antreffen, und ging leichten Schrittes davon. Vielleicht macht der Ehering es ja leichter, sich auch mal zu trennen, obwohl er sie ein bisschen am Finger juckt. Sie wanderte rüber zu den harten Getränken, griff, ohne zu überlegen, nach einer Packung Zigaretten und legte sie gleich wieder zurück, denn Jonatan ging davon aus, dass sie mit dem Rauchen aufgehört hatte. Stattdessen warf sie eine Flasche Glenfiddich in den Korb und krönte ihr Einkaufsritual mit einem Chanel-Lippenstift Nummer 226, der den sprechenden Namen »Die Nacht ist noch jung« trug, zum Preis von fünfunddreißig Dollar. Eines Tages würde die Produktion exakt dieser Nummer eingestellt werden. Was für ein Horror. Das hatte die Heldin eines Buches erleben müssen, das sie gelesen hatte. Und war deswegen glatt durchgeknallt. An der Kasse kaufte der junge Mann vor ihr einen Berg M&Ms für fünfhundert Dollar. »Die kleinen Flacons von Cacharel hier packen Sie bitte auch noch ein.« Als sie mit dem Bezahlen dran war und die Bordkarte vorzeigen sollte, fand sie den blauen Umschlag mit dem Reiseplan nicht, den sie von der Frau aus dem Reisebüro ihrer Mutter bekommen hatte. Darin befanden sich natürlich auch die beiden Flugtickets. Das schiere Grauen. Sie stürmte durch den neonbeleuchteten Gang zurück zum Whisky; die etwa hundert Meter dorthin schienen ewig, eine endlose Reihe aus Fläschchen über Fläschchen in allen erdenklichen Formen. Welch große Erleichterung, als der Umschlag in dem Regal gegenüber vom Whisky auf sie wartete, versteckt unter dem dämlichen Strohhut, den sie ebenfalls liegen gelassen hatte.

Im Flugzeug dann, als ihnen die Stewardess ihre Sitzplätze zuwies, mussten sie feststellen, dass sie auf verschiedenen Seiten des Gangs saßen. Sie geriet in Stress, es erschien ihr wie ein schlechtes Omen. Die Dinge sprachen wieder zu ihr. In weinerlichem Ton wandte sie sich an die Stewardess: »Aber das sind unsere Flitterwochen.« Die Stewardess zog eine perfekt gezupfte Augenbraue hoch; ja, sie war eine echte Meisterin im Hochziehen nur einer Augenbraue. »Es tut mir wirklich leid«, sagte die Stewardess, der es ganz und gar nicht leidtat, mit dem Gesichtsausdruck von jemandem, der schon unzählige Beschwerden gehört hat. »Der Flug ist ausgebucht, und Sie haben Ihre Sitzplätze nicht beim Vorab-Check-in reserviert.« Sie ging weiter, schloss nacheinander die prallvollen Gepäckfächer über den Köpfen der Passagiere.

»Aber es sind unsere Flitterwochen«, sagte sie noch einmal zu Jonatan, jetzt in einem etwas schrilleren Jammerton. Sie merkte, wie ihre Stimme brach, sie beinah schon weinte, was sie selbst überraschte.

»Soll ich nach jemandem rufen?«, fragte Jonatan. Sie nickte und machte sich innerlich auf eine vierstündige Katastrophe gefasst. Wo sollte sie nur ihren Strohhut verstauen? Ihn aufzusetzen, war lächerlich, und in den vollgestopften Ablagen würde er zerknautscht. Jonatan beugte sich zu ihr herüber, wollte die beiden Mädchen, die neben ihr saßen, dazu überreden, den Platz zu tauschen. Die beiden kicherten und wollten sich partout nicht voneinander trennen, also wandte er sich an den bärtigen Mann neben sich und sagte: »Wären Sie vielleicht so nett? Ich möchte neben meiner Frau sitzen.« Dieser eine Satz allein war die ganze Reise wert. Ihr fiel ein Stein vom Herzen. Der Bärtige wechselte sogar sehr gern, ein hübsches Plätzchen neben den zwei glucksenden Mädchen, deren Kichern sich allerdings beruhigte, als er sich neben sie setzte. Die eine der beiden bemerkte verzweifelt, dass ihr neuer Nachbar nach Schweiß roch.

Für sie aber war die Welt jetzt wieder in Ordnung. Sie hoben ab in ihre Flitterwochen und saßen nebeneinander. Der Hut ruhte auf ihren Knien, seine Hand lag in ihrer. Jetzt nur nichts essen, dann würde sie sich auch nicht übergeben müssen.

Nach der Landung schlug ihnen schon in der Gangway heiße Luft entgegen und blies ihr den Hut vom Kopf. Sie rannte dem Hut hinterher, bis er mit einer Drehung zu Füßen eines Reisenden landete. Als sie sich nach dem Hut bückte, strich sie mit der Hand versehentlich über ein Paar braune, butterweiche Mokassins, über denen die Kuppel eines strammen Wanstes in modisch geschnittenem Streifenanzug hervorragte, gekrönt von einem rosafarbenen Halstuch, weißem Bart und einer hohen zerklüfteten Stirn. Ein älterer Herr mit dunkler, offenbar gepuderter Haut und dünnem Schnäuzer warf ihr einen warnenden Blick zu. Dann schlurfte er in seinen Mokassins ein paar wenige Schritte vorwärts, drehte sich zur Wand und zündete sich hinter vorgehaltener Hand eine Zigarette an; er nahm drei tiefe Züge und atmete zweimal aus. Anschließend spuckte er geräuschvoll auf die Zigarette, die er zuvor hinter der gewölbten Hand versteckt hatte, und die Glut erlosch.

Sie überlegte, wann sie selbst die Zeit dazu haben würde, sich kurz davonzustehlen, um eine zu rauchen. Der Mann hob seine geballte Hand, es sah aus, als wollte er sie im nächsten Moment ansprechen, doch da hörte sie Jonatan rufen. Hand in Hand machten sie sich auf den Weg zum Gepäckband. Auf nichts freute sie sich jetzt mehr als auf das Wiedersehen mit ihren schönsten Kleidern. Sie betete zum Gott der Luftfahrt und des Shoppens, dass nur ja nicht die geflügelten Sandalen von Hermès verloren gingen. Jedes Mal, wenn das mechanische Riesenmaul einen weiteren Koffer ausspuckte, reckte sie erwartungsvoll den Hals. Aber nein, ein Koffer nach dem anderen sprang heraus, nur ihrer wollte nicht kommen. Es waren allesamt metallisch blitzende Plastikkoffer auf vier Rollen, während sie nach einem schwarzen, weichen, zerbeulten Koffer Ausschau halten mussten. Da überkam sie das heftige Verlangen, so, wie sie war, zu den Koffern auf das Gepäckband zu hüpfen und sich dort oben im Kreis zu drehen.

Auf der Fahrt nach Venedig aß er drei Sandwichs mit Rucola und Prosciutto für je acht Euro. Die weitläufige Landschaft zog in einem Gemisch aus Grün und Braun vorbei. Sie schloss die Augen, öffnete sie wieder, aber die farbige Leinwand draußen blieb genauso hässlich wie zuvor. Sie musste versuchen, zu schlafen. Als sie endlich in einen leichten Schlummer fiel, legte er seine Hand auf ihr Bein. Sie war sofort ganz aufgeregt, griff nach dem Telefon, um ein Foto zu machen. Seine Hand mit dem großen Ehering umschloss ihren Oberschenkel.

Als sie entschieden, am Bahnhof ein privates Wassertaxi zu nehmen – auch wenn das die teuerste Option war –, schien für einen Augenblick alles in Ordnung: Ganz Venedig tat sich vor ihnen auf. Der Himmel war strahlendblau, das Wasser grün und trüb, der große Palast zeigte sich am Horizont, die Kuppel von Gerüsten umstellt. Im Schlepptau des Bötchens tanzten Wassertropfen, die sich in allen Farben des Regenbogens brachen; am Hals des Fahrers, ihres Steuermanns, wehte ein rosafarbenes Tuch. Es war wirklich alles sehr ruhig, die Republik machte ihrem Namen alle Ehre: Selbst der geflügelte Löwe schien träge zu gähnen.

Jonatan lächelte ein wohlbedachtes Lächeln, damit man ja nicht seine unvollkommenen Zähne sähe, sie streckte die Zunge heraus. Und er machte ein Foto von ihnen beiden.

•

Die Reise war das Hochzeitsgeschenk ihrer Mutter. Ein Geschenk, das sie sich nicht gewünscht und darum auch nicht freudestrahlend entgegengenommen hatte. Sie traute sich normalerweise nicht, sich etwas zu wünschen, und ein Geschenk annehmen will auch gelernt sein, ein Talent, das sie nicht besaß. Doch weil sie so gern nach Venedig wollte, ja unbedingt sogar, riss sie sich zusammen und nahm das Geschenk an, unterwürfig und innerlich grollend. Er meinte zwar, Venedig sei zu touristisch, aber sie bestand darauf: Venedig oder gar nichts.

Sie konnte sich gut an die Stadt erinnern. Die erste Italienreise hatten ihre Eltern ihr zum Abschluss des Armeedienstes geschenkt. Als sie aus dem prächtigen Rom nach Venedig kamen, wurde ihr klar, dass sie sich nie in diese Stadt verlieben könnte. Schon auf den ersten Blick war sie abgestoßen von all den arg modrigen, verfallenen Gebäuden. Ihre Eltern und sie waren an der Haltestelle, die nur rund zweihundert Meter vom Hotel entfernt lag, aus dem Vaporetto gestiegen; doch trotz des Stadtplans irrten sie mit den schweren Koffern, bis oben hin vollgepackt mit den in Rom gekauften Schuhen, etwa eine halbe Stunde lang treppauf, treppab und über unzählige Bogenbrücken durch die kleinen Gässchen. Verwöhnte Göre, die sie war, hatte sie ihrer Mutter, der von dem Schiffsgeschaukel noch ganz schlecht war, vorgeworfen, das alles sei nur ihre Schuld: Warum nur waren sie solche Geizhälse, dass sie sich kein Wassertaxi bis direkt vor die Tür leisteten? Und schämte sich gleich darauf natürlich, dass sie sich so dreist und undankbar benahm. Es war schon spät, als sie endlich ihr Hotel erreichten; etwas zu essen bekamen sie jetzt nur noch in dem zum Hotel gehörigen teuren Restaurant. Doch an diesem Abend schmeckte ihr das venezianische Essen aus süßen Sardinen, Polenta und schwarzer Tintenfischsoße zu den Spaghetti ganz und gar nicht. Es schmeckte nach Verzweiflung. Im Morgenlicht dann verwandelte sich Venedig in eine Art touristische Parodie: Sie traten aus dem Hotel, um die Stadt zu erkunden, und die Gondelwettfahrt auf den Kanälen, all die Schiffe mit den bunten Flaggen, hob ihre Stimmung. Sie ließen nichts von dem aus, was der Touristenführer empfahl und Venedig zu bieten hatte: den »O sole mio« singenden Gondoliere, die Buntglasbläser von Murano, die Korallenketten, die Tauben auf dem Markusplatz, Aperol Spritz, Prosciutto und Melone. Sie trug ein Kleid, das sie sich extra für Venedig aufgehoben hatte: kurz, in Gelb und übersät mit roten Blumenblüten. Als sie es anprobierte, philosophierte ihre Mutter: »Gelb passt nicht zu uns sterblichen Menschen.« Und: Wann sie sich endlich die Haare waschen würde? Doch sie beharrte und wusch sich während der ganzen fünf Tage ihrer Reise das Haar nicht ein Mal. Sie hatte es zuvor sorgfältig zurechtgeföhnt, denn mit ihren neunzehn Jahren ertrug sie sich nur mit geglättetem Haar. Später, beim Betrachten der Fotos von der Reise würde sie sich dafür schämen, wie sehr das Kleid ihre kurvigen Formen betonte. Auch an ihrer glatten weißen Haut, den glänzenden Augen und Haaren würde sie sich nicht erfreuen. Trotzig sollte sie sich nicht über ihr breites Becken, die molligen Arme hinwegtrösten lassen und sich erinnern, wie nach vier Tagen, als sich das Boot langsam von Venedig entfernte und sie ans trockene Festland brachte, mit einem Mal, ohne dass sie gewusst hätte, warum, die Tränen nur so geflossen waren. Sie hatte ihre feuchten Wangen berührt und sich gewundert. Seit Jahren hatte sie nicht mehr geweint, und jetzt diese Tränenbäche, deren Herkunft sie sich nicht erklären konnte. Vielleicht kamen sie aus der Zukunft? Denn siehe da, jetzt war sie wieder zurück, war wieder in Venedig. Für ihre Flitterwochen.

•

Von dem Augenblick an, da sie das Hotel betraten, spürte sie, wie sich etwas in ihr veränderte. Ein übler Gestank wehte vom Pier herüber. Sie waren in dem wunderbarsten Hotel an den Ufern des Kanals untergebracht, das sie je gesehen hatte. Es war eigentlich kein Hotel, sondern ein richtiger Palast; an den Wänden hingen riesige, schwere Ölporträts von gepuderten Schönheiten, die Decken schmückten goldene Schnitzereien und ausladende Muranoglas-Leuchter in der Gestalt von Sepien, die ihre langen, dünnen Tentakeln in alle Richtungen ausstreckten. Es fehlte nur ein Zwerg im Concierge-Anzug vor einem kirschroten Samtgebirge und der Soundtrack zu »Twin Peaks«.

Als sie die Tür zu ihrem Zimmer öffneten, war es, als zerfiele die Wirklichkeit in zwei eng verbundene Teile, wie eine Schwarz-Weiß-Fotografie, auf die jemand ein transparentes Pergament gelegt hat, um darauf Formen und Räume mit zartem Buntstift abzupausen. In der einen Wirklichkeit wirken die Farben bunt und einladend. Gelbe Rosen sind in einer Vase drapiert, die Wände in einem kräftigen Hellblau gestrichen, die Spiegel vergoldet. Das Zimmer ist typisch venezianisch, zauberhaft. Weitläufig, mit in den Boden eingelassener Badewanne, in der man zu viert baden könnte, und Wänden aus Marmor, deren schwarz-weiße Adern sich ineinander verschlingen.

In der anderen Wirklichkeit ist alles verzerrt. Das Bett besteht aus zwei eng nebeneinanderstehenden Hälften, wie es bei den Europäern üblich ist. Das Zimmer ist lang und schmal wie ein Korridor. Ein mächtiger Spiegel hängt so an der Wand, dass er das Bett spiegelt – sie würde gezwungen sein, sich selbst splitternackt beim Sex zuzusehen. Sie öffneten das Fenster, das auf ein Stück Kanal, größtenteils aber auf die Wand des Gebäudes gegenüber blickte. Warum hatten sie kein Zimmer nach vorne raus bekommen, eines mit wunderbarem Ausblick, fragte sie sich, warum nicht die Honeymoon Suite? Sie schauten aus dem Fenster, er umarmte sie von hinten, so wie sie es gernhatte, und legte sein Kinn auf ihre Schulter.

»Ich will runter in die Lobby, die sollen uns ein anderes Zimmer geben«, sagte sie.

Aber er hatte Lust, sich verwöhnen zu lassen, hauchte ihr ins Ohr: »Ich will lieber mit dir schlafen.«

»Nein«, erwiderte sie mit einer Entschiedenheit, die sie selbst verwunderte. »Wir müssen sofort umziehen, noch bevor wir auspacken.« Er weigerte sich, und sie blieb stur; schließlich ging sie allein hinunter, wo man ihr mitteilte, es gebe keine freien Zimmer mehr. Daraufhin erkundigte sie sich, ob es Massage gebe, und man sagte ihr, schon in einer halben Stunde sei ein Termin frei.

Die Masseure, ein Mann und eine Frau, waren um die dreißig, genau wie sie beide, nur eben zwei Italiener, sonnengebräunt und mit wallendem Haar, ein gesunder Glanz umgab sie wie ein Glorienschein. Er war schön wie ein griechischer Gott, sie schön wie eine Göttin, ihre Arme muskulös und behaart. Die Frau fragte sie, ob sie lieber vom Mann oder ihr selbst massiert werde. Sie drehte sich fragend nach Jonatan um, doch der winkte ab, es war ihm egal.

Sie überlegte, was schlimmer wäre: Wenn die Frau ihn berührte und er einen Ständer bekäme, würde sie vor Eifersucht darüber sterben, dass er die andere anziehender fand als sie, die ihm so vertraut war. Aber wenn der Mann sie massierte, würde sie vor Scham vergehen, dass ein fremder Mann sie berührte. Sie kam zu keinem eindeutigen Ergebnis. Es wäre viel weniger peinlich, wenn die Frau sie massieren würde, aber umso grauenhafter, wenn der Mann ihn massierte und ihn das scharfmachte. War ja schon vorgekommen. Zumindest bei ihm.

Sie entschied sich für die Variante mit den offensichtlich weniger negativen Folgen und wählte für ihn die Frau. Die Masseure zogen die Betten auseinander, holten eine Lage blitzsauberer, gebügelter Laken und legten sie mit großen Wogen wie zwei synchronisierte Maschinen über die Betten. Anschließend sollten sie duschen. Jonatan ging zuerst, er würde schneller fertig. Schon nach zwei Minuten war er zurück, ein Handtuch um die Hüften gebunden wie ein russischer Boxer. Als sie dann im Bademantel aus der Dusche kam, nahm sie erstaunt zur Kenntnis, dass der Mann damit beschäftigt war, Jonatan durchzuwalken. Was sollte sie dazu sagen? Ihr blieb nichts anderes übrig, als sich der Berührung einer fremden Frau zu überlassen, die nur ihre Arbeit tat.

Die Masseurin nahm eine Flasche klebriges Jasminöl, das alles andere als betörend roch, und gab ihr zu verstehen, dass sie sich, nachdem sie allen Schmuck abgelegt hatte, auf den Bauch legen sollte. Beim Abstreifen des Eherings kam eine trockene, gerötete Stelle zum Vorschein. Die Masseurin knetete die Muskeln an ihren Schulterblättern, ein angenehmes Gefühl, das allerdings an der Oberfläche blieb. Sie hätte es vorgezogen, wenn die muskulöse Italienerin ihren Daumen tiefer in den verspannten Muskel ihrer Klientin gedrückt hätte, um den Schmerz und die Anspannung zu lindern, die sich in den letzten Wochen vor der Hochzeit darin angesammelt hatten. Der Mann schien seinen Dienst besser zu verrichten, sie lugte rüber und sah ihn gekonnt Jonatans Schienbein bearbeiten. Der genoss es sichtlich, mit geschlossenen Augen und entspanntem Gesichtsausdruck.

Aber konnte es vielleicht sein, dass die Berührung der Masseurin auf geheimnisvolle Weise doch mehr bewirkte, als sie dachte? Denn irgendwann zwischen Schultern und Fußsohlen schlief sie zum ersten Mal seit drei Tagen ein. Der Schlaf war nicht tief, aber süß. Als sie aufwachte, ging Jonatan telefonierend im Zimmer auf und ab. Er sprach ein so gebrochenes und stotterndes Englisch, dass sie zusammenfuhr. Dieser israelische Akzent. Offensichtlich hatte man ihn von der Rezeption aus angerufen, um Bescheid zu geben, dass ein anderes Zimmer für sie bereitstand. Nur dass sie das Zimmer jetzt nicht mehr wechseln wollte. Aber nachdem sie derart gedrängt hatte, musste sie es durchziehen. Alles andere wäre unverschämt. Nachdem sie offiziell die Augen aufgemacht hatte, teilte er ihr außerdem mit, es habe sie jemand von der Arbeit angerufen, und zwar ganze drei Mal. Sie sank in sich zusammen, saß fest zwischen Skylla und Charybdis, dem Satan und dem tiefblauen Meer. Vor ihrer Abreise hatte Jonatan sie darum gebeten, keine Arbeit mit in die Flitterwochen zu nehmen, und widerwillig hatte sie sich gefügt. Doch wenn Aviad dreimal anrief, musste etwas vorgefallen sein. Hoffentlich würde es ein kurzes Gespräch. Die Sekretärin ihres Büros stellte sie in eine Konferenz durch, die bereits im Gange war, und sie wusste gleich, warum er angerufen hatte. Auf dieses Gespräch mit dem Venture-Capital-Fonds, der sie unterstützen wollte, hatten sie lange gewartet. Als sie zugeschaltet wurde, nahm Gal, der stellvertretende Geschäftsführer, gerade richtig Fahrt auf, skizzierte poetisch und geistreich den Plot in dem neuen Spiel »Prometheus und Pandora«, das sie gerade entwickelten. »Wir beginnen die Quest bewusst am allbekannten Ende der Geschichte«, sagte Gal, »und erzählen sie weiter: Was passiert, wenn sie die Hoffnung aus der Büchse entlässt. Wir servieren hier ja keine Quiche, ich meine, Verzeihung, keinen Kitsch.«

Aviad sprang ihm zu Hilfe: »Was danach mit Pandora geschieht, das hat bisher noch niemand als Geschichte erzählt.«

»Und was passiert am Ende, wenn Sie all das schon am Anfang verschleudern?«, fragte eine ihr unbekannte Frauenstimme.

»Wir gehen zurück zum Anfang der Geschichte, hören mit dem Konflikt auf, ob sie die Büchse öffnen soll oder nicht«, sagte Gal.

»Und wem soll das gefallen?«, fragte die Frauenstimme kalt.

Sie beschloss, sich einzumischen: Die User würden das Spiel mehrmals spielen, um immer schlauer zu agieren. »Hören Sie auf zu quatschen, erklären Sie mir lieber, wie Sie genügend Werbeanzeigen akquirieren wollen«, erwiderte die Investorin und legte auf.

»Das war Tacheles, sie hat recht«, fasste Gal die Konferenz zusammen. Sie sackte in sich zusammen. Jonatan starrte sie an. »Meiner Meinung nach geht es hier gar nicht um die Anzeigen«, sagte sie, während Jonatan sich betont langsam vor ihr anzog, sein Hemd zuknöpfte, den Rücken streckte, seine Brustmuskeln spielen ließ, ohne sie aus den Augen zu lassen. Eine lebendige Werbeanzeige. »Wie meinst du das?«, fragte Aviad.

Sie zuckte mit den Schultern, wollte schon zu einem Plädoyer ansetzen, klarstellen, dass sie keine Wahl hatten, doch der Spalt zwischen Jonatans Lidern wurde von Sekunde zu Sekunde schmaler und schmaler. »Was an Geld hereinkommt, ist das eine, wie viele Anzeigen, das andere. Konzentrieren wir uns doch einfach auf das Geld, das reinkommt. Das ist das Wichtigste«, sagte sie.

»Schon wieder du und dein buddhistischer Schmu. Weil das Denken die Wirklichkeit bestimmt, ja?«, fragte Gal. Sie wies darauf hin, dass ihre Argumentation in diesem Punkt absolut wissenschaftlich sei, so unzweifelhaft wie der Schnurrbart von Schrödingers Katze, aber ihre Kollegen schienen nicht überzeugt. Als sie das Gespräch beendete, sagte Jonatan vorwurfsvoll: »Du nimmst deine Arbeit nicht mit? Leere Versprechungen.« Er verdrehte die Augen und verließ das Zimmer. Das neue Zimmer war deprimierend. Kleiner, Standardausstattung. Eine Holzdecke ohne einen von diesen Kronleuchtern mit Tentakeln, die denjenigen, der ihn anblickt, auf den Meeresboden des Schlafes ziehen. Als sie die Koffer auspackte, musste sie feststellen, dass sie ausgerechnet die Gesichtsseife vergessen hatte. Sie fühlte sich mies.

Abends gingen sie in »Harry’s Bar« zum Essen. Selbst Jonatan konnte sich dafür begeistern, weil sie ihm erzählte, dass Orson Welles immer hierhergekommen war und das Lokal noch immer einem Sohn oder Enkel von Giuseppe Cipriani gehörte, dem Erfinder des Carpaccio. »Wer ist dieser Harry eigentlich?«, überlegte er. Das Lokal lag in unmittelbarer Nähe zu ihrem Hotel; unterwegs kamen sie an den vier Pferden vorbei, die aus dem Hippodrom in Konstantinopel entführt worden waren, und es schien, als würde eines von ihnen sie mit seinem funkelnden, rubinroten Auge verfolgen. Sie blieb neben einem Schaufenster von Missoni stehen, überschlug, ob sie genug Geld für das Kleid mit dem Zickzack-Muster hätte. Im Grunde schon, aber es war das Geld, das sie beide für ihre Flitterwochen geschenkt bekommen hatten, es war für gemeinsame Unternehmungen bestimmt, nicht für materiellen Firlefanz.

Die Bar selbst lag im ersten Stock. Zwei junge, hübsche Männer standen hinter dem Tresen und mixten Getränke. Auch der Bellini war Giuseppes Erfindung, oder zumindest hatte er den Namen des Getränks geprägt. Ein großes Schild wies darauf hin, dass Fotografieren verboten sei und: »Dreitausend Bellinis werden hier täglich serviert.« Ein Bellini kostete fünfzehn Euro und kam in einer schmalen Schale, garniert mit genau acht Oliven. Das Getränk hatte dieselbe Farbe wie die Gewänder der Heiligen auf den Gemälden irgendeines Bellini aus der Renaissance, daher sein Name.

Sie stiegen die Treppen zur zweiten Etage hinauf, wo sich das Restaurant befand. Arrigo Cipriani selbst stand neben einem antiken Teewagen am Eingang, ein kleiner, geschrumpfter Greis in elegant geschnittenem Streifenanzug, und drückte den Gästen die Hand. Er wechselte zwei Worte mit ihnen. Er trug den Namen des traditionsreichen Restaurants. Arrigo freute sich, dass sie auf Flitterwochen hier waren. Seine, so erzählte er, hatten er und seine Frau im Konzentrationslager Dachau verbracht. Bevor sie ihn nach dem Grund fragen konnten, schwebten Kellner in weißen, gebügelten Jacketts wie Möwen herbei und trugen sie auf ihren Schwingen mit sich fort. Man brachte sie zu einem Tisch für zwei mit funkelndem Silberbesteck und direkt neben dem Fenster, vor dem die Piazza in ihrer ganzen Pracht erstrahlte.

Am Tisch links von ihnen saß eine amerikanische Familie. Der etwa sechsjährige Sohn trug dasselbe blau-weiße Matrosenhemd wie sein Vater, das Mädchen akkurat geflochtene Zöpfe und ein geblümtes Lilly-Pulitzer-Kleid. Die Mutter trug ein Twinset aus feinem Cashmere und das Haar geglättet, die heugelben Strähnchen waren zu einem Pferdeschwanz zusammengerafft, der ihren markanten Kiefer gut zur Geltung brachte. Der Vater zerlegte mit Expertise einen Hummer, und die Kinder verknoteten sich die Hände bei dem Versuch, die Pasta-Streifen, wie es sich gehört, mit Gabel und Löffel zu Nestern aufzurollen.

Rechts von ihnen saß ein greises Paar, mit silbernem Haar, die runzligen Hände innig ineinander verschlungen. Sie malte sich aus, wie Jonatan am Ende um die Rechnung bitten und Arrigo ihm dann sagen würde, das sei nicht nötig, die beiden Alten hätten bereits für sie bezahlt. »Wir haben in unseren Flitterwochen auch hier gegessen«, würden die Alten sagen, ihnen warmherzig zulächeln und hinzusetzen: »Und jetzt feiern wir goldene Hochzeit.« Was für ein gutes Omen für die Zukunft das wäre.

Während sie ihre Vorspeise aßen (Carpaccio natürlich, das ihrer Meinung nach göttlich schmeckte und das Jonatan »richtig super« fand), betraten drei Frauen das Restaurant, »die Komtessen, geradewegs aus einem Film von Visconti«, wie er bemerkte. Die erste, um die vierzig, trug einen prächtigen Haarturm und ein noch prächtigeres Dekolleté. Sie küsste Arrigo unter dem Geklirre dunkler Ketten und Kreuze und mit schmatzenden Lippen auf beide Wangen. Ihr Kleid bestand aus Schichten fester, schwarzer italienischer Spitze, das Witwenmodell von Dolce & Gabbana. Die zweite Frau trug exakt dieselbe Garderobe, nur ohne Dekolleté, und da sie mager war wie ein Skelett, wirkte sie wie ein junges Mädchen, das sich mit den Kleidern ihrer Mutter aufgedonnert hatte, wären da nicht die Falten an ihrem Hals gewesen. Sie sah der ersten Frau sehr ähnlich, doch die Jahre und Sorgen hatten ihr Gesicht gezeichnet. Schwestern, schlussfolgerte sie, oder vielleicht auch Mutter und Tochter. Die dritte war tatsächlich noch ein Mädchen, um die sechzehn, mit rosigen Wangen, in einem roséfarbenen Chanel-Kostüm und mit einem weißen Hündchen, das sie wie eine Handtasche unterm Arm trug. Die drei setzten sich an den runden Tisch in der Mitte, und das Hündchen wurde mit einem eigenen Stuhl beehrt.

Während die Komtessen Bellinis hinunterkippten und Jonatan mit den Hummerzangen ihres Hauptmenüs kämpfte, guckte das Hündchen über den Rand des Stuhls, verfing sich dabei in der um die Tischbeine gewickelten Leine und schwebte so einen Moment zwischen Himmel und Erde. Das Mädchen sprang sofort auf, um ihm zu helfen, verlor dabei das Gleichgewicht und brach in hysterisches Geschrei aus. Die Kellner eilten zu Hilfe, doch Jonatan kam ihnen zuvor, streckte seinen langen Arm aus, rettete das gurgelnde Hündchen und die Situation. Die Komtessen klatschten begeistert in die Hände und jubelten laut. Die beiden Älteren erhoben sich, küssten Jonatan auf beide Wangen und gestikulierten, sie sollten sich doch zu ihnen an den Tisch setzen. »Der Tod in Venedig, aber wirklich«, flüsterte er ihr zu, stand auf und folgte der Einladung. »Wir haben hoffentlich Ihr Gespräch nicht gestört, oder?«, sagte eine der Komtessen in gebrochenem Englisch. »Nein, wir reden nicht so viel miteinander in letzter Zeit«, erwiderte Jonatan, während die Kellner den restlichen Hummer an den Tisch hinüberbrachten, woraufhin die greise Komtesse ihm zeigte, wie man die Zangen richtig packen musste.

Als sie am anderen Morgen aufstand, lagen ihre Kleider noch immer im ganzen Zimmer verteilt, sie hatte ausgepackt, aber nichts in den Schrank gehängt; das puderfarbene Satinkleid war völlig zerknittert. Sie hatte die Kleider extra für die Flitterwochen gekauft und monatelang in der brennenden Erwartung geschont. Ihre Flitterwochen, darauf hatten sie sich geeinigt, würden großartig werden. Sie konnte sich nicht erinnern, was genau sie vergessen hatte, einzupacken, aber sie war sich sicher, dass etwas fehlte. Der Ausschlag unter dem Ring kratzte wieder. Da musste schnellstens eine Creme drauf.

Sie blätterte in der italienischen Ausgabe der Vogue, die sie am Flughafen gekauft hatte. Man musste das Magazin gar nicht lesen, die Bilder sagten genug. Sieh mal an, ein Paar bonbonfarbene Lackpumps. Jonatan fischte den MP3-Player, den sie ihm zum Geburtstag geschenkt hatte, aus der Tasche und zu ihrer Freude auch den Adapter für einen zweiten Kopfhörer, sodass sie zusammen hören konnten. Aber er griff nur nach seinen Kopfhörern, den schwarzen. Sie schmiegte sich ganz dicht an ihn, um herauszufinden, welche Musik er gewählt hatte. Der wummernde Bass verriet es ihr: Rage Against the Machine. Wie beruhigend. Er lächelte sie an und holte ihre weißen Kopfhörer hervor, damit sie mithören konnte. Er roch noch immer nach frischem Gebäck.

»Weißt du was? Beim letzten Mal, als ich in Venedig war, wollte ich eigentlich gar nicht herkommen. Die Fontänen, Schuhe und das Eis in Rom waren mir viel lieber. ›Diese Stadt ist doch sowieso am Versinken, und Wasser konnte ich noch nie leiden‹, das ungefähr habe ich damals zu meiner Mutter gesagt. Aber meine Mutter ließ sich nicht davon abbringen: Ein Besuch in Venedig wäre wichtig für meine Bildung.«

»Was sagst du, ich habe nichts gehört.«

»Ich habe furchtbare Kopfschmerzen. Ich glaube, ich brauche einen Kaffee, dann gehen sie weg.«

Sie schlenderte allein über den Markusplatz. Ein ganzer Teppich aus Tauben bedeckte die Piazza, es war widerlich; sie kackten alles voll, flogen direkt auf sie zu; während sie noch dabei war, vor einer Taube den Kopf einzuziehen, verfing sich schon die nächste in ihren Haaren. Um sie herum streckten die Leute die Hände aus, Tauben landeten auf ihren Köpfen, auf ihren Füßen, und alles war übersät, umringt, überschwemmt von Tauben. Sie zogen wie die Ratten in Rudeln herum, nicht wie Vögel. Ein hübsches Mädchen mit langen Locken sagte kichernd auf Hebräisch: »Oma, mach ein Foto, ich hab drei auf mir sitzen, schnell!«

In den unzähligen Schaufenstern rund um die Piazza wiederholten sich dieselben Läden in der immergleichen Form; da gab es Ketten und Aschenbecher aus Muranoglas, bunte, mit Punkten und Blumen verzierte Ledertaschen, Bäckereien, Sonnenschirme, haufenweise Unterhosen und BHs. Hässlich eigentlich, aber die Gehirnwäsche wirkte. Sie musste unbedingt diese dämliche Handtasche mit den Schmetterlingen haben, und das orangene Korallen-Medaillon und die blau-weiß gestreifte Bluse auch. In keinem der Läden gab es Zigaretten. Dafür in jeder Bäckerei Ricotta-Pastete.

Sie ging in eine Parfümerie, suchte nach einem Duft, der die von Gerüchen schwangere Luft der Piazza überlagern würde. Das Parfüm, das sie suchte, hieß »Capri«; ihr Flakon war schon lange leer, sie hatte es damals bei ihrem ersten Besuch in Venedig gekauft. Ja, warum waren sie für ihre Flitterwochen eigentlich nicht nach Capri gefahren? Auf eine ruhige, sonnenvergoldete Insel, wo sie in türkis schimmerndem Wasser baden konnten. Sie kaufte sich das Parfüm nicht. Hatte es sich nicht verdient.

Stattdessen kaufte sie heruntergesetzte Schlüpfer aus Spitze. Es gab nur noch welche in sehr kleinen Größen und gelbe. Die passten ihr. Für ihn kaufte sie Trikotunterhosen, bedruckt mit diesen schnuckeligen Zeichentrickfiguren der Familie Barbapapa. Als sie mit Tüten beladen ins Hotel zurückkehrte, hatte sie drei Zigaretten geraucht und war besänftigt. An der Schwelle des Hotels kratzte ihr Ehering wieder, auch das Gesicht juckte. Wieder spürte sie ihren Geist in sich, wie ein Blubbern. Ein glühend heißer Dampf. Im dunklen Korridor auf dem Weg ins Zimmer stieß sie auf das gewaltige Ölporträt einer Frau in gelbem, durchsichtigem Kleid. Darunter stand »Lady Penelope«. An der Wand über dem Gemälde hing ein antikes Schwert; wie gern hätte sie es aus der Scheide gezogen und einmal, von oben nach unten, ein großes X in die Leinwand geschlitzt. Wie gern hätte sie der Dame das rote Band heruntergerissen, den Lippenstift abgewischt, das Grübchen in ihrer Wange durchlöchert. Und die Früchte aus dem Körbchen zu ihren Füßen, die Kirschen, Bananen, Ananas, eine nach der anderen gegen die Wand geschleudert. Das Porzellankörbchen mit hüpfenden Freudensprüngen in Tausende Splitter zerschmettert. Oh ja, sie hatte große Lust, sich die Kappe des Concierge zu schnappen, der schweigend die Tüten hinter ihr hertrug, und ihre Zähne in den rot blitzenden Plastikschirm zu hauen. Doch sowie sie diese Lust in sich aufwallen spürte, waren sie auch schon an ihrem Zimmer angelangt, sodass sie den Concierge nur noch rasch mit einem großzügigen Trinkgeld bedachte. Sollen die Totengeister zwischen uns herumflackern oder gleich alles verschlingen, dachte sie auf der Schwelle zum Zimmer, ohne zu wissen, ob sie Jonatan dort antreffen würde oder nicht. Ja, warum eigentlich nicht? Es war einerlei; genau wie in dem Moment, wenn Ms. Pac-Man im Spiel stirbt, wird auch sie sich einfach hinstellen und sagen: »She dramatically swoons and falls.«

Am nächsten Morgen buchten sie in der Lobby eine Gondelfahrt und setzten sich dann zum Frühstück auf die Dachterrasse. Sie bestellten weich gekochte Eier und köpften sie mit dem Messer, vermischten den tropfenden, orangenen Dotter im Becher mit dem Eiweiß und salzten das Ganze leicht. Ein Kellner trat mit einer riesigen Pfeffermühle an ihren Tisch, streute über ihre Köpfe hinweg noch etwas schwarzen Pfeffer auf die Eier, reichte dazu ein Stück weiche Butter auf silbernem Untersetzer, außerdem eine heiße, duftende Kaffeekanne, fluffige Brioches, rote Himbeermarmelade und Würfelzucker. Er schenkte ihr Kaffee ein, und Jonatan ließ jeweils einen Würfelzucker in ihre Tassen plumpsen. Er rührte sogar um, obwohl sie ihren Kaffee immer ohne Zucker trank. »Irgendwann werde ich es mir merken«, sagte er. Ein anderer Kellner stellte ein Körbchen auf den Tisch, ausgelegt mit einer Stoffserviette, darin winzig kleine, duftende Brötchen, die Ähnlichkeit mit den Krallen eines Habichts oder eines anderen Raubvogels hatten. Eine bräunliche Kugel, aus der spitze, hakenförmige Fingernägel aus Teig hervorragten.

Während sie sich in der Lobby einen Pullover überzog und sie auf ihre Gondel warteten, sagte Jonatan: »Du weißt, das ist alles bloß Bluff für die Touristen, alles aus Plastik, diese ganzen Gondeln, eine große Show, die werden bestimmt bei uns um die Ecke in Petach Tikwa hergestellt.«

»Na und? Kann doch trotzdem schön sein«, konterte sie stur.

Als ihr Gondoliere kam, ein bärtiger Mann in gestreiftem Hemd und Gürtel mit Gucci-Logo, der auch Bankier hätte sein können, fing Jonatan sofort ein Gespräch mit ihm an. Er hieß Marco, war selbstverständlich in Venedig geboren und kannte, so schien es, jedes Boot und jeden Menschen, die diese Kanäle passierten. Marco sang auch ein bisschen für sie, allerdings nicht mit dem größten Schmelz, und als Jonatan ihn bat, sie zu den abgelegeneren Gebieten zu bringen – »fahren Sie uns nur nicht dorthin, wo alle hinwollen« –, war ihm das willkommen. Auf den Hauptverkehrskanälen, die die Touristen besonders liebten, gab es viele Staus.

Marco steuerte den schwarzen Drachenkopf mit den Zügeln im Maul hinüber zu den farbloseren, weniger überlaufenen Gebieten. Ihre einsame Gondel glich einem in die Erde gelassenen Sarg; über den Himmel zogen weiße Wolken, und die Boote auf den Kanälen wurden noch weniger. Vor ihnen erstreckten sich Wassergassen und verlassene erste Stockwerke, überall ragten Holzpfähle mit Eisennägeln auf, die grünliche Schlacke kroch die Steinwände hoch.

»Es sieht gar nicht danach aus, als wäre Venedig versunken«, sagte Jonatan, »die unteren Stockwerke sind nicht überschwemmt.«

»Das hängt von der Flut ab«, sagte Marco. »Sie kommt viermal täglich. Aber niemand stört sich daran, denn hier wohnt keiner mehr. Die Preise sind nicht zu bezahlen.«

»Eine Wohnung in Venedig ist also keine wirklich gute Investition in die Zukunft?«, versuchte sich Jonatan an einem Scherz. Zur Strafe schlug Marco enthusiastisch vor, sie zu fotografieren. Und sie freute sich sogar darüber. Anders als Jonatan. »Must we?«, fragte er, doch Marco drängte sie und schob, ihr Smartphone schon in der Hand, auch noch hinterher: »Warum küssen Sie sich nicht?« Später würden sie feststellen, dass ihre Gesichter auf dem Foto nur zur Hälfte sichtbar waren, aneinandergepresst im Krampf eines künstlichen Kusses.

Sie stiegen aus der Gondel und spazierten zum jüdischen Ghetto. Jonatan las ihr ein paar Zeilen aus der Broschüre vor, die am Eingang zum Viertel ausgeteilt wurde: »Wenn die Juden über Mussolini redeten und sich beschweren wollten, ohne dass man verstand, wer gemeint war, nannten sie ihn den ›großen Goi‹.« Als die Sonne unterging, aß er süße Sardinen mit grünen Trauben. Sie verzichtete auf das Grab von Ezra Pound.

Auf dem Weg zurück zum Hotel zog Jonatan sie in eine finstere Gasse, in deren Mitte eine breite Fontäne stand, zum Sprung ansetzende Leoparden, in Marmor gebannt. Die Fenster ringsum waren zerbrochen, die Farbe blätterte von den Wänden ab, Grün, Gelb, Braun, Rot. Sie bemerkte das, als er ihre Hände gegen eine der Wände presste, ihr den Slip herunterriss und sie von hinten vögelte. Ihre Finger versanken im Moder und färbten sich grün.

Am nächsten Morgen verließen sie Venedig, und schon gegen Mittag waren sie an den Ufern des Gardasees. An der Rezeption ihres Hotels liehen sie sich Fahrräder für eine Tour. Der Himmel hätte blauer nicht sein können. Zwischen Straße und See lugte hier und da eine große, zerfallene Villa hervor. Ein gelbes Schloss, in dem Vögel statt einer Prinzessin hausten. Ein altes Häuschen aus rotem Ziegelstein, an dem ein gelbes Neonschild prangte und versprach: Pizza Pizza Pizza. Ein Strand, an dem einige Dutzend Italiener in der Sonne brieten.

Er fuhr voran, sie folgte. Hoffte, das In-die-Pedale-Treten würde für Entspannung sorgen, Endorphine freisetzen. Die Sonne verwischte Konturen, schickte ihnen Strahlen, molti-belli. Er fuhr schnell, die schwerfälligen Scheiben der Stadträder drehten sich in eingespieltem Rhythmus. Gelegentlich machte er einen Katzenbuckel; und ausgerechnet hier, hinter ihm, wenn er nicht sprach und auch sie vor Anstrengung schwieg, fühlte sie sich wohl. Selbst die Wut schien ihr willkommen. Sie konnte sie aushalten. Alles war in bester Ordnung.

Im Ortskern eines kleinen Ferienstädtchens mündete die Straße auf einen öffentlichen Platz. Vor einem Eiscafé stiegen sie von den Fahrrädern. Zwei weiß gekleidete Jungen standen hinter ihnen in der Reihe und warteten geduldig, während er die Geschmacksrichtungen Orangenschokolade und Pistazie probierte. Er nahm drei Kugeln, sie eine. »Hat dir das Fahrradfahren gutgetan?«, fragte sie. Er nickte. Das Schokoladeneis hinterließ eine braune Spur auf seiner Wange.

»Möchtest du vielleicht ein bisschen durch das Städtchen spazieren? Schau mal, ist doch richtig nett hier.«

»Etwa, um noch mehr zu shoppen?«, erwiderte er. Sie verneinte, gab es nicht zu, dass sie eigentlich genau das wollte. Sie wollte nur nicht zu viel Geld verprassen.

»Hier ist nicht wirklich was los. Komm, fahren wir weiter. Eine kleine schöne Rundfahrt, einmal um den See.« Zu ihrem Entsetzen wollte er tatsächlich den ganzen See umrunden. Bitte nicht.

»Das sind aber ganz schön viele Kilometer, ich glaube kaum, dass ich das durchstehe.«

»Du musst nicht stehen, das ist ja das Tolle, bloß sitzen und treten.«

Sie schwieg. Was sollte sie dazu sagen? Er wusste doch, dass sie keine gute Kondition hatte.

»Na gut, dann ruhe ich mich eben im Hotel aus.«

»Willst du nicht an den See? Wir könnten ein bisschen baden?«

»Nee, danke, ich lege mich lieber im Hotel aufs Ohr.«

Sie fuhren zurück, er wieder voraus, schnell und immer weiter, und sie mühte sich ab, mitzuhalten. Zu ihrer Erleichterung war es nicht mehr weit bis zum Hotel, links von ihnen lag schon der Badestrand, ganz bunt vor lauter Sonnenschirmen.

»Willst du nicht mal am See anhalten?«, fragte sie hoffnungsvoll.

»Ich sagte dir doch schon, ich habe keine Lust«, erwiderte er und legte noch einen Zahn zu.

»Worauf hast du dann Lust?« Ihr stand ein kleiner Anstieg bevor, deshalb trat auch sie noch schneller in die Pedale, verlor kurz die Kontrolle, schwankte und stürzte vornüber in den Kies. Der Schmerz verschlug ihr die Sprache. Ihr war sofort klar, dass sie sich nicht ernsthaft verletzt hatte. Einige Steinchen klebten an den Händen, beinahe waren sie in die dünne Hautschicht eingedrungen, so aber hinterließen sie nur rote Abdrücke. Das linke Bein war verdreht, und als sie es bewegte, spürte sie einen leichten Schmerz. Er war weitergefahren, drehte sich nun um und sah sie auf dem Boden liegen.

Er blieb sofort stehen, fuhr aber nicht zu ihr zurück. Er fixierte sie lange mit wütendem Blick, als wäre sie ein kleines Mädchen, das etwas Dummes verbrochen hatte. Wenn er sie so anschaute, musste sie immer automatisch weinen, diese Kränkung war größer als der Schmerz. Am Ende kam er doch noch zu ihr und half ihr, aufzustehen. Sie wünschte nichts sehnlicher, als in seine Arme zu fallen und in inniger Umarmung von ihm getröstet zu werden, aber sie hatte das Gefühl, sie durfte das nicht tun. »Du nimmst mich noch nicht mal in den Arm«, flüsterte sie tonlos.

»Was?«, fragte er.

»Ich finde es seltsam, wie du reagierst«, sagte sie, »warum bist du nicht gekommen und hast mich umarmt?« Wieder war er durch die Prüfung gefallen.

»Dieser ganze Pfuschfitz ist mir fremd«, sagte er und stieg wieder auf sein Fahrrad. Als er gen Horizont davonraste, überlegte sie, was er gemeint haben könnte. »Phase«? »Ferien«? Oder »Flitter«?

Lustlos fuhr sie allein zum Privatstrand des Hotels und suchte sich ein schönes Eckchen. Die Sonne stand tief am Himmel, die Wellen kräuselten sich sanft. Vom Nachbarstrand dröhnte laute Musik herüber, bésame, bésame mucho. Sie breitete ihr Handtuch nahe am Wasser aus, versteckte ihre Tüte darunter und tauchte ins blaue Nass. Der See umfing sie, sie tauchte unter, tauchte wieder auf, auf und ab, brach durch die Wellen, schwamm unter Wasser, wusch alle Gedanken von sich ab. Und so, ganz leer geworden und erfrischt, trat sie wieder auf den heißen Sand, spannte akkurat die Enden des Handtuchs aus, kümmerte sich nicht um Sonnenschutzcreme und zückte ohne das geringste Schuldgefühl die Zigarette, die sie zwischen den Seiten ihrer Ferienlektüre versteckt hatte: »Herzog« von Saul Bellow, sie hatte noch keine einzige Zeile darin gelesen. Um sie herum rauchte niemand; statt aufzustehen und jemandem das Feuer zu stehlen, schloss sie die Augen und stellte sich vor, sie hätte ein grässliches Date mit einem tollen Mann. Oder ein tolles Date mit einem scheußlichen Mann. Jeder Gedanke war ihr lieber als der an Jonatan. Sogar den Gedanken an Sex mit dem widerlichen Alex fand sie jetzt witzig.

Der bombastische Sex war in der Tat die Wurzel des Problems, hier lag der Grund für den großen Irrtum von allem, was mit Jonatan zusammenhing. Seitdem sie zusammen waren, empfand sie es als einen Segen, wie einfach doch der Körper gestrickt war: Er musste vor allem als nützliches Werkzeug zur Erforschung der Wirklichkeit dienen, denn er allein war das Fundament der Wirklichkeit. Diese Erkenntnis war ein langer Prozess gewesen und darüber hatte sie Jonatan kennengelernt. Dieser kühle Gedanke nutzte ihr bei der Arbeit, aber nicht in ihrem Liebesleben. Nachdem sie jahrelang immer wieder die falsche, wenn auch stets genau durchdachte, der Vernunft geschuldete Wahl getroffen hatte, die deshalb nur in der Theorie ausgezeichnet funktionierte, hatte sie bei Jonatan das erste Mal auf ihr Herz gehört, das heftig geschlagen hatte. Der Rhythmus des Herzschlags gewann gegen den Tyrannen, das drängelnde Hirn. Sie hatte sich das erste Mal in ihrem Leben dessen despotischer Diktatur widersetzt und den Gefühlen ihres Körpers vertraut, diese zu Alleinherrscherinnen gekrönt, sie alles entscheiden lassen. Nicht weil diese Gefühle so angenehm gewesen waren (das waren sie), sondern weil sie bei allem, was ihr Privatleben betraf, ihre eigene Logik stets selbst voraussah, prüfte und einordnete: leere Magie. Eitler Dunst. Unsinn. Weil die Ratio sich immer wieder als irreführend herausstellte, war die Entscheidung fürs Fleisch ironischerweise der einzig logische Schritt. Hier biss sich die Katze in den Schwanz. Von nun an wäre das Körperliche der Schlüssel ihrer Wahrheit. Wahrheit war Liebe, und Liebe begann beim Fleisch. Es hatte nichts Spirituelles an sich, wenn der Geist den Körper gefangen nahm, im Gegenteil. Die Materie segnete die Seele.

Darum vertraute sie der Weisheit ihres Körpers und hörte auf ihn, als er ihr sagte, wohin sie gehen solle. Ja, gewiss stand jetzt der Satan zwischen ihnen und brachte mit Verve seine Anklage vor, bis er ganz heiser wurde. Denn zum ersten Mal, seitdem sie mit Jonatan zusammen war, kam ihr die Möglichkeit in den Sinn, mithilfe eines fremden Körpers, eines anderen Mannes das Raum-Zeit-Kontinuum aufzusprengen. Ihre Augen wanderten hin und her. Aha, da, ein blonder, sonnengebräunter Mann mit zwei Kindern. Oder dort hinten, ein schmusendes junges Pärchen. Und schon entdeckte sie einen Einsamen, der in der Sonne briet und jetzt auch sie bemerkte, von oben bis unten musterte, lächelte und sich mit einem schweren, silbernen Feuerzeug eine Zigarette anzündete. Sie fingerte zwischen den Buchseiten nach ihrer Zigarette, als ginge es um einen kleinen Immobilienbesitz.

Im Hintergrund erklang plötzlich »Hey«, dieser Song von den Pixies, den die DJs in ihrer Jugend immer am Ende einer Party gespielt hatten. Ja, sie waren fest aneinandergekettet, doch was diese Kette zusammenhielt, waren keine Gesetze oder Zeremonien, es war Liebe. Und sie verstand, sie musste nicht aufstehen und sich mit Jonatan versöhnen, sie war nicht dazu verpflichtet, aber etwas in ihr wollte es. Also stand sie auf, faltete die Decke zusammen, drückte die Zigarette aus und ignorierte den braun gebrannten, schleimigen Italiener, dessen Gesicht und Oberkörper rasiert waren und der sich mit den Händen in den Hüften, irgendwas auf Italienisch oder Französisch brabbelnd, vor ihr aufgebaut hatte. Sie wusste noch nicht, was genau sie Jonatan sagen wollte, aber sie war in der richtigen Stimmung, voller Liebe und Reue. Nachdem sie dem Meer den Rücken zugewandt hatte und den grünen Hügel hinaufgeklettert war, sah sie zahllose junge Paare, die eng umschlungen den Sonnenuntergang betrachteten. Obwohl sie allein war, fühlte sie sich ihm unendlich nah, so nah sogar, dass sie irgendeinen Fahrradfahrer in der Ferne für ihn hielt und ihm Wogen der Liebe entgegenschickte. Erst als der Fahrradfahrer mit gewaltiger Geschwindigkeit immer näher kam, begriff sie, er war es wirklich, ein Ende, wie sie es zu erträumen gar nicht erst gewagt hätte.

Jonatan stieg vom Fahrrad, und sie umarmten sich fest, verschmolzen wie auf dem Gemälde von Edvard Munch in einem innigen Kuss. Er sagte: »Ich habe geträumt, du wärst für immer fort gewesen, habe entsetzlich geweint, dann bin ich aufgewacht und habe begriffen, du bist wirklich fort, und habe noch mehr geweint. Es tut mir leid. Ich lass dich nicht mehr gehen.« Er hatte einige Leckereien mitgebracht: Brot und Würste, eingelegte Artischocken und eine mit Bast umwickelte Flasche Chianti; alles, was man für ein Picknick in der Abenddämmerung brauchte. Er öffnete die Flasche, nahm einen Schluck, bot auch ihr einen an und schlug dann vor, noch kurz im See zu schwimmen, bevor die Sonne unterging. Sie tauchten ins Wasser ein, die Beine versanken im weichen Sand, und sie küssten sich. Hätte sie jemand dabei gefilmt, er hätte sie bestimmt einmal mit der Kamera umkreist.

DIE SÄUGER-MASCHINE
DAS WISSEN DES KÖRPERS

Tag: 1

Datum: 25.12.

Zeitpunkt des Blasensprungs: 1:38 Uhr

•

Sie hatte großen Durst, wollte aber nicht um etwas zu trinken bitten, aus Angst, wieder auf die Toilette zu müssen.

•

Wie spät es wohl war? Vielleicht war es schon Zeit, aufzustehen. Sie öffnete die Augen.

In einem mit strahlend weißen Bettlaken bezogenen Eisenbett, nur eine Handbreit von ihr entfernt, lag eine rothaarige Frau auf der Seite und stopfte Sachen aus dem Nachtschränkchen in eine große Nylontasche von Hello Kitty. Der dicke Bauch der nackten Frau hing nach unten. Die Wangen waren gerötet. Der Vorhang ihres Bettes war zurückgezogen, und sie trug das Lächeln einer Gesalbten.

»Sie haben ganz schön geschnarcht. Es war so laut, dass ich dachte, Sie wachen selbst davon auf. Ihre erste Geburt?«

Sie nickte.

»Kaiserschnitt?«

Sie nickte.

»Ich hab schon zwei hinter mir und lebe noch. Ich bin Chaja. Im Badezimmer sind Badelatschen, sie sind ganz neu, können Sie mir glauben, da müssen Sie sich nicht ekeln.«

•

Flüsterstimmen weckten sie. Eine flackernde Neonbirne. Der Vorhang rundum zugezogen. Eine dunkelgrüne, mit rosa Blümchen übersäte Wand aus Stoff.

»Gott sei Dank. Dreimal auf Holz geklopft. Wir haben es nur dem Segen von Rabbiner Schimschoni zu verdanken, dass bei Schirani trotz Steißlage alles gut gegangen ist. Sein Name sei gepriesen. Ohne PDA. Umso besser.«

»Schirani, Liebes, trinkst du auch Dunkelbier? Und iss ein paar Mandeln, das ist gut fürs Stillen.«

»Ich trinke ja. Mama, es reicht jetzt.«

Um die eine Hand war ein dünnes, weißes Nylonband gebunden, an der anderen der Verschluss befestigt, der sie mit dem tropfenden Infusionsbeutel verband. Trotz der groben blauen Wolldecke fror sie an den Zehenspitzen. Sie wollte jemanden rufen, aber da war niemand, nach dem sie hätte rufen können. Sie war allein. Wollte nicht nach dem Unterleib tasten. Wollte nichts wissen. Wollte nur aufstehen. Das Gesicht des kleinen Mädchens sehen.

•

Dieses Mal weckte sie ihr trockener Mund. Die Zunge klebte am Gaumen. Und wieder diese Stimmen. Fremd. Kaum zu unterscheiden.

»Hier, nimm sie. Das ist Iris, Schirani.«

»Mein Spatz, wie geht’s? Sie haben mich in Stücke gerissen.«

»So hat es Gott gewollt.«

»Du hast keine Ahnung, was da draußen los war. Ich und Jossi standen mitten auf der Ajalon-Schnellstraße im Stau, es war fünf Uhr morgens, und ich hatte alle drei Minuten Wehen. Die Motorhaube fing an zu rauchen, Jossi stellte ein Warndreieck auf, ich wand mich vor Schmerzen auf dem Rücksitz. Ich war außer mir, und kein Taxi in Sicht, nichts. Leben in mir und die Straße tot. Schließlich hielt auf der anderen Seite ein Auto mit zwei jungen Burschen um die zwanzig, unterwegs nach Hause von irgendeiner Party, und die haben uns mitgenommen. Das ganze Auto stank nach Bier und Zigaretten. Wir sagten: ›Zum Ichilov.‹ Aber die haben gar nicht kapiert, wovon wir reden. ›Wo, was für ein Ichilov?‹«

Schirani war also die neue Wöchnerin im Zimmer. Sie wollte den Vorhang beiseiteschieben, doch als sie versuchte, sich aufzusetzen, wurde ihr schwindlig. Sie zögerte kurz, dann drückte sie auf den Notknopf. Eine Frau in Weiß erschien und zog den Vorhang auf. Fünf Uhr dreißig morgens. »Jetzt sehen wir doch mal, ob Sie Wasser lassen können. Was ist Ihnen lieber, Tabletten oder eine Spritze gegen die Schmerzen? Sie können auch beides haben. Und das Trinken nicht vergessen, hier ist Wasser für Sie. Ziehen Sie bitte Krankenhaushemd und Unterhosen an und nehmen Sie einen frischen Verband mit.«

Die Schwester half ihr aus dem Bett und begleitete sie zur Toilette, viereinhalb Schritte. In der einen Hand hatte sie den Infusionsbeutel und die Utensilien, mit der anderen hielt sie sich das Krankenhaushemd zu – hinten offen, dass Schirani und Schiranis Mutter jetzt bloß nicht guckten.

Sie löste einen Knoten hinten und setzte sich.

Sie spürte nichts. Es war nicht so, dass sich nichts verändert hätte, es hatte sich extrem viel verändert. Der Bereich, in dem operiert worden war, vom Bauchnabel abwärts, war wie taub, sie fühlte dort nichts. Keinen Schmerz, kein leichtes Prickeln. Nicht mal einen Luftzug auf der Haut. Aber sie konnte Pipi machen. Ein Wunder. Das Gehirn sendete den Befehl dorthin, wo sie selbst nichts als Leere spürte. Und siehe da, es lief, deutlich hörbar. Das Wissen des Körpers.

Sie nahm den roten Verband ab und linste nach unten. Eine breite, mit kleinen Nadelstichen stramm zusammengehaltene Schnittwunde. Der Bauch sah aus wie ein Gesicht: Brüste – Augen, Bauchnabel – Nase und, seit Neuestem, darunter der Schnitt – ein breiter, rosafarbener Mund. Sie hatten offensichtlich einen ziemlich langen, geraden und gleichmäßigen Schnitt von rechts nach links gezogen und, als das nicht reichte, entlang einer etwas kleineren, diagonalen Linie noch nachgeschnitten. Darum lächelte sie der Mund von da unten jetzt leicht schief an.

Nach dem Waschen öffnete sie die Box mit der Einwegunterwäsche, die die Schwester ihr zugesteckt hatte: weiße Netzschlüpfer, geschnitten wie Hot Pants. In Schwarz wären sie fast sexy. Solche Schlüpfer hätten eigentlich in ihrer Krankenhaustasche sein sollen, denn sie hatten auf der Was-in-die-Krankenhaustasche-kommt-Liste gestanden. Natürlich war die Tasche jetzt nicht hier. Sie hatte sie nämlich noch gar nicht gepackt. Zwei Monate vor dem Termin. Damit hatte niemand gerechnet.

Sie kam aus der Toilette, wollte der Schwester von ihrem Erfolg erzählen, aber die war verschwunden.

Zu ihrer Überraschung fand sie im Regal neben dem Tisch ihre Schuhe, sie warteten dort geduldig zusammen mit den gebrauchten Strümpfen. Sie bückte sich, doch der Körper streikte, ein unerklärlicher Widerstand blockierte sie. Sie nahm die Zehen zur Hilfe, um einen Strumpf herauszufischen und in den Schuh zu gleiten. Trat aus dem kleinen Zimmer auf den Korridor der Abteilung, den Infusionsständer neben sich her rollend und dabei mit dem Schwanz aus Plastikschläuchen wedelnd.

Alle Zimmer mündeten in den zentralen Raum, der vor ihr lag: Linoleumboden, Formica-Stühle und ein riesiges, leeres Buffet auf einem Metalltisch, hinter dem sich das Stationszimmer befand. Sie ging zu der Station, wartete, lehnte sich gegen die Säule am Empfangstresen. Eine Schwester spähte hinter dem Vorhang hervor.

»Wer sind Sie?«

»Ich muss zu ihr, zu meinem Baby.«

»Aber wer sind Sie?«, wiederholte die Schwester leise, sprach langsam jede Silbe einzeln aus. »Wie lautet Ihr Familienname?«

»Schneider.«

Die Schwester schaute in den Computer, und ihr Gesicht färbte sich safrangelb. »Sie hatten erst vor wenigen Stunden einen Kaiserschnitt, Sie sollten überhaupt nicht herumlaufen.«

Ganz in ihrer Nähe stand ein Rollstuhl. Vielleicht schaffte sie es bis dahin, sie musste nur noch einmal durchatmen. Die Schwester kam aus der Station heraus, schob den Rollstuhl zu ihr, setzte sie hinein und fuhr sie durch schwere Türen hindurch in einen größeren, kühlen Korridor.

Im orangenen Licht des weitläufigen Korridors leuchtete grell ein Neonschild: »Geburtshilfe – Wartezimmer«. An den Wänden hingen riesige Bilder in Schwarz-Weiß. Die Schwester steuerte mit einer Hand den Rollstuhl, mit der anderen den Infusionsständer. Die Bilder folgten rasch aufeinander wie in einem Film. Das erste zeigte eine jemenitische Hochzeit. Ein kleiner Bräutigam kniete unter der Last der traditionellen Gewänder nieder. Die Augen der Braut waren mit blauem Lidschatten geschminkt, sie hatte kleine Silbersternchen im Haar, das Hennaornament eines Kreises auf der Handinnenfläche. Kaftane hüpften im Kreis. Die Bilder waren nicht nach einer erkennbaren Logik aufgehängt. Dann, am Ende der Reihe ein einziges, ungewöhnliches Bild: eine alte Eisenbahn in klassischer Zentralperspektive, die einen Tunnel verließ und in eine offene, europäisch anmutende Landschaft aus immergrünen Tannen und dornigen Büschen fuhr. Hinter der Eisenbahn, wo alles verschwand, stand ein Schild und wünschte Gute Fahrt.

WO GOLD FLIESST

Tag: 1

Datum: 25.12.

Neugeborenes: lebt

Kopflage

Tag der Entbindung: 32. Schwangerschaftswoche + drei Tage

•

Räderquietschen. Und stopp. »Da sind wir«, sagt die Schwester. Auf dem Schild an der weißen, schweren Tür vor ihnen steht: »Neonatologische Intensivstation. Zutritt nur für Angehörige von Patienten. Kein Zutritt für Kinder.« Die Schwester schiebt sie behutsam vorwärts, öffnet die schwere Tür. Mit einem »Wusch« und »Klack« schlägt sie hinter ihnen zu.

Die Reise geht weiter durch einen langen, engen Neonkorridor mit gelben Fliesen, an vielen verschlossenen Türen vorbei bis zu einem großen Waschbereich am Ende. Die Schwester parkt sie vor den Waschbecken, öffnet mit einem kleinen goldenen Schlüssel ein Schränkchen, zieht einen Packen gelben Stoffs daraus hervor, zeigt auf ein Schild und sagt: »Machen Sie, was hier steht, und dann ziehen Sie sich bitte wieder an.« Bevor sie sich abwendet, weist sie auf eine große, weiße Tür: »Das ist der Eingang.«

Auf dem Schild über dem Waschbecken wird alles detailliert erklärt. Zunächst muss man Schmuck und Uhren ablegen und sich dann zwei Minuten lang mit der rosafarbenen Flüssigseife die Hände und Unterarme waschen. Ordentlich schrubben, anschließend mit Wasser nachspülen, damit die Bakterien durchs Becken abfließen. Eine ältere Frau kommt hinzu und stellt sich neben sie. Bestimmt eine Oma. Die Frau ist über und über mit Ringen und Armreifen behangen, legt sie aber nicht ab. Sieht sie nicht, was auf dem Schild steht? Das gehört sich nicht. Sie schrubbt sich mit der rosafarbenen Seife die Hände. »Oma, die Verschlüsse Ihres Goldschmucks wimmeln nur so vor Bakterien«, müsste man ihr sagen. Müsste ihr klarmachen, wie rücksichtslos das von ihr ist. Sie hat ihr Zeitgefühl verloren. Warum hängt hier keine Uhr? Sie schrubbt weiter. Die Bakterien-Oma ist fertig mit Waschen, dann kann sie auch aufhören, sie hat sich viel länger gewaschen. Sie desinfizieren sich beide. Ich soll mich einreiben, denkt sie. Eine Minute lang mit der blauen Septol-Lösung. Was ist Septol? Es ist kühl und brennt. Also, gut damit einreiben. Kurz abtrocknen und dann die Hand erneut eine Minute lang damit einreiben. Flüssige Minze. Im fünften Schritt muss man ein steriles, gelbes Krankenhaushemd überziehen.

Und jetzt ab durch die weiße Tür mit dem roten Schild »Zimmer 1«.

In Zimmer 1 flackern überall winzige, zuckende Lichter, und es ertönt ein ständiges Piepen in allen möglichen Tonlagen wie in einem deutschen Techno-Club. Rings um sie herum stehen durchsichtige Kästen, Puppenhäuser für Säuglinge. Am Kasten gleich neben ihr hängt ein Zettel: »Schneider, die Tochter von«. Der Adrenalinstoß lässt sie taumeln.

Da ist sie ja, sie liegt nur mit einer kleinen Windel bekleidet in dem aquariumartigen Inkubator und bewegt die Lippen, als würde sie saugen. Aber ihr Körper sieht gar nicht aus wie der eines Säuglings, sie ist unglaublich dünn, da ist kein Fettpölsterchen, nur Haut und Knochen, der Kopf fast wie von einem Alien. Man darf nur die Hand reinstecken, mit einem Nylonhandschuh, sie aber nicht berühren.

Schneider, die Tochter von hängt an einem Wirrwarr aus verzweigten Kabeln. Auf dem Monitor, mit dem die Kabel verbunden sind, flimmern Zahlen, aus denen man die Funktion jedes einzelnen ableiten kann. Eines misst den Puls, ein anderes den Rhythmus der Atemzüge, eines grün, das andere rot, wie bei einer explosiven Fracht. Und noch etwas wird hier gemessen, eine Reihe grauer, wechselnder Zahlen zieht flink über den Monitor. Was kann das sein?

Jemand legt ihr die Hand auf die Schulter, sie fährt hoch und dreht sich um. Aus einem grünen Kittel blickt sie die Schwester an. »Was hat diese Zahlenreihe zu bedeuten?«, fragt sie mit zitternder Stimme.

»Wollen Sie sich setzen?«, fragt die Schwester.

Nein, sie will nicht. Was sie will, ist der Schwester übers Haar streichen. Deren schwarzes Haar sieht dornig und stachelig aus, doch sie weiß, wenn sie die Hand ausstreckt und darüberstreicht, wird es sich weich und flaumig anfühlen. Die Schwester sieht sie mit offenem Mund an, sie möchte bestimmt etwas Wichtiges, Entscheidendes über Schneider, die Tochter von mitteilen. Da piept es plötzlich laut am anderen Ende des Zimmers, das Piepen hört nicht auf, und alle Anwesenden strömen in Richtung dieses hohen, kreischenden Tons. Drei Frauen in Grün und drei Männer in Weiß eilen herein und beugen sich in einem Kreis über die pfeifende Stelle. Irgendein Säugling. Erst als sich der Kreis auflöst und zwei Schwestern aus ihm heraustreten, kann man sehen, dass der Inkubator, um den sie stehen, ein bisschen anders aussieht als die anderen. Größer und mit noch mehr Kabeln und Drähten ausgestattet.

Plötzlich erklingt eine göttliche Stimme vom Himmel und verkündet: »Schau dich hier nicht um. Nicht nach rechts und nicht nach links. Schau nur auf dein eigenes.« Es dauert einen Augenblick, bis sie begreift, dieser Befehl ist an sie gerichtet. Ja, genau sie ist gemeint, sie hat sich umgesehen und dabei verbotenerweise mit den Augen andernorts herumgestochert; eine Sünde hat sie damit begangen, eine, die nicht weniger fatal ist als die Sünde von Lots Frau. Beklommen dreht sich Schneider, die Mutter von wieder zum Inkubator und bemerkt plötzlich, dass zwei Schwestern neben ihr stehen. Die ältere von beiden, die, mit der sie eben schon gesprochen hat, ist eine sehr gepflegte, perfekt geschminkte Frau, das grauviolette Haar trägt sie zu einem Beehive aufgesteckt. Sie kommt ihr bekannt vor. Nur woher?

Die andere Schwester ist noch jung, hochgewachsen und hat einen kugeligen großen Bauch, mit dem sie fast gegen Schneiders Gesicht stößt. »Ich bin Smadar«, sagt der Bauch mit niedlicher Stimme.

»Sie sind schwanger«, stellt Schneider verblüfft fest. Irgendwie das Letzte, womit sie hier gerechnet hat.

»So ist es«, erwidert die Schwester und fährt einmal mit ihrer Hand um den ganzen Hügel herum. »Kommen Sie, wir bringen Sie zur Stillunterstützung, da müsste jetzt jemand frei sein, der sich um Sie kümmert.«

Die ältere Schwester schaut sie noch immer mit lila geschürzten Lippen an und warnt: »Nicht vergessen, achten Sie immer nur auf Ihr eigenes.«

Entsetzen überfällt Schneider, die Mutter von. Es ist unvermeidlich, dass sie sich erschreckt. Aber dann erinnert sie sich plötzlich, warum die ältere Schwester ihr bekannt vorkommt, und es schnürt ihr die Kehle zu. Sie sieht aus wie die verlorene Schwester von Mrs. Slocombe aus dieser britischen Fernsehserie »Are you being served?«, die sie als Kind immer angeschaut hat.

»Da ist ja Schwester Rinat. Gehen Sie mit ihr mit«, sagt Schwester Smadar.

»Aber ich will … ich hatte noch gar keine Zeit, das Mädchen … ein bisschen bei ihr zu sein.«

»Sehen Sie doch, das Frühchen schläft, fassen Sie es besser nicht an.«

Zu dritt stehen sie um den Inkubator, und sie betrachtet ihre Tochter, wie sie in der durchsichtigen Arche ruht. Sie kann nichts tun, nur schauen.

Die Stillberaterin, Schwester Rinat, ist klein, hat blassrosa Haut, eng stehende Augen, ein Grübchen in der linken Wange und ein breites, dickes Gesicht wie eine dieser Cabbage Patch Kid-Puppen. Schwester Rinat zieht sie wortlos hinter sich her. Sie verlassen das große, geschäftige Zimmer 1 und gehen auf den leeren, dunklen Korridor, von dort in eine dunkle, fensterlose Nische mit Neonlicht. Auf einem Tisch und auf dem Boden stehen Kartons, randgefüllt mit Materna-Verpackungen und pastellfarbenen Plastikflaschen. Schwester Rinat gibt ihr ein Blatt zum Durchlesen. Sie habe keine Kopien davon, sagt sie, obwohl sie eigentlich welche austeilen sollte. »Also das Blatt bitte nur kurz durchsehen und dann zurückgeben, gut?«

Laut Überschrift handelt es sich um »Hinweise der Neonatologischen Abteilung für die Eltern von Frühgeborenen«.

Sie kommt nicht weiter als bis zur Überschrift, da Schwester Rinat ein leeres Reagenzglas aus ihrer Kitteltasche zieht und sie auffordert, das Hemd zu öffnen. Ohne eine Reaktion abzuwarten, streckt sie die Hand aus, packt die linke Brust und drückt die Brustwarze zusammen. Sie presst sie zwischen ihren Fingern, kneift fest zu, es brennt entsetzlich wie ein heißer Blitz. Gleichzeitig stellt Schwester Rinat eine Frage nach der anderen:

»Warum haben die Wehen eingesetzt?«

(Weiß sie nicht.)

»Warum wurde ein Kaiserschnitt gemacht?«

(Weil plötzlich das Fieber angestiegen ist.)

»Hatten Sie vor zu stillen?«

(Ja, schon. Sie hatte auch vor, zu Walgesängen und Sitarklängen zu gebären anstatt mithilfe eines Schlachtmessers, reicht das?)

»Welche Woche?«

»Welche Lage?«

Welche? Welche? Welche?

Schwester Rinat weiß die Antworten bereits, zumindest das Wichtigste, denn das steht alles im Krankenhausbogen mit dem Aufkleber »Schneider, die Tochter von« auf ihren Knien. Wahrscheinlich sollen die Fragen sie, die hier angezapft und ausgequetscht wird, vom Schmerz ablenken. Obwohl Ausquetschen nicht das richtige Wort dafür ist. Wenn man genau sein will, ist das, was hier passiert, eigentlich Missbrauch, eine Invasion in ihre Intimität, der sie wehrlos gegenübersteht. Entsprechend groß ist der Schmerz.

Ein Mädchen in himmelblauem Sweatshirt späht kurz durch das Fenster in der Tür, und Schneider, halbnackt, macht sich vor Verlegenheit ganz klein. Schwester Rinat knetet unbeirrt weiter. Die Brustwarze wird steif und schrumpft, sie wirkt sogar dunkler, die Knübbelchen auf dem Warzenhof werden spitzer. Es fällt ihr schwer, nicht hinzuschauen. Sie hofft inständig, dass etwas herauskommt. Eine bedrückende Stille liegt über ihnen: Die eine schaut, die andere arbeitet hartnäckig weiter. Nach einigen Minuten sieht es ganz danach aus, dass die Brustwarze ein erstes Tröpfchen Milch absondert. Und dann noch eines. Schwester Rinat fängt einen Tropfen nach dem anderen mit dem Reagenzglas auf. Sie sagt etwas über den Apparat und die Tuben, dann quetscht sie weiter. Schneider, die Mutter von schweigt.

»Was Sie da jetzt in Ihren Brüsten haben, das nennt man Kolostrum, das ist Gold wert«, sagt Schwester Rinat, »die goldene Milch.«

Schwester Rinat schüttelt das Reagenzglas so heftig, dass ihre schlaffen Wangen flattern; das, was Muttermilch sein soll, ist eher eine gräuliche Flüssigkeit, auf der ein Häutchen durchsichtigen Fetts schwimmt. Schneiders Stirn ist noch immer vor Schmerz verkrampft.

»Das geht vorbei. Hauptsache, es kommt was raus. Sie haben Glück, denn manchmal kommt nach einem Kaiserschnitt erst mal gar nichts«, erklärt Schwester Rinat und schnipst dicht vor Schneiders Gesicht mit den Fingern, damit sich der Muskelkrampf löst.

Schwester Rinat holt weitere Reagenzgläser aus einer Schublade hervor. »Machen Sie es so, wie ich es Ihnen gezeigt habe, auf Ihrem Zimmer. Auch wenn Sie nur ein paar Tropfen herausholen, sie sind einige Stunden haltbar, und wir füttern sie dann damit über die Nahrungssonde.«

Und schon ist Schwester Rinat aus dem Zimmer.

•

Schneider stapft über den Korridor, den Infusionsständer hinter sich, als plötzlich ein entsetzliches Kreischen die stickige Luft durchschneidet, eine Stimme, wie sie noch nie zuvor aus einem menschlichen Wesen hervorgebrochen ist. Da, wo der Korridor eine Biegung macht, im Lichthof des Neonscheins, haben drei Schwestern in Grün das Mädchen in dem himmelblauen Sweatshirt gepackt. Die Schwestern halten sie an Ärmeln und Kapuze fest, sie kann sich kaum regen. Das Mädchen windet sich, streckt sich zur Form eines Pfeils, dessen Spitze auf Zimmer 1 weist. Schneider, die Mutter von beobachtet durch das durchsichtige Fenster, wie ein grüner Tintenfisch aus Schwestern und Ärzten mit unzähligen rudernden Tentakeln den riesigen Inkubator umschwirrt. Sie versetzen dem Frühchen Stromstöße, eins, zwei, drei. Schwester Smadar kommt aus dem Zimmer. »Wir tun alles, was in unserer Macht steht, das müssen Sie uns glauben«, hört Schneider sie zum Mädchen im himmelblauen Sweatshirt sagen.

Glaubt denn hier überhaupt jemand etwas? Und was, wenn nicht?

Schneider verordnet sich selbst, den Anblick, wie sie dem Frühchen Stromstöße gegeben haben, damit es am Leben bleibt, sofort zu vergessen. So eine winzige Kreatur. Was für ein kleines Körperchen. Und sie begreift, dass sie sich wie ein Glückspilz fühlen sollte. Das Aufflackern einer Erkenntnis, die aber sofort wieder vom weißen Wal der Angst verschlungen wird.

Schneider, die Mutter von sollte sich jetzt entweder Sorgen um die Zukunft machen oder zufrieden sein, dass ihr Mädchen trotz allem am Leben ist. Aber sie verspürt weder Sorge noch Freude. Sie hat kein eindeutiges Gefühl, nur eine unbestimmte Ahnung.

BLUMEN, TEDDYBÄREN UND KOCHTÖPFE

Tag: 1

Datum: 25.12.

Uhrzeit: –

Geburtsgewicht: 1595 Gramm

Anmerkungen: Zeigt bei Einlieferung in die Neonatologie gesunde Reflexe, atmet selbstständig, hämodynamisch stabil Antibiotika und Nahrung über Sonde verabreicht

Dr. A. Saad

Schneider ist auf dem Korridor der Frühchen-Station gefangen. Der Eingang der Geburtshilfestation ist geschlossen. Durch die schweren Milchglastüren kann sie die fließenden Bewegungen eines Menschen erahnen, also los, der Herde nach. Frauen schieben transparente Kästen umher. Gäste sind mit Blumen, Teddybären und Kochtöpfen beladen. Schneider klingelt an einer kleinen Glocke, erst dann öffnet sich der Sesam.

Unter dem Schild »Geburtshilfe 2« verkündet ein zweites Schild: »Das Frühstücks-Buffet ist ab acht Uhr geöffnet und nur für die Wöchnerinnen bestimmt. Familienangehörige werden gebeten, sich nicht daran zu bedienen.« Es ist sieben Minuten nach sieben und das aufgebaute Buffet schon fast leer. Nur zwei harte Eier, etwas Rührei und ein paar Blätter Kopfsalat sind übrig geblieben. Ein einziges Produkt gibt es noch in Hülle und Fülle: Leben, arabischen Joghurt in allen erdenklichen Sorten. Eine große Familie mit sechs Erwachsenen und zwei Kindern sitzt vor kleinen blauen Tabletts; sie knabbern an irgendeinem grauen Fertigessen. Es ist nicht eindeutig zu erkennen, wer von ihnen die Wöchnerin ist. Von den drei Frauen trägt keine einzige ein Krankenhaushemd. Sie hat Hunger, aber nicht auf Leben. Alles, nur nicht Leben.

Beim Stationszimmer hält man sie wieder auf. »Sie könnten noch etwas Voltaren vertragen, nicht wahr? Wann war die letzte Einnahme?« Kann sie noch etwas Voltaren vertragen? Sie kann überhaupt nichts vertragen. Aber jetzt, da sie es ihr anbieten, spürt sie die Schnittwunde. Schmerzhaft, deutlich. Sie tritt ins Stationszimmer. Eine Patientin zieht den Vorhang zu, eine andere rafft das Krankenhaushemd, und wieder eine andere lässt sich unterwürfig eine Nadel in den Hintern rammen.

•

Auf Zimmer 12 liegt Schirani im linken Bett. Ihr Mann ist gerade dabei, ihr die dünnen, glatten, glänzenden Beine einzuölen; ein rosiges, molliges Baby döst zwischen ihren Brüsten. Es sieht ganz anders aus als ihre Kleine, Schneiders Baby. Über dem offenen, durchsichtigen Babybett hängt ein Zettel: »Attias, der Sohn von, 3800 Gramm«. Schneider weiß, sie soll nicht nach den anderen sehen, aber Schirani, ihr Mann und das Baby sind so sehr in diesem glückseligen Moment der Entspannung nach dem Stillen geborgen und beachten sie nicht, dass sie hemmungslos auf diese intime Dreieinigkeit starrt. Das Baby sieht aus wie eine rötliche, kahle Riesenkartoffel. Es ist überhaupt nicht süß, sondern eins von diesen Babys, die nur aus Nase bestehen; alles, was man sieht, ist Nase. Krumm. Enorm. Gonzo.

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»Nezi und Musa waren da, Flora hat auch angerufen. Und morgen kommt der Rabbi für den Segen.«

»Wann denn? Am besten kommt er gleich hierher ins Krankenhaus.«

»Natürlich kommt er hierher. Izi bringt ihn, Schirani. Ist eine echte Strecke von Beit Schemesch hierher.«

»Der Kleine hat noch Hunger. Guck dir das an. Er isst wie sein Vater. Iss, Schätzchen, iss, dass du mit Gottes Hilfe schön gesund bleibst. Hach, ich habe Lust auf ein Croissant. Liebes, holst du mir eins von der Bäckerei?«

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Schneider streckt sich auf dem Bett aus, legt das Reagenzglas mit der kostbaren Milch für das Baby auf einem Stück Taschentuch oben auf die Kommode, schließt den Vorhang und ruft ihn an. »Bist du aufgestanden?«, fragt er.

»Ich war gerade auf der Abteilung«, sagt sie, »also bei den Frühchen. Jetzt bin ich wieder im Zimmer.«

»Warum hast du mir nicht Bescheid gesagt?«, fragt Jonatan. »Ich komme sofort, ich habe hier unten in der Lobby geschlafen.«

Und tatsächlich, da kommt er schon. Er sieht ganz aufgelöst aus. »Wahnsinn, wie du geatmet hast, echt beeindruckend. Hat mich richtig reingezogen. Hast du es mitbekommen? Sie haben die Kleine rausgeholt und sofort auf die Intensivstation gebracht. Sie war gerade erst eine Sekunde auf der Welt, diese weiße Wolke, da wurde sie schon in den Armen der Schwester aus dem Zimmer getragen. Ich bin hinter ihr hergelaufen und dabei mit dem Fuß im Kabel von deinem Narkosegerät hängen geblieben. Der Anästhesist hat mich angeschrien. Ich habe gemerkt, da ist ein Widerstand, aber das Kabel wollte sich einfach nicht entwirren. Dann haben sie mich desinfiziert, wegen diesem klebrigen Schleim an ihr – wie nennt man das noch?«

»Ich schlaf gleich ein.«

SOGAR BEI GIRAFFEN

Tag: 1

Datum: 25.12.

Uhrzeit: –

Urin: –

Ausscheidungen: –

Gewicht: 1605 Gramm

Als sie aufsteht, ist das Zimmer leer. Schneider, der Vater von ist nicht da.

Schirani und ihr Gefolge, das Baby eingeschlossen, haben sich ebenfalls in Luft aufgelöst. Sie ruft ihn an – auf dem Display leuchtet ein Bild von ihm, wie er auf einem Pferd reitet –, aber er geht nicht ran. Unter den ungelesenen Nachrichten ist eine zwei Stunden alte SMS: »Ich bin auf der Frühchen-Station. Komm, wenn du wach bist. Später hole ich dir Kleider und eine Tasche.«

Eine Schwester kommt herein, schaut sie an, prüft die Temperatur und schlägt ihr vor, sich zu waschen. Sie bittet, vorher ihr Baby sehen zu dürfen, aber die Schwester lehnt ab. Schneider muss absolut sauber sein, wenn sie in die Neonatologie geht. »Es besteht die Gefahr einer Infektion, es ist zum Wohl des Neugeborenen.« Für den Fall, dass sie in der Dusche nicht stehen könne, hätten sie einen Plastikstuhl. Die Schwester stellt einen kackbraunen Plastikstuhl aus dem Gartencenter unter die Brause. »Und die Schnittwunde aussparen, da darf jetzt keine Seife und kein Wasser dran!«, warnt sie.

Der Boden in der Dusche klebt tatsächlich. Das Paar rosafarbene Badeschlappen von Hello Kitty, die ihr die Rothaarige vererbt hat, wartet unter dem Waschbecken. Zögernd schlüpft sie hinein. Aber die Badelatschen sind noch gar nichts im Vergleich zu dem Stuhl. Schneider denkt an all die Hintern, die darüber gerutscht sind, und obwohl sie sich unter dem Wasserstrahl kaum auf den Beinen halten kann, schafft sie es auch nicht, sich zu setzen. Stattdessen klammert sie sich mit einer Hand an ihren treuen Begleiter, den wackeligen Infusionsständer.

Sie geht wieder auf die Frühchen-Station, desinfiziert sich schrittweise die Hände: eine kleine Ewigkeit. Sie brennt darauf, ihr Kind zu sehen, aber es muss sein. In dem eidottergelben Krankenhaushemd betritt sie Zimmer 1.

Schneider, die Tochter von befindet sich nicht an ihrem Platz.

Die Essenz des Schreckens.

Sie schaut sich um. Einen Schritt nach rechts, zwei zurück. Vielleicht doch links. Drückt die Finger auf den Hals, dort, wo der Puls zuckt. Der Inkubator ist weg. Wo ist das Baby? Wo haben sie sie hingebracht? Ist sie vielleicht gestorben? Es stehen acht weitere Inkubatoren im Zimmer. Soll sie sie einen nach dem anderen durchgehen und nachschauen? Vielleicht ist sie auf der Intensivstation. Sie erkennt ihr Baby nur über das Namensschildchen am Inkubator, und es ist ihr unangenehm, die jetzt alle zu prüfen.

Vier Schwestern wirbeln durch das Zimmer. Sie steht da, fassungslos, wartet, dass eine von ihnen stehen bleibt. Und tatsächlich, eine nimmt sie wahr. Sie trägt ein Augenbrauenpiercing, einen dicken schwarzen Lidstrich ums Auge und das riesige Tattoo eines Stechrochens auf dem linken Arm.

»Wo ist mein Baby?«

»Wer sind Sie?«

»Ich bin Schneider.« Sie hat bereits gelernt, dass man sowohl Mutter als auch Tochter hier Schneider nennt. So beginnt Symbiose.

»Sie ist hier, kommen Sie.« Der Schwanz des Stechrochens zeigt wie ein Wegweiser auf die Inkubatoren in der Mitte des Zimmers. Und tatsächlich, da liegt Schneider, die Tochter von immer noch in einem fest verschlossenen Inkubator. Sie hält ein Kabel in der Hand, und am Bauch und im Bereich vom Herzen sind Elektroden angebracht. Da ist auch ein neues dünnes und grünes Kabel in der Nase.

»Was ist los mit ihr?«

Die Schwester blättert durch die Dokumentation in dem Ringbuchordner, der am Inkubator festgemacht ist. Schneider hat ihn erst jetzt entdeckt.

»Hat nicht gekackt«, sagt Schwester Stechrochen.

Das ist nicht gut. Das hört sie am Tonfall.

Sie erinnert sich, wie der Bruder ihres Mannes einmal erklärt hat, wenn frisch geborene Kälber kacken und essen, dann ist das ein Zeichen, dass alles in Ordnung ist. Problematisch wird’s, wenn sie das nicht tun.

Schwester Stechrochen geht weiter. Niemand beachtet sie, obwohl sie es dringend nötig hätte. Zum ersten Mal legt sie eine Hand auf Schneider, die Tochter von. Eine in Nylon eingepackte Hand. Mama ist hier. Sie zieht sich unter der Berührung zusammen. Sie ist warm. Atmet. Das Baby lebt. Aber die Einsamkeit des Brutkastens ist unendlich.

Ob sie denkt, sie ist allein? Weiß sie es? Die Geburt, das In-die-Welt-geworfen-Werden, ist traumatisch: Autismus, Schizophrenie, Aufmerksamkeitsdefizitstörung, all diese Möglichkeiten sind Schneider bewusst. Das Hormon, das ausgeschüttet wird, wenn man verliebt ist, wie heißt das noch gleich? Oxy-toxy? Sie erinnert sich an eine Zeile, die ihr einmal ins Auge gesprungen ist: Untersuchungen an jungen Frauen mit Kaiserschnittgeburt haben gezeigt, dass diese ihre Sprösslinge nicht mehr automatisch auf der linken Körperseite halten, damit sie die beruhigenden Herzschläge spüren. Bei Säugern aller Art haben Mütter, die gleich nach der Geburt von ihrem Nachwuchs getrennt wurden, sich später nicht gut darum gekümmert. Sogar bei Giraffen ist das so.

»Mutter Schneider?«

Es ist das erste Mal, dass sie jemand Mutter nennt. Also ist sie jetzt offenbar Mutter. Richtig, sie ist Mutter. Eine biologische Tatsache.

»Das Frühchen hat heute gespuckt. Viel. Wir haben eine Mahlzeit ausgelassen. Wie läuft es mit dem Abpumpen?«, fragt Schwester Smadar mit ihrer niedlichen, bereits vertrauten Stimme.

»Abpumpen?«

»Die Muttermilch? Hat man es Ihnen nicht erklärt? Aber die Tuben haben Sie?«

Tuben? Tuba? Tube? Soviel sie weiß: Hätte sie zwei bestimmte Tuben nicht, gäbe es hier jetzt kein Baby. Was will Schwester Smadar ihr sagen?

»Mutter Schneider, Sie müssen sich schleunigst Tuben kaufen. Unten im Erdgeschoss gibt es ein Babyparadies. Da bekommen Sie die. Ansonsten können Sie die Pumpen im Stillzimmer nicht verwenden.« Sie lächelt Schwester Smadar an, um zu zeigen, dass sie die wörtliche Bedeutung ihrer Aussage verstanden hat, auch wenn sie den Sinn noch immer nicht begreift. Sie muss sich Tuben im Babyparadies kaufen. Auf die To-do-Liste damit.

»Haben Sie denn wenigstens ein Reagenzglas abgegeben?«, fragt Schwester Smadar, aber sie antwortet nicht. Was soll sie auch sagen? Dass sie es schlicht vergessen hat? »Und wenn es nur ein paar Tröpfchen sind«, sagt Schwester Smadar, »bringen Sie so schnell wie möglich ein paar Tröpfchen her.«

Ein verantwortungsloses Dummerchen tritt aus Zimmer 1 auf den Korridor der Frühchen-Station und ruft sofort ihre Mutter an. Die sagt: »Wie schön, dass du angerufen hast. Ich bin gerade auf deiner Station angekommen. Und suche dich … Aber, Kicki, es ist Freitag. Zwei Uhr nachmittags. Das Babyparadies macht gleich zu … Okay, ich versuche, welche zu bekommen.« Sonst muss sie warten, bis Schabbat vorbei ist. Schalom.

•

Schneider kehrt geschlagen auf die Geburtshilfe 2 zurück. In Zimmer 12 sind alle Betten leer. An Attias Bett sind drei Luftballons festgebunden: »It’s A Boy«, mit drei Ausrufungszeichen, dann ein blaues, freundliches Pferdchen im Galopp und ein dritter Ballon, von dem unklar ist, was er darstellen soll. Ein Herz? Einen Seestern? Einen Geburtstagskuchen in der Form einer Lokomotive? Irgendeine gute Fee hat eine Tasche auf ihr Bett gestellt. Diese rosa-orange-gestreifte Tasche aus Handtuchstoff kennt sie. Es ist keine, die jeder sehen sollte, keine, die man gern mitnimmt. Normalerweise sammelt sie in dieser Tasche die Kleidung, die in die Trockenreinigung muss. Sie öffnet den Reißverschluss: Kleider. Getrocknete Pflaumen. Ein Frauenmagazin in einer knisternden Plastikfolie, eine Körpercreme mit Lavendelduft. Alles deutet darauf hin, dass ihre Mutter die für sie gepackt hat. Schneider stopft die Tasche in ihr Schränkchen, schließt den grünlichen Vorhang, zückt das Reagenzgläschen und drückt die rechte Brustwarze zusammen.

Nichts kommt.

Ihre Tochter sabbert. Sie hängt an einer Sonde. Behält die Nahrung nicht im Körper, obwohl sie ihr gewaltsam zugeführt wird. So benommen ist sie nicht, dass sie nicht verstünde, dass der Magen dieses Würmchens, das eigentlich noch zwei Monate an der Nabelschnur hätte hängen sollen, natürlich viel lieber Muttermilch nimmt.

Wieder und wieder. Autsch, autsch, autsch.

Bestimmt wird es leichter, wenn sie erst die Tuben hat und den Pumpapparat benutzen kann. Dann wird die Milch wie Flusswasser strömen.

Sie drückt, kneift, quetscht, aber nichts kommt. Nada. Nix. Sie muss es einfach schaffen. Jetzt. Die Schwester hat gesagt, jetzt ist die Milch wie Honig. Schneider ruft ihre Mutter an und tyrannisiert sie. »Was heißt nichts? Dann fahr zur Ajalon Mall. Hauptsache, du hast mir Creme mitgebracht. Was haben die noch? Vielleicht schließen sie erst um vier. Dann besorg mir heute noch eine Handpumpe aus der Apotheke. Ich bin mir sicher, die haben so was. Und wenn du schon unterwegs bist, dann kauf auch ein paar von diesen Netzschlüpfern, bei den normalen geht immer der Verband ab. Und Malzbier.«

Ihre Mutter kann sich alles merken.

Schirani kommt mit Mutter, Mann und Baby ins Zimmer. Schneider zieht den Vorhang fest zu, damit keiner durch einen Spalt hereinsehen kann. Schließt sich selbst hinter den Stoffwänden ein, tastet nach dem Reagenzglas, das sie auf der Kommode liegen gelassen hat, stellt die Lehne des Bettes hoch, streift die Bluse ab, entkorkt das Reagenzglas und drückt erneut die Brust. Drückt und drückt und drückt. Zwanzigmal, dreißigmal. Die Stelle, auf die sie drückt, wird schon ganz rot, aber es kommt nichts raus. Sie kneift wieder zu. Es gelingt ihr nicht, sich selbst Schmerz zuzufügen. Dafür hat sie immer schon andere Menschen gebraucht.

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»Das hat der Rabbiner von dem Kabbalisten mitgebracht, Schirani.«

»Jalla, wird aber auch Zeit. Gleich ist Schabbat.«

»Ja, eine Königin lässt man nicht warten. Uns aber auch nicht, oder? Also los, wir werden sonst bis Schabbatausgang nicht fertig.«

»Gib mal den Faden, Izi, so. Hol ihn aus der Tüte. Dann sprichst du das Gebet ›Ana bechoach‹, ›Bitte, befreie mit der Kraft‹. So ist es gut.«

»Um den Segen zu geben, brauchst du nur jemanden, der dich liebt. Was, Schirani liebst du deinen Mann etwa nicht?«

»Lustig. Ich lach mich tot. Mama, was ziehst du nur für ein Gesicht?«

»Schirani, Liebes, der Rabbi hat gesagt, ein Mann ist besser.«

»Selbst einer wie Izik, der nicht an die Macht der Blicke glaubt?«

»Daran muss man nicht glauben, das ist ein Segen.«

»Ist der nicht gegen den bösen Blick?«

»Jalla. Izi, jetzt ist nicht die Zeit zum Philosophieren. Das ist doch nur Gerede. Nimm den roten Faden. Binde ihn um die linke Hand meines süßen Sohnes, lass einen Fingerbreit Luft, so. Sprich den ersten Vers und mach den ersten Knoten. Und nach jedem weiteren Vers, den du aufsagst, machst du den nächsten Knoten, bis zum vorletzten. Dann sprichst du flüsternd den letzten und machst den siebten Knoten.«

»Geht das noch ein bisschen komplizierter?«

»Steht alles hier auf dem Blatt. Mama hat es dir ausgedruckt. Jalla, mach schon, mein Schatz.«

»Aber der Faden ist zu lang.«

»Wenn du ihn festgewickelt hast, schneiden wir ihn ab. Aber erst der Segen.«

»Also gut, hier: Bitte, befreie. Mit der Kraft Deiner großen Rechten. Die Gefangene Jisrael.

Empfange das Gebet Deines Volkes, stärke uns, läutere uns, Ehrfurchtgebietender.

Bitte, Du, Starker, behüte die Verkünder Deiner Einzigkeit, wie den Augapfel.

Segne sie, läutere sie, erbarme Dich ihrer, lass Deine Gerechtigkeit immer über sie walten.

Mächtiger, Heiliger, leite Deine Gemeinde in großer Güte.

Einziger, Erhabener, wende Dich Deinem Volk zu, das Deiner Heiligkeit gedenkt.

Empfange unseren Hilferuf. Und höre unseren Schrei, Du, dem Verborgenes kund ist.«

»Nein, was du machst denn da, hier doch noch keinen Knoten! Und jetzt im Flüsterton, mein Schatz.«

»Gelobt sei der Name der Herrlichkeit Seines Reiches für immer und ewig.«

»Amen und amen, möge Gott uns helfen.«

»Amen.«

»Amen.«

»Hast du dich beruhigt, mein Schatz?«

»Deine Mutter hat sich beruhigt. Ah, Entschuldigung, Mirjam, war nicht so gemeint.«

»Schon in Ordnung, mein Herz.«

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Schneider späht durch den Spalt im Vorhang. Das Baby liegt in Schiranis Armen, ihre Mutter und ihr Mann schauen auf die beiden hinunter. Sie haben ihm wirklich diesen roten Faden um das kleine Handgelenk gebunden. Als Kind hat sie die griechischen Götter wegen ihres körperlichen, sinnlichen, irgendwie lächerlichen Verlangens geliebt, aber was der jüdische Gott von seinem Volk verlangt, wirkt nicht weniger absurd und unsinnig. Jetzt schneiden Schirani und ihr Mann den Faden durch und legen ihn in ein kleines Buch. Könnte doch auch Schneider an die Kräfte eines roten Fadens glauben oder an Gott oder an sich selbst, aber in ihrem Herzen glimmt kein Fünkchen Glauben. Sie glaubt nicht an Ideen, nicht an Gegenstände (nur, dass sie sich anhäufen) und ganz gewiss nicht an Menschen. Schneider ist sich bewusst, dass ihre Lebensqualität sich drastisch steigern würde, wenn sie glauben könnte. Sie erkennt die Schönheit, die darin liegt, und auch die Logik, denn Glaube ist praktisch. Selbst ihr Vater, der sein Geld mit Atheismus verdient hat, hat sich überraschenderweise in den vergangenen Jahren in die kuschelige Decke der Religion gehüllt und wärmt sich nun daran, was ihn spürbar weicher macht. Glaube steigert das Wohlbefinden des Glaubenden, doch obwohl so viele Beweise, so viele Bücher und so viele Religionen dafür sprechen, wird an keiner Stelle erklärt, wie man es schafft, zum Glauben zu finden. Für die Sehnsucht nach dem Ewigen gibt es keine Anleitung.

Schneider atmet tief ein. Sie drückt wieder, jetzt nicht mehr so zaghaft, sondern genauso unerbittlich wie Schwester Rinat: »Bitte, befreie. Mit der Kraft!« Ein spitzer Schmerz durchfährt sie, und das erste Tröpfchen zeigt sich. Ein winziges nur, aber besser als nichts. In den nächsten zehn Minuten sammeln sich immer mehr Tropfen, ein Zentimeter Flüssigkeit etwa, im Reagenzglas. Tatsächlich, was sein muss, das geht auch; sie tut ihr Mögliches. Jetzt noch schnell Pipi machen und dann ab auf die Frühchen-Station.

EINE KLEINE HIMMELBLAUE DECKE

Datum: 25.12.

Gewicht: 1580 Gramm

Ausscheidungen: sehr zähes Mekonium nach Reizeinwirkung

Anmerkungen: zarter, empfindlicher, leicht geschwollener Bauch

Erst nachdem Schneider den langwierigen Vorgang des Desinfizierens am Eingang zur Station hinter sich gebracht hat (nicht ohne das Label auf dem blauen Desinfektionsmittel, dem Septol, durchzulesen: ordentlich Ethanol drin, Chloro-irgendwas, darf nicht in Kontakt mit den Augen, dem Gehirn oder der Gehirnhaut kommen. Wie, um Himmels willen, soll es denn dort hinkommen?), fällt ihr ein, dass sie das Reagenzgläschen mit den Tropfen goldener Milch in ihrem Zimmer stehen gelassen hat. Es steckt im Zahnputzbecher auf der Toilette. Was wird Schirani denken? Sie will nicht noch mal ins Zimmer zurück, dann wieder hierher und sich wieder einsprühen, als hätte sie Krätze. Aber da muss sie wohl durch. Sie beschließt, nur auf einen Sprung hineinzugehen und nachzusehen, ob mit den Babys alles in Ordnung ist. Es sollte kein Problem sein, Schwester Rinat, das Cabbage Patch Kid, hat doch gesagt, die Milch ist einige Stunden haltbar.

Sie reißt vor Erstaunen die Augen auf, als sie in das Zimmer tritt und sieht, dass ihr Baby jetzt in einer durchsichtigen, offenen Wiege liegt. Der Paravent ist weg, der Bolero aus Plastik auch, nur die vielen Kabel sind noch da. »Das ist immer noch ein Brutkasten«, flüstert ihr Schwester Stechrochen zu, die hinter ihr aufgetaucht ist. »Er ist zwar offen, aber er wärmt sie weiter.« Die Kleine liegt auf dem Bauch, die Augen sind geschlossen. Schneider legt einen Finger auf das kleine Händchen.

Haut auf Haut.

Das Baby regt sich leicht.

»Und gekackt hat sie auch schon«, berichtet Schwester Stechrochen, »wir haben nämlich eine Glycerin-Rakete gestartet.«

Eine Rakete im Popo?

»Außerdem hat sie Nahrung durch die Sonde aufgenommen. Wollen Sie sie in den Arm nehmen?«

Darf sie?

Sie hat noch nie ein Baby im Arm gehalten. Babyphobie. Jedes Mal, wenn eine ihrer Freundinnen ein Baby bekommen hat, ist sie auf Abstand gegangen. Wenn sie einmal laufen und sprechen können, gern, aber solange sie ein rosafarbenes, hilfloses Würmchen sind?

Nicht, dass sich viele Gelegenheiten geboten hätten für Mutter-Kind-Spiele. Kleine Geschwister hat sie nicht. Oder ältere, ersatzweise. Nur ein einziges Mal, vor drei Jahren, als die kleine Aviv geboren wurde, hat sie ein Baby angefasst und auch das nur, weil man sie dazu zwang. Mutter und Tante legten ihr auf der Mutter-Kind-Station entschlossen die eben geborene Aviv in den Arm. »Wird Zeit, dass du übst«, hieß es mahnend.

Aviv fühlte sich nicht wie ein menschliches Wesen an. Diese unendlich zarte, elastische Haut. Wie ein kleiner Wackelpeter. Sie wollte sich das Baby auf den Bauch legen, weil sie dachte, dass man das üblicherweise so tat, wusste aber nicht, wie, und als sie fragend aufschaute, fiel ihr Blick in den großen Spiegel an der Wand gegenüber. Sie sah genauso erschrocken aus wie die frischgebackene Mutter selbst. Sie gab ihr sofort das Baby zurück.

Etwas war aus ihr hervorgebrochen und an die Grenzen des Fleisches gestoßen. Das Gefühl, sehr stark zu sein, wie aus Eisen gegossen; die Angst, die kleine Aviv jederzeit verletzen zu können, ja, ihr mit Sicherheit Schmerzen zuzufügen. Sie wusste nicht, wie man diesen winzigen Körper am besten anpackte und wie stark sie zufassen durfte. Sie erschrak vor sich selbst. Und dann war da noch diese verfluchte Sache mit dem Kopf, die sie noch nie so recht verstanden hatte. Sie verstand sie theoretisch, aber nicht praktisch. Weil die Halsmuskeln noch nicht entwickelt waren, musste man unbedingt darauf achten, dass der Kopf nicht nach vorne oder hinten fällt – aber was ist mit der Seite?

Und jetzt sitzt sie gerade einmal zwei Minuten hier, und schon hat ihr eine fremde Frau ihre Tochter, ihr eigen Fleisch und Blut, in die Arme gelegt, eingewickelt in eine kleine himmelblaue Decke, einen Tallit, einen Gebetsmantel.

Alles ist scharf und präzis konturiert.

Die Lippenlinie ihrer Tochter ist wunderschön.

DIE NAMENSWAHL

Tag: 2

Datum: 26.12.

Gewicht: wird weniger, 1565 Gramm

Ausscheidungen: keine

Bemerkungen: 2,5 Millimeter Essensrest, Bericht an den Arzt: eine weitere Mahlzeit ausgelassen

Klarsichtige Momente sind ihrer Natur nach kurz. Aber egal, wie oft sie einen solchen Schlag ins Gesicht bekommt, der sie zurück in den Körper, in die konkrete Wirklichkeit katapultiert, sie herausholt aus diesem für sie so typischen Schwebezustand einen halben Meter über dem Fleisch, ist sie doch jedes Mal aufs Neue überrascht. Einen einzigen kurzen Moment nur sind sie und ihr Baby ganz eins und segeln in einer undurchdringbaren Blase dahin, herausgehoben aus Zeit und Ort. Eine Fuge im Akkord der Zeit-Raum-Liebe. Die Nervenenden leuchten unter der Haut wie die Neonlichter an der Decke, doch dann erlöschen sie plötzlich wieder. Vielleicht, weil sie anerkennt, dass dieser fantastische Zustand, mit der Welt eins zu sein, wirklich möglich ist. Aber bereits der Gedanke daran lässt die Blase platzen. Die Innigkeit und das Bewusstsein derselben lassen sich nicht vereinen. Unmöglich.

Vielleicht ist es auch die Schwester, die unvermutet wieder auftaucht und ihr das Baby wegnimmt, die das Kontinuum aufbricht, oder der Lärm. Es piept schon wieder. Irgendwas piept immer irgendwo. Wie soll man da wissen, was genau der Auslöser war. Die Schwester ruft nach einem Mann in Weiß, der sofort erscheint, ganz als sei er aus der Wand getreten. Kein Baby in der Wiege und keins im Arm. Eine weitere Schwester kommt hinzu.

»Was ist denn hier los?«, fragt sie, aber niemand antwortet.

Etwas wird in die Sonde gespritzt.

Drei weitere Brutkästen ringsum piepen ebenfalls. Schneider, der Vater von wechselt ein paar Worte mit der Schwester. Schwester Olga zieht Schneider, die Mutter von mit sich nach draußen. Sie hat nicht die Kraft, sich zu wehren, sie hat keine Kontrolle mehr: nicht über ihren Zustand, nicht über ihren Körper, nicht über die Zukunft. Ein Schrei steigt in ihr auf – Nein! Sie steht hinter der Tür, so nah noch am Brutkasten des Frühchens, ihrer Kleinen, dass sie durch das Glas hindurch ihr Gesicht sehen kann. Jetzt stößt sie den Schrei aus, schwach. Die Sonde wird schwarz. Noch ein Millimeter und noch einer: Sie füllt sich mit Blut. Der nächste Schrei ist spitz. Schneider, der Vater von und die Schwester haben es mitbekommen, sprechen beruhigend zu ihr. »Atmet«, sagt Schwester Olga, aber Schneider, die Mutter von hört jetzt nur noch das elektronische Summen und ihr pochendes Herz.

Sie weiß nicht, wie sie von der Frühchen-Station in ihr Zimmer gekommen ist. Das Geräusch im Ohr bleibt, Tinnitus. Eine Schwester spritzt ihr etwas in den Infusionsbeutel. Ihr Bauch klopft. Sie kotzt rote Herzen aus Zellophan. Ihr Mann flüstert ihr zu, alles werde gut. Das sagt er ihr immer, schon seit Jahren. Sie weiß inzwischen, dass sie ihm nicht glauben kann.

•

Einige Stunden später – es fühlt sich an, als wäre es tief in der Nacht – sitzt sie mit ihrem Mann und einem befreundeten Pärchen, das zu Besuch gekommen ist, in der leeren Cafeteria der Geburtshilfe-Abteilung 2. Der Zutritt zur Frühchen-Station ist zurzeit untersagt, es findet eine ärztliche Visite statt. Was so schwarz aussah in der Sonde, ist kein Blut gewesen, sondern eine harmlose Eiseninfusion. Sie war einfach angespannt. Ihr Mann versichert ihr immer wieder, alles werde gut, alles. Wenn etwas Schlimmes passiere, würde man sie rufen, es sind ja nur ein paar Meter. Aviad, ihr Chef und zugleich ein guter Freund noch aus Armeezeiten, weiß, womit er sie trösten kann. Auf dem Tisch vor ihnen liegen leere Ketchup-Tütchen, Leichen, die die Erwachsenen hinterlassen, daneben rot-gelb verschmierte Servietten. Ihr Bauch ist voll, der salzige Geschmack vom Fleisch brennt noch am Gaumen. Milka, Aviads Frau, streicht sich ihr langes, glänzendes Haar glatt. Sie ist immer bestens gepflegt. Normalerweise tauschen sie Tipps darüber aus, wo in der Stadt gerade Schlussverkauf ist, aber hier trägt Schneider nur den lila Trainingsanzug, weil es den auch in XXL gab, die einzige Größe, in die sie zurzeit reinpasst. Und außer ihr schert sich ohnehin keiner darum. Sie lachen, bestimmt hat jemand etwas Lustiges gesagt. Jonatan hält ihre Hand. Sein Blumenstrauß steht im Zimmer auf dem Tisch neben den Tuben für die Pumpe, die Milka ihr besorgt hat, und welkt langsam vor sich hin. Aviad hat ein Körbchen mit Schokolade, Seifen und technischen Spielereien von den Kollegen im Büro mitgebracht, darunter etwas, das aussieht wie ein kultiges rosafarbenes Tamagotchi. Die spinnen doch. Das hat ihr gerade noch gefehlt, noch jemand, den man füttern muss.

Beim nächsten Mal, sagt Milka, bekommt sie von ihr Koteletts mit Artischocken, die mag sie doch so gerne. Aviad verspricht, ihr alle Staffeln von »Battlestar Galactica« zu brennen, damit sie etwas zu gucken hat in der Elternzeit. Und obwohl sie gerade gar nichts von der Arbeit hören will, erzählt er ihr, dass der Venture-Capital-Fonds »Raphael und Töchter«, mit dem sie verhandelt hatte, sich endgültig entschieden hat, einen hohen Einsatz auf ihr Start-up zu setzen. Aviad ist begeistert, und sie freut sich immerhin, dass ihr in dieser Sache Kopfschmerzen erspart bleiben. Eine Investition dieser Größenordnung erfordert umfassende Veränderungen im Unternehmen. Absichtserklärungen müssen formuliert, Personal muss rekrutiert werden; das heißt: Sitzungen, Konzepte, endloses Gequatsche. Das ganze Tohuwabohu wird sich, bis sie wieder da ist, ohne sie ordnen müssen. Und wer weiß, wann das sein wird. Fehlende Gewissheit ist der gesichtslose Feind, gegen den sie immer schon ankämpft. Aviad wiederholt, dass alles gut werde, und Jonatan ergänzt: gut sei. Vielleicht wird all das vorübergehen, vielleicht wird sie durchkommen. Morgen wird sie zum Abpumpen gehen, und die Milch wird fließen. Aber jetzt muss sie erst mal aufs Klo.

»Bin müde«, entschuldigt sie sich, trippelt zum Zimmer und schläft dann fast auf dem Toilettensitz ein. Fuckidi Fuck. Das halb mit geronnener, gelber Milch gefüllte Reagenzglas steht noch immer im Zahnputzbecher auf dem Waschbeckenrand. Jetzt ist es bestimmt schon zu spät. Vermutlich müsste sie sofort rübergehen und mit Milkas Tuben versuchen, Milch abzupumpen, aber das wäre unhöflich. Sie schämt sich vor den Gästen, vielleicht hat sie aber auch einfach keine Lust oder ist schlicht verantwortungslos, ohne Rückgrat. Wäre sie nicht so benommen und beduselt von den ganzen Tabletten und Infusionen, würde es sich bestimmt noch viel furchtbarer anfühlen.

Als sie zurückkommt, fragt Milka: »Hat sie denn schon einen Namen?«

»Nein, ich habe noch nicht mal darüber nachgedacht«, antwortet Schneider.

»Nach was sieht sie denn aus?«, fragt Milka weiter.

»Nach wem sie kommt, so sagt man das, oder?«, wirft Aviad ein. »Fragst du jetzt unsere einzigen Zeugen aus?«

Sie zeigt Milka ein Foto, das einzige, das sie bisher gemacht hat.

»Sieht naseweis aus«, meint Milka wohlwollend, aber vor lauter Kabeln und Sonde sieht man eigentlich gar nichts.

»Nein, sie wird einmal leise und still«, sagt Jonatan.

»Wie kommst du darauf, Joni?«, fragt Milka.

»Das spüre ich«, sagt Schneider, der Vater von mit Nachdruck.

Sie geht im Kopf verschiedene Namen durch. Ein paar Ideen hatte sie schon, aber es war nichts dabei, was wirklich gepasst hätte. Sie hatte sich vorgestellt, wie sie in einem Namensbuch schmökern, das Gesicht des Kindes vor sich sehen und wissen würde, welcher es sein müsste. Sie hat auf den richtigen Augenblick für die Namenswahl gewartet, aber noch spürt sie einen inneren Widerstand. Es ist momentan unmöglich, Schneider, der Tochter von einen Namen zu geben. Sie sieht es klar vor sich: Sobald sie sie mit einem endgültigen Namen belegt, wird etwas unfassbar Schreckliches geschehen. So weit ihre persönliche Variante bekannter Formen des Aberglaubens (die sie während der ganzen Schwangerschaft wieder und wieder beschäftigten, wenn sie mit Lihi aus der Marketing-Abteilung, Aja von der Grafik und zwei der jungen Kolleginnen aus dem Zimmer neben ihr beim Mittagessen saß. Dabei kam heraus, dass es verboten ist, schon vor der Geburt ein Bild für das Baby im Haus aufzuhängen. Oder die Kleider für das Baby zu früh zu waschen, denn die Babywäsche ist heilig. Oder sich Geschenke zu wünschen oder welche zu öffnen.). Und das, obwohl sie im Leben nie, nicht einmal, wenn ihr eine schwarze Katze über den Weg lief, ausspuckte. Die Kleine, ihr Baby kämpfte um ihr Leben. Was, wenn etwas schiefging und sie schon einen Namen trug? Na los, geben wir ihr einen Namen, dann können wir nach der Tragödie wenigstens über sie reden, in aller Ausführlichkeit, und sie dann fortgehen lassen von hier. Der Name markiert ja für die Mutter keine greifbare Grenze, er ist bloß eine Illusion. Der Name erschafft einen durch Worte klar umgrenzten Bereich und das Potenzial für den größten Schmerz.

So eine Entscheidung braucht Zeit, lasst ihr ein wenig Zeit. Um ihres Namens willen.

»Wir brauchen wirklich endlich einen Namen für sie«, sagt er, »gibt’s noch Nuggets?«

DAS HEISSBEGEHRTE ZIMMER 2

Tag: 2

Datum: 26.12.

Sauerstoffsättigung: 93–100

Puls: 120–150

Gewicht: 1550 Gramm

Anmerkungen: Frühchen hat zweimal Bäuerchen gemacht. Dr. Elijahu hat angeordnet, eine Mahlzeit auszulassen

Schwester Slocombe hört Schneider schon an den Waschbecken im Eingangsbereich – Spülen, Schäumen und so fort. Sie sagt: »Das Frühchen ist auf Zimmer 2 verlegt worden.« Auch wenn Schwester Slocombe andeutet, dass das ein Fortschritt ist, erklärt sie ihr nicht, inwiefern es einer ist, schiebt sie stattdessen vor sich her.

Unterwegs kommen sie am Ruheraum vorbei. Auf dem zerrupften Sofa in der Mitte fläzen sich zwei Frauen und tuscheln miteinander. Die eine hat langes braunes Haar und einen Körper mit lauter spitzen Winkeln. Die zweite hat Locken und Sommersprossen, sie glänzt wie ein Gemälde von Gustav Klimt. Jetzt starren sie beide an. Sie tragen Jeans, dazu schwarze Pullis. Schneider dagegen hat nicht eine Sekunde darüber nachgedacht, etwas anderes als das gelbe Krankenhaushemd anzuziehen, obwohl man ihr von zu Hause Kleider mitgebracht hat. Dafür, dass sie bestimmt erst vor Kurzem geboren haben, sehen die zwei ziemlich dünn aus. Sie selbst kommt sich riesig vor. Schneiders Glieder sind beweglich, verteilen sich im ganzen Raum wie auf einem kubistischen Gemälde von Picasso. Sollen sie doch.

Sie betritt Zimmer 2. Anders als Zimmer 1 ist es ein großer Saal, lang und rechteckig und mit viel mehr Inkubatoren darin. Dreißig insgesamt sind entlang der Wände angeordnet. Jeder ist mit einem Monitor und einer eigenen kleinen Kommode ausgestattet. Schneider, die Tochter von liegt gleich neben der Eingangstür. Zu ihrer Überraschung erkennt sie ihre Tochter, obwohl sie sich Gesichter noch nie gut merken konnte. Sie zieht einen leeren Stuhl aus der Ecke zu sich heran und hält nach einer Schwester Ausschau. Das Baby muss dringend aus dem offenen Brutkasten herausgehoben werden. Aber überall sind da diese Kabel und Schläuche. Man muss genau wissen, was man tut, wenn man ihr helfen will. Sie ist voller Eifer, sie will endlich aktiv werden, hat aber Angst, aus Versehen ein wichtiges Kabel herauszuziehen. Oder einfach überhaupt Angst.

Eine neue Schwester, die sie noch nicht kennt, schreitet durch das Zimmer. Sie sieht vornehm aus, wie eine Prinzessin, hält sich absolut gerade, ein unsichtbares Buch ruht auf ihrem Kopf. Die Prinzessin faltet eine Decke zu einem akkuraten Rechteck zusammen, breitet sie über einem Baby aus, rückt ihm das gestrickte, winzig kleine Wollkäppchen auf dem Köpfchen zurecht und platziert einen kleinen Schnuller in die linke obere Ecke der Matratze. Drei säuberlich hergerichtete Bettchen liegen schon hinter ihr. Die Schwester ist fast bei Schneider, da piepst es plötzlich aus einer entfernten Ecke. Die Schwester geht zu dem Bettchen, packt ein winziges Füßchen und schlägt mit dem Mittelfinger auf die Ferse. Das Piepen hört auf. Schneider wartet immer noch auf die Prinzessin, als plötzlich aus der Lüftung über ihr blaue Vögel herabfliegen, sich auf ihr Handgelenk setzen und ein Lied trällern. Sie blättert in dem Ringbuch, das am Bettchen ihrer Tochter baumelt. Auf der letzten Seite steht in Schreibschrift: »9:00 Frühchen hat zweimal Bäuerchen gemacht. Dr. Elijahu hat angeordnet, eine Mahlzeit auszulassen.« Das »u« in Elijahu endet mit einem Schnörkel.

Warum hat sie das halb gefüllte Reagenzglas nicht dabei? Warum? Das wäre bestimmt nützlich gewesen. Seitdem hat sie nichts mehr rausbekommen. Die Milch ist verschüttet. Die Zeit ist reif, über sie zu weinen.

Was sie jetzt tun muss, ist das Letzte, was sie jemals freiwillig tun würde: Sie muss um Hilfe bitten. Normalerweise erstarrt Schneider, wenn sie sich in irgendeiner Weise bedürftig fühlt, und redet sich ein, dass sie nichts und niemanden braucht. Jetzt aber rafft sie sich auf, schleppt sich zu Schwester Prinzessin, nimmt das hilfreiche Accessoire, die frischen, herunterhängenden Tuben in ihrer Hand, gern entgegen.

»Entschuldigung? Wissen Sie vielleicht, was ich mit der Pumpe machen muss?«

Schwester Prinzessin erwidert: »Wer sind Sie denn?«

»Schneider«, antwortet sie.

»Ah«, sagt die Prinzessin mit zitronensaurer Stimme, »wie gut, dass Sie endlich gekommen sind.« Es ist eine Schuldzuweisung. Als hätte die Prinzessin die ganze Zeit hier auf sie gewartet. Schneider, die Mutter von würde gerne erwidern, dass sie schon einige Male hier war, dass sie gerade erst einen Kaiserschnitt hinter sich hat. Wie lange mag es her sein, dass sie sich eine solche Schelte verdient hatte, als würde ihre Mutter ein Hühnchen mit ihr rupfen? Aber sie ist tatsächlich noch nicht auf der Station gewesen, wenn die Prinzessin Schicht hatte. Die Prinzessin ruft nach Schwester Olga. Schwester Olga steht am Eingang inmitten eines Bergs aus Karton und Plastiktüten und beugt sich, wie es aussieht, über eine Computerstation mit einem alten Telefonhörer. Sie hält ein Buch in der Hand und drückt alle möglichen Tasten. »Komm mal kurz rüber, Olga, und weise Schneider ins Abpumpen ein.« Olgas stacheliger Kopf taucht wieder hervor, sie drückt auf den Bildschirm, der kurz rosa aufleuchtet, einen Piepston von sich gibt und dann sofort wieder schwarz wird. Schwester Olga drückt noch einmal auf den Bildschirm, und dieses Mal piepst er nur.

»Pizdets, verdammt«, nuschelt Schwester Olga und kommt dann zu ihnen.

Schwester Olga geht flinken Schritts voran, Schneider hüpft hinter ihr her. Kurz bevor sie die Türklinke drückt, schaut Schwester Olga auf und sagt: »Sie haben ja noch das gelbe an.«

»Gelbes was?«

»Das gelbe Krankenhaushemd, das ist nur für hier.«

Niemand hat ihr gesagt, dass sie mit dem Krankenhaushemd nicht rausgehen darf.

»Wollen Sie uns noch mehr Arbeit machen? Müssen Sie jedes Mal, wenn Sie sich bepinkeln, neues Hemd anziehen? Sind wir zum Wäschewaschen hier oder für die Frühchen?« Schwester Olga schält sie aus dem Hemd, faltet es zusammen und legt es in ihre Kommode. Dann führt sie sie in einen Korridor, von dem sie gar nicht wusste, dass er existiert. Dort finden sich kleine, mit blaugrünem Vorhang verhängte Kabinen, von denen einige zugezogen sind. Die Vorhänge sind mit einem lila- und rosafarbenen, gefährlich aussehenden Teddybären verziert, und in jeder Kabine steht ein großer Sessel. Im Hintergrund ist ein tiefes, rhythmisches Summen zu hören, wie das Summen oder der Gesang von Bienen. Der Bienenstock muss aufgeräumt und sauber gemacht, Mahlzeiten müssen zubereitet und die Babys versorgt werden.

Am Ende des Korridors befindet sich eine etwas größere Kabine mit einer Matratze und einer zerwühlten Decke auf dem Boden. Jemand hat ein halbes Sandwich im Sessel liegen gelassen. Dem Geruch nach ein Thunfisch-Sandwich. In der Ecke steht ein Heizkörper, daneben ein großer, funkelnder Apparat aus Metall mit blauen Schrauben. Es scheint, als schwenkte sie nur kurz die Hände, doch in Wirklichkeit ist es ein komplizierter Bewegungsablauf, mit dem Schwester Olga das Sandwich in den Mülleimer wirft, Schneider in den Sessel drückt, eine Flasche an dem Apparat befestigt und dann einen Schlauch auf der einen Seite mit dem Hahn, auf der anderen mit einer durchsichtigen Plastikbrustwarze verbindet. Die Plastikbrustwarze setzt Schwester Olga auf Schneiders echte, rosafarbene Brustwarze, das Loch im Plastik sitzt genau auf der Spitze. Dann drückt Schwester Olga auf einen roten Knopf. Ein Hämmern wie von rotierenden Zahnrädern ist das Signal für einen sofort einsetzenden, unfassbar starken Schmerz. Eine spitze Nadel stößt in die Mitte der Brustwarze, und dann tiefer hinein, bis in die Blutbahn, und noch tiefer, bis sie die graue Hirnmasse durchsticht wie einen Ballon. Es folgt ein kurzer Moment der Erleichterung, eine Erlösung, bevor die Nadel ein zweites Mal zusticht. Sie schaut hinunter auf den Plastikschlauch an ihrer Brust, doch von einer langen Metallnadel, die diesen unsagbaren Schmerz erklären könnte, fehlt jede Spur. Nur ein Vakuum hängt da dran. Die absolute Leere. Schwester Olga sagt mit flacher Stimme: »Bleiben Sie paar Minuten sitzen, so lange, bis Milch kommt. Wir brauchen Milch.«

»Gut«, antwortet Schneider, und drei Gorgonen schütteln ihr Haupt, tausend Schlangen kreischen in ihrem Kopf.

Schwester Olga geht hinaus und zieht den Vorhang hinter sich zu. Der Teddybär grinst sie mit gebleckten Fangzähnen an. Sie zählt innerlich bis fünfzig, dann befreit sie sich aus den Klauen des Apparats. Stille. Schneider starrt auf die Uhr mit den silbernen Ziffern an der Wand, in die ein kleines Metalltäfelchen eingelassen ist: »Der Frühchen-Station Ichilov zum Dank für die Behandlung von Luzie, unserem Sonnenschein, Familie Golomb, 2008.« Nach genau sieben Minuten nimmt sie ihre Ausrüstung – der Schlauch von der Pumpe hängt wie ein Schwanz an ihr herab – und geht ins Wartezimmer. Dort erwartet sie schon Schwester Olga, die wissend auf die leere Flasche in ihrer Hand blickt. Ja, sie ist eine Versagerin. Das kommt nun wirklich nicht überraschend, weder für Schwester Olga noch für sie selbst.

Sie würde gern sagen, dass es ihr Körper ist, der sie betrogen hat, der hier die Schuld trägt. Aber von jemandem, der nie wirklich dein war, kannst du nicht sagen, dass er dich betrogen hat. Die Liste der Demütigungen, die sie durch ihren Körper erfahren hat, bewahrt sie seit Jahren in der obersten Schublade ihres Gehirns auf, um jederzeit darauf zurückgreifen zu können, wie auf eine Einkaufsliste für den Supermarkt. Wie oft ist sie diese Liste innerlich durchgegangen.

Der aktuellste Betrug ist die Frühgeburt gewesen, die sie am helllichten Tag überrumpelte. Davor war es der zwei Jahre dauernde Versuch, schwanger zu werden. Nachdem der Körper sich ihrem Wunsch ein Jahr lang hartnäckig verweigert hatte, gewann sie Verbündete im Kampf gegen den Rebellen: Schwestern, Ärzte, Laboranten, Radiologen. Der Körper musste für seine Widerborstigkeit zahlen. Begleitet wurde der ganze Prozess von nicht abreißenden Untersuchungen, Gutachten, Pieksereien; von fremden Händen, die eindrangen und befühlten; Venen, die, wie es hieß, verschwunden waren. Aber auf die Frage, warum der Körper streikte, gab es keine Antwort. Hätte sie doch nur eine Antwort finden können.

Jedes Mal, wenn sie das Labor des Gesundheitsamts betrat, blickte sie verzweifelt auf den Karton, aus dem die Krankenschwester ihre Gummihandschuhe hervorzog. KFAFA stand klar und deutlich auf der Kiste zu lesen, aber sie musste immer an KAFKA denken. Kein Grund, kein Fund. Der Albtraum ist beliebig, hört niemals auf, eben darum ist er ein Albtraum. Angesichts dieses zweifachen Verrats durch den Körper schrumpft jeder vorangegangene Verrat, der ihr in der Vergangenheit monsterhaft erschienen war, auf ein unbedeutsames Ausmaß zusammen.

Bei der Hochzeit war es der Pickel am Kinn, der noch am Abend zuvor zwei Zentimeter groß gewesen war. Der Preis: vierhundert Schekel für das Retuschieren der Hochzeitsfotos, andernfalls wollte sie die Bilder nie wieder ansehen. Am Ende weigerte sie sich aber auch trotz Retusche, noch einmal einen Blick darauf zu werfen.

Zehn Jahre zuvor trat der Verrat in Gestalt eines Brechreizes auf, ein echter Star unter den Verrätern, und zwar beim Psychometrischen Test in einer verstaubten Bruchbude der Tel Aviver Universität, mitten im Teil mit den Mathematikaufgaben. Sie musste vorzeitig abbrechen, rausgehen und die Prüfung wiederholen.

Mit diesem Körper ist es unmöglich, einen Mittelweg zu finden. Und sie hat es wirklich versucht. Schon immer ist es so gewesen, sie kann sich nicht erinnern, wann diese Plage angefangen hat. Vermutlich in der Kindheit, als sie noch Rattenschwänzchen trug. Damals ist es eine über Jahre gehende, chronische Erkältung gewesen, an der nicht zu rütteln war: Sie bekam kaum Luft, die Haut um die Nase herum war rot und wund. Die Kinder in der Klasse spotteten über die Berge Taschentücher und den Schleim, der ihr ständig aus der Nase lief. Und was ist mit dem unerträglichen Schmerz, den sie mal mitten in der Stirn, mal zwischen den Ohren, mal tief in der Kehle sitzen hat, bis ihr der ganze Kopf wummert, stagadam, stagadam? Er ist immer noch da. So, wie die Erinnerung an die Kindheit nie verblasst. Es hat kein bestimmtes Trauma gegeben. Die Fleischwerdung selbst ist das Urtrauma. Sie flehte den Körper an, endlich die laufende Nase abzustellen, bot ihm einen Deal an, eine Bestechung, betete sogar zu Gott, an den sie damals noch glaubte: Sie habe es satt, Schluss damit, sie würde von nun an ein liebes Mädchen sein, ihrer Mutter keine Widerworte mehr geben.

Doch ihr Hilfeschrei wurde nicht erhört. Kein Mitleid, keine Vergebung. Am Ende fügte sie sich, stellte sich nur immer wieder vor, jemand nähme ihren Kopf, so wie er ist, und hackte ihn einfach ab. Fast eine ganze Dekade lang hat sie gebraucht, um die richtige Guillotine für sich zu finden. Gras leistet gute Dienste. Und Koks, Bruder Koks ist der beste: Der schraubt ihr glatt einen neuen Kopf auf.

Es hat natürlich noch viele andere Arten von Verrat gegeben. Je weiter der Körper sich entwickelte, umso mehr expandierte auch die Wut, wollte immer größeren Raum einnehmen. Der Körper ließ Pickel auf den Wangen sprießen und Menstruationsschmerzen ausufern; Dinge, um die sie ihn niemals gebeten hatte. Der Körper wollte kein Rad schlagen oder runde Brüste hervorbringen, obwohl sie sich die so sehr wünschte. Diese scharfen, eindeutigen Grenzen, die der Körper zog, waren das Schlimmste daran.

In den letzten Jahren hatte sie zu einer zweifelhaften Lösung gegriffen: Sie erklärte ihm den Krieg. Der tägliche Kampf mergelte ihren Körper aus. Was in den Mund kam, wurde gegessen. Zucker, Fett, Fleisch. Dazu trieb sie eifrig Sport. Bestimmte Krankheiten rottete sie so einfach aus. Dem Zahnfleischrückgang wurde vorgebeugt, eine Unmenge von Ärzten, Untersuchungen, Nadeln, Tabletten durchprobiert. Manchmal wirkt ihr Körper auf sie wie ein Fremder. Bei der Arbeit spaltete sie sich bewusst von ihm ab. Wenn sie vor dem Bildschirm saß, fühlte sie sich wie ein aus Geist gewobenes Wesen. Wäre es doch nur möglich, die Tasten des Computers allein mit Gedankenkraft zu betätigen, ohne die Gehilfen des Kopfes, die Finger, zu rühren. Oh ja, das wäre wunderbar. Der Körper war für die Arbeit im Grunde nicht notwendig, er störte sogar, seine Bedürfnisse waren aufdringlich.

Als sie sich mit dem Ziel, nichts mehr fühlen zu müssen, von ihrem Körper abspaltete, schlug der mit umso größerer Macht zurück. Die Probleme mit der Fruchtbarkeit, mit denen sie dafür gebüßt hat, dass sie sich um ihren Körper so lange nicht gekümmert hatte, waren nur der Anfang der Katastrophe. Sie hat nie herausbekommen, was sie tun muss, um die Zügel fest in der Hand zu halten. Aber während ihre Probleme bisher immer nur persönliche gewesen sind, die eines einzelnen Menschen mit seinem Körper, hat der Verrat nun einen weiteren, gänzlich unschuldigen Körper in seine Gewalt gebracht. Was muss sie lernen? Und was tun, um wieder Herr im eigenen Körper zu werden?

Schneider knirscht mit den Zähnen und geht vor den Augen der stacheligen Schwester Olga ins Zimmer 2. Ein Stuhl wartet vor dem Brutkasten ihrer Tochter auf sie, doch sie hält inne, lässt die Augen über die winzigen Glieder wandern. Ein Fingernagel so groß wie ein Weizenkorn, ein erbsengroßes Auge, ein granatapfelgroßer Kopf. Du musst deine Tochter, dein eigen Fleisch, zum Antlitz der Erde zurückbringen – wirst du diesem Ruf folgen? Man muss nicht Demeter sein, um ein kleines Mädchen zurückbringen zu wollen, solche Dinge können auch einer einfachen Batate wie Schneider passieren. Sie streckt eine Hand aus und streichelt den winzigen Körper mit den Fingerspitzen, da umklammern für einen kurzen Moment die Finger dieses winzigen Händchens, weicher als Seide, ihren Zeigefinger.

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