Kitabı oku: «Luft an Land»
Luft an Land
Ein Roman von Lili B. Wilms
Impressum:
© dead soft verlag, Mettingen 2021
http://www.deadsoft.de
© the author
Cover: Irene Repp
http://www.daylinart.webnode.com
Bildrechte:
© ArtofPhotos – shutterstock.com
1. Auflage
ISBN 978-3-96089-474-2
ISBN 978-3-96089-475-9
Inhalt:
Obwohl Izaaks Vertrauen in der Vergangenheit auf schlimmste Art und Weise missbraucht wurde, ist er fest entschlossen, nicht der arme reiche Junge zu sein. Doch so taff er in seinem Job als Anwalt ist, so schwer fällt es ihm auch, sich privat auf jemanden einzulassen. Zumal seine berühmte Familie alles dafür tut, ihn von jedweder potenzieller Gefahr abzuschirmen.
Bei Fabian hat Izaak seit langer Zeit zum ersten Mal wieder das Gefühl, sich fallen lassen zu können, und mehr noch: selbst der Fels in der Brandung für einen anderen Mann sein zu können. Aber Fabian ist es gewohnt, als Familienoberhaupt Verantwortung zu übernehmen und an jedweder Front für seine Mutter und Schwester zu kämpfen. Er braucht keine Hilfe, schon gar nicht von einem Mann, der gesellschaftlich vermeintlich Klassen über ihm steht.
Doch dann gerät Fabian durch einen leichtsinnigen Fehler in eine Situation, aus der ihn nur ein verdammt guter Anwalt retten kann. Ausgerechnet von Izaak Hilfe annehmen zu müssen, fühlt sich in allen Punkten falsch für Fabian an, aber vielleicht ist diese scheinbar ausweglose Situation auch das Beste, was ihnen beiden passieren konnte?
Kapitel 1
Izaak
Langsam bewegte Izaak seine Finger, seine Zehen. Sanft schob er sein Becken auf der Matte hin und her. Der betörende Duft des Öls an seinen Schläfen kroch ihm in die Nase und am liebsten wäre er auf dem Boden liegen geblieben. Hinter ihm läutete Nadine mit dem Gong das Ende ihrer Unterrichtsstunde ein. Neben ihm streckte sich Tobi, wobei dieser ihn mit seinen Fingern anstupste. Genüsslich tat Izaak es ihm gleich.
Sanfte Klänge ertönten aus den Lautsprechern und er richtete sich widerwillig zum Sitzen auf. Bis zur nächsten Yogastunde war die schöne Ruhe dahin.
Nach einem gemeinsamen »OM« der Yogis zur Verabschiedung sah Izaak sich im Raum um, in dem die Kursteilnehmer ihre Sachen zusammenpackten.
Tobi stöhnte genüsslich auf. »Das hat wieder gutgetan.« Er strich sich die blonden Strähnen aus dem Gesicht und grinste Izaak herausfordernd an. »Na Izi? Bereit für einen Smoothie?«
Izaak verdrehte die Augen und stand betont lässig auf. Er würde Tobis Kommentar und der sich dahinter verborgenen Neckerei keine Bedeutung beimessen. Während alle anderen den Raum nach und nach verließen, hatten er, Nadine und Tobi keine Eile. In aller Ruhe räumten sie die Gurte und Klötze weg, die liegen geblieben waren.
»Danke, Jungs. So bin ich einfach viel schneller.«
»Ist doch selbstverständlich«, erwiderte Izaak.
Tobi hakte sich bei ihm unter, als sie über den Flur in Richtung der Umkleiden gingen. »Kommst du noch mit auf ein Getränk oder musst du los?«, fragte er Nadine.
»Selbstverständlich gehe ich noch mit euch. Ich habe heute auch nichts mehr vor. Wenigstens seid ihr bei meinen Wochenendstunden. Wir sehen uns viel zu selten.«
»Das stimmt. Dann lass uns jetzt das Beste daraus machen.« Izaak freute sich darauf, die Stunde mit seinen Freunden an der Theke des Fitnessstudios ausklingen zu lassen. In der vergangenen Woche hatte er die Kanzlei nie vor einundzwanzig Uhr verlassen. Seine Freunde zu treffen, war keine Option gewesen. Dass der Tresen zusätzlich eine hervorragende Aussicht bot, war nur ein Bonus.
Er ließ Tobis Arm los, damit sie hintereinander die Treppe hinab gehen konnten, ohne die gesamte Breite zu blockieren. Unten angekommen zogen sich die drei auf die Hocker vor der Bar, die den Eingangsbereich entlanglief. An deren einem Ende wurden die Kunden eingecheckt, am anderen konnten sie sich mit Getränken und Obst versorgen lassen. Wie immer herrschte am Wochenende ein großer Andrang im Studio und die Gäste wuselten überall herum.
Verena, die heute anscheinend für den Thekenbereich zuständig war, zwinkerte ihnen zu. »Na Yogis? Wie immer?«
Die drei bestätigten lachend, während Verena ihre jeweiligen Detox-Säfte zubereitete. Izaak zog sich das Stirnband vom Kopf und sein Haar fiel wie ein Vorhang nach vorne auf seine rechte Wange. Mit der Hand fuhr er sich über die abrasierte andere Seite, um einzelne Haare aus den Stoppeln zu befreien. Vorsichtig schielte er zur Glaswand, die seitlich hinter der Theke den Blick zur Fläche mit den Gewichten freigab.
Heißer Atem strich über sein Ohr. »Warum sprichst du ihn nicht endlich an?«
Ohne sich zu Tobi umzuwenden, schob Izaak ihn mit dem Ellenbogen von sich. »Weil ich nicht will.«
»Warum, lieber Izi, kommen wir dann jedes Mal hierher und du kriegst Stielaugen, sodass ich Angst habe, die armen Dinger fallen dir aus dem Kopf?«
»Ich will nur gucken. Das wird doch erlaubt sein.«
»Natürlich ist es das. Aber du willst doch deine kleinen Krallen in den Muskeln von Mr. Muscle vergraben. Das sehe ich dir an. Und hey …«, Tobi hielt die Hände in abwehrender Geste vor sich, »ich versteh dich. Wenn ich mir nicht sicher wäre, dass du ihn für dich willst, hätte ich mich schon längst an ihn rangemacht.«
Mit zusammengekniffenen Augen funkelte Izaak ihn an. »Bitte, bedien dich.« Ihm war klar, dass seine Mimik und seine Worte nicht zusammenpassten. Vor allem konnte er Tobi ohnehin nichts vormachen. Sie kannten sich viel zu gut. Er wusste, Tobi wollte ihn nur reizen. Und dennoch konnte er bei dessen Worten dieses in ihm nagende Gefühl nicht abstellen. Wie ein Kind wollte er aufstampfen und von seinem Freund fordern, er müsse die Finger von dem Spielzeug lassen, das er zuerst gesehen hatte.
Tobi lächelte Izaak mit übertriebenem Augenaufschlag an. Izaak hatte keinen Zweifel, dass der Kerl, dessen Muskeln im permanenten Kampf mit seinem Shirt zu stehen schienen und immer irgendwie drohten es zu zerreißen, keine Chance gegen Tobis Augenaufschlag hätte. Das blonde, lange Engelshaar und die hellblauen Augen gaben ihm mit seinen runden Wangen ein unschuldiges, reines Flair. Hatte er erst mal die Aufmerksamkeit der Kerle, machte er aber keinen Hehl daraus, dass er an nichts Ernstem interessiert war.
Egal, was es war, das sich Izaak gerade nicht eingestehen wollte: Sein Muskelmann musste nicht auch noch auf die Liste seines Freundes wandern. Oder so. Lächerlich. Er kannte ja nicht mal seinen Namen. Er hatte keinerlei Anrecht auf ihn.
»Du bist so süß.« Tobi drückte ihm einen Kuss auf die Wange. »Ich wollte nur deine Reaktion sehen. Dein Zögern verstehe ich trotzdem nicht.«
»Wenn ich mal weiß, wie er heißt, überlege ich es mir«, sagte Izaak ausweichend.
Nadine, die ihr Gespräch offensichtlich amüsiert beobachtet hatte, winkte Verena heran. »Ehrlich gesagt muss ich Tobi recht geben, Izi. Woher kommt diese Schüchternheit? Das sind wir nicht von dir gewohnt«, stimmte sie ihrem gemeinsamen Freund zu.
Izaak strich sich die Strähnen hinters Ohr. Er war nicht schüchtern. Er wollte einfach nichts überstürzen.
»Ich will einfach … abwarten.« Er wollte – warten. Worauf, war ihm nicht ganz klar. Seine Erfahrungen mahnten ihn, vorsichtig zu sein. Und dennoch wollte er sich nicht von irgendwelchen Befürchtungen einschränken lassen, sondern ein erfülltes, unbeschwertes Leben führen. Seit Jahren hielten diese widersprüchlichen Empfindungen sein Liebesleben in einer Art Schwebezustand, aus dem er es nicht schaffte, auszubrechen. Er versuchte es immer wieder, jedoch nur mit mäßigem Erfolg. Von seiner Familie arrangierte Dates ödeten ihn an. Wenn er sich auf jemanden einließ, reichte das gegenseitige Interesse meist nicht über einen One-Night-Stand hinaus. So sehr er sich auch bemühte, diese zu genießen, sie hinterließen oft einen schalen Beigeschmack. Oder er interpretierte etwas in diese kurzen Begegnungen hinein, was einfach nicht da war. Auf was er eigentlich wartete, wusste er schon längst nicht mehr. Auf ein Wunder? Auf einen Kerl, der ihm in den Schoß fiel?
Somit würde er zunächst weiter beobachten und genießen. Er legte seinen Kopf schräg und beugte sich weiter über den Tresen, um in den hinteren Bereich sehen zu können. Ah … da war er. Izaak sah ihn nur teilweise und immer nur dann, wenn er das Dings über sich zu seinem Brustkorb zog. Innerlich seufzte Izaak. Selbst der Anblick dieses halben Rückens, der sich unter der Anstrengung immer wieder spannte, versetzte ihn in eine mittelschwere Ekstase. Und er spannte sich wieder. Huch. Da war ihm tatsächlich ein Seufzer entwichen.
»Sag mal, Verena, wie heißt eigentlich der Kerl, den Izi gerade mit seinen Augen auszieht?«
»Nadine!«, zischte Izaak sie an und Verena lachte.
»Das dürfte Fabian sein.«
»Woher willst du das wissen? Du hast dich nicht mal umgedreht, um zu sehen, wen ich angesehen hab.«
Verena senkte das Kinn und ihre Lippen zuckten, bevor sie sich zu einem breiten Grinsen verzogen. »Ist es derselbe blonde Typ, den du immer beobachtest, wenn du hier bist? Derjenige, nachdem du dir den Hals verrenkst, sobald du durch die Eingangstür trittst? Derjenige …«
»Schon gut, schon gut«, unterbrach Izaak sie. Seine Wangen wurden wärmer und er schaute angestrengt auf sein Glas. »So offensichtlich bin ich nun auch nicht.«
Tobi legte ihm die Hand auf den Rücken und zog ihn zu sich. »Überhaupt nicht.«
»Dein Sarkasmus erstickt dich noch mal«, erwiderte Izaak ohne jeglichen Biss in der Stimme.
Verena nahm Izaaks Hand, die neben seinem Getränk lag, bis er zu ihr aufschaute. »Er heißt Fabian.«
»Darfst du mir das überhaupt sagen? Datenschutz und so?«
»Wenn du seine Nummer und Anschrift willst, muss ich passen.«
»Nein, nein, das wollte ich doch gar nicht sagen. Argh. Ihr seid alle furchtbar. Huch, wie die Zeit vergeht, ich wollte eh gerade los.« Unter dem gackernden Gelächter seiner sogenannten Freunde trank er mit dem Papierstrohhalm die Reste seines Saftes aus. Mit eingesogenen Wangen sah er auf, um direkt in die Augen von Fabian zu blicken, der die Theke ansteuerte. Gottverdammt, natürlich. Izaak entspannte seine Lippen und ließ den Strohhalm dazwischen hervorgleiten. Sehr elegant. So als würde er wie Schliemann die Überreste der griechischen Antike aus der Erdoberfläche kratzen müssen, stierte er angestrengt auf den Boden seines Glases. Auf dem sich nichts befand. Vielleicht ein paar Kiwipartikelchen. Konzentriert rührte er mit dem Halm darauf herum, bis sich dieser am Ende immer mehr weitete.
»Hi, Verena, kannst du mir noch ein Handtuch geben?«
»Sicher.« Verena kramte aus einer Schublade unter der Theke eines der flauschigen Schönheiten mit dem Studiologo darauf hervor. Aus dem Augenwinkel konnte Izaak sehen, wie sie es Fabian reichte.
»Ah, brauchst du sonst was? Ein Getränk?«, fragte sie hastig hinterher, bevor Fabian sich abwenden und verschwinden konnte. Izaak sah den beiden aus dem Augenwinkel – gar nicht creepy – zu.
Irritiert schaute Fabian sie an. »Ich, äh, nein, danke.« Er schwenkte seine Wasserflasche und hielt sie ihr hin. »Du kannst aber meine Flasche auffüllen?«
»Selbstverständlich!« Verena schnappte sich die Flasche. Ging zum Becken und spülte sie ausgiebig, ließ sie volllaufen, verschraubte sie, als müsste sie einen Genie in einer Flasche für hundert Jahre einsperren, um sie schließlich mit einem Tuch trocken zu reiben. Und zu reiben. Und zu reiben. Ihr kurzer blonder Pferdeschwanz wippte im Rhythmus hin und her. Angestrengt sah sie auf die Flasche. Neben Izaak fing Tobi zu kichern an.
»Und du bist sicher, dass du nichts trinken magst? Ich könnte dir eine Probe von dem Kiwi-Smoothie geben, den Izi gerade hatte.«
Ohne zu zögern, drehte sich Fabian zu Izaak und sah ihn an. Izaak hatte das Gefühl, sein Herz würde für einen Moment aussetzen, um dann den verpassten Schlag nachzuholen und ihm in den Hals zu springen. Wusste Fabian, wer er war, oder war das einfach Zufall gewesen, dass er ihn angeschaut hatte? Wie von Sinnen streckte Izaak ihm sein Glas hin. »Ist wirklich lecker.«
Fabian sah von Izaaks Gesicht zurück zum Glas und mittlerweile hörte Izaak auch Nadine vor sich hinglucksen. Fabians Miene schien einen Kampf auszutragen, zwischen seinen Wangen, die ein Lachen zurückhalten wollten, und den Lippen, die sich krampfhaft dagegen wehrten. Letztendlich gewann Fabians sinnlicher Mund, der Izaak samt weißer, daraus hervorblitzender Zähne, anstrahlte.
Auch Izaak konnte zwischenzeitlich ein Grinsen nicht mehr vermeiden. Die Situation war zu absurd. Also lieber in Würde untergehen als …? Vor sich hinzugrummeln brachte ja auch nichts.
Aber Fabian schüttelte den Kopf. »So verlockend das auch ist, ich muss mein Set fertig machen und dann los.«
Obwohl Izaak keine konkreten Vorstellungen darüber gehabt hatte, was Fabian auf seine Annäherung hin machen würde, versetzte ihm die Abfuhr einen nicht gerade kleinen Dämpfer. Tapfer lächelte er gegen die Wärme an, die sich aus seinem Nacken über die Wangen zog. »Kein Problem. Lass dich nicht aufhalten.«
Noch bevor Fabian im Durchgang zu den Gewichten verschwinden konnte, hörte Izaak Tobi schon laut und deutlich. »Uuuh …«
Schnell legte er seine Hand auf den Mund seines Freundes. »Halt bloß die Klappe.« Unter seinen Fingern nuschelte Tobi etwas, das sich nach »mhm grmm gnmn« anhörte. Was auch immer das bedeuten sollte. »Bäh! Igitt.« Izaak riss seine Hand zurück und wischte sich Tobis Spucke auf seinen Leggings ab. »Musste das sein? Ablecken? Sind wir im Kindergarten?«
»Das frag ich dich. Wirklich? Den Mund zuhalten?«
»Es musste doch nicht sein, dass er dich auch noch hört.«
»Pfff. Kann er ruhig. Der weiß nicht, was ihm entgeht.«
Izaak zuckte mit den Schultern. Und wenn schon. Gegen ein paar Blicke aus der Ferne würde Fabian hoffentlich auch in Zukunft nichts haben. Er hatte ihn abblitzen lassen, aber er schien nicht verärgert oder wütend über seine Aufmerksamkeit zu sein.
»Vielleicht ist er ’ne Hete und wollte dich nicht irgendwie … hinhalten oder so«, überlegte Nadine laut vor sich hin.
»Nö. Soweit ich weiß, hat er einen Exfreund«, gab Verena ihren Senf dazu. »Ich hab zufällig ein Gespräch von ihm mitgekriegt.«
»Leute! Leute, bitte. Er hat zu tun oder kein Interesse oder was auch immer, und das ist völlig in Ordnung. Ich bin höchst zufrieden, wenn ich hier sitzen und ihn beobachten kann. Solange er mir das nicht untersagt, ist alles gut.«
Fabian machte seine Übungen an den Geräten weiter, die deutlich günstiger in Izaaks Blickfeld lagen als zuvor. Nachdenklich beobachtete Izaak ihn. Das amüsierte Lächeln von soeben war verschwunden und anstelle dessen war diese große Konzentriertheit getreten, die er fast immer vor sich hintrug. Nahezu stoisch absolvierte er seine Einheiten. Hinzu kam eine Ernsthaftigkeit, die Izaak überzeugte, dass sie nicht nur daher rührte, sich an den schweren Gewichten nicht zu verletzen. Die freundlichen Züge wurden durch eine Last getrübt, die Fabian mit sich herum zu tragen schien.
Das war auch das Erste gewesen, was Izaak an ihm aufgefallen war. Nicht die kurzen Haare, die oben am Kopf etwas länger waren als die kurz geschorenen Seiten. Nicht das markante Gesicht, mit dem starken Kinn und der geraden Nase, die sich symmetrisch einfügte und an eine griechische Marmorstatue erinnerte. Auch nicht sein muskulöser Körper. Er stach in diesem Studio weder als übermäßig bepackt noch als sonderlich mickrig hervor. Im Verhältnis zu Izaak war er enorm. Und das war nichts, was Izaak normalerweise sonderlich anziehend fand.
Aber diese Gewissheit und Konzentration, die Fabian umgab, in allem, was er im Studio tat, hatte Izaak vom ersten Moment an fasziniert. Er war nicht überrascht, dass diese Albernheit an der Theke Fabian in keiner Weise motiviert hatte, sich zu setzen oder daran wirklich teilzunehmen. Seine Freundlichkeit hatte kurz angetäuscht, was sein könnte. Aber Fabian war sich und seiner Sachlichkeit treu geblieben. Auch wenn ihn die Zurückweisung etwas durchgerüttelt hatte, Izaak würde sich damit zufriedengeben, Fabian weiter aus der Ferne zu bestaunen. Es gab keinen Grund, Trübsal zu blasen.
»Na komm, guck nicht so traurig.« Tobi stupste ihn in die Seite.
»Ich bin nicht traurig. Ich hab nur nachgedacht.«
»Na denn. Hör auf zu denken. Es ist Wochenende. Wir gehen heute aus.«
»Das Einzige, wo ich hingehe …«
»Du kommst mit ins Fincken.« Izaak überlegte, wobei sich sein Gesicht zusammenzog, sodass es mit Sicherheit Falten auf seiner Stirn warf. Uagh. Tobi spielte unfair. Izaak konnte zur Bar seines eigenen Bruders nicht nein sagen.
»Von mir aus.«
Während sie versuchten, Nadine zu überzeugen, auch mit in die queere Bar zu kommen, statt daheim zu meditieren, vergaß Izaak fast das Intermezzo mit Fabian. Dieser war anscheinend zwischenzeitlich mit zwei Handtüchern zurück zur Theke gegangen und reichte sie Verena in dem Moment, als Izaak aufsah. Er lächelte Fabian an, der ihn aufmerksam beobachtete. Nachdem ihm die Studiomitarbeiterin die Tücher abgenommen und in den dafür zugehörigen Wäschesack gestopft hatte, ging er überraschenderweise nicht die Treppe nach oben zu den Umkleiden. Den Blick weiter auf Izaak gerichtet, schritt er auf diesen zu und blieb erst stehen, als er direkt neben ihm war. Izaak drehte sich samt Stuhl zu ihm und sah ihn an. Er merkte, wie seine Augen größer wurden, vermochte aber nichts zu sagen. Sein Mund öffnete sich leicht, doch nur ein Hauch kam heraus.
Fabian beugte sich leicht zu ihm und sprach so leise in sein Ohr, dass Izaak ihn kaum verstehen konnte. Oder schlug sich Fabians Nähe auf sein Gehör? Müsste Fabian nach seinem Training nicht mehr nach Schweiß riechen? Aber das, was er ausstrahlte, schienen reine Pheromone zu sein. »Wenn ihr heute ins Fincken geht, könnten wir uns aber dort treffen, wenn du magst?«
Izaak suchte Fabians Blick. Er versuchte, aus Fabians Gesicht abzulesen, was ihn zu dieser Frage veranlasst haben könnte. Fühlte er sich verpflichtet, Izaak entgegen zu kommen? Hatte er Mitleid mit ihm? Doch noch bevor er antworten konnte, kam ihm Fabian zuvor. »Ich werde ab etwa halb zehn Uhr da sein. Wir sehen uns dann?«
Und Izaak blieb nur übrig, kurz zu nicken, was Fabian gleichermaßen mit einem kurzen Senken seines Kinns beantwortete, bevor er kehrt machte und zu den Umkleiden nach oben lief.
Geistesabwesend rieb sich Izaak die nassen Handflächen an seiner Hose ab. Ha. Er hatte ein Date.
Stunden später drehte sich Izaak vor dem Spiegel in seinem Schlafzimmer.
»Aua!« Er rieb sich die Pobacke, auf die ihn Tobi nicht zimperlich geklapst hatte.
»Du siehst toll aus. Die Hose sitzt perfekt. Fabian wird nur Augen für dich haben.«
»Darum geht’s doch gar nicht. Ich will einfach …«
»Ich weiß, Schatz. Du willst nur …« Tobi wedelte mit der Hand vor Izaaks Gesicht herum und sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an.
Izaak strich sich das Haar nach hinten. »Wir gehen jetzt.«
Nadine sprang mit dramatischem Augenaufschlag auf und warf sich gleichzeitig ihre Jeansjacke über die Schultern. »Na endlich. Während ihr trödelt, welke ich vor mich hin.«
Noch bevor sich Izaak und Tobi umsahen, war sie durch den Flur aus der Tür hinaus spaziert. Tobi nahm Izaak an der Hand und zog ihn hinterher. »Du brauchst keine Jacke!«, raunte er ihm zu. »Für die paar Meter.«
Die wenigen hundert Schritte von Izaaks Wohnung zur Müllerstraße legten sie tatsächlich innerhalb kürzester Zeit zurück. Draußen auf dem Gehweg konnten sie den Bass der Musik bereits deutlich wahrnehmen. Izaak holte tief Luft, während Nadine die Tür unter dem Schild mit den zwei Vögeln aufzog. Die Bar seines Bruders war ein wahrer Wohlfühlort für ihn und falls Fabian da war, würde das ein nettes Extra sein. Wenn nicht, war es auch nicht schlimm.
Bereits nach dem ersten Schritt in das Lokal legte ihm jemand eine Hand auf die Schulter und ein flüchtiger Bekannter begrüßte ihn ausgiebig.
Es hatte unglaubliche Vorteile, der Bruder des Chefs zu sein. Aber manchmal wäre er einfach gern Gast, ohne dauernd um einen Gefallen gebeten zu werden, ohne dass sich jemand an ihn ranschmiss, weil man sich irgendetwas erhoffte. Izaak stand bei der Gruppe von Gästen am Eingang bei einem der Stehtische, während Nadine und Tobi bereits voraus zur Theke gingen. Zwischen ihnen lag nun die Tanzfläche, auf der sich schon einige Besucher tummelten.
Während der Kerl, dessen Name ihm nicht einfallen wollte, auf ihn einredete, über irgendein tolles Event, das er plante und für das er die Hilfe von Nick bräuchte, wäre Izaak am liebsten einfach weitergegangen. Doch er setzte sein höflichstes Lächeln auf und trat einen Schritt zurück. »Sobald ich Nick sehe, werde ich ihm sagen, dass du ihn suchst, okay?« Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte er sich um und schritt zügig auf seine Freunde zu. Die bekannten Gesichter hinterm Ausschank suchte er vergebens nach seinem Bruder ab. Auf Zehenspitzen reckte er seinen Kopf und sah in den kleinen Gang, in dem sich nicht nur die Toiletten befanden, sondern sich auch das Büro und ein Aufenthaltsraum für die Mitarbeiter anschlossen.
Er winkte Simon, einen der Kellner, zu sich heran. »Ist mein Bruder da?«
»Kommt heute später. Nicht vor Mitternacht. Ich hab aufgemacht. Er macht zu.«
Izaak nickte. Eventuell würde er Nick nicht mal sehen. Je nachdem wie sein Abend verlief, würde er um Mitternacht vielleicht schon schlafen.
Gerade als er seine Füße absenken wollte, tauchte im dunklen Eingang des Flurs ein anderes bekanntes Gesicht auf. Fabian unterhielt sich angeregt mit einem Typen, der Izaak völlig unbekannt war. So offen und befreit lachen hatte er Fabian noch nie gesehen. Um nicht umzufallen, hielt er sich an Tobis Schulter fest und wackelte dennoch erheblich. Langsam verloren seine Fußmuskeln ihre letzte Kraft. Schließlich sank er wieder hinab auf seine Sohlen und konnte nichts mehr sehen außer Köpfe. Fremde Köpfe, die ihn nicht interessierten. Frustriert schnaubte er auf.
»Ich seh schon, was wir in meinen Stunden mehr üben müssen. Du kriegst eine Hausaufgabe auf bis nächstes Mal. Die Übung der Baum – oder mehr Stabilität zum Nachspannen blonder Jünglinge, wie wir sie ab jetzt nennen – machst du mindestens fünf Mal täglich. Mindestens drei Minuten auf jeder Seite.« Nadine strahlte ihn mit höchst amüsiertem Blick an. »Konntest du ihn sehen?«
Izaak wollte sich nicht eingestehen, dass Fabians Anwesenheit ihn mehr als nur ein bisschen freute. Sein Herz schlug schneller und seine Wangen wurden etwas wärmer. »Ja. Da hinten steht er. Mit irgendeinem Kerl.« Nonchalant wedelte er mit der Hand in die Richtung, in der er Fabian gesehen hatte. Vor ihm grinste ihn Nadine mit weit gedehnten Lippen an, sodass er Sorge hatte, die Mundwinkel rissen ihr ein, während Tobis Mund aufklappte.
»Hi«, hörte Izaak an seinem Ohr.
Mit leicht geneigtem Kopf drehte er sich zu der Quelle des warmen Baritons um. »Hi«, erwiderte er nicht halb so überzeugt, wie er es geplant hatte.
Gewohnt ruhig lächelte ihn Fabian an. »Willst du etwas trinken?«
»Ja, gerne, wir sind gerade erst gekommen. Aber ich kann das übernehmen.«
Noch bevor Izaak einen Kellner heranwinken konnte, wiegelte Fabian energisch ab. »Ich habe dich eingeladen, ich erledige das.«
»Hast du mich wirklich eingeladen?« Wenn es möglich gewesen wäre, hätte Izaak die Worte in seinen Mund zurückgestopft. Er hörte sich needy an. Sie hatten kaum zwei Worte miteinander gewechselt und schon traten seine ganzen Bedenken zu Tage.
Fabian zog eine Augenbraue hoch und musterte Izaak skeptisch. »Na, das dachte ich zumindest bis eben.«
Der unsichere Gesichtsausdruck verursachte bei Izaak sofort ein schlechtes Gewissen. Er legte seine Hand auf Fabians Unterarm und redete eindringlich auf ihn ein: »Ignoriere mich. Da spricht nur meine eigene Unsicherheit. Ich hatte es gehofft. Aber man weiß ja nie.«
Etwas gequält lächelnd nickte Fabian. »Da hast du wohl recht. Was kann ich dir denn holen?«
»Gin Tonic.«
Izaak sah ihm nach, als er sich ganz nach vorne an die langgezogene Bar schob und ihre Bestellung aufgab.
Neben ihm seufzte Tobi. »Na los, Nadine, wir gehen ein bisschen das Tanzbein schütteln. Ich kann mir dieses Gebalze nicht mitansehen.«
»Was redest du?«, fragte ihn Izaak überrascht. »Wir haben bisher nur geredet.«
»Schätzchen, wenn du denkst, es fällt niemanden auf, wie du ihn mit den Augen ausziehst – und er dich – dann täuschst du dich gewaltig.« Er deutete an, sich Luft mit der Handfläche zuzuwedeln. »Die sexuelle Spannung zwischen euch ist so gewaltig, dass ich Angst habe, in Flammen aufzugehen, wenn ich dazwischenkomme.«
Nadine gab einen grunzartigen Laut von sich, den man von einem derart zierlichen, kleinen Persönchen nicht erwarten würde, und schüttelte den Kopf. »Zum Glück bist du nicht dramatisch.«
Mit einer Hand winkend zog Tobi Nadine auf die Tanzfläche. Izaak setzte sich auf den von Nadine verlassenen Barhocker und sah zu Fabian, der nur wenige Meter von ihm entfernt stand. Mittlerweile hatte er zwei Gläser in der Hand. Das mit dem durchsichtigen Inhalt war für Izaak, das mit Cola offenbar für Fabian selbst.
»Wo sind die anderen zwei hin?«
Izaak deutete auf die Tanzfläche, auf der Tobi und Nadine alle Blicke auf sich zogen. Fabian lächelte und schob Izaaks Gin Tonic zu ihm die Bar entlang. Izaak musterte ihn dabei, wie er mit der konzentrierten Miene, die er seit Wochen beobachtete, auch diese kleine Tätigkeit vornahm. Wo war der lachende, strahlende Mann von gerade eben hin?
»Bist du mit jemandem hier?«
Irritiert sah Fabian auf. Er zog die Augenbrauen zusammen und sein Mund öffnete sich leicht, wobei sich gleichzeitig seine Lippen kräuselten. »Was?«
Izaak biss sich auf die Unterlippe und verfluchte sich innerlich. Um seine Reaktion zu überspielen, nahm er einen Schluck aus seinem Glas. Wieso hatte er überhaupt gefragt? »Du, ähm, hast mit deinem Freund vorhin geredet.« Und gelacht, dachte Izaak. Du hast gelacht und dein Gesicht hatte Lachfältchen um die Lippen und die Augen. Warum bist du jetzt so angespannt? Das alles verkniff er sich aber. Stattdessen sah er zu, wie sich Fabians Gesichtsmuskeln entspannten.
»Das ist ein Kollege. Er … braucht mich nicht. Der kommt schon allein zurecht.«
»Was …«
Doch Izaak hatte keine Gelegenheit, eine Frage zu stellen. Fabian deutete mit seinem Kinn zur Tanzfläche. »Magst du?«
Dankbar nickte Izaak. Während Fabian sein Getränk in einem großen Schluck leerte, nippte Izaak noch mal an seinem. Er wollte den ganzen Alkohol nicht auf die Schnelle in sich kippen und schob schließlich die Gläser an den Thekenrand, damit die Barkeeper sie leicht abräumen konnten.
Er ergriff die ausgestreckte Hand und gemeinsam gingen sie auf die Tanzfläche. Die Musik war treibend und der Bass durchdringend. Sofort begannen sie, sich im Rhythmus zu bewegen. Als sie auseinanderdrifteten, war Izaak versucht, sofort wieder nach Fabians Fingern zu greifen. Um nicht anhänglich zu wirken, zwang er sich, seine Arme bei sich zu halten. In kleinen Schritten tanzten sie aufeinander zu und wieder voneinander weg. Mit jeder Bewegung im Takt der Musik streiften sich ihre Arme leicht und trennten sich wieder, um sich im nächsten Moment erneut näher zu kommen.
Izaak beobachtete den Oberkörper seines Tanzpartners, wie dieser sich auf ihn zubewegte. Langsam sah er auf in Fabians Augen, die ihn zu fixieren schienen. Während der nächsten Bewegung zueinander, hob Izaak seine Hände und fuhr über die ihm sich nähernden Oberarme. Seine Finger verfingen sich an den umgenähten Ärmeln, die sich über den Bizeps spannten. Die definierten Muskeln unter seinen Fingern bewegten und spannten sich mit jedem Schritt.
Er war so konzentriert auf die Hautberührung, dass er leicht zusammenzuckte, als er Fabians Hände an seinen Hüften fühlte. Dessen Augen blitzten auf und er bewegte sich noch näher auf Izaak zu.
Izaak spürte warmen Atem an seiner Wange. »Ich will dir nicht zu nahe treten. Du bist interessiert?«
Ein Nicken war alles, was Izaak zu Stande brachte. Fabian konnte ihm durchaus noch näher sein. Jedoch machte dieser genau das Gegenteil. Er trat einen Schritt zurück und musterte prüfend Izaaks Gesicht. Dieser versuchte, durch seinen Ausdruck klarzumachen, dass er völlig mit allem hier einverstanden war. Als sein Gegenüber anscheinend zufrieden war mit dem, was er sah, nickte er und sprach wieder in Izaaks Ohr: »Ich wollte nichts in das, was heute im Studio war, hineininterpretieren.«
Izaak ließ mit einem Ächzen seinen Kopf kurz auf Fabians Brust sinken. Dieser schlang sofort einen Arm um seinen Rücken und zog ihn näher zu sich.
»Das war nun wirklich kein Glanzmoment meinerseits – oder der meiner Freunde.« Über die laute Musik konnte Izaak die Antwort kaum hören. In jedem Fall vernahm er ein tiefes Lachen. Ahhh. Er hatte ihn zum Lachen gebracht. Wie gern hätte er sein Gesicht dabei gesehen. Doch seinen eigenen Kopf gegen Fabians Brustkorb zu lehnen, hatte auch einen ganz eigenen Reiz, den er ebenso wenig missen wollte.
Mittlerweile waren sie komplett aus dem Takt der schnellen Beats und bewegten sich in ihrem eigenen Tempo, das ganz anderen Regeln als der Metrik der Musik folgte. Wichtiger war es für Izaak, die Nähe zwischen ihnen aufrecht zu erhalten und zu fühlen. Er schickte seine Hände über den Mann in seinen Armen und strich sanft über die Muskelstränge, die die Wirbelsäule wie einen Fluss einbetteten. Hinauf zu den Schultern, um sie schließlich der V-Form die Seiten entlang zu streifen. Am unteren Rücken ließ er sie zur Ruhe kommen.
Fabians raue Fingerspitzen in Izaaks eigenem Nacken fühlten sich himmlisch an – wie sie über den Haaransatz in seine Strähnen fuhren. Izaak reckte seinen Kopf ganz leicht nach hinten in die Berührung. Der stärkere Druck über seine Kopfhaut fühlte sich wie eine tiefe liebkosende Verbindung an.
Izaaks Stöhnen wurde in den Kokon der Musik um sie herum aufgenommen, doch er nahm seine eigenen Vibrationen aus seiner Kehle wahr. Wie Wellen schienen die Schwingungen aus seinem Hals zwischen ihren Körpern hin und her zu wandern. Gleich dem gegenseitigen Ertasten und Erkunden des anderen. Dass er mittlerweile hart war, konnte Fabian, der seinen Oberschenkel zwischen Izaaks Beinen platziert hatte, nicht entgangen sein.
Die streichelnde Hand an seinem Hinterkopf griff Izaak und zog ihn vorsichtig aus der Umarmung. Jeglicher Protest, der sich in ihm aufbäumte, verstummte unter Fabians weichen Lippen. Fast zaghaft erwiderte Izaak diese Zärtlichkeit mit sanftem Druck. Sein wild flatterndes Herz brachte für einen Moment seinen Atem zum Stocken. Mit jedem Nippen bemerkte er, wie sich seine Finger weiter in Fabians Shirt vergruben, und er zog ihn damit noch enger an sich. Offensichtlich unbeirrt davon, blieb Fabian dabei, kurze, trockene Küsschen auf Izaaks Lippen zu setzen.
Küsschen, die ein Verlangen in Izaak hervorriefen, das sich wie elektrische Spannung von seinem Kopf bis zu seinen Füßen ausbreitete. Gierig und sorgsam zugleich ließ er seine Zunge zwischen den Lippen hervorblitzen, sodass er Fabians Oberlippe antippte. Dieser hielt einen Augenblick inne, bevor er seinen Mund öffnete.
Diesmal zögerte Izaak nicht, als er seine Zunge zwischen Fabians Lippen gleiten ließ. Dort wurde er bereits erwartet. Im selben Moment fühlte er wieder diese zärtliche Hand an seinem Hinterkopf. Diesmal so, als wollte deren Besitzer sicherstellen, dass ihre Münder genau in der Position verblieben, in der sie waren. Aufeinander. Ineinander. Miteinander.
Plötzlich unterbrach Fabian den Kuss und sah ihn intensiv an. Sein Mund bewegte sich, doch Izaak verstand zunächst gar nicht, was er sagte. Als er sich ihm entgegenbeugte, wiederholte Fabian es in sein Ohr. »Wollen wir das woandershin verlegen?«
»Ja«, hauchte Izaak atemlos und nickte. Gleichzeitig rasten seine Gedanken. Er war immer noch nicht der Typ für Gelegenheitssex. Es fiel ihm schwer, sich fallen zu lassen und dummerweise kamen ihm oft seine Gefühle in den Weg. Aber das war es doch hier nicht. Er kannte Fabian kaum und lief nicht Gefahr, zu viel in die Situation hineinzuinterpretieren.
Sein Puls pochte wie verrückt an seinem Hals, seine Erektion drückte nahezu schmerzhaft gegen den Reißverschluss seiner Hose. Er hatte das Gefühl, kurz vorm Zerbersten zu sein. Er würde eine Ausnahme machen. Was schadete es, sich ein bisschen zu vergnügen? Ein Hauch von Irritation durchströmte Izaak, als Fabian einen Schritt zurücktrat und ihn mit seiner Hand in Izaaks Rücken in Richtung der Toiletten lenkte.
Wieso hatte Izaak gedacht, sie würden zu ihm gehen oder zu Fabian? Wieso war er manchmal so naiv? Innerlich wies er sich selbst zurecht. Er würde das Beste aus der Situation machen. Es ließ sich aber nicht leugnen, dass ein deutlicher Hauch Enttäuschung mitschwang. Als sie im Flur ankamen, flog Izaaks Blick von der Toilettentür zur Bürotür seines Bruders. Vielleicht konnten sie es wenigstens bequem haben, wenn sie das durchzogen. Die Umgebung sollte es ihm auch eher möglich machen, sich ihrer gegenseitigen Anziehung hinzugeben. Und vielleicht konnte er so die Stimme in sich, die ihn mahnte, vorsichtig zu sein, zum Schweigen zu bringen. Denn wenn er sich schon darauf einließ, wollte er die Sache auch genießen.
Als Fabian die Tür zu den Toiletten aufstoßen wollte, löste sich Izaak von ihm. »Warte kurz.«
Mit schnellen Schritten ging er, am Notausgang vorbei auf Nicks Büro zu. Er drückte den Griff nach unten und schloss schnell die Tür mit seinem Ersatzschlüssel auf, als sie sich nicht öffnete. Ein kleines, schlechtes Gewissen machte sich in seiner Magengegend breit. Es hatte definitiv Vorteile, der Bruder des Eigentümers zu sein; der vertrauensselig genug war, dem kleinen Bruder einen Ersatzschlüssel zu geben, weil er ihm regelmäßig im Büro half. Geholfen hatte. Während des Studiums. Das schon seit über drei Jahren beendet war. Er musste Nick dringend den Schlüssel zurückgeben. Izaak war sich sicher, dass er eine derartige Aktion nicht so schnell wiederholen würde – dennoch. Einmal in Versuchung geführt und sofort gestolpert reichte, sein Gewissen genügend zu belasten.
Hinter sich bemerkte er Fabian, der eine Hand an Izaaks Rücken legte. »Brechen wir ein?«
»Nein. Aber komm schnell rein.« Sein Bruder würde frühestens in zwei Stunden ankommen. Und sein erster Stopp in der Bar wäre sicher nicht das Büro. Bis zur Kassenabrechnung waren es noch Stunden. Fabian und er hatten genügend Zeit. Schnell schlüpften sie in das kleine Zimmer und Izaak knipste das Licht an. Er schloss die Tür wieder hinter ihnen ab, worauf er den Schlüssel vorsorglich im Schloss steckenließ.
Fabian umarmte ihn von hinten und küsste seinen Nacken. Izaak lehnte sich sofort zurück. Er genoss Fabians Arme um seine Mitte, die seinen Oberkörper abtasteten. Einen Arm nach hinten gestreckt, legte er seine Hand in Fabians Nacken und zog ihn zu sich. Fabian setzte seine Küsse nach und nach in Richtung Ohr, bis er schließlich Izaaks Ohrläppchen einsog. Izaak spürte das sanfte Ziehen bis in seine Zehen. Genüsslich drückte er seinen Rücken durch. Auf der Suche nach dem Mund, der seinen Nacken so sehr liebkoste, drehte er sich leicht, sodass Fabian sein Ohr loslassen musste. Gierig streckte sich Izaak ihm entgegen. Sobald sich ihre Lippen trafen, war dieses elektrisierende Gefühl wieder da. Wie ein Schauer lief es über Izaaks Haut. Beide unterbrachen den Kuss, um nach Luft zu schnappen.
Izaak schloss die Augen, während Fabian ihm zärtlich übers Gesicht strich. Vor seinem inneren Auge fühlte er die Finger in seinem Haar, die Kopfhaut entlang.
»Mach die Augen auf.«
Überrascht von der Forderung sah er auf. In dieses sanfte Grau, das ihn so ernst und ruhig und erregt gleichzeitig beobachtete.
»Deine Augenfarbe. Dieses Blau ist … « Doch bevor Fabian seinen Satz beendete, drehte er Izaak an den Schultern um und hielt ihn an den Hüften fest. Das kam … überraschend und für einen Moment kämpfte Izaak damit, wie er reagieren sollte, ohne die Sache sofort zu beenden. Vor ihm war Nicks Schreibtisch. Der PC. Geöffnete Post. Der Stuhl war an die Wand zurückgeschoben und vom Tisch weggedreht. Er dachte krampfhaft nach.
»Kannst du das ausziehen? Kann ich …?« Fabian hatte, während er sprach, seine Hände unter Izaaks Hemd geschoben und fuhr über dessen Seiten nach oben in Richtung seiner Schultern. Izaak schüttelte amüsiert den Kopf und knöpfte zügig die Hemdleiste auf. Der Stoff gab nach und fiel nach hinten über seine Schultern. Fabian sog vernehmbar die Luft ein. Für einen Moment stand Izaak einfach da und lauschte.
Als er sich umdrehen wollte, hielten ihn die Hände an seinen Hüften fest. »Er ist unglaublich. Wirklich, das ist das faszinierendste Tattoo, das ich je gesehen habe.« Izaak fühlte raue Hände seinen Rücken entlang streichen. Ihm war bewusst, dass sein riesiges Meermann-Tattoo die Aufmerksamkeit von jedem, der es entdeckte, auf sich zog.
»Ich hab dich letzte Woche in der Umkleide ohne Shirt gesehen – ich wollte dich nicht so anstarren, aber das ist der Wahnsinn.«
Izaak lächelte. Er liebte sein Tattoo. Es verband ihn mit seiner Heimat. Auch wenn er es nicht immer sehen konnte – er wusste, es war da. Genau wie seine Insel.
Doch so sehr er die Anerkennung seines Körperschmuckes schätzte, so sehr war er nicht deshalb hier. »Wolltest du nur mein Tattoo ansehen, oder hast du noch was anderes vor?«
Fabian ging um ihn herum und lächelte ihn an. »Das war nur der Bonus.« Er rollte seine Lippen ein, während seine Augen auf Izaaks Brustwarzen – vermutlich aber eher auf die Piercingstäbe, die durch diese ragten – gerichtet waren. »Die wollte ich auch noch mal sehen.« Vorsichtig rieb er seine Daumen darüber und Izaak entwich ein Stöhnen. »Komm her!«, forderte Fabian.
Sie verbanden sich in einem innigen Kuss, in einem gegenseitigen Fordern und Ertasten ihrer Lippen. Zu diesem Kontakt zwischen ihren Mündern mischten sich ihre Hände. Tastend über ihre Körper, suchend und liebkosend. Diese Aura von Bestimmtheit und Sehnsucht, die Izaak umgab, wurde von Fabian durchbrochen, als er einen Schritt zurücktrat und ihn mit fragend zusammengezogenen Augenbrauen ansah. Er begleitete seine unausgesprochene Frage, die zwischen ihnen hing, mit seinen Fingern an Izaaks Hosenbund. Ebenso wortlos antwortete dieser mit einem Nicken. Er hob sein Becken leicht gegen Fabians Finger. Der Tanz, der ihrem stummen gegenseitigen Einverständnis folgte, schloss sich nahtlos an.
Izaak spürte, wie der Bund seiner sehr engen Skinny Jeans nachgab, als Fabian den Knopf durch das Loch drückte. Endlich hatte seine pulsierende Erektion Raum und drohte nicht mehr in der Enge seiner Hose zu ersticken. Dies genügte ihm jedoch nicht und auf der Suche nach mehr Hautkontakt, schob er seine Hände unter Fabians T-Shirt. Gierig nach ihm, entledigte er ihn mit schnellen Bewegungen seines Shirts.
Er wurde von Fabians Hand belohnt, die dieser an Izaaks Unterwäsche vorbei schob. Izaak drängte sich in die warme Handfläche, die ihn zärtlich umschloss. Das vorsichtige Ertasten seiner Hoden, die Hodennaht entlang, versetzte ihn in eine aufgeregte Unruhe. Er konnte sich kaum beherrschen, sich nicht wie ein Aal zu winden.
Durch kleine rollende Bewegungen versuchte er, seine Hose los zu werden, um mehr Platz für die Hand zwischen seinen Beinen zu schaffen. Als er die Finger an seinem Damm spürte, sogen sie beide scharf die Luft ein. Er konnte ein Schmunzeln nicht unterdrücken, als er in Fabians von Erstaunen gezeichnetes Gesicht aufsah.
Seine Guiche-Piercings waren nicht auffällig und auch nicht so leicht zu entdecken, wie der Rest seines Körperschmucks. Als Fabian vor ihm auf die Knie ging, drohten seine eigenen, ihn nicht weiter zu tragen. Er hatte das Gefühl, dass sie weich wie Butter wurden, unter den Erkundungen des Mannes vor ihm, der ihm qualvoll langsam die Jeans samt der Unterwäsche über den Hintern zog. Fabian strich einige Male hauchzart über Izaaks Spitze, bis er schließlich seine Hoden anhob und die drei Ringe, die sich dahinter verbargen, ertastete. Sie erklangen kaum hörbar, als sie aneinanderschlugen. Die Berührung an der Stelle befeuerte jedes Verlangen in Izaak und merklich zuckte er vor Fabians Augen. Das zarte Streichen raubte ihm den Atem und gleichzeitig hatte er das Gefühl, er würde jede Sekunde abheben.
»Das ist – wow. Izi, du bist voller Überraschungen.« Mit einem Grinsen sah Fabian wieder zu Izaak auf. »Was erwartet mich als nächstes?«
Mit hochgezogenen Augenbrauen verzog dieser seine Lippen zu einem Schmunzeln. »Wer weiß? Das wirst du wohl erkunden müssen.«
In einer flüssigen Bewegung, die Izaak von Fabian so nicht erwartet hatte, stand dieser auf, wobei er gleichzeitig seine eigene Hose öffnete und diese samt Boxershorts bis auf seine Oberschenkel schob. Der daraus hervorwippende Ständer zog Izaaks volle Aufmerksamkeit sofort auf sich. Bestimmt trat er an Fabian heran und nahm sie beide in die Hand. Einen Moment lang genoss Izaak einfach das Gefühl ihrer beider Erektionen in seiner Hand.
Die Weichheit der Haut und die darunter verborgene Härte schickten ein wohliges Prickeln durch ihn. Das Empfinden dieser exquisiten Kombination an zwei Stellen seines Körpers und doch durch deren Nähe zueinander fast vereint, schien seine Wahrnehmung zu vervielfältigen. Nicht nur unter seinen Fingern, sondern auch an seinem Schwanz, spürte er Fabians Puls. So als hätte er dessen Herzschlag gegen seinen Ständer gedrückt, wollte er Fabian seinen achtsamen Umgang damit beweisen.
Der Rhythmus, den er aufbaute, wurde aber alsbald durch ihre immer heftigeren und unkontrollierten Stöße in Izaaks Faust gestört. Jedoch vereinte sich ihr Stöhnen zu einem erregenden Hintergrundgeräusch, das Izaak weiter anfeuerte.
Er bedauerte, dass es ihm nicht gelang, seinen Blick auf Fabians ekstatisch verzücktes Gesicht zu halten. Sein eigener Orgasmus drohte jede Sekunde über ihn hereinzubrechen. Und mit jedem Strich wurde es schwieriger, sein Bewusstsein auf das, was ihn umgab, zu richten. Er war ganz in sich, als er bemerkte, wie Fabian in seiner Hand anschwoll.
Dessen drängende Stöße wurden schneller, bis sich schließlich warme Flüssigkeit über Izaaks Finger ergoss. Izaak nutzte dieses willkommene Gleitmittel für sich selbst, sodass es ihn mit seiner nächsten Handbewegung ebenfalls zu seinem Höhepunkt trieb. Es schien, als sammle sich all seine Energie aus den Lenden, um in einem gewaltigen Stoß aus ihm heraus zu treten. Die Wucht dessen brachte ihn für einen Moment aus dem Gleichgewicht. Bevor er die Augen öffnen konnte, griff er mit seiner freien Hand nach vorne, um sich abzustützen. Statt einer Wand, die ihm Halt bot, wurde er an seinen Oberarmen gehalten. Seine Augen verfingen sich in Fabians Blick, der ihn durchdringend ansah. Noch nach Luft ringend, atmete Izaak stoßartig ein und aus.
»Ha.« Mit einem erschöpften Lacher entwich ihm ein Laut und Fabian erwiderte ihn mit seinem zurückhaltenden Lächeln. Er schloss die letzte Distanz zu Izaak und nahm ihn in seine Arme. Izaak legte seine Stirn auf Fabians Schulter ab, als er seine Hand von ihrer beider Penisse nahm. Aus dem Augenwinkel sah er die Tücherbox auf Nicks Schreibtisch. Ohne sich von Fabian zu lösen, streckte er sich und zupfte einige heraus.
Er zerknüllte sie in der Hand, bis er schließlich seine zweite hinzunahm, um sich richtig abzuwischen. Fabian strich ihm kurz über seinen Rücken, was einen Schauer über Izaaks Haut schickte, bevor er schließlich einen Schritt zur Seite trat und sich ebenfalls Papiertücher vom Schreibtisch holte.
Noch immer im Rausch nach der kurzen Berührung, konzentrierte sich Izaak aber auf das Notwendige, wischte sich, soweit es möglich war, sauber und warf die gebrauchten Tücher zum Papier in den halbvollen Mülleimer neben dem Aktenschrank. Als er sich wieder umdrehte, hatte sich Fabian bereits vollständig angezogen. Schnell tat er es ihm gleich und hob sein Hemd vom Boden auf. Es war ihm nicht möglich, eine Regung aus Fabians Gesicht abzulesen. Doch Izaak war nicht gewillt, das hier einfach enden zu lassen. Entschlossen ging er auf Fabian zu.
»Das war gut. Toll. Es war toll. Was sagst du dazu, mir deine Nummer zu geben und wir wiederholen das?« Er versuchte, seine Stimme leicht und spielerisch klingen zu lassen, obwohl es ihn einige Mühe kostete.
Wäre Izaak von Fabians Reaktion nicht so sehr überrascht gewesen, hätte sie ihm einen noch schmerzhafteren Stich versetzt, als sie es tatsächlich schaffte. Fabians Gesichtsausdruck konnte nicht anders als panisch bezeichnet werden. Wie auf der Flucht trat er sofort zur Tür und schüttelte energisch den Kopf. »Nein. Lieber nicht. Das passt nicht.«
Izaak wusste nicht, was er erwartet hatte. Diese Antwort allerdings nicht, da er wusste, dass sie nicht stimmte. Was zwischen ihnen gerade stattgefunden hatte, war nicht einfach gewöhnlich gewesen. Das hatte er sich nicht eingebildet.
Jedoch würde er nicht versuchen, jemanden, der ihn offensichtlich nicht wollte, zu irgendetwas zu überreden. Innerlich schalt er sich. Wieso hatte er überhaupt etwas gesagt? So lief das doch nicht ab. Ihm fehlte die Übung. Er hätte sich von Tobi noch mal das Einmaleins des casual sex erklären lassen sollen.
»Oh«, sagte er betont lässig. »Dann habe ich mich wohl getäuscht.«
Nun verzogen sich Fabians Mundwinkel so, dass er aussah, als ob er Schmerzen hätte. »So hab ich das nicht gemeint. Es war toll. Du hast recht. Ich mein nur, es passt nicht, weil ich wirklich nicht auf der Suche nach was Festem bin. Das hat nichts mit dir zu tun.«
Izaak hatte Not, seine Gesichtszüge zu beherrschen, die drohten, in eine sarkastische Grimasse abzurutschen. »Ich verstehe. Es liegt nicht an mir. Es liegt an dir.«
»Ja, genau. Ich bin froh, dass du das verstehst.«
War das Fabians Ernst? Die es liegt nicht an dir es liegt an mir Nummer? Aber er sah so … erleichtert aus. Whatever. Er war erwachsen genug, eine einmalige Sache nicht unnötig aufzublasen. Schnell knöpfte er sein Hemd zu, wobei ihn Fabian beobachtete, so als wäre er unschlüssig, was oder ob er noch etwas sagen sollte. Schließlich senkte er den Blick auf den Boden und schüttelte mit einem lauten Seufzer den Kopf. Izaak schloss die Tür auf und öffnete sie.
Als Fabian durchging, hielt er inne und legte seine Hand auf Izaaks Unterarm. »Es ist besser so«, flüsterte er und verschwand über den Flur.
Kryptischer Mist. Es ist besser so. Er musste sich nichts vormachen. Abserviert zu werden wurde nicht leichter, je öfter es passierte. Wieso konnte er die Zeichen nicht lesen, wenn die Kerle nur Sex wollten? Oder warum ließ er sich trotzdem darauf ein, wenn er es erkennen konnte? Er wusste, dass es ihm nicht guttat. Er fühlte sich stark und selbstbewusst, bis er wieder allein dastand. Im wahrsten Sinne des Wortes. Izaak prustete die Luft über die Lippen aus, als er die Tür sorgfältig verschloss. Seinen Schlüssel steckte er wieder in seine hintere Hosentasche und ging zu den Toiletten. Am Waschbecken wusch er sich die Hände und spritzte sich Wasser ins Gesicht. Nachdenklich beobachtete er sich im Spiegel. Es ist, wie es ist. Get a grip, Izi.
Zurück in der Bar begrüßten ihn seine Freunde mit besorgten Gesichtern.
Tobi schlang sofort seine Arme um ihn. »Wir haben Mr. Hard Muscle grade aus der Tür verschwinden sehen. Hm … freuen wir uns, dass er einen Zauberschwanz hat oder hassen wir ihn jetzt, weil er verschwunden ist? Ich bin mir nicht sicher. Erzähl, Schatz. Ich will für dich da sein.«
Nadine sah Izaak mit leicht schrägem Kopf an. »Muss ich jemandem weh tun oder freuen wir uns, weil wir Spaß hatten?«
Izaak mochte kein Drama. Das Leben war zu kurz dafür. Er würde das Positive aus diesem kurzen Intermezzo ziehen. Dass er bei gewissen Typen sofort anhänglich wurde, war nicht Fabians Schuld. Es war auch nicht seine eigene Schuld. Er war nun mal, wie er war, und irgendwann würde er die Konsequenzen daraus ziehen und die richtigen Entscheidungen für sich treffen. »Ich werde euch nichts über seinen Schwanz erzählen. Aber ich denke, wir sind wieder an dem Punkt, dass wir Mr. Muscle aus der Ferne betrachten können und das war’s.«
Mit immer noch unentschlossener Mimik sah ihn Tobi an. »Und wie finden wir das? Na los. Was sagt das Stimmungsbarometer?«
Izaak drückte ihm einen Kuss auf die Wange. »Alles ist gut. Vor allem sprechen wir jetzt nicht mehr von uns, so als ob du jemand anderen als mich damit meinen würdest. Das ist unheimlich. Ihr seid mir unheimlich. Es ist Tanzzeit.«
Kapitel 2
Fabian
Er war ein Idiot. Ein kompletter Idiot. Fabian eilte mit Riesenschritten zu seinem Auto. Wieso lief er weg? Das Nachglimmen seines Orgasmus’ konnte er schier noch fühlen, als er durch die kühle Nachtluft ging.
Es war eine völlig harmlose Frage gewesen. Eine Frage, die auch durchaus Sinn ergab. Izi hatte ihn nicht gebeten, sein Leben für ihn zu ändern oder ihn zu heiraten – er hatte lediglich nach seiner Nummer gefragt. Und er war in Panik verfallen.
Er hatte vor allem nur an sich gedacht, ohne darauf zu achten, wie die Zurückweisung dieses klitzekleinen Anliegens bei Izi ankommen würde.
Als er dessen zerknirschtes Gesicht gesehen hatte, hätte er ihn am liebsten wieder in den Arm genommen und einfach gehalten. Ihm gesagt, dass er mit einem Kerl wie ihm, dessen Leben komplett aus den Angeln geworfen war, ohnehin nicht glücklich werden würde. Egal, ob es um ein Sexdate ging oder … Was redete er sich nur wieder ein?
Wütend schüttelte er den Kopf und das letzte postorgasmische Sirren verließ seinen Körper. Izi hatte überhaupt nichts über eine Beziehung oder dergleichen gesagt. Er wollte die Nummer, um die Sache von eben einfach zu wiederholen.
Und Fabian hatte völlig überreagiert. Die ganze Geschichte war ein Desaster gewesen, das nur darauf gewartet hatte, zu implodieren. Wieso ließ er sich mit jemandem aus dem Studio ein? Dem Ort, der ihm heilig war. Sein Rückzugsort, an dem er sich auf sich selbst konzentrieren konnte.
Nur gut, dass Izi absolut zuverlässig ausschließlich zu den Pilates- und Yogastunden seiner Freundin dort auftauchte. Fabian würde es umgehen können, ihn zu treffen. Der Stundenplan hing aus und es war ein Leichtes, seine Trainingseinheiten ein bisschen anzupassen. Hatte er in den vergangenen Wochen sich selbst dabei immer wieder ertappt, just zu den Übungsstunden von Nadine im Studio zu sein, um Izis Ankunft und Abgang mitzubekommen, würde er dies ab sofort vermeiden.
Bereits etliche Meter vor seinem Fahrzeug drückte er wütend den Türöffner. Diese Aktion heute Morgen war so »bezaubernd« gewesen. Er hatte Izi sehen müssen. Wieso konnte er nicht einmal mit seinem Kopf denken? Dem auf den Schultern. Für den zwischen seinen Beinen gab es Apps, mit denen er sein Leben in letzter Zeit hervorragend organisiert hatte. Wieso bitte, musste er ein laufendes System derart ins Wanken bringen? Arbeit, Studio, schneller Sex über irgendeine Plattform und zu seinen Verpflichtungen nach Hause. So schwer war das doch nicht. Aber dennoch. Seit er Izis Augen zum ersten Mal gesehen hatte, waren sie ihm nicht mehr aus dem Kopf gegangen.
Er riss die Autotür auf und ließ sich schwer in den Sitz fallen. Mit einem ordentlichen Rumms ließ er die Tür zu sausen. Den Schlüssel im Schloss, fuhr er sofort an. Es war ein gutes Stück bis in den Vorort, in dem er wohnte. Er hatte heute bereits genügend Zeit mit Blödsinn vertrödelt.
Aber diese Augen. Dieses außergewöhnliche Kristallblau, mit einem Hauch Grün, fast Türkis. Als er das Tattoo auf Izis Rücken gesehen hatte, als dieser im Studio vom Duschen zurückkam, war ihm die Luft weggeblieben. Die Flosse des Meermannes hatte dieselbe Farbe wie Izis Augen. Die Schuppen strahlten in den unterschiedlichsten Schattierungen und sahen aus, als würden sie glitzern. Jede Bewegung Izis hatte den Schwanz, der bis über seinen Po zu seinem Oberschenkel reichte, aussehen lassen, als ob sich die Schuppen darauf hervorhoben. Fabian hatte sich zwingen müssen wegzusehen. Bei aller Toleranz und Offenheit des Studios, er hatte kein Recht, Izi derart zu begaffen und ihn womöglich damit zu verunsichern.
Fabian trommelte mit den Fingern auf dem Lenkrad herum. Die Ampel stand mindestens seit fünf Minuten auf Rot. Er hatte sich nicht träumen lassen, dieses Kunstwerk in so kurzer Zeit aus der Nähe betrachten zu können. Nicht nur betrachten. Er hatte es berührt. Der Meermann hatte den Rücken durchgedrückt, wobei sein Hinterkopf auf Izis Schulter zu liegen schien. Sein dunkles Haar, das wie wild um ihn schwebte, reichte bis zu Izis Oberarm. Es war das eindrucksvollste Bild, das er je gesehen hatte. Und es passte zu seinem Träger. Nicht auf den ersten Blick zu entdecken, aber hatte man es einmal gesehen, war es nicht mehr möglich, wegzusehen.
Die Ampel neben ihm schaltete und beinahe wäre Fabian seinem Vordermann hinten drauf gefahren. Natürlich. Seine Ampel hatte die Farbe nicht verändert.
Was wäre denn dabei, sich ein paar Mal mit Izi zu treffen? Und wenn sie nur ein freundschaftliches Verhältnis pflegten, wäre dies doch seinem infantilen Abgang vorzuziehen. Alles wäre dem vorzuziehen gewesen. Er drückte sich kurz die Handballen an die Stirn. Und was wäre so tragisch, wenn diese Freundschaft mit ein paar Vorzügen ausgestattet wäre? Hatte er es nicht verdient, mit einem Kerl wie Izi Zeit zu verbringen? Fabian fuhr sich über die kurzen Haare. Izis Haare. Diese dunklen, weichen Haare. Er rieb seine Finger aneinander. Das samtige Gefühl steckte wie eine Erinnerung zwischen ihnen. Anscheinend hatte er keinerlei Wachs oder dergleichen benutzt. Es fühlte sich so zart und unwirklich an. Und genau wie der verantwortungsbewusste Mensch, der Izi zu sein schien, hatte er keine Szene gemacht, als Fabian selbst einen Kurzschluss hatte.
Endlich sprang die Ampel auf grün und Fabian konnte losfahren.
Sie hätten vorher darüber reden müssen, was das werden sollte. Aber er besprach nie die Bedeutung seiner sexuellen Begegnungen. Jeder wusste, woran er war. Aber doch nicht Izi. Fabian stöhnte innerlich auf. Und statt sich danach einem Gespräch wie ein erwachsener Mann zu stellen, war er weggelaufen. Hitze stieg in seine Wangen und vor Scham wollte er sich am liebsten verkriechen. Er konnte das so nicht stehen lassen. Wenn er Izi nur halbwegs richtig einschätzte, würde er mit sich reden lassen. Vielleicht war ja auch noch nicht alles verloren. Vielleicht bestand ja eine klitzekleine Chance, diese karibisch blauen Augen noch mal voller Leidenschaft auf sich gerichtet zu sehen. Vielleicht bestand eine winzige Chance, dass sie beide …
Ein grellroter Blitz riss ihn aus den Gedanken. Sein Blick raste umher. Fuck, nicht dieselbe Stelle wieder. Dieser verdammte Blitzer. Panisch sah er auf den Tacho. Wieviel … wieviel war er zu schnell gewesen? Fuck! Fuck! Nein! Das durfte nicht wahr sein. Nicht schon wieder. Er hatte erst Punkte und ein massives Bußgeld kassiert. Das … nein … das durfte nicht passieren. Wenn er das richtig in Erinnerung hatte, würde das bedeuten … Aber das konnte es nicht bedeuten. Er brauchte seinen Führerschein.
Fabian ließ einen markerschütternden Schrei los und schlug mit einer Hand auf das Lenkrad ein. Das! Das genau war der Grund, wieso er mit seinen Gedanken bei der Sache bleiben musste und sich nicht mit blauäugigen Meermännern beschäftigen sollte. Der kleinste Fehler und seine Familie war aufgeschmissen. Seine Unzuverlässigkeit hatte Konsequenzen, mit denen er gut leben konnte, aber nicht seine Familie, die sich auf ihn verlassen musste. Die bekannten Worte seines Vaters hallten in seinem Kopf wider. »Fabian, wenn ich nicht da bin, bist du der Mann im Haus.« Wie oft hatte sein Vater das wortwörtlich betont?
Nochmals schrie er auf. Ein Witz war er, mehr nicht. Das war’s. Er konnte nur hoffen, dass dieses Blitzlicht die Warnung gewesen war, die er gebraucht hatte, um sich Izi aus dem Kopf zu schlagen. Denn genau das würde er tun. Ein für alle Mal. Er war kein kleines Kind, das einen Freund oder einen Spielgefährten brauchte, egal, wie heiß und warmherzig und aufmerksam und so unglaublich heiß dieser auch sein mochte.
Die folgenden Wochen waren ein Spießrutenlauf für Fabian. Jeden Tag leerte er schweißgebadet den Briefkasten, in Sorge, der erwartete Bußgeldbescheid wäre darunter. Wobei er hoffte, dass es ein Bußgeldbescheid war, der ihn erwartete, und nicht ein Fahrverbot. Es durfte kein Fahrverbot oder die Aberkennung des Führerscheins sein.
Der Tag auf der Baustelle war anstrengend gewesen. Der Bauherr war anwesend und hatte seine eigenen Ideen, wie eine Baugrube auszuheben war, deutlich machen wollen. Fabian war nur der Baggerfahrer und musste sich mehrmals auf die Zunge beißen, um den Herrn nicht in klaren Worten deutlich zu machen, dass ein bisschen »ich baue mir mein Haus« googeln nicht ausreichte, um den Bauvorschriften zu genügen. Dazu hatte ihnen die Sonne auf den Kopf gebrannt. Er war nur noch froh, endlich daheim zu sein.
Seine Kollegen hatten seine Angespanntheit längst bemerkt. Nachdem er aber nicht rausgerückt hatte, was ihn so bedrückte, hatte ihn auch Mark, der Einzige unter ihnen, den er als Freund bezeichnen würde, in Ruhe gelassen. Sollte er eine Mitfahrgelegenheit zur Arbeit benötigen, würden sie es noch schnell genug erfahren. Jede freie Minute hatte er genutzt, um sich über spezialisierte Anwälte zu informieren. Sollte es so weit sein, würde er sofort handeln. Er hatte bereits bei einer Kanzlei angerufen, die ihn aber vertröstet hatte. Erst wenn die verhasste Nachricht bei ihm eintraf, ergab es Sinn, dass er sich bei ihnen meldete.
Er parkte in der Garage. Sein Elternhaus war ein typisches Mittelklassehaus, in dem schon seine Großeltern gelebt hatten.
Heutzutage war es nahezu unmöglich, ein Haus in diesem Vorort zu erwerben. Die Kosten für den Erhalt schnürten ihm ohnehin schier die Luft ab. Das Haus müsste längst wieder gestrichen werden. Dass die Heizung seit Jahren ausgetauscht werden sollte, verdrängte er nach jedem überstandenen Winter erneut und hoffte auf ein weiteres Jahr, in dem sie durchhielt. Dass sowohl die Dämmung des Daches wie auch die Fenster ausgetauscht werden mussten, um besagte Heizkosten zu senken, würde er, solange es nicht durchtropfte, ebenfalls wieder vergessen. Er legte regelmäßig Geld zurück für derartige Unterfangen. Aber während er noch für das erste Projekt sparte, gesellten sich bereits die nächsten Probleme des alten Hauses dazu. Letztendlich waren dies Luxusprobleme. Gesundheit war das, was zählte.
Unterm Strich hatten sie mit dem Haus Glück gehabt. So traten sie sich nicht auf die Füße und jeder hatte seinen Rückzugsort. Er wusste nicht, wie sie in der Münchner Innenstadt in einer kleinen Mietwohnung überleben sollten, schoss es ihm durch den Kopf, als er das ganze Spielzeug im Garten liegen sah. Mit pochendem Herzen blieb er am Gartentor stehen und öffnete den Briefkasten. Leer. Gott sei Dank. Wobei ihn das Warten auf den Brief mittlerweile genauso belastete, wie die Angst vor dessen Inhalt.
Er schloss die Haustür auf und hörte bereits eifriges Geklapper in der Küche. Seinen Schlüssel hängte er an das Board und noch bevor er seine Schuhe ausziehen konnte, hatte er ein Bündel in pink um seine Hüften hängen.
»Fabian, du bist daheim!«
»Wir haben uns heute Morgen gesehen, du kleine Kröte.«
»Ich hab dich so vermisst.« Dieselben grauen Augen, die er auch hatte, strahlten ihn an.
»Ich hab dich auch vermisst. Den gaaanzen Tag.«
Lena lachte ihn offen an. »Das glaube ich dir nicht. Du musst doch arbeiten. Hast du ein Haus gebaut?«
»Ah, ich hab’s versucht. War nicht so einfach. Erzähl mir lieber wie’s in der Schule war.«
»Ich habe ein Bild von uns gemalt und Mama geschenkt. Tonia hat mich heute besucht und es war ganz toll.«
Fabian strich ihr über das Haar, das in zwei Zöpfe geteilt war. »Wo ist denn die Mama?«
»Die kocht. Ich helfe ihr«, erklärte Lena stolz.
»Na dann lass uns mal sehen, was es gibt.«
Lena nahm Fabians Hand und zog ihn in die Küche, in der ihre Mutter am Herd stand. Sie drehte sich schnell um und lächelte ihm zu, während sie das Schneidemesser aufgriff und begann, in einem wahnsinnigen Tempo Karotten zu schneiden.
Obwohl Sigrid fast gänzlich ihr Augenlicht eingebüßt hatte, kannte sie ihre Küche wie ihre Westentasche. Das gesamte Haus war ihr Untertan und sie kam problemlos zurecht. Überhaupt hatte sie größte Probleme, Hilfe anzunehmen. Egal von wem. Ihre Grenze erreichte sie allerdings im Straßenverkehr. Autofahren war mit dem Sehverlust und dem milchigen Schleier, der ihre Sicht trübte, ausgeschlossen.
Somit hatte es sich Fabian mit dem Tod seines Vaters zur Aufgabe gemacht, für seine Mutter und Schwester da zu sein. Lena sollte in ihrer gewohnten Umgebung bleiben, somit war ein Umzug der beiden ohnehin ausgeschlossen. Vielmehr war er wieder in sein Elternhaus gezogen, hatte seine Arbeitsstunden gekürzt, um flexibler die beiden wichtigsten Menschen in seinem Leben unterstützen zu können. Er wollte nicht darüber nachdenken, was es für Folgen für seine Schwester hätte, könnte sie ihre Fördertermine nicht mehr wahrnehmen, wegen seiner Dummheit. Sie war zehn und es trennten sie genau achtzehn Jahre von ihrem Bruder, von dessen Zuverlässigkeit sie abhängig war. Dazu kamen die Termine seiner Mutter. Er wollte nicht darüber nachdenken, welche Folgen dies alles hätte.
»Wie war dein Tag?«, wollte seine Mutter wissen.
»Alles Bestens! Und bei euch?«
»Du hast Lena gehört. Sie hatte heute Besuch. Das Highlight der Woche.«
Fabian sah zu seiner Schwester, die Perlen auf eine Schnur aufzog. Dass ihr 21. Chromosom dreimal vorhanden war, nahm Fabian im Alltag nicht mehr wirklich wahr. Aber für Außenstehende war sie besonders. Stach hervor. Für Fabian war sie die einzige Schwester, die er hatte. Und er würde alles für sie tun. Ihre lebensfrohe Art war ein Gewinn für jeden – fand er. Dass ihr gemeinsames Leben gewisse Besonderheiten aufwies, war weder tragisch noch wirklich relevant. Gemeinsam würden sie alles schaffen.
»Was ist los mit euch beiden? Deckt den Tisch! In fünf Minuten gibt es Essen.«
Sigrid mochte fast blind sein. Aber sie gab immer noch den Ton an im gemeinsamen Heim.
Nachdem sie gegessen hatten, lehnte sich Fabian entspannt zurück. Zumindest heute hatte er seine Ruhe. Es war sehr früher Abend und das Fitnessstudio schien ihn nach wie vor immer dann zu rufen, wenn – wie er wusste – Nadine unterrichtete. Energisch schob er den Stuhl zurück und sammelte die Teller ein. Er würde diesem Ruf nicht nachgehen. Er wusste genau, dass es nicht das Studio war, das ihn lockte, sondern die Hoffnung, Izi wiederzusehen.
Trotz seiner Anspannung aufgrund des drohenden Bescheids und seinem Schwur sich selbst gegenüber, nicht mehr an ihn zu denken, verging kein Tag, an dem sich die grünlichblauen Augen nicht in sein Bewusstsein bohrten. Und dort an ihm zu nagen schienen. Ihn manchmal ein bisschen auffraßen und quälten. Oder morgens mit seiner Morgenlatte in die Dusche begleiteten. Genug!
»Ich mach den Abwasch! Ruh dich aus, Mama.« Vielleicht lenkte ihn das ab.
»Liest du mir heute etwas vor?«
Fabian drehte sich zu Lena um. »Gerne, du Kröte. Wir können Die Reise des Königs weiterlesen. Das mag Mama auch.«
»Au ja!« Lena lief zu ihrer Mutter und zog an ihrem Arm. »Los Mama, ich führe dich zum Sessel.«
»O mein Gott, ich weiß, wo der Sessel steht. Und du weißt, dass ich es weiß. Wenn ich dich so behandeln würde wie du mich, mein kleiner Schatz, dann könnte ich mir aber was anhören.«
»Ich will dir nur helfen.«
»Ich brauche keine Hilfe.«
»Bitte! Helfen macht so Spaß.«
Unter Protest stand Sigrid auf und nahm Lenas Arm. Fabian musste fast lachen. Die beiden waren sich so unfassbar ähnlich. Unabhängigkeit um jeden Preis, war das Motto, das beide aus jeder Pore ausstrahlten.
»Aber nur, weil du es bist«, betonte seine Mutter und Lena grinste. Sie hatte wieder jemanden erfolgreich um den Finger gewickelt.
Fabian räumte das restliche Geschirr vom Tisch. »Lena, hol schon mal das Buch. Ich steck das nur in die Spülmaschine und mach den Rest danach.«
»Ach Fabian, bevor ich es vergesse: Ich hab die Post auf das Board gelegt. Ich hab das Vergrößerungsglas nicht gefunden. Schau doch bitte nach, ob was Wichtiges dabei ist.«
»Du weißt, dass du das Glas so aufheben sollst, dass du es immer findest«, entgegnete Fabian wie automatisch. Er hatte den Satz schon so oft gesagt, dass er wie von selbst aus ihm herauskam. Dennoch waren seine Hände sofort schwitzig angelaufen und ein entsetzter Schauer lief über ihn. Er schaute hinüber zu zwei Briefen, die von seinem Standpunkt aus keinen Hinweis auf ihre Absender gaben. »Ich schau sie gleich an.« Mit zittrigen Fingern räumte er den Geschirrspüler ein.
Während Lena das Buch suchte, ging er auf die Post zu und hielt sie zwischen spitzen Fingern. Das Schreiben von Lenas Schule legte er zur Seite und riss den an ihn adressierten Brief auf. Sein Blick flog über die Seiten. Geschwindigkeitsüberschreitung, Einzug Führerschein, acht Monate, Rechtsbehelfsbelehrung. Acht Monate. Acht Monate.
Er faltete die beiden Seiten samt Kuvert. Sie klebten leicht an seinen verschwitzten Fingern. Wie betäubt stopfte er die Zettel in seine hintere Hosentasche. In seinen Ohren rauschte sein Herzschlag wie ein Sturm auf hoher See. Und genauso fühlte er sich. Den Wellen, die drohten, über ihm zusammenzubrechen hilflos ausgeliert, schnappte er nach den letzten Spuren von Sauerstoff, die ihm noch gewährt wurden. Vor seinen Augen flimmerten kleine Sternchen. Reiß dich zusammen!
Wie in Trance, gleich einer Marionette, die das Spiel, für das sie vorgesehen war, spielte, ergriff er das Buch. Die Worte, die er in der nächsten halben Stunde las, gingen spurlos an ihm vorbei. Er schien durch einen Schleier zu sprechen, ohne wirklich anwesend zu sein. Während seine Mutter Lena ins Bett brachte, schloss er sich in sein Zimmer ein. Er zog das Schreiben aus seiner Tasche und legte es vor sich hin. Mit schnellen Griffen hatte er die Nummer der Kanzlei, die er in seinem Telefon gespeichert hatte, aufgerufen. Er drückte auf den Kontakt und hörte dem Verbindungston zu.
»Lutz, Meier, Höfling, wie kann ich Ihnen helfen?«
Fabian holte tief Luft. »Hier ist auch Maier. Wir hatten schon telefoniert.«
»Herr Maier, ich bin mir nicht sicher, ob wir gesprochen haben. Sie haben das Nachtsekretariat erreicht. Wollen Sie einen Termin vereinbaren?«
»Ja. Ja, ich brauche einen Termin. So schnell wie möglich.«
»Worum handelt es sich bei Ihrem Anliegen denn?«
»Verkehr. Ich habe meinen Führerschein verloren.« Fabian schluckte und fuhr sich mit den Händen über das Gesicht.
»Einen Moment. Wann passt es Ihnen denn?«
»Es müsste so schnell wie möglich sein. Auf dem Zettel steht, man hat zwei Wochen Zeit, Einspruch zu erheben, und das Datum darauf ist schon von vor drei Tagen.« Ihm war zum Heulen.
»Keine Sorge, Herr Maier. Ich habe Ihnen einen Termin bei Herrn Galea für morgen um 16:30 Uhr eingetragen. Passt das?«
»Aber sicher. Klar. Ich werde da sein. Aber wie geht es dann weiter? Was muss ich …?«
»Herr Galea ist Fachanwalt für Verkehrsrecht und Strafrecht. Er wird mit Ihnen alles weitere klären und besprechen.«
»Okay. Danke.«
Erschöpft beendete Fabian den Anruf. Knappe zwanzig Stunden würde er sich gedulden müssen, um Antworten zu erlangen. Herr Galea würde ihm helfen müssen. Koste es, was es wolle.
Kurz nach vier Uhr nachmittags am Folgetag stand Fabian vor dem modernen Eingang des Bürogebäudes in einer Seitenstraße des Marienplatzes.
Er hatte zu einer schwarzen Jeans ein schwarzes Hemd angezogen. Auch wenn dies seine Laune etwas überdeutlich zum Ausdruck brachte, waren es mit Sicherheit auch seine besten Klamotten. Nervös wischte er sich die Handinnenflächen an seiner Hose ab, während er das Klingelschild inspizierte. Lutz, Meier, Höfling Rechtsanwälte PartG befanden sich im sechsten und somit obersten Stock.
Er drückte den Klingelknopf und sofort ertönte das typische Summen eines Türöffners. Fabian drückte die Tür zum elegant restaurierten Foyer auf und durchschritt es zügig.
Die Sekretärin hatte ihm – als er sich den Termin heute nochmals telefonisch hatte bestätigen lassen – beschrieben, dass der Aufzug in dem historischen Gebäude nachträglich auf der Seite des Innenhofs angebaut war. Daher musste ihn Fabian erst mal hinter verwinkelten Ecken finden. Unter dem Aspekt waren all die alten mehrstöckigen Gebäude in München ähnlich gebaut und er entdeckte ihn sofort. Die Glaskabine trug ihn ohne Zwischenhalt bis direkt in das sechste Stockwerk.
Wäre ihm nicht zum Erbrechen übel, hätte Fabian die Sicht über die Stadt genießen können. Er hatte ihr jedoch den Rücken zugekehrt und wartete darauf, dass sich die automatischen Türen öffneten. Mit einem leisen, hauchenden Geräusch gingen sie auf und gaben den direkten Blick auf den Empfang der Kanzlei frei.
Dort saß eine Frau mit perfektem Bob und Make-up, das wie tätowiert aussah. Die weiße Bluse, die sie trug, schien keine Falten zu haben. Unsicher strich sich Fabian über sein Hemd, das sicher an der einen oder anderen Stelle faltig war. Sein Arm schoss nach vorne, um die sich schließende Lifttür aufzuhalten und Fabian betrat das mondäne Entree.
Die Dame mit Bob sah auf und lächelte ihn steril an. »Willkommen bei Lutz, Meier, Höfling. Kann ich Ihnen behilflich sein?«
»Ich habe einen Termin um halb fünf. Maier. Fabian.«
»Aber sicher Herr Maier, nehmen Sie doch Platz.« Sie ging um den Empfangstresen auf Fabian zu und deutete auf eine Sitzreihe von Sesseln, die die Wand entlangliefen. »Sie sind ein bisschen früh dran. Wollen Sie vielleicht etwas trinken?«
»Nein, danke. Doch. Oder? Ein Wasser?«
»Ein Wasser. Mit oder ohne Kohlensäure?«
»Ohne. Bitte.«
Die ganze Zeit über trug die Empfangsdame dasselbe monotone Lächeln und Fabian war sich nicht sicher, wie er darauf reagieren sollte. »Ich bereite das Besprechungszimmer kurz vor und hole Sie dann.«
Auf ihren hohen Absätzen schwebte sie fast lautlos über das Parkett, während sie von Zimmer zu Zimmer lief und Wasser und eine Akte in einen Raum am Ende des weiten Flures brachte. Fabian wippte sein Bein schnell auf und ab. Die Nervosität jagte durch jede Faser seines Körpers und suchte einen Ausgang, den sie anscheinend über seinen Fuß gefunden hatte. Zum wiederholten Male griff er zu seiner Hosentasche und fühlte dort den Umschlag.
»Herr Maier?« Die Dame stand wieder vor ihm, mit ihrem seltsamen Lächeln, und hatte eine Hand in Richtung Ende des Flurs gerichtet. »Wenn Sie mir folgen wollen?«
Ohne zu zögern, sprang Fabian auf und ging ihr hinterher. Er setzte sich auf den Platz am Fenster mit Blick zur Tür, den sie ihm zuwies. »Ich gebe Herrn Galea Bescheid, dass Sie schon hier sind.« Mit einem leisen Klicken schloss sie die Tür hinter sich.
Der Tisch, um den acht Stühle standen, war riesig. Hastig griff er nach dem Glas Wasser vor sich und nahm einen großen Schluck. Am Kopf des Tisches lag eine dünne Mappe. In der Mitte befand sich eine Schale, gefüllt mit Keksen. Gab es wirklich Mandanten, die sich entspannt zurücklegten und Gebäck knabberten, während ihr Anwalt ihnen ihr Schicksal offenbarte?
Ein kurzer Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass er sich vermutlich auf eine längere Wartezeit einrichten musste, da es bis zu seinem Termin noch fünfzehn Minuten waren. Er seufzte. Gerade als er sich im Stuhl zurücklehnte, öffnete sich die Tür zum Besprechungsraum und automatisch stand Fabian auf, allein schon der Höflichkeit wegen, um seinem Anwalt die Hand zu reichen.
Die Finger noch auf dem Tisch abgestützt, hielt er in seiner Bewegung inne. Der Mann, der da durch die Tür trat, kam ihm irgendwie vertraut vor. Was nicht sein konnte, da er keine Anwälte kannte.
Jedoch zogen die strahlend klaren blauen Augen mit einem Hauch von grün Fabians ganze Aufmerksamkeit auf sich. Der Besitzer, zu dem sie gehörten, kam im dunkelgrauen dreiteiligen Anzug, der ihm auf den Leib geschneidert zu sein schien, in den Raum und stockte kurz, bevor er schnell die Tür schloss.
Fabian hätte Izi auf den ersten Blick fast nicht erkannt. Sein etwas längeres Deckhaar, das normalerweise natürlich über eine Seite seines Kopfes hing, war streng nach hinten gegelt. Es gab ihm ein kaltes, hartes Aussehen, wären da nicht diese Augen, die ihn so überrascht und forschend ansahen.
»Du bist Anwalt.« Es hörte sich fast wie ein Vorwurf an.
Izis Kopf zuckte leicht zurück. »Und du bist zu schnell gefahren.«
Richtig. Für einen Augenblick hatte Fabian vergessen, warum er eigentlich hier war. Izi kam ihm mit einem kleinen Kärtchen zwischen den Fingern entgegen. Er legte es vor Fabian auf den Tisch und zuckte mit den Schultern, während er auf Fabians Stuhl deutete. »Wollen wir uns setzen?«
Mit einem Seufzer ließ sich Fabian zurücksinken und nahm die Visitenkarte vor ihm in die Hand.
Izaak Galea, Rechtsanwalt, Fachanwalt für Verkehrsrecht, Fachanwalt für Strafrecht
Fabians Stirn legte sich wie von selbst in Falten und er bemerkte, wie er seinen Mund spitz zusammenkräuselte.
»Es tut mir leid, Fabian, das zu sagen war unangebracht – und wenn dir das unangenehm ist, müssen wir das hier nicht machen. Du kannst dir selbstverständlich einen anderen Anwalt suchen.«
Kopfschüttelnd sah Fabian auf. »Ich hab recherchiert. Und deine Kanzlei wird überall empfohlen. Ich brauche wirklich dringend einen Anwalt, aber das hier ist echt schräg.«
»Ich weiß.« Izi – oder vielmehr Izaak – sah ihn mit unschlüssiger Miene an. »Lass mich versuchen, einen Kollegen zu finden, der deinen Fall übernehmen kann. Das ist wirklich nicht optimal.« Er stand auf und schob seinen Stuhl zurück.
»Ist es denn irgendwie verboten?« Fabian dachte krampfhaft nach. Zuerst das Fahrverbot und jetzt diese Wendung. Er hatte wirklich genug von irgendwelchen Überraschungen.
Izi sah ihn fragend an. »Wie meinst du? Weil wir … « Er deutete zwischen ihnen beiden hin und her. »Äh, weil wir intim waren?«
Fabian merkte, wie die Hitze über seinen Nacken in den Kopf stieg und seine Wangen fingen an zu brennen. Er räusperte sich und nickte. »Äh, ja das.«
Izi schien diese Scheu nicht zu haben, denn er lächelte fast verschmitzt und schüttelte den Kopf. »Nein. Das spricht nicht dagegen, dass ich dich vertrete.« Er holte tief Luft und sah mit dramatischem Augenaufschlag zur Zimmerdecke. »Das Schwierigste wird werden, zu erklären, wieso ich dich nicht vertreten kann.« Er schüttelte sich und zog die Weste stramm. »Aber das lass meine Sorge sein. Ich werde es schon aushalten.« Izi verzog das Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen.
»Izi, warte.« Fabian legte seine Hand auf Izis und zog sie blitzschnell zurück, als er bemerkte, was er soeben getan hatte. »Warte kurz. Ich brauche meinen Führerschein wirklich dringend und …«
Izaak setzte sich wieder auf seinen Stuhl und schob den dünnen Hefter vor sich hin und her. »So blöd sich das vielleicht anhört, aber hier in der Kanzlei bin ich die go to Person in Verkehrssachen. Natürlich kann dich hier jeder vertreten. Aber um ganz ehrlich zu sein: Die Partner suchen sich ganz andere Fälle raus als kleine Verkehrssachen.«
Fabian zuckte zusammen, als hätte ihm jemand einen Hieb versetzt.
»Nicht falsch verstehen. Ich stelle nicht in Frage, dass für dich die Sache von immenser Bedeutung ist, aber für uns ist es das tägliche Geschäft und ich bin hier der jüngste Anwalt.« Izi zuckte mit den Schultern. »Ich mache das tagtäglich und ein älterer Partner hat das schon länger nicht gemacht.«
Fabian atmete schwer aus. Rational verstand er alles, was Izi gesagt hatte. Er brauchte den besten Anwalt, den er kriegen konnte, da er seinen Führerschein auf keinen Fall verlieren durfte. Insbesondere hatte er keine Zeit zu verlieren. Würde er jetzt eine neue Kanzlei suchen, würde das viel zu lange dauern.
»Wir sind erwachsen. Wir können damit umgehen.«
Izi sah ihn schweigend an. Fabian wusste, was er dachte, und er war es seiner Schwester und seiner Mutter schuldig, die Luft zu klären, damit Izi ihn vertreten würde. »Auch wenn ich in den vergangenen Wochen nicht den Eindruck gemacht habe.« Er schluckte schwer und fuhr dann fort. »Es war kein Zufall, dass du mich in letzter Zeit nicht gesehen hast. Dir aus dem Weg zu gehen, schien einfacher. Und dann kam der Stress mit dem Bescheid hier hinzu.« Das war absolut keine Lüge. Er griff zur Hosentasche und holte das Schreiben hervor. Sorgsam faltete er es auf dem Tisch auseinander und schob es zu Izi.
»Okay, wenn du dir sicher bist.«
Fabian nickte entschieden.
Das schien Izi zu genügen. »Dann zeig mal her.«
Konzentriert las er vor sich hin und Fabian beobachtete ihn. Nichts an Izis Äußerem deutete darauf hin, dass ein Großteil seines Körpers mit einem Tattoo bedeckt war, ganz zu schweigen von seinen Piercings. Ein knurrender Laut entwich Fabian und schnell presste er die Lippen zusammen. Izi blickte fragend auf, las aber sogleich weiter, als Fabian nichts weiter sagte.
Izis Blicke flogen über das Papier. Fabian konnte nicht anders, als Izis Augenlider anzustarren. In der Bar war er sich fast sicher gewesen, Izi hätte seine Wimpern getuscht. Jetzt im Tageslicht war aber deutlich zu erkennen, dass diese nicht gefärbt waren. Es schien, als hätte Izi ein, zwei, drei oder vier Wimpernreihen mehr als jeder andere Mensch. Sie standen so dicht und reckten sich lange gen seiner Augenbrauen. Durch die Vielzahl wurde das Schwarz noch verstärkt und er erinnerte Fabian fast an eine Kleopatra-Abbildung. Alles an diesen Augen war einfach magisch. Auch als sie aufsahen und ihn direkt anschauten, konnte er seinen Blick nicht abwenden. Wie oft hatte er sich in den vergangenen Wochen verboten an diese Augen zu denken? Diese Farbe war einzigartig. Fast ein Türkis.
»Okay. Es ist schon mal gut, dass du sofort hierhergekommen bist. Mit den zwei Wochen haben wir nicht viel Zeit. Eine Umwandlung in eine Geldbuße wäre eine Option, falls das interessant wäre.«
»Ja, alles ist besser als das Fahrverbot.« Zerknirscht sah Fabian auf den Tisch zwischen seine Hände.
»Den Führerscheinentzug abzuwenden wird nicht leicht. Hast du dir Gedanken gemacht, wie du zurechtkämest, wenn uns das nicht gelingt?«
»Nein. Denn das ist keine Möglichkeit. Deshalb bin ich hier.«
Izi öffnete die Mappe vor sich und holte ein paar Zettel hervor. »Das sind unsere Verträge. Du müsstest das unterschreiben. Die Kosten stehen hier unten.« Er deutete auf eine Stelle, die Fabian überflog. Da er nicht rechtsschutzversichert war, würde er die gesamten Kosten so oder so tragen müssen.
»Überprüfe bitte auch die Daten, die unsere Sekretärin eingetragen hat. Es sollten die sein, die du ihr schon zuvor genannt hast, aber man weiß ja nie.«
Schnell unterschrieb er an den markierten Positionen und schob die Papiere zu Izi zurück. »Es stimmt alles.«
»Also gut. In deinem Fall kann der Entzug nur abgewendet werden, wenn eine besondere Härte vorliegt.«
Fabian sah langsam auf. »Das bedeutet?« Er bildete es sich nicht ein, dass sich Izis Lippen zu einem Schmunzeln verziehen wollten und er das nur mit Mühe zurückhielt.
»Das bedeutet, dass triftige Gründe vorliegen müssen, wieso vom Fahrverbot abgesehen werden sollte. Würdest du beispielsweise deine Arbeit verlieren?«
Fabian schüttelte den Kopf. »Nein. Ich bin Bauarbeiter. Meine Firma hat damit öfter zu tun, man möchte es nicht glauben. Das ließe sich organisieren.«
»Warum ist es denn dann so wichtig, dass du weiterfahren kannst? Vielleicht können wir aus deinen Gründen eine triftige Begründung im Sinne des Gesetzes machen.«
Fabian fuhr sich mit den Zähnen über die Lippe. Sein Bein begann wieder zu wippen, dass sein ganzer Stuhl wackelte. Er hasste es, seinen privaten Kram vor anderen auszubreiten und genau das sagte er. »Es ist privat.«
Die Antwort schien Izi in keiner Weise zufrieden zu stellen und seine Augen verengten sich, so als würde er Fabian nicht glauben. »Da brauche ich mehr. Private Gründe können durchaus gelten, wenn es zum Beispiel um die Pflege eines Angehörigen geht. Aber wir können nicht einfach aus privaten Gründen braucht Herr Maier seinen Führerschein schreiben.«
Warum wurde er jetzt bitte so pampig? Fabian pflegte weder seine Mutter noch seine Schwester. Das alles war zum Scheitern verurteilt. »Ich muss niemanden pflegen. Das ist alles sinnlos.« Vor allem war es ihm unangenehm. Er hatte sich Izi schon mal von seiner schlechtesten Seite gezeigt.
Eigentlich war er nicht sonderlich erpicht, ihm noch aufzuzeigen, wie rücksichtslos er mit der Verantwortung für seine Mutter und Schwester umging. Langsam zweifelte er ohnehin an seinem Verstand. Was machte er sich Gedanken darüber, was sein Anwalt über ihn dachte? Das war Izi nämlich. Darauf hatten sie sich geeinigt und er würde sich nun zumindest als verantwortungsbewusster Mandant zeigen. »Meine Schwester hat regelmäßige Therapietermine, die sie wahrnehmen muss. Sie wohnt an derselben Adresse wie ich.« Er deutete auf das Blatt mit seinen Daten. »Und sie hat niemanden sonst, der sie fahren könnte.«
Izis Blick schien sich in Fabian hineinzubohren. »Sie hat niemanden sonst?«
Fabian musste ob der Intensität fast lachen. »Unsere Mutter lebt auch mit uns. Das heißt eigentlich leben wir bei unserer Mutter.« Er atmete einmal aus. »Sie darf jedoch aus medizinischen Gründen nicht Autofahren. Das heißt, wenn sie einen Arzttermin hat oder so fahre ich sie auch. Das ließe sich aber regeln, denke ich. Aber Lena muss jede Woche zur Ergo, Logopädie, Physio. Das muss sein. Mal ganz abgesehen davon, dass sie mich umbringen würde, wenn sie nicht mehr in ihre Theatergruppe könnte.«
Während er gesprochen hatte, schienen sich Izis Gesichtszüge zu entspannen. Er nickte entschieden und lächelte. »Das hört sich doch gut an. Damit kann ich arbeiten. Lass uns noch ein paar Details anschauen und dann sag ich dir, was ich noch von dir brauche.« Fragend sah ihn Fabian an. »Belege. Es reicht nicht zu behaupten, du hast eine Schwester – was hat sie eigentlich?«
»Trisomie 21. Sie hat das Downsyndrom.«
»Ah, gut. Ich meine, okay. Das sollte hoffentlich für eine Begründung reichen. Und sonst gibt es niemanden, der das übernehmen könnte?«
»Nein. Meine Mutter und ich sind die Einzigen, die sie hat.«
»Also gut. Nur ein paar Formalien, die ich nicht abgefragt habe, da sie wohl zutreffend sind.« Er hielt das Bild hoch, das mit dem Bescheid gekommen war. »Das bist du auf dem Bild?«
»Lässt sich wohl nicht leugnen«, grummelte Fabian.
»Und das war wann? Am … « Mit dem Finger ging Izi die Sachverhaltsdarstellung durch. Fabian biss sich auf die Lippen. Die Hitze, die erst langsam aus seinem Kopf gewichen war, kam schlagartig zurück.
»Das war … ach hier. Oh«, war alles, was Izi sagte, und Fabian schüttelte den Kopf. Hier hatten sie es schwarz auf weiß, wie sehr dieses kurze Intermezzo im Fincken Fabian zugesetzt hatte. Nur wenige Minuten, nachdem Izi – sein Anwalt – seine Hand, die gerade durch seine Unterlagen strich, um Fabians Schwanz gelegt und ihn zu einem Höhepunkt gebracht hatte, dass er Sternchen gesehen hatte, war er völlig gedankenverloren in eine Radarfalle gefahren. Ja. Das war das Peinlichste, was er je erlebt hatte. Nein. Er konnte sich nicht vorstellen, dass dies je übertroffen werden konnte.
»Alkohol wurde ja offensichtlich nicht festgestellt«
»Ich hab nur eine Cola getrunken. Ich war völlig nüchtern«, unterbrach Fabian ihn, ohne genau zu wissen, wieso es ihm so wichtig war, dies klarzustellen. Er war ein Idiot – so oder so.
Mit in Falten gelegter Stirn nickte Izi. »Richtig. Gut. Ich schicke dir dann eine Liste mit all dem, was ich noch an Belegen brauche.«
»Und das war’s dann?« Fabian konnte die Hoffnung in seiner Stimme nicht verhehlen.
»Nein.« Mit bedauernder Miene sah ihn Izi fast entschuldigend an. »Nein, so schnell geht es leider nicht. Wir schicken die Gründe hin und dann kommt es erst mal zu einer Anhörung. Oder zumindest wird über unsere Begründung der besonderen Härte entschieden. Tut mir leid. Ein bisschen musst du dich gedulden.«
Fabian nickte. Er hatte sich nach Izis Erklärungen mitreißen lassen.
Sie gingen beide zur Tür und Izi brachte ihn zum Aufzug. Während sie auf ihn warteten, redete er beruhigend auf Fabian ein. Dieser konnte verstehen, wie Izi auf seine Mandanten wirken musste. Das kühle Äußere fand sich in seiner ganzen Art nicht wieder.
Nachdem Fabian schon im Aufzug stand, verabschiedete sich Izi noch mal. »Und vielleicht kommst du ja mal wieder im Studio vorbei«, war das Letzte, was Fabian hörte, bevor sich die Türen schlossen.
Kapitel 3
Izaak
Oh, das war zu viel des Guten. Den letzten Satz hätte er sich sparen sollen. Nein. Das war nicht gut. Fabian war zum Ende des Gesprächs endlich aufgetaut und hatte nicht mehr den Eindruck gemacht, er würde zur Schlachtbank geführt werden – mit Izaak als Henker. Und er musste es übertreiben. Ah, verdammt. Wieso konnte er nicht erkennen, wann es genug war?
Er selbst hatte gedacht, er würde träumen, als er ins Besprechungszimmer gekommen war. Er hatte den Namen Fabian Maier gelesen und sogar an »seinen« Fabian gedacht. Wie so oft in den vergangenen Wochen. »Seinen« Fabian – was für ein Unfug. Aber der Vorname hatte die Erinnerung natürlich wieder wachgerüttelt.
Für einen Moment hatte er gedacht, seine Vorstellungskraft hätte Fabian vor ihm materialisiert. Aber nein. Wie groß war der Zufall, dass der Kerl, der ihn so innig geküsst hatte, dass er Wochen danach noch immer davon träumte, ein Problem mit Geschwindigkeiten hatte. In Nicks Büro hatte Izaak davon nichts feststellen können. Fabian hatte in allem, was er getan hatte, das perfekte Tempo an den Tag gelegt.
»Alles klar?« Izaak drehte sich zu Bernadette um, die am Empfang saß und ihn fragend ansah. »Du stehst hier und beobachtest die geschlossene Aufzugtür wie … ich weiß nicht wie. Stimmt was nicht mit dem Mandanten?«
»Oh, nein. Alles Bestens. Ich hab nur kurz überlegt.« Unschlüssig, ob er es dabei belassen sollte, konnte es sich dann aber nicht verkneifen, sicher zu gehen, dass sie abgelenkt war. »Berni«, setzte er den von ihr so verhassten Spitznamen hinterher. Das obligatorische Schnauben der Empfangsdame kam prompt und zufrieden schritt er in sein Büro.
Der Rest des Tages verging wie im Flug. Da seine Gedanken ohnehin immer wieder zu Fabian und ihrer überraschenden Begegnung zurückkehrten, beschloss Izaak, entgegen seiner üblichen Gewohnheiten an einem Wochentag, die Kanzlei ungewöhnlich früh zu verlassen. Damit hätte er noch Zeit zu Nadines Pilates-Stunde im Fitnessstudio zu gehen. Er packte seine Sachen und verließ schnellen Schrittes das Bürogebäude.
Er musste dringend mit seinen Freunden über die Ereignisse des Tages reden. Wie vom Donner gerührt blieb er mitten auf dem Gehweg stehen. Eine Frau mit großen Einkaufstaschen an beiden Händen drehte sich zu ihm um, während sie ihn überholte und blinzelte ihn böse an. »O mein Gott«, formulierten seine Lippen lautlos und sie zog ihre Stirn in Falten. »O mein Gott«, sprach er etwas lauter und die Dame blieb stehen.
»Sind Sie in Ordnung?«
Izaak schüttelte sich und setzte ein geschäftsmäßiges Lächeln auf. »Entschuldigen Sie, ich blockiere den Weg.« Hastig lief er davon. Er konnte wegen der anwaltlichen Verschwiegenheitspflicht niemandem davon erzählen. Fabian war sein Mandant und so unwillig, wie er mit seinen privaten Details rausgerückt war, wäre er vermutlich nicht erfreut, falls Izaak seine Verschwiegenheit brechen würde. Nein! Innerlich schrie er auf. Er würde platzen, wenn er nicht darüber reden konnte, Fabian wiedergesehen zu haben.
In welche Misere hatte er sich da geritten? Fieberhaft überlegte er, wie er Tobi und Nadine davon erzählen konnte, ohne seine Standespflichten zu verletzen. Er griff sich ins gestylte Haar und verstrubbelte es energisch. Es war völlig ausgeschlossen, einen Weg zu reden zu finden, ohne dass seine Freunde ihm jedes Detail aus der Nase zogen. Vielleicht sollte er statt ins Pilates zum Kickboxen gehen. Die nervöse Energie, die sich durch seinen Körper zog, fühlte sich ungesund an.
Als Izaak und seine beiden Freunde drei Stunden später aus dem Übungsraum gingen, hielt ihn Tobi am Arm fest. »Okay, was ist los mit dir? Du bist ein Nervenbündel.«
»Es ist nichts. Gar nichts. Stress in der Arbeit.«
»Seit wann lässt du dich von der Arbeit stressen?«
»Gar nicht – es ist quasi schon vorbei.«
Mit skeptischer Miene betrachtete ihn Tobi von oben bis unten. Nadine hakte sich bei Izaak unter und zog ihn in den Flur in Richtung der Umkleiden. »Sollen wir noch in die Sauna? Du wirkst wirklich etwas angespannt.«
Izaak pustete die Luft lange über seine Lippen aus. »Warum geht ihr nicht in die Sauna und ich mach mich in Ruhe fertig und warte auf euch?«
Nadine seufzte und Izaak setzte an, etwas zu sagen, als Tobi ihn unterbrach: »Du musst loslassen, Izi. Er ist nicht da. Du denkst, wir merken das nicht, dass du hier sitzt und nach Fabian Ausschau hältst? Auch wenn es nichts für mich ist – deine romantische Ader in allen Ehren –, ich will dir nicht reinreden. Aber das wird langsam ungesund. Vor allem musst du endlich mal lernen, was casual sex bedeutet. Das war das nämlich. Nicht mehr.«
In Izaak brodelte es. Wie oft hatte ihm Tobi genau dieselbe Rede gehalten? Aber darum ging es nicht. Oder nicht genau. Also irgendwie schon, aber doch nicht. Und er konnte nichts sagen. Es war zum Mäuse melken. »Du sagst doch immer, ich solle mehr unverbindlichen Sex haben, seit wann soll ich das nicht mehr?«
Tobi hob abwehrend die Hände. »Ich habe mich getäuscht. Ich gebe es zu – ich habe von mir auf andere geschlossen. Vor allem dachte ich, du könntest es lernen, aber das ist wohl nicht möglich. Dein letzter Versuch hat gezeigt, dieses Unterfangen ist zum Scheitern verurteilt. Manche Menschen sind nicht für Gelegenheitssex geschaffen – es ist unerklärlich. Entweder der Sex ist schrecklich für dich oder du hängst dich an den Typen auf. Es gibt keine gesunde Mitte für dich. Ich gebe auf mit dir. Und ich ertrage es nicht, dass du weiterhin so einen Flunsch ziehst.« Nachdenklich tippte sich Tobi mit dem Finger auf der Lippe herum. »Was sag ich denn jetzt zu dir? Am liebsten würde ich dir raten: Lenk dich ab. Aber wie macht man das, wenn man keinen neuen Mann unter oder über sich will, um den Letzten zu vergessen?«
Izaak und Nadine lachten beide und Tobis Gesicht verzog sich zu einem Grinsen. »Keine Ahnung, Tobi. Was könnten wir machen, außer noch mehr Sex zu haben, um uns von Sex abzulenken?« Tobi schubste Nadine leicht an der Schulter und schüttelte lachend den Kopf.
»Hi!«
Ruckartig schnellten alle drei Köpfe herum, zur Quelle der tiefen Stimme, die hinter ihnen aus dem Nichts aufgetaucht war.
Fabians Gesicht zeigte wieder diese verspannte Konzentriertheit, die Izaak als Erstes an ihm aufgefallen war. Die grauen Augen fest auf Izaak gerichtet wurde der intensive Blick jedoch durch Fabians Lippen, um die ein kaum wahrnehmbares Lächeln spielte, aufgeweicht.
»Na wen haben wir denn da?« Izaak erschrak über Tobis Worte und versetzte ihm einen kleinen Schubs.
Fabians Mund presste sich leicht zusammen und sein Ausdruck nahm etwas um Entschuldigung Bittendes an. »Ich dachte, ich nehme mir deine Worte gleich zu Herzen und schau mal wieder vorbei.« Dabei sah er Izaak weiter an.
»Was für Worte?« Tobi hatte Blut geleckt. Er würde nicht lockerlassen.
Aus dem Augenwinkel konnte Izaak sehen, wie Nadine Tobi am Arm nahm und die Treppen zum Empfang hinabzog. »Wir holen uns jetzt die Saunatücher. Tobi komm, du wolltest mit mir in die Sauna.«
Tobi murmelte einen grummelnden Protest vor sich hin, während die beiden über die Treppe verschwanden.
Fabian fuhr sich verstohlen über den Kopf. »Ich dachte, du hättest ihnen vielleicht erzählt, dass wir uns getroffen haben.«
Durch sein Kopfschütteln flogen Izaaks Strähnen in sein Gesicht und er wischte sie sich energisch wieder heraus. »Nein, das darf ich gar nicht wegen der anwaltlichen Verschwiegenheitspflicht.« Er musste ja nicht hinzufügen, dass er bereits wenige Stunden nach dem Treffen in der Kanzlei nicht mehr wusste, wie er diese Pflicht einhalten sollte.
Mit einem Schmunzeln deutete Fabian mit dem Daumen über seine Schulter die Treppe hinab. »Du willst mir sagen, Engelshaar mit Teufelszunge konnte dir diese Info noch nicht entreißen?«
»Du nennst Tobi Engelshaar?« Was Izaak eigentlich wissen wollte, war: Hast du einen Spitznamen für mich? Wie nennst du mich, wenn du an mich denkst? Diese Fragen verkniff er sich aber tunlichst, um nicht den Anschein zu erwecken, dass – ja, was eigentlich? – dass er selbst dauernd an Fabian dachte und hoffte, ihm ginge es genauso. Tobi hatte recht. Er war ein hoffnungsloser Fall.
»Du hast die Teufelszunge unterschlagen. Er sieht aus wie ein Engelchen, aber er kann mich nicht täuschen.« Erschrocken riss Fabian die Hände abwehrend zwischen sie beide. »Nicht, dass ich was gegen deinen Freund habe.«
Izaak winkte ab. »Schon gut. Er ist mein bester Freund, mir fällt schon was ein, wie ich ihn ablenken kann. Aber da er uns nun gesehen hat, gibt er sich vielleicht damit zufrieden.«
Fabian atmete schwer aus. »So ganz haben wir das nicht durchdacht, oder?«
Zerknirscht musste Izaak ihm recht geben. Das war alles keine gute Idee. Heute Nachmittag schien es alles so einfach. Fabian wäre sein Mandant. Dass sie beide über Izaaks Hand gekommen waren, war eine Nebensache, die sie als reife Mitglieder der Gesellschaft beiseiteschieben konnten. Er selbst würde niemals das Vertrauen eines Mandanten verletzen, egal, welches dringende Mitteilungsbedürfnis er hatte. Izaak nickte. Es war das Beste, wenn Fabian sich einen neuen Anwalt suchen würde. Dass er dann wiederum keine Gelegenheit hatte, Fabian außerhalb ihrer »zufälligen« Treffen im Studio, zu sehen, durfte ohnehin nie Grund gewesen sein, dass er das Mandat angenommen hatte. Izaak schluckte schwer. »Ich habe schon ein paar Sachen zusammengestellt. Also wenn du wechseln willst, gebe ich dir einfach alles und …«
Fabian starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. »Du willst mich nicht weiter vertreten?«
»Was? Doch, natürlich! Ich dachte, du wolltest das nicht mehr?«
»Nein. Überhaupt nicht. Ich wollte dir vorschlagen, dass du den beiden ruhig erzählen kannst, dass du mich vertrittst, wegen einer Verkehrssache. Nur bitte ich dich, keine Details über meine Schwester zu erzählen. Und über meine Mutter. Sie mögen der Grund sein, wieso ich meinen Schein brauche, aber ich will nicht, dass Details über ihre Gesundheit breit getratscht werden.«
Izaak wusste, was es bedeutete, wenn Familieninterna nach außen getragen wurden, wo sie nichts verloren hatten. Fabian hatte wieder diese stoische Intensität angenommen. Dieser Gesichtsausdruck, der keinen Widerspruch duldete und nur abgeklärte Überzeugung ausdrückte.
»Das würde ich niemals tun. Ich verspreche es dir!«
Fabians Gesichtsmuskeln um seinen Kiefer entspannten sich etwas und er nickte kurz. »Gut. Danke.«
Unschlüssig standen sich beide gegenüber, um schließlich gleichzeitig zu reden zu beginnen.
»Du willst sicher auch in die Sauna«, sagte Fabian, während Izaak über den Fall redete.
Fabian bat ihn fortzufahren.
»Ich habe schon einige Sachen zusammengetragen, aber ich glaube, es wäre besser, wenn du mir zu einigen Punkten etwas sagen könntest. Nicht nur wann und wie oft die Termine Lenas sind, sondern auch, warum ihr nicht in einer näheren Einrichtung seid und dergleichen.«
»Okay. Kein Problem. Schickst du mir eine Liste und ich schreibe dir zu jedem Punkt was auf?«
Izaak gab einen undefinierbaren Laut von sich, der eine gewisse Ablehnung ausdrückte. »Hm, ich dachte eher, wir könnten das vielleicht persönlich besprechen. Bevor wir hundert Mal hin und her schreiben, ist es vielleicht besser, einfach alles Punkt für Punkt durchzugehen. Das klappt meist besser.«
Fabian nickte zustimmend. »Sicher, alles, was du denkst, was dem Fall hilft.«
Izaak krümmt sich innerlich. Er war sich nicht sicher, ob dieser Vorschlag rein der Bearbeitung des Falles geschuldet war; aber es war mit Sicherheit auch nicht hinderlich. Wow, er schreckte wirklich vor nichts zurück. »Ich bin überzeugt, es ist dem Fall dienlich.« Dienlich war so ein schönes Wort. Es war nicht gelogen und lenkte hoffentlich von der Röte ab, die mit Sicherheit über seine Wangen kroch, wenn die Hitze, die er spürte, ein Indikator dafür war, wie sehr er sich hier zum Affen machte.
»Dann soll ich noch mal in der Kanzlei vorbeikommen?«
»Hm. Vielleicht lässt sich das in anderer Umgebung besser besprechen. Bei einem Essen?« Es war absolut nicht ungewöhnlich, mit Mandanten essen zu gehen. Die Bewirtungsbelege, die Berni jeden Monat abrechnen musste, bewiesen dies. Fabian war vielleicht nicht der typische Mandant, mit dem ein Kanzleimitarbeiter essen ging. Aber das war Izaak egal.
Fabians »okay« war Frage und Antwort gleichermaßen, doch Izaak strahlte innerlich. Er würde Fabians Führerschein retten – auch wenn der Weg etwas unkonventionell schien. Es lohnte sich, diesen Extraeinsatz zu zeigen. Dass vielleicht auch eigennützige Motive eine Rolle spielen könnten, drängte er von sich.
»Wann passt es dir denn diese Woche? Mal abends gegen 19:00 Uhr?«
»Abends?« Das Erstaunen in Fabians Stimme konnte Izaak nicht ausblenden und so biss er die Zähne zusammen.
»Ich dachte, das wäre einfacher für dich.« Diesmal hörte sich Izaak an, als ob er eine Frage stellte. Fabians Miene verriet ihm nicht, wie er seine Erläuterung aufnahm.
Dieser nickte nur kurz. »Okay. Gib mir doch einfach Bescheid, wo und wann. Ich bin jeden Abend frei.«
Diese Info hätte Izaak nicht so freuen sollen, wie sie es tat. »Dann geb ich dir Bescheid. Deine Kontaktdaten habe ich ja.« Und wieder zog die untrügliche Hitze über seinen Kopf. Er musste sich am Riemen reißen. Der einzige Grund, wieso er diese Daten hatte, war, weil Fabian sein Mandant war. Der einzige. Das durfte er nicht vergessen. Seine Position auszunutzen, wäre unverzeihlich, und kurz überlegte er, das ganze abzublasen. Doch Fabian lächelte ihn so frei an, wie seit ihrem Stelldichein in Nicks Büro nicht mehr. Es sprach nichts gegen dieses Essen. Izaak hatte sich schon unzählbare Male mit Mandanten getroffen.
»Mach das. Und Izi …« Fabian sog seine Unterlippe ein und blickte schnell an Izaak vorbei, bevor er ihm wieder ins Gesicht sah. »Es ist kein Zufall, dass ich heute hier bin. Ich habe mir deine Worte wirklich zu Herzen genommen. Ich kann nicht einerseits dich als meinen Anwalt beauftragen und andererseits versuchen, dir aus dem Weg zu gehen. Das war von vornherein nicht in Ordnung.« Er seufzte tief. »Allerdings hatte ich wirklich viel um die Ohren. Egal. Das war es eigentlich, was ich dir sagen wollte.«
Izaak versuchte, sich die Freude darüber nicht zu sehr ansehen zu lassen. Es sollte ihm egal sein. Aber er konnte nichts dagegen tun. Er konnte die Sonne auch nicht am Aufgehen hindern. Jedoch würde er nicht zu viel Bedeutung in diese Aussage legen. Fabian ging ihm nicht mehr aus dem Weg. Ja, dies erhellte seine Laune. Und ein bisschen gute Laune hatte er verdient.
Kapitel 4
Fabian
Nur zwei Tage nach ihrem nicht so ganz zufälligen Treffen im Fitnessstudio hatten sie bereits einen Termin für ihr Abendessen. Fabian hatte noch nie einen Anwalt gebraucht und er wusste nicht, ob es normal war, sich mit seinem Anwalt abends zum Essen zu treffen.
Was er aber sicher wusste, war, dass es nicht normal war, sich derart auf diese Verabredung zu freuen. Verabredung? Ein Treffen mit seinem Anwalt. Er musste bei der Sache bleiben. Das letzte Mal, als er sich dazu hatte verleiten lassen, seinen Wünschen und Trieben nachzugehen, hatte ihn überhaupt in die Situation gebracht, einen Anwalt zu brauchen. Aber es war schwierig, wenn er an Izi dachte.
Im Studio hatte er seine Haare wieder ohne irgendwelche Produkte getragen. Sie fielen ihm immer wieder wie ein Schleier ins Gesicht und mehr als einmal hatte Fabian seine Hand bewusst zurückhalten müssen, damit er Izi die Strähnen nicht aus den Augen strich. Die Erinnerung an ihre Textur führte zu Erinnerungen an seine Haut, an sein Tattoo, an seine Piercings und Fabian war wieder hart. Energisch zog er sich die Jeans an und knöpfte sie zu. Diese Gedanken brachten alles nichts und verspäten würde er sich auch noch.
»Warum ziehst du dich so schick an?«
Fabian ließ vor Schreck einen spitzen Schrei los. Sein Herz schlug so schnell und sollte sich vor Sekunden noch eine Erektion in seiner Hose versteckt haben, hatte diese einen fürchterlichen erschlafften Niedergang gefunden. »Lena. Erschreck mich nicht so.«
»Mama sagt immer, ich bin laut. Wieso kannst du mich nicht hören?«
»Ich war in Gedanken. Da hab ich nicht mitgekriegt, was um mich rum passiert.«
»An was hast du gedacht?«
Hm. Wie sagte man seiner kleinen Schwester, dass man eine gewisse Vorliebe für seinen Anwalt hegte? Wenn diese weder wissen sollte, dass man überhaupt einen Rechtsvertreter benötigte. Noch, dass sich die Vorliebe auf gewisse körperliche Reize besagten Rechtsvertreters bezog – die zu ausführlichen Sinnesreisen führten.
»Hast du deine Übungen schon gemacht?« Er hob seinen Fuß und kreiste ihn mit bedeutungsschwerem Blick auf Lena gerichtet.
»Nein, keine Lust«, pflaumte sie ihn an und stapfte durch sein Zimmer.
Die Ablenkung war unfair, aber Lena musste tatsächlich ihre physiotherapeutischen Übungen machen, um ihre Muskeln beweglich zu halten und zu stärken. Sie hob das eine Bein an, drehte es in einem Halbkreis. Setzte es ab. Hob ihr anderes Bein, drehte es ebenso und wandte sich von Fabian ab. »Fertig.«
Beinahe, beinahe musste er lachen. Er ging auf sie zu und hob sie hoch. Er war achtzehn Jahre älter als sie und sie würde immer ein Baby für ihn bleiben.
Sie fing an zu quietschen und zappelte. »Lass mich runter.«
»Niemals. Du bist meine Gefangene.«
»Bin ich nicht. Hilfe, Hilfe, Mama.«
Von unten hörten sie ihre Mutter in der Küche mit Geschirr herumhantieren, die ihnen anscheinend keinerlei Bedeutung zumaß.
»Na gut. Ich werde dich loslassen.«
Gemeinsam gingen sie die Treppe ins Erdgeschoss, wo ihnen ihre Mutter entgegenkam. »Wo wollt ihr denn hin?«, fragte sie erstaunt.
»Fabian sagt mir nicht, wieso er sich so schick anzieht.«
Er schaffte es gerade so, nicht die Augen zu verdrehen. Wieso hatte er gedacht, sie hätte ihre Fragen vergessen? Seine Mutter abzulenken, würde deutlich schwieriger werden, zumal er sie nicht einfach hochheben konnte und um sich schleudern.
»Ich geh nur mit einem Freund was essen.«
»Triffst du dich mit Leon?« So unschuldig Lenas Stimme war, die Frage hatte es in sich.
Obwohl sich seine Mutter bemüht hatte, weder sie noch seine kleine Schwester waren mit seinem Ex klargekommen. Er war froh, dass er ihn los war. Auch wenn die Trennung von ihm geschmerzt hatte, zumindest hatte er gelernt, was wirklich zählte. Nun. Er hatte es fast gelernt. Aber er war auch nur ein Mensch und die blauen Augen, die seine Aufmerksamkeit so vereinnahmt hatten, würden ihm gleichermaßen wieder aus der Patsche helfen.
»Nein. Ich treffe mich ganz sicher nicht mit Leon.«
»Gut.« Lena hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie Leon nicht mochte. Nie gemocht hatte. »Mit wem triffst du dich?«
Amüsiert beobachtete ihre Mutter das Gespräch zwischen ihnen. Fabian wusste, von ihr war keine Hilfe zu erwarten. »Ja. Mit wem triffst du dich?«
Er hatte nun die Wahl, sie zu beunruhigen, indem er ihr sagte, dass er sich mit einem Anwalt traf oder er nahm die Neckereien auf sich, von denen er wusste, dass sie ihn erwarten würden. Die Wahl war getroffen, bevor er die Alternativen überhaupt zu Ende gedacht hatte. »Ich treffe mich mit Izaak.« Der Name kam ungewohnt über seine Lippen. Er hatte nie jemanden gehört, der Izi Izaak nannte. Ihn aber bei seinem Spitznamen zu nennen, schien viel zu persönlich.
»Ist das dein Freund?«
»Nein, du neugierige, kleine Hexe, das ist nur ein Freund.«
»Aber er könnte dein Freund sein.«
Fabian seufzte. Nein, Izi könnte nicht sein Freund sein. Oder doch? Unfug. »Er ist nur ein Freund. Den ich warten lasse, weil ihr mich aufhaltet.«
Lena umarmte ihn und drückte die Stelle, an die sie rankam, ihren Kopf gegen seinen Bauch gedrückt.
»Viel Spaß.« Seine Mutter war deutlich entspannter. »Und vergiss nicht: Du darfst Spaß haben!«
Nun musste nur noch er seine Gelassenheit an den Tag legen. Doch bevor er das konnte, lief er noch mal schnell die Treppe zu seinem Bad hoch und besprühte sich mit dem Eau de Toilette, das er sich selbst zu Weihnachten geschenkt hatte. Es konnte nie schaden, gut zu riechen.
Als Fabian vor der Adresse stand, die Izi ihm genannt hatte, sah er voller Zweifel durch die Glasfenster. Den Umschlag, den er dabeihatte, wechselte er von einer in die andere Hand. Die Gegend, in der sich das Restaurant befand, sprach bereits Bände. Die Preise auf der Speisekarte wollte er am liebsten gar nicht sehen. Es würde ihm vermutlich aber nichts anderes übrigbleiben, wenn er sich nicht entschied, unverrichteter Dinge wieder zu gehen. Mit einem Grummeln im Bauch, das nichts mit seinem Hunger zu tun hatte, und einem Drücken auf der Brust, das ihm das Atmen erschwerte, ging er in das elegante Restaurant.
Ein Kellner stand am Eingang an einer Art Stehpult und lächelte ihn freundlich an. »Haben Sie reserviert?«
»Ja. Nein. Das heißt, Izaak Galea müsste reserviert haben.«
Der Kellner behielt sein Lächeln bei und drehte seinen Oberkörper leicht mit einer angedeuteten Verbeugung, ohne den Blick von Fabian zu wenden. »Sie werden schon erwartet. Folgen Sie mir bitte.«
Fabian ging ihm hinterher und musterte die anderen Gäste an deren Tischen.
Dieses Restaurant war nicht eines, das er ausgewählt hätte. Er hatte noch nie davon gehört.
Auf jedem Tisch standen brennende Kerzen. Die Tische waren in weiß eingedeckt und es lag so viel Besteck darauf, das ihn schier blendete, als er daran vorbeiging.
Der Kellner lotste ihn an das hintere Ende des Restaurants. An einem der großen Fenster, die zur Seitenstraße zeigten, entdeckte Fabian Izi. Er war über sein Handy gebeugt und schien konzentriert darauf herum zu tippen. Dies gab Fabian die Gelegenheit, ihn auf seinem kurzen Weg zu beobachten.
Sein schwarzes Haar fiel über eine Seite in seine Augen. Das weiße Hemd, das er trug, war genau so enganliegend, wie das, was er im Fincken angehabt hatte. Fabian fragte sich, ob er durch den weißen Stoff die Brustwarzenpiercings erkennen würde. Bei dem Gedanken lief ein Kribbeln über seinen Rücken. Schnell streifte er seine freie Handfläche über seinen seitlichen Oberschenkel, in der Hoffnung, niemand bemerkte es. Egal, was er sich einredete, Izi war nicht nur sein Anwalt. Izi war der Kerl, den er seit Wochen nicht aus seinen Gedanken verbannen konnte. Die Erinnerung daran, wie nah sie sich in dem Büro im Fincken gekommen waren, führte für ihn regelmäßig zu intimen Momenten mit seiner Hand. Mittlerweile machte es schier den Eindruck, sein Penis und seine Hand seien unzertrennlich.
Er würde sich endlich zusammenreißen müssen, sonst würde dieser Abend eine Wendung nehmen, die niemand von ihnen wirklich wollte. Dachte er.
Als sie am Tisch ankamen, sah Izi zu ihm hoch. Er legte sein Handy sofort weg und sprang auf. Seinen Stuhl schob er nach hinten und trat seitlich heraus. Seine Jeans lag eng an und Fabian musste sich zwingen, seinen Blick nicht an jeder einzelnen Kontur Izis verweilen zu lassen. Verdammt, der Kerl wurde jedes Mal heißer, wenn er ihn sah.
Und als sich ihre Blicke trafen, zerbröselte etwas in Fabian. Der Glaube, er könnte sich gegen Izis Charme wehren, der Wille, ihn nicht näher an sich herankommen zu lassen, hielt diesem Blick nicht Stand. Dieses unglaubliche Blau schien ihm Frage und Antwort gleichzeitig zu sein.
Und dennoch wusste Fabian, er würde diesem, was immer es war, was ihn so zu Izi zog, nicht nachgeben. Es war schlimm genug, dass dieser ihm helfen musste, überhaupt seinen Führerschein zu behalten. Izi kam aus und lebte in einer völlig anderen Welt als er selbst. Egal, wie sehr er sich zu ihm hingezogen fühlte. Er könnte Izi nicht einmal zum Essen ausführen. Den Lifestyle, den Izi offensichtlich hatte und die finanziellen Möglichkeiten, die Fabian blieben, lagen so weit auseinander, dass ihm ein Vergleich fehlte. Er könnte niemals der Mann sein, den Izi brauchte und verdiente.
Izi nahm seine Hand und zog ihn zum Tisch, doch Fabian fühlte sich, als drückte jemand seine Rippen zusammen. Das Atmen wurde schwer und eine Resignation setzte sich tief in ihm fest. Schnell zog er seine Hand zurück und Izi sah überrascht auf. Er trat einen Schritt zurück, während er dem Kellner dankte, der sofort verschwand. Ohne ihn weiter anzusehen, setzte sich Fabian auf seinen Stuhl und ihm gegenüber ließ sich Izi ebenfalls nieder.
»Ist alles in Ordnung?«
Fabian fühlte sich sofort schlecht. Er war unhöflich und er hatte keine andere Entschuldigung als seine eigene Unsicherheit. Vehement schüttelte er den Kopf. »Selbstverständlich. Es war ein langer Tag.«
Izi nickte mit verständigem Blick. »Ich habe fast alles vorbereitet. Es sind nur noch Details, die ich wissen muss.«
Fabian legte den Umschlag, den er noch in der Hand hielt, auf den Tisch. »Hier sind ein paar der Arztberichte, die du wolltest.«
Ohne das Kuvert zu öffnen, steckte Izi es in eine Tasche neben sich.
Fabian biss sich auf die Lippen. Nun kamen sie zum unangenehmen Teil, den er dringend besprechen musste, vor dem ihm aber bereits einfach nur graute.
»Du hast mir …« Er räusperte sich und schüttelte den Kopf. »Ähm. In den Unterlagen, die du mir mitgegeben hast – in dem Vertrag – war auch ein Beispiel einer Ratenzahlung für die ganzen Kosten. Ich befürchte, bei dem Betrag, der da steht, was es ungefähr kosten kann, denke ich …« Am liebsten hätte Fabian die Augen geschlossen, um auf irgendeine Weise der Situation zu entfliehen. Nein. Zwischen ihm und Izi würde nie mehr als ein Anwalt-Mandantenverhältnis bestehen. Und selbst dafür würde er eine Ratenzahlungsvereinbarung benötigen. Es war lächerlich. Allein die Vorstellung, wie eine Beziehung zwischen ihnen aussehen könnte. Eine Beziehung? War er von allen guten Geistern verlassen? »Ich denke, ich würde gerne von dieser Ratenzahlungsmöglichkeit Gebrauch machen.«
»Oh. Natürlich! Tut mir leid, dass ich gar nicht daran gedacht habe. Ich werde den Fall einfach als pro bono Fall laufen lassen.«
»Pro was?«
»Pro bono. Das kostet dann gar nichts.«
Fabian zuckte wie von einem Schlag getroffen zusammen. »Nein. Das will ich auf keinen Fall. Ich kann bezahlen. Es ist nur. Weißt du was, vergiss es.«
»Was? Nein. Wirklich, das ist kein Problem. Wir sind angehalten, ein paar Fälle im Jahr pro bono zu übernehmen. Das ist Firmenpolitik.«
»Nein. Nein, das will ich nicht. Du musst jemanden anderen pro bono nehmen.« Völlig entgeistert schob sich Fabian vom Tisch weg. »Ich werde bezahlen. Vergiss, dass ich was gesagt habe.«
Izi wrang seine Hände vor sich auf dem Tisch. »Aber …«
Fabian schüttelte den Kopf.
Die Augen mittlerweile auf seine Hände gerichtet nickte Izi. »Okay. Dann gebe ich Berni Bescheid, damit sie dir die Details zu den Raten zukommen lässt.«
»Das ist gut.«
Seufzend streckte Izi seine Finger über die Tischdecke. »Wollen wir was bestellen?«
»Wer ist Berni?«
Das Strahlen seines Lachens reichte bis in Izis Augen. »Berni? Die Frau am Empfang. Aber verpfeif mich bloß nicht, dass ich das gesagt habe. Sie hasst den Namen.«
Nickend stimmte Fabian zu. »Das versteh ich. Berni klingt jetzt nicht wirklich, ähm, schmeichelhaft. Hat was von einem Hund. Einem Berner Sennenhund oder so.«
Izi hielt sich die Hand vor den Mund, doch sein Lachen schaute an den Seiten unverkennbar hervor. »Lass sie das bloß nicht hören. Oh, Gott. Ich hätte nichts sagen sollen.«
Amüsiert beobachtete Fabian Izi. »Dein Geheimnis ist sicher bei mir.«
Die Anspannung, die das Gespräch über Geld in ihm ausgelöst hatte, ließ langsam nach und Fabian erlaubte sich, Izi genauer zu betrachten. Er hatte sein Hemd bis zur Mitte seiner Unterarme aufgekrempelt. Mit jeder Bewegung konnte Fabian die feinen Muskeln, die bis zu Izis Hand entlangliefen, erkennen. Die eleganten Finger schoben den Kerzenständer auf der Tischdecke hin und her.
»Dann bin ich beruhigt.« Izi sah Fabian mit einer Mischung aus Dankbarkeit und Schalk an. »Hast du Hunger?«
»Lass uns bestellen.«
Wie aus dem Nichts trat ein Kellner an ihren Tisch heran, wobei Izi das nicht zu irritieren schien. »Salvatore. Was gibt es denn heute?«
Salvatore legte zwei Karten auf den Tisch und erzählte etwas über Weine. Fabian machte sich keine Mühe, dem Gespräch über Getränke zu folgen und zog die Karte zu sich heran. Statt einzelner Gerichte standen Zutaten in den unterschiedlichen Absätzen. Ohne jegliche Preisangabe.
Nachdenklich las er sich durch die Gerichte. Es war nicht möglich, zu erfragen, wieviel die einzelnen kosteten. Er würde versuchen, zu erschließen, was die billigsten Einzelbestandteile hatte und dann einfach hoffen, das Günstigste zu erwischen. Augen zu und durch würde sein Motto sein, wenn die Rechnung kam.
»Weißt du schon, was du willst?«
Kopfschüttelnd sah Fabian auf. »Nicht wirklich. Ich bin mir nicht sicher … «
»Darf ich was vorschlagen?«
Unterm Strich würde es die bessere Lösung sein. Bevor er irgendeinen Unfug bestellte. »Salvatore, bring uns doch bitte das Tagesspezial. Irgendwelche Unverträglichkeiten? Magst du Wasser? Wein?«
»Wasser ist gut und nein, ich esse alles.«
Salvatore nickte alles ab, was Izi vorschlug und verschwand so unauffällig, wie er gekommen war.
»Ich hoffe, du magst, was ich bestellt habe. Das heutige Spezial ist mein Lieblingsessen hier.«
»Da mach ich mir keine Sorgen.«
Izi sah ihn mit einem leichten Lächeln an. »Wie geht es deiner Schwester?«
»Gut. Gut, danke.« Fabian konnte seine Überraschung über die Frage kaum unterdrücken. Das Gespräch entwickelte sich ab dann so leicht, dass die Zeit nur so verflog. Salvatore brachte ihnen Wasser, da sich Izi dem angeschlossen hatte. Izis interessierte Fragen gaben Fabian den Eindruck von Vertrautheit. Mit jedem zustimmenden Nicken Izis auf seine Antworten öffnete sich Fabian weiter.
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