Kitabı oku: «Mein»

Yazı tipi:

Lilly Grünberg

MEIN

Erotischer Roman


Lilly Grünberg

Unter verschiedenen Namen hat sich die Autorin Lilly Grünberg in die Herzen der Erotik- und SM-Leser, aber auch in die der Fantasy-Liebhaber geschrieben. Sinnliche Liebe und heiße Leidenschaft führen ihre Protagonisten in ein Auf und Ab zwischen Himmel und Hölle. HappyEnd garantiert.

Bei Elysion-Books sind bisher folgende Romane erschienen:

Verführung der Unschuld (ISBN 978-3-942602358)

Verführung der Unschuld 2 (ISBN 978-3942602365)

Begierde (ISBN 978-3942602426)

DEIN (ISBN 978-3942602211)

SEIN (ISBN 978-3942602327)

sowie Kurzgeschichten in

Hartgekocht: Geschichten um Liebe, Lust und Leidenschaft (ISBN 978-3942602532)

Nuancen der Lust (ISBN 978-3942602440)

Alles Liebe – zum Fest der Hiebe (ISBN 978-3942602570)

Aktuelle Infos unter www.lilly-romane.de

Lilly Grünberg

Mein

Erotischer Roman



ELYSION-BOOKS TASCHENBUCH

BAND 4072

1. Auflage: Januar 2015

VOLLSTÄNDIGE TASCHENBUCHAUSGABE

ORIGINALAUSGABE

© 2015 BY ELYSION BOOKS, LEIPZIG

ALL RIGHTS RESERVED

UMSCHLAGGESTALTUNG: Ulrike Kleinert

www.dreamaddiction.de FOTOS: © Fotolia/konradbak LAYOUT & WERKSATZ: Hanspeter Ludwig www.imaginary-world.de

PRINTED IN POLAND

ISBN 978-3-942602-51-8

Mehr himmlisch heißen Lesespaß finden Sie auf:

www.Elysion-Books.com


Inhalt

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Die Abendsonne stand tief und reflektierte sich in allen ihr zugewandten Scheiben und Spiegeln. Nach einem warmen Frühlingstag versprach ihr tiefes Rot auch für den nächsten Tag schönes Wetter. Jetzt allerdings sank die Temperatur rapide und an den Ufern von Bächen und Flüssen zogen erste Nebelschwaden auf.

Der Feierabendverkehr auf der A9 zwischen München und Ingolstadt steigerte sich in beiden Richtungen von Minute zu Minute. Dementsprechend zuckelte die Kolonne immer gemächlicher an ihnen vorbei, die Gesichter der Fahrer von Ungeduld geprägt. Jeder strebte verständlicherweise nach getaner Arbeit nach Hause und jede Sekunde, die man später als üblich aus der Arbeit gekommen war, rächte sich nun. Schon jetzt war schwer einzuschätzen, wie lange man an diesem Abend bis München brauchen würde.

Zufrieden über das erfolgreiche Ergebnis klappte Linus Gruber den Kofferraumdeckel zu und reichte seinem Gegenüber das Brett mit dem darauf eingeklemmten Formular, auf dem er die erfolgte Reparatur dokumentiert hatte. Nur noch eine Unterschrift, dann war alles erledigt.

Vor einer halben Stunde hatte der Fahrzeughalter genervt beim Autoclub angerufen und um Hilfe gebeten. Zu dessen Glück hatte Linus nicht allzu weit entfernt gerade einen Einsatz zu Ende gebracht, so dass er trotz des dichten Verkehrs in kurzer Zeit den ausgerechnet auf der Abbiegespur liegengebliebenen Wagen erreicht hatte.

»So, alles in Ordnung, Ihr Auto läuft wieder.«

Erleichtert setzte der korpulente Geschäftsmann seine Signatur unter die Daten, die Linus mittels der Mitgliedskarte eingetragen hatte, und schnaufte schwer atmend: »Bin ich froh, dass es euch gibt. Ich hätte nicht gewusst, was ich sonst machen sollte.«

Die meisten Menschen, denen die Orangen Engel der Straße halfen, reagierten ähnlich. Manche steckten ihnen sogar ein Trinkgeld zu, obwohl die Straßenretter dieses laut ihrem Arbeitsvertrag eigentlich nicht entgegen nehmen durften. Aber wer sollte das kontrollieren?

Mit einer grüßenden Geste verabschiedete sich Linus, kehrte zu seinem Auto zurück und rief in der Zentrale an. »Hi Jenni. Auftrag erledigt. Ich mach mich jetzt vom Acker.«

»Okay, Linus. Wünsch dir einen schönen Abend.«

Den werde ich bestimmt haben.

Linus’ Adrenalinspiegel stieg sprunghaft an, als er daran dachte, welches Abenteuer ihm heute noch bevorstand. Sein Horoskop klang vielversprechend. Heute würde es endlich geschehen, ganz bestimmt, denn heute würde er seine Traumfrau kennenlernen. Ein Kribbeln wie von laufenden Ameisen oder Käfern kitzelte auf seiner Haut. Er konnte es kaum noch erwarten.

Irgendwann musste es ja schließlich klappen. Er war jetzt fast dreißig und wollte endlich eine dauerhafte Beziehung, und wer weiß, bald eine richtige Familie gründen. Wenn SIE dazu auch bereit war.

Es lag gewiss nicht an seinem Äußeren, dass er bislang noch nicht erfolgreich gewesen war. Die mitunter körperlich anstrengende Arbeit und sein regelmäßiges Fitnessprogramm sorgten dafür, dass er muskulös und drahtig aussah, ohne deswegen das Bild eines überproportionierten Bodybuilders abzugeben. Aber seine Muskeln zeichneten sich durch T-Shirt und Jeans deutlich ab.

Bei seinem Gardemaß von einsneunzig gab es genügend Frauen, die ihr Anlehnungsbedürfnis an der starken Schulter entdeckten. Leider war bislang nicht die Richtige dabei gewesen. Linus seinerseits mochte keine Frauen, die sich hauptsächlich für ihr Aussehen, für Shopping, Kino und Party interessierten, und sich daran stießen, dass er auch mal schmutzig nach Hause kam und dabei nach Öl und Benzin roch. Das gehörte nun mal zu seinem Job, und er liebte diesen Job über alles!

Als ausgebildeter Kraftfahrzeugmechaniker hatte er sich beim Autoclub beworben und war nun seit gut fünf Jahren als Oranger Engel unterwegs. Kein Fall glich dem anderen, schon allein aufgrund der unterschiedlichen Automodelle. Natürlich gab es auch Routineeinsätze, wenn es sich um alltägliche Vorkommnisse wie einen platten Reifen oder eine leere Batterie handelte. Nebenbei erfuhr er meistens wie von selbst, welche Probleme die Leute plagten, sei es privat oder in der Arbeit. Linus arbeitete gerne mit Menschen und fühlte sich manchmal eher wie ein Seelsorger der Straße denn wie ein Mechaniker. Die meisten Kunden waren geduldig und freuten sich, wenn er ihnen zu Hilfe kam. Das Verständnis für die Wartezeit stieg logarithmisch zur Verkehrsdichte. Denn man musste schon strohdumm sein, wenn man trotz stehendem Verkehr erwartete, dass der Retter in Kürze erscheinen würde, als wäre er samt Auto herbei gebeamt worden.

Für heute allerdings war diese Arbeit beendet. Für die Fahrt nach Hause hatte Linus einen ausreichend großen Zeitpuffer eingeplant, um zu duschen, sich den Schmutz von den Händen zu schrubben und sich auf sein Date vorzubereiten. Deshalb hatte er auch nicht Nein gesagt, als die Kollegin aus der Zentrale anrief und ihn noch zu einer letzten Panne schickte, die sowieso auf seiner Strecke lag.

Dies war ohnehin kein Job, bei dem man minutengenau aufhören konnte, und das spielte für Linus auch keine Rolle. Normalerweise. Heute allerdings hatte ihn die Arbeit kaum von seinem Vorhaben ablenken können. Immer wieder überlegte er, ob er alles richtig geplant, an alles gedacht, sich die geeigneten Worte zur Begrüßung zurecht gelegt hatte. Fürs Erste beschäftigte ihn immer noch die Frage, ob er lieber ein Hemd anziehen sollte und den einzigen Anzug, den er besaß, oder doch lieber leger in Shirt und Jeans erscheinen sollte?

Schon am frühen Morgen hatten die weiß gezuckerten Alpen direkt hinter München gestanden, zum Greifen nahe, und die Häufigkeit der Unfälle hatte bestätigt, dass sich die Autofahrer bei Fönwetter besonders unkonzentriert und aggressiv verhielten. Leute, macht keinen Blödsinn, nicht ausgerechnet heute. Ich muss wirklich, wirklich pünktlich nach Hause. Jetzt machten die von der Abendsonne in rotes Licht getauchten Berggipfel einen unwirklichen Eindruck.

Mit Blick auf die Uhr im Display hinter dem Lenkrad überschlug Linus die Zeit. Von seinem aktuellen Standort nach Hause, duschen, rasieren, anziehen – dafür benötigte er mindestens eine Stunde, und es waren nur noch knapp zwei Stunden bis zu seinem Date. Sein Puls beschleunigte sich. Noch war alles im grünen Bereich.

Während der Verkehr vor sich hin rollte, hing Linus seinen Gedanken nach. Es hatte ihn große Überwindung gekostet, sein immer drängenderes Bedürfnis nach einer festen Partnerschaft in die Hände einer Vermittlungsagentur zu legen. Wollten die den Kunden nicht einfach nur Geld aus der Tasche ziehen? Wie verhielt es sich mit dem Datenschutz? War alles seriös und sicher?

Wochenlang hatte er diverse Foren durchforstet, ehe er zu der Überzeugung gelangt war, dass es sich bei MyHeart um ein vertrauenswürdiges Unternehmen handelte. Nach Erhalt seiner Zugangsdaten hatte er über eine Stunde gebraucht, um ein Foto von sich hochzuladen, und alle vorbereiteten Fragen möglichst wahrheitsgemäß zu beantworten. Schließlich musste alles wohl überlegt sein.

Die Auswahl reichte von gewöhnlichen Daten zu Augen- und Haarfarbe bis hin zu sehr persönlichen Informationen über Schul- und Berufsabschluss, Familienwünsche und Lebensziele. Einige Themen wie die nach seinen sexuellen Neigungen und seinen finanziellen Verhältnissen füllte Linus sehr zurückhaltend aus. Erst nach Beantwortung aller Fragen stand sein Profil potentiellen Interessentinnen, die ebenfalls Kundinnen bei MyHeart waren, online zur Verfügung.

Eine Weile hatte Linus selbst in der Datenbank der Frauen gestöbert, die ihm aufgrund seiner Eingaben zugänglich gemacht worden waren. Eine mit fraulichen Formen sollte es sein, zum Anschauen und Anfassen, die sein Herz schneller schlagen ließ. Dabei natürlich gepflegt und attraktiv, modern und intelligent. Angestupst, wie sich das im Fachjargon der Website nannte, und damit sein Interesse bekundet, hatte er jedoch bei keiner. Ihm würde letztlich das Schicksal die Richtige zuspielen.

Zwei Jahre zuvor hatte Linus sich nämlich ein persönliches Horoskop erstellen lassen, und in diesem war von einer Zufallsbegegnung die Rede gewesen. Dieser Zufall bedeutete ganz bestimmt, dass er nicht auf die Jagd gehen, sich nicht aktiv auf die Suche machen, sondern eben alles auf sich zukommen lassen sollte. Daher war die Teilnahme an einem solchen Partnervermittlungsprogramm seiner Meinung nach das Äußerste, womit er sein Glück beschleunigen und Freund Zufall auf die Sprünge helfen durfte.

Laut seinen Eingaben wünschte er sich seine Traumfrau mit schwarzen Haaren – am liebsten natürlich echt schwarze – und blauen Augen, eine geradezu exotische Kombination. Zwischen fünfundzwanzig und dreißig Jahre alt sollte sie sein, und nicht zu klein. Staunend stellte Linus fest, wie viele Vertreterinnen seines Beuteschemas sich innerhalb der ersten zwei Tage bei ihm meldeten – okay, nicht alle entsprachen zu hundert Prozent seinen Vorgaben, vor allem hatten sie keine blauen Augen, und bestimmt hatten die meisten ihre Haare schwarz gefärbt. Aber Perfektion hatte er auch nicht ernsthaft erwartet.

Bei einer jedoch hatte sein Herz sofort gezuckt. Ihr Lächeln wirkte natürlich und in ihren tatsächlich blauen Iriden lag eine strahlende Offenheit, die ihn sofort einnahm. Auch die Daten aus der Onlinedatenbank der Partnervermittlungsagentur waren vielversprechend. Apothekerin war sie, einunddreißig Jahre alt (ein oder zwei Jahre her oder hin, was machte das schon).

Zwei Wochen lang hatten sie nur über das Webportal gechattet, und sich immer mehr aus ihrem Alltag und von ihren Hobbies erzählt. Besonders gut gefiel Linus, dass sie das Interesse an Fitness, Gesundheit und Natur teilten.

Heute würden sie sich zum ersten Mal treffen. Dieser Gedanke hatte ihn die vergangene Nacht kaum schlafen lassen, was sich auch nicht besserte, als er aufstand, um ein wenig fernzusehen, statt sich im Bett herumzuwälzen und zu grübeln. Es sollte wohl so sein, dass sein Blick auf das Wochenhoroskop der aufgeschlagenen Fernsehzeitschrift fiel. Amor hat diese Woche seinen Pfeil auf dich angelegt.

Danach war es mit Schlafen endgültig vorbei. Sein Herz hüpfte in freudiger Erwartung. Endlich, endlich würde sich sein Traum erfüllen. Sie war die Richtige, soviel stand jetzt schon unumstößlich für ihn fest. Sie würden zusammenziehen, möglichst bald. Nicht in seine Wohnung, die war gerade mal für einen anspruchslosen Junggesellen wie ihn groß genug. Zwar hatte Linus viel Sorgfalt auf die Wahl praktischer und dennoch schöner Möbel gelegt und fühlte sich in seinen vier Wänden sehr wohl. Trotzdem, für zwei Leute war diese Wohnung nicht geeignet. Vor allem das Schlafzimmer war zu klein. Frauen hatten doch so viele Klamotten, Handtaschen, Schuhe … Nein, da machte er sich nichts vor. Aber da sie beide verdienten, dürfte es kein Problem sein, zusammen etwas Größeres zu mieten, falls ihre Wohnung auch nicht für sie beide …

Verflucht!

Linus hatte sich auf der Mittelspur eingereiht, da hier der Verkehr in gleichmäßigem Tempo vorankam, eine Anhöhe hinauf, während auf der Überholspur einige aggressive Fahrer den alltäglichen Kampf um ein paar Meter Vorteil ausfochten. Nur um wenige Minuten später zum Stillstand genötigt zu werden und die Mittelspurkolonne wieder an sich vorbeiziehen zu sehen. Dabei war Linus so in Gedanken versunken, dass er dem Vordermann beinahe auf die Stoßstange aufgefahren wäre.

Zuckelnd überwanden sie die Anhöhe und die nächste Senke öffnete sich vor seinen Augen. Verdammt, das fehlte ihm gerade noch! Nichts ging mehr! Weit vorne blinkten an mehreren Autos die Warnlichtanlagen und auf allen Spuren war der Verkehr jetzt völlig zum Erliegen gekommen.

Linus brach der Schweiß in den Handflächen aus und er umklammerte das Lenkrad, als müsse er sein Leben daran festhalten. Nein, bitte kein Unfall, keine Autobahnsperrung! Keine neue Negativstatistik! Nicht heute!

Eine Zeit lang hatte er sich intensiv mit alten und neuen Streckenführungen beschäftigt, mit der Entwicklung von Verkehrsaufkommen und Straßenbau. Es war fast zu einem kleinen Hobby geworden. Die A9 war in den vergangenen Jahrzehnten gut auf den zunehmenden Autoverkehr ausgebaut worden. Inzwischen sechsspurig verbreitert schlängelte sich der Asphaltwurm durch die Holledau, Deutschlands primäres Hopfenanbaugebiet. Und dennoch entstand an manchen Tagen der Eindruck, dass die Kapazität dieser Autobahn immer noch zu schmalbrüstig war.

Ein wirres Hin und Her von Fragen entstand in Linus’ Kopf. Unkontrollierbar, panikartig und aufwühlend sprangen seine Gedanken herum. Was wenn … nein, ich muss es schaffen … aber wenn, was soll ich nur tun … verflucht, ich Idiot hätte einfach für heute Urlaub nehmen sollen!

Nur wenige Minuten später raubte ihm der aktuelle Verkehrsfunk die letzte Illusion, das Ziel seiner Träume rechtzeitig zu erreichen. Nach einem schweren Verkehrsunfall auf der A9 Richtung München, auf Höhe … zähfließender Verkehr.

»Ihr seid nicht auf dem aktuellen Stand«, knurrte Linus. »Zähfließend ist ja wohl gelinde untertrieben.«

Nervös begannen seine Finger auf dem Lenkrad zu trommeln. Minuten vergingen, dann bemerkte er das Blaulicht im Rückspiegel. Mühsam bahnte sich der Polizeiwagen seinen Weg zwischen der zweiten und dritten Spur.

»Typisch«, fluchte Linus vor sich hin. »Nun macht endlich Platz, ihr Vollpfosten!«

Dann hörte er auch schon das vertraute Geräusch eines Hubschraubers der Kollegen von der Luftrettung, welcher der Autobahntrasse folgte und weit vorne auf einem Feld niederging.

Resigniert lehnte Linus sich zurück und fuhr mit beiden Händen durch die kurzen Haare. Hatte das Schicksal sich gegen ihn verschworen? Sein Zeitpolster schmolz rasend schnell dahin. Fieberhaft dachte er darüber nach, wie er die Situation retten könnte, falls er es nicht rechtzeitig schaffte.

Ihre Telefonnummer hatte Maureen ihm nicht geben wollen. Noch nicht. Versteh mich bitte nicht falsch, hatte sie geschrieben. Aber ich möchte, dass wir uns erst sehen. Er verstand auch ohne Worte, was sie meinte. Sollte weiteres Interesse nur von seiner Seite bestehen, verhinderte sie auf diese Weise, von ihm telefonisch gestalkt zu werden. Eigentlich fand er das ganz in Ordnung. Diese Frau war vorsichtig, vermied unnötiges Risiko. Das war ein positiver Charakterzug. Und wenn er sich auf seinem Laptop einloggte und ihr im Chat eine Nachricht hinterließ? Aber was sollte er ihr schreiben? Tut mir leid, bin geschäftlich verhindert? Welche Frau akzeptierte beim ersten Date versetzt werden, weil ein scheinbar wichtiger Termin die Verabredung sprengte? Keine. Wenn es schon beim allerersten Mal nicht klappte, dann würde sie sich bestimmt denken, dass er bereits mit seiner Arbeit verheiratet war und es in Zukunft ähnliche Probleme geben würde. Objektiv betrachtet würde er sich darauf auch nicht einlassen. Was also sollte er tun?

Mein Horoskop darf nicht lügen. Vielleicht schaffe ich es ja doch noch. Nein, falscher Ansatz. Ich MUSS es schaffen! Ich treffe heute meine Traumfrau, ganz bestimmt. Das hab ich im Urin, wie Opa zu sagen pflegte. Und der musste es wissen, hatte er es doch auch Stunden vorher gewusst, dass er Oma an genau diesem Tag kennenlernen würde. Das hatte der Alte wieder und wieder erzählt, wenn er ein wenig über den Durst getrunken hatte. Und Oma hatte dabei immer so einen verklärten Glanz in den Augen bekommen.


2

Summend streckte Maureen die Arme unter der Dusche empor und stützte sich an den Kacheln ab. Sie liebte es, wenn das Wasser über ihre langen Haare den Rücken hinab prasselte, über ihren Po und die Beine rann.

Der Tag war besonders anstrengend gewesen und ihre Füße schmerzten. Die Kunden hatten sich buchstäblich die Klinke in die Hand gegeben. Den ganzen Nachmittag über war der Strom an Patienten, die ihre Rezepte einlösen wollten, nicht abgerissen. Und das ausgerechnet jetzt. Eine der PTAs war in Urlaub, eine andere hatte sich krank gemeldet.

Eigentlich stand Maureen gerne hinter der Theke und ging auf Gespräche mit Stammkunden ein, von denen sie häufig die gesamte Kranken- und Lebensgeschichte kannte. Wie früher ihr Vater, von dem sie vor zwei Jahren die Apotheke übernommen hatte, ging sie mit Leib und Seele in ihrem Beruf auf. Heute jedoch hatte sie sich freundlich aber bestimmt bei jedem kurz fassen müssen, um den Ansturm zu bewältigen.

Sich in den Bademantel zu wickeln, der verlockend an einem Haken neben der Tür hing, und sich mit einer Tasse Tee gemütlich auf das Sofa im Wohnzimmer zu lümmeln, wäre jetzt toll. Allerdings sollte sie sich endlich Gedanken darüber machen, was sie anziehen wollte. Zeit wäre genügend gewesen, sich das rechtzeitig zu überlegen, aber noch weigerte sich ihr Verstand zu akzeptieren.

Zuerst hatte Maureen die Idee für einen Scherz ihrer Freundinnen Denise, Becky und Ilona gehalten, als diese verkündeten, sie hätten Maureen bei einem Partnervermittlungsbüro angemeldet. Nette Anregung, hatte sie lachend erwidert. Aber nichts für mich. Ich komme auch ohne Mann klar.

Das stimmte nicht ganz. Nach nichts sehnte Maureen sich mehr, als nach einem liebevollen und zuverlässigen Partner, mit dem sie ihre Abende und Wochenenden verbringen könnte. Leider war Peter weder das eine noch das andere gewesen. Warum Maureen fünf Jahre gebraucht hatte, diesen Irrtum zu erkennen, wusste sie bis heute nicht. Seither hatte sie Angst vor einer weiteren Enttäuschung und verstand nicht, wie locker ihre Freundinnen über Trennungen hinweg kamen und sich in einer neuen Liebe verloren.

Beim nächsten Mal muss es der Richtige sein.

Ihre Freundinnen betitelten sie als naiv und vom anderen Stern, was Männer betraf. Maureen aber hielt unerschütterlich an ihrem Vorsatz fest. Wenn er ihr gegenüber stand, würde sie ihn erkennen, ihren Traummann. Wie dieser aussehen sollte, hatte sie nicht festgelegt. Äußerlichkeiten waren nebensächlich, solange der Kerl nicht ungepflegt oder verpickelt aussah. Nett, humorvoll und intelligent sollte er sein. Allerdings kein Akademiker. Peter war angehender Arzt gewesen und hatte ihr häufig das Gefühl gegeben, sie wäre ihm an Bildung unterlegen, obwohl sie selbst studiert hatte. Vermutlich hatte er eben genau das nie akzeptiert, dass sie ihm ebenbürtig war. Ein Makel, der auf viele Männer zutraf.

Die Verantwortung für Apotheke und Angestellte trug sie gerne. Dennoch wäre ihr für zuhause eine Schulter zum Anlehnen ganz recht. Es sollte einfach jemand Liebenswertes sein, dem sie nichts beweisen musste und der auch kein Problem mit ihrer Selbstständigkeit hatte. Am liebsten so eine Art knuffiger Teddybär in Menschengestalt.

Ihre Freundinnen ahnten nichts von Maureens Prioritäten und hatten den Fragebogen zur Partnervermittlung akribisch, und wie sie glaubten, korrekt ausgefüllt. Als Maureen ihr LogIn erhielt und sich in Gesellschaft der drei zum ersten Mal auf die Website von MyHeart einloggte, wurde ihr schlagartig klar, dass ihre Daten und ihr Foto tatsächlich von potentiellen Partnern gesichtet werden konnten.

»Ihr meint das also wirklich ernst?«, hatte sie schockiert hervor gestoßen. »Ich soll mir via Internet einen Mann suchen?«

»Ja, klar. Was glaubst du denn«, lachte Denise. »Wir können doch nicht zulassen, dass du ein Mauerblümchen wirst.«

»Für dich beginnt jetzt eine aufregende Zeit«, ergänzte Ilona mit leuchtenden Augen, als wäre sie selbst ganz wild darauf, in diese Welt einzutauchen.

Ganz im Gegensatz zu Maureen. Zugegeben, es war interessant, in den Datenblättern zu stöbern, und manche Männer sahen auf dem hinterlegten Foto attraktiv aus. Vergeblich versuchte Denise ihre Freundin zu überreden, dem einen oder anderen eine E-Mail zu schicken, um sich mit diesem zu verabreden. Fehlanzeige.

»Weißt du, bei einer seriösen Partnervermittlung treffen die eine Vorauswahl und schicken dir das per Post zu«, behauptete Maureen, die das mal irgendwann irgendwo gelesen hatte.

Becky verdrehte die Augen. »Hey, du lebst völlig hinterm Mond. Wir haben absichtlich diese Plattform gewählt, damit du selbst die freie Wahl hast. Sei spontan und lass dein Herz entscheiden.«

Maureen sah das anders. Woher sollte sie wissen, dass Foto und Informationen der Wahrheit entsprachen? Nirgends wurde so viel gelogen wie in sozialen Netzwerken, oder etwa nicht? Nein, sie hatte keine Lust zum Ausprobieren, auch wenn es sie nichts kostete. Denn die Freundinnen hatten zusammengelegt und Maureen diese Mitgliedschaft zu ihrem dreißigsten Geburtstag geschenkt. Ein ganzes Jahr lang durfte sie in dem Partnerschaftsportal surfen und Kontakte knüpfen. Wenn das Schicksal es wollte, würde ihr dabei der Mann fürs Leben begegnen.

Und dann kam der Tag, an dem Maureen tatsächlich ein Foto entdeckte, das ihr Herz höher schlagen ließ. Das Foto eines sympathisch lächelnden Mannes erschien auf ihrem Bildschirm. Ein sommersprossiges, rundliches Gesicht mit Stupsnase, leichten Bartstoppeln und moosgrünen Augen, die kurz geschnittenen naturblonden Haare verstrubbelt. Alles andere als ein typisches Bewerbungsfoto und genau betrachtet, der völlige Antityp. Aber hier beschönigte jemand endlich mal nicht, wie er wirklich war. Und das gefiel ihr.

Fast eine Stunde saß Maureen vor dem Bildschirm, las sich das Profil mehrmals durch und betrachtete jedes Detail seines Gesichts. War dieser Mann authentisch? Oder war das einfach nur eine andere Masche, sich so locker, so unverkrampft – so normal zu geben?

Mit zusammengekniffenen Lippen legte sie ihre Finger auf die Tasten. Sie würde es wagen und es herausfinden …


3

Seine verzweifelte Hoffnung, dass die offensichtlich schwer verletzte Person bald mit dem Hubschrauber abtransportiert und die Autobahn wieder freigegeben würde, schwand nach einem Telefonat. Die aktuellsten Informationen hatten stets seine Kollegen in der Einsatzzentrale parat, die in engem Kontakt mit der Autobahnpolizei standen. Ein Schwerlaster war ins Schleudern geraten, hatte mehrere Autos gerammt, Ladung hatte sich auf der Fahrbahn verteilt, Öl und Benzin waren ausgelaufen. Das volle Programm. Im Augenblick war die Feuerwehr damit beschäftigt, den Fahrer, mehr tot als lebendig, aus dem Führerhaus zu schneiden. Die Arbeit wurde mit einsetzender Dämmerung nicht einfacher.

Wenn es nicht so verdammt kindisch und unmännlich wäre, hätte Linus vor Verzweiflung am liebsten geheult. Warum? Warum nur machte es ihm das Schicksal so schwer? Warum verhinderte es die Erfüllung seines Horoskops? Sein Kopf sank für einige Minuten nach vorne, seine Hände umklammerten das Lenkrad und er schloss die Augen, um sich zu beruhigen und besser nachdenken zu können.

Als der rettende Gedanke sich in seinem Kopf formulierte, brach ihm Schweiß in Handflächen und Rücken aus. Für einen kurzen Augenblick stand sein Körper in Flammen und sein Herz raste wie verrückt. Ruckartig setzte er sich wieder auf.

Es gab vielleicht einen Ausweg, die Situation zu retten! Zwar war dieser Plan ein wenig absurd, aber je mehr er darüber nachdachte, desto konkretere Formen nahm dieser an. Warum eigentlich nicht? Genaugenommen war das sogar eine überaus brillante Idee, bei der nichts schiefgehen konnte. Na ja, fast nichts, außer sich bis auf die Knochen zu blamieren, aber dieses Risiko musste er eingehen. Es war immer noch besser, als seine Herzdame völlig zu versetzen und dem vorzeitigen Aus tatenlos entgegen zu sehen.

Inzwischen stiegen die ersten Autofahrer aus, um sich ein wenig die Füße in der Kälte zu vertreten und mit anderen Fahrern zu sprechen, wohl in der Zuversicht, diese wüssten mehr. Einige rauchten, aber die meisten sprachen hektisch und mit verärgerter Miene in ihr Handy.

Schatz, ich sitz auf der Autobahn fest. Ich komme später … ja ich weiß, ich hab versprochen …

Das Ausatmen der Männer war im Scheinwerferlicht als diffuse Wölkchen zu erkennen. Keine einzige Frau hatte ihr Auto verlassen.

Noch einige Wochen, dann würde es um diese Uhrzeit wärmer und heller sein. Die ideale Zeit für eine neue zarte Liebe, die wachsen sollte, wie die Pflanzen im Frühling. Seufzend zückte Linus sein Handy und starrte es an, als müsste es automatisch reagieren.

Okay, jetzt oder nie!

Der nötige Anruf zur Umsetzung seines Planes bereitete ihm Unbehagen. Zuerst musste er noch einen Schluck aus der Mineralwasserflasche trinken, die einsatzbereit in einer Halterung am Armaturenbrett steckte.

Verdammt, auch das noch.

Der letzte Tropfen prickelte seine Kehle hinab, und augenblicklich fühlte er umso mehr Durst. Konnte es noch schlimmer werden?

Nein, unmöglich. Er würde kein einziges Wort herausbekommen. Besser er schrieb Maik.

Hey Alter.

Er hatte den Gedanken noch nicht zu Ende ausgeführt, die Worte noch nicht im Kopf formuliert, die er schreiben wollte, als sein Finger auf das grüne Symbol klickte, durch die Kontaktliste scrollte und wie ferngesteuert auf das gespeicherte Fotoicon seines besten Freundes klickte.

Das Pulsieren in seiner Halsschlagader war ihm noch nie so bewusst geworden wie in diesem Augenblick.

Obwohl Linus zuversichtlich war, dass Maik ihm jeden, absolut jeden Freundschaftsdienst erfüllen und ihn ganz bestimmt nicht im Stich lassen würde, wurde sein Mund bei dem Gedanken, um was er ihn bitten wollte, noch trockener. Ein letzter Blick auf die Uhr: noch eine gute halbe Stunde. War sein Zeitfenster wirklich schon so geschrumpft?

Er brauchte nicht lange zu warten.

Servus Linus, hast schon Feierabend?

Maik hatte sein Handy immer griffbereit, nahm es sogar mit auf die Toilette, und besaß ein zweites in Reserve. Vermutlich würde er Tausend Tode sterben, wenn er auch nur eine Minute von der Welt abgeschnitten wäre.

Fast. Hast du Zeit?

No way. Prog. Morgen?

Oh Shit.

Maiks Abkürzung für Programmieren war gleichzusetzen damit, dass er an der Tastatur klebte. Je herausfordernder die Aufgabe war, desto mehr liebte Maik diese und verbiss sich darin wie ein besessener Terrier. Gäbe es dazwischen nicht die normalen Phasen, wäre ihre Freundschaft wohl längst eingeschlafen.

To late. Please help!!!

Die Antwort ließ nur Sekunden auf sich warten.

Was los?

Na, wenigstens war Maik neugierig und verstand gleich, dass es nicht um ein spontanes Treffen auf ein Bier ging.

Brauch dringend deine Hilfe. Leben oder Tod, tippte Linus.

Die Sekunden bis zu Maiks Antwort schienen ewig zu dauern.

OK, wo und wann?

Also hatte Maik keinen Termindruck. Während seiner Ausbildung zum Mediengestalter hatte sein Freund die Leidenschaft fürs Programmieren entdeckt und war dabei im Laufe der Zeit richtig gut geworden. Vor einem Jahr hatte er seinen Traumjob in einer Webagentur gefunden, die sich auf aufwendige Shoperstellungen spezialisiert hatte, und war seither praktisch mit seinem Computerarbeitsplatz verheiratet. Ein Umstand, den Maiks letzte Beziehung trotz angeblich großer Liebe nicht lange überlebt hatte.

Linus leistete sich ein leichtes Aufatmen. Der erste Schritt war getan, der zweite würde viel schwerer werden. Jetzt musste er Maik nur noch erklären, was er tun sollte.

Aufgabe für Superman.

Auf das Display starrend zuckte Linus zusammen, als der spezifische Klingelton erklang, den er Maik zugeordnet hatte. Offensichtlich war diesem das Hin- und Hergesimse zu umständlich geworden.

»Hier Superman, der Retter der Welt«, meldete sich der Freund mit übertrieben tiefer Stimme.

»Hi, wie geht’s dir, Kumpel?«, presste Linus hervor. »Klasse, dass du Zeit für mich hast.«

Seine Stimme klang nicht so fest wie sonst, sondern eher belegt und unsicher, und Linus hasste sich dafür.

»Was’n los mit dir? Klingst ja schlimm, Alter.«

»Scheiße noch mal, ich stehe im Stau.«

Ein Stück weiter vorne kam Unruhe in die stehenden Autos. Einer der Wagen scherte auf die Standspur aus.

Maik lachte sein lautes jungenhaftes Lachen, mit dem er überall auffiel. »Tolle Neuigkeit, ja und? Ich glaube nicht, dass ich dir da helfen kann. Bist du nicht der Straßenexperte? Oder erwartest du, dass ich dich unterhalte, bis sich der Stau aufgelöst hat. Ehrlich, das …«

»Nein!«, wurde er von Linus rüde unterbrochen, dessen Herzschlag den Brustkorb zu sprengen drohte. »Ich, ich hab ein ernsthaftes Problem. Ich …« Linus spürte, wie sein Kehlkopf beim Schlucken hüpfte. War die Idee, die ihm noch vor Minuten gefallen hatte, wirklich gut und nicht vielleicht ziemlich dämlich? Aber es gab keine Alternative. Es musste sein.

»Maik, ich habe heute ein Date. Aber ich schaff das nicht rechtzeitig.«

»Oh, verstehe. Dann brauchst du echt Hilfe von Superman. Ich schau mal, ob ich ihn irgendwie erreichen kann.«

»Scherze helfen mir gerade nicht weiter«, maulte Linus genervt.

»Mensch, was ist los mit dir? Dann ruf sie halt an, dass du später kommst. Ist doch kein Problem, das wird sie schon verstehen.«

Konnte es noch peinlicher werden?

»Ich – hab keine Telefonnummer von ihr.«

Am anderen Ende war für einen Augenblick nur Stille. Sogar das Klackern auf der Tastatur war eingestellt worden. Maik gehörte zu den wenigen Männern, die voll multitaskingfähig waren. Es war nichts Außergewöhnliches, dass er weitertippte, während er sich mit Linus unterhielt.

Dann ertönte lauteres Lachen. »Willst du mich verarschen? Was für’n Date ist das denn?«

Seine Hand zitterte. Jetzt musste er mit der Wahrheit ans Licht. Tick-tack, die Zeit verrinnt!

»Na ja, so ’ne Art Blind Date über ’ne Partneragentur. Also, wir haben schon ein bisschen gechattet, Persönliches ausgetauscht und so …«

Das Lachen schwoll zu einem Inferno an und dröhnte in Linus’ Ohr.

»Soll das heißen, du …« Maik beruhigte sich ein wenig und prustete nun nur noch leise belustigt in den Hörer. »Du hast dich tatsächlich bei so ’nem Verein angemeldet? Mensch Linus, das hast du doch nicht nötig, die zocken dich doch nur ab.«

Linus traute sich nicht, irgendetwas darauf zu antworten. Er ahnte auch so, was Maik auf jeglichen seiner Gründe erwidern würde: Du siehst gut aus und wenn du dich ein wenig mehr anstrengen würdest, wärst du längst verheiratet.

Als ob das so einfach wäre. Linus unterdrückte ein Seufzen. Genau das war der Kern seines Problems. Ja, er sah gut aus und hatte damit einen Kennenlernbonus in der Frauenwelt.

Und nein, das war kein Garant fürs große Glück.

Denn er hatte bisher jedes Mal den Eindruck gewonnen, die Frauen wollten ihn nur eine Zeitlang als attraktiven Begleiter, vielleicht um ihre Freundinnen neidisch und ihren eigentlichen Wunschmann eifersüchtig zu machen. Gewiss, er war ein Mann zum Herzeigen, wenn er geduscht hatte und ordentlich angezogen war. Aber es war nun mal nicht völlig zu vermeiden, trotz Handschuhen, dass er schmutzig nach Hause kam, mitunter nach Öl und Benzin roch. Bisher hatte das jede abgetörnt. Verständnis für seinen Beruf, mit Arbeitszeiten auch mal an Sonn- oder Feiertagen, hatte nicht eine auf Dauer aufgebracht. Trotzdem liebte Linus seinen Job, diese Möglichkeit, anderen Menschen auf seine Weise zu helfen, und er hätte ihn niemals für eine Frau aufgegeben.

»Und du hast wirklich keine Nummer von ihr?«

Verständlich, dass Maik ihm das nicht abkaufte.

»Wie habt ihr euch denn dann verabredet?«, bohrte dieser weiter. »Per Chat, über die Partnerwebsite.«

»Na also, schreib ihr halt.«

Linus seufzte. Manchmal war sein Freund ein echter Holzklotz. »Hör zu, unser Treffen ist in nicht mal einer halben Stunde. Wenn ich ihr jetzt schreibe, liest sie das vielleicht gar nicht mehr.«

»Und weiter? Wie soll ich dir dabei helfen? Ich hab’s leider noch nicht geschafft, die Uhr zurückzudrehen«, gab Maik zurück, deutlich von dieser Unterhaltung strapaziert.

Jetzt musste er alles auf eine Karte setzen, damit sein Freund die Dringlichkeit seines Anliegens verstand und ihn nicht im Stich ließ.

»Es ist so, dass … also, ich … ich muss da hin, ich meine, ich müsste … mein Horoskop ist eindeutig. Heute treffen Sie die Frau Ihres Lebens. Deshalb …«

Das Klappern der Finger auf der Tastatur setzte wieder ein.

»Ich hab dir schon tausend Mal erklärt, dass du diesen Mist nicht glauben sollst. Das sind Standard-Horoskope, die auf fast jeden Menschen zutreffen. Und überhaupt, wann hattest du vor, mir von deiner Partnersuche zu erzählen?«, schnaubte Maik ungehalten.

Verständlicherweise war sein Freund ein wenig über diese Geheimniskrämerei gekränkt. Normalerweise erzählten sie sich alles. Aber da Linus wusste, was Maik über Partnervermittlungen dachte, hatte er es vorgezogen, dies vorerst für sich zu behalten. Was ihm nicht leicht gefallen war.

»Naja, spätestens wenn ich sie dir das erste Mal vorgestellt hätte, aber jetzt – jetzt ist es ja so, dass du sie sogar noch vor mir kennenlernst. Ich meine, es wäre super, wenn du das für mich tun würdest.«

Endlich war es raus!

Für einen Augenblick war Funkstille, auch das Geräusch auf der Tastatur verstummte wieder. Dann hörte er Maiks lautes Atmen durch den Hörer.

»Sag mal, spinnst du? Hab ich das gerade richtig verstanden? Du willst, dass ich zu deinem Date gehe?«

»Ja genau. Ist ja fast bei dir um die Ecke, also kein großer Umstand. Wir haben uns nämlich im Assado verabredet. Du müsstest allerdings gleich …«

»Drehst du jetzt völlig durch? Wie soll das denn gehen? Die hört mich doch erst gar nicht an … außerdem hab ich noch zu tun.«

Klar, sie hätten rein äußerlich nicht unterschiedlicher sein können. Nur – eigentlich erwartete seine Auserwählte ja gar nicht jemanden von Linus’ Statur …

»Ach komm schon, ist ja nur für ’ne Stunde. Weißt du, Maik, es ist so … Ich meine, ich habe ihr zwar geschrieben, dass ich für die Orangen Engel arbeite. Ganz mit offenen Karten, auch wegen meinen Arbeitszeiten, sonst gibt das später Stress, nach dem Motto: Hätte ich das gewusst … Aber, nun ja, das Foto, weißt du, das man hochladen muss …« Seine Stimme drohte zu versagen und Linus räusperte sich. »Also, um es kurz zu machen: Auf dem Foto bist du zu sehen.« Jetzt war es endlich raus. Sein Herz raste wie verrückt.

Stille.

»Maik? Bist du noch dran?«

»Sag das noch mal!« Der pikierte Unterton war nicht zu überhören. »Du hast wohl nicht alle Tassen im Schrank? Du kannst doch nicht einfach mein Bild … Also, du bist ja ein solcher Vollpfosten!« Ein letztes ungehaltenes Schnauben war zu hören, dann brach die Verbindung plötzlich ab.

Mist, und nun? Es war Maik nicht zu verdenken, dass er diese Neuigkeiten nicht gut hieß. Verzweifelt hieb Linus mit der Faust auf die Hupe. Der Fahrer auf der linken Spur neben ihm zeigte ihm einen Vogel.

Was für ein verkackter Tag!


4

Die Stunde rückte näher und Maureen verfluchte ihre Freundinnen, die ihr das eingebrockt hatten. Es war zwar ganz unterhaltsam, mit einem Wildfremden zu chatten, ihn aber zu treffen, war eine andere Sache. Je häufiger sie darüber nachdachte, desto weniger Lust verspürte sie dazu. Auch wenn ihr das Bild des Mannes inzwischen vertraut erschien und er sympathisch aussah.

Bilder konnten lügen. Informationen konnten lügen. Das Internet war eine Lüge. Und überhaupt: Waren nicht Männer die geborenen Lügner?

Das Telefon klingelte. Mit einem Stoßseufzer nahm Maureen ab. Das Display verriet, dass der Anrufer Denise war.

»Hi, wie geht’s dir? Bist du schon aufgeregt?«

Sie hätte den Mädels nicht verraten sollen, dass ihr Date heute Abend stattfand.

»Ein bisschen«, gab Maureen zu. Am besten wäre sie wohl beraten, ihr Handy bei Verlassen der Wohnung auszuschalten, um nicht genervt zu werden.

»Soll ich dir noch ein paar Tipps verraten? Also ich würde …«

»Danke«, wehrte Maureen lachend ab. »Lieb von dir gemeint, aber ich bin schon erwachsen. Und ich bin auch ein anderer Typ als du, also lass es.«

»Na gut«, sagte Denise und fuhr fort über ihren neuesten Flirt zu schnattern, was Maureen überhaupt nicht interessierte. Denise hatte alle paar Wochen einen Neuen, das konnte niemand ernst nehmen. Davon abgesehen aber war sie eine liebe und äußerst zuverlässige Freundin, wenn man sie mal brauchte.

Nur noch mit halbem Ohr zuhörend rief Maureen das Partnerportal am Bildschirm auf und betrachtete wohl zum hundertsten Mal das Foto. Dem rundlichen Gesicht nach zu urteilen war ihr Datingpartner nicht der Schlankste, aber das würde sie nicht stören. Hauptsache intelligent, liebevoll und gepflegt … Maureen überlegte weitere Charakterzüge, die ihr wichtig waren und auf die sie heute Abend achten wollte. Humor war wichtig, und gute Manieren. Das einzige, was sie so schnell nicht herausfinden würde, waren seine sexuellen Neigungen. Immerhin war Sex ein wesentlicher Bestandteil einer Partnerschaft und wenn sie ehrlich war, vermisste sie dies fast noch mehr als die Anwesenheit eines anderen Menschen, wenn sie abends nach Hause kam. Die körperliche Berührung, angefangen von einem simplen Kuss, einem herzlichen in den Arm nehmen, bis hin zu aufregenden, sinnlichen und erotisierenden Zärtlichkeiten – das war etwas, was ihr fehlte, seit sie sich von Severin getrennt hatte.

»Hörst du mir überhaupt noch zu?«

Shit, ertappt.

»Ähm, also, nimm’s mir nicht übel, aber ich wollte noch unter die Dusche, muss mich noch schminken und weiß auch noch nicht, was ich anziehe.«

Denise lachte. »Sag halt, dass ich dir auf die Nerven gehe und dich aufhalte! Viel Spaß heute Abend!«

Puh, erleichtert legte Maureen auf. Eigentlich war Denise ja doch eine verständnisvolle und liebe Freundin.

Hoffentlich machte sie heute das Richtige. Ein wenig nervös dachte Maureen zurück an vergangene Tage.

Nach Peter hatte es noch einen zweiten Mann in ihrem Leben gegeben. Für kurze Zeit. Severin war ein passabler Liebhaber gewesen, dazu gut aussehend und erfolgreich in seinem Job als angehender Rechtsanwalt. Sie hatten beide auf geistiger Augenhöhe verkehrt, über Politik und Wirtschaft diskutiert, nur in besseren Kreisen verkehrt. Nur leider war Severin nicht treu gewesen, womit Maureen wieder bei der Schlussfolgerung ankam, dass Männer die geborenen Lügner waren. Über Monate war es ihm gelungen, ihr glaubhaft zu erklären, dass er Überstunden machte oder für ein bis zwei Tage auf Dienstreise wäre, bis ein dummer Zufall die Wahrheit ans Licht brachte. Nun erklärte sich auch von alleine, warum er viel zu selten Lust auf Sex hatte.

Als Maureen ihn zur Rede stellte, leugnete er nicht, eine Geliebte zu haben, aber es sei nichts Ernstes, er wolle schon die ganze Zeit über Schluss machen. Morgen, gleich morgen, ganz bestimmt.

Aber da hatte er sich in ihr getäuscht. Maureen gehörte nicht zu den Frauen, die solchen Versprechungen glaubten. Ihr genügte die Enttäuschung, überhaupt betrogen worden zu sein. Nicht mit einem One-Night-Stand, nein, über Wochen, wie ihr sein Online-Kalender verriet, den sie noch in derselben Nacht heimlich durchstöberte. Bisher hatte sie diesen als Severins Privatsphäre betrachtet und war davon ausgegangen, dass der Timer sowieso nur Geschäftstermine enthielt. Aber sie wollte es jetzt genau wissen und stellte fest, das stimmte nicht.

Nach einer durchweinten Nacht verlangte sie von Severin am nächsten Morgen, seine Sachen zu packen und auszuziehen. Es folgte ein unschöner Streit, dann war es vorbei.

Seither lebte sie alleine und manchmal erschien ihr die große Wohnung entsetzlich leer. Wenn sie abends heimkam, stellte sie als erstes das Radio an, um die Stille zu vertreiben. Die Leere in ihrem Bett ließ sich jedoch weder durch einen Vibrator noch durch Masturbation vertreiben. Dies dämpfte nur ihre körperlichen Bedürfnisse, wirklich befriedigt wurden sie davon nicht. Die Berührung von Lippen auf ihrer Haut, das lüsterne Stöhnen des Partners, dies waren Dinge, die sich nicht simulieren ließen.

Es war deshalb sehr lieb, dass ihre Freundinnen sich Sorgen machten und Maureen wieder in einer glücklichen Beziehung sehen wollten, aber würde das funktionieren?

Sich auszuziehen, einander nackt gegenüber zu treten und Sex zu haben war vermutlich nicht so schwer. Aber wie sollte sie ihre Seele wieder einem neuen Partner öffnen, ihn in ihre intimsten Gedanken und Ängste, in ihre Hoffnungen und Träume einbeziehen, mit ihm ihre Zukunft planen?

Sie war kein Angsthase und gewohnt, für sich selbst zu entscheiden und analytisch vorzugehen. Also würde sie genau das auch heute Abend machen.


5

Das war’s dann also. Ein schlechter Tag für die Erfüllung seines Horoskops. Die Unwägbarkeiten des Lebens wie ein ganz gewöhnlicher Stau waren in der Prognose nicht berücksichtigt. Zwar setzte sich die Kolonne gerade wieder in Bewegung, aber seine Zeit war vorbei. Die rötlichen Berge in der Ferne verblassten langsam in der einsetzenden Dämmerung.

Verdammt, warum hatte Maik ihm nicht diesen Gefallen getan, statt sich über ihn lustig zu machen. Linus erinnerte sich gut an ein Dutzend Situationen, in denen er seinem Freund ohne nachzudenken geholfen hatte. Waren best-friends-Beziehungen nicht dafür da, sich gerade in kritischen Momenten zur Seite zu stehen?

Einen tiefen Seufzer von sich gebend streckte Linus sich hinter seinem Lenkrad. Eigentlich müsste er stinksauer auf Maik sein, innerlich toben, wie stur sich dieser stellte. Aber nein, der stille Frust überwog. Zum einen lag es einfach nicht in seiner Mentalität, jemandem böse zu sein. Und zum anderen war ja er selbst derjenige, der die Sache falsch angepackt hatte. Und vielleicht war das Ganze überhaupt eine Schnapsidee gewesen.

Wäre nicht dieses Gesicht, das ihm nicht mehr aus dem Kopf ging. Er musste sie sehen, eher würde er keine Ruhe finden! Aber wie sollte er das anstellen?

Ein lauter Fluch schallte durch den Wagen und er hieb einige Male wütend auf das Lenkrad ein, ehe er sich zusammenriss und sanft das Gaspedal durchdrückte, um in der wieder anrollenden Kolonne mitzuschwimmen.

Ein paar Autolängen vor ihm stand ein weiß-roter Mini mit eingeschalteter Warnblinkanlage auf der Standspur, eine junge Frau in einer dicken Winterjacke wartend dahinter, die Kapuze mit dem flauschigen Pelzkragen tief ins Gesicht gezogen. Der Grund ihrer Panne war aus Linus’ Warte nicht erkennbar, nach einem Unfall sah es eigentlich nicht aus. Aber dass er ihr helfen musste, war glasklar. Nicht nur weil er im Augenblick sowieso nichts Besseres vorhatte und Ablenkung benötigte. Sein Helfersyndrom musste genetisch bedingt sein (sein Vater war Notarzt und seine Mutter Psychotherapeutin) und leitete ihn schon sein ganzes Leben lang.

Sobald Linus sich der Position des liegengebliebenen Wagens genähert hatte, setzte er den Blinker und wechselte auf die rechte Spur, als ihm der nachfolgende Fahrer Platz machte. Vorbei am Mini, reihte er sich vor diesem ein, schnappte sich Schal und Handschuhe, und stieg aus.

Die Fahrerin wirkte sichtlich erleichtert, als sie ihn auf sich zukommen sah. »Sie schickt mir der Himmel«, erklärte sie.

»Das ist bei Engeln so üblich«, erwiderte er augenzwinkernd und sie schenkte ihm ein zustimmendes Lachen. Wie wohl sich diese kleine Geste gerade jetzt anfühlte!

»Ich habe erst vor fünf Minuten angerufen und mich auf eine längere Wartezeit eingestellt. Das ist jetzt purer Zufall, dass Sie der Stau hierher gespült hat, oder?«

»Ja, das kann man so sagen«, entgegnete er und reichte ihr die Hand. »Linus Gruber.«

»Lola Gehrke«, erwiderte sie mit angenehm klingender Stimme und festem Händedruck.

Zweimal LG schoss es Linus kurz durch den Kopf und für einen kurzen Augenblick verspürte er so etwas wie ein schüchternes Kribbeln auf seiner Haut.

»Ich geb’ nur schnell den Kollegen Bescheid, dass ich übernehme, wenn es Ihnen recht ist.«

Sie nickte.

»Wo haben Sie angerufen, Frau Gehrke. Bei den Orangen Engeln?«

»Natürlich«, hauchte sie. »Wo sonst? Wer vertraut denn nicht auf Engel?«

Das Kribbeln wurde wärmer und breitete sich in seinem Körper aus. Seine Augen hingen an dem sinnlichen Lächeln ihres Mundes, der von einem zartrosa Lipgloss glänzte. Die letzten Strahlen der Abendsonne zauberten Reflexe in ihre grünen Katzenaugen und feurige Strähnchen in ihre weinroten, zu einer pfiffigen Hochsteckfrisur gebändigten Locken, als sie nun die Kapuze nach hinten streifte. Ihr Augenaufschlag brachte Linus für einen Augenblick völlig aus dem Konzept. Hatte sie ihm gerade vertraulich zugezwinkert? Du meine Güte, flirtete sie etwa mit ihm?

Blödsinn! Das lag bestimmt daran, dass er so sehr auf dieses Date fixiert war, dass seine Sinne völlig verrückt spielten.

So verlegen hatte Linus sich schon lange nicht mehr gefühlt. Nur mit Mühe gab er sich einen Ruck, schaute auf das Display seines Handys, drückte die Kurzwahl und gab die Information an die Zentrale weiter. Als er es wieder in die Brusttasche stecken wollte, ertönte Maiks spezifische Erkennungsmelodie.

»Sekunde, ich hab’s gleich«, erklärte Linus der jungen Frau und ergänzte geistesgegenwärtig: »Ein Kollege.«

Zu seiner Erleichterung zeigte ihre Miene keine Zeichen von Ungeduld. Im Gegensatz zu ihm hatte sie heute vermutlich nichts mehr vor.

»Also Alter, nochmal zu deinem Anliegen: du willst wirklich, dass ich dahin gehe und dich vertrete?« Statt Spott meinte Linus jetzt pure Neugierde aus Maiks Stimme herauszuhören.

»Ja, sicher«, erwiderte Linus und kehrte zwei Schritte zu seinem Wagen zurück, um ungestörter sprechen zu können. »Du würdest mir wirklich einen Riesengefallen tun. Erklär’ ihr die Situation. Irgendwie. Bitte. Sag ihr, wie leid es mir tut. Das ist zumindest persönlicher als zu schreiben.«

»Na gut, du verrückter Idiot. Ich mach’s. Allerdings musst du mir noch erklären, warum du mein Foto verwendet hast.«

Er macht’s, dachte Linus mit einem Anflug von Euphorie und befürchtete, augenblicklich in Ohnmacht zu fallen. Er sah schon die Schlagzeilen vor seinem geistigen Auge: Oranger Engel fällt auf Standstreifen um … Jetzt reiß dich mal zusammen! Mann oder Memme?

Ein kurzer Blick auf das Display genügte. »Maik, es ist keine Zeit für Erklärungen. Du hast noch genau fünf Minuten.«

Ein gequältes Lachen war zu hören. »Also im Prinzip gar keine Zeit, Umziehen ist da nicht mehr drin.«

Daran hatte Linus überhaupt nicht gedacht. Hoffentlich jagt er ihr keinen Schock ein und trägt nicht ausgerechnet heute eine von seinen schmuddeligen Jeans mit abgetretenem Saum, dazu ein löchriges Shirt mit einem scheußlichen ausgewaschenen Aufdruck.

Die Frage nach Maiks Outfit wagte er nicht zu formulieren. Es war ohnedies schon fast zu spät, um die Situation zu retten.

»Aber dass dir eins klar ist, die Sache mit dem Foto hat noch ein Nachspiel. Von wegen Datenschutz und so. Da bist du mir was schuldig!«, knurrte Maik. »Also, sie erkennt mich, und was ist mit mir? Wie sieht SIE aus? Und wie heißt sie überhaupt?«

Linus’ Mund war so trocken, dass er kaum in der Lage war zu antworten. Maik würde es tun! Der Jubel in seinem Inneren wollte kein Ende nehmen. Er wird es tatsächlich für mich machen! Allen Ungläubigen zum Trotz, sein Horoskop würde sich heute erfüllen!

»Maureen. Sie heißt Maureen. Ich schick dir gleich ihr Foto. Und Maik – danke!«

Die Antwort war ein undefinierbarer Ton zwischen freundlichem Knurren und einer nicht in Worte gefassten Drohung. Dann hatte sein Kumpel aufgelegt.

Linus scrollte schnell durch seine Liste, um die Nachricht mit dem Foto weiterzuleiten. Stunden hatte er damit verbracht, auf dieses Gesicht zu schauen, während sie miteinander gechattet hatten. Wie sich wohl ihre Stimme anhörte? Für heute Abend hatte er sich einen Kuss erhofft, von diesen schön geschwungenen Lippen, oder auch mehr. Noch einmal atmete Linus tief durch, ehe er sich wieder der Autofahrerin zuwandte.

»Tut mir leid, dass Sie warten mussten.« Sein Blick schweifte über den Mini. Nicht ganz neu, aber gut gepflegt, das sah er trotz der wetterbedingten Schmutzpartikel. »Jetzt erzählen Sie mal, Frau …«

»Gehrke, Lola Gehrke«, half sie ihm.

»Okay, Frau Gehrke, was für Probleme macht denn Ihre Knutschkugel?«

Du meine Güte, das hatte er überhaupt nicht sagen wollen! Seine Hormone schienen völlig mit ihm durchzugehen.

Ihr glucksendes Lachen nahm der Situation ein wenig die Peinlichkeit. »Knutschkugel – das hab’ ich ja noch nie gehört! Nun, jedenfalls rollt sie nicht mehr. Plötzlich war der Schwung weg. Der Motor lief, aber – Gaspedal durchtreten half nichts, dann hab’ ich’s gerade noch auf die Standspur geschafft, ehe mein Schätzchen ausgegangen ist.«

Das klang nicht gut. Linus fielen sofort mehrere Möglichkeiten ein, woran es liegen könnte, von denen sich einige leicht, andere hier vor Ort gar nicht beheben ließen. Für einen Mini allerdings eher ungewöhnlich.

»Steigen Sie bitte ein und ziehen Sie den Hebel für die Motorhaube?«

Die junge Frau nickte, ging um den Wagen herum und stieg ein, die Tür ließ sie einen Spalt weit offen.

Immer noch schob sich die Autoschlange an ihnen vorbei, nur hatte das Tempo inzwischen ein wenig zugenommen. Der Stau schien wieder in Fluss zu kommen.

Maik müsste jetzt gerade das Restaurant betreten.

Ein Klacken verkündete das Lösen der Sperre, Linus griff unter die Haube, um diese anzuheben und zu justieren. »Wie viel Benzin ist noch im Tank?«

»Halb voll«, kam die prompte Antwort.

Das also war es nicht. Zwei halbvolle Benzin- und Dieselkanister hatte er für den Notfall immer dabei, auch wenn es nicht allzu oft vorkam, dass jemand wegen eines leeren Tanks liegenblieb.

»Starten Sie mal bitte?«

Es klang jämmerlich. Beim dritten Versuch sprang der Motor zwar an, aber nur, um gleich wieder mit einem kläglichen Röcheln abzusaufen.

»Okay, reicht schon. Ich werde die Batterie Ihres Wagens mal an meine Messeinheit anschließen. Hört sich an, als ob sie leer ist.«

»Aha«, murmelte Gehrke, die wieder ausgestiegen war. »Kann denn das sein? So alt ist die Batterie doch noch gar nicht.«

»Ist nur eine Theorie. Manchmal macht die Winterkälte den Batterien zu schaffen«, erwiderte Linus, während er die Klemmen an der Batterie befestigte. »Ich vermute aber mal, dass Ihr Wagen nachts in einer Garage steht?« So gepflegt wie er trotz der Wetter bedingten Schmutzspritzer aussieht, fügte er im Stillen hinzu.

»Ja, ich hab einen Tiefgaragenstellplatz«, erwiderte sie. »Zum Glück. Sonst müsste ich im Winter jeden Morgen Eis kratzen. Das wäre echt ätzend.«

Linus nickte. Leider bestätigte sich seine Vermutung nicht, dass der Fehler bei der Lichtmaschine zu suchen wäre. In diesem Fall hätte er die Batterie aufgeladen, und seine Kundin hätte vielleicht selbst bis zur nächsten Werkstatt fahren können.

»Wohin müssen Sie denn heute noch?«

»Feldkirchen.«

»Kenne ich gut. Sie wohnen dort?«

»Ja.«

Aha, vermutlich war sie eine von Hunderten, die sich täglich auf dieser Strecke bewegten. Als Engel der Straße war ihm nur allzu bekannt, dass die Staus im Feierabendverkehr zwischen München und Ingolstadt zum Großteil durch Pendler verursacht wurden. Obwohl Linus selbst viel Zeit auf der Straße verbrachte, war er froh, dass er diesem allmorgendlichen und allabendlichen Stress selten ausgesetzt war. Zum Glück gehörte wenigstens die Riesenbaustelle inzwischen der Vergangenheit an, bei der man den Standstreifen zu einer vierten Fahrspur ausgebaut hatte, um den Verkehr etwas zu entzerren. Die Unfallhäufigkeit hatte dies nur unwesentlich herabgesetzt.

Selbst die neue Software seines Analysegerätes, das Linus im Heck seines Wagens mit sich führte, brachte ihm keine neue Erkenntnis. Zwar konnte er sich nicht in jegliches System perfekt einloggen, wenn die Hersteller keinen entsprechenden Zugang freigegeben hatten, aber selbst wenn – wie heute – so musste er nicht zwingend fündig werden.

Auch weitere Untersuchungen und Fremdstarts mittels Überbrückungskabel lösten das Problem nicht. Der Motor des Kleinwagens erstarb jedes Mal nach wenigen Sekunden. Es wurmte Linus, dass er nicht erfolgreich war. Einer der Klassiker unter den Ursachen war eine gelöste Kabelverbindung. Heute aber hatte sich offenbar mehr als nur sein geplatztes Date gegen ihn verschworen. Wohl oder übel musste er einsehen, dass er nichts für die junge Dame tun konnte.

»Tja, tut mir leid, Frau Gehrke. Aber das Problem scheint tiefer zu sitzen. Ganz untypisch für Knutschkugeln«, versuchte er ihre betrübte Miene aufzuheitern und tatsächlich kicherte sie über seine Bemerkung. »Also, ich kann Ihnen einen Abschleppdienst rufen und der bringt Sie zusammen mit Ihrem Wagen zu der Werkstatt Ihrer Wahl, und von dort können Sie mit einem Leihwagen oder Taxi heimfahren. Die Kosten dafür übernimmt natürlich der Club für Sie als Mitglied.«

»Schade«, erwiderte sie. Die Enttäuschung war ihr ins Gesicht geschrieben. Inzwischen war es dunkel und um einiges kälter geworden, und es war nicht zu übersehen, dass sie fror. Ihre schöne modische Jacke war sicherlich für die Fahrt in einem beheizten Auto ausreichend warm, jedoch nicht, um längere Zeit draußen herumzustehen.

»Wissen Sie was, setzen Sie sich in meinen Wagen. Ich lass die Standheizung ein wenig laufen, während wir warten. Dann wird es schnell warm.«

Nachdem Linus angerufen, die Motorhaube geschlossen und auch in seinem eigenen Wagen alles wieder versorgt hatte, nahm er auf dem Fahrersitz Platz und knipste das Licht über dem Spiegel an.

»Was glauben Sie, wird das eine teure Reparatur?«

Schulterzuckend schaute er sie an. »Schwer zu sagen. Kann etwas Mechanisches sein oder ein Elektronikfehler. Fahren Sie jeden Tag diese Strecke?«

»Ja, ich arbeite in Manching, als Sachbearbeiterin.«

Linus nickte wissend. »Flugzeugbranche?«

Gehrke grinste. »Sie kennen sich aus.«

»Nervt das nicht, jeden Tag dieser Stress auf der Straße?«

»Wenn’s so läuft wie heute, dann schon. Ich habe auch schon mal überlegt, nach Ingolstadt zu ziehen.«

»Das wäre um einiges näher.«

Irgendwie wusste er nichts mit seinen Händen anzufangen und legte sie daher auf das Lenkrad. Die junge Frau war dezent geschminkt und ihr Gesicht war von einer angenehm natürlichen Schönheit, die selbst von ein paar Sommersprossen nicht getrübt wurde. Wenn sie ihn ansah, strahlten ihre grünen Augen im Licht der Innenbeleuchtung wie zwei Smaragde.

»Ja, aber – die Mieten in Ingolstadt sind inzwischen auch sehr hoch und eine schöne Wohnung habe ich dort nicht gefunden. Außerdem wohnen meine Eltern und meine Freunde auch alle in München und Umgebung. Die Entscheidung ist echt schwer.«

Das hörte sich ein bisschen an, als würde sie alleine leben, sonst hätte sie bestimmt einen Partner oder eine eigene Familie erwähnt.

»Ingolstadt ist also keine Option«, stellte Linus abschließend fest.

»Nein, zumindest nicht im Augenblick.«

Würde sie in Ingolstadt wohnen, könnte sie morgens ein wenig länger schlafen. Aber dann säße sie vermutlich jetzt nicht neben mir. Irritiert über seinen Gedanken, schaute er kurz auf das Lenkrad, dann wieder zu ihr hinüber. Sie war sympathisch, sehr sogar. Eine hübsche, natürlich wirkende junge Frau.

Ein Glücksimpuls durchfuhr ihn und entspannt legte er seine Hände auf die Oberschenkel. Warum beruhigte ihn die Annahme, dass sie Single war? In wenigen Minuten würde der Abschleppwagen kommen. Dann trennten sich ihre Wege und sie würden sich nie wieder sehen.

Ihre Lippen wirkten ein wenig trocken, und als hätte sie seinen Gedanken gehört, zückte sie einen Labello aus der Jackentasche. Er sah ihr dabei zu, wie sie mit dem Stift ihre Lippen nachfuhr. Verdammt, war das sexy. Zu gerne würde er mit seiner Zunge … Nun reiß dich mal zusammen!

Seine Augen wollten nicht von ihr weichen. Ihre von einem Haargummi kaum gebändigte feuerrote Lockenpracht entfaltete sich über ihren Schultern. Die Frau war eine Nixe! Soviel stand für Linus fest. Was für ein Anblick!

Der Schweiß brach ihm in den Handflächen aus und verstohlen wischte er sich über die Schenkel.

»Also, wenn Sie möchten, dann – können Sie mit mir mitfahren. Wir folgen dann einfach dem Abschleppwagen.«

Ihr Lächeln war umwerfend.

»Gerne. Aber haben Sie denn nichts anderes vor? Ihre Familie wartet doch bestimmt schon auf Sie?«

»Nein, ich lebe zur Zeit alleine.«

»Ach so, Strohwitwer.«

Du meine Güte, sie hatte ihn missverstanden. Allein ihr direkter Blick brachte ihn schon völlig durcheinander, und nun sollte er am besten gleich diesen Irrtum klar stellen. Verdammt, warum eigentlich? Das ging sie doch überhaupt nichts an, ebenso wenig wie ihn ihr Privatleben!

»Äh nein, ich meine, ich lebe überhaupt alleine.«

Nun senkte sie kurz die Lider, als wäre sie ein wenig verlegen. Hatte sie ohne Nachzudenken gefragt, aus purer Neugierde?

»Sie müssen also kein schlechtes Gewissen haben, aber wenn Sie lieber in den Abschleppwagen umsteigen?« Ein kurzer Blick in den Seitenspiegel zeigte ihm, dass dieser sich auf der Standspur näherte.

»Nein! Nein, ich würde sehr gerne bei Ihnen mitfahren.«

»Prima. Ich steig schon mal aus und helf dem Fahrer beim Aufladen. Sie können gerne sitzen bleiben.«

»Danke.«


6

Kopfschüttelnd betrachtete Maik das Konterfei seines Freundes in der Kontakteliste. Idiot, formulierten seine Lippen stumm. Das Handy beiseite legend versuchte er sich wieder auf seine Programmierung zu konzentrieren, was ihm nach Störungen jeglicher Art normalerweise mühelos gelang, als überlegte sein Gehirn in einem automatikgesteuerten Paralleluniversum weiter. Einsatzbereit lagen seine Finger auf den Tasten, bereit seine Anweisungen synchron zu übertragen. Aber – nichts. Sein Blick schweifte am Monitor vorbei durch den nüchtern gestalteten Raum, dessen einziger optischer Reiz in mehreren stachligen Kakteen bestand, die sein Kollege Tim auf dem Fensterbrett pflegte.

Der breite Bürostuhl mit dem abgewetzten Leder auf den Armlehnen klappte nach hinten. In der ansonsten funktional und modern eingerichteten Büroumgebung machte sich das Monstrum mit den deutlichen Abnutzungsspuren wie ein Fremdkörper aus. Trotzdem hatte der Chef schulterzuckend dem Einzug von Maiks persönlichem Baby zugestimmt, vielleicht weil er ahnte, dass sein Programmiergenie auf diesem Stuhl zu Höchstform auflief.

Schnaufend streckte dieser nun seine Beine von sich, legte den Kopf zurück und die Hände über dem Bauch zusammen, um nachzudenken.

»Was ist denn mit dir los? Funkloch?«, fragte Tim, einen kritischen Blick zu Maik hinüber werfend.

Funkloch war für sie ein Synonym gleichbedeutend damit, dass die Programmierung oder ein anderer Arbeitsvorgang gerade mangels Ideenansatz stoppte. Das konnte jedem Mal passieren. Schließlich waren sie immer noch Menschen, keine Roboter, auch wenn andere das gelegentlich abschätzig behaupteten, weil sie manchmal den ganzen Tag in ihre Tastatur hämmerten, ohne dass man den Eindruck hatte, sie würden atmen oder hätten andere menschliche Bedürfnisse.

Für gewöhnlich redeten Maik, Tim und die beiden Grafiker Melanie und Thorsten, die dasselbe Büro teilten, nicht viel miteinander. Zwar halfen sie sich bei Problemen, manchmal arbeiteten sie sogar am selben Projekt, aber zumindest Maik und Tim lagen nicht auf derselben Wellenlänge. Ihr Umgang war sachlich und reduziert, aufs Notwendigste beschränkt. In einer nicht ausgesprochenen stillen Vereinbarung waren sie übereingekommen, sich einfach in Ruhe zu lassen und zu respektieren, so dass private Informationen völlig außen vor blieben.

Deshalb empfand Maik die Frage seines Kollegen im Augenblick als lästig und erwiderte einsilbig: »Just a break.«

Er schloss die Augen, um nochmal den Wortlaut des Telefonats zu überdenken. Warum hatte Linus ihn nicht ins Vertrauen gezogen? Sie waren dicke Freunde seit der Grundschule, hatten jede Ferien miteinander verbracht, trafen sich mindestens einmal die Woche. Nicht ein einziges Wort hatte Linus über diese Partnervermittlung verloren. War es ihm einerseits so wichtig, die Frau fürs Leben zu finden, andererseits dieser Weg zu peinlich, um ihn seinem besten Freund anzuvertrauen? Und warum zum Teufel hatte er nicht sein eigenes Foto verwendet?

Eigentlich war dies doch nichts anderes als ein Blind Date. Vielleicht hatte die Frau ja ebenfalls ein falsches Foto gepostet, falsche Informationen eingegeben, angepasst an das, was Linus ihr unwissentlich als Köder geliefert hatte. Was, wenn Linus sich in seinem unbeirrbaren, unsäglichen Glauben an dieses dämliche Horoskop Hals über Kopf in ein Liebesabenteuer stürzte, das ihm das Herz brach?

Maik setzte sich wieder auf und betrachtete sein Spiegelbild in der glänzenden Scheibe des Monitors, der sich mittlerweile zu einem schwarzen Bildschirmschoner gedimmt hatte, der nichts als die aktuelle Uhrzeit anzeigte. Er selbst empfand sich nicht als schlecht aussehend und er hatte auch kein Problem damit, pummelig zu sein. Seine Eltern hatten stets hinter ihm gestanden und ihm geholfen, ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Auch bei seiner Freundschaft mit Linus waren Äußerlichkeiten nie ein Thema gewesen. Sie verstanden sich einfach gut, heckten zusammen Streiche aus, vertrauten sich – bis jetzt.

Warum hat er mein Foto verwendet? Maik zog die Stirn in Falten. Bei allem Selbstbewusstsein war ihm durchaus klar, dass er es mit Linus’ Erscheinungsbild nicht aufnehmen konnte. Sein Freund war so attraktiv, dass die Frauen ihn anhimmelten, aber das genügte nicht. War es das? Hoffte Linus auf eine weniger oberflächliche Beziehung, indem er sich als äußerlich weniger optimiert ausgegeben hatte?

Eigentlich sollte er deswegen sauer auf ihn sein. Aber Maik hatte ein großes Herz, er konnte einfach nicht. Und wenn es so war, wie kam Linus darauf, dass dies eine gute Idee sei? Denn wenn – na, dann hätte doch Maik inzwischen längst selbst die Liebe seines Lebens gefunden. Dem war jedoch nicht so. Ihn nahmen die Frauen nicht ernst. Er war wohl nichts mehr als ein gemütlicher Teddybär, und wenn sie davon genug hatten, sehnten sie sich nach einem Mann, der vorzeigbarer war. Vermutlich spätestens dann, wenn ihre innere Uhr die Auswahl für den späteren Samenspender ihres Nachwuchses in Frage stellte. Wie auch immer. Solange Maik von Zeit zu Zeit ein erotisches Abenteuer erlebte, bei dem er auf seine Kosten kam, war ihm eine echte Beziehung nicht wichtig. Im Grunde genommen war er doch eher mit seiner Arbeit verbandelt. Bei richtiger Eingabe machte das Programm genau das, was er wollte. Von Frauen ließ sich das nicht behaupten.

Egal. Was war das für eine Frau, die sich angeblich in dieses rundliche Gesicht mit der Stupsnase, der eher blassen Haut mit unzähligen Sommersprossen, und dem kleinen Mund verguckt hatte, hinter dem sich ein paar unkonventionell stehende Zähne offenbarten? Was für Absichten verfolgte sie wirklich?

Noch ehe Maik zu Ende gedacht hatte, wurden seine Finger wie von selbst auf dem Handydisplay aktiv. Es galt, seinen Freund vor dessen grenzenloser Naivität zu schützen und diese Frau in Augenschein zu nehmen, die ihn ins Unglück stürzen könnte.


»Also Alter, nochmal zu deinem Anliegen: du willst wirklich, dass ich dahin gehe und dich vertrete?«, fragte Maik, kaum dass das Wählsignal verstummt war.

»Ja, sicher, du würdest mir wirklich einen Riesengefallen tun. Erklär’ ihr die Situation. Irgendwie. Bitte. Sag ihr, wie leid es mir tut. Das ist zumindest persönlicher als zu schreiben.«

Anscheinend war sein Freund jetzt schon gespannt auf die Reaktion seines Dates.

»Na gut, du verrückter Idiot. Ich mach’s. Allerdings musst du mir noch erklären, warum du mein Foto verwendet hast.«

Er hörte, wie Linus einen Seufzer von sich gab. Tja Alter, du hast dir das eingebrockt, nun mal raus mit der Wahrheit.

»Es ist keine Zeit für Erklärungen. Du hast noch genau fünf Minuten.«

Maik gab ein gequältes Lachen von sich. »Also im Prinzip gar keine Zeit, Umziehen ist da nicht mehr drin.« Er sah an sich herab. Na ja, wenigstens war da kein Ketchup-Fleck vom Mittags-Hamburger auf dem Shirt. Zwar legte er auf seinen Kleidungstil nicht so viel Wert, aber durchaus auf Sauberkeit, vor allem wenn es darum ging, eine Frau zu treffen. »Aber dass dir eins klar ist, die Sache mit dem Foto hat noch ein Nachspiel. Von wegen Datenschutz und so. Da bist du mir was schuldig!«, knurrte er verärgert. »Also, sie erkennt mich, und was ist mit mir? Wie sieht SIE aus? Und wie heißt sie überhaupt?«

»Maureen«, stieß Linus atemlos hervor.

Mann, dem ging wohl ganz schön die Düse. Musste ja eine mächtig attraktive Braut sein, wegen der er so einen Aufstand machte. Allmählich wurde Maik neugierig auf dieses Treffen.

»Sie heißt Maureen. Ich schick dir gleich ihr Foto. Und Maik – danke!«

»Mmmmh.«

Maik legte auf und wischte sich über die Stirn. Wenige Sekunden später meldete sein Handy fiepend den Eingang einer neuen Nachricht.

»Wow!« Sein Puls beschleunigte sich in Sekundenschnelle. Eins zu Null für die Frau. Leuchtend blaue Augen strahlten mit einem sympathischen, selbstbewussten Zahnpastalächeln um die Wette. Das dezent geschminkte Gesicht wurde von ellenlangen schwarzen Haaren umrahmt.

»Maureen«, murmelte Maik, während er seinen Bildschirm sperrte, aufstand und in seine Jeansjacke schlüpfte. Plötzlich konnte er es kaum erwarten, bis der Aufzug ihn die sechs Stockwerke des Medienhauses hinabgebracht hatte. Wie lange hatte er kein Date mehr gehabt? Also ein eigenes. Egal.

So schnell es seine Beine zuließen und ohne dabei zu sehr außer Atem zu geraten, nahm er den Weg Richtung Restaurant. Weit in der Ferne wurden eine Handvoll Wolken von der Sonne, die schon hinter den Dächern verschwand, in intensivem Rot angestrahlt. Ein letztes Zucken vor der nächtlichen Dunkelheit. Verdammt, war das kalt. Hatte er nicht heute Morgen einen Schal dabei gehabt? Egal, der würde bestimmt irgendwo im Büro liegen.

Maik fuhr sich mit den Fingern durch seine Igelfrisur und über die Augen, prüfte den Sitz seines Gürtels und ob der Reißverschluss seiner Hose geschlossen war. Man konnte ja nie wissen.

Er wich ein paar jungen Leuten aus, die ihm entgegen kamen, ausgelassen, fast hüpfend, ohne auf andere Passanten zu achten. Ein Mädchen streifte seinen Arm. »Entschuldigung«, murmelte es erschrocken, ehe es weiterging.

Maik lächelte ihr hinterher. »Schöne Frauen sollte man eigentlich nicht warten lassen«, flüsterte er und kicherte in sich hinein. Ein aufgeregtes Kribbeln bemächtigte sich seines Körpers und versetzte ihn in eine erwartungsvolle Stimmung. Er würde Maureen nicht einfach nur Linus’ Bedauern aussprechen und die Situation erklären. Wenn er sich schon für einen solch’ ungewöhnlichen Freundschaftsdienst opferte, dann würde er diesen Abend auf jeden Fall genießen!

Rund zehn Minuten nach dem vereinbarten Zeitpunkt traf Maik am Assado ein. Das war fast noch besser als seine normale ›Pünktlichkeit‹, mit der er es nie besonders genau nahm. Er blieb stehen, zupfte an seiner Jacke. Zweimal tief durchatmen und die Luft bis zum Letzten ausstoßen. Dann zog er die gläserne Eingangstür auf und ging hinein.

Es war schon eine Weile her, dass Maik hier gewesen war. Um alleine auszugehen war das Assado zu stilvoll. Hier ging man nicht nur hinein, um zu speisen, sondern um einen schönen Abend in geselligem Miteinander zu verbringen.

Beige Halbsäulen durchbrachen die in Ockertönen marmorierten Wände. Vorgezogene Stuckleisten versteckten die Röhren der indirekten, sanften Deckenbeleuchtung. Schwarze Stehlampen und dazu passende Wandlampen mit tulpenartigen Schirmen aus Milchglas setzten stilvolle Akzente. Ein paar echte Aquarelle mit Städtemotiven vervollständigten das Ambiente. Große Blattpflanzen anstelle von Vorhängen verwehrten zu viel Einblick von draußen durch die bodennahen hohen Fenster.

Die Aufteilung des Restaurants durch viele Raumteiler und weitere große Pflanzen in kleine Sitzgruppen erschwerte Maik die Suche. Die Plätze waren bereits gut besetzt, ohne Vorbestellung war es selbst unter der Woche beinahe aussichtslos, abends einen Tisch zu ergattern.

Runde um Runde suchte Maik und wurde allmählich ein wenig nervös. Hatte er Linus nicht richtig zugehört oder war dies das verkehrte Restaurant? Dann, nur wenige Meter vor ihm, stand eine Frau auf, zog den knapp knielangen Rock ihres Kostüms straff und griff nach ihrer Handtasche.

Maiks Sensoren vibrierten auf Hochtouren. Oha, die fackelte nicht lange, wenn die Verabredung zu spät kam. Die schimmernden schwarzen Haare lockten sich sanft den Rücken herab, fast bis zum Po. Das musste sie sein!

»Maureen?«

Langsam, wie in Zeitlupe, drehte sie sich auf ihren Stilettos um. Ein atemberaubender Anblick. Ein damenhaftes, aber nicht überstylt wirkendes Kostüm, darunter eine elegante Bluse. Ausdrucksvolle Augen und ein sinnlich geschwungener Mund. Und Mann, was für tolle lange Beine diese Frau hatte!

Der Blick aus den strahlend blauen Augen allerdings erschütterte ihn bis ins Mark. Es war kaum zu ertragen, ihrer intensiven Musterung standzuhalten. Dabei verzog sie keine Miene. Ihr Ausdruck war weder freundlich noch spöttisch oder herablassend. Er hätte es nicht benennen können, denn auf diese Weise war er noch nie angeschaut worden. Auf jeden Fall aber war Maik davon in eine Art ehrfürchtiges Erstaunen versetzt, sodass sein Gehirn sich von einer Sekunde auf die andere wie leergefegt anfühlte und er sich entsetzlich willenlos vorkam.

»Linus?«

Ihre Stimme war fest und bestimmend, dabei von einer angenehmen Tonlage, nicht schrill oder durchdringend. Und gleichzeitig lag in diesem einen Wort so viel Strenge, dass Maik mit einem Male bewusst wurde, in was für einem Schlamassel er sich befand.

Er war nicht der, den sie erwartete.

Er hieß nicht Linus.

Er war nicht pünktlich.

Er hatte nicht einmal Blumen zur Begrüßung mitgebracht.

Er war nicht passend gekleidet.

Und warum zum Kuckuck war ihm dies auf einmal wichtig?

Endlich fand er Worte. Er streckte ihr die Hand entgegen, wobei er ein klein wenig zu ihr aufschauen musste und war überrascht über den sicheren Händedruck, mit dem sie seinen erwiderte. Als er sich vorbeugte, um sie zusätzlich auf die Wange zu küssen, wich sie ihm aus.

Wer so vorsichtig war, seine Mobilnummer nicht rauszugeben, ließ sich halt auch nicht beim ersten Kontakt gleich abschmusen. Eigentlich hatte sie recht, so zu reagieren.

»Hallo Maureen, ich freue mich ja so, dich endlich persönlich kennenzulernen und …«

Eine Handbewegung genügte und ihre gebieterische Geste ließ ihn innehalten.

»Kommst du immer zu spät?«, schnaubte sie.


7

Bodennebel waberte über die an die Autobahn grenzenden Grünflächen und zeugte von Feuchtigkeit und fallenden Temperaturen. Der tagsüber zart keimende Frühling versank des Nachts unter einer herb frostigen Decke.

Morgen muss ich zum Glück nicht fahren, dachte Lola erleichtert. Vor einigen Monaten war ihr das Arbeiten im Homeoffice genehmigt worden und seither durfte sie Dienstags und Freitags zuhause bleiben. Eine, wie sie fand, sehr viel effizientere Art zu arbeiten. Niemand kam herein, um sie abgesehen von einer einzigen wichtigen Frage darüber hinaus in einen längeren privaten Plausch zu verwickeln. Ab und zu war das ja ganz nett und natürlich wollte auch sie ein bisschen mehr von ihren Kollegen erfahren, aber manchmal nervte es sie auch, wenn sie gerade an einer kniffligen Sache saß. Irgendwelche Fragen ließen sich erfahrungsgemäß schneller per Email oder Telefon abklären.

Seither kochte Lola sich an diesen Tagen gegen sechs oder halb sieben Uhr morgens eine Tasse Tee und setzte sich noch im Pyjama an den Rechner. So arbeitete sie am liebsten, im Hintergrund leise Musik aus dem Radio oder von einer ihrer Lieblings-CDs. Ein stressfreier Morgenbeginn, ohne den Krieg auf der Straße. Meistens schaffte sie bis zehn Uhr mehr als an den anderen Tagen und gönnte sich dann ein verspätetes, ausgiebiges Frühstück. Inzwischen freute sie sich schon auf der abendlichen Heimfahrt darauf.

Die beiden Männer schwatzten erstmal eine Runde, ehe sie sich um ihr Auto kümmerten. Vielleicht kannten sie einander von anderen Fällen? Atemwölkchen stiegen vor ihren Gesichtern auf und verloren sich im Dunkeln. Dann endlich nahm der Abschleppwagen seinen kleineren Artgenossen Huckepack.

Wehmut machte sich in Lola breit. Hoffentlich fehlte ihrem Schätzchen nichts Ernstes. Wie süß sich das angehört hatte, als der Pannenhelfer ihren Wagen als »Knutschkugel« bezeichnet hatte. Ja, diesem Auto haftete schon etwas »Nettes« an, so klein und kompakt wie es war. Wobei der Mini sich sportlicher gab, als sie selbst vermutet hatte und ihren Ansprüchen völlig genügte. Und geknutscht hatte sie darin noch nie. Mangels Gelegenheit.

Der Mann vom Abschleppdienst klopfte an die Scheibe und öffnete die Beifahrertür für die Unterschrift unter ein Formular. Er fragte Lola nach ihrem Ziel und ihrer Wunschwerkstatt und sie nannte ihm die Adresse.

Linus startete den Wagen und gähnte kurz hinter vorgehaltener Hand. Mühelos reihten sie sich hinter dem vorausfahrenden Abschleppwagen ein. Vom Stau war inzwischen nichts mehr zu sehen und auch alle Hinweise auf den verursachenden Unfall waren verschwunden.

»Müde?«, fragte Lola und fühlte selbst eine gewisse Schwere in den Gliedern.

»Ein wenig. Jetzt wäre ein doppelter Espresso recht, oder wenigstens ein Kaffee. Aber meine Thermoskanne ist leider auch schon leer.«

»Seit wann sind Sie denn unterwegs?«

»Heute seit acht Uhr.«

»Variiert das?«

»Oh ja, das kommt auf den Einsatzplan an. Manchmal muss ich eine Woche lang morgens um vier raus, dafür die andere Woche erst um zwei Uhr nachmittags, und dazwischen sind wir natürlich auch wechselweise für Wochenend- und Nachtdienst eingeteilt.«

»Ist es nicht recht anstrengend, zu so unregelmäßigen Zeiten zu arbeiten?«

»Eigentlich nicht, daran gewöhnt man sich im Laufe der Jahre. Und wir vertreten ja den Anspruch, zu jeder Tages- und Nachtzeit den Autofahrern zu helfen«, sagte Linus, mit heraushörbarem Stolz. »Und Sie?«

»Ach, ich stehe um fünf Uhr auf, aber ich glaube, daran werde ich mich nie gewöhnen. Das ist einfach nicht meine Zeit.« Lola lächelte. »Wenigstens muss ich an zwei Tagen die Woche nicht ganz so früh raus, weil ich da Homeoffice mache, so wie morgen.«

»Und? Ist das gut oder sind Sie da oft in Versuchung, mal eben zwischendurch die Waschmaschine anzuwerfen oder den Geschirrspüler auszuräumen?«

Lola lachte. »Die Versuchung, sich ablenken zu lassen, ist schon da. Aber das hab ich im Griff. Dafür stehlen mir keine Kollegen die Zeit, die bei mir im Büro herumstehen und reden und reden und vergessen haben, wo die Tür ist.«

»Tja, das kann mir natürlich nicht passieren«, erwiderte Linus und schaute lachend wieder kurz zu ihr herüber.

War es einfach so, dass sie einem Orangen Engel automatisch ein gewisses Vertrauen entgegen brachte, oder strahlte er ganz persönlich etwas aus, das ihr Inneres ansprach? In seiner Gegenwart fühlte sie sich wohl und geborgen, als ob sie sich schon eine Ewigkeit kennen würden.

»Ist Ihnen warm genug?«

»Oh ja, vielen Dank. Finde ich übrigens toll, dass Sie mich mitnehmen. Machen Sie so etwas öfter?«

Himmel, was fragte sie denn so blöd? Hitze stieg ihr ins Gesicht.

Eine Sekunde verging, dann schaute er kurz zu ihr herüber, wandte den Blick aber gleich wieder zurück auf die Straße. Konnte es sein, dass sie ihn verlegen gemacht hatte?

»Nein, das ist das erste Mal«, erwiderte er ein wenig rau.

Am liebsten hätte sie ihn gefragt warum, und sie wünschte sich, dass es etwas zu bedeuten hätte. Gegen die Dunkelheit zeichnete sich sein Profil jetzt nur noch schwach ab, aber was sie von ihm gesehen hatte, genügte ihr. Ein markant männliches Gesicht mit einer gewissen Ähnlichkeit zu Paul Walker, und braunen, kurz geschnittenen Haaren. Straßenretter hatte sie sich immer ein wenig grobschlächtiger vorgestellt, eher mit der Statur eines Bodybuilders. Aber natürlich war das Blödsinn.

»Und – was arbeiten Sie da so, in Manching? Ich meine, sofern Sie darüber sprechen können.«

Was das betraf, hatte er ins Schwarze getroffen. Der größte Teil ihrer Arbeit unterlag der Geheimhaltung. Zu groß war die Gefahr von Werksspionage oder anderen kriminellen Interessen.

»Also, im weitesten Sinne bereite ich Informationsmaterial und technische Unterlagen auf.«

»Sie fertigen Handbücher über die Funktionsweise eines bestimmten Flugzeugtyps?«

»Nja, so etwas Ähnliches«, gab Lola zu. Seine Vermutung war nicht allzu weit von der Wirklichkeit entfernt.

»Und vermutlich streng geheim«, raunte er kaum hörbar zurück, mit einem Schmunzeln.

»Genau das«, hauchte Lola zurück, als müssten sie beide heimliche Zuhörer befürchten.

Eine Weile sagte keiner von ihnen mehr etwas, bis die Lichter der Stadt in der Dunkelheit vor ihnen auftauchten.

Lola sah auf die Uhr. »Oh, schon so spät? Hoffentlich treffen wir überhaupt noch jemanden in der Werkstatt an!«

»Falls nicht, laden wir Ihren Wagen dort ab und Sie rufen morgen früh an.«

»Hmm.« Das kostete alles Zeit. Von ihrer Vertragswerkstatt bis nach Hause brauchte sie normalerweise fast zwanzig Minuten, mit öffentlichen Verkehrsmitteln noch länger. Aber vielleicht konnte sie einen Leihwagen bekommen.

»Da vorne ist es.«

Linus nickte. Er parkte auf der Straße, während der Abschleppwagen auf das Gelände einbog.

Glücklicherweise war noch jemand in der Werkstatt und nahm die Schlüssel entgegen. Lola schilderte mit Linus’ Unterstützung das Problem. Enttäuscht vernahm sie, dass der Mitarbeiter nicht befugt war, ihr einen Leihwagen zu geben. Sie musste einfach damit zufrieden sein, dass überhaupt noch jemand vor Ort gewesen war.

»Wenn Sie möchten, bringe ich Sie nach Hause«, bot Linus ihr an.

Beklemmung erfasste Lola. Ein ähnlich formuliertes Angebot hatte sie einmal angenommen und die schlechte Erfahrung machen müssen, dass damit eine bestimmte Erwartung verbunden worden war. Man sah Menschen nicht immer an, was sie dachten und in Wahrheit wollten. Gehörte dieser Mann auch dazu? Andererseits, er würde sicherlich nicht riskieren, dass sie sich über ihn beschwerte, weil er sie sexuell belästigt hatte.

Lola dachte noch immer über die Optionen nach, als Linus sie anlächelte und damit ihren Argwohn zerstreute. Als er die Beifahrertür öffnete, stieg sie ein. »Und es macht Ihnen auch bestimmt keine Umstände?«

Linus schüttelte den Kopf. »Nein, machen Sie sich darüber keine Sorgen.«

»Okay, dann sage ich Danke.«

Während der Fahrt sprachen sie kein Wort.

»Da vorne ist es.« Lola deutete geradeaus, auf ein Mietshaus, dessen gelber Anstrich im Licht der wenigen Straßenlaternen kaum zu erkennen war. »Der zweite Eingang.«

Linus hielt mangels freiem Parkplatz in zweiter Reihe, schaltete die Warnblinkanlage ein und den Motor aus.

»So, da sind wir.«

»Ja. Angekommen.«

Herrgott, fiel ihnen denn nichts Intelligenteres zu reden ein? Sollte sie ihn noch hereinbitten? Eigentlich war er ja ganz nett und sah auch gut aus. Aber nein, er war lediglich ein Mann, der ihr geholfen hatte und das war sein Beruf.

»Ich drück’ Ihnen die Daumen, dass der Fehler schnell gefunden wird. Bestimmt ist es nur eine Kleinigkeit, die dem Auto fehlt.«

»Der Knutschkugel«, ergänzte Lola.

»Genau«, grinste Linus und streckte ihr die Hand entgegen. »Auf Wiedersehen, Frau Gehrke. Und noch einen schönen Abend.«

Lola schluckte. Sie wusste nicht so recht, was sie sagen sollte. Nicht einmal ein Trinkgeld konnte sie ihm geben. Ihre Geldbörse war fast leer, wie sie wusste, da sie am Morgen getankt hatte.

»Ihnen auch. Und noch einmal vielen Dank fürs Heimfahren und überhaupt.«

Sein Händedruck war angenehm fest, ohne jedoch ihre Finger zu quetschen, und sie erwiderte den Druck entsprechend. Vorsichtig öffnete sie die Tür, darauf bedacht nicht an dem neben ihnen parkenden Auto anzustoßen, und stieg aus. Er wartete noch und sah ihr hinterher, bis sie die Haustür erreicht hatte. Dann erst startete er den Motor, winkte ihr einen letzten Gruß zu und fuhr weiter.

Ein Gefühl der Leere überkam sie, als sie die Wohnung betrat und das Licht anmachte. Es war so still, so verdammt still. Nicht einmal, als keiner von ihnen gesprochen hatte, war es derart still gewesen.

Verwirrt setzte Lola sich auf das Sofa im Wohnzimmer und starrte vor sich hin.

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