Kitabı oku: «Gemmas Gedanken»
Gemmas Gedanken
Lin Rina
Copyright © 2020 by

Drachenmond Verlag GmbH
Auf der Weide 6
50354 Hürth
http: www.drachenmond.de
E-Mail: info@drachenmond.de
Lektorat: Stephan R. Bellem
Korrektorat: Michaela Retetzki
Layout: Michelle N. Weber
Umschlagdesign: Marie Graßhoff
Bildmaterial: Shutterstock
ISBN 978-3-95991-365-2
Alle Rechte vorbehalten
Inhalt
Willkommen bei Biolog Medical.
1. Erster Vogel
2. Gedankenauslese
3. Umzug
4. Kents ShakeBar
5. Das Buch in der Wand
6. Zweiter Vogel
7. Die Messe
8. Krankenhausgeruch
9. Dritter Vogel
10. Ungesagte Worte
11. Anfällig
12. Mit der Tür ins Haus
13. Weihnachtsmarkt im Sommer
14. Der Flyer
15. Fuchsmann
16. Erster Arbeitstag
17. Vierter Vogel
18. Angstschübe
19. Tanzen bis aufs Blut
20. Zu viel
21. Geteiltes Leid ist halbes Leid
22. Verlassener Ort
23. Zweifelsohne
24. Nächtliche Lektüre
25. Puzzleteile
26. Dafür und dagegen
27. Schwesternliebe
28. Mutter-Tochter-Gespräche
29. Nachholbedarf
30. Durchnässt
31. Heimkehr
32. Algorithmus des Bösen
33. Die Leere
34. Fünfter Vogel
35. Upload
36. Nachrichten
37. Montag
38. Besuch
39. Klebrige Finger
40. Livesendung
41. Pläne
42. Biolog-Medical-Center
Epilog
Danksagung
Für Jule und Jazz
Weil ihr mich jeden Tag dazu motiviert, etwas zu schaffen, mich großartig zu fühlen und neuen Herausforderungen zu stellen.


Willkommen bei Biolog Medical.

- der Gesundheitsreform der Zukunft.
Neben den üblichen Gesundheitskontrollen, wie regelmäßige Zahnuntersuchungen, Herz-Kreislauf-Checks, Knochendichtemessung, Organentgiftungen und Ernährungsaufklärung, finden sie bei uns auch die Garantie für Ihre geistige Gesundheit.
Durch das neue System der schmerzfreien Gedankenauslese erkennen wir psychische Erkrankungen frühzeitig und helfen Ihnen dabei, ein rundum gesunder Bürger zu bleiben.
Machen Sie mit und steigen Sie in unser Bonusprogramm ein. Regelmäßige Kontrollen Ihrer Gesundheit stärken das Miteinander und bieten Ihnen den Zugang zu vielen staatlichen Förderungen rund um Berufswahl, Weiterbildung und Lebensfinanzierung.
Kommen Sie noch heute zu uns. Unser freundliches Servicepersonal berät Sie gern auf Ihrem Weg in eine gesunde Zukunft.
1
Erster Vogel

Die Spitze meines Bleistiftes huschte über das Papier, ohne dass ich wirklich darauf achtete, was ich zeichnete. Ich wartete darauf, dass Vikas Wasserkocher endlich aufhörte, laute Geräusche zu machen, und ich sie wieder verstehen konnte.
Ihr krauser Lockenkopf tauchte im Bild auf, als sie sich mit Schwung vor ihr Tablet setzte.
»Okay, bin wieder am Start. Wo waren wir?«, fragte sie und ich konnte mich selbst nicht mehr erinnern. Doch zum Glück war das nicht so wichtig, wenn man mit Vika telefonierte.
»Oh Gem, dieser Tee, den Dani mir mitgebracht hat, riecht so verdammt gut. Den mach ich dir, wenn du hier bist. Ich kann es kaum erwarten, dass du endlich bei uns wohnst und ich nur nach nebenan spazieren muss«, rief sie ganz euphorisch und verschüttete dabei beinahe ihren Tee über die Bluetooth-Tastatur. Schnell stellte sie die bauchige Tasse ab und leckte sich einen Tropfen vom Handrücken.
Ich grinste und durchbrach den Kreis auf meiner Zeichnung mit einem Pfeil.
»Hast du schon fertig gepackt?«, erkundigte sich Vika und begann, mit dem neuesten Helix-Piercing zu spielen.
»Alles in Kisten. Morgen geht’s los!«, verkündete ich stolz und Vika führte einen kleinen Freudentanz mit den Händen auf.
»Das wird iiiiirre. Du hättest schon viel früher ausziehen sollen.«
Nachlässig zuckte ich mit den Schultern. »Es war einfach noch nicht die richtige Zeit«, erwiderte ich und wusste, dass es nur eine Floskel war. Ich hatte selbst keine Ahnung, warum ich nicht, wie alle anderen auch, nach dem Schulabschluss in die Wohnkomplexe in Mauersend gezogen war, so wie viele junge Erwachsene das taten. Die Wohnung war schon lange genehmigt und gekauft, und von meinen Freunden war ich die Einzige, die noch bei ihren Eltern lebte.
Aber für mich war das in Ordnung.
Vielleicht war es für meine Mama sogar ganz gut gewesen, dass ich noch nicht so früh ausgezogen war. Ihr ging es in letzter Zeit nicht so besonders.
Während Vika einen Schluck Tee nahm und sich erst mal die Zunge verbrannte, betrachtete ich die Skizze auf meinem Papier und fügte noch ein paar Punkte und Striche hinzu. Es war eine einfache Zeichnung und doch brachte sie mich dazu, etwas zu empfinden. Mein Herz schlug für einen Moment schneller, als ich einen letzten Pfeil einzeichnete und sie sich damit vollendet anfühlte. Seufzend schüttelte ich die seltsame Gemütsregung ab, weil sie nur die Erinnerung aus einem längst vergessenen Traum war.
Um nicht noch länger in dem Moment festzuhängen, packte ich den Notizblock und hielt ihn für Vika vor die Kamera meines Handys, das an meiner leeren Müslischüssel lehnte.
Meine Freundin beugte sich interessiert näher an ihren Bildschirm. »Uuuh, das gefällt mir. Was Bestimmtes?«
»Ne, einfach so entstanden.«
»Wäre ein tolles Tattoo für den Unterarm«, kommentierte sie mit diesem Glitzern in den Augen, das so typisch für sie war und immer eine sehr verrückte Aktion nach sich zog.
Ich lachte auf. »Schade, dass bei dir da kein Platz mehr ist«, sagte ich bewusst ironisch, denn Vikas Unterarme waren bereits voll tätowiert. Das meiste davon waren dunkle Ornamente, feine farbige Blüten und einzelne weiße Zeichen, die auf ihrer moccafarbenen Haut wunderbar zur Geltung kamen.
»Jaja, bla, bla«, erwiderte sie und wedelte meinen Kommentar mit den Händen fort. »Darf ich es denn haben?«, fragte sie erwartungsvoll, und obwohl ich normalerweise nichts dagegen hatte, wenn Vika meine Kritzeleien auf ihrem Körper verewigte, hielt mich diesmal ein Drücken im Brustkorb zurück.
»Ne du, diesmal nicht. Ich habe irgendwie das Gefühl … es gehört nur mir«, versuchte ich zu erklären, was ich fühlte, und Vika nickte bedächtig.
»Natürlich, das versteh ich voll«, sagte sie und ich war irritiert. Ich verstand es ja selbst nicht mal. Doch in Vikas Kopf ging es immer ein bisschen anders zu, sodass ich mich über derartiges Verständnis für die wirren Gefühle des Lebens nicht wundern sollte.
Meine Mama kam in die Küche geschlurft und wandelte wie ein Zombie zum Kaffeevollautomaten. Die einzigen zwei Dinge, die meine Mutter in der ersten Stunde nach dem Aufstehen fertigbrachte, waren, ihre Pantoffeln verkehrt herum anzuziehen und den Knopf auf der Kaffeemaschine zu drücken. Manchmal vergaß sie sogar eine Tasse drunterzustellen.
»Guten Morgen«, begrüßte ich sie.
»Morgen, Ida. Die Sonne lacht und dieser Tag wird großartig«, flötete Vika aus meinem Handy und Mama hatte nicht mal ein müdes Lächeln für uns.
»Noch zu früh«, informierte ich meine Freundin, die schulterzuckend noch einen Schluck Tee nahm. Diesmal vorsichtiger.
Auch ich griff nach meinem Kaffee und hielt die Tasse in den Händen, während ich immer noch die Zeichnung betrachtete, die gerade so nebenher entstanden war.
Was zog mich an einem Kreis und ein paar stilisierten Pfeilen nur so an?
»Und was steht heute an?«, lenkte Vika mich von meinen Gedanken ab. »Kommst du rüber? Machen wir uns einen schönen Tag im botanischen Garten?«
»Leider nicht. Ich muss zur Gedankenauslese«, seufzte ich und Vika verzog genervt das Gesicht.
»Jetzt schon? Haben die dir eine zusätzliche Untersuchung reingedrückt?« Sie hielt gar nichts von Gedankenauslese. Auch wenn sie sich gezwungen fühlte, jedes Jahr zur empfohlenen Kontrolle zu gehen, fand sie es befremdlich zu wissen, dass andere die Möglichkeit hatten, sich all ihre Gedanken anzusehen.
Ich wollte dem Ganzen eher neutral gegenüberstehen. Wie oft kam es schon vor, dass sich tatsächlich jemand ansah, was man gedacht hatte? Nur wenn irgendwelche traumatischen Erinnerungen einen quälten oder sich Vorboten einer psychischen Krankheit ankündigten. Und selbst dann wurde auch nur die betroffene Stelle ausgewertet und nicht das ganze Jahr.
Mein Verstand war da ganz entspannt.
»Ja, aber nur eine Routinesache. Ich bin nur zum kleinen Scan da«, versuchte ich Vika zu beruhigen und sie schüttelte den Kopf über meine Gelassenheit.
»Viel Spaß dabei, dich vom System unterdrücken zu lassen«, schnaubte sie mit einem belehrenden Unterton, den ich nur zu gut an ihr kannte. Vika war eben eine Querdenkerin mit Hang zur Weltverbesserung.
»Alles klar, Vik. Ärzte sind alle Monster, Zahnfüllungen sind voller Gift und Impfungen der flüssige Teufel«, leierte ich die Standard-Verschwörungstheorien runter und Vika streckte mir ihre gepiercte Zunge raus.
»Darum geht’s doch gar nicht«, verteidigte sie sich. »Das ist Gedankenkontrolle, Gemma. So was sollte niemand einsehen dürfen. Die Gedanken sind frei!«, predigte sie mir und ich hörte nur halb zu.
»Ja, Depressionen und posttraumatische Belastungsstörungen sind dann aber auch frei«, konterte ich und Vika verdrehte die Augen.
Sie wollte gerade etwas erwidern, als sie durch die Türklingel unterbrochen wurde. Ich brauchte einen Moment, um zu bemerken, dass es unsere Tür gewesen war und nicht ihre.
Mama nuschelte etwas, was ich als »Gehst du bitte?« deutete und schnappte mir mein Handy.
»Ich leg auf, Vik. Ich melde mich, wenn ich auf dem Weg zum Center bin. Muss noch duschen«, sagte ich schnell, während ich mich vom Stuhl erhob, und Vika winkte eben noch, bevor sie auflegte.
Ich trottete aus der Küche auf den Flur und checkte eben meine Nachrichten auf dem Handy. Drei Textmessages von Joris und eine Sprachmemo von Jessy, die sie mit einem sehr verstörenden GIF von einem wackelnden Typen mit Insektenkopf ergänzt hatte. Ich hing noch in Gedanken an dem GIF fest, während ich mir das Handy in die Hosentasche schob und die Haustür öffnete.
Davor stand ein Postbeamter in dunkelblauer Uniform.
»Gemma Henson?«, fragte der Mann und hielt mir ein kleines Päckchen entgegen.
»Jap«, bestätigte ich salopp und nahm es ihm ab. Hatte ich was bestellt? Neugierig betrachtete ich den Karton, fand aber keinen Anhaltspunkt auf den Inhalt. Nur der Standardaufkleber des Paketdienstes und eine säuberliche Handschrift, die meine Adresse eingetragen hatte. Kein Absender. Seltsam.
»Wenn wir es nicht tun, Gemma, wird es niemand tun«, sagte der Postbeamte plötzlich zu mir und ich hob irritiert den Blick.
»Wie bitte?«, fragte ich nach, weil es mir zu abwegig vorkam, dass er so etwas zu mir gesagt hatte.
»Einmal hier unterschreiben«, meinte er und klang dabei so, als würde er es für mich noch einmal wiederholen. Hatte ich mich gerade wirklich so krass verhört?
Ich musterte den Mann kurz. Dunkle Augen, hohe Wangenknochen, kurze braune Haare, die unter seiner zur Uniform passenden Kappe hervorlugten. Erwartungsvoll hielt er mir den Stift hin.
Zögerlich nahm ich ihn entgegen, setzte schnell eine krakelige Unterschrift auf das Gerät und fragte mich, wie mein Kopf sich so einen Blödsinn zusammenspinnen konnte.
»Danke«, sagte ich und der junge Mann tippte sich mit dem Finger zum Abschied an seine Kappe.
»Viel Spaß mit dem Päckchen«, wünschte er mir und schlenderte den Weg zurück zu dem Truck, der am Straßenrand parkte.
Ich sah dem Postbeamten hinterher, bis er eingestiegen war und den Motor startete. Dann zog ich mich ins Haus zurück und schloss die Tür, ehe noch jemand dachte, ich wäre jetzt völlig durchgeknallt.
»War es die Post?«, hörte ich Papa von oben und schüttelte die seltsame Beklemmung ab, die mir schon wieder auf die Brust drückte.
Es war nicht das erste Mal, dass mir so was passiert war. Doch noch nie hatte ich mir einen ganzen Satz eingebildet. Dass mal ein Wort sich verschob oder ich für einen Moment das Gefühl hatte, Leute zu kennen, denen ich nie zuvor begegnet war, kam vor. Aber das gerade war krasser gewesen.
Da war es eigentlich nicht verwunderlich, mich einmal mehr zur Untersuchung zu schicken, denn ganz offensichtlich stimmte was nicht mit mir.
»Ja!«, rief ich meinem Vater zu und schwere Schritte knarrten im ersten Stock.
»Ist es für mich?«, wollte Papa wissen, als er am oberen Ende der Treppe auftauchte und zu mir runter in den Flur polterte.
»Ne. Für mich«, erwiderte ich und er machte ein enttäuschtes Gesicht. »Hast du was erwartet?«
»Ich habe Ersatzteile für den Mixer bestellt.«
Ich hielt ihm das Päckchen hin, damit er mit eigenen Augen sehen konnte, dass es nicht für ihn war.
»Warum schmeißt du das alte Ding nicht einfach weg und ihr kauft euch einen neuen?«, seufzte ich und klemmte mir den Karton unter den Arm.
Papa zog die Nase kraus. »Du hast deine Hobbys. Ich habe meine«, gab er zurück und ich musste grinsen. Denn wir waren uns in diesem Punkt in Wirklichkeit gar nicht so unähnlich. Wir bastelten beide gern an Elektrogeräten herum. Er zum Spaß und ich würde es zum Beruf machen.
Aufregung überfiel mich jedes Mal, wenn ich daran dachte, dass ich bald meinen ersten Arbeitstag hätte. Meine zweijährige Ausbildung war beendet und ich fieberte meinem neuen Job bei Biolog Medical entgegen wie meinem eigenen Geburtstag.
»Ich geh duschen«, teilte ich meiner Mama mit, als ich den Kopf noch mal in die Küche streckte, auch wenn es nur die halbe Wahrheit war. Ich erwartete noch keine Antwort von ihr, dafür sah die Kaffeetasse in ihren Händen noch zu voll aus.
Das Päckchen nahm ich mit nach oben und steckte es in meine Handtasche, die schon fertig gepackt im Flur vor meiner Zimmertür stand.
Zumindest war es mal mein Zimmer gewesen. Jetzt war kaum noch etwas davon übrig. All meine Sachen waren in Kartons verstaut, meine Möbel abgebaut und zusammengeschnürt. Nur das alte Gästesofa stand noch darin und würde mir in meiner letzten Nacht im Haus meiner Eltern als Bett dienen.
In der neuen Wohnung hatte ich eine neue Couch.
Ich warf kurz einen Blick zur Treppe, ob mich meine Eltern auch wirklich nicht sahen, zog ein Cuttermesser aus meiner Handtasche und schlich mich heimlich in mein altes Zimmer.
Gezielt lief ich in die hintere Ecke und drückte meine Ferse in das Ende der einen lockeren Bodendiele, sodass sie nach oben aufklappte.
Schon seit langer Zeit hielt ich dieses Ritual ab, etwa einmal im Monat und vor allem jedes Mal, bevor ich zur Gedankenauslese musste.
Denn selbst wenn mein Verstand dem Gesundheitssystem vertraute, meine Gefühle taten es in manchen Momenten nicht.
Egal wie oft ich mir die Fakten vor Augen führte, mir bewusst machte, wie sicher die AIC-Technologie war, etwas in mir hatte Angst. Eine kleine unterschwellige Angst zu vergessen.
Keinem, den ich kannte, waren so schlimme Dinge passiert, dass sie durch Rasterung leichter gemacht werden mussten.
So was wurde zum Beispiel bei Opfern von Gewaltverbrechen gemacht. Eine schlimme Erinnerung wurde wie ein Foto in kleine Streifen geschnitten und jeder zweite entfernt. So konnte man die Erinnerung zwar noch betrachten, empfand sie jedoch als weniger intensiv, damit sich so traumatische Ereignisse leichter verarbeiten ließen.
Es kam äußerst selten vor und meistens vermisste man die gelöschten Schnipsel auch nicht.
Ich, als ausgebildete Technikerin für die AIC-Geräte, wusste ganz genau, wie die Algorithmen der Gedankenauslese funktionierten, und fürchtete mich trotzdem davor, zu vergessen, was mir wichtig war.
Denn eine Rastertechnologie gab einem auch die Möglichkeit, ganze Gedanken und Erinnerungen zu löschen, selbst wenn das so was von illegal war und somit bei einer normalen Untersuchung so ziemlich das Letzte, was passieren konnte.
Aber diese Furcht war in meinem Herzen, egal wie sehr ich dem System vertraute.
Ich griff in den Hohlraum unter der Diele und zog ein schmales Buch hervor, in dem schon der Stift an der richtigen Seite klemmte.
Schnell versuchte ich mich zu sammeln, das seltsame Erlebnis mit dem Postbeamten zu verdrängen und mich an die wichtigsten Gedanken und Momente der letzten paar Wochen zu erinnern. Alles, was passiert war, seit ich das letzte Mal in dieses Buch geschrieben hatte.
Ich schlug die Seite auf und setzte meine eiligen Notizen.
Stichpunktartig schrieb ich von der Abschlussprüfung meiner Ausbildung zur medizinischen Technikerin. Meinen Notendurchschnitt und die Belobigung, die ich für besondere Begabung und überdurchschnittlichen Einsatz verliehen bekommen hatte, erwähnte ich auch, weil ich so unfassbar stolz darauf war. Dazu hatte es sogar einen Artikel in der Zeitung gegeben.
Die Gesundheitsmesse startete morgen und ich hatte mich in drei Tagen für den Stand unseres Ausbildungszweigs eingetragen. Darauf freute ich mich auch schon.
Dann wurde ich wieder ernster. Mamas seltsame Aussetzer waren häufiger geworden und sie wirkte ängstlicher als noch vor drei Wochen. Ich zeichnete einen neuen Punkt in die Tabelle, die ich dafür angelegt hatte, und seufzte lautlos. Ich machte mir Sorgen um sie. Doch bei ihrer letzten Gedankenauslese war anscheinend nichts auffällig gewesen.
Ich zwang mich, nicht zu lange darüber nachzudenken und mich auf den letzten Punkt zu konzentrieren. Die Zeit, in der ich die Gedankenauslese austricksen konnte, war begrenzt.
Es folgte eine Liste von Menschen, die mir in der letzten Zeit am wichtigsten waren. Mama, Papa, Vika, Tante Laura und manchmal auch Joris, schrieb ich auf, und auch wenn mir natürlich noch mehr Leute einfielen, hielt ich mich kurz.
Ich klemmte den Stift zwischen die Seiten, klappte das Buch zu und schob es in die letzte offene Umzugskiste, die ich anschließend verschloss.
Das Cuttermesser half mir beim Abtrennen des Klebebands und wie zufällig schnitt ich mir damit einmal fest in die Fingerkuppe meines rechten Mittelfingers.
Ich wusste schon vorher, wie es sich anfühlte und war doch aufs Neue überrascht von dem Schmerz. Lautstark fluchend hielt ich mir den blutenden Finger und lief aus meinem Zimmer rüber ins Bad, um bloß nichts auf den Boden tropfen zu lassen.
Wenn es eine andere Möglichkeit gäbe als physischen Schmerz, um die Erinnerungen der letzten Minuten zu überdecken, würde ich sie auf jeden Fall ergreifen. Doch die einzigen Methoden, die es sonst noch gab, waren Alkohol- oder harter Drogenkonsum. Und beides war hochgradig illegal.
Da blieb ich besser bei meinem guten alten Cuttermesser und einem kleinen Schmerztrauma.
Während ich die Wunde mit Heilsalbe und wasserfestem Sprühpflaster verarztete, lenkte ich meine Gedanken zum bevorstehenden Umzug, um nicht weiter an mein Buch der wichtigen Erinnerungen zu denken. Welchen Zweck hätte es gehabt, mir in den Finger zu schneiden, um meine Erinnerungen an das Buch und meine Aufzeichnungen zu überdecken, wenn ich weiter darüber nachdachte?
Mein Blick fiel auf den Wecker, der auf der Ablage über dem Waschbecken stand, und mein Herz setzte einen Schlag aus. Jetzt wurde wirklich alles andere nebensächlich. Verdammt, es war zehn vor neun! Meine Bahn fuhr schon in einer Viertelstunde.
Ich ließ meinen Finger in Ruhe, riss mir die Klamotten vom Leib und duschte mich im Schnelldurchlauf mit dem Shampoo meiner Mutter, das mir trotz vorheriger Maßnahmen in der Wunde brannte.
Genau acht Minuten später rannte ich in braunem Top, einer schwarzen, durchsichtigen Strumpfhose und Jeansshorts die Treppe wieder nach unten. Natürlich hatte ich mir in der Eile eine Laufmasche eingerissen, aber keine Zeit, um mir was Neues anzuziehen. Beinahe rutschte ich auf den glatten Holzstufen aus und fing mich im letzten Moment, bevor ich die Treppe nach unten segelte. Das wär’s ja noch gewesen.
Obwohl ich für das Outfit eigentlich meine Ballerinas vorgesehen hatte, stieg ich in die Boots. Wenn ich zur Bahn rennen musste, wollte ich dabei auf keinen Fall meine Schuhe verlieren.
»Gemma, hast du deine Ausweise eingepackt?«, erinnerte Papa mich, der mich von der Küche aus durch den Flur rennen sah. Hektisch blickte ich mich nach meiner Handtasche um und erinnerte mich daran, dass ich sie vorhin vor meiner Zimmertür hatte stehen lassen.
Ich ärgerte mich darüber, sie nicht gleich mit nach unten gebracht zu haben, und rannte die Stufen wieder nach oben. Eigentlich hielt ich mich für eine organisierte Person, doch heute Morgen schien es nicht so glatt zu laufen wie sonst.
»Ich bin dann weg!«, rief ich meinen Eltern zu, bevor ich durch die Tür nach draußen schlüpfte und schnellen Schrittes die Straße entlang zur Bahnstation eilte.
Das Viertel, in dem wir wohnten, war ruhig und ein Vorgarten grenzte an den nächsten. Bei der alten Elaine Schmitz von nebenan bewegten sich verräterisch die Gardinen, da sie sicher wieder mit Argusaugen die Straße beobachtete. Yuri und seine kleine Schwester Zumi spielten auf der anderen Straßenseite mit einem Ball und winkten mir zu, als sie mich vorbeilaufen sahen.
Es war ein wehmütiges Gefühl, zu wissen, dass es bald sehr viel seltener vorkommen würde, diese altbekannten Wege zu gehen.
Noch ein Grund mehr, warum ich nicht wie üblich bei Antritt meiner Ausbildung ausgezogen war. Redete ich mir zumindest ein. Denn es fühlte sich nicht wie eine befriedigende Antwort an. Keines meiner bisher erdachten Argumente tat das.
Es war ein Rätsel ohne Antwort und es brachte nichts, darüber nachzudenken. Also ließ ich es sein und konzentrierte mich aufs Hier und Jetzt.
Ganz knapp erreichte ich die Haltestelle und sprang noch eben durch die Türen der Magnetschwebebahn, die sich bereits piepsend schlossen.
Schwer atmend ließ ich mich auf eine Bank fallen und der Waggon setzte sich geschmeidig in Bewegung.
Zu dieser vormittäglichen Uhrzeit war fast niemand unterwegs. Mir gegenüber saß eine ältere Dame mit einem winzigen Hund in ihrer Tasche, der einen albernen pinkfarbenen Hut trug und mich bösartig anknurrte. Ein Mann mit Aktentasche in der Hand stand nahe dem Ausgang, lehnte sich an eine der Stangen und las mit angestrengtem Gesichtsausdruck etwas auf seinem Tablet.
Meine Fahrt ins medizinische Viertel würde nicht länger als fünfzehn Minuten dauern. Vor meinem inneren Auge breitete sich die Karte des Schienennetzes aus, wenn ich über die Strecke nachdachte, die die Bahn nehmen würde.
Aber nicht nur für Zugstrecken hatte ich ein Faible, das galt für so ziemlich jede Art von Plan oder Karte. Stadtpläne, Schaltpläne, Grundrisse von Häusern. Die feinen Linien, die zusammenführten und ein komplexes Labyrinth bildeten, zeigten für mich eine Art Schönheit, mit der ich mich gern beschäftigte. Es war faszinierend.
Ich öffnete meine Tasche auf der Suche nach meinem Handy, um Vika eine Sprachnachricht aufzunehmen. Wenn es für Handtaschen doch nur auch eine Karte gäbe, um sich darin zurechtzufinden.
Seufzend fiel mein Blick auf das kleine Päckchen, das zwischen einer halb leeren Taschentuchpackung und einem Schal hervorlugte. Das hatte ich schon fast wieder vergessen.
Eine Mischung aus Misstrauen und Neugierde überkam mich, als ich es herauszog und noch einmal in den Händen drehte.
Hatte der Absender nur vergessen, seinen Namen aufzuschreiben, oder war es seine Absicht gewesen, mich in Unwissenheit zu lassen?
Ich zuckte mit den Schultern, um die Gedanken abzutun, und riss mit einer behänden Bewegung das Klebeband vom Deckel. Es änderte nichts, darüber zu grübeln. Vielleicht offenbarte ja der Inhalt mehr.
Gespannt wühlte ich mich durch das braune Papier, das als Füllmaterial diente, und fand im ersten Moment nichts. Irritiert zog ich einen Papierstreifen nach dem anderen aus dem Karton, auf der Suche nach dem Inhalt des Päckchens. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass mir jemand Füllmaterial zukommen ließ.
Doch da blitzte zwischen den Schnipseln etwas Glänzendes auf und ich griff es mit spitzen Fingern. Es war ein Origamivogel. Das Papier, aus dem er gefaltet worden war, schimmerte auf der einen Seite silbern und hatte auf der anderen bunte Muster, die an den Flügeln und am Schwanz sichtbar wurden.
Eine mir unbekannte Person hatte mir einen Papiervogel geschickt. In einem Päckchen. Was hatte das zu bedeuten?
Dreimal wühlte ich mich durch das Füllmaterial und fand keine Nachricht, bevor ich auf die Idee kam, den Vogel zu entfalten. Doch auch hier stand kein Wort und es gab keinen Anhaltspunkt, der mir weiterhalf.
Glücklicherweise war es nicht schwer, den Vogel wieder zusammenzubasteln. Nachdenklich drehte ich das Ding hin und her und versuchte mir einfallen zu lassen, wer mir so was schicken würde.
Ich durchsuche meine Tasche wieder nach meinem Handy, bis ich bemerkte, dass es in meiner Hosentasche steckte.
»Vika. Ich habe gerade ein Päckchen bekommen. Und da ist ein Origamivogel drin. Nur ein Origamivogel! Keine Ahnung, wer mir so was schickt. Hast du eine Idee?«, machte ich eine Sprachmemo an meine beste Freundin und fotografierte den Vogel für sie.
Vielleicht konnte sie ja mehr damit anfangen. Ich war jedenfalls ratlos.
2
Gedankenauslese

Als ich meiner Zielhaltestelle näher kam, packte ich das Päckchen wieder zusammen und verstaute es in den Tiefen meiner Handtasche.
Ich warf noch einen Blick auf mein Handy, aber Vika hatte die Nachricht noch nicht einmal gesehen.
Na ja, egal. Nachher würde ich sie sowieso anrufen.
Wie von allein stand ich auf und stieg aus der Magnetschwebebahn, als sich die Türen öffneten. Ich schlenderte die Treppe hinunter, die auf den großen Vorplatz des Biolog-Medical-Centers führte. Meine Füße kannten den Weg, da ich ihn die letzten zwei Jahre fast täglich zurückgelegt hatte.
Das Gelände bestand nicht nur aus dem großen, modernen Gesundheitszentrum, sondern erstreckte sich dahinter noch über ein riesiges Areal. Forschungseinheiten, Labore, der Fachbereich für Ausbildung der verschiedensten Berufsgruppen, Herstellungsstätten für Pharmaka, Lagerhäuser, Serverfarmen, eine Chemieabfall-Neutralisationsanlage und Bürogebäude für Vertrieb und Verwaltung. Sogar ein Teil der medizinischen Fakultät der städtischen Universität war hier angesiedelt.
In einem der dicken Türme, die sich hinter dem Gesundheitszentrum erhoben, befanden sich die Klassenräume, in denen ich meine Ausbildung absolviert hatte. Und irgendwo in diesem Gebäudekomplex würde ich in einer Woche meiner neuen Arbeit nachgehen.
Beinahe wäre ich wie gewohnt am Haupteingang vorbei zu Gate drei spaziert, bekam aber im letzten Moment noch die Kurve und wirkte daher nur minimal seltsam.
Die Glastüren öffneten sich lautlos und ich trat in die klimatisierte Eingangshalle. Sie wirkte freundlich auf mich, obwohl alles in Weiß gehalten war wie in einem Krankenhaus.
An der rückwertigen Wand, hinter den Empfangstresen, an denen mehrere Menschen in diskretem Abstand darauf warteten, an der Reihe zu sein, strahlte das Symbol von Biolog Medical: eine stilisierte goldgelbe Sonne, die sich hinter einem Horizont erhob.
Ich reihte mich in die Schlange der Wartenden ein und versuchte, nicht auf die riesenhaften Bildschirme zu starren, die an den Seiten der Halle in den Wänden eingelassen waren, was mir nur schwer gelang. Mein Blick wanderte immer wieder zu den sich bewegenden Bildern zurück.
Eine junge Frau mit weichen braunen Locken und einem weißen Kittel richtete die Werbeslogans der Firma an uns, die ich alle schon auswendig kannte. Ich glaubte keine Minute daran, dass dieses Mädel jemals wirklich Medizin studiert hatte, dafür war sie viel zu bedacht darauf, wie sie ihren Mund bewegte, um die Aufmerksamkeit darauf zu ziehen.
»Willkommen bei Biolog Medical, der Gesundheitsreform der Zukunft«, sagte sie gerade und ich wandte den Blick wieder ab.
Vor mir stand ein Teenager, nicht älter als fünfzehn, der ununterbrochen auf seinem Handy herumtippte und dabei mit dem Bein wippte. Er war wohl nervös wegen der Gedankenauslese.
Ich musste grinsen. Als Junge mitten in der Pubertät wäre es mir sicher auch dreimal so unangenehm, dass ein Computer meine Gedanken auswertete.
Aber sehr vielen war die Sache mit der Gedankenauslese unangenehm, nicht nur den Jüngeren.
Für mich war es wie zum Gynäkologen zu gehen. Das würde auch niemand machen, wenn es nicht seiner Gesundheit dienen würde.
Doch im Gegensatz zum Gyn prüfte in diesem Fall gar keine reale Person den Gesundheitszustand. Wer hatte schon Zeit, die Gedanken und Erinnerungen einer Person aus einem ganzen Jahr auszuwerten? Solche Arbeiten wurden von Computern ausgeführt, die dafür nur Minuten brauchten.
Ich hatte in meiner Ausbildung gelernt, wie das Programm dazu aufgebaut war und nach welchen Kriterien es suchte. Allein dieses Wissen half mir, das Prinzip der Gedankenauslese neutral oder sogar positiv zu betrachten.
Als ich endlich an der Reihe war, legte ich wortlos meinen Gesundheitsausweis auf den Tresen und die Angestellte, die mich freundlich anlächelte, schien erleichtert zu sein, keine Unterhaltung mit mir führen zu müssen. Sie drückte die Karte gegen das Lesegerät auf ihrem Tisch und reichte sie mir nach zwei Klicks auf ihrem Bildschirm zusammen mit einem runden schwarzen Transponderclip wieder zurück.
»Sechster Stock«, wies sie mich an und ich bedankte mich bei ihr.
Um als Empfangsdame bei Biolog Medical zu arbeiten, brauchte man ein wirklich dickes Fell und ich beneidete sie nicht um diesen Job. Sie war die erste Anlaufstelle für Zweifel und Beschwerden, zusammen mit den armen Schweinen aus dem Callcenter.
Natürlich konnte ich verstehen, dass Gedankenauslese im ersten Moment auf Ablehnung stieß. Das hatte ich mit Vika schon zur Genüge diskutiert. Gedanken und Erinnerungen waren eine private Sache, die niemand gern teilte, weil jeder seine Geheimnisse bewahrte.
Doch wenn man von dem wirklich seltenen Fall der Rasterung mal absah, war es auch nur eine Gesundheitskontrolle wie jede andere.
»Regelmäßige Kontrollen Ihrer Gesundheit fördern das Miteinander«, sagte die adrette Fake-Ärztin auf dem Bildschirm gerade, als ich an ihr vorbeiging und bei den Aufzugtüren angelangte. Ich konnte ihr nur zustimmen.
Seit der Aufnahme der Gedankenauslese ins staatliche Gesundheitsförderungsprogramm sank die Kriminalitätsrate stetig und betrug bereits nur noch etwa fünf Prozent von den vorherigen Zahlen. Und das war nur die Spitze der Errungenschaften.
Ich hielt den Transponder gegen das Feld neben der Fahrstuhltür und sie öffnete sich für mich.
Die Wände des schmalen Lifts waren weiß wie der Rest des Gebäudes und ich hatte nicht mal die Zeit, mir das Werbeplakat für die neuen Grippeimpfungen durchzulesen, da hatte ich den sechsten Stock auch schon erreicht.
Auch hier waren die Flure weiß und steril, mit einzelnen maisgelben Akzenten wie einem gesprenkelten Blumentopf, aus dem ein gelbliches Gewächs quoll.
Ich hielt meinen Transponder wieder gegen die dafür vorgesehene Schaltplatte an der Wand und bekam von der Anzeige mitgeteilt, zu welchem Zimmer ich mich zu begeben hatte.
Gelangweilt setzte ich mich auf die gelbe Couch, die im Gang von Behandlungsraum drei bis acht stand, und wartete darauf, aufgerufen zu werden.
Niemand war hier, was nicht ungewöhnlich war. Man begegnete so wenig Menschen wie möglich und versuchte so das größtmögliche Gefühl von Anonymität zu schaffen.
Was mir total affig vorkam. Die meisten Menschen gingen zur Gedankenauslese. Das war, als würde man verheimlichen, dass man aufs Klo ging.
Ich nutzte die Gelegenheit, Joris auf seine Nachrichten zu antworten. Wir kannten uns schon seit der Grundschule und unser zuvor sporadischer Kontakt hatte sich erst in den letzten Monaten zu einer Freundschaft entwickelt.
Was vielleicht auch daran lag, dass er seit einiger Zeit wirklich sehr in Vika verschossen war. Jedoch rechnete ich ihm da keine großen Chancen aus. Er war einfach gar nicht ihr Typ und tendierte charakterlich wie auch interessenstechnisch in eine vollkommen andere Richtung.
Schon allein die Tatsache, dass er der totale Verfechter der Gedankenauslese war und Vika dabei jedes Mal das kalte Grausen bekam.
Auch wenn wir ihn alle mehr oder weniger verstehen konnten. Sein Vater hatte sich das Leben genommen, als wir noch Kinder gewesen waren. In der Schule hatten das alle rumerzählt und es war die Schocknachricht des Jahres gewesen.
Eine wirklich schwere Zeit für Joris, der davon überzeugt war, dass man seinem Vater sicher hätte helfen können, wenn irgendwer es bemerkt hätte. Wäre die Gedankenauslese damals schon so fest im Pflichtprogramm des Gesundheitssystems verankert gewesen wie heute, hätte man seine Absichten frühzeitig erkannt und behandelt.
›Morgen, 9 Uhr, bei meinen Eltern. Frühstück gibt es bei uns.‹, schickte ich ihm die Infos, die er für meinen morgigen Umzug brauchte, und lächelte in mich hinein.
Ein neuer Lebensabschnitt stand mir bevor und ich freute mich schon sehr darauf. Zwei Türen von Vika entfernt, selbst kochen, eigene Verantwortung. Ich war so was von bereit.
Es war nicht so, dass ich meine Eltern so schnell verlassen wollte. Aber es juckte mich in den Fingern, seit alle Sachen in den Kisten verstaut waren und ich mir erlaubte, mir meine neue Wohnung in den besten Farben auszudenken.
Apropos Farben.
›Denk an die Wandfarbe für die Akzente!!!‹, tippte ich an Vika und setzte einen Kuss-Emoji dahinter. Ich wollte nur auf Nummer sicher gehen. Bei Vika wusste man nie. Entweder sie hatte die Farbe schon seit Wochen herumstehen oder sie vollkommen vergessen.
In diesem Flur zu warten fühlte sich wie eine Ewigkeit an, in der ich es schaffte, drei Sudokus für Fortgeschrittene auszufüllen. Als eine in sonnengelb gekleidete medizinische Assistentin auftauchte, sprang ich sofort auf und ließ mich von ihr in Behandlungsraum sieben begleiten.
Das Zimmer war schmal und mit sehr künstlichem Licht erhellt, da es an Fenstern fehlte.
Wie immer nahm ich auf dem gepolsterten Stuhl in der Mitte des Raumes Platz, ohne dazu aufgefordert werden zu müssen. Ich kannte das Prozedere. Sehr gut sogar. Ich konnte ziemlich genau sagen, wie das Gerät funktionierte, das die medizinische Assistentin näher zu mir schob. Höchstwahrscheinlich sogar besser als sie.
Sie setzte mir die Elektrodenmaske auf, die eigentlich mehr wie ein Helm aussah, und mit einem leisen mechanischen Surren drückten sich die weichen Noppen der Elektroden gegen meinen Schädel.
Der Rest war eine Mischung aus Physik, Biologie und Informatik. Elektrische Impulse, synaptische Übertragung und ein fein abgestimmtes Programm, das die aufgezeichneten Daten auswertete.
»Möchten Sie etwas trinken, solange das Gerät läuft?«, fragte mich die medizinische Assistentin und ich lehnte ab, damit sie schneller die Auslese startete und mich allein ließ.
Eine halbe Stunde dauerte der kleine Scan für das letzte halbe Jahr, und ich lehnte mich zurück und schloss die Augen.
Meine Gedanken wanderten sofort wieder zum Umzug. Im Kopf plante ich den morgigen Tag durch, damit ich jedem sagen konnte, was zu tun war, wann wir den Transporter holten und wieder zurückbrachten und wann ich wen wohin bestellen musste.
Meine Eltern halfen natürlich den ganzen Tag, genau wie Vika. Joris hatte sich zum Möbelschleppen angemeldet. Luna und Jessy wollten zwischendurch vorbeikommen und etwas zu essen für alle mitbringen.
Ich war den Zeitplan schon zigmal durchgegangen und wünschte mir insgeheim, es wäre endlich morgen und ich könnte schon anfangen.
Die halbe Stunde zog sich und fühlte sich an wie Stunden.
Ich hätte doch um einen Kaffee bitten sollen.
Als die Langeweile mich fester packte und ich schon anfing, in Gedanken die Teile eines medialen Computerservers durchzugehen, die ich für meine Abschlussprüfung gebraucht hatte, wurde endlich die Tür geöffnet und die medizinische Assistentin kam hereingehuscht.
Eilig nahm sie mir die Elektrodenmaske vom Kopf, legte sie in die Reinigungsstation und war schon fast wieder aus dem Zimmer. Hier musste ja heute einiges zu tun sein, so wie sie rumhetzte.
»Der zuständige Arzt wird gleich nach Ihnen sehen«, informierte sie mich kurz und war wieder verschwunden.
War mir auch recht. Ich setzte mich vorn an die Kante meines Sessels und angelte nach meiner Handtasche, die ich daneben auf dem Boden abgestellt hatte. In Gedanken versunken kramte ich nach meinem Handy, um Vika noch ein Detail zum morgigen Tag zu schreiben, das mir in der letzten halben Stunde eingefallen war, da wurde auch schon die Tür aufgerissen.
Ein großer, schlaksiger Mann kam hereinspaziert, ein Tablet in der Hand, den weißen Kittel vorn nicht zugeknöpft, sodass man sein eng anliegendes schwarzes Shirt sehen konnte, das ihm ausgezeichnet stand.
Ich ließ die Tasche wieder zu Boden gleiten und staunte nicht schlecht, ihn hier zu sehen. Das war mal ein Zufall der krassen Sorte.
»Was muss ich hier lesen, Frau Henson. Sie tragen seit Neuestem also Spitzen-BHs. Da werde ich in Zukunft wohl viele gebrochene Männerherzen zum Psychologen überweisen müssen«, behauptete der Arzt mit ernster Miene und ich wollte mir das Grinsen verkneifen, ebenfalls das alberne Theater mitspielen, aber ich schaffte es einfach nicht.
»Selbst wenn das korrekt wäre, Doktor Grand, würde man das sicher nicht in meiner Auswertung sehen«, hielt ich dagegen und Oliver Grand schob sich die Brille auf der Nase hoch.
Seit wann hatte der Kerl überhaupt eine Brille? Sicher um intelligenter zu wirken. Oder er hatte sie irgendwem geklaut.
Einen Moment lang hielt Oliver sein Schauspiel noch aufrecht, dann nahm er die Brille ab und ein verschmitztes Grinsen erschien auf seinem Gesicht.
»Aber du solltest das definitiv in Betracht ziehen, wenn du es nicht bereits tust. Ich biete mich als Versuchsobjekt Nummer eins an«, gestand er mir und ich hob süffisant die Augenbrauen.
»Ja, das war mir klar«, spottete ich frech und stand vom Behandlungsstuhl auf. »Seit wann dürfen Assistenzärzte denn Auswertungen prüfen?«, wollte ich von ihm wissen, das Kinn herausfordernd nach vorn gereckt, und Oliver zuckte mit den Schultern.
»Ich mach Vertretung für Frau Doktor Alessia Russo«, erzählte er mir freimütig und ließ sich ihren Namen auf der Zunge zergehen. »Sie muss mir meine Forschungen genehmigen.«
Mir kam der Name sogar bekannt vor und ich erinnerte mich an die dunkelhaarige Medizinprofessorin. Die Frau war engagiert, wunderschön und herrisch wie eine Diktatorin. Da würde er sich ganz schön ins Zeug legen müssen, um sie zu beeindrucken. Deshalb wohl auch die Vertretung.
Doch Oliver konnte man das ruhig zutrauen. Er war vielleicht nicht klassisch gut aussehend mit seinem zu kantigen Gesicht, dem drahtigen Körperbau und den blonden Stoppelhaaren. Aber charmant wie sau und ich wusste nicht, ob es Momente in seinem Leben gab, in denen er mal nicht mit jemandem flirtete. Er machte es einem sehr leicht, ihn zu mögen, und jede Unterhaltung mit ihm verlief angenehm. Wenn man seinen Humor teilte.
»Du versuchst es also mit Arschkriechen«, zog ich ihn wegen Doktor Russo auf und sein Grinsen wurde eine Spur zu anzüglich.
»Hast du ihren Arsch mal gesehen? Ist doch klar, dass man da auf solche Ideen kommt«, schwärmte er belustigt und brachte mich dadurch zum Lachen.
Oliver und ich kannten uns schon eine ganze Weile. Da er als Medizinstudent des Öfteren auf dem Gelände von Biolog Medical war, liefen wir uns in der Kantine immer mal wieder über den Weg und aßen dann gemeinsam mit seinen Medizinkumpel.
»Und man muss übrigens kein Facharzt sein, um einfache Fakten von einem Bildschirm abzulesen. Wie zum Beispiel, dass du wohl unter leichten Schlafstörungen leidest«, meinte er mit Blick auf sein Tablet und seine Stimme wurde wieder etwas ernster. Doch nicht so sehr, dass ich mir Sorgen machen musste.
Solche einfachen Diagnosen waren alltäglich und ich tat es mit einer Handbewegung ab.
»Steht was Großes an?«, fragte er mich und ich konnte nicht sagen, ob es eine ärztliche Frage oder nur seine Neugierde war.
»Ich ziehe morgen in meine eigene Wohnung«, verkündete ich, weil es mich auch irgendwie stolz machte. Und weil ich so vor Oliver wie eine Erwachsene dastand. Klar, ich war schon längst volljährig. Aber eine Zwanzigjährige, die bei ihren Eltern wohnte, wurde nie so ernst genommen wie eine, die ihre eigenen vier Wände hatte.
»Soso.« Oliver nickte mir zu und notierte etwas in meiner Akte. Ich musterte sein Gesicht, um zu erkennen, was er wohl dachte. Aber bei ihm konnte man sich da nie so sicher sein. Er tat zwar immer einfach, aber ich glaubte daran, dass er in Wirklichkeit komplexer gestrickt war, als er zugeben wollte.
»Deshalb wohl auch der erhöhte Koffeinkonsum«, fügte er murmelnd hinzu und knuffte mir ganz unprofessionell in die Seite. Ich versuchte genervt auszusehen, aber bei Oliver war das echt schwer durchzuziehen.
»Ach, ist Koffein jetzt auch schon verboten?«, provozierte ich ihn und er lachte auf.
»Nein, zum Glück nicht, Babe. Sonst hätte ich mein Studium sicher nicht gepackt.« Er sah auf mich herab, was nicht schwer war bei unserem Größenunterschied. Normalerweise zählte ich mich als durchschnittlich groß. Doch neben Oliver, der an die zwei Meter groß sein musste, fühlte ich mich klein und zerbrechlich. Und das gefiel mir.
»Gut, du bist fertig. Musst auch erst in einem Jahr wiederkommen«, stellte er mir in Aussicht und ich war erleichtert.
Obwohl … Was war eigentlich mit meinen seltsamen Aussetzern in letzter Zeit? Hatten die auf dem Scan nicht ausgeschlagen? Waren sie so geringfügig, dass der Computer sie als unbedenklich einstufte?
Doch wenn ich erst in einem Jahr wiederkommen musste, war wohl wirklich nichts und Oliver Grand wollte ich auch nicht auf die Nase binden, dass ich möglicherweise eine Verrückte war.
Ich nahm meine Tasche, schüttelte das seltsame Gefühl ab und ging auf die Tür zu.
»Gemma!«, hielt Oliver mich zurück und ich drehte mich ihm noch einmal zu. »Lass uns mal einen Kaffee trinken gehen«, schlug er vor. »Laut deines Scans scheinst du da einen Bedarf zu haben.«
Ich lächelte und strich mir gekonnt unauffällig eine Strähne meines kinnlangen Haares hinters Ohr.
»Klar. Immer«, sagte ich, ohne durchblicken zu lassen, wie aufgeregt ich war, drehte mich auf dem Absatz um und stolzierte zu den Fahrstühlen wie die coolste Frau der ganzen Welt. Und so fühlte ich mich gerade auch.

3
Umzug

Ich hatte die Nacht vor Aufregung kaum bis gar nicht geschlafen. Ein bisschen lag es auch an der unbequemen Couch und daran, dass mein Zimmer sich nicht mehr wie mein Zimmer anfühlte.
Doch heute war der große Tag, einer von vielen großen Tagen der nächsten Zeit, und ich war die Erste, die am Morgen in der Küche stand und Kaffee für alle kochte, bevor ich loszog, um Brötchen beim Bäcker die Straße runter zu kaufen.
Ich war so voller Tatendrang, dass ich schier platzte. Nicht mal einen Kaffee brauchte ich, um in Schwung zu kommen, und das war in der letzten Zeit wirklich eine Seltenheit.
Joris stand Punkt neun Uhr vor der Tür und verschlang erst einmal die Hälfte aller Brötchen, zusammen mit einem ganzen Glas Marmelade.
Für uns war das okay. Mama war bei ihrer ersten Tasse Kaffee und noch ein Geist, Papa ließ sich von mir ein Brötchen belegen, das er mitnahm, als er losging, den Transporter abzuholen, und ich war viel zu hibbelig, um zu essen.
Danach ging es so richtig los. Kisten wurden geschleppt, Schrankteile nach unten transportiert und als es daranging, meine alte Vollholzkommode nach unten zu bekommen, holte Papa sich Hilfe von unserem Nachbarn Herr Leonell und seinem Sohn Sharoon. Obwohl der Junge erst fünfzehn war, hatte er Muskeln wie ein Minotaurus, sodass Joris ihm nur mit riesigen Augen hinterherstarren konnte, als er ihm die Bücherkiste aus den Händen nahm und davontrug, als wären nur Kissen darin.
Zum Glück war Vika noch nicht hier, sonst hätte sich der arme Kerl in Grund und Boden geschämt. Ich klopfte Joris aufmunternd auf die Schulter und ließ ihn mir später einen Koffer voller Schuhe abnehmen, während ich so tat, als wäre er mir viel zu schwer, um sein Ego zu pushen. Und Joris war auch so einfach gestrickt, dass es wirklich funktionierte.
Gegen halb zwölf war der Transporter rappelvoll und die letzten paar Kisten wanderten mit uns zusammen in Mamas Auto. Die Fahrt war ungemütlich und abenteuerlich und schlug Joris mehr auf den Magen, als er zugeben wollte.
Als Mama das Auto vor dem Gebäudekomplex parkte, in dem ich in Zukunft wohnen würde, war ich so von Gefühlen überwältigt, dass ich erst einmal nur dastehen und am Gebäude hochblicken konnte.
Es war ein L-förmiges Hochhaus mit etlichen holzverkleideten Balkonen, die größtenteils bewohnt aussahen. Überall ragten Grünpflanzen über die Geländer, Blumenkästen waren gefüllt mit Blüten und Kräutern und die eine oder andere Lichterkette ließ alles wie einen hellen fröhlichen Ort erscheinen.
Ich war nicht zum ersten Mal hier, da ich ja ständig bei Vika rumhing. Doch heute war es anders. Heute würde es auch mein neues Zuhause werden.
»Huhu!«, rief eine Stimme von oben und ich suchte mit den Augen die Häuserfront ab.
Im vierten Stockwerk lehnte Vika am Geländer eines Balkons, der im Gegensatz zu den anderen nackt wirkte. Nur die helle Holzverkleidung, die schmiedeeisernen Streben und die leeren Blumenkästen waren vorhanden.
Mein Balkon.
Meinen Schlüssel hatte ich Vika gestern vorbeigebracht, damit sie schon mal lüftete, da Papa letztes Wochenende alles einheitlich gestrichen hatte und die Zimmer immer noch nach Farbe rochen.
»Wir haben eine Überraschung für dich, Schatz!«, brüllte sie über den ganzen Platz hinweg und es störte sie kein Stück, dass sich alle Leute in der Umgebung nach ihr umdrehten.
Ich schnappte mir die Kiste mit meinen Sukkulenten, die während der Fahrt auf meinem Schoß gestanden hatte, und lief einmal um das Auto herum.
»Hausabschnitt B, vierter Stock, Zimmer dreizehn«, sagte ich zu Joris, der ans Auto gestützt dastand und erst mal nichts anderes tun konnte, als die Übelkeit wegzuatmen. Ich strich ihm aufmunternd über den Rücken und er hob nur die Hand, dass er verstanden hatte.
Mama blieb im Auto. Sie wollte ohnehin auf Papa warten. Vorhin hatte sie sich von meiner Freude und Aufregung anstecken lassen, doch ich wusste, dass sie mich eigentlich nur widerwillig gehen ließ. So musste das ja auch irgendwie sein. Die Kinder wurden flügge und die Eltern zeigten ihre Liebe dadurch, darüber traurig zu sein.
Ich beugte mich durchs Autofenster und drückte meiner Mutter einen Kuss auf die Wange. »Ich geh schon mal hoch.«
»Ist gut. Ich habe solange ein Auge auf den Seekranken«, machte sie ihre Witzchen und lächelte.
Ich grinste zurück. »Vielleicht hätte er nicht das ganze Glas Marmelade essen sollen.«
Joris stöhnte gequält auf und wir mussten uns das Lachen verkneifen.
»Bis gleich«, sagte ich und lief die wenigen Meter bis zur dunklen Glastür. Ich läutete bei meiner eigenen Klingel, an der in Vikas geschwungener Schrift mein Nachname stand. Schon allein darüber freute ich mich wie irre.
Vika drückte oben den Summer, ließ mich rein und ich konnte es kaum erwarten, dass der Lift mich in den vierten Stock hochbrachte. Ein Gefühl von Freiheit durchströmte mich und ließ mich glauben, alles erreichen zu können.
Vika hatte die ganze Zeit recht gehabt: Ich hätte schon längst ausziehen sollen.
Die Türen des Fahrstuhls öffneten sich und Vika fiel mir quietschend um den Hals. Beinahe wäre mir der Karton mit den Sukkulenten aus den Händen gefallen. Doch das störte mich heute nicht und ich stimmte in den hohen Freudenschrei mit ein wie ein durchgeknalltes Teeniemädchen.
Vielleicht lag auch die Pubertät noch nicht so weit hinter uns, wie wir uns manchmal gern einbildeten.
»Wir haben was gemacht und ich hoffe sooo sehr, es gefällt dir«, brabbelte Vika in mein Haar und ich löste mich langsam von ihr.
»Solange ihr nicht die Stühle an die Decke genagelt habt«, lachte ich und wir gingen den Flur entlang.
Meine Wohnungstür stand sperrangelweit offen und der Türrahmen war mit bunt bemalten Zeitungspapier-Pompons geschmückt.
»Wer ist eigentlich wir?«, wollte ich wissen und in dem Moment lugte ein schmales Gesicht verstohlen aus der Tür.
Es war Dani. Ich erkannte sie sofort an dem blonden Bubikopf, noch bevor ich sie ganz vor mir hatte.
Dani gehörte die Wohnung direkt neben meiner, und Vika und sie hatten sich vor Kurzem im Lift kennengelernt. Anscheinend war es Freundschaft auf den ersten Blick, denn seit dem Zeitpunkt erzählte sie mir ständig von ihr.
»Dani und ich. Wir saßen die halbe Nacht dran«, erzählte Vika mir und schob mich durch die Tür in meine neue Wohnung.
Sie war spiegelverkehrt zu der von Vika, die auf der anderen Seite des Flures wohnte.
Mein Vater hatte die Wände in einem sanften Cremeton gestrichen, der zu den mattbraunen Schränken der Kochnische passte, die noch ganz kahl und leer aussah. Ich stellte den Sukkulentenkarton auf dem Tresen ab.
Vika führte mich durch den nach hinten gezogenen Wohnbereich ins Schlafzimmer und sprang dann plötzlich wie eine Konfettikanone vor mich. »Überraschung!«, rief sie und Dani hinter mir kicherte nervös.
Erstaunt riss ich die Augen auf und betrat langsam das Zimmer. Die lange Wand, an der wir vorhatten, mein Bett zu stellen, war dunkel. Auberginelila, an manchen Stellen noch leicht feucht, mit einem großen Symbol in der Mitte, bei dem sie die Farbe ausgespart hatten und darunter das Creme zu sehen war.
Ein Pfeil, der einen Kreis beschrieb und durch zwei parallele Pfeile durchbrochen wurde. Es war das Symbol, das ich gestern auf den Notizblock in der Küche gekritzelt hatte.
Ich musste es nur sehen und bekam gleich ein warmes Gefühl im Bauch, als gehörte es auf eine Weise zu mir, die ich noch ergründen musste.
»Und? Gefällt es dir?«, wollte Vika vorsichtig wissen und nahm meine Hand. Ihre Armreifen streiften mein Handgelenk und klimperten dabei. »Ich weiß, die Farbe ist krass dunkel und du hast eigentlich was von Hellbraun geschrieben. Aber sie passt so gut zu dir. Und im Schlafzimmer ist das ja vielleicht eh gut, es etwas dunkler zu haben.«
Ich schenkte Vika ein Lächeln, das mir aus dem Herzen aufstieg, weil ich ernsthaft überwältigt war. »Es ist perfekt, Vika. Danke«, sagte ich zu ihr und sie atmete erleichtert auf.
»Oh, zum Glück. Es war echt so eine Spontanidee von mir, als du mir gestern früh wegen der Farbe geschrieben hast. Aber die eigentliche Arbeit hat auch Dani gemacht. Die ist da viel begabter als ich.«
Ich drehte mich zu Dani um, die mit hochgezogenen Schultern im leeren Wohnzimmer stand, die Hände in den Hosentaschen ihrer beigen Chinohose, das hellgelbe Strickjäckchen bis oben hin zugeknöpft.
»Danke, Dani. Ihr habt das echt irre gut gemacht«, bedankte ich mich auch bei ihr und ihr Lächeln ging fast bis zu den Ohren, während ihre Wangen rosig glühten.
»Willkommen im eigenen Zuhause«, sagte sie schüchtern und ich wusste gleich, dass ich sie auch mögen würde.
Vika legte stolz einen Arm um sie. Der Größenunterschied zwischen den beiden war schon fast skurril, da meine beste Freundin etwa um die eins achtzig groß war und Dani vielleicht Schuhgröße sechsunddreißig haben konnte.
»Oh, wow. Deine Wohnung sieht echt genauso aus wie meine«, hörte ich Joris von der Eingangstür aus und er stellte ächzend einen Karton aus dem Auto auf dem Holzboden ab.
»Hey, Vika. Was geht?«, grüßte er sie und seine lockere Art war so aufgesetzt, dass ich mit den Augen rollte.
»Schön, dich zu sehen«, sagte Vika. »Er wohnt drüben in Abschnitt D«, erklärte sie für Dani und ich kam auf Joris zu, um zu sehen, was ich auf den Karton geschrieben hatte.
Keine Minute später tauchte auch Papa auf und brachte die ersten Teile für den Kleiderschrank mit, den er später mit Vika zusammen im Schlafzimmer aufstellte.
Joris schleppte mit mir Kisten, bis mir der Rücken wehtat und ich mich darauf verlegte, die Küche einzuräumen.
Dani blieb und half, wo sie konnte, hängte die Vorhänge auf, assistierte Vika dabei, einen eingerahmten Schaltplan über der Couch zu platzieren, sortierte die Schubladen wieder in die Kommoden und schob meine Pflanzenkübel auf dem Balkon umher. Ich hatte die leise Vermutung, dass sie sich sehr darum bemühte, sich mit mir anzufreunden. Was mir entgegenkam. Vikas Freunde waren meistens auch meine Freunde. Das war gar nicht anders möglich bei einer Energiebombe wie ihr, die immer mit ganzem Herzen dabei war.
Es war fast schon halb drei, als mir aufging, dass Mama fehlte. Sie war überhaupt nicht hochgekommen und ich machte mir sofort Sorgen um sie.
»Paps?«, sprach ich ihn an, während er gerade dabei war, meinen Lattenrost im Bett festzumachen. »Ist Mama wieder heimgefahren?«
Papa ließ seufzend den Akkubohrer sinken. »Ja.« Der Ausdruck in seinem Gesicht wurde sorgenvoll. Ich hatte also recht gehabt. Irgendwas war mit Mama nicht in Ordnung.
»Sie hatte draußen einen kleinen Zusammenbruch. Sie hat geweint, wirres Zeug behauptet und sich geweigert, das Gebäude zu betreten.«
»Und da hast du sie allein nach Hause fahren lassen?«, fragte ich schockiert und Papa schüttelte energisch den Kopf.
»Auf keinen Fall. Ich habe Tante Laura angerufen. Die hat sie abgeholt und heimgebracht«, erklärte er und ich setzte mich neben ihn auf den Boden.
Wir waren allein im Schlafzimmer, während die anderen im Wohnzimmer beschäftigt waren, wo die Stimmen gerade lauter wurden. Ich erkannte Lunas Lachen und Jessys kritische Töne.
»Gemma! Essen ist da!«, rief Vika laut genug, dass es das ganze Stockwerk gehört haben musste.
»Wir kommen gleich. Fangt schon mal an.« Ich wandte mich wieder an Papa, dessen Gesicht sich in Sorgenfalten legte.
Wir machten uns beide viele Gedanken um Mama. Es hatte bei ihr nur mit kleinen Sachen angefangen. Sie hatte mal vor Schreck ein Glas fallen lassen, obwohl nichts da war, was sie erschreckt haben konnte. Sie redete von Leuten, die wir nicht kannten, nur um später zu behaupten, nie davon gesprochen zu haben. Und es wurde schlimmer.
Bisher hatte uns kein Arzt helfen können. Selbst durch Gedankenauslese hatte man nicht feststellen können, um was für ein Problem es sich handelte. Laut des Scans war mit ihr alles in Ordnung.
»Was hat sie gesagt?«, erkundigte ich mich und Papa sah mich fragend an. »Mama. Was hat sie für wirres Zeug behauptet?«
Er verzog das Gesicht. »Ach Gem, das ist doch nicht wichtig.«
»Mir schon«, beharrte ich drauf und sah ihn auffordernd an.
Er gab sich geschlagen. »Sie hat gesagt, dass sie es nicht verkraften würde, wenn du an den Folgen eines Unfalls sterben solltest, der ihrer Meinung nach gerade stattgefunden hat. Ein Laster hätte dich überfahren. Sie hat mich angefleht, ich solle den Ärzten sagen, sie müssen dich unbedingt retten.«
Schockiert starrte ich Papa an und ein kalter Stein aus Angst lag mir auf der Brust. »Wie kommt sie auf so was?«
Obwohl ich die Frage doch eher rhetorisch gemeint hatte, zuckte Papa mit den Schultern. »Ich weiß es nicht. Aber ich fahre morgen noch mal mit ihr zum Spezialisten.«
»Mach das«, sagte ich. »Und ruf mich dann bitte an.«
»Auf jeden Fall.« Papa legte den Akkuschrauber beiseite und erhob sich ächzend vom Boden. »Und jetzt lass uns was essen. Ich bin am Verhungern«, schlug er einen fröhlichen Ton an und ich hörte ganz genau, dass er schauspielerte, um mich wieder auf bessere Gedanken zu bringen.
Luna und Jessy hatten selbst gemachtes Sushi mitgebracht. Gurke-Karotte, eingelegter Rettich und mein absoluter Liebling: Avocado. Obwohl ich gerade noch gedacht hatte, meine Stimmung wäre im Keller, brachten mich das Essen und die Blödeleien von Vika und Luna wieder auf Spur. Und als ich mich fühlte, als würde von all dem Sushi mein Bauch bald platzen, konnte ich auch schon wieder Witze reißen und mir mein kinnlanges Haar spaßhaft mit Stäbchen eindrehen.
Jessy und Dani schienen sich sogar von früher zu kennen und quatschten über alte Zeiten. Joris und Papa diskutierten ernsthaft darüber, ob es etwas Sinnvolles an sich hatte, Bücher nach Farben ins Regal zu sortieren, anstatt nach Thema. Und ich genoss es, einen neuen Lebensabschnitt von Freunden umgeben zu beginnen.
4
Kents ShakeBar

Als alle Kisten in der Wohnung und alle Möbelstücke halbwegs aufgebaut waren, verabschiedete sich Papa unter dem Vorwand, den gemieteten Transporter wieder zurückbringen zu müssen. Doch ich wusste, dass er zu Mama wollte, und war froh, dass er sich jetzt um sie kümmerte.
Als er aus der Tür ging, schrieb ich Tante Laura, dass er auf dem Weg war. Sie antwortete mir knapp, dass meine Mutter sich wieder beruhigt hatte und nun schlief. Das stimmte mich allerdings wenig zuversichtlich, denn es änderte nichts daran, dass mit ihr etwas nicht in Ordnung war.
Ich lenkte mich mit Kisten auspacken ab und die anderen halfen mir, bis wir gegen spätnachmittag alle keine Lust mehr hatten und uns einer nach dem anderen auf das große Ecksofa fallen ließen.
Erschöpft hing ich zwischen Vikas knochigem Ellenbogen und Lunas weichen Kurven und sah mich in meiner neuen Wohnung um. Alles war durcheinander, überall lag Zeitungspapier und anderes Verpackungsmaterial herum. Die Schränke und Regale waren noch halb leer und durch die Tür mir gegenüber konnte ich in das Chaos im Schlafzimmer sehen.
Es war noch einiges an Anstrengung nötig, bis es hier wohnlich aussah. Aber ich hatte ja auch noch ein paar Tage Zeit, bis mein erster Arbeitstag begann.
Und ich durfte bei dem ganzen Trubel auch nicht vergessen, dass ich noch Termine hatte. Wie die Messe in zwei Tagen, bei der ich mich für die Aufsicht an einem der Stände meiner Ausbildungsstätte hatte einteilen lassen.
»Ich bin erledigt«, stöhnte Vika und lehnte sich auf mich, sodass ihre Locken mich am Hals kitzelten und sich ihr Ellenbogen schmerzhaft in meine Seite bohrte. Ich ertrug es stillschweigend, weil ich zu erschöpft war, um sie wegzuschieben.
»Lasst uns doch eine Runde spazieren gehen«, schlug Joris vom anderen Ende des Sofas vor und Jessy neben ihm stöhnte genervt auf.
»Nicht dein Ernst! Ich kann mich kaum noch auf den Beinen halten«, maulte sie und wir lachten, weil es so typisch Jessy war.
»Ich finde die Idee gar nicht so schlecht«, behauptete Vika und zog glücklicherweise ihren Ellenbogen aus meiner Seite.
»Echt jetzt?«, rief Joris erstaunt und sprang sofort auf die Beine, doch Vika wandte sich schon an Dani, die kerzengerade auf ihrer anderen Seite saß und sich wohl nicht traute, sich ebenfalls bei uns anzulehnen.
»Kommst du auch mit?«, fragte Vika sie und Dani nickte sofort.
»Vielleicht finden wir ja irgendwo Smoothies«, murmelte Luna, die die Augen geschlossen hatte und gemütlich eins meiner neuen Sofakissen umarmte. Ich fürchtete, dass sie nirgendwo mehr hingehen würde. Sie war quasi schon eingeschlafen.
»Find ich auch gut.« Vika war überzeugt.
Luna rutschte langsam der Kopf zur Seite und ich stabilisierte sie mit noch mehr Kissen, damit sie mir nicht vom Sofa fiel.
»Und wo wollen wir hin? Fruit-Palace?«, fragte Joris voller Tatendrang und ich konnte ihm ansehen, wie sehr Vikas Zustimmung ihn pushte. Doch mit seinem letzten Vorschlag hatte er sich selbst ins Bein geschossen.
Ich machte eine umständliche Verrenkung, um vom Sofa hochzukommen und Vika den Mund zuzuhalten, doch ich war zu langsam.
»Auf keinen Fall. Fruit-Palace? Bist du verrückt? Das sind kapitalistische Monster, die durch ihre Obstmassenzüchtungen und ihre Pestizide den Boden verunreinigen und das Sterben der Bienen fördern«, motzte sie drauflos.
Joris stand da wie festgefroren und sein Gesichtsausdruck zeigte, dass er eigentlich keine Ahnung hatte, was Vikas Problem war.
»Beruhig dich, Vika. Er hat’s nicht böse gemeint«, sagte ich zu ihr und strich ihr beruhigend den Rücken auf und ab.
»Aber ist doch wahr«, flüsterte sie mir zu und begann bereits zu erkennen, dass sie zu harsch gewesen war. »Ach, das war jetzt nicht gegen dich, Joris. Du kannst ja nichts dafür, dass die … Ey, ist Luna etwa eingeschlafen?«, wechselte sie mitten im Satz das Thema und merkte es selbst nicht mal.
Ich lächelte müde und kam ächzend auf die Beine.
In meinem Rücken schrie jeder Muskel nach meinem Bett, aber mein Kopf war noch nicht bereit, den Tag einfach so enden zu lassen. Zumal es erst gegen fünf war.
»Wollen wir nicht einfach raus und es auf uns zukommen lassen?«, schlug ich vor und zog Vika ebenfalls vom Sofa hoch. »Vielleicht finden wir Straßen in der Gegend, die wir noch nie gegangen sind. Ich will was Neues entdecken.«
»Was immer du befiehlst, Chef.« Joris salutierte spaßhaft vor mir.
»Was machen wir mit Luna?«, wollte Vika wissen und griff nach Danis Hand, um sie mit sich zu ziehen.
»Lass sie einfach schlafen«, sagte ich und sah mich nach meiner Handtasche um, die ich vorhin irgendwo abgestellt hatte. Vika und Dani verließen schon die Wohnung, ließen die Tür aber offen stehen.
»Ich kann ja bei ihr bleiben«, erklärte sich Jessy sofort bereit, schob sich die Ballerinas von den Füßen und legte die Beine hoch. »Macht mir gar nichts aus.«
»Ja, das kann ich mir vorstellen«, behauptete ich vielsagend und Jessy lachte ihre abgefahrene Hexenlache, während sie es sich bequem machte.
»Bringt uns ruhig Smoothies mit«, fügte sie hinzu.
Ich schnappte mir einen Klumpen Zeitungspapier und warf ihn nach dem dreisten Biest.
»Als ob, du faules Stück«, beleidigte ich sie spaßhaft und sie schloss seufzend die Augen.
»Mit Blaubeeren bitte. Danke!«, rief sie mir hinterher, als ich meine Tasche schnappte und Joris mir auf den Flur folgte.
»Du bringst ihr wirklich nichts mit?«, fragte er mich, als ich die Tür ins Schloss zog, und ich sah ihn skeptisch an.
Er hatte mal wieder den ganzen Witz verpasst.
»Natürlich bring ich ihr was mit. Ist doch Jessy«, erwiderte ich und schlenderte auf den Aufzug zu.
Als wir an Danis Wohnungstür vorbeikamen, öffnete sie sich in dem Moment und Dani trat zu uns auf den Flur.
Ich erhaschte einen kurzen Blick hinein, bevor sie die Tür wieder schloss. Alles war hell, geradlinig eingerichtet und die Wände voller großer Leinwände mit moderner Kunst.
Das hatte ich nicht von ihr erwartet. Wenn man sie sich ansah, wie sie sich den Träger einer kleinen braunen Umhängetasche über den Kopf zog und dabei ihre kurzen Haare total durcheinandergerieten, erwartete man eher etwas Liebliches. Blumenprints und Spitze. Aber vielleicht wusste ich auch noch nicht genug über Dani, um sie richtig einzuschätzen.
»Sag mal, Nachbarin, was machst du eigentlich so, wenn du nicht nachts die Wände von Freunden verzierst?«, fragte ich sie freiheraus und sie blinzelte mich an.
»Ich?«, erkundigte sie sich unsicher und blieb stehen, als wir Vikas Wohnungstür erreicht hatten, die sich den Flur runter befand.
»Ja, du.«
Dani druckste noch ein wenig herum und schob sich verlegen die runde Brille auf der Stupsnase nach oben. »Ich bin freie Künstlerin«, gestand sie mir und ich hob verblüfft die Augenbrauen. Dani steckte voller Überraschungen.
»Wow«, machten Joris und ich gleichzeitig.
In Vikas Wohnung rumpelte es und es wurde mir langsam zu bunt, auf sie zu warten.
Mit der flachen Hand schlug ich volle Kraft gegen ihre Tür. »Aufmachen! Polizei!«, rief ich spaßhaft und Vika riss sofort die Tür auf.
»Haha, sehr witzig«, sagte sie ironisch und fischte sich eine Socke aus den Locken. Wie auch immer die da hingekommen war. »Ich finde meinen Geldbeutel nicht.«
»Ist doch egal, ich lad euch heute eh alle ein«, eröffnete ich und scheuchte sie mit den Händen. »Schnapp dir deinen Schlüssel und komm. Ihr habt all mein Zeug geschleppt, da ist ein Smoothie ja wohl das Mindeste.«
Der Fahrstuhl war sehr eng für vier Personen und wir fielen fast heraus, als sich die Türen wieder öffneten. Dafür war es aber sehr amüsant.
Draußen schien die Sonne, unser Wohnblock und die umliegenden Grünflächen wirkten so frisch, dass ich mich hier schon richtig zu Hause fühlte.
Wir liefen den Fußweg entlang, bis wir die kleine Einkaufsmeile von Mauersend erreicht hatten. Doch kurz vor dem Biosupermarkt entschied ich, den üblichen Weg zu verlassen und in eine der Seitengassen zu spazieren, die man nie entlanglief, weil man glaubte, dort gäbe es nichts mehr.
In meinem Kopf öffnete sich wie von allein der Stadtplan für diese Gegend. All die schmalen Gassen war ich bereits auf einem Plan mit dem Finger entlanggefahren, um sie mir einzuprägen. Doch noch nie war ich sie entlanggegangen, um zu sehen, wie sie tatsächlich aussahen.
Wir kamen an einem leeren Geschäft vorbei, dessen Schaufenster mit Zeitungspapier verdunkelt waren, was wenig einladend aussah. Joris war dafür, wieder zurückzugehen, doch Vika und ich überstimmten ihn.
Ich fand es eigentlich ganz schön hier auf der Schattenseite der Geschäfte. Der Boden war grob gepflastert, in den Ritzen wuchsen Moos und Löwenzahn und über uns war neben windschiefen Regenrinnen ein blauer Streifen Himmel zu sehen.
Wir bogen wieder ab und blieben bei einem urigen Antiquitätenhändler hängen, bei dem Dani leuchtende Augen bekam. Doch sie war glücklicherweise so nachsichtig mit uns, sich nach zehn Minuten wieder loszureißen und uns nicht zwischen Kerzenleuchtern aus Messing und muffigen alten Sesseln warten zu lassen. Und obwohl Vika, unsere Expertin für Geschichte, sich für altes Zeug immer begeistern konnte, schreckte sie doch sehr zurück, als sie feststellte, dass der ausgestopfte zottelige Bär keine Nachbildung war.
»So grausam. Wie konnten Menschen nur je glauben, Tiere zu töten wäre irgendwie ethisch korrekt«, verlieh sie auch noch Minuten später ihrer Bestürzung Ausdruck, während wir an gemauerten Hausrückseiten entlangschlenderten.
»Damals haben die viele komische Sachen gedacht«, versuchte ich sie zu beruhigen und mir fiel natürlich überhaupt kein gutes Beispiel ein, das sie ablenken könnte.
Dani nahm wortlos ihre Hand und Vika versuchte sich an einem Lächeln.
»Ach Mann, ich wollte gar nicht die Stimmung versauen«, motzte sie über sich selbst und ich legte ihr beschwichtigend einen Arm um die Taille.
»Ach Quatsch. Wir finden schon was, um dich wieder aufzumuntern«, behauptete ich und Joris blieb so plötzlich stehen, dass wir beinahe in ihn hineingelaufen wären.
»Hört ihr das?«, fragte er uns und wir spitzten die Ohren. Und tatsächlich waberten leise Musikfetzen durch die schmale Gasse.
»Wo kommt die her?«, wollte Vika wissen und löste sich aus meiner Umarmung, um sich umzudrehen.
Das leise Quietschen einer Tür war zu hören und schlagartig wurde die Musik lauter, sodass wir den Ursprung schnell ausmachen konnten. Sie ertönte ein Stück hinter uns, von einer Treppe, die hinunter zu einer Kellertür führte.
Ich war überrascht, als ein junger Mann die Stufen nach oben kam. Hinter ihm fiel die Tür wieder zu und die Musik verschwand. Der Mann kam auf uns zu, den Blick auf sein Handy gerichtet, auf dem er einhändig tippte, während er in der anderen einen riesigen Pappbecher hielt, auf dem ich in großen Lettern ShakeBar las.
Wir machten ihm Platz und er verschwand in der nächsten Gasse, ohne den Blick gehoben zu haben. Ich lief das Stück Weg zurück und lugte die Kellertreppe hinunter.
Auf der hellgrünen Tür stand der gleiche Schriftzug geschrieben wie auf dem Pappbecher des Mannes, der an uns vorbeigelaufen war. ShakeBar. Und darüber ein Geöffnet-Schild. Wieso hatten wir das gerade nicht bemerkt?
»Ah, wie geil!«, rief ich und schwang begeistert die Hüften. Genau so etwas hatte ich mir bei unserem Spaziergang auf neuen Wegen erhofft zu finden.
»Ist da unten ein Café?«, fragte Joris erstaunt, der neben mich getreten war, und auch Vika und Dani drängten sich an die Treppe.
»Na, dann auf«, rief Vika und stieg sofort die Stufen hinunter.
Ich freute mich, dass sie ihre gute Laune zurückhatte und auch mich packte die Abenteuerlust.
»Wir können da doch nicht einfach reingehen«, hielt Joris uns zurück und Vika drehte sich lachend zu ihm um.
Sie zeigte auf das Geöffnet-Schild. »Wer ist jetzt der Stimmungskiller?«, warf sie ihm vor, um ihn aus der Reserve zu locken, und er gab natürlich nach. Wer mit Vika mithalten wollte, durfte nicht zu scheu sein.
Ohne zu zögern drückte sie die Tür auf und wir betraten einen niedrigen Raum. Es handelte sich hierbei tatsächlich um eine Art Café und in meinem Bauch breitete sich ein warmes, heimeliges Gefühl aus, das mich zum Lächeln brachte. Als ob dieser Ort zu mir gehörte und dazu bestimmt war, heute von mir entdeckt zu werden.
Die Wände waren hellgrün und auf einem langen Tresen standen eine Unzahl an Kuchen und Muffins, die sich auf gläsernen Platten stapelten. Das Regal dahinter war voller quietschbunter Sirupflaschen, die durch die Leuchtröhren sanft schimmerten.
Es war erstaunlich hell hier, obwohl die Fenster, die zu beiden Seiten kurz unter der Decke hingen, nur sehr schmal waren.
Vika trat sofort näher und lehnte sich an das helle Holz des Tresens. Der Mann tippte gerade etwas in einen Monitor ein und hob die Hand in unsere Richtung.
»Bin gleich so weit«, sagte er und seine Stimme klang jünger, als sein dunkler Vollbart vermuten ließ.
Wir betrachteten solange die Kuchen in der Auslage und lasen die Angebote auf den Kreidetafeln an der seitlichen Wand.
Der Name des Cafés war nicht willkürlich gewählt, denn neben den Standardgetränken wie Kaffee und Tee gab es eine ganze Reihe an Shakes.
»So, jetzt.« Der Mann hob den Blick und strahlte uns an. »Ich bin Kent. Willkommen in meiner ShakeBar. Was wünschst du zu haben?«, begrüßte er uns und sah Vika an, die ihm ein ebenso sonniges Lächeln schenkte.
»Schön, dich kennenzulernen, Kent. Ich bin Vika. Das sind Joris, Dani und Gemma«, verspürte sie wohl das Bedürfnis, uns alle vorzustellen, und Dani hob zaghaft die Hand zum Gruß.
Joris und ich sahen uns nur an und wussten, dass wir das Gleiche dachten. Vika schaffte es einfach überall, sich Freunde zu machen.
»Gemma«, hörte ich Kent meinen Namen sagen und unsere Blicke trafen sich. Er nickte mir zu und ich war mir nicht sicher, was das jetzt bedeuten sollte.
»Ich denke, ich werde den Mango-Hafer-Shake probieren und dazu ein Stück von der Physalistorte«, bestellte Vika als Erste.
»Gute Wahl. Mit Kokossahne?«, erkundigte sich Kent und Vika bekam große Augen.
Sie stimmte zu und verwies fürs Zahlen auf mich, woraufhin ich zustimmend winkte.
Dani nahm einen klassischen Bananenshake, während Joris Ewigkeiten brauchte, bis er sich für einen Nussshake mit Mandelmilch entscheiden konnte und einen Muffin dazu.
Als ich an der Reihe war, hatten sich Vika und Dani schon an einen der hinteren Tische gesetzt und Joris schlenderte ebenfalls zu ihnen. Lässig platzierte er sich neben Vika und schmachtete sie so unverhohlen an, dass Mitleid in mir hochkam. Ich würde sehr bald mit ihm darüber reden müssen.
»Und was möchtest du, Gemma?«, fragte Kent und holte mich damit aus meinen Gedanken.
»Ähm«, machte ich und sah rüber zu den Tafeln. »Ich denke, ich werde einen Soja-Karamellshake probieren.«
»Soll ich dir auch einen Espresso mit reinmachen?«, schlug Kent vor und hatte ein süffisantes Grinsen auf den Lippen, das ich nicht zuordnen konnte.
Aber Karamell mit Kaffeenote klang fantastisch und wie für mich gemacht. Denn ich spürte den Koffeinentzug bereits in meinem Hinterkopf pochen. »Ja, gern.«
Kent sah mich vielsagend an. »So wie immer also«, witzelte er und nahm ein hohes Glas aus dem Regal hinter sich.
Ich war irritiert. Hatte er das gerade wirklich gesagt oder hatte ich es mir schon wieder eingebildet? Denn es ergab gar keinen Sinn.
»Wie bitte?«, flüsterte ich und Kent zwinkerte mir zu.
»Du zahlst, richtig?«, sagte er nur und überging meine Frage.
Er nannte mir den Betrag und ich wühlte in meiner Handtasche nach dem Geldbeutel.
Dabei berührten meine Finger die feste Ecke eines kleinen Kartons. Ach ja, das Päckchen. Das war bei all dem Umzugstrubel ganz in Vergessenheit geraten.
Eilig zahlte ich und lief schnell zu den anderen an den Tisch.
Ich hatte mich noch nicht mal richtig hingesetzt, da fing Vika schon an.
»Hat er dich angegraben?«
»Was?«, fragte ich dümmlich und nahm meine Tasche auf den Schoß, um das Päckchen hervorzukramen.
»Kent. Der Barmann. Er steht auf dich«, flötete Vika und Joris machte große Augen.
»Was, echt?« Er war viel zu begeistert von dieser abstrusen Idee und ich schüttelte demonstrativ den Kopf.
»Doch wohl. Wie er vorhin ihren Namen wiederholt hat und das gerade war ein eindeutiges Zuzwinkern.« Vika war Feuer und Flamme. Ich überhaupt nicht. Denn ich war mir sicher, dass er nicht mit mir geflirtet hatte. Seltsam war es gewesen, keine Frage, aber ein Annäherungsversuch nicht.
»Nein. Er steht nicht auf mich«, wehrte ich ab, bekam endlich den Karton im Innern meiner Handtasche zu fassen und zog ihn heraus. Das war die beste Gelegenheit, um Vika abzulenken.
»Ich habe dir von dem Päckchen erzählt«, sagte ich zu ihr und sie sprang sofort drauf an.
»Ah ja, mit dem Vogel drin.« Sie schnappte sich die Kiste und zupfte genau wie ich jeden Streifen Verpackungsmaterial heraus, um am Ende nur einen gefalteten Papiervogel in Händen zu halten.
»Wer schickt dir denn einen Vogel?« Joris machte ein skeptisches Gesicht.
»Das ist eine Taube«, sagte jemand hinter mir und ich schreckte zusammen, fühlte mich auf seltsame Weise ertappt.
Kent kam an den Tisch und stellte unsere Shakes vor uns ab.
Verlegen sammelte ich schnell die Schnipsel auf, die auf der Tischplatte verteilt lagen, und schaffte es nicht, ihm in die Augen zu sehen.
»Oh, weißt du etwa, wer solche Tauben in Päckchen verschickt?«, erkundigte sich Vika sofort bei ihm und es ärgerte mich, dass sie mit dieser Information so freizügig umging. Dabei war es nicht mal etwas wirklich Geheimes. Es fühlte sich nur so an.
»Ich denke, das weiß Gemma selbst«, erwiderte Kent und hatte schon wieder diesen vielbedeutenden Ton in der Stimme. Sein Blick war so durchdringend, dass ich es merkte, obwohl ich ihn nur aus den Augenwinkeln ansah.
»Uuuh«, machte Vika und grinste verschwörerisch. »Geheimnisvoll.«
Sie mochte solche Rätsel. Doch ich wünschte mir, es gäbe eine einfache Lösung dafür.
5
Das Buch in der Wand

Unruhig wälzte ich mich von einer Seite auf die andere, ohne Schlaf zu finden. Obwohl die Bettwäsche wie immer duftete, hing der kalkige Geruch von Wandfarbe noch im Zimmer. Alles wirkte so fremd und leer. Die Schatten waren mir nicht vertraut, und unbekannte Geräusche drangen durch das geöffnete Fenster.
Doch das war nicht das Einzige, was mich umtrieb. Ich machte mir Sorgen um meine Mutter. Zwar war ich bei ihrem Ausbruch während des Umzugs nicht dabei gewesen, aber ich konnte mir bildlich vorstellen, wie sie schreiend und weinend auf dem Parkplatz stand. Sie hatte sich eingebildet, dass ich von einem Laster angefahren worden wäre. Das war schon hart. Ihr Zustand verschlechterte sich eindeutig.
Dabei hatte es nur mit Kleinigkeiten angefangen. Manchmal war sie kurzzeitig desorientiert gewesen oder hatte sich eingebildet, dass die Menschen um sie herum irgendwelche wirren Dinge sagten.
So wie ich.
Ich drehte mich auf die andere Seite und drückte mein Kissen zurecht.
Es war angsteinflößend, wenn ich darüber nachdachte. Da waren unsere Technik und die medizinischen Möglichkeiten schon so weit entwickelt und trotzdem schien ich ganz langsam verrückt zu werden, ohne dass es jemand verhindern oder auch nur nachvollziehen konnte.
Ich wollte nicht irgendwann schreiend auf der Straße stehen, weil ich Dinge für real hielt, die nie passiert waren. Gestern der Postbote, heute Kent in der ShakeBar.
Obwohl ich mir bei Kent noch nicht sicher war, ob es nicht möglicherweise er war, der nicht alle Tassen im Schrank hatte, und nicht ich.
Mein Fuß juckte, meine Liegeposition wurde zunehmend unbequemer und ich musste aufs Klo. Und hier zu liegen und mir Horrorszenarien auszudenken, brachte mich auch nicht weiter.
»Ach Scheiße«, fluchte ich laut und setzte mich auf, um meinen Fuß zu kratzen.
Dabei hatte ich schon letzte Nacht vor Aufregung kaum ein Auge zugetan, doch obwohl mein Körper sich zerschlagen anfühlte, wollte mein Kopf einfach keine Pause machen.
Mühsam erhob ich mich aus meinem Bett und schlurfte nach nebenan ins kleine Bad. Der Raum war schmal und enthielt auch nur ein Waschbecken mit Schränkchen darunter, einen Spiegel an der Wand, eine Toilette und eine winzige Dusche. Doch was konnte man schon erwarten, wenn man eine Wohnung mit dem Geld aus staatlichen Förderungen erwarb. Für etwas Größeres hätten wir Geld drauflegen müssen, das wir nicht besaßen.
Ich konnte froh sein, überhaupt eine eigene Wohnung zu haben. Für uns war es so selbstverständlich geworden, im Besitz der eigenen vier Wände, einer selbstbestimmten Ausbildung und eines festen Arbeitsplatzes zu sein. Noch vor fünfzig Jahren war nichts davon sicher gewesen.
Ich ging aufs Klo und wusch mir anschließend die Hände und auch das Gesicht, um mich in Schwung zu bringen. Wenn mein Kopf schon nicht schlafen wollte, konnte ich mich wenigstens nützlicheren Dingen zuwenden, als mich im Bett zu wälzen und die Bettwäsche zu zerknittern.
In der Küchennische herrschte ein heilloses Durcheinander. Ich begann erst einmal damit, die Schränke auszuwischen und Geschirr einzuräumen, bis ich meine Kaffeemaschine fand.
Was für ein Glück! Ich konnte mir Kaffee kochen. Meine Seele jubilierte. Emsig begann ich die Suche nach Filtern und Kaffeepulver. Und nach meinen Tassen.
Vielleicht war es nicht die beste Idee, mitten in der Nacht einen riesigen Pott Kaffee zu trinken, aber das war mir gerade herzlich egal. Die Kaffeemaschine wurde schnellstmöglich betriebsbereit gemacht und gluckste dann vor sich hin, während ich schon mal die nächste Kiste öffnete.
Ganz oben darin lag mein Buch. Das Buch der wichtigen Erinnerungen.
Mein Herz hoppelte und Adrenalin wurde mir in den Körper gepumpt. Ich hatte nicht daran gedacht, dass ich es in eine der Kisten gesteckt hatte.
Eigentlich war es ja nur richtig, nicht zu häufig daran zu denken, sonst wäre es auch sinnlos, es so geheim zu halten. Aber natürlich erschreckte ich mich in diesem Moment, da ich noch keine Ahnung hatte, wo ich es verstecken wollte und mir dafür jedoch höchstens fünf Minuten blieben. Denn mehr überdeckte so ein kleiner Schnitt in den Finger für die Gedankenauslese nur selten.
Ich schnappte mir das Notizbuch und sah mich erst gründlich in der Küche um, wobei ich mein Cuttermesser, jedoch kein geeignetes Versteck fand. Ich lief zuerst suchend durchs Wohnzimmer, dann durchs Schlafzimmer und anschließend ins Bad.
Über der Toilette befand sich eine weiße Metallplatte in der Wand, die wohl irgendetwas wie den Wasserzähler oder den Spülkasten beinhalten musste.
Mein Herz klopfte immer schneller vom Stress, dass ich einen Moment innehielt und tief durchatmete.
Ich kam mir total bescheuert vor, wie ich mich hier abhetzte. Die ganze Sache mit dem Buch an sich war auch total hirnrissig. Ich vertraute dem System der Gedankenauslese, ich wusste, dass da nichts gemauschelt wurde und eine Gedankenrasterung so gut wie niemals vorkam.
Warum hatte ich also Angst vor etwas, was mir nie passieren würde? Wofür schieb ich dann dieses Buch und versuchte es krampfhaft geheim zu halten?
Trotz dieser Erkenntnisse lief ich und holte mir Werkzeug aus dem Schlafzimmer, mit dem sich die Metallklappe öffnen ließ. Wahrscheinlich wurde ich tatsächlich langsam verrückt und das alles waren nur die Vorboten.
Hinter der Klappe befand sich eine Ansammlung von Rohren und ein dicker Kasten mit irgendwelchen digitalen Anzeigen, von denen ich keine Ahnung hatte, was sie bedeuteten.
Ich stieg auf den geschlossenen Klodeckel und versuchte umständlich hinter den Kasten zu blicken, um herauszufinden, ob der Spalt dahinter breit genug für mein Buch war.
Das Licht im Bad war allerdings nicht hell genug, um etwas zu erkennen, und ich tastete umständlich mit der Hand um den Kasten.
Meine Finger berührten etwas, was leicht nach unten rutschte, als ich dagegendrückte. Skeptisch hielt ich inne und versuchte es dann noch einmal. Diesmal rutschte das Etwas noch tiefer und ich konnte unterhalb des Kastens zwischen den Rohren ein Stück dunkelblauen Buchdeckels erkennen.
Ich war wie vom Donner gerührt. Da klemmte tatsächlich ein Buch an der Stelle, an der ich gerade mein Buch verstecken wollte.
Das war absolut irre. Hatte da etwa jemand die gleiche Idee gehabt wie ich?
Da ich keine Zeit zu verlieren hatte, friemelte ich das blaue Buch so schnell ich konnte heraus und schob mein eigenes mit einigem Druck hinter den Kasten, da es etwas dicker war als das blaue.
Unschlüssig stand ich auf dem Klodeckel und traute mich kaum, das fremde Buch aufzuschlagen. Es war eindeutig ein Notizbuch, ähnlich denen, in die ich gern schrieb.
Aber wie unglaublich war denn bitte der Zufall, dass derjenige, der vor mir in dieser Wohnung gelebt hatte, ebenfalls Notizbücher versteckte? Ob dieser Vorbewohner sich danach wohl auch in den Finger geschnitten hatte?
Obwohl ich mich schlecht fühlte, in die Privatsphäre eines anderen einzudringen, schlug ich das Buch auf der ersten Seite auf. Ich schaffte es nicht einmal, die ersten Zeilen zu überfliegen, da fiel mir schon auf, dass die Handschrift der meinen unglaublich ähnlich war.
Mein Herz setzte einen Schlag aus.
Umzug lief gut. Paps hat sich fast von einem Schrank erschlagen lassen.
Bin super aufgeregt. Ausbildung beginnt in zwei Wochen.
Vika wird morgen in die Wohnung 8 schräg gegenüber einziehen …
Vor Schreck glitt mir das Buch aus den Händen und landete mit einem Klatsch auf dem Fliesenboden.
Mir zitterten die Hände, mein Puls raste, mir wurde heiß und kalt gleichzeitig. Und als ich sah, was aus dem Buch rausgefallen war, bekam ich noch größere Panik: eine Origamitaube.
Was, verdammt noch mal, wurde hier eigentlich gespielt? Und wann hatte sich mein Leben in einen Horrorfilm verwandelt?
Mit Pudding in den Beinen stieg ich vom Klo und musste mich erst einmal setzen.
»Da liegt ein Notizbuch auf dem Boden, das in meiner Wand steckte. Ich habe es nie zuvor gesehen und doch sind die Notizen darin anscheinend von mir«, fasste ich halblaut zusammen und es schien mir noch verwirrender als zuvor.
»Das ist unmöglich«, sagte ich und beugte mich nach unten, um das Buch noch einmal zu inspizieren.
Ich wendete es in den Händen, blätterte grob durch die Ereignisse und prüfte die Daten des ersten und letzten Eintrags. Es war beinahe ein halbes Jahr.
Ich hielt hier ein dokumentiertes halbes Jahr in Händen, das nicht passiert war. Verwirrt und erschüttert starrte ich die letzte beschriebene Seite an und fragte mich, ob ich nun tatsächlich verrückt wurde. Vielleicht stand es um mich schon viel schlimmer, als ich gedacht hatte, und ich fing an, mir Notizbücher einzubilden.
Energisch schüttelte ich den Kopf. Nein, so verrückt konnte ich nicht sein. Dass wir uns Gegenstände vorstellten, war weder mir noch meiner Mutter je passiert. Aber wenn ich es mir nicht einbildete, wo kam es dann her?
Meine Augen fokussierten die Liste, die man auf die Seite vor mir geschrieben hatte. In meiner Handschrift.
-> Mama, Papa, Ezra.
Der Name Ezra war doppelt unterstrichen. Doch wer war Ezra?
Siedend heiß fiel mir wieder ein, dass die Zeit, die ich gehabt hatte, um mich zu schneiden, sicher schon um war. Gehetzt klappte ich das Buch zu, kletterte eilig auf den Klodeckel, um es ebenfalls irgendwie hinter den Kasten zu stopfen. Auch wenn es noch an einer Seite zu sehen war, schmiss ich die Metallklappe zu und schnappte mir mein Cuttermesser.
Zum Glück hatte ich jetzt so viel Adrenalin in den Adern, dass ich keine Sekunde zögerte, das Messer nach oben schob und mir einen deftigen Schnitt in die Handfläche verpasste.
Im ersten Moment spürte ich nichts, doch als Blutstropfen aus meiner Haut quollen, setzte ein unerträgliches Brennen ein und ich presste die Lippen fest aufeinander, um nicht laut zu fluchen.
Okay, dieser Schnitt hatte mehr wehgetan, als sich mal kurz in den Finger zu schneiden, und ich hoffte inständig, dass es reichte.
Denn was auch immer gerade passiert war, ob nun real oder nicht, ich war mir sicher, dass ich nicht wollte, dass irgendwer davon erfuhr.
6
Zweiter Vogel

Leise soulige Musik drang in mein Bewusstsein und ich dämmerte langsam aus dem Schlaf. Der Geruch von frischem Kaffee hing in der Luft und ich hörte Vika, die mit der Frau im Lied mitsang.
Ich schaffte es kaum, die Augen offen zu halten. Ich wälzte mich herum und versuchte nicht vom Sofa zu fallen, verlor dabei jedoch mein Kissen. Na toll.
Vika musste mein missmutiges Grummeln gehört haben, denn sie kam weiterhin singend zu mir herübergetanzt, schob einen Haufen Labyrinthe auf kleinen Zettelchen zur Seite und stellte mir eine heiße Tasse Kaffee auf den Couchtisch.
»Guten Morgen, Schatz«, begrüßte sie mich und ich verdeckte mein zerknautschtes Gesicht mit meinen Haaren, was mir bei der kurzen Länge gerade so gelang.
»Morgenmuffelig. Wow, das ist selten. Die Nacht muss ja richtig schlimm gewesen sein«, sagte sie fürsorglich und hob das Kissen vom Boden auf. »Trink dein Lebenselixier und spring unter die Dusche. Wir haben viel vor heute.« Sie tanzte zurück in die Küchennische, wo sie summend irgendwelche Sachen in meinen Vorratsschrank räumte und zwischendurch einen Schluck von ihrem Matcha Latte schlürfte.
Mühsam quälte ich mich in eine sitzende Position und schob mein Tablet zur Seite. Es war noch immer eingeschaltet, doch jemand hatte die Wiedergabe pausiert. Höchstwahrscheinlich Vika.
Mein Kopf tat weh und ein Stich fuhr mir in den Rücken, als ich mich zu dem Kaffee vorbeugte. Auf dem Sofa einzuschlafen entpuppte sich als schlechte Idee.
Doch letzte Nacht war ich zu sehr durch den Wind gewesen, um mich einfach schlafen zu legen.
Ich schob die Gedanken an das, was vorgefallen war, beiseite und konzentrierte mich auf den ersten Schluck Kaffee. Dafür war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt.
Genauso wenig wie heute Nacht. Deshalb hatte ich über ein Dutzend Labyrinthe auf kleine Zettelchen gekritzelt, was nicht besonders gut geholfen hatte, da meine Gedanken sich schlecht fokussieren ließen. Also musste ich mir die erste Folge von Slow Thunder aus der Mediathek meines Tablets raussuchen und mich von dummen Dialogen und schlechten Special Effects berieseln lassen, bis meine Kaffeekanne leer getrunken und ich gegen Morgen in einen unruhigen Schlaf abgedriftet war.
Das musste erst wenige Stunden her sein. Ich rieb mir die brennenden Augen und führte die Tasse an die Lippen.
Oliver Grand hatte bei der Gedankenauslese schon sehr richtig festgestellt, dass ich viel zu viel Kaffee trank. Aber mit Koffein im Blut funktionierte ich besser.
»Wie bist du in die Wohnung gekommen?«, zwang ich meine schwere Zunge in Bewegung und Vika warf mir ein Lächeln zu.
»Ich habe mir deinen Schlüssel nachmachen lassen, als du den vorgestern bei mir gelassen hast«, erklärte sie und klang in keinster Weise schuldbewusst.
Kopfschüttelnd trank ich einen großen Schluck Kaffee, der genau die richtige Temperatur hatte. So heiß, dass man es kaum ertragen konnte, aber ohne sich zu verbrennen. Und er war stark. Vika war die Retterin meines Morgens. Auch wenn es sie gleichzeitig zur Einbrecherin machte.
»Ich dachte, für Notfälle wäre das ganz praktisch. An deinem Schlüsselbund ist auch einer von mir dran.«
Das war mir noch gar nicht aufgefallen.
»Und was für ein Notfall ist das heute?«, erkundigte ich mich und Vika stemmte kokett die eine Hand in die Taille.
»Das ist doch offensichtlich. Es ist ein Gemma-hat-bis-in-die-Puppen-Serien-gesuchtet-und-braucht-jetzt-ihre-beste-Freundin-für-gute-Laune-am-Morgen-Notfall«, sagte sie und trank im Takt der Musik wippend einen Schluck Matcha.
Wenn ich sie nicht so gut kennen würde, hätte ich mich jetzt gefragt, ob sie sich diesen Satz schon vorher ausgedacht hatte. Aber bei Vika kam so was immer spontan aus ihren irren Gehirnwindungen gesprungen.
»Alles klar«, murmelte ich und zog die Beine in den Schneidersitz.
»Was ist dir eigentlich an der Hand passiert?«, erkundigte sie sich und kam zu mir rüber aufs Sofa.
Ich drehte meine rechte Handfläche nach oben und starrte auf die rote Linie, die ich mit einer guten Portion Sprühpflaster fixiert hatte. In etwa zwei Tagen wäre alles wieder wie vorher und ich dankte im Stillen dem medizinischen Fortschritt.
»Hab mich geschnitten«, antwortete ich knapp und Vika verdrehte die Augen.
»Dir darf man echt keine scharfen Gegenstände in die Hand drücken.« Sie lachte und stupste mich mit der Schulter an.
Obwohl ich mit Vika über beinahe alles redete, hatte ich ihr von dieser Sache nie etwas erzählt. Meine geheimen Notizen verheimlichte ich sogar vor ihr.
Gedanken gingen auch gern im Strom der Eindrücke um einen herum unter, doch ein Gespräch prägte sich viel besser ins Gedächtnis ein. Das wollte ich gerade jetzt nicht riskieren. Nicht, solange ich nicht wusste, was gespielt wurde.
Ich schnaubte in mich hinein und umklammerte die Tasse fester. Langsam drehte ich wirklich durch. Das grenzte ja schon an Verfolgungswahn. Wer war ich schon, dass sich irgendjemand für meine Gedanken interessieren sollte. Oder die Bücher in meiner Wand.
Mein Schädel brummte. Was für eine Scheiße. Wahrscheinlich hatte ich mir das alles echt nur eingebildet und demnächst würde ich schreiend auf Parkplätzen stehen.
Vika musterte mich mit besorgtem Blick und ich hob fragend die Augenbrauen.
»Wie geht’s deiner Mama?«
»Sie hatte gestern einen Anfall«, gab ich zu und lehnte mich gegen sie. Ich war froh, dass wir nicht über mich redeten, und ließ Vika in dem Glauben, dass ich mich ausschließlich um meine Mama sorgte.
»Ich habe mir schon gedacht, dass was passiert ist. Sie war gar nicht beim Umzug dabei. Und dein Pa wirkte auch so bedrückt.«
Wir schwiegen und tranken unsere Heißgetränke. Es tat gut, Vika zu haben. Sie war das Beste, was mir im Leben passieren konnte.
»Willst du drüber reden?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Weißt du, was? Du trinkst jetzt deinen Kaffee aus, gehst erst mal duschen und dann schlendern wir gemütlich ins Rosenbecker-Center zum Shoppen«, schlug Vika vor.
»Dein Ernst? Wir haben gestern den ganzen Tag Kisten geschleppt, und da willst du heute stundenlang durchs Einkaufszentrum laufen?« Mein Rücken schmerzte schon beim Gedanken daran und ich hatte gerade wirklich keinen Nerv dafür, mir Klamotten anzusehen.
»Ach, komm schon. Das ist besser, als zu Hause zu sitzen und in seinen Gedanken zu versumpfen. Wir frühstücken bei Tobi’s, holen ein paar Dekosachen für deine Wohnung und anschließend müssen wir dringend Lebensmittel kaufen. Mit den zwei Packungen Nudeln wirst du nicht weit kommen.« Vika leerte ihre Tasse und erhob sich schwungvoll. »Also los, ab ins Bad mit dir!«, befahl sie und ich hatte keine andere Wahl, als ihrer Aufforderung Folge zu leisten. Um mich gegen ihren Tatendrang durchzusetzen, war ich einfach noch nicht wach genug.
Erschöpft schlurfte ich ins kleine Bad, schaltete das Licht ein, da es hier drin ja kein Fenster gab, und erschrak so sehr, dass ich beinahe rückwärts wieder aus der Tür gestolpert wäre.
Auf dem Boden lag ein Origamivogel.
Okay, jetzt war ich wach.
Langsam trat ich ein und bückte mich, um den Vogel mit zitternden Fingern aufzuheben. Er war aus foliertem Papier gefaltet und sah reichlich ramponiert aus. An einem Flügel konnte man noch den Rest eines Wortes erkennen. Höchstwahrscheinlich war er aus einem alten Flyer entstanden.
Mein Herz schlug mir schon wieder bis zum Hals und ich erinnerte mich selbst daran, woher er gekommen war. Heute Nacht war er aus dem blauen Buch gefallen.
Zwanghaft versuchte ich nicht darüber nachzudenken und vertagte meine Überlegungen auf später. Vorsichthalber drückte ich mir mit dem Daumen in die verletzte Handfläche, um einen leichten Schmerz zu verursachen, der meine Gedanken zwar nicht überdecken, aber wenigstens ein wenig verschleiern würde.
Mit spitzen Fingern legte ich den Vogel auf den Waschbeckenrand.
Vielleicht war es doch nicht so schlecht, ins Einkaufszentrum zu fahren. Dort war es laut und bunt. Genau die Überforderung der Sinne, die ich brauchte, um ungestört verbotenen Gedanken nachzuhängen. Denn selbst ein Computer war in so einer Situation schnell mal am Ende seiner Rechenleistung. Natürlich würde Biolog Medical das niemals öffentlich zugeben, doch das Gehirn war immer noch sehr viel komplexer als die Geräte, die sie besaßen. Und ich kannte mittlerweile alle Schwächen.
Ich duschte so heiß, wie ich es gerade noch aushielt, und wusch mir die letzten Reste Müdigkeit vom Körper, während ich mir überlegte, was ich anziehen wollte. Leider hatte ich noch nicht alle Kisten ausgepackt und daher fehlte mir etwa die Hälfte meiner Klamotten. Aber es würde sich schon etwas finden.
Mit einem Handtuchturban auf dem Kopf wühlte ich in meinem Schrank und der einen Kiste mit Klamotten, die ich schon geöffnet hatte. Wenigstens die Unterwäsche war in meinem Chaos bereits aufgetaucht.
Ich fand ein senfgelbes Shirt mit Schwalbenprint und weiter unten eine Jeanslatzhose, die ich schon seit Langem nicht mehr getragen hatte.
Neuer Lebensabschnitt, alte Klamotten, dachte ich bei mir und fand es irgendwie passend.
Als ich das Handtuch zurück ins Bad brachte und die Lüftung anstellte, fiel mein Blick wieder auf den Vogel.
Er war immer noch da. War das der Beweis dafür, dass ich mir das alles nicht einbildete? Aber wenn das alles nicht meiner irrsinnigen Vorstellung entsprang, was bedeutete das dann für mich?
Mit dem Vogel in der Hand kam ich ins Wohnzimmer und legte ihn in der Kochnische wie zufällig auf den Tisch neben Vikas leerer Teetasse ab. Ich wusste, dass es bescheuert war, mich so zu verhalten, aber ich wollte einfach, dass Vika ihn sah. Wenn sie ihn auch wahrnahm, dann war ich zumindest nicht so verrückt, wie ich annahm.
»Hast du noch ein Päckchen bekommen?«, fragte sie prompt, als sie sich zu mir umdrehte, und hob die Origamitaube vom Tisch auf.
»Nein. Aber ich dachte, man könnte die sicher schön aufhängen oder so«, lenkte ich sofort ab, um ihr eine richtige Antwort schuldig zu bleiben, und ihre Augen begannen zu strahlen.
»Ja, das ist eine tolle Idee. Lass uns gleich auch so einen Holzring kaufen, an dem wir die befestigen können«, rief sie begeistert und legte den Vogel zurück. »Aber wir brauchen definitiv schöneres Papier dafür«, fügte sie hinzu und räumte unsere Tassen in die Spüle.
Wir fuhren mit der Magnetschwebebahn ins Zentrum und liefen die grüne Allee der Einkaufsmeile hinunter zum Rosenbecker-Center.
Das Gebäude war ein Gebilde aus farbigem Glas und Wasserkunst und man hatte immer den Eindruck, einen Unterwasserpalast zu betreten. Deshalb war es auch Vikas Lieblingseinkaufszentrum. Und ich konnte nicht sagen, dass es mir hier nicht gefiel, obwohl für mich die Aufmachung nicht ganz so wichtig war wie für meine beste Freundin.
Tobi’s war brechend voll, daher holten wir uns nur eben einen Avocado-Tomaten-Bagel auf die Hand und schlenderten in die erste Etage, um uns in einigen Deko-Geschäften umzusehen.
Ich überließ Vika das Herausputzen meiner Wohnung. Sie hatte einen viel feineren Sinn für Farben als ich und auch einen Blick dafür, was sich gut miteinander kombinieren ließ.
Sie suchte neue Kissenbezüge für meine Couch aus, holte mir eine tolle messingfarbene Schale für mein Obst und überredete mich zu einem gemusterten Teppich für mein Schlafzimmer. Zum Glück konnte man sich solchen Kram nach Hause schicken lassen und musste ihn nicht den ganzen Tag mit sich herumschleppen. Mein Rücken dankte es mir.
Es dauerte nicht lange, bis bei mir die Luft raus war. Ich hatte einfach nicht genug geschlafen und Vika versprach mir, bei Coffee Praise vorbeizugehen, nachdem sie auf dem Klo war.
Sie leugnete es, aber ich wusste genau, dass es am plätschernden Wasser lag, dass sie hier im Center ständig aufs Klo musste.
Ich setzte mich an den Rand einer Kunstinstallation aus mehreren Wasserfällen, blauem Licht und Zuchtfarn und zog mein Handy aus der Hosentasche. Ich entsperrte es, ohne etwas zu brauchen, und schaltete es gleich wieder aus.
Um mich herum waren die Menschen laut, das Wasser rauschte, bunte Farben reizten meine Augen. Es war der perfekte Moment, meinen Gedanken freien Lauf zu lassen.
Endlich. Denn ich hatte es bitter nötig, über einige Sachen nachzudenken.
Das ominöse Buch in meiner Wand zum Beispiel, das anscheinend mir gehörte und das ich doch nicht kannte. Das war das Wahnsinnigste, was mir jemals passiert war. Und mir war in der letzten Zeit so einiges passiert.
Da Vika den zweiten Origamivogel auch gesehen hatte, konnte ich davon ausgehen, dass ich mir das Ganze nicht nur einbildete.
Auch wenn das wohl die einfachste Lösung gewesen wäre, um zu erklären, woher das Buch gekommen war. So musste ich mir etwas anderes einfallen lassen. Und die beiden Lösungen, die mir einfielen, waren beide gleich abwegig.
Mein Blick wanderte durchs Einkaufszentrum, beobachtete die Menschen, während meine Gedanken rasten. Das Handy drehte ich dabei in den Händen.
Das Buch könnte eine Fälschung sein. Aber warum sollte jemand so etwas tun?
Oder ich hatte dieses halbe Jahr, das im Buch beschrieben war, tatsächlich vergessen. Doch das war zu beängstigend, als dass ich es für wahr halten wollte. Na ja, zusammen mit Zeitreise oder der Möglichkeit, dass ich einen bösen Zwilling besaß. Oder Parallelwelten.
Ich war einfach ratlos.
Mal angenommen, es war eine Fälschung, musste ich mich fragen, zu welchem Zweck. Jemand musste von meinen geheimen Büchern wissen, musste meine Schrift nachahmen, mich gut genug kennen, um die Menschen zu erwähnen, die ich mochte.
Ich hatte nicht viel Zeit gehabt, im Buch zu blättern, und hatte nur wenige Seiten kurz überflogen, aber es war mir doch sehr authentisch vorgekommen.
Was mich zur zweiten Variante brachte. Ich hatte es vergessen. Doch ich müsste mir nicht nur den Kopf gestoßen haben, denn laut der ersten Seiten des Buches war ich zum Anfang meiner Ausbildung ausgezogen. Das war ich meiner Erinnerung nach aber nicht. Ich hatte nie einen Versuch unternommen, auszuziehen, bis zum gestrigen Tag.
Natürlich musste ich in Erwägung ziehen, dass ich die Ereignisse nicht ganz natürlich vergessen hatte. Schließlich hatten wir die Technik, Gedanken und Erinnerungen zu rastern, wie unwahrscheinlich es auch war. Ein halbes Jahr zu rastern war noch viel irrsinniger. Und illegal.
Doch wenn ich es mal gedanklich durchspielte, kam ich auf noch viel skurrilere Ergebnisse. Man musste mir dieses halbe Jahr ja nicht nur löschen, man musste mich auch wieder zurück in mein Elternhaus bringen, die Erinnerungen meiner Eltern und Freunde rastern und jedem anderen, mit dem ich in der Zeit zu tun gehabt hatte.
Außerdem ging es nicht spurlos an einem vorbei, wenn man solche Zeiträume zerstückelte oder auslöschte. Ich konnte mir zumindest nicht vorstellen, dass das so leicht zu verdauen war.
Außerdem hätte mir doch auffallen müssen, wenn ich eines Tages aufgewacht wäre und das letzte halbe Jahr hätte mir gefehlt. Oder etwa nicht?
Das war definitiv nicht passiert.
Blieb also die Zeitreisetheorie und die Parallelwelten, die beide der Science-Fiction entsprangen und unmöglich real sein konnten.
Es gab also absolut keine Erklärung, die ich mir in Ansätzen vorstellen konnte. Es war schlichtweg unmöglich. Was mich wieder zum ersten Ansatz brachte: Ich hatte mir alles nur eingebildet.
Ich schüttelte den Kopf über mich selbst und stieß geräuschvoll die Luft aus. So kam ich nicht weiter und ich wusste, dass ich früher oder später das Notizbuch aus seinem Versteck holen musste, um es zu lesen. Vielleicht gab das Buch selbst mir Aufschluss darüber, was des Rätsels Lösung beinhaltete.
Jedoch würde sich das in nächster Zeit schwierig gestalten. Man durfte sich ja auch nicht endlos oft in den Finger schneiden, ohne vor dem System als selbstverletzend zu gelten. Ich konnte es sicher nicht gebrauchen, dass der Computer ausschlug und ein Arzt sich die Sequenzen meiner Fingerschnitte genauer ansah. Zwar würde er das Buch durch den Schmerz nicht entdecken, aber vielleicht Hinweise darauf.
Im besten Fall wäre da eine Überweisung zum Psychologen wegen Ritzens drin. Darauf hatte ich auch wenig Lust.
Was blieb mir also übrig, als nicht weiter darüber nachzudenken?
Vielleicht mehr über die Origamivögel herauszufinden, da sie ja offensichtlich etwas mit diesem Buch zu tun hatten.
Oder Ezra finden. Wer auch immer er war.
Ich hatte noch niemals einen Namen unterstrichen und schon gar nicht doppelt.
Vorausgesetzt, die Notizen hatte tatsächlich ich geschrieben.
»Na, Schatz, bereit für Kaffee?«, riss Vika mich aus meinen Gedanken und ich schreckte so zusammen, dass mir beinahe das Handy entglitten wäre.
»Immer«, seufzte ich und ließ mir von Vika eine Hand reichen, um mich auf die Füße zu ziehen.
Ich warf einen Blick auf die Uhrzeit auf dem Display, bevor ich mein Handy in der Innenklappe meiner Handtasche verschwinden ließ.
Vika hatte ganze fünfzehn Minuten auf dem Klo verbracht.
»Du warst ganz schön lange weg«, merkte ich an und Vika machte ein entschuldigendes Gesicht.
»Ja, sorry. Ich habe eine Freundin meiner Mama vorn getroffen und mich kurz verquatscht«, erzählte sie mir und ich zuckte mit den Schultern.
»Solange ich meinen Kaffee bekomme, ist mir alles andere egal«, witzelte ich und sah Vika an, dass sie mir gern gesagt hätte, wie ungesund all der Kaffee für mich war.
Das wusste ich ja eigentlich selbst. Doch seit einer ganzen Weile war ich ohne Koffein einfach zu nichts zu gebrauchen. Um genau zu sein, seit meine Schlafstörungen angefangen hatten.
Ich stempelte es gern als eine Phase ab, die irgendwann vorbeiging. Doch bisher war es nicht besser geworden. Eher schlimmer.
Wir stiegen die Stufen hinauf in die zweite Ebene des Einkaufszentrums und hielten zielstrebig auf Coffee Praise zu. Zumindest ich, Vika wurde etwa fünf Meter zu früh langsamer.
Ich blickte sie fragend an.
»Magst du vielleicht schon mal vorgehen?«, fragte sie und es brauchte nur einen Blick ins Schaufenster neben uns, um zu wissen, was Sache war. Ausverkauf bei Timon Music. Uralte Schallplatten zum halben Preis.
Vika war besessen von diesen Dingern und ich konnte es nicht nachvollziehen, wie man für so was so viel Geld hinblättern konnte. Das Plastik, aus dem sie vor langer Zeit gemacht worden waren, war nicht mal biologisch abbaubar.
Bei Vika schlug da einfach die Nostalgie durch und die war sogar stärker als der Drang, den Planeten zu retten. Und das sollte schon was heißen.
»Klar. Ich bin ja schon groß«, sprach ich sie frei und schubste sie durch die geöffnete Tür von Timon.
»Okay. Sobald ich hier fertig bin, komm ich zu dir«, behauptete sie und ich lachte auf, weil das eher unwahrscheinlich war. Ihre Finger würden beginnen, die Platten durchzublättern und sie würde völlig vergessen, wo sie war.
»Ich trink gemütlich meinen Kaffee und dann hol ich dich ab«, schlug ich vor und auf Vikas Lippen legte sich ein verlegenes Lächeln.
»Oder so«, sagte sie noch und war im Musikparadies verschwunden.
Natürlich hätten wir auch erst gemeinsam meinen Kaffee holen und dann in den Plattenladen abtauchen können. Doch eigentlich war ich ganz froh, dass Vika das allein machte und ich noch ein bisschen Zeit für mich und meine Gedanken hatte. So stand ich auch nicht der Herausforderung gegenüber, mir all die Band- und Künstlernamen der letzten Jahrzehnte merken zu müssen.
Ohne Eile schlenderte ich zu Coffee Praise, betrat das kleine Geschäft und atmete erst einmal ganz tief den Geruch nach frisch gemahlenen Kaffeebohnen ein. Das dunkle Ambiente wirkte beruhigend auf mich und gab mir immer wieder ein gutes Gefühl.
Hier ging es mir tatsächlich besser als sonst. Als wäre es meine Bestimmung, mich zu setzen und zu bleiben, und nicht durch die Welt zu rennen, um etwas nachzujagen, was ich nicht fassen konnte und was mich unruhig und schlaflos zurückließ.
Da machte es mir noch weniger aus, meinen Kaffee allein zu holen.
Ich stellte mich brav am Ende der Menschenschlange an, die darauf wartete, an der Reihe zu sein.
Eine Frau in einem petrolfarbenen Kostüm bestellte sich gerade einen Chai Latte mit Sojamilch und ohne Sahne. Ihre Stimme hatte etwas so Markantes, dass ich sie sogar am Ende der Schlange verstand, als sie dem Mitarbeiter ihre Bestellung und ihren Namen nannte, damit er alles auf dem Becher notieren konnte.
Mein Handy gab einen leisen Ton von sich und ich zog es aus der Tasche. Vika hatte mir ein GIF geschickt, in dem sie sich mit animierten Herzchen in den Augen eine Schallplatte an die Brust drückte. Dem Bild auf dem Schuber nach zu urteilen, handelte es sich dabei um klassische Musik.
Ich schickte ihr ein paar lachende Emoticons zurück und las dann noch eine Nachricht von meinem Papa, die gerade reingekommen war und in der er mir mitteilte, dass er für meine Mutter einen großen Gesundheitscheck beantragt hatte.
Gut so, der war auch wirklich mal nötig.
Ich rückte mit den Menschen in der Schlange weiter Richtung Kasse. Um nicht an meine Mutter zu denken, richtete ich meine Aufmerksamkeit etwas Banalem zu. Ich studierte die Preistafel und überlegte, welche der drei Kaffeesorten ich heute wählen sollte.
»Einen Earl Grey bitte. Schwarz und ohne Zucker«, sagte der Mann vor mir und ich sah auf. Er war groß, fast so riesig wie Oliver Grand. Das Erste, was ins Auge fiel, war sein rotblondes Haar und die scharf gezeichnete Nase.
Einen ganz kurzen Moment hatte ich ein Gefühl von Erkennen. Doch das ging mir öfter so und bedeutete gar nichts. Meist schob ich es auf Mineralstoffmangel wie bei einem Déjà-vu oder auch auf meine sich anbahnende Verrücktheit.
Ich versuchte mich davon nicht nervös machen zu lassen, schob mein Handy zurück in die Handtasche und wühlte nach meinem Portemonnaie. Mal sehen, wie viel Bargeld ich noch hatte.
»Auf welchen Namen?«, fragte der junge Kerl mit wilder dunkler Lockenmähne hinter dem Tresen.
»Ezra«, antwortete ihm der Rothaarige und es durchzuckte mich wie ein Blitz. Mein Blick schoss zu ihm zurück und mir fiel vor Schreck der Geldbeutel aus der Hand, sodass sich das ganze Kleingeld auf dem Boden verteilte.
»Oh Mist«, fluchte ich leise und bückte mich sofort, um ganz hektisch alles wieder einzusammeln. Schamesröte stieg mir ins Gesicht.
Der Mann vor mir beugte sich ebenfalls nach unten und half mir, die Münzen einzufangen, die davonkullerten; was die ganze Sache nicht weniger peinlich machte.
»Du musst nicht … ähm … danke«, stotterte ich, als er mir das Kleingeld in die Hand legte, das er aufgesammelt hatte.
»Kein Problem. Kann jedem mal passieren«, sagte er und seine Stimme hatte einen angenehm dunklen Ton.
»Ich bin sonst nicht so der tollpatschige Typ«, versuchte ich es irgendwie zu retten und hatte aber das Gefühl, es durch meine Rechtfertigungsversuche nur noch schlimmer zu machen.
Der Mann grinste und die Sommersprossen in seinem Gesicht schienen dabei zu tanzen.
»Vielleicht brauchst du ja einfach nur einen Kaffee?«, meinte er spaßhaft und ich musste über diesen Kommentar lächeln.
»Ja, sogar ganz dringend«, gab ich zurück und der Kerl hinter der Theke sah mich erwartungsvoll an, den Becher schon in der Hand.
»Einen Kaffee Arabica mit einem kleinen Schluck Hafermilch«, gab ich meine Bestellung auf. »Für Gemma«, fügte ich hinzu, bevor er mich danach fragen konnte.
Ich zahlte und stellte mich neben den Mann mit dem roten Haar, um darauf zu warten, dass meine Bestellung fertig wurde.
»Gemma, richtig?«, sprach er mich an und ich nickte hastig.
»Ja«, japste ich und spürte in meinem Bauch, wie aufgeregt ich immer noch war. Und das lag nicht mehr nur an meinem blöden Missgeschick mit dem Kleingeld. Es lag ganz eindeutig daran, dass der Mann neben mir einen Becher in Empfang nahm, auf dem der Name ›Ezra‹ geschrieben stand.
Es war der Name aus dem Buch, der Name, den ich zweimal unterstrichen hatte. Konnte es Zufall sein, dass ich nur einen Tag später einem Mann begegnete, der diesen Namen trug?
Und wenn nicht, was hatte das alles zu bedeuten?
»Bist du öfter hier?«, fragte er mich ganz plump und man sah ihm an, dass er sich selbst bescheuert dabei vorkam, mit so was Klischeehaftem ein Gespräch zu beginnen.
»Kaffee kaufen? Ja.« Was sollte ich auch anderes antworten? »Kennst du viele Leute, die heißen wie du?«, erkundigte ich mich und hoffte, nicht zu aufdringlich rüberzukommen. Doch anscheinend teilten wir diese Angst, sonst würden wir nicht beide so unsicher dastehen und versuchen, miteinander zu reden.
»Eigentlich nicht, nein. Wieso?«
»Ach, nur so.« Das Gespräch wurde immer seltsamer und endlich wurde mir von einer kleinen Mitarbeiterin mit rundem Gesicht mein Kaffee gereicht. Er war so heiß, dass ich mir beinahe die Finger daran verbrannte, und ich nahm mir schnell einen Becherkragen aus einem Spender an der Theke.
»Kennst du denn noch jemanden mit dem Namen?«, fragte Ezra und ich wusste im ersten Moment nicht, was ich darauf antworten sollte.
»Ich glaube nicht«, kam der Wahrheit am nächsten und ich sah zu ihm auf.
Mein Blick blieb an seinen Augen hängen und ich suchte in ihnen nach etwas Bekanntem, etwas, was mir zeigte, dass ich nicht verrückt war und dieser Name in diesem Buch tatsächlich etwas für mich bedeutete. Seine Iris waren graublau.
»Gemma, sind wir uns schon mal begegnet?«, wollte Ezra von mir wissen und im ersten Moment dachte ich, ich müsste mir diesen Satz eingebildet haben. Das Herz hämmerte mir in der Brust und ich schluckte schwer gegen meinen wie ausgedörrten Hals an.
»Nicht das ich wüsste«, kam es flüsternd aus meinem Mund und Ezra schüttelte den Kopf, als vertrieb er seine Gedanken.
»Ach nein, vergiss es. Ich hatte gerade nur so ein Gefühl. Aber manchmal bilde ich mir so was auch ein«, tat er es ab und lächelte wieder. »Man sieht sich vielleicht mal wieder«, verabschiedete er sich, drehte sich zögerlich von mir weg und verließ das Café.
Und ich blieb zurück, wie erstarrt und umklammerte meinen Kaffee.
7
Die Messe

Zum Glück war Vika viel zu verliebt in ihre neuen Schallplatten, die sie stolz in einer dunkelgrünen Papiertüte durch die Gegend trug, um zu bemerken, dass ich seit der Begegnung mit Ezra total durch den Wind war.
Es nagte an mir, mit ihr nicht einfach darüber zu sprechen, doch ich wollte sie in diese seltsame Sache auch nicht mit reinziehen, bevor ich wusste, wohin das Ganze führte. Denn ich hatte da so ein ungutes Gefühl, dass in meinem Leben etwas aus den Fugen geraten war und ich nur noch nicht herausgefunden hatte, was es war.
Wir aßen an einem Stand mit indischen Suppen zu Mittag und anschließend ließ ich mich von Vika dazu bewegen, Lebensmittel zu holen und noch ins Gartencenter zu fahren, um Pflanzen für meinen Balkon zu kaufen. Nicht zu vergessen die Packung Trockenfutter für Vikas Hamster Sir Francis Drake, für die wir den halben Kaufpark ablaufen mussten, weil Vika unbedingt das mit den getrockneten Fruchtstückchen haben musste.
Danach wollte ich nur noch nach Hause und musste aufpassen, dass ich nicht schon in der Bahn einschlief.
»Kommst du noch mit und hörst dir meine neuen Errungenschaften mit mir an?«, wollte Vika wissen, als ich mich aus dem Fahrstuhl bis zu meiner Wohnungstür geschleppt hatte.
»Ich schlaf dann aber dabei ein«, merkte ich an und sie grinste.
»Ja, das würde dir aber auch ganz guttun. Wenn du in deiner Wohnung nicht schlafen kannst, darfst du gern auch bei mir übernachten«, bot sie an, schloss ihre Tür auf und wedelte einladend mit der Hand.
Ich rieb mir die Nase, die vor Müdigkeit kribbelte, und fand die Idee gar nicht so blöd. Ein bisschen Normalität und jemand, der auf mich achtgab, konnte nicht schaden.
»Ich bring eben die Einkäufe rein«, informierte ich sie und verschwand in meiner Wohnung. Ich konnte kaum noch die Augen offen halten, während ich meine Pflanzen auf dem Küchentresen abstellte und die paar Lebensmittel in den Kühlschrank räumte.
»Dann hast du aber niemanden, der sich mit dir über die guten Stellen in der Musik freut, wenn ich einschlafe«, meinte ich, als ich zurück zu Vika schlurfte, die auf mich gewartet hatte und mich sanft durch die Tür in Richtung Sofa schob.
»Egal. Ich hol einfach Dani rüber. Schlaf du mal.«
Matt ließ ich meine Handtasche sinken, die ich vergessen hatte, in meiner Wohnung abzustellen. Vielleicht besser so, sonst hätte ich womöglich meinen Schlüssel dagelassen.
Ich nahm mir vor, die Schuhe auszuziehen, doch als mein Kopf die weichen, bunt bestickten Kissen auf Vikas orangefarbener Couch berührte, fehlte mir die Willenskraft, mich noch einmal aufzusetzen.
Von draußen hörte ich, wie jemand im Flur gegen Holz klopfte und die weiche, leise Stimme von Dani. Unterhaltungsfetzen drangen noch an mein Ohr, ich hatte aber nicht mehr genug Konzentration, um zu verstehen, was die gesprochenen Worte bedeuteten. Papier raschelte, Vika kicherte, und als leise knisternd die Streicher einsetzten, versank ich in einem tiefen Schlaf.
Langsam rührte ich in einem Tee und wartete. Worauf, wusste ich nicht.
Die Farbe der Wände war so dunkel wie mein Tee und nur eine kleine Kerze auf dem Tisch vor mir schien die Szenerie zu beleuchten.
Menschen saßen in dunklen Nischen, redeten und tranken aus kleinen Tassen, doch ich konnte niemanden von ihnen erkennen, weil die Schatten sie umhüllten.
Trotz der dunklen Atmosphäre hatte ich keine Angst. Es kam mir vertraut und warm vor, wie ein Ort, an dem gute Dinge passierten und Geheimnisse weniger wogen, weil man sie teilen konnte.
Als ich den Blick hob, saß mir ein Mädchen gegenüber, etwas jünger als ich. Gerade war sie noch nicht da gewesen, aber es wunderte mich nicht, dass sie so plötzlich erschienen war. Sie lächelte spitzbübisch und schob mir einen Brief zu. Naturfarbener Umschlag, dunkelblaues Wachssiegel.
»Von wem ist der?«, fragte ich und das Mädchen kicherte.
»Von wem wohl«, sagte sie, als müsste das völlig klar sein.
In meinem Bauch begann es zu kribbeln wie verrückt, als ich nach dem Umschlag griff und das raue Papier zwischen den Fingern rieb.
»Danke«, flüsterte ich und ließ den Brief in meine Jackentasche gleiten.
Ich hob den Blick und die Umgebung hatte sich verändert. Das dunkle Café war verschwunden und ich stand auf einer Straße, mitten in der Nacht. Und ich hatte Angst, furchtbare, mich von innen zerfressende Furcht, die sich in meine Organe krallte und mich zusammenzucken ließ, als jemand meine Hand in seine nahm.
Im Licht des Mondes erkannte ich das Mädchen von gerade, das neben mir stand und zum Himmel aufsah.
»Ich wünschte, es könnte immer so einfach sein«, seufzte sie, einen bitteren Zug um den Mund.
In der Dunkelheit vor uns tauchten zwei riesige leuchtende Augen auf, die auf uns zuhielten. Wind frischte auf, riss an unseren Klamotten, während ein riesenhaftes Monster sich aus den Schatten schälte und immer schneller auf uns zuraste.
Meine Angst wurde zur Panik, ich versuchte mich von der Stelle zu bewegen, doch ich war wie am Boden festgeklebt.
»Gemma!«, kreischte das Mädchen markerschütternd von der anderen Seite der Straße, weit genug weg, um nicht von dem Monster überrannt zu werden, das schnaubend und brüllend auf mich zuhielt, um mich zu verschlingen.
Und ich wusste, dass ich das Mädchen nur retten konnte, wenn ich mich selbst opferte.
»NEIN!«, schrie sie und wurde von vielen Händen gepackt, die sie zurückrissen und noch weiter von mir entfernten.
Meine Füße lösten sich vom Boden und ich rannte dem Monster entgegen.
Ein penetrantes Piepen riss mich aus dem Schlaf und ich blinzelte verwirrt in die grelle Morgensonne, die mir durch das Fenster direkt ins Gesicht schien. Ich wusste im ersten Moment nicht, wo ich mich befand und kämpfte mich unter einer Kuscheldecke mit Ethnomuster und etwa einer Million Kissen hervor, bis ich begriff, dass ich auf Vikas Sofa lag und es mein Handy war, das da so piepte.
Sir Francis Drake raste wie von der Tarantel durch seinen Käfig und machte mich noch zusätzlich wirr.
Panisch ging ich auf die Suche nach meinem Handy, fiel dabei zusammen mit einigen Kissen vom Sofa auf den flauschigen Teppich und fand meine Handtasche neben dem Tresen vor der Kochnische.
Ich stolperte darauf zu, fühlte mich, als wüsste mein Kopf noch nicht, wo oben und unten war und zog beim zweiten Versuch mein Handy aus der kleinen Innentasche.
Eine Erinnerung blinkte auf dem Display. ›Messe, 9:00 Uhr, chic machen!‹, stand dort und verwirrte mich, bis es mir wieder einfiel.
»Ach Scheiße«, schnaubte ich und drückte endlich den Alarm weg. Die Messe hatte ich total vergessen. Dabei hatte ich mich so sehr darauf gefreut. Doch die verwirrenden Dinge der letzten beiden Tage hatten alles andere verdrängt.
Ich warf einen Blick durch Vikas offene Schlafzimmertür, um zu sehen, ob ich sie gleich mit geweckt hatte, sie rührte sich aber keinen Millimeter und schnarchte leise vor sich hin.
»So einen Schlaf müsste man haben«, spottete ich und beneidete sie eigentlich darum. Vika schlief jede Nacht wie ein Stein, während ich mich hin und her wälzte.
Obwohl. Heute Nacht hatte ich wirklich gut geschlafen. Ungewöhnlich gut. Ich musste echt richtig müde gewesen sein.
Ich warf einen Blick auf die Zeitanzeige auf meinem Handy und bekam einen erneuten Adrenalinstoß. Es war schon kurz nach acht. Mir blieben jetzt höchstens noch zwanzig Minuten, um mich fertig zu machen, wenn ich es mit der Bahn noch rechtzeitig zum Messegelände schaffen wollte.
Eilig kramte ich meinen Schlüssel aus der Tasche, verließ leise Vikas Wohnung und huschte rüber zu meiner eigenen, was ich als unglaublich praktisch empfand. Wie schön es war, nicht mehr durch die halbe Stadt fahren zu müssen, um nach Hause zu kommen.
In meiner Wohnung warf ich die Tür zu, riss mir im Schlafzimmer die Klamotten vom Leib und sprang unter die Dusche.
Während ich meine Haare wusch, versuchte ich mich fieberhaft daran zu erinnern, in welcher Kiste sich meine cremefarbene Bluse befand.
Ich entdeckte sie zum Glück relativ schnell und machte mir in der Eile auch nichts daraus, dass der einzige frische BH, den ich finden konnte, schwarz war und daher ein klein wenig durch den hellen Stoff der Bluse blitzte. Dann wäre ich eben eine sexy Messefrau, wen störte das schon.
Die Bundfaltenhose in Anthrazit hing gebügelt auf der Stange im Schrank und ich nahm mir fest vor, heute Abend endlich mal meine Klamotten auszupacken.
Für Kaffee machen reichte die Zeit leider nicht mehr, aber ich würde mir einfach auf dem Weg einen kaufen.
Um schnell einen Überblick über meine Handtasche zu bekommen, spähte ich hinein und fand Schlüssel und Geldbeutel, der Rest war egal. Ich schlappte eben in meine schwarzen Altherrenschuhe, während ich schon wieder aus der Wohnung schlüpfte und zum Fahrstuhl hetzte.
Die Schnürsenkel schloss ich auf der Fahrt nach unten und erst als ich pünktlich an der Haltestelle der Magnetschwebebahn stand, konnte ich wieder aufatmen.
Ich fächerte mir mit der Hand Luft zu, um mein heißes Gesicht zu kühlen, und fuhr mir dann mit den Fingern noch einmal durch die feuchten Haare.
Mal wieder war ich froh, sie mir abgeschnitten zu haben, nachdem mich meine langen Zotteln zu Tode genervt hatten.
Die Bahn brachte mich zum Messegelände und meine Füße mich in einen Coffeeshop. Mit nur vier Minuten Verspätung betrat ich Halle 3.0.
Obwohl die Messe erst in einer halben Stunde öffnete, waren schon einige Menschen hier, die quatschten, ihre Bildschirme einstellten und analoges und digitales Infomaterial auslegten.
Eine ältere Dame drapierte gesunde Snacks auf einem Tablett und ich stibitzte mir einen, als sie gerade nicht hinsah. Er schmeckte nach getrockneten Feigen und Mandeln.
Gerade kam das Areal der Biolog-Medical-Group in Sicht, als mein Handy einen Ton von sich gab. Es war eine Nachricht von Jessy, die mich fragte, wo ich blieb und ich schmunzelte. Da war man mal fünf Minuten zu spät und schon wurde einem die Hölle heiß gemacht.
»Bin ja schon da«, sagte ich, als ich ins sonnengelbe Infozelt stürmte und erst einmal Luna umarmte, die mich erleichtert anstrahlte.
»Es ist nicht typisch für dich, zu spät zu kommen. Da dachte ich, es wäre etwas passiert«, behauptete Jessy platt und reichte mir ein Lanyard mit einem Schild, auf dem mein Name und Berufsabschluss aufgedruckt waren.
»Macht mal keinen Stress. Wir haben noch eine halbe Stunde«, versuchte ich die beiden zu bremsen, aber anscheinend waren sie zu aufgeregt, um sich zu beruhigen.
Also hängte ich mir das Lanyard um den Hals, verstaute meine Tasche in einer Box hinter dem Stand und setzte mich auf einen der hohen Hocker, um meinen Kaffee zu trinken.
Keine zwei Minuten später klärte sich der Grund für die Aufregung. Die beiden Typen vom Stand nebenan kamen mit zwei Kartons zurück und grüßten freundlich, worauf Luna beinahe anfing zu hyperventilieren.
Der eine war aber auch wirklich süß und warf immer wieder verstohlene Blicke zu Luna, die einen so roten Kopf bekam, dass ich fürchtete, sie würde bald anfangen zu leuchten.
»Das hat er gestern schon die ganze Zeit gemacht. Luna ist voll am durchdrehen«, erklärte mir Jessy, nachdem sie mir eine kleine Einführung in unser Infomaterial gegeben hatte. Praktischerweise waren die beiden schon gestern hier gewesen und hatten den Überblick.
»Du musst mit ihm reden, bevor ihr beide platzt«, raunte ich Luna zu und sie schüttelte energisch den Kopf.
»Niemals! Ich werde nur dummes Zeug reden. Wenn er irgendwas von mir will, soll er mich ansprechen.«
Ich kam leider nicht dazu, weiter auf sie einzureden, weil die ersten Besucher die Messe erkundeten.
Drei junge Mädchen machten kichernd den digitalen Berufsauswahl-Test und ein mürrischer Herr nahm mich in Beschlag, fragte mir Löcher in den Bauch zu meiner Ausbildung und den Lehrplänen, während sein Sohn nur desinteressiert danebenstand.
Der Rest meines Kaffees wurde leider schnell kalt, was auch wieder egal war, weil es echt Spaß machte, hier zu stehen, seriös auszusehen und sich wichtig zu fühlen. Wir mussten auch lediglich von unseren eigenen Erfahrungen aus der Ausbildungszeit erzählen und verwiesen für alles andere auf die digitalen Inhalte oder das offizielle Terminal inmitten des Biolog-Medical-Areals.
Gegen Mittag leerten sich die Reihen der Besucher etwas, da alle in Halle 2.0 verschwanden, um sich dort an den Ständen für gesunde Ernährung ihr Mittagessen zu besorgen.
Ich setzte mich für einen Moment wieder auf meinen hohen Hocker und wartete auf Jessy, die losgezogen war, um uns ebenfalls etwas zu holen, mit dem wir unsere leeren Mägen füllen konnten. Erwartungsvoll sah ich aus einiger Entfernung dabei zu, wie Luna sich schleichend aus dem Zelt bewegte und wie zufällig am Stand nebenan vorbeischlenderte.
Soweit ich das beurteilen konnte, waren die beiden Kerle ein kleines Start-up-Unternehmen, hatte aber keine Ahnung, was sie eigentlich bewarben.
Der junge Mann, vom Typ Norweger, kam sofort auf Luna zu, als er sie sah, und ich musste breit lächeln, als ich beobachtete, wie er sie ansprach.
»Schwarz steht dir gut«, sagte jemand so nah an meinem Ohr, dass ich vor Schreck vom Hocker rutschte.
»Geht’s noch?«, schimpfte ich und sah Oliver Grand hinter mir stehen und lachen.
Es amüsierte ihn köstlich, mich so überrascht zu haben, und er fuhr sich kess mit der Hand durchs blonde Haar. Das dunkelblaue Hemd stand ihm wirklich gut und brachte die Farbe seiner Augen zum Strahlen.
Auch wenn mein Puls sich noch nicht wieder ganz beruhigt hatte, war ich doch froh, Oliver zu sehen. Denn er sorgte bei mir immer für gute Laune und war ein Schmeichler für meinen Selbstwert.
»Du hast meinen Rat also beherzigt«, meinte er und ich war einen Moment irritiert. Erst als Oliver die Hand ausstreckte und an meinem Blusenkragen zupfte, ging mir auf, was er meinte.
Der schwarze BH.
Dieser Kerl hatte echt nur eins im Kopf. Und anscheinend eine Vorliebe für schwarze Unterwäsche.
»Ist der für mich?« Seine Augenbrauen wanderten erwartungsvoll nach oben und in seinem Mundwinkel zeigte sich ein zweideutiges Schmunzeln.
»Leider nicht. Der ist für jemanden, der mich auch angerufen hat, als er es versprochen hatte«, hielt ich dagegen und schaffte es dabei, ihm bitterernst in die Augen zu blicken.
Olivers Gesichtsausdruck wurde unsicher. »Hast du wirklich auf einen Anruf gewartet?«
Ich hielt seinem Blick noch einen Moment stand, ehe ich zu lachen begann.
»Ähm, nein«, prustete ich. Wenn ich ehrlich war, hatte ich in den vergangenen Tagen kein einziges Mal an ihn gedacht.
Sein Grinsen kehrte zurück, eine kleine Spur zu erleichtert. Da hatte ich ihm wohl einen Schreck eingejagt. Selbst schuld. Wer austeilte, musste auch einstecken.
»Das ist gut. Ich habe nämlich nicht mal deine Nummer.« Oliver lachte und ich mit ihm, weil selbst ich nicht daran gedacht hatte, sie ihm zu geben.
»Aber mal im Ernst. Wann bist du hier fertig? Ich hol dich ab und du bekommst einen Kaffee von mir«, schlug er vor und ich zuckte mit den Schultern.
»Um halb sechs ist hier Schluss. Aber ich weiß nicht so genau, ob ich dann wirklich Lust auf Kaffee habe«, behauptete ich und fühlte mich dabei herrlich unnahbar. Es machte einfach viel zu viel Spaß, mit diesem Mann herumzualbern, als dass ich klare Ansagen machen wollte.
Denn im Umgang mit Oliver Grand gab es nur eine Regel: Man durfte sich nicht in ihn verlieben. Und davon war ich auch meilenweit entfernt.
»Als ob. Deine Gedankenauslese sagt da aber was ganz anderes«, warf er mir spaßhaft vor und kam mir noch ein Stück näher, sodass ich den Kopf in den Nacken legen musste, um zu ihm aufzusehen.
Gekonnt stemmte ich eine Hand in die Hüfte, während ich ihm meinen Zeigefinger gegen die stramme Brust drückte, um ihn auf Abstand zu bringen.
»Böser Schachzug. Und vor allem illegal. Noch nie was von ärztlicher Schweigepflicht gehört?«, hielt ich dagegen und Oliver nickte.
»Ich bin eben ein böser Junge«, raunte er mit dem Blick eines Verführers und das war einfach eine Schippe zu viel. Selbst für ihn.
Das Lachen platzte aus mir heraus wie eine übervolle Wasserbombe und auch er konnte nicht länger ernst bleiben.
»Das war zu viel!«, sagte ich und schüttelte mir das Haar aus dem Gesicht.
»Ja, hast recht. Aber die Vorlage war einfach zu gut, um sie nicht zu nutzen.« Er machte eine wegwerfende Handbewegung, lehnte sich ein Stück zurück und betrachtete mich aus schmalen Augen. »Also, Kaffee um halb sechs, ja oder nein?«
Ein Grinsen schlich sich auf meine Lippen, denn meine Antwort war eh klar. »Ja. Und jetzt lass mich arbeiten. Ich muss hier seriös wirken«, scheuchte ich ihn und schob ihn rückwärts aus dem Infozelt.
»Dafür hättest du dir einen unauffälligeren BH anziehen müssen, Baby«, behauptete er mit einem anzüglichen Unterton und schob sich ganz lässig die Hände in die Hosentaschen, während er viel zu langsam seine Schritte aus dem Zelt machte.
»Und die Gelegenheit vertun, den Mann meines Lebens mit meinen Vorzügen zu ködern, wo mir hier doch bisher nur zweiklassige Casanovas den Hof machen. Niemals!« Manchmal wunderte ich mich selbst, wie solche Sätze aus meinem Mund kommen konnten. Aber Oliver machte es einem auch viel zu leicht, schlagfertig zu sein.
»Pass auf, was du sagst, Sexy, sonst musst du deinen Kaffee selbst zahlen«, drohte er mir und ich glaubte ihm keine Sekunde.
»Das schadet aber nur deinem Ruf, nicht meinem.«
Olivers Grinsen wurde noch breiter und so echt, dass eindeutig war, dass er den Schlagabtausch mit mir genauso mochte wie ich. »Ein bisschen liebe ich dich ja schon.«
Ich hob keck die Schultern. »Ich weiß.«
Oliver ging noch zwei Schritte rückwärts, schüttelte lachend den Kopf über mich und verschwand hinter den Ständen.
»Wow. Du hast es mit dem Flirten ja richtig drauf«, lobte mich Jessy, die mit offenem Mund am Rande des Zeltes stand, und ausnahmsweise meinte sie es mal nicht ironisch.
»Das ist nicht dein Ernst, Gemma. Oliver Grand?« Luna drängte sich an ihr vorbei und sah mich bestürzt an. »Der ist nur hinter deinem Höschen her!«
»Dann ist ja gut, dass ich keins anhabe«, behauptete ich süffisant und lachte über meinen eigenen dummen Kommentar. Irgendwie war ich wohl noch im Flirtmodus.
Doch Luna schien wenig Lustiges dran zu finden, kam auf mich zu und packte mich an den Armen. »Gemma. Der Kerl bricht dir doch das Herz, wenn du dich mit ihm einlässt. Das ist niemand, den man heiratet und mit dem man Babys bekommt.«
»Babys? Auf keinen Fall, Luna! Ich habe nicht vor, etwas mit ihm anzufangen. Ganz ehrlich. Wenn ich das mit ihm ernst meinen würde, hätte ich eine rote Birne und würde jede Romantik durch einen dummen Kommentar zerstören, weil es mir peinlich wäre. Das mit Oliver ist alles nur Spaß«, versicherte ich ihr und sie sah mich misstrauisch an. Jessy reichte ihr von der Seite einen Wrap.
»Für Spaß ist er definitiv der Richtige«, kommentierte Jessy mit einem anzüglichen Grinsen und Luna strafte sie mit einem anklagenden Blick.
Auch ich bekam mein Mittagessen gereicht und war gerade dabei, es oben aus dem Papier zu wickeln, als eine Frau mit gehetztem Blick auf unseren Stand zuhielt. Sie kam mir vage bekannt vor, ich konnte jedoch nicht sagen, wer genau sie war. Nur dass sie bei Biolog Medical arbeitete. An ihrer dunkelroten Bluse steckte ein Namensschild mit der Aufschrift I. Bern.
»Gemma Henson?«, fragte sie und sah dabei Jessy an, die mit dem Finger auf mich zeigte, da sie mit dem großen Bissen Räuchertofu-Wrap im Mund nicht antworten konnte.
»Bitte sagen Sie mir, dass der Kollege sich richtig erinnert und Sie AIC-Technikerin sind.«
»Bin ich«, bestätigte ich, obwohl ich gerade mal meinen Abschluss hatte und noch keinerlei Berufserfahrung. Aber das hatte sie ja schließlich auch nicht gefragt.
Die Frau atmete erleichtert auf. »Hätten Sie eben eine Minute für uns? Wir haben vorn eines der Auslesegeräte zur Präsentation, aber es misst in seltsamen Wellen. Die haben uns das vorhin dahingestellt und wir sind leider überfragt.«
»Ich kann es mir anschauen. Aber ich habe kein Werkzeug da«, warf ich ein und spürte die Aufregung in mir hochkommen. Schließlich war das hier so was wie mein erster Auftrag. Und auch wenn mir kein Ausbilder mehr über die Schulter blickte, wollte ich es ordentlich machen.
»Alles ist besser, als jetzt noch ein Neues liefern zu lassen. Wir haben in einer halben Stunde einen Vorführungstermin mit japanischen Interessenten.« I. Bern hob hilflos die Hände.
Mit knurrendem Magen wickelte ich den Wrap wieder ins Papier, ohne abgebissen zu haben.
»Jessy?«, wandte ich mich an meine Freundin und sie nickte mir zu. Schweren Herzens gaben wir beide unser Essen an Luna zur Aufbewahrung und kamen hinter unserem Stand hervor.
Irritiert sah I. Bern zu Jessy.
»Sie Software. Ich Hardware«, erklärte ich auf die Schnelle und Jessy grinste breit. Für so einen Job brauchte man immer beides.
»Ich halte die Stellung.« Luna lächelte uns unsicher hinterher.
»Wir sind gleich wieder da«, versuchte ich sie zu beruhigen und winkte ihr.
Zügig folgten wir der jungen Frau und ich hoffte nur, dass wir diesem Problem auch wirklich auf den Grund gehen konnten. Anscheinend hing davon ja eine Menge ab.
Wenigstens war ich nicht allein, Jessy ergänzte mich. Was, wenn das Problem nicht elektronischer Natur war? Vielleicht hatte auch das Programm einen Bug oder dergleichen.
Schon während der Ausbildung hatten sie und ich immer gut zusammengearbeitet. Wir waren quasi das Dream-Team der Techniker-Klassen. Nur schade, dass Jessy sich für die Sicherheit beworben hatte und so in Zukunft nur noch selten mit mir arbeiten würde.
Mein großes Ziel war ja auch nicht, im Reparaturdienst zu bleiben, sondern in die Forschung einzusteigen. So weit musste ich allerdings erst einmal kommen.
Wir liefen um das halbe Messeareal der Biolog-Medical-Group herum auf die genau gegenüberliegende Seite.
Hier imitierten sie ein Ausleselabor. Pfirsichfarbene Wände, ein kleines Podest, auf dem ein sehr luxuriöser Auslesestuhl platziert war, und ein zuversichtlich lächelnder Mann Ende vierzig in einem Arztkittel, dessen aufgesetzte Fröhlichkeit jedoch sofort bröckelte, als er uns kommen sah.
»Welch ein Glück«, rief er gehetzt, als er seine Kollegin mit uns im Schlepptau ausmachte, und trat sofort beiseite, damit wir Zugang zu dem Gerät hatten.
Es war eins der schicken, sehr teuren Modellserie und glänzte noch überall, weil es so neu war.
Für das Fachpublikum nur das Beste natürlich.
Jessy schob sich weiter bis zu dem Bildschirm, auf dem der Computer seine Ergebnisse ausspuckte, und tippte sich aus dem Präsentationsmenü auf die Datenebene. Wie sie die Sicherheitsverschlüsselung umging, verpasste ich bei der Geschwindigkeit, in der sich ihre Finger über den Touchbildschirm bewegten, aber Jessy war eben ein Crack auf diesem Gebiet.
Ich trat um das eigentliche Auslesegerät herum, ging in die Hocke, was mit meiner feinen Kostümhose nicht ganz so einfach war, und öffnete die Klickverschlüsse der Abdeckung. Blöd, dass ich kein Haargummi dabeihatte. Ich arbeitete ungern mit offenen Haaren, das störte mich.
Nervös nahm ich die lackierte Metallplatte ab und gab sie an I. Bern weiter, die sich neugierig neben mich gestellt hatte.
»Auf den ersten Blick sieht alles in Ordnung aus«, sagte Jessy und wählte sich durch mehrere Menüs. Wie sie auf die Schnelle so viele Reihen aus Zahlen und Buchstaben erfassen konnte, um zu diesem Schluss zu kommen, war mir schon immer ein Rätsel.
Ich ging erst einmal alle Anschlüsse durch, prüfte, ob sie auch richtig eingesteckt waren und die Stromzufuhr stimmte. Allerdings brauchte es nur einen Blick in den Innenraum des Rechners, um das Problem ausfindig zu machen.
Erleichterung erfasste mich und ich griff um den Prozessor herum, um mir die Ursache für den Messfehler zu schnappen. Das war einfacher gewesen als erwartet.
»Ich hab’s«, verkündete ich also und zog eine hellgrüne, aus Bambus gepresste Platte aus dem Inneren des Auslesegerätes heraus. Jessy ließ ein gehässiges Prusten hören.
I. Bern machte große Augen, als ich ihr die Platte in die Hand drückte und Jessy um einen Systemcheck bat.
»Was ist das?«, fragte mich die junge Frau irritiert und ich musste mir ein Grinsen verkneifen, weil meine Antwort ihr sicher unangenehm sein würde.
»Das ist ein Transportschutz für die Platinen«, eröffnete ich ihr und sie presste peinlich berührt die Lippen aufeinander und schloss kurz die Augen.
»Daran habe ich gar nicht mehr gedacht. Entschuldigung, dass ich deswegen jetzt so einen Wirbel veranstaltet habe«, sagte sie kleinlaut und auch der Doktor kratzte sich verlegen an der Halbglatze.
»Kein Problem. War ja keine große Sache«, versuchte ich sie zu beruhigen und ließ mir von ihr die Abdeckung reichen.
»Systemcheck erfolgreich. Die Kiste arbeitet einwandfrei«, verkündete Jessy und ich schloss das Gerät wieder.
»Danke. Ihr habt uns gerettet.« Der Arzt reichte mir die Hand und schüttelte meine fest.
»Wir schicken Ihnen die Rechnung«, behauptete Jessy mit vollkommen unbewegtem Gesicht und ich hätte ihr gern den Mund zugehalten. Das Mädchen war einfach so unverschämt.
Ich knuffte sie in die Seite, sodass sie zu lachen begann, und zog sie mit mir. »Viel Spaß mit den Japanern«, wünschte ich I. Bern und sie lächelte mir hinterher.
Wir traten ein paar Schritte vom Stand weg, bis wir gerade außer Sichtweite waren, da verfiel Jessy schon in ihre Hexenlache.
»Was für Deppen«, feixte sie lautstark und ich war nur froh, dass der Geräuschpegel in der Halle so hoch war. »Verpackungsmaterial im Gerät vergessen.«
»Du bist so gemein«, warf ich ihr vor und wurde aber schon von ihrem Kichern angesteckt, wodurch ich nicht mehr sehr ernst klang. »So was passiert nun mal.«
»Gut, dass ich mir da in Zukunft keine Gedanken mehr drum machen muss«, schnaubte sie und sah mich mit einem fast schon schadenfrohen Grinsen an. »Nicht so wie du. Verdammt dazu, dummen Menschen die Welt zu erklären.«
»Nur gut, dass du keinen Kundenservice machst«, lachte ich und Jessy stieß mich spaßhaft mit der Hüfte an.
Ich taumelte einen Schritt zur Seite und rempelte natürlich prompt einen Mann an, dem beinahe das Tablet aus der Hand gefallen wäre.
»Oh, Verzeihung!«, rief ich sofort und hörte Jessy hinter mir lachen. Die fiese Kuh!
Doch als der Mann sich zu mir umdrehte, durchfuhr mich ein Schreck, der mich für einen Augenblick erstarren ließ.
Es war der rothaarige Mann aus dem Café gestern. Ezra.
Mein Herz setzte für einen Schlag aus, um anschließend Tonnen an Adrenalin durch meinen Blutkreislauf zu pumpen wie in einer Achterbahn.
Für eine Sekunde starrten wir uns nur gegenseitig an, bis er sich fasste und den Mund öffnete.
»Gemma, nicht wahr?«, sprach er mich an und ich nickte viel zu hastig. Sein Lächeln wurde so breit, dass die Sommersprossen auf seiner Nase tanzten.
»Ja, ähm. Hi«, stammelte ich und fühlte mich total bescheuert dabei.
»Bist du … ein Besucher?«, fragte er mich sofort und verlagerte zweimal das Gewicht von einem Bein aufs andere.
Fahrig griff ich nach dem Lanyard um meinen Hals und hielt die Karte daran hoch. »Ich bin heute im Ausbildungsinformationszelt von Biolog Medical«, blubberten die Worte viel zu schnell über meine Lippen und ich spürte eine Nervosität in meinem Magen, die sogar das Hungergefühl in den Hintergrund drängte. Was war das auch für ein schräger Zufall, dass ich ihn hier wieder traf? Nur einen Tag später.
Oder hatte es etwas mit dem Buch zu tun?
»Ah. Hast du da die Ausbildung gemacht?«, erkundigte Ezra sich und schaffte es nicht zu verbergen, wie interessiert er daran war.
»Ja. Ich bin …«, setzte ich an und wurde von Jessy unterbrochen.
»Was ist das? Ein Verhör?«, wollte sie herausfordernd wissen und legte mir beschützend den Arm um die Schultern.
»Nein, natürlich nicht.« Ezra sah ganz kurz zu Jessy und neigte leicht den Kopf. »Es ist nur so überraschend, sie … also dich hier plötzlich wiederzusehen.«
»Ja, wir sind uns gestern durch Zufall bei Coffee Praise begegnet«, erzählte ich ihr und schüttelte unauffällig ihren Arm ab. »Mir ist mein Kleingeld runtergefallen und er hat mir freundlicherweise geholfen, es aufzusammeln.«
»Ach was. Das war doch selbstverständlich.«
Schon wieder. Wir standen da und redeten nervös über blödes Zeug. Wieso konnten wir uns nicht einfach ganz normal unterhalten wie andere Menschen auch?
Wie konnte ich mit Oliver Grand immer so frei scherzen, aber kaum war es was von Bedeutung, bekam ich keinen geraden Satz mehr heraus. Moment, war es von Bedeutung?
Mein Bauch sagte mir, dass wir beide eine Verbindung hatten, obwohl mein Kopf es abstritt. Was war es also? Eine Seelenverwandtschaft oder doch nur ein Spuk meiner Wünsche, weil ich seinen Namen in einem Buch gelesen hatte?
»Ihr kennt euch also?«, erkundigte sich Jessy und ihr Gesichtsausdruck zeigte Verwirrung und Unglaube.
»Na ja, eigentlich nicht«, antwortete ich ihr und sah zu Ezra auf, betrachtete seine hellen Wimpern, die graublauen Augen und den Schwung seines Mundes. Doch egal wie sehr ich mich anstrengte, mein Kopf wollte mir nicht verraten, was ihn mir so besonders machte.
»Ich weiß auch nicht. Da ist irgendwas«, sagte Ezra, der mich musterte, so wie ich ihn, und mein Bauch wurde ganz flau. Wir empfanden das Gleiche.
»Bei mir auch«, kam es aus meinem Mund und Ezra sah mich zuerst überrascht an und senkte dann beinahe verlegen den Blick.
Jessy hob ungläubig die Augenbrauen und trat von einem Fuß auf den anderen. Ihr war die Situation wohl auch zu seltsam.
Außerdem wartete Luna auf uns.
»Wir müssen wieder zurück … an unseren Stand und so. Du weißt schon«, stotterte ich und hätte mir gern selbst in den Arsch gebissen. Ich machte mich hier selbst zum Vollidioten. Unauffällig wischte ich meine verschwitzen Handflächen an der Hose ab.
»Viel Spaß«, sagte er und ich spürte sofort eine Art Enttäuschung in mir. Mir ging auf, dass ich mir gewünscht hätte, dass er mich aufhielt und nicht so einfach ziehen ließ. Nur weil wir uns durch Zufall so schnell wieder über den Weg gelaufen waren, hieß das nicht, dass wir uns jemals wiedersehen würden.
Ich nickte ihm jedoch nur zu, zwang mich zu einem Lächeln, das viel zu sehr nach Abschied schmeckte, und ging den Gang weiter nach unten.
Jessy blickte noch zweimal zurück, ein Grinsen auf den Lippen, das immer breiter wurde, und öffnete den Mund, um diese Begegnung zu kommentieren, da berührte mich jemand am Arm.
Erstaunt drehte ich den Kopf, spürte die Finger, die sich sanft um mein Handgelenk schlossen, und sah in das Gesicht des Mannes, der mich ganz durcheinanderbrachte.
»Hier.« Er ließ mich los und hielt mir eine Karte hin. »Vielleicht hast du ja mal Lust zu quatschen«, meinte er verlegen und fuhr sich mit der Hand durchs Haar.
Ich nahm ihm das raue Stück Naturpapier ab, auf dem ein Name und eine Nummer aufgedruckt waren.
»Danke«, sagte ich viel zu hastig und ein bisschen zu viel Freude schwappte in meinem Magen umher.
Ezra erwiderte mein Lächeln und wurde von einem Kollegen an seinem Stand zurückgewunken. »Auf Wiedersehen, Gemma.«
Mir gefiel die Art, wie er meinen Namen aussprach. So weich.
Zögerlich wandte er sich um und ging mit großen Schritten zwischen den Menschen hindurch.
Erst als Jessy mich weiterzog, fiel mir wieder ein, dass sie ja auch noch hier war.
»Boah. Das war ja schlimmer, als Menschen beim Knutschen zuzusehen. Wer ist der Kerl?«, wollte sie wissen, den Schalk in den schmalen Augen, und ich zuckte hilflos mit den Schultern.
»Ich habe keine Ahnung«, hauchte ich und war mir nicht sicher, ob Jessy mich überhaupt gehört hatte.
»Wirst du ihm schreiben?«, fragte sie und schien erwartungsvoller zu sein, als ich mich gerade fühlte. Ich klammerte mich an die kleine Karte und wusste nicht, ob sie mich glücklich oder mir Angst machen sollte.
Ezra Hittinger, Public Relation Manager, Scytech Cop., las ich und besah mir die Nummernfolge, unter der ich ihn erreichen konnte.
Ein Typ hatte mir seine Nummer zugesteckt. Ich war total überrascht von mir selbst. Ja gut, ich flirtete mit Oliver Grand, was das Zeug hielt. Aber das war ja nichts Ernstes.
War das mit Ezra was Ernstes? Und warum machte ich mir deswegen überhaupt Gedanken? Schließlich hatte das alles nur Bedeutung, wenn das Buch in der Wand wirklich von mir stammte. In jedem anderen Fall war das hier alles völliger Humbug und ich projizierte Gefühle in einen Mann, den ich nicht kannte, nur weil er den richtigen Namen besaß.
»Nein … Ja? Vielleicht«, änderte ich meine Meinung nach jedem Wort und Jessy lachte. Lässig tätschelte sie mir den Rücken.
»Du wirst ihm schreiben«, behauptete sie und ich fürchtete, sie hatte recht.
Es waren nur noch wenige Meter bis zu unserem Infozelt, da entdeckte Luna uns. Sie wirkte gestresst, schaffte es aber, einigermaßen freundlich das Mädchen abzuwimmeln, das ihr Fragen gestellt hatte, und kam uns entgegen.
»Gemma. Dein Handy hat bestimmt fünfmal geklingelt, seit ihr weg seid«, rief sie mir schon zu, als ich in Hörweite kam.
Irritiert runzelte ich die Stirn, hatte aber sofort ein ungutes Gefühl im Bauch. »Okay«, sagte ich lang gezogen, kam um den Tresen herum und wühlte in meiner Tasche nach meinem Handy. Wer versuchte mich denn da so dringend zu erreichen?
Jessy schnappte sich ihren Wrap, den Luna auch hier unten auf der Box abgelegt hatte.
»Gemma hat doch gerade tatsächlich die Telefonnummer von einem Kerl abgecheckt. Unser Mädchen ist heute hoch im Kurs«, witzelte sie und Luna machte große Augen.
Ich hörte ihre Antwort jedoch nicht, da ich mein Smartphone zu fassen bekam und den Bildschirm aufleuchten ließ.
Sechs verpasste Anrufe. Alle von meinem Vater.
Mein Herz sackte mir in die Hose und mir wurde übel vor Angst, die sich in meine Eingeweide verbiss. Es war etwas passiert. Meiner Mutter ging es schlecht, das wusste ich sofort, sonst hätte er eine Nachricht geschickt.
»O nein, o nein, o nein«, hauchte ich verzweifelt und drückte sofort auf Zurückrufen.
Der Moment, bis mein Vater endlich abnahm, war kaum auszuhalten und ich malte mir das Schlimmste aus. Auch wenn ich nicht so recht wusste, was denn das Schlimmste war. Ein neuer Anfall? Eine Diagnose? Ein Unfall?
»Gemma!«, rief mein Vater atemlos und ich hoffe inständig, dass ich mich irrte und er einfach nur etwas ganz Banales von mir wollte.
»Ist was mit Mama?«, kam ich sofort auf den Punkt, weil ich keine Sekunde länger aushalten konnte, es nicht zu wissen.
»Wir sind in der Notaufnahme. Sie hat dein altes Zimmer demoliert und sich selbst verletzt.« Die Stimme meines Vaters klang gehetzt und eine Spur zu verzweifelt, was mich noch mehr in Angst versetzte.
»Ich komme sofort zu euch«, kündigte ich meinem Vater an und schnappte mir meine Tasche.
8
Krankenhausgeruch

Während ich auf die Bahn wartete, schrieb ich Vika. Sie sah die Nachricht jedoch nicht und hatte mir auch nach zehn Minuten noch nicht geantwortet. Ich spürte, wie ich langsam durchdrehte, wenn ich nicht auf der Stelle mit jemandem darüber redete. Mein Herz pochte schmerzhaft in meiner Brust und ich konnte mich kaum konzentrieren, als ich in den Waggon stieg, der direkt vor mir seine Türen öffnete.
Fahrig drehte ich mein Smartphone in den Händen, wusste nicht, was ich denken sollte und ein Zittern erfasste meinen Körper. Kälte keimte in meinem Bauch und ich rieb mir die Arme, die sich mit einer Gänsehaut überzogen.
Wenn Vika nicht erreichbar war, wen konnte ich sonst anrufen, der mich gut genug kannte?
Ich brauchte kaum zu überlegen, da entsperrte ich schon mein Handy und suchte Joris in meinen Kontakten.
»Gemma. Was geht?«, begrüßte er mich überschwänglich und ein bisschen atemlos, als er abnahm, und im Hintergrund hörte ich das hallende Brüllen von Männerstimmen wie aus einer Sporthalle. Er war beim Basketballtraining. Aber wenigstens nicht auf der Arbeit. Das wäre mir noch unangenehmer gewesen, ihn dort zu stören.
»Meine Mutter ist im Krankenhaus«, schluchzte ich ins Telefon und musste mich zusammenreißen, um nicht völlig die Nerven zu verlieren. »Papa sagt, sie hat sich selbst verletzt. Tante Laura behauptet, sie hätte versucht, sich umzubringen.«
Ich versuchte leise zu sprechen, doch eine Frau auf der anderen Seite des Ganges blickte mitleidig zu mir rüber.
»O nein. Gemma, das tut mir so leid.« Joris’ Stimme zu hören war ein echter Trost, weil ich wusste, dass er meine Gefühle in dieser Situation leider viel zu gut verstand.
»Wie geht’s ihr? Warst du schon bei ihr? Soll ich zu dir kommen?«, stellte er mir viel zu viele Fragen und ich schüttelte den Kopf.
Krampfhaft presste ich die Lippen aufeinander, um bloß nicht hemmungslos loszuheulen. Erst als ich mich einigermaßen wieder im Griff hatte, schaffe ich es zu antworten.
»Ich weiß nicht. Ich bin auf dem Weg ins Jenny-Menn-Hospital.« Ich schluckte schwer. »Ich war auf der Gesundheitsmesse und mein Paps hat angerufen.« Meine Stimme bebte und es schüttelte mich vor innerer Kälte.
»Ich treffe dich an der Haltestelle. Meine Halle ist nicht weit weg«, stellte Joris mich vor vollendete Tatsachen und ich hörte seine quietschenden Schritte auf dem Hallenboden.
»Du musst dir meinetwegen keine Umstände machen«, sagte ich und meinte es gar nicht. Eigentlich wollte ich, dass er kam und für mich da war und ich mich dieser beschissenen Situation nicht allein stellen musste.
»Bin schon auf dem Weg.« Etwas raschelte und seine Stimme klang von weiter weg. Wahrscheinlich hatte er das Telefon auf Lautsprecher gestellt und zog sich jetzt um.
»Warst du ganz allein auf der Messe?«, fragte er und ich legte meine Stirn auf meiner Handfläche ab.
»Nein, Luna und Jessy waren dabei. Wir sind für heute im Infozelt für die Ausbildung bei Biolog eingeteilt. Die beiden mussten dann natürlich bleiben«, erzählte ich ihm, auch wenn es mir völlig überflüssig erschien, darüber zu reden.
»Okay. Was habt ihr denn da so gemacht?«, wollte er weiter wissen und ich fühlte Wut in mir aufsteigen.
»Das ist doch unwichtig«, keifte ich ins Handy und im gleichen Moment tat es mir leid, so schroff gewesen zu sein.
Doch zum Glück schien Joris sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. »Ist es nicht, Gemma«, redete er gefasst auf mich ein und zeigte damit mehr Empathie, als ich ihm zugetraut hatte. »Du musst dich jetzt ablenken, bis du da bist, sonst drehst du durch. Also konzentrier dich auf was anderes und erzähl mir von der Messe.«
Ich seufzte laut und berichtete ihm von meinem ersten Auftrag als AIC-Technikerin. Joris hielt mich bei der Stange und fragte mich alle möglichen Sachen, damit ich mich bloß nicht dem Selbstmitleid hingab.
Als ich endlich die richtige Haltestelle erreichte, stand Joris bereits am Bahnsteig. Ich trat auf ihn zu, zitternd und mit verquollenen Augen von all den Tränen, die ich mir verkniffen hatte. Er öffnete lediglich die Arme und zog mich fest an sich.
Er roch nach frischem Schweiß und Männerdeodorant, und ich war einfach nur unendlich dankbar, dass er hier war und mich zum Krankenhaus begleitete.
»Du zitterst voll«, meinte er und rieb mir die Arme.
»Ich friere auch.« Schniefend zog ich die Nase hoch und löste mich ganz langsam aus der Umarmung.
Joris öffnete sofort den Reißverschluss seines Kapuzenpullovers, zog ihn aus und legte ihn mir um die Schultern.
Kommentarlos ließ ich es geschehen, zog mir den Handtaschenträger von der Schulter und schlüpfte in die Ärmel, die mir viel zu lang waren. Es passte überhaupt nicht zu dem eleganten Messeoutfit, das ich trug, aber das war jetzt egal. Wenigstens fühlte ich mich nicht mehr so entblößt in meiner dünnen Bluse. Wie ein Schutzpanzer gegen das, was jetzt kommen würde.
»Weißt du, was genau passiert ist?«, fragte Joris mich vorsichtig, schulterte seine Sporttasche und führte mich langsam zu der Treppe, die nach unten auf die Straße führte.
»Nein. Paps hat nur gemeint, sie hätte einen Anfall gehabt, mein altes Zimmer demoliert und sich dann selbst verletzt.«
»In deinem alten Zimmer war doch gar nichts mehr drin zum Demolieren«, merkte Joris an und ich nickte.
»Keine Ahnung«, sagte ich nur und wir überquerten die Straße an einer Ampel.
Ich wusste ja selbst nicht, wie ich mir das alles vorstellen sollte, was mich nur noch angespannter werden ließ und die Angst schürte. Papa und Tante Laura waren ja nicht mal so weit gekommen, mir zu sagen, was genau sie sich denn angetan hatte. Nur dass sie jetzt in den OP gebracht wurde. Bei der Vorstellung zitterte ich noch mehr und wickelte mir die Pulloverjacke fester um den Körper.
Als wir uns dem Krankenhaus näherten, wurden meine Schritte schneller, Joris’ jedoch langsamer.
Erst als ich merkte, dass er nicht mehr neben mir ging, blieb ich stehen und sah mich nach ihm um. Sein Gesicht war blass und er wich meinem Blick aus.
»Hier haben sie meinen Vater auch hingebracht«, sagte er und trat auf der Stelle.
Ich verstand. »Du musst nicht mit reinkommen«, versicherte ich ihm und er sah mich wieder an. »Wirklich. Ich danke dir so sehr, dass du mir geholfen hast, die Fahrt hierher zu überstehen. Du bist ein wahrer Freund. Auch wenn du jetzt nicht mit reinkommen willst.«
»Aber …«, machte er, ließ den Satz aber unbeendet. Es war zwar schon über zehn Jahre her, aber das alles mit mir mitzufühlen konnte nicht leicht für ihn sein.
»Mein Vater wartet drinnen auf mich. Geh zurück zum Training. Oder nach Hause. Ich schreib dir, sobald ich mehr weiß.« Zwar war ich immer noch voller Sorge und von Unsicherheit geplagt, doch ich fühlte mich schon wieder ein bisschen gefasster.
Joris nickte. »Den Pullover kannst du mir später wiedergeben. Ich werde mal meine Mum anrufen.«
»Gute Idee. Und vielen Dank«, wiederholte ich mich und drückte Joris kurz zum Abschied.
Es war nicht weit bis zum Haupttor des Jenny-Menn-Hospitals und ich bog auf den gepflasterten Weg ein, ging durch eine kleine Parkanlage zum Eingang der Notaufnahme.
Die Schiebetüren schlossen sich hinter mir und der Geruch von Desinfektionsmitteln stieg mir unangenehm in die Nase.
Vor meinen Augen verschwamm plötzlich alles, eine Frauenstimme schrie wie am Spieß meinen Namen und die Erinnerung an einen allumfassenden Schmerz schoss mir durch den ganzen Körper.
Doch dann war der Moment wieder vorbei und ich lag auf dem Boden des Krankenhausflures. Mein rechtes Handgelenk schmerzte, als hätte ich es mir umgeknickt, und der Inhalt meiner Handtasche war über den ganzen Boden verteilt.
Verwirrt und noch heftiger zitternd kam ich auf die Füße. Was war das denn gewesen? Stieg mir meine Sorge so sehr zu Kopf?
Auf wackeligen Beinen sammelte ich meinen Kram wieder ein und fragte mich, warum ich drei Päckchen Taschentücher mit mir herumschleppte. Wenigstens hatte mich bei diesem Missgeschick niemand gesehen.
Langsam wankte ich um die Kurve auf die Rezeption zu und versuchte, den Schmerz in meinem Handgelenk zu ignorieren. Gleichzeitig schob ich auch die befremdlichen Gefühle fort, die sich unter die Sorge um meine Mutter mischten und sich mir wie Säure ins Herz ätzten.
»Ich suche Ida Henson«, sprach ich die Frau an der Rezeption an und war viel zu durcheinander für eine Begrüßung.
Die Frau, eine Krankenschwester, sah mich nur kurz an, wie ich hibbelig und verwirrt vor ihr stand, und gab dann ohne ein weiteres Wort den Namen in den Computer ein, der neben ihr stand. Sie las die Informationen auf ihrem Bildschirm und blickte dann mit mitleidigem Blick zu mir zurück. Das war kein gutes Zeichen und ließ die Panik wieder an die Oberfläche kriechen.
»Sind Sie eine Angehörige?«, fragte sie mich und ich spürte, wie mir die Tränen kamen und der kalte Klumpen in meinem Bauch mich runterzog.
»Ist sie etwa gestorben?«, platzte es ängstlich aus mir heraus und die Krankenschwester stand hastig von ihrem Stuhl auf.
»Nein. Nein. Alles ist gut. Sie wird gut versorgt. Ich darf die Infos nur nicht an jeden rausgeben«, besänftigte sie mich sofort und kam um ihren Tresen herum, um mir den Arm um die Schultern zu legen.
»Ich bin ihre Tochter«, schniefte ich und sie führte mich mit kleinen Schritten in Richtung Fahrstuhl.
»Alles ist gut bei deiner Mutter. Sie ist im OP. Dort werden gerade nur die Schnittwunden an ihren Händen und Armen gelasert. Eine Routinesache. Ich bring dich nach oben«, bot sie mir an und wir stiegen in den Fahrstuhl mit grünen Wänden.
Ich versuchte langsamer zu atmen und wiederholte im Kopf die Worte der Krankenschwester. Alles war gut. Nur eine Routinesache. Doch warum hatte sie sich die Hände zerschnitten? Und womit? War es vielleicht möglich, dass es auch nur ein Unfall gewesen war und gar kein Selbstmordversuch?
»Schnitte in den Händen?«, fragte ich leise, als die Türen sich wieder öffneten und mein Blick sofort auf Papa fiel, der im Stechschritt hin und her tigerte.
»Paps«, rief ich, als ich ihn sah, und er hielt inne in seiner Rennerei.
»Gemma. Du bist hier!« Er drückte mich an sich und ich erhaschte im Augenwinkel, wie die Krankenschwester mit einem sanften Lächeln hinter den Türen des Fahrstuhls verschwand, bevor ich ihr danken konnte.
Doch ich lenkte meine Aufmerksamkeit wieder auf Papa, der total aufgelöst aussah. Seine sonst so säuberlich gekämmten Haare waren zerwühlt und die Krawatte hing einfach so um seinen Hals, da er den Knoten wohl gelöst hatte.
»Was ist denn passiert?«, konnte ich endlich fragen und Papa drückte mich so fest, dass ich kaum noch atmen konnte und meine Hand noch mehr schmerzte.
»Ich kam von einer Sitzung nach Hause. Mama ging es heute Morgen so gut, dass sie sogar Frühstück gemacht hat. Pancakes. Ich dachte, es wäre alles in Ordnung. Und als ich wieder heimkam, da …«, erzählte er und stockte.
Auch in meinem Hals steckte ein großer Kloß, der sich nicht schlucken ließ. Papa gab mich wieder frei, rieb mit den Händen über sein Gesicht, das gerade alt und müde aussah.
»Und dann?«, versuchte ich ihn zum Weitersprechen zu animieren und er nahm seinen Gang wieder auf und lief im Vorraum der OP-Station hin und her.
»Sie saß in deinem alten Zimmer. Sie hat die Hälfte deiner Bodendielen herausgerissen und wühlte im Dämmstoff herum, als würde sie etwas suchen. Überall war Blut und sie hat sich mit einem Cuttermesser die Finger und Arme aufgeschnitten.« Papas Stimme brach. So aufgelöst hatte ich ihn noch nie gesehen.
Doch obwohl mich seine Worte tief erschütterten, als ich mir versuchte vorzustellen, wie er Mama und meinen hellen Boden mit Blut verschmiert vorgefunden hatte, löste sich die Panik in meinem Kopf jedoch sofort auf und meine Gedanken wurden wieder klar.
»Es war kein Selbstmordversuch«, sprach ich meine Erkenntnis sofort aus und wusste im gleichen Moment auch, dass ich es meinem Vater nicht würde erklären können.
Denn unter meinem Boden hatte ich früher die geheimen Bücher versteckt. Und nach jedem Eintrag einen Schnitt in meinen Finger gesetzt.
Es war nicht das Gleiche, was Mama getan hatte, doch sie war im Wahn eines Anfalls in das gleiche Muster verfallen. Sie hatte lediglich ihre Gedanken für die Auslese unbrauchbar gemacht und nicht versucht, sich das Leben zu nehmen.
Doch wie konnte ich meinem Vater das sagen, ohne mich selbst zu verraten? Und woher wusste meine Mutter davon? Von dem Versteck unter meinen Dielen, von dem Schneiden in den Finger. Ich hatte es ihr nie gesagt und immer darauf geachtet, dass mich niemand dabei sah.
Doch irgendwie musste sie es gewusst haben.
»Was?« Papa sah mich verstört an.
»Ich kann’s dir nicht erklären, aber sie hat auf keinen Fall versucht, sich umzubringen«, versicherte ich ihm und atmete ganz tief durch. Der kalte Klumpen in meinem Bauch wurde ein bisschen wärmer.
Eigentlich änderte es nichts an der Tatsache, dass meine Mutter im OP lag und ihre Anfälle schlimmer waren denn je. Doch zu wissen, dass sie sich nicht umbringen wollte, war ein großer Trost.
»Bist du dir sicher?«, wollte Papa wissen und ich nickte energisch.
»Ja, bin ich. Wie ist Tante Laura auf solche Ideen gekommen?«
Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, da gingen die Türen neben uns auf und ein Arzt mit ernster Miene und einem Tablet in den Händen kam auf uns zu.
»Shawn Henson?«, sprach der Mann meinen Vater an und reichte ihm die Hand. »Die OP Ihrer Frau ist gut verlaufen und von den Schnitten sollten keinerlei Narben zurückbleiben«, informierte er uns, als ob wir uns wirklich Gedanken um Narben machen würden. »Sie wird gerade in Aufwachraum 303 gebracht. Wir verabreichen ihr angstlösende Medikamente, die sie in einem Dämmerzustand halten, bis sich ihr Körper ein wenig erholt hat. Über das weitere Vorgehen werden wir entscheiden, sobald uns die Ergebnisse des Bluttests vorliegen. In ihrer Akte sehe ich, dass Sie bereits einen großen Gesundheitscheck für sie beantragt haben. Den würden wir natürlich unter den gegebenen Umständen vorziehen.« Der Arzt machte eine professionelle Miene und ich klammerte mich an den Arm meines Vaters.
»Können wir zu ihr?«, platzte ich heraus, als der Doktor eine Atempause machte, und er blickte widerwillig zu mir.
»Ja. Sie ist jedoch in der nächsten Stunde nicht ansprechbar.« Seine Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf meinen Vater. »Wir würden Ihre Frau gern für die standardmäßigen Tests und ein großes psychologisches Gutachten die nächste Woche hierbehalten, wenn Sie zustimmen.«
»Aber natürlich«, ging Papa sofort darauf ein.
»Gut, der Papierkram liegt schon bereit. Nutzen Sie die Zeit bis zum Erwachen Ihrer Frau, um sich ein bisschen zu entspannen. Gehen Sie um den Block oder fahren Sie nach Hause und packen ein paar Sachen für ihren Aufenthalt hier«, redete ihm der Arzt gut zu und ich fühlte mich von dem Kerl total ignoriert. Als ob ich mir keine Sorgen machen würde.
Wieder reichte er nur meinem Vater die Hand und verschwand, ohne mich noch eines Blickes zu würdigen.
Am liebsten hätte ich ihm in meinem aufgewühlten Zustand noch Gemeinheiten hinterhergerufen, doch Papa hielt mich davon ab, als er mir in dem Moment den Arm um die Schultern legte.
Er atmete tief durch und sah mich dann an. Sein Blick war durchdringend, als versuchte er etwas Bestimmtes in meinen Augen zu finden.
»Er hat recht. Ich muss hier kurz raus. Vielleicht hole ich wirklich ein paar Sachen für deine Mutter. Ihre Schwester ist auch noch bei uns und räumt auf«, seufzte er und strich sich mit der freien Hand die dunklen Haare nach hinten.
»Willst du mitkommen?«, fragte er mich und ich schüttelte den Kopf. Ich hatte kein Interesse daran, mir den blutigen Ort des Geschehens anzusehen.
»Nein. Ich werde solange hierbleiben und mich zu Mama setzen.«
»Tu das, tu das«, murmelte er, klang aber, als wäre er mit den Gedanken schon woanders.
Ich strich ihm einmal über den Rücken und spürte dabei wieder ein schlimmes Stechen im Handgelenk. Anscheinend war mein Sturz ganz schön übel gewesen, auch wenn ich mich nicht einmal erinnerte, gefallen zu sein.
Papa löste sich von meiner Seite und ging zum Fahrstuhl. Die Erschöpfung stand ihm ins Gesicht geschrieben und ich fragte mich, ob ich ihn wirklich allein gehen lassen durfte. Doch da schlossen sich auch schon die Türen und weg war er.
Unentschlossen trat ich von einem Bein aufs andere und wusste nichts mit mir anzufangen. Ich wollte ebenso gern sofort zu meiner Mutter, wie ich mich auch davor fürchtete, sie zu sehen. Ein leises Stimmchen in mir gab mir die Schuld an dem, was passiert war. Ich hatte die Bücher im Boden versteckt und mir ausgedacht, meine Auslese durch Schnitte in den Finger zu verarschen.
Als ich Schritte im Gang hinter mir vernahm und sah, wie sich der blöde Arzt wieder näherte, setzte ich mich sofort in Bewegung und verschwand hinter der Stationstür im nächsten Gang. An den Zimmern standen groß die Nummern und ich ging weiter, bis ich vor der 303 stand.
Bevor mich jemand sah, schlüpfte ich hinein.
Die Wände waren weiß mit einer rosafarbenen Bordüre und die Sonne schien durch die weißen Vorhänge. Alles war still und ich trat lautlos an das Bett heran, um die Ruhe nicht zu zerstören.
Meine Mutter lag darin und wirkte so blass wie die Bettwäsche. Ihre Arme waren mit Bandagen umwickelt, um die heilende Haut zu schützen, und eine Infusion führte von dort zu einem Gestell, an dem ein Beutel mit Flüssigkeit hing. Elektroden klebten an ihrer Brust, ein großes Pflaster hielt einen dünnen Schlauch in ihrem Hals und ein Gerät auf der anderen Seite des Bettes piepte leise im Takt ihres Herzens.
Mir zog es den Brustkorb enger zusammen bei ihrem Anblick und doch war es ein Stück weit beruhigend zu wissen, dass sie das Leben immer noch bejahte und uns nicht einfach so zurücklassen wollte.
Vorsichtig zog ich mir einen Stuhl heran, der unangenehm laut über den Boden quietschte, setzte mich neben das Bett und stellte meine Handtasche auf das nahe Tischchen.
Mein Blick ging zum Fenster, durch das ich das Schattenspiel von Blättern auf den Vorhängen beobachten konnte.
Seufzend schob ich die Hände in die Taschen der Pulloverjacke und achtete genauestens darauf, das Handgelenk nicht zu bewegen.
Was war nur los in letzter Zeit? Für mich fühlte es sich an, als würde sich ein seltsames Ereignis an das andere reihen. Wann hatte das alles angefangen? Als ich ausgezogen war? Danach, davor? Ich wusste es nicht und vielleicht war es auch gar nicht von Bedeutung.
Klar war nur, dass ich über all das schon viel zu viel nachgedacht hatte, als dass es in der nächsten Kontrolle nicht aufgezeichnet werden würde. Und obgleich ich wusste, dass sich dafür kein Schwein interessieren würde, hatte ich doch das nagende Gefühl, es wäre falsch, ihnen diese Information zu geben.
Ich schnaubte in mich hinein. Ihnen. Wer waren die denn? Ich wurde langsam wirklich paranoid.
Ich wünschte, ich könnte einfach aufhören, darüber nachzudenken, und den Dingen ihren Lauf lassen. So wie es sein sollte. Aber es kamen gerade zu viele Sachen zusammen, die sich nicht einfach ignorieren ließen. Die Anfälle meiner Mutter, meine eigenen Aussetzer, das Buch in der Wand, Ezra. Ließ sich das irgendwie zusammenbringen? Oder hatte es gar nichts miteinander zu tun?
Ich merkte erst, dass jemand den Raum betreten hatte, als ein großer Pappbecher neben meiner Handtasche auf dem Tischchen abgestellt wurde. Der Geruch von Kaffee stieg mir in die Nase und ich hob irritiert den Blick.
Hinter mir stand Oliver Grand, der auf mich herabsah.
»Oliver«, stieß ich überrascht seinen Namen aus und er lächelte mich schief an.
»Hast du mich schon vermisst?«, fragte er leise und mir fiel sofort auf, dass die gewohnte Leichtigkeit in seinem Tonfall fehlte.
»Woher weißt du, dass ich hier bin?« Irritiert starrte ich ihn an, während er sich ebenfalls einen Stuhl heranzog und dabei die gleichen lauten Geräusche verursachte wie ich zuvor.
»Luna hat’s mir gesagt«, behauptete er und ich traute meinen Ohren kaum. Ausgerechnet Luna, die so gar nichts von Oliver hielt.
»Ist es denn schon halb sechs?« Mit dem Blick suchte ich nach einer Uhr, fand aber keine. »Es tut mir so leid. Ich habe dir gar nicht Bescheid gesagt.«
»Nein, ist es nicht. Beruhig dich, Gemma«, redete er auf mich ein und sein zuvor aufgesetztes Lächeln wurde echter. »Ich war früher mit meinem Termin fertig und dachte, ich ärgere dich noch ein bisschen.«
Ich nickte nur, schaffte es nicht zurückzulächeln und sah zu meiner Mutter, die bewegungslos im Bett lag. Lediglich ihr Brustkorb hob und senkte sich, wenn man ganz genau hinsah.
»Wie geht’s dir?«, erkundigte Oliver sich ruhig.
»Beschissen.« Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück. »Es wird nur alles immer schlimmer.«
»Geht es ihr schon lange schlecht? Hat die Gedankenauslese was angekündigt?« Seine Stimmlage verriet, dass ihm vollkommen bewusst war, wie ernst dieses Thema war und ich hörte den Mediziner aus ihm sprechen.
»Sie hat nicht versucht, sich umzubringen!«, warf ich sofort ein, da ich mir vorstellen konnte, dass Luna ihm das vielleicht auch erzählt hatte. »Sie hatte nur einen schlimmen Anfall«, verteidigte ich meine Mutter.
Oliver zog fragend die Augenbrauen zusammen und faltete die Hände auf dem Schoß. »Was für einen Anfall?«
»Wenn die Ärzte das wüssten, wäre es sicher nicht so weit gekommen«, antwortete ich ihm und klang selbst in meinen Ohren viel zu müde. Mein Koffeinspiegel war auch sicher unter null und ich griff mit der nicht kaputten Hand nach dem Kaffeebecher, den Oliver mitgebracht hatte. Ich ging schwer davon aus, dass er für mich bestimmt war.
Vorsichtig nippte ich an dem heißen Getränk und genoss das warme Gefühl, das es in meinen Magen brachte. Das war genau, was ich gebraucht hatte.
»Danke für den Kaffee.«
»Den schulde ich dir doch schon ewig.« Sein leichtes Grinsen ließ mich schmunzeln.
Luna hatte ein falsches Bild von ihm. Oliver war nicht nur ein Typ, mit dem man ab und zu flirtete. Er war auch ein Freund. Sonst wäre er jetzt nicht hier.
»Ich dachte, vielleicht brauchst du ein bisschen Ablenkung. Oder Einsichten in die Akten. Oder noch mehr Kaffee«, sagte er plötzlich, als müsste er seine Anwesenheit rechtfertigen, und ich zog meine Hand hervor, um ihm freundschaftlich gegen die Schulter zu boxen. Im letzten Moment fiel mir jedoch ein, dass das wohl keine gute Idee wäre und höllisch wehtun würde.
Oliver drehte den Kopf zu mir, wohl irritiert von meiner nicht ausgeführten Bewegung, und seine Augen wurden groß, als er auf meine Hand blickte.
»Sag mal, ist dein Handgelenk blau?«, wollte er wissen und ich versuchte, die Hand sofort wieder zu verstecken.
»Ähm, ja, kann sein«, redete ich drum herum, weil es mir peinlich war. Bevor ich sie wieder in der Tasche des Pullovers verschwinden lassen konnte, griff Oliver schon nach meinem Ellenbogen und zog ihn zu sich heran.
»War das vorhin auch so?« Ohne die Hand zu berühren, begutachtete er sie mit besorgter Miene und ich entzog ihm umständlich meinen Arm. Das war jetzt wirklich das Letzte, um das ich mich kümmern wollte.
»Nein. Ich bin unten im Foyer gestolpert«, gab ich etwas patzig zurück und Röte stieg mir in die Wangen. Ich musste schrecklich ausgesehen haben, wie ich völlig fertig das Krankenhaus gestürmt und mich erst mal auf die Schnauze gelegt hatte.
Oliver schnaubte laut. »Hat sich das schon jemand angesehen?«
»Oliver, das ist nichts«, versuchte ich ihn davon abzubringen, sich um meine Hand zu kümmern, und machte eine wegwerfende Handbewegung. Die ich besser nicht gemacht hätte. Vor Schmerz musste ich die Lippen aufeinanderkneifen, um keinen Laut von mir zu geben.
Genervt zog Oliver die Augenbrauen nach oben. »Echt jetzt? Lass uns mal vorsichtshalber zum Röntgen gehen.«
»Oliver«, knurrte ich zwischen zusammengepressten Zähnen hervor und er atmete tief durch. Sollte er doch einfach wieder gehen, wenn ich ihm auf den Keks ging.
»Hey«, sagte er leise und seine Stimme klang weich und versöhnlich. »Es ist geschwollen und blau. Ich lass dich doch nicht mit einer gebrochenen Hand durch die Gegend laufen.« Langsam erhob er sich von seinem Stuhl und überragte mich mit seiner Körpergröße. »Die Radiologie ist auf der anderen Seite des Flügels. Das sind nur ein paar Meter.« Seine Körperhaltung war auffordernd.
Ich schenkte ihm einen bösen Blick, doch er ließ nicht locker. »Komm schon. Ich habe dir auch Kaffee mitgebracht.«
Es dauerte noch ein paar Sekunden, die wir uns anstarrten, dann senkte ich den Blick auf meine Hand. Sie war tatsächlich ziemlich blau. »Na gut«, gab ich mich kleinlaut geschlagen und stand ebenfalls auf.
»Ich komm gleich wieder«, sagte ich zu meiner Mutter, obwohl ich nicht wusste, ob sie mich überhaupt hören konnte, und strich ihr behutsam eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
Es gab nicht einmal einen richtigen Grund, warum ich neben ihr saß, denn sie würde in der nächsten Zeit nicht wieder erwachen. Der Arzt hatte etwas von einem Dämmerzustand erzählt, in dem sie sie halten wollten.
Wahrscheinlich saß ich hier nur für mich.
Ich betrachtete kurz ihre geschlossenen Augenlider und die stark sichtbaren Adern auf der dünnen Haut. Ich konnte nur hoffen, dass die Ärzte herausfanden, was ihr fehlte.
Oliver ging voran in Richtung Radiologie. Weiße Wände, ein Gang sah aus wie der andere, hässliche Kunst überall. Krankenhäuser sahen seit eh und je gleich aus.
Warum hatte ich den Kaffee eigentlich nicht mitgenommen?
Es war ein komisches Gefühl, Oliver zu folgen, er in der Position des Arztes und ich als Patientin.
Vor ein paar Tagen hatte ich ihn erst bei der Gedankenauslese gesehen, ebenfalls als Arzt. Sogar mit weißem Kittel. Doch wir hatten unsere Witzchen gemacht wie immer, und jetzt gingen wir nur stumm nebeneinanderher.
Es war nicht die Zeit für Geflirte und kleine Gemeinheiten, sondern für sorgenvolle Mienen und ehrliche Worte. Und obwohl es sich fremd anfühlte, war es vielleicht auch mal gut, eine andere Facette unserer Freundschaft zu entdecken, die bisher sehr klar begrenzt gewesen war.
Oliver bog ab, grüßte eine Schwester mit Vornamen, die daraufhin dezent errötete.
»Guten Tag, Doktor Grand«, säuselte sie und mir wurde klar, dass Oliver nicht das erste Mal in diesem Krankenhaus war.
»Arbeitest du hier?«, fragte ich ihn, damit es nicht weiter so still zwischen uns blieb.
»Ich habe hier so viele von meinen Praktika abgeleistet, ich weiß nicht mal mehr, wie viele«, erklärte er mir und wir betraten einen Raum ohne Fenster, der von Tageslichtröhren erhellt wurde.
Ein Mann in weißer Arbeitskleidung sah von seinem Computerbildschirm auf, erhob sich mit einem breiten Grinsen, als er Oliver entdeckte, und begrüßte ihn mit Handschlag.
»Oliver Grand! Was führt dich zu mir, Kumpel? Und wer ist deine reizende Begleitung?«, fragte er und streckte mir die Hand hin. »Benjamin mein Name.« Sein Gesicht war unerwartet jung. Bei der Halbglatze, die er glänzend zur Schau trug, hätte ich ihn älter geschätzt.
Höflich wollte ich seine Hand ergreifen, da ließ er sie unerwartet sinken. »Ah, ich verstehe. Gebrochen?«, fragte er mich mit einem Blick auf mein geschwollenes Handgelenk und ich zuckte nur mit den Schultern. »Ich werfe mal die Laserkanone an.« Und schon war er im Nebenraum verschwunden.
»Laserkanone?«, fragte ich skeptisch und Oliver lachte nur, erklärte es mir aber nicht.
Dafür trat er an einen Schrank und holte eine dunkelgraue Schürze hervor, die er mir umhängte. Sie war unglaublich schwer und würde meine Organe vor der Strahlung des Röntgengerätes schützen.
»Honey, wenn du schwanger bist, musst du mir das jetzt gestehen«, sagte Oliver und klang dabei eine Spur zu belustigt. Doch mir war klar, dass er mich das fragen musste und es nur so formulierte, um die Situation ein wenig aufzulockern. Doch mir war noch nicht nach Flirten zumute. Dafür war ich noch zu angespannt.
»Ich bin nicht schwanger.« Wie auch. Für so was müsste man ja Sex gehabt haben.
Der Nebenraum war klein und enthielt lediglich eine Liege und ein riesenhaftes metallverkleidetes Gerät, das Benjamin bereits in Position brachte.
Ich fühlte mich fehl am Platz und unwohl in meiner Haut. Vorhin war ich ins Krankenhaus gehetzt, mit Sorge im Bauch und Panik im Nacken, die Gedanken nur bei meiner Mutter. Und jetzt stand ich hier mit Oliver Grand und einem verrückten Krankenpfleger, die um mich herumwuselten, mich auf einen Hocker setzten und meine Hand auf der Liege positionierten.
Es war mir nicht recht, dass sich diese Situation um mich drehte, weil es mein schlechtes Gewissen schürte. Es war so leicht, dabei die Sorgen zu unterdrücken und an anderes zu denken als an meine Mutter. Dabei hatte sie meine Sorge verdient, viel mehr als das.
Doch stattdessen ließ ich mir die Hand röntgen.
»Einen Moment still halten«, wies Oliver mich an und die beiden Typen verschwanden aus dem Raum.
Ich wartete, rührte mich nicht und starrte auf meine Hand, auf deren Haut ein richtiges Universum an Farben entstanden war. Vielleicht war es doch nicht so falsch gewesen, sich darum zu kümmern. Bisher war es mir so unwahrscheinlich vorgekommen, dass ich mir tatsächlich was gebrochen hatte, doch so langsam zog ich es selbst in Betracht.
Aber was wusste ich schon, ich hatte mir ja noch nie etwas gebrochen.
Nach etwa einer halben Minute, in der scheinbar nichts passiert war, kam Benjamin wieder.
»Achtung, Schmerz«, sagte er und bevor ich überhaupt verstand, was er meinte, verdrehte er mir halb die Hand.
Sternchen tanzten vor meinen Augen, als mein Handgelenk sich anfühlte, als würde es explodieren.
»Und jetzt so halten«, hörte ich Benjamin sagen und schon war er wieder verschwunden.
Wieder war eine halbe Minute Ruhe, in der ich versuchte, gleichmäßig zu atmen und nicht daran zu denken, dass meine Hand gerade mehr wehtat, als ich mir vorstellen konnte. Jemand öffnete die Tür, aber niemand kam herein.
»Sind wir fertig?«, fragte ich unsicher und bekam keine Antwort. Waren die da drüben etwa abgehauen?
Unsicher löste ich meine Hand aus der furchtbaren Position und versuchte sie so wenig wie möglich zu bewegen, als ich vom Hocker aufstand, was schwierig war, da die schwere Schürze mich beinahe nach vorn umkippen ließ.
Ich fand Oliver und Benjamin vor einem riesigen, in die Wand eingelassenen Bildschirm.
»Das ist ja krass«, raunte der Krankenhelfer und ich trat zwischen die beiden, um zu sehen, was sie so faszinierte.
Am Bildschirm war das Röntgenbild meiner Hand und einem guten Stück Arm zu sehen, was ich nicht gerade ansprechend fand. Skelette waren nicht so meins.
»Was hast du nur mit deiner Hand angestellt?«, fragte Benjamin mich schockiert und nahm mir glücklicherweise die schwere Schürze ab.
Ich bekam ein ungutes Drücken im Bauch. »Ich bin bloß hingefallen.«
Oliver legte mir sachte die Hand auf den Rücken und ging mit mir einen Schritt näher an den Bildschirm. »Schau, durchgebrochen ist diesmal nichts. Lediglich ein kleiner Haarriss«, erklärte er und zeigte auf die betreffende Stelle am Handgelenk. »Da bekommst du von uns gleich eine Tiefenwundsalbe und eine Schiene und in zwei bis drei Wochen ist das wieder wie vorher.«
Mein ungutes Gefühl wurde stärker. »Was meinst du mit ›diesmal ist nichts durchgebrochen‹? Wann soll das denn passieren?«, fragte ich und unsere Blicke trafen sich. Anscheinend waren meine Worte für ihn genauso unverständlich wie seine für mich.
»Alter Schwede. Ist dir da mal ein Kühlschrank draufgefallen?«, unterbrach Benjamin die seltsame Situation und ich verstand immer noch nicht.
»Auf die Hand? Wieso sollte es?«
»Na ja, solche Brüche holt man sich nicht beim Ballspielen«, führte er an und ich begann, an seiner Zurechnungsfähigkeit zu zweifeln. »Vernarbung am Unterarm. Elle und Speiche durchgebrochen. Handwurzelknochen scheint zertrümmert worden zu sein und die Finger sehen auch so übel aus. Der Chirurg, der das wieder hingekriegt hat, war Weltklasse. Man sieht oberflächlich echt gar nichts.«
Ich trat einen Schritt zurück, spürte Übelkeit in mir aufsteigen, die sich mir nicht erklären ließ. In meinem Hinterkopf dröhnte der Schrei einer Frau. »Redet er von meiner Hand?«, wandte ich mich an Oliver, dem wohl nicht aufgefallen war, dass mir die Situation gerade wenig gefiel. Mein Herz schlug immer schneller und der Schweiß brach mir aus.
»Du hast da eine Menge verheilter Brüche an der Hand, ja«, bestätigte er und sah auf mich herab. »Gemma?« Seine Stimme klang alarmiert.
»Sicher?«, wollte ich mich vergewissern. Mein Brustkorb fühlte sich an, als würde er mir die Lunge zusammendrücken, und Schwindel erfasste mich. Die Erinnerung an einen Schmerz zog einmal durch meinen Oberkörper.
Meine Hand war gebrochen gewesen. Mehrfach. Aber ich konnte mich nicht daran erinnern, dass das je passiert war.
»Können wir den Rest auch röntgen?«, stieß ich hervor, als Oliver nach meinem Arm griff, mich vorsichtig rückwärtsschob und dazu brachte, mich auf einen Stuhl zu setzen.
»Tut noch mehr weh?« Er betrachtete mich ganz genau, ließ sich eine kleine Lampe von Benjamin reichen und leuchtete mir damit ohne Vorwarnung erst ins eine, dann ins andere Auge.
»Holst du uns ein Glas Wasser?«, bat er den Pfleger und dieser verschwand ohne weiteren Kommentar aus dem Zimmer.
Die Stimme in meinem Hinterkopf wurde deutlicher, schrie meinen Namen und verhallte. Ich hatte heute Nacht von ihr geträumt. Es war das Mädchen aus dem Café, das danach mit mir auf der Straße gestanden hatte, als das Monster kam, um uns zu fressen.
Ach du Scheiße!
»Kannst du den Rest von meinem Körper auch röntgen?«, wiederholte ich meine Bitte und Oliver schüttelte den Kopf.
»Ich setze dich nicht ohne Grund Strahlungen aus. Außerdem geht das hier nicht. Dafür müssten wir drüben ein CT machen. Das ist komplizierter. Wir können da nicht so reinspazieren wie hier«, versuchte er es mir auszureden, doch ich ließ ihn nicht.
»Oliver!«, rief ich ärgerlich seinen Namen und klang dabei ein bisschen zu verzweifelt. »Meine Welt steht gerade kopf. Alles dreht sich, nichts ergibt Sinn. Wenn du mir diese eine Gewissheit schenken kannst, dann tu es bitte!«
Ich musste wohl energisch genug geklungen haben, denn er schnaubte und seine Haltung wurde weniger abweisend.
»Ich als dein Arzt rate dir davon ab«, sagte er mit klaren Worten, sodass ich mir plötzlich unglaublich gut vorstellen konnte, wie er als fertiger Arzt einmal sein würde. Und er würde das gut machen.
»Ist mir egal. Wenn du es nicht machst, werde ich Benjamin bestechen«, patzte ich ihn dennoch an und setzte meine entschlossenste Miene auf.
Oliver lachte unterdrückt. »Das könnte sogar funktionieren.« Er rieb sich über die Stirn. »Komm mit«, wies er mich an und öffnete die Tür auf den Flur.
Mein Schwindel legte sich langsam wieder und ich folgte ihm mit langsamen Schritten aus dem Zimmer.
»Wir müssen auf Benjamin warten. Ich habe keine Radiologie-Fortbildung«, informierte Oliver mich, da kam der Erwartete auch schon auf uns zu.
»Geht’s dir wieder besser?«, wollte er wissen und ich nickte leicht, nahm das Wasser jedoch trotzdem gern.
»Wir brauchen ein CT.« Oliver sagte es, als wäre es eine Selbstverständlichkeit und als hätte er keinerlei Zweifel daran.
Benjamin hob skeptisch die Augenbrauen und ich fürchtete, er würde Nein sagen.
»Bitte«, seufzte ich. »Wenn das eine Geldfrage ist, dann zahle ich das.« Ich wusste zwar nicht wovon, denn bisher sah es auf meinem Konto recht mau aus, aber ich würde das schon irgendwie hinbekommen.
»Ne du, lass mal stecken. Das zahlt deine Versicherung.« Dann wandte sich der Pfleger, von dem ich mir nicht mehr so sicher war, ob er tatsächlich bloß ein Pfleger war, an Oliver.
»Sicher?«, fragte er ihn und Oliver zögerte nicht mit seiner Antwort.
»Ja, sicher.«
Erleichtert atmete ich auf und spürte gleichzeitig die unerträgliche Spannung in mir, als wir gegenüber durch eine Tür traten und uns in einem riesigen Raum wiederfanden, der durch eine Glasfront mit einem zweiten verbunden war. Dort stand ein gigantischer weißer Donut.
»Dann machen Sie sich mal frei, Frau Henson.« Oliver sah mich auffordernd an und zeigte auf einen schmalen Vorhang an der Seite, hinter dem sich eine winzige Umkleidekabine befand.
Na wunderbar.
»Bis auf die Unterwäsche entkleiden und alle Metallteile ablegen«, ergänzte Benjamin, der das Gerät einzustellen begann.
»Dazu gehören auch BH-Bügel«, ergänzte Oliver und ich streckte ihm trotz all meiner Anspannungen die Zunge raus.
»Meine BH-Bügel sind aus recyceltem Plastik«, nahm ich ihm die Illusion einer beinahe nackten Gemma und zog den Vorhang zu. Da musste ich jetzt durch, denn zwischen all den unerklärlichen Ereignissen eine Gewissheit zu erlangen war mir wichtiger, als mich vor Oliver Grand nicht zu entblößen.
Gut, dass ich den schwarzen BH trug. Jetzt hatte ich ihn wohl doch nur für ihn an. Welche Ironie.
Zum Glück war es in dem Raum mit dem Donut warm und doch stellten sich mir alle Härchen auf, als Oliver mir auf die Liege half und mein Blick sich auf das riesenhafte Gerät richtete, das sich über mir befand.
Ich schloss schnell die Augen, um nichts mehr zu sehen.
»Jetzt geht’s los«, kündigte Oliver mir an und ließ mich allein zurück.
Ich versuchte an nichts zu denken, die Gedanken aus meinem Kopf zu verbannen. Eigentlich hätte ich verheilte Knochenbrüche in meiner Hand für unmöglich halten sollen, aber ich tat es nicht. Als hätte ich sie vergessen und jetzt gerade wäre mir wieder eingefallen, dass sie tatsächlich passiert sein könnten.
Oder meine Verrücktheit hatte gerade ein neues Level erreicht.
Es war schneller vorbei als gedacht und während ich umständlich in meine Hose schlüpfte, stellte ich mich schon zu den beiden Männern vor den noch viel größeren Bildschirm.
Oliver betrachtete das Skelett prüfend. Nachdenkliche Falten bildeten sich auf der Stirn. »Oberarmknochen war ebenfalls gebrochen«, begann er, obwohl ich nicht gefragt hatte. »Schulter, rechtes Schlüsselbein, linkes auch. Schädelfrakturen, quasi alle Rippen, das Becken und der rechte Oberschenkelknochen.« Er zeigte auf die jeweiligen Stellen, an denen die Verschiebungen minimal zu sehen waren.
Ich schluckte schwer, hatte den Geruch von Regen in der Nase, der auf heißem Asphalt verdampfte, und sah die großen leuchtenden Augen des Monsters vor mir, das schnaubend und kreischend auf mich zuhielt.
»Das sieht aus, als ob du von einem Lastwagen überfahren worden wärst«, schnaubte Benjamin und wollte damit wohl einen Witz machen, doch seine Worte trafen mich wie ein Blitz, der mich schmerzhaft durchzuckte.
Denn die Augen des Monsters waren Scheinwerfer.
9
Dritter Vogel

»Dass du überhaupt noch laufen kannst, grenzt an ein Wunder«, behauptete Oliver und ich war vollkommen überfordert von all den Informationen, die auf mein Gehirn einströmten.
»Das ist jetzt nicht wahr. Das kann einfach nicht wahr sein«, flüsterte ich und hätte es gern rausgeschrien, das CT-Bild beschimpft und alles als bösen Traum abgetan.
Aber das hier war die Wirklichkeit und vor mir konnte ich meine Knochen sehen, die einmal gebrochen gewesen waren.
Mein Atem ging immer schneller, Panik schwappte in meinem Kopf umher, machte mich wirr und schwummrig. Der Geruch von Blut hing mir in der Nase, obwohl ich kein Blut sehen konnte. Um nicht umzukippen, ließ ich mich langsam zu Boden sinken und zog die Beine an.
Mir war schlecht, alles drehte sich und ich senkte den Kopf zwischen die Knie.
Ich wollte gar nicht darüber nachdenken, was das alles bedeutete. Doch die Gedanken drängten sich mir auf, ohne dass ich sie abstellen konnte.
Denn alles lief auf eine Erkenntnis heraus, die mir mehr Angst machte als die Möglichkeit, verrückt zu werden. Sie änderte mein Weltbild und zerrüttete meinen Glauben an das System.
»Gemma. Was ist eigentlich los?« Oliver ging vor mir in die Hocke, ich spürte seine Hand an meinem Knie.
»Mir ist übel.« Der Blutgeruch ließ langsam wieder nach und ich blinzelte die Tränen fort, die sich in meinen brennenden Augen gesammelt hatten.
»Was hast du als Letztes gegessen?«, fragte Oliver mich in fachmännischem Ton und ich brachte meine Gedanken mit Zwang dazu, mich zu erinnern. Zu Mittag hatte ich einen Wrap gehabt, den ich allerdings nicht angerührt hatte. Und davor?
»Ich habe heute noch gar nichts gegessen«, murmelte ich und horchte in mich hinein, spürte aber auch kein Hungergefühl. Nur die Kälte, die zurückkam und sich in meinem Bauch einnistete.
»Na, dann werde ich dich wohl zum Essen ausführen müssen«, behauptete Oliver und erhob sich mit einem erschöpften Ächzen aus der Hocke. »Nachdem wir dir eine Schiene verpasst haben.«
Die Wundsalbe war kalt und die Schiene unangenehm. Aber da musste ich jetzt durch. Benjamin wünschte mir noch gute Besserung, nachdem er sich mit einem Handschlag von Oliver verabschiedet hatte.
Der Weg zu den Aufzügen war nicht sehr weit und auch die Cafeteria war schnell erreicht. Oliver bestand darauf, mir eine Portion Kartoffelpüree mit Spinat und Grünkernbratlingen zu kaufen, und ich ließ ihn, weil ich keine Kraft hatte, ihm das auszureden.
Mein Kopf war mit der Tatsache beschäftigt, dass ein Unfall in meinem Leben existierte, an den ich mich nicht wirklich erinnerte. Demnach hatte ich ihn wohl vergessen.
Es war nichts Ungewöhnliches fürs Gehirn, auch mal etwas zu vergessen, vor allem, wenn es so was Krasses wie ein Zusammenstoß mit einem Lastwagen war.
Doch selbst wenn ich mich nicht daran erinnerte, würden es doch andere tun, oder nicht? Aber niemand hatte mich je darauf angesprochen oder ihn erwähnt.
Die Kälte wurde noch stärker, als mir meine Mutter einfiel. Am Tag meines Umzugs. Sie hatte einen Anfall gehabt und geschrien, ich wäre von einem Lastwagen überfahren worden. Sie hatte es gewusst. Zumindest in diesem einen Moment.
Wo waren unsere Erinnerungen hin? War es möglich, dass man sie gelöscht hatte? Denn eine natürliche Massenamnesie war wohl eher unwahrscheinlich.
Aber ich hatte auch noch nie von einem Fall gehört, dass Gedanken und Erinnerungen tatsächlich komplett gelöscht wurden. Gerastert, ja. Millisekunden zu löschen merkte kein Mensch. Aber einen ganzen Unfall zu entfernen?
Umständlich zog ich den Kapuzenpullover enger um meinen Oberkörper, was mit der Schiene an der Hand nicht so einfach war.
Oliver und ich setzten uns an einen Tisch nahe der Fensterfront, wo die Sonne warm auf mich schien, und ich stocherte in meinem Essen herum, ohne es wahrzunehmen.
»Ich geh mir ein Stück Kuchen holen. Willst du auch?«, fragte Oliver mich und ich nickte automatisch, auch wenn ich nicht mehr wusste, was er mich gefragt hatte.
»Und einen Kaffee wohl besser auch«, fügte er murmelnd hinzu und ging.
Im Kopf spulte ich all die seltsamen Ereignisse der letzten Zeit durch. Das Buch in meiner Wohnung. Was, wenn es tatsächlich von mir stammte? Wenn alles wahr war, was darin stand? Dann wäre nicht nur der Unfall, sondern gleich ein halbes Jahr gelöscht worden.
Laut der Aufzeichnungen war ich nämlich am Anfang meiner Ausbildung ausgezogen. Wenn ich das vergessen hatte und es aus irgendeinem Grund rückgängig gemacht worden war, erklärte das, warum ich nie einen richtigen Anlass gehabt hatte, noch zu Hause zu sein. Denn ich war bereits ausgezogen.
Also müsste man Vikas Erinnerungen auch gelöscht haben. Und Papas und Mamas auch. Vor allem Mamas.
Meine Gedanken rasten immer schneller, versuchten immer mehr Verknüpfungen zu finden. Meine irrationale Angst zu vergessen beispielsweise, die somit gar nicht mehr so irrational schien.
Und Ezra. Ach du meine Güte! Wenn mir tatsächlich Erinnerungen fehlten, dann waren wir keine Verrückten, sondern hatten uns wirklich gekannt. Und es beide vergessen.
Hätte ich die Brüche auf dem CT-Bild nicht mit eigenen Augen gesehen, ich würde diese Theorie niemals für wahr halten. Schließlich hätte ich ja merken müssen, dass mir ein halbes Jahr fehlte, oder etwa nicht?
Wie gut, dass ich einen Mediziner an meiner Seite hatte, dem ich vertraute.
»Oliver?«, sprach ich ihn an, als er zurück an den Tisch kam, und er sah mich überrascht an, so als hätte er nicht damit gerechnet, dass ich heute noch etwas sagen würde.
»Willst du mir erzählen, was los ist, Gemma? Das war ein richtiger Zusammenbruch gerade. Zwischendurch hattest du Anzeichen von einem leichten Schock«, kam er mir zuvor und ich ließ die Gabel sinken.
»Ist grad ein bisschen kompliziert«, gab ich schwammig von mir, weil ich eigentlich nicht direkt über mich reden wollte. In meinem Kopf war alles verwirrend genug, ich musste erst einmal alles ordnen, nach mehr Antworten suchen, bevor ich damit rausrücken konnte. Außerdem wusste ich ja auch nicht, mit wem ich überhaupt darüber reden konnte. In was würde ich die Person mit reinziehen? Denn so richtig legal konnte es nicht sein.
»Wegen deiner Mutter?«, wollte er wissen und ließ mich nicht aus den Augen, was wohl daran lag, dass es eine sehr untypische Situation für uns war.
Fahrig rieb ich mir mit der Linken übers Gesicht und strich mir verknotete Haarsträhnen nach hinten.
»Unter anderem«, sagte ich und machte eine winzige Kunstpause, ehe ich mit meiner ersten Frage rausrückte. »Stell dir mal vor, du wachst morgens auf und hast das letzte halbe Jahr vergessen. Würde dir das auffallen?«
Oliver schnaubte überrascht. »Okay, krasser Themawechsel, Honey. Aber wie immer du es wünschst.«
Wahrscheinlich hielt er es für eine Ablenkung, die mich auf andere Gedanken bringen würde, und ich klärte ihn auch nicht auf. Nachdenklich kratzte er sich an der Stirn. »Also ja, definitiv würde ich das merken.«
»Würde man da nicht den letzten Tag, an den man sich erinnert, nur als gestern empfinden und es würde einfach so weitergehen?«, gab ich meine Gedanken dazu ab und Oliver schüttelte den Kopf, während er ein Stück vom Kuchen auf die Gabel spießte.
Es war ein ziemlich großes Stück mit Schokolade und Mandelsplittern. Ich kommentierte das lediglich durch ein Zucken mit den Augenbrauen. Da hatte wohl jemand auch die Cafeteria-Frauen bezirzt.
»Nein. Mal davon abgesehen, dass die Jahreszeit nicht stimmen würde, wäre der letzte Tag trotzdem nicht gestern. Das Gehirn erinnert sich an einen Tag vor so einer Zeitspanne doch nicht besser, nur weil der Rest fehlt. Es wäre immer noch lange her und das würde man merken.«
Das leuchtete mir ein, brachte mich jedoch nicht von meiner neuen Erkenntnis ab. Denn dass ich vergessen hatte, war bisher das einzig Logische, was mir dazu einfiel.
Also wie konnte es sein, dass ich keine Unterbrechung in meinem Gedächtnis hatte?
»Und wenn man das mit einem AIC-Gerät gemacht hätte? Was würde dann passieren? Wäre da ein schwarzes Loch in der Erinnerung oder könnte das Gehirn die Lücken auch mit irgendwas füllen?«, wollte ich wissen und mischte Kartoffelpüree und Spinat zu einem bunten Brei zusammen, ehe ich mir eine Gabel voll in den Mund schob. Zum Glück war ich Linkshänderin, sonst wäre ich mit meiner Schiene ganz schön aufgeschmissen gewesen.
»Ein halbes Jahr rastern? Das wäre heftig.«
»Nicht rastern. Komplett löschen«, widersprach ich. Wäre es gerastert worden, könnte ich mich ja schließlich noch an alles erinnern. Daran, dass ich schon einmal ausgezogen war, Bücher versteckt hatte und ein Mann namens Ezra mir so wichtig geworden war, dass ich ihn auf meine Liste der wichtigsten Personen schrieb.
Oliver gab einen spöttischen Laut von sich. »Das wäre der Overkill. Das ist nicht umsonst verboten. Das würde krasse geistige Schäden hervorrufen. Schatten und so weiter«, nuschelte er mit vollem Mund und tippte sich mit dem Finger an die Stirn.
»Schatten«, wiederholte ich das Wort, das mich an etwas erinnerte. Wir hatten in der Ausbildung einmal darüber gesprochen. Schattenerscheinungen hatten wir nur am Rande durchgenommen, da es für uns als Techniker nicht weiter wichtig war. Irgendetwas mit dem Unterbewusstsein. Jedoch war mein Kopf zu wirr, um es richtig wiederzugeben.
»Das Gedankenauslesegerät greift ja nur aufs Kurz- und Langzeitgedächtnis zu. Dort wird auch gerastert. Oder würde gelöscht werden, wenn man so was machen würde. Aber das weißt du ja selbst«, winkte Oliver ab.
»Ist viel zu lange her. Erzähl’s mir ruhig noch mal«, bat ich ihn. Ich musste jetzt einfach alle Fakten gesammelt von jemandem zu hören bekommen, ohne mir selbst den Kopf zerbrechen zu müssen. Ich war schließlich Technikerin und kein Gehirnforscher.
»Na gut. Aber nur, wenn du auch isst.« Unauffällig schob er mir die Tasse hin, die er mitgebracht hatte, und mir stieg der Geruch von starkem Kaffee in die Nase.
Dieser Mann wusste genau, wann ich Koffein nötig hatte. Ich nahm die Tasse zwischen die klammen Finger und trank einen kräftigen Schluck. Er war noch einen klein wenig zu heiß, aber ich genoss das Gefühl, wie er mir von innen den Bauch wärmte.
»Also gut. Das Gehirn besteht aus mehr als nur dem Gedächtnis«, fuhr Oliver mit seinen Erklärungen fort und ich biss brav von einem Bratling ab. »Die Amygdala ist für das Bewerten von Eindrücken zuständig und wird ausgelesen, aber beim Rastern nicht beschnitten. Und das Unterbewusstsein ist sowieso ein Buch mit sieben Siegeln. Das macht man nicht auf und da entfernt man auch nichts, wenn man keine Psychokiller produzieren will.«
Mit seinem langen Arm griff Oliver einmal über den Tisch und klaute sich die Kaffeetasse zurück, um selbst einen Schluck zu trinken.
Einen Moment wollte ich es ihm verbieten und meinen Kaffee verteidigen wie eine Löwin seine Jungen. Aber schließlich hatte er ihn bezahlt und ich wollte mich nicht noch stärker als Kaffeejunkie outen. Ich stand heute auch so schon verrückt genug da.
»Wenn man also wirklich was löschen würde, wäre das im Unterbewusstsein ja trotzdem noch vorhanden. Wir können nicht aktiv drauf zugreifen, aber es muss ja trotzdem verarbeitet werden. Gedankenfetzen würden immer wieder hochkommen, wenn die durch Situationen, Orte oder Personen angesprochen werden. Sogar Gerüche und Geräusche reichen da aus. Aber ohne Erinnerungen an das dazugehörige Ereignis sind sie nur verrückte Erscheinungen.«
Das machte mich hellhörig. Denn verrückte Erscheinungen hatte ich ja in Hülle und Fülle. »Und was würde da zum Beispiel passieren?«, frage ich viel zu neugierig und schielte in die Kaffeetasse, um zu sehen, wie viel noch da war.
»Du, das wurde nie getestet. Da gibt es keine Studien zu. Nur Simulationen.«
»Und theoretisch?«, blieb ich dran und blickte noch offensichtlicher auf die Tasse.
Oliver verstand erfreulicherweise und schob sie mir wieder rüber, ohne dass ich ihn anbetteln musste.
»Hm … Was könnte passieren?«, sinnierte er und schob sich wieder etwas Kuchen in den Mund. »Träume wären ein krasses Phänomen, kann ich mir vorstellen. Innere Unruhen, weil der Kopf ja merkt, dass was fehlt. Flashbacks, wenn man durch irgendwas getriggert wird. Realitätsverlust. Sich wiederholende Gedankengänge, die keinen Sinn ergeben. Schlussendlich würde es wie Wahnsinn aussehen, denke ich.«
Ich biss mir auf die Unterlippe und wünschte mir, es würde nicht alles so verdammt gut zusammenpassen. Denn jede dieser Schattenerscheinungen traf auf meine Mutter und sogar auf mich zu.
Doch wie konnte das passiert sein? Schließlich gingen wir regelmäßig zu unseren Kontrollen. Jemandem müsste es doch aufgefallen sein. Selbst eine Verschwörung, wenn es denn eine solche gab, hätte ihre Grenzen.
»Aber das würde man dann doch bei der Gedankenauslese sehen, oder?«, warf ich ein.
Oliver stützte sein Kinn in die Hand. »Das ist eine interessante Frage, die ich dir nicht beantworten kann. Da die ganze Sache aus dem Unterbewusstsein kommt und daher nur so halb wahrgenommen wird, könnte es gut sein, dass es nicht drauf wäre.«
»Also hätte man total wirre Anfälle, die sich keiner erklären kann.«
Es passte alles so unglaublich gut. Bis auf die Tatsache, dass ich keine Gedächtnislücke besaß. Damit konnte Oliver mir wohl eher nicht helfen.
Aber ich hatte ein Buch in meiner Wohnung, das mir dabei nützlich sein würde. Wenn ich länger als fünf Minuten darin lesen könnte. Ach, es war doch zum Haareraufen.
Oliver nickte, doch seine Bewegungen wurden langsamer und schlussendlich wanderte sein Blick von seinem Kuchen zurück zu mir.
»Wir reden von deiner Mutter«, stellte er fest und ich hatte gehofft, dass er diesen Schluss nicht ziehen würde.
»Ja«, bestätigte ich, weil es sinnlos war, es zu leugnen. Fahrig rührte ich wieder in der Pampe auf meinem Teller herum, die langsam unansehnlich wurde.
»Aber Gemma. Niemand löscht Erinnerungen! So was passiert einfach nicht.« Olivers Blick wurde eindringlicher.
Am liebsten hätte ich ihm um die Ohren gehauen, dass er das gar nicht wissen konnte und dass ich mit der gleichen Gewissheit noch vor einer halben Stunde behauptet hätte, mir nie zuvor etwas gebrochen zu haben.
Doch ich sagte es nicht, schluckte meine unwilligen Gefühle runter und nickte nur unterwürfig. »Vielleicht hast du recht. Ich bin gerade nur echt durch den Wind«, tat ich so, als wäre es nur eine verrückte Theorie gewesen. Dabei war ich mir ziemlich sicher, dass es so war. Jemand löschte Erinnerungen! Bei mir, bei meiner Mama. Wahrscheinlich bei allen Leuten, mit denen ich in diesem verlorenen halben Jahr zu tun gehabt hatte. Einschließlich Oliver. Denn wie ich ihn kennengelernt hatte, wollte mir beim besten Willen nicht einfallen. Wir hatten uns einfach gekannt, uns in der Mensa zusammengesetzt, oft mit Jessy und Olivers Medizinkumpel Ben und Ludwig.
»Sag mal, Oliver. Beim ersten Mal, als wir uns gesehen haben, was hast du da über mich gedacht?«, stellte ich meine scheinbar zusammenhangslose Frage und Oliver lachte auf. In seinem Mundwinkel erschien ein freches Grinsen, und er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, um mich aus schmalen Augen von oben herab zu betrachten.
»Und sag was Nettes, ich brauche Aufmunterung«, fügte ich scheinheilig hinzu und zog eine Schnute.
»Ganz ehrlich? Ich dachte, dass du eine verdammt spontane Schauspielerin bist«, sagte er und ich fühlte mich ertappt. »Du hast mir damals echt den Arsch gerettet. Das Mädel war schon nach einer Nacht so weit, sich meinen Namen auf den Arsch zu tätowieren. Das war ein echter Fehlgriff. Ich dachte an Spaß und sie hatte schon die ›feste Beziehung‹-Angel ausgeworfen. Hui«, machte er und kam in richtige Erzählerlaune. Sollte er nur, so konnte ich nebenher seinen Kaffee austrinken.
»Ich kann mich nicht mal erinnern, wie sie hieß, aber sie stand plötzlich hinter mir und ich habe mich einfach neben das nächste Mädchen gesetzt, das ich in der halb leeren Mensa finden konnte. Zufall, dass es du warst.
Okay, halb Zufall. Vor dir saß noch eine mit operierter Nase. Die wollte ich auf keinen Fall einspannen.«
Er hatte die Geschichte noch nicht zu Ende erzählt, aber ich konnte mir auch so schon vorstellen, wie sie ausging. Ich kannte ihn und ich kannte mich. Und es war nicht das letzte Mal gewesen, dass er mich als Alibifreundin benutzt hatte, um alte Liebschaften loszuwerden.
Aber ich hatte nicht gewusst, dass wir uns so kennengelernt hatten. Das musste wirklich ein cooler Moment gewesen sein. Aber erinnern konnte ich mich kein bisschen daran.
»Ich hätte keine bessere Wahl treffen können«, sagte er und ich fühlte mich geschmeichelt. »Du warst so genial als Fake-Freundin, selbst ich hätte dir geglaubt. Und ich wusste sofort, dass ich dich unbedingt behalten muss.«
Ich lächelte und das war ein gutes Gefühl, weil es mich kurz vergessen ließ, dass gerade alles kopfüber stand.
Widerwillig aß ich noch ein paar Happen Pampe von meinem Teller und Oliver verputzte das restliche Kuchenstück, da klingelte ein Handy.
Sofort drehte ich mich nach meiner Handtasche um, die ich jedoch im Krankenzimmer meiner Mutter gelassen hatte, und sah dann, wie mein Gegenüber sein Telefon aus der Hosentasche zog.
»Doktor Grand«, meldete er sich, sodass ich gleich wusste, dass es sich um etwas Geschäftliches handelte. Oliver nickte ein paarmal und fragte dann einige Dinge, die aus lauter Fachbegriffen bestanden.
»Gemma. Ich müsste los«, kündigte er mir an, als er aufgelegt hatte. »Aber wenn du mich hier brauchst, dann …«
»Nein, Quatsch. Geh nur. Ich komm hier allein klar. Mein Vater ist sicher auch bald hier«, unterbrach ich ihn sofort. Auf keinen Fall wollte ich ihn hier festhalten. Außerdem hatte ich meinen schlimmsten Tiefpunkt schon hinter mir. Hoffte ich zumindest.
»Ist gut, melde dich, wenn du was brauchst«, bot er mir an und erhob sich von seinem Stuhl. Sein Blick fiel auf die leere Tasse. »Oder mehr Kaffee nötig ist.«
Ich lächelte verschmitzt. »Vielleicht dann unter ausgelasseneren Umständen, hm?«, machte ich ein Witzchen, damit er auch wirklich wusste, dass es mir schon besser ging, und er stützte die Hände auf die Tischplatte, um sich zu mir vorzubeugen.
»Ausgelassen? Wir können den Kaffee auch streichen und tanzen gehen.« Der Schalk sprang in seinen Augen und ich spürte die Herausforderung über meine Haut prickeln.
»Tanzen? Mit der Hand?«, fragte ich divenhaft, als wäre es völlig abwegig, dass ich mich mit einer Schiene irgendwo blicken ließe.
»Ach Babe, eine Schönheit wie dich kann nichts entstellen.«
Lauter als gewollt lachte ich auf, weil dieser Spruch so unglaublich typisch für Oliver war.
»Wie könnte ich da noch Nein sagen?« Übertrieben wedelte ich mir mit der gesunden Hand Luft zu und er schien sichtlich zufrieden mit meiner Stimmungsaufheiterung zu sein.
»Ich ruf dich an.« Er zwinkerte mir verschmitzt zu, schob das Smartphone in seine Hosentasche und setzte seine Schritte in Richtung Ausgang.
Ich schüttelte den Kopf über ihn. »Du hast doch meine Nummer gar nicht«, rief ich ihm hinterher, doch er winkte nur lachend ab.
»Das wäre sonst ja viel zu einfach!« Und dann war er aus der Tür raus.
Es dauerte keine dreißig Sekunden, bis mein kurzzeitiges Hochgefühl wieder in sich zusammensackte und ich zurück auf den Boden der Tatsachen plumpste.
Ich konnte einfach nicht fassen, dass ich gerade quasi im Alleingang herausgefunden hatte, was meiner Mutter fehlte. Und was mir in letzter Zeit das Leben ganz schön merkwürdig gemacht hatte.
Es war angsteinflößend, darüber nachzudenken, dass man mir tatsächlich Erinnerungen gelöscht hatte. Aber andererseits hätte es auch etwas Beruhigendes, falls es wirklich so war, weil ich zumindest die erste Unsicherheit als geklärt betrachtete. Doch ob nun Verschwörung oder Missverständnis, ich spürte, dass ich in die richtige Richtung strebte, und wenn ich mich anstrengte, fand ich vielleicht auch den Grund für das alles.
Denn bisher wusste ich lediglich, dass mir etwas gelöscht wurde, jedoch nicht wieso. War es tatsächlich wegen des Unfalls? Wenn der für mich so schlimm gewesen wäre, hätten sie ihn doch gerastert und nicht gelöscht. Und warum er dann auch gleich bei allen anderen entfernt worden war, ergab noch weniger Sinn. Das stank ja geradezu nach Verschwörung.
Doch wer konnte dahinterstecken?
Logischerweise gingen meine ersten Gedanken zu Biolog Medical, den Entwicklern. Aber sie waren schließlich nicht die einzigen Benutzer.
Die Behörden hatten auch Auslesegeräte für Verhöre und das Aufnehmen von Zeugenaussagen. Dann gab es da noch einige lizensierte Privatpraxen. Und den illegalen Handel durfte man ja auch nicht vergessen.
Biolog Medical behauptete öffentlich, dass die Mafia solche Geräte unmöglich besitzen konnte. Aber wenn wir mal ehrlich waren, wussten wir alle, dass Kriminelle vor Diebstahl nicht zurückschrecken würden. In Filmen hatte das organisierte Verbrechen so was immer.
Unwillig, noch einen Bissen zu essen, jetzt, da Oliver mich nicht mehr beobachtete, schob ich das Tablett weit von mir weg. Ich verschränkte die Arme auf der Tischplatte und bettete meinen Kopf darauf.
Dieser Tag war anders verlaufen als erwartet und die Müdigkeit kroch mir in die Glieder, jetzt, wo alle Aufregung abflachte und das Adrenalin mich ohne genügend Koffein im Blut zurückließ. Vielleicht waren es auch die Schmerzhemmer in der Salbe, die mich runterzogen.
Ich gähnte herzhaft in meine Armbeuge und beschloss, nur eben die Augen zu schließen, um anschließend zu meiner Mutter ins Zimmer zurückzukehren.
Die Sonne schien mir aufs Gesicht, wärmte meine Haut und streichelte mir übers Haar. Sanft drückte sie mir einen Kuss auf die Schläfe und zupfte an Joris’ Pullover.
Scheppernd fiel irgendwo Besteck zu Boden und riss mich aus dem Halbschlaf. Ich war eingenickt. Mist.
Desorientiert und noch ein bisschen wackelig auf den Beinen stand ich von meinem Stuhl auf. Ich konnte schließlich nicht ewig in der Cafeteria herumhängen. Nicht dass Papa sich auch noch Sorgen um mich machte.
Ich versuchte mir die Hände gegen die Wangen zu klatschen, um mich selbst zu wecken. Doch mit der Schiene an der Hand war das nicht so einfach.
Langsam machte ich mich auf den Weg nach oben und gähnte noch einmal, während ich auf den Fahrstuhl wartete. Meine Hände fanden ihren Weg von ganz allein in die Taschen des Pullovers und es brauchte nur einen kleinen Moment, bis ich bemerkte, dass etwas nicht mehr so war wie vorhin. Meine Fingerspitzen ertasteten Papier und ich zog es verwundert aus der Tasche heraus.
Schockiert starrte ich auf den hellgrünen Origamivogel in meiner Hand und konnte mir nicht erklären, wo er hergekommen war.
Wann hatte man ihn mir zugesteckt? Als ich eingenickt war? Vorher schon?
Umständlich entfaltete ich das Papier, um es von beiden Seiten zu betrachten. Die eine war leer. Auf der anderen stand in krakeliger Handschrift ein einzelnes Wort geschrieben: Hoffnung.
10
Ungesagte Worte

Als ich in der Bahn nach Hause saß, fiel mir auf, dass ich vergessen hatte, Joris Bescheid zu sagen. Das schlechte Gewissen kam sofort in mir hoch und ich kramte in meiner Tasche nach dem Telefon.
Sechsunddreißig Anrufe in Abwesenheit zeigte es mir an, alle von Vika. Oh, wow, da war man mal für ein paar Stunden nicht am Handy und schon brach die Apokalypse los.
Um es nicht schon wieder zu vergessen, schrieb ich als Erstes Joris.
›Bin wieder auf dem Weg nach Hause. Mama wurde operiert. Es war KEIN Selbstmordversuch, nur ein Anfall. Die Ärzte machen jetzt einen großen Gesundheitscheck bei ihr. Hoffentlich finden sie was.‹
Ich verzichtete auf Emoticons jeglicher Art, weil ich nicht mehr die Nerven hatte, um irgendwelche Gefühle in Bilder zu verpacken, und nahm mir vor, ihn später noch anzurufen.
In dem Moment vibrierte auch schon mein Handy und ich nahm ab, ohne zu zögern.
»Oh Gemma, Gott sei Dank, du gehst ran«, brüllte Vika ins Telefon und ich musste es mir vom Ohr weghalten, damit ich keinen Hörschaden bekam.
»Alles okay bei dir?«, fragte ich sie und hoffte, dass jetzt nicht die nächste schlechte Nachricht auf mich wartete. Davon hatte ich heute wirklich genug gehabt.
»Bei mir? Ist denn alles okay bei dir? Ich habe deine Anrufe gesehen und versucht, dich zu erreichen, aber du bist nicht rangegangen. Und dann hat Luna gesagt, deine Ma ist im Krankenhaus und Joris meinte, sie wollte sich umbringen. Und ich konnte nicht weg, weil der Kurator gerade da ist. Es tut mir so leid, Schatz. Soll ich zu dir kommen? Bist du noch im Krankenhaus?«, ratterte sie runter, ohne einmal Luft zu holen, und machte damit selbst mich atemlos.
Ich warf einen schnellen Blick auf die Uhrzeit an der Anzeige der Bahn. Vika hatte erst in einer halben Stunde Schluss.
»Sie wollte sich nicht umbringen, es war ein Anfall. Es wird wieder«, behauptete ich knapp. »Ist der Kurator noch da?« Umständlich versuchte ich mir mit der geschienten Hand die Augen zu reiben, was nicht gelang.
»Ja, aber …«, begann sie und ich ließ sie nicht ausreden.
»Du riskierst nicht deinen Job, indem du da zu früh abhaust, klar? Ich sitz schon in der Bahn und bin bald daheim. Wir sehen uns dann dort.«
»Okay. Aber sei dir versichert, wenn du mich brauchst, dann schmeiß ich auch meinen Job für dich«, betonte sie und ich lächelte.
»Du bist die Beste, Vik. Bis nachher«, verabschiedete ich sie.
»Frau Vellour, sind Sie etwa schon wieder am Telefon?«, hörte ich eine unwirsche Frauenstimme im Hintergrund. O nein. Arme Vika.
»Es war ein familiärer Notfall.« Vika klang entfernt und legte dann auf.
Seufzend drehte ich das Handy in den Händen und zappelte nervös mit dem linken Bein. Denn ich hatte mir etwas vorgenommen, wenn ich heimkam. Und da war es nur gut, dass niemand bei mir war. Auch wenn ich mir gerade nicht unbedingt wünschte, allein zu sein.
Wir hielten am Kretaplatz und mehrere Leute stiegen ein, die sich recht gleichmäßig im hinteren Teil des Waggons verteilten. Eine junge Frau in einem roten Kleid tänzelte an mir vorbei, einen Korb voller Blumen in der Hand, und ich folgte den wunderschönen Chrysanthemen mit den Augen.
Erschrocken zuckte ich zusammen, als sich jemand auf dem Sitz neben mir niederließ. Es war ein junger Mann in einem schwarzen Hoody. Große graue Kopfhörer bedeckten seine Ohren und er musterte mich nur kurz von der Seite, bevor er einen Roman aus seiner Umhängetasche zog und ihn aufschlug.
Es kam mir so vor, als hätte ich ihn schon einmal gesehen. Doch nicht so wie sonst, wo sich das Gefühl sofort wieder verflüchtigte, sondern wirklich.
Das musste nichts bedeuten. Vielleicht war er Angestellter eines Coffeeshops oder hatte mit mir an irgendeiner Haltestelle auf die Bahn gewartet. Das Leben war voller Begegnungen.
Nur komisch, dass er sich direkt neben mich setzte, wo doch noch so viele andere Plätze frei waren.
Ich wandte den Blick aus dem Fenster, sah der Stadt beim Vorbeiziehen zu und fragte mich, ob ich langsam doch zu paranoid wurde. Schließlich war er nur ein Kerl, der sich auf einen freien Platz gesetzt hatte. Und er roch gut, also war alles in Ordnung.
Er stieg eine Station vor mir wieder aus, was bewies, dass ich mir zu viele Sorgen machte. Doch jetzt konnte meine Gedanken nichts mehr ablenken, und stillzusitzen war mir beinahe unmöglich. Eigentlich sollte ich nicht daran denken, was ich vorhatte, doch es ging nicht anders.
Sowieso war es auch eigentlich schon egal, was ich dachte. Das Notizbuch in meiner Wand war zu schwer zu ignorieren und wenn jemand nach diesem Gedanken in der Auslese suchte, würde er ihn auch finden.
Für gewöhnlich tat ich es damit ab, dass sich meine Gedanken sowieso niemand ansah. Doch da war ich jetzt nicht mehr so sicher. Seit einer Weile ging ich zu einer halbjährlichen Kontrolle, ohne dass ein besonderer Grund vorlag. Ich hatte es nicht hinterfragt, aber jetzt fühlte ich mich plötzlich kontrolliert.
Ein Mann im hinteren Teil des Waggons starrte mich an, jagte mir eine Gänsehaut über die Arme. Was, wenn es nicht nur Paranoia war, die mich dazu brachte, mich verfolgt und kontrolliert zu fühlen?
Ich tat abgelenkt, als die Bahn meine Haltestelle erreichte, und sprintete im letzten Moment zur Tür, die sich piepsend hinter mir schloss. Niemand sonst war ausgestiegen. Der Mann, der mich angestarrt hatte, starrte weiter in die Richtung, wo ich gesessen hatte.
Mindestens zehnmal blickte ich mich um, als ich von der Bahnstation zu meinem Wohnkomplex lief, weil ich das Gefühl nicht loswurde, dass mich möglicherweise jemand beschattete.
Hoffentlich sah mich dabei niemand. Ich musste aussehen wie eine Verrückte. Okay, ich war eine Verrückte!
Ich schlüpfte in Windeseile ins Haus und lief die Treppen nach oben, weil ich nicht die Geduld hatte, auf den Fahrstuhl zu warten. Mit zu viel Schwung stürzte ich in meine Wohnung, kickte mir die Altherrenschuhe von den Füßen.
Mein Atem ging zu schnell und ich fühlte mich völlig außer Form. Es war Zeit, sich wieder sportlich zu betätigen, wenn ich nicht als keuchender Haufen enden wollte.
Doch sich jetzt eine neue Handballmannschaft zu suchen, war mit meiner angebrochenen Hand wohl erst mal keine gute Idee.
Ich schmiss meine Handtasche auf die Couch und riss mir förmlich die Kostümhose von den Beinen, die mich unangenehm am Bauch zwickte. Joris’ Pullover behielt ich an.
Nervös stand ich an der Tür zum Badezimmer und war unschlüssig, ob ich ein Cuttermesser brauchen würde.
Ich hatte mir vorgenommen, in dem blauen Buch zu lesen, wenigstens ein bisschen, um die Chance zu haben, etwas zu entdecken, was mir weiterhelfen würde. Etwas, was meine starke Vermutung, dass mir Erinnerungen gelöscht wurden, eindeutig bestätigte.
Doch wollte ich wirklich riskieren, dass alles, was ich las, bei der Auslese zu sehen war? Beim nächsten Check würden sie sehen, dass ich wusste, was passiert war. Sie würden wissen, dass ich ein Buch gefunden hatte, weil ich viel zu oft in meinen Gedanken war.
Aber ich konnte immer noch verhindern, dass sie erfuhren, was genau in diesem Buch stand. Wenn sie das nicht schon längst wussten, schließlich hatten sie mir ja die Erinnerungen gelöscht.
Ich schüttelte den Kopf über mich und konnte nicht fassen, wie bescheuert das alles klang. Würde ich Vika erzählen, dass ich glaubte, Verschwörer hätten mir Dinge aus dem Hirn gelöscht, würde sie mich direkt mal neben meine Mutter ins Krankenzimmer verfrachten.
Obwohl … Wenn ich es recht bedachte, hätte ich bei Vika sogar Chancen, dass sie mir alles glaubte, was ich ihr erzählte.
Doch ich durfte es ihr nicht erzählen. Jetzt, da es ernst wurde, erst recht nicht.
Ich ging und holte das Cuttermesser aus der Küchenschublade. Sicher ist sicher, selbst wenn ich nur paranoid war.
Leider beschränkte dieser Entschluss meine Zeit zum Lesen. Aber so war es nun mal.
Ich stellte auf meinem Handy einen Timer auf fünf Minuten, trat ins Bad und schloss hinter mir die Tür. Zum ersten Mal war ich froh, im Bad kein Fenster zu haben.
Adrenalin pumpte in Hülle und Fülle durch meinen Körper, ließ meine Hände zittern und machte mir den Magen ganz flau. Eilig stieg ich auf den Klodeckel und öffnete die Metallklappe in der Wand etwas umständlich, da mir die Schiene an der Hand im Weg war. Mit einiger Mühe zog ich das blaue Notizbuch hervor. Der Umschlag war mit Stoff bezogen und fühlte sich vertraut zwischen den Fingern an.
Fast hatte ich erwartet, dass es nicht mehr dort war und ich es mir doch nur eingebildet hatte. Aber so war es nicht.
Ich zögerte, auch wenn ich eigentlich keine Zeit dafür hatte, setzte mich dann aber und schlug die erste Seite auf.
Meine Schrift, ein Auszug in diese Wohnung am Anfang meiner Ausbildung, Vorfreude auf den Unterricht.
Ich überblätterte ein paar Seiten, bis mir Oliver Grands Name ins Auge sprang.
Habe spontan seine Alibifreundin gespielt. War superlustig. Ich hoffe wir werden Freunde.
Ein Lächeln huschte über meine Lippen und erstarb sofort, als mir aufging, dass dies der Beweis war, den ich mir erhofft hatte. Dieses Buch war echt und ich hatte alles, was darin stand, vergessen.
Mein Herz raste. Der Puls rauschte mir in den Ohren.
Am liebsten hätte ich das Buch in eine Ecke gepfeffert und mich in meinem Bett verkrochen. So getan, als würde das alles nicht passieren.
Es wäre sicher leicht, es zu ignorieren. Schließlich wollte man ja wohl auch, dass dieses halbe Jahr für mich vergessen blieb. Möglicherweise diente das alles sogar nur meiner Gesundheit.
Ich schüttelte den Kopf und blätterte im Buch weiter.
Erinnerungen zu löschen war eine illegale Handlung, das konnte nicht meiner Gesundheit dienen. Und wenn man sich ansah, wie es meiner Mutter ging, hatte ich gar keine andere Wahl, als die Wahrheit herauszufinden. Wenn ich alles erfuhr, fand ich vielleicht auch eine Möglichkeit, ihr zu helfen.
Und noch ein Gedanke kam mir. Wenn Oliver von unserer ersten Begegnung noch wusste, bedeutete das, dass seine Erinnerung nicht ganz gelöscht wurde. Womöglich nur teilweise. So fünf Minuten hier und da fielen sicher nicht auf und trugen bestimmt auch nicht so krasse Schäden mit sich, wie meine Mutter sie hatte. Oder ich, ab und zu.
Die Seiten ließen sich an einer Stelle von allein aufschlagen, weil eine hellgrüne Serviette dazwischenlag. In der unteren Ecke stand in orangenen Lettern ShakeBar. Der Eintrag dazu war auch sehr aufschlussreich.
Vika hat grad wenig Zeit für mich. Ihr neuer Kurator ist ein Arbeitstier. Bin allein durch die Straßen gezogen und hab in einer Gasse eine Milchshakebar gefunden. Der Besitzer Kent ist meganett. Ich kann nicht verstehen, warum er nicht zur Gedankenauslese geht.
Das erklärte natürlich, wieso Kent sich mir gegenüber so seltsam verhalten hatte. Ich war schon dort gewesen. Er kannte mich.
Wenn man es also genau nahm, war ich diejenige gewesen, die sich seltsam benommen hatte.
Aber wenn auch Vika nichts mehr wusste und meine Eltern nichts mehr wussten, wieso wusste Kent es dann?
Lag es daran, dass er nicht zur Gedankenauslese ging? Bedeutete das dann, dass es Biolog Medical war, die die Gedanken gelöscht hatten? Oder zog ich nur voreilige Schlüsse?
Schließlich konnte auch Oliver sich an Dinge erinnern, die ich vergessen hatte. Und der ging, soweit ich wusste, zur Auslese.
Definitiv würde ich Kent danach fragen müssen. Vielleicht wusste er ja sogar noch mehr.
Ich ließ die Serviette zwischen den Seiten und blätterte weiter nach hinten, hoffte darauf, den Grund zu finden, wieso das alles passiert war. Nur wegen eines Unfalls löschte man doch kein komplettes halbes Jahr.
Ich überflog ein paar unwichtig scheinende Passagen, in denen ich bekannte wie unbekannte Namen las. Karlson, dem ich geholfen hatte, einen Test zu bestehen. Abigail, die mir ein Buch lieh. Oder Tom, der mich zum Frühstück einlud. Die drei sagten mir nichts.
Nirgendwo fand ich Ezra. Dafür aber, mehr zufällig, eine Stelle, an der Seiten fehlten. Unsauber standen die Reste hervor und auf der nächsten vorhandenen Seite klebte ein Haftnotizzettel.
Zu unserer eigenen Sicherheit. Falls sie es finden, dürfen sie nicht alles erfahren!
Meine Schrift sah hingeschmiert aus, so als ob meine Handkante beim Schreiben die Stiftfarbe verwischt hatte.
Wer waren ›sie‹?
Das Geräusch von reißendem Papier klang in meinen Ohren, eine warme Stimme trieb mich zur Eile und der Schweiß rann mir den Rücken hinunter.
Ich blinzelte und die Erinnerung verschwand im Nebel meines Kopfes. Allein und mit nackten kalten Beinen saß ich auf dem Klodeckel und hörte nichts als meinen eigenen Herzschlag.
Der Timer an meinem Handy begann zu piepen und ich zuckte heftig zusammen, sodass mir ein Schmerz durchs Handgelenk sauste. Ohne zu zögern schlug ich das Buch zu, erhob mich und schob es zurück in sein Versteck. Selbst wenn es mich in den Fingern juckte weiterzulesen. Doch ich ließ mir keine Wahl, selbst wenn das, was ich gelesen hatte, mir eher unwichtig vorkam.
Ich setzte das Cuttermesser an meinem rechten Ringfinger an und holte mich durch den Schmerz aus meinen Gedanken ins Hier und Jetzt.
Fluchend suchte ich in meinem Badschrank nach dem Wundspray. Angestrengt versuchte mich schon mal auf etwas anderes zu konzentrieren als auf das, was ich gelesen hatte, um meine Taten nicht unnütz zu machen.
Zum Glück würde Vika bald heimkommen und das bedeutete grandiose Ablenkung in Bestqualität. Vielleicht war es sogar eine gute Idee, die Wohnung zu verlassen und mich mit anderem zu umgeben. Dafür benötigte ich nur eine Hose.
Wenn ich eine fand.
Genervt stand ich vor den Kisten mit meinen Klamotten, öffnete meinen Kleiderschrank und sortierte alles in die Fächer. Ich konnte es ja nicht ewig vor mir herschieben.
Während ich Tops und Pullover umständlich mit der geschienten Hand herausholte, dachte ich über Handball nach und dass es mindestens acht Wochen her war, dass ich das letzte Mal einen Ball gefangen hatte.
In meiner Schulzeit hatte ich damit angefangen und war dann ins Team der Biolog-Auszubildenden gewechselt. Doch jetzt hing ich in der Schwebe, was sportliche Aktivitäten betraf. Handball hatte mir immer Spaß gemacht, aber manchmal war es auch an der Zeit, etwas Neues auszuprobieren. Laufen vielleicht oder Tanzen.
Was mich direkt zu Oliver Grand brachte. Mal sehen, wann er sich bei mir meldete, um mich zum Tanzen auszuführen. Ich rechnete nicht in den nächsten Wochen damit. Dafür war der Kerl viel zu unbeständig.
Das änderte nichts daran, dass er nicht auch ein guter Freund sein konnte. Er war nun mal, wie er war und das gefiel mir an ihm eigentlich ganz gut.
Als ich meine schickere Jogginghose fand, ließ ich die Kartons einfach stehen und schlüpfte hinein. Ich brauchte mehr als einen Anlauf, meinen BH mit einer Hand zu öffnen. Denn obwohl ich Linkshänder war, machte ich das für gewöhnlich mit rechts. Etwas umständlich tauschte ich Bluse und BH gegen einen roséfarbenen Bralette, ein dunkelgrünes Top und eine braune Strickjacke, unter deren langen Ärmeln sich die Schiene super verstecken ließ.
Joris’ Pullover ließ ich auf dem Bett liegen. Ich würde ihn waschen und ihm zurückbringen. Am besten, ich kaufte ihm noch etwas Süßes als Dank.
Bevor ich mich aufmachte, griff ich noch einmal in die Bauchtasche des Pullovers und zog den Origamivogel hervor. Zum Glück ließen sich die Dinger so einfach wieder zusammenfalten, sonst hätte ich das mit der lädierten Hand sicher nicht geschafft.
Hoffnung.
Ich atmete tief durch und fragte mich nicht zum ersten Mal, wer mir diese Vögel zukommen ließ.
Vorher war es eher unpersönlich gewesen. Das anonyme Päckchen, dann der Vogel aus dem Badezimmer, der schon lange existierte.
Aber dieser hier war mir zugesteckt worden. Eine Person war heute zu mir gekommen und ich hätte denjenigen sehen können, wenn ich darauf geachtet hätte. Es handelte sich um jemanden, der mir Hoffnung schenken wollte, ohne mich direkt anzusprechen. Aber wieso diese Heimlichtuerei?
Warum musste gerade alles so kompliziert sein?
Ich ließ den Vogel auf der Küchentheke liegen, direkt neben dem, der aus dem Buch gefallen war. Ein alter und ein neuer Vogel. Möglicherweise von der gleichen Person. Einer Person aus meiner Vergangenheit.
Ezra kam mir in den Sinn und ich verwarf den Gedanken gleich wieder. Er konnte sich schließlich selbst an nichts erinnern, wie sollte er mir also Vögel zukommen lassen. Es musste noch jemand anderen geben.
Das Mädchen aus meinem Traum beispielsweise.
Ich schnappte mir meinen Schlüssel und verließ die Wohnung.
Mein Ziel war nur ein paar Türen weiter und ich war so froh, dass Vika mir ihren Schlüssel gegeben hatte.
Ihre Zimmer waren ein Wirrwarr aus Mustern und Farben und ich liebte die gemütliche, ungezwungene Atmosphäre, die hier herrschte. Auch wenn es immer ein bisschen zu sehr nach Lavendelduftkerze roch. Diese Wohnung strahlte eine so angenehme Normalität aus, dass ich wohlig seufzte und mich gleich ein wenig leichter fühlte. Hier war alles wie immer und das gab mir ein Stück meiner Selbstsicherheit zurück.
Ich begrüßte Sir Francis Drake in seinem Käfig, der mich mit seinen winzigen schwarzen Knopfaugen anstarrte. Im Kühlschrank fand ich Mate-Limonade für mich und ein Stück Karotte für Sir Drake, die er sich in Windeseile in seine Backentaschen stopfte.
Ich hatte die Flasche zur Hälfte geleert, da hörte ich den Schlüssel in der Tür. Erschöpft kam Vika in die Wohnung getorkelt und wunderte sich kein bisschen, dass ich hier auf sie wartete. Obwohl sie abgekämpft aussah, hatte sie immer noch unglaublich viel Style. Sie trug eine weiße Bluse und einen weinroten Bleistiftrock wie in den 1940ern, was bei ihrer Körpergröße einfach klasse aussah. Genervt kickte sie sich die Pumps von den Füßen.
Eilig ging ich zu ihr, nahm ihr Tasche und Jacke ab und drückte ihr die halbe Mate in die Hand, während ich sie zum Sofa schob. Die Schiene ließ ich unter dem Ärmel meiner Strickjacke verschwinden, damit ich ihr nicht gleich sagen musste, was passiert war. Sie würde es schon früh genug bemerken.
»Mein Tag war furchtbar«, jammerte sie und sah mich dann mit erschrockenem Gesicht an. »O nein. Aber deiner war sicher noch schlimmer.«
Ich legte alles auf dem Küchentresen und ließ mich anschließend neben ihr in die Kissen sinken. »Kann sein. Aber ich mag jetzt gar nicht drüber reden.«
Vika nickte und trank einen Schluck aus der Flasche. »Mein Kurator ist aus dem Urlaub wieder da und hat sich vorgenommen, die ganze Ausstellung komplett umzubauen. Der hat uns mit total irrsinnigen Ideen vollgetextet und eine Rede über fehlende Arbeitsmoral und Liebe zur Geschichte gehalten. Der hat doch ein Rad ab«, schnaubte sie und ich genoss es, ihrer Schimpftirade zu lauschen. »Als ob ich mit der Restauration des Trabis und meiner Forschungsarbeit nicht genug zu tun hätte. Und die blöde Schranze aus dem Bürgerbüro hat zwischendurch geschrieben, dass sie leider keine Unterlagen zu meinen Zeitzeugen finden kann. Ich wette, die hat gar nicht gesucht.«
Verständnisvoll tätschelte ich ihren Arm. Vika studierte Geschichte, hatte aber gerade ein Praxissemester im Museum des 20. Jahrhunderts. Genau das, was sie später mal arbeiten wollte. Für sie ein Glücksfall, wenn dieser seltsame Kurator nicht wäre.
»Echt mal, sobald ich meinen Abschluss habe, schicken wir den Knilch in Frührente und ich klaue ihm die Stelle«, wetterte Vika noch weiter und wechselte dann ganz unerwartet das Thema. »Wollen wir nicht noch irgendwohin und was unternehmen? Ich brauch Vitamine!«, rief sie überdramatisch und ich musste lachen.
Eigentlich fühlte ich mich total erschlagen und wollte nichts anderes, als zwischen all den Kissen wieder einzuschlafen. Doch wenn man es genau nahm, hatte ich heute kaum etwas gegessen und jetzt noch zu kochen war ich nicht mehr in der Lage.
Ausgehen war also eine gute Idee. Und ich hatte auch schon einen Einfall, wohin wir gehen konnten.
»ShakeBar?«, fragte ich Vika und sie bekam sofort ein Strahlen in den Augen.
»Das ist eine super Idee!« Begeistert sprang sie vom Sofa auf und zog mich mit sich auf die Beine.
»Ich zieh mich aber nicht um«, kündigte ich an und Vika tänzelte ins Schlafzimmer.
»Aber ich.« Sie schälte sich sehr unelegant aus dem Rock und der Bluse und zog eine dunkelblaue Leggins aus dem Haufen an Kleidungsstücken, die neben ihrem Bett lagen. Sie nannte es liebevoll ihr Klamottengebirge, weil es schon zu groß für einen einfachen Berg war.
»Jetzt sind wird die Jogginghosen-Connection«, witzelte Vika, als sie in ihre Turnschuhe schlüpfte und Geldbeutel und Schlüssel in einen Baumwollrucksack fallen ließ.
Ich ging meine Sachen holen und blieb einen Moment zu lang in der Tür stehen, weil mein Blick auf den Origamivögeln am Tresen haftete.
Natürlich hatte ich die ShakeBar nicht nur wegen des Ambientes vorgeschlagen, sondern vor allem, um Kent zu treffen. Er war möglicherweise ein Bindeglied zu meiner vergessenen Vergangenheit. Er hatte mich erkannt, gewusst, dass ich Kaffee liebte, und behauptet, ich würde schon wissen, woher die Vögel kamen. Vielleicht kannte er den Absender und würde mir da weiterhelfen können.
Ich hatte ein schlechtes Gewissen, mich einem beinahe Fremden anvertrauen zu wollen, aber nicht einmal meiner besten Freundin zu sagen, was gerade bei mir los war. Aber wenn er tatsächlich nicht zur Gedankenauslese ging, war es sicherer.
Früher hatte ich Vika für ihre Meinung über die Gedankenauslese belächelt, mir nichts dabei gedacht und es nur für eine lästige, aber nützliche Sache gehalten. Doch im Moment machte ich mir ziemlich viele Sorgen um meine Gedanken. Nichts, was mir durch den Kopf ging, würde verborgen bleiben, wenn ich es nicht durch ein Schmerztrauma unkenntlich machte. Alles wäre abrufbar. Und ich fühlte mich dadurch jetzt ganz und gar nicht mehr sicher.
Mir kam dieses alte Volkslied in den Sinn, das meine Mutter mir als Kind zum Einschlafen manchmal vorgesungen hatte. Es handelte darüber, dass Gedanken frei waren, da niemand dazu in der Lage war, sie zu wissen, zu fangen oder zu erschießen. Dass, egal was uns genommen wurde, das Geheimnis um unsere Gedanken bleiben würde.
Doch meine Gedanken waren gefangen und erschossen worden.
Ich hoffte, dass das nur bei mir der Fall war. Was, wenn es bei all dem gar nicht um mich ging, sondern um meine Mutter, die es bisher offensichtlich am schlimmsten erwischt hatte? Oder um Vika oder meinen Vater? Oder um Ezra?
Was, wenn ich nur ein Kollateralschaden war?
Denn was sollte ich schon getan oder gesehen haben, was jemanden dazu veranlasste, meine Gedanken zu löschen?
Wäre das hier ein Film, würde es irgendwo da draußen eine böse Mafia geben, die ich dabei erwischt hatte, wie sie jemanden abmurksten. Und daraufhin hatten sie mir die Erinnerungen gelöscht.
Doch in so einem Film hätten sie mich sicher nicht wieder nach Hause in mein Elternhaus gebracht, meinen Umzug vertuscht und die Gedanken all meiner Familienmitglieder und Freunde angepasst.
Es war alles so gruselig seltsam, dass ich eine Gänsehaut bekam, wenn ich daran dachte. Dabei sollte ich doch eigentlich nicht so viel darüber nachdenken. Ach Scheiße.
Es war schwerer als gedacht, mit der Schiene an der Hand in meine Turnschuhe reinzukommen, und ich mühte mich minutenlang mit den blöden Schnürsenkeln ab.
Ich ging zurück zu Vika, die an der Wand lehnte und mit einem verträumen Ausdruck in den Augen die Tür neben meiner anstarrte.
Dani wohnte hier.
»Ah ja, Dani. Habt ihr gestern Abend Spaß gehabt? Ich bin so schnell eingeschlafen«, sprach ich sie an und Vika grinste, doch nicht so gelöst wie sonst.
»Du warst echt innerhalb von Sekunden weg. Ich habe dich noch nie so schnell einschlafen sehen«, meinte sie und bewegte sich nicht von der Stelle, obwohl ich einen Schritt in Richtung Aufzug machte.
»Ich war auch richtig fertig.« Ich blickte zu Vika und dann zu Danis Tür. Ah, jetzt ging es mir auf.
Ohne lange nachzudenken, streckte ich die linke Hand aus und klopfte an Danis Tür.
»Was machst du denn da?«, rief Vika erschrocken aus und griff nach meiner Rechten. Ein Schmerz zuckte durch mein Handgelenk und ich schnappte erschrocken nach Luft.
»Autsch«, machte ich und Vika ließ sofort wieder los.
»Was ist das?«
Ich seufzte und schob den Ärmel nach oben, damit sie die Schiene sehen konnte. »Ich bin im Krankenhaus hingefallen und hab mir das Handgelenk angebrochen«, gestand ich und Vika riss die Augen auf.
»Das ist jetzt nicht dein Ernst. Oh Mann, Gemma. So was musst du mir doch erzählen!«, schimpfte sie los, da öffnete sich Danis Wohnungstür und sie erstarrte förmlich zu einer Statue.
»Hey, Dani. Hast du Lust, mit uns in die ShakeBar zu gehen, um den Tag ausklingen zu lassen?«, fragte ich sie ganz direkt und sah auf sie herab.
Ihre sonst so gestriegelte Kurzhaarfrisur war völlig zerzaust, das Gesicht und die Hände mit farbigem Puder beschmutzt, das sich auch weiter auf ihrer dunkelgrünen Schürze fortsetzte.
»Ähm, klar«, sagte sie und sah vorsichtig an mir vorbei zu Vika, die ihr ein unsicheres Lächeln schenkte.
Okay, zwischen den beiden war eindeutig etwas vorgefallen. Was genau, wusste ich jedoch noch nicht. Aber es war eine wunderbare Ablenkung für den Moment.
»Ich müsste mir nur kurz die Pastellkreide abwaschen«, kündigte sie an und ich zuckte mit den Schultern.
»Wir wollten dich aber auf keinen Fall beim Arbeiten stören«, warf Vika plötzlich ein und ich dachte, mich verhört zu haben. Woher kam denn bitte diese übertriebene Rücksichtsnahme? Wäre das ich, würde sie mich aus der Wohnung treiben wie ein verrückter Tsunami.
»Nein. Wenn ich jetzt noch weitermache, wird es nur schlimmer und nicht besser. Ich brauche die Pause. Ihr kommt genau richtig«, beschwichtigte Dani und ließ die Tür offen stehen, als sie durch den Wohnbereich lief und ins Schlafzimmer verschwand. Wahrscheinlich ums ins Bad zu gelangen.
»Was ist gestern passiert, während ich selig geschlafen habe?«, wollte ich leise wissen und legte einen gewissen Nachdruck in meine Stimme, damit Vika wusste, dass ich ganz genau merkte, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zuging.
»Ach, weißt du, vielleicht war es ein Missverständnis«, wich sie mir aus und sah mir nicht in die Augen. »Aber vielleicht auch nicht. Wir haben nicht drüber geredet und dann ist sie heimgegangen und jetzt steht das so zwischen uns und ich habe keine Ahnung, was ich sagen soll, solange sie nichts sagt, und das macht alles irgendwie kompliziert.«
Ich schüttelte den Kopf und versuchte herauszufinden, was Vika mir mit ihrem Redeschwall hatte sagen wollen.
Doch bevor ich sie fragen konnte, hörten wir das Klacken der Badezimmertür und Dani kam zurück zu uns, Hände und Gesicht sauber, die Haare gekämmt.
»Bin so weit.« Sie schlüpfte in ein Paar Halbschuhe und schnappte sich ihre Tasche vom Haken. Sie war viel zu chic zwischen uns beiden, mit dem braunen Faltenrock und der ockerfarbenen Bluse. Aber ich ließ es einfach unkommentiert und zog die beiden mit zum Aufzug.
Niemand sagte etwas, als wir nach unten fuhren. Was war da nur passiert, dass es Vika die lockere Art raubte? Sehr seltsam.
Wir spazierten im Sonnenschein des Nachmittags in Richtung Einkaufspassage von Mauersend. Obwohl ich versuchte ruhig zu bleiben und meine Gedanken im Hier und Jetzt zu behalten, konnte ich es nicht lassen, mich immer wieder verstohlen umzusehen.
Eine Frau folgte uns eine Weile, was mein Herz in Panik zum Rasen brachte. Doch dann stieg sie in ein Auto am Straßenrand und fuhr in anderer Richtung davon.
Dass Vika und Dani kaum etwas sagten, machte es auch nicht gerade besser.
»Ihr scheint müde zu sein«, brach Dani irgendwann die Stille, als wir den kleinen Bach überquerten, von dem ich nie wusste, wie genau er hieß. Aber mit Flussbezeichnungen war ich eh schlecht. Ein Grund, warum ich es kategorisch ablehnte, Stadt-Land-Fluss zu spielen.
»Wir hatten beide einen schlimmen Tag. Vikas blöder Chef ist aus dem Urlaub zurück und ich war den ganzen Tag unterwegs«, gab ich Dani ein kurzes Update und wollte eine Geste mit den Händen zu machen. Doch die Schiene ließ es nicht zu, sodass ich die Hände wieder sinken ließ. »Und ich habe mir die Hand angebrochen«, fügte ich also hinzu und Danis Augen wurden so rund wie ihre Brillengläser.
»O nein, wie schlimm«, hauchte sie. »Wie ist das passiert?«
Ich dachte daran zurück, wie ich durch den Vordereingang des Krankenhauses gestolpert war, erinnerte mich an den Schrei in meinem Kopf und den durchdringenden Geruch von Desinfektionsmitteln. Es war mir verrückt erschienen, aber jetzt fragte ich mich, ob es die Nachwirkungen eines vergessenen Unfalls waren.
»Ich bin blöd gestolpert und auf die Hand gefallen«, sagte ich und Vika legte mir unterstützend einen Arm um die Taille, was mir das Gefühl gab, verstanden zu werden. »Zum Glück hat Oliver mich gezwungen, das röntgen zu lassen, sonst hätte ich wahrscheinlich versucht, es zu ignorieren.«
Vika neben mir richtete sich plötzlich kerzengerade auf und schüttelte ihre dunkle Lockenmähne. »Moment, Oliver Grand war bei dir? Erzähl mir mehr«, forderte sie und das schiefe Grinsen auf ihren Lippen war neckender, als mir lieb war. Aber wenigstens hatte ich sie damit aus ihrer seltsamen Starre gerissen.
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