Kitabı oku: «Animant Crumbs Staubchronik»
Animant Crumbs Staubchronik
Lin Rina
Copyright © 2017 by

Astrid Behrendt
Rheinstraße 60
51371 Leverkusen
http: www.drachenmond.de
E-Mail: info@drachenmond.de
Lektorat: Viktoria Kravtschenko
Korrektorat: Michaela Retetzki
Layout: Michelle N. Weber
Umschlagdesign: Marie Graßhoff
Bildmaterial: Shutterstock Titelschrift, Widmung und Initialen: Lin Rina
ISBN 978-3-95991-392-8
Alle Rechte vorbehalten
Für Dora
Weil durch deine Adern
Wörter und Träume fließen
Inhalt
Prolog
1. Das Erste oder das, in dem mein Onkel zu Besuch kam.
2. Das Zweite oder das, in dem mein Lesesessel nach London zog.
3. Das Dritte oder das, in dem ich mein Herz verlieren würde.
4. Das Vierte oder das, in dem ich lernte, Mr Reed zu hassen.
5. Das Fünfte oder das, in dem ich blieb.
6. Das Sechste oder das, in dem ich eine Gleichgesinnte fand.
7. Das Siebte oder das, in dem ich in die Welt der Maschine eintauchte.
8. Das Achte oder das, in dem ich eine tollkühne Tat plante.
9. Das Neunte oder das, in dem die Willkür Bücher zerstörte.
10. Das Zehnte oder das, in dem ich die Fronten klärte.
11. Das Elfte oder das, in dem mein Herz hüpfte.
12. Das Zwölfte oder das, in dem ich etwas über das Fliegen lernte.
13. Das Dreizehnte oder das, in dem mein altes Leben mich einholte.
14. Das Vierzehnte oder das, in dem Henry mit mir ein Geheimnis teilte.
15. Das Fünfzehnte oder das, in dem mir ein überaus peinliches Missgeschick passierte.
16. Das Sechzehnte oder das, in dem ich Mr Reed verteidigte.
17. Das Siebzehnte oder das, in dem ich zu einer guten Tat gezwungen wurde.
18. Das Achtzehnte oder das, in dem ich unerwartet ein Kompliment bekam.
19. Das Neunzehnte oder das, in dem Selbstständigkeit schwieriger war als erwartet.
20. Das Zwanzigste oder das, in dem ich der Vorfreude erlag.
21. Das Einundzwanzigste oder das, in dem die Lichter erstrahlten.
22. Das Zweiundzwanzigste oder das, in dem die Lichter schmolzen.
23. Das Dreiundzwanzigste oder das, in dem die Lichter tanzten.
24. Das Vierundzwanzigste oder das, in dem meine Mutter mich nicht verstand.
25. Das Fünfundzwanzigste oder das, in dem ich nicht essen konnte.
26. Das Sechsundzwanzigste oder das, in dem ich mich sorgte.
27. Das Siebenundzwanzigste oder das, in dem wir Tee tranken.
28. Das Achtundzwanzigste oder das, in dem ich es anging, Geheimnisse zu lüften.
29. Das Neunundzwanzigste oder das, in dem wir frühstückten.
30. Das Dreißigste oder das, in dem ich aus Wut handelte.
31. Das Einunddreißigste oder das, in dem ich zu viel fragte.
32. Das Zweiunddreißigste oder das, in dem ich einem Spaß erlag.
33. Das Dreiunddreißigste oder das, in dem ich Mr Reeds Geheimnis aufdeckte.
34. Das Vierunddreißigste oder das, in dem ich Rachel traf.
35. Das Fünfunddreißigste oder das, in dem ich kaum Luft bekam.
36. Das Sechsunddreißigste oder das, in dem meine Mutter lachte.
37. Das Siebenunddreißigste oder das, in dem ich nichts mehr zu lesen hatte.
38. Das Achtunddreißigste oder das, in dem wir gemeinsam schwiegen.
39. Das Neununddreißigste oder das, in dem ich Angst hatte.
40. Das Vierzigste oder das, in dem mich braune Augen ansahen.
41. Das Einundvierzigste oder das, in dem Elisa mich ausführte.
42. Das Zweiundvierzigste oder das, in dem ich in einem Schrank saß.
43. Das Dreiundvierzigste oder das, in dem mein Plan aufging.
44. Das Vierundvierzigste oder das, in dem ich als Einzige ruhig blieb.
45. Das Fünfundvierzigste oder das, in dem etwas nicht stimmte.
46. Das Letzte oder das, in dem ich ging.
47. Das wirklich Letzte oder das, in dem sich alles fügte.
Danksagung
Prolog

Ich lehnte an einer Marmorsäule und verfluchte innerlich meine Mutter, während ich nett lächelte und mir wünschte, dass auch nur ein Wort aus dem Mund meines Gegenübers sinnvoll erscheinen würde.
»Doch der Eisbär sagte: ›Ich bin der Baron von Münchhausen!‹ Und dann biss er dem Pinguin den Kopf ab«, erzählte er gerade und ich hatte leider noch nicht genügend Punsch getrunken, um auch nur vorzugeben, dass sein Witz lustig gewesen wäre.
Er hatte ein recht ansehnliches Gesicht, aber seine Aufmachung war lächerlich. Was auch immer die Mode gerade diktierte, Männer sollten keine fliederfarbenen Westen tragen. Das war einfach nur grotesk albern.
»Sie lachen gar nicht«, stellte er mit seinem messerscharfen Verstand fest und ich hätte gerne über so viel Gedankenlosigkeit geseufzt. Doch es ging nicht, dafür fehlte mir einfach die Luft.
Mein Korsett war so eng, dass ich kaum atmen konnte und ich schwören könnte, dass mir langsam die Beine einschliefen, weil nicht genug Platz für Blutzirkulation blieb.
Mary-Ann hatte mich so zusammengeschnürt, damit ich in das hellblaue Monster von einem Ausgehkleid passte, das Mutter mir extra aus London hatte kommen lassen, um die dörflichen adligen Junggesellen mit meinem Anblick zu beglücken. Mutter sagte, es sei zur Zeit Mode in London, so eng geschnürt zu sein, und alle jungen Dinger machten das heutzutage. Doch für mich war das unerträglich und ich bildete mir ein, an Sauerstoffmangel verenden zu müssen, wenn ich meinen Platz in der Nähe des geöffneten Fensters verlassen sollte.
Ich fand es völlig unsinnig, den Körper einem Kleidungsstück anzupassen, anstatt das Kleidungsstück dem Körper.
Doch was wusste ich schon? Ich war ja nur ein faules, nichtsnutziges Ding, das es nötig hatte, die jungen Männer mit hellblauen Taft zu bezaubern, damit sie über meinen missratenen Charakter hinwegsehen konnten.
Der junge Mann beäugte mich immer noch erwartungsvoll.
»Die Geschichte ist abwegig«, begann ich und wusste genau, dass ich im Begriff war, das zu tun, was meine Mutter mir immer predigte, nicht zu tun: Ich würde ihn schulmeistern. Und junge Männer schätzten es gar nicht, wenn die Frau, die sie davon überzeugen wollten, dass sie die begehrenswerteste Partie im Saal waren, es besser wusste als sie selbst.
»Mal davon abgesehen, dass Tiere nicht sprechen können, was entschuldigt ist, da es sich ja angeblich um einen Witz handelt, kann ich nicht glauben, dass ein Eisbär so etwas tun könnte«, führte ich aus und wurde prompt unterbrochen.
»Nun ja, ich glaube schon, dass ein Eisbär stark genug wäre, einem Pinguin den Kopf abzubeißen. Das ist doch schließlich ein Raubtier«, redete der junge Mann, von dem ich dachte, dass er Hilton oder Milton hieß, leicht pikiert auf mich ein und stemmte die Hände in die Seiten, um seine Unsicherheit zu überspielen.
»Ja«, antwortete ich. »Aber ich glaube nicht, dass er dazu fähig ist, von der nördlichen auf die südliche Erdhalbkugel zu spazieren, nur um sich mit einem Pinguin um ein kugelrundes Ei zu streiten.«
Milton, oder auch Hilton, sah mich recht dümmlich an und wurde dann zu unser beider Glück von einem Bekannten begrüßt. Er stellte uns flüchtig einander vor, entschuldigte sich dann förmlich und ging.
Armer Tölpel.
Ich blieb allein zurück und konnte die Stimme meiner Mutter in meinem Kopf hören, die mich anklagte, dass ich so für immer allein bleiben und vor Einsamkeit an Schwermut erkranken würde.
Dabei war ich überhaupt nicht allein. Sie ließ mich endlose, langweilige Stunden auf Gesellschaften und Bällen verbringen, auf denen ich nur stumpfsinnige Gespräche führte. Meist mit Menschen, die sich für gebildet hielten, weil sie mal ein Buch von außen angesehen hatten und sich doch nur über die Peinlichkeiten anderer amüsierten. Und das, obwohl ich stattdessen zu Hause in meinem alten Sessel sitzen und den Gedanken brillanter Köpfe folgen könnte. Die Männer meines Lebens waren bereits bei mir und ich genoss jeden Moment mit ihnen. Ich löste an ihrer Seite Kriminalfälle mithilfe der Technik, Fingerabdrücke zu vergleichen, die bei jedem Menschen so einzigartig waren wie Schneeflocken. Ich nahm Städte ein, indem ich aus Holz ein Pferd baute und mich darin versteckte. Ich folgte literarischen Diskursen, geschichtlichen Nacherzählungen, studierte den Menschen, seinen Geist und die Seele. Ich reiste in achtzig Tagen um die Welt, lernte, wie man Flugzeuge baute, eine Melodie ersann, einen Krieg anzettelte.
Doch meine Mutter hielt es für Blödsinn. Sticken, das sei eine Tätigkeit, die für eine junge Frau meines Standes angebracht war.
Ich seufzte in mich hinein.
Wer hatte sich das bloß ausgedacht?
Das Erste oder das, in dem mein Onkel zu Besuch kam.

Sie hat ihn blamiert, Charles! Schamlos öffnet sie den Mund und wirft mit altklugen Sätzen um sich«, jammerte meine Mutter meinem Vater vor und ich verdrehte die Augen. Sie musste auch immer alles so sehr dramatisieren.
»Jedes Mal, wenn ein junger Mann sie anspricht, macht sie alles kaputt. Wieso kann sie nicht wie alle anderen Mädchen sein, die einfach still sind?«, polterte sie weiter und ich konnte mir genau vorstellen, wie sie im Zimmer auf und ab lief, die eine Hand auf die Brust gelegt und mit der anderen sich Luft zufächelnd. »Julia Goodman, das ist ein stilles Mädchen und sie war schon mit siebzehn verlobt. Oder die älteste von den Bordley-Schwestern. Sie hat gewusst, in welchem Momenten es gut war zu schweigen, und sie war mit achtzehn sogar schon verheiratet!« Sie holte tief Luft. Zwar hörte ich es nicht, aber ich wusste es auch so.
Mein Vater dagegen, der wohl entweder am Kaminsims lehnte oder seine Schreibtischkante unter dem Gesäß hatte, hielt dann immer die Luft an und fragte sich genau wie ich, warum sie ständig von stillen Mädchen redete, aber niemals selbst still war.
»Aber deine missratene Tochter sitzt den ganzen Tag auf dem Dachboden in einem alten Sessel und verschlingt Bücher, anstatt zu lernen, wie man sich richtig zu verhalten hat!«, keifte sie nun und ich konnte förmlich vor mir sehen, wie sich eine steile Falte zwischen den Augenbrauen meines Vaters bildete.
»Ani weiß, wie man sich richtig zu verhalten hat, Darling!«, verteidigte er mich und ich lächelte.
Mein rechtes Bein wurde langsam taub und ich versuchte mich anders hinzusetzen, ohne das Ohr vom Lüftungsgitter des Kamins zu nehmen, das von der Küche durch Vaters Arbeitszimmer bis hinauf zum Dachboden reichte.
»Und warum tut sie’s dann nicht?«, rief meine Mutter aus und ich seufzte leise, weil ich genau wusste, was jetzt folgte. »Sie ist schon neunzehn, Charles! Neunzehn! Langsam habe ich den Eindruck, dass sie überhaupt kein richtiges Leben führen möchte. Immer nur Bücher, Bücher, Bücher. Und in ein paar Jahren wird sie eine alte Jungfer sein, die keiner mehr haben will, weil sie ihre blühenden Jahre auf einem alten, dreckigen Dachboden verplempert hat!« Meine Mutter begann zu schluchzen und mein Vater murmelte ein paar tröstende Worte.
Ich nahm den Kopf wieder hoch und ließ meinen Nacken knacken. Meine Mutter machte sich einfach nur unnötig Sorgen über Dinge, die mir völlig nebensächlich erschienen. Sie glaubte, dass heiraten und einen eigenen Haushalt zu führen das größte Glück einer jungen Frau sein müsste.
Doch meins war es eben nicht. Sollte ich doch ohne Mann enden, was machte das schon? Ich wurde vielleicht nicht reich, hätte keine eigene Kutsche und konnte mir nicht jedes halbe Jahr eine neue Garderobe zulegen, aber die öffentliche Bibliothek war kostenfrei und dort würde ich bestimmt glücklicher werden als mit einem stumpfsinnigen Mann in einem viel zu noblen Haus.
Ich klopfte mir den Staub vom Rock, zog meine Bluse zurecht und strich mir eine Haarsträhne aus der Stirn, die sich aus meiner Frisur gelöst hatte.
Fast sehnsüchtig sah ich zu meinem alten Sessel, dessen dunkelgrüner Samt an den Armlehnen etwas abgewetzt war und den meine Mutter schon vor Jahren aussortiert hatte, weil er ihr zu schäbig erschien.
Doch für mich war er ein Stück guter Erinnerungen und gehörte in mein Leben, genauso wie es die Bücher taten.
Am liebsten hätte ich mich wieder in seine ausgeleierten Sitzfedern gekuschelt, das Buch aufgeschlagen, das ich vorhin begonnen hatte, und einfach vergessen, dass dort draußen eine Welt mit Gesellschaften und heiratsvermittelnden Müttern existierte.
Aber Mary-Ann würde gleich zum Mittagessen klingeln und dann hatte ich unten zu sein.
Ich seufzte laut, klemmte mir einen schmalen Roman unter den Arm, raffte meine Röcke und kletterte die steilen Stufen nach unten in den ersten Stock.
Unser Haus war größer, als es sein müsste. Fand ich zumindest. Ich schätzte kleine Räume und Wände, die mir Sicherheit boten. Meine Mutter hingegen wollte alles weit haben und mochte es gar nicht, wenn irgendein Möbelstück an der falschen Stelle stand und so den Raum kleiner erscheinen ließ.
Ich schlich mich gerade lautlos am Arbeitszimmer meines Vaters vorbei, damit ich die beiden nicht störte und auch nicht von ihnen gehört wurde, als sich die Tür genau in diesem Moment öffnete.
»Ani!«, sprach Vater mich überrascht an und Mutter schob sich hastig an ihm vorbei, um sich zu mir auf den Flur zu drängen. Sie hakte sich bei mir unter, ein verschwörerisches Lächeln auf den Lippen, und ich war verwirrt über den plötzlichen Sinneswandel. Hatte sie nicht gerade noch geschluchzt und sich über mich geärgert?
»Du wirst nicht erraten, wer heute Morgen hier war, um vorzusprechen. Er gab vor, für deinen Vater etwas abgeben zu müssen, aber ich bin mir sicher, er war wegen dir hier«, säuselte meine Mutter und ich wusste ganz genau, wen sie meinte. George Michels. Mutters neuester Auserwählter, um mich erfolglos zu verkuppeln.
»Oh, wer kann das nur gewesen sein? Doch nicht etwa Mr Michels!«, rief ich übertrieben begeistert und Mutters Grinsen fiel in sich zusammen. Wenn sie in den Jahren mit mir als Tochter etwas gelernt hatte, dann war es, Ironie zu durchschauen.
»Animant! Ob du es glauben willst oder nicht, dieser Mann könnte deiner sein und du würdest ein gutes Leben in Wohlstand führen«, begann sie und ihre Augenbrauen zogen sich missbilligend zusammen.
Ich musste mich zusammenreißen, um nicht laut zu lachen, und biss mir auf die Unterlippe. Mr Michels war zwar ein netter Kerl, aber so geistreich wie ein Stück Brot und dabei auch noch außerordentlich tollpatschig, sodass er regelmäßig über seine eigenen Füße zu fallen pflegte.
»Er bohrt in der Nase, wenn er glaubt, dass niemand hinsieht«, sagte ich, während wir die ersten Stufen ins Erdgeschoss nach unten nahmen. Und das hatte ich nicht erfunden.
»Animant!«, empörte Mutter sich und hinter uns begann Vater zu prusten, nahm sich aber sofort zusammen, als Mutter auch ihm einen scharfen Blick zuwarf.
»Er sieht gut aus und er hat dreitausend Pfund im Jahr. Ihr solltet nicht so gehässig sein«, warf sie uns vor, entzog mir ihren Arm und ging die letzten Stufen allein, ehe sie im Salon verschwand. Die Spitze ihres Unterrocks raschelte übertrieben und unterstützte ihren wütenden Abgang, der uns zeigen sollte, wie unverständig wir in ihren Augen doch waren.
Ich zuckte nur mit den Schultern und Vater begann zu grinsen. Denn obwohl er nicht der Meinung war, dass es sich für eine junge Dame geziemte, allein zu bleiben, musste er sich hin und wieder doch über die fruchtlosen Versuche meiner Mutter amüsieren, die mit aller Macht versuchte, mich dazu zu bringen, der Männerwelt zugetan zu sein.
Er war davon überzeugt, dass es mich eines Tages genauso treffen würde wie alle anderen Mädchen in meinem Alter auch und dass mein Herz sich für einen der jungen Männer erwärmte, die meine Gesellschaft suchten.
Mir fehle bisher nur der Anreiz, hatte er einmal gegenüber meiner Mutter erwähnt und ich hatte oben am Ofenrohr nur mit dem Kopf geschüttelt. Ich konnte mir nicht vorstellen, was für ein Anreiz das sein sollte.
Geld war es nicht. Natürlich hatte ich nie erleben müssen, wie es war, wahrlich arm zu sein, aber selbst ohne Mann würde meine Erbschaft mich gut bis ins hohe Alter bringen. Vorausgesetzt, mich würde nicht schon vorher eine Lungenentzündung dahinraffen.
Sozialer Stand war es auch nicht. Ich machte mir nichts aus öffentlichen Veranstaltungen, Gesellschaften, Bällen und schon gar nicht aus dem edlen Getue des niederen Adels. Ich hatte kein Interesse an Titeln oder Ränkespielen der gehobenen Gesellschaft und fühlte mich dabei auch völlig fehl am Platz.
Das Einzige, was blieb und von dem ich sagen musste, dass es mir ein Rätsel war, war die Liebe. Ich hatte von ihr gelesen, war in Gedichten und Erzählungen den blumigen Ausschweifungen und pochenden Herzen gefolgt und hatte sie doch nicht begriffen. Wie war es möglich, dass man einen Menschen finden konnte, der ein Seelenverwandter war? Es gab Millionen Menschen auf diesem Planeten, wie hoch konnte da die Wahrscheinlichkeit sein, der Person zu begegnen, die für einen bestimmt war?
Mutter behauptete, dass man mit jedem Mann glücklich werden konnte, wenn man das nur wirklich wollte. Doch anscheinend wollte ich nicht wirklich, denn bisher hatte ich mir bei keinem ihrer Auserwählten vorstellen können, auch nur länger als eine Stunde so zu tun, als ob sie interessant wären.
Aber lag das wirklich an mir, oder vielleicht doch an den Männern, die mir bisher begegnet waren?
Stumm setzte ich mich zu meiner Mutter in den Salon und entschied, dass diese Art von Gedankenspiel mich nicht weiterbrachte und auch völlig unsinnig war.
Ich schlug den schmalen Roman auf, den ich für nur drei Penny im Buchladen in der Gardner Street erstanden hatte. Für seinen Preis war er recht umfangreich und erzählte die Geschichte von Jackson Throug während seiner Reise nach Indien und zurück. Ich war gerade an der Stelle, an der er genug Geld für die Überfahrt zusammengekratzt hatte und ein kleines Handelsschiff bestieg, dessen Captain mir doch sehr suspekt vorkam.
»Animant«, sprach Mutter mich an und ich blinzelte mich aus der Geschichte in die Wirklichkeit zurück. »Ich kann es einfach nicht verstehen. Was willst du denn?«, wollte sie von mir wissen und ich hob skeptisch die Augenbrauen.
»Ich will in Ruhe lesen, Mutter«, antwortete ich ihr, obwohl ich wusste, dass das nicht die Antwort auf ihre Frage war. Ihre Frage hatte sich auf meine Zukunft bezogen, auf den Typ Mann, den ich bevorzugen würde, und die Tätigkeit, die ich für mich ersann. Doch ich war es leid, diese Diskussion mit ihr zu führen, und wich ihrer Fragerei meistens aus, indem ich sie absichtlich missverstand.
Sie seufzte wieder laut auf und ich sah, wie ihre Stirn sich langsam rötlich färbte, während sie ihre Wut und Verzweiflung über mich zu unterdrücken versuchte. »Aber was ist mit morgen oder übermorgen?«, versuchte sie mich aus der Reserve zu locken. »Was ist nächstes Jahr oder in zwei Jahren?« Ihre Stimme klang noch sehr gefasst, aber trotzdem etwas gepresst. Ein bisschen tat sie mir leid, weil sie sich solche Mühe gab und mich doch nie verstehen würde.
»Keine Sorge, Mutter«, begann ich lieblich und wandte meine Augen wieder dem Buch zu, dessen papierner Einband sich glatt und kühl an meinen Fingern anfühlte. »Mir werden die Bücher schon nicht ausgehen«, sagte ich beschwichtigend und wartete auf den Seufzer, der unweigerlich folgen musste.
Er war lauter als erwartet und wurde noch nicht mal von Mary-Ann übertönt, die zum Essen läutete.
Das Essen begann still. Vater sprach das Tischgebet und häufte sich dann den Teller mit Kartoffeln und Kürbisgemüse voll. Mutter schmollte, aß demonstrativ wenig, um zu betonen, wie sehr ihre Nerven unter meinem Betragen litten und ich las ein wenig über die miserablen Zustände der Kajüte, in der Jackson Throug die nächsten Wochen zu verbringen hatte.
»Musst du denn sogar beim Essen lesen?«, tadelte mich Mutter streng und ich klappte das Buch sofort zu.
»Verzeih, Mutter. Ich hab mich durch meine Neugierde auf den Verlauf der Handlung hinreißen lassen«, behauptete ich und streckte den Rücken durch. Ich hatte sie heute genug gereizt, da war ein wenig Demut vor ihren Augen sicher nicht unangebracht.
Sie grummelte nur, schob dann den Teller von sich, als wäre schon der Anblick von Essen zu viel, und ich seufzte lautlos, während ich mir ein Stück Lamm in den Mund schob.
Es war so ein Moment, in dem die Welt im Ticken einer Uhr zu versinken drohte und jeder Kopf im Zimmer sich überlegte, was er sagen konnte, um der drückenden Stille ein Ende zu setzen.
Und dann erlöste uns die Türglocke.
»Wer kann das nur sein?«, rief Mutter sofort, die Miene erhellt, und hob den Kopf, um durch die halb geschlossene Tür in den Flur zu spähen. »Erwartest du jemanden?«, wandte sie sich dann an Vater und gab es auf, sich den Hals zu verrenken, da sie von ihrem Platz aus sowieso niemals bis zur Tür hätte sehen können.
»Nicht dass ich wüsste«, gab Vater zurück, nachdem er geschluckt hatte, und wischte sich mit einer Servierte das Öl vom Schnauzbart.
Als hätte jemand eine Kerze entzündet, fingen Mutters Augen plötzlich an zu leuchten und ihr Blick wanderte zu mir. »Und du?«, erkundigte sie sich in erwartungsvollen Ton und ich rollte nur mit den Augen.
»Mutter!«, ermahnte ich sie. »Vielleicht ist es ein Brief oder Mr Smith, weil Dolly sich schon wieder die Fessel verstaucht hat«, begann ich das Licht in ihren Augen durch belanglose Vermutungen zu löschen und Mutter zog beleidigt eine Schnute.
»Das wäre aber sehr ungünstig. Ich hatte einen Ausflug an die Seen geplant und ich brauche Dolly vorne an meinem Einspanner, weil ihr Fell so schön zu meinem Nachmittagskleid passt«, fing sie sofort an, obwohl ich nur wild spekuliert hatte. Draußen im Flur wurde Mary-Anns Stimme lauter.
»Sir, der Mantel. Ich bitte Sie, die Herrschaften …«, versuchte sie auf jemanden einzureden und hatte offenbar wenig Erfolg. Denn nur einen Moment später wurde die Tür schon schwungvoll aufgerissen und ein großer, bäriger Mann mit nassem Ulster und einem Zylinder auf dem Kopf stürmte ins Zimmer. Sein blau karierter Flanellschal flatterte im Windzug der Tür und er breitete die Arme aus.
»Überraschung!«, rief er mit seiner angenehmen Stimme und ich sprang so hastig auf, dass hinter mir beinahe der Stuhl umfiel.
»Onkel Alfred!«, quiekte ich recht undamenhaft und war drauf und dran, mich wie ein kleines Kind in seine Arme zu werfen. Da drängte sich Mary-Ann hinter ihm durch die Tür und stellte sich mir so ungeschickt in den Weg, dass der Moment der spontanen Reaktion verstrich und ich mir bewusst wurde, dass ich kein Kind mehr war und dass Mutter mich umbringen würde, wenn Regenflecken auf die Seide meiner Bluse kamen.
»Alfred!«, rief auch Vater. »Welch angenehme Überraschung. Was führt dich hier raus zu uns?«
Onkel Alfred zog sich den Schal vom Hals und reichte ihn der wartenden Mary-Ann. »Ach, nur ein paar Besorgungen. Nichts wirklich Wichtiges«, erklärte er und knöpfte den schweren Mantel auf, der mir zeigte, dass es in London kälter war als hier bei uns auf dem Land.
Wir wohnten natürlich nicht wirklich auf dem Land. Doch wenn man unsere kleine Stadt mit einer wie London verglich, dann konnte man es schon als recht ländliche Gegend bezeichnen.
Onkel Alfred reichte den Mantel der armen Mary-Ann, die unter der schieren Masse an Stoff beinahe unterging und sich vorsichtig rückwärts aus dem Zimmer schob.
»Setz dich. Iss was. Mary-Ann wird dir ein Gedeck bringen«, bot Mutter ihm an und lächelte, obwohl wir alle sehen konnten, dass sie verstimmt war. Was nicht an Onkel Alfred lag, sondern nur an ihren zu hohen Erwartungen an einen Besuch, der am besten nicht zur Familie gehörte und im heiratsfähigen Alter war.
Doch Onkel Alfred war viel zu gut gelaunt, um die verkniffenen Falten in ihren Mundwinkeln zu sehen, und zog sich den Stuhl neben meinem Vater raus. Als er sein massiges Gewicht auf das filigrane Mahagonimöbelstück fallen ließ, knarrte es gefährlich und Mutter krallte ihre Finger unauffällig in ihrem Schoß zusammen. Still schien sie zu beten, dass das Gewicht meines Onkels ihren geliebten Stühlen nichts anhaben würde.
Man konnte nicht behaupten, dass Onkel Alfred wirklich dick war. Doch er war groß, genau wie Vater auch, und hatte von Natur aus das breite Kreuz eines Hafenarbeiters. Dann kamen da noch ein paar Wohlstandspfunde dazu und schon hatte man einen Mann von gewaltiger Statur. Vater wirkte dagegen eher schmal. Ihm war es beschert, nach seiner Mutter zu kommen, während sein Bruder die Eigenschaften ihres Vaters geerbt hatte.
Und ich liebte Onkel Alfred. Er war witzig und geistreich, weltgewandt und würde sich fantastisch in einem Roman machen. Als Kind hatte ich mit großen Augen an seinen Lippen gehangen und jedes Wort, jede Geschichte in mich aufgesaugt. Er hatte von fremden Ländern geredet, von Städten und Bauten, von Menschen und Kulturen. All das, von dem ich nur träumen und lesen konnte.
Mittlerweile war zwar auch er sesshaft geworden, hatte sich eine Frau gesucht und bestritt einen hohen Posten im Personalwesen der Royal University of London, doch an Scharfsinn und Witz hatte er nicht eingebüßt.
»Animant«, sprach er mich an, nachdem er mit meiner Mutter die üblichen Nichtigkeiten über das Befinden und die Familie ausgetauscht und Mary-Ann ihm ein Gedeck gebracht hatte. »Und, Mädchen, was liest du zurzeit?«, wollte er wissen und bediente sich aus den Schüsseln mit Gemüse, Fleisch und Kartoffeln.
Ich ließ ein schüchternes Lächeln sehen. Alle Welt wusste, dass ich gerne las, dass ich eigentlich nichts anderes tat, doch die wenigsten fragten mich nach meiner aktuellen Lektüre. Selbst mein Vater hatte irgendwann aufgegeben, mich nach den Titeln zu fragen, die so schnell wechselten wie die Tageszeiten.
»Einen Diskurs über moderne Mathematik und ihren Einfluss auf unsere Sicht der physikalischen Gesetze, einen Bericht über die Gründung der Börse in Amerika 1792 und einen Roman über Jackson Throug’s Reise nach Indien«, zählte ich die Titel auf und Onkel Alfred brach in schallendes Gelächter aus.
Vater lachte mit, einfach weil es ihm guttat, die ausgelassene Stimmung seines Bruders zu teilen, und Mutter sah mich an, als ob ich gerade behauptet hätte, die Cholera heilen zu können. Ich lächelte nur eisern weiter, wusste nicht, was es zu bedeuten hatte; fühlte mich fremd bei dem Gedanken, nicht diejenige zu sein, die den Weitblick über die Situation hatte, und zog unauffällig das Buch neben meinem Teller vom Tischrand und auf meinen Schoß, damit meine Finger sich daran klammern konnten.
»Du bist wirklich unglaublich, Ani«, prustete mein Onkel und ich nahm an, dass es sich dabei um ein Kompliment handelte. »Ich kenne nur wenige Leute, die so viel lesen wie du«, fügte er hinzu und diesmal konnte ich den anerkennenden Ton deutlich heraushören. Verlegen zuckte ich mit den Schultern, weil ich mit der unerwarteten Ehre nicht umgehen konnte, und war bemüht, mich zusammenzunehmen, damit mir die Röte nicht ins Gesicht stieg.
»Mich wundert, dass du überhaupt Menschen kennst, die so viel lesen«, warf meine Mutter ruppig ein, der nicht mal im Traum einfallen würde, mich dafür auch noch zu loben. Hätte sie es mal gemacht, vielleicht hätte ich mich dann dazu erbarmt, netter zu ihren auserwählten Schwiegersöhnen zu sein.
»Oh, da gab es einen Mann in Neuseeland, der hat einfach alles gelesen, was er zwischen die Finger bekommen hat, und als es nicht genug war, hat er selbst angefangen zu schreiben«, begann Onkel Alfred ausschweifend zu erzählen und schob sich eine Gabel voll Essen in den Mund. »Und dann gibt es in London diesen Bibliothekar, der …«, nuschelte er zwischen Fleisch und Kartoffeln und seine Augen, die erst so glänzend und in Erzähllaune geleuchtet hatten, verdunkelten sich schlagartig und wurden durch seine buschigen Brauen überschattet. »Oh, dieser Kerl!«, knurrte er verbissen und seine Zähne zermahlten das Fleisch mit einem Knirschen. Doch er atmete tief durch, schüttelte seine plötzliche Wut wieder ab und versuchte sich an einem neutralen Gesichtsausdruck.
»Ist alles in Ordnung?«, erkundigte Vater sich, während er sein drittes Stück Fleisch zerteilte und Onkel Alfred verkniffen nickte.
»Ach«, wehrte er ab und drei Augenpaare sahen ihn erwartungsvoll an. Er hatte unsere Neugierde geweckt. Er sah von Vater zu Mutter und zu mir und dann wieder zurück. »Es sind nur ein paar Personalprobleme«, erklärte er trocken und seine großen Hände schlossen sich fester um das Besteck. »Die mich allerdings in den Wahnsinn treiben!«, fügte er recht energisch hinzu und ich machte mir ein wenig Sorgen. Mein Onkel war für gewöhnlich ein heiterer Geselle, Sorgen standen ihm nicht.
»Iss, Animant«, ermahnte Mutter mich flüsternd und ich ließ die Finger vom Buch auf meinem Schoß und nahm das Besteck zur Hand, ohne den Blick von meinem Onkel abzuwenden.
»Macht er dir Ärger?«, wollte Vater gerade wissen und Onkel Alfred schnaubte, begann allerdings wieder zu essen, was schon mal ein gutes Zeichen war.
»Ärger ist das falsche Wort, Charles«, erwiderte er zwischen zwei Bissen und wedelte mit der Gabel in der Luft herum. »Ein kleinkarierter Bürokratenarsch ist er, dieser Bibliothekar!«, schimpfte er los und meine Mutter zuckte bei der derben Wortwahl zusammen, was mich zum Grinsen brachte und auch Onkel Alfreds Gesicht hellte sich immer weiter auf. »Ihr müsstet ihn sehen«, meinte er und das Lachen kehrte in seine Stimme zurück. »Mit seiner albernen Lesebrille, den gebügelten Hemden und dem Stock im Hintern. Er ist der Bibliothekar der Royal University Library und er hat so viel zu tun, dass er einen Assistenten benötigt. Doch alle Literatur-Absolventen, die sich zu diesem Job bereit erklären, kündigen manchmal schon nach wenigen Tagen oder werden von ihm zum Teufel gejagt. Niemand wird seinen Ansprüchen gerecht, keiner kann seinen Anforderungen genügen und ich bin bald so weit, irgendwen doppelt zu bezahlen, nur damit er den Job behält.«
»Ist er denn sehr herrisch?«, erkundigte sich Mutter vorsichtig und mein Onkel lachte auf.
»Nein, nur verschroben und zu allem bereit. Wenn ich nicht wüsste, dass die Haushälterin im Personaltrakt ständig über seine Unordnung fluchen würde, hätte ich behauptet, er schläft sogar zwischen seinen Büchern.« Onkel Alfred wischte mit einer Kartoffel das Öl aus dem Kürbisgemüse auf und schob sie sich dann in den Mund. Öl tropfte in seinen Bart und er sah aus wie ein wilder Straßenarbeiter.
Ich versuchte nicht daran zu denken, wie es in meinem Zimmer aussah, und nahm ein wenig Kürbis auf die Gabel. All die Bücher, die schon aus meinen Regalen quollen und sich unter meinem Bett stapelten. Wenn man es genau nahm, schlief ich schon seit Langem zwischen meinen Büchern.
Doch es ging hier ja nicht um mich. Schließlich war ich eine junge Frau mit Wissensdurst und kein kauziger, verstaubter, alter Bibliothekar.
»Wenn mir nicht die Universitätsleitung im Nacken sitzen würde, wäre das auch alles nicht der Rede wert. Wir würden uns in Ruhe zusammensetzen und ich würde dem Jungspund die Leviten lesen«, sagte mein Onkel belustigt und ich stolperte über das Wort Jungspund, weil es sich nicht mit dem Bild in meinem Kopf vereinen ließ, das ich mir von dem Bibliothekar gemacht hatte. In meiner Vorstellung waren Bibliothekare alt und nicht jung.
»Wie kann ich dir helfen?«, bot Vater an, so wie er nun mal war, denn seine Hilfsbereitschaft zählte zu seinen größten Stärken. Wenn es allerdings nach meiner Mutter ging, würde man es als Schwäche betrachten, denn seine Hilfsdienste ließen ihn oft lange ausgehen und meine Mutter langweilte sich dann zu Tode oder begann, ihre Träume über meine baldige Hochzeit bis ins kleinste Detail weiter auszuspinnen, um sich den Tag zu versüßen.
»Macht euch in dieser Sache bloß keine Gedanken«, erwiderte Onkel Alfred. »Ich werde schon jemanden finden, der genauso in Bücher verliebt ist wie dieser verrückte Bibliothekar«, rief er lachend und wischte sich mit einer Serviette den Bart sauber.
»Animant zum Beispiel«, zischte Mutter mir zu und ich tat, als ob ich es nicht gehört hätte, weil sie mir damit nur einen Seitenhieb verpassen wollte.
Doch Vater hatte es ganz genau gehört. Er holte tief Luft, seine Augen weiteten sich, als ihm eine Idee kam, und dann wandte er sich an seinen Bruder. »Wieso eigentlich nicht?«, fragte er und Onkel Alfred sah ihn zweifelnd an, in der Erwartung, dass Vater einen Scherz mit ihm machte.
Aber es war kein Scherz. Nichts in seinem Gesicht wies darauf hin, dass Vater es nicht völlig ernst meinte und die Idee zweifelsohne auch noch gut fand. Mir blieb für einen Moment das Herz stehen, weil ich so erschrocken darüber war, und ich biss aus Versehen auf ein Pfefferkorn, das sich im Gemüse versteckt hatte. Alles in meinem Mund zog sich zusammen und ich war bemüht, äußerlich die Fassung zu bewahren.
»Sie hat zwar nicht studiert, aber mit Büchern kennt sie sich allemal aus«, begann Vater seine Idee zu formulieren und Mutter schnitt ihm sofort das Wort ab.
»Bist du verrückt geworden? Sie ist eine junge Dame höherer Gesellschaft und du schlägst vor, dass sie arbeiten geht?«, keifte sie los und die Empörung trieb ihr die Röte auf die Stirn. »Das wäre ein Skandal!«
»Wäre es nicht, Darling«, versuchte Vater sie zu beschwichtigen. »Sie würde mal rauskommen und wäre gezwungen, ihren schlauen Kopf auch zu benutzen.«
»Aber sie müsste allein nach London«, redete Mutter bereits weiter und nun war es Onkel Alfred, der sie unterbrach.
»Sie wäre doch nicht allein, Charlotte«, widersprach er ihr und zog ein skeptisches Gesicht. »Sie würde bei Lillian und mir wohnen.«
Vater wandte seinem Bruder erstaunt den Blick zu. »Du unterstützt meine Idee?«, fragte er überrascht und mir schwirrte langsam der Kopf.
War gerade ernsthaft im Gespräch, mich nach London zu schicken, damit ich dort in einer Bibliothek arbeitete? Und war mir das überhaupt recht?
Der Gedanke, den Tag mit stupiden Arbeiten zu verbringen, anstatt einfach bequem in meinem Sessel zu sitzen und zu lesen, war mir nicht unbedingt willkommen. Aber wenn es bedeuten würde, nach London zu gehen, Neues zu lernen und wenigstens für eine gewisse Zeit der Hochzeitsplanung meiner Mutter zu entkommen, klang der Vorschlag tatsächlich verlockend.
»Deine Tochter ist schlau und sie lässt sich nicht so schnell unterkriegen. Sie wäre die perfekte Alternative zu meiner bisherigen Strategie. Und wenn es doch nichts werden sollte, dann hab ich diesen Besserwisser von einem Bibliothekar wenigstens ein bisschen geärgert«, senkte Onkel Alfred verschwörerisch die Stimme und Vater lachte.
»Niemand wird hier geärgert! Schon gar nicht ich!«, ging Mutter sofort wieder dazwischen. »Sie wird hierbleiben! Bei ihren gesellschaftlichen Verpflichtungen. Sie ist doch kein Versuchsobjekt, das ihr nach London zerren und zum Arbeiten zwingen könnt, nur um zu sehen, was daraus werden könnte!« Ihre Hände waren zu Fäusten geballt und ich wartete nur darauf, dass sie damit auf den Tisch schlug wie ein Auktionator mit seinem Hämmerchen.
Zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten. Verkauft. Animant Crumb, für dreitausend Pfund im Jahr an den jungen Herrn mit dem blonden Schnauzer und der hässlichen fliederfarbenen Weste.
Ich blinzelte meine unsinnigen Gedanken weg, die mir eine unangenehme Gänsehaut bescherten, und ließ das Besteck wieder auf meinen Teller sinken.
Ganz sicher würde ich nicht hier herumsitzen und darauf warten, dass Mutter mich so weit zermürbte, dass ich irgendwann ihrem Drängen nachgab und einen Mann heiratete, den ich nicht wollte, nur damit sie Ruhe gab. Diese Vorstellung behagte mir gar nicht, und ich wäre sogar bereit, ein wenig zu arbeiten, nur um ihr für eine Weile zu entkommen.
»Es muss ja nicht für lange sein«, behauptete Onkel Alfred und verzog grimmig den Mund über die Starrköpfigkeit seiner Schwägerin. »Ein Monat wäre schon ziemlich lang bei diesem Mann.«
»Nein!«, rief Mutter und stand demonstrativ von ihrem Stuhl auf, der quietschend über die Bodenvertäfelung kratzte. »Sie wird nicht nach London fahren! Und das ist mein letztes Wort!«
Das Zweite oder das, in dem mein Lesesessel nach London zog.

Ich saß in der Kutsche nach London und klammerte mich an meine Handschuhe, die ich zwischen den Fingern hielt und immer wieder über das glatte Leder strich, um mich selbst zu beruhigen. Draußen zog die Landschaft vorbei, gelbe Stoppelfelder, bunte Bäume, die bereits begannen, ihre Blätter zu verlieren. Draußen bot sich mir eine traumhafte Spätherbstlandschaft, die ich leider in diesem Moment nicht so richtig schätzen konnte.
Ich war auf dem Weg nach London. Kaum zu fassen. Mutter war dagegen gewesen, hatte gezetert und geschimpft, bis Vater sie beiseitenahm und anschließend mit ihr und Onkel Alfred im Salon verschwunden war.
Nur einen winzigen Moment hatte ich es dann noch auf meinem Stuhl im Esszimmer ausgehalten, bis ich aufgesprungen und ihnen hinterhergeeilt war, um an der geschlossenen Tür zu lauschen.
»Stell dir vor, welche Möglichkeiten sich dort auftun könnten. Wie viele Menschen ihr dort begegnen werden«, sagte Vater und Mutter fiel ihm ins Wort.
»Aber Charles«, begann sie weinerlich und ich wusste, welchen Blick sie jetzt aufgesetzt hatte. Diesen flehenden, von schräg unten, mit dem sie Vater immer weichkochte.
Doch diesmal schien er sich davon nicht einwickeln zu lassen. »Charlotte, Gesellschaften mit den Großen Londons, vielleicht sogar Bälle am Königshof. Junge Männer mit Rang und Namen, Grips und Witz. Einen Monat, Darling, und ihr wird der Kopf schwirren von all den nennenswerten Verehrern, zwischen denen sie sich entscheiden muss!«
Ich schnappte erschrocken nach Luft. War dieser Vorschlag wirklich von meinem Vater gekommen? Wann hatte er sich in dieser Angelegenheit denn so sehr auf die Seite meiner Mutter geschlagen? Ich wusste nicht, ob ich empört oder geschockt sein sollte.
Auch Mutter schien es die Sprache verschlagen zu haben, denn es kam kein Ton von ihr.
»Ihr müsst es ja auch niemandem sagen. Wir behaupten einfach, ich nehme sie als Gesellschaft für Lillian mit. Damit sie nicht den ganzen Tag allein ist, wenn ich die nächsten Wochen so viel zu tun habe. Wer würde es schon hinterfragen, wenn Animant ihren Onkel in London besuchen käme«, gab Onkel Alfred zu bedenken. »Und dann gibt es ja auch immer noch Henry. Er wird sich freuen, seine Schwester zu sehen.«
Ich hörte Mutter seufzen. Es war ein ergebenes Seufzen, eines, das mir sagte, dass Vater und Onkel Alfred gewonnen hatten und sie mir erlauben würde, nach London zu fahren. »Einen Monat!«, erwiderte sie streng. »Und das auch nur, wenn sie es einen Monat aushält. Was ich schwer bezweifle.«
Ich nahm das Ohr von der Tür, trat einige Schritte zurück und setzte mich vorsichtig auf die unteren Stufen der Treppe.
Denn jetzt war es an der Zeit, mir zu überlegen, was ich eigentlich wollte. Wollte ich nach London und die Assistentin eines verschrobenen Bibliothekars werden? War die Aussicht auf ein wenig Freiheit genug, um mich aus meiner täglichen Routine zu reißen und in eine andere Stadt zu fahren?
Die Gesellschaften würden mich ganz sicher nicht reizen und auch die Erwähnung der vielen Gesprächspartner, die ich abzuwimmeln hätte, stimmte mich nicht gerade euphorisch.
Doch andersherum gab mir der Gedanke, abzulehnen und hierzubleiben, einen Stich, der direkt auf meinen Stolz abzielte. Mutter hatte behauptet, ich würde es keinen Monat dort aushalten. Sie hielt mich für naiv und unerfahren, weil ich mich bisher nie beweisen musste und weil alle in mir noch das arme, weiche Kind sahen. Wenn ich ablehnte, würde ich ihnen recht geben und das könnte mein Stolz nicht ertragen.
Also hatte ich zusagen müssen und den verkniffenen Gesichtsausdruck meiner Mutter genossen, die insgeheim gehofft hatte, dass ich mich gegen London und für ihre Gesellschaft entscheiden würde. Doch darauf konnte sie lange hoffen.
Es dauerte zwei Tage, bis ich alles gepackt hatte und Mutter mit meiner Kleiderauswahl ebenfalls zufrieden war. Onkel Alfred blieb und bewohnte unser Gästezimmer, war tagsüber aber die ganze Zeit mit Vater unterwegs, sodass sich keine Gelegenheit bot, ihn über London und die Bibliothek auszufragen.
Über uns rumpelte es und Onkel Alfred schreckte aus seinem Halbschlaf auf. »Was war das?«, wollte er schlaftrunken wissen und ich kniff die Lippen nervös zu einem schmalen Strich zusammen.
»Sicher nur mein Sessel«, gab ich zurück und Onkel Alfred schüttelte den Kopf, während er sich an seinem Bart kratzte.
»Wieso musstest du das alte Ding auch mitschleppen?«, meinte er, doch ein Lächeln umspielte seine Mundwinkel.
»Er gehört nun mal zu mir. Und ich wäre doch auch sicher eine Schande für all meine Vorfahren, wenn ich nicht auch ein bisschen exzentrisch wäre«, warf ich selbstsicher ein und Onkel Alfred lachte laut.
»Da hast du recht, Ani! Wie so oft«, grölte er und ich lächelte.
Die Familie Crumb hatte schon eine Menge Exzentriker hervorgebracht und wenn ich mir die Stammbäume anderer Familien besah, waren es auffällig viele. Meine Großtante Rose hatte eine Vorliebe für übergroße Hüte, mein Cousin dritten Grades war ein Mann mit dem Talent, Geschichten zu erzählen, ohne jemals das Ende zu verraten, und mein Großvater hatte immer behauptet, seine eigene Mutter wäre Admiral bei der Marine gewesen.
Im Gegensatz dazu war es ja fast schon harmlos, dass ich mit einem Sessel verreiste.
Wir machten zwei Pausen auf unserer Reise. Einmal, um in einem wunderschönen kleinen Gasthaus zu Mittag zu essen und einmal für den Fünfuhrtee.
Onkel Alfred erzählte viel über seine letzte Reise nach Europa, über Lillians Begeisterung für deutsches Brot und dass es eine ganz tolle Zeit in London werden würde.
Doch egal, wie geschickt ich es anstellte, das Thema auf die Bibliothek, meinen neuen Job oder diesen ominösen Bibliothekar zu lenken, Onkel Alfred schaffte es immer irgendwie, sich wieder herauszuwinden, und nach dem achten Versuch gab ich schließlich auf.
Er wollte mir offensichtlich nichts darüber erzählen und das machte mich nervös und neugierig zugleich. Doch er versprach, sich gleich morgen früh darum zu kümmern, dass alles offiziell in die Wege geleitet wurde. Und damit würde ich mich wohl zufriedengeben müssen. Vorerst.
Wir erreichten London kurz nach Sonnenuntergang und ich konnte nur wenig erkennen auf den dunklen Straßen, die nur selten von einer Laterne beleuchtet wurden, da die Laternenanzünder ihre Runden wohl noch nicht beendet hatten. Erst als wir ins Zentrum fuhren und dem Gelände der Universität näher kamen, wurden die Straßen breiter und heller und ich konnte die düsteren hohen Häuser bewundern, die sich so eng aneinanderschmiegten, als ob sich so die Kälte besser aushalten ließ.
Natürlich war ich nicht das erste Mal in London, aber das erste Mal ohne meine Eltern, und obwohl die Luft nicht so frisch war wie bei uns auf dem Land, roch sie für mich nach Freiheit und unendlich vielen neuen Möglichkeiten.
Tante Lillian empfing uns an der Tür, als wir mit steifen Gelenken aus der Kutsche kletterten, und lachte überrascht, als sie mich erblickte.
»Animant!«, rief sie freudig und schloss mich in ihre Arme, als ich die drei Stufen zur Haustür hinaufgestiegen war und zu ihr in den warmen Flur trat.
In London war es wirklich bitterkalt, sodass man den Eindruck hatte, der Winter wäre hier schon sehr viel näher als bei uns.
»Wie kommen wir zu der Ehre?«, wollte sie wissen und ihre schmalen Augen wurden von Lachfältchen umzogen. Sie hielt mich eine Armlänge von sich und musterte mich eingehend.
»Onkel Alfred möchte mich als Bibliothekarsassistentin auf Probe einstellen«, antwortete ich frei heraus und ihre Augen wurden erst groß, dann zornig.
»Du willst sie diesem Scheusal zum Fraß vorwerfen?«, rief sie empört, als ihr Mann durch die Tür kam, und stemmte ihre dünnen Ärmchen in die schmale Taille.
»Mach dir mal keine Sorgen, Liebling. Die kleine Ani wird ihn in der Luft zerfetzen«, behauptete er gelassen, knöpfte den Mantel auf und schälte sich aus dem dicken Kleidungsstück.
»Duuu …«, begann Tante Lillian schimpfend und mit gerecktem Finger, schüttelte aber dann den Kopf und seufzte nur leise. »Ach, komm her, mein Abenteurer!« Ihre Stimme wurde milde und sie ging zu ihm, um sich von seinen bärigen Armen umschließen zu lassen.
Die beiden waren ein sehr ungleiches Paar und doch wie füreinander geschaffen. Er war groß und stämmig, sie klein und zierlich. Seine Haare waren dunkel, seine Haut gebräunt, während sie leuchtete wie ein Engel mit hellblondem Haar und einer Haut so weiß wie Marmor.
Nur ihr Humor war der gleiche und das war wohl auch der Grund, warum sie sich so gut verstanden.
Ich knöpfte meinen Mantel auf und reichte ihn an einen stillen älteren Herrn, der mir den Arm hinhielt, damit ich das Kleidungsstück ablegen konnte. Ich nickte ihm höflich zu, er nickte zurück und dann richtete ich meine Aufmerksamkeit wieder auf meine Tante.
»Das Essen wartet, Alfred«, sagte sie gerade und hob dann vielsagend die Augenbrauen. »Und ein Gast, der darauf besteht, noch heute eine Unterredung mit dir zu führen«, fügte sie hinzu und hatte dabei ein Lächeln im Mundwinkel.
»Ein Gast, oho«, machte Onkel Alfred und Tante Lillian knuffte ihn verspielt in die Seite.
»Habt ihr beiden denn Hunger?«, wandte sich meine Tante jetzt auch an mich.
Jetzt, wo wir endlich da waren, spürte ich die Müdigkeit in meinem Körper und das Loch in meinem Magen. Außerdem würde ich zu einem guten Essen nie Nein sagen.
Das Esszimmer war kleiner als unseres. Eigentlich waren hier alle Räume kleiner als bei uns, was nicht am fehlenden Reichtum meines Onkels, sondern an dem mangelnden Platz in den Londoner Straßen lag.
Meine Tante ging voraus, ich folgte und mein Onkel wechselte noch ein paar Worte mit seinem Butler, der sich um unser Gepäck kümmern sollte.
Ich war so hungrig, dass ich nicht mal den Drang verspürte, mich vor dem Essen umzuziehen und auch meine Tante schien darin kein Problem zu sehen. Bei ihr und meinem Onkel ging es so viel ungezwungener zu als bei meinen Eltern zu Hause. Mutter hätte mich sofort die Treppen hochgejagt und mich in einen netten Fummel gesteckt, wenn auch nur die geringste Hoffnung bestand, dass der besagte Besuch männlich, jung und ledig sein könnte.
Und das war er tatsächlich. Unerwartet stand ich einem Paar hellbrauner Honigaugen gegenüber und musste sogleich aufpassen, dass mich das ausladende Kleid meiner Tante nicht in die Arme des dazugehörigen Mannes schubste. Ich kam allerdings trotzdem ins Straucheln und hielt mich an einem Tischchen fest, um mein Gleichgewicht wiederzuerlangen.
»Verzeihen Sie«, stammelte ich, ohne die Hand des Mannes in Anspruch zu nehmen, die er mir bereitwillig entgegenstreckte, um mich wenn nötig aufzufangen.
»Schon gut«, antwortete er mir mit leiser, aber fester Stimme und ich starrte ihn an wie ein verschrecktes Kaninchen.
Der Mann vor mir war jung, vielleicht Mitte zwanzig, sein Haar dunkelblond und etwa mittellang, sodass es ihm ein verwegenes Aussehen verlieh. Seine Gesichtszüge waren ebenmäßig, der Kiefer kantig, die Lippen auffällig, ohne dass ich wirklich sagen konnte weshalb.
Die schweren Schritte meines Onkels auf dem Parkett rissen mich aus der Betrachtung des Fremden und holten mich in die Wirklichkeit zurück. Ich schaffte es, in meinem Kopf ein für mich überraschendes abschließendes Urteil über das Aussehen meines Gegenübers zu fällen: Er sah viel zu gut aus, um mich nicht wenigstens ein bisschen zu beeindrucken.
»Winston!«, rief mein Onkel, als er den jungen Mann erblickte, und grinste breit. »Mein Freund, ich dachte, du wärst schon auf halbem Weg nach Glasgow.«
Auch der Angesprochene lächelte und trat vor, um meinem Onkel die Hand zu schütteln. »Erst morgen in der Früh, Alfred. Deshalb nehme ich auch die Unhöflichkeit in Kauf, dich um diese Stunde noch zu stören.«
»Ach wo«, wehrte Onkel Alfred ab, und dann schien ihm plötzlich wieder einzufallen, dass ich nach wie vor neben den beiden Männern an der Wand eingezwängt stand.
»Oh, natürlich«, begann mein Onkel und trat ein Stück zur Seite, damit ich mit meinem Rock mehr Platz zum Stehen hatte. »Ani, darf ich bekannt machen? Dieser junge Mann ist Winston Boyle, der neue Rechtsbeistand meiner Abteilung«, stellte er mir Mr Boyle vor, der höflich den Kopf neigte, ein verschmitztes Lächeln im Mundwinkel. »Winston, das ist meine Nichte Animant Crumb. Ich habe sie nach London mitgebracht, damit sie sich als Bibliothekarsassistentin versuchen kann.«
Mr Boyle fiel bei diesen Worten das Lächeln aus dem Gesicht und er zog überrascht die Augenbrauen hoch. »Wie? In dieser Bibliothek? Bei Mr Reed?«, wollte er entgeistert wissen und so langsam war ich bereit, mir doch ein wenig Sorgen zu machen.
»Wie fürchterlich muss dieser Mann denn sein, dass alle so entsetzt reagieren, wenn das Thema auf ihn kommt?«, fragte ich in einem leichten Ton und lächelte sanft, um meine Gefühle nicht zu offenbaren. Wenn ich die ganze Sache nicht mit Humor nahm, würde ich am Ende vielleicht wirklich Angst bekommen und ich war fest entschlossen, mich nicht so leicht einschüchtern zu lassen. Mutter würde es nur zu gern sehen, wie ich alles hinschmiss und nach Hause zurückgekrochen kam. Aber diesen Gefallen würde ich ihr garantiert nicht tun.
»Er ist nicht fürchterlich«, beeilte Mr Boyle mich zu beruhigen und als er mein Lächeln sah, kehrte auch sein eigenes zurück. »Nur … kompliziert.«
Ich hob eine Augenbraue, legte den Kopf leicht schräg und beschloss, die Gelegenheit zu nutzen, den gut aussehenden Mr Boyle auszuquetschen. Wenn schon niemand anderes bereit war, meine Fragen zu beantworten, dann musste eben er herhalten.
»Setzt euch doch erst mal und esst«, unterbrach Tante Lillian meine Gedanken mit weicher Stimme und streckte die Hand nach mir aus, damit ich mich auf ihre Seite des Tisches setzte. »Dabei könnt ihr immer noch reden.«
Ich lächelte ihr zu, obwohl ich innerlich seufzte, raffte meine Röcke und manövrierte mich zwischen Onkel Alfred und Mr Boyle hindurch, die mir bereitwillig den Weg frei machten.
Meine Mutter hätte mich wohl niemals unterbrochen, wenn ich gerade mit einem netten jungen Mann geplaudert hätte. Aber so war das Leben nun mal, man konnte an jeder Situation etwas beanstanden.
Wir setzten uns, Onkel Alfred sprach das Tischgebet und eine beleibte Frau mit Spitzenhäubchen trug eine Terrine mit dickem Eintopf herein, aus der sie uns einem nach dem anderen ausschöpfte.
Ich hatte gerade den Löffel aufgenommen, da richtete ich das Wort auch schon wieder an Mr Boyle. »Mr Boyle«, sagte ich mit leiser Stimme, hoch erhobenem Kopf, das Kinn hielt ich jedoch ein wenig gesenkt, genau so, wie meine Mutter mir immer einredete, wie man mit jungen Männern zu reden hätte. »Geh ich recht in der Annahme, dass Sie diesen Mr Reed persönlich kennen?«, fragte ich sehr direkt und Mr Boyle nickte, während er kaute.
»Das tun Sie, Miss Crumb«, erwiderte er charmant und seine ungewöhnlichen Lippen verzogen sich zu einem leichten Schmunzeln. »Wenn man so viel Zeit wie ich in dieser Bibliothek zugebracht hat, kann man gar nicht anders, als diesem Herrn persönlich zu begegnen.«
Ich rutschte mit dem Po ein Stück weiter auf die Stuhlkante, um aufmerksamer zuzuhören und mein Interesse an diesem Thema zu unterstreichen. »Mein Onkel hat mich dazu überredet, mein Glück in der arbeitenden Schicht zu versuchen, bisher allerdings alles verschwiegen, was mir in diesem Bezug wichtig erscheint. Sie werden mir wohl verzeihen müssen, dass ich meine Neugierde so offen zur Schau trage«, erzählte ich und Mr Boyle lachte, ein Lachen, das mich anstecke.
Er stützte die Unterarme auf der Tischkante ab und beugte sich mir ebenfalls entgegen. »Ich werde Ihnen mit Freuden alle Fragen beantworten, die ich imstande bin aufzuklären«, versicherte er mir verschwörerisch und hob dann den Blick zu Onkel Alfred, als wäre ihm eingefallen, dass es sich nicht gehörte, Versprechungen in Aussicht zu stellen, die man vielleicht nicht einhalten konnte. »Wenn es Ihrem Onkel denn genehm ist«, fügte er schnell hinzu und seine Stimme bekam einen nüchternen Ton.
Onkel Alfred seufzte laut und schob sich noch einen Löffel voll Eintopf in den Mund, was seine Antwort verzögerte und mich noch mehr auf die Folter spannte. »Redet nur«, sagte er schließlich schroff. »Soll mir recht sein. Dann muss ich schon nicht über diesen Mann sprechen. Das ist nicht gut für mein Herz, wisst ihr«, behauptete er und ich konnte ihm nicht so recht glauben, weil Tante Lillian in diesem Moment ebenfalls zu grinsen anfing und sich nur mühsam das Lachen verkneifen konnte.
Doch es konnte mir ja auch egal sein, welche Gründe Onkel Alfred wirklich hatte, solange er mir erlaubte, meine Neugierde anderweitig zu stillen.
Mr Boyles Honigaugen wandten sich erwartungsvoll an mich und mir fiel es schwer, auf die Schnelle bei all den vielen Fragen zu entscheiden, welche ich als Erstes stellen wollte.
»Mein Onkel deutete an, dass sich kein Assistent für diesen Mr Reed finden lasse. Woran kann das Ihrer Meinung nach liegen?«, begann ich klein, erinnerte mich selbst daran, dass ich ja mal hungrig gewesen war, und tauchte meinen Löffel in den heißen Eintopf, der nach Kartoffeln, Hühnchen und diversen Gewürzen duftete.
»Puh, das ist wohl auch schon der Kern der Sache«, meinte Mr Boyle und ließ seinen Löffel auf halbem Weg in der Luft verweilen, während er die Stirn krauszog, um seine Gedanken anzustrengen. »Ich würde behaupten, es liegt an den Erwartungen, die er an die Leute stellt und die niemand erfüllen kann.«
»Und die wären?«, schob ich gleich hinterher, als Mr Boyle sich den Löffel zum Mund führte.
»Er nimmt sich nicht die Zeit, die Leute richtig einzulernen. Er hat gern seine Ruhe, verschwindet manchmal am Nachmittag einfach, ohne zu sagen wohin, und erwartet, dass man mit den gestellten Aufgaben fertig wird, ohne von ihm eine Anleitung zu bekommen. Ich würde behaupten, er ist ein schlechter Lehrer, der aber trotzdem Perfektion als Ergebnis erwartet«, führte er aus und da fiel ihm noch etwas ein. »Oh!«, machte er und sein Mund verzog sich zu einem kleinen Lächeln. »Und er schätzt es gar nicht, wenn man seine Arbeit nicht ernst nimmt. Ein Mensch, der Vergnügen der Arbeit voranstellt, hat bei ihm nicht die geringste Chance.«
Das waren eine Menge Eigenschaften, die auf einen sehr verschrobenen, steifen Mann hinwiesen, mit dem ich meine liebe Mühe haben würde. Falls ich die Gelegenheit bekam, lang genug zu bleiben, um mich überhaupt darauf einzulassen.
So wie es bei Mr Boyle klang, würde ich in die Bibliothek hineinkommen, einen Fehler machen und schon wieder rausgeworfen werden. Ich hatte noch nie in einer Bibliothek gearbeitet.
Was dachte ich da? Ich hatte überhaupt noch nie gearbeitet! Ich hatte keine Ausbildung, kein Literaturstudium, keinerlei Erfahrungen als Assistent eines Bibliothekars.
Aber ich hatte Stärken, die von Vorteil sein würden. Ich kannte mich in Bibliotheken aus. Zwar nicht speziell in dieser, aber ich hatte schon viele gesehen und das System war immer ähnlich. Ich konnte schnell lesen, war logisch veranlagt und hatte einen Hang zur Sorgfalt.
Und vor allem war ich dickköpfig.
Wenn es sein musste, dann würde sich dieser Mr Reed die Zähne an mir ausbeißen. Sollte sich herausstellen, dass es nur die trotzige Reaktion einer Tochter auf die Worte ihrer Mutter war, würde ich trotzdem niemals aufgeben!
Dieser Entschluss stärkte mir den Rücken, gab mir Aufwind, auch wenn Mr Boyles Worte mich eigentlich hätten entmutigen müssen.
»Woher wissen Sie von dem Vergnügensverbot?«, fragte ich nach.
»Es ist kein Verbot, Miss Crumb. Es wird nur nicht gern von ihm gesehen, wenn sie Bälle und Gesellschaften der Arbeit vorziehen und unausgeschlafen am Morgen antreten«, verdeutlichte er und ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass er irgendwie zu glauben schien, dass ich so eine Person sein könnte, die Bälle liebte und den Morgen verschlief.
»Und um auf Ihre Frage zu antworten. Einige meiner engeren Bekannten haben sich bereits in die Knechtschaft dieses Mannes begeben und sind allesamt geflohen«, sagte er und lachte, weil er darin einen Witz fand, den ich nicht entdecken konnte. »Aber zu Mr Reeds Verteidigung muss ich sagen, dass diese besagten Bekannten faule Taugenichtse sind und es eigentlich nicht anders verdient haben.«
Da war er also, der Witz, und ich lächelte elegant, genau wie Mr Boyle es auch tat.
Ich hatte gedacht, dass die Antworten auf meine Fragen Licht in die Dunkelheit bringen würden. Doch eigentlich warfen sie nur neue Schatten an die Wände, die ich noch weniger deuten konnte als die vorherige Dunkelheit.
Es ergab sich einfach kein vollständiges Bild und meine Neugierde wurde nur weiter angestachelt.
»Aber um dem verschrienen Mr Reed nicht unrecht zu tun, bin ich gewillt, Ihnen auch ein paar seiner positiven Eigenschaften aufzuzählen«, gab Mr Boyle fast gnädig von sich und Onkel Alfred schnaubte in sich hinein. Er schien da wohl anderer Meinung zu sein, sodass ich mir verhalten die Hand vor den Mund legte, damit er mein Lachen nicht sah.
Doch Mr Boyle entging es nicht und seine Augen glitzerten in einer so angenehmen Weise, dass ich mir nicht erklären konnte, woher all die Sympathien kamen, die ich für ihn hegte, obwohl ich ihn so wenig kannte.
Vielleicht lag es an seinem hübschen Gesicht oder seiner stilvollen Kleidung. Doch das hatten schon andere vor ihm gehabt und ich hatte ihnen auch nichts abgewinnen können.
Ich belächelte mich selbst und gab der Möglichkeit Raum, dass es an der Tatsache lag, dass er bisher noch nichts gesagt hatte, was auf Stumpfsinn hinweisen könnte.
Mr Boyle nahm noch einen Löffel Eintopf zu sich und führte seine Anschauungen weiter aus. »Mr Reed ist weltoffen und unkonventionell, soweit man das als Stärken auslegen möchte. Er ist wissbegierig, hat zu beinahe jedem Thema eine Meinung oder zumindest ein Buch, auf das er verweisen könnte, und sein Sinn für Fortschritt ist mir sehr genehm.«
Ich nickte leicht und schwieg, hing meinen Gedanken nach, versuchte das Bild weiter zusammenzusetzen.
»Bin ich Ihnen denn eine Hilfe, Miss Crumb?«, fragte Mr Boyle plötzlich ein wenig verunsichert und ich hob meine Augen wieder zu ihm, bemüht, das Lächeln zurück auf meine Lippen zu zaubern.
»Aber natürlich, Mr Boyle. Sie helfen mir sogar in großem Maße. Doch ich muss zugeben, dass ich aus alldem nicht schlau werde.«
»Da werden Sie wohl warten müssen, bis Sie ihm begegnen«, lachte Mr Boyle und seine Stimme hatte eine Art Zuversicht, die mich davon überzeugte, dass es eine interessante Begegnung werden würde.
Nach dem Essen zogen sich Onkel Alfred und Mr Boyle ins Arbeitszimmer zurück und redeten über irgendwelche Verträge. Allerdings konnte ich nicht viel in Erfahrung bringen, da Tante Lillian mich beinahe beim Lauschen erwischt hätte und ich mich daraufhin mit ihr im Wohnzimmer vor den Kamin setzte. Sie ließ mich von meinen Eltern berichten, von der Reise, und erzählte mir dann von all den aufregenden Sachen, die sie mit mir in London unternehmen wollte.
Ich wies sie nicht darauf hin, dass ich morgen eine Arbeit antrat und daher wahrscheinlich nicht so viel Zeit für ausschweifende Unternehmungen haben würde. Stattdessen lächelte ich nur und ließ ihr die Freude, mir Londons Attraktionen aufzuzählen. Und als sich die Herren wieder zu uns gesellten, war es bereits spät geworden und es war absehbar, dass Mr Boyle uns bald verlassen würde.
»Wie lang werden Sie denn voraussichtlich in London verweilen, Miss Crumb?«, fragte er mich und ich fühlte mich ein wenig geschmeichelt von all der Aufmerksamkeit, die er mir entgegenbrachte.
Er hatte sich nah neben das Sofa gestellt, auf dem ich saß, und sein Blick lag auf mir. Amüsiert und ernst zugleich.
Ich wusste nicht, wie ich darauf reagieren sollte. Seine Blicke verwirrten mich, denn ich fühlte mich besonders gut und gleichzeitig unwohl bei dem Gedanken, dass er mit seiner Frage darauf abzielte, mich wiederzusehen.
»Oh, das weiß ich noch nicht«, gab ich uneindeutig zurück und dachte daran, dass meine Mutter darauf bestanden hatte, dass ich nicht länger als einen Monat blieb. Aber wer konnte das schon so genau vorhersagen?
Onkel Alfred schmunzelte. »Keine Angst, du wirst sie schon wiedersehen«, meinte er mit seiner brummenden Stimme und der Unterton darin gefiel mir gar nicht. Es klang so nach verkuppeln.
Tante Lillian war da auch nicht besser. »In sechs Tagen findet eine Soiree bei den Kents statt«, warf sie ein, erhob sich vom Sessel mir gegenüber und lächelte Mr Boyle an. Er erwiderte das Lächeln, während sein Blick immer wieder zu mir wanderte. Er schien eine Art Bestätigung von mir zu erwarten, die ich ihm aber nicht geben konnte, da ich seine Absichten nicht so recht zu deuten wusste.
»Animant wird uns sicher dorthin begleiten«, versprach Tante Lillian also an meiner statt und auch sie sah mich erwartungsvoll an.
Unsicher stützte ich meine Hand auf der Armlehne des Sofas ab und drückte mich auf die Füße hoch. Wenn alle im Raum standen, wäre es unhöflich gewesen, einfach sitzen zu bleiben.
Meine Gefühle waren noch durcheinander, während der Teil meines Kopfes, der rein analytisch dachte, eine Ungereimtheit in den Worten meiner Tante fand.
»Moment. In sechs Tagen? Sagte Onkel nicht, dass Sie nach Glasgow reisen würden? Welche Kutsche der Welt schafft es denn in sechs Tagen nach Schottland und wieder zurück?«, platzte es lauter aus mir heraus, als ich beabsichtigt hatte, und trotz der Unhöflichkeit, die ich damit an den Tag legte, begann Mr Boyle zu lachen.
»Keine Kutsche, Miss Crumb, da haben Sie recht. Aber ein Luftschiff sehr wohl«, antwortete er und sein Blick veränderte sich. Ungewollt hatte ich das Thema gewechselt und fühlte mich gleich ein wenig leichter ums Herz. Als ob ein unangenehmer Druck, den alle Anwesenden auf mich gelegt hatten, verschwunden wäre.
Meine Augen wurden groß, als ich mir seiner Aussage bewusst wurde. Das war doch unfassbar! »Ein Luftschiff?«, fragte ich entgeistert und trat näher auf Mr Boyle zu. »Ich habe darüber gelesen, aber noch keins mit eigenen Augen gesehen.«
»Was haben Sie denn gelesen?«, interessierte er sich und ich bekam einen kleinen Euphorieschub. Das hatte mich wahrlich noch kein Mann in meinem Alter gefragt.
»Louis Sanders’ Abhandlung vom Fliegen, Vom Bau bis zum Flug von den Thill-Brothers«, ratterte ich runter und dann fiel mir noch ein drittes Buch ein, das auch detaillierte Beschreibungen des Fliegens mit einem Luftschiff enthielt, aber sicher nicht als Sachbuch zählte. »Und Claire’s Reise zum Mond«, sagte ich trotzdem und wartete darauf, dass Mr Boyle etwas antwortete. Ich hoffte, ich hatte ihn nicht überfordert. Wenn er keines der Bücher kannte, dann würde er sich für unwissend halten. Und zum ersten Mal wollte ich nicht, dass ein Mann sich in meiner Gegenwart vor den Kopf gestoßen fühlte.
»Erstaunliche Fachliteratur«, merkte Mr Boyle an und grinste dann schelmisch. »Vor allem das Letzte«, witzelte er und ich kniff verstimmt die Lippen aufeinander.
Ich mochte es gar nicht, wenn man sich wegen der Bücher, die ich gelesen hatte, über mich lustig machte.
»Wie gefiel Ihnen das Ende?«, erkundigte sich Mr Boyle jedoch und ich fasste mich rasch wieder. »Robert entscheidet sich für seine Claire und gibt das Fliegen um ihretwillen auf. Romantische Lektüre, die für junge Frauen wie geschaffen ist, scheint mir«, merkte er an und ich blinzelte erstaunt.
»Sie haben es gelesen?«, wollte ich wissen, obwohl es offensichtlich war. Schließlich kannte er das Ende.
»Das habe ich. Und?«, blieb er an seiner Frage dran und ich schüttelte den Kopf.
Ich konnte mich genau erinnern, wie ich den Schluss gelesen hatte und danach verwirrt und wütend das Buch auf meinen Nachttisch knallte. »Ich muss Sie enttäuschen. Ich fand das Ende schrecklich«, berichtete ich und nun war es Mr Boyle, den ich mit meiner Aussage ins Staunen versetzte. »Eine Frau, die von ihrem Liebsten verlangt, das wichtigste Gut seines Lebens aufzugeben, kann ihn nicht wahrlich lieben!«, empörte ich mich und sah, wie Tante Lillian sich neben mir ein Grinsen verkniff.
»Eine wirklich ungewöhnliche Meinung für eine junge Frau«, meinte Mr Boyle und ich wusste genau, was er meinte. Ich kannte die jungen Dinger aus meinem kleinen Städtchen und sie alle hatten nur hübsche Kleider, Liebesbriefe, Rosen und anderen romantischen Firlefanz im Kopf.
»Das sagt sie nur, weil sie keine Ahnung von der Liebe hat«, behauptete Tante Lillian plötzlich und ihre Worte verletzten mich, obwohl ich eigentlich wusste, dass sie es nicht böse meinte.
»Ich habe über die Liebe gelesen«, gab ich von mir und riss mich zusammen, um nicht zu streng zu sprechen.
»Liebes«, sagte Tante Lillian zu mir und legte mir gutmütig eine Hand auf den Arm. »Manchmal reicht es nicht, nur darüber zu lesen.«
Das Dritte oder das, in dem ich mein Herz verlieren würde.

Der Morgen war so eisig, dass mir die kalte Luft unter den Reifrock zog und mir die Beine schlotterten, obwohl ich meine langen Wollstrümpfe trug.
Der Himmel war wolkenverhangen und blieb düster, auch nachdem die Sonne aufgegangen war.
Nach der Morgentoilette hatte Tante Lillian mir beim Anziehen geholfen, da ich zu nervös gewesen war, um auch nur einen Knopf mit meinen zittrigen Fingern zu schließen. Ich trug eine einfache cremefarbene Bluse aus Baumwolle und einen dunklen karierten Rock aus schwerer Wolle. Beides waren Teile, die meiner Mutter kein bisschen zusagten, weil sie ihrer Meinung nach so farblos und lebensverneinend schienen. Doch ich glaubte, dass sie nur fürchtete, dass ich damit viel zu streng aussah und deshalb die jungen Herren abschreckte, die von den Damen des Landadels fröhliche Papageienpracht gewohnt waren.
Ich fühlte mich sehr wohl in meinen Kleidern, viel wohler als in irgendeinem eng geschnürten Rüschending, und freute mich sehr darüber, dass Tante Lillian mich angesehen und mir gesagt hatte, dass ich in meiner Aufmachung älter und reifer wirkte. Anschließend hatte sie mir die Haare hochgesteckt und mir ihre schmalen Perlohrringe geliehen.
Und obwohl ich mich angemessen angezogen fühlte, war mein Kopf unruhig, mein Magen flau und mein Herz schlug mir bis zum Hals.
Onkel Alfred lief neben mir, hatte mir den Arm geboten, damit ich mich unterhaken konnte, und ich war froh über die Stütze.
Der gepflasterte Weg ging von Onkel Alfreds Haus nur ein Stück die Straße nach unten und bog anschließend durch einen schmiedeeisernen Durchgang in einen Park, der bereits zum Universitätsgelände gehörte.
Mein Onkel zeigte auf mehrere große, stattliche Gebäude aus rostrotem und dunkelgrauem Stein und benannte sie für mich, während mir beinahe die Augen aus dem Kopf fielen vor lauter Staunen.
Das letzte Mal, dass ich hier gewesen war, lag schon eine Weile zurück und ich hatte damals die ganze Zeit mit der Nase in Oliver Twist gehangen, um danach unseren restlichen Aufenthalt in London damit zu verbringen, nach Straßenkindern Ausschau zu halten. Der Bibliothek waren wir nicht einmal nahe gekommen, aus der Angst meiner Eltern heraus, mich dort drin zu verlieren und nie wiederzufinden.
Der Park, durch den wir schlenderten, war weitläufig, durchzogen von hell gepflasterten Wegen, gesäumt mit verknöcherten alten Platanen, die schon beinahe alle Blätter verloren hatten. Von Grünflächen umfasst, ragte die Universität in den verhangenen Himmel. Die Gebäude waren prachtvoll konstruiert, mit schmalen Säulen, Türmchen und silbernen Zinnen, wie es so typisch für London war. Sie hatten Hunderte schmale Fenster, große hölzerne Tore und strahlten allesamt eine so machtvolle Aura aus, dass ich Ehrfurcht empfand vor all dem Wissen, das hier auf dem Campus vermittelt wurde und von dem ich lediglich nur eine leise Ahnung hatte.
Dazwischen wimmelte es nur so von jungen Männern. Es war noch recht früh und doch waren sie schon alle unterwegs. Zu den morgendlichen Vorlesungen, zur Cafeteria, die wir rechts zurückließen, oder zu Lerngruppen, die sich überall auf dem Campus und in den Cafés drum herum trafen.
Die Bibliothek lag recht zentral und ich holte ehrfurchtsvoll Luft, als wir den Weg zum Haupteingang entlanggingen.
Die schmuckvolle Fassade ragte vor mir auf, beugte sich mir entgegen und ließ mich meine Kleinheit spüren.
Die Angst, die ich bisher mehr oder minder erfolgreich verdrängt hatte, kroch mit der Kälte des Morgens in meinen Bauch und gab mir das Gefühl, unzureichend zu sein.
Ich hatte keine Vorstellung davon, wie viele Bücher in diesem Gebäude sein würden. Wie hatte ich mir einbilden können, auch nur eine winzige Kenntnis von all der Literatur dieser Welt zu haben.
Onkel Alfred tätschelte mir die Hand, lächelte mir väterlich zu und ließ dann meinen Arm los, um die schwere Tür zu öffnen.
Ich hielt den Atem an, bemühte mich um Haltung; den Kopf hoch erhoben, straffte ich die Schultern und betrat das Gebäude.
Stille umfing mich, als mein Onkel die Tür hinter uns schloss und alle Geräusche von außen aussperrte. Der Wind, der in den Bäumen geraschelt hatte, das Krächzen der Krähenvögel, das Klappern der weit entfernten Kutschen. Hier drin war es so leise, dass man einen Stecknadelkopf hätte fallen hören können.
Die wuchtigen Schritte meines Onkels hallten wie Hammerschläge durch das Foyer und ich folgte ihm schnell.
Ich hob den Blick, mein Herz setzte aus, meine Augen konnten kaum glauben, was sie sahen. Das Foyer war groß, wurde von einem U-förmigen Tresen aus schwarzbraunem Holz dominiert, der in der Mitte des Vorraums stand und an dem zwei junge Männer leise arbeiteten.
Dahinter öffnete sich eine runde Halle, groß wie ein Theater, mit einer gläsernen Kuppel als Dach. Und obwohl die unendlichen Verzierungen aus Schnitzereien und goldenen Applikationen sicher sehenswert gewesen wären, wurde meine Aufmerksamkeit nur von den Büchern gefangen genommen.
Die Regale gingen einmal an der gesamten Wand entlang, geschwungen, sodass sich Nischen ergaben, die die einzelnen Themenbereiche voneinander trennten. Sie waren so hoch, dass man lange Leitern verwenden musste, um an die oberen vier oder fünf Regalbretter zu gelangen. Zwei Treppen führten hinauf auf einen breiten Rundgang, an dem sich das Ganze nur weiter fortsetzte.
Bücher über Bücher, Seiten, Wörter, der Geruch von Papier und Staub in der Luft, und ich wusste, dass ich mein Herz an diesen Ort verlieren würde.
Ich hatte gar nicht gemerkt, wie ich nach vorne getreten war, bis ich beinahe mit einem Studenten zusammenstieß, der etwas ungeschickt einen Stapel Bücher an seinen Platz manövrierte.
»Entschuldigung«, murmelte ich und klang dabei schon viel zu laut für diesen Ort der Ruhe und des Wissens.
Der Mann nickte mir nur zu und setzte sich an einen der unzähligen Tische, die in der runden Halle aufgestellt waren. Auch andere saßen hier, gebeugt über dicke Gesetzbücher, Lexika, fremdländische Literatur, Baupläne und lasen, schrieben und lernten.
Wäre ich ein Mann, so würde ich längst hier sitzen und studieren, alles Wissen in mich aufsaugen. So wie mein Bruder Henry. Aber ich war kein Mann und auch wenn es am anderen Ende von London seit Neuestem auch eine kleine Universität für Frauen gab, war das Studieren für Frauen immer noch eine nicht besonders angesehene Tätigkeit. Wie ich gelesen hatte, waren bisher auch die Studienfächer sehr begrenzt und für mich bisweilen noch nichts dabei, das mich wirklich angesprochen hätte.
Henry hatte behauptet, die Universität für Frauen wäre ein Witz im Gegensatz zu dieser hier und es würden noch viele Jahre vergehen müssen, ehe sich daran etwas ändern würde.
Ich reckte den Hals, sah von einem zum anderen Studenten und versuchte unter ihnen meinen Bruder zu erkennen. Doch er war nicht hier.
Onkel Alfred räusperte sich neben mir und ich schreckte zusammen. Ihn hatte ich ganz vergessen, und auch den Grund unseres Besuches. Eigentlich war alles in den Hintergrund getreten, als ich die Bücher gesehen hatte. Selbst meine Angst vor dem, was vor mir lag, war den Schmetterlingen in meinem Bauch gewichen.
»Ah, da ist er ja«, flüsterte mein Onkel mir zu und ich sah in die Richtung, in die er flüchtig zeigte.
Auch ohne diese Geste, wäre ich sehr schnell darauf gekommen, dass der Mann, der gerade die Treppe nach unten kam, niemand geringerer als der Bibliothekar sein konnte.
Er unterschied sich deutlich von den gebeugten Studenten mit den rauchenden Köpfen. Auffallend groß, war seine Haltung gerade, die Gestalt leicht hager. Er hatte sehr dunkles Haar, keinen Bart und konnte nicht älter als dreißig sein, was erklärte, warum mein Onkel ihn zu einem Jungspund erklärt hatte. Er war für eine so leitende Position wirklich noch sehr jung. Seine Schritte machten fast keine Geräusche und obwohl er mit der Nase in einem Buch steckte, waren seine Füße so trittsicher auf den breiten Stufen, als hätte er sie schon Hunderte Male begangen. Sein Anzug war dunkelbraun, schlicht, passend. Im Gesicht trug er eine Brille, die ihm bis auf die Nasenspitze gerutscht war.
Es ließ sich schwer sagen, wie ich seinen ersten Eindruck auf mich beurteilen sollte. Ich hatte etwas so anderes erwartet und trotzdem schien er voll und ganz hierher zu passen.
»Mr Reed«, sprach Onkel Alfred ihn an und er hob zögernd den Blick von den Zeilen seines Buches.
Als er meinen Onkel entdeckte, sah ich ihn verhalten seufzen und er stoppte das Rollen mit den Augen gerade noch rechtzeitig, dass es nicht zu offensichtlich war. Aber ich hatte es dennoch gesehen.
»Mr Crumb. So schnell hatte ich Sie nicht wiedererwartet«, sagte er und seine Stimme klang höflich und überrascht. Das passte so gar nicht zu den feinen Ausdrücken in seinem Gesicht, die allesamt eine angespannte Genervtheit signalisierten. Genau wie auch bei meinem Onkel, wenn er die letzten Tage von Mr Reed gesprochen hatte. Die beiden mussten sich in der Vergangenheit ja ziemlich auf die Nerven gegangen sein.
»Nein? Wie seltsam. Wo wir doch beide die gleiche Problemlösung verfolgen«, meinte mein Onkel heiter und ich hörte die leichte Prise Ironie so deutlich, dass ich mir ein Grinsen verkneifen musste. »Darf ich vorstellen«, fuhr er fort und legte mir eine Hand auf den Rücken, damit ich einen Schritt nach vorne trat.
»Das ist Animant Crumb, die Tochter meines Bruders. Sie ist eine hervorragende junge Dame mit Scharfsinn und Witz. Sie ist anständig, höflich und ich kenne kaum jemanden, der so viele Bücher gelesen hat wie sie. Ich denke, dass nicht mal Sie da mithalten können«, lobte mein Onkel mich in den Himmel und ich war für einen Moment etwas irritiert über die Wahl seiner Worte. Warum genau erzählte er ihm das alles?
Mr Reed nahm seine Brille von der Nase, faltete sie zusammen und hakte den einen Bügel an den Ausschnitt seiner schlicht bestickten Weste. Sein Blick wanderte recht skeptisch von meinem Onkel zu mir, weil auch ihm nicht klar war, worauf das alles hinauslaufen sollte.
»Und ich habe beschlossen, sie als Ihre neue Assistentin einzustellen«, rief Onkel Alfred ein bisschen zu laut für diese geweihten Hallen und einige Studenten drehten ihre Köpfe zu uns. Doch offensichtlich machte ihm das alles viel zu viel Spaß, als dass er darauf achten wollte. Sein Blick lag ganz auf Mr Reeds Zügen, dessen Gesichtsfarbe sich von normal zu ungesund blass wandelte, nur um Sekunden später in wutrot umzuschlagen.
»Auf. Ein. Wort!«, zischte Mr Reed ihm verbissen zu, drehte sich auf dem Absatz um und marschierte wie ein Feldmarschall auf die Treppe zu, die er gerade heruntergekommen war.
Auf Onkel Alfreds Lippen erschien ein diabolisches Grinsen, kaum dass sich der Bibliothekar umgedreht hatte, und er folgte ihm mit großen Schritten.
Ich hatte keine Ahnung wohin mit mir, stand einfach nur da, während die Herren mich verließen, und sah mich den Blicken der herumsitzenden Studenten ausgeliefert, die mich ansahen wie einen bunten Hund. Es war nicht sehr nett von den beiden, mich einfach hier zurückzulassen, und ich raffte kurz entschlossen meinen Rock, um ihnen zu folgen.
Ich sah sie gerade noch hinter einer Tür verschwinden, die seitwärts von dem oberen Rundgang abging, als ich die oberste Stufe erreichte. Da sich hier oben niemand weiter aufhielt und die Studenten von unten mich nicht sehen konnten, wenn ich nah an den Regalen entlangging, rannte ich das kurze Stück so leise ich konnte und versuchte meinen schnellen Atem zu unterdrücken, als ich mein Ohr an die geschlossene Tür hielt.
»Das kann ja wohl kaum Ihr Ernst sein!«, hörte ich Mr Reed überdeutlich und er klang wirklich erbost.
»Doch, es ist mein voller Ernst. Vierundzwanzig Assistenten haben Sie in den vergangenen Monaten abgelehnt, rausgeekelt oder entlassen. Und nun ist es genug!«, brachte mein Onkel ihm nicht weniger aufgebracht entgegen und ich musste mich mit der Hand an der Seite eines Regals festklammern, um in meinem Korsett genug Luft zu bekommen und gleichzeitig weiter lauschen zu können.
»Sie ist eine Frau, Mr Crumb. Und eine Unstudierte noch dazu. Was glauben Sie, was ihr Job sein wird? Tee kochen?«, rief der Bibliothekar höhnisch und ich zuckte innerlich zusammen. Es griff mich an, solche Worte zu hören. Natürlich war mir klar, dass ich nie das Ansehen erlangen würde, das ein Mann in meiner Position haben könnte, doch von vornherein anzunehmen, ich sei zu weniger zu gebrauchen, nur weil ich eine Frau war, machte mich rasend.
»Sie ist ehrgeizig und schlau, und sie wird durchaus in der Lage sein, den Aufgaben nachzugehen, die Sie ihr auftragen werden«, verteidigte mein Onkel mich und seine Stimme war wieder ruhiger geworden. »Außerdem haben Sie keine Wahl, Mr Reed. Entweder Sie behalten sie für mindestens einen Monat oder ich werde dem Finanzrat nahelegen, Ihrer kuriosen Maschine nicht länger finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen.«
Mr Reed blieb stumm und ich hielt die Luft an vor lauter Spannung. Mein Onkel hatte diesen Mann gerade tatsächlich erpresst und ich fand das gar nicht gut. Dafür war ich nun wirklich nicht skrupellos genug.
»Außerdem ist sie meine Nichte. Sie werden also achtsam mit ihr umgehen«, setzte Onkel Alfred noch einen drauf und dies schien Mr Reed wieder zur Besinnung zu bringen.
»Na gut. Wie Sie wollen. Aber wenn es der Lady zu anstrengend wird, werde ich der Letzte sein, der sie am Abreisen hindert«, grummelte er und ich konnte ihn kaum verstehen, weil seine Stimme im Rascheln von Papier unterging. »Wird sie auch das Zimmer im Personalgebäude beziehen?«, wollte er fast spöttisch wissen und Onkel Alfred schnaubte.
»Natürlich nicht. Machen Sie sich nicht lächerlich. Sie wird bei meiner Frau und mir wohnen.«
»Dann ist ja alles geklärt. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag und dass ich Sie lange nicht mehr wiedersehen muss«, äußerte Mr Reed ungehalten und ich schnappte erschrocken nach Luft über seine Unhöflichkeit, obwohl seine Stimme wieder einen angenehmeren Unterton bekommen hatte.
»Auf Wiedersehen, Mr Reed. Und ich wünsche Ihnen das Gleiche«, erwiderte mein Onkel die Unverschämtheit und ich wich von der Tür zurück.
Als Lauscherin mit jahrelanger Erfahrung wusste man, wann ein Gespräch wirklich beendet war. Ich ging ein paar eilige Schritte und trat an die Balustrade, um unbeteiligt zu wirken und mir einen kurzen Überblick zu verschaffen.
Hinter mir riss man die Tür mit Schwung auf und ich hörte die schweren Schritte meines Onkels. Als er mir die Hand auf die Schulter legte, drehte ich mich zu ihm um und setzte einen fragenden Gesichtsausdruck auf, damit es so aussah, als ob ich nicht die geringste Ahnung hätte, was als Nächstes passieren würde.
»So, die Formalitäten sind geklärt«, teilte er mir mit und bemühte sich um ein Lächeln, das falsch wirkte. Ich lächelte zurück und tätschelte ihm aufmunternd den Arm.
»Dann kann ich gleich anfangen?«, fragte ich mit entschlossener Stimme und sah von ihm zu Mr Reed, der mich scharf über den Rand seiner Brille hinweg musterte, die er wohl während des Gesprächs im Büro wieder aufgesetzt haben musste.
»Scheint wohl so«, erwiderte er und straffte die Schultern. »Da Ihr Onkel es sicher eilig hat, seinen sonstigen Geschäften nachzugehen«, sagte er scharf und sah Onkel Alfred aus den Augenwinkeln an, »werde ich Ihnen den Ort zeigen, an dem Sie Ihren Mantel ablegen können, und dann werden Sie eine halbe Stunde haben, sich mit dem System vertraut zu machen. Denn ich hatte zu meinem Bedauern in meinem heutigen Zeitplan nicht vorgesehen, einen Assistenten einzulernen, Miss Crumb.« Seine Stimme war immer noch nicht weicher geworden und ich schüttelte innerlich den Kopf über ihn. Langsam verstand ich, was alle an ihm so schrecklich fanden. Er war wirklich sehr unhöflich und ein Meister darin, anderen das Gefühl zu vermitteln, dumm und nutzlos zu sein.
Onkel Alfred schnaubte laut und ich lächelte unverwandt weiter, als ob ich weder den sehr deutlichen Rausschmiss meines Onkels noch die verachtende Haltung gegenüber meiner Anwesenheit bemerkt hätte. Denn so war man als wahre Dame. Man stand über den Dingen, und vor allem über Beleidigungen.
»Mr Reed«, verabschiedete sich Onkel Alfred knapp und führte mich ein Stück am Geländer des Rundgangs entlang, bevor er sich zu mir runterbeugte. »Du wirst das schaffen, Ani. Zeig es dem Sesselfurzer«, raunte er mir zu und ich musste lachen über seine Ausdrucksweise. Auch bei meinem Onkel stahl sich ein Grinsen in die Mundwinkel. Er nickte mir zu, drückte noch einmal kurz die Hand, die ich immer noch auf seinem Arm ruhen hatte, und trat dann auf die Treppe zu. Ein letzter Blick zu mir, der für meinen Geschmack viel zu besorgt aussah, und dann war er verschwunden.
Mr Reed hatte seine Nase schon wieder in dem Buch, das er bereits vorhin in den Händen gehalten hatte, und sah erst auf, als ich mich direkt vor ihn stellte.
»Der Mantel«, sprach ich ihn so freundlich wie irgend möglich an und er blinzelte zweimal, als hätte er schon vergessen, dass ich da war.
»Aber natürlich«, gab er zurück und ich konnte den Ausdruck in seinen Augen nicht recht deuten. Er führte mich zu der Tür neben seinem Büro und wir betraten ein schmales Zimmer. Darin befanden sich ein kleiner, grob gearbeiteter Tisch, zwei Stühle, eine ganze Menge Gerümpel, ein wenig befülltes Regal, ein Garderobenständer und noch eine zweite Tür, die nach hinten führte.
Unaufgefordert entledigte ich mich meiner Handschuhe, die ich ins Regal legte, und knöpfte meinen Mantel auf, der einen Platz an einem Messinghaken des Ständers fand.
Ich hatte keinen Moment erwartet, dass Mr Reed mir beim Ablegen behilflich sein würde und er hatte es auch nicht angeboten.
»Waren Sie bereits schon einmal zuvor in dieser Bibliothek?«, fragte Mr Reed ganz direkt und ich kniff die Lippen aufeinander.
»Nein«, musste ich zugeben und es passte mir gar nicht. Das klang, als ob ich noch nie ein Buch zur Hand genommen hatte und ich ärgerte mich über den abschätzigen Blick meines Gegenübers. »Nicht in dieser«, fügte ich daher hinzu, doch das ließ den Bibliothekar kalt, wenn er mir denn überhaupt zugehört hatte.
»Dann schlage ich vor, Sie sehen sich ein bisschen um, bis ich so weit bin, und dann werde ich Sie mit Ihrem neuen Aufgabenbereich vertraut machen«, erläuterte er, als erzählte er einem Kind, es würde wichtige Arbeit leisten, wenn es seine Bauklötze zusammenräumte. Dann drehte er sich einfach zur Tür, ließ mich ohne ein weiteres Wort stehen und ging zurück in sein Büro, dessen Tür er hinter sich schloss, als wollte er mich gleich wieder vergessen.
Ich kniff die Lippen noch fester aufeinander, um über diese Dreistigkeit nicht laut aufzuschreien.
Für einen Monat hatte Onkel Alfred mich hier eingestellt. Einen Monat gab mir meine Mutter.
Einen Monat, sagte ich mir. Einen Monat mit diesem Mann. Das musste doch irgendwie zu schaffen sein.
Das Vierte oder das, in dem ich lernte, Mr Reed zu hassen.

Ich ordnete meine Kleidung und redete mir weiter ein, dass alles nur halb so schlimm war und mein Stolz stärker als ein paar ungehobelte Worte von diesem Mann.
Sorgfältig strich ich den Rock glatt, kontrollierte meine Haare und richtete die Brosche an meiner Bluse, die direkt unterhalb einer Halskuhle saß. Dann machte ich mich innerlich bereit und trat aus der Tür, zurück auf den Rundgang.
Er beschrieb einen Kreis, den man einmal herumgehen konnte. Die Wände waren so hoch mit Büchern gefüllt, dass mir schwindelig wurde. Was allerdings auch an dem Hochgefühl liegen konnte, das die Masse an Literatur in mir hervorrief.
Gegenüber führte eine Tür auf einen langen Gang, der ebenfalls mit Regalen vollgestopft war und dessen Ende ich von hier aus nicht sehen konnte.
Ich ging eine Runde, langsam und aufmerksam, und genoss die Stille und die Atmosphäre. Eilig versuchte ich mir die Verteilung der einzelnen Themengebiete einzuprägen, besah mir die metallen kleinen Schilder, die jedem Buch auf den Rücken genietet waren und die die Abkürzungen der Abteilung, des Stehplatzes und des Autors eingestanzt hatten. Mir gefiel, dass die Abfolge der Aufteilungen einem Muster folgte und logisch erfassbar war.
Ich stieg die andere der beiden Treppen wieder hinab und mochte, wie mein schmaler Reifrock dabei wippte. Mr Reed war kein zuvorkommender Mensch, wie ich festgestellt hatte. Aber seine Unfreundlichkeiten rückten in den Hintergrund, wenn ich mein Herz in meiner Brust schlagen hörte, weil ich so ergriffen war von diesem Ort.
Bibliotheken hatte ich immer schon geliebt. Doch die zu Hause in unserem beschaulichen Städtchen war ein Frühstückssalon im Gegensatz zu der Royal University Library. Diese prachtvollen Hallen waren wie für mich gemacht und ich war gewillt, für immer hierzubleiben. Selbst mit diesem unfreundlichen Bibliothekar.
Tief atmete ich die Eindrücke um mich herum ein: die säuerliche Schärfe von gebleichtem Papier, muffig angelaufenen Büchern, frischer Tinte, gegerbtes Leder, Metallbeschläge, Staub, altes und neues Holz; das Licht, das durch die riesige Glaskuppel fiel und den runden Saal in einen grau schimmernden Palast voll unentdecktem Wissen verwandelte.
Auch unten waren die Wände voller Bücher und das System setzte sich fort. Ich zog einen kleinen Notizblock und einen Bleistift aus der Tasche meines Rockes und begann mir eine schnelle Skizze von der Verteilung der Themen zu machen. Zwar folgte es einer gewissen Logik, doch ich würde mir trotzdem nicht sofort alles merken können.
Sowohl rechts als auch links führten wie oben hohe Türen in breite, mit Büchern befüllte Gänge, die vorhin beim Betreten meiner Aufmerksamkeit entgangen waren.
Dort fand ich die weniger wichtigen Thematiken, allgemeine Literatur und sogar eine unerwartet große Anzahl an Romanen und Gedichtbänden.
Die Regale, die Treppen, die Geländer und auch die holzgetäfelten Wände waren kunstvoll verziert mit Schnitzereien und mit Gold beschlagenen Einsätzen und Statuen. Der Künstler hatte sich dabei zwar an nur wenige Motive gehalten, die sich jedoch in den verschiedensten Varianten wiederholten. Die Wappentiere Großbritanniens, der Löwe und das Einhorn, und dazu eine Menge Lilien.
Die Zeit ging vorbei, ohne dass ich es bemerkte, und ich las gerade im Stehen in einem Buch über Napoleons Aufstieg und Fall, als sich neben mir jemand verhalten räusperte.
Ich las noch die Zeile zu Ende und hob dann die Augen, nur um erschrocken zusammenzuzucken. Aus Versehen ließ ich das Buch viel zu laut zuschnappen, sodass das Geräusch unangenehm durch den ganzen Saal hallte.
Mr Reed stand vor mir, die Augenbrauen fragend hochgezogen, den Blick über den Brillenrand auf mich gerichtet. »Haben Sie keine Uhr, Miss Crumb?«, fragte er mich mit so weicher Stimme, dass mir sofort klar war, dass irgendwas nicht stimmen konnte.
»Nein, Mr Reed«, antwortete ich lauernd und konnte einen harten Zug um seinen Mund erkennen. Wieder fiel mir auf, dass er keinen Bart trug, was ungewöhnlich war für einen Mann in seinem jungen Alter. Aber vielleicht legte er auch einfach keinen Wert auf die modischen Anwandlungen unserer Zeit und das würde ihn zumindest in meinen Augen ein kleines Stück sympathischer machen.
»Es ist eine Dreiviertelstunde vergangen, seit ich Sie entlassen habe. Und ich habe wahrlich keine Zeit, Sie im gesamten Gebäude zu suchen«, fuhr er mich an und die Weichheit seiner Stimme war gewichen, genau wie meine Hochstimmung.
Ich war immer gut mit Worten gewesen, hatte Menschen immer Paroli bieten können. Doch gegen die Barschheit seiner Worte wusste ich einfach nichts Schlaues zu sagen, ohne selbst unhöflich zu werden. Und das ärgerte mich über alle Maßen.
»Kommen Sie mit!«, wies er mich recht streng an und ich folgte ihm zwischen den Regalen hindurch und zurück in den Lesesaal.
»Jedes Buch hat seinen Platz«, begann er und ich rollte mit den Augen, was er nicht sehen konnte, da er vorausging und mir den Rücken zugekehrt hatte. »Sie finden dazu die Signaturen auf den Büchern«, erklärte er, als ob ich völlig verblödet wäre, und ich wollte gar nicht wissen, was er bisher an Leuten einlernen musste, dass er es jetzt für nötig empfand, mir so etwas Banales zu erklären. Oder aber er tat es, weil ich eine Frau war.
»Die Aufgabe eines Bibliothekarsassistenten ist es, so etwas zu wissen. Diese Bibliothek muss Ihr zweites Zuhause werden und Sie müssen das Ganze sehr ernst nehmen.« Er wandte mir sein Gesicht zu und nahm die Brille ab. »Weil ich es sehr ernst nehme«, fügte er hinzu und seine Stimme schien viel bedeutungsvoller zu sein als bei den Worten davor. Es war ein Moment der Intensität, wie er dort stand und mich ansah. Mir zu vermitteln versuchte, dass Bücher sein höchstes Gut waren und ich dies zu ehren hatte. Diese Bibliothek war ihm wirklich sehr wichtig.
Dann wandte er den Blick wieder ab und steckte die Brille an seine Weste, wie er es zuvor schon einmal getan hatte.
»Sie werden alle Aufgaben erledigen müssen, zu denen ich nicht komme, und das wird oft mehr sein, als Sie glauben bewältigen zu können«, stellte er mir in Aussicht und ich dackelte ihm weiter hinterher. »Ich erwarte Sie um sieben Uhr dreißig am Morgen. Sie werden die aktuellen Zeitungen von unserem Boten entgegennehmen und ihm seine Entlohnung zahlen. Die Zeitungen müssen dann in die Einspannungen gefasst und dort vorne in den Ständer gehängt werden.« Er zeigte ins Foyer, wo ich einen hohen Ständer mit unzähligen Zeitungen sehen konnte. »Die veralteten Ausgaben werden von Ihnen ins Archiv gebracht. Sie werden die Entleihe und die Annahme von Büchern durchführen. Die zurückgegebenen Exemplare müssen vorsortiert werden. Beschädigte Bücher werden gesammelt und bei einer bestimmten Anzahl an den Buchmacher geschickt, damit er sie restaurieren kann.« Nun wurde Mr Reed immer schneller. Man merkte ihm an, dass er das in den letzten Monaten schon oft aufgezählt hatte und ich zog schnell meinen Papierblock aus der Tasche, um mir Notizen zu machen.
Wenn ich ihm wirklich beweisen wollte, dass er mich unterschätzte, dann musste ich jetzt besonders gut aufpassen.
»Sie nehmen die Neuerscheinungen in die Kartei auf, präparieren das Buch mit den Signaturen und überprüfen die Schlagwörter für die Suchmaschine.«
Ich notierte es zwar, aber die Bedeutung seiner Worte verstand ich nicht. Was war eine Suchmaschine?
»Erlauben Sie eine Frage«, unterbrach ich ihn und störte mich nicht daran, dass er sich irritiert zu mir umdrehte.
Sein Blick fiel auf den Block und den Stift in meinen Händen und ich fragte mich kurz, wie viel er ohne die Brille eigentlich sah. Brauchte er sie nur zum Lesen?
»Schreiben Sie etwa mit?«, brachte er schockiert hervor und ich nickte, wusste nicht, ob es eine Beleidigung oder ein Lob darstellen sollte.
»Die Frage«, erinnerte ich ihn, als er nicht aufhörte, auf meine Hände zu starren und zunehmend verwirrt blinzelte. »Diese Suchmaschine? Wie muss ich mir das vorstellen? Ist es eine richtige Maschine? Steht sie hier in der Bibliothek?«, war ich an der Reihe, ihn mit Worten zu überfallen, und es schien ihm tatsächlich für einen kurzen Moment die Sprache verschlagen zu haben.
»Es ist eine richtige Maschine, Miss Crumb. Und sie steht hier im Gebäude. Um genau zu sein, ist sie direkt neben dem Raum, in dem Sie Ihren Mantel gelassen haben. Es wundert mich, dass sie Ihnen nicht aufgefallen ist«, fand er seine Sprache wieder und räusperte sich dann verhalten. »Aber dieses Thema werden wir zu einem späteren Zeitpunkt angehen. Sie werden vorerst mehr als genug zu tun haben.« Seine Stimme hatte unerwartet wieder diesen schroffen Ton angenommen und der kurze Augenblick an Menschlichkeit, den wir geteilt hatten, war schneller vorbei, als ich ihn hätte genießen können.
Mr Boyle hatte recht gehabt. Dieser Mann war wirklich kompliziert.
Wir liefen die Treppen zum Rundgang hinauf, einmal im Kreis herum und wieder nach unten, während Mr Reed mir unablässig die groben Vorgänge dieser Bibliothek erklärte und dabei so vage blieb, dass ich mir die Hälfte selbst zusammenreimen musste. Meine Liste wurde immer länger und mir wurde langsam klar, warum all die jungen Männer so schnell die Waffen gestreckt hatten. Es war einfach nicht zu schaffen. Nicht so viel in so wenig Zeit, und ich würde mich wahnsinnig anstrengen müssen, wenn ich wirklich vorhatte, meinen Wert zu beweisen.
Nach einiger Zeit, die mir vorkam wie Stunden und doch höchstens eine halbe gewesen sein konnte, entließ mich der Bibliothekar mit den Worten, ich solle mich an ihn wenden, wenn ich noch Fragen hätte, und dem klaren Befehl in seinem Blick, es ja nicht zu wagen, dieses Angebot zu häufig in Anspruch zu nehmen.
Er rauschte schließlich ab, seine Post unter den Arm geklemmt, die er unten am Tresen abgeholt hatte. Noch etwas, das in Zukunft meine Aufgabe sein würde. Ich sah ihm nach, wie er ohne sich umzudrehen in seinem Büro verschwand und stand nun unschlüssig in der Halle.
Eine gigantische Anzahl an Dingen war zu tun und ich fühlte mich von der schieren Masse so überwältigt, dass ich wie gelähmt war. Auf was hatte ich mich da nur eingelassen? In was hatte mein Onkel mich nur hineinmanövriert?
Sicher bereute er selber bereits, dass er mich bei Mr Reed abgeliefert hatte. Sein Blick und das falsche Lächeln hatten ihn verraten. Was er zunächst für einen kleinen Spaß gehalten hatte, erwies sich durch Mr Reeds augenscheinliche Abneigung als höchst kompliziert und nun muss Onkel Alfred aufgegangen sein, was er seiner geliebten Nichte da eigentlich antat.
Doch es gab jetzt kein Zurück mehr. Zumindest nicht, wenn ich meine Ehre behalten wollte. Wenn ich so schnell aufgab, würde Mr Reed nur schnauben, »Ich hab es ja gewusst« murmeln und weiterhin auf Frauen herabsehen, als wäre sein Beamtenarsch etwas Besseres.
Außerdem war dies hier ein Traumland voller Bücher und ich musste zumindest die Gelegenheit finden, in ein paar hineinzuschmökern.
Unruhig durch die neue Verantwortung zog ich die Unterlippe zwischen die Zähne, was ich mir in der Öffentlichkeit oft verkniff, und drückte meinen Notizblock fester an meine Brust.
Ich würde es einfach angehen, meinen Ehrgeiz und meine Intelligenz nutzen, um mich ordentlich zu strukturieren, und dann wäre es sicher ein Klacks. Hoffte ich zumindest.
Eilig setzte ich mich an einen der Tische und besah mir all die Aufgaben, die zusammengekommen waren. Sie zu sortieren, fiel mir nicht schwer. Es gab die täglichen und diejenigen, die nur sporadisch vorkamen, und ich erstellte mir dann einen Tagesplan, um dem Ganzen eine Reihenfolge zu geben. Wichtige vor unwichtigeren, große wurden unterteilt in viele kleine.
Als ich fertig war, fühlte ich mich gleich viel besser, hatte einen ersten Überblick über meine Tätigkeiten und war bereit, es anzugehen. Ich verstaute den Notizblock in meiner Rocktasche und machte mich auf zu den zwei jungen Männern, die Mr Reed mir vorgestellt hatte und die am Tresen arbeiteten.
Sie hießen Cody und Oscar und musterten mich skeptisch, als ich auf sie zugelaufen kam.
»Guten Tag, die Herren«, grüßte ich freundlich und schaffte es in meinem Überschwang sogar zu lächeln. »Da Mr Reed ein schwer beschäftigter Mann zu sein scheint und ich noch so viel zu lernen habe, würde ich gerne Ihrer Arbeit ein wenig zusehen. Wäre das wohl möglich?«, formulierte ich höflich und sah in zwei verdatterte Gesichter. Für einen Moment hatte ich das Gefühl, als hätten die beiden mich nicht verstanden.
»Äm, klar, Miss. Wenn Sie das gern wollen«, antwortete Oscar flapsig und zuckte unbeholfen mit den Schultern, während er immer wieder zu Cody sah, als wollte er sich vergewissern, dass es in Ordnung war, was er sagte.
Obwohl die beiden ordentlich angezogen waren, ließ mich das Gefühl nicht mehr los, dass sie wohl nicht aus reichen Elternhäusern stammten und daher sicher auch keine sehr umfassende schulische und charakterliche Bildung genossen hatten. Vielleicht lag es an der Art, wie Oscar gesprochen hatte, vielleicht aber auch an Codys zurückgezogener Haltung, die ihn wie einen geprügelten Hund aussehen ließ.
Ich wusste nicht recht, wie ich damit umgehen sollte, zwang mein Lächeln zu bleiben, wo es war und trat hinter den Tresen, um mir das Ganze genauer anzusehen.
Der gesamte untere Bereich des Tresens war voller Schubladen, die nach dem Alphabet beschriftet waren.
Ein junger Mann mit hellblauer, teuer bestickter Weste kam mit drei Büchern unter dem Arm auf uns zu und legte sie vor Cody auf den Tresen.
»Mr Lassiter«, sprach Oscar ihn an, während Cody nur verschüchtert nach unten sah und die Schublade L öffnete. Es dauerte nur einen Moment, bis er eine längliche Karte aus schwerem Papier herauszog und sich von Oscar die Titel der Bücher diktieren ließ, die Mr Lassiter gewillt war zu entleihen.
Oscar öffnete jedes der Bücher am hinteren Deckel, nahm die dort befindlichen Zettel heraus und drückte mit einem Stempel das Rückgabedatum darauf.
Dieser Vorgang war mir bekannt und es tat gut, dass diese Bibliothek der meinen zu Hause doch nicht so unähnlich war.
Dann fiel Mr Lassiters Blick auf mich und das leicht ungeduldige Desinteresse, das er den beiden jungen Männern entgegengebracht hatte, verwandelte sich in Überraschung.
»Wer ist denn die Lady?«, fragte er und sprach damit keine bestimmte Person an, so als würde er die Frage an sich selbst richten. Seine Stimme war angenehm klar und doch so glatt, dass ich kein Interesse daran hatte, diesem Mann vorgestellt zu werden, da sie von Arroganz und einer unguten Verschlagenheit zeugte.
Er musterte mich so unverhohlen, dass ich mich für sein Betragen schämte und nicht anders konnte, als trotzig den Kopf zu heben und seinem unerhörten Blick standzuhalten.
»Sie wird die neue Bibliothekarsassistentin«, erklärte Oscar, der offensichtlich der Gesprächigere von den beiden Jungen war, und warf mir einen vielsagenden Blick zu, der von Unsicherheit bis Ungläubigkeit alles enthielt und mir sagte, dass er nicht daran glaubte, dass ich lange bleiben würde.
»Was? Wirklich?«, platzte es belustigt aus Mr Lassiter heraus, als hätte Oscar einen Witz gemacht, und er musste sich bemühen, seine Stimme gesenkt zu halten.
Mir wurde es langsam zu bunt. Ich war ja wohl kein Tier im Käfig. Sollte dieser eingebildete Kerl doch glauben, was er wollte. Innerlich schnaubend wandte ich mich mit einer schwungvollen Bewegung ab und trat aus dem U des Tresens hervor. Ohne den Mann anzusehen, ging ich an ihm vorbei, als er sich mir geschmeidig in den Weg schob.
»Sollte eine schöne Frau sich nicht lieber einen Ehemann suchen, als sich von einem Tyrannen wie Mr Reed herumscheuchen zu lassen?«, wollte er amüsiert von mir wissen und das Glitzern in seinen Augen verriet mir, dass er sich über mich lustig machte.
Mein erster Gedanke war, dass es für mich keinen Unterschied machte, ob der Tyrann mein Vorgesetzter oder mein Angetrauter war, doch ich sprach ihn nicht aus. »Das ist aber traurig«, sagte ich stattdessen und machte ein mitleidiges Gesicht. »Sie klingen so rückständig wie meine Mutter.« Und damit ließ ich ihn einfach stehen.
Ich fand in einem der Seitenflügel einen Raum, der wohl für viele meiner Arbeiten gedacht war, und ärgerte mich, dass Mr Reed nicht die Güte besessen hatte, mich darauf hinzuweisen, dass diese Kammer existierte. Sie war groß wie ein kleiner Salon, mit hohen Fenstern, die in den Park hinausgingen. Helle Regale und Aktenschränke standen an den Wänden, gefüllt mit Bücherkarteien, Aufzeichnungen über Buchbestellungen und Lieferungen und sämtlichen Verleihkarten ehemaliger Studenten, die jemals ein Buch aus diesen Hallen ausgeliehen hatten. Auf einem massiven Holztisch standen mehrere eigentümliche Maschinen, die ich aber schnell identifizieren konnte. Die eine war für die Prägung der Metallplättchen, die an die Buchrücken gehörten, und ich probierte mich an ihr, was leichter war als vermutet. Die zweite nietete die Plättchen an die Buchrücken und ich brauchte einen so immensen Kraftaufwand für den Hebel, dass ich mein ganzes Körpergewicht einsetzen musste, um ihn herunterzudrücken.
Im gleichen Zimmer fand ich auch eine ganze Reihe an hölzernen Platten, jeweils eine Handspanne hoch und breit, dünn wie eine Scheibe Wurst und mit zwei Löchern im oberen Bereich. Auch sie wurden geprägt mit Buchtitel, Autor, Standort des Buches und Schlagwörtern zum Inhalt. Doch leider war es für mich nicht ausreichend ersichtlich, wofür sie gedacht waren. Hatten sie vielleicht etwas mit der besagten Suchmaschine zu tun?
Auch die beschädigten Werke lagerten hier kreuz und quer und ohne jegliche Ordnung, sodass es mir beinahe schon leidtat um die armen Bücher.
Ich ging langsam alle Punkte meiner Liste durch, suchte nach den dazugehörigen Arbeitsbereichen innerhalb der Bibliothek und brachte Stunden damit zu, mich zurechtzufinden.
Die Zeit schritt voran und ich konnte auf der Standuhr, die im rechten Flügel zwischen Theologie und Philosophie an der Wand stand, ablesen, wie schnell.
Ich fühlte mich, als ob ich kaum vorankäme. Die zurückgegebenen Bücher stapelten sich wirr in mehreren Ständern neben dem Tresen im Foyer und obwohl es mir hätte leichtfallen sollen, sie zu sortieren, damit Cody oder auch Oscar sie gesammelt zurück in ihre Abteilungen bringen konnten, brauchte ich doch eine gefühlte Ewigkeit, weil meine Handgriffe so ungelenk waren.
Es entsprach nicht meiner Gewohnheit, so lang auf den Beinen zu sein, da ich mein bisheriges Leben damit verbracht hatte, auf bequemen Möbelstücken zu sitzen und zu lesen. Meine Waden schmerzten gegen Mittag so sehr, dass ich mich für einen Moment auf einen Stuhl im Lesesaal setzen musste. Meine Fußsohlen brannten, meine Knöchel waren sicher geschwollen, meine Arme taten weh und mein Kopf verlangte nach einer Pause.
Die Bibliothek begann sich zur Mittagspause langsam zu leeren und die Studenten stellten die Bücher, die sie nicht mehr benötigten, auf einen Wagen oder liehen sie aus.
Stöhnend erhob ich mich wieder auf meine wunden Füße und ging mit zügigen Schritten auf den Tresen im Foyer zu, an dem bereits reger Andrang herrschte. Cody und Oscar hatten alle Hände voll zu tun und viele genervte und müde Studenten warteten darauf, an die Reihe zu kommen.
Ein Stück entfernt stellte ich mich an den hohen Tresen und nahm ganz dreist einem jungen Mann mit weißblondem Haar das Buch aus der Hand.
»Guten Tag. Ihr Name?«, sprach ich ihn ruhig an und er blinzelte mich überrascht an.
»Higgins«, gab er zurück und ich öffnete die Schublade H, als ob ich den ganzen Tag nichts anderes getan hätte. Wenigstens etwas, was mir leichtfiel.
»Charles oder James?«, fragte ich, als ich zwei Karten mit dem gleichen Nachnamen fand, und der junge Mann lachte, was seine auffällig grünen Augen zum Strahlen brachte. »Charles. James ist mein Cousin«, erklärte er und ich zog die entsprechende Karte heraus. Ich nahm mir einen Füllfederhalter aus einem Keramikbecher und schrieb eilig den Titel und den Autor des Buches in die nächste freie Zeile.
Kurz besah ich mir die verschiedenen Handschriften auf dem Zettel, die zum größten Teil krakelig waren. Nur die letzten zwei Einträge waren wirklich gut lesbar und ich fragte mich, ob es Cody war, der so schön schreiben konnte.
»Sie sind neu«, merkte Mr Higgins freundlich an und ich nickte.
»Brandneu, heute Morgen geliefert«, erwiderte ich spaßhaft und er lachte verhalten.
Ich gab es zwar nicht gerne zu, aber ich musste doch sagen, dass einige Männer in London anscheinend weniger stumpfsinnig waren als die bei uns auf dem Land.
Ich drückte den Stempel hinten ins Buch und reichte es ihm.
»Auf Wiedersehen«, verabschiedete er sich höflich, deutete eine Verbeugung an und verschwand mit einem Lächeln auf den Lippen.
Der Nächste wartete schon und ich sah die Schlange, die sich bereits gebildet hatte.
»Zachary Bostick«, verriet er mir seinen Namen mit Ungeduld in der Stimme, noch bevor ich fragen konnte, und ich wusste, dass ich noch schneller werden musste.
Nachdem die Bibliothek endlich wie leer gefegt war, begann ich hinter den Studenten aufzuräumen. Ich legte Bücher weg, sortierte sie auf die Wagen, nahm eins mit in die Kammer, weil bereits mehrere Seiten ausgerissen waren, und notierte den Mangel auf einem kleinen Zettel, den ich in den Buchdeckel klemmte.
Stöhnend zog ich mir eine Holzkiste heran, in die noch mehr beschädigte Bücher achtlos hineingeworfen worden waren, und besah mir eins nach dem anderen. Zu jedem schrieb ich eine kurze Notiz und etwa fünfzig Bücher später verfluchte ich mein Leben, das einen so unglücklichen Lauf genommen hatte. Mein Rücken schmerzte, meine Arme noch mehr, und meine Füße pochten, auch wenn ich sie bereits hochgelegt hatte.
Gebrochener Buchrücken, lose Seiten im hinteren Teil, schrieb ich gerade und wünschte mich zurück nach Hause auf meinen Dachboden. Dort würde mir der Rücken nicht wehtun.
Ich legte das Buch ordentlich in die Kiste zurück und rieb mir dann die Augen.
Wenn ich jetzt zu Hause wäre, würde meine Mutter mir auf die Nerven gehen, wir würden Tee trinken und sie hätte mir schon von drei jungen Männern erzählt, die infrage kommen würden und die sie bisher nicht im Blick gehabt hatte.
Ich würde mit den Augen rollen, aber meinen Füßen würde es wunderbar gehen.
Ich blinzelte, versuchte, nicht mehr an zu Hause zu denken und ließ den Blick durch die Kammer schweifen. Zu meinem Erschrecken entdeckte ich weitere Holzkisten.
Ich hörte die unverwechselbare Melodie von Big Ben und zählte eine Stunde zu meinem Tag dazu. Es war sechs Uhr am Abend und ich mit meinen Nerven am Ende.
Mein Magen war ein tiefes Loch, da ich heute eigentlich noch nichts gegessen hatte. Meine Arme waren schwer wie Blei und meinen Kopf hielt ich nur noch durch reine Willenskraft aufrecht.
Ich war am Boden. Und bereits sogar so tief gesunken, dass ich mir in den letzten Stunden gewünscht hatte, meine Mutter würde mich einfach an irgendwen verschachern, nur damit ich nicht mehr hier stehen und Ordnung schaffen musste.
Ich wusste nicht, wie lange all die Arbeit schon liegen geblieben war, aber es musste schon eine beträchtliche Zeit sein, wenn sich so viel angesammelt hatte.
Die meisten beschädigten Bücher waren nun durchgesehen, in Kisten verpackt und verschnürt. Doch es waren bisher nur die beschädigten gewesen. Es standen mindestens noch zwei Kisten Neuware herum, von denen sich bisher keiner die Mühe gemacht hatte, sie in die Kartei aufzunehmen und zu etikettieren.
Von den Schlagwörtern mal ganz abgesehen.
Ich hatte die Rückgaben im Foyer sortiert, war durch die Regale gegangen, um verirrte Bücher ausfindig zu machen, hatte sicher dreißig Studenten bei der Suche nach bestimmten Werken geholfen und meine Finger waren voller Tintenflecken.
Seufzend rieb ich mir den Rücken, zog die Tür zur Kammer hinter mir zu und schlich über den langen Gang zwischen den Regalen bis in den Lesesaal.
Hier saßen noch etliche Studenten und wälzten ihre Bücher. Ich hatte heute so viel Papier zwischen den Fingern gehabt, dass meine Hände ganz trocken waren, und trotzdem sehnte ich mich nach meinem Sessel und einfach ein paar Zeilen, die nur mir gehören würden.
Heute Vormittag hatte ich diesen Ort noch in den Himmel gelobt, war erfüllt gewesen von der Atmosphäre, die hier herrschte. Doch jetzt, nach einem ganzen Tag Arbeit, war ich nicht mehr empfänglich für derlei Magisches und fühlte mich müde und stumpf.
»Sie sind noch hier?«, sprach mich jemand erstaunt an und ich war sogar zu erschöpft, um mich zu erschrecken.
Mr Reed stand vor mir, die Augenbrauen überrascht gehoben, ein geöffnetes Buch in den Händen.
Er hatte nicht viel gesagt und doch fühlte ich mich sofort angegriffen. Es war die Art, wie er die Worte hervorbrachte, so als erwartete er, dass ich mich schon längst davongestohlen hätte.
»Natürlich. Ich war den ganzen Tag hier und habe gearbeitet«, empörte ich mich schnippisch und pfiff auf einen höflichen Ton. Dieser Mann war schließlich auch nicht höflich, warum sollte ich es dann sein?
»Sie haben eine Mittagspause von halb zwölf bis ein Uhr und können um fünf nach Hause gehen«, erläuterte er mir und ich wäre ihm in diesem Moment gern ins Gesicht gesprungen.
»Und das teilen Sie mir erst jetzt mit?!«, gab ich fassungslos von mir, als mein Ärger ein Maß erreichte, in dem ich keinen Ausdruck mehr dafür fand.
»Ich habe Sie den halben Tag nicht gesehen. Ich dachte, Sie hätten schon aufgegeben«, behauptete Mr Reed ruhig und als würde er gar nicht bemerken, wie aufgelöst ich war.
»Ich war in der Kammer und habe beschädigte Bücher sortiert. Die sich übrigens ganz schön angesammelt haben und die Sie gerne an den Buchmacher schicken dürfen«, zischte ich und wusste, dass mein Gesicht bereits dunkelrot und heiß sein musste von der Wut, die ich auf diesen Mann hatte.
Zum Glück war mein Korsett nicht besonders eng geschnürt, sonst hätte ich jetzt sicher angefangen, nach Atem zu ringen.
»Was?«, gab Mr Reed leicht lachend von sich. »Und mehr haben Sie in all der Zeit nicht geschafft?«
Er machte sich über mich lustig, ich konnte es sehen, fühlen, wahrscheinlich sogar riechen und war den Tränen nahe, die ich nur durch äußerste Bemühung zurückhielt.
Und eins wurde mir in diesem Moment überdeutlich. Ich hasste diesen Mann aus vollem Herzen.
Das Fünfte oder das, in dem ich blieb.

Es war genau sieben Uhr neunundzwanzig und ich stand vor der geschlossenen Tür der Royal University Library. Der Morgen war kalt, noch kälter als gestern, und ich hatte mir einen wärmeren Mantel angezogen. Meine Finger waren eisig, obwohl ich Handschuhe trug, und ich holte zittrig Luft.
Wenn man mich gefragt hätte, was mich dazu bewogen hatte, heute Morgen wieder hierherzukommen, ich hätte keine Antwort gehabt.
Mein Onkel war nicht zu Hause gewesen, als mir Mr Dolls, der Butler, die Tür geöffnet hatte. Tante Lillian sagte mir, dass er wohl erst morgen Abend wieder da sein würde und ich schimpfte ihn innerlich einen Feigling, weil er sich so der Auseinandersetzung mit meinem noch frisch entfachten Zorn entzog.
Meine Beine zitterten, als mich meine Tante zum Abendessen nötigte und ich verschlang ganz undamenhaft eine ganze Lammkeule, fünf große Kartoffeln und zwei Schokoladenpudding mit Schlagsahne.
Sie fragte mich, wie es mir in der Bibliothek ergangen war, und ich hatte nichts darauf erwidert.
Unruhig hatte ich mich die halbe Nacht herumgewälzt und die andere Hälfte schlecht geträumt, nur um schließlich um sechs in der Früh hellwach im Bett zu sitzen und mich zu fragen, was ich nun tun sollte.
Wollte ich mir das heute wirklich noch einmal antun?
Ich konnte einfach im Bett bleiben, sagen, dass das alles nichts für mich war und wieder in mein Provinznest zurückkehren. Ich würde einfach alles hinschmeißen und Mr Reed würde weiterhin schlecht von mir denken. Doch was gab ich schon auf die Meinung eines unhöflichen Mannes, der Spaß daran hatte, andere Menschen mit Arbeit zu überfordern, um dabei zuzusehen, wie sie unter der Last zusammenbrachen.
Außerdem würde es zu Hause niemand wissen. Meine Eltern hatten Stillschweigen darüber bewahrt, dass ich vorhatte zu arbeiten, und niemand würde mich je wieder darauf ansprechen.
Außer meiner Mutter vielleicht.
Das klang in meinem Kopf alles fantastisch und doch hatten sich meine Beine aus dem Bett bewegt. Ich hatte mich gewaschen und angezogen und war noch vor Tante Lillian im Esszimmer eingetroffen, um ein schnelles Frühstück zu mir zu nehmen.
Meine Tante hatte mich gefragt, ob ich mir sicher wäre; ich hatte nur schmal gelächelt und nach meinem dickeren Mantel verlangt.
Und jetzt stand ich hier, frierend, unentschlossen und wartete darauf, dass die Türen sich öffneten.
Ich war nur wenigen Menschen begegnet und fühlte mich in dem Vorurteil bestätigt, dass das Studentenleben immer erst nach neun Uhr am Morgen begann.
Eine graue Gestalt kam durch den dünnen Nebel. Mit großen Schritten, den Kragen hochgeschlagen und einen dicken Schal um den Hals, kam Mr Reed durch den morgendlichen Dunst auf mich zu, die Augen auf den Boden gerichtet, die Gedanken ganz weit weg.
Er bog auf den Weg zur Bibliothek ein und kramte in seiner Manteltasche nach einem Schlüsselbund, bevor er den Blick hob und wie angewurzelt stehen blieb.
»Guten Morgen, Mr Reed«, sagte ich aus dem Zwang heraus, höflich zu sein, und verkniff mir, von einem Bein auf das andere zu treten, um mich warm zu halten. Ich wollte schließlich nicht wie ein zappeliges Kind aussehen.
Meine Wut gegenüber diesem Mann war inzwischen verraucht und obwohl ich ihn immer noch nicht besser leiden konnte, fiel es mir schwer, ihn so inbrünstig zu hassen wie noch einen Tag zuvor.
»Miss Crumb«, kam es überrascht aus seinem Mund, als wäre ich heute Nacht von fliegenden Piraten verschleppt worden und durch ein Wunder wieder hier vor die Tür der Bibliothek geraten. »Sie sind hier«, fügte er hinzu und ich entschied, es zu handhaben wie bei meiner Mutter und mich absichtlich unwissend zu stellen.
»Es ist sieben Uhr dreißig. Wo sollte ich sonst sein?«, gab ich also zurück und behielt meinen neutralen Gesichtsausdruck bei.
Mr Reed nickte und setzte sich wieder in Bewegung. Während die Schlüssel beim Aufschließen gegeneinanderklirrten, lag sein Blick prüfend auf mir und ich bemühte mich, ihn nicht anzusehen und richtete meinen Blick stattdessen möglichst gelangweilt auf die Tür.
»Sie sind einer von sechs, die am nächsten Tag wiedergekommen sind«, meinte er plötzlich und ich wandte ihm meinen Blick zu.
Ich hob nur unbeeindruckt die Augenbrauen, auch wenn ich gern laut geschnaubt hätte. Es wunderte mich gar nicht, dass sie nicht wiederkamen, wenn sie von ihm so behandelt wurden wie ich. »Von wie vielen insgesamt?«, fragte ich und die Tür schwang auf.
»Fünfundzwanzig«, antwortete Mr Reed mir und machte eine Geste mit der Hand, die mir bedeutete, als Erste ins warme Innere des Gebäudes zu treten.
Ich raffte meine Röcke und stieg die kleine Stufe hinauf ins Foyer. Das war die erste höfliche Geste gewesen, die Mr Reed mir gegenüber gezeigt hatte, und es überraschte mich, da ich ihm allgemeine Höflichkeit bereits abgesprochen hatte.
Gerne hätte ich zu ihm gesagt, dass es mich nicht wunderte, dass die neunzehn anderen nicht wiedergekommen waren, doch da war Mr Reed auch schon an mir vorbei und lief mit großen Schritten auf die Treppe zu, die seinem Büro am nächsten war.
»Kommen Sie, Miss Crumb. Keine Müdigkeit vortäuschen!«, rief er mir zu und es hörte sich seltsam an, wie der Klang seiner Stimme durch den runden Lesesaal hallte. Es kam dem Entweihen einer Kirche gleich, in einer Bibliothek die Stimme zu heben, ungeachtet dessen, dass außer uns niemand hier war.
Ich blinzelte, nahm mir vor, in Zukunft schneller mit meinen Antworten zu sein und ging trotz Aufforderung nur so zügig, wie es sich für eine Dame gehörte.
Ich stieg die Treppen hinauf, kam an Mr Reeds Bürotür vorbei, hinter der ein Geräusch ertönte, als wäre etwas Schweres zu Boden gefallen. Ein lautes Fluchen folgte und ich machte mich eilig daran, meinen Mantel im Nebenraum abzulegen.
Gerade kam ich wieder heraus, da stand Mr Reed auch schon vor mir. Er trug einen dunkelbraunen Anzug und eine hellere Weste zu einem beigefarbenen Hemd. Es stand ihm gut und betonte die dunkle Farbe seiner Augen.
»Hier«, sagte er und hielt mir einen kleinen Seidenbeutel hin. »Zwei Schilling bekommt der Zeitungsjunge und keinen Penny mehr. Lassen Sie sich nicht von ihm abziehen«, wies er mich an und ich nahm den Beutel entgegen. Er war schwer und ich schob ihn mir in die Rocktasche, aus der ich im gleichen Zug Notizblock und Bleistift herauszog.
2 Schilling, schrieb ich hinter den Punkt mit den Zeitungen auf meiner Liste und lief dabei Mr Reed hinterher, der zurück zur Treppe ging.
»Mr Reed, eine Frage«, sprach ich ihn an, gerade als er die ersten paar Stufen genommen hatte. Er machte auf dem Absatz kehrt und sah mich durchdringend an.
Es war ein komisches Gefühl, auf ihn herabzusehen, obwohl er es scheinbar gar nicht bemerkte.
Ein ungeduldiges Zucken seiner Augenbrauen war die einzige Aufforderung, die ich bekam.
»Wo befindet sich das Archiv und wie finde ich dort den Platz, an den die alten Zeitungen gehören?«, wollte ich wissen und Mr Reeds Gesicht bewegte sich kaum.
»Das waren aber zwei Fragen«, gab er altklug von sich und ich kniff die Lippen zusammen. Meine Laune, die ich bisher recht neutral gehalten hatte, begann sich zu verschlechtern.
»Mein Fehler«, gab ich also zu und zwang mich, die Mundwinkel zu heben, um meine Gefühle zu verbergen.
Mr Reed nickte nur, wandte sich wieder von mir ab und nahm die restlichen Stufen. »Im Westflügel gibt es weiter hinten einen Durchgang, der zu einer Treppe führt«, erklärte er und wies nachlässig nach rechts durch die hohen Türen. »Nehmen Sie sich einfach ein bisschen Zeit und sehen sich dort unten um. Sie scheinen ja sowieso für alles ein bisschen länger zu brauchen«, spottete er über mich, ohne sich noch mal zu mir umzudrehen, verschwand unter dem Rundgang und so auch aus meinem Blickfeld. Ich stand immer noch am oberen Ende der Treppe und ballte meine Fäuste so fest, dass ich in einer Hand den Notizblock zerquetschte.
Das war jetzt mehr als nur bloße Unhöflichkeit. Das war eine Beleidigung gewesen und ich wäre diesem Mann nur zu gern hinterhergerannt und hätte ihm irgendwas an den Kopf geworfen. Worte möglicherweise. Aber am liebsten ein Buch oder einen großen Stein.
Doch ich zwang mich stattdessen tief durchzuatmen, strich die Seiten meines Blocks wieder glatt und stieg, den Kopf würdevoll nach oben gereckt, die Stufen nach unten.
Mr Reed stand nahe der Treppe an einem Regal, fuhr mit dem Zeigefinger über die Buchrücken und zog dann eins heraus. Er klemmte es sich unter den Arm und suchte ein weiteres.
Ich blieb nicht stehen, um ihn zu beobachten, ich hatte meine Arbeit zu erledigen. Und nur, weil ich noch nicht so routiniert war und einen Hang zur Gründlichkeit hatte, brauchte dieser hochnäsige Mensch sich gar nicht anmaßen, sich über mich lustig zu machen.
Ich lief zu dem Ständer mit den Zeitungen, nahm alle heraus, die täglich erschienen, und stemmte mich gegen den Schraubverschluss der hölzernen Einspannungen. Sie waren so fest zugedreht, dass mir schon nach dem dritten die Finger schmerzten, doch ich blieb dran, versuchte es mir nicht anmerken zu lassen und stapelte die Zeitungen neben mir auf einem Hocker, der an der Wand gestanden hatte.
Nachdem ich fast fertig war, kam ein Junge in die Bibliothek geschlurft. Er war vielleicht gerade mal zehn, hatte eine viel zu große Jacke an und die Mütze auf seinem Kopf rutschte ihm ständig in die Augen. Unter dem Arm trug er einen Stapel Zeitungen und lief damit schnurstracks auf den Tresen zu. Mit einem dumpfen Geräusch landete das bedruckte Papier auf der Tischplatte. Ich ging ihm entgegen und als er sich die Mütze vom Kopf gezogen hatte, blickten seine Augen in meine Richtung. Rote Haare standen unordentlich von seinem Kopf ab, seine Wangen waren von der Kälte gerötet und Millionen kleiner Sommersprossen zierten sein Gesicht.
»Guten Morgen«, grüßte ich leise und zog den seidenen Beutel aus meiner Rocktasche.
»Morgen«, nuschelte der Junge und musterte mich unverhohlen von oben bis unten. »Sie sind aber ’ne schicke Maus«, sagte er mit dem Ton eines Seemanns in der Stimme und zwinkerte mir selbstgefällig mit einem Auge zu.
Ich hielt die Luft an.
Gut, dass meine Wut auf Mr Reed noch ganz frisch war und ich gegenüber einem ungewaschenen, übermütigen Straßenburschen keinerlei Scheu hatte, diese Wut auch zu zeigen.
»Erstens ist mein Name Miss Crumb!«, kam es so scharf aus meinem Mund geschossen, dass dem Jungen dabei das Grinsen auf der Stelle verging. »Zweitens wirst du in Zukunft weder unhöflich noch unverschämt sein. Solltest du also jemals wieder auf die dumme Idee kommen, mich nach einem Nagetier zu benennen, werde ich dich an einem Ohr hier rauszerren und dafür Sorge tragen, dass sich ein anderer Junge mit besseren Umgangsformen für deine Arbeit findet.«
Sein Gesicht hatte jegliche Farbe verloren und seine Augen, die mir gerade noch so unverblümt entgegengestarrt hatten, senkten sich auf seine schäbigen Schuhspitzen.
»Hast du mich verstanden?«, forderte ich ihn auf, mich zu bestätigen, und stellte mit Befriedigung fest, wie er nervös seine Mütze zwischen den Fingern knetete.
»Ja, Ma’am«, kam es kleinlaut aus seinem Mund und ich atmete einmal tief durch, ehe ich den Seidenbeutel öffnete und zwei Schilling herausnahm.
»Mr Reed sagte, du bekommst zwei Schilling«, eröffnete ich ihm und er nickte zaghaft. Ich hielt ihm die Münzen hin, er nahm sie zögerlich entgegen und versenkte sie in seiner Jackentasche.
»Danke, Ma’am«, nuschelte er und räusperte sich dann. Sein Blick huschte umher, weil er nicht wusste, wohin er schauen sollte, und dann holte er tief Luft. »Darf ich jetzt gehen?«, wollte er wissen und ich war von mir selbst beeindruckt.
Ich hatte nie viel mit Kindern zu tun gehabt. Seit ich selbst keins mehr war, waren sie mir uninteressant und strapazierten lediglich meine Nerven.
Daher hätte ich auch nie von mir gedacht, dass ich dazu fähig war, einem von ihnen Respekt einzuflößen.
Meine Mutter hatte meine dunklen Röcke oft als Kluft einer Gouvernante geschimpft. Vielleicht hatte sie damit gar nicht so unrecht.
»Ja, nachdem du dich verbeugt und mir einen Guten Tag gewünscht hast, wie es sich in Gegenwart einer Dame gehört«, forderte ich und fragte mich, ob es nicht langsam zu viel des Guten war. Doch wahrscheinlich würde er es sonst nirgendwo anders zu hören bekommen und ein paar gute Umgangsformen zu besitzen, hatte noch niemandem geschadet.
Der Junge folgte meinen Anweisungen, verbeugte sich so ungelenk, als würde er es das erste Mal tun, wünschte leise einen Guten Tag und rannte dann so schnell davon, dass seine Schritte unangenehm laut durch das ganze Foyer hallten.
Jetzt ging es mir besser. Ich hatte meinem Ärger Luft gemacht, fühlte mich befreit und hatte auch meine Schlagfertigkeit wiedergefunden. Nun musste ich diesen Zustand nur beibehalten.
Beschwingt nahm ich die Zeitungen vom Tresen und versuchte darauf zu achten, die Manschetten meiner cremefarbenen Bluse nicht mit Druckerschwärze zu versauen.
»Tja«, machte eine tiefe Stimme hinter mir und ich schaffte es, nicht zusammenzuzucken, obwohl mein Herz einen gewaltigen Satz machte. »Bei Ihnen möchte ich kein Schüler sein, Miss Crumb«, meinte Mr Reed fast tadelnd und ich drehte mich mit einem Mal zu ihm um.
Ich sah nicht sonderlich elegant aus mit dem Stapel Papier auf dem Arm, aber wenigstens fiel mir sofort etwas ein, was ich ihm antworten konnte.
»Vielleicht hätten Ihre Manieren das aber nötig«, gab ich schroff zurück, strafte ihn mit einem kurzen, strengen Blick, machte einen höflichen Knicks und ließ ihn dann mit den Büchern zurück, die er auf dem Tresen abgelegt hatte.
Ihm schien so schnell wohl nichts Passendes eingefallen zu sein, denn er sah mir nur überrascht hinterher und ich machte mich nun gut gelaunt daran, die neuen Zeitungen in die Holzverspannungen einzufädeln.
Jetzt fühlte ich mich voller Tatendrang, stellte die Zeitungen in den Ständer zurück und schnappte mir die alten, um einen Blick ins Archiv zu werfen.
Es tat gut, Kontra zu geben, den Ärger nicht immer runterzuschlucken und ich fühlte mich beinahe euphorisch.
Jedoch schwand meine Hochstimmung sehr schnell wieder, als ich die steinernen Treppenstufen nach unten ins Archiv stieg. Ich trug eine Laterne bei mir, die ich oben an einem Haken gefunden hatte, und trotzdem wurde das Licht scheinbar von den Wänden verschluckt und verwandelte alles in düstere, tanzende Schatten.
Die Treppe endete so abrupt, dass ich in Erwartung weiterer Stufen beinahe hingefallen wäre. Es war ein ekliges Gefühl, mit vor Schreck rasendem Herzen im Halbdunkel zu stehen und kein anderes Geräusch zu hören als den eigenen Atem.
Ich räusperte mich, richtete mich auf und hielt die Laterne in die Luft. Vor mir führte ein Türbogen in ein weites Gewölbe und ich schlich vorwärts, die alten Zeitungen an meine Brust gepresst, in der beständigen Hoffnung, hier unten niemandem zu begegnen. Denn eine Person, die aus den Schatten auftauchte, würde mein Herz nicht verkraften.
Ein gespenstischer Luftzug bewegte meinen Rock, streichelte meine Wange und ich quietschte erschrocken auf, obwohl gar nichts geschehen war. Ich verspürte den Drang, mich zu bekreuzigen, um das Böse abzuwehren, obgleich ich eine Frau der Wissenschaft war und an böse Geister überhaupt nicht glaubte. Leider hatte ich die Hände voll und zwang mich selbst, weiter in den stockfinsteren Raum zu treten.
Sei nicht so ein Angsthase, ermahnte ich mich und traute mich doch nicht, einen Mucks zu machen.
Ich versuchte die Laterne weiter vor mich zu halten, um besser sehen zu können, als das Licht sich plötzlich in einem glatten Gegenstand brach und für einen winzigen Moment ein riesiger Raum voller Schränke erschien, der gleich wieder im Nichts versank, als ich mit der Hand zurückzuckte.
Was war denn das gewesen?
Langsam streckte ich die Laterne wieder nach vorne. Neben mir an der Wand stand ein Tischchen mit einem Spiegel, ähnlich einer Frisierkommode, in dessen Mitte eine Laterne stand. Ich nahm sie herunter und stellte stattdessen meine eigene dorthin. Sofort erhellte sich das gesamte Gewölbe in schummrigem Licht.
Gegenüber meiner Laterne war ein zweiter Spiegel an der Wand, der das Licht wiedergab, und diesem gegenüber wieder einer mit demselben Effekt. Es führte sich fort bis in den hintersten Winkel des Archivs. Von Spiegel zu Spiegel, erleuchtet von nur einer einzigen Laterne.
Ich war fasziniert und schockiert gleichermaßen, und leider tröstete mich diese außergewöhnliche Entdeckung nicht über das Unwohlsein hinweg, das ich in diesen Gemäuern verspürte.
Ein leichter Zug lag in der Luft, die so trocken war, dass mir das Schlucken nach wenigen Augenblicken schon schwerfiel.
Ich ließ die Laterne auf dem Tischchen und wagte mich langsam weiter in den Raum. Die Schränke standen in langen Gängen, Rücken an Rücken und sie alle waren mit metallenen Schildern beschriftet.
Der Schrank für die Zeitungen war weit vorne. Als ich diesen öffnete, fand ich mehrere Kisten, für jedes Zeitungshaus eine. Ich beeilte mich, die richtigen Kisten für meine im Stapel befindlichen Papiere zu finden und schloss den Schrank wieder.
Furchtsam schreckte ich zusammen, als ich im Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm, wich zurück und stieß mit dem Rücken gegen einen der Schränke, in dem es laut schepperte. Mein Herz schlug so heftig gegen meine Rippen, dass es wehtat. Es dauerte aber nur einen Moment, bis ich erkannte, dass ich mich vor meinem eigenen Spiegelbild erschreckt hatte, das geisterhaft in einer Vitrine schimmerte.
Ich musste hier raus. Und zwar schnell. Mit eiligen Schritten lief ich in den Gang zurück und zu meiner Laterne, die mir den Weg zur Treppe erleuchtete. Ungelenk nahm ich sie von ihrem Platz auf dem Tischchen und sofort stürzte sich hinter mir wieder alles in Dunkelheit.
Eine fiese Gänsehaut zog sich über meinen ganzen Körper, ich rannte so schnell mein Rock es zuließ die Treppenstufen wieder nach oben und versuchte, nicht an die Schatten zu denken, die von unten nach mir zu greifen schienen.
Viel zu hastig schob ich die Tür am oberen Ende der Treppe hinter mir zu und lehnte mich mit dem Rücken dagegen, um wieder zu Atem zu kommen. Dieses Archiv war der wahrhaftig gruseligste Ort, an dem ich je gewesen war, und ich wollte mir gar nicht vorstellen, dass ich zukünftig jeden Tag da runtermusste.
Ich atmete tief ein, löste meine verkrampften Finger um den Laternengriff und blies schlussendlich sogar die Kerze darin aus. Die Vormittagssonne schien durch die hohen Fenster auf den steinernen Boden und vertrieb die Gänsehaut von meinen Armen.
Meine Bluse war voller Druckerschwärze. Na wunderbar.
Stunden saß ich daran, die Kisten mit den Neuerscheinungen auszupacken und für jedes Buch eine Eintragung im Register zu erstellen, die Titel, Autor, Thema, Erscheinungsdatum, Herkunft und Nachbestellungsinformationen beinhaltete.
Als Big Ben elf Uhr schlug, fühlte ich mich bereits erschlagen und sah mich doch einer Unzahl Bücher gegenüber, die ich noch nicht mal ausgepackt hatte.
Was hatten denn die vierundzwanzig vor mir gemacht? Nur herumgesessen und Däumchen gedreht? Es konnte doch nicht sein, dass so viel liegen bleiben konnte und sich niemand darum kümmerte.
Meine Finger waren voller Tinte, meine Ärmel bedeckt mit dunklen Flecken, die sich nicht hatten rausklopfen lassen, und eine Haarsträhne klebte mir verschwitzt im Nacken. Mein Rücken tat weh und ich beschloss, später weiterzumachen und erst einmal die Rückgabe vorzusortieren.
Am Tresen fand ich Oscar, allein. Nachdem ich mich vorsichtig erkundigt hatte, erfuhr ich, dass Cody morgen wieder da sei und dass sie nur montags und freitags zu zweit waren.
Dankend lächelte ich ihm zu, worauf er die Augen verlegen zu Boden schlug, und um ihn nicht weiter in Verlegenheit zu bringen, begann ich ohne ein weiteres Wort das Sortieren der Bücher. Ich war schneller als gestern und als der große Ansturm vor der Mittagspause begann, war ich bereits fertig. Wahrscheinlich war es aber auch der Tatsache geschuldet, dass sich seit gestern nicht so viel angesammelt hatte.
Ich half Oscar beim Verleihen der Bücher, fragte nach Namen, schrieb Buchtitel auf und dann hörte ich plötzlich einen Namen, der mir so bekannt vorkam, als sei es mein eigener.
»Henry Crumb«, sagte der Mann vor mir, den ich erst ansah, als er mir sein Buch reichte, und mir entfuhr ein leicht hysterisches Quieken.
»Henry!«, rief ich viel zu laut und wäre meinem Bruder am liebsten um den Hals gefallen. Doch wir waren in der Öffentlichkeit, ich hatte zu arbeiten und ein Tresen stand zwischen uns.
»Wann hast du Pause?«, wollte er schnell wissen und ich schaffte es kaum, meinen Blick von ihm abzuwenden, um in der Schublade C nach seinem Namen zu suchen.
»Halb zwölf«, informierte ich ihn und Henry lachte.
»Also vor fünf Minuten«, gab er zurück und mein Blick fuhr herum zu der Uhr, die schräg über uns wie in einem Bahnhof von der Decke hing.
»Oh, ja«, stellte ich fest und Oscar hinter mir schnaubte.
»Schreiben Sie das Buch auf und gehen Sie. Ich schaff das hier«, sagte er mürrisch und doch war sein Unterton nicht abfällig.
Ich zog Henrys Karte heraus, notierte das Buch und schob sie wieder zurück.
»Danke«, flüsterte ich Oscar zu und ich könnte schwören, einen Hauch Rosa auf seinen Wangen schimmern gesehen zu haben.
Eilig lief ich nach oben, um meinen Mantel zu holen, und hakte mich dann bei Henry unter, der mir den Arm anbot.
»Tante Lillian hat mir geschrieben, dass du da bist. Es ist so verrückt. Ich dachte, sie hätte sich verschrieben, als ich gelesen habe, dass du in der Bibliothek arbeiten sollst«, eröffnete Henry mir, während wir die Stufe nach draußen überwanden und den gepflasterten Weg entlangschlenderten.
Seit Henry hier in London Rechtswissenschaft studierte, hatte ich ihn nur noch zu den Feiertagen und zu Mutters Geburtstag zu Gesicht bekommen. Und da er auch immer viel zu tun hatte, waren seine Briefe mit der Zeit immer kürzer geworden.
Ich betrachtete ihn von der Seite und stellte überrascht einige Veränderungen an ihm fest. Er trug sein dunkelblondes Haar nun etwas länger, seine Koteletten waren verschwunden und der Schnauzer, den ich schon immer für albern gehalten hatte, auch.
»Sagen wir, ich wusste nicht, worauf ich mich einlasse, als Onkel Alfred und Vater mich überredet haben. Aber Mutter hat mir damit gedroht, mich mit dem langweiligen Mr Michels zu verloben, wenn ich nicht bald von meinem Dachboden komme«, witzelte ich, obwohl es nicht einmal zur Hälfte als Witz gemeint war. Henry lachte und doch war sein Blick ernst geblieben.
»Mr Michels, wirklich?«, wollte er skeptisch wissen und hob die Augenbrauen. »Der popelt in der Nase, wenn er sich unbeobachtet fühlt«, bestätigte Henry mich und nun musste ich wirklich lachen. »Hast du Hunger?«, wollte er von mir wissen und ich nickte eifrig. Denn ich hatte wirklich einen Bärenhunger.
Henry führte mich in die Cafeteria der Universität, die im letzten Jahrhundert eine Orangerie gewesen war. Da das Wetter draußen grau war, wurde der Saal durch warmes Laternenlicht erhellt und schuf so trotz der Größe eine heimelige Atmosphäre. Der Geruch von gebackenen Kartoffeln hing in der Luft und mir lief das Wasser bereits im Mund zusammen, noch bevor wir uns ein deftiges Mittagessen, Tee und zwei Stück Kuchen besorgen konnten.
»Und? Wie machst du dich bisher so als Bibliothekarsassistentin?«, erkundigte sich Henry süffisant, als wir uns an einen der unendlich vielen Tische setzten, und ich seufzte laut. Doch wenigstens machte es mir nichts aus, ihm gegenüber ehrlich zu sein.
Henry verstand mich. Er hatte mich schon immer verstanden und ich wandte mich schon seit wir Kinder waren in allen Problemen vorrangig an ihn. Er war ein verständiger, fröhlicher und sanftmütiger Mensch, der mich immer ernst genommen hatte und auf den ich mich voll und ganz verlassen konnte. So wie er sich auf mich.
»Ich glaube, nicht so gut. Es ist unglaublich viel zu tun und ich komme zu langsam voran. Hunderte Bücher liegen herum und keiner hat sich um sie gekümmert. Alles ist so groß, dass mir die Füße wehtun, wenn ich einmal hin und her gelaufen bin. Und zu allem anderen bin ich noch gar nicht gekommen«, gestand ich.
»Dann mach doch einfach langsam. Es ist dein zweiter Tag, Ani. Du setzt dich zu sehr unter Druck«, riet Henry mir und ich sackte in mich zusammen, so gut das mit Korsett eben möglich war.
»Du hast leicht reden. Du hast ja auch nicht den Teufel im Nacken, der nur darauf wartet, dass du versagst, damit er sich über dich lustig machen kann«, schimpfte ich, nahm meine Gabel zur Hand und begann zu essen. Essen war gut, Essen beruhigte mich.
»Du meinst Mr Reed?«, lachte Henry und ich sah ihm an, dass er sich zusammenreißen musste, um nicht noch lauter zu lachen.
»Natürlich, wen sonst?«, blaffte ich und pickte mir ein Stück Truthahn aus dem Krautsalat. »Er ist dreist und vorlaut und von Höflichkeit hat er auch noch nie etwas gehört. Er behandelt mich, als ob ich sowieso gleich versagen würde und ich es nicht wert wäre, dass er überhaupt das Wort an mich richtet«, schimpfte ich leise weiter und Henry versteckte sein Lachen hinter seiner Hand.
»Du lässt kein gutes Haar an ihm, was?«, meinte er und ich zuckte mit den Schultern.
»Warum auch? Soweit ich gehört habe, kann niemand ihn ausstehen.« Es schüttelte mich innerlich, wenn ich an ihn dachte, wie er auf mich herabsah und so tat, als ob ich nur nett herumsitzen würde, anstatt zu arbeiten.
»Ich mag ihn«, sagte Henry plötzlich und mir fiel vor Schreck die Kartoffel von der Gabel. Ich sah ihm in die blauen Augen, um sicherzugehen, dass er mich auch nicht auf den Arm nahm, und konnte darauf einfach nichts erwidern.
»Schau mich nicht so an, Ani. Er ist keine Höllenkreatur«, fuhr er fort und ich hätte ihm gerne widersprochen, wäre meine Stimme wieder bei mir gewesen. »Er macht es dir nicht aus Bosheit so schwer, sondern um dir die Gelegenheit zu geben, es allein zu schaffen, ohne Hilfe, wie ein erwachsener Mensch.«
»Sag das nicht so, als ob ich noch ein Kind wäre«, grummelte ich.
»Dann benimm dich auch nicht wie eins!«, warf er mir an den Kopf und stellte seinen Tee wieder ab. »Hör auf zu meckern, tu, was du kannst und alles andere wird sich schon fügen. Wenn du dich provozieren lässt, ist das nur ein Zeichen dafür, dass du dich nicht beherrschen kannst. Und dann wirst du auch weiter wie ein Kind behandelt werden.«
Mühsam schluckte ich gegen den Kloß an, der sich in meinem Hals bildete und mir signalisierte, dass ich mir eigentlich bewusst war, dass Henry recht hatte. Ich musste aufhören, wild um mich zu schlagen, und anfangen, die Dinge zu tun, weil ich es wollte und nicht, um Mr Reed oder meiner Mutter eins auszuwischen.
Aber das war leichter gesagt als getan.
Zumindest hatte Henry mir die Augen geöffnet und mir endlich einen guten Grund gegeben, zu bleiben. Und zwar um meinetwillen und nicht, um jemand anderem etwas zu beweisen.
»Ani.« Sein Blick wurde versöhnlicher. »Du schaffst das.«
Ich nickte, schob meinen Teller zur Seite, von dem ich nur ein paar Bissen gegessen hatte, und machte mich über das Stück Kuchen her. Schließlich war ich erwachsen. Erwachsene durften auch entscheiden, den Kuchen zuerst zu essen.
»Außerdem geratet ihr beide euch nur so sehr in die Hörner, weil ihr euch ziemlich ähnlich seid«, behauptete Henry plötzlich und ich verschluckte mich.
»Bitte was?!«, zischte ich scharf und konnte nur knapp verhindern, dass mir der Kuchen wieder aus dem Mund fiel. »Ganz bestimmt nicht. Hast du nicht gehört, wie ich sagte, er sei dreist und vorlaut und ohne eine Spur von Höflichkeit?«, empörte ich mich, nachdem ich geschluckt hatte, und in Henrys Augen kehrte das Lächeln zurück. Anstatt zu antworten, hob er nur vielsagend eine Augenbraue.
»Ich bin nicht dreist und vorlaut«, wiederholte ich. Henry begann stumm zu essen, womit er mich nur noch mehr verhöhnte.
»Da sagt Mutter aber was anderes«, erwiderte er und ich hörte die nur schwer zu versteckende Belustigung in seiner Stimme, die mich ärgerte.
Denn er hatte schon wieder recht. Mutter beschwerte sich ständig darüber, dass ich im richtigen Moment nicht den Mund hielt und immer alles besser wusste.
»Aber ich bin höflich«, versuchte ich es irgendwie noch zu retten. Henry nickte.
»Na ja. Du meinst, du versteckst deine Unhöflichkeit besser als er«, kommentierte er amüsiert und ich starrte ihn erbost nieder. Das von meinem eigenen Bruder zu hören, traf mich härter, als ich gedacht hätte, und ich wusste nicht, ob ich es verkraften konnte, ihm in diesem Punkt ebenfalls recht zu geben.
Das Sechste oder das, in dem ich eine Gleichgesinnte fand.

Ich stand neben einem leise knisternden Kamin. In der einen Hand hielt ich ein Glas mit Sodawasser, in der anderen ein kleines Sandwich mit Pastete und starrte genervt in einen großen Salon voller Menschen, die ich nicht kannte.
Eigentlich wollte ich überhaupt nicht hier sein und die versprochene Musik blieb bisher auch aus.
Nachdem mich Henry wieder zurück zur Bibliothek gebracht und mich zum Abschied einmal so fest an sich gedrückt hatte, dass ich kaum noch Luft bekam, war ich wieder in meiner Kammer verschwunden, um dort weiterzumachen, wo ich zuvor aufgehört hatte.
Obwohl sich nicht wirklich etwas an meiner Situation änderte, fühlte es sich nach unserem Gespräch zumindest besser an, hier zu sitzen und zu arbeiten.
Ich strich mit den Fingerspitzen über den lederbezogenen Einband eines dicken Buches, das ich aus Seidenpapier ausgewickelt hatte. Die frische Druckertinte stieg mir in die Nase, ich sah den Staub in der Luft tanzen, der von den geschnittenen Seiten herrührte, und genoss die Sonnenstrahlen, die durchs Fenster hereinschienen und der ganzen Situation eine nostalgische Note verliehen. Es machte mich langsam, wenn ich die Bücher genoss und nicht einfach abarbeitete, aber das war mir in diesem Moment nicht wichtig.
Ich nahm mir Henrys Worte zu Herzen und ging es langsam an. Es war mein zweiter Tag und ich wollte an diesem Abend und allen folgenden nicht wieder so abgekämpft nach Hause taumeln, wie ich es gestern getan hatte. Man hatte mich hierher gebracht in der Annahme, in einer Bibliothek zu arbeiten und nicht, die Sklavin für einen verrückten Bibliothekar zu sein. Ich wollte nicht auf seine Meinung angewiesen sein. Ich würde tun, was ich konnte, mich nicht länger aus der Ruhe bringen lassen und schließlich dadurch beweisen, dass ich eine vollwertige Erwachsene war.
Was sollte er auch machen, außer mich weiter mit arroganten Blicken und gemeinen Kommentaren zu bedenken. Rauswerfen konnte er mich nicht. Zumindest nicht innerhalb des nächsten Monats, dafür hatte Onkel Alfred gesorgt.
Trotz allem bewältigte ich in den nächsten Stunden weit mehr, als ich mir anfangs zugetraut hatte. Bevor ich ging, sortierte ich die Bücher so, dass sie einer Ordnung folgten und ich morgen weniger zu suchen hatte. Dann schraubte ich das Tintenfass zu, klopfte mir den Staub aus dem dunklen Stoff meines Rockes und verließ die Kammer aufgeräumter, als ich sie anfangs vorgefunden hatte.
Mr Reed fand ich im großen, runden Lesesaal vor. Er redete leise mit einem Mann, der noch Mantel und Hut trug und der sich nach wenigen Augenblicken auch schon wieder verabschiedete. Ich nahm die Gelegenheit wahr, mich bei dem Bibliothekar noch einmal zu zeigen, damit er wusste, dass ich pünktlich gehen würde und nicht schon vorher abgehauen war.
»Miss Crumb«, sagte er, als er mich auf sich zukommen sah. Er wirkte nicht gerade erfreut. Seine Augenbrauen waren düster zusammengezogen, die Stirn voller bösartiger Falten. Und auch wenn ich sah, dass er sich um einen neutralen Gesichtsausdruck bemühte, gelang ihm das kaum.
»Mr Reed«, erwiderte ich und fragte mich unwillkürlich, was ich wohl angestellt hatte, da schnaubte er plötzlich, nahm die Brille ab und rieb sich mit zwei Fingern die Nasenwurzel.
»Verzeihen Sie meine Aufgebrachtheit. Der Gentleman gerade hat meine Nerven strapaziert«, gab er ganz offen zu und setzte sich die Brille wieder auf. »Wie kann ich Ihnen helfen?«, erkundigte er sich mit einem Seufzen und zwang sich sogar zu einem schmalen Lächeln.
Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte, dass er auf einmal anfing, mir eine gewisse Art von Entgegenkommen zu zeigen. War das eine Finte, um mich erneut zu beleidigen, oder hatte er sich wirklich besonnen und begann tatsächlich, mehr Höflichkeit an den Tag zu legen?
Ich schätzte nicht, dass ich es gewesen war, die diese Veränderung hervorgerufen hatte, indem ich ihn seiner schlechten Manieren wegen rügte. Vielleicht lag es ja an dem Gentleman, der soeben gegangen war und der Mr Reed so viele Nerven gekostet hatte, dass ich dagegen lediglich das kleinere Übel zu sein schien.
»Ich wollte Ihnen nur mitteilen, dass ich jetzt gehe«, sagte ich leise und mit so sanfter Stimme, wie ich imstande war. Ich wusste nicht warum, aber aus irgendeinem Grund wollte ich ihn jetzt nicht noch mehr provozieren.
Mr Reed sah mich überrascht an und sein Kopf drehte sich der Uhr im Foyer zu.
Mein Blick folgte dem seinen. Es war bereits zwölf Minuten nach fünf.
»Oh, schon so spät. Gut, ähm … gut«, meinte er etwas fahrig und tastete seine Jackentaschen ab, als würde er nach etwas suchen, nur um die Hände nach einem kurzen Kopfschütteln wieder sinken zu lassen.
Dieser Mann mit Mantel und Hut musste ihn wirklich äußerst aufgewühlt haben, dass er jetzt so kopflos war.
»Noch eine Bitte«, brachte ich seine Aufmerksamkeit wieder auf mich zurück und er sah mich durch die Brillengläser an, die seine Augen ein wenig größer erscheinen ließen, als sie wirklich waren. »Morgen müssen Sie mir Ihre Suchmaschine zeigen. Denn ich bin leider ratlos, wozu Schlagwörter gut sein sollen«, legte ich ihm vor und er nickte.
»Morgen?«, wiederholte er, als ob es ihm immer noch völlig unsinnig vorkam, dass ich wirklich vorhatte, morgen wiederzukommen.
»Ja, morgen«, bestätigte ich und machte einen leichten Knicks. »Guten Abend.«
»Guten Abend, Miss Crumb«, wünschte er auch mir, die Verwirrung auf die Stirn geschrieben, und ich ging mit einem Lächeln. Denn diesmal hatte ich gewonnen.
Zu Hause angekommen, hatte ich eine ganz bestimmte Vorstellung davon gehabt, wie ich meinen Abend verbringen würde. Und zwar in meinem Sessel mit einem Buch.
Mein Kopf sehnte sich nach Zerstreuung, meine Seele nach einer guten Geschichte und mein Körper nach den ausgeleierten Sitzfedern meines Sessels, den Tante Lillian sogar im Salon duldete.
Doch meine Tante hatte bereits andere Pläne gemacht. Sie servierte mir einen späten Tee und etwas Gebäck, nur um mir dann ganz schwärmerisch von einer kleinen Soiree zu erzählen, zu der sie heute früh ganz kurzfristig eingeladen worden war, weil sie eine alte Freundin in der Stadt getroffen hatte. »Sie wusste nicht einmal, dass ich hier wohne. Ist das zu fassen? So lange hatten wir uns schon nicht mehr gesehen«, erzählte sie mit einem Lachen in der Stimme und einem glückseligen Blick. »Du wirst doch mitkommen, Ani, oder?«, meinte sie dann plötzlich und ich verschluckte mich beinahe an meinem Tee. Ein Husten unterdrückend, räusperte ich mich, um meine Überraschung zu überspielen.
»Ich denke nicht, dass es für mich nach diesem langen Tag ratsam ist, noch unter Leute zu gehen.«
»Papperlapapp«, machte meine Tante mit einer wegwerfenden Handbewegung. »Das wird eine ganz kleine Veranstaltung. Nur ein wenig Essen, herumsitzen und Klaviermusik lauschen«, versuchte sie mich zu locken und sah mich dabei flehend an. »Bitte, Ani. Alfred hat sich noch einen Tag entschuldigen lassen, weil seine Geschäfte länger dauern, und ich will da auf keinen Fall allein aufschlagen«, bettelte sie und ich seufzte im Stillen.
Meiner Mutter hätte ich diesen Gefallen wahrscheinlich nicht getan. Aber bei Tante Lillian wurde ich schnell weich. Erstens, weil sie den flehenden Blick ausgezeichnet beherrschte, zweitens, weil ich mich ihr gegenüber schuldig fühlte, da ich in ihrem Haus wohnen durfte, und drittens, weil ich Klaviermusik wirklich sehr liebte.
Mein eigenes Spiel war mittelmäßig bis dürftig, wahrscheinlich, weil ich mehr über Klaviere gelesen hatte, als sie zu spielen, aber es gab für mich nichts Angenehmeres, als einem guten Stück zu lauschen, während ich in der Welt eines Buches versank.
Vielleicht hatte meine Tante ja auch recht und der Kreis an Leuten wäre so klein, dass man gemeinsam am Kamin saß, sich ein wenig austauschte, einen afternoon tea trank, während eine der Damen ihre Künste an den Tasten mit uns teilte. Und ich konnte dabei ein bisschen lesen. Was machte es schon, ob ich hier oder dort las.
»Na gut«, gab ich mich also geschlagen und das Gesicht meiner Tante hellte sich augenblicklich auf.
»Danke, Ani!«, rief sie freudestrahlend, während sie sich von ihrem Stuhl erhob, und grinste dann schelmisch. »Ich habe dir sogar schon ein Kleid rausgelegt«, teilte sie mir mit und eilte dann aus dem Zimmer.
Zwei Stunden später konnte ich kaum glauben, wie ich mich nur so hatte austricksen lassen können. Der große Raum war voller Leute, viel mehr als eine kleine oder auch nur eine mittlere Abendgesellschaft. Bei uns auf dem Land kam eine so große Anzahl Menschen nur zu einem Ball zusammen.
Aber wahrscheinlich war das mal wieder ein Unterschied zwischen hier und dort. Hier galt dies als ›kleine Abendgesellschaft‹ und ich wünschte mich weit, weit weg.
Gemeinsam hatten wir den Raum betreten, dessen Fülle an lauten Gesprächen mich beinahe erschlagen hatte, und nicht einmal fünf Minuten später stellte Tante Lillian mir auch schon ihre liebe, alte Freundin Mrs Glenwood vor, mit der sie dann nach zwei, drei gewechselten Sätzen in der Menge verschwand.
Und so stand ich nun hier, allein, zwischen einer Unzahl fremder Menschen und nahm mir ein Glas Sodawasser, damit ich etwas hatte, woran ich mich festhalten konnte.
Ich schlängelte mich mit dem hellgrünen Ungetüm, das ich trug, zwischen den herumstehenden Menschen hindurch und suchte mir einen ruhigen Platz am Kamin, wo mir der Sessel, den ich in Aussicht gehabt hatte, in just diesem Moment von einer älteren Dame mit grauer Hochsteckfrisur und violettem Seidenkleid weggeschnappt wurde.
Es war zum Schreien und meine Nerven waren die Tage nicht gerade in so guter Verfassung, als dass ich es mir nicht auch hätte gönnen können, diesen Abend zu meiner eigenen Verfügung zu haben.
Wo war die Übeltäterin eigentlich, die mir dies zumutete? Aber ich konnte Tante Lillian nirgends entdecken. Beleidigt schnaubend nahm ich mir ein Sandwich von einem Teller, der unweit von mir auf einem Tisch stand.
Zum Glück hatte meine Tante mich nicht so eng geschnürt, wie Mary-Ann es immer tat, und ich würde wenigstens ein paar davon essen können, ehe mir der Platz ausging.
»Oh, wo haben Sie denn den Sekt her?«, sprach mich plötzlich eine flötende Stimme von der Seite an.
Überrascht drehte ich den Kopf und sah in das schwammige Gesicht eines leicht untersetzten Mannes, der zu meinem Erschrecken kaum älter sein konnte als fünfundzwanzig. Das dunkelblonde Haar ging jedoch bereits zurück und entblößte höchst unvorteilhaft seine hohe Stirn, die ihn wie einen Eierkopf aussehen ließ. Unvermittelt musste ich an Alice’ Abenteuer im Wunderland denken.
»Es ist Sodawasser«, korrigierte ich ihn, lächelte höflich und hätte mich nur zu gern in Luft aufgelöst.
»Sodawasser?!«, entgegnete der Mann schockiert und riss seine kleinen Augen auf. Dann neigte er seinen Kopf verschwörerisch zu meinem, was mir mehr als unangenehm war, da ich nicht einmal genug Platz hatte, um ihm auszuweichen, ohne dass die Rüsche meines Rockes in Gefahr stand, am Kamin Feuer zu fangen. »Ich hörte letztens doch tatsächlich, dass Soda eine Säure sein soll«, sagte er mit solcher Empörung, als wäre es eine Zumutung, Menschen so etwas Schreckliches überhaupt anzubieten.
Innerlich verdrehte ich die Augen. Dieser Mann, der sich mir bislang nicht einmal vorgestellt hatte, schien sich wohl für außerordentlich intelligent zu halten, machte auf mich jedoch eher den Eindruck, ungelehrt und theatralisch veranlagt zu sein.
»Es ist eine alkalische Lösung«, verbesserte ich ihn daher und hörte sofort die Stimme meiner Mutter in meinem Kopf, wie sie mich anwies, nicht immer jeden zu belehren.
Der Mann sah mich an, als wären mir plötzlich Fühler auf dem Kopf gewachsen. Er hatte mich nicht verstanden.
»Eine Lauge«, klärte ich ihn daher auf und schob ihn behutsam und wie zufällig ein Stück von mir weg, damit zwischen uns wieder ein Abstand geschaffen wurde, der mir Luft zum Atmen ließ. Denn leider zählte zu der unglaublichen Anzahl hervorstechender Eigenschaften meines ungebetenen Gesprächspartners, die mir unwillkommen waren, auch, zu unsensibel zu sein, um zu merken, wenn er eine Dame bedrängte.
Er jedoch nickte mit einem falschen Lächeln, das mir wohl symbolisieren sollte, dass er genau wusste, wovon ich sprach, obwohl er dumm wie ein Stück Holz war. »Wollen Sie nicht lieber dieses gefährliche Zeug wegstellen und ich hole Ihnen einen Punsch? Zufällig kenne ich die Herrin des Hauses persönlich und ihr Punsch ist wirklich außerordentlich vorzüglich«, sagte er so stolz, als hätte er den Punsch mit seinen eigenen Händen zusammengerührt. Ich klammerte mich nur fester an mein Glas.
»Das ist überaus nett«, presste ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Aber nein danke. Ich habe nicht das Privileg, morgen lange ausschlafen zu können.«
»Ach, nein?«, rief der Herr überrascht und ich hätte mich gerne selbst geohrfeigt, weil ich ihm doch tatsächlich Stoff für Unterhaltung bot, wo ich ihn doch so dringend loswerden wollte. »Was hat eine junge, hübsche Dame wie Sie denn am frühen Morgen zu tun?«, wollte er natürlich sofort wissen und ich entschied, die Taktik zu ändern.
Mit unterschwelliger Ablehnung wurde ich ihn nicht los, da er zu geistlos war, diese zu bemerken. Also würde ich es mit schonungsloser Ehrlichkeit versuchen.
Bei Mr Reed klappte das schließlich auch. Man musste sich nur seinen Verschleiß von vierundzwanzig Assistenten in vier Monaten ansehen.
»Ich arbeite.« Jetzt war es raus. Ich war eine Frau, die arbeitete!
Die Augen des Mannes weiteten sich sichtlich verblüfft. »Das … oh. Aber Miss …«, stammelte er und es schien ihm keine Erwiderung einzufallen.
Ich hoffte darauf, ihn so sehr in Verlegenheit gebracht zu haben, dass er sich verabschieden und weiterziehen würde. Aber ich hatte die Hartnäckigkeit der Männer unterschätzt, die nicht mit gottgegebener Schönheit und Eleganz gesegnet waren. Er holte tief Luft, fing sich wieder und setzte ein kleines schweinsgleiches Lächeln auf. »Wie unhöflich von mir. Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist …«, begann er mit gefasster Stimme und ich wünschte mir sehnlichst, gerettet zu werden. Natürlich war ich eine selbstständige junge Frau, mit Witz und guter, manchmal messerscharfer Rhetorik, aber gegen Dreistigkeit war ich immer noch machtlos.
Mr Reed hatte mich anfangs damit überrumpelt und auch der Herr vor mir zerrte so sehr an meinen Nerven, dass mir vor lauter schwirrenden Gedanken nichts einfallen wollte, um ihn auf die Schnelle loszuwerden.
»Nicht von Belang, da ich diese junge Dame jetzt entführen werde.« Der Mann mit dem Eierkopf wurde jäh unterbrochen, ehe er sich vorstellen konnte, und ein schlanker Arm schob sich unter meinem durch.
»Oh«, machte der Herr überrascht und ich war es nicht minder, als ich den Kopf zu meinem Retter hob.
Es war eine Frau, unwesentlich älter als ich. Ihr Haar war dunkelbraun, ihre Haut blass und sie überragte mich etwa um einen halben Kopf, obwohl ich schon zu den größeren Damen zählte. Auffällig war ihre spindeldürre Figur, das Gesicht oval, die Nase spitz wie bei einer Maus. Ihre Augen sahen belustigt zu dem Herrn, den sie gerade vor den Kopf gestoßen hatte, und ein freches Lächeln lag auf ihren schmalen Lippen.
Sie zog mich rasch mit sich, sodass mein Sodawasser beinahe überschwappte, und der Herr kam uns noch zwei Schritte hinterher.
»Darf ich die Damen begleiten«, redete er gegen den Lärmpegel des Raumes an und die junge Frau an meiner Seite schwang wie betrunken den Kopf herum.
»Großer Gott, nein!«, rief sie schockiert und verdrehte belustigt die Augen in meine Richtung, während wir davonstolzierten.
Ich wehrte mich nicht und sie brachte mich in einen angrenzenden Raum, in dem sich weniger Leute aufhielten, weil ein Fenster geöffnet worden war und die winterliche Luft hereinströmte.
»Viel besser, findest du nicht auch?« Ihre eisblauen Augen trafen mich wie ein Eimer kaltes Wasser.
Sie ergatterte für uns zwei dunkelrot gepolsterte Stühle. Erleichtert setzte ich mich und streckte meine Füße unauffällig aus, was man wegen des Reifrocks sowieso nicht sehen konnte. Ich hatte heute wahrlich genug gestanden.
»Das war wirklich …«, begann ich einen Satz und wurde von der Frau neben mir unterbrochen, die mich mit verschmitztem Grinsen musterte.
»Unglaublich? Fantastisch? Atemberaubend?«, gab sie mir eine Reihe an Adjektiven vor und ihre Selbstsicherheit brachte mich zum Lachen.
»Scheußlich, wollte ich eigentlich sagen«, stellte ich klar und die junge Frau lächelte mich so zuckersüß an, als ob ich ihr ein Kompliment gemacht hätte.
»Ooooh«, machte sie. »Gern geschehen.«
Und ich musste wieder lachen. Obwohl sie unhöflich, unanständig und fies war, gab es da doch etwas hinter der boshaften Fassade, was mich ansprach und sie liebenswert machte.
Meine Mutter würde sie hassen. Und das gab mir noch mehr Anlass, diese Dame zu mögen.
»Elisa Hemmilton. Stets zu Diensten, wenn eine Jungfrau in Not von einem fetten, glatzköpfigen Junggesellen umworben wird«, eröffnete sie mir und ich hielt mir erschrocken den Mund zu, als ob ich es selbst gesagt hätte.
»Schau nicht so schockiert, Herzchen. Sie alle denken es. Ich bin nur die Einzige, die es ausspricht«, warf sie mir vor und ich nickte. Denn auch meine Gedanken waren zweifelsohne in diese Richtung gegangen.
»Animant Crumb«, stellte ich mich also vor, um nicht darauf eingehen zu müssen, und Elisa Hemmilton griff freudig nach der Hand, die kein Glas hielt, um sie zu schütteln. Mein Sandwich musste ich bei unserer Flucht irgendwo verloren haben.
»Was für ein außergewöhnlicher Name. Ich bin begeistert«, gestand sie mir und trieb mir damit doch wirklich die Röte ins Gesicht. Sie ließ meine Hand wieder los und strich sich sehr unelegant eine Haarsträhne hinters Ohr. »Ich muss gestehen, ich habe dich nicht ganz uneigennützig vor Mr Schweinegesicht gerettet«, erzählte sie mir und ich blinzelte überrascht, weil ich mir nicht vorstellen konnte, was sie wohl von mir wollte. »Ich stand nahe bei dir, als du sagtest, dass du arbeiten würdest. Und das war mit Abstand das Interessanteste, was jemand an diesem Abend, bei diesem Haufen lackaffiger reicher Schnösel hätte sagen können«, endete sie und ich musste aufpassen, dass ich jetzt nicht wegen ihrer derben Ausdrucksweise errötete.
»Danke«, kam es aus meinem Mund, und es klang gefasster, als ich mich fühlte.
»Arbeitest du, um dir deinen Lebensunterhalt zu verdienen?«, fragte Elisa Hemmilton mich aus und ich hob skeptisch die Augenbrauen.
»Nein«, gestand ich ihr und obwohl ich erwartete, dass sie enttäuscht sein würde, schien das Leuchten ihrer eisblauen Augen nur stärker zu werden.
»Dein Vater besitzt also Vermögen.« Es war eine Feststellung, keine Frage. Und in mir wurde die Vermutung laut, dass es sich bei Elisa nicht so verhielt. Ihr Vater hatte wahrscheinlich kein Vermögen. Fragte sich jetzt nur, wie sie es dann geschafft hatte, auf diese Soiree eingeladen worden zu sein.
»Und welchen Grund hast du dann, um zu arbeiten?«, wollte sie wissen und ich spürte, dass dies der Drehpunkt in dieser Unterhaltung war, das Geheimnis, das sich Elisa Hemmilton vorgenommen hatte zu lüften.
»Damit meine Mutter mich nicht verheiratet«, sagte ich, ohne vorher darüber nachgedacht zu haben, und Elisas Augen wurden beinahe doppelt so groß, bevor sie schallend zu lachen begann.
Einige Gentlemen und drei Ladys sahen sich pikiert nach uns um und ich war nur froh, dass mich hier niemand kannte.
»Ich hab es gewusst. Wir sind uns ähnlich«, meinte Elisa und strich sich mit spitzen Fingern eine Lachträne aus dem Augenwinkel.
»Du arbeitest auch?«, erkundigte ich mich und benutzte ebenso wie sie eine vertrautere Art der Ansprache, die sie mir zwar nicht angeboten hatte, aber selbstverständlich zu nehmen schien.
»Nein«, antwortete sie und grinste. »Ich studiere.«
Das überraschte mich sehr. Ich war noch keiner studierenden Frau begegnet, aber wahrscheinlich musste sie genau so selbstbewusst sein, wie Elisa es war.
Die Universität für Frauen war erst wenige Jahre alt und kämpfte immer noch um die vollständige staatliche Anerkennung. Ihre Mittel waren begrenzt, die Studienfächer von dürftiger Anzahl und allein der Ruf, der einer studierenden Frau anhaftete, hätte schon dafür gereicht, um mich abzuschrecken.
»Das ist jetzt wirklich unglaublich«, entfuhr es mir und ich empfand Bewunderung für sie und ihren Mut.
»Nicht wirklich«, winkte Elisa ab und tat so, als sei es nichts Besonderes. Doch das winzige Lächeln in ihren Mundwinkeln verriet sie. »Die Universität ist klein und wenn ich einmal fertig bin, ist nicht einmal sicher, ob ich einen echten Abschluss bekomme.«
»Warum tust du es dann?«, war es nun an mir zu fragen und Elisa lachte heiter.
»Aus dem gleichen Grund wie du. Um nicht die Frau des Fischhändlersohns zu werden«, gab sie zurück und ich fühlte mich in meiner Vermutung bestätigt, dass ihre Eltern wohl kein großes Vermögen hatten. Meine Mutter würde mich nie mit einem Fischhändlersohn verheiraten. Zumindest nicht, solange sie die Wahl hatte oder ich ihn ihr nicht als Liebe meines Lebens vorstellte.
Ich lächelte und Elisa war redefreudig genug, mir mehr zu erzählen, ohne dass ich so impertinent sein musste, zu fragen.
»Ich habe das große Glück, eine Gönnerin zu haben, die mir das Studium finanziell ermöglicht«, erzählte sie und ich nickte. »Doch leider besteht sie darauf, dass ich sie auf diese spießigen Veranstaltungen begleite. Ich tu es, aber ich hasse es. Vor allem diesen Schmuck.« Sie zupfte leicht an dem kleinen Hut, den man ihr an der Hochsteckfrisur befestigt hatte, und schnippte gegen die langen, bunt gefärbten Federn. »Was soll das darstellen? Bin ich ein Papagei?«, fragte sie gespielt schockiert und wir fingen beide gleichzeitig zu lachen an, weil es einfach absurd klang.
»Ich weiß es nicht. Ich weigere mich, so etwas zu tragen. Wenn meine Tante mich nicht überredet hätte, wäre ich gar nicht hier«, erzählte ich freimütiger, als ich es von mir gewohnt war, aber Elisa schien es nichts auszumachen.
Sie grinste und beugte sich interessiert zu mir vor. »Und was würdest du jetzt tun, wenn du die Wahl hättest?«, wollte sie wissen und ich brauchte nicht lange zu überlegen.
»Ich würde in meinem Sessel sitzen und lesen«, sagte ich.
»So eine bist du also: eine Stubenhockerin«, gab sie zurück und obwohl es direkt war, empfand ich es nicht als Beleidigung.
»Und was würdest du machen?«, wollte ich daher wissen und sie legte sich den Zeigefinger auf die Lippen, um kurz darüber nachzudenken.
»Hm. Wahrscheinlich würde ich in einem Pub sitzen und mir von meinen Cousins erzählen lassen, wie undamenhaft ich doch bin und ich so niemals einen Ehemann bekomme«, erzählte sie.
»So eine bist du also: eine Saufnase«, kommentierte ich mit einem versteckten Lächeln und Elisa kicherte.
»Touché«, gab sie zu und machte ein albernes Gesicht. »Ich glaube, ich hab’ mich spontan in dich verliebt, Animant«, sagte sie mit einem charmanten Augenaufschlag, den sie selbst nicht wirklich ernst nahm, und plötzlich war ich froh, nicht allein zu Hause geblieben zu sein.
Das Siebte oder das, in dem ich in die Welt der Maschine eintauchte.

Als ich an diesem Morgen vor der Bibliothek stand, wunderte sich Mr Reed nicht mehr darüber. Und wenn doch, verbarg er es zumindest besser als am Morgen zuvor. Er grüßte undeutlich, sah mir nicht ins Gesicht und schien auch so sehr schlecht gelaunt zu sein.
Aber das war mir heute gleichgültig, da ich nicht besonders viel geschlafen hatte und schon seit dem Aufwachen von leichten Kopfschmerzen geplagt wurde. Ich konnte es in diesem Moment nicht gebrauchen, von Mr Reed irgendeinen Kommentar darüber zu hören.
Still folgte ich ihm die Treppen auf den Rundgang hinauf und sah ihn ohne ein weiteres Wort in seinem Büro verschwinden, dessen Tür er mit mehr Nachdruck schloss, als nötig gewesen wäre.
Ich legte meinen Mantel in dem kleinen Räumchen nebenan ab, fragte mich, was wohl vorgefallen war und ob es etwas mit dem Gentleman von gestern zu tun haben konnte. War er womöglich deshalb immer noch so verstimmt?
Ich begann mit den Zeitungen im Foyer, holte sie aus den Verspannungen, immer die Angst vor dem finsteren Archiv in der Magengrube. Doch diesmal wusste ich ja, was mich dort unten erwartete. Es würde also viel schneller gehen. Hoffte ich zumindest.
Der Junge mit der Zeitung war nicht mehr so verschreckt wie gestern, hielt aber Abstand und blieb übertrieben höflich. Ich gab ihm zwei Schilling und er verriet mir, dass sein Name Phillip Tams war.
Kurz spielte ich mit dem Gedanken, ihm noch mehr Geld zu geben, damit er für mich ins Archiv runterging. Doch das wäre ein zu großes Eingeständnis meiner Schwäche gewesen und so ließ ich Phillip wieder ziehen, machte meine Arbeit und stellte mich meinen Ängsten.
Jedenfalls redete ich mir das ein, denn meine Furcht vor diesem schummrigen Ort mit dem immerwährenden Luftzug, der nach meinem Nacken griff und mich immer wieder vor jedem Schatten zusammenzucken ließ, wurde nicht weniger.
Wieder rannte ich die Treppen nach oben und blieb mit klopfendem Herzen zwischen den Bücherregalen im Seitentrakt der Bibliothek stehen, an dessen Wand sich der Abgang zum Archiv befand.
Einunddreißig Tage in einem Monat, weniger zwei Tage, die bereits vergangen waren, weniger die vier Sonntage, die ich nicht arbeiten musste, ergab fünfundzwanzig mal hinunter ins grausige Archiv, rechnete ich im Kopf und bekam eine unangenehme Gänsehaut. Noch fünfundzwanzigmal musste ich in dort runter, und das kam mir im Moment wie eine viel zu große Anzahl vor.
Ich war froh, Cody zu begegnen, als ich zurück in den Lesesaal kam. Besser, als sich nach dem Schreck völlig allein in den großen Räumen aufzuhalten. Er sah mich erst verängstigt an, zog sich dann aber eilig die Mütze vom Kopf und verbeugte sich leicht zum Gruß. Immer noch, ohne ein Wort gesprochen zu haben.
Eigentlich hatte ich ihn noch nie sprechen hören.
»Guten Morgen, Cody«, erwiderte ich seine Verbeugung verbal und half ihm anschließend, die Bücher, die im Lesesaal auf den Tischen liegen geblieben waren, zusammenzusammeln und thematisch zu ordnen, damit er sie anschließend wegräumen konnte.
Ich verzog mich in meine Kammer, als die ersten Studenten ins Foyer getingelt kamen und mich mit großen Augen wie eine Zirkusattraktion beglotzten.
»Sie ist die neue Bibliothekarsassistentin«, hörte ich jemanden zu seinem Kollegen flüstern, strich mir flüchtig die Bluse zurecht und suchte das Weite.
Es gab noch einen ganzen Stapel neuer Bücher ohne Etiketten, die darauf warteten, dass ich mich ihrer annahm.
Gegen halb zehn klopfte es an meiner Tür, was mich überraschte. Es hatte mich noch niemand in der Kammer aufgesucht.
»Herein«, rief ich gepresst, während ich mich gegen den Hebel des Gerätes stemmte, das die metallenen Etiketten auf die Buchrücken nietete.
»Miss Crumb«, sprach mich Mr Reed an und ich erkannte ihn nur an der Stimme, weil ich gerade keine Möglichkeit hatte, hinzusehen.
Drei schnelle Schritte erklangen dumpf auf dem getäfelten Boden und dann griff ein Arm über meine Schulter hinweg. Eine kräftige Hand umschloss den Hebel, drückte mit und das Gerät schnappte ein.
Ich hatte kaum etwas tun müssen. Mr Reed hatte den Mechanismus, für den ich mein ganzes Körpergewicht einsetzen musste, mit nur einem Arm betätigt.
Den Atem anhaltend, ließ ich sofort den Griff los und drehte erschrocken den Kopf zu dem Mann, der dicht an meinem Rücken stand. Seine Augen waren ebenholzbraun.
Erst als er meinen verschreckten Gesichtsausdruck sah, schien Mr Reed bewusst zu werden, wie heikel die Situation war, die er geschaffen hatte, und er trat augenblicklich von mir zurück.
»Entschuldigen Sie, Miss Crumb«, sagte er schnell, als fühlte er sich gezwungen, es zu sagen, und fing sich dann wieder. Er holte kurz Luft. »Kommen Sie, der Mechaniker ist da«, teilte er mir mit, wandte sich um und war schon fast wieder aus der Tür raus, noch bevor ich reagieren konnte.
In mir sträubte sich alles bei seinen Worten und doch überwand ich mich selbst und folgte ihm. Wieso musste er mich so herumkommandieren, als hätte ich keinen eigenen Willen? ›Hätten Sie die Güte, mich zu begleiten?‹‚›Würde es Ihnen passen, Ihre Arbeit für einen Moment ruhen zu lassen und mir zu folgen?‹ Wie schwer konnte es denn sein, so etwas zu sagen? War es ihm so unmöglich, höflich zu sein?
Mein Herz schlug schon wieder viel zu schnell. Von dem vorherigen Schreck und vor Wut. Dieser Bibliothekar schaffte es immer wieder, mich mit nur einem Satz so zu verärgern, dass ich ihm am liebsten mit einem Schürhaken eins überziehen wollte. Und ich war für gewöhnlich kein gewalttätiger Mensch.
Ich folgte Mr Reed zurück in den Lesesaal und die Treppe nach oben auf den Rundgang und war sogar zu erbost, um zu fragen, wofür eine Bibliothek einen Mechaniker benötigte und warum ich ihn treffen sollte.
Natürlich wäre ich selbst darauf gekommen, wenn ich mir bewusst gemacht hätte, dass Mr Reed am Anfang erwähnt hatte, dass es sich bei der Suchmaschine um eine wirkliche Maschine handelte. Aber meine Gedanken waren zu sehr damit beschäftigt, dem Bibliothekar wüste Beschimpfungen an den Kopf zu werfen, als dass ich eine klare Schlussfolgerung hätte ziehen können.
Erst als wir den kleinen Raum betraten, in dem ich meinen Mantel abgelegt hatte, öffnete sich auf einen Schlag mein Blick für andere Dinge, als ich durch die zweite Tür auf der anderen Seite sah, hinter der sich ein Wald aus Zahnrädern auftat.
Es klapperte weiter hinten, Metall traf auf Metall und dann fluchte jemand leise.
»Mr Lennox!«, rief Mr Reed durch die Tür und verschwand hinter einem wagenradgroßen Zahnrad, durch das man auf einige Riemen, eine riesenhafte Metallfeder und mehrere Kurbeln sehen konnte. Kupfer, Stahl und Messing glänzten um die Wette im Licht, das durch die schmalen Fenster an der einen Seite fiel, und ich war für einen Moment wie erstarrt.
»Jamie?«, hörte ich Mr Reed lauter werden und es schepperte weiter hinten.
»Ich bin hier«, ertönte eine Stimme aus der Maschine und dann sah ich kohlenschwarzes Haar zwischen einem Pendel und einer seltsamen Metallkonstruktion hindurchblitzen. »Die Übersetzungsstange zwischen M und L war nur im Lager verrutscht. Da muss sich ’ne Schraube gelockert haben«, erklärte die Stimme und dann sah ich ihn. Er kam zwischen den Teilen hervorgeklettert, hangelte sich an einer Stange, die über ihm hing, über eine Ansammlung von Zahnrädern und kam dann keine zwei Meter von mir entfernt mit seinen schweren Stiefeln auf dem Boden auf. Er war etwa so groß wie ich, vielleicht ein bisschen größer, das Gesicht und die lederne Weste ölverschmiert, die schwarze Hose verstaubt, einen breiten Werkzeuggürtel an der Hüfte. Er hatte breite Schultern, die schwarzen Haare zu einem Zopf im Nacken gebunden und einen markanten Dreitagebart. Sein Alter ließ sich durch all das schwarze Öl schwer bestimmen, aber er konnte kaum viel älter als ich sein.
»Mr Ree…«, begann er und blinzelte dann überrascht. »Oh, Miss. Äh, entschuldigen Sie mich«, stammelte er, machte ein verlegenes Gesicht und verschwand ebenfalls hinter dem riesigen Zahnrad. »Mr Reed?«, rief er und ich schnappte nach Luft.
Was war das nur für eine riesenhafte Maschine und warum baute man so etwas in einer Bibliothek? Neugierig setzte ich einen Schritt vor den anderen, erreichte den Türrahmen und dann war ich auf einmal mittendrin. Ich hielt meinen Rock zusammen, um nirgendwo hängen zu bleiben, schritt durch die schmalen Gänge zwischen den Teilen, las die Schilder und Markierungen, die mir nicht viel sagten, und konnte mich nicht sattsehen. Es roch nach Schmieröl und Metall, nach Hitze und Kraft, und obwohl ich nicht sehr viel Praktisches über Maschinen wusste, beeindruckte mich dieses Werk über alle Maßen.
»Da sind Sie ja. Sie können doch nicht einfach so hier herumspazieren!«, fuhr Mr Reed mich an und mir fiel auf, dass ich ganz vergessen hatte, wütend auf ihn zu sein. Selbst seine schroffen Worte konnten meine Begeisterung in diesem Moment nicht mindern.
»Es ist unglaublich«, brachte ich heraus und drehte mich einmal um meine eigene Achse, um die gesamte Pracht des Werkes zu erfassen. »Was macht sie?«, wollte ich wissen und Mr Reeds bittere Miene schmolz direkt vor meinen Augen dahin.
»Sie findet Bücher«, erklärte er milde und leider konnte ich nicht begreifen, was es bedeuten sollte. »Ich zeig’s Ihnen«, bot er etwas zu eifrig an und ein Lächeln versteckte sich in seinem Mundwinkel.
Ich folgte Mr Reed aus dem Zahnrädergewirr heraus, ein Weg, den ich allein nur schwer wiedergefunden hätte, und durchquerte den kleinen Raum, der die Maschine von dem Rundgang trennte.
Mr Reed lief ein paar Meter an der Wand entlang und wandte sich dann einem Verschlag zu, der zuvor meiner Aufmerksamkeit völlig entgangen war, da er die gleiche Holztäfelung wie der Rest der Wand aufwies. Der Bibliothekar zog einen Schlüsselbund hervor und schloss damit den Verschlag auf. Mit etwas Mühe stemmte er sich gegen die breiten Türen und schob sie zur Seite.
Vor mir erschien ein Podest, auf dem eine Schreibmaschinentastatur befestigt war. Dahinter war eine Reihe Plättchen angebracht und darüber ein paar metallene Schienen, die aus der Wand ragten.
»Nehmen wir an, Sie suchen ein Buch. Eines über Physik oder Gesellschaftsrecht«, begann Mr Reed seine Erklärung und zum ersten Mal an diesem Tag sah er mich wirklich an.
Und obwohl er immer noch der steife, geringschätzende Bibliothekar war, wirkte er nicht mehr ganz so unzugänglich wie zuvor. Diese Maschine begeisterte ihn und ich hörte ihm gespannt zu.
»Sie schreiben ein Wort mit den Tasten, das das Buch, welches Sie suchen, beschreibt und die Maschine sucht für Sie alle Bücher raus, die zuvor mit diesem Wort verbunden wurden«, führte er weiter aus und ich konnte nicht glauben, was er mir da erzählte. Das war wirklich spektakulär.
Ich starrte ihn zuerst nur fassungslos an, schaffte es aber schließlich, meinen Mund wieder zu schließen und fuhr mir dann mit der Zungenspitze über die Unterlippe, um sie etwas anzufeuchten, bevor ich sprach.
»Dürfte … ich das ausprobieren?«, fragte ich für meine Verhältnisse recht schüchtern und auf Mr Reeds Gesicht erschien ein Lächeln. Ein echtes, eines, das mich überraschte und gleichermaßen verwirrte.
»Aber natürlich, Miss Crumb«, gab er mir die Erlaubnis und wandte sich dann den Tasten zu. »Mr Lennox?«, rief er durch eine der Öffnungen, durch die die Schienen nach vorne führten und durch die man einen Blick auf die sich dahinter befindende Maschine werfen konnte.
»Bin gleich so weit!«, antwortete die Stimme des jungen Mannes aus den Tiefen des Raumes, gefolgt von einem lauten Knirschen. »Repariert und aufgezogen, Sir! Aber geben Sie mir einen Moment, damit ich hier wieder rauskomme, bevor Sie die Lady anwerfen.« Scheppern und polternde Schritte folgten, und dann tauchte der junge Mann mit dem ölverschmierten Gesicht auch schon in der Tür auf.
Mr Reed machte eine auffordernde Geste mit der Hand und ich riss meinen Blick von dem Mechaniker los, der mich ebenfalls anlächelte.
Zögerlich trat ich an das Podest, dachte einen Moment nach und legte dann meine Finger auf die Tasten. Sie ließen sich erstaunlich leicht drücken und jeder Buchstabe, den ich auswählte, erschien auf den Plättchen dahinter. Mit einem leisen Klackern kamen ein T, ein H, ein E und ein R zum Vorschein. Thermodynamik schrieb ich es aus und holte tief Luft, in der Erwartung, dass sofort etwas geschehen musste. Doch es passierte gar nichts.
»Habe ich was falsch gemacht?«, wollte ich wissen und der Mechaniker neben mir lachte. Er zog einen Lappen aus der Hosentasche und wischte sich das Gesicht sauber.
»Sie müssen nur bestätigen«, wies Mr Reed mich drauf hin und zeigte auf einen kleinen Hebel neben den Tasten.
Vorsichtig griff ich danach, zog ihn nach vorne und sofort begann die Maschine zu schnurren wie eine Katze, die gekrault werden wollte.
Zahnräder setzten sich in Bewegung, Federn spannten sich, Riemen drehten sich. Und ich konnte nicht anders, als mich vorzubeugen und durch die Öffnung in der Wand zu starren, wie ein Kind, das sich an der Fensterscheibe eines Süßwarengeschäftes die Nase platt drückte. Es war wie das erste Mal in die Sterne zu sehen, und ich hätte gerne laut gelacht wegen des überschäumenden Gefühls in meiner Brust.
Und dann kam etwas auf mich zu. Erschrocken wich ich zurück und drei schmale Holzkarten schossen aus der Öffnung hervor, stießen ans Ende der Schiene und blieben schwankend stehen. Diese Karten hatte ich auch in meiner Kammer gesehen. Die beiden Löcher am oberen Teil waren also die Aufhängung für diese Schiene.
Doch am erstaunlichsten war, dass all diese Karten die Titel von Büchern wiedergaben, in denen es um Thermodynamik ging. Die Thermodynamik chemischer Vorgänge von Helmholtz, Thermochemische Untersuchungen von Hermann Heinrich Hess und ein Lehrbuch der physikalischen Chemie.
»Umwerfend«, konnte ich nur sagen und Mr Reeds Lächeln verharrte auf seinen Lippen. Er sah recht ansehnlich aus, wenn er lächelte.
Doch dann verschwand es plötzlich, er straffte die Schultern, bekam wieder sein ernstes, verkniffenes Gesicht und räusperte sich dann dezent, während er eine silberne Taschenuhr hervorholte. »Gut. Nachdem Sie nun wissen, was es ist, überlasse ich Sie Mr Lennox«, klärte er mich auf, während er auf die Uhr spähte und sich dabei schon fast wieder abgewandt hatte. »Er hat dieses Monster gebaut und er wird Ihnen auch erklären, wie Sie in Zukunft die Karteikarten in die Schienen einhängen können.« Er nahm seine Brille von ihrem Platz an seiner Weste und setzte sie sich auf die Nase. »Aber passen Sie auf die vierte Stufe auf. Die ist locker«, sagte er, ließ die Uhr wieder in der Tasche verschwinden und ging.
Verwundert sah ich ihm nach, wie er in seinem Büro verschwand, und wusste nicht, was ich davon zu halten hatte. Wer war dieser Mann? Ein verklemmter, verstaubter Bibliothekar oder ein fortschrittsliebender Visionär? Und wie ließen sich diese zwei Seiten, die er mir bisher gezeigt hatte, in einer Person vereinbaren?
Wirklich kompliziert.
Das Achte oder das, in dem ich eine tollkühne Tat plante.

Es war nicht so einfach zu verstehen, wie die Karteikarten in die Maschine sortiert wurden, sodass sie auch korrekt wieder abgerufen werden konnten. Hinzu kam, dass Jamie Lennox zwar ein gesprächiger Bursche, aber ein miserabler Lehrer war. Und als ich das System endlich begriff, hatte ich unfreiwillig ebenfalls erfahren, dass Mr Lennox’ Familie aus Nordengland stammte, sie allesamt Uhrmacher waren, sein Vater die Maschine entworfen hatte und dass seine Mutter diese Arbeit mit den großen Teilen gar nicht schätzte.
Er war höflich und nett und aus irgendeinem Grund mochte ich ihn, ganz gleich, dass er viel zu viel redete. Er war nicht dumm, auch wenn er sich nicht so gewählt ausdrückte wie die feine Gesellschaft, und ich beantwortete ihm sogar seine Fragen zu meiner Person und wie es dazu gekommen war, dass ich jetzt hier arbeitete, obwohl es für gewöhnlich nicht meine Art war, fremden Männern so was auf die Nase zu binden. Er brachte mich dreimal zum Lachen und gegen Ende konnte ich mich des Eindrucks nicht mehr erwehren, dass er versuchte, mich mit seinem Charme für sich zu gewinnen.
Der Klang von Big Ben ließ ihn nach einer vergangenen Stunde jedoch zusammenschrecken, er entschuldigte sich eilig und packte sein Werkzeug zusammen.
»Sagen Sie Mr Reed, wenn er zurück ist, dass ich mich nächste Woche um die Stufe kümmere. Ich muss jetzt los«, teilte er mir mit und ich runzelte die Stirn.
»Wenn Mr Reed wieder zurück ist? Wo ist er denn hin?«, fragte ich nach und Mr Lennox zuckte nur mit den Schultern.
»Was weiß ich. Ich weiß nur, dass er jeden Mittwoch gegen Mittag spurlos verschwindet«, behauptete er.
Ich sah ihm hinterher, wie er die Stufen nach unten lief, Cody grüßte und dann durch den Haupteingang verschwand.
Mich ließ die Aussage nicht los, Mr Reed würde einfach verschwinden, und ich ging die paar Schritte bis zu seinem Büro, um dort unauffällig an der Tür zu lauschen. Schon der erste Eindruck war, dass sich niemand darin befand und nach einigen Sekunden wurde es mir bestätigt. Ich hatte genug Erfahrung im Lauschen, dass ich sehr schnell wusste, ob ein Raum verlassen war oder nicht.
Also ging ich den Rundgang entlang, sortierte ein paar Bücher, die mir gerade ins Auge sprangen, und hielt Ausschau. Er war weder im Lesesaal noch im Foyer. Ich stieg die Treppen nach unten und sah kurz in den Seitenflügeln nach. Doch Mr Reed blieb verschwunden.
Der einzige Ort, an dem ich nicht nachsah, war das Archiv. Falls er dort war, befand sich das außerhalb meines Interessenbereiches, denn ich würde nicht nach ihm suchen gehen.
Schlendernd ging ich zurück in meine Kammer, nietete Metallplättchen auf Buchrücken, bis mir vor Anstrengung die Arme zitterten, und ging dann zurück ins Foyer, um die Rückgaben zu sortieren.
Ein Blick auf die Uhr erinnerte mich daran, dass ich vergessen hatte, meine Mittagspause zu machen und ich ärgerte mich ein wenig über mich selbst.
»Cody, darf ich Ihnen eine Frage stellen?«, sprach ich den Jungen an, der gerade zurückkam, um den nächsten Schwung Bücher bei mir abzuholen.
Er sah verstohlen auf seine Hände und nickte zaghaft. Ich war mir nicht sicher, ob er mir antworten würde, schließlich hatte er bisher in meiner Gegenwart keinen Ton rausgebracht.
Da ich ihn nicht in eine für ihn unangenehme Lage bringen wollte, entschied ich mich, meine Fragen so zu formulieren, dass er sie mit einer Kopfbewegung beantworten konnte.
»Verschwindet Mr Reed jeden Mittwochmittag?«, erkundigte ich mich und Cody nickte. Schon mal ein kleiner Erfolg für meine Taktik.
»Kommt er denn wieder?«, fragte ich weiter und Cody schüttelte den Kopf.
Das war wirklich äußerst seltsam. Mr Reed ging zu Mittag und nahm sich den Nachmittag einfach frei? Das war schon wieder etwas, das zu seinem Wesen überhaupt nicht zu passen schien. Ich schätzte ihn als einen Mann ein, der eher länger blieb, als früher zu gehen, und er hatte mir bereits selbst gesagt, dass er seine Arbeit sehr ernst nahm.
Was gab es also, das wichtiger war als seine geliebte Bibliothek?
»Wissen Sie denn, wo er hingeht?«, erkundigte ich mich und Cody schüttelte wieder den Kopf, während er Bücher von dem Ständer vor mir auf einen Bücherwagen umlud.
Einerseits irritierte es mich, dass ich nun allein und ohne Aufsicht von Mr Reed in diesen Räumen war, andererseits ließ es mich in einer gewissen Weise aufatmen. Sein unsichtbarer Blick, der immer schwer auf mir gelastet hatte, war verschwunden und ich fühlte mich weit weniger beobachtet, auch wenn mir die skeptischen Blicke der Studenten immer noch überallhin folgten.
Eine arbeitende Frau war keinem von ihnen geheuer und oft flüsterten sie über mich. Doch solche Anfeindungen war ich gewöhnt. Zu Hause in unserem Städtchen sahen mich die meisten so an, Männer wie Frauen, und sie tuschelten über das seltsame Mädchen, das sich immer hinter seinen Büchern versteckte.
Sollten sie doch reden. Was wussten sie schon?
Ich ging und holte mir einen Tee und ein Stück Plundergebäck in der Cafeteria. Da Mr Reed ja nicht da war, hatte ich auch kein schlechtes Gewissen, einfach außerhalb meiner Pausenzeiten zu verschwinden, schließlich hatte ich meine Mittagspause heute ausgelassen.
Während ich meine Tasse über den Hof und den unebenen Weg bis zur Bibliothek balancierte und stark darauf achten musste, mir dabei nicht den Handrücken zu verbrennen, dachte ich darüber nach, wie ich es anstellen könnte, mir meinen Tee künftig in der Bibliothek zuzubereiten, denn die gegenwärtige Methode war doch reichlich unzweckmäßig.
Als ich in dem Zimmerchen angekommen war, durch das man in das Innenleben der Maschine gelangte, setzte ich mich dort an den Tisch und packte mein Plundergebäck aus. Es war nicht im Geringsten gemütlich hier drinnen und ich nahm mir vor, die ganze hintere Wand von dem Gerümpel zu befreien, sobald ich Zeit dafür fand.
Meine Gedanken sprangen weiter und wieder zurück zu dem Bibliothekar. Was tat er gerade wohl?, stellte sich mir die Frage und ich sinnierte darüber, während ich einen Schluck Tee trank. Jetzt war er kalt.

Der Donnerstag begann wie der Tag davor. Ich war wieder ein paar Minuten vor Mr Reed an der Bibliothek und sein morgendlicher Gruß fiel erneut ein wenig freundlicher aus als am Tag zuvor. Ich sortierte die Zeitung, bezahlte Phillip Tams, brachte den Gang ins Archiv mit dem gleichen Schreck in den Gliedern hinter mich und verschwand dann in meiner Kammer, um die Karteikarten für die Maschine zu bedrucken.
Ich hatte gerade mal die Hälfte der neuen Bücher aus den Kisten geholt, in den Katalog aufgenommen, beschriftet, genietet und die Schlagwörter überflogen, aber es fühlte sich trotzdem nach unglaublich viel an, was ich in den vergangenen drei Tagen geschafft hatte. Zwar konnte ich mir nicht vorstellen, dass Mr Reed jemals stolz auf mich sein würde, aber ich war es und ich würde mir das sicher nicht nehmen lassen.
Höchstpersönlich lud ich die neuen Bücher auf einen Wagen und brachte sie an die Stellen, an denen sie in Zukunft stehen würden.
»Entschuldigen Sie, Miss, Sie haben hier nichts verloren«, hörte ich plötzlich ein paar Regalreihen vor mir Oscars Stimme, die ein wenig zu laut klang für die Stille, die in der Bibliothek vorherrschte.
»Ich muss nur ganz schnell was nachschlagen«, antwortete ihm eine weibliche Stimme, deren kratziger Nachhall mir sofort bekannt vorkam.
»Nein, Miss. Diese Bibliothek ist ausschließlich den Studenten der Royal University und ihren Gönnern vorbehalten. Sie …«, redete Oscar auf sie ein und wurde unterbrochen.
»Die alle männlich sind! Schon verstanden. Aber ich pfeif drauf!«, warf die Frau ihm an den Kopf und nun war ich mir sicher.
Es war Elisa Hemmilton.
Ich legte das Buch, das ich gerade einsortieren wollte, wieder zurück auf den Wagen und ging mit schnellen Schritten in ihre Richtung.
»Miss, geben Sie das Buch her!«, fauchte Oscar recht ungehalten und ich sah, wie er sich an das eine Ende eines dicken Wälzers klammerte. Elisa kam in mein Blickfeld, das Gesicht angestrengt verzogen, die Finger um den ledernen Einband geschlossen, an dem sie verzweifelt zog.
Ich stellte mich neben die Streithähne, die so komisch wirkten, dass man eigentlich über sie hätte lachen müssen. Elisa war einen halben Kopf größer als Oscar, doch er war sicher doppelt so breit wie ihre schmale Statur. Ihre Münder waren wutverzerrt und sie wirkten wie Karikaturen ihrer selbst.
Geräuschvoll räusperte ich mich.
Sie zuckten beide so erschrocken zusammen, als hätte ich sie geohrfeigt. Oscars Hände rutschen vom Buch ab. Elisa taumelte einen Schritt zurück.
»Geben Sie mir das Buch«, sagte ich streng und streckte fordernd die Hand danach aus. Elisa sah mich erst überrascht an, während ich ihren Blick erwiderte, als wäre sie eine Fremde, und dann musterte sie mich misstrauisch mit zusammengekniffenen Augen. Das Buch reichte sie mir widerstandslos.
Es war schwer und ich konnte mir den Titel nicht ansehen, da ich keinen aus den Augen verlieren wollte, um nicht an Autorität einzubüßen.
»Miss Crumb«, begann Oscar zu einer Erklärung anzusetzen, doch ich schnitt ihm das Wort ab.
»Ich kümmere mich darum«, gab ich mit fester Stimme zurück. »Danke, Oscar. Sie können jetzt gehen.« Mein Gesicht regte sich keinen Millimeter aus seiner erhabenen Starre.
Oscar sah mich mit großen Augen an, während ihm die Röte ins Gesicht schoss, nickte schließlich und nahm Reißaus.
Ich wartete ab, bis seine Schritte weit genug weg waren, und ließ das Lächeln auf meine Lippen gleiten, das dort schon die ganze Zeit über lauerte.
»Was machst du denn hier?«, wollte ich wissen und Elisa atmete erleichtert auf.
»Verdammt, hast du mir einen Schreck eingejagt«, flüsterte sie und wedelte sich mit einem dunkelroten Handschuh Luft zu. »Dasselbe könnte ich dich fragen. Warum in Teufels Namen hört dieser engstirnige Laufbursche auf dich?«
»Ich arbeite hier«, gestand ich und reichte ihr das Buch zurück. Es war ein Manifest über die Bürgerrechte der Rassen in Amerika. »Ich bin die neue Bibliothekarsassistentin.«
Es schien beinahe, als müssten Elisa jeden Moment die Augen aus dem Kopf fallen, so schockiert starrte sie mich an.
»Ach du meine Güte«, entfuhr es ihr und ich beschloss, dass es für uns wahrscheinlich besser wäre, uns an einem Ort zu unterhalten, an dem uns nicht jeder sehen konnte.
»Komm mit«, bedeutete ich ihr, ging ans Ende des Regals und sah den Gang nach unten. Es war niemand auf dem langen Flur und die Studenten im Lesesaal, die uns möglicherweise hätten sehen können, waren vertieft in ihre Lektüren.
Wir überquerten den Flur und ich öffnete Elisa die Tür zu der Kammer, in der es immer noch viel zu viel zu tun gab.
»Das ist doch unvorstellbar!«, platzte es aus Elisa heraus, sobald ich die Tür hinter uns geschlossen hatte. Amüsiert schüttelte ich den Kopf über ihr überschwängliches Gemüt. »Wenn ich das mal gewusst hätte! Unvorstellbar!«, wiederholte sie sich und begann, hin und her zu laufen.
»Du hast nicht gefragt«, erwiderte ich nüchtern und sie hielt kurz inne, legte das Buch ab und schritt dann weiter.
»Du hast absolut recht. Ich dachte, es wäre nicht so wichtig, und nun stellt sich heraus, dass du an der Quelle sitzt. Es war arrogant von mir, nicht nachzufragen. Ich hätte mir erspart, mir die Strümpfe an den Rosenbüschen kaputtzureißen, als ich zum Fenster eingestiegen bin«, faselte sie und ich bedachte sie mit einem zweifelnden Blick. Sie hatte einen Hang zur Übertreibung und sicher auch einen zur Theatralik.
»Elisa, wieso steigst du in eine Bibliothek ein?«, stoppte ich ihren unsinnigen Redefluss und sie sah mich erstaunt an.
»Weil ich die Bücher brauche!«, sagte sie, als sei es selbstverständlich. »Unsere Bibliothek ist ein Witz gegen diese hier. Wir haben Hunderte Bücher über Haushaltsführung und Kunst. Aber Rechtswesen, Politik, Philosophie sind immer verliehen, weil es so wenige sind, oder sie fehlen gänzlich«, beschwerte Elisa sich und ich setzte mich auf einen Stuhl. Ich zog noch einen heran, den ich schräg neben mir postierte in der Hoffnung, Elisa würde ihren Lauf aufgeben und sich zu mir setzen.
Doch sie schien zu aufgebracht zu sein, um dieser stillen Aufforderung nachkommen zu wollen. »Sie werfen uns das Wissen häppchenweise hin, als ob wir zu dumm wären, mehr zu begreifen. Ich könnte mir die Haare raufen, aber dann würde meine Gönnerin mich wieder rügen, dass ich rumliefe wie eine Hübschlerin.«
Es war nicht zum Lachen und trotzdem konnte ich es mir nicht verkneifen. Diese originelle Art, mit der sie Wichtiges und Unwichtiges in einem Satz vereinte, war es, die sie in diesem Moment so witzig machte.
»Ach, lach doch nicht, Animant«, warf sie mir vor und hatte selbst schon das Lachen halb in der Stimme.
»Es tut mir leid«, versuchte ich mich zu entschuldigen und riss mich etwas zusammen. »Du bist also hier eingebrochen, um ein Buch zu lesen«, hielt ich fest und konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Ich war verrückt nach Büchern und trotzdem wäre mir nicht im Traum eingefallen, dafür durch das Fenster eines Gebäudes zu steigen, in das mir der Einlass verwehrt wurde.
Endlich ließ Elisa sich auf den Stuhl fallen, den ich ihr zurechtgeschoben hatte, und seufzte laut. Das Hin-und-her-Gelaufe hatte mich auch sehr irritiert.
»Ja, das bin ich«, gestand sie und sah sehnsüchtig zu dem Wälzer, der auf der Tischkante lag. »Ich wollte ein paar kleine Absätze lesen, obwohl ich eigentlich das ganze Buch brauchen könnte. Und dann hat mich dieser Kerl dabei erwischt«, schimpfte sie und obwohl sie sich gefasst gab, konnte ich sehen, wie verzweifelt sie hinter der ruhigen Fassade war. Es musste auch wirklich frustrierend sein, nicht das lesen zu können, was man wollte oder brauchte.
Und in mir entstand der Wunsch, ihr zu helfen. Es war so ungerecht, dass man ihr den Zutritt verwehrte, dass ich es einfach nicht zulassen konnte.
»Ich verleih es dir«, sagte ich und Elisas Blick schoss in meine Richtung.
»Das darfst du nicht«, erwiderte sie harsch und doch mit Hoffnung in den Augen.
»Na und. Wer soll es schon erfahren? Ich gebe es dir für eine Woche und dann gibst du es mir zurück«, schlug ich vor und Elisa blieb nicht lange bei ihrer Widerrede.
»Und was, wenn sie merken, dass es fehlt?«, fragte sie und ich zuckte mit den Schultern. Nichts leichter als das.
»Ich schreib es als entliehen auf eine Karte, dann wird es niemand suchen«, erklärte ich ihr, doch sie schien noch nicht ganz überzeugt.
»Und unter welchem Namen willst du es verbuchen?«, wollte sie wissen und streckte sich bereits nach dem Buch aus, um es wieder an sich zu nehmen.
»Du kannst dir ja einen ausdenken«, schlug ich vor und fragte mich, ob meine Tollkühnheit, die mir in diesem Moment ein Hochgefühl bescherte, mich nicht zu Fall bringen würde.
Das Neunte oder das, in dem die Willkür Bücher zerstörte.

Edward Teach hatten wir auf Elisas Verleihkarte geschrieben und ich fühlte mich noch den ganzen Tag kribbelig und durchtrieben wie ein Pirat.
Ich konnte mich nicht erinnern, jemals etwas so Verbotenes getan zu haben wie das hier, und mein Herz schlug mir bis zum Hals, wenn ich Mr Reed über den Weg lief, in der Angst, er könnte mir meinen Frevel im Gesicht ansehen.
Doch wie sehr ich auch darüber nachdachte, aus welcher Perspektive ich es betrachtete, ich bereute meine Tat nicht und ich wusste, dass ich es wieder tun würde. Es war einfach ungerecht, einer Frau die Bildung zu verwehren, die ein Mann auch bekam. Ganz gleich, was die Gesellschaft auch vorschreiben mochte, die doch wieder nur von der Meinung der Männer geprägt war.
Ich räumte meine restlichen Bücher in die Regale, brachte Mr Reed seine Post an die Bürotür und kümmerte mich um allgemeine Ordnung. Zu Mittag aß ich mit Elisa, die mich an der Cafeteria abpasste und mir ein Stück Kuchen spendierte. Sie war überschwänglich und unendlich glücklich, und ich konnte sie gerade noch davon abhalten, mir die ganze Schokoladentorte zu kaufen.
Als wir die Cafeteria verließen, hatte ein leichter Nieselregen eingesetzt und wir verabschiedeten uns schnell, da keine von uns beiden einen Schirm bei sich trug.
Ich fühlte mich gut in Elisas Gegenwart und hoffte, ich würde sie noch öfter treffen.
Es war selten für mich, dass ich mich mit jemandem anfreundete. Aber die Menschen in London waren einfach anders als die zu Hause.
Als Big Ben um fünf läutete, legte ich meine Arbeit nieder und verabschiedete mich bei Mr Reed und Oscar, wobei Letzterer mir mit missmutigem Blick hinterhersah. Offensichtlich machte es ihm zu schaffen, dass ich es mir herausgenommen hatte, über seine Tätigkeit zu bestimmen und er vor mir gekuscht hatte. Diese Tatsache störte mich jedoch nicht allzu sehr.
Ich rannte im Regen nach Hause und wurde von einem stürmischen Onkel Alfred begrüßt, dessen Geschäfte ihn bis heute Vormittag von zu Hause ferngehalten hatten. Tante Lillian war selig, ihren Mann wiederzuhaben, und die beiden scherzten den ganzen Abend, während ich Jackson Throug’s Reise nach Indien beendete und mir danach Onkel Alfreds Reisebericht anhörte. Er vermied es, mich nach meiner Arbeit zu fragen und ich erwähnte es ebenso wenig, damit er sich in seinem schlechten Gewissen noch ein wenig suhlen konnte.
Ich ging früh zu Bett und lauschte dem stärker werdenden Regen. Er hörte sich anders an als zu Hause, hielt mich wach und meine Gedanken begannen zu kreisen.
Obwohl gerade einmal eine halbe Woche vergangen war, fühlte ich mich sehr viel besser als zu Anfang. Ich hatte es wirklich geschafft, mich einzuarbeiten, und ich war auch nicht mehr so schrecklich langsam. Seit ich dank Henry nicht mehr versuchte, dem Bibliothekar zu imponieren, indem ich alles so schnell wie möglich erledigte, machten mir viele Dinge sogar Spaß. Neue Bücher auszupacken oder zu sehen, wie unterschiedlich die Gebiete waren, zu denen sich die Studenten Bücher ausliehen. Mir gefiel die ruhige Atmosphäre, wie das Licht durch die Glaskuppel schien und das leise Surren der Zahnräder, die sich in der Suchmaschine bewegten, das seit gestern wieder durch den Lesesaal spukte.
Nur das Archiv blieb weiterhin mein Schrecken und ich bekam eine gruselige Gänsehaut, wenn ich nur daran dachte.
Es dauerte nicht lange, bis meine Gedanken abdrifteten und zu Träumen wurden. Bis der Regen zum Meer wurde, mein Bett zu einem Boot und der Geruch der erloschenen Kerze zu den Gewürzen Indiens verschmolz.

Es regnete unermüdlich weiter und mein Onkel versuchte mich am Morgen davon zu überzeugen, die Kutsche zu nehmen, um bis zur Bibliothek vorzufahren. Doch es kam mir äußerst albern vor, für diese kurze Strecke die Pferde anzuspannen. Also ließ ich mir nur einen Schirm bringen, versicherte zum wiederholten Male, dass ich es auch alleine schaffte, und machte mich auf den Weg.
Der Regen war nicht wirklich stark, die wiederkehrenden Windböen gestalteten meinen Weg jedoch recht abenteuerlich.
Ich brauchte etwa doppelt so lange, bekam nasse Strümpfe, verlor beinahe meinen Hut und schimpfte leise, als mir der Wind den Schirm so nach hinten bog, dass er dabei kaputtging.
Da ich später dran war als die Tage zuvor, hatte Mr Reed die Bibliothek schon vor mir erreicht und die Tür bereits aufgeschlossen.
Erleichtert schob ich das schwere Holz auf und trat die paar Stufen ins Foyer. Achtlos ließ ich den zerstörten Schirm neben der Tür liegen und schüttelte erst einmal die Regentropfen ab.
So ungern ich es auch zugab, vielleicht hatte mein Onkel mit der Kutsche doch recht gehabt.
Ich wischte mir den Regen aus dem Gesicht und nahm eine Stimme wahr, die laut vor sich hin fluchte. Mr Reed schien wohl schlecht gelaunt zu sein. Noch schlechter als sonst.
Seufzend nahm ich meinen Hut ab und richtete mit schnellen Bewegungen meine Haare, während ich durchs Foyer auf den Lesesaal zulief. Ich hatte ihn gerade betreten, da traf mich ein unerwarteter Windstoß und dicke Regentropfen, die vor mir auf den Boden klatschten. Wie angewurzelt blieb ich stehen, erschrocken und ungläubig. Dann hob ich den Kopf und starrte fassungslos zur Glaskuppel hinauf, in deren hinteren Seite ein mannsgroßes Loch klaffte.
Das war doch nicht möglich! Wann war das passiert?
Und dann traf mich die volle Erkenntnis wie ein Schlag. Es regnete in die Bibliothek hinein! Panik erfasste mich.
»Bei Gott, die Bücher!«, entfuhr es mir lauter als beabsichtigt und ich raffte die Röcke, während ich ganz undamenhaft auf die Treppe zurannte, die mir am nächsten war.
»Miss Crumb. Welch ein Glück!«, rief Mr Reed erleichtert, als er am oberen Treppenabsatz auftauchte. Er trug noch seinen Mantel, der karierte Schal hing schief um seinen Hals, als hätte er begonnen ihn abzunehmen und war dabei gestört worden. Sein dunkles Haar war triefend nass und klebte an seinem Kopf. »Ich dachte schon, Sie lassen mich gerade heute im Stich«, meinte er und fuhr sich nervös durch die Haare, die danach tropfend in alle Richtungen abstanden.
»Was ist denn hier passiert?«, wollte ich wissen, erblickte jedoch im selben Augenblick auf dem Rundgang einen nassen Überseekoffer, der zweifelsohne der Übeltäter sein musste. Alles war übersät mit Glassplittern, mehrere Holzdielen waren gebrochen, dem Geländer fehlte ein ganzes Stück und von oben regnete es plätschernd in die großen Pfützen, die sich bereits gebildet hatten.
Aus dem Regal dahinter quoll aufgedunsenes Papier aus ledernen Einbänden, der nasskalte Geruch von alter Tinte hing in der Luft und mir setzte das Herz aus bei dem Anblick der zerstörten Bücher. Ein harter Klumpen bildete sich in meiner Brust und ich musste mich zusammenreißen, damit ich nicht anfing zu weinen, was sehr unprofessionell gewesen wäre.
Eine Hand legte sich auf meine verkrampfte Schulter und ich war noch zu schockiert von der Situation, um überhaupt darauf zu regieren.
»Ruhig atmen. Wir kriegen das hin«, sagte Mr Reed mit weicher Stimme, die ich so wenig erwartet hätte, dass sie mich aus meiner Starre riss.
Erschrocken sah ich zu ihm auf in seine müden Augen, unter denen sich dunkle Ringe zeigten, und versuchte mich zusammenzureißen, langsamer zu atmen, meinen Puls zu beruhigen.
Er hatte recht. Wir würden das wieder hinkriegen und Panik würde mir da gar nicht weiterhelfen. Eins nach dem anderen.
Mr Reed nahm die Hand wieder weg und hinterließ eine kalte Stelle. »Ich werde gehen und jemanden holen, der aufs Dach steigt und die kaputten Scheiben abdeckt. Sie werden anfangen, die Bücher aus den Regalen auf die andere Seite des Raumes zu schaffen«, ordnete er an, während er sich den Schal band. »Ich werde nicht lange weg sein. Lassen Sie keine Studenten rein, außer sie bieten ihre Hilfe an.«
Ich nickte und versuchte mich an einem Lächeln, was kläglich misslang. Ich war nass, ich fror und der weiter hereinströmende Regen hatte sicher an die hundert Bücher zerstört. Ich war schockiert und außer mir, wollte mir nicht mal vorstellen, wie viel Arbeit auf uns warten würde.
»Miss Crumb«, hörte ich meinen Namen und richtete meinen Blick, der zurück zu dem Chaos aus Glas, Papiermatsch und Holzsplittern gewandert war, wieder auf Mr Reed.
Seine Augen blickten aufmerksam, seine Haltung war abwartend und seine Hände zuckten, als könnte er sich nicht entscheiden, ob er mich nun berühren wollte oder nicht. »Ich brauche Sie jetzt«, redete er sanft auf mich ein und ich nickte wieder.
Er brauchte mich. Obwohl ich nur eine Frau war, die er hin und her gescheucht hatte. Er brauchte mich jetzt und hier, und ich würde tun, was ich konnte, um zu helfen.
»Ja, Mr Reed«, brachte ich brüchig hervor und straffte die Schultern.
Seine Mundwinkel zuckten, sein Blick ruhte noch einen Moment auf mir, dann seufzte er und wandte sich der Treppe zu. Seine Schritte verhallten im Saal und erst das Zuschlagen der Tür erlöste mich aus meiner Untätigkeit.
Ich machte mir selbst Mut, versuchte mich damit zu beruhigen, dass meine Arbeit wichtig war, und setzte mir meinen Hut wieder auf den Kopf. Eilig holte ich mir einen leeren Bücherwagen, trat dann in den Regen und zog das erste Buch aus dem Regal. Mit einem Schnalzen löste ich es von seinen Nachbarn und als ich den Deckel ein wenig zusammendrückte, floss ein Schwall dunkelblauen Wassers heraus.
Mein Herz blutete. Dieses Buch würde wohl niemand mehr retten können.
Der Schaden begrenzte sich auf einen Teil der medizinischen Abteilung, von G bis M und auch nur auf die Bücher oben auf dem Rundgang. Die Bücher darunter hatten lediglich ein paar Spritzer abbekommen, die dunkle Flecken auf die ledernden Einbände machten. Ich hatte bereits drei Regalbretter leer geräumt und zur Seite geschafft, da kam Mr Reed wieder zurück. Er schien noch nasser zu sein als vorher und ordnete an, den Kamin im Aufenthaltsräumchen anzufeuern, von dem ich nicht mal gewusst hatte, dass er existierte. Ich ging, um ihn zu suchen und fand ihn hinter einigen Kisten, die ich mir längst vorgenommen hatte wegzuräumen.
Der Kamin war klein, eher ein Ofen und ich zog einen Korb mit Holz unter einem Stapel vergilbter Zeitungen hervor. Zum ersten Mal schien es mir ein Vorteil zu sein, vom Land zu stammen, denn ein Feuer zu machen war für mich tägliche Routine gewesen.
Ich brauchte nicht lange, um ein paar dünne Hölzer zu stapeln, dickere Holzscheite darüber zu lagern und den Rest mit Spänen zu stopfen. Im Korb fand ich ein paar Zündhölzer und benutzte die Zeitung, um das Feuer zu entfachen. Als die Wärme zunahm und nicht nur meine Hände, sondern auch mein Gesicht und den Rest meines Körpers erreichte, seufzte ich wohlig und gab mir ein paar Sekunden, in denen ich einfach nur vor dem Feuer hockte, ehe ich die Klappe schloss und wieder auf die Galerie hinauseilte.
Mr Reed schob mir einen Wagen mit Büchern hin und ich stellte erleichtert fest, dass sie nicht ganz so ramponiert waren wie die, die ich bisher aus den Regalen geholt hatte. »In den Raum zum Trocknen!«, befahl er mir und wischte sich das nasse Haar aus den Augen.
»Verflucht«, hörte ich Oscar, als er mit Cody im Schlepptau auf den Rundgang hochkam.
»Einen Wagen holen und Bücher aus der Gefahrenzone bringen!«, wandte sich Mr Reed an die Jungen und genau in diesem Moment hörte es ganz plötzlich auf zu regnen. Alle Blicke wanderten nach oben, wo gerade mehrere Männer ein großes Wachstuch über die Scheiben spannten.
»Neuer Plan, Jungs. Geht rüber ins Personalgebäude und lasst euch von Mrs Christy Tücher zum Aufwischen geben«, erklärte Mr Reed und die beiden verschwanden wortlos wieder die Treppe nach unten.
Mr Reeds Blick wanderte zu mir und er lächelte. Es war der surrealste Moment, den ich mir hätte ausdenken können. Er stand in seiner Bibliothek, von oben bis unten durchnässt, in jeder Hand ein völlig ruiniertes Buch und doch konnte er sich darüber freuen, dass kein Wasser mehr in seine heiligen Hallen tropfte.
»Wie geht es mit dem Feuer voran?«, erkundigte er sich bei mir, legte die zwei Bücher auf einen Stapel mit anderen tropfnassen Schriftstücken, die rettungslos verloren waren, und kam auf mich zu.
Er versuchte es sich nicht anmerken zu lassen, aber ich konnte sehen, dass er fror.
»Es brennt«, informierte ich ihn und er hob überrascht eine Augenbraue. Er hatte wohl nicht erwartet, dass mir so etwas leicht von der Hand ging. »Ich komme vom Land, Mr Reed«, klärte ich ihn daher auf und er nickte nur. »Sie sollten sich eine Weile davorsetzen und die Bücher trocknen, solange ich hier draußen weitermache«, bot ich ihm an und wartete seine Antwort gar nicht erst ab. Ich schob ihm den Wagen hin, den er mir gerade zugewiesen hatte, raffte meine Röcke, um über eine Pfütze zu balancieren, und begann dann, Papierfetzen vom Boden aufzuklauben.
Hinter mir hörte ich die Räder des Wagens rattern und lächelte heimlich darüber, dass er auf mich gehört hatte.
Es dauerte sicher noch eine weitere Stunde, bis alles trocken gewischt und sauber gekehrt war. Ein paar der Studenten, die an diesem Vormittag in der Bibliothek aufgetaucht waren, halfen mit, die Scherben und Splitter nach draußen zu schaffen und die Metallschilder von den kaputten Büchern abzutrennen.
Hundertdreiundzwanzig Bücher waren dem Regen zum Opfer gefallen. Dazu kamen noch etliche, von denen wir dachten, sie doch noch retten zu können. Es war einfach nur ärgerlich und jedes Metallplättchen, das in die kleine Kiste wanderte, war wie ein Stich in meinem Herzen.
Wir würden all diese Bücher neu beschaffen müssen. Ein Glück, dass es über alle Werke so detaillierte Aufzeichnungen gab. Resigniert seufzte ich in mich hinein, denn es würde ganz sicher meine Aufgabe sein, all die Anschriften zusammensuchen zu müssen und mit den Daten der Bücher zu notieren.
Ich rieb mir gerade die Hände warm und wollte im Lesesaal an einem der Tische damit beginnen, die Plättchen alphabetisch nach Autoren zu ordnen, da stellte jemand eine Tasse Tee vor mir ab.
Mein Blick folgte der schmalen Hand, die mir so bekannt war, bis zu ihrem Besitzer. Henry zog sich den Stuhl neben mir heraus.
»Ich hab gehört, was passiert ist«, sagte er und ich lächelte ihn traurig an.
»Danke für den Tee«, antwortete ich ihm nur und nahm die heiße Tasse zwischen meine klammen Finger.
»Ich hab eine ganze Kanne dabei«, gab er zurück und ich lachte. Henry war wirklich ein sehr fürsorglicher Mensch. Genau wie meine Mutter. Nur dass sie es viel zu oft damit übertrieb.
»Wir sollten Mr Reed eine Tasse nach oben bringen«, meinte ich schnell und erhob mich schon von meinem Stuhl.
»Hört, hört. Für Mr Reed«, spottete mein Bruder spaßhaft und zauberte eine zweite Tasse aus seiner Manteltasche. »Er hat seinen Thron als Höllenkreatur dann wohl hinter sich gelassen, hm?«, ärgerte er mich und ich sah ihn missbilligend an.
»Wenn er einen gerade nicht herumscheucht wie einen Leibsklaven. Ja, dann vielleicht«, gestand ich ein und nahm die Tasse entgegen, die Henry daraufhin aus einer chinesischen Kanne mit Tee füllte.
»Ich bin stolz auf dich«, sagte Henry und lächelte das Lächeln eines großen Bruders.
Ich wusste nicht genau, wie das für ihn nun wirklich zusammengehörte, aber ich beließ es dabei und freute mich, keine Rüge von ihm zu bekommen.
Die Tasse balancierend, betrat ich das kleine Zimmerchen, in dem Mr Reed gerade einen Holzscheit im Ofen nachlegte.
»Mein Bruder ist unten und hat Tee mitgebracht«, informierte ich ihn und stellte die Tasse auf einen freien Platz zwischen die Bücher. Mr Reed hatte sie auf dem Tisch ausgebreitet, die Buchdeckel geöffnet, sodass das wellige Papier in der warmen Luft des Raumes trocknen konnte.
»Danke«, antwortete der Bibliothekar und erhob sich von dem Ofen. Seine Kleidung war nicht mehr so nass wie zuvor, sein dunkles Haar stand nun jedoch struppig vom Kopf ab. Ich verkniff mir ein Lächeln, denn sein schon beinahe unordentliches Erscheinungsbild ergab einen sehr viel sympathischeren Mann als den reservierten, starren Beamten, den er sonst mimte.
»Ihr Bruder?«, erkundigte Mr Reed sich und nahm die Tasse zur Hand. »Henry Crumb?«
»Ja«, bestätigte ich und es war ein seltsames Gefühl, dass die beiden sich kannten.
»Guter Student, Ihr Bruder«, antwortete er mir wie beiläufig und trank einen Schluck Tee, den er sichtlich genoss. Dann seufzte er und wandte sich mir zu. »So, am besten sollten Sie sich die beschädigten Bücher vornehmen und mir eine Liste der Anschriften der Herausgeber heraussuchen«, erklärte er mir und ich straffte die Schultern.
»Ich habe bereits damit begonnen«, gab ich zurück und drehte mich der Tür zu. Mr Reed wandte sich ebenfalls von mir ab, um sich wieder den Büchern zu widmen, doch ich konnte noch das Lächeln sehen, das sich heimlich auf seine Lippen gelegt hatte. Und für einen kleinen Moment war ich wirklich stolz auf mich.
Schon nach den ersten fünfzehn Büchern, die ich in den Akten nachschlug, stellte ich fest, dass mir alle Unterlagen der letzten zweieinhalb Jahre fehlten. Ich hatte keine Ahnung, wo ich sie suchen musste und auch nach mehrfachem Nachblättern fand ich keinen Hinweis darauf, dass man sie woanders untergebracht hätte oder sie entfernt worden wären.
Als ich Mr Reed darauf ansprach, erklärte er mir lediglich, dass er die Informationen in seinem Büro hätte und sie mir bringen würde, sobald er mit den Officers von der Metropolitan Police gesprochen hätte. Sie waren vor ein paar Minuten bei uns eingetroffen, um sich der Sache mit dem Überseekoffer anzunehmen. Sie äußerten eine Theorie über vorsätzliche Sachbeschädigung, einen Anschlag möglicherweise. Doch Mr Reed vertrat die Ansicht, dass es sich um einen Unfall handelte und einmal mehr ein Gepäckstück auf der Reise mit einem Luftschiff verloren gegangen war. Man versprach, darüber Erkundigungen einzuholen und eine Dreiviertelstunde später kam Mr Reed mit einigen losen Zetteln zu mir.
Es waren ein paar der Seiten, die ich gesucht hatte, aber längst nicht alle.
Ich erledigte, was ich mit dem wenigen, was mir zur Verfügung stand, schaffen konnte und verpasste mal wieder meine Mittagspause. Neben dem Aktenwälzen hatten sich nämlich noch viele andere Arbeiten angestaut, die mich auf Trab hielten. Die Zeitungen und der Archivgang zum Beispiel.
Die Liste in meinen Händen wurde immer länger und zum Ende hin fehlten mir nur noch acht Bücher, die sich nicht in den Akten finden ließen.
Ich suchte nach Mr Reed, um ihn danach zu fragen, doch er war unauffindbar. Ein älterer Herr mit Schiebermütze und nasser Hose sprach mich an und erkundigte sich wegen der neuen Fenster, die nun eingesetzt werden mussten. Ich vertröstete ihn damit, dass ich diesbezüglich keine Auskünfte geben konnte und suchte weiter nach dem Bibliothekar.
Erst Oscar gab mir einen Hinweis, dass Mr Reed so wie mittwochs auch am Freitag für gewöhnlich ab dem Mittag spurlos verschwand.
Obwohl ich an diesem Tag bislang recht gut auf diesen Mann zu sprechen gewesen war, grollte in mir nun die Wut wieder auf. Wie konnte er an einem solch chaotischen Tag einfach verschwinden? Ihm musste doch klar sein, dass es viel zu tun und eine Menge zu entscheiden gab, und dass ich weder die Erfahrung noch die Befugnis hatte, all das allein zu bewerkstelligen.
Die Zeit schritt trotzdem voran, noch drei weitere Menschen fragten mich nach wichtigen Entscheidungen, und als Big Ben endlich fünf Uhr schlug, war ich völlig entnervt, wütend und hatte immer noch die acht Bücher, die mir auf meiner Liste fehlten. Es ärgerte mich, das nicht abschließen zu können, und ich beschloss, mir die Unterlagen auf eigene Faust zu besorgen.
So schwer konnte es ja nicht sein, ein paar Akten aus einem Büro zu holen.
Ich wartete, bis Oscar und Cody um sechs gingen und sich mit ihnen auch die Türen der Bibliothek für heute schlossen. Ich hatte genug zu tun, um die zusätzliche Zeit zu füllen, und schlich mich anschließend nach oben. Gerne hätte ich behauptet, dass ich ein schlechtes Gewissen hatte, in das Büro meines Vorgesetzten einzubrechen, doch dem war nicht so. Jahrelanges Lauschen an Türen hatte mein Gewissen abgestumpft.
Halb erwartete ich, die Tür verschlossen vorzufinden, aber sie war es nicht und so schob ich sie langsam in den Raum hinein.
Ich hatte viele Vorstellungen in meinem Kopf, wie der Raum dahinter aussehen mochte. Und doch stand ich wie gelähmt im Türrahmen, als sich Mr Reeds privates Reich vor mir auftat.
Damit hatte ich bei Weitem nicht gerechnet.
Der Raum war ein einziges Schlachtfeld. Bücher und Papiere bedeckten jeden freien Platz. Der Schreibtisch war zwischen den Stapeln darauf und drum herum kaum zu erkennen.
Die Fenster waren mit Vorhängen verdunkelt, die schief auf der Stange hingen, und aus jedem Schrank quoll das Chaos in den Raum hinein.
Ich holte tief Luft und schmeckte den Staub darin. Die Akten zu finden, die ich benötigte, würde sich wohl schwieriger gestalten, als ich angenommen hatte.
Das Zehnte oder das, in dem ich die Fronten klärte.

Ich war so müde wie noch niemals zuvor in meinem jungen Leben, das früher nur mit Müßiggang und dem Lesen im Bett angefüllt gewesen war. Alle Verantwortung und Terminpflicht hatte ich von mir ferngehalten und jetzt wusste ich auch wieso.
Lange nach Mitternacht wankte ich im Licht einer Laterne nach Hause und schlief auf dem Weg einzig aus dem Grund nicht ein, weil der permanente Nieselregen mir das Gesicht kühlte. Ich war selbst zu müde, um mich vor der Dunkelheit zu fürchten.
Das Haus meines Onkels sah bei Nacht genauso aus wie die Häuser rechts und links und starrte mir aus grauen Fenstern entgegen.
Mr Dolls machte mir auf, nachdem ich leise den Türklopfer betätigt hatte und betete, dass noch jemand um diese Uhrzeit wach war, um mich zu hören. Er war ordentlich bekleidet und hellwach, was mir den Schluss offenlegte, dass er wohl auf mich gewartet hatte. Der Butler beäugte mich besorgt, sagte aber nichts dazu, dass ich erst mitten in der Nacht nach Hause kam.
»Erzählen Sie es meinem Onkel und meiner Tante nicht«, bat ich ihn und er nickte, den gütigen Ausdruck unverändert auf seinem bereits mit Falten durchzogenen Gesicht.
»Wünschen Sie noch etwas zu essen, Miss?«, erkundigte er sich leise und nahm mir die Laterne ab, die im mit Kerzen erleuchteten Flur nicht mehr vonnöten war.
»Ich wünsche nur zu schlafen. Danke«, antwortete ich ihm schwach und spürte, wie meine Zunge langsam schwer wurde. Mühsam schleppte ich mich die Treppen hinauf in mein Zimmer, schälte mich aus meinen Kleidern und ließ alles achtlos zu Boden fallen. Es war mir egal, dass es keine Ordnung hatte und dass die Regennässe nun Gelegenheit bekam, Stockflecken auf dem Stoff zu hinterlassen. Ich hatte die letzten Stunden genug Ordnung geschaffen, um noch lange von dem Gefühl zu zehren.
Doch als mein Kopf schließlich auf dem Kissen lag, wollte er einfach nicht zur Ruhe kommen. Immer wieder kreisten Gedanken über die Dinge darin, die noch zu tun waren. Und die ich schon getan hatte.
Ich hatte jedes Dokument, jeden Brief, jedes Buch, jede Mappe, jedes Schriftstück, jede Notiz sortiert, auf Stapel verteilt und in Akten geordnet. Dabei waren Dokumente aus den letzten zwei Jahren zum Vorschein gekommen und ich wollte mir gar nicht vorstellen, wann dieses Chaos seinen Ursprung gehabt hatte.
Wie konnte Mr Reed nur so arbeiten?
Ich war getrieben gewesen von der Vorstellung, dass sich die Unordnung ausbreiten könnte, und da ich nun mal damit begonnen hatte, musste ich es auch zu Ende bringen.
Als ich die Bibliothek verließ, war Mr Reeds Büro ein Zimmer von vorbildlichem Charakter. Er hätte darin Gäste empfangen können, so ordentlich war es.
Auf der Tischplatte, die nun wieder frei war, um daran zu arbeiten, lag die Liste der zu ersetzenden Bücher mit den dazugehörigen Adressen, in Gruppen sortiert und alphabetisch geordnet.
Vielleicht mochte man mir einen gewissen Perfektionismus anhängen, doch dafür würde ich niemals so ein Durcheinander an meinem Arbeitsplatz dulden.
Es dauerte lange, bis ich schließlich einschlief und ich verbrachte eine sehr kurze, traumlose Nacht, in der ich immer wieder von dem Regen auf dem Dach geweckt wurde.
Nach gerade einmal dreieinhalb Stunden Schlaf klopfte es an meiner Tür und ich wusste, dass es Zeit war, wieder aufzustehen. Mein Kopf war erstaunlich leicht, dafür, dass ich kaum geschlafen hatte, aber mir war schmerzlich bewusst, dass dieses seltsame Gefühl wohl kaum lange anhalten konnte und ich heute Nachmittag vor Müdigkeit einknicken würde.
Ich zog mich an, kämmte mir das wirre Haar und steckte es zu einem einfachen Knoten zusammen. Zu mehr war ich nicht imstande.
Mein Onkel und meine Tante setzten sich zu mir an den Frühstückstisch und ich zwang mir einen Toast mit Butter rein, damit sie nicht merkten, dass etwas nicht stimmte.
Tante Lillian war jedoch viel zu aufmerksam, als dass sie mir das einfach so durchgehen ließ, und ihre hellen Augen fixierten mich, während sie selbst an ihrem Tee nippte.
»Animant, kann ich dich fragen, wo du gestern Abend gewesen bist?«, fragte sie ganz vorsichtig und Onkel Alfred legte seine Zeitung zur Seite.
»Ich war in der Bibliothek«, gab ich ohne Umschweife zurück und rührte mir einen Schluck Milch in meinen Tee.
»In der Bibliothek? Lässt dich dieser Bibliothekar etwa bis in die Nacht schuften?!«, empörte sich Onkel Alfred aufbrausend und ich hätte gerne mit den Augen gerollt. Doch Tante Lillian hatte mich im Blick und ich wollte sie nicht kränken.
»Nein, Onkel Alfred. Ich war freiwillig dort«, beschwichtigte ich ihn schnell und sah ihn nun über den Tisch hinweg an. In seinen Augen stand die Wut geschrieben, seine buschigen Augenbrauen verdunkelten sein ganzes Gesicht. »Ein Überseekoffer ist durch die Glaskuppel gebrochen und der Regen hat einen Teil der medizinischen Abteilung zerstört. Ich konnte nicht weg«, erklärte ich und unterschlug, dass Mr Reed sehr wohl hatte weggehen können. Er hatte mich mit dem ganzen Schlamassel allein gelassen und dann war ich in das Chaos in seinem Büro gestürzt wie Alice in den Kaninchenbau. Nur dass mich hinter all dem Papier nicht das Wunderland erwartet hatte, sondern nur noch mehr Papier.
»Das ist ja schrecklich!«, rief Tante Lillian schockiert. »Hast du das gewusst, Alfred?«, wandte sie sich an ihren Mann, der recht ratlos dreinblickte. Er hatte es also noch nicht mitbekommen.
»Ich nehme an, dass ich es wohl nachher erfahren hätte«, brummte er in seinen Bart und ich nickte nur. »So, Ani, da du ja heute nur bis Mittag arbeitest, schlage ich vor, ich hole dich um halb eins mit der Kusche ab, dann können wir zusammen essen«, wechselte Onkel Alfred geschickt das Thema, um nicht weiter darauf eingehen zu müssen, dass an seiner Universität Dinge vor sich gingen, von denen er nichts wusste.
Ich sah ihn nur mit großen Augen an. Mir war nicht bekannt gewesen, dass ich heute nur bis Mittag arbeiten musste. Schon wieder etwas, das Mr Reed vergessen hatte, mir mitzuteilen.
Onkel Alfred räusperte sich und erwähnte, dass wir ja anschließend zum Luftschiffplatz fahren könnten, an dem Mr Boyle um halb zwei landen würde. Da ich noch nie ein Luftschiff von Nahem gesehen hatte, wäre es eine gute Gelegenheit, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Er lächelte Tante Lillian verschwörerisch zu, als ich zusagte, und ich rollte nun doch heimlich mit den Augen.
Die beiden sahen Mr Boyle und mich wahrscheinlich schon als so gut wie verlobt an, nur weil wir uns einmal nett unterhalten hatten. Das war mehr als albern. Ich hatte in der vergangenen Woche nicht öfter als zweimal an diesen Herrn gedacht und keiner dieser Gedanken war schwärmerischer Natur gewesen. Mein Herz war nicht so schnell ins Wanken zu bringen und ich zweifelte schon seit Längerem daran, dass ich überhaupt dazu fähig war, mich wahrlich zu verlieben.
Auf dem Weg zur Bibliothek ging ich die Aufgaben durch, die ich heute erledigen musste. Die Zeitungen hatte ich vernachlässigt und auch in meiner Kammer gab es noch so einiges zu tun. Außerdem vermutete ich, dass es am heutigen Tage mehr Studenten in die Bibliothek ziehen würde als sonst. Erstens, weil heute Samstag war und somit ein vorlesungsfreier Tag. Zweitens, weil viele von ihnen gestern nicht die Gelegenheit gehabt hatten, in der Bibliothek zu lernen. Und drittens, weil alle Menschen neugierig waren und sicher eine Menge Studenten nur aus einem Vorwand heraus ein Buch entleihen würden, um das Chaos zu sehen, das der Überseekoffer angerichtet hatte.
Ein Grund mehr, warum ich mich freuen sollte, heute schon am Mittag wegzukommen.
Es hatte aufgehört zu regnen, Nebelfetzen zogen durch den Park und kalt unter meinen Rock. Ich war mal wieder vor Mr Reed an der Tür der Bibliothek und als ich seine Gestalt durch den leichten Nebel auf mich zukommen sah, kam er mir beinahe schon vertraut vor. Jedes Mal, wenn mein Blick auf ihn fiel, machte sich in meinem Innern ein beklemmendes Gefühl breit, eine explosive Mischung aus Einschüchterung und Wut.
Doch heute früh war die Wut stärker als der Rest meiner Empfindungen. Denn gestern Nacht war mir eine Erkenntnis gekommen und die befähigte mich neuerdings, nicht mehr vor diesem Mann kuschen zu müssen.
»Guten Morgen, Mr Reed«, grüßte ich ihn recht neutral und er sah mich an.
»Guten Morgen, Miss Crumb«, gab er den Gruß zurück und kramte in seiner Manteltasche nach dem Schlüssel.
Innerlich brodelte ich. »Mr Reed, ist es richtig, dass ich an einem Samstag schon am Mittag gehen kann?«, hakte ich sofort nach und Mr Reed öffnete die Tür.
»Das ist richtig«, antwortete er mir, als handelte es sich um eine Selbstverständlichkeit, in die ich schon längst eingeweiht sein müsste.
»Und warum, Mr Reed, haben Sie dann nicht die Güte, mir dies auch mitzuteilen? Hätte mein Onkel es nicht heute morgen erwähnt, hätte ich es nicht gewusst«, redete ich auf ihn ein, während wir die Bibliothek betraten und er sich noch auf dem Weg in den Lesesaal den Mantel auszog und ihn über eine Stuhllehne warf.
Er schnaubte und drehte sich mir zu, während er sich seine Krawatte richtete. »Miss Crumb«, seufzte er, als ob ich ein kleines Kind wäre, doch diesmal würde ich mir das nicht gefallen lassen.
»Sparen Sie sich das«, fiel ich ihm ins Wort und starrte ihn finster an. »Gestehen Sie sich lieber ein, dass Sie nicht unfehlbar sind. Es ist nicht mein Verfehlen, wenn ich solche Dinge nicht weiß, sondern Ihres«, platzte es förmlich aus mir heraus und obwohl ich mich nicht hatte zurückhalten können, fürchtete ich gleichzeitig, dass meine Worte zu scharf gewesen waren für den Anfang dieser Unterhaltung.
Mr Reed sah mich verwundert an. »Sie haben wohl schlecht geschlafen«, kommentierte er nur, drehte sich dann auf dem Absatz um, nahm seinen Mantel in der gleichen Bewegung wieder auf und marschierte auf die Treppen zu.
»Ich habe sogar äußerst schlecht geschlafen, aber das ist sicher nicht der Grund für meine Aufgebrachtheit«, nahm ich den Gesprächsfaden wieder auf, den Mr Reed so plump hatte fallen lassen, und raffte meine Röcke, um ihm die Stufen nach oben zu folgen.
»Es ist also meine Schuld, dass Sie mit Ihrer Arbeit nicht zufrieden sind?«, drehte er mir das Wort im Munde um und ich schnaufte wütend, als ich hinter ihm herhastete.
»Das habe ich nicht gesagt«, verteidigte ich mich.
»Ich halte Sie hier nicht fest. Sie können jederzeit gehen und Ihrem Onkel schöne Grüße von mir ausrichten«, meinte er recht bissig, während er nach der Klinke seiner Bürotür griff.
»Das hätten Sie wohl gerne!«, fauchte ich und seine Augen richteten sich fest auf mich.
»Ja, das hätte ich gerne!«, zischte er zurück und riss seine Tür auf, um in dem Raum dahinter der Unterhaltung zu entfliehen. Doch der Schritt, den Mr Reed in das Zimmer setzen wollte, wurde ein kleines Stolpern und er klammerte sich mit schockiertem Gesichtsausdruck an seinem Türrahmen fest.
Ich hätte ihm gerne an den Kopf geworfen, dass er gestern noch behauptet hatte, er würde mich hier brauchen, schürzte jedoch lediglich die Lippen, denn er hätte mir sicher nicht zugehört.
»Bei Gott, was ist das?!«, stieß er hervor und seine Augen wurden so weit, dass es mir ungesund vorkam.
»Ihr Büro, Mr Reed. Und zwar so, wie es aussehen müsste, damit man darin effektiv arbeiten kann!«, erwiderte ich erzürnt und verschränkte die Arme vor der Brust. Es war mir egal, wie trotzig ich dabei aussah, denn ich hatte meinen Schlaf geopfert, um dem Chaos Herr zu werden.
»Waren Sie das etwa?«, fuhr Mr Reed mich an und die Wut erreichte seine Augen. Aber jetzt konnte er mich nicht mehr einschüchtern. Ich kannte seine Schwächen.
»Natürlich war ich das! Aber es hätte nicht meine Aufgabe sein sollen, sondern Ihre!«, antwortete ich ihm im gleichen Ton und Mr Reeds Finger krampften sich um das Holz des Türrahmens, bis die Fingerknöchel weiß hervortraten.
»Das ist mein Büro, Miss Crumb. Sie haben darin überhaupt nichts verloren«, platzte ihm der Kragen und seine Stimme wurde deutlich lauter.
»Das sagen Sie. Aber ich habe versucht, meine Arbeit zu machen. Sie haben es nicht einmal geschafft, mir die nötigen Unterlagen bereitzustellen. Wären Sie hier gewesen, hätte ich Sie ja gefragt. Aber Sie hatten es ja für wichtig erachtet, einfach so zu verschwinden«, keifte ich zurück, löste meine Hände aus ihrer Verschränkung und zeigte anklagend mit dem Finger auf den Bibliothekar.
»Ich habe Termine wahrgenommen«, verteidigte er sich zu meiner Überraschung und ich erahnte einen wunden Punkt, den ich sogleich in Angriff nahm.
»Sie haben mich in der Stunde der Not hier allein gelassen, an einem Tag wie gestern. Sie hätten mir wenigstens Bescheid geben können, Sie Unmensch!«, warf ich ihm an den Kopf und die Wut trieb mir die Tränen in die Augen.
»Das gibt Ihnen noch lange nicht das Recht, in mein Büro einzubrechen und all meine Ablagen zu durchwühlen«, versuchte er dagegenzuhalten, aber seine Abwehr schwankte. Die Tränen in meinen Augen machten ihn weich. Ich wischte sie weg, wollte ihm ebenbürtig gegenüberstehen und nicht wie jemand, den man zu bemitleiden hatte.
»Ablagen? Dass ich nicht lache«, rief ich und langsam wurde mir zu heiß in meinem dicken Mantel. Die Hitze des Streites drückte mir auf die Brust und ich begann an meinen Knöpfen zu fingern, ohne Mr Reed aus den Augen zu lassen. »Wenn Sie mir jetzt erzählen wollen, dass es in der Unordnung ein System gab, dann werde ich Sie einen Lügner nennen, Mr Reed!«
»Sie haben doch keine Ahnung!«, wies er meinen Vorwurf von sich.
»Doch, die habe ich, ob es Ihnen passt oder nicht. Sie scheuchen mich, Sie sehen auf mich herab, schon seit ich diese Bibliothek betreten habe. Sie schätzen mich gering und schimpfen mich eine langsame und unfähige Person. Sie machen mich klein, um sich groß zu fühlen, dabei sind Sie keinen Deut besser als ich!«, begann ich meine Schimpftirade und holte nicht lang genug Luft, als dass Mr Reed mich hätte unterbrechen können. »Sie leben eine Unordnung, die Ihnen über den Kopf wächst. Sie sind zu unorganisiert, um Ihre Arbeit in den Griff zu bekommen und wälzen Ihren Ärger auf mich ab. Wissen Sie, ich dachte, Sie wollten mich schikanieren, indem Sie mir so viele Informationen vorenthalten, aber ich habe mich geirrt. Jetzt weiß ich, dass Sie es nur vergessen haben, weil in Ihrem Kopf genauso viel Unordnung herrscht wie in Ihrem Büro!« Ich holte tief Atem, zog mir mit einem Rück den Mantel von den Schultern und ließ Mr Reed einfach stehen, während ich an ihm vorbei zum kleinen Räumchen nebenan ging.
»Miss Crumb«, begann Mr Reed und seine Stimme war dunkel vor Wut.
Doch ich ließ ihn nicht sprechen. Nicht jetzt. Das hier war mein Moment und ich würde ihn mir bewahren. »Wagen Sie es ja nicht, mich je wieder zu kritisieren, wenn Sie davor nicht verdammt noch mal dafür gesorgt haben, dass Sie perfekt sind!«, fauchte ich wie eine teuflische Straßenkatze in ihrem achten Leben und schenkte ihm einen so niederschmetternden Blick, dass Mr Reed die Erwiderung im Hals stecken blieb und er ohne ein weiteres Wort langsam, wie im Rückzug, in seinem Büro verschwand.
Ich hängte meinen Mantel an seinen Haken, atmete so lange ein, bis meine Lunge nichts mehr aufnehmen konnte, und ließ die Luft langsam wieder entweichen.
Meine Hände zitterten, mein Kopf fühlte sich ganz leer an und all die Wut, die ich seit meinem ersten Arbeitstag mit mir herumgetragen hatte, war wie durch Zauberhand verschwunden. Ich hatte sie herausgeschrien und ich wusste, dass es nun in Zukunft in dieser Bibliothek anders für mich laufen würde. Die größere Veränderung würde aber wohl Mr Reed bevorstehen. Das konnte ich ihm versprechen!
Das Elfte oder das, in dem mein Herz hüpfte.

Meine Zeit rannte davon und füllte sich mit dem Sortieren von Büchern, dem lästigen Gang ins Archiv und einer Menge Buchrückgaben.
Als mein Onkel sich plötzlich neben mir räusperte und ich beim Einräumen der Bücher beinahe drei Geschichtswälzer fallen ließ, war ich völlig überrascht, dass es bereits Mittag sein sollte. Doch ein Blick auf die Uhr im Foyer bestätigte die Richtigkeit seiner Anwesenheit und ich ging meinen Mantel holen.
Für einen Moment blieb ich vor Mr Reeds Tür stehen, fragte mich, ob ich einfach gehen und ihn in seinem Büro weiter schmollen lassen sollte.
Denn das tat er. Seit unserem Streit hatte er die Tür seines Raumes nicht geöffnet und ich hatte keinen Mucks mehr von ihm gehört.
Ich seufzte in mich hinein. Wenn ich jetzt ging, ohne ihn noch einmal zu sprechen, würde sich die Situation zwischen uns sicher über den freien Tag hinweg verschlimmern; und am Montag wieder hier zu erscheinen, würde mich große Überwindung kosten.
Zaghaft klopfte ich gegen die Tür. Ein leises Geräusch in einem so stillen Gebäude und doch schien es im Raum dahinter gänzlich zu verschwinden.
Ich hörte das leise Rascheln von Papier, das Knarren von Holz, auf dem das Gewicht verlagert wurde, und ein erschöpftes Seufzen. »Herein«, rief Mr Reed und ich öffnete die Tür einen Spaltbreit.
Das Büro sah noch fast so aus, wie ich es gestern verlassen hatte. Die Bücher in den Regalen, die Akten in den Schränken, die Vorhänge geöffnet. Nur auf dem Schreibtisch sah ich die Ansätze des Chaos wieder, welches ich gestern beseitigt hatte.
Mr Reed saß auf seinem Stuhl, einen Stapel Briefpapiere, ein geöffnetes Tintenfass, Briefumschläge und die Liste mit den zerstörten Büchern vor sich, die er wohl gerade abarbeitete.
Er schrieb also an all diese Adressen? Fünfundachtzig Adressen, fünfundachtzig Briefe.
»Miss Crumb?«, sprach Mr Reed mich an, als ich nicht reagierte und nur starr im Türrahmen stand.
Ich blinzelte. »Sie schreiben all diese Briefe persönlich?«, erkundigte ich mich schockiert, obwohl ich mich eigentlich nur hatte verabschieden wollen.
»Ja«, antwortete er mir knapp und hielt sich noch reservierter, als er es sonst tat. Es war der Streit, der zwischen uns stand und den ich begonnen hatte. Also war es auch an mir, ihn wieder zu beenden.
»Ich könnte Ihnen dabei helfen«, bot ich an und Mr Reeds Blick richtete sich auf mein Gesicht. Er nahm die Brille von der Nase, musterte meine Gesichtszüge, versuchte wohl die Bedeutung dahinter zu finden.
Aber es gab keine, außer dass ich meine Hilfe anbot.
Mr Reed kniff die Lippen zusammen, entspannte sie wieder, senkte den Blick auf die Briefe vor ihm. »Das ist zuvorkommend, Miss Crumb. Aber ich kenne viele dieser Männer schon seit Jahren. Sie wären beleidigt, wenn ich ihnen nicht persönlich schreiben würde.«
Ich nickte, entsann mich, weshalb ich ursprünglich an der Tür geklopft hatte, und ein Lächeln legte sich auf meine Lippen. Ich wusste nicht genau warum, aber irgendwas an dieser Situation gab mir ein gutes Gefühl.
»Na gut. Dann gehe ich jetzt. Ich wollte Ihnen nur einen guten Tag wünschen«, teilte ich dem Bibliothekar mit und er nickte.
»Guten Tag, Miss Crumb«, antwortete er mir mit ruhiger Stimme und ich wandte mich zum Gehen. »Miss Crumb!«, hielt mich Mr Reed jedoch zurück, während er seinen Stuhl zurückschob und eilig aufstand.
Ich drehte ihm den Kopf zu und hob fragend die Augenbrauen.
»Kommen Sie am Montag wieder?«, erkundigte er sich und ich war überrascht, dass ich ihm anscheinend Grund gegeben hatte, das zu bezweifeln.
»Ja, Mr Reed«, bestätigte ich ihm also und zog dann sachte die Tür hinter mir zu.
Eilig stieg ich die Treppe hinunter und schloss zu meinem Onkel auf, der im Foyer auf mich wartete. Er bot mir den Arm an und ich hakte mich unter, als es mir plötzlich aufging. Der Grund für mein gutes Gefühl, das mich gerade zum Lächeln gebracht hatte. Mr Reed war höflich gewesen! Zum ersten Mal hatte er sowohl in seiner Wortwahl als auch in seinem Ton und der Haltung eine außerordentliche Höflichkeit an den Tag gelegt und es fühlte sich gut an, in seinen Augen endlich die Wertschätzung zu bekommen, die ich mir erhofft hatte.
Ich war es wert, höflich behandelt zu werden.
Es war nicht viel, aber es schien mir in diesem Moment das Beste, was in der vergangenen Woche passiert war.
Wir aßen nicht in der Cafeteria, sondern in einem kleinen Restaurant in der Nähe des Campus. Es war edel eingerichtet und das Essen gut genug, dass ich ein zweites Dessert bestellte.
Mein Onkel neckte mich, indem er mich verfressen nannte, und wir gingen um Viertel nach eins, um mit der Kutsche zum Flugplatz zu fahren.
Aus einem unverständlichen Grund war ich ein wenig aufgeregt, konnte jedoch nicht genau sagen, ob es an den Luftschiffen lag, die ich gleich sehen würde, oder vielleicht an Mr Boyles Rückkehr.
Wir erreichten den Flugplatz und die Kutsche hielt am Straßenrand. Onkel Alfred öffnete die Tür, stieg aus und bot mir die Hand, damit ich auf der Trittstufe nicht ins Wanken geriet.
Ich fühlte mich kribbelig und ein wenig unsicher, konnte es gleichzeitig aber kaum erwarten, das Gebäude vor uns zu betreten. Es war hoch und prachtvoll gebaut, hatte steinerne Bögen, riesige Fenster und eine so wunderschön verzierte Uhr in der Mitte der Front, dass sie schon beinahe die des Big Ben übertraf.
Geschäftig wie in einem Bahnhof trieben die Menschenmassen hinein und hinaus, und ich blieb dicht bei meinem Onkel, um nicht zwischen all den Leuten, Gepäckstücken und Kofferwagen verloren zu gehen.
Ohne Zögern ging Onkel Alfred auf das Gebäude zu und ich folgte ihm.
Auch wenn mich der prachtvolle Bau faszinierte und die allgemeine Unruhe der Menschen mich in eine Aufbruchsstimmung versetzte, wurde ich in meiner Betrachtung doch immer wieder gestört, wenn sich jemand viel zu dicht an mir vorbeiquetschte. Raschelnde Röcke, hektisches Stimmengewirr, Hunderte Schuhe, die ihre Schritte hallen ließen, stickiger Atem fremder Menschen, eine Schulter, die mich anrempelte, ein Koffer, dem ich nur knapp ausweichen konnte.
Obwohl ich mir vorgenommen hatte, die Hektik der Stadt mehr zu lieben als die Eintönigkeit des Landes, kam ich nicht umhin, mich zunehmend beklemmt und atemlos zu fühlen, während sich die Menschenmassen immer enger um uns schlossen, je weiter wir in die Halle kamen.
Ich drängte mich näher an meinen Onkel, hielt den Kopf hoch und versuchte mich auf meine eigenen Schritte zu konzentrieren.
Es konnte nicht mehr weit sein. Vor uns öffnete sich der Blick auf einen gigantischen Platz, der durch die hohen Fenster zu sehen war. Und als mein Blick auf das riesenhafte Luftschiff fiel, das gerade zur Landung ansetzte, vergaß ich augenblicklich alles andere um mich herum. Als hielte die Welt den Atem an, verschwand das Gedränge um mich, die Stimmen, das Getrappel und die Hektik.
Ein Ballon, groß wie ein Häuserblock, lang gezogen wie ein Rugby-Ball, gefüllt mit Gas und heißer Luft. Die Gondel darunter wirkte winzig, obwohl sie mit Sicherheit einer Unzahl von Menschen Platz bot. Kunstvoll geschnitztes Holz wie die Schiffe der alten Zeiten, als hätte Captain Nemo seine Nautilus zum Fliegen gebracht. Es war wie der wahrhaftige Blick in einen Roman, als hätten Buchstaben Gestalt angenommen.
Unfassbar und überwältigend, und ich konnte nicht aufhören, das Luftschiff anzustarren. Selbst dann nicht, als es bereits gelandet war und die Menschen aus der Gondel strömten. Arbeiter spannten Taue, kletterten an schmalen Leitern den gebogenen Ballon nach oben. Passagiere verließen den Platz und betraten das Gebäude, andere liefen nach draußen und bestiegen die Gondel zu einer neuen Reise, die mir so fantastisch vorkam, dass ich nur zu gern mit ihnen gegangen wäre.
»Welche Ehre, Miss Crumb«, ertönte plötzlich von der Seite und ich erschreckte mich so sehr, dass ein leises Quietschen über meine Lippen kam.
Mein Herz pochte wie wild von dem Schreck, als ich mich Mr Boyle zuwandte, der sich unbemerkt neben mich gestellt hatte.
Ich stand ganz vorne an einem metallenen Geländer, die Hände um die kalte Stange gelegt, ohne mich erinnern zu können, herangetreten zu sein.
»Verzeihen Sie. Ich wollte Sie nicht so erschrecken«, entschuldigte sich Mr Boyle sogleich und in seinen Mundwinkeln lauerte ein Lächeln. Er sah noch genauso gut aus, wie ich ihn in Erinnerung hatte.
»Sie ist eine Träumerin, unsere Ani«, lachte mein Onkel und ich fühlte mich unwohl, wenn er so über mich sprach.
»Haben Sie sich die Luftschiffe angesehen? Wie finden Sie sie?«, fragte mich Mr Boyle, ohne auf den Kommentar meines Onkels einzugehen, wofür ich ihm dankbar war.
»Wirklich, wirklich faszinierend«, gab ich zu und lächelte, weil ich nicht anders konnte. »Sie sind so viel größer, als ich sie mir vorgestellt hatte.«
Mr Boyle lächelte zurück, ein freundliches, ansprechendes Lächeln und schon wie bei unserer ersten Begegnung empfand ich sofort eine gewisse Vertrautheit zwischen uns.
»Sagen Sie, wie viele Leute passen in so ein Gefährt? Wie sehen die Gondeln von innen aus? Oh, wie ist es, damit zu fliegen? Spürt man, wie die Erdanziehungskraft nachlässt, wenn man in die Höhe aufsteigt?«, quollen die Worte aus meinem Mund und ich schämte mich ein klein wenig für meine Neugierde, die ich sonst nur vor Henry, meinem Vater oder meinem Onkel so deutlich zeigte.
Doch Mr Boyle sollte es ja nicht anders von mir kennen, schließlich hatte ich ihn vor einer Woche bei unserer ersten Begegnung ebenfalls mit Fragen überhäuft.
Mr Boyle nahm mir meine Neugierde auch keineswegs übel und lachte auf eine wärmende Art über meinen Redefluss.
»Ich werde versuchen, eine Frage nach der anderen zu beantworten, Miss Crumb«, stellte er mir in Aussicht und ich spürte die Anspannung meiner Neugierde im Bauch.
»Aber nicht hier, meine Lieben«, ging mein Onkel zügig dazwischen und zeigte auf den Haupteingang, durch den wir die Halle betreten hatten. »Geht schon mal nach draußen. Ich werde mich um dein Gepäck kümmern.«
»Aber das ist doch nicht nötig, Alfred«, erklärte Mr Boyle sofort und Onkel Alfred winkte gleich ab.
»Meine Nichte brennt auf Antworten. Ich tue nicht nur dir einen Gefallen, wenn ich euch beide allein lasse«, warf er ein, grinste und machte sich mit einem Augenzwinkern in die entgegengesetzte Richtung davon.
»Na dann«, meinte Mr Boyle und schien sich kurz erinnern zu müssen, wie meine erste Frage lautete. »Also, die Gondeln fassen bis zu dreißig Personen. Sicher könnten es aber mehr sein, wenn es allein um den Platz ginge. Doch ich weiß nicht genau, ob da nicht auch Gewicht eine Rolle spielt«, begann er zu erzählen und wir bewegten uns langsam auf den Ausgang zu.
Die Menge wurde wieder dichter und ich war gezwungen, mich näher an Mr Boyle zu halten, als es üblich war. Ich hätte mich gerne untergehakt, um mich in dem Gedränge nicht so verloren zu fühlen, brachte es aber nicht über mich, es von mir aus zu tun, wenn er mir seinen Arm nicht angeboten hatte.
»Die Gondeln sehen immer unterschiedlich aus. Dieses Mal war die ganze Inneneinrichtung ein reines Kunstwerk. Ich bin aber auch schon mit wesentlich einfacheren Gefährten geflogen«, berichtete er weiter.
Ein Mann rempelte mich so unglücklich an, dass ich zur Seite gestoßen wurde. Mir entfuhr ein Schreckenslaut, meine Schulter schmerzte und einen Moment später fand ich mich in Mr Boyles Armen wieder, der mich etwas erschrocken ansah. Seine Honigaugen blickten auf mich herab und meine Finger klammerten sich an seine Arme.
Erst als er mich wieder aufrichtete und ich festen Stand unter meinen Füßen hatte, merkte ich, dass ich den Atem angehalten hatte und schnappte eilig nach Luft.
»Ent… entschuldigen Sie, Mr Boyle«, stammelte ich und brauchte einen Moment, bis ich es fertigbrachte, meine Hände von seinen Armen zu lösen. Die Menschen drängelten sich weiter um uns herum und Mr Boyle hatte mich noch nicht losgelassen. Er nahm behutsam meine Hand und legte sich meinen Arm um den seinen, sodass ich fest an seiner Seite stand, den Arm untergehakt.
»Schon gut, Miss Crumb, ich fange Sie mit Vergnügen jederzeit wieder auf«, gestand er mir mit einem frechen Lächeln, und ob ich es nun wollte oder nicht, hüpfte mir in diesem Moment das Herz. Ein komisches Gefühl breitete sich in meinem Bauch aus und ich schob es auf den Schreck.
Flüchtig sah ich mich um, doch der Mann, der mich angerempelt hatte, war längst in der Menschenmasse verschwunden.
Mr Boyle bahnte uns einen Weg bis zum Ausgang und dort öffneten sich die Massen an Menschen sogleich und ließen uns hinaus in die Freiheit.
Jetzt wusste ich wenigstens, dass ich große Menschenmengen keineswegs schätzte. Und dass es sich gut anfühlte, einen Retter mit bernsteinfarbenen Augen an meiner Seite zu haben.
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