Kitabı oku: «Elmsfeuer»
Elmsfeuer
—
Roman
von
Florian Bald
Inhalt
Prolog
TEIL I
1. Erschütterungen
2. Raue See
3. Landgang
4. Die Inseln im Nebel
5. Sie fliehen
6. Der Feuerberg
7. Die Legende von Lula
8. Im Eis
9. Die Stadt der zwei Zeiten
TEIL II
10. Fieber
11. Weiße Wasser
12. Kaventsmänner
13. Havarie
14. Leichtheit
15. Das Sonar
16. Das Herz der Karibik
17. Licht aus der Tiefe
18. Die Pestprinzessin
TEIL III
19. Blessuren
20. Ein Sturm zieht auf
21. Die Megaliden
22. Vom Radar
23. Träume
24. Abenddämmerung oder Morgengrauen
25. Die Vogelfrauen
26. In Ketten
27. Amnestie
28. Schlingen der Angst
29. Wasserköpfe
30. Der Wald
31. Torturálmarrh
Epilog
Impressum
Prolog
Der Kapitän schwieg.
Er sprach selten ein Wort. Das war seine Natur.
Hin und wieder kniff er die Augen zusammen, als durchführe ihn ein plötzlicher Schmerz. Oder eine böse Erinnerung, die in der Gegenwart nichts verloren hatte. Man musste sich frei machen von den Schatten vergangener Reisen, wenn man sich zu neuen aufmachte. Alles andere führte ins Verderben. Das wusste der erfahrene Seemann nur zu gut.
Aber er wusste auch, dass dies leicht gesagt war. Die Schatten vergangener Reisen. Ein weiterer, fast unmerklicher Schauer lief durch seinen Körper, und seine Augen zogen sich unvermittelt zusammen.
Neben dem Kapitän stand Philippe Mousson, der Erste Offizier und Steuermann. Auch er sagte nichts.
Mousson war jener Typ Mann, den man auf einem Schiff wie diesem erwartete: Die Haut von der Sonne über dem Äquator ebenso gegerbt wie von der bitteren Kälte der Arktis und den schweren Seen vor Kap Horn. Seine Augen jedoch blitzten wach, als habe er seinen Blick unzählige Male am Schleifstein der Horizontlinie gewetzt.
Durch die polierte Frontscheibe des Kommandostands fiel die späte Nachmittagssonne und ließ die Armaturen blinken. Vom Standort der beiden Männer konnte man fast den gesamten Hafen überblicken. Es war ein trügerisch friedliches Bild – ohne Vorahnung auf das, was sie bald draußen auf See erwarten mochte.
Mousson ächzte und rieb sich das Kreuzbein. Er betrachtete eine Gruppe dunkler Wolken, die sich bedrohlich am Himmel zusammenschoben. Es sah aus, als bekämen sie schlechtes Wetter. Mit den Fingern strich er beinahe zärtlich über eine Narbe, die sich von seinem linken Ohr quer über Wange und Mund zur rechten Kinnseite erstreckte. Das verhärtete Gewebe sorgte dafür, dass auch bei geschlossenen Lippen immer ein Stück seiner oberen Zahnreihe sichtbar blieb.
Nach einer Weile ging er hinüber zum Bordtelefon, das neben dem Kartentisch an der Wand hing, hielt sich den Hörer ans Ohr und wartete auf ein Freizeichen. Als keines kam, betätigte er mehrmals ungeduldig den Unterbrechungsschalter am Bedienteil. Doch in der Leitung war auch danach nicht mehr zu hören als ein unangenehmes Sirren. Er hängte den Hörer zurück auf die Gabel und verzog den Mund. Und wenn schon, dachte er, dann würden sie eben ohne Genehmigung der Hafenbehörde auslaufen.
Eine heftige Bö ließ die Fensterscheiben ächzen. In der Ferne erklang dumpf der erste Donner.
Neben der Seekarte, die der Kapitän schweigend studierte, lag das Logbuch. Es war sorgfältig in taubenblaues Wachspapier eingebunden. Als Mousson es aufschlug, konnte man deutlich den Namen des Schiffes lesen, der dort in großen Lettern geschrieben stand, ihres Schiffes: ELMSFEUER.
TEIL I
1. Erschütterungen
Im Maschinenraum war es vollkommen still.
Leonid Brovny wischte sich mit dem groben Ärmel seiner Arbeitsjacke über das schwitzige, ölverschmierte Gesicht und trat einen halben Schritt zurück. Aus dieser Position konnte er den Dieselmotor des Schiffs vollständig überblicken. Alle Vorbereitungen waren abgeschlossen: Die Leitungen gereinigt, Verschleißteile ausgewechselt, die Kolben geschmiert und die Zylinderköpfe gesäubert. Brovny war mit sich zufrieden. Als es hinter ihm leise knackte, drehte er sich ohne Eile um. In seinem Gesicht spiegelte sich weder Überraschtheit noch Sorge.
Vielmehr machte er den Eindruck, als erwarte er dort Jemanden, dem er sein gelungenes Werk vorführen konnte.
Aber da war niemand.
***
«Blow, boys, blow, for Californio, there´s plenty of gold, so I am told, on the banks of Sacramento”. Putzi Mommsen summte vergnügt vor sich hin, während er die schmale Treppe hinunterstieg, die zum Kabinentrakt der Elmsfeuer führte. In der Hand trug er eine Flasche feinsten Cognacs. Schritte und ausgelassenes Kichern drangen von der nächsten Ecke an sein Ohr. Er stellte das Singen ein.
Zwei frisch eingetroffene Passagiere, eine Frau und ein Mann, kamen ihm schwer bepackt auf dem schmalen Korridor entgegen. Die junge Frau hielt in der linken Hand eine leere Piccoloflasche. Mommsen rückte den Knoten seiner Krawatte zurecht. Die Neuankömmlinge strahlten einander verliebt an und blieben vor ihm stehen. Beide räusperten sich verlegen. »Guten Tag.« Der Mann ließ eine prall gefüllte Plastiktüte von der linken in die rechte Hand wandern und grinste. »Oder muss man hier sagen: Ahoi?« Wieder kicherten die Zwei.
Mommsen ließ sich von ihrer Albernheit nicht anstecken. »Ein einfaches Guten Tag genügt vollkommen«, sagte er trocken, »kann ich Ihnen helfen?«
»Verzeihen Sie, gehören Sie zur Besatzung?«
»Mommsen«, entgegnete Mommsen, »Erster Stewart an Bord der Elmsfeuer, zu Ihrer Verfügung«, und verbeugte sich leicht.
»Erster Stewart…«, wiederholte die Dame, und Mommsen konnte an ihrem Gesicht ablesen, dass sie Männer wie ihn nur aus dem Fernsehen kannte. Er lächelte höflich. »Sie suchen Ihre Kabine. Hab ich recht?«
Die Zwei nickten. »Wir haben die Fahrt auf der Elmsfeuer für unsere Flitterwochen gebucht, deshalb auch der Sekt.« Die Frau hob entschuldigend die Hand mit der leeren Flasche.
Mommsen nickte. »Das freut mich für Sie. Eine gute Entscheidung. Wenn Sie jetzt aber bitte mit mir kommen wollen.« Er sah auf seine Armbanduhr. »Wir werden bald ablegen. Ihre Kabine befindet sich ein Deck tiefer im Heck…« Er ging vor den beiden her und drehte sich, als sie erneut laut zu prusten begannen, mit strenger Miene um. »Darf ich Sie bitten, eine Spur leiser zu sein?«
Die Zwei verstummten unmittelbar, und er senkte die Stimme.
»Baronesse von Adler… der die Kabine dort vorne gehört, ist ein wenig…«, er zögerte, »… lärmempfindlich.«
Das Paar nickte verständig, und Mommsen setzte sich wieder in Bewegung. Den Kopf zurückgewandt, erklärte er: »Sollten Sie, nachdem Sie ihre Kajüte bezogen haben, irgendwelche Fragen haben, können Sie sich nach dem Auslaufen gerne damit an mich…« Wieder lachten die Zwei laut auf. Mommsen blieb stehen. Wer waren die beiden, dass sie seinen Anweisungen nicht Folge leisteten? Die Halsschlagader über seinem gebleichten Hemdkragen schwoll an. Seine Stimme bekam einen unangenehm schrillen Klang. »Es ist doch wohl nicht zu viel verlangt, wenn ich…«
Er wurde abrupt gestoppt, als die Tür der angrenzenden Kabine sich mit einem scharfen Ruck öffnete, und eine imposante Gestalt sich in den Türrahmen schob.
Alle verstummten. Mommsen nahm die geduckte Haltung eines Siebtklässers ein, den man auf der Schultoilette beim Rauchen erwischt hat.
Langsam tat die Person einen Schritt nach vorne ins Licht. Das junge Paar wurde weiß im Gesicht, als hätte es eine Erscheinung. Und in gewisser Weise hatte es die auch.
***
Brovny atmete tief durch. Er liebte diesen Moment der Stille, die letzten Sekunden, bevor er die Maschine anwarf – und bis zum Ende der Fahrt alles um ihn herum in tosendem Lärm versank.
Noch war es ruhig. Er tat wieder einen Schritt nach vorne. Seine linke Hand berührte den blankpolierten Schalter, mit dem der Motor gestartet wurde. Was mochte die vor ihnen liegende Reise bringen?
Gedankenversunken fuhr er sich mit seinem schmutzigen Ärmel erneut über das Gesicht. Es war heiß und stickig hier unten. Die nackte Glühbirne über ihm tauchte den Raum in gelbstichiges Zwielicht. Die Muskeln seines linken Arms spannten sich. Der Anlassschalter war, trotz der soeben abgeschlossenen Wartung, immer noch äußerst schwergängig. Für weitere Reparaturen blieb jedoch vorerst keine Zeit.
Wieder hörte Brovny hinter sich ein leises metallisches Knacken und hielt inne. Ein zweites, lauteres Geräusch folgte. Noch einmal drehte er sich um und sah gleich darauf eine kleine Gestalt auf sich zuhuschen. Ein Lächeln glitt über sein Gesicht. Na also, er hatte sich beim ersten Mal also doch nicht geirrt!
Im selben Augenblick aber, als der Anlasser unter seinen Fingern nachgab, realisierte er, dass diese kleine Gestalt nicht auf ihn zurannte, sondern vor Etwas floh, Etwas, das nun auch er sah – und sein Lächeln zerrann zu einer Maske des Grauens.
***
Vor den beiden Touristen stand eine Frau, wie ihnen im Leben noch keine begegnet war. Instinktiv rückte das Paar im fahlen Schein der Deckenlampe ein Stück enger zusammen und starrte sie an.
Die Frau trug ein eng anliegendes, knöchellanges schwarzes Kleid mit eingewirkten Kristallen, die bei jeder Bewegung eindrucksvoll funkelten, und dazu passende schwarze Handschuhe. Unter dem Saum des Kleids lugte ein Paar extravaganter weißer Lackschuhe hervor, um den Hals lag eine Stola aus cremefarbenem Nerz. Schräg auf dem Kopf saß ein barettförmiger Hut aus ebenfalls schwarzer Seide, von dessen Kante ein feiner Schleier über Augen und Nase fiel. Darunter zeichneten sich sanft die Konturen sorgfältig ondulierter blonder Haarwellen ab. Zwischen Ring- und Mittelfinger der rechten Hand glomm, in einer Spitze aus Perlmutt, eine lange, dünne Zigarette.
Den jungen Mann und seine Frau erfasste ein seltsamer Zustand der Beklommenheit, ohne dass sie hätten sagen können, woher dieser kam. Es war nicht der aus der Zeit gefallene Aufzug der Frau, der sie verstörte, es war ihr Alter selbst. Die Frau hatte keines. Ihre Körperhaltung war jugendlich aufrecht, und ihre Haut zeigte keine Spuren von Verfall. Gleichzeitig jedoch erzeugte ihre Anwesenheit eine tiefe Ehrfurcht, wie man sie allenfalls beim Betreten mittelalterlicher Kathedralen spürt, eine Aura vergangener Jahrhunderte samt ihrer dunklen Geheimnisse. Mit einem Mal kamen beide sich unendlich klein und unbedeutend vor.
Außer ihrem eigenen, gepressten Atem war nichts zu hören.
Nach einer gefühlten Ewigkeit schließlich öffnete die geheimnisvolle Frau den Mund und sprach. Ihre Stimme war tief, mit einem fast sinnlichen Timbre, ihr Tonfall sogar beinahe freundlich. Die zwei Touristen entspannten sich. Gleich darauf jedoch veränderte sich etwas in dieser Stimme, eine Kälte machte sich in ihr breit, die beide im Innersten frieren ließ. Ein Gefühl von Verlorenheit überkam sie, eine unbestimmte Mischung aus Trauer und Schuld, die von irgendwo tief in ihren Seelen an die Oberfläche drängte. Sie vermochten nicht, sich dagegen zu wehren. Hilfesuchend tastete die junge Frau nach der Hand ihres Mannes.
Mommsen sah abwesend vor sich hin.
Die Person aber, die all dies auslöste, zog seelenruhig an ihrer Zigarette. Man hörte das Knistern der Glut, eine silberne Ascheflocke schwebte lautlos zu Boden.
»Mein lieber Mommsen«, träge atmete sie den Rauch in Richtung des Feuermelders und musterte den erstarrten Stewart mit erhobener Augenbraue, »wollten Sie nicht lernen, Ihr Temperament zu zügeln?« Mommsen hielt den Blick gesenkt und murmelte: »Baronesse von A…«
»Putzi… mein lieber Putzi«, unterbrach sie ihn und schüttelte vorwurfsvoll den Kopf, »wir hatten doch vereinbart, dass Sie in Umgebung meiner Kabine für Ruhe sorgen… oder irre ich mich da?«
»Doch, das hatten wir, gnädige Frau…« Dem sonst so selbstbewussten Stewart gelang nur ein Flüstern.
»Was sagen Sie?« Baronesse von Adler führte die Perlmuttspitze erneut zum Mund und legte die andere Hand hinter das linke Ohr.
»Sie irren… sich nicht«, murmelte Mommsen.
»Na sehen Sie, Putzi. Dann können Sie mir doch bestimmt erklären, wieso Sie ausgerechnet vor meiner Tür ein ums andere Mal die Beherrschung verlieren? Oder muss ich Sie an das letzte Mal erinnern, als Ihnen…«
»Nein, das müssen Sie nicht, gnädige…« Mommsens Stimme verklang mitten im Satz, und die junge Frau sah die Gelegenheit gekommen, ihr schlechtes Benehmen von zuvor wieder gut zu machen. Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und sagte: »Herr Mommsen hat wirklich nichts mit der Sache zu tun. Es war ganz allein unsere Schuld, dass er ein wenig lauter werden musste.«
»So?« Von Adler drehte sich um und sah die Frau lächelnd an. »Es ehrt Sie wirklich sehr, Fräulein, dass Sie so heldenhaft für unseren leicht erregbaren Stewart in die Bresche springen. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob er das wirklich… nun ja, wie auch immer…« Sie hielt inne und sog ein weiteres Mal an ihrer Zigarette. Dann, von einer Sekunde zur nächsten, verlor ihre Stimme wieder alles Freundliche. Ohne dabei auch nur einen Deut lauter zu werden, sagte sie: »Ich zahle einen nicht unbeträchtlichen Preis, um die Fahrt auf diesem Schiff so angenehm wie möglich zu verbringen… was aber…«
Der Rest ihrer Worte ging in einem ohrenbetäubenden Krachen unter. Eine gewaltige Explosion erschütterte das Schiff. Mehrere Schockwellen fegten durch den Rumpf. Mommsen wurde von der Wucht der Detonation gegen einen eisernen Pfeiler geschleudert und sackte besinnungslos zusammen.
Die junge Frau schrie auf und warf sich panisch auf ihren Mann. Dessen Gesicht war bleich wie eine frischgekalkte Wand, seine Augen weit aufgerissen.
»Oh mein Gott! Was war das?«
»Ich… ich… weiß es nicht.«
Die Schweißnähte und Stahlbolzen ächzten, und die Elmsfeuer rollte unruhig hin und her. In der Nähe schrillte heiser eine Alarmglocke. Die Deckenbeleuchtung war erloschen. Hin und wieder flackerte für Sekundenbruchteile eine der Neonröhren auf und verwandelte das Geschehen ringsum in ein gespenstisches Schauspiel.
Von Adler, die sich während der Explosion im Türrahmen festgehalten hatte, war unverletzt geblieben. Ohne dem jungen Paar, das sich zu ihren Füßen krümmte, Beachtung zu schenken, ging sie auf den reglos daliegenden Stewart zu und beugte sich zu ihm hinunter. Mit behandschuhten Fingern rüttelte sie an seiner Schulter.
»Mommsen!«
Als keine Reaktion kam, tätschelte sie dem Bewusstlosen die Wange.
»Mommsen! Können Sie mich hören?« Nichts.
Erneut fasste sie ihn an der Schulter.
»Was… ist mit ihm?« Die junge Frau kroch auf allen Vieren neben von Adler. Diese sah sie unverwandt an. »Lassen Sie nur, Fräulein. Bleiben Sie lieber bei Ihrem Begleiter. Der hat Ihre Hilfe nötiger.«
Erschrocken über die herrische Kälte in von Adlers Stimme machte die junge Frau kehrt und krabbelte zu ihrem Mann zurück, der heftig atmend
und mit angezogenen Knien auf dem Boden hockte und vor sich hin stierte.
Eine zweite Erschütterung erfasste die Elmsfeuer, etwas schwächer als die vorangegangene. Dumpfes Grollen und Klirren folgte.
Von Adler packte mit beiden Händen den gusseisernen Pfeiler und hielt sich daran fest. Im selben Moment gellte aus der Tiefe ein gewaltiger Schmerzensschrei.
***
»Wieder nichts. Absolut nichts.«
Philippe Mousson, der Steuermann, knallte den Telefonhörer auf die Gabel an der Wand.
»Auch nicht auf diesem verdammten Handy. Nur wieder dieses Summen. Genau wie vorhin, als ich versucht habe, die Hafenbehörde zu erreichen. Weiß der Teufel, was das ist.«
Der Kapitän hob schweigend den Kopf. Er sprach nur selten. Das war seine Natur. Tiefe Falten furchten seine Stirn.
»Was sehen Sie mich so an, Captain?« Mousson ging nervös im Kommandostand auf und ab. Seine Kiefer mahlten. »Ja, ich weiß, da rede ich davon, dass Leonid Brovny der beste Maschinist ist, der mir je auf den sieben Meeren begegnet ist… nur damit uns ein paar Minuten später der halbe Kahn um die Ohren fliegt. --- Ein Unfall? --- Nein, das glaube ich nicht. Das heißt, mit Glauben hat das nichts zu tun, ich weiß es. So, wie Sie es wissen…« Mousson blieb stehen und sah dem Kapitän
fest in die Augen. »Und Sie wissen auch, Captain, dass es nicht viel gibt, wovor ich mich fürchte.« Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht.
»Dass die Elmsfeuer nicht sinken wird, ist das eine… aber… was tun wir, wenn wir diesmal… Brovny…? Herrgott, wir haben noch nicht einmal den Hafen verlassen… ich muss sofort hinunter in den Maschinenraum und nachsehen, was passiert ist. Vielleicht kann ich dort etwas tun…«, er schlug die Hände vor die Augen, »… hoffentlich noch etwas tun. Und Mommsen sage ich, er soll sich um die Passagiere kümmern. Er ist ein guter Mann.« Mousson hielt inne. »Wie meinen, Captain? Ruhe bewahren? Hm, Ruhe bewahren. Das ist schön gesagt. Ich will versuchen, mich daran zu halten.« Er sah auf die Uhr über der Tür. »In knapp zwei Stunden wird es dunkel. Dann, spätestens, sollten wir… auslaufen. Zwei Stunden. Nicht viel Zeit… und wir können auf Jemanden wie Brovny nicht verzichten…«
Der Kapitän schloss die Augen.
»Ja, Sie haben Recht, Captain, da stehe ich hier und jammere wie ein Kadett, während die Uhr rückwärts läuft. Möge Irgendwer oder Irgendwas unserer armen Seelen gnädig sein… oder zumindest dem, was davon noch uns gehört…« Mousson nahm seine Mütze vom Kopf und fuhr sich nervös durch das angegraute Haar. Dann straffte er seine Haltung und machte auf den Absätzen kehrt. Ohne noch einmal zurückzublicken, verließ er die Brücke und stieg hinab in den Bauch des Schiffs.
***
So markerschütternd war der Schrei gewesen, dass er noch immer in den Köpfen der Anwesenden nachhallte.
War das wirklich der Laut eines Menschen gewesen? Er hatte vielmehr geklungen wie der eines Tieres.
Das junge Paar kauerte zitternd neben der Tür zu von Adlers Kabine. Das Deckenlicht zuckte. Als das Klingeln der Alarmglocke verstummte, war es still.
Nur das stählerne Knacken des Schiffs war noch zu hören.
»W… werden wir… sinken…? Die Stimme der Frau erstarb.
Der Mann griff nach ihrer Hand und drückte sie sanft. »Nein… bestimmt nicht… wir werden nicht sinken…«
Im Gesicht der Frau schien für einen Moment die vertrauensvolle Miene eines Kindes auf, das sich in Begleitung seines Vaters sicher weiß. Der Mann fuhr mit belegter Stimme fort: »Wenn das Schiff… ernsthafte Probleme hätte, wäre bestimmt schon jemand gekommen, um uns… in Sicherheit zu bringen.«
»Glaubst du wirklich?«
Er nickte und versuchte ein Lächeln. »Noch fahren wir ja nicht.«
Das Vertrauensvolle im Gesicht der Frau erlosch. »Aber… was ist, wenn der, der uns in Sicherheit bringen sollte, dort drüben… neben der Säule liegt… bewusstlos?« Ihr Blick ging hinüber zu von Adler, die wieder an Mommsens Seite kniete. »Er… ist… doch nicht…?« Sie erhielt keine Antwort.
Von Adler zerrte an der Krawatte des Stewarts und öffnete seinen oberen Hemdknopf. Ein leises Seufzen entwich seiner Brust. Von Adler horchte auf. »Mommsen, mein Lieber… hören Sie mich? Na los, kommen Sie wieder zu sich! --- »Mommsen…?« Sie schlug ein weiteres Mal gegen Mommsens Wange und fächelte ihm Luft zu. »Mommsen…?« Ein schwaches Wimmern war zu hören. Sekunden später begann ein Arm zu zucken, einmal, zweimal, dann das linke Bein. Von Adler rüttelte sanft an beiden Schultern. In Mommsens Kehle gurgelte es. Seine Lider flatterten, die Lippen öffneten und schlossen sich schmatzend. Alle hielten den Atmen an. Ein Röcheln noch, dann, heiser, erklang Mommsens Stimme: »Es… lag… wirklich nicht in meiner Absicht… gnädige Frau… vor ihrer Kabinentür… für Tumult…«
Unter von Adlers verrutschtem Schleier war ein Lächeln zu sehen.
»Mommsen«, sagte sie, »zäh wie Leder… nicht wahr?«
»Und hart wie Kruppstahl«, kam es leise zurück.
Vorsichtig schob von Adler eine Hand unter Mommsens Kopf und hob ihn leicht an. In Zeitlupe schlug Mommsen die Augen auf und murmelte »Mommsen. Erster Stewart an Bord der Elmsfeuer. Zu Ihrer Verfügung.«
***
»Hm, ziemlich überschaubar, der technische Fuhrpark, den wir hier zur Verfügung haben… ich meine… ich habe mir natürlich gedacht, dass hier alles eine Nummer kleiner ist… aber… so klein…? Andererseits… was soll auf einem Schiff wie diesem schon groß passieren? Um die Seekrankheit zu behandeln, brauchen wir schließlich keinen vollausgestatteten Operationssaal… hab ich recht?«
Dr. Johnny Elm saß auf der mit weißem Krepp bezogenen Liege in der Krankenstation der Elmsfeuer und knöpfte langsam sein Hemd auf.
Dann nahm er die Elektroden des EKGs, das auf einem kleinen fahrbaren Wagen neben ihm stand, befestigte die Saugnäpfe sorgfältig an seiner Brust und schaltete das Gerät ein. Es knackte mehrmals kurz hintereinander, dann ließ sich ein gleichmäßiges Piepen vernehmen, und seine Herzfrequenz wurde in grünen Wellenlinien auf dem Bildschirm sichtbar. Er wiederholte: »Hab ich recht, Frau Hoy?«
»Lorna.«
»Wie bitte?«
»Haben wir uns nicht vorhin darauf geeinigt, dass Sie `Lorna´ zu mir sagen… und `Du´? Ich komme mir sonst wie eine alte Frau vor. Frau Hoy können Sie mich gerne in neun Jahren nennen, wenn ich 30 bin.«
»Ach so?« Johnny grinste amüsiert. »30 ist für Sie schon alt? Was bin ich denn dann in Ihren Augen… mit meinen 32 ½?«
Lorna zuckte lächelnd mit den Schultern.
»Meine Erfahrung hat gezeigt«, fuhr Johnny gut gelaunt fort, »dass es einem Arbeitsverhältnis zuträglicher ist, wenn man eine gewisse professionelle Distanz wahrt… und deshalb werde ich Sie vielleicht doch lieber siezen.«
Lornas Lächeln verschwand. »Ganz wie Sie meinen. Was machen Sie da eigentlich gerade, Herr Dr. Elm?«
»Was ich hier mache? Sieht man das nicht? Ich kontrolliere das EKG. Traue keinem Gerät, dass du nicht vorher eigenhändig manipuliert hast! Diese Weisheit stammt übrigens von meinem Doktorvater: Professor Maximilian Block. Sie haben bestimmt schon von ihm gehört. Ein überaus kluger und warmherziger Mensch… und trotzdem ein sehr guter Arzt. Es gibt keine Krankheit, die er nicht kennt. Und wenn er etwas nicht kennt, dann ist es keine Krankheit.« Johnny lachte. »Aber Scherz beiseite. Er und ich siezen uns auch… und sind zeit meiner Ausbildung sehr gut damit gefahren…« Er wandte sich wieder dem fiependen Apparat zu. »Ein Puls von 71… wer sagt´s denn? Lehrbuchmäßig… nein… sogar einen Deut besser als lehrbuchmäßig…« Johnny drehte an ein paar Knöpfen, wischte mit einem Tupfer aus Verbandsmull den Staub vom Bildschirm und betrachtete zufrieden sein Werk. Dann beobachtete er schweigend die Krankenschwester, die mit geübten Handgriffen das Behandlungsbesteck zählte und in dafür vorgesehene Fächer einsortierte. »Sie ist ganz schön jung für so einen Job«, dachte er. Aber was hieß schon `jung´? Er war mit seinen Anfang 30 selbst nicht gerade im klassischen Alter für Schiffsärzte. Seine ehemaligen Kollegen hatten ihm geschlossen davon abgeraten, die sichere Klinik zu verlassen. Nur Professor Block nicht. Block hatte verstanden, dass seinem besten Assistenten keine Wahl blieb, als diesen ungewöhnlichen Weg zu gehen. Also hatte er ihn ziehen lassen, wissend, dass ihm eine glänzende Krankenhauslaufbahn bevorgestanden hätte. Aber vielleicht kam er ja irgendwann zurück.
Lorna hob eine zu Boden gefallene Pinzette auf und legte sie in den Behälter für Besteck, das sterilisiert werden musste. Dabei rutschte ihr eine Haarsträhne ins Gesicht. Achtlos strich sie diese zurück hinter das Ohr. »Und sie ist außergewöhnlich hübsch…« Johnny seufzte. Mit dem Tupfer, den er noch immer in der Hand hielt, wischte er sich über die brennenden Augen und schnäuzte sich leise. Lorna drehte ihm glücklicherweise den Rücken zu und klapperte so laut mit ihren Utensilien, dass sie von seiner melancholischen Anwandlung nichts mitbekam.
Plötzlich veränderte sich das gleichmäßige Piepen des EKGs. Es wurde schneller. Johnny sah überrascht auf. Die Amplitude auf dem Bildschirm zeigte ungewöhnlich starke Ausschläge. Sein Puls stieg langsam, aber stetig an: 82 Herzschläge pro Minute… 94…106…114… 122…
Lorna ließ von ihrer Arbeit ab und drehte sich irritiert um. Sie sah Johnny, der nach wie vor auf der Liege saß und mehr fasziniert als beunruhigt die Anzeige vor sich betrachtete.
»Was machen Sie denn mit dem EKG, Dr. Elm?«
»Gar nichts. Die Frage muss eher lauten: Was macht das EKG mit mir?«
»Wie bitte?« Lorna kam besorgt näher.
»Sehen Sie selbst, das ist wirklich höchst seltsam. Wenn man diesen Werten hier glauben schenken darf, habe ich momentan einen Herzschlag von 178… und darüber hinaus… Vorhofflimmern.« Er fasste sich irritiert an die Halsschlagader. »Allerdings… fühle ich mich… ganz normal…«
Lorna zog skeptisch die Stirn in Falten. »Dann stimmt etwas mit dem Apparat nicht. Komisch. Bis eben ging er doch noch. Lassen Sie mich mal sehen!« Sie ging um die Liege herum und klopfte mit den Fingerknöcheln auf das Gehäuse. Ohne Ergebnis. »Und Sie sind sicher, dass Sie das mit dem `Manipulieren´ nicht zu wörtlich genommen haben?« Johnny schüttelte verwirrt den Kopf. Sein Herz raste offenbar mit 192 Schlägen pro Minute. Lorna überprüfte die Kontakte an seiner Brust. Sie fand keine Auffälligkeiten. Alles war vorschriftsmäßig verkabelt.
»Da!«, hauchte Johnny im selben Moment und deutete auf den Bildschirm. Nicht zu fassen… Asystolie… Herzstillstand!« Tatsächlich zeigte die Kurve keinen Ausschlag mehr. Das hektische Piepen ging in einen schrillen Dauerton über.
Gleich darauf wurde es von gewaltigem Lärm überdeckt. Lorna riss erschrocken die Arme in die Höhe. »Oh… mein… Gott… was… ist… das…?« Sie taumelte rückwärts und krallte sich haltsuchend an Johnnys nacktem Oberkörper fest, während das ganze Schiff bebte.
***
»Mommsen, da sind Sie ja. Sollten Sie sich nicht um unsere Passagiere kümmern, anstatt hier herumzuliegen?« Mousson war, so schnell er konnte, die schmale Treppe zum Kabinentrakt hinuntergestiegen. Von dort führte ein schmaler Korridor zu einer Metalltür, über die man den Maschinenraum zwei Decks tiefer erreichte.
Der im flackernden Zwielicht benommen daliegende Stewart, das verstörte Ehepaar und die als Einzige gefasst wirkende Baronesse von Adler hatten ihn für einen Moment irritiert. Doch Mousson war kein Mann, der sich von Unvorhergesehenem aus der Ruhe bringen ließ.
Unsicherheit verbat sich in seiner Position von selbst; und falls sie ihn doch einmal befiel, wusste er sie hinter einer rauen Schale gut zu verbergen.
»Madame… ist bei Ihnen alles in Ordnung?« Er gab von Adler die Hand und half ihr beim Aufstehen. »Ja. Danke. Mir geht es gut.«
Mousson drehte sich um. »Und Ihnen…?« Die junge Frau und der Mann erhoben sich schwerfällig vom Boden. In ihren Gesichtern lag Erleichterung darüber, dass sich nun endlich Jemand ihrer annahm.
Mousson musterte beide von oben bis unten, klopfte dem Mann beruhigend auf die Schulter und ging mit geraffter Uniformhose in die Hocke. »He, Mommsen! Ich bin es: Philippe Mousson… Ihr Erster Offizier. Erkennen Sie mich?« Sein Blick fiel auf die Flasche Cognac, die neben Mommsen auf dem Boden lag, und seine Miene wechselte von Besorgnis zu Strenge. »Das darf doch nicht wahr sein, Mommsen, sind Sie besoffen?« Er roch am Atem des Stewarts. Von Adler trat aus dem Schatten der Säule. »Die Flasche habe ich bei Herrn Mommsen bestellt. Er war gerade auf dem Weg zu mir, als es zu diesem… Zwischenfall kam.« Sie nahm Mousson den Weinbrand aus der Hand. »Herr Mommsen ist in Ausübung seiner Pflicht mit dem Pfeiler hier kollidiert.« Mommsen lallte etwas Unverständliches. Mousson half ihm, sich aufzurichten und lehnte ihn sitzend gegen die nächste Wand. »Das wird schon, Mommsen. Ruhen Sie sich noch ein Weilchen aus und melden Sie sich, sobald Sie wieder stehen können, auf der Brücke.« Er erhob sich, legte die linke Hand an die Hosennaht und führte die rechte zum Gruß an die Schläfe. »Entschuldigen Sie mich bitte. Der Maschinenraum wartet.« Eilig setzte er sich in Bewegung, doch der verängstigte Blick der jungen Frau ließ ihn noch einmal innehalten. Mit um Wärme bemühter Stimme sagte er: »Machen Sie sich keine Sorgen… ich kann Ihnen versichern, dass die Elmsfeuer bereits ganz andere Manöver… heil überstanden hat. Vorerst besteht keine…« Ein lauter Schlag unterbrach ihn. Alle Köpfe fuhren herum. Das Geräusch kam von der Eisentür am Ende des Korridors. Ein zweiter Schlag folgte. Jemand versuchte von der anderen Seite, die Klinke der Tür herunterzudrücken. Wieder krachte es dumpf, dann wurde die Tür tatsächlich mühsam aufgeschoben.
Die junge Frau tat einen unterdrückten Aufschrei. Ihr Mann wurde wieder bleich. Selbst Mousson schien einen Moment lang unschlüssig, was er tun sollte. Dann ging er auf die Gestalt zu, die sich stöhnend im Türstock festhielt. »Um Gottes Willen, Brovny! Bleiben Sie, wo Sie sind! Ich komme und helfe Ihnen.«
Es war der Maschinist der Elmsfeuer, der taumelnd dort vor ihnen stand. Sein Gesicht war zu einer Grimasse verzerrt. Als Mousson ihn erreichte und den schweren Mann unter den Schultern packte, um zu verhindern, dass er einfach umkippte, schrie dieser laut auf. Sein linkes Bein, das konnten alle sehen, war mit mehreren groben Lappen umwickelt. Durch den Stoff sickerte Blut. Viel Blut. So viel, dass es an einigen Stellen bereits auf den Boden sickerte. Mousson versuchte keuchend, den Verletzten aufrecht zu halten und gleichzeitig das verwundete Bein zu entlasten. Doch bei jeder Bewegung heulte Brovny vor Schmerz wie ein waidwundes Tier.
»In drei Teufels Namen, Brovny! Was ist passiert?« Mousson schob sich mit blutverschmierter Hand die Offiziersmütze in den Nacken.
»Blut… es ist… alles voller Blut«, stammelte die junge Frau. Ihr Atem ging flach und stoßweise. Ihr Mann starrte apathisch auf die dunkelrote Lache, die sich langsam über den Fußboden ausbreitete. Er schien wie gelähmt.
Von Adler hob rasch die Cognacflasche auf, entkorkte sie und reichte sie Mousson. »Hier… geben Sie Herrn Brovny einen Schluck davon. Das wird ihn beruhigen.«
Brovny stierte glasig in von Adlers Richtung. Gierig griff er nach der Flasche, nahm hastig einen tiefen Schluck, ächzte, setzte erneut an und soff wie ein Verdurstender ein Viertel ihres Inhalts aus. Als er nicht mehr konnte, begann er zu wimmern: »Ro-si-na…«
Die junge Frau hauchte: »Ich… glaube… mir wird…« Dann kippte sie um. Dem Mann gelang es gerade noch, sie aufzufangen. So sanft wie möglich ließ er sie zu Boden gleiten und lagerte ihre Füße auf einem der beiden Rucksäcke. Fahrig strich er ihr das wirre Haar aus dem Gesicht. Dabei sah er aus, als müsse er sich selbst jede Sekunde übergeben.
Mousson hatte derweil genug damit zu tun, den verletzten Brovny bei Bewusstsein zu halten. Er brüllte ihm ins Ohr: »Brovny, bleiben Sie hier! Hören Sie? Was ist mit Rosina? Ist ihr etwas passiert? Brovny?
Verstehen Sie mich?«
Der Maschinist stöhnte, kaum verständlich: »Weg. Sie ist weg.«
»Wie… weg? Sie kann doch nicht verschwunden sein. Wir sind hier auf einem Schiff.« Mousson schlug Brovny mit dem Handrücken ins Gesicht.
»Los, reden Sie schon!« Er packte ihn noch fester unter den Armen, um ihn nicht fallen zu lassen. Brovny verdrehte die Augen.
»Brovny, verdammt, ist Rosina bei der Explosion etwas zugestoßen?« Statt zu antworten, fuhr Brovny sich mit dem öligem Ärmel mehrmals unkontrolliert über das Gesicht und schrie, verzweifelt, laut, dass es in den Fluren widerhallte: »Ro-si-na!« Dann sank sein Kopf auf die Brust und sein Körper erschlaffte. Fast wäre er Mousson aus den Händen gerutscht.
»Brovny… zum Teufel! Bleiben Sie bei uns! --- Brovny!« Moussons Schuhe tappten schmatzend in eine Pfütze gerinnenden Blutes.
»Scheiße, das ist ja das reinste Schlachtfest.« Er drehte sich um.
»Mommsen, nehmen Sie meine Jacke! Wir müssen sein Bein unterhalb der Leiste abbinden. Der Mann verreckt uns sonst an Ort und Stelle. --- Mommsen!«
Mommsen versuchte, sich aufzurappeln, und brabbelte dabei wirres Zeug.
»Warten Sie, ich helfe Ihnen!« Von Adler zerrte Mousson die Jacke von Schulter und Armen und schlang sie, so fest es ging, um Brovnys Oberschenkel. »Sehr lange wird das nicht halten, fürchte ich.«
»Wir brauchen dringend einen Arzt«, presste Mousson zwischen den Zähnen hervor, während er seine Stabtaschenlampe in den Jackenknoten schob und sie wie einen Schraubstock drehte. »Die Krankenstation liegt nur ein Deck tiefer. Bis dahin kann ich ihn vielleicht schleppen. Verdammt, haben diese Russen schwere Knochen.« Er wuchtete sich mit von Adlers Hilfe den reglosen Körper auf den Rücken und hielt ihn an beiden Armen fest. Dann setzte er sich wankend in Bewegung. Auf dem rostigen Metallboden zog er dabei eine dunkle Blutspur hinter sich her. »Madame… wä…ren… Sie… so… freundl…«
Von Adler nickte. »Ja, ich kümmere mich um die anderen.« Sie warf einen Blick auf das verstörte Ehepaar und den völlig desolaten Stewart.
»Sehen Sie lieber zu, dass Sie… nun ja… «
Beim letzten Wort war die schwere Eisentür bereits krachend hinter Mousson und Brovny ins Schloss gefallen. Der Steuermann holte tief Luft, packte Brovnys Unterarme, so fest er konnte, und nahm tastend die erste Stufe, die zum nächsttiefer gelegenen Deck führte.
***
Die Tür zur Krankenstation wurde krachend aufgestoßen. Jemand, den Johnny nicht kannte, brüllte ihm etwas entgegen, das er zunächst nicht verstand. Als er glaubte zu wissen, was der Andere von ihm wollte, entgegnete er ruhig, wie er es sich auf der Unfallambulanz antrainiert hatte: »Ja. Ich bin Arzt. Elm. Dr. Johnny Elm. Was ist passiert?”
In dem kleinen, beinahe quadratischen Raum mit den zwei Bullaugen sah es aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Medizinisches Gerät war aus Regalfächern und Schubladen gefallen und lag verstreut auf dem Boden. Zu Bruch gegangene Ampullen und Fläschchen ergossen ihren Inhalt über lose Papiere und Verbandsmaterial.
Mousson nahm von dem Chaos um sich herum wenig wahr. Er packte Brovny, der vor Schmerzen immer wieder das Bewusstsein verlor, wuchtete den schweren Körper von sich herunter und ließ ihn unsanft auf die Liege vor sich sacken. Brovny ächzte auf. Mousson wischte sich erschöpft den Schweiß von der Stirn. Seine Wirbelsäule brannte wie Feuer. »Meinen Sie… was generell passiert ist… oder mit ihm hier?« Johnny zuckte unschlüssig mit den Schultern, und Mousson fuhr heftig atmend fort: »Im Maschinenraum… muss es eine Verpuffung gegeben haben, mit einer ziemlichen… Druckwelle. So… oder so ähnlich jedenfalls. Sicher ist, dass er…«, bei »er« deutete er auf Brovnys blutdurchtränkten Verband, »bei der ganzen Sache mit seinem Bein zur falschen Zeit am… falschen Ort war.«
Johnny beugte sich über den Verletzten und schaltete sein Gehirn in den Notfallmodus. »Um wen handelt es sich bei dem Patienten?« Er hatte in seiner kurzen Laufbahn bereits mit vielen Schwerverletzten zu tun gehabt. Für keinen von ihnen war er jedoch alleine verantwortlich gewesen. Bis zu diesem Moment.
»Patient?« Mousson lachte kehlig. »Das ist Leonid Brovny, der Maschinist der Elmsfeuer, und wenn wir noch ein Weilchen hier stehen und plaudern, gibt es nicht mehr viel, was wir für ihn tun können.«
»Sie haben Recht«, Johnnys Körper spannte sich, »wir dürfen keine Zeit verlieren.« Er streifte sich ein Paar Latexhandschuhe über und begann, die Bandagen des Verletzten zu betasten. Dabei sprach er mehr zu sich selbst: »Patient verliert viel Blut.« Er täschtelte Brovny die Wange. »Hallo? Herr…?«
»Brovny«, raunzte Mousson. Johnny ließ sich von dem rauen Ton nicht beeindrucken. Aus dem OP war er rüde Umgangsformen gewohnt. »Herr Brovny? Können Sie mich verstehen?« Der Angesprochene ließ ein leises Stöhnen hören. »Ro-si-na.« Seine Augen blieben geschlossen.
Unter den Lidern zeichnete sich die Bewegung irrlichternder Augäpfel ab.
»Patient ist kaum bei Bewusstsein. Vermutlich Volumenmangelschock«, murmelte Johnny und drehte sich hilfesuchend um. »Frau Hoy, ich brauche eine Verbandsschere. Schnell.« Er legte Zeige- und Mittelfinger auf die Arterie an Brovnys Handgelenk und hielt die Luft an. Lorna nickte knapp und beugte sich unter einen der Stühle, wo Teile des verstreuten Bestecks lagen. Johnny nahm derweil das Blutdruckmessgerät aus der Tasche seines Kittels und fixierte die Manschette an Brovnys Oberarm. Niemand sprach, während er die Luftpumpe betätigte. Wenig später waren nur das Zischen entweichender Luft und Brovnys rasselnder Atem zu hören. Johnny nahm das Stethoskop von den Ohren. »Vitalfunktion schwach messbar. Blutdruck 90 zu 60, er ist stark tachykard. Wir müssen unbedingt seinen Kreislauf stabilisieren. Der Blutverlust ist massiv… von den Schmerzen nicht zu reden… Frau Hoy, machen Sie bitte eine Infusion mit Ringerlösung fertig und geben Sie dieses Schmerzmittel hier bei! Beeilen Sie sich! Wir haben keine Zeit.«
Mit der Schere fuhr er unter die erste Lage des blutdurchtränkten Verbands. »Herr Brovny? Können Sie mich verstehen?« Brovny seufzte leise. »Ich schneide jetzt Ihren Verband auf, um mir die Verletzung anzusehen.« Die Scherenblätter waren außerordentlich scharf. »Mmh, das sieht nicht gut aus, gar nicht gut… haben Sie eine Ahnung, was das für Tücher sind, Herr…?«
»Mousson. Philippe Mousson. Ich bin der Erste Offizier.« Mousson sah Johnny über die Schulter. Sein linkes Augenlid zuckte nervös. Johnny löste die oberste Verbandsschicht und ließ den von Blut und Schmutz geschwärzten Stoff in einen Plastikeimer fallen. »Puh, das Zeug starrt ja vor Dreck…«
Mousson sog pfeifend Luft durch die Nase. »Sieht aus wie Öllappen. --- Was denken Sie, Doktor? Kommt er durch?«
»Schwer zu sagen. Ich… muss… zunächst einmal den Verband abbekommen, ohne die Wunde… zu vergrößern. Das ist… leichter gesagt als…« Die Klingen der Schere verbissen sich in die zweite Verbandsschicht.
»Wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann…« Mousson wischte sich kalten Schweiß von der Stirn.
»Ja, das können Sie. Nehmen Sie zusammen mit Frau Hoy die Arme und das gesunde Bein und halten beides fest. Und ich meine wirklich: fest!« Mousson stolperte an das Kopfende der Liege, nahm Brovnys Handgelenke und presste sie grob gegen das Polster. Lorna tat dasselbe mit dem rechten Bein. Inzwischen hatte Johnny die vorletzte Stoffschicht erreicht. Der Maschinist wand sich stöhnend. »Ro-si-na.« Sein Brustkorb hob und senkte sich in kurzen Abständen.
»Rosina?« Johnny sah verwundert auf. »Das sagt er nun schon zum wiederholten Mal. Haben Sie eine Ahnung, wen er damit meint?«
»Mmh, Rosina ist seine sechsjährige Tochter. Wir haben Sie mit an Bord… und…«
»Ein sechsjähriges Mädchen?« Lorna hob erschrocken die Hand vor den Mund. Johnny zog die Stirn in Falten. »Ist dem Kind bei der Detonation etwas… ich meine…?«
»Nein, ich glaube nicht, dass… Brovny sagt, sie sei verschwunden…« Johnny unterbrach ihn. »Sie glauben nicht…?«
Moussons Miene verfinsterte sich. »Mit Verlaub, Doktor, wären Sie schon etwas länger auf diesem Schiff als ein paar Stunden, wüssten Sie, dass…«
Johnny zog mit einem Ruck den letzten Verbandsrest von Brovnys Bein. Dieser schrie auf. Johnny kniff die Augen zusammen und ließ zischend Luft durch die Lippen entweichen. Der sonst so hartgesottene Mousson wandte den Blick ab. Johnny wischte sich mit dem rechten Unterarm über die feuchtglänzende Stirn. Sein Blick streifte Lorna. »Frau Hoy, ist bei Ihnen alles in Ordnung?«
»Ja, ja – alles in Ordnung. Es ist nur…«
»Ja«, ergänzte Johnny, »es… ist… auch bei weitem schlimmer… als ich erwartet hatte…« Er beugte den Kopf wieder über das verletzte Bein und zog die Arbeitslampe zu sich heran. Was im hellen Lichtschein vor ihm lag, war selbst für seine an Extremen geschulten Sinne eine Herausforderung. Mechanisch murmelte er: »Sieht nach einer vollständigen Quetschung der linken unteren Extremität aus, vermutlich multiple Fraktur von Tibia und Fibula… bei gleichzeitiger Zerstörung des gesamten Muskel- und Bänderapparats…« Er betastete mit einem Spatel die breiige Masse aus zusammengeschnurrter Haut, grobkörnigem Fettgewebe und Muskelmasse. Das, was noch vor einer Stunde ein gesundes Körperteil gewesen war, befand sich nun in einem derart schlimmen Zustand, dass Johnny mit dem Spatel vereinzelte Nervenstränge anheben konnte, als seien es die gerissenen Saiten einer Gitarre.
»Und was bedeutet das nun?« Mousson zog seine Mütze vom Kopf und fuhr sich ratlos durch das Haar.
Johnny sah zu der hochgewachsenen Gestalt auf. »Das bedeutet, dass das Bein… selbst bei einem vollausgestatteten Operationssaal…« Er besann sich. »Frau Hoy… wählen Sie bitte sofort den Notruf! Noch sind wir im Hafen. Wir brauchen umgehend ein Rettungsteam… sonst stirbt uns der Mann unter den Händen weg…«
»Das… ist… Ihre Prognose?« Moussons Stimme klang fahl, während Lorna sich den Telefonhörer ans Ohr presste.
»Ja. Das ist die Prognose.« Johnny pumpte erneut die Blutdruckmanschette an Brovnys Oberarm auf und sah hinüber zu Lorna. »Was ist? Geht niemand ran?« Lorna entgegnete nichts und lauschte.
»Das kann nicht sein. Das ist schließlich die Nummer der Rettung«, brüllte Johnny sie an.
Lorna schüttelte den Kopf. »Die Leitung scheint gestört zu sein.« Sie legte hastig auf und wählte erneut. »Nichts. Nur ein Summen.«
»Summen? So eine verdammte… hier… nehmen Sie mein Handy…« Er schleuderte das Telefon durch die Luft und setzte sich das Stethoskop wieder auf die Ohren. Langsam entwich die Luft aus der Manschette.
»Blutdruck fällt weiter. --- Scheiße!« Mit leisem Klopfen tropfte ein unappetitliches Gemisch aus Blut und öligem Schleim von der Liege auf den Boden.
Lorna ließ das Mobiltelefon sinken. »Hier auch. Keine Verbindung. Nur dieses Summen.«
»Wie vorhin auf der Brücke«, murmelte Mousson und setzte die Mütze wieder auf. Dann knetete er seine Hände, bis die Knöchel weiß hervortraten. »Herzfrequenz 138.« Johnny betätigte ein weiteres Mal die Luftpumpe.
Brovny stöhnte. Mit den Händen griff er wirr in die Luft, als erwehre er sich eines unsichtbaren Gegners. »Ro-si-na.«
»Herr Mousson, halten Sie Herrn Brovny bitte fest. Frau Hoy, wir müssen ihm mehr Schmerzmittel geben… und hoffen, dass uns sein Kreislauf dadurch nicht vollständig absackt. Hier, nehmen Sie! Hm… warten Sie, ich mache es selbst…« Mit geübtem Griff köpfte er eine Ampulle und zog den Kolben einer Spritze zurück. »Frau Hoy, messen Sie bitte im Halbminutentakt Puls und Blutdruck. Wir dürfen ihn nicht verlieren. Und ich… muss eine Entscheidung fällen…«
»Eine Entscheidung…?« Mousson unterbrach das Kneten seiner Hände.
»Ich denke, uns bleibt in dieser Situation kein Spielraum, wenn wir Herrn Brovnys Leben retten wollen…« Johnny sah Lorna fest in die Augen. Sie erwiderte seinen Blick und nickte kaum merklich. Ein sonderbares Gefühl von Wärme durchströmte ihn. Die einzige Möglichkeit, die ihnen blieb, musste die richtige sein. Johnny räusperte sich leise, und man merkte seiner Stimme die innere Zerrissenheit nicht an, als er sagte: »Wir werden amputieren.«
***
»Glaubst du, dass wir uns richtig entschieden haben?« Die junge Frau zog ein Bündel T-Shirts aus ihrem Rucksack und sortierte sie gedankenverloren vor sich auf der Bettdecke.
»Wie meinst du das… richtig?« Ihr Mann saß auf der anderen Seite des schmalen Doppelbetts in der kleinen Kabine und drehte seinen Oberkörper in ihre Richtung.
»Ob es die richtige Entscheidung war, unsere Flitterwochen nicht auf einer ruhigen, warmen Insel zu verbringen, sondern auf diesem Schiff.« Der Mann legte die Bordkarten, die er gerade in den Händen hielt, auf dem abgestoßenen Nachttisch ab und ließ sich hintenüber auf die Laken fallen. »Hm, Gegenfrage: Waren wir nicht beide der Meinung, dass wir mit Ende Zwanzig noch nicht reif für einen Rentnerurlaub sind? So viel jedenfalls zu Gran Canaria…« Er machte eine kurze Pause. »Was wir über die Elmsfeuer gehört haben, klang doch ziemlich gut, oder nicht?
Eine Schifffahrt von Hamburg über Irland nach Island – zu einem Preis, für den man auf einem richtigen Kreuzfahrer noch nicht einmal die Besenkammer haben könnte.« Er grinste zufrieden über das vermeintliche Schnäppchen.
»Tja, sehr viel anders als in der Besenkammer eines Kreuzfahrtschiffes sieht es hier, ehrlich gesagt, auch nicht aus.« Die Frau rümpfte die Nase.
»Na ja, das liegt aber vor allem daran, dass bei der kleinen Erschütterung vorhin alles ein bisschen durcheinander geraten ist. Wenn wir erst einmal ausgepackt und uns hier häuslich eingerichtet haben, sieht das meiste bestimmt schon ganz anders aus.«
»Kleine Erschütterung? Dafür warst du aber ziemlich blass um die Nase…«
»Pfff, blass. Mein Körper muss sich nur ein bisschen an die Seeluft gewöhnen, das ist alles. Was ist denn nur aus deiner Abenteuerlust geworden?« Er sah sie herausfordernd an, und sie ließ sich ebenfalls nach hinten sinken. Ihre Köpfe lagen nun nebeneinander.
»Meinst du mit…«, sie zeichnete mit den Fingern ein Paar Gänsefüße in die Luft, »`Abenteuer´ eventuell bewusstlose Stewarts…?«
Der Mann gluckste: »Putzi…«
»… oder blutüberströmte Wer-auch-immer… die wie Tiere beim Schlachter brüllen…« Die Frau schüttelte sich, als sie an den fürchterlichen Auftritt in dem dunklen Korridor dachte. Ihre Augen bekamen einen feuchten Glanz. »Ob es dem Mann inzwischen wieder besser geht…?«
»Jaaa… bestimmt, der Erste Offizier, Moustache… oder wie er heißt… hat doch einen relativ kompetenten Eindruck gemacht…«
»Ja, wenn `relativ kompetent´ nur ausreicht, um uns heil ans Ziel zu bringen…«
Der Mann wechselte von der Rücken- in die Bauchlage und ließ die Finger der linken Hand zärtlich über den Bauch seiner Frau gleiten. Er wirkte plötzlich ein wenig unsicher. »Was sollen wir denn deiner Meinung nach tun? Die Reise abbrechen, jetzt schon?«
»Neiiiin…« Sie zog einen Schmollmund und rollte sich in seine Arme. »Du hast ja recht… wir werden ab jetzt bestimmt eine tolle Reise haben… und wundervolle Flitterwochen.«
Er küsste sie zärtlich auf die Wange. Sie schmiegte sich noch fester an ihn und imitierte dabei das wohlige Schnurren einer Katze, was er zum Anlass nahm, sein romantisches Bemühen zu verstärken. Er rieb seinen Körper sanft an ihrem und brummte: »Was hältst du davon, wenn wir vor den Rucksäcken erst noch etwas ganz anderes auspacken?«
Sie grinste. »Bist du sicher, dass du dazu schon wieder in der Lage bist…?«
»Ich werde dir gleich zeigen, wozu ich schon wieder in der Lage bin…« Er vergrub sein Gesicht in ihrer Halsbeuge und fuhr mit der Hand langsam unter ihren Pullover. Sie ließ ein heiseres Kichern hören, schloss die Augen und durchpflügte mit beiden Händen fordernd seine dichten schwarzen Locken. Als seine Zunge gierig in ihr Ohr glitt, stöhnte sie leise auf.
Für einen kurzen Moment öffnete sie die Lider, nur einen Spalt breit – und jeder Ausdruck von Verlangen fiel schlagartig aus ihrem Gesicht. Ihr Körper versteifte sich. Mit geweiteten Pupillen starrte sie auf die gegenüberliegende Wand.
Der Mann registrierte die plötzliche Veränderung und löste sich widerwillig aus der weichen Halsbeuge. »Was ist?«, ächzte er, »wieso hörst du auf?« Die Erregung verlieh seinem Blick etwas Dümmliches.
»Da… da drüben?«
Er drehte sich um. Der abrupte Stimmungswandel war ihm alles andere als geheuer. »Wo?«
»Da drüben…«, stammelte sie erneut.
»Was ist… da drüben…? Ich sehe nichts.«
Die Frau löste sich aus seinem Griff, erhob sich und ging vorsichtig auf die Wand zu, die sie von der Nachbarkabine trennte. »Da… war gerade ein kleines Mädchen… ein Kind… und ein… ein… sie sind… hier durch die Wand…« Sie streckte ungläubig die Hand nach der verblichenen Tapete aus.
Der Mann hauchte: »Durch die Wand?«
***
Blutdruckmanschette. Skalpell. Knochensäge. Gefäßklemmen. Johnny brauchte Lorna nicht zu sagen, was er für die bevorstehende Operation benötigte. Sie kannte die Geräte und legte sie, eines neben das andere, auf der Platte des niedrigen Beistelltisches bereit. Dann rollte sie alles neben die Untersuchungsliege. Ihnen blieb nicht viel Zeit. Mit Hilfe eines Riemens staute Johnny das Blut in Brovnys linkem Arm. Sofort traten die Venen hervor. In eine davon schob er eine dicke Kanüle und legte einen zentralen Venenkatheter. Der Verletzte spürte davon nichts. Das Morphin wirkte.
Lorna reichte Johnny eine kleine, bereits geöffnete Ampulle und eine Einwegspritze. Konzentriert zog er den Kolben zurück, und die klare Flüssigkeit schoss aus dem Glasfläschchen in die Spritze. Mit einem Schnalzen des Zeigefingers entfernte er letzte Luftblasen aus dem Hohlraum und verband die Düse der Spritze mit der des Venenzugangs.
»So, dann wollen wir ihn mal vollständig ins Reich der Träume schicken«, murmelte er und injizierte langsam, Millimeter für Millimeter, das Ketamin in Brovnys Körper.
»Wenn es Ihnen recht ist, lass ich Sie jetzt alleine«, brummte Mousson. Wieder knetete er seine Hände, als seien sie ein Stück Teig. »Ich muss mir das nicht ansehen. Scheint, als wüssten Sie, was Sie tun, Doktor…« Johnny nickte. »Als wüssten Sie, was Sie tun…«, echote es in seinem Kopf.
Geräuschlos wurde die Tür geschlossen. Für einen Moment war das Zischen der sich füllenden und wieder erschlaffenden Blutdruckmanschette das einzige Geräusch im Raum. Lorna nahm das Stethoskop von den Ohren und flüsterte, um Johnnys Konzentration nicht unnötig zu stören: »Ich denke, er ist so weit. Sie können anfangen.« Wieder fühlte Johnny, wie ein seltsam warmes Gefühl ihn durchströmte. Seine Hände waren völlig ruhig. Er griff nach der zweiten Kunststoffmanschette auf dem Beistelltisch, legte sie knapp unterhalb der Leiste um Brovnys Oberschenkel und zurrte sie fest. Nach einigen Sekunden tat die Blutsperre ihre Wirkung. Das Gewebe wurde weiß.
Er sah hinüber zu Lorna, die sich das Stethoskop wieder auf die Ohren gezogen und die Finger der rechten Hand an Brovnys Arterie gelegt hatte. Sie presste angestrengt die Lippen aufeinander und nickte.
Johnny atmete tief durch. Dann setzte er das Skalpell an und tat den ersten Schnitt.
Brovny rührte sich nicht. Sein Brustkorb hob und senkte sich ruhig. Gleichmäßig arbeitete sich die scharfe Klinge durch die Hautschichten und das darunter liegende Muskelgewebe. Als der Stahl den Oberschenkelknochen erreichte, was ein kratzendes Geräusch verursachte, ging in Wellen ein Zittern durch Brovnys Körper. Tief in seiner Kehle begann es zu gurgeln. Lorna sah nervös von seinem Handgelenk auf. »Etwas stimmt nicht mit seinem Blutdruck. Und der Puls ist fast weg.«
Johnny hob das Skalpell an, wischte sich mit dem Kittelärmel den Schweiß von der Stirn und legte irritiert Zeige- und Mittelfinger auf Brovnys Halsschlagader. »Tatsächlich. Nichts.« Er schob sein Ohr an Brovnys Mund.
Kein Atem.
Zwischen seinen Augen bildete sich eine tiefe Falte. »Verdammt«, flüsterte er, »Kammerflimmern?«
***
Farben und Formen verschwammen vor Moussons Augen, als er durch Türen und enge Flure dem Maschinenraum entgegen stapfte. In ihm rumorte es. Vermutlich war der Kessel des Schiffes beschädigt. Wie schwer, das würde er in Kürze herausfinden. Doch das zu erwartende Ausmaß des Schadens war es nicht, das ihn beunruhigte. Mousson wusste, dass ein lädierter Kessel das Auslaufen der Elmsfeuer nicht verhindern würde. Es war Brovnys Zustand, der ihn umtrieb. Der Russe war der einzige an Bord, der den komplizierten Organismus des Schiffes kannte und seine Zeichen zu deuten vermochte; und nun lag er schwer verletzt auf der Krankenstation, wie schwer, das hatte Mousson eben selbst gesehen, und keiner konnte ihm sagen, ob Brovny die nächsten Stunden überstehen würde. Er beschleunigte seine Schritte. Hoch über ihm zog eine Sturmfront auf, wie er seit Ewigkeiten keine gesehen hatte. Der Donner war bis hier unten zu hören.Und noch etwas anderes arbeitete in ihm: Was war mit Rosina geschehen, Brovnys Tochter?
Hätte sich die Elmsfeuer doch nur schon draußen auf See befunden, Mousson wäre um einiges entspannter gewesen. Mochten die Wellen ruhig so hoch gehen wie ein Haus und ihren alten Kahn vor sich hertreiben wie einen Spielball. Mochten die Böen so heftig sein, dass man sich zur Arbeit an Deck festtäuen musste, es war ihm einerlei. Das Meer war sein Element, und er wusste jede Sekunde, was er zu tun hatte. Blind. Aber hier, im Hafen, kam er sich vor wie ein gestrandeter Wal, der von seinem eigenen Gewicht langsam erdrückt wurde. Es war kaum zu ertragen.
Mousson stieß eine weitere Eisentür auf. Fast war er da. Man konnte den heißen Atem aus Diesel und Schweiß, der dem Maschinenraum entströmte, bereits deutlich riechen.
Plötzlich hielt er überrascht inne. Das Telefon in seiner Jackentasche fiepte. Hatte sich diese unselige Funkstörung verflüchtigt? Er zog das Handy hervor und drückte die Rufannahme.
»Hallo? --- Ah, Captain? --- Ja, es gibt mich noch… was sich von anderen Personen auf diesem Schiff nicht ohne weiteres behaupten lässt. Wie?
Nein, das erzähl ich Ihnen besser später. Machen Sie sich keine Sorgen. Ich bin gleich unten im Maschinenraum, danach weiß ich meh…
Captain…? Hallo? --- Captain? Scheiße!« Mousson riss sich das Handy vom Ohr und sah zornig auf das Display. Der Anzeige nach war die Verbindung zur Brücke intakt. Trotzdem war nichts mehr zu hören. Er presste das Telefon wieder ans Ohr, und da war es erneut: dieses sonderbare Surren. Im Äther knackte es leise. Einmal, zweimal.
Vielleicht befand er sich diesmal auch einfach nur zu tief unten, um guten Empfang zu haben. Es knackte erneut. Dann hörte Mousson, wie aus großer Entfernung, den leiernden Ton einer alten Schallplatte, altmodische Salonmusik – und die Stimmen eines Mannes und einer Frau. Er konnte nicht verstehen, was sie sagten. Nach einer Weile jedoch wurde ihm klar, um wessen Stimmen es sich handelte: es waren die von Putzi Mommsen und Baronesse von Adler. Er hielt den Atem an. Was redeten die beiden? Und wieso taten sie es in seinem Telefon? Es kam ihm vor, als unterhielten Mommsen und von Adler sich in einer fremden Sprache; er hörte die Worte, doch ihr Sinn blieb ihm verschlossen. Hin und wieder brach Mommsens Stimme in lautes Gelächter aus. »Von dem Schlag auf den Kopf hat er sich also wieder erholt«, dachte Mousson grimmig.
Im selben Moment jedoch geschah etwas, das seine Aufmerksamkeit vollständig umlenkte. Das Deckenlicht begann nervös zu flackern. Ohne das Telefon vom Ohr zu nehmen, starrte er auf eine etwa fünf Meter entfernte Stelle des Korridors. Dort stand, ihm halb zugewandt, die kleine Rosina, Brovnys Tochter. Sie trug ihr dunkelrotes Lieblingskleid mit den weißen Punkten und schien ihn nicht zu bemerken. Wo war sie auf einmal hergekommen? Es gab dort nirgends eine Tür.
Mousson wollte auf das Mädchen zugehen, es ansprechen, als eine weitere Gestalt im Flur auftauchte. Er blieb stehen. Eine unsichtbare Kraft hielt ihn fest. Er beobachtete, wie Rosina ihre Kinderhand ausstreckte und die der anderen Person ergriff. Gleich darauf waren beide durch die nächstliegende Wand verschwunden.
Mousson wusste, wer die andere Gestalt war… doch Rosina… jemand schrie ihm durch das Telefon ins Ohr. Mousson zuckte zusammen.
»Captain? Ja. Ich bin noch da.«
***
Johnny riss Brovnys ölverschmiertes Hemd auf. Knöpfe spritzten zu Boden. Er holte eine Ellenlänge aus und hieb mit der Faust fest auf den mächtigen Brustkorb. Rippen knackten, und in der Lunge gestaute Luft entwich mit einem lauten Seufzen. Der präkordiale Schlag zeigte jedoch keine Wirkung. Johnny befühlte Brovnys Halsschlagader und versuchte, mit dem Stethoskop Herztöne einzufangen. Doch er hörte nichts.
»Defi… schnell!«, rief er, zog seinen verschwitzten Kittel aus und warf ihn achtlos beiseite.
Lorna fuhr hastig herum und suchte in dem verwüsteten Geräteschrank nach dem Defibrillator. »Wir haben kein EKG mehr, um Ihren Befund zu verifizieren«, keuchte sie. »Was, wenn es kein Kammerflimmern ist?
Dann stirbt er uns.«
Johnnys Kiefer mahlten. »Was, wenn es Kammerflimmern ist, und wir nichts tun? Dann stirbt er auch. Los, machen Sie schon, was ich sage! Und danach versuchen Sie, endlich jemanden von der beschissenen Rettung ans Telefon zu kriegen. Eins – Eins – Zwei. Ist das denn so schwer?« Er hasste sich selbst, wenn er Leute, die ihr Bestes gaben, so anfuhr. Aber momentan war keine Zeit für Höflichkeit. Er griff nach dem Defibrillator, den Lorna ihm entgegenhielt, presste die Elektroden des Geräts auf Brovnys Brust und kommandierte knapp: »Los, weg von der Liege!« Lorna sprang zurück, und er schickte den ersten Stromstoß durch Brovnys Körper. Der Maschinist bäumte sich kurz auf und krachte zurück auf das Polster. Johnny fasste nach der Halsschlagader. Nichts. Erneut brachte er die Paddles in Position. »Zurück!«
Sssskkk, machte das Gerät, als der Strom ein zweites und danach ein drittes Mal durch Brovny schoss. Ohne Erfolg. Johnny legte hastig die Elektroden beiseite, und brüllte Lorna, die mit zwei Telefonen gleichzeitig versuchte, eine Verbindung zur Rettungsstelle herzustellen, an: »Lassen Sie das Scheißtelefon jetzt und geben dem Mann 1mg Adrenalin, intravenös. Wenn das nichts hilft, dann…« Er unterbrach sich und beugte sich über Brovnys Oberkörper. Mit der linken Hand maß er einen drei Finger breiten Abstand vom Sternum Richtung Brustkorb. Eine Herzmassage war die letzte Möglichkeit, den Sterbenden zu retten. Er setzte die Handballen an. Einmal, zweimal, fünfmal legte er mit kräftigem Ruck sein gesamtes Gewicht auf Brovnys Brust. Der Schweiß lief ihm aus allen Poren. »Komm schon… atme!« Er unterbrach die Massage und überstreckte Brovnys Kopf, so dass dessen Mund sich einen Spalt öffnete. Seine Lippen berührten bereits die des Maschinisten, als Lornas erschrockener Aufschrei ihn bremste. Abrupt drehte Johnny sich um und erstarrte.
Vor ihm stand ein kleines Mädchen, nicht älter als fünf oder sechs Jahre. Es trug ein hübsches rotes Kleid mit weißen Punkten und schien weder ihn noch Lorna wahrzunehmen. Es tat schweigend, beinahe schwebend, ein paar Schritte nach vorne, fasste mit beiden Händen nach Brovnys schwerer, schmutziger Pranke und hielt sie fest umschlossen.
Johnny wagte nicht, sich zu rühren. Lorna ging es offenbar genauso. Ein paar Sekunden verharrte das Kind reglos in seiner Haltung. Gleich darauf ging ein schwaches Vibrieren durch Brovnys Körper, ein leises Gurgeln folgte und schließlich ein lautes Seufzen. Johnny sah hinüber zu Lorna, deren Blick wie gebannt an der kleinen Gestalt hing. Er trat neben das Mädchen und legte, ohne die Kleine zu berühren, zwei Finger auf Brovnys Hals. Er spürte die Aorta. Tatsächlich. Der Puls. Er war wieder da. Kräftig und gleichmäßig.
Waren sie soeben Zeugen eines jener Wunder geworden, an die Leute seines Standes sich standhaft weigerten zu glauben? Er drehte sich zu Lorna um. Ein erleichtertes Lächeln huschte über sein Gesicht. »Messen Sie bitte den Blutdruck«, wollte er sagen, doch er kam nicht dazu, denn ein sanftes Beben erfasste das Schiff. Gleich darauf ertönte ein tiefes Brummen. Der Borddiesel setzte sich schleppend in Gang. Lorna griff nach der zu Boden gefallenen Blutdruckmanschette. Johnny wischte sich den Schweiß von der Stirn und wandte sich wieder der Liege zu.
Er stutzte.
»Das Kind? Wo… ist das Kind?«
***
Als Mousson auf die Brücke zurückkehrte, stand der Kapitän starr am Fenster. Sein leerer Blick war auf die pechschwarze Sturmfront vor ihnen gerichtet. In der Hand hielt er eine leere Teetasse.
Das Unwetter war inzwischen so nah, dass es jedes Licht in der Umgebung einfach verschluckte, und es schien, als führe die Elmsfeuer Meter für Meter in die ewige Nacht. Dabei war das Schiff noch fest vertäut.
Ein Netz aus züngelnden Blitzen spannte sich über die Wolken. Hin und wieder zerriss Donner die Stille im Hafen. Die Möwen hatten in dunkler Vorahnung ihr Kreischen längst eingestellt. Eine harte Bö traf das Schiff, und die Frontscheibe ächzte.
Mousson stellte sich neben den Kapitän und warf einen Blick in dessen leere Tasse. »Kein Zweifel, Captain, Sie sitzen auf dem Trockenen.« Er lachte heiser. Der Kapitän drehte sich langsam um. Er sah aus, als kehre er aus einem bösen Traum zurück.
Mousson sah aus dem Fenster: »Da braut sich ganz schön was zusammen. Weiß der Teufel, wann ich das letzte Mal solche Wolken gesehen habe. --- Was meinen Sie, Captain? Ja, ich bin im Maschinenraum gewesen… und… was soll ich sagen? Es war genau so, wie ich es vermutet hatte… wie… wir vermutet hatten. Nichts zu finden.
Rein gar nichts. Der Kessel hat nicht einmal eine Delle… zumindest keine, die nicht schon immer dort war… und die Maschine… lief bereits wieder… ja, sie lief wieder…« Er hing stumm seinen Worten nach. Seine Miene verfinsterte sich. »Aber… Brovny, Captain…«
Der Kapitän schloss die Augen.
»Es hat ihn ganz schön erwischt. Sein Bein. Sieht nicht gut aus. Gar nicht gut. Dieser junge Arzt versucht zu retten, was zu retten ist… ist noch ein ziemlich grüner Bursche… aber das muss nichts heißen… Elm ist sein Name. Elm. --- Ja, ich weiß, was Sie denken, Captain. Das habe ich auch schon überlegt…«
Der Kapitän entgegnete nichts, sondern wandte sich wieder dem Schauspiel am Himmel zu. Ein besonders heftiger Donnerschlag ließ die Scheiben klirren.
Mousson überlegte, ob er dem Kapitän etwas von dem Vorfall mit Rosina berichten sollte, als es vorsichtig an der Tür klopfte.
Beide Männer drehten sich um. »Herein.«
Mommsens Kopf kam durch den Türspalt. »Kapitän, Herr Mousson, ich wollte fragen, ob ich etwas für Sie tun kann. Einen Tee vielleicht?«
Mousson lüftete kurz die Mütze und brummte: »Da sind Sie ja endlich, Mommsen. Kommen Sie rein. Wo haben Sie denn die ganze Zeit gesteckt?«
Mommsen hüstelte verlegen. »Ich…«
»Ich weiß… Ihr Kopf… aber vergessen Sie bitte nicht, dass es außer der Baronesse noch andere Menschen an Bord gibt.«
»Sehr wohl, Herr Mousson.«
»Ich hoffe, wir haben uns verstanden.«
»Aye. Haben wir.«
»In Ordnung, Mommsen, dann wäre es jetzt äußerst zuvorkommend, wenn Sie uns eine Tasse Tee brächten. Schnell brächten, meine ich. Man sagt doch `brächten´, Konjunktiv, nicht wahr?«
»Absolut… `brächten´, Konjunktiv«, entgegnete Mommsen spitz. Mousson liebte es, Mommsens vornehme Ausdrucksweise aufs Korn zu nehmen, in dem er vorgab, bestimmte grammatikalische Zusammenhänge nicht zu kennen, obwohl sein Deutsch nach all den Jahren besser war als seine Muttersprache Französisch. »Aber passen Sie auf, dass Sie unterwegs nicht wieder mit einem Metallpfeiler kollidieren. Wir trinken unseren Tee nämlich gerne in der Tasse… und heiß, besonders bei einem Wetter wie diesem.«
Mommsen schluckte den Ärger über Moussons Arroganz hinunter und sah ebenfalls nach draußen. »Wird dieses… Wetter unser Auslaufen verzögern?«
»War das Wetter jemals unser Problem, Mommsen…?« Der Stewart stand verloren mitten im Raum.
»Lassen Sie´s gut sein, Mommsen. Denken Sie an den Tee…«
***
Es war nicht das erste Mal, dass Johnny mit einer Säge den Knochen eines Menschen durchtrennte. Doch das Geräusch, das dabei entstand, ging ihm immer wieder durch Mark und Bein. Zudem war das Ganze eine körperlich ausgesprochen anstrengende Tätigkeit, wenn man nicht, wie in seiner alten Klinik, eine elektrische Säge zur Verfügung hatte. Er spürte, wie ihm unter dem Hemd das Wasser Bauch und Rücken hinunter rann. Sein Schädel glühte. Vor und zurück glitt das blutige Sägeblatt. Seine Zähne, scharf wie die eines Hais, gruben sich in die poröse Masse, die einmal Brovnys Oberschenkelknochen gewesen war. Wie auch immer es möglich sein konnte, dass die Berührung eines Kindes mehr ausrichtete, als intravenös injiziertes Adrenalin und mehrfache Stromstöße, es durfte Johnny vorläufig nicht interessieren.
Was zählte, war, dass der Kreislauf sich stabilisiert hatte, und somit ein Funke Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang der Operation bestand. Wieder wischte er sich über die Stirn und sah hinüber zu Lorna, die Brovnys Vitalfunktionen maß. Sie nickte zufrieden, und er sägte weiter. Dabei achtete er darauf, die wenigen intakten Weichteile nicht mehr als nötig in Mitleidenschaft zu ziehen. Nur so konnte die Wunde später heilen.
Rrr, rrr, rrr, ging das Sägeblatt. Johnny erhöhte die Schnittfrequenz. Sekunden später war es soweit. Es knackte scharf, als der Knochen endlich nachgab und Brovnys Bein sich vom Rest des Körpers löste. So schnell ging das vor sich, dass die abgetrennte Gliedmaße beinahe zu Boden gesaust wäre. Lorna reagierte blitzschnell und bekam das formlose Stück Fleisch rechtzeitig zu fassen. »Sie sieht aus, als hielte sie ein frischgeborenes Baby im Arm, die Brut eines Monsters«, schoss es Johnny durch den Kopf. Er richtete sich auf und atmete tief durch. Für einen Moment wurde ihm schwindlig. Er musste sich zusammenreißen.
Der Eingriff war noch nicht vorüber.
Ein Bein abzunehmen war das eine, das Überleben des Operierten zu sichern das andere, wesentlich schwierigere. Um weiterem Blutverlust vorzubeugen, mussten nach dem Durchtrennen der Extremität alle größeren arteriellen Gefäße abgeklemmt werden. In der Klinik hatte diese Aufgabe zu den Pflichten der Assistenzärzte gehört, und Johnny beherrschte sie im Schlaf.
Die jahrelange Übung spielte ihm nun in die Hände.
Ob seine Arbeit erfolgreich gewesen war, würden allerdings erst die nächsten Stunden und Tage zeigen.
Brovny lag noch in tiefem Schlaf.
Johnny zog die verschmutzten Gummihandschuhe ab und warf sie müde in den Mülleimer. Lorna, das Stethoskop auf den Ohren, folgte der Flugbahn der Handschuhe mit den Augen und lächelte. Es war ein sehr, sehr müdes Lächeln.
***
In der Kombüse der Elmsfeuer lief das Radio. Ein Moderator verlas mit sonorer Stimme den Schluss des Küstenwetterberichts. »Und hier die Vorhersage, gültig bis Mitternacht, für das Gebiet der Elbe von Hamburg bis Cuxhaven: Erwartet werden Winde der Stärke 2 bis 3, in Cuxhaven der Stärke 4, aus östlicher Richtung, die in ihrem Verlauf etwas zunehmen; das Ganze bei mittlerer bis guter Sicht. So weit für den Moment. Sie hörten den Küstenwetterbericht auf `Kanal 5´…«
Ein Jingle ertönte.
Kreszentia Rausch hatte nie in ihrem Leben ein Schiff aus der Nähe gesehen, geschweige denn eines betreten. Bis zum gestrigen Tag. Wie man Essen zubereitete, war ihr zwar aus Büchern bekannt, sie hatte es jedoch nie selbst ausprobiert. Die Entscheidung, als Köchin auf einem Schiff anzuheuern, war also keineswegs naheliegend gewesen.
Dennoch hatte sie genau diese getroffen, aus Gründen, die sie Fremden gegenüber lieber für sich behielt. Im Moment war sie ohnehin damit beschäftigt, alle Sachen, die bei der Detonation aus Schubladen, Schrankfächern und von den Wänden gefallen waren, wieder an ihren Platz zu bringen. Danach würde sie die weiträumig verteilten Scherben zusammenkehren und die Küche wieder in einen Ort verwandeln, der diesen Namen verdiente.
Das Entsetzen über die Explosion war noch nicht aus ihrem Gesicht gewichen. Sie hatte die furchtbaren Minuten des Bebens betend auf dem Boden zugebracht. Erst, als sich alles beruhigt zu haben schien, hatte sie mit dem Aufräumen begonnen und dabei vor sich hin gemurmelt »Ora et labora, bete und arbeite!«
Ordnung war das halbe Leben, und Unordnung verursachte Kreszentia Rausch schlechte Laune. Stille konnte sie ebenfalls nur schwer ertragen. Deshalb lief, wo immer sie sich aufhielt, ihr tragbares Radio. Wie gut es sich traf, dass die Kombüse nur ein Deck über dem Maschinenraum lag. Zusammen mit dem tiefen Brummen des Borddiesels und der damit einhergehenden Vibration bot das Radioprogramm ihr genau jene Atmosphäre der Unruhe, in der sie sich wohlfühlte. Und sobald Kreszentia Rausch sich wohlfühlte, schimpfte sie vor sich hin: »Wo gibt es denn so was? Glauben die, ich hab Lust, den ganzen Tag die Küche auf- und einzuräumen und dabei das halbe Geschirr wegzuwerfen? Na ja, die werden schon wissen, was sie tun. Aber noch so eine Geschichte, dann geh ich hinauf und sag Etwas… und, Kruzinesen, was ist denn schon wieder mit dem Radio los…?«
Der Moderator von `Kanal 5´ hatte das Mikrofon an eine Kollegin übergeben. Ihre Stimme verschwand allerdings immer wieder unter einer Decke aus Rauschen und pfeifenden Störgeräuschen. Kreszentia Rausch lauschte angestrengt. Trotz des schlechten Empfangs war zu hören, dass die Sprecherin Mühe hatte, ihren sachlichen Nachrichtenton aufrecht zu erhalten. Ihre gepresste Stimme verriet Sorge. »Wie der Deutsche Wetterdienst… mitteilt, ist derzeit über…. Gebiet… Hamburger Hafens… außergewöhnliches Wetterphänomen zu… beobachten. Es handelt sich… sogenannte `Superzelle´… gefährlichste bekannte Gewitterwolkenformation. Superzellen… bisher ausnahmslos in den USA und…. Tropen ausgemacht. Unsere Hörer werden desh… gebeten, zuhause… bleiben… sämtliche Türen und Fenster geschlossen… halten, bis die Wetterfront sich aufgelöst… Wir wiederholen: Bitte bleiben Sie in… Häusern und… Fenster geschlossen! Sobald… weitere… Inf…« Die Verbindung brach ab.
»Superzelle… heute ist immer alles irgendwie super… so ein neumodischer Blödsinn… aber das Wetter hat mir gerade noch gefehlt…« Kreszentia Rausch stapfte mürrisch zum Radio, um die gestörte Frequenz neu einzustellen. »Aber ich räum die Küche nicht noch einmal auf und fege die ganzen Scherben zusammen… wo bin ich denn hier…?« Als sie sich umdrehte, stieß sie einen erschrockenen Laut aus. »Jessas, Kind, wo kommst du denn her?«
Vor ihr stand ein kleines Mädchen, vielleicht fünf oder sechs Jahre alt, in einem hübschen roten Kleid mit weißen Punkten. Kreszentia Rausch entspannte sich wieder.
»Du bist mir vielleicht eine, dich hier so hereinzuschleichen. Wer bist du denn? Und wie heißt du?« Während sie das fragte, musste sie darüber schmunzeln, dass ihr eine so zarte Person einen solchen Schrecken eingejagt hatte. Das Mädchen gab keine Antwort und blinzelte die kräftige Frau mit der weißen Schürze neugierig an.
»Na, du musst mir deinen Namen ja nicht verraten, wenn du nicht willst. Wissen deine Eltern denn, dass du hier bist?«
Wieder schwieg das Kind.
»Bist nicht gerade eine große Rednerin, wie? Aber wenn du schon einmal hier bist… darf ich dir dann vielleicht eine Tasse mit heißer Schokolade anbieten… eine große Tasse? Ich meine, wenn ich zwischen den Scherben eine finde…«
Das Mädchen nickte erfreut. »Na also, da haben wir doch schon fast so etwas wie eine Unterhaltung. Dann setz dich mal da drüben auf die Eckbank am Tisch… und ich seh zu, was sich machen lässt.« Kreszentia Rausch stellte behände einen silbern glänzenden Topf auf die Herdplatte und ging hinüber zu einem der beiden großen Kühlschränke.
Die Kombüsentür wurde ohne vorheriges Klopfen geöffnet.
»Guten Tag, Frau, ähm, Rausch… Ihr Name war doch Rausch, nicht wahr?«
Kreszentia Rausch schob mit dem rechten Fuß die Kühlschranktür zu und öffnete mit kräftigem Ruck eine Milchtüte. »Ganz recht. Und mit wem haben wir das Vergnügen?« Sie beäugte den Eindringling in ihr Reich misstrauisch. Der Fremde nahm Haltung an. »Mommsen. Erster Stewart an Bord.«
»Aha. Erster Stewart.« Kreszentia Rausch hob eine Augenbraue. »Welche Ehre. Sie sind doch nicht etwa gekommen, um beim Aufräumen zu helfen?«
Mommsen schüttelte missbilligend den Kopf. »Mein Aufgabenbereich als Erster Stewart auf diesem Schiff ist klar umrissen…«
Kreszentia Rausch goss laut plätschernd Milch in den Topf auf dem Herd und konnte dabei nur schwer ein spöttisches Grinsen unterdrücken. »Ach so… klar umrissen…«
»… auch wenn manche Leute an Bord, das Offizierskorps eingeschlossen, mich gerne als `Mädchen für alles´ betrachten.«
Die Köchin stellte die Milch zurück in das Kühlfach und schloss krachend die Tür. »Weshalb sind sie denn nun gekommen?«
»Ähm, richtig: Tee.« Mommsen hob die Nase. »Ich hätte gerne zwei Earl Grey, einen für den Kapitän und einen für Philippe Mousson, unseren Ersten Offizier und Steuermann. Und das Ganze bitte so schnell wie möglich.«
»So schnell wie möglich«, wiederholte Kreszentia Rausch, stellte die Tasse mit der heißen Schokolade vor dem Mädchen auf den Tisch und zwinkerte ihm verschwörerisch zu.
Mommsen blickte streng. »Weiß ihr Vater, dass Rosina sich hier bei Ihnen aufhält?«
»So? Rosina heißt du also, Kleine.« Kreszentia Rausch drehte sich wieder zu Mommsen um. »Was der Vater weiß, weiß ich leider nicht. Ich habe ihn bis jetzt nicht kennen gelernt. Und seine Tochter ist, allem Anschein nach, nicht sehr gesprächig.« Sie strich dem trinkenden Mädchen sanft über das dunkle Haar. »Er wird sich schon melden, wenn er sie vermisst. So groß ist das Schiff ja nicht.«
»Ich fürchte, Rosinas Vater hat derzeit andere Probleme, als…« Mommsen fiel ein, dass er über Brovnys schlimmen Zustand besser nicht vor dessen kleiner Tochter sprach, und wechselte schnell das Thema. »Sagen Sie, tut es Not, dass Sie das Radio derart aufdrehen?« Die Stimme der Ansagerin tönte blechern: »… wir wiederholen noch einmal eine Sturmwarnung des Deutschen Wetterdienstes: Wegen einer sogenannten `Superzelle´ im Gebiet des Hamburger Hafens werden Anwohner gebeten…«
»Dieses Gebrüll hält ja kein Mensch aus. Außerdem ist der Empfang gestört. Hören Sie das denn nicht?« Mommsen legte hektisch einen Kippschalter um. Die Durchsage verstummte. »Wenn ich weg bin, können Sie es meinetwegen wieder…« Der Rest seiner Ausführungen ging im Dröhnen des lauter werdenden Motors unter. Die Elmsfeuer begann erneut zu zittern. Kreszentia Rausch sah sich besorgt nach den frisch aufgeräumten Schränken um.
Mommsen rückte zufrieden seine Krawatte zurecht. »Na also, wer sagt´s denn? Die Maschine geht auf volle Kraft. Wir laufen aus. Endlich.«
»Und was ist… mit… dieser Superzelle?« Kreszentia Rausch deutete auf das stille Radio und legte die Stirn in Falten.
»Nun ja«, lächelte Mommsen, »es gibt Schiffe, die sind gegen jedes Wetter gefeit…«
Es beruhigte Kreszentia Rausch nur wenig.
***
»Wo haben Sie denn gelernt, solche Druckverbände anzulegen?« Johnny saß erschöpft auf einem der beiden Stühle neben der Krankenliege. Mit der Hand strich er anerkennend über die makellos weiße Kompressionsbandage, die Lorna soeben an Brovnys Beinstumpf angebracht hatte. Lorna blinzelte ungläubig. Mit Lob hatte sie nicht gerechnet. Nicht, nachdem Johnny sie Minuten zuvor noch derart zusammengeschrien hatte. Während sie versuchte, das lose Ende des Verbands mit einem Heftpflaster zu bändigen, entgegnete sie: »Und wo haben Sie gelernt, solche Amputationen durchzuführen?« Johnny musste lachen. Lornas selbstbewusste Art gefiel ihm. Erneut kontrollierte er Brovnys Puls und nickte zufrieden. »Es scheint tatsächlich, als hätten wir das Unmögliche geschafft. Der Mann lebt.«
»Ja«, fügte Lorna nachdenklich hinzu, »wenn auch mithilfe einer kleinen Elfe im rot-weiß-gepunkteten Kleid.«
Johnny wurde ernst. »Ja, merkwürdig, nicht wahr? Sie kam aus dem Nichts und ist dorthin auch wieder verschwunden. Wissen Sie, wer das Mädchen war?«
Lorna wiegte den Kopf. »Vielleicht… diese Rosina, von der Herr Mousson gesprochen hat… seine Tochter.« Sie deutete auf Brovny.
»Hm, ja… das könnte sein… sie muss sich gedacht haben… nach dieser Explosion… dass ihrem Vater etwas passiert ist… und…«
»Oder…«, Lorna senkte die Stimme, »sie war dabei, als es…«
»Dabei…?«
»… warum sonst sollte Herr Brovny ständig ihren Namen… bevor er… furchtbar…« Lorna verstummte.
Johnny spielte nervös mit der Blutdruckmanschette. »Das arme Kind. Ein Maschinenraum ist aber auch kein Spielplatz… zum Glück war sie unverletzt… hat die Kleine denn kein Zuhause… keine Mutter… an Land?«
Lornas Lippen begannen zu zittern. »Man kann es sich wohl nicht immer aussuchen…«
Johnny spürte, wie seine Augen erneut zu brennen anfingen. Ihm kamen Tränen. Rasch senkte er den Kopf, damit Lorna nichts davon bemerkte.
Dann erhob er sich und zog energisch Luft durch die Nase. »Wir sollten jetzt lieber den Stumpf des Patienten hochlagern und die Blutsperre lösen.« Lorna stand ebenfalls auf.
Das Brummen des Motors schwoll an. Das OP-Besteck auf dem Tisch klirrte leise.
Johnny hielt verwundert inne und sah durch eines der Bullaugen nach draußen. »Merkwürdig. Scheint fast, als würden wir auslaufen…« Sein Blick ging vom Fenster zurück zur Liege. Brovny atmete ruhig. »Ich dachte, für derartige Manöver benötigt man einen Maschinisten.« In Johnnys Gesicht zogen Sorge und Verärgerung auf. »Wie stellen der Kapitän und Mousson sich das denn vor? Wir können doch mit einem Frischoperierten nicht in See stechen. Dieser Mann hier muss dringend in ein Krankenhaus.« Als könne er nicht glauben, was passierte, sah er erneut durch das Bullauge und schüttelte grimmig den Kopf. »Es ist kein Witz… wir laufen tatsächlich aus…« Vor den Fenstern zogen langsam gewaltige Frachtcontainer vorbei. Dahinter ragten majestätisch die Kräne von »Blohm und Voss« in den Himmel. Schwarz wölbte sich die Wolkendecke über den Hafen. Blitze zuckten. Johnny fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und dachte nach. Er musste irgendwie reagieren, musste dem Kommandanten dieses Schiffes klar machen, dass er gegen jede ärztliche Vernunft handelte und die Grenze zur Fahrlässigkeit damit weit überschritt.
Dann stand sein Entschluss fest: »Frau Hoy, gehen Sie bitte sofort auf die Brücke und teilen dem Kapitän mit, dass wir nicht auslaufen dürfen, solange wir Herrn Brovny nicht in eine Klinik gebracht… und meinetwegen einen anderen Maschinisten an Bord genommen haben. Alles andere wäre unverantwortlich.«
Lorna wandte sich wortlos zur Tür.
»Wo bin ich hier nur gelandet?« Johnny befühlte Brovnys Schlagader und prüfte noch einmal den Verband. Als er wieder aufsah, war Lorna bereits fort. Das Schiff nahm Fahrt auf.
Er griff nach einem großen Kissen in der hinteren Ecke des Raums, faltete es in der Mitte und schob es vorsichtig unter den Beinstumpf. Dabei fiel die Pflasterrolle, die Lorna kurz zuvor dort liegengelassen hatte, scheppernd zu Boden. Johnny bückte sich, um sie aufzuheben, und machte eine Entdeckung, die ihn stutzen ließ. Neben der Pflasterrolle lag eine goldene Halskette mit einem Anhänger. Die Glieder der Kette schimmerten matt. Der Anhänger selbst hatte die Form eines Halbmonds und maß etwa drei Zentimeter. Mehr ließ sich nicht erkennen, denn das Schmuckstück war von einer schmutzigen Kruste überzogen. Johnny drehte den Fund hin und her, und mit einem Mal ergriff ein sonderbares Gefühl von ihm Besitz. Er spürte die Anwesenheit einer anderen Person, ganz in seiner Nähe. Doch es war Niemand zu sehen. Die Aura dieser Person, oder was immer es war, war Johnny vertraut. Aber so sehr er sich auch anstrengte, er konnte nicht erkennen, um wen es sich handelte. Ganz still stand er und wartete ab, was passieren würde. Nach und nach merkte er jedoch, wie die Unruhe in seinem Inneren wieder schwand. Er wollte das Gefühl festhalten. Doch es ging nicht. Augenblicke später war es verschwunden. Wer oder was auch immer soeben bei ihm gewesen war, er war wieder weg.
In schmerzhaftem Wechsel überliefen Johnny kalte Schauder und Wellen wohltuender Wärme. Er verlor vollkommen die Kontrolle, und ohne, dass er sich dagegen wehren konnte, liefen ihm plötzlich Tränen über die Wangen. Er weinte, wie er seit Kindertagen nicht mehr geweint hatte, bis sein ganzer Körper davon geschüttelt wurde. So stand er einfach da, die verkrustete Kette in den Händen.
Ein Poltern schreckte ihn jäh auf. Er fuhr herum, und was er durch Tränenschlieren verschwommen wahrnahm, riss ihn schlagartig zurück ins Hier und Jetzt. Vor ihm stand, den rechten Arm auf die Stuhllehne neben sich gestützt: Leonid Brovny, der einbeinige Maschinist.
***
»Sie sehen doch, dass wir uns bereits in voller Fahrt befinden? Daran lässt sich nun nichts mehr ändern«, knurrte Mousson. Seine Hände hielten das Steuerrad fest, sein Blick wich dem Lornas aus. Die junge Frau war ihm eine Spur zu selbstbewusst, und Widerspruch, zumal von Rangniederen, schätzte er gar nicht.
In Lornas Gehirn arbeitete es. Wenn Brovnys mehr als kritischer Zustand nicht ausreichte, die Elmsfeuer zu stoppen, würde Mousson und den Kapitän womöglich etwas Anderes zum Einlenken bringen. Sie atmete tief durch: »Ohne Ihren Maschinisten werden sie nicht weiter als bis zur Nordsee kommen… und das wissen Sie…«, sagte sie sanft. Ein Schatten legte sich auf Moussons Züge. Seine Stimme allerdings verriet nicht, wie es in seinem Inneren kochte. Kalt lächelnd sah er Lorna ins Gesicht.
»Was wissen Sie denn, wie dieses Schiff funktioniert…? Sie sind seit gestern an Bord…«
Mit versteinertem Blick wandte er sich wieder dem Steuer zu. Für ihn war die Angelegenheit erledigt. Lorna bebte vor Wut und Enttäuschung.
Es klopfte an der Tür. Mommsen balancierte vorsichtig ein Tablett über die Schwelle, darauf eine dampfende Teekanne und zwei frischpolierte Tassen. »Ich bringe den Earl Grey, den Sie bestellt haben…« Er sah sich nach einem freien Platz zum Abstellen um. »Heißer als die Mädchen im Hafen von Shanghai…«
Der Kapitän wies ihm mit einem Kopfnicken den Kartentisch.
Lorna verstand, dass sie hier nichts würde ausrichten können. Was waren das für Menschen, denen ein Leben weniger zählte, als eine Tasse Tee?
Laut ließ sie die Tür hinter sich ins Schloss fallen.
Niemand auf der Brücke schenkte ihrem Abgang Beachtung. Mousson nahm einen tiefen Schluck, ächzte zufrieden und wandte sich dann dem Stewart zu, der abwartend Haltung angenommen hatte. »Mommsen, es sieht so aus, als würde dieses Unwetter doch noch über uns hereinbrechen…« Ohne die Kopfhaltung zu verändern, schielte Mommsen aus dem Fenster. »Was ich damit sagen will«, fuhr Mousson fort, »es könnte ein wenig ungemütlich werden unter Deck, spätestens wenn wir das offene Meer erreichen. Tragen Sie bitte Sorge dafür, dass unsere Passagiere informiert sind.« Er sah den Stewart streng an. »Alle Passagiere.« Mommsen zeigte keine Regung.
»Helfen Sie den Leuten, ihr Gepäck sicher zu verstauen und bei… Unwohlsein…«, Mousson lächelte, »sollen sie sich bitte an unseren Schiffsarzt wenden. Das ist alles. Sie können wegtreten.« Mommsen vollführte eine zackige Kehrtwende. »Aye, Aye.«
Kurz darauf waren Mousson und der Kapitän wieder allein.
Erste Regentropfen tippten an die Scheibe. Der Kapitän beugte sich über die Seekarte und zog mit einem Filzschreiber den Beginn einer schmalen violetten Line über das fleckige Papier.
Moussons Augen wanderten über das Vorderdeck. Der Bug der Elmsfeuer pflügte kraftvoll durch das Wasser. Hin und wieder bäumte er sich leicht auf, wenn eine größere Welle ihn traf. Die Nordsee war nicht mehr weit.
Plötzlich machte er im Zwielicht etwas aus, das ihn aufmerken ließ. Zwei dunkle Gestalten bewegten sich behände zwischen den Deckaufbauten. Er kniff die Augen zusammen. Keiner der Passagiere hatte bei diesem Wetter etwas an Deck verloren. Hatte Mommsen seine Anweisungen nicht befolgt?
Als eine der beiden Gestalten den Lichtstrahl einer Bordlaterne kreuzte, konnte Mousson das rote Kleid mit den weißen Punkten erkennen. Er stieß dem Kapitän sanft in die Seite. Der alte Seemann hob den Kopf, bis auch er es sah: Das kleine Mädchen schien über das Vordeck zu schweben. Er schloss die Augen. Ein Zittern ging durch seinen Körper, als durchführe ihn ein plötzlicher Schmerz. Als er die Augen wieder öffnete, blieb sein Blick blieb am Ladebaum hängen und erstarrte.
Mousson fuhr sich mit der Hand über eine Narbe, die von rechts der Nase quer über sein Gesicht zum Kinn lief und dafür sorgte, dass selbst bei geschlossenem Mund immer ein Stück seiner oberen Zahnreihe sichtbar blieb.
Um die Spitze des Ladebaums züngelte grünes Licht, ganz so, als habe jemand das Metall mit Phosphor bestrichen.
Moussons Lippen bewegten sich tonlos. Der Kapitän schwieg. Sie wussten beide, was das war. Elmsfeuer.
Da standen sie nun, die so viele Fahrten gemeinsam bestanden und dabei mehr als einmal dem Verderben ins Auge geblickt hatten, und waren nicht in der Lage, sich zu rühren.
Und sie standen noch immer, als die Elmsfeuer, an Cuxhaven vorbei, hinausglitt in die schwarze, offene See.
2. Raue See
In der folgenden Nacht fand Johnny, so sehr er sich auch anstrengte, kaum Schlaf. Bilder und Gedanken verschmolzen in seinem Gehirn zu einem albtraumhaften Amalgam. Mehrmals ließ ihn das vermeintliche Knacken berstender Oberschenkelknochen aus seinem Dämmerzustand hochfahren. Doch es waren nur die Atemgeräusche des stählernen Kolosses, in dessen Bauch er sich befand, die ihn umtrieben.
Sie fuhren in schwerer See. Das Schiff rollte ächzend von einer Seite zur anderen und zitterte, wenn ein Brecher es frontal erwischte.
Johnnys Magen rumorte.
Was war das für ein Schiff, auf dem er da angeheuert hatte? Er sah auf seine Armbanduhr, die er neben die Koje auf den Boden gelegt hatte.
Fünf Uhr. Bald kam der Morgen, und er hatte nicht länger als eine halbe Stunde am Stück geschlafen.
Eine besonders große Welle ließ das Schiff beben. Johnnys Magen krampfte sich erneut zusammen. Er ließ sich zurück auf das zerwühlte Kopfkissen sinken und starrte, die Zähne fest aufeinander gepresst, an die Decke. Konzentration, dann ginge die Übelkeit von allein. Kam er nicht aus einer Seefahrerfamilie? Sein Großvater, sein Vater. Beiden hatte das Meer nicht sonderlich viel Glück gebracht. Er bemühte sich, gleichmäßig zu atmen. Sobald er jedoch die Lider schloss, wiederholte sich vor seinem inneren Auge die Operation vom Nachmittag, Schritt für Schritt, Szene für Szene. Er hatte wirklich ein Bein amputiert, mit einer Handsäge, in einem Raum von zweifelhaftem hygienischen Niveau. Doch sein Patient hatte überlebt. Nein, er hatte nicht nur überlebt. Er hatte sich binnen weniger Minuten so weit erholt, dass er aufstehen und die Krankenstation verlassen konnte. Auf eigenen Beinen. Ein medizinisches Wunder? Irrsinn?
Johnnys Hirn arbeitete auf Hochtouren. Wer war das kleine Mädchen, das wie aus dem Nichts aufgetaucht war? Brovnys verschwunden geglaubte Tochter Rosina? Hatte sie ihren Vater ins Leben zurückgeholt? Durch bloßes Handauflegen? Das war völlig unmöglich. Auch hier an Bord hatten Naturgesetze zu gelten und medizinische Erfahrungswerte. Alles andere war absoluter Humbug. Wie schnell man auf so einem Schiff abergläubisch wurde.
Durch das Bullauge erkannte er erste Anzeichen der nahenden Dämmerung. Wieder knackten die metallenen Streben. Die See wütete nach wie vor. Gischt peitschte gegen die doppelt verglaste Scheibe. Wie weit sie sich wohl inzwischen von der deutschen Küste entfernt hatten? Johnny erhob sich schwerfällig und sah aus dem Fenster. Weit und breit war kein Land mehr zu sehen. Nur Berge und Täler aus grauem Wasser, hinter denen sich mächtig der wolkenverhangene Himmel abzeichnete.
Hier war er jetzt also, auf hoher See, und hier würde er bleiben müssen. Ob es ihm passte oder nicht.
Er griff nach dem schwarzen Smartphone auf dem Tisch und drehte es unschlüssig in der Hand. Wie sehr er sich danach sehnte, eine vertraute Stimme zu hören. Aber wen konnte er um diese Zeit schon anrufen?
Einen seiner ehemaligen Kollegen, der gerade Frühdienst hatte? Diese Blöße würde er sich nicht geben. Seine Mutter? Auf keinen Fall. Sie schlief vermutlich noch. Außerdem würde er sie mit seinem Anruf zu Tode ängstigen. Sie mochte das Meer nicht. Aus nachvollziehbaren Gründen. Weinend hatte sie ihn angefleht, auf Knien angebettelt, nicht zu tun, was er zu tun vorhatte. Er war trotzdem gegangen, hatte einem inneren Drang nachgegeben, bis hierher, bis zu dem Punkt, von dem es kein Zurück mehr gab.
Ihm kam ein Gedanke. Er schaltete das Handy ein, lud eine Emailmaske auf das Display, wählte einen Adressaten aus und begann, zaghaft zunächst, dann immer leichthändiger zu tippen:
»Sehr geehrter Herr Professor Block,
ich hoffe, Sie legen es mir nicht als schlechtes Benehmen aus, wenn ich bereits jetzt auf Ihr freundliches Angebot zurückkomme, Sie per Email an meinem Leben an Bord der Elmsfeuer teilhaben zu lassen. Wie Sie unschwer erkennen können, ist es noch sehr früh am Morgen. Allerdings habe ich schon in der kurzen Zeit meiner Anwesenheit hier mehr erlebt, als in einer überdurchschnittlichen Woche auf der Unfallchirurgie. Sie werden mir vermutlich nicht glauben, wenn ich Ihnen schreibe, dass…« Er hielt inne. Was war das gewesen? Er spitzte die Ohren. Tatsächlich.
Durch das Ächzen des Schiffs und das Heulen des Windes vernahm er eine leise Stimme, ganz in seiner Nähe. Es war die Stimme einer Frau. Allem Anschein nach kam sie von jenseits der dünnen Wand, die seine Kabine von der angrenzenden Krankenstation trennte. War es Lorna, die Krankenschwester? Wenn ja, was tat sie dort? Wenn sie Brovny einen Krankenbesuch abstatten wollte, würde sie ihn doch in seiner Kabine finden. Das wusste sie. Wer aber war es dann? Dieses kleine Mädchen, Rosina? War sie zurückgekehrt, weil sie irgendetwas vergessen hatte? Johnny tastete die Taschen seiner über einen Stuhl gehängten Hose ab. Die Kette mit dem Anhänger war noch da.
Vermutlich irrte er sich. Er hatte den Raum doch abgeschlossen. Da war er sich sicher. Rosina konnte also unmöglich hinein gelangt sein.
Oder doch? Aber, mit wem sprach sie dann dort?
Er verschob die angefangene Email in den Ordner für Entwürfe, legte das Smartphone zurück auf den Tisch und fuhr rasch in seine Hose und ein Paar Filzpantoffeln. Wieder hörte er die Stimme durch die Wand.
Gleichmäßig. Ruhig. Es half nichts, er musste nachsehen gehen. Auf dem Weg zur Tür griff er nach einer vollen Flasche Mineralwasser. Er fasste den Glaskörper am Hals und schlug mit dem Flaschenbauch mehrmals sanft auf seine Handfläche, als handle es sich dabei um einen Baseballschläger. So bewaffnet öffnete er vorsichtig die Kabine und verschwand barfuß hinaus auf den finsteren Korridor.
***
Schritt für Schritt tastete er sich auf den kalten Eisenplanken vorwärts. In der Dunkelheit ließ sich kaum die Hand vor Augen erkennen. Erneut hörte er die Stimme. Es war kaum mehr als ein Flüstern, das an Stärke zunahm, wenn das Heulen des Windes draußen für einen Moment abschwoll. Vorsichtig wanderte seine freie Hand über die Wand, um die Türklinke der Krankenstation nicht zu verpassen. Warum hatte er keine Taschenlampe? Ah, da war die Klinke! Er verstärkte den Griff um die Flasche. Durch das Schlüsselloch unterhalb des Türgriffs schien schwaches Licht. Er ging in die Hocke und spähte hindurch. Das Innere des Raums war von einem matten, grünen Schimmern erfüllt. Eine Person konnte er aus seiner Position nicht ausmachen. Seine Schläfen pochten. Da war die Stimme wieder. Sie klang beinahe zärtlich. Johnny vermochte nicht, einzelne Worte herauszuhören. Aber er erkannte nun, wer da sprach. Ohne anzuklopfen, öffnete er geräuschlos die Tür.
***
Mit dem Rücken zu ihm kniete Lorna auf dem nackten Boden. Sie war lediglich mit einem dünnen Nachthemd bekleidet. Ihre Hände strichen sanft über die Blätter einer Topfplanze, die vor ihr auf dem schmalen Gesims am Fenster stand.
Nun konnte er es genau hören: Lorna sprach nicht im eigentlichen Sinne. Was ihrem zierlichen Körper entströmte, war vielmehr ein monotones Singen, ähnlich den Beschwörungen indianischer Schamanen. Ihm fiel auf, dass das schwache Licht im Raum von keiner der Lampen kam. Es war einfach da, milchig und grün.
Während Lorna fortfuhr, die Blätter der Pflanze zu streicheln, wiegte sie ihren Oberkörper gleichmäßig vor und zurück. Noch hatte sie Johnny nicht bemerkt, obwohl er, keinen Meter entfernt, hinter ihr stand.
Er räusperte sich.
Augenblicklich verstummte der Gesang. Lorna fuhr erschrocken herum. Ihre Züge entspannten sich, als sie erkannte, mit wem sie es zu tun hatte. Das Licht im Raum verglomm.
Johnny tastete nach dem Lichtschalter neben der Tür und knipste ihn an.
»Ach, Sie sind es, Dr. Elm.«
»Ja, ich bin es.« Er lächelte verlegen. »Bitte entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht erschrecken. Ich habe nebenan eine Stimme gehört und wollte sichergehen, dass es keine Einbrecher sind, oder…«
»Blinde Passagiere?« Beide lachten erleichtert.
»Was treibt Sie denn zu dieser Zeit auf unsere Krankenstation?«
Lorna rieb sich müde die Augen. »Ich konnte nicht schlafen und dann fiel mir ein, dass ich… Eleonora gestern ziemlich vernachlässigt habe.«
»Eleonora?«
»Ja. Meine Alraune.«
»Ihre Topfpflanze hat einen Namen?«
»Alraunen sind keine Topfpflanzen. Sie sind hochsensibel und brauchen viel Zuwendung… deshalb singe ich hin und wieder für sie. Das tut ihr gut und lässt ihre Blätter wachsen.«
Johnny schwieg.
»Ihr Schlaf scheint aber auch nicht der beste zu sein, wenn sie derart hellhörig sind.«
»Nun ja, wenn ich ehrlich bin, leide ich ein bisschen an Seekrankheit.«
»Ihnen ist übel?« Er nickte.
Lorna lächelte versonnen. »Welch glückliche Fügung, dass sie mit Ihren Beschwerden umgehend zu mir gekommen sind.«
»Wie meinen Sie das?«
»Hm, ich glaube, ich kann Ihnen helfen. Warten Sie einen Moment.« Sie ging erneut vor ihrer Pflanze auf die Knie. Ohne hinzusehen nahm sie eines der Skalpelle von der Ablage, entpackte es und brachte mit der Klinge einen kurzen, länglichen Schnitt an einem der Blattstiele an.
Während sie dies tat, verfiel sie erneut in ihren fremdartigen Gesang. Eine grünliche Flüssigkeit trat aus der Wundöffnung der Alraune aus. Lorna fing einige Tropfen davon mit einem Reagenzglas auf. Dann füllte sie den verbliebenen Platz mit Natriumchloridlösung auf, schüttelte das Röhrchen sanft, um beide Flüssigkeiten zu vermischen, und reichte es Johnny. »Hier, trinken Sie das. Es wird Ihnen helfen.«
Zögernd griff er nach dem Glas. Lorna zwinkerte ihm aufmunternd zu.
»Vertrauen Sie mir.«
Er führte das Röhrchen zum Mund und trank es in einem Zug leer. Dann warteten sie.
Zunächst spürte er nichts. Eine halbe Minute verging. Dann noch eine. Schließlich fühlte er, wie seine Fingerspitzen zu kribbeln begannen.
Langsam, Zentimeter für Zentimeter, breitete das anregende Gefühl sich über seinen gesamten Körper aus. Als es seinen Magen erreichte, machte sich eine große Wärme in ihm breit, die vom Bauch in alle Extremitäten ausstrahlte. Der rauschhafte Zustand währte jedoch nicht lange. Von einer Sekunde zur anderen war der Zauber wieder verschwunden. Und mit ihm die Übelkeit. Er sah Lorna verwundert an und strich sich ungläubig über den Bauch.
»Und?«, fragte sie.
»Weg. Die Übelkeit ist verschwunden.«
»Und das wird sie auch bleiben… glauben Sie mir«. Lorna lächelte wieder.
»Wie wundervoll sie aussieht, wenn sie so lächelt«, dachte Johnny, und sagte: »Ich danke Ihnen wirklich sehr, dass…«
»Danken Sie nicht mir, danken Sie Eleonora.«
Er errötete, kam sich plötzlich wie ein pickeliger Schuljunge vor, der in Anwesenheit der makellosen Klassenschönheit ein Gedicht aufsagen soll. »Ich danke… Eleonora… und…«
Es klopfte leise an die Tür.
»Ja?«
Die beiden Touristen kamen, notdürftig in identisch aussehende Bademäntel gehüllt, fröstelnd den Raum. Ihre Gesichter zeigten einen zarten Grünstich. Johnny schmunzelte. »Lassen Sie mich raten: Sie haben die Seekrankheit?«
Die Zwei nickten gequält. Johnny drehte sich zu Lorna um. »Frau Hoy, haben wir eventuell etwas im Arzneimittelschrank, mit dem wir die Kinetose unserer Patienten lindern können?«
Lorna gab ihm eine schmale, rot-weiße Pappschachtel.
»Ah, das gute, alte Scopolamin. Damit haben mich meine Großeltern als Kind immer therapiert, damit ich ihnen auf langen Fahrten nicht die Autositze, Sie verzeihen den Ausdruck, vollkotze.«
Das Paar nahm die Schachtel dankbar entgegen. »Seien Sie sparsam damit«, rief Johnny ihnen, als sie gingen, nach. »Von zu vielen Tabletten wird einem ebenfalls übel…«
Lorna klappte die Tür des Arzneimittelschranks wieder zu, da erhielten sie weiteren Besuch.
»Lassen Sie das Türchen bitte gleich auf…« Die Stimme war tief und rau. Brovny stützte seinen schweren Körper auf eine zur Krücke umfunktionierte rostige Metallstange. Sein weißer Verband zeigte wider Erwarten keine Spuren von Wundflüssigkeit. Er humpelte an ihnen vorbei, setzte sich auf die Untersuchungsliege und legte sorgfältig die Gehhilfe neben sich.
Johnny fragte sich verdattert, ob dies wirklich der selbe Mann war, dem er ein paar Stunden zuvor eine zertrümmerte Gliedmaße abgenommen hatte.
»Hm, in der Regel pflege ich, meinen Frischamputierten Besuche abzustatten«, sagte er, als er sich wieder gefangen hatte, »aber wo Sie nun schon einmal hier sind…«
Lorna unterbrach ihn. Ihre Stimme klang besorgt. »Haben Sie Schmerzen?«
Brovny nickte.
Lorna seufzte mitfühlend. »Das ist auch wirklich kein Wunder… schließlich haben Sie…«
Brovny massierte sich das stoppelige Kinn. »Mein Kopf explodiert gleich. Sie müssen mir unbedingt ein paar Pillen geben…«
Johnny und Lorna sahen einander irritiert an. Hatte der Mann soeben von Kopfschmerzen gesprochen?
»… das kommt von dem dauernden Lärm der Maschine… kein Schädel hält das auf Dauer aus… ot gavno!«
Lornas Blick wanderte von Johnnys ratlosem Gesicht hinüber zu Brovnys strahlendweißem Beinstumpf, der von der Liege aus waagrecht in den Raum ragte.
»Aspirin…?«, hauchte sie.
»Ja. Sehr gerne«, mischte sich vom Eingang her eine weitere Stimme in ihr Gespräch ein. Dort stand, bereits zu so früher Uhrzeit in äußerlich tadellosem Zustand, Putzi Mommsen. »Mein Zusammenprall mit diesem unerfreulichen Stahlträger«, jammerte er, »scheint mir überhaupt nicht gut bekommen zu sein.« Er hielt sich den Kopf und schien sich überhaupt nicht darüber zu wundern, dass der vor kurzem dem Tod entronnene Brovny wohlauf vor ihm saß.
Lorna war von all dem so verwirrt, dass sie Mommsen die für Brovny gedachte Dose Tabletten aushändigte.
»Haben Sie vielen Dank, Frau…«
»Hoy«, sagte Lorna.
« Hoy«, wiederholte Mommsen, »den Namen muss ich irgendwo schon einmal gehört haben, nun ja, jetzt muss ich aber auch schon weiter. Die Pflicht ruft. Baronesse von Adler kann sehr ungemütlich werden, wenn ihre 6 ½ -Minuten-Eier, die in der Küche hoffentlich bereits auf mich warten, sie kalt erreichen.« Sein Blick streifte Johnny, der überhaupt nichts mehr verstand. »Wenn Sie wollen, Herr Doktor, können Sie mich begleiten und ich zeige Ihnen die Elmsfeuer. Die frische Luft an Deck wird Ihnen gut tun. Und glauben Sie mir, die Luft ist dort oben momentan sehr frisch.« Er grinste, als er Johnnys verdattertes Gesicht sah.
»Natürlich habe ich Zeit für eine Führung! Ich bin vorübergehend ein wenig unterfordert, was vermutlich an den nur drei zahlenden Passagieren liegen. Und Zweien davon ist momentan nicht nach Frühstück.« Er rümpfte die Nase. »Man fragt sich allerdings, wieso erwachsene Menschen sich nicht in die dafür vorgesehenen Gefäße übergeben können.« Er machte eine Pause. »Nun, wie sieht es aus, Herr Doktor?«
Johnny wandte sich hilfesuchend an Lorna. Die lächelte erschöpft. «Ich kümmere mich um Herrn Brovny, solange Sie unterwegs sind, mache einen Verbandswechsel – und wenn Sie wiederkommen, besprechen wir die weitere Medikation. In Ordnung? Kopfschmerztabletten darf ich ja auch ohne Ihre Einwilligung verabreichen, nicht wahr?«
Johnny nickte ergeben. Mommsen drängte zum Aufbruch.
Zügig verließen sie das Krankenzimmer und gingen dicht hintereinander den Korridor entlang, an dessen Ende sich die Treppe befand, die ein Deck höher in den vorderen Kabinentrakt führte. Durch ein Bullauge fiel trübes Morgenlicht, und Johnny bemerkte, dass er immer noch sein Pyjamaoberteil und Filzpantoffeln trug.
***
»Und, konnten Sie sich schon ein wenig hier eingewöhnen?« Mommsen drehte sich im Gehen zu ihm um.
»Wie man´s nimmt«, gähnte Johnny. »Ich hatte mir meinen Einstand, ehrlich gesagt, etwas ruhiger vorgestellt. Kein Arzt beginnt seinen Dienst auf neuem Posten gerne mit einer Notoperation…«
Mommsen lachte ein meckerndes Lachen, das so gar nicht zum Ernst dieser Worte passte.
»… aber ich gehe auch davon aus, dass solche Zwischenfälle nicht den Normalzustand an Bord darstellen…« Johnny rieb sich schläfrig den Nacken. »Was mich allerdings wundert, ist die Leichtfertigkeit, mit der Herr Mousson und der Kapitän die schwere Verletzung von Herrn Brovny übergangen haben…«
Mommsen entgegnete nichts. Schweigend gingen sie über Deck. Der Wind hatte ein wenig nachgelassen, und die See war ruhiger als noch in den Stunden zuvor. Eine Gruppe Möwen umkreiste kreischend den Ladekran. Durch die Wolkendecke brach ein dünner Sonnenstrahl.
»Die Möwen denken aus irgendeinem Grund, dass wir ein Fangschiff sind, und hoffen auf frischen Fisch«, erklärte Mommsen und deutete mit der Hand nach oben. Und als habe er Johnnys unausgesprochene Gedanken gehört, ergänzte er: »Die Elmsfeuer war ursprünglich ein Forschungsschiff… sie ist Baujahr 1952… und somit also bereits eine ältere Dame, die…«
»Welche Art Forschungen denn?«, unterbrach Johnny ihn.
Mommsen aber schien ihn nicht gehört zu haben. Denn er sagte: »Im Vergleich zu einem Frachter verfügt unser Schiff über eine deutlich geringere Bruttoregisterzahl… was ich allerdings nicht für einen Nachteil halte. So ist eben alles ein bisschen überschaubarer… und wendiger… da vorne sehen Sie übrigens die Brücke… das Reich unserer Admiralität, wie ich immer scherzhaft sage…« Mommsen beschleunigte seinen Gang.
»Jetzt sollten wir aber zusehen, dass wir in die Küche kommen… das Frühstück für die Baronesse, Sie verstehen…« Er zwinkerte Johnny zu.
»Haben Sie heute eigentlich schon etwas gegessen?«
Johnny schüttelte den Kopf. Erst jetzt spürte er die unangenehme Leere in seinem Magen.
***
Kreszentia Rausch schüttelte den Kopf. »Wenn das mit dem Seegang so weitergeht, müssen wir bald alle aus einer Tasse trinken und von einem Teller essen, was denkst du?« Sie sah amüsiert hinüber zu Rosina, die auf der für sie viel zu großen Eckbank hinter dem Küchentisch saß und ihre Nase in einen Becher heißer Schokolade steckte. Dann kippte sie einen letzten Haufen Scherben aus der Handschaufel in den Mülleimer und stellte die Kehruntensilien zurück an ihren Platz. Das Radio auf der Anrichte lief in voller Lautstärke.
»Sie hören die Morgennachrichten auf Kanal 5 MF. In diesem Moment ist es 6 Uhr 30.«
Die Tür ging auf. »Wenn Sie so freundlich wären, Ihre Beschallung auf ein menschenerträgliches Maß zu reduzieren, könnten Herr Dr. Elm und ich uns sogar vorstellen, in ihrer beschaulichen Küche einen Kaffee einzunehmen. Ist das Frühstück für Baronesse von Adler bereits abholbereit?«
Kreszentia Rausch verdrehte die Augen. »Da, wo ich herkomme, sagt man erst einmal `Guten Morgen´, wenn man um diese Uhrzeit auf Leben trifft, Sie grober Klotz. Angeblich sind Sie doch so gut erzogen.« Mommsen verzog keine Miene.
Johnny ließ seinen Blick durch den für ihn neuen und unerwartet gemütlichen Raum schweifen. Der Geruch von frischgebrühtem Kaffee stieg ihm in die Nase. Hier fühlte er sich auf Anhieb wohl.
»Die Eier brauchen noch zwei Minuten.« Kreszentia Rausch musterte Johnny mit argwöhnischem Blick: seine zerknitterte Pyjamajacke, die, das fiel ihm erst jetzt auf, mit Brovnys Blut bespritzte Jeans und seine abgetragenen Filzpantoffeln.
»Sie sind also dieser Dr. Elm«, brummte sie. Johnny fuhr seine rechte Hand zum Gruß aus, zog sie aber verunsichert wieder zurück, als Kreszentia Rausch sie nicht ergriff. »Von Ihnen hört man ja die reinsten Wundergeschichten…«
Verlegen stammelte Johnny etwas Unverständliches.
Kreszentia Rausch grinste. »Da haben Sie Recht. Wir unhöflich von mir. Setzen Sie sich bitte einfach dorthin. Ich bringe Ihnen gleich einen Kaffee.« Und mit einer abschätzigen Handbewegung in Mommsens Richtung fügte sie hinzu: »Wenn es unbedingt sein muss, machen Sie halt das Radio ein bisschen leiser, Sie Misanthrop.« Sie knallte eine dampfende Tasse vor Johnny auf den Tisch und wandte sich dann wieder dem Herd zu. Ein wenig unbeholfen fischte sie zwei Frühstückeier aus einem Topf und schreckte sie kurz unter kaltem Wasser ab.
»Sssso. Das Frühstück für Baronesse von Adler ist komplett.« Sie überreichte Mommsen ein üppig beladenes Tablett. »Mit den besten Wünschen vom, ähm, Smutje an den Hochadel.«
Mommsen dankte Krezentia Rausch mit einem strengen Nicken und machte Johnny, der seinen Kaffee erst zur Hälfte getrunken hatte, ein Zeichen, mit ihm zu kommen.
Johnny musterte gerade fasziniert das kleine Mädchen auf der anderen Tischseite, das, wie bei ihrem letzten Treffen, keine Notiz von dem zu nehmen schien, was um es herum vorging.
»Herr Doktor, wir müssen…«
Er erhob sich widerwillig und folgte Mommsen zur Tür. Kreszentia Rausch drehte das Radio wieder auf.
»Am Telefon begrüßen wir nun ganz herzlich den Meteorologen und Klimaforscher Prof. Dr. Volker Hagemann. Herr Hagemann gilt als internationale Kapazität für extreme Wetterphänomene. Er wird Ihnen, unseren Zuhörern, nun erläutern, wie es am gestrigen Abend zur Bildung der inzwischen aufgelösten Superzelle über dem Hamburger Hafen kommen konnte. Wegen der erhöhten Gefährdungslage dürfen bis zum aktuellen Zeitpunkt keine Schiffe den Hafen verlassen. Das Verbot gilt seit gestern Nachmittag und wird von der Hafenpolizei streng überwacht…«
»Kein Schiff… den Hafen verlassen… und die Elmsfeuer?«, murmelte Johnny und überlegte, ob er Mommsen danach fragen sollte. Doch der war bereits seinem Sichtfeld entschwunden. Er musste sich beeilen, ihn wieder einzuholen.
***
»Ich denke, es ist besser, Sie warten kurz vor der Tür. Ich bin mir nicht sicher, ob Frau von Adler sie in diesem Aufzug empfangen wird.« Johnny sah an sich hinunter und nickte. Mommsen balancierte das schwere Tablett geschickt mit der rechten Hand, während er mit der linken anklopfte. Als er, ohne eine Rückmeldung erhalten zu haben, die Tür öffnete, trat Johnny einen Schritt zur Seite, um mit seinem Äußeren nicht von Adlers ästhetisches Empfinden zu verletzen. Die Tür schnappte hinter Mommsen ins Schloss.
Johnny ging wartend vor der Kabine auf und ab. Seine Hände fuhren aus alter Gewohnheit in die Hosentaschen. Er spürte das Amulett, das er am Vortag gefunden hatte, und zog es an seiner Kette heraus.
Eine sonderbare Schmutzschicht überzog das Metall. Auch diesmal gelang es ihm nicht, mit den Fingernägeln etwas davon abzukratzen. Dafür ging plötzlich eine Veränderung in ihm vor. Ihm wurde heiß. Und Sekunden später bitterkalt. Er fühlte, wie Jemand sich ihm näherte, Jemand, den er kannte oder zumindest zu kennen glaubte. Aber wieder war niemand zu sehen. Eine tiefe Melancholie erfasste ihn, die ihn zittern und sich gleichzeitig wünschen ließ, dieser Zustand vollkommener Geborgenheit möge niemals enden. Erschrocken ließ er das Amulett zurück in die Hosentasche rutschen. So unvermittelt, wie es gekommen war, war das Gefühl wieder verschwunden.
Starr stand Johnny in der Mitte des Korridors. Mit dem Pyjamaärmel wischte er sich das Wasser aus den Augen.
Die Tür wurde wieder geöffnet, und Mommsen kehrte zurück. Für ein paar Sekunden hatte Johnny freie Sicht ins Kabineninnere. Im hinteren Teil des Raums stand eine Frau in dunklem Kostüm. Ihre Augen blickten direkt in seine. Und plötzlich war ihm, als finge er an zu brennen. Er strauchelte. Sein Herz schlug so fest, dass er meinte, es müsse in seiner Brust explodieren. Er wäre zu Boden gegangen, hätte Mommsen ihn nicht erschrocken aufgefangen. Mit einem Klicken fiel die Tür ins Schloss.
»Doktor, was ist mit Ihnen? Hallo? Hören Sie mich?« Mommsen war vor Schreck selbst ganz blass.
Johnny hörte seine Worte wie durch eine Wand. Er bemühte sich, ruhig zu atmen. Sein Herzschlag verlangsamte sich allmählich, und er löste sich schwankend aus Mommsens Griff. »Danke… Herr… Mommsen. Es… geht wieder. Der Seegang… und das fehlende Frühstück. Es war wahrscheinlich nur der Kreislauf… nur… der Kreislauf…«
***
»Captain, sehen Sie mal, wer dort mit zwei Tassen über das Deck marschiert kommt. Mommsen hat unseren Tee also doch nicht vergessen. Und unseren frischgebackenen Helden hat er ebenfalls im Schlepptau. So grün ist er scheinbar doch nicht, dieser junge Arzt. Wie man sich anzieht, weiß er zwar nicht… aber was er da gestern mit Skalpell und Säge zustande gebracht hat, war wirklich nicht von schlechten Eltern.«
Von der Metalltreppe, die auf die Brücke führte, hallten Mommsens und Johnnys Schritte wider.
Mommsen betrat den Kommandostand als erster.
»Gentlemen«, sagte er, »hier kommt, wie bestellt, der frischgebrühte Morgentee.« Er trug die nach Bergamotte duftenden Tassen feierlich zum Kartentisch und stellte sie vorsichtig ab.
Mousson nahm sofort eine davon und trank. »Ihre gute Laune ist ja wieder einmal unerträglich, Mommsen… aber der Earl Grey ist… vorzüglich… bei der Wahl unseres neuen Smutjes haben wir offenbar ein gutes Händchen bewiesen, Captain.« Er lachte.
Mommsen quittierte Moussons Spitze mit einem übertriebenen Diener. Der Steuermann wandte sich an Johnny: »Und Sie, Doktor, ist bei Ihnen alles in Ordnung? Sie sind ein wenig blass um die Nase.«
Johnny nickte. Sein Magen knurrte.
»Das war wirklich eine Glanzleistung, die sie da gestern vollbracht haben, mein Lieber. Der Captain und ich sind Ihnen zu großem Dank verpflichtet. Nicht auszudenken, was aus unserer Elmsfeuer würde, wenn wir nicht den alten Brovny hätten, der ihr hin und wieder den Herzmuskel massiert.«
Das Lob machte Johnny verlegen. »Es freut mich sehr, das zu hören, Herr Mousson. Dabei habe ich allerdings nicht mehr getan als meine ärztliche Pflicht…« Er zögerte. »Und nicht zuletzt hatte ich die Unterstützung von…«
»Ihre Bescheidenheit ehrt Sie, Doktor… bei Frau Hoy werden wir uns natürlich ebenfalls bedanken… aber sagen Sie… wie geht es Brovny denn inzwischen?«
Johnny gab einen kurzen Bericht über das erfreuliche Resultat der Operation und betonte mehrmals, wie verblüffend der unerwartet schnelle Heilungserfolg war. Zum Schluss wollte er die Chance nutzen, darauf hinzuweisen, dass es sehr fahrlässig gewesen war, den frischoperierten Brovny nicht in ein Krankenhaus bringen zu lassen.
Doch er wurde von Mousson rüde unterbrochen. »Vielen Dank, Doktor, das ist wirklich schön zu hören.« Der Offizier wandte sich wieder dem Kartentisch zu und schenkte ihm keine weitere Beachtung mehr.
Johnny spürte Ärger über dieses arrogante Verhalten in sich aufsteigen. Doch er schluckte ihn wieder hinunter. Reglos verfolgte er eine Weile stumm das Geschehen. Mousson ließ sich von Mommsen Bericht über alle weiteren Vorgänge und Befindlichkeiten an Bord erstatten.
Abschließend erörterte er mit dem Stewart den Kursverlauf. Sie würden am folgenden Tag den Hafen von Cork erreichen. Dort, an der Südspitze Irlands, hätten sie wegen eines Liefergeschäfts der erste Landgang geplant. Worum es sich beim dem Liefergeschäft handelte, erwähnte Mousson dabei mit keiner Silbe, und Mommsen hakte, wie Johnny enttäuscht feststellte, nicht weiter nach.
Als er mit seinen Ausführungen am Ende war, drehte Mousson sich einfach um und vertiefte sich in eine der Seekarten, die auf dem Tisch ausgebreitet lagen. Mommsen wartete eine Weile schweigend auf weitere Anweisungen. Als keine kamen, gab er Johnny ein Zeichen, ihm zu folgen.
***
Als sie ins Freie traten, atmete Johnny tief durch. Die Atmosphäre eben hatte, obwohl nichts wirklich Schlimmes vorgefallen war, etwas sehr Unangenehmes gehabt. Während er hinter Mommsen die Treppe hinunter ging, spielte er gedankenversunken mit dem Amulett in seiner Tasche.
Vielleicht wusste Mommsen, was für ein Schmuckstück das war, und vielleicht auch, wem es gehörte.
Konnte er sich diesem Mann anvertrauen, der zwar freundlich zu ihm war, den er aber kaum kannte?
Was, wenn Kette und Anhänger ein Geheimnis bargen, das er besser für sich behielt? Er hatte nicht vergessen, welche Gefühle es in ihm auszulösen vermochte. Seine Hand in der Tasche schloss sich zur Faust. Er musste es wagen. Was hatte er zu verlieren? Die Art, wie sein Körper und sein Geist auf dieses Ding reagierten, machte ihm Angst.
Und diese Angst wollte er, musste er loswerden.
Mommsen bemerkte die Veränderung an ihm. »Ist etwas mit Ihnen, Dr. Elm? Wieder der Kreislauf?« Er machte ein ernsthaft besorgtes Gesicht. Johnny gab sich einen Ruck. »Darf ich Sie etwas fragen, Herr Mommsen?«
Mommsen sah ihn erwartungsvoll an. »Natürlich. Nur zu.«
Johnny zog langsam die Kette aus seiner Hosentasche und hielt das Amulett vor Mommsens Gesicht. »Ich habe…«, sagte er, doch weiter kam er nicht. Wie paralysiert starrte der Stewart auf den Anhänger vor seinen Augen. Sein Körper fing an zu zittern. Seine Lippen begannen, Worte zu formen, bevor sein Mund in einem stillen Schrei erstarrte. Johnny wusste nicht, was er tun sollte. Panik überkam ihn. Was war das nur für ein fürchterliches Teil, das er da gefunden hatte? Einem jähen Instinkt folgend riss er seine Hand nach unten und steckte den Anhänger hastig zurück in die Tasche.
Kaum war das geschehen, besserte Mommsens Zustand sich schlagartig. Das Zittern verschwand. Gierig sogen seine Lungen Luft ein. Kaum jedoch war er wieder Herr seiner Sinne, sah er sich um, als fürchte er, beobachtet zu werden. Dann packte er Johnny am Arm und hauchte: »Das… sollten Sie hier besser… niemandem mehr zeigen… haben Sie mich verstanden? Geben Sie es niemals aus der Hand und zeigen Sie es… niemandem…«
3. Landgang
Ein Tag war vergangen.
Das Meer zeigte sich von seiner ruhigen Seite, und die Nachmittagssonne verursachte ein angenehmes Kribbeln auf der Haut. Johnny lag in einem alten Liegestuhl auf dem Achterdeck und sah über das tiefblaue Wasser. In den Händen hielt er das Smartphone. Endlich konnte er die Email an Prof. Block weiterschreiben, die er im Ordner für Entwürfe zwischengelagert hatte:
»Sehr geehrter Herr Professor Block,
bitte entschuldigen Sie, dass meine Nachricht an Sie so unvermittelt abbrach. Man ist hier an Bord nie ganz für sich allein. Ich lasse das bereits Geschriebene einfach stehen, damit Sie einen Eindruck davon bekommen, wie es hier auf der Elmsfeuer zugeht.
Inzwischen haben wir den Ärmelkanal und die Irische See überstanden. Vor uns liegt die Südküste Irlands, man kann sie bereits sehen, und wenn stimmt, was man mir gesagt hat, werden wir in einer halben Stunde in Cork vor Anker gehen. Mein Körper hat, wenn ich ehrlich bin, nichts gegen ein paar Stunden festen Boden unter den Füßen einzuwenden.
Dem von mir operierten Patienten geht es, entgegen aller medizinischen Erfahrungswerte, sehr gut. Er widmet sich bereits wieder in vollem Umfang seiner Arbeit als Maschinist. Nein, rügen Sie mich bitte nicht dafür! Ich habe ihm natürlich davon abgeraten. Erfolglos. Ansonsten ist…«
Das laute Rasseln der Ankerkette und das Rufen Mommsens ließen ihn zusammenfahren.
»Dr. Elm.«
»Ja. Hier drüben. Was ist?« Er schirmte mit einer Hand die Augen, um gegen die Sonne etwas sehen zu können.
Mommsen baute sich direkt vor ihm auf. »Befehl vom Captain: Wir gehen bereits hier draußen vor Anker und setzen mit einem der Beiboote zum Hafen über. Wenn Sie wollen, können Sie mit uns kommen.«
»Sehr gerne.« Eine leichte Windbö kam auf. »Ich bin in einer Minute bei Ihnen.«
Mommsen nickte.
Johnny wandte sich noch einmal kurz dem Telefon zu. Er löschte die letzten beiden Worte und schrieb: »Soeben zeigt sich erneut, dass Freizeit auf einem Schiff Mangelware ist. Man ruft bereits zum Landgang.
Ich hoffe sehr, es geht Ihnen gut. Grüßen Sie bitte die Kollegen von mir und verlassen Sie sich darauf, dass Sie bald wieder von mir hören. Es grüßt Sie sehr herzlich, Ihr Johnny Elm.«
Ein paar Sekunden lang starrte er auf das Geschriebene. Gedanken an all das, was er in Hamburg zurückgelassen hatte, geisterten durch seinen Kopf. Und wofür? Für eine unbequeme Reise ins Ungewisse.
Dann drückte er auf »Nachricht senden«.
»Was ist jetzt mit Ihnen, Dr. Elm? Wir müssen los!«
Johnny steckte das Handy in seine Gesäßtasche, stand auf und beeilte sich, zu der Stelle zu kommen, an der Mommsen, Mousson und Brovny bereits eines der drei Beiboote zu Wasser gelassen hatten. Brovny bewegte sich trotz des fehlenden Beins auffallend behände. An der Luke zum Unterdeck traf Johnny auf Lorna. Lorna lächelte, als sie ihn sah. Er lächelte zurück. »Na, Frau Hoy, kommen Sie mit uns an Land?«
Sie nickte. »Ja, aber nicht mit diesem Boot.« Er bemühte sich, einen plötzlichen Anflug von Enttäuschung zu verbergen. »Ich habe den Touristen versprochen, mit ihnen eines der anderen Boot zu nehmen. Die junge Dame ist noch nicht… ausgehfertig.« Lorna grinste. »Wir sehen uns dann aber auf jeden Fall an Land. Cork soll eine sehr schöne Stadt sein.«
»Das hab ich auch gehört«, antwortete er, obwohl das nicht stimmte.
»Elm!«, brüllte nun auch Mousson, »brauchen Sie eine Extraeinladung, oder was ist los?«
»Also, bis später«, sagte Johnny, entschuldigend grinsend. Dann ließ er sich an der frei schwingenden Jakobsleiter in das schlingernde Boot hinunter. Mousson fluchte auf Französisch und stieß sie mit einem Ruder von der Schiffswand ab. Als sie sich ein paar Meter von der Elmsfeuer entfernt hatten, ließ Mommsen den Motor an.
***
Die Männer in dem Boot erwiesen sich als versierte Seeleute. Es dauerte nicht lange, und sie hatten sich einen Weg zwischen den in ihrer Größe nicht ungefährlichen Schiffen hindurch zum Hafen gebahnt. An einem etwas abseits gelegenen Teil der Mole gingen sie längsseits und warfen die Leine aus.
Johnny stellte zufrieden fest, dass ihn seit Einnahme des Alraunensafts keine Symptome der Seekrankheit mehr plagten. Ehe er sich versah, hatten seine drei Begleiter den Kai geentert und waren, ohne sich weiter um ihn zu kümmern, im Getümmel aus Hafenarbeitern und Touristen verschwunden. Ihm war das nur recht. Er wollte gar nicht wissen, welche Art Geschäfte sie zu erledigen hatten. Viel lieber würde er sich in der Zwischenzeit den Hafen von Cork ansehen. Zunächst einmal aber würde er auf Lorna warten. Er ließ sich auf einem der Pfeiler in der Nähe nieder und besah sich das bunte Treiben. Hier war zwar alles etwas kleiner als in Hamburg, dafür aber hatte sich eine Ursprünglichkeit erhalten, die in seiner Heimatstadt kaum mehr zu finden war. Alte Filme über die Seefahrt kamen ihm in den Sinn, als er die schiefen Segelmacher- und Reeperhäuschen am Ende der Mole sah, die sich vor dem Wind hinter die moosbewachsene Kaimauer duckten.
Er liebte das Meer und die damit verbundenen Traditionen und Mythen. Bestimmt war das einer der Gründe, warum er sich nun dort befand, wo er war. Er ließ seine Gedanken schweifen. Hatte er die richtige Entscheidung getroffen, seine berufliche Karriere in einer der angesehensten Kliniken des Landes gegen eine Stelle als Schiffsarzt einzutauschen? Noch dazu auf einem heruntergekommenen Kahn wie der Elmsfeuer? Wie mochte die Reise weitergehen? So aufreibend, wie bisher? Seine Hand rutschte vorsichtig in die Hosentasche. Woher rührten die Angstzustände, die ihn überkamen, wenn er dieses seltsame Amulett berührte? Er legte die Stirn in Falten. Sollte er es vielleicht einfach ins Meer fallen lassen? Dann war er zumindest eine Sorge los.
Das Ding war unheimlich, und Mommsen wusste darüber hinaus ganz offensichtlich, was es war. Warum hatte er ihn davor gewarnt, es Anderen zu zeigen? Vertrauenswürdig schienen ihm die Leute an Bord alle nicht. Die Köchin vielleicht ausgenommen. Welches Geheimnis trugen sie mit sich herum? Andererseits: wollte er das wirklich wissen?
»Dr. Elm!« Jemand rief vom Wasser her seinen Namen. Lorna saß im Heck des zweiten Beiboots und steuerte es sicher in die Nähe des ersten. Eine Hand an der Ruderpinne, winkte sie ihm fröhlich zu. Die zwei Touristen, beide immer noch ein wenig bleich um die Nase, klammerten sich an ihren Holzsitzen fest. Die Bugwellen der ein- und auslaufenden Schiffe ließen ihr Boot gehörig schaukeln. Bald jedoch hatten sie es überstanden.
Johnny half Lorna, so gut er konnte, das Boot zu vertäuen. Er würde sie bei Gelegenheit fragen müssen, woher sie derart bewandert im Knüpfen von Seemannsknoten war.
Das junge Paar blühte, sobald es festen Boden unter den Füßen hatte, sichtlich auf und meldete sich umgehend zum Einkaufsbummel ab.
Zuvor jedoch nahm Lorna ihnen das dringende Versprechen ab, zum vereinbarten Zeitpunkt wieder am Hafen zu sein. Schmunzelnd sahen Johnny und sie den beiden nach.
»So, und womit vertreiben wir uns nun die Zeit?«, fragte Johnny.
»Was halten Sie von einem Spaziergang durch das Viertel? Eventuell finden wir ein kleines Café, in dem wir uns ausruhen können. Nichts gegen den Kaffee unserer Köchin, aber…« Sie hielt inne. »Außerdem möchte ich ein paar Postkarten kaufen.«
Er nickte zustimmend. »Na, dann nichts wie los.«
Froh, dem Schaukeln des Schiffs für eine Weile entkommen zu sein, machten sie sich auf Erkundungstour, besahen sich hier ein Schaufenster und wimmelten dort einen der Koberer ab, der sie laut krakeelend in eine der zahlreichen, übel ausdünstenden Bars zerren wollte.
Johnny staunte. Das war wirklich nicht mit dem zu vergleichen, was Besuchern auf St. Pauli an Touristenroutine geboten wurde. Hier war alles irgendwie roher, vielleicht auch gefährlicher. Sorgfältig achtete er darauf, dass Lorna sich nicht zu weit von ihm entfernte.
Bald fiel ihnen auf, dass sie den lebhaften Teil des Viertels, ohne es zunächst zu merken, hinter sich gelassen hatten. Wenig später fanden sie sich in einer tristen, menschenleeren Seitenstraße wieder, die wenig Vertrauen einflößte. Aus eigener, schmerzhafter Erfahrung auf dem Hamburger Kiez wusste Johnny, dass alles in Ordnung war, solange man sich auf den ausgetrampelten Touristenpfaden bewegte. Bedenklich wurde es erst, wenn man diese verließ und in einer dunklen Ecke Jemanden aufschreckte, der dort in Ruhe seinen Geschäften nachgehen wollte. Wie es aussah, waren sie soeben an einem dieser Orte gelandet.
Johnny fasste Lorna sanft am Arm. Er wollte ihr keine Angst machen. Vorsicht war aber trotzdem geboten. »Ich denke, wir sollten zusehen, dass wir in belebtere Gefilde zurückkehren…«
Lorna sah sich in einer Mischung aus Neugier und Unbehagen um.
»… bevor wir uns komplett verfransen.«
Sie nickte und wich von nun an keine Armlänge mehr von seiner Seite. Bald mussten sie einsehen, dass sie im Gewirr der engen Gassen die Orientierung verloren hatten. Vom Geschrei und Durcheinander des Hafens war hier nichts mehr zu hören.
»Am besten, wir fragen Jemanden nach dem Weg«, schlug Lorna flüsternd vor.
Die schmale, kopfsteingepflasterte Straße, auf der sie sich befanden, gehörte offensichtlich noch zum Rotlichtbezirk. Allerdings herrschte kaum Betrieb. Den Damen, die gelangweilt in dunklen Hauseingängen lehnten, war anzusehen, dass sie ihre beste Zeit schon eine Weile hinter sich hatten und, was die Tarife betraf, nicht mehr sehr anspruchsvoll sein durften. Entsprechend verwahrlost wirkten auch die wenigen potentiellen Freier, die geifernd umher gingen und jede der Frauen wie Vieh begrapschten.
Lorna und Johnny beschleunigten ihre Schritte. Nur schnell weg von diesem deprimierenden Ort! Aber wie? Nicht lange und Johnny rang sich endlich dazu durch, eine Dame, die mit dem Rücken zu ihnen stand, nach dem Weg zu fragen. Was blieb ihnen auch für eine Wahl?
Schüchtern räusperte er sich und klopfte dabei vorsichtig auf die ihm zugewandte Schulter. Und noch während die Person sich zu ihm umdrehte, wünschte er, nichts dergleichen getan zu haben. Denn Lorna und ihm bot sich im nächsten Moment ein schwer erträglicher Anblick.
Die nackten Unterarme, das tiefe Dekolletee und nicht zuletzt das Gesicht der Frau waren derart verstümmelt, das sich kaum noch von einem menschlichen Antlitz sprechen ließ. Sowohl Arme als auch Brust waren von Narben und verkrusteten Entzündungen übersät. Jemand musste der Frau vor langer Zeit die Lippen mit einem Messer abgeschnitten oder vielmehr abgerissen haben. Die verbliebenen, zerfaserten Muskeln und Hautfalten vermochten nicht, das zerstörte Gebiss vollständig zu bedecken. Ein widerwärtiges Grinsen war die Folge, so gegen alle Natur, dass es unmöglich war, den Blick davon abzuwenden, wie sehr man es sich auch wünschte. Die Nase der Frau fehlte ganz. An ihrer Stelle befand sich ein blutverkrustetes Loch, aus dem fortwährend übelriechender Schleim quoll und sich zäh über Mund, Kinn und Hals bis auf die welken Brüste ergoss.
In einer der beiden Höhlen fehlte das Auge. Auch hier stinkender Eiter, in dem Johnny das widerwärtige Zucken weißer Maden auszumachen glaubte. Das zweite Auge befand sich zwar noch an seinem Platz, war aber von einem milchigen Schleier überzogen. Dahinter zeichnete sich das Dunkel einer Pupille ab, die sie unverwandt anstarrte.
»Ja, bitte? Wie kann ich Euch helfen, Ihr zwei Hübschen?« Die Stimme der Frau war nicht weniger verstörend als ihr Körper. Ihr Ton war hoch und durchdringend. Jedoch fehlte ihr alles Weibliche. Sie glich eher dem eines vor dem Stimmbruch kastrierten Mannes.
Johnny und Lorna standen wie angewurzelt, vollkommen unfähig, sich zu rühren. Die Frau wurde schnell ungehalten. »Ihr müsst mir schon sagen, was Ihr wollt, Kinder, sonst kann ich nichts für Euch tun.« Johnny fasste sich ein Herz: »Ent… schuldigung. Können Sie uns eventuell sagen, wie wir von hier zurück zum Hafen kommen?« Umgehend wurde die Frau ein wenig freundlicher. »Ach, verlaufen habt Ihr Euch.« Sie machte eine Pause, und ihr Grinsen wurde noch widerwärtiger. »Was ist meine Auskunft Euch denn wert, Kinder?« Johnny zögerte: »Was muss… Sie uns… denn wert sein?«
»Wieviel habt Ihr denn dabei?«
Johnny wühlte in seiner Hosentasche. Er ertastete einen zusammengeknüllten Geldschein und bemühte sich, ihn so schnell wie möglich hervorzukramen. Dabei fielen ihm ein paar Centmünzen klirrend zu Boden, und zwischen den Münzen lag: das Amulett.
Er hielt den Atem an.
Die Frau beugte sich mit einer Schnelligkeit, die man ihr nicht zugetraut hätte, zu Boden. »Was haben wir denn da?«, krächzte sie.
»Geben Sie das bitte zurück«, sagte Johnny, »es handelt sich um persönliches Eigentum.«
»Persönliches Eigentum«, wiederholte die Frau heiser und ihre Finger krochen spinnengleich über die Kruste, die das Amulett umschloss.
»Hier«, sagte Johnny nervös, »ich gebe Ihnen 50 Euro. Mehr habe ich nicht bei mir… das ist eine Menge Geld für eine einfache Auskunft…«
»Einfache Auskunft…«, wiederholte die Frau und schien sein Angebot gar nicht zur Kenntnis genommen zu haben. Versonnen ließ sie die Kette durch ihre Finger gleiten. Schließlich hob sie den Kopf, und ihr starrer Blick brannte sich in Johnnys Seele. Er spürte Lornas Hand, die hilfesuchend nach seiner griff.
»Ihr kommt von der Elmsfeuer, hab ich Recht?«
Johnny wurde schwindlig. Lornas Hand war kalt wie Eis.
»Wo… woher wissen Sie das?«, stammelte er.
»Ein Kessel ist geborsten und ein Bein ist verloren…«, summte die Frau. Johnny musste seine gesamte Kraft aufwenden, bei Bewusstsein zu bleiben. Die heisere Stimme drang wie durch Watte an sein Ohr.
»Lornas Hand nicht verlieren, Lornas Hand nicht verlieren…«, hämmerte es in seinem Kopf.
»… und das ist erst der Anfang«, fuhr die Frau fort. »Die Elmsfeuer… gibt keine Seele wieder frei… die sie einmal gefangen hat… keine Seele… die sie einmal gefangen hat…«
Ihm wurde schwarz vor Augen. Er taumelte, spürte, wie er das Gleichgewicht verlor und von der erschrockenen Lorna festgehalten wurde. Sein schwindendes Blickfeld fokussierte das Amulett in der Hand der Frau. Er musste es wiederhaben. Um jeden Preis. Wie in Trance griff er nach der vor ihm baumelnden Kette – und fasste ins Leere.
Er hörte ein schepperndes Lachen. »Wenn ihr schlau seid, geht ihr nicht zurück, Kinder… ich…«
»Na, du alte Schabracke!« Jemand war unbemerkt neben sie getreten. Soweit Johnny erkennen konnte, handelte es sich um einen der verwahrlosten Freier. Der Mann grunzte, spie einen Klumpen grünen Auswurfs vor Lornas Füße und packte die Frau unsanft an der Schulter.
»Kann man dich Scheusal noch ficken oder fällst du dann auseinander?« Er unterstrich seine Frage mit einem weiteren unappetitlichen Geräusch.
»Jetzt oder nie!«, durchfuhr es Johnny.
Wie er es geschafft hatte, konnte er später nicht mehr sagen. Der kurze Moment der Ablenkung jedenfalls hatte genügt. Mit letzter Kraft riss er das Amulett an sich und zerrte Lorna, ohne eine Sekunde abzuwarten, mit sich fort. Dann rannten sie. Sie rannten von einer Gasse zur nächsten, hierhin, dorthin, atemlos, orientierungslos, bis sie schließlich eine der Häuserzeilen wiederzuerkennen glaubten. Der Hafen konnte nicht mehr weit sein.
Plötzlich fasste Jemand Johnny von hinten an die Schulter. Er fuhr herum, bereit, dem Angreifer seine Faust mitten ins Gesicht zu schlagen. Mousson! Es war Philippe Mousson, der Erste Offizier der Elmsfeuer. Mit der Gewandtheit eines kampferprobten Seemanns wich er Johnnys dilletantischer Attacke aus. »Nun mal langsam, Doktor, geht man so mit Freunden um? Was ist denn überhaupt los? Sie sehen ja aus, als sei Ihnen der Leibhaftige persönlich begegnet.« Er packte fester zu. »Nun bleiben Sie doch endlich stehen!« Johnny hielt schwer atmend an. Lorna presste sich an seine Seite und schnappte ebenfalls heftig nach Luft.
Ihre Lungen brannten wie Feuer. Sie brachten kein Wort heraus.
»Na gut, merken Sie sich, was Sie sagen wollen, bis später«, grinste Mousson. »Wir müssen ohnehin machen, dass wir zum Hafen und auf das Schiff kommen, bevor…«, er zögerte, »nun ja, unsere Geschäftspartner waren von dem, was wir ihnen zu bieten hatten, nicht sehr angetan…« Sein Grinsen erlosch. »Los. Beeilung!«
***
An die Strecke zum Hafen, die sie im Sprint zurückgelegt haben mussten, konnte Johnny sich später nicht mehr erinnern. Wovon ihm jedoch eine bleischwere Ahnung blieb, war ein großer Schatten, schwarz wie eine Gewitterfront und difus wie ein Schwarm Hornissen, der sich den gesamten Weg lang hinter ihnen zu befinden schien.
Dass sie unterwegs das junge Touristenpaar aufgegriffen und aus Zeitmangel mit in ihr Boot genommen haben mussten, begriff er erst, als er in dem schwankenden Kahn wieder halbwegs zu Bewusstsein gelangte.
Da saßen sie nun, eng aneinander gepresst, in der überladenen Nußschale und hofften, das Schiff unversehrt zu erreichen.
Über dem Hafen glaubte er wieder den Schatten zu erkennen, sah, wie er drohend hin und her wogte – und sich schließlich im Blaugrau der einsetzenden Dämmerung auflöste.
Ohne zu verstehen, was geschah, begann er ahnen: Sie waren noch einmal davon gekommen. Das war zumindest die Botschaft, die er in den erschöpften Gesichtern ablesen konnte.
Sein Blick ging ratlos von einem zum anderen. Die Wellen warfen ihr Boot hin und her wie einen Spielball. Der alte Außenmotor röhrte blechern.
Johnny spürte, wie ihm kalt wurde. Unbewusst rückte er näher an Lorna heran, die neben ihm saß. Ihre Wärme drang durch sein T-Shirt.
Langsam ließ die Anspannung nach, und sein Gehirn begann wieder zu arbeiten. War alles nur ein böser Traum gewesen? Das Viertel, in das sie sich verlaufen hatten. Die grauenhafte Frau. Plötzlich war ihm, als stünde sie direkt hinter ihm. Wieder konnte er ihre heisere Stimme hören, glaubte zu verstehen, was sie ihnen im Davonrennen hinterher rief: »Merkt Euch meine Worte, Kinder, merkt sie Euch gut! Denn ich bin nicht die, für die ihr mich haltet. Ich bin… das Schiff… Kinder… bin das Schiff… Euer… Schiff…«
Ohne es zu merken, griff er sich mit beiden Händen an den Kopf, als könne er ihn so am Zerspringen hindern.
Im selben Moment glitt ihr Boot aus dem Schatten eines ankernden Frachtschiffs ins Freie, und vor ihnen lag, keine hundert Meter entfernt, die Elmsfeuer.
4. Die Inseln im Nebel
Fast eine Woche war seit den Ereignissen in Irland vergangen. Ohne Zwischenfälle erreichten sie die Orkney-Inseln im Norden Schottlands. Die See war für die Jahreszeit ausgesprochen ruhig. Trotzdem war der Rumpf des Schiffs ständig in Bewegung.
Je weiter sie in den Norden vorstießen, desto häufiger trafen sie auf Nebelfelder. Zunächst waren es nur vereinzelte Bänke. Stündlich aber wurden diese größer und dichter, bis der kaum zu durchdringende Dunst zu ihrem ständigen Begleiter wurde.
Eine Veränderung ging vor sich.
Der Nebel schien alle Geräusche um sie herum zu verschlucken: Das Plätschern der Wellen, die unablässig gegen den Bug schlugen, das Geschrei der Vögel, deren Zahl in Küstennähe eigentlich hätte zunehmen müssen, und die Signalhörner fremder Schiffe, deren Kurs den ihren kreuzte. Nichts davon war mehr zu hören.
Es dauerte nicht lange, dann hatte das große Schweigen sich auch auf die Leute an Bord übertragen. Sie gingen zwar nach wie vor ihrer Arbeit nach, sprachen dabei aber nur das Nötigste. Es war, als befänden sie alle sich auf einer endlosen Totenmesse, und jeder von ihnen hätte Angst, die Ruhe der Seelen durch den Lärm seiner Stimme zu stören.
Hin und wieder, sehr selten, zeichnete sich ein schwacher Lichtpunkt an jener Stelle ab, an der sich, weit über ihnen, der Himmel befinden musste. Die Sonne und ein freier Horizont kamen ihnen wie verblassende Erinnerungen an eine längst vergangene Epoche vor. Wegen der schlechten Sicht hatte Mousson die Geschwindigkeit auf ein Minimum drosseln lassen. Das bis dahin monotone Brummen der Bordmaschine war somit ebenfalls verstummt.
Die Gegend, in der sie sich nun aufhielten, war wegen ihrer Untiefen, Sandbänke und Riffe gefürchtet. Beim Manövrieren galt deshalb höchste Vorsicht. Zu allem Überfluss hatte das Sonar nur Tage zuvor den Dienst quittiert. Die Bestimmung der Wassertiefe musste nun, wie in alten Tagen, mit einem Senklot vorgenommen werden.
So sah man, wenn man durch eine der beiden Luken an Deck trat, die Schemen Moussons und Mommsens über die Reling am Bug gebeugt, wo sie Fahrmeter für Fahrmeter ihre mit Blei beschwerte Leine zu Wasser ließen und wenig später wieder einholten. Stunde für Stunde ging das so, ohne dass sich eine Verbesserung der Witterungsverhältnisse abzeichnete.
»3,50«, hörte man die fahle Stimme des Stewarts, und der Steuermann notierte die Angabe mit Bleistift in ein von Feuchtigkeit gewelltes, blaues Vokabelheft.
»3. -- 2,50. -- 3,20.«
Beide Männer kannten den Tiefgang ihres Schiffs und wussten, wieviel sie riskieren konnten. Ab und zu drehte Mousson sich um und signalisierte dem Kapitän auf der Brücke per Handzeichen, wie er das Steuerruder zu bewegen hatte. Sollte er in diesen Momenten von Sorge erfüllt gewesen sein, war nach außen hin nichts zu erkennen.
***
Die an Bord eingetretene Stille machte allerdings Keiner mehr zu schaffen als Kreszentia Rausch. Sie war eine Seele von Mensch, wenn es ihr gut ging; doch gut ging es ihr nur, wenn sie sich in einem lebhaften Umfeld bewegte. Was andere Menschen als Lärm empfanden, war für sie Quelle innerer Ausgeglichenheit und Ruhe. Das plötzliche Fehlen der gewohnten Klänge verursachte ihr körperliches Unwohlsein. In ihre Seele ließ sie ohnehin niemanden blicken.
Seit dem frühen Vormittag war auch der Empfang ihres geliebten Radios gestört. Für Kreszentia Rausch war damit die Grenze des Erträglichen erreicht. Niedergeschlagen schlich sie in der Küche auf und ab, rührte gedankenverloren in einem großen Kessel mit Suppe, ohne zu merken, dass sie die Herdplatte überhaupt nicht angestellt hatte. Als ihr dafür zum zweiten Mal Rosinas heiße Schokolade anbrannte, brach sie in Tränen aus.
Daraufhin stand Rosina auf, verließ, sehr zu Kreszentia Rauschs Verwunderung, die Kombüse und kehrte wenig später mit ihrem Vater zurück, der sich, mit einem Schraubenzieher bewaffnet, umgehend der Reparatur des defekten Apparats widmete.
Kreszentia Rausch lächelte verheult. Dieses Kind war wirklich ein Engel. Während Brovny arbeitete, leisteten sie ihm gemeinsam vom Küchentisch aus Gesellschaft.
»Das ist wirklich sehr nett von Ihnen, Herr Brovny, Sie haben in Ihrem Maschinenraum doch sicher alle Hände voll zu tun.«
»Na ja«, entgegnete Brovny, ohne aufzusehen. Er löste vier Schrauben und nahm die Frontverkleidung des Radios ab. Dann griff er nach dem Schraubenzieher und fuhr damit zwischen einen Strang bunter Kabel. Kreszentia Rausch sah ihm interessiert zu. »Glauben Sie nicht, es ist besser, wenn Sie zuerst den Stecker ziehen, bevor sie da so herumstochern?«
Brovny blickte missmutig auf. »Was halten Sie davon, wenn ich das mache, wovon ich etwas verstehe, und Sie das, wovon Sie etwas verstehen? Gegen schwarzen Tee hätte ich nämlich überhaupt nichts einzuwenden«, raunte er in seinem kantigen Deutsch. Mit der Spitze des Schraubenziehers prüfte er klopfend zwei nebeneinander liegende Platinen.
Kreszentia Rausch spürte, wie ihr Blutdruck stieg. Was bildete sich dieser ungehobelte Russe ein? Es mochte ja sein, dass man dort, wo er herkam, so mit Frauen umging. In ihrer Küche allerdings würde er sich andere Umgangsformen angewöhnen müssen.
Ihr Gedankengang wurde jäh unterbrochen.
Im selben Moment nämlich tat es einen gewaltigen Schlag. Aus dem geöffneten Radio schoß eine Stichflamme. Brovny brüllte kurz auf. Dann wurde es Nacht in der Küche.
Mit pochendem Herzen tastete Kreszentia Rausch sich bis zum Lichtschalter neben der Tür vor. Klick. Klack. Nichts.
Zum ihrem Glück verfügte die Kombüse über ein umfangreiches Arsenal an Kerzen. Kreszentia Rausch entzündete ein halbes Dutzend Teelichter auf dem Esstisch. Im zuckenden Licht der kleinen Flammen sahen sie die massige Gestalt des Maschinisten ausgestreckt auf dem Boden liegen. Besorgt beugten sie sich über den reglosen Körper.
»Herr Brovny?«
»Papa?”
***
»Was ist denn das?«
Johnny hatte in seiner Kabine auf dem Bett gelegen und in einem alten Anatomiebuch geschmökert, einer teuren Rarität, die seine Kollegen ihm zum Abschied geschenkt hatten. Ihm war ein wenig langweilig.
Medizinisch gesehen legten Lorna und er gerade eine Durststrecke zurück. Niemand hatte sich in letzter Zeit verletzt oder war anderweitig krank geworden. Auch das Meer war seit ein paar Tagen vollkommen ruhig.
Nach dem mehr als kräftezehrenden Einstieg war er jedoch keineswegs enttäuscht über die ruhigere Gangart. Die nächste Herausforderung käme bestimmt bald auf sie zu.
Er hatte ohnehin eine Weile gebraucht, sich von den Ereignissen in Cork und auch den verstörenden Erfahrungen mit dem mysteriösen Amulett zu erholen. Seitdem Mommsen ihn davor gewarnt hatte, es aus der Hand zu geben oder einem Fremden auch nur zu zeigen, hatte er es nicht mehr hervorgeholt. Es war besser so.
Baronesse von Adler hatte er seit dem Zwischenfall vor ihrer Kabine ebenfalls nicht mehr zu Gesicht bekommen. Nicht, dass es ihn zu einem Wiedersehen drängte. Die Macht, die allein ihr Blick auf sein Empfinden ausgeübt hatte, brachte ihn noch immer zum Schaudern, wenn er daran dachte.
Was waren dies nur für sonderbare Menschen? Was war dies für ein sonderbares Schiff?
Soeben hatte er sich in eine Übersicht des menschlichen Skeletts aus dem Jahr 1888 vertieft, als mit einem Mal das Licht ausfiel.
Johnny legte den abgegriffenen Wälzer beiseite, stand auf und prüfte den Sitz der Glühbirne in ihrer Fassung. Er fand keine Auffälligkeit.
Woran lag es dann? Stromausfall?
Ohne Deckenlampe jedenfalls war es in der Kabine zu dunkel zum Lesen. Er überlegte. Dann würde er eben eine Weile an Deck gehen und sich dort die Zeit vertreiben. Frische Luft schadete nie.
Er griff nach seiner Jacke, die über dem Stuhl hing, und machte sich auf den Weg. Der Korridor lag ebenfalls im Dunkeln. An der Wand entlang arbeitete er sich Schritt für Schritt vorwärts. Noch kannte er den Flur nicht gut genug. Hinter der nächsten Ecke stieß er mit Lorna zusammen, die, mit einer Stabkerze bewaffnet, das selbe Ziel hatte.
»Auf diesem Schiff wird es irgendwie nie langweilig«, begrüßte sie ihn.
***
»2,90. -- 2,10. -- 1,80.«
Mommsen ließ ein ums andere Mal das Senklot ins Wasser gleiten, um es gleich darauf wieder einzuholen. Was er Mousson verkündete, gefiel diesem gar nicht.
»Noch ein paar verfluchte Zentimeter und wir hängen auf Grund. Da vorne, Mommsen, sehen Sie, wo das Wasser dunkler wird, verläuft die alte Fahrrinne. Wenn wir bis dort hin kommen, haben wir es geschafft.« Seine Miene verfinsterte sich. »Jemand, Mommsen, meint es nicht gut mit uns. Es ist, als söffe er uns das Wasser direkt unter dem Arsch weg.«
»2,50. -- 2,80. -- 3,40«, murmelte der Stewart.
Moussons Augenlid zuckte. »Hm«, sagte er überrascht, »sieht wohl doch so aus, als hätten wir diese verfluchten Untiefen endlich hinter uns.« Ein letztes Mal ließ Mommsen die Leine zu Wasser.
»4,80… ja, scheint mir auch so.«
Erleichtert rieb sich Mousson mit der Hand über das Kinn.
***
Im selben Moment, als Johnny und Lorna durch die enge Luke das Vorderschiff betraten, gingen im ganzen Schiff die Lichter wieder an. Sie tauschten verwunderte Blicke aus. Lorna löschte ihre Kerze, steckte sie, als sie ausgehärtet war, in die Jackentasche und schlenderte mit Johnny hinüber zur Reling, wo Mousson und Mommsen damit beschäftigt waren, die Schnur des Senklots über einer Spule aufzurollen. Der Nebel hatte sich ein wenig gelichtet. Von den nahen Inseln allerdings war nach wie vor nichts zu sehen.
Die Tür der Luke schepperte erneut.
Brovny enterte mit Rosinas Hilfe das Oberdeck. Johnny ging lächelnd auf ihn zu. »Ihre phänomenale Heilung ist mir nach wie vor ein großes Rätsel, lieber Herr Brovny…«
Brovny starrte desorientiert an ihm vorbei.
Johnny fuhr fort: »Womit ich keinesfalls zum Ausdruck bringen möchte, dass ich mich nicht sehr darüber freue.« Er reichte Brovny die Hand, drückte sie fest und wunderte sich, dass sein Gegenüber kaum darauf reagierte. Brovnys Pranke steckte wie ein toter Fisch zwischen seinen Fingern. »Geht es Ihnen nicht gut, Herr Brovny?«
Der schüttelte den Kopf. »Alles gut.«
»Sind Sie sicher? Sie machen mir, ehrlich gesagt, einen etwas geschwächten Eindruck. Dafür brauchen Sie sich nicht zu schämen. Bei ihrer Vorgeschichte grenzt es ohnehin an ein Wunder, dass Sie überhaupt aufrecht gehen können. Legen Sie sich lieber ein bisschen hin.« Er schickte sich an, Brovny stützend unter den linken Arm zu greifen. »Kommen Sie, ich helfe Ihnen wieder nach unten.«
»Nein, Doktor, lassen Sie, wirklich, es ist alles in Ordnung. Das macht… macht nur das Wetter.« Brovny löste sich aus seinem Griff und stapfte, die eine Körperhälfte auf seine verdrehte Gehhilfe gestützt, hinüber zu Rosina, die in einem dunkelblauen Kleid und mit einer roten Strickmütze auf dem Kopf über die Aufbauten des Vorderdecks turnte.
Johnny kehrte zurück zu Lorna. Sie betrachteten abwechselnd die silberglatte Oberfläche des Meeres und das ausgelassen spielende Kind. Mousson und Mommsen machten sich mit ihrer Ausrüstung auf den Weg zur Brücke. Neben Johnny und Lorna blieben sie kurz stehen. Mousson kniff die Augen zusammen und sah schweigend auf das Wasser.
»Wenn ich mich nicht irre, sind wir nicht mehr weit entfernt von Scapa Flow.«
»Scapa Flow?«
»Ja, Doktor, Scapa Flow. Schon einmal gehört?”
»Wenn ich ehrlich bin, nein.«
»Scapa Flow heißt die Bucht, die von den Inseln Mainland, Hoy und South Ronaldsay eingeschlossen wird. Gehören alle drei zu den südlichen Orkneys, ganz hier in der Nähe. Eigentlich ein beschaulicher Flecken Erde… wenn… ja, wenn da nur diese Dinge nicht wären…«
»Dinge?«
»Lassen Sie es mich so sagen: Die Bucht von Scapa Flow hat eine lange und… bewegte Geschichte. Schon die Wikinger hatten dort eine Art Hafen. Im Ersten… und im Zweiten Weltkrieg dann hatten die Briten an selber Stelle ihre Flotte stationiert. Die deutsche Marine hat mehr als einmal versucht, mit ihren U-Booten in die Bucht vorzudringen. Erfolglos. Bis auf ein einziges Mal.« Moussons Augen begannen, seltsam zu leuchten. »Kapitänleutnant Prien, dem der Angriff damals gelungen ist, war ein guter Freund unseres Captains… selbe Kadettenanstalt.
Aber schon lange vorher, im Sommer 1919, hat die deutsche Admiralität in Scapa Flow über 70 Schiffe der eigenen Flotte versenkt, damit sie nicht den Engländern in die Hände fallen. Ein Wahnsinn. Sie liegen noch heute dort unten. Was ich damit sagen will: Scapa Flow ist verantwortlich für eine Menge toter Seeleute und gesunkener Schiffe… eine ganze Menge… und das ist nie gut… für einen Ort… so viele Tote…«
Er machte eine Pause und starrte über die Reling ins nebelverhangene Nichts. Die anderen schwiegen. Mousson schob seine Offiziersmütze in den Nacken. »Ich bin selbst mehrmals unter verschiedenen Flaggen in Scapa Flow eingelaufen. Oberflächlich betrachtet eine Bucht wie jede andere. Aber ich müsste lügen, wenn ich sage, dass ich nicht jedesmal froh war, wenn wir dort wegkamen…« Er fuhr sich, wie es eine seiner Gewohnheiten war, über das zerfurchte Gesicht. »Es ist kein guter Ort… ein verwunschener Ort… die ganze Gegend rund um die Orkneys ist es…« Er machte eine Pause. Man hätte in diesem Moment eine Stecknadel fallen hören können. »Manche sagen, dass hier das wahre Tor nach Avalon zu finden sei… andere behaupten, dass die Seelen der Ertrunkenen sich an diesem Ort in denen der Lebenden einnisten, weil sie nicht verstehen wollen, dass ihrem eigenen Leben so lange vor der Zeit ein Ende gesetzt wurde… und wieder andere berichten von Booten, mit Feen und Elfen an Bord, die mit ihren Laternen den Schiffern den Weg ins Verderben leuchten…«
Er verstummte. Niemand sagte etwas. Kaum hörbar gluckste das Wasser gegen die Bordwand.
Lorna war es schließlich, die das bedrückte Schweigen brach.
»Was ist das?«, fragte sie gepresst, »hört Ihr das auch?« Sie lauschten. Tatsächlich. Sie hörten es auch.
Ein merkwürdiges, sphärisches Singen schien direkt aus dem Meer zu kommen. Sie richteten ihre Blicke auf das Wasser und wurden Zeuge, wie das dunkle Grau mit einem Mal grün zu leuchten begann. Ein Licht drang von irgendwo tief unten zu ihnen herauf. Das Singen schwoll an und ab, als brächte man ein Glas mit dem Finger zum Schwingen.
Unwillkürlich zogen alle sich ein Stück von der Reling zurück. Was war das?
Lorna erschrak. Sie hatte Rosina zwischen den vorderen Deckaufbauten entdeckt. Das Kind schien vom Locken des Meeres magisch angezogen. Behände kletterte es von einem der Luftschächte herunter und hangelte sich am Ladekran vorbei zum Bug. Dort streckte es die Hand nach der Gischt aus, die mit weißschäumenden Fingern nach ihm griff.
Lorna bekam es mit der Angst zu tun. Was, wenn Rosina sich zu weit über die Reling beugte und ins Wasser fiel? Sie wollte dem Mädchen zur Hilfe eilen, aber Etwas hielt sie zurück. So sehr sie es auch versuchte, sie kam nicht von der Stelle.
»Rosina! Pass auf! Das ist gefährlich!”, wollte sie rufen. Doch aus ihrer Kehle kam kein einziger Laut.
Das Wasser hatte inzwischen zu glühen begonnen, und ihre Ohren schmerzten von dem durchdringenden Ton.
Wieso taten die anderen denn nichts?
Sie sah sich um und erkannte, dass es denen genau so zu ergehen schien wie ihr. Was war das? Und wer löste es aus?
»Das Meer verlangt ein Opfer.«
Die Stimme, die das sagte, war tief. Sie war laut. Und sie schien von überall her zu kommen. Alle Köpfe fuhren herum. Hinter ihnen stand, nein, erschien in diesem Moment, ganz in Schwarz, Baronesse von Adler. Ihr Gesicht lag hinter einem blickdichten Schleier.
Johnny spürte, wie jene innere Kälte, die ihn an Bord bereits mehrmals heimgesucht hatte, sich erneut in ihm ausbreitete. Langsam neigte er seinen Kopf in den Nacken. Wie groß von Adler plötzlich war. Die Spitze ihres Huts lag auf einer Höhe mit der Top des Ladebaums.
Es war gewaltig, furchteinflößend, verstörend.
»Das Meer verlangt ein Opfer«, wiederholte die Stimme. »Was steht ihr also?« Von Adler hob den Arm und deutete auf Rosina, die reglos vorne am Burg verharrte. Wortlos sah sie der riesenhaften Gestalt entgegen. Kein Zeichen von Angst war an ihr zu erkennen.
Das Glühen des Meeres war inzwischen so stark, dass es in den Augen brannte. Das Singen ließ beinahe ihre Trommelfelle reißen.
»Ein Opfer…« Von Adler richtete ihren Arm weiter auf, und wie von Geisterhand ergriffen, begann Rosina, in die Luft zu steigen.
Niemand sah sich in der Lage, etwas zu unternehmen. Brovnys Gesicht war eine Grimasse der Angst.
Lorna spürte, wie Tränen der Verzweiflung über ihr Gesicht liefen. Johnny, der neben ihr stand, war blass wie der Tod selbst. Allein Moussons Miene zeigte keine Regung.
Rosina stieg höher und höher. Bald schwebte ihr zierlicher Körper über den Bugsteven hinaus auf das Wasser, weiter, immer weiter.
Eine herrische Geste von Adlers schließlich brachte sie mit einem Ruck zum Stehen. Weit unter ihr brodelte das Wasser, als würde es kochen. Alle hielten den Atem an.
»Nex Osan!«, tönte von Adlers Stimme, und im selben Moment sauste die kleine Gestalt in dem blauen Kleid in die Tiefe. Das unerträgliche Singen übertönte das Geräusch des Aufpralls. Im Nu schlossen sich die Fluten über Brovnys Tochter. Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte Johnny noch, das Rot einer Strickmütze aufleuchten zu sehen. Dann war alles vorbei. Der mörderische Ton verklang. Das Leuchten in der Tiefe erlosch. Alles wurde schwarz.
5. Sie fliehen
»Vielleicht hätte ich doch einfach in meinem Krankenhaus bleiben sollen. Jeder, wirklich jeder meiner Kollegen hat mir dazu geraten. In ein paar Jahren wäre ich Oberarzt geworden, und dann, eines Tages vielleicht sogar Chefarzt. Der Operationssaal hatte mir doch, weiß Gott, genügend Herausforderungen zu bieten.«
Lorna stimmte nicht in Johnnys Klagelied ein. Was hätte sie ihm auch entgegnen sollen? Dass er recht hatte?
Immerhin hatte die Fehlentscheidung, für die er seinen Weggang aus Hamburg hielt, sie beide an diesem Ort zusammengeführt. In der Sanitätsstation eines Schiffes namens Elmsfeuer, das in diesem Moment den stürmischen Nordatlantik kreuzte. Das Ziel hieß Island.
Johnny schlug mit der Faust auf die gepolsterte Liege. Das Metallgestell knirschte. Keiner von ihnen konnte den Vorfall mit Rosina vergessen.
Das Mädchen war doch die gute Seele des Schiffs gewesen. Sie hatte Brovny während der Notoperation ins Leben zurückgeholt. Und nun war ihr eigenes so früh erloschen.
Nach allem, was sie sich vorzustellen vermochten, gehörte Ertrinken zu den grausamsten Arten zu sterben. Johnny war nie ein gläubiger Mensch gewesen. In diesem Augenblick aber hoffte er inständig, dass es auf der anderen Seite jemanden gab, der Rosina mit offenen Armen empfangen hatte.
Es klopfte an der Tür.
Johnny legte eine Packung Mullbinden, die er gemeinsam mit Lorna sortierte, ins Regal. »Herein.«
Mommsen schob seine gebeugte Gestalt durch die Tür. Sein professionelles Lächeln konnte nicht verbergen, wie nahe ihm Rosinas Tod ging. Seine geröteten Augen verrieten, dass er geweint hatte.
»Könnte ich«, begann er, »eine neue Packung Kopfschmerztabletten von Ihnen bekommen?«
»Ist es immer noch nicht besser?«, sagte Lorna besorgt.
»Nicht so richtig. Wenn wir das nächste Mal an Land gehen, werde ich umgehend einen Arzt aufsuchen, versprochen«, entgegnete er, war aber nicht in der Stimmung, über seinen kleinen Scherz zu lachen. Niemand war es. Mommsen ließ sich auf einem der Stühle nieder. In der Hand hielt er eine ungeöffnete Cognacflasche.
»Für von Adler?«, fragte Johnny düster und reichte Mommsen seine Packung Aspirin.
Statt einer Antwort entkorkte Mommsen die Flasche und angelte schweigend drei eingeschweißte Urinbecher aus dem Regal. Als er jeden davon zu einem Viertel mit Cognac befüllt hatte, sagte er: »Auf das Leben…«
Dann tranken sie.
***
Auf dem Vorderdeck stand einsam eine dunkle Gestalt.
Seit Stunden schon starrte Brovny auf das aufgewühlte Meer, in der Hoffnung auf ein Zeichen – ein Zeichen, das ihm verriet, wohin seine kleine Rosina gegangen war. Sein Töchterchen. Der Leitstern seines Lebens. Das Erste, woran er morgens dachte, und das Letzte, bevor er nachts die Augen schloss.
Er war in dritter Generation Maschinist an Bord eines Schiffes. Dort wo er herkam, ging man mit Kindern nicht sonderlich pfleglich um. Es gab schließlich genug davon. Wenn eines starb, war das kein großer Verlust, sondern lediglich ein hungriges Maul weniger. Brovny wusste von früher Kindheit an, was Schmerzen sind. Als Zweijähriger hatte er die Ruhr überstanden. Mit vier hatte ihm sein Vater im Vollrausch die Schädeldecke zertrümmert. Mit dem Schürhaken hatte er auf ihn eingedroschen, als seine Mutter ihm, von Ekel erfüllt, nicht mehr zu Diensten sein wollte. Die Lungenschwindsucht war Brovny danach wie eine Erholungsphase vorgekommen. All das und noch einiges andere hatte er irgendwie überstanden. Aber dies hier?
Dem Schmerz, den es verursachte, wenn einem bei lebendigem Leibe die Seele aus der Brust gerissen wurde, war auch ein Mann wie er nicht gewachsen.
Langsam hob und senkte sich sein Brustkorb.
Dann begann er zu singen. Eine langsame Melodie, wunderschön und so traurig, dass sie jedem, der sich in diesem Moment in seiner Nähe befunden hätte, das Herz gebrochen hätte.
***
Durch die salzverkrustete Frontscheibe der Brücke sahen Mousson und der Kapitän ihren einbeinigen Maschinisten an der Reling stehen. Der Kapitän hielt eine halb gefüllte Tasse kalten Tees fest in den Händen.
Moussons Kiefer mahlten. Die schwarzen Ränder unter seinen Augen verrieten, dass er in letzter Zeit kaum geschlafen hatte.
»Hm, Captain, können Sie erkennen, was Brovny dort unten tut?
Er wird doch nicht… nein, nicht unser Brovny…« Er hielt inne. »Singen?« Mousson strengte seine Augen an. »Ja. Sie haben recht. Es sieht aus, als würde er singen.« Er nahm seine Mütze ab und legte sie vor sich auf den Kartentisch.
»Was immer dieser Mann gerade ertragen muss, ich bin froh, dass nicht ich es bin. Bei meiner Mutter, jeden Vater auf diesem Erdball würde es zerbrechen, sein Kind zu verlieren, auf diese Weise zu verlieren… aber nicht Brovny… Brovny ist nicht der Mensch, der sich durch irgendetwas brechen ließe… auch nicht durch diese… diese…« Er verstummte.
Der Kapitän wusste auch so, was auszusprechen Mousson sich verbot, aus gutem Grunde verbot. Ein Zittern ging durch seinen Körper, und für einen Moment schloss er die Augen.
»Was ich damit aber keinesfalls sagen will«, fuhr Mousson nach einer Weile fort, »ist, dass der alte Brovny seine kleine Rosina nicht geliebt hat… er hat sie geliebt… und nur Gott weiß, wie sehr.«
Ein mächtiger Brecher traf das Schiff. Gischt schlug zischend gegen die Scheiben. Eine diffuse Erschütterung ließ die Elmsfeuer erbeben.
***
Kreszentia Rausch saß auf ihrer Eckbank und drehte eine gelblasierte Keramiktasse in ihren Händen. Auf dem Boden der Tasse waren eingetrocknete Kakaoreste zu erkennen. Das Herz der Köchin zog sich zusammen.
»Weißt du, kleine Rosina«, begann sie, »es ist nicht mehr dasselbe hier, auf dem Schiff, seitdem du nicht mehr da bist.« Sie machte eine Pause und versuchte, sich Rosinas rundes Kindergesicht vor ihr inneres Auge zu holen. Als es ihr schließlich gelang, musste sie lächeln. Tränen rannen ihr über das Gesicht. »Du hast zwar, wenn wir beide ehrlich sind, nie besonders viel geredet… aber wir haben uns doch trotzdem ganz gut verstanden… oder?«
Als sie keine Antwort erhielt, erhob Kreszentia Rausch sich und ging hinüber zu dem angekokelten Radiogerät auf der Anrichte.
Seltsamerweise lief es seit dem Moment wieder, als es den leichtsinnigen Brovny mit einem kräftigen Stromschlag niedergestreckt hatte. Wieder musste Kreszentia Rausch lächeln.
»Du bist mir doch nicht böse, wenn ich ein bisschen das Radio einschalte, oder? Das heißt ja nicht gleich, dass du mir nicht fehlst. Aber ich merke den Schmerz nicht so, wenn ich um mich herum ein paar Geräusche habe. Du verstehst das schon, hab ich Recht?«
Sie drehte an einem der Knöpfe auf der rechten Seite des Apparats. Ein Knacken erklang, dann ein schwaches Rauschen und schließlich die Stimme eines Sprechers, der sagte: »… der offenbar kurz bevorstehende Ausbruch des Vulkans Grimmwasser auf einer Island vorgelagerten Insel ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil dieser Berg eigentlich schon seit Jahrhunderten als erloschen galt. In Fachkreisen ist höchst umstritten, wie stark die zu erwartende Eruption ausfallen wird.
Evakuierungen finden derzeit lediglich auf der schwach besiedelten Insel selbst statt. Wann das Festland an die Reihe kommt, wird derzeit noch diskutiert. Eine Handvoll Wissenschaftler immerhin warnt vor einer Katastrophe nie geahnten Ausmaßes, für Island, ja sogar für ganz Europa. Die Regierung vor Ort allerdings scheint diese Warnungen nicht ernst zu nehmen.« Der Sprecher legte eine kurze Pause ein. Ein der Situation unangemessen fröhlicher Jingle war zu hören. »In wenigen Minuten haben wir einen Experten für Sie am Telefon, der uns live aus Island zugeschaltet ist. Vor dem Parlament in Reykjavik kommt es bereits zu ersten Protestkundgebungen. Viele Menschen dort sind in großer Sorge.
Zunächst aber hören Sie, von uns für Sie, die isländische Popgruppe
»Fire« mit ihrem derzeitigen Hit »Cold as Ice«.
Kreszentia Rausch drehte den Ton leiser, als die Musik einsetzte.
»Island?«, murmelte sie, »fahren wir da nicht gerade hin?«
Im selben Moment begann das in den Regalen festgezurrte Geschirr lautstark zu vibrieren. Ein Ruck ging durch das Schiff. Kreszentia Rausch bekreuzigte sich.
***
Der Kabinentrakt auf Achtern lag verlassen im matten Schein zweier zuckender Neonlampen, als die Tür zu von Adlers Kabine geöffnet wurde. Mommsen trat schwerfällig auf den Gang hinaus. Das Licht der Neonröhren gab seinem Gesicht einen ungesunden Gelbstich. Er tastete nach dem Messingknauf hinter sich und zog sanft die Tür ins Schloss.
Sein sonst so akkurat geknöpftes Hemd war weit geöffnet, die Krawatte hing lose um den schwitzigen Hals. Das, gegen jede Gepflogenheit, vollständig geöffnete Jacket war zerknittert. Es roch nach Alkohol.
In der Hand hielt Mommsen den zerpflückten Verschluss einer Cognacflasche. Er starrte den Korken fasziniert an, als handle es sich um einen Diamantring. Dann ließ er ihn fallen und taumelte lallend in Richtung Küche davon.
***
»Seebeben sind in diesen Breiten keine Seltenheit, Captain. Das wissen Sie so gut wie ich.« Mousson massierte mit der rechten Hand besorgt seinen faltigen Hals. »Außerdem befinden wir uns schon seit einiger Zeit in isländischen Hoheitsgewässern… wenn also etwas im Anmarsch wäre, von dem Gefahr ausgeht, hätte die Küstenwache uns längst angefunkt und gewarnt. Die isländischen Behörden sind, was das betrifft, ausgesprochen sorgfältig.«
Sie sahen schweigend über die raue See. Der Wellengang war so stark, dass der Bug der Elmsfeuer hin und wieder vollständig im Wasser verschwand.
Bedingungen wie diese waren ganz nach Moussons Geschmack. Männer wie er brauchten einen sichtbareren Gegenüber, dem sie sich entgegenstemmen und an dem sie sich abarbeiten konnten.
»Ein Vulkan meinen Sie? Nein, Captain, das kann ich mir nicht vorstellen. Der Eyjafjallajökull gibt doch schon seit einer ganzen Weile Ruhe.
Der Grimmwasser? Nein. Der erst recht nicht. Der ist seit Jahrhunderten nicht mehr aktiv. Was los wäre, wenn ausgerechnet der wieder anfinge sich zu rühren, will ich mir lieber nicht vorstellen. Dagegen wäre die Erschütterung von vorhin nicht mehr als ein… Furz.« Er wischte sich fahrig über die glänzende Stirn. »Man müsste die gesamte Küste evakuieren. Ach, was rede ich? Die gesamte Insel. Aber…«, er wurde ernst, »selbst alle Vulkane Islands zusammen würden an unserem Kurs nichts ändern… könnten es nicht…«
Der Kapitän schloss die Augen.
»Aber solange wir auf dem Meer keine…« Mousson verstummte. Er griff nach dem Fernglas, das um seinen Hals hing. Seine Miene verfinsterte sich. Er reichte das Glas an den Kapitän weiter. »Sehen Sie mal…« Nach ein paar Sekunden nahm der Kapitän den Feldstecher von den Augen und nickte.
»Diese Lichter sind kein gutes Zeichen…« Mousson schürzte nervös die Lippen. »Das sind die Markierungsleuchten ihrer Boote«, hauchte er.
Der Kapitän tat einen weiteren Blick durch das Fernglas und gab es anschließend Mousson zurück. »Sie verlassen das Festland«, brummte der, »also doch… ein Vulkan, der… Vulkan.«
***
»Anders als die Isländer, haben die Regierungen anderer europäischer Staaten, darunter Deutschland, England und Frankreich, inzwischen auf die Seebeben vor der Küste Islands reagiert und den Schiffsverkehr dorthin bis auf Weiteres eingestellt. Ob und in welchem Maße ein Wiedererwachen des seit Jahrhunderten inaktiven Vulkans Grimmwasser bevorsteht, ist derzeit noch unklar. Wir werden Sie über die aktuellen Veränderungen und Ereignisse selbstverständlich auf dem Laufenden halten. Sie hören Welle…«
Kreszentia Rausch drehte das Radio erneut leiser, als die Nachrichtensendung vorüber war. Nach ausgelassener Musik stand ihr nicht der Sinn. Auf dem Korridor vor der angelehnten Kombüsentür hörte sie Schritte. Dumpf und schwer und dazwischen metallisch spitz. Brovny kam, die Krücke unter dem Arm, in den Raum.
Kreszentia Rausch versuchte ein Lächeln zur Begrüßung. Brovnys Blick fiel auf das leise spielende Radio. In seinen Augen spiegelte sich einen Moment lang Überraschung. Er zog den freien Arm, den er hinter dem Rücken verborgen gehalten hatte, hervor, und Kreszentia Rausch sah, dass er ihr einen kleinen Weltempfänger mitgebracht hatte. Gerührt drehte sie den Kopf zur Seite.
»Habe gedacht, das hier ist kaputt.« Er sah sie schuldbewusst an. »Wollte Ihnen nur das hier bringen… als Ersatz…« Er ging auf den Tisch zu, stellte den Weltempfänger ab und ließ sich auf einen Stuhl sinken. Sein erschöpfter Blick irrte ziellos umher. Wenig später beugte er sich nach vorne und zog die gelbe Tasse, die Kreszentia Rausch dort hatte stehen lassen, zu sich heran. Im selben Moment bereute die, Rosinas Tasse nicht weggeräumt zu haben. Sie ging auf Brovny zu und legte ihm sanft die Hand auf die Schulter. »Soll ich Ihnen vielleicht einen Tee machen… einen schwarzen…?«
Brovny drehte sich um und sah sie dankbar an: »Haben Sie Wodka?«
»Wodka? Leider nicht. Aber ich kann Ihnen einen sehr guten Kräuterschnaps anbieten…«
»Kräuterschnaps?« Er murmelte etwas auf Russisch, das sie nicht verstand, von dem sie aber ahnte, dass es nicht besonders vornehm war. Und während sie noch überlegte, ob sie ihm sein grobes Benehmen angesichts der furchtbaren Situation, in der er sich befand, nachsehen sollte, blickte er erneut zu ihr auf und brummte: »Einen Kräuterschnaps nehm ich sehr gerne.«
***
Von der Brücke aus war inzwischen auch ohne Fernglas zu erkennen, wie die schlanken Holzboote, in deren Bug matte Laternen schimmerten, sich von der isländischen Küste entfernten. Anders als der Elmsfeuer schien den schmal gebauten Biremen der Seegang nichts auszumachen. Federleicht schwebten sie über der Gischt wie Luftkissenboote. Jeweils drei von ihnen nebeneinander, eine Reihe hinter der anderen, ein endloses Meer aus verzauberten Lichtern. Von denen, die sie steuerten, allerdings war nichts zu sehen. Mousson wusste aber, dass sie es waren, und dass sie sich unsichtbar machen konnten, um frei von irdischer Schwere zu navigieren.
Dass sie ihr Land, in dem sie seit jeher lebten, verließen, war kein gutes Zeichen.
Die beiden Männer im Kommandostand hätten in diesem Moment gerne anders gehandelt, als sie es taten. Tun mussten. Dass dort, wo sie hinfuhren, Verderben wartete, war ihnen bewusst, und es verlangte ihnen alles ab, ihren angeborenen Fluchtreflex niederzuzwingen. Jede Sehne ihres Körpers, jede Nervenfaser war zum Bersten gespannt.
Quälende Schmerzen waren die Folge.
Mousson hielt das Steuerruder fest mit beiden Händen gepackt. Seine Augen suchten mechanisch den Horizont ab. Die Küste Islands konnte nicht mehr weit sein.
Plötzlich geschah etwas Unerwartetes. Weder er noch der Kapitän hatten es kommen sehen. Ein gewaltiger Schlag erschütterte das Schiff. Papiere, Karten und Instrumentarium schossen durch die Luft. Von der Schockwelle wurde der Kapitän gegen das Steuerruder geworfen.
Die Elmsfeuer, so viel war den beiden erfahrenen Seeleuten klar, musste mit etwas sehr Großem kollidiert sein. Ein Riff oder Felsen konnte es nicht gewesen sein, das hätten die Seekarten ihnen gezeigt. Sie fuhren nicht zum ersten Mal in diesen Gewässern.
Einen endlos langen Moment lag ihr Schiff schräg im Wasser, wie ein Boot, das man an den Strand gezogen hatte. Deutlich war dann zu spüren, dass, was immer es auch war, unter dem Gewicht der Elmsfeuer nachgab. Begleitet von einem dumpfen Brüllen und weiteren, stoßweisen Erschütterungen wurde es unter ihnen von der Strömung fortgerissen. Das Schiff kippte zurück in seine normale Position. Sein Leib ächzte. Der Kapitän rappelte sich verstört vom Boden auf. Mousson versuchte, das Ruder zu bewegen, um sie zurück auf Kurs zu bringen. Doch es rührte sich keinen Zentimeter.
6. Der Feuerberg
»Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes…«
Kreszentia Rausch war viel zu durcheinander, um sich über das zertrümmerte Geschirr zu ärgern, das in der Küche verstreut lag.
»Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus…«
Die Jungfrau Maria hatte nie zu Kreszentia Rauschs bevorzugten Heiligen gehört. Das hatte familiäre Gründe, über die sie am liebsten nicht mehr nachdachte. Jetzt aber fiel ihr keine Andere ein, die sie in dieser Situation um Beistand bitten konnte.
Sie hatte sich inzwischen damit abgefunden, dass die Elmsfeuer anderen Regeln folgte, als jene Schiffe, die sie aus Büchern oder dem Fernsehen kannte. Ihre Angst vermochte das nicht zu lindern.
Mehrmals hintereinander bekreuzigte sie sich. Die Mutter Gottes aber schwieg.
Kreszentia Rausch schaltete das Radio ein.
»Sie hören Kanal 5 über Mittelwelle. Wir unterbrechen unser Musikprogramm für eine aktuelle Meldung. Offiziell unbestätigten Berichten zufolge hat ein großer Teil der isländischen Bevölkerung offenbar beschlossen, nicht auf ein nach wie vor ausstehendes Krisenmanagement seiner Regierung zu warten. Seit mittlerweile fast zwei Stunden sind große Flüchtlingsströme auf der Insel zu beobachten.
Die Mehrheit der Menschen sucht, per Auto, Zug oder Bus, ihr Heil im Norden des Landes, während eine, ebenfalls beachtliche, Minderheit mit Hilfe aller seetauglichen Schiffe Schutz auf dem offenen Meer sucht.
Welche der Gruppen die bessere Wahl getroffen hat, werden vermutlich die nächsten Stunden zeigen. Inzwischen herrscht in Fachkreisen Einigung darüber, dass ein Ausbruch des Vulkans Grimmwasser kurz bevor steht. Ozeanologen berichten von einer nie dagewesenen Wanderbewegung riesiger Fischschwärme, sowie von Walherden, die vom Gebiet vor der isländischen Küste aus dem offenen Meer zustreben. Soweit von uns. Wir melden uns in einer Viertelstunde wieder mit den neuesten Nachrichten. Sie hören Kanal 5…«
***
Weder Mousson, noch der Kapitän hatten damit gerechnet, dass der Wind nachlassen und das Wetter sich bessern würde. Doch genau dies war in den letzten Minuten geschehen.
Durch den wolkenverhangenen Himmel brach die Sonne, und vor ihnen stieg die isländische Küste aus dem Meer.
Jeder, der auf einem Schiff fuhr, kannte das Reden von der Ruhe vor dem Sturm. Nun aber war der Sturm verstummt, in Erwartung eines Ereignisses, von dem keiner sagen konnte, wie es aussehen würde – und ihr Schiff hielt steuerlos darauf zu.
Mousson bemerkte, wie längsseits etwas an die Oberfläche schoss. Er sah genauer hin. War das die Möglichkeit? Er rieb sich die Augen.
Tatsächlich. Es handelte sich um den gewaltigen, zerpflügten Körper eines Wals, der dort auf dem Wasser trieb und es dunkelrot färbte.
»Da haben wir unser Riff, Captain… ein Blauwal… und wir haben ihn erlegt… nein… zerlegt.«
Der Kapitän nickte schweigend.
»Ich vermute, ein Teil dieses Tiers hängt zwischen Ruder und Schiffsschraube fest. Es wird eine hübsche Sauerei geben, das wieder freizukriegen.« Sein Mund verzog sich zu einer merkwürdigen Grimasse.
»Wir sollten das Problem allerdings zügig in den Griff kriegen, solange die See noch so ruhig ist. Am besten, ich betraue Mommsen und… Brovny mit der Angelegenheit… denn…«, er hielt inne, »wie Sie wissen, habe ich heute noch etwas… Anderes zu tun…«
Der Kapitän seufzte. Er bückte sich, um die über den Boden verteilten Papiere einzusammeln und auf dem Kartentisch neu zu sortieren.
Mousson sah aus dem Fenster. Inzwischen herrschte beinahe klare Sicht, und das Wasser vor ihnen war mit Schiffen aller Bautypen und Größen übersät. Sie alle kamen, einzeln oder in Gruppen, der Elmsfeuer entgegen. Ihre Sirenen schrillten wütend, wenn eines davon ihnen ausweichen musste.
»Die sollen sich mal wieder einkriegen«, Mousson stieß ein fatalistisches Lachen aus. Dann murmelte er: »Es sieht fast aus wie eine Parade… eine große Parade… der Angst.« Wieder lachte er. »Was meinen Sie, Captain, wie lange haben wir noch? Eine Stunde? Zwei? Das tote Tier in unserem Ruderblatt hält uns ganz schön auf.« Er verstummte und dachte nach. »Am besten nehme ich eines unserer Boote und fahre damit an Land. Denn… wenn ich zu spät komme, dann… na, Sie wissen ja selbst…« Wieder rieb er sich mit seiner rauen Hand über das Gesicht.
»Ich werde den Doktor mitnehmen, zur Sicherheit… alle anderen bleiben an Bord… Ausnahmen gibt es keine… und dann… heißt es beten«, die Hand in seinem Gesicht blieb stehen, »zumindest für diejenigen von uns, die noch wissen, wie das geht…«
***
»Haben Sie so etwas schon einmal gesehen, Brovny?«
»Njet.«
»Ich auch nicht. Und ich möchte es, ehrlich gesagt, auch nicht noch einmal sehen.« Mommsen fuhr sich mit dem Ärmel seiner Jacke über die Augen. »Wie wenig von einem so mächtigen Tier bleibt, wenn es tot ist. Die ganze Kraft, alle Majestät… weg.«
Er und Brovny hatten sich über die Reling des Achterdecks gelehnt, um den Kadaver des verendeten Wals besser begutachten zu können, der vor ihnen auf dem Wasser trieb.
Mommsen atmete durch den Mund. »Kaum zu glauben, wieviel Gestank von einem Tier ausgeht, das sich zeitlebens im Wasser aufgehalten hat.« Brovny brummte etwas, das nicht zu verstehen war.
Mommsen überprüfte den Sitz seines Krawattenknotens und nieste.
»So«, sagte er verkniffen, »ich glaube, ich habe genügend Eindrücke gewonnen. Höchste Zeit, dass ich mich wieder meinen Pflichten zuwende. Bei der Kollision mit dieser unglücklichen Kreatur ist bestimmt einiges durcheinander geraten.« Er stieß sauer auf und grinste: »Das Geheul unserer beiden Touristen klingt mir jedenfalls schon jetzt deutlich in den Ohren.«
Brovny verzog keine Miene.
»Das Geschrei, von dem sie sprechen, kann ich Ihnen vorerst ersparen, Mommsen.« Der Stewart drehte sich überrascht um und sah Mousson eilig auf sie zukommen. »Ich vermute aber, Ihr eigenes Geschrei wird kaum leiser ausfallen, wenn ich Ihnen sage, welche Aufgabe der Kapitän und ich Ihnen zugedacht haben.«
Bei dem Wort »Aufgabe« nahm Mommsen unbewusst Haltung an. Mousson blieb vor ihm stehen und stemmte die Arme in die Seiten: »Sie werden sich umgehend in einen unserer schmucken Gummianzüge zwängen, sich eine Sauerstoffflasche auf den Rücken schnallen und zum Ruder hinuntertauchen…«
Mommsen kniff ungläubig die Augen zusammen. Mousson fuhr ungerührt fort: »Der Kapitän und ich vermuten, dass ein Stück dieses Wals sich in unserem Steuer verkeilt hat… was dringend in Ordnung gebracht werden muss… denn Sie wissen ja, was mit einem Schiff passiert, wenn sein Steuer nicht mehr funktioniert…«
Mommsen sagte nichts. Er schien fassungslos.
»Und unser Freund Brovny wird ihnen von Deck aus Hilfestellung leisten… nicht wahr, Brovny…?« Mousson klopfte dem Maschinisten aufmunternd auf die Schulter. Brovny nickte. Was um ihn herum vorging, erreichte ihn kaum noch, seit seine Tochter ins Meer gegangen war.
»Dann verlasse ich mich also auf Sie.« Mousson wandte sich zum Gehen.
Mommsen versuchte, seiner Empörung über Moussons Befehl durch lautes Schnauben Ausdruck zu verleihen. Seine Atemgeräusche wurden jedoch von einer aufkommenden Brise verschluckt. Er wusste ohnehin, dass es keinen Sinn hatte, sich zu widersetzen. Mit gesenktem Haupt machte er sich auf den Weg unter Deck. Dort, in einer kleinen Kammer auf Achtern, wurde die Tauchausrüstung verwahrt.
Brovny sah schweigend auf das Meer. Die Reling hob und senkte sich leicht im Takt der Wellen.
Mousson machte sich an einer der beiden Kurbeln zu schaffen, mit der die Beiboote herabgelassen wurden. Als die Tür der Deckluke schlug, drehte er sich erwartungsvoll um. Seine Miene hellte sich auf. »Elm, da sind Sie ja endlich… wieso brauchen Sie eigentlich immer so lange? Wir haben keine Zeit zu verlieren.«
Das Beiboot klatschte auf das Wasser. Johnny enterte als erster die Strickleiter hinab. Diesmal ging es schneller als beim ersten Mal.
Mousson folgte dicht hinter ihm und stieß das Boot umgehend vom Schiff ab. Brovny warf ihnen von oben die Leine zu. Johnny knöpfte sich im Sitzen die dicke Wolljacke zu, die er in der Eile aus seinem Spind gerissen hatte.
»Die werden Sie dort, wo wir hinwollen, kaum brauchen«, brummte Mousson.
»Und… wo… ist das?« Es war Johnny alles andere als geheuer, dass sie als einzige auf die Küste zuhielten, während scheinbar die gesamte isländische Bevölkerung von dort das Weite suchte. Dank des Nachrichtentickers auf seinem Smartphone wusste er besser als Mousson, was los war.
Der richtete seine Konzentration darauf, den unzähligen Schiffen und Booten, die ihnen entgegenkamen, auszuweichen, und schwieg. Die Szenerie glich der eines Katastrophenfilms.
»Wieso, um alles in der Welt, fahren wir an Land?«, wiederholte Johnny schreiend seine Frage. »Was haben Sie dort vor? Und wieso brauchen Sie mich dafür?«
Mousson warf ihm einen knappen Blick zu, der ihn zum Schweigen brachte. »Das erfahren Sie noch früh genug.«
Johnny spürte, wie sein Herz schneller zu schlagen begann. Sein Magen glich einer rotierenden Waschmaschinentrommel. Mit eisigen Händen krallte er sich am Bootsrand fest, der in der Brandung auf und nieder ging. Das Handy in seiner Tasche piepte. Mit einer Hand griff er danach. Das Display zeigte den Empfang einer Email. Er lud sie auf den kleinen Bildschirm und las, während kaltes Salzwasser ihm ins Gesicht schlug.
»Mein lieber Johnny Elm,
ich habe mich sehr gefreut, ein Lebenszeichen von Ihnen zu bekommen…«
Ein Fischkutter schoss so nah an ihnen vorbei, dass ihr Boot durch die Wucht der Bugwelle beinahe gekentert wäre. Johnny konnte gerade noch das Smartphone festhalten, bevor es über Bord ging.
»Ich kann mir gut vorstellen«, schrieb Professor Block weiter, »dass die Belastungen an Bord eines Schiffs mit denen in einer Klinik kaum zu vergleichen sind…«
Mousson riss so unvermittelt das Ruder herum, dass Johnny mit der Stirn gegen eine Metallkante geschleudert wurde. Vor seinen Augen tanzten Sterne. Aus einer kleinen Wunde über dem Auge rann Blut, lief warm den Nasenrücken entlang bis über den Mund. Er leckte es mit der Zunge weg und las weiter: »Bei jedem meiner Schützlinge, der sich in eine ähnliche Situation begeben hätte wie Sie, würde mir die Sorge den Schlaf rauben. Ich sorge mich auch um Sie, mein lieber Elm, dessen seien Sie versichert – aber ich weiß auch, dass jemand Ihrer Willenskraft und Ihres Durchsetzungsvermögens am Ende gestärkt aus einer derartigen Reise hervorgehen wird. Bewahren Sie sich, wie die Engländer sagen, eine steife Oberlippe!
Es grüßt Sie, in Hoffnung auf eine baldige Antwort, sehr herzlich: Ihr Maximilian Block.«
Johnny ließ das Handy zurück in die Tasche rutschen und zog den Reißverschluss zu. Die Worte seines einstigen Mentors verliehen ihm neue Kraft. Trotzig hob er den Blick über die Kante des Boots. Die Küste war kaum mehr 50 Meter entfernt.
Am Strand sah er unzählige, verstört durcheinander laufende Menschen, die verzweifelt darauf warteten, ob eines der verbliebenen Schiffe sie an Bord nehmen würde.
***
Lorna stellte eine Garnitur von Erste-Hilfe-Material zusammen. Mommsen hatte sie darum gebeten.
»Sich mit Brovny einer technischen Herausforderung zu stellen«, hatte er geunkt, »heißt sehenden Auges in einen rotierenden Ventilator zu fassen.« Mit diesen Worten war er missmutig Richtung Oberdeck verschwunden.
Während sie das Verbandszeug so übersichtlich wie möglich auf einem Tablett drapierte, um im Notfall raschen Zugriff darauf zu haben, ging Lornas Blick durch das Bullauge nach draußen. Sie stutzte. Was war das für ein Seil, das dort kaum merklich hin und her schwang? Sie legte die Mullbinden beiseite und stellte sich direkt vor das Fenster. Das Tau musste oben an der Reling festgeknüpft sein. Sein unteres Ende tanzte, gut zwei Meter tiefer, auf den Wellen. Lorna presste ihr Gesicht fest gegen die Scheibe, um noch mehr erkennen zu können. Und tatsächlich wurde sie fündig. Keine zwanzig Meter vom Schiff entfernt, trieb eines der zwei Beiboote auf dem Wasser. Und in ihm, sie traute ihren Augen nicht, saß das junge Ehepaar. Wie es aussah, hatten die beiden es nicht geschafft, den Motor zum Laufen zu bringen. Deshalb stießen sie unbeholfen mit den Notrudern ins Wasser. Die Strömung trieb sie auf das Ufer zu. Hatte Mousson nicht strikte Anweisung gegeben, dass alle, wirklich alle von ihnen an Bord zu bleiben hatten? Wussten die beiden nicht, wie gefährlich das war, was sie soeben taten?
Lorna schüttelte verwundert den Kopf. Danach wandte sie sich wieder ihrer Notfallausrüstung zu. Meldung konnte sie später machen. Sollte der arrogante Mousson seine Schäfchen doch selbst im Blick behalten.
Außerdem waren die Zwei alt genug – und sie beileibe nicht ihr Kindermädchen.
***
Brovny stand an der Reling und beobachtete konzentriert die Wasseroberfläche.
Er musste nicht lange warten. Die Leine, an der Mommsen sich in die eiskalte See hinabgelassen hatte, zuckte dreimal kurz hintereinander. Das war das Zeichen. Brovny packte mit beiden Händen zu. Um Halt zu haben, saß er auf den Planken und stemmte sich mit dem verbliebenen Bein gegen die Wand der Reling. Zentimeter für Zentimeter zog er so das Seil an Deck. Ein ausgesprochen mühsames Unterfangen. Doch sah man ihm die Anstrengung kaum an. Wenig später hatte er Mommsen an Bord gehievt. Der Stewart nahm prustend das Atemgerät aus dem Mund. Mousson und der Kapitän hatten mit ihrer Vermutung richtig gelegen.
Das Ruderblatt wurde tatsächlich von einer, wie Mommsen mehrmals betonte, äußerst unappetitlichen Mischung aus Walfett, Fleisch und vermutlich zerfetzter Muskelmasse blockiert. Er zeigte wenig Lust darauf, noch einmal an seinen feuchten Arbeitsplatz zurückzukehren. Es blieb ihm jedoch keine Wahl. Während er wieder auf die Reling stieg, gab Brovny seinen Befund per Funk an die Brücke durch.
Mommsen seufzte tief, brachte das Mundstück des Atemgeräts zurück in Position und ließ sich rückwärts von der Brüstung fallen. Mit lautem Klatschen schlug das trübe Wasser des Nordatlantiks über ihm zusammen. Für einen Moment glaubte Brovny, statt der Neoprenkapuze das Rot einer Strickmütze zu erkennen.
***
Die Zahl der Fliehenden ging in die Tausende.
Mousson und Johnny bahnten sich hastig einen Weg durch das Gedränge. Babys plärrten, Kinder schrien nach ihren Eltern, Mütter nach ihren kleinen Töchtern und Söhnen. Die Zahl der noch verfügbaren Schiffe war viel zu gering, als dass sie alle von ihnen hätten aufnehmen können. Jeder musste das sehen, aber die wenigsten wollten es wahrhaben. Wieso, fragten sich die meisten, sah ihre Regierung in Reykjavik tatenlos zu?
Mousson und Johnny kamen an einem alten Mann vorbei, den der Strom der Flüchtlinge zu Boden gerissen hatte. Achtlos und gehetzt trampelten die Menschen über ihn hinweg. In seiner zerknitterten Hand hielt der Alte Zähne, die ihm rücksichtslose Fußtritte ausgeschlagen hatten. Sein Mund, ein leeres, blutendes Loch, war zu einer heulenden Fratze verzerrt. Johnny wollte niederknien, um ihm zu helfen, doch Mousson packte ihn an der Schulter und zerrte ihn weiter.
Johnny spürte, wie langsam seine Kräfte nachließen. Eigentlich war er ein sportlicher Typ, doch der Bewegungsmangel an Bord begann bereits, seine Kondition zu mindern.
Hastig hatten sie einen halben Kilometer oder mehr zurückgelegt. Die Masse der Leute, die dem Wasser zustrebten, nahm ab. Es waren noch immer viele, die ihnen entgegenkamen, aber endlich war es wieder möglich, frei zu atmen.
Mousson drehte sich zu ihm um. »Sagt Ihnen der Name Dla Ruk etwas?«, rief er.
Johnny überlegte: »Dla Ruk… Dla Ruk… nein, das sagt mir eigentlich… doch, halt… ist das nicht der Schmied aus irgendeiner dieser alten nordischen Sagen…?«
Mousson nickte.
»Wieso fragen Sie mich nach ihm?«
Der Offizier zögerte. »Weil wir uns… auf dem Weg zu ihm befinden.«
»Wie darf ich das verstehen?«
»Wonach klingt es denn?«
Johnny kniff ungläubig die Augen zusammen. »Wir befinden uns auf dem Weg zu Dla Ruk, der Sagengestalt?«
Mousson schüttelte unwirsch den Kopf. »Hat man Ihnen in der Schule nicht beigebracht, dass jede Sage einen wahren Kern enthält?« Darauf wusste Johnny beim besten Willen nichts zu erwidern.
Eine Weile stolperten sie nebeneinander her. Die Steigung hatte zugenommen.
Er wagte einen zweiten Versuch. »Und warum wollen…«
»Müssen«, unterbrach Mousson ihn schroff. Er schien die Frage erwartet zu haben.
»… müssen wir zu Dla Ruk?«
»Wie Sie schon ganz richtig bemerkt haben, ist Dla Ruk Schmied… nein, das stimmt so nicht… er ist der Schmied aller Schmiede… seit Anbeginn der Welt steht er Tag für Tag an seiner Esse und erschafft dabei den reinsten Stahl, den je ein… nun ja, Wesen auf dieser Erde zustandegebracht hat… wobei das, was für Dla Ruk ein Tag ist, bei uns Menschen fast fünfhundert Jahren entspricht…«
Johnny sah Mousson irritiert an. Langsam begann eine Ahnung in ihm zu wachsen. »Dann… ist es… kein Zufall… dass der Berg Grimmwasser… ausgerechnet jetzt…?«
Mousson hielt seinem Blick stand. »Der Berg hat seinen Namen von jener legendenumwobenen Quelle, in dem Dla Ruk seit jeher seinen Stahl kühlt, um ihn zu härten…«
»Und wir…?«
»… sind hier, um eines seiner Schwerter… in Empfang zu nehmen…« Mousson machte eine kurze Pause. Dann fügte er etwas hinzu, das Johnny einen kalten Schauder über den Rücken trieb: »Wir werden es… irgendwann brauchen.«
»Und… was ist meine Aufgabe… bei dieser… Sache?«
Johnny war beileibe kein ängstlicher Typ, doch was Mousson vorhatte, grenzte an ein Selbstmordkommando. Würde Dla Ruk ihnen, sofern es ihn überhaupt gab, kampflos eines seiner wertvollen Schwerter überlassen? Damit war nicht zu rechnen. Und: für wen brauchten Sie dieses Schwert? Oder sollte er besser fragen: gegen wen?
Vermutlich würden sie die Hitze im Inneren des Vulkans, der Dla Ruk angeblich als Schmiede diente, ohnehin nicht überleben… sie waren schließlich immer noch Menschen!
Er packte Mousson am Arm und zerrte ihn herum. Er musste ihm eine Antwort auf diese Fragen abtrotzen.
Mousson aber machte ihm auf grobe Weise klar, dass von ihm vorläufig keine weiteren Erklärungen zu bekommen waren. Johnny wich erschrocken zurück. Erschöpft, wütend und voller Angst drehte er sich um und sah hinunter auf das Meer. Sollte er einfach umkehren, das Beiboot besteigen und zur Elmsfeuer zurückkehren? Ohne Mousson?
Verstört ließ er seinen Blick über die Menschenmassen zu ihren Füßen wandern, die wie riesige Ameisen der Küste zustrebten. Er stutzte.
Zwischen den Köpfen glaubte er, zwei Personen ausgemacht zu haben, die sich gegen den Strom bewegten. Das war höchst merkwürdig. Er strengte sich an, mehr zu erkennen, und rieb sich die Augen. Nein, das konnte nicht wahr sein. Er musste sich irren. Hatte Mousson nicht befohlen, dass alle Passagiere der Elmsfeuer…? Noch einmal rieb er sich die Augen. Es war kein Zweifel möglich. Was er dort sah, war das junge Touristenpaar. Von ihrem Schiff. Er erkannte es an den Regenjacken, mit denen er sie oft an Bord gesehen hatte.
Waren die beiden von allen guten Geistern verlassen? Was taten sie hier? Warum waren sie ihnen gefolgt? Und wie? Sie konnten nicht allein mit dem Boot gekommen sein. Wieso hatten sie Moussons striktes Verbot, die Elmsfeuer zu verlassen, missachtet? Aus Leichtsinn?
Dummheit?
Er musste Mousson auf seine Beobachtung aufmerksam machen. Doch der ging bereits ein ganzes Stück voraus. Johnny lief ihm hinterher. Als er sich noch einmal kurz umdrehte, hatte er das Paar aus den Augen verloren. War er doch nur einer Täuschung erlegen? Regenjacken wie diese gab es viele.
Im selben Moment spürte er, wie der Boden unter seinen Füßen zu beben begann.
***
Brovny fing allmählich an, sich Sorgen zu machen.
Seit Minuten schon hatte er kein Lebenszeichen mehr von Mommsen bekommen. Die Leine, mit der er den Stewart an Deck vertäut hatte, war straff gespannt, bewegte sich aber nicht. Dabei hätte sie es tun müssen. Die Luftblasen, die anfangs noch zahlreich an die Wasseroberfläche gestiegen waren, wurden immer weniger und blieben schließlich ganz aus. Brovny sah nervös auf seine Armbanduhr, dann wieder auf das Wasser.
Nichts.
Auch die Leine rührte sich nicht. Zehn Sekunden wartete er und schlug dabei mehrmals gegen das Seil.
Keine Reaktion.
Noch einmal fünf Sekunden.
Diesmal riss er an der Leine, versuchte, sie zurück an Deck zu ziehen. Doch es ging nicht. Keinen Millimeter rührte sich das verdammte Ding. Es musste sich irgendwo verhakt haben. Noch einmal zehn Sekunden. Dann wusste er, was er zu tun hatte.
***
»So, hier ist es.«
Mousson hielt an und wartete, bis Johnny ihn eingeholt hatte. Dann wiederholte er: »Hier… ist es.«
Johnny sah sich um. Mousson wischte sich den Schweiß von der Stirn und deutete mit der Hand in eine bestimmte Richtung. Johnny entdeckte zwischen niedrigen Büschen einen breiten Spalt im Felsboden. Er blickte Mousson fragend an.
»Das ist er… der Eingang… einer der Eingänge… zum Berg…« Mousson hielt für einen Augenblick inne. Dann fuhr er fort: »Sehen Sie… dort oben!«
Johnny hob den Kopf und jetzt erst sah er, was ihm die ganze Zeit, in der er den Blick angestrengt auf den ungesicherten Weg vor sich gerichtet hatte, verborgen geblieben war: Hoch über ihnen thronte der Gipfel des Grimmwasser. Sein riesiger Krater fiel zu einer Seite hin steil ab, während die andere von gigantischen, gezackten Felsformationen gebildet wurde, die ihn an überdimensionale Reißzähne eines Hais erinnerten.
Die spärlich bewachsenen Hänge des Grimmwasser waren über und über von Rissen unterschiedlicher Größe durchzogen, aus denen übel riechender Dampf aufstieg. »Schwefel«, dachte er.
Erneut vibirierte die Erde unter ihren Füßen. Mit einem keuchenden Husten schreckte Mousson ihn aus seiner Naturbetrachtung auf.
»Los, kommen Sie, Elm! Wir müssen weiter…« Er bedeutete ihm, ihm zu der Felsspalte zu folgen. »Hier«, sagte er, »nehmen Sie das hier, und geben Sie gut darauf Acht, damit Sie es nicht verlieren.« Er drückte ihm eine stabile Taschenlampe in die Hand und knipste seine eigene an. Schweigend stand er da. Etwas schien ihn zurückzuhalten.
Hatte Mousson Angst?
Als habe er diese Frage gehört, ließ Mousson im selben Moment ein tiefes Seufzen hören. Dann packte er Johnny an seiner Jacke und zog ihn mit sich durch das steinerne Tor, das sich, wenige Meter entfernt, vor ihnen auftat. Gleich hinter dem von der Natur gemeiselten Eingang führte ein schmaler Weg mitten hinein in ewige Nacht.
Johnny schaltete ebenfalls seine Lampe an und beeilte sich, mit Mousson Schritt zu halten. Als er sich nach einer Weile noch einmal umdrehte, war der Eingang, durch den sie gekommen waren, nicht mehr als ein schwacher Lichtpunkt in der Ferne, der gleich darauf verglomm.
***
Keine Sekunde hatte Brovny gezögert.
Mit einem beherzten Griff hatte er sich seinen dicken Wollpullover vom Leib gerissen und war in das eiskalte Wasser gesprungen. Bei diesen Temperaturen war das feuchte Element ein unerbittlicher Todfeind, der ihn nur wenige Minuten am Leben lassen würde. Die Sicht ging bereits einen Meter unter der Oberfläche gegen Null. Mit seinem verbliebenen Bein strampelte er an der Rettungsleine entlang blind in die Tiefe. Als er die Höhe des Ruders erreicht zu haben glaubte, tastete er mit einer Hand suchend umher. Da! Da war etwas Weiches. Er griff fester zu, bekam einen schlaffen Körper zu fassen und zog vorsichtig daran. Ja, das musste Mommsen sein! Der Körper rührte sich nicht. War er nur bewusstlos… oder…? Brovny verbot sich, den Gedanken fortzusetzen. Stattdessen versuchte er, den Grund dafür zu finden, warum Mommsen nicht an Bord zurückgekehrt war. Schließlich fand er ihn. Er hatte sich mit einem Teil der Sauerstoffflasche zwischen Ruder und Heckwand verkeilt. Warum hatte er ihn nicht per Notleine alarmiert? Brovny durfte keine Zeit verlieren. Er zerrte an dem Geschirr, in dem die Atemgasflasche befestigt war. Jede Sekunde zählte. Doch das Bemühen blieb vergeblich. Lange würde auch er hier unten die Luft nicht anhalten können. Das Eiswasser war unerbittlich. Mit jedem Herzschlag kühlte sein Körper weiter aus. Was sollte er tun? Er spürte, wie es ihn zurück an die Oberfläche drängte. Verdammt, er konnte Mommsen nicht hier unten sterben lassen! Andererseits: Niemandem war geholfen, wenn sie beide hier unten zugrunde gingen.
Dann geschah etwas Seltsames. In Brovnys Kopf verlangsamte sich alles. Seine Umgebung veränderte sich. Das schwarze Wasser begann mit einem Mal grün zu schimmern. Ein beruhigender Ton, eine Art Singen, drang aus der Tiefe an sein Ohr. So, als höre er, schwimmend im Uterus, die Stimme der Mutter durch die Bauchdecke. War es jetzt vorüber? Ertrank er in diesem Augenblick?
Direkt vor ihm tauchte plötzlich ein Gesicht aus der unendlichen Weite des Ozeans auf. Ein wunderschönes Wesen ergriff mit beiden Händen seine Wangen und presste, ehe er wusste, wie ihm geschah, die Lippen auf seine. Er schloss die Augen, bereit, sie nie wieder zu öffnen. Genau so hatten Seeleute, denen er begegnet war, ihre Vorstellung vom Ertrinken beschrieben. Alle Angst war mit einem Mal verschwunden. Es war wie ein Rausch.
Als er nach einer gefühlten Ewigkeit die Augen wieder aufschlug, war das Wesen verschwunden. Um ihn herum herrschte die alte Dunkelheit. Etwas jedoch war anders. Seine Kräfte waren zu ihm zurückgekehrt. Er musste handeln. Erneut riss er an den Riemen des Geschirrs, und diesmal gelang es ihm, Mommsens reglosen Körper daraus zu lösen.
Er packte ihn im Rautek-Griff und zog ihn, so schnell er es mit einem Bein vermochte, hoch an die Wasseroberfläche. Keuchend und hustend schoss er mit dem Bewusstlosen an die Luft.
An Deck wartete bereits der Kapitän auf sie, der den Vorfall von der Brücke aus beobachtet hatte. Mit vollem Körpereinsatz beförderten sie zunächst den schlaffen Körper Mommsens über die Reling. Dann folgte der völlig erschöpfte Brovny. Ohne weiter Zeit zu verlieren, lagerten sie Mommsen rücklings auf die Planken. Sein Gesicht war bereits blau.
***
Tiefer, immer tiefer drangen Mousson und Johnny in den Berg vor. Mit jedem Meter, den sie gingen, nahm die Wärme zu. Johnny bemühte sich, nie mehr als zwei Schritte hinter Mousson zu bleiben, um ihn nicht zu verlieren. Allein hier unten zurückzubleiben, war seine größte Angst. Das Dunkel, das um sie herum herrschte, schien jeden Lichtstrahl zu schlucken. Die Kraft ihrer Lampen reichte kaum aus, das Stück Weg vor ihren Füßen zu erhellen. Gleich dahinter begann Nacht.
Auch der Schwefelgeruch, der ihm bereits im Freien aufgefallen war, gewann mit jedem Schritt an widerlicher Penetranz.
Seitdem sie die Höhle betreten hatten, war kein Wort mehr gefallen. Mousson legte ein mörderisches Tempo vor. Was trieb ihn derart zur Eile?
Ohne irgendeine Gewähr dafür zu haben, war Johnny bisher davon ausgegangen, Mousson werde sie beide sicher ans Ziel und unversehrt wieder zurück bringen. Was jedoch, wenn es nicht so war? Wenn Mousson das Innere dieses Berges genauso wenig kannte wie er selbst? Daran durfte er nicht denken! Das Wichtigste war, nicht vom Weg abzukommen, keinen falschen Schritt zu tun.
Einmal, es war keine Minute her, hatte er aus Unachtsamkeit und furchtsamer Hast den Fuß zu weit nach links gesetzt. Dabei war er gestrauchelt, und der Kegel der Taschenlampe hatte für Sekundenbruchteile beleuchtet, was jenseits des schmalen Weges lag. Der Anblick hatte Johnny so tief erschüttert, dass er fortan alle Konzentration auf den Boden vor sich gerichtet hielt. Denn links und rechts von ihnen war nichts. Ein bodenloses, tiefschwarzes Nichts.
Wie in Trance heftete er seinen Blick auf Moussons schwache Funzel, die vor ihm irrlichterte.
Wenig später blieb der Erste Offizier stehen.
Johnny konnte gerade noch bremsen. »Was ist?«, flüsterte er, aus Angst, seine Stimme könne Irgendwem ihre Anwesenheit verraten. Dabei war der Krach, der um sie herrschte, so stark, dass seine Worte ungehört verhallten. Ein fortwährendes Dröhnen drang aus der Tiefe zu ihnen herauf, ein mächtiges Stampfen, gebettet in einen wuchtigen Basston, der alles ringsum zum Zittern brachte. In seinem Rhythmus bebte der felsige Boden unter ihnen plötzlich so stark, dass Johnny unwillkürlich in die Hocke ging, um sich mit den Händen in das Geröll zu krallen. Denn rechts und links von ihnen gab es ja keine Wand, an der sie sich hätten festhalten können. Die Hitze machte ihm schwer zu schaffen. Sein Schädel summte. Mehrmals war er kurz davor, das Bewusstsein zu verlieren.
Mousson allerdings schien hier die Stelle gefunden zu haben, nach der er gesucht hatte. Er blieb stehen und wartete, bis das Dröhnen ein wenig abschwoll. Dann bildete er mit beiden Händen einen Trichter vor dem Mund, holte tief Luft, und brüllte mit einer Kraft, die Johnny ihm nicht zugetraut hätte: »Torún Vadá O´Fyr. Belú Garýn, Dla Ruk!« Dann wartete er.
Johnny wusste nicht, was Mousson gerufen hatte. Trotzdem spürte er, wie seine Haare sich aufstellten. Den Namen Dla Ruks, des Schmiedes aller Schmiede, immerhin hatte er verstanden. In ihm toste es. Was hatte Mousson getan? Hatte er nach Dla Ruk gerufen?
Und: hatte dieser ihn gehört? Er wagte nicht zu atmen.
Moussons Blick war in die Dunkelheit gerichtet, als lausche er auf eine Antwort. Johnny war wie paralysiert. Das war alles nur ein Traum, alles nur ein Traum. Nie zuvor hatte er etwas derart Beklemmendes erlebt, denn: Mit Moussons Ruf war jedes Geräusch im Berg verstummt.
So still war es mit einem Mal, dass Johnny seinen eigenen, gepressten Atem hörte. Und den des Mannes neben sich. Was würde nun geschehen?
Er musste nicht lange auf eine Antwort warten.
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