Kitabı oku: «KHAOS»
Khaos
Touching Soul
Lin Rina
Copyright © 2018 by

Astrid Behrendt
Rheinstraße 60
51371 Leverkusen
http: www.drachenmond.de
E-Mail: info@drachenmond.de
Lektorat: Stephan R. Bellem
Korrektorat: Michaela Retetzki
Layout: Michelle N. Weber
Illustrationen: Lin Rina
Umschlagdesign: Marie Graßhoff
Bildmaterial: Shutterstock
ISBN 978-3-95991-420-8
Alle Rechte vorbehalten
Having a soft heart
in a cruel world
is courage,
not weakness.
Katherine Henson
Inhalt
1. Seelen
2. Keine Liebe
3. Blut
4. 40 ml
5. Ideenreichtum
6. Gefühle
7. Erwachen
8. Pläne
9. Täuschungen
10. Herzschlag
11. Neunzehn Kapseln
12. In der Falle
13. Das Spiel beginnt
14. Machtverhältnisse
15. Müdigkeit
16. Einschätzungen
17. Übernahme
18. Ängste
19. Lesen und Schreiben
20. Durchsetzungsvermögen
21. Entblößt
22. Veränderung
23. Nähe
24. Gespräche
25. Gedanken
26. Einsicht
27. Konsequenz
28. Nefrot
29. Erpressung
30. Freundlichkeit
31. Schwarzes Wasser
32. Funken
33. Beben
34. Sender
35. Endgültig
36. Morpheus
37. Fehlende Teile
38. Unendlichkeit
39. Verletzte Seele
40. Exit
Danke
Bücher von Lin Rina
1

Seelen
Gerade hatte ich mich in meinen Schlafplatz verkrochen, als ich es plötzlich wie ein dumpfes Pochen in meinem Hinterkopf spürte. Nur dass mir diesmal keine Kopfschmerzen bevorstanden, sondern Schmerzen ganz anderer Art.
In Windeseile schnappte ich mir meine Tasche und kletterte aus dem winzigen Loch in der halb zerfallenen Wand, durch das immer nur ich gepasst und das mir schon so oft Schutz geboten hatte.
Der kleine Hohlraum im Schutt, der eigentlich nur der Überrest eines zerfallenen Nebenzimmers war, stellte so etwas wie meinen Wohnort dar, mein Zimmerchen, mein Bett.
Meine Zuflucht.
Hier drin hatten sie mich nicht erreichen können, weder mit ihren großen, starken Armen noch mit ihren Waffen. Hier drin versteckte ich mich und schlief, ohne die Angst, bestohlen oder gepackt zu werden.
Doch heute war der Tag gekommen, an dem dieses Loch nicht mehr ausreichte.
Der Grund dafür war Krung, eine Abart von einem Schakalianer, eine humanoide Spezies vom Rande der bekannten Welten. Sagte man mir zumindest. Er war groß und protzig, ungehobelt und bösartig. Und zu meinem Glück viel zu dumm für seine Rasse.
Ich eilte durch den großen Raum der Krankenstation, die meinen Arbeitsbereich darstellte, und horchte einen winzigen Moment in mich hinein, um festzustellen, wie viel Zeit ich noch hatte und ob ich noch mehr einpacken konnte.
Doch Krungs Wut, die wie Nadeln in meinen Hinterkopf stach, brodelte wie ein Vulkan und näherte sich mir mit riesigen Schritten.
Keine Zeit!
Ich zog mir den Träger meiner Tasche über den Kopf und rannte zur Tür. Ich musste raus und den Gang hinunter, bevor Krung am anderen Ende um die Ecke fegte.
Ich hatte keine Ahnung, was ihn jetzt wieder so in Rage versetzt hatte. Aber eigentlich war es egal, denn den größten Frust hatte er sowieso meinetwegen und so würde er seinen Ärger auch an mir auslassen wollen.
Ich war auch selbst schuld, hätte besser aufpassen müssen.
Dabei tat ich schon alles dafür, den Schein zu wahren. Ich trug meine Locken kurz und zottelig, zog mir extra weite Sachen an und bemühte mich um eine burschikose Haltung. Alles, damit man mich immer noch als Kind sah und nicht als Frau.
Leider hatte ich mich in den letzten vier Jahren unweigerlich verändert, dabei war ich noch ziemlich spät dran. Meine schmale, schlaksige Gestalt hatte sich gewandelt, war kurviger geworden, und auch mein Gesicht wurde von Tag zu Tag erwachsener, jedes Mal, wenn ich in einen Spiegel blickte.
Ich hatte Angst davor. Ich wusste, wie Frauen behandelt wurden. Das hier war ein Gefängnisplanet.
Obwohl alle Offiziellen bereits niedergemetzelt worden waren und der Rest der vereinigten Systeme uns wahrscheinlich vergessen hatte, waren wir hier ohne ein Raumschiff immer noch gefangen.
Und die aktuelle Bevölkerung dieses Planeten bestand ausschließlich aus Schwerverbrechern und ihrer verderbten Nachkommenschaft.
Frauen waren spärliches Gut und man konnte sich vorstellen, was mit einem passierte, wenn man mit einem Haufen einsamer, unmoralischer und gewaltbereiter Männer zusammenlebte, unter denen nur das Gesetz des Stärkeren regierte.
Ich atmete schwer, als ich durch die Tür hechtete und auf schlitternden Sohlen am Ende des Flures um die Ecke rannte.
Zu meinem Glück waren mir derartige Übergriffe bisher erspart geblieben, und ich hatte so etwas auch noch nicht mit ansehen müssen.
Doch ganz konnte ich meine Gedanken nie davon lösen, da ich selbst das Produkt einer dieser abstoßenden Handlungsweise war.
Meine Mutter hatte es mich allerdings nie spüren lassen. Sie war liebevoll und geduldig gewesen und hatte mir immer wieder gesagt, dass ich das Einzige wäre, das ihr Leben lebenswert gemacht hatte.
Sie hatte mich viel zu schnell verlassen.
Ich packte die Leiter an den Seiten und rutschte daran hinunter. Die Sprossen einzeln zu nehmen, hätte zu viel Zeit gekostet.
Eilig rannte ich weiter nach unten, immer die abschüssigen Wege entlang, und kam nach einer schieren Unendlichkeit an dem Spalt an, durch den ich mich in den unteren Teil der zerfallenen Station zwängte.
Mein Herz raste, meine Lunge brannte entsetzlich und mir schmerzte jeder einzelne Muskel so sehr, dass ich fürchtete zusammenzubrechen.
Ich krabbelte durch das Geröll, spürte, wie sich die scharfen Kanten in meine Handflächen drückten, rutschte mit der Hand weg und fiel das letzte Stück in den sich dahinter befindenen Gang.
Sicherheit. Zitternd blieb ich liegen und schloss für einen Moment die Augen.
Krung hatte mich in den Waschräumen gesehen.
Für gewöhnlich duschte ich nur nachts, wenn alle schliefen und die abgestellte Patrouille draußen unterwegs war, um nach verfeindeten Clanmitgliedern Ausschau zu halten. Dann, wenn mich niemand dabei beobachten konnte, wie ich meine Kleider ablegte, den Quetschverband von meinen Brüsten wickelte und den erdwarmen Wasserstrahl auf meiner Haut genoss.
Doch an jenem Tag hatte ich operiert. Alex war auf Patrouille von einer Veko-Spinne angegriffen worden und sein Bein hatte so stark geblutet, dass er mir beinahe weggestorben wäre. Ich war von oben bis unten mit dem Blut eines anderen beschmiert gewesen. Meine Haare hatten mir verkrustet vom Kopf abgestanden und in jeder Hautfalte hatte es begonnen zu jucken. Die Vorsicht war mir egal gewesen, da der Ekel alles überschattet hatte.
Jetzt bereute ich es. Denn Krung hatte mich gesehen, wie ich war. Eine Frau, alt genug für alle seine widerwärtigen Fantasien. Und jetzt wollte er mich haben!
Bisher hatte ich mich immer gut herausgewunden. Er hatte seine Entdeckung über mich natürlich nicht öffentlich gemacht. Wer teilte schon gerne? Und so sorgte ich immer dafür, dass einer oder mehrere anwesend waren, wenn ich Krung begegnen musste. Doch das letzte Mal, als sein Frust zu groß geworden war, hatte er die Verriegelung an der Tür meiner Krankenstation zerschlagen und ich war nur um Haaresbreite in mein Loch entkommen. Er hatte getobt, hatte mich auf seiner und meiner Sprache beschimpft, mir gedroht, mich auszuräuchern, wenn ich mich das nächste Mal wieder so vor ihm verstecken sollte. Er würde mich kriegen, hatte er geschrien und dass ich auch nur ein Stück Fleisch war, das sich nicht einbilden sollte, etwas Besonderes zu sein.
Aber damit hatte er nur zur Hälfte recht, denn ich war etwas Besonderes. In mehrerer Hinsicht.
Mit zitternden Fingern tastete ich in meiner Tasche, bis ich das metallene Kästchen zu fassen bekam und es erleichtert herauszog. Ich öffnete es und entnahm ihm drei kleine gräuliche Tabletten, die ich zwischen die Lippen schob und ohne Wasser schluckte.
Jetzt musste ich nur noch warten und hoffen, dass meine Krankheit mich nicht dahinraffte, bevor die Tabletten zu wirken begannen.
Ich durfte gar nicht rennen. Ich durfte nicht springen, nicht hetzen und am besten regte ich mich auch nicht auf. Jede Art von Stress konnte mich umbringen, und es kam einem Wunder gleich, dass das noch nicht passiert war. Nur ein Muskelkrampf, eine Spur zu viel Adrenalin in meinem Blut und mir würde das Herz versagen, die Lunge würde kollabieren und schlussendlich würde mein Körper alle Funktionen einstellen.
Aber ich lebte schon eine ganze Weile damit und auch wenn die ständigen Muskelschmerzen mir das Leben nicht gerade einfacher machten, half mir meine Position als Laienärztin dabei, leicht an Tabletten ranzukommen, die mich zumindest vor dem Schlimmsten bewahrten.
Meine Mutter war Ärztin gewesen, eine studierte. Zumindest bevor sie einen Mann erstochen und dann zu einer lebenslangen Haft verurteilt worden war. Sie hatte mir schon früh beigebracht, was ich wissen musste, um für meinen Clan wertvoll genug zu sein, damit sie mich nicht kochten und auffraßen.
Nach dem Tod meiner Mutter hatte ich ihren Platz am Behandlungstisch eingenommen und schlug mich bisher ganz gut. Mein Drang nach Wissen hatte mir vieles einfacher gemacht.
Doch den größten Vorteil hatte mir immer meine Gabe verschafft.
Außer meiner Mutter hatte ich nie jemandem davon erzählt. Und die hatte sich auch nicht wirklich erklären können, wie so etwas überhaupt möglich war.
»Vielleicht liegt es an deinem Vater«, hatte sie einmal gesagt, auch wenn es ein sehr schwammiges Argument war. Sie hatte keine Ahnung gehabt, wer mein Vater gewesen war.
Wir hatten die Gabe in Seelen lesen genannt. Anders konnte man es kaum beschreiben. Es war wie ein weiterer Sinn. Sehen mit dem Geist. Wenn ich die Augen schloss und mich konzentrierte, dann spürte ich all die Seelen, die sich im Umkreis befanden. Je mehr Anstrengung ich hineinsteckte, desto weiter konnte ich sehen.
Alle fühlenden Wesen waren für mich sichtbar und jedes war so einzigartig wie das Gesicht, das dazugehörte. Wenn ich die Personen kannte, dann wusste ich auch anhand der Seelen, wer sie waren. Und umso mehr ich mich mit ihnen auseinandersetzte, desto tiefer konnte ich blicken. Wohlbefinden, Wallungen, Gefühle, selten sogar Gedankenfetzen und aufblitzende Bilder.
Im Laufe der Jahre war ich gut darin geworden, die Empfindungen anderer zu deuten und auf die dazugehörigen Gedanken zu schließen, zu ahnen, wie die daraus folgenden Handlungen aussehen würden. Das sicherte mir das Überleben.
Langsam begann der Wirkstoff in den Tabletten seine Pflicht zu erfüllen und das Atmen fiel mir leichter. Erschöpft holte ich tiefer Luft, genoss den Sauerstoff in der Lunge und setzte mich nach ein paar Minuten sogar auf.
Ich kauerte in einem Gang, der am einen Ende verschüttet war und nur einen schmalen Spalt auf die andere Seite freigab. Als Kind hatte ich dort spielend hindurchgepasst, doch mittlerweile musste ich aufpassen, nicht mit den Hüften stecken zu bleiben. Soweit ich wusste, war ich die Einzige, die sich hier durchzwängen konnte, um an den verlassenen Teil dahinter zu gelangen.
Dies war einmal der eigentliche Teil des Gefängnisses gewesen. Nicht weit von hier befand sich ein Tor, das auf den Ring hinausführte, an dem entlang sich die Zellen befanden. Von einem hüfthohen Geländer aus überblickte man einen runden Platz. Vor langer Zeit hatten dort Tische und Bänke gestanden, an denen sich die Insassen treffen konnten, um zu essen, Karten zu spielen und sich gegenseitig zu massakrieren.
Jetzt war hier nur noch ein großer See, der durch ein Leck im Wasseraufbereitungstank gefüllt wurde. Das Wasser, das immer wieder wie leichter Regen von der Decke rieselte, tropfte in den See, wühlte die Oberfläche auf und versickerte weiter unten in kleinen Rissen im Boden.
Als Kind war ich hier oft schwimmen gewesen.
Eine Menge Kreaturen tummelten sich in dem schwarzen Wasser und ich konnte ihre Seelen unter mir spüren, wie sie in stetigen, ruhigen Bewegungen ihr Leben fristeten.
Wenn ich meinen Sinn ausweitete und die unterm Sand verborgenen Sümpfe streifte, fand ich dort ähnliche Seelen.
Allerdings hatte ich keine Ahnung, wie sie hier reingekommen waren. Doch sie waren da, und obwohl ich wusste, dass sie gefährlich sein mussten, ließen sie mich in Ruhe.
Das taten eigentlich alle Tiere. Selbst die biestigen Veko-Spinnen, die draußen in ihren Löchern im Wüstensand hausten und nur darauf warteten, einem ihre messerscharfen Fangzähne ins Fleisch zu rammen.
Möglicherweise lag es an meiner Gabe. Sicher war ich mir aber nicht.
Ich rappelte mich auf und ließ meinen Geist hinauf in die oberen Stockwerke steigen, dort wo Krung gerade tobte und meine halbe Krankenstation verwüstete. Sein Zorn hatte einen noch höheren Level erreicht, und ich war furchtbar erleichtert, jetzt nicht in der Nähe zu sein.
Andere eilten gerade zu ihm, packten ihn und zogen ihn aus dem Raum. Es waren Alex und Cobal. Sie würden ihn schon wieder zur Vernunft bringen. Für dieses Mal zumindest.
Ich ließ den See zu meiner Linken liegen und trat durch ein anderes Tor, in dem einmal automatische Türen den Zugang versperrt hatten. Doch die Verwüstung, die hier unten herrschte, hatte sie aus den Schienen gerissen und ich stieg über das verbogene Metall hinweg, durch die zerstörte Schleuse und den Flur, in das unentdeckte Labyrinth von dahinterliegenden Gängen.
Viele von ihnen hatte ich bereits beschritten. Doch hier unten zu sein, hatte in mir immer ein mulmiges Gefühl hinterlassen und so war ich bisher nicht exzessiv auf Erkundungstour gegangen.
Ein paar Räume hatte ich durchsucht und nichts Wertvolles entdeckt, was nicht schon vor dem Einsturz von den anderen geplündert worden war. Doch es gab noch etliche Türen, die ich noch nicht durchschritten hatte und die vor den Beben noch verschlossen gewesen waren.
Begonnen hatte es mit einem Meteoritensturm, der in die Oberfläche des Planeten eingeschlagen war. Durch ihn war es zu heftigen Erdbeben und Sandstürmen gekommen, die nach und nach die halbe Station zerstört und es den Insassen des Gefängnisses ermöglicht hatten, die Herrschaft über diesen Planeten an sich zu reißen.
Eine Menge Türen waren aus den Verankerungen gesprungen, als das gesamte Gefängnis in der Mitte durchgebrochen war und die eine Seite sich einige Grad abgesenkt hatte.
Ich spazierte ein Stück den leicht abschüssigen Flur nach unten. Graue Wände, angelaufenes Metall und roter Sand in jeder Ritze. Ohne wirkliches Ziel bog ich wieder rechts ab, in einen Komplex, den ich noch nie betreten hatte, da der durch die ständige Wärme mumifizierte Leichnam eines Offiziellen mitten im Raum an einer Kette baumelte. Ein Haken war durch seine Rippen gejagt worden.
Doch der Körper war bereits so verdörrt, dass er mir keine so große Angst mehr machte wie früher, als überall noch Blut und der Gestank des Todes gewesen waren.
Schnellen Schrittes ging ich an dem Toten vorbei und ignorierte das schmerzhafte Ziehen in meinen Knien, als ich mich unter einem zerquetschten Türstock hindurch bückte und auf der anderen Seite eine schmale Treppe nach unten stieg. Die spärliche Notbeleuchtung, die alle Teile der Station erhellte, flackerte an einigen Stellen und ich biss mir auf die Unterlippe. Am liebsten wäre ich sofort wieder umgekehrt.
Ich war ein schwaches Gemüt. Auch wenn man behaupten könnte, dass ich nach all der Zeit unter Verbrechern und Mördern, nach all den Fleischwunden und gebrochenen Knochen, die ich behandelt hatte, langsam mal ein bisschen abgehärtet sein müsste, war ich es nicht. Ich war klein, mit hochgezogenen Schultern, einem schüchternen Blick und erschreckte mich sogar häufig vor meinem eigenen Schatten.
Im dämmrigen Schein der Notbeleuchtung machte ich eine farblose Metalltür aus, die sich nur schwach von den Wänden des Ganges abhob. Sie war zwar unverschlossen, doch die Schienenführungen waren verrostet und verbogen, und sie quietschte herzzerreißend, als ich sie öffnete, wie ein Schmerzensschrei in der sonst vollkommenen Stille.
Vorsichtig betrat ich den Bereich, der sich dahinter befand. Meine Schritte wirbelten Staub und Sand auf, der mir in der Nase kitzelte.
Vor mir lag eine Art Lagerraum. Kisten in verschiedenen Größen standen herum, aus Holz, Metall – sogar Pappe. Ich öffnete eine davon, lugte hinein und fand zu meiner Überraschung einige Konservendosen, die ich mit spitzen Fingern herauszog.
Obwohl ich mich über meinen Fund freute, fühlte ich mich unwohl. Irgendwas war hier nicht richtig. Ich konnte es spüren. Als ob etwas im Hinterhalt lauerte, das ich nicht ausmachen konnte.
Über mir war ein leichtes Pochen zu hören und ich schreckte zusammen. Ich stieß mit dem Arm an die Kiste voller Konserven und sie rutschte auf dem gewölbten Untergrund nach hinten. Schnell versuchte ich sie noch zu erwischen, doch sie hatte bereits Überhang bekommen und fiel mit lautem Scheppern zu Boden.
Mein Herz schlug mir hart gegen die Rippen, stach mich bei jedem neuen Pumpen und ich fragte mich, warum ich mich heute unbedingt selbst umbringen wollte.
Ich lehnte mich an die seltsame längliche Metalltruhe mit dem gewölbten Deckel und atmete tief die staubige, abgestandene Luft ein. Dann schloss ich für einen kleinen Moment die Augen und lauschte auf meinen zusätzlichen Sinn. Es dauerte keine Sekunde, da tauchten zwei Personen direkt über mir auf. Es waren starke Seelen, die beide sehr markant waren.
Tigris und Vento, zwei Männer, ein ZentralMensch und ein Tolaner, die man besser fürchtete. Sie ließen sich gegenseitig nur in Ruhe, weil sie noch nicht auf die Idee gekommen waren, den anderen als Gefahr zu betrachten.
Aus Furcht vor unserem Clanchef hielten sie ihm die Treue. Doch sollte sie jemals jemand drauf aufmerksam machen, dass sie selbst die Stärke besaßen, es mit Boz aufzunehmen, würden sie erst ihn umbringen und sich dann gegenseitig in Stücke reißen.
Das Gefüge der Machtverhältnisse war zu diesen Zeiten sehr wackelig, da es uns an einem gemeinsamen Feindbild mangelte. Die Clans im Norden hatten sich immer weiter zurückgezogen oder waren den Veko-Spinnen zum Opfer gefallen. Wir besaßen die einzige bewohnbare Station auf dem ganzen Planeten und niemand traute sich mehr an uns ran, weil Boz ein brutaler Mann ohne Gewissen und ohne Gnade war.
Es beruhigte mich ein bisschen, zu wissen, woher das Klopfen gekommen war und ich hoffte, dass sie ihrerseits das Krachen der Konserven nicht gehört hatten. Auf keinen Fall wollte ich meinen letzten sicheren Ort hier unten verlieren. Denn zumindest von Vento wusste ich, dass seine Blicke schon mehr als einmal an mir hängen geblieben waren.
Er war nicht dumm. Schlauer als Krung zumindest. Er konnte sich ausrechnen, dass ich keine zehn oder elf mehr war.
Ich konzentrierte mich, versuchte die Feinheiten der Seelen zu erspüren, um festzustellen, ob sie mich gehört hatten, als plötzlich am Rande meiner Aufmerksamkeit eine ganze Armee winziger Seelenfunken aufblitzte.
Erschrocken öffnete ich die Augen und fuhr herum. Doch da war niemand. Kein Mensch und auch kein Tier. Zumindest keines, das groß genug für eine Seele wäre.
Hatte ich mir das Flimmern nur eingebildet? Fast widerwillig schloss ich die Augen erneut und sah absolut nichts. Kein Schimmer, kein Glimmen. Vielleicht hatten mir meine Sinne einen Streich gespielt. Es war sicher einfach zu viel Aufregung für mich gewesen.
Ich horchte in mich hinein, beruhigte meinen Atem, konzentrierte mich auf meine Umgebung. Über mir waren die Männer zu spüren, keine fünfhundert Meter von hier tummelten sich die Wasserwesen im See, und dann war da plötzlich wieder dieses Glimmen.
Diesmal erschrak ich nur halb so stark und klammerte mich an meine Konzentration. Ich blendete die Tiere im See aus, ebenso wie die beiden Männer über mir, und blieb mit meinem Bewusstsein nur in diesem Raum voller Kisten.
Das Glimmen wurde stärker, als ich es zu fassen bekam, und verwandelte sich in sicher zwei Dutzend Seelen. Sie waren so schwach, dass ich nicht ausmachen konnte, was sie waren. Menschen, Spezies anderer Planeten, Tiere? Es waren keine Gefühle darin, keine Gedanken, keine Wellen im stetigen Bestehen.
Langsam ging ich von einer zur anderen und zog abrupt die Hände weg, als ich eine direkt vor mir bemerkte. Ich öffnete die Augen und starrte auf die längliche Truhe, die plötzlich große Ähnlichkeit mit einem Sarg aufwies. Ein ungutes Gefühl rieselte mir die Wirbelsäule nach unten und brachte mich dazu, mich zu schütteln.
Ich kämpfte mit mir, knetete meine rissige Unterlippe mit den Fingern und gab mir schlussendlich einen Ruck. Es waren nur wenige Schritte ans andere Ende der Truhe und ich hob einen weiteren Pappkarton, der darauf abgestellt war, zur Seite. Darunter kam ein schmales Fenster zum Vorschein, blind von Staub.
Etwas umständlich kletterte ich auf die Truhe, zog mir den Ärmel über den Handballen und wischte in einer beherzten Bewegung über das Glas.
Mein Puls war beschleunigt, ich redete mir selbst gut zu und gruselte mich trotzdem vor dem, was ich wohl zu sehen bekommen würde. Meine Fantasie spielte verrückt, erschuf Monster und Wesen, die das Glas sprengen und mich zerfleischen würden.
Doch noch während ich meine Ängste niederkämpfte, erhaschte ich einen Blick in das Innere der Truhe und blieb an den Zügen eines Gesichtes hängen.
Mein Herz setzte einen Schlag aus. Beinahe ehrfürchtig beugte ich mich über das Fenster, das mir Einblick gewährte, und sah in das Gesicht eines Mannes.
Ich hatte schon viele Männer gesehen, von den verschiedensten Spezies. Die meisten waren grob und vernarbt und weckten allesamt Abscheu in mir.
Aber dieser hier war anders. Sein Gesicht war ebenmäßig, die Haut blass wie Kalk. Die hohen Wangenknochen traten scharf hervor und verliehen seinem Gesicht einen gewissen Stolz. Die Augen, wenn auch geschlossen, zeigten katzenhafte Schlauheit, die Nase war gerade und die Lippen so markant, als hätte man sie gezeichnet. Eine dunkle Locke lag erstarrt auf seiner hohen Stirn.
Zuerst hielt ich ihn für tot, eine Leiche. Doch ich erinnerte mich selbst daran, seine Seele gesehen zu haben, und da wurde mir auch schon klar, was das alles bedeutete.
Dieser Mann war eingefroren worden.
Nur mit Mühe konnte ich meinen Blick von seinem Gesicht lösen und sah mich nach weiteren Truhen um, von denen ich jetzt wusste, dass es sich dabei um Kryokapseln handelte. Ich zählte auf Anhieb etwa sieben, die allesamt mit Kisten zugestellt waren, und wandte mich dann wieder dem Mann unter mir zu.
Mit der Zunge fuhr ich mir über die trockenen Lippen und beugte mich weiter nach vorne, bis ich bäuchlings auf dem Deckel lag, die Unterarme vor dem Glas abgestützt.
Ich konnte nicht umhin, zuzugeben, dass ich in meinem ganzen Leben noch niemals einen so schönen Mann gesehen hatte.
2

Keine Liebe
Verträumt starrte ich das Einmachglas in meinen Händen an, beobachtete die Organismen, die sich darin langsam in ihrem eigenen Takt hin und her wiegten. Ich züchtete sie in den Gläsern, um aus ihren Ablagerungen Medikamente herzustellen.
Doch obwohl ich meinen Protokollblock neben mir auf dem Tisch liegen hatte und den Stift zwischen den Fingern drehte, waren meine Gedanken ganz woanders.
Sie waren bei diesem Gesicht. Bei dem Mann, dessen Gesicht ich über Stunden hinweg fasziniert betrachtet hatte. Jede Vertiefung, die Wimpern, die Wangenknochen, das starke Kinn, die Ansätze des Halses, an dem sich die Sehnen unter der makellosen Haut spannten. Es fiel mir einfach schwer zu glauben, dass so ein Gesicht existieren konnte.
Der Ausschnitt des Fensters hatte mir den Rest seiner Gestalt nicht offenbart, egal, aus welchem Winkel ich in die Kapsel geblickt hatte.
Doch es war sowieso nicht wichtig. Sagte ich mir zumindest.
Das Beste für mich wäre, einfach zu vergessen, was ich gesehen hatte, die Konservendosen zu holen und dann nie wieder dorthin zurückzukehren.
Es hatte ohnehin keinen Sinn. Die Kryokapseln waren alt und nicht mit einer eigenen Weckfunktion ausgestattet. Allerdings hatte ich in meiner kleinen Krankenstation auch keine Hitzedruckkammer, um den Mann unbeschadet zurück unter die Lebenden zu holen.
Und dann waren da noch so viele andere gewesen. Mit geschlossenen Augen hatte ich fast zwei Dutzend Seelen gezählt, die zum Teil im hinteren Teil des Raumes verschüttet gewesen waren. Dreiundzwanzig Menschen, die man eingefroren hatte und im Lagerraum eines Gefängnisses aufbewahrte.
Aber zu welchem Zweck?
Wieso musste man jemanden einfrieren, wenn er sowieso auf einen Gefängnisplaneten gebracht wurde? Wie eine Art doppeltes Gefängnis.
Vielleicht waren sie gefährlicher als die restlichen Gefangenen, sodass man sie lieber stillgelegt hatte, um kein Risiko einzugehen.
Wäre es dann aber nicht einfacher gewesen, sie zu töten? Wozu der ganze Aufwand?
Doch umso öfter ich mir das Gesicht des Mannes in Erinnerung rief, desto weniger gefährlich wirkte er auf mich.
Er war so schön gewesen, und die Männer, die ich kannte, waren grausam. Ich konnte mir keinen Menschen vorstellen, der noch schlimmer sein sollte als diese.
»Wo hast du dich rumgetrieben, lil’Pid?«, sprach mich jemand an, dass mir vor Schreck das Einmachglas aus der Hand fiel.
Pidja war der Name meine Mutter gewesen und mich nannte man schon damals kleine Pidja.
Das war mir eigentlich ganz recht. Solange sie mich für ein kleines Kind hielten, hatte ich weniger Ärger. Ich musste mich eher fürchten, wenn mich jemand mit meinem richtigen Namen ansprach.
Eine große, schuppige Hand fing das Glas noch im Fall auf und stellte es lässig auf den Tisch neben mir.
Es war Cobal, der mich mit seinen gelben Echsenaugen eingehend musterte. Ich versuchte, ihm nicht ins Gesicht zu sehen. Wenn es sich vermeiden ließ, dann wollte ich nicht, dass er mir ansah, dass sich etwas verändert hatte.
»Ich bin rumspaziert«, behauptete ich leise und schob das Glas zurück zwischen die anderen ins Regal.
Es war das einzige Möbelstück in diesem Raum, das Krung komplett verschont hatte: Der Arzneimittelschrank. Das restliche Zimmer war vollständig verwüstet. Die Liegen waren umgerissen, Lampen waren zertrümmert, von meinen Arbeitstischen war der eine zerbeult und der andere in der Mitte durchgebrochen. Chirurgisches Besteck lag auf dem Boden verteilt herum. Die Kiste mit dem Verbandszeug war beim Aufprall gegen die Wand aufgesprungen und weiße Stoffstreifen waren in alle Richtungen davongerollt.
»Klar doch. Weil das ja so gut für deine Muskulatur ist«, spottete Cobal und seine Stimme triefte vor Ironie.
Eigentlich wusste von meiner Krankheit kaum einer. Meine Mutter hatte sie bei mir diagnostiziert und mir gezeigt, wie ich sie handzuhaben hatte. Unser Clanchef Boz wusste es, weil ich so keine zusätzlichen Dienste ableisten musste.
Und eben Cobal.
Ich hatte es ihm nicht gesagt, doch er war irgendwann von allein draufgekommen. Er behauptete, er könne es riechen, und da ich mit der Physiologie der Echsoiden nicht besonders gut vertraut war, musste ich es ihm einfach glauben.
»Ich habe mich vor Krung versteckt«, gab ich zu und nahm das nächste Glas aus der Reihe, um wenigstens vorzugeben, etwas zu arbeiten.
Cobal schnaubte durch die großen Nüstern und drehte den echsenhaften Kopf, auf der Suche nach einer Sitzgelegenheit.
Leider hatte Krung meinen einzigen Stuhl in mehrere Teile zerhackt und so zog sich Cobal eine Metallkiste heran und setzte sich, ohne Rücksicht auf den sich verbiegenden Deckel zu nehmen.
Wenn ich die je wieder aufkriegen wollte, dann würde ich Hilfe brauchen.
»Wieso war er so wütend?«, wollte Cobal wissen und ich seufzte laut.
»Weil ich nicht hier war«, wich ich der Frage aus und drehte das Einmachglas zwischen den Fingern. Wollte ich dieses Gespräch wirklich führen? Und das mit einem Echsoiden?
Na ja, vielleicht war er noch das kleinste Übel. Bei ihm musste ich wenigstens keine Angst haben, dass er meines Körpers habhaft werden wollte.
Cobal starrte mich weiter an und ich verwünschte seine Eigenart, selten blinzeln zu müssen. Er saß die Stille zwischen uns einfach aus, wartete, dass ich mich erklärte – und ich wusste, dass ich am Ende nachgab, nur damit er endlich aufhörte, mich anzustarren.
»Er … er wollte … dass ich ihm gefügig bin«, wisperte ich und ich war mir nicht sicher, ob Cobal mich gegen Ende überhaupt gehört hatte.
Doch wie zur Bestätigung blinzelte er endlich und legte den Kopf schief. »Er wollte sich mit dir paaren?«, stellte er überrascht fest und ich schüttelte den Kopf.
»Paarung könnte man es nur nennen, wenn es zur Fortpflanzung dient und im gegenseitigen Einverständnis geschehen würde. In allen anderen Fällen heißt es Vergewaltigung!«, sagte ich beinahe pampig und schlang mir die Arme um den Oberkörper, um das Zittern zu unterdrücken, das dieses Wort in mir auslöste.
»Verstehe«, behauptete Cobal, doch ich bezweifelte, dass er es wirklich verstanden hatte.
Wenn ich es benennen müsste, dann wäre der Echsoide wohl die Person, die einem Freund am nächsten käme. Er fragte mich nach meinem Befinden, bot sogar dann und wann seine Hilfe an und für mich ging keine akute Gefahr von ihm aus, auch wenn sein Aussehen eher abschreckend wirkte.
Doch wenn ich erwarten würde, dass er mir alle Männer vom Hals hielt, die mir an die Wäsche wollten, wäre das wohl zu viel verlangt. Schon allein, weil Cobal nie richtig begreifen würde, wo eigentlich genau das Problem lag.
Vielleicht war seine Rasse da einfach anders. Ich wusste es nicht. Ich kannte niemand anderen, der so war wie er und Cobal redete nicht viel über sich.
»Soll ich …«, begann Cobal und ich wusste schon jetzt, dass das Angebot, das er mir machen wollte, völliger Blödsinn wäre.
»Bist du aus einem bestimmten Grund zu mir gekommen oder war dir nur langweilig?«, unterbrach ich ihn beiläufig und lächelte schüchtern.
Cobal schnaubte. Er hatte meinen Trick natürlich sofort durchschaut, sagte aber nichts weiter dazu. »Ich hab da was am Bein.«
Ich blinzelte überrascht; hatte nicht damit gerechnet, dass es wirklich einen Grund gab, bei mir aufzutauchen.
»Oh, okay! Dann zeig mal her«, wies ich ihn an und stemmte mich von dem umgedrehten Eimer hoch, ohne eine Miene zu verziehen. Meine Beine taten furchtbar weh und mein Rücken war eine einzige große Verspannung. Aber ich war geübt darin, es keinen sehen zu lassen. Ich musste nicht noch schwächer wirken als ohnehin schon.
Es war eigentlich nur ein harmloser Ausschlag zwischen zwei Panzerplatten, an dem Cobal sicher mit seinen Krallen herumgekratzt hatte, wodurch sich die Haut entzünden konnte. Ich mischte ihm eine Salbe aus dem Bauchfett eines zotteligen Gulgur und ein paar antiseptischen Mineralien und wies ihn an, sie dreimal am Tag auf die betroffene Stelle aufzutragen. Sie war eher dazu gedacht, den Juckreiz zu lindern und Cobal daran zu hindern, weiter daran herumzukratzen, als dass sie wirklich etwas an dem Ausschlag ändern konnte.
Ich musste hoffen, dass es sich von allein besserte. Denn so versiert ich auch im Umgang mit Verletzungen und Krankheiten humanoider Spezies war, so wenig wusste ich über die der anderen. Und große Eidechsen gehörten definitiv zu dem, was ich nicht wusste.
Cobal ging dankbar und ich konnte wieder in meine Stille zurück. Kurz überlegte ich, wieder zu meinen Einmachgläsern zurückzukehren oder damit zu beginnen, das Chaos zu beseitigen, das Krung hinterlassen hatte.
Doch ich fühlte mich schwach und müde, also zog ich mich einfach nur in mein Loch in der Wand zurück.
Als mein Kopf das Kissen berührte und meine Nackenmuskeln sich ein wenig entspannten, seufzte ich laut auf. Der immerwährende Schmerz in meinen Muskeln machte mich fertig.
Ich blinzelte nach oben und betrachtete die Dinge, die über mir von der niedrigen Decke baumelten. Es waren allerlei Gegenstände, die ich irgendwo gefunden hatte und deren Zweck, auch wenn ich sie sehr schön anzusehen fand, sich mir einfach nicht offenbarte.
Für einen Moment schloss ich die Augen, horchte in die Station hinein und versuchte, all die Leute ausfindig zu machen, mit denen ich schon so viele Jahre hier zusammenhockte. Etwas, das sich auch niemals ändern würde.
Obwohl Boz da natürlich andere Pläne hatte. In seiner Vorstellung würde er erst die anderen Clans vollständig auslöschen und dann aus den Schätzen, die sie seiner Überzeugung nach horteten, ein Schiff bauen, das uns hier wegbrachte.
Ich bezweifelte, dass er recht behielt. Wenn die anderen Clans wirklich Maschinen hätten, aus denen sich ein Raumschiff bauen ließe, dann hätten sie es schon längst getan und würden nicht halb verdurstet unter einem Felsen hausen und sich von den Veko-Spinnen beißen lassen.
Vielleicht wusste Boz das sogar selbst und erzählte es nur, um die Truppe bei Laune zu halten. Es herrschte ein immerwährender Machtkampf unter den Männern, das Gesetz des Stärkeren, und es war sicher nicht leicht, die Oberhand zu behalten.
Ich ging all die Männer durch, bewertete ihre Stimmung und versuchte einzuschätzen, ob es bald wieder zu Kämpfen kommen würde. Denn das beeinflusste meine Entscheidung, ob ich zum Essen nach unten ging oder eine Konservendose öffnete, die ich hier unter meiner Matratze versteckte.
Die paar Frauen unter uns überging ich, wie immer. Sie waren allesamt traurige Gestalten, die sich ihrem Schicksal gefügt hatten und sogar eigene Stammgäste hatten, welche sie im Gegenzug vor den anderen Männern beschützten.
Krung hatte das Pech, auf keiner dieser Gästelisten zu stehen und zu feige zu sein, sich mit denen anzulegen, die ihre Huren verteidigten.
Ihn fand ich weit unten in seinem Quartier, grollend.
Cobal hatte erwähnt, dass er unter Arrest stand, weil er die Krankenstation verwüstet hatte und somit das Leben der Männer gefährdete.
Mir konnte das nur recht sein.
Es dauerte nicht lange, da schweifte ich noch weiter ab und meine Aufmerksamkeit richtete sich auf den Lagerraum, in dem ich vor einigen Stunden noch gewesen war.
Jetzt wo ich wusste, wonach ich suchte, fand ich die glimmenden Lichter schneller und konnte mir kaum vorstellen, sie in der Vergangenheit immer übersehen zu haben.
Leider war die Distanz zu groß, um sie näher zu betrachten, und es kostete mich auf Dauer zu viel Kraft, so weit hinunterzusehen.
Ich blinzelte die Seelen weg und drehte mich auf die Seite. Ohne es zu sehen, starrte ich gegen das graue Metall der Wand und drückte mir das klumpige Kissen zurecht.
Das Leben war eine trostlose Aneinanderreihung von belanglosen Ereignissen, die nur dem einen Ziel dienten: überleben. Es war ermüdend und anstrengend und ich vermutete, dass mein Leben nicht mehr lange andauern würde.
Etwa achtzehn zentrale Standardjahre war ich nun auf dieser Welt und hatte noch nichts gesehen. Hier drinnen gab es nur rostigen Stahl, schmutzige Kleidung und boshafte Männer. Und vor unseren Türen existierten nur rotgoldener Sand und Hitze und Veko-Spinnen.
Meine Mutter hatte mir früher immer von ihrer Heimat erzählt. Von Bäumen, von grünen Parks und der Schönheit eines türkisblauen Meeres. Sie berichtete von Freizeitaktivitäten, Spaß und Freundschaft.
Und dann gab es da noch die Märchen, von denen ich als Kind niemals genug bekommen konnte.
Mein Liebstes hieß Die Schöne und das Biest und handelte von einem verwunschenen Prinzen und einem einfachen Mädchen, das sich in ihn verliebte, obwohl er wie ein Monster aussah, und ihn so von seinem Fluch befreite.
Meine Mutter musste mir diese Geschichte immer und immer wieder erzählen, und ich hatte sie verträumt angesehen und gefragt, ob ich mich wohl auch einmal verlieben würde.
Doch sie hatte mich nur traurig angeschaut. »Früher hätte ich auf jeden Fall Ja gesagt. Aber ich will dich nicht belügen, Daya«, hatte sie gemeint und mich an sich gezogen. »Auf diesem Planeten gibt es keine Liebe.«
3

Blut
Ich erwachte mitten in der Nacht und wusste nicht wovon. Es war alles still und die Dunkelheit wurde nur von ein paar Stand-by-Lämpchen erhellt, die an den medizinischen Geräten in der Krankenstation matt leuchteten.
Ich starrte aus meinem Loch und konnte nichts Ungewöhnliches entdecken.
Doch das ungute Gefühl, geweckt worden zu sein, ließ sich nicht abschütteln und ich schlüpfte trotz Müdigkeit mit einem Schnauben in meine ausgetretenen Stiefel. Ich zog gerade die Schnürsenkel fest, da traf mich die Erkenntnis wie ein Stich in den Rücken.
Seelen waren unterwegs. Eine ganze Menge. Sie schlichen durch die Gänge, und was mich am meisten beunruhigte, war, dass sie nicht hierhergehörten.
Ich kletterte so schnell ich konnte aus meinem Loch, ließ mich geräuschlos auf den glatten Boden der Krankenstation herunter und ging rasch zur Tür.
Konzentriert behielt ich die Seelen im Blick und huschte in den Gang hinaus. Sie befanden sich ein Stockwerk unter mir, auf der Ebene der Tore. Ich hatte keine Ahnung, wie sie reingekommen waren, aber sicher war, dass sie nichts Gutes im Schilde führten.
Ich lief den Flur nach unten und zur Leiter, nur um sofort wieder kehrtzumachen. Die Eindringlinge bogen gleich um die Ecke und hatten dann freies Sichtfeld auf das untere Ende der Leiter.
Also musste ich wohl außenrum.
Ich atmete tief durch, versuchte, meinen Puls niedrig zu halten und eilte wieder zurück. Bemüht, keinen Krach zu machen, setzte ich die Füße ganz sachte auf und verfluchte mich selbst, weil ich doch tatsächlich meine Tasche mit den Medikamenten vergessen hatte.
Nur ein Krampf und ich wäre so gut wie tot. Doch um sie zu holen, blieb einfach keine Zeit. Die Eindringlinge würden bald die Schlafkammern der anderen erreichen. Und dann würde es hässlich werden.
Wo verdammt waren die Wachposten?
Immer zwei Stufen auf einmal nehmend, rannte ich die Treppe runter, erst auf dem letzten Absatz stockte ich. Ich spürte ihre Seelen, sah das Glimmen ihrer Gefühle, ein hässliches Aufblitzen in einem Meer aus Dunkelheit.
Sie waren schon hier. Ich war zu langsam gewesen.
Die einzige Möglichkeit, die mir jetzt also noch blieb, um die anderen zu warnen, bevor sie einfach im Schlaf massakriert wurden, war, sie alle zu wecken. Doch dafür musste ich leider die Aufmerksamkeit auf mich lenken.
Ich atmete wieder tief durch, sammelte meine Kräfte, nahm all meinen Mut zusammen und presste die Hände zu Fäusten gegen meinen Brustkorb. Dann öffnete ich den Mund und schrie. Schrie, so laut ich konnte, so schrill, dass niemand auf diesem stillen Planeten es überhören würde.
Die Eindringlinge hielten sofort inne, ihre Aufmerksamkeit wanderte in meine Richtung. Doch es war für sie zu spät, mich jetzt noch unschädlich zu machen. Die Schlafenden regten sich. Die Seelen schnellten aus dem dämmrigen Nebel ihrer Träume hinauf an die Oberfläche und dringliche Alarmbereitschaft war das vorrangige Gefühl. Ich hatte es geschafft.
Ein verstohlenes Lächeln legte sich auf meine Lippen, bis ich den Mann sah, der mich entdeckt hatte und überrascht das Gewehr sinken ließ.
Mir fuhr der Schock in alle Glieder, das Brennen in meiner Lunge trat mir deutlicher ins Bewusstsein und mir war klar, dass es nicht lange dauern würde, bis dieser Typ auch mich als Gefahr erachten würde. Oder schlimmeres.
Ich nahm die Beine in die Hand, dachte nicht groß nach und rannte die Treppe wieder hinauf.
»Das ist ein Mädchen«, hörte ich den Mann zu seinem Kameraden sagen, dann erklang auch schon eiliges Stampfen von festen Stiefeln auf den Stufen. Wut keimte hinter mir auf und donnerte mir hinterher wie eine dunkle Wolke.
Doch hinter der Wut verbargen sich wesentlich dunklere Emotionen.
»Die krieg ich!«, brüllte eine andere Stimme und jagte mir instinktiv einen eiskalten Schauer über den Rücken, als ich das düstere Aufflammen erkannte, das in meine Richtung waberte und mit seinen widerwärtigen Klauen nach mir schnappte.
Oh nein! Männer waren alle gleich. Alle hirnlose, triebgesteuerte Ungeheuer.
»Nicht, wenn ich sie zuerst kriege«, lachte der Erste dreckig und ließ mich wünschen, ich wäre einfach in meinem Loch geblieben, anstatt mich dem Ganzen so unbedacht zu stellen.
Doch was hatte ich schon für eine Wahl gehabt?
Ich rannte so schnell mich meine Füße trugen, was leider nicht besonders schnell war. Ein Arm haschte nach mir, riss mich nach hinten und mein Kopf wurde heftig nach vorne geworfen. Ich verlor für einen Augenblick die Orientierung, versuchte, um mich zu schlagen, als Hände mich nach unten drückten.
Mein Atem ging keuchend vor Anstrengung und mein Brustkorb zog sich immer enger zusammen. »Nein«, brachte ich kläglich hervor, ich bekam viel zu wenig Luft, als ich von dem Gewicht eines Mannes zu Boden gepresst wurde.
Panik machte mich blind und taub und ich konnte den Krampf um mein Herz bereits fühlen.
Es würde mit mir zu Ende gehen. Einfach so. Ohne dass ich jemals etwas gesehen oder erlebt hatte. Zerquetscht von einem Vergewaltiger, der erst merken würde, dass ich tot war, wenn er mit mir fertig wäre.
Er roch unangenehm nach Schweiß und Fäulnis, sodass ich den Kopf drehte, um seinen hektischen Atem nicht in die Nase zu bekommen.
»Ich hab sie zuerst gesehen!«, schrie der andere Mann, der zu uns aufgeschlossen hatte, und stieß meinen Angreifer von mir runter.
Ein bisschen mehr Sauerstoff strömte in meine Lunge und schenkte mir die Geistesgegenwart, mich von den Kämpfenden wegzubewegen. Stolpernd kam ich auf die Füße, ignorierte die stechenden Schmerzen in meiner Brust, das Brennen meiner Muskeln, das Hämmern in meinen Schläfen.
Doch ich würde kämpfen, zumindest noch ein bisschen. Ich war noch nicht bereit zu sterben! Nicht hier in diesem Gang. Nicht, bevor ich nicht noch einmal dieses Gesicht gesehen hatte. Egal, wie unsinnig das vielleicht war.
Ich erreichte die Leiter, die wieder nach unten führte, achtete kaum auf meine Umgebung und landete direkt im Zentrum der Schlacht um unsere Station.
Vento zog sein Messer aus dem Bauch eines Angreifers, während Tigris neben ihm einem anderen den Schädel mit einer Eisenstange zerschmetterte. Die Clans gingen aufeinander los wie die wilden Tiere, die sie nun mal waren.
Blut. Überall war Blut. In verschiedenen Farben, je nach Lebensform, bedeckte es den Boden und die Wände wie ein skurriles Kunstwerk.
Wäre ich durch den Sauerstoffmangel nicht so benebelt gewesen, es hätte mich so sehr erschreckt, dass ich nicht fähig gewesen wäre, es zu verarbeiten.
Doch der Krampf um mein Herz verschlimmerte sich und ließ nur einen fassbaren Gedanken in meinem Kopf zurück. Wenn mein Ende bevorstand und der Tod mich bald in seinen Armen halten würde, dann musste ich den Mann im Eisschlaf noch einmal sehen.
Es war völliger Irrsinn, mich durch das Getümmel zu schlagen, für das Gesicht eines schlafenden Mannes. Aber er war das Einzige, das in meinem Leben nicht das Gefühl von völliger Trostlosigkeit hinterlassen hatte.
Heißes bläuliches Blut spritzte mir ins Gesicht und ich taumelte an der Wand entlang. Jemand brüllte meinen Namen, ein anderer griff nach meiner Jacke, aus der ich mich mühsam herauswand. Wie in Trance tanzte ich vorwärts, immer mein Ziel vor Augen, während um mich herum Seelen erloschen und jede einzelne mir einen schmerzhaften Stich im Kopf versetzte.
Es fühlte sich an, als würde die Zeit langsamer werden, als versuchte sie mich daran zu hindern, mein Ziel jemals zu erreichen.
Der Schmerz in meinem Innern wurde unerträglich.
Ich griff im abrupt endenden Korridor nach den rissigen Rändern des Spalts vor mir. Mühevoll zog ich mich in den Schutt, während mein Geist langsam im Nebel versank. Wie schon heute Morgen rutschte ich auf der anderen Seite das Geröll hinunter und blieb auf dem Rücken liegen, als die Geräusche verklangen und die Welt in Schwärze versank.
4

40 ml
Lautes Dröhnen drang an meine Ohren. Es war so intensiv, dass mein ganzer Körper vibrierte.
Ich dämmerte dahin, nicht wach und nicht schlafend. Stimmengewirr beherrschte die Luft. Worte, die in meinen Kopf schlichen und wieder verpufften, ohne verstanden worden zu sein.
»Ist sie verletzt?«
»Sie ist krank!«, antwortete Boz. Seine grausame Stimme bohrte sich in meinen Schädel.
»Was?«
Dann erstarb das Dröhnen. Metall schabte über Metall und der Schutt unter mir rutschte ein Stück ab.
Ich wollte die Augen öffnen, doch jedes Mal, wenn ich es versuchte, stach mich helles Licht. Da war so wenig Luft. Alles brannte, alles tat weh.
Mein Körper bewegte sich ohne mein Zutun. Ich wurde hochgehoben, mein Kopf fiel in meinen Nacken und baumelte achtlos herunter.
»Was wollte sie da drüben?«
»Das werden wir gleich nachsehen. Erst mal muss sie auf die Krankenstation. Und dann wacht sie hoffentlich wieder auf, bevor Erikson verblutet ist. Unnützes Kind!«, schimpfte Boz und spuckte aus.
Mir stieg der metallische Geruch von Blut in die Nase, während sich die Stimmen langsam entfernten.
»Dummes Kind«, drang Cobals Stimme nahe an mein Ohr. Panzerschuppen stachen mir in die Wirbelsäule.
Eine Tür quietschte, etwas klackerte weit entfernt. Ich konnte kaum noch atmen.
»Daya«, hörte ich meinen Namen wie durch einen Nebel und wusste, dass er schon ein paarmal gesagt worden war. Ich bemühte mich, die Augen zu öffnen, meine Lider flackerten und doch brachte ich nicht die nötige Kraft auf. Mein Atem ging flach, kleine Atemzüge mit zu wenig Luft in meinen verkrampften Lungen.
»Wo sind deine Medikamente? Daya!«, ermahnte Cobal mich, und ich versuchte, meine Lippen zu überreden, sich zu bewegen. Wo waren meine Medikamente? Wusste ich es? Würde es mir rechtzeitig wieder einfallen?
In meinem Innern formte sich ein Bild. Eine Flasche mit gelber Flüssigkeit. Ich befahl meiner Stimme zu sprechen, brauchte drei, sogar vier Atemzüge, bis ich genug Luft für Töne zusammenhatte. »Regal … gelbe Flasche«, hauchte ich und schnappte erstickt nach Luft. »D34F … 40 ml.«
Mir wurde wieder schwummrig, mein Bewusstsein driftete ins Nichts ab und ich war mir auch nicht sicher, ob ich es überhaupt aufhalten wollte. Die Gleichgültigkeit nahm von meinem Geist Besitz, redete mir ein, wie sinnlos alles war und wie gut ich daran tun würde, es einfach hier und jetzt enden zu lassen.
Ich verlor den Mut, den Willen zu leben, und war bereit, mich endgültig zu lösen, als der Funke einer Seele in mir auftauchte. Nur dieser eine, weit unter mir, allein und gleichmütig. Ich wusste sofort, dass Er es war.
»Daya!«, drang lautes Brüllen an mein Ohr, das nichts Menschliches mehr an sich hatte, sondern nur noch zischenden Lauten glich. »Was mach ich damit?« Jemand schüttelte mich, riss mich vom Abgrund weg, über dem ich geschwebt und in den ich hinabgeblickt hatte.
Wieder zwei Atemzüge. »Haupt … Schlag … Ader«, glitten die Worte über meine Lippen und zerfielen in Partikel aus Bedeutungslosigkeit.
»Scheiße! Du … ach scheiße!«, fluchte Cobal. »Nimm da eine Spritze und tu in das Ding 40 ml rein!«
»Wie macht man das?«, beschwerte sich eine andere Stimme, aber bevor ich sie richtig zuordnen konnte, dämmerte ich weg. Weg von allem, weg von diesem Ort, der nicht mehr für mich hatte als Leid und Einsamkeit. Einfach weg.
Erst der Pikser in meinen Unterarm und das gurgelnde Brausen in meinem Körper holten mich zurück ins Bewusstsein. Erschrocken riss ich die Augen auf.
Die Muskelrelaxantien lösten meine Verspannungen wie Blitze in der Nacht, meine Lunge weitete sich so sehr, dass ich fürchtete, sie könnte meinen Brustkorb sprengen, und mein Herz setzte zu einem holprigen Galopp an, bevor es seinen Rhythmus wiederfand.
Cobal stand direkt neben mir, verhinderte, dass ich durch mein plötzliches Zusammenzucken von der Behandlungsliege fiel und beobachtete mich mit seinen gelben Echsenaugen.
Nefrot zog die Nadel aus meinem Arm und sah ein wenig erschrocken aus.
Nefrot war noch jung, das Leben hatte ihn noch nicht vollkommen abgehärtet. Ich mochte ihn eigentlich, auch wenn ich seine Sucht nach Anerkennung bei den Großen unseres Clans armselig und abstoßend fand.
»Daya?«, sprach Cobal mich wiederholt an, und ich blinzelte verstört. Ich wandte ihm den Kopf zu und spürte jeden Muskel, jede Sehne, die sich bei dieser Bewegung spannte, bis hinunter zu den Ellenbogen.
Verdammt, so schlecht hatte ich mich schon lange nicht mehr gefühlt.
»Wir brauchen dich!«, beschwor der Echsoide mich und trat zur Seite, sodass ich zur anderen Liege sehen konnte, die keine zwei Meter von mir entfernt stand.
Zum Glück hatte ich bereits gestern damit begonnen, meine Krankenstation von Krungs Verwüstung zu befreien.
Es war Erikson, der dort lag, ein armlanges Rohr in der Seite steckend. Er rührte sich nicht und auch sein Brustkorb hob und senkte sich kaum noch.
Doch seine Seele war noch da, wenn auch nur noch schwach. Das Leben sickerte aus ihm heraus und mir würden höchstens Minuten bleiben, um etwas zu unternehmen, das ihn möglicherweise retten konnte.
»Hilf mir auf«, bat ich Cobal und er reagierte sofort. Er zog mich hoch, half mir, die Beine über den Rand der Liege zu schieben, und hob mich dann runter auf den Boden.
Ich versuchte Halt zu finden, doch meine Füße gehorchten mir kaum und meine Knie knickten immer wieder ein.
Nefrot eilte an meine andere Seite und schob mir seinen starken Arm um die Taille. Es war mir unangenehm, von ihm berührt zu werden, doch ich hatte im Moment keine Wahl, wenn ich vorhatte, Erikson zu retten.
Sie halfen mir hinüber und stützten mich, während ich mir eine Schere reichen ließ und begann, seine Kleider um die Wunde herum aufzuschneiden.
Das Rohr musste raus. Doch damit würde er nur noch mehr Blut verlieren und das bedeutete in diesem Stadium ganz sicher seinen Tod.
Verzweifelt kniff ich die Augenlider zusammen, ignorierte den Schmerz meiner Knochen, meiner Muskeln. Schmerz, der meine Gedanken zähflüssig machte, auch wenn die Medikamente in meinem Blut meinen Zustand von Sekunde zu Sekunde verbesserten.
Blut war das Problem und die Lösung.
»Er ist Avecianer«, sagte ich zu mir selbst, damit mein Kopf es auch begriff. Die riesigen wellenförmigen Ohren und die bei ihm besonders ausgeprägte Knochenerhebung in der Stirn waren Hinweis genug.
Er war allerdings der Einzige seiner Spezies, den wir hier auf dem Planeten hatten, also brauchte ich einen anderen, dessen Blut mit dem seinen kompatibel war.
Angestrengt dachte ich nach, doch meine Gedanken waren klebrig wie Gelee. Eriksons Blut hatte eine gräulich-grüne Färbung. Wessen Blut hatte die gleichen Bestandteile?
»Schakalianer«, kam es mir endlich in den Sinn und eine unangenehme Gänsehaut zog sich über meine Haut. »Ich brauche Krung!«, sagte ich lauter und Cobal sah mich mit großen Augen an. Keine Ahnung, was er im Moment dachte, aber ich wollte es besser nicht wissen. »Ich brauche ihn als Blutspender! Hol ihn her, bevor Erikson tot ist!«
Cobal ließ mich los, um eilig den Raum zu verlassen.
Schwach kippte ich gegen Nefrot, der seinen zweiten Arm um mich schlang, sodass ich an seine Brust gepresst wurde.
Nefrot räusperte sich verlegen und half mir dabei, mich wieder auf die Liege zu setzen, während er betreten überall hinsah, nur nicht zu mir.
Seine Seele war aufgewühlt, seine Lenden machten sich bemerkbar und ich konnte die hormongetränkten Emotionen in seiner Seele beobachten, die für einen Mann so normal zu sein schienen wie Essen und der Gang aufs Klo.
Und das, obwohl Erikson gerade im Sterben lag. Doch der Tod lauerte hier sowieso an jeder Ecke. Warum wunderte ich mich eigentlich noch über die Gleichgültigkeit der Leute.
»Wie alt bist du eigentlich, Daya?«, fragte er mich plötzlich und immer noch ohne mich anzusehen.
Erstaunt konnte ich in seinem Innern dabei zusehen, wie er fast schon ehrenhaft die körperliche Anziehung, die er zu mir empfand, niederzukämpfen versuchte und den Aufruhr seiner Seele mit Gewalt unterdrückte.
Ich ging trotzdem nicht auf seine Frage ein. Bisher hatte er mich immer lil’Pid genannt, wie die anderen auch, und es gefiel mir nicht, dass sich das geändert hatte.
»Hol die Flasche mit dem Desinfektionsmittel dort vorne vom Schrank. Die Kiste mit dem Verbandszeug und die Schublade mit dem chirurgischen Besteck.« Ich zeigte in die jeweilige Richtung und Nefrot beeilte sich, meiner Aufforderung nachzukommen.
Krung betrat den Raum mit einem so breiten Grinsen auf dem Gesicht, dass mir ganz schlecht wurde bei seinem Anblick.
»Du brauchst mein Blut?«, wollte er von mir wissen und verschlang mich mit seinen Augen. Er fühlte sich mächtig, weil er etwas hatte, das ich brauchte, und weil er dachte, er könnte einen Handel für sich rausschlagen.
Aber so würde es sicher nicht laufen!
»Erikson braucht es. Krempel deinen Ärmel hoch«, sagte ich ohne jegliche Emotion und schob Krung den Eimer hin, damit er sich setzte.
»Du weißt, was ich dafür haben will?«, deutete er an und Nefrot schienen beinahe die Augen aus den Höhlen zu fallen. Ich drehte beiden den Rücken zu und kramte eine Braunüle und ein Stück Gummischlauch aus der Kiste mit Verbandszeug, die ich noch nicht geschafft hatte, wieder in Ordnung zu bringen.
Mittlerweile stand ich wieder von allein auf meinen Füßen und musste lediglich mit übereilten Bewegungen aufpassen, damit der Schmerz nicht zu stark wurde oder ich ins Wanken geriet.
»Ewige Dankbarkeit von Erikson und einen warmen Schulterklopfer von Boz. Und jetzt setz dich!«, befahl ich leise, aber in scharfem Ton.
Krungs Lächeln erstarb. Er setzte sich und schlug sogar seinen Ärmel hoch, als Cobal ihm einen düsteren Blick zuwarf. Zum Glück war der Echsenmann geblieben.
»Ich krieg dich, du Schlampe. Und dann werde ich deinen jungfräulichen Körper zu dem meinen machen!«, knurrte mir der Schakalianer verbissen ins Ohr, als ich mich ihm näherte, den Gummischlauch um seinen Oberarm festzog und dann mit einem sterilen Tuch den Unterarm desinfizierte. Nicht besonders sanft stieß ich ihm die Nadel ins Fleisch und klebte dann grob ein Pflaster darüber.
Mein Körper begann leicht zu zittern unter der schrecklichen Vorstellung, die meine Fantasie produzierte, aber ich riss mich zusammen.
Wenn mich eine Situation lehrte, dass ich doch am längeren Hebel saß, dann doch wohl diese. Ich hielt mich oft für so klein und schwach. Aber mir fehlte nur ein wenig Selbstbewusstsein und ein Funke Erkenntnis. Denn da rammte einem einer ein Eisenrohr zwischen die Rippen und ich wurde zu einem Menschen, der über Leben und Tod entschied. Ohne mich wäre Erikson so gut wie tot. Und viele der anderen Männer auch.
Vielleicht hatte man mich bisher gar nicht unbehelligt gelassen, weil man mich für zu jung hielt, sondern weil ich die mit dem Skalpell war.
Ein ganz neuer Gedanke, doch eingängig und gut zu handhaben. Und einer, der mir neue Kraft gab.
»Wirst du nicht«, behauptete ich daher geradeheraus und zog einen der Schläuche, die aus dem Blutreinigungsgerät ragten, zu mir heran, um ihn an der Nadel festzumachen. Ich nahm die Kappe von der Braunüle und steckte den Schlauch an.
»Ach ja, da …« begann Krung etwas lauter, doch ich schnitt ihm sofort das Wort ab, indem ich das Gerät einschaltete und es Blut aus seinen Adern zu ziehen begann, was ihn nach Luft schnappen ließ.
»Ja. Denn früher oder später wirst du hier auf dieser Liege liegen. Und dann wirst du dir wünschen, dass du dich gut mit mir gestellt hättest«, flüsterte ich, während ich die Werte auf der Anzeige kontrollierte, bevor ich das Blut freigab, damit es in Eriksons Venen fließen konnte. Das Gerät spülte das Blut durch, passte es minimal an, damit es keine Komplikationen mit dem Rhesusfaktor gab, dann drückte ich einen weiteren Knopf.
Ich konnte nur hoffen, dass das tatsächlich so funktionierte, wie ich mir das vorstellte.
Krung hatte die Lippen zu einem dünnen Strich zusammengekniffen und hielt still. Wenigstens ein kleiner Erfolg.
Ich desinfizierte mir die Hände erneut, griff nach meinem Wagen mit dem Nähzeug und dem anderen Wundbehandlungsbesteck und machte mich bereit.
Alles war hergerichtet. Cobal mein Aufpasser, Nefrot mein Laufbursche. Und ich packte das Rohr mit beiden Händen.
5

Ideenreichtum
Gerade wusch ich mir die Hände und hängte meine OP-Schürze an einen Haken an der Wand, da wurde die Tür aufgeschoben. Zwei Männer kamen herein, die eine längliche Metallkiste zwischen sich trugen.
Ich erkannte sie sofort. Es war eine der Kryokapseln aus dem Lagerraum hinter dem verschütteten Gang. Der Schock fuhr mir in die Glieder und ich stockte beim Versuch, mich über den Lärm zu beschweren.
Die Entfernung des Rohres war mittelmäßig gut verlaufen, aber ich konnte zumindest vorweisen, dass Erikson noch am Leben war.
Krung hatte ich bereits weggeschickt und Cobal und Nefrot waren gerade gegangen, um Eriksons Zimmer für seine Genesung herzurichten.
Doch der Gedanke an das schöne Gesicht, den Mann im Eis, ließ mich alles andere vergessen. Wie konnten sie die Kapseln bloß entdeckt haben?
Boz trat mit stolzgeschwellter Brust ein und freute sich diebisch über seinen Fund.
Sie hatten bei dem Versuch, mich zu retten, wohl die Wände durchbrochen und sich so einen Zugang in die unteren Ebenen geschaffen. Ich allein war also schuld an ihrer Entdeckung. Was hatte ich mir auch dabei gedacht, durch eine Schlacht zu rennen und in einem Spalt in der Wand zu verschwinden?
Zwei andere von Boz’ Männern kamen mit einer weiteren Kapsel herein und meine Gabe bestätigte mir nur noch einmal, was ich bereits befürchtet hatte: Sie hatten sie alle gefunden und schafften sie jetzt hoch.
»Boz?«, sprach ich ihn etwas verwirrt an und trat langsam auf ihn zu. »Was tust du?«, erkundigte ich mich vorsichtig und wusste gleich, dass ich sicher besser daran tat, die Ahnungslose zu spielen. Wenn er wüsste, dass ich von diesen Kapseln gewusst hatte, ebenso wie von all den anderen Schätzen im unteren Teil des Gefängnisses, dann würde ich mir sicher nur Ärger einhandeln.
»Hast du eine Ahnung, was das ist?«, schmetterte er heraus und schmiss sich dramatisch in Pose.
Ich ging näher ran, wobei ich so tat, als sähe ich die Kapseln zum ersten Mal, und beugte mich über das verstaubte Glas. Flüchtig wischte ich es sauber und war beinahe enttäuscht, als ich dahinter nicht Ihn zu Gesicht bekam.
Es war zwar ebenfalls ein Mann, doch seine Züge waren im Vergleich eher grob, auch wenn die Ebenmäßigkeit mich zum wiederholten Male erstaunte.
»Tiefgefrorene Menschen?«, versuchte ich es mit dem Offensichtlichsten, was mir im Moment einfiel.
Boz lachte auf. »Ja! Tiefgefrorene Menschen. Aber nicht irgendwelche«, prahlte er und ich wurde hellhörig. Boz wusste also etwas über diese Leute, das ich noch nicht wusste, und ich war begierig, es zu erfahren.
»Das hier sind Beta-Humanoide! Genetisch gezüchtete Kampfmaschinen aus der Zeit vor den Abkommens-Kriegen. Übermenschen, wenn man es so will«, begann er zu erzählen und seine Stimme wurde dabei immer lauter.
Für ihn waren diese Kryokapseln der Jahrhundertfund und ich spürte arglistige Freude von ihm ausgehen, auch wenn ich nicht einmal wirklich hinsah.
»Sie waren so gefährlich, dass man sie kaum kontrollieren konnte. Irgendwann hat man sie alle umgebracht und die Genlabore geschlossen«, berichtete er weiter.
Ich versuchte mir das alles vorzustellen. Schaffte es aber nicht. Ich wusste weder etwas über die Abkommens-Kriege noch hatte mir jemals jemand von Genlaboren erzählt.
»Wenn man sie alle umgebracht hat, warum leben die hier dann noch?«, fragte ich ganz leise und sprach eigentlich eher mit mir selbst, als dass ich eine Antwort von Boz darauf erwartete.
Mir schwirrte jedenfalls der Kopf. Die Vorstellung, dass es gezüchtete Menschen waren, verstörte mich und machte mir im nächsten Moment klar, warum ihr Aussehen beinahe Perfektion erreicht hatte.
»Wer weiß. Aber das Schicksal tut uns damit einen großen Gefallen. Diese Soldaten sind unsere Chance und du wirst sie für mich auftauen!«
Ich blinzelte mich verwirrt aus meinen Gedanken. »Was? Ich kann sie nicht auftauen!«, rief ich erschrocken und wich von der Kryokapsel zurück, nur um mit dem Rücken gegen eine weitere zu stoßen, die man hereingetragen hatte.
Und durch die Tür kamen noch mehr.
»Ich hab die Geräte dafür gar nicht und …«, versuchte ich abzuwehren und konnte mir selbst nicht erklären, warum ich solche Angst davor hatte, den Mann mit dem perfekten Gesicht zurück ins Leben zu holen.
Doch Boz schnitt mir sofort das Wort ab. »Dann lass dir was einfallen! Ich will diese Soldaten für meine neue Armee und dann werden wir diese Pest von Wüsten-Clans ein für alle Mal erledigen und uns ihr Zeug unter den Nagel reißen!«, brüllte er seinen Kampfschrei hinaus und seine Männer, die noch mehr Kapseln brachten, johlten ihm zu. »Das war ein Schlag zu viel, Männer! Sie haben sich hier reingetraut und wir haben ihnen den Garaus gemacht. Doch wir lassen sie für diese Unverschämtheit büßen!«
Weiteres Gejohle.
Erikson stöhnte auf seiner Liege.
Ich löste meinen Blick von den Kryokapseln und versuchte, zu ihm zu gelangen, was bei all den Kisten nicht so einfach war. Ich prüfte seinen Puls, maß Fieber und beobachtete für ein paar Momente seine schimmernde Seele, die sich von dem kritischen Zustand noch nicht erholt hatte. Es lenkte mich von meinen Gedanken an die Kriegermenschen ab und brachte mir gleichzeitig neue Sorgen.
Ich musste Erikson hier rausschaffen, wenn Boz vorhatte, in meiner Krankenstation eine ganze Versammlung zu veranstalten.
Es gelang mir, Timothy und Jet auf mich aufmerksam zu machen und sie zu bitten, Erikson nach unten in sein Zimmer zu tragen. Dann folgte ich ihnen und entfloh so dem ganzen Tumult, der sich in meinem Reich immer mehr verdichtete.
Cobal und Nefrot waren beinahe so weit mit den Vorbereitungen, um die ich sie gebeten hatte, und Nefrot erklärte sich dazu bereit, bei Erikson zu bleiben. Ich dankte ihm, gab weitere Anweisungen zu den Schmerzmitteln, die ich ihm überließ, und sagte ihm, er solle mich holen, wenn sich Eriksons Zustand verschlechterte. Ich würde morgen wieder nach ihm sehen.
Denn es gab jetzt größere Probleme, denen ich mich stellen musste.
Boz stand immer noch in der Krankenstation, ein überlegenes Grinsen auf den Lippen, während weiterhin Kisten reingetragen wurden, die sie hinten an der Wand stapelten.
Boz war groß, größer als seine Kumpane und hatte ein Kreuz so breit wie ein ganzer Sternengleiter. So kam es mir zumindest vor. Sein Gesicht war markant, sein eckiges Kinn ragte weit nach vorne und mehrere Narben verunstalteten seine Haut und schnitten Schneisen in seinen Bart. Es war beinahe erstaunlich, dass ein Mensch eine solche Brutalität ausstrahlen konnte und so seine Männer unter Kontrolle brachte. Es war kein Respekt, wegen dem sie ihm folgten, sondern Furcht. Zwar hatte er sich mir gegenüber nie gemein oder angsteinflößend verhalten, aber ich wusste, was getuschelt wurde. Und nicht wenige Knochenbrüche, die ich behandelt hatte, waren durch die bloßen Hände unseres Clanchefs verursacht worden.
Ich persönlich war keine Bedrohung für Boz und hatte mich auch nie als eine gegeben, weshalb er mich für gewöhnlich in Ruhe ließ.
Doch heute bekam ich Angst vor ihm. Er verlangte, dass ich die Leute in den Kapseln aufweckte, und ich hatte nicht den blassesten Schimmer, wie ich das anstellen sollte.
Aber Boz schien entschlossen. Seine Seele befand sich in Höhen, die ich bei ihm noch nie gesehen hatte und die mich ahnen ließen, dass er ein »Ich kann nicht« nicht akzeptieren würde.
Als er mich an der Seite stehen sah, winkte er mich zu sich und ich wäre gerne geflohen. Doch wenn sie die Wand geöffnet hatten, dann war auch diese Zuflucht für mich nicht mehr vorhanden.
Ich musste mich stark überwinden, zu ihm zu gehen, und ignorierte all die Männer, die raus- und reinliefen. Boz hatte den ganzen Clan mobilisiert und das, nachdem sie die ganze Nacht gekämpft hatten. Nicht nur ich war müde und hatte Schmerzen. So ziemlich jeder schien angeschlagen zu sein von dem nächtlichen Angriff des feindlichen Clans. Doch alle verrichteten ihre Arbeit, keiner machte auch nur einen Mucks des Unwillens, der in ihnen allen herrschte.
»Ich gebe dir drei Tage, dann will ich, dass du eine Möglichkeit gefunden hast, mir diese Soldaten aufzutauen«, raunte Boz, sein Blick aus grauen Augen lag schwer auf mir. Er sagte es nicht, aber ich wusste, er würde mir wehtun, wenn ich es nicht schaffen sollte. Er hegte einen Unmut gegen mich, auch wenn ich nicht verstehen konnte, wo der so plötzlich hergekommen war. Bisher hatte er in meiner Gegenwart immer nur Gleichgültigkeit empfunden.
»Den da will ich zuerst«, informierte er mich mit klaren Worten und zeigte auf die Kapsel, die ganz vorne lag. »Und noch irgendeinen anderen. Aber nur Männer. Die Frauen kannst du lassen, wo sie sind. Die machen einem nur Ärger.« Das Grinsen kehrte auf seine grausam verzogenen Lippen zurück. »Und gib mir Bescheid, wenn sie so weit sind, dann können wir sie mit Sumpfsaugern infizieren.«
Erschrocken riss ich die Augen auf. Ich hatte noch keinen Gedanken daran verschwendet, wie Boz es wohl anstellen wollte, diese genetisch hochgezüchteten Menschen für seine Zwecke zu nutzen, wo sie doch nach seinen Angaben nicht zu kontrollieren waren. Doch dass er vorhatte, ihnen einfach ihren freien Willen zu nehmen, schockierte mich.
Sumpfsauger waren eine der wenigen Tierarten, die es auf diesem Planeten gab. Sie lebten in den schwefeligen Sumpflöchern, die man in den unterirdischen Höhlen fand. Glibberig, von der Größe eines Fingers und mit stacheligen Tentakeln am vorderen Ende, fristeten sie blind und taub ihr Dasein und waren doch der Grund, wieso es für die Wüstenclans so schwer war, an Wasser zu gelangen. Denn mit diesen Monstern wollte man nicht in Kontakt kommen. Einmal an der Haut festgesaugt, war es beinahe unmöglich, sie wieder loszuwerden. Sie krochen einem über den Körper und setzten sich an die Hauptschlagadern, um einem ihre Tentakeln ins Fleisch zu graben und dadurch zu vergiften.
Und wenn man wirklich Pech hatte, dann fanden sie ihren Weg in den Nacken und schoben einem ihre grässlichen Nadeln in den Hirnstamm. Jeder, dem so etwas passierte, verlor als Erstes die Fähigkeit, frei zu denken und Dinge selbst zu entscheiden. Man wurde leicht zu beeinflussen, doch diese Möglichkeit der Kontrolle war nicht von langer Dauer.
Die Sumpfsauger ernährten sich von den Hirnsäften und pumpten dafür ihr Gift in den Organismus zurück. Sie verursachten Wahnsinn, Schmerzen und töteten ihren Wirt schlussendlich, wenn dieser das in seiner Verzweiflung nicht selbst schon vorher übernahm.
Ich hatte gesehen, was das mit einer Seele anstellte. Der Wahnsinn riss sie in Stücke, teilte sie so grausam, dass ich mich damals beim Zusehen hatte übergeben müssen. Es war die schlimmste Art zu sterben, die ich je hatte mit ansehen müssen. Eine Folter bis zum letzten Augenblick.
Ich schluckte hart, riss mich jedoch zusammen, um nicht das Gesicht zu verziehen. Nickend senkte ich den Blick zu Boden, entfernte mich von Boz und ging zu der Kryokapsel, auf die er gezeigt hatte.
Darin befand sich ein Mann. Blondes kurzes Haar, einen grimmigen Zug auf den schmalen Lippen. Sein Kiefer war breit, seine Stirn kurz, mit ausdrucksstarken Augenbrauen. Sein Hals war dick und sehnig und ging in muskelbepackte Schultern über. Kein Wunder, dass Boz ihn haben wollte. Er sah aus wie ein skrupelloser Schlächter. Und doch zeigten seine gerade Nase und seine makellose Haut einen königlichen Stolz. Er würde sich niemals freiwillig jemandem wie Boz unterwerfen.
Ich zog mich in mein Loch in der Wand zurück, wickelte mich in eine Decke ein und wartete darauf, dass das Kommen und Gehen der Männer draußen endete.
Boz lachte laut, verkündete, dass dies ihren Schlüssel zum Sieg bedeutete und dass es ein Glück war, dass ich mich wie ein feiges Gaq’krl benahm, das sich in Löchern verkroch und ihnen so den direkten Weg ins Eldorado gezeigt hatte.
Ich hatte keine Ahnung, was Eldorado bedeuten sollte. Aber es schien etwas Wertvolles zu sein. Und ich ärgerte mich, dass ich an alldem schuld war.
Drei Tage hatte Boz mir gegeben und ich wusste nicht weiter. Zum einen, weil ich keine Geräte hatte, zum anderen, weil ich nicht gewillt war, diese Menschen einem so grausamen Schicksal zuzuführen. Es wäre besser für sie, in Gleichgültigkeit zu vegetieren, als an einer zerfetzten Seele zu sterben.
Obwohl ich todmüde war, konnte ich nicht einschlafen. Die glimmenden Funken so nah bei mir zu haben, machte mich nervös und meine Gedanken hörten nicht auf, sich zu drehen. Ich zählte die Seelen durch, überprüfte die Zahl zweimal und kam auf dreiundzwanzig. Dreiundzwanzig schlafende Seelen.
Ich seufzte. Eine kurze Kontrolle ins untere Stockwerk zeigte mir, dass man beschlossen hatte, etwas zu essen und sich beinahe alle unten im Speisesaal versammelten.
Es fehlten nur wenige. Erikson und Nefrot zum Beispiel. Und noch vier weitere, die draußen patrouillierten.
Auch wenn ich wusste, dass es wahrscheinlich dumm war, schnappte ich mir mein Waschtuch, ein Stück Seife und ein paar saubere Kleidungsstücke und schlich mich in die Waschräume.
Ich beeilte mich, obwohl das wüstenwarme Wasser wie Balsam für meine überspannten Muskeln war, und eilte mit nassen Locken zurück in meine Krankenstation. Kurz schreckte ich zusammen, als mir dreiundzwanzig glimmende Seelen entgegenblinzelten.
Nachdem ich mein Zeug ins Loch in der Wand gestopft hatte, lehnte ich mich daneben an und starrte auf die Kapseln. Mein Leben hing wahrscheinlich davon ab, diese Menschen in den Tod zu führen.
Ich musste nicht einmal wirklich danach suchen, sondern erkannte seine Seele sofort. Selbst wenn sie genauso gleichmütig war wie die der anderen.
Seine Kapsel stand weiter vorne, obenauf, und ich kletterte, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, über die anderen hinweg, um zu ihm zu gelangen.
Die feinen Züge seines Gesichtes trafen mich wieder wie eine Schockwelle und ich legte mich vorsichtig auf den Deckel, das Kinn in die Hände gestützt. Wieder betrachtete ich ihn und genoss die eigenartigen Gefühle, die sich dabei in meinem Bauch bildeten.
Welche Augenfarbe er wohl hatte? Und wie es wohl wäre, in seine Seele zu schauen?
Sofort schloss ich die Augen und konzentrierte mich ganz auf ihn. Ich blendete alle Funken um mich herum aus, strengte mich an, die äußere glimmende Schicht zu durchdringen, um mich zur nächsten vorzutasten.
Die Ruhe, die mich empfing, war beinahe so vollkommen, dass es mir Mühe bereitete, überhaupt irgendeine Regung zu finden.
Langsam tastete ich mich weiter in die Tiefe, ließ mich selbst ein wenig mehr los und öffnete den Blick für das Innere eines anderen. Denn auch im Kryoschlaf blieb ein Mensch der Mensch, der er nun einmal war, auch wenn es keine nennenswerten Gehirnaktivitäten gab.
Das Innerste war das Wichtigste, der Kern einer Persönlichkeit, die Parameter, die das Handeln bestimmten.
Ich fand zwei Dinge im Innersten des Mannes mit dem schönen Gesicht: abgrundtiefen Hass und überwältigende Liebe.
Erschrocken zuckte ich nach hinten, schnellte in meinen eigenen Körper zurück und fiel keuchend vom Deckel der Kapsel. Schweiß stand mir auf der Stirn und mein Puls raste. Wenn ich nicht aufpasste, wäre der nächste Anfall nicht weit.
Doch vielmehr beschäftigte mich, was ich gesehen hatte. Hass und Liebe. Das war ungewöhnlich. In den meisten Menschen, bei denen ich mich bisher getraut hatte, in ihr Innerstes zu sehen, war das Streben nach Macht am häufigsten vorgekommen. Geltungssucht hatte ich gesehen, die Freude an Grausamkeit und auch Hass.
Doch nur in meiner Mutter hatte ich Liebe gesehen. Für mich.
Beides zusammen in dieser Kombination war mir noch nicht untergekommen. Vor allem nicht so stark vertreten, dass es mich wie ein Schlag getroffen hatte.
Wem galt all der Hass? Und diese Liebe? Die Neugierde packte mich und ich wusste, dass ich, so wie es gerade stand, leider nicht mehr herausfinden konnte. Außer ich schaffte es, die Gefühle weiter an die Oberfläche zu locken. Was nur möglich war, wenn ich ihn aufweckte.
Ächzend zog ich mich wieder auf die Füße.
Hatte ich überhaupt eine Wahl, außer zu tun, was Boz mir befohlen hatte? Na ja, außer zu sterben natürlich. Ich wollte nicht wirklich umgebracht werden, aber ich wollte genauso wenig daran schuld sein, dass jemand mit einem Sumpfsauger infiziert wurde.
Laut seufzend wuschelte ich mir durch die Haare und versuchte, beides miteinander zu vereinen.
Was, wenn ich sie aufweckte und ihnen dann erzählte, was Boz mit ihnen vorhatte? Vielleicht würden sie sich auch so auf seine Seite schlagen. Vielleicht aber auch nicht, und ich hätte nicht nur Verrat begangen, sondern würde auch noch eine riesige Katastrophe auslösen. Oder unser aller Tod riskieren.
Doch meiner lag ohnehin nicht mehr weit entfernt. Ob es nun meine Krankheit war, Boz oder die Fremden in den Kryokapseln. Und um die meisten anderen, die hier hausten, würde es mir auch nicht unbedingt leidtun. Redete ich mir zumindest ein.
Aber ich machte mir bloß Sorgen über Dinge, die ich nicht wusste. Schlussendlich konnte ich ja noch nicht einmal sagen, ob ich überhaupt eine Möglichkeit finden würde, sie aufzuwecken.
Ich stieß mich von der Kapsel ab, ohne noch einmal einen Blick darauf zu werfen, aber ich hatte das Gefühl, dass sich dreiundzwanzig Funken in meinen Hinterkopf bohrten.
An der gegenüberliegenden Wand beginnend, ging ich all meine Geräte durch, die Hitze erzeugen konnten. Ich besaß ein Wundschweißgerät, für Spezies mit dicker Haut oder Panzerplatten. Eine Rotlichtkammer, zum langsamen Aufheizen von Kaltblütern oder sonstigen Unterkühlten. Und einen Sterilisator, der mit Mikrowellen funktionierte.
Das Wundschweißgerät schloss ich sofort aus. Zu starke, punktuelle Hitze. Allerdings war die Rotlichtkammer auch nicht das Richtige, selbst wenn sie auf den ersten Blick recht nützlich wirkte. Sie erzeugte zu sanfte Wärme, die die Körpertemperatur um nur wenige Grad pro Minute hob.
Wenn ich es nicht schaffte, die Körper innerhalb von dreißig Sekunden von unter null auf etwa fünfunddreißig Grad Celsius zu erhitzen, dann würde ich das Herz nicht zum Schlagen bewegen und das Blut würde anfangen zu gerinnen.
Es war zum Haareraufen. Ich konnte ihnen ja schlecht mit Mikrowellen das Gehirn braten.
Obwohl …
Ich blinzelte und ließ mir den Gedanken noch mal durch den Kopf gehen. Ich taxierte den Sterilisator. Groß genug wäre er, um einem Menschen darin Platz zu bieten.
Es war mir ein Rätsel, was das Gefängnis vorgehabt hatte, darin keimfrei zu strahlen. Es gab nur eine Handvoll OP-Besteck und die Verbände. Dafür brauchte ich nur etwa ein Zehntel des Platzes und auch nur, wenn ich alles gleichzeitig hineinlegte.
Aber das kam mir gerade nur zugute. Wenn ich das Gerät richtig einstellte, dann konnte ich durch die Bewegung der Partikel jede Stelle gleichmäßig erhitzen und so gewährleisten, dass ein Körper innen nicht noch halb gefroren war.
Nur leider könnte es sein, dass ich das Gehirn dabei wie ein Bula-Ei brutzelte und schließlich zum Platzen brachte.
Ich presste die Lippen aufeinander und setzte mich langsam auf meine Behandlungsliege.
Zusätzlich würde das schnelle Erhitzen im Sterilisator eine Menge Wasser verdampfen. Selbst wenn ich es schaffte, sie nicht zu grillen, wusste ich nicht, ob sie die Dehydrierung überleben würden.
Meine Gedanken wogten noch ein wenig hin und her, während ich mich auf den Rücken legte.
Es waren keine Geräte vorhanden, um die Leute zu überwachen, solange sie sich im Sterilisator befanden. Doch ich hätte meine Gabe. Vielleicht würde das reichen, um zu sehen, wann die Seele begann, Schaden zu nehmen.
Aber wenn nicht? Konnte ich damit leben, einem anderen den Schädel zum Explodieren gebracht zu haben? Wahrscheinlich nicht.
Da drehten sich meine Gedanken im Kreis. Denn wenn ich es nicht wenigstens versuchte, würde man mir den Garaus machen. Wenn ich es versuchte, bestand wenigstens die Möglichkeit, dass alles gut ging.
Und wenn ich es tun wollte, bevor Boz merkte, dass ich ihm nicht Bescheid gegeben hatte, dann musste ich sehr bald damit anfangen.
6

Gefühle
Ich wartete auf die Nacht, dann schlich ich mich raus und holte mir einen Krebstrolley. Es war ein einfaches Gestell auf Rädern, mit großen Zangen vorne, das es mir ermöglichen würde, die Kapseln allein zu transportieren.
Zuerst nahm ich mir den Mann vor, um den Boz explizit gebeten hatte. Ein Soldat mit starkem Kinn und grimmigen Zügen. Er war so gut wie jede andere Testperson und ich konnte nur hoffen, dass es funktionierte.
Natürlich musste ich mir eingestehen, dass meine Wahl anders ausgefallen wäre, hätte ich eine Hitzedruckkammer gehabt. Sicher hätte ich erst Ihn zurückgeholt. Schon allein um zu sehen, was seine Seele noch alles versteckt hielt.
Doch wenn die Möglichkeit bestand, dass ich hier jemandem das Gehirn briet, dann sicher nicht Ihm.
In meinem Bauch bildete sich trotzdem ein fieser, Übelkeit erregender Knoten, wenn ich daran dachte, was ich hier vorhatte.
Ich rollte die Kapsel mithilfe des Krebstrolleys zum Sterilisator, legte sie auf die große Ablage davor und brauchte eine Weile, den Sicherheitsverschluss zu knacken. Es zischte, als ich das Schloss zum Splittern brachte und der Deckel sich hob. Kalte Luft quoll sichtbar in den Raum und verschaffte mir eine Gänsehaut.
Vor mir lag ein Mann, bekleidet in einem hautengen schwarzen Anzug, der am Halsansatz begann und nur die Hände frei ließ. Seine Füße steckten in schweren Stiefeln.
Doch ich hatte keine Zeit zu starren. Eilig wendete ich den Krebstrolley, nahm den Mann vorsichtig auf und legte ihn in den Sterilisator. Die Luke schloss sich und meine Hände zitterten, als ich sie seitlich an das Bedienelement legte.
Ich konnte nur flehen, dass ich es schaffte und dass die Zeit reichen würde, die Körpertemperatur genug zu erhöhen, bevor das Gehirn Schaden nahm.
Mein Magen rumorte noch heftiger und mir wurde ganz elend.
Zu lange konnte ich nicht tatenlos hier stehen. »Tu es!«, sagte ich mir selbst und verharrte noch einen Moment über dem Startknopf.
Wie oft hatte ich ihn schon so achtlos gedrückt, um alles Mögliche keimfrei zu blitzen. Ich wusste, wie er sich anfühlte, wie schwer er zu drücken war und wie sich das Gerät anhörte, wenn es lief.
Warum war ich also jetzt so feige, wo ich wusste, dass ich es ja doch tun müsste? Der Mann war aus der Kapsel heraus. Hinein würde ich ihn nicht wieder legen können, da ich den Verschluss beschädigt hatte. Also musste ich es tun oder er starb so oder so.
Ich schloss die Augen, konzentrierte mich auf die eine Seele vor mir und drückte den Knopf. Ein Summen ertönte, Licht zuckte rot hinter meinen geschlossenen Augenlidern und die Seele kam in Bewegung, genauso wie alle Partikel, die von der Mikrowellenstrahlung erfasst wurden. Sie tanzte erst langsam wie ein Sternenschauer, dann schneller und plötzlich wurde sie an einer Stelle bedenklich dünn.
Sofort drückte ich den Abbruchknopf, das Licht erstarb und die Schutzklappe hob sich. Ich blinzelte, griff nach dem Thermometer neben mir und drückte es dem Mann an die Stirn.
34,6°C standen dort die ersehnten Ziffern und ein Lächeln stahl sich auf meine Lippen. Meine Güte, ich hatte es geschafft!
Ich schwang den Defibrillator-Gurt über die Brust des blonden Hünen und startete den Automatikmodus für einen menschlichen Sinusrhythmus. Ungeduldig wartete ich, bis das Herz wieder schlug, und sah dabei zu, wie der Mann vor mir seinen ersten Atemzug tat. Sein Brustkorb hob und senkte sich auf beruhigende Weise, es kam mir wie ein Wunder vor.
Eilig nahm ich meine weiteren Utensilien zur Hand und legte einen Zugang in den linken Unterarm. Ein Beutel mit Kochsalzlösung baumelte bereits an seinem Gestell und ich öffnete den Hahn, nachdem ich den Schlauch am Zugang befestigt hatte.
Erleichtert atmete ich auf. Ich hatte es tatsächlich geschafft und das auch noch viel leichter, als ich für möglich gehalten hatte.
Seine Seele bewegte sich, wie es jede tat, wenn sie im Schlaf dahintrieb. Jetzt musste ich nur noch abwarten, bis er erwachte. Was meinen Berechnungen nach eine ganze Weile dauern könnte. Ich erwartete es in frühestens zwölf Stunden.
Mein Herz schlug bedenklich schnell und trotzdem konnte ich nicht anders, als mich über meinen Erfolg zu freuen. Eine große Last fiel von meinen Schultern, machte mich übermütig und weckte in mir den Wunsch, es gleich noch einmal zu versuchen.
Der Krebstrolley half mir dabei, den Soldaten mit dem weißblonden Haar von der Fläche des Sterilisators auf eine meiner Liegen zu hieven. Ich schob die Liege neben meinen Tisch mit der bösen Delle und drückte die Bremsen der Rollen mit der Ferse runter.
Dann lief ich zu den anderen eisigen Kisten. Zielstrebig hielt ich auf die eine zu. Die einzige Kryokapsel, die für mich wirklich von Belang war. Fast bedächtig strich ich mit den Fingern über das Glas und betrachtete noch einmal den schlafenden Mann darin.
Gleich würde ich ihn zurückholen und spürte neben der Nervosität auch eine Spur von Angst in mir. Was war er wohl für ein Mann? Und war ich wirklich mutig genug, das herausfinden zu wollen?
Doch mein Hochgefühl trieb mich weiter an, ließ sogar das Ziehen in meinen Schultern unwichtig erscheinen, das ich jedes Mal spürte, wenn ich an den unhandlichen Griffen des Trolleys zog.
Ich war bereit, mich einem weiteren Risiko zu stellen, und atmete tief durch, ehe ich mich an dem Sicherheitsverschluss zu schaffen machte. Diesmal überwand ich ihn schneller als beim ersten Mal und das Zischen des Deckels ließ mich die Luft anhalten.
Denn nun lag er vor mir. Tiefgefroren und doch unglaublich erhaben. Die Muskeln an seinen Armen zeichneten sich perfekt durch das hautenge schwarze Oberteil ab und auch der Rest schien gut definiert zu sein. Obwohl seine Gestalt, im Gegensatz zu dem blonden Hünen auf meiner Liege, eher schmal war, wirkte er nicht schwach, sondern gefährlich wie ein Raubtier. Er hatte auch nichts von der Grobschlächtigkeit der Männer, die hier mit mir ihr Leben fristeten. Seine Beine steckten in einer einfachen schwarzen Hose. Seine Füße ebenfalls in schweren Kampfstiefeln.
Und dann sein Gesicht; kalkweiß wie das Eis selbst und so nah, dass ich es hätte berühren können. Die Versuchung war groß, die Finger nach ihm auszustrecken, so frech zu sein, ihn anzufassen.
Doch ich erinnerte mich selbst daran, dass ich nicht alle Zeit der Welt hatte. Schnell nahm ich den Trolley und bugsierte den gefrorenen Körper in das Gerät. Diesmal fiel es mir schon sehr viel leichter, den Knopf zu drücken, und ich richtete meine Aufmerksamkeit auf die Seele vor mir.
Mit Mühe musste ich mich regelrecht zurückhalten, nicht sofort tiefer in die schimmernden Funken einzudringen, deren leichte Bewegungen auf mich so anziehend wirkten. Doch ich durfte auf keinen Fall den Zeitpunkt verpassen, an dem es kritisch wurde.
Fast ein wenig zu früh drückte ich den Knopf erneut und die Klappe hob sich.
Wieder schnappte ich mir zuerst das Thermometer, ließ mir selbst keine Zeit, um wieder mit meinen Gedanken abzuschweifen.
33,2° C stand auf der Anzeige und ich fluchte innerlich. Das war fast noch zu kalt. Doch das Herz würde ich auch so in Gang bekommen. Der Gurt war schnell über die Brust gelegt und tat seine Arbeit, während ich auf die andere Seite des Raumes lief und die Rotlichtkammer einschaltete.
Ich musste mich ranhalten, die Aufregung machte mich ganz kribbelig. Eigentlich zu kribbelig für meinen Körper. Aber ich würde mich erst um mich selbst kümmern, wenn ich hier alles unter Kontrolle gebracht hatte.
Als der Gurt ein Signal gab, kam ich zurück und sah, wie der erste Atemzug seinen Brustkorb hob. Er lebte. Mein Herz schlug so schnell, dass es mir einen gefährlichen Stich versetzte.
Andächtig berührte ich seinen Arm, die Haut, die sich zwar kühl, aber lebendig anfühlte, und stach viel vorsichtiger als bei dem anderen Mann die Nadel in die Haut. Der Schlauch wurde angesteckt und ich fixierte den Zugang mit einem Pflaster, dessen Ränder ich gründlicher feststrich, als nötig gewesen wäre.
Ich konnte es kaum erklären, aber ich verspürte in mir den Drang, diesen Mann zu berühren. Auch wenn es nur sein Arm war, begann mein Bauch zu kribbeln und ich bekam schwitzige Hände.
Behände hob ich ihn mit dem Trolley aus dem Sterilisator und schob ihn rüber in die Rotlichtkammer, um die fehlende Temperatur auszugleichen.
Seine Seele war aus der Reglosigkeit in einen tiefen Traum aufgestiegen und ich beobachtete eine Weile die wellenförmigen Bewegungen, die typisch für die Tiefschlafphase und andere komatöse Zustände waren.
Doch seine Seele war stark und pulsierte im Schlag seines Herzens. Ich sah sie mir gerne an und das konnte ich von nicht vielen Seelen behaupten. Liebe und Hass tanzten in jeder einzelnen Faser umeinander und füllten seine Seele mit Leben und wundersamen Gefühlsmustern.
Auch wenn er schlief, konnte ich diese beiden Gefühle schon besser einschätzen als noch vor ein paar Minuten. Die Liebe war eine feste, beständige Liebe, die ich gut einordnen konnte. Ich hatte sie bei meiner Mutter gesehen und sie bedeutete eine starke familiäre Bindung.
Der Hass wiederum war ein wenig schwieriger. Hass konnte so vieles sein. Doch es war weder ein Hass aus Unzufriedenheit heraus noch einer, der aus Liebe entstanden war.
Die Anzeige piepste und ich schreckte aus meinen Gedanken hoch. Das Gerät hatte den Körper auf 37°C erhitzt und ich schaltete es ab.
Mühsam beförderte ich den Mann auf meine zweite Behandlungsliege und setzte mich erst einmal erschöpft hin.
Es war unvorstellbar, dass ich wirklich zwei Personen aus dem Kryoschlaf geholt hatte, obwohl es mir vor ein paar Stunden noch völlig unmöglich erschienen war. Die Seelen der beiden Männer zeigten mir, dass ich alles richtig gemacht hatte und keiner zu Schaden gekommen war. Jetzt blieb mir nur noch das Warten.
Ächzend erhob ich mich wieder und zog meinen Eimer näher zu dem Mann, der mich schon von Anfang an fasziniert hatte. Ich ließ mich nieder, stützte meine Unterarme an der Seite der Liege ab und betrachtete ihn zum wiederholten Male.
Mein Puls ging immer noch viel zu schnell und ich hob schüchtern die Hand, um ihm eine dunkle Haarsträhne aus der Stirn zu schieben. Meine Finger strichen leicht über seine Haut, zeichneten vorsichtig seine Nase nach, doch als ich seine Lippen berühren wollte, verließ mich schlussendlich der Mut. Mein Magen flirrte, meine Hände zitterten und meine seltsamen Gedanken waren mir selbst fremd. Noch nie hatte ich dergleichen empfunden und ich konnte mich auch nicht sonderlich gut mit dem Gedanken anfreunden, dass ein schlafender Mann solche Empfindungen in mir hervorrufen konnte.
Es war einfach kindisch. Ich kannte ihn doch gar nicht. Weder wusste ich seinen Namen noch wie seine Stimme klang oder womit sich seine Gedanken beschäftigten. Sein Charakter war mir weitestgehend unbekannt, wie auch seine moralischen Standpunkte. Und doch schlug mir das Herz bis zum Hals.
Ich hatte den ganzen Tag nichts gegessen, trotzdem fehlte mir der Appetit. Meine Gedanken kehrten immer wieder zu ihm zurück, mein zusätzlicher Sinn richtete sich ständig auf seine Seele und ich wurde nicht müde, sein Gesicht anzusehen.
Mein Leben lang hatte ich Männer gefürchtet, mich vor ihnen versteckt und so viel Abstand wie möglich zu ihnen gehalten.
Was war nur mit mir geschehen, dass ich anfangen musste, an meinem Verstand zu zweifeln?
7

Erwachen
Ich erwachte von dem leisen Fiepen, das der Beutel mit der Kochsalzlösung von sich gab, als er beinahe geleert war. Schwer hob ich den Kopf und blinzelte ins weiße Licht der Deckenbeleuchtung. Mein Nacken knackte und ich wischte mir eine Sabberspur von der Wange. Stöhnend richtete ich meinen Rücken auf und schnappte nach Luft, als ein scharfer Schmerz in meine Brustwirbel fuhr.
Ich war doch tatsächlich mit dem Kopf auf der Liege eingeschlafen. Mein Mund war wie ausgedörrt und mein Hals schmerzte. Langsam erhob ich mich, ging mit kleinen Schritten zum Waschbecken und spritzte mir erst einmal lauwarmes Wasser ins Gesicht.
Kaltes gab es hier kaum. Die Hitze der Wüste hielt die Rohre warm verpackt und leitete die Wärme ins Wasser.
Ich trank ein paar Schluck direkt aus der Leitung und ging dann zu meinem Loch, um mich abzutrocknen und mir meine tägliche Tablettendosis einzuverleiben. Ein Blick in die Spiegelscherbe, die an meiner Wand hing, zeigte mir ein ziemlich zerzaustes Mädchen mit schlimmen Augenringen und einem harten Zug um den Mund, der wohl von meinen Schmerzen herrührte. Mit den Fingern fuhr ich mir durch die Locken, löste ein paar Knoten und versuchte es nicht noch schlimmer zu machen.
Das wiederholte Fiepen erinnerte mich daran, dass ich zu tun hatte. Ein Blick auf die Anzeige über der Tür verriet mir, dass ich lediglich drei Stunden geschlafen hatte. Ich fühlte mich noch immer zerschlagen, aber die Nacht neigte sich bereits dem Ende zu.
Ich ging zurück zu den beiden Pritschen. Meine Knie taten bei jedem Schritt weh und die Muskulatur in meinem Hintern war ziemlich in Mitleidenschaft gezogen worden. Warum hatte ich auch im Sitzen geschlafen? Gähnend rieb ich mir den Nacken und knete den Übergang von Hals zu Schulter zwischen zwei Fingern.
Am besten wechselte ich die Beutel und zog mich noch mal eine Weile in mein Loch zurück. Vielleicht würden dann auch die Kopfschmerzen besser werden, die ich schon seit zwei Tagen hatte.
Ich schloss die Zufuhr am Schlauch, wechselte den Beutel am Bett des blonden Hünen und griff nach seinem Arm, um zu kontrollieren, ob die Haut um die Einstichstelle herum auch nicht zu sehr gerötet war.
Meine Finger legten sich auf die Haut des Mannes und ein Ruck ging durch ihn hindurch. Was folgte, dauerte nur einen Wimpernschlag. Der Arm wurde mir entrissen, eine riesige Pranke schloss sich um meinen Hals und drückte mir die Luft ab.
Es war viel zu schnell gegangen, als dass ich in irgendeiner Art hätte reagieren können. Kein Ton kam über meine Lippen und meine Lunge krampfte sich sofort zusammen.
»Was tust du da, du Schlange!«, grollte der Blonde und durchbohrte mich mit seinem scharfen Blick. Ich konnte ihn nur mit großen Augen anstarren und sein Handgelenk mit meinen kleinen Fingern umschließen, während meine Lunge nach Sauerstoff schrie. Auch mein Herz krampfte sich durch den Schreck zusammen, während ich zu verstehen versuchte, was gerade geschah.
Dieser Mann hätte frühestens in acht bis zehn Stunden aufwachen dürfen. Es fehlte ihm noch eine Menge Flüssigkeit und sein Kreislauf konnte unmöglich stabil genug sein, um sich plötzlich aufzurichten und mich zu erwürgen.
Mir dagegen wurde bereits schwindelig, schwarze Punkte tanzten vor meinen Augen und ich zog mit so wenig verbliebender Kraft an seiner Hand, dass ich fürchtete, er würde es nicht mal spüren.
»Lass sie los!«, sagte eine tiefe Stimme und die grau verwaschenen Augen richteten sich auf jemanden hinter mir. Sofort öffnete der blonde Riese die Hand und ich fiel wie ein Sack voll Sand zu Boden.
Japsend holte ich Luft, hustete, rollte mich auf dem Boden zusammen und wartete darauf, dass mein Brustkorb aufhörte zu brennen.
»Wer ist sie?«, hörte ich den Blonden fragen und drückte mir die Fäuste gegen das stechende Herz.
»Ich weiß es nicht. Aber es ist möglich, dass sie diejenige ist, die uns aufgeweckt hat. Also wäre es vielleicht ratsam, sie nicht gleich umzubringen!«, antwortete ihm die andere Stimme scharf und dann quietsche das Untergestell der Krankenliege hinter mir. Er war es.
Ich wusste es, noch bevor er in mein Blickfeld trat, über mir aufragte wie ein Krieger, gefährlich und doch der Traum meiner schlaflosen Nächte. Er reichte mir die Hand zum Aufstehen. Mir war immer noch schwindelig und der Blick in seine türkisgrünen Augen machte es nicht besser.
Dennoch ergriff ich zögerlich seine Finger, die sich fest um meinen Handrücken schlossen. Warm und voller Kraft. Schwankend kam ich auf die Füße und er legte mir die Hand an die Seite, damit ich nicht wieder umfiel.
Ich zuckte vor der Berührung zurück und entzog ihm meine Finger. Mein Herz schaffte es nicht, den Schreck zu überwinden und langsamer zu werden. Es stürzte sich einfach in die nächste Aufregung und das war mit dem kürzlichen Sauerstoffmangel keine gute Kombination.
»Alles in Ordnung?«, erkundigte sich der Mann vor mir ruhig und hob eine Augenbraue.
Ich blinzelte verwirrt. »Ich muss mich kurz setzen«, flüsterte ich und machte die wenigen Schritte zu meinem Eimer, auf dem ich mich vorsichtig niederließ und mich mit dem Rücken gegen die Liege lehnte.
Die zwei Männer sahen mir dabei zu und ich schloss die Augen, um einen schnellen Blick in ihre Seelen zu werfen. Hätte ich das mal vorher schon gemacht, wäre mir der Überraschungsangriff vielleicht erspart geblieben.
Der Blonde hatte eine gelassene innere Haltung, die sich auf die Anwesenheit des zweiten Mannes stützte. Es war Vertrauen, Anerkennung und sogar Zuneigung auf familiärer Basis. Wie bei Brüdern. Nur dass sie sich nicht im Geringsten ähnlich sahen.
Er, der Mann, der mein Herz bewegte, hielt seinen Arm ausgestreckt, damit der Schlauch darin nicht den Beutel mit der Kochsalzlösung vom Haken holte. Seine Seele war unruhig, stürmisch, seine Gefühle angehaucht von Misstrauen und sein Geist voller ungefasster Meinungen. Er traute mir nicht, weil er mich nicht kannte, und doch hatte er mich davor bewahrt, von seinem Bruder erwürgt zu werden.
Vielleicht sah er in mir ja eine Art von Nutzen. Vielleicht war ich es aber auch einfach nicht wert, von einem wie ihm nicht wie eine Küchenschabe angesehen zu werden.
»Welches Jahr haben wir?«, wollte er von mir wissen und ich öffnete die Augen.
Ich dachte kurz nach. Wusste ich das überhaupt?
»Ich hab keine Ahnung«, gab ich also zurück. »In welcher Zeitrechnung denn?«
Das war etwas, um das ich mich nie gekümmert hatte. Die Zeit war hier relativ bedeutungslos. Selbst ZentralStunden waren nur eine Maßeinheit, die niemandem half. Schließlich würde ich sowieso nie von diesem trostlosen Wüstenplaneten wegkommen.
Also noch etwas, bei dem ich ihm nicht nützlich war. Doch ich konnte wenigstens das machen, wofür ich da war. »Könntest du dich wieder auf die Liege legen?«, fragte ich vorsichtig und erhob mich von meinem Eimer. Meinem Kreislauf ging es wieder besser. Meine Tabletten würden hoffentlich auch gleich anfangen zu wirken und mir den stechenden Schmerz in den Beinen und im Rücken nehmen.
Der Mann kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen, was sie noch katzenhafter wirken ließ als ohnehin schon. Sein Blick war intensiv, was durch die Farbe seiner Iris nur verstärkt wurde.
Mir lief ein Schauer den Rücken hinunter, der nicht so unangenehm war wie sonst, wenn ich die Gefahr vor mir spürte. Dieser Mann machte einfach alles anders in mir.
»Was ist in den Beuteln?«, stellte er mir eine Gegenfrage, ohne auf meine Aufforderung einzugehen.
Berechtigte Frage, dachte ich mir. Ich hatte keine Ahnung, wann und wo diese Menschen eingefroren worden waren, doch wenn ich irgendwo in einem fremden Raum mit einem Schlauch im Arm erwachen würde, wäre das wohl auch eine meiner Fragen.
»Kochsalzlösung«, gab ich also bereitwillig Auskunft. »Ihr habt beim Aufwachen viel Wasser verloren.« Ich wünschte, ich hätte eine stärkere Stimme, doch ich war einfach noch zu atemlos. Vorsichtig wagte ich es, einen Schritt nach vorne zu machen, um ihn dazu aufzufordern, sich ebenfalls in Bewegung zu setzen. Doch er stand starr wie ein Felsen.
»Hast du uns aufgeweckt?« Er sah auf mich herunter und ich fühlte mich unangenehm berührt, weil ich plötzlich so dicht vor ihm stand. Zumindest näher, als ich einem Mann sonst kam.
Verhalten nickte ich und wies wieder auf die Liege. »Bitte. Ich muss den Beutel ersetzen«, gab ich ihm zu verstehen und endlich bewegte er sich.
Seine Augenbrauen hoben sich in einer Art Überraschung und er trat zurück an die Liege, auf die er sich setzte. Er war so groß, dass er sich einfach nur niederlassen musste. Sein Körper machte so geschmeidige Bewegungen, und das obwohl er gerade total dehydriert aus einem Kryokoma erwacht war.
Ich versuchte die Blicke zu ignorieren, die jeden meiner Handgriffe verfolgten, als ich den Schlauch schloss und den Wasserbeutel erneuerte.
»Darf ich?«, erkundigte ich mich schüchtern bei ihm und zeigte auf seinen Arm.
Er hielt ihn mir hin und ich griff zögerlich danach. Meine Finger berührten seine Haut und mir wurde ganz heiß im Bauch. Meine Hände zitterten, als ich die Rötung begutachten wollte, die nicht vorhanden war. Wie seltsam.
»Ich heiße Daya«, sagte ich ganz unvermittelt und wusste selbst nicht, warum ich so plötzlich den Drang verspürte, ihm meinen Namen mitzuteilen.
Ich hob den Blick und sah in die Augen, die mich die ganze Zeit über beobachteten.
Fragend hob ich eine Augenbraue und wartete, ob er mir seinen Namen ebenfalls verraten würde. Er sagte jedoch nichts und ich fühlte mich auf einmal dumm, ihn so bedrängt zu haben.
Schnell senkte ich den Blick wieder und fragte mich, was ich eigentlich hatte bezwecken wollen. Gerade hatte ich doch schon festgestellt, dass ich es nicht wert war, von ihm beachtet zu werden.
Ich sah nach, ob der Zugang des Schlauches frei war und musste mich dann regelrecht überwinden, seinen Arm wieder loszulassen. Seine Haut war warm und glatt, Muskeln und Sehnen traten deutlich hervor und verführten dazu, ihnen mit den Fingerspitzen zu folgen.
Ich blinzelte die völlig irrationalen Gedanken beiseite und öffnete den Schlauch wieder.
Möglichst routiniert wirkend, drehte ich mich zu dem Blonden um und kontrollierte seinen Zugang vorsichtshalber auch noch mal. Er sah mich ebenfalls dabei an, warf aber immer wieder seinem Gegenüber Blicke zu. Ihren Seelen konnte ich entnehmen, dass sie froh waren, einander wiederzusehen, so als wenn sie sich nicht sicher gewesen waren, dass dieser Tag jemals kommen würde. Es fühlte ich richtig familiär an, wie Brüder, die füreinander durchs Feuer gingen oder auch schon gegangen waren.
Eine Träne stahl sich aus meinem Auge und ich blinzelte sie schnell weg. Ich hatte solche Gefühle schon so lange nicht mehr gespürt. Jetzt fehlte mir meine Mutter mehr denn je und auch die Geborgenheit einer Familie. Doch ich würde auch in Zukunft wenig Aussicht darauf haben.
Es gab Situationen, da konnte ich das akzeptieren, damit abschließen, dass mein Leben bald und lieblos enden würde.
Aber Momente wie dieser brachten mich dazu, meinen so logisch gefassten Entschluss anzuzweifeln und die Sehnsucht in mir zum Vorschein zu bringen.
Ich war nicht gerne allein. Aber ich zog die Einsamkeit der Gesellschaft von solchen Männern vor, wie es sie hier auf diesem Planeten gab.
Apropos.
Ich spürte Seelen näher kommen und schreckte zusammen, als ich erkannte, dass es sich um Boz und Vento handelte.
»Oh scheiße!«, entfuhr es mir leise, während ich mich hektisch umsah. Wieso hatte ich nur damit gerechnet, dass er sich nach seiner Ankündigung auch erst in drei Tagen blicken lassen würde? Und was wollte er denn so früh am Morgen von mir?
Ich wandte mich an die beiden Soldaten. »Äm, okay. Legt euch hin, schließt die Augen und tut so, als wärt ihr nicht bei Bewusstsein«, wies ich sie an und sah noch einmal zur Tür, die sich in den nächsten paar Sekunden öffnen würde. Ich hatte nicht einmal mehr Zeit für Erklärungen, doch als ich mich zurückdrehte und zu den Männern sah, lagen sie entspannt auf ihren Liegen, die Augen geschlossen und sogar ihre Atmung war flach und gleichmäßig.
Einen Moment war ich sogar unsicher, ob sie wirklich bereits erwacht waren oder ich mir das nur eingebildet hatte.
Dann schob jemand mit Wucht die Tür auf und ich schreckte herum.
»Boz«, brachte ich kleinlaut zustande und senkte sofort den Blick. »Was machst du so früh …«
»Du hast es geschafft!«, unterbrach er mich mit einem triumphierenden Grinsen, als er die Männer auf den Liegen entdeckte, und trat zu ihnen heran, um sie zu betrachten. »Vento, hol ein paar Männer aus den Betten! Wir brauchen Freiwillige, die uns ein paar fette Sumpfsauger aus den Höhlen holen, um ihrer Brut ein neues Zuhause zu geben«, wandte er sich an den Mann in der Tür und dieser wollte schon loseilen, als ich dazwischenging.
»Nein!«, rief ich, lauter als ich es gewöhnlich tat, und zuckte vor der Kraft meiner eigenen Stimme zusammen.
Vento hielt inne und starrte mich an. Boz’ Blicke durchlöcherten mich mit Ärger und einer Spur zu viel Misstrauen.
In Ordnung, jetzt musste ich meine Ausrede nur gut rüberbringen. »Es ist noch zu früh«, versuchte ich es in einem beschwichtigenden Ton. »Die Männer sind noch nicht wiederhergestellt«, erklärte ich weiter und trat näher an die Liegen. Meine Finger griffen nach dem Schlauch, über den die Kochsalzlösung in die Adern des Mannes floss, dessen Erscheinung mich völlig aus dem Konzept brachte. Auch jetzt spürte ich seine Seele so präsent neben mir, als würde seine Aufmerksamkeit nur mir gelten.
»Wenn wir ihnen die Sauger jetzt schon ansetzen, wird das einen so großen Schaden anrichten, dass sie niemals aus dem Koma erwachen werden.« Ich hoffte inständig, dass ich glaubwürdig rüberkam. Meine Stimme hatte bei all den Lügen leicht gezittert. Aber ich hatte noch nie den robustesten Eindruck gemacht. Vielleicht würden sie es einfach als Schlafmangel, kindliche Schüchternheit oder großen Respekt abtun.
Boz war nicht zufrieden. Sein Grinsen hatte sich gänzlich aufgelöst, sein Inneres war verstimmt. »Und wann wäre es deiner Meinung nach so weit?«, wollte er wissen und Spott verzerrte seine Stimme, als wäre meine Sicht der Dinge nicht entscheidend für seine Handlungsfreiheit. Schließlich musste er vor seinen Männern zeigen, dass er hier die Befehle gab, und nicht ich.
»Zwei Tage«, behauptete ich dermaßen überzeugt, dass ich es beinahe selbst geglaubt hätte, und bereute dennoch sofort, nicht drei gesagt zu haben. Doch vielleicht wäre das dann doch zu lang gewesen für Boz’ dünnen Geduldsfaden. Und ich wollte auf keinen Fall, dass dieser riss.
Aber würde ich mir in so kurzer Zeit eine gute Strategie ausgedacht haben, um das Dilemma, in dem ich und die Menschen aus den Kryokapseln steckten, zu beseitigen? Ich musste wohl.
»Gut. Ich gebe dir die Zeit. Aber sei dir sicher, dass ich in zwei Tagen wieder hier stehen werde und wenn du dann nicht ein paar willenlose Soldaten für mich hast, dann werde ich deinem sinnlosen kurzen Leben ein Ende setzen!«, drohte er mir. Mit jedem Wort wurde seine Seele finsterer.
Ich zuckte zusammen und klammerte mich mit der Hand an das Gestell der Liege, bis die Fingerknöchel weiß hervortraten. Boz war kein Mann von leeren Worten. Er hatte bisher alles, was er angedroht hatte, auch wahr gemacht.
Doch ich konnte nicht verstehen, wieso ihn die Aussicht, diese genetisch hochgezüchteten Männer nicht als seine Soldaten einzusetzen, so rasend machte, dass er mir mit dem Tod drohte. Das hatte er früher nicht getan. Er musste sich Großes davon versprechen, diese Kampfmaschinen auf seiner Seite zu haben.
Zittrig atmete ich ein, als sich hinter Boz und Vento die Tür schloss, und strich mir angespannt eine Locke aus der Stirn.
»Du hast ihn angelogen«, kam es von neben mir und ich zuckte zusammen. Ruckartig zog ich die Hand vom Gestell der Liege weg, drehte mich dem Mann hinter mir halb zu und biss mir auf die Unterlippe. Er lag noch immer, sah mich durch halb geschlossene Augen an, der Blick kritisch, abschätzig. »Warum?«, verlangte er zu wissen und ich wusste schon jetzt, dass ich seinen Augen wahrscheinlich niemals etwas abschlagen könnte.
»Damit er euch nicht umbringt«, antwortete ich ihm also wahrheitsgetreu und wandte mich verlegen ab.
Ich sah die Kiste mit dem Verbandszeug und anderen Dingen, die ich immer noch nicht wieder in Ordnung gebracht hatte, und trat an den Tisch neben der Liege, um mich ans Aufräumen zu machen. Die Gegenwart dieses Mannes machte mich fahrig und ich musste meine Finger beschäftigen, damit ich nicht dumm in der Gegend herumstand und nervös meine Hände knetete, während mein Herz zu hüpfen begann.
»Es klang eher, als wollte er uns für seine Zwecke einsetzen.« Obwohl seine Stimme weiterhin neutral klang, hatten seine Gefühle sich verändert. Wut und Hass strömten an die Oberfläche und richteten sich auf eine Erinnerung, die ich nicht sehen konnte, weil ich nur an der Oberfläche kratzte und mich im Moment nicht tiefer hineinwagte.
»Ja. Er will euch Hirnsaft saugende Egel in den Nacken setzen. Sie schwächen den freien Willen und machen einen für Befehle zugänglich. Und dann vergiften sie dich, machen dich wahnsinnig und führen zum Tod«, erklärte ich und versuchte, dies gelassen zu tun. Doch meine eigenen Erinnerungen machten mir einen Strich durch die Rechnung, sodass meine Stimme zum Ende hin immer dünner wurde.
Er nahm die Erklärung einfach hin und lenkte seine Fragen auf einen anderen Punkt. »Warum zwei Tage?«
Mir begann die Hitze den Rücken hochzusteigen. Es machte mich völlig verrückt, dass er mich die ganze Zeit zu beobachten schien. Jede meiner Bewegungen verfolgte er mit den Augen, jede kleinste Mimik wurde von seiner Seele aufgefangen und bewertet.
»Es ist kurz genug, dass Boz nicht die Geduld verliert und hoffentlich trotzdem so lange, dass mir was Gutes einfällt, um euch das nicht antun zu müssen«, gab ich zu und steckte steril verpackte Braunülen in eine schmale Metallbox.
Ein tiefes Lachen erklang und ich hob erschrocken den Kopf. Der Mann mit dem dunklen Haar und den raubtierhaften Augen richtete sich auf der Liege auf, sodass sich seine Bauchmuskeln unter dem schwarzen Oberteil wölbten. Dabei lachte er so laut, dass ich fürchtete, es könnte jemand außerhalb dieses Raumes hören.
Ganz automatisch streckte ich meinen Sinn in alle Richtungen aus und vergewisserte mich, dass wir in näherer Umgebung allein waren.
Mir fiel jedoch schreckartig auf, dass die Seele des blonden Hünen viel zu gleichmäßige Wellen schlug. Alarmiert lief ich um den Tisch herum und sah nach ihm. Doch es schien, als ob er bloß eingeschlafen wäre. Wunderlich, fand ich, aber gut. Jeder brauchte seinen Schlaf, vor allem dann, wenn man dehydriert viel zu früh aus einem Koma erwachte.
»Er ist nur eingeschlafen«, sagte der Dunkelhaarige und beruhigte sich langsam wieder. »Das ist bei Ares so. Der schläft, wo er sitzt und steht.«
Ich sah ihn verstohlen an. »Ares«, murmelte ich und schob die Hände in die Taschen meiner übergroßen Strickjacke. Jetzt wusste ich wenigstens einen von zwei Namen, auch wenn mir der andere lieber gewesen wäre. Doch er schien es in dem Blick zu sehen, den ich ihm zuwarf, denn er reagierte sofort.
»Mein Name ist Khaos«, stellte er sich vor und meine Lippen lächelten verlegen, obwohl ich es zu verhindern versuchte. Aber ich konnte nicht. Seinen Namen zu wissen, machte mich unglaublich kribbelig, als würde eine Art Euphorie in mir überkochen.
»Es war ein Fehler, uns aufzuwecken«, fügte er plötzlich hinzu und sein Gesicht wurde schlagartig ernst. »Und wahrscheinlich auch, mir zu sagen, was dieser Boz mit uns vorhat.«
»Weil ihr wach seid und uns alle töten werdet, bevor wir euch so was antun können?«, stellte ich die Frage und meinte es eigentlich als Aussage. Ich konnte es in ihm spüren. Er war stark und er wusste, wie er den Hass in sich einsetzen musste, um zu überleben. Er würde sich niemals einfach so ergeben, schon gar nicht, wenn er das Leben seiner Familie gefährdet wusste.
»Du weißt das und trotzdem hast du dich dazu entschieden, uns zu wecken und mich in den Plan einzuweihen?« Das war eine Frage, doch ich wusste keine Antwort darauf und zuckte nur mit den Schultern.
»Wie hast du dir das vorgestellt? Zwei Tage, um uns alle ins Leben zurückzuholen, wir fliehen und dein Boz bringt dich um, wenn wir es nicht vorher tun?«, zählte er mir die logischen Schritte auf, die jetzt wohl unweigerlich folgen würden.
Natürlich wünschte ich mir nicht, dass es so lief. Doch wenn ich es nicht ändern konnte, dann war das wohl der Weg, den ich mit meinem Gewissen hatte vereinbaren können.
Freudlos schnaubend zog ich die Hände wieder aus den Taschen, die Handflächen nach vorn gerichtet. »Ich bin eine schwache, kranke Frau in einer Höhle voller Ungeheuer. Ich lebe auch so nicht mehr lange. Wieso sollte mein Leben mehr wert sein als das von dreiundzwanzig Menschen?«, eröffnete ich ihm die traurige Wahrheit und wusste selbst nicht, warum ich den Drang verspürte, vor diesem Mann absolut nichts zu verheimlichen.
8

Pläne
Khaos sah mich an, sein Blick gar nicht mehr so abschätzig und misstrauisch wie gerade eben noch. Seine Seele zeigte gemischte Gefühle, von Erstaunen bis Unglauben. Ich hatte ihn beeindruckt und das überraschte mich.
»Ich kann mir nicht vorstellen, dass dir dein Leben so wenig wert ist«, sagte er und der tiefe Bass seiner Stimme erzeugte eine warme Gänsehaut auf meinen Schultern, die sich über den ganzen Rücken nach unten zog. Ich unterdrückte den Impuls, mich zu schütteln, und sah ihn weiter unverwandt an.
»Mein Leben ist mir sehr viel wert«, versuchte ich mich zu erklären, damit er nichts Falsches über mich dachte. »Doch ich kann es nicht mehr lang festhalten. Also muss ich versuchen, dem Leben anderer zu helfen, solange ich kann.« Jetzt schaffte ich es nicht mehr länger, dem Blick aus seinen Augen standzuhalten, und starrte auf meine Hände.
Khaos blieb still, beobachtete mich, und ich schloss für einen Moment die Augen, um mich seiner Seele zu nähern. In ihm kämpften zwei Gedanken, die um den vorrangigen Platz in seinem Kopf zankten. Rettung und Krieg. Liebe und Hass.
Liebe zu seiner Familie, Menschen, die immer noch eingefroren waren, um die er sich sorgte und die er in Sicherheit wissen wollte.
Und Hass gegen die ganze Welt, gegen jeden, der ihm und seiner Familie im Weg stand. Die ihnen die Freiheit, die Einigkeit oder das Leben nehmen wollten. Der Drang, aktiv gegen diese in den Krieg zu ziehen und sie zu vernichten, um seiner Familie so zum Frieden zu verhelfen.
Es war ein Moment, in dem man etwas Großem gegenüberstand und sich selbst plötzlich über die Maßen klein fühlte. Wie wenn ich mich nachts zu einer Luke im oberen Teil des Wärtertraktes schlich, den Riegel aufdrehte, um die Sterne zu beobachten, und von der Unendlichkeit des Universums überwältigt wurde.
Nur dass es diesmal nicht die Sterne waren, die mich so in ihren Bann zogen, sondern nur eine einzelne Seele, an der ich so festhing, dass ich fürchtete, mich selbst früher oder später an sie zu verlieren.
Doch ich machte mir viel zu viele Gedanken über mich selbst.
Ich blinzelte und hob den Blick. Es gab so viel Wichtigeres zu tun.
Khaos wurde von meiner Bewegung ebenfalls aus seinen Gedanken gerissen und schnaubte. »Zwei Tage also?«, meinte er und ich nickte. »Dann würde ich vorschlagen, du sagst mir, wo wir hier sind, und ich sage dir, wie der Plan aussieht.«
Er war so sehr davon überzeugt einen Plan entwickeln zu können, der funktionieren würde, dass ich beinahe gewillt war ihm bedenkenlos zu glauben. Aber meine Erfahrung sagte mir, dass es wahrscheinlich schwieriger werden würde, als er dachte.
Ich seufzte, schob die Kiste mit dem Verbandszeug beiseite und stützte meine Handflächen auf die Platte des Arbeitstisches. An meinen Händen war die Haut trocken und rissig, und ich zog unauffällig die Ärmel meiner Strickjacke darüber. »Dieser Planet heißt Veko Beta VI«, begann ich und lehnte mein Gewicht mehr auf die Arme, um meinen Rücken zu entlasten. Gerne wollte ich mich setzen, doch ich hatte keinen Stuhl mehr und der Eimer stand so weit weg, dass es mir peinlich war, ihn von dort zu holen. »Es ist ein Gefängnisplanet, der vor etwa fünfzehn zentralen Standardjahren von den Insassen übernommen wurde. Seitdem ist kein einziges Schiff mehr hier gelandet.«
Äußerlich reagierte er auf meine Informationen überhaupt nicht. Innerlich begann allerdings alles aufzuwallen und ein Gedanke jagte den anderen. Es war so faszinierend zu sehen, wie schnell er zu denken fähig war, dass ich beinahe vergaß weiterzusprechen.
Verhalten räusperte ich mich. »Dieser Raum ist die ehemalige Krankenstation. Zu ihren guten Zeiten sah sie auch nicht wesentlich besser aus«, erklärte ich und fügte leise hinzu: »Sagte man mir zumindest.«
Meine Mutter war damals, nach dem Mord an einem Patienten, verurteilt worden. Ihr Opfer war der Schänder und Mörder ihrer Schwester gewesen, ein boshafter Mann, der sein Schicksal vielleicht sogar verdient hatte.
Doch für meine Mutter war es ein zu hartes Los gewesen, hierhergebracht zu werden.
Doch natürlich mangelte es den vereinigten Systemen auf solchen Gefängnisplaneten immer an Personal. Welcher ordentliche Arzt erklärte sich auch dazu bereit, sein Leben in einem trostlosen Gefängniskomplex zu verbringen, wenn er nicht gezwungen wurde, dort zu bleiben?
Meine Mutter hatte den Posten bekommen und sich so ihr Überleben in diesem Loch gesichert. Für einige Zeit jedenfalls. Denn dann hatte eine Verletzung am Rücken sie dahingerafft.
Ich hatte nichts tun können, um sie zu retten. Die schlimmsten Tage meines Lebens.
»Die Männer und Frauen, die hier leben, sind fast alle als Verbrecher hierhergekommen, oder hier zu welchen geworden. Nach dem Fall der Station haben sich die meisten von uns auf Boz’ Seite geschlagen. Die, die ihn nicht als Anführer akzeptiert haben, wurden weggejagt und leben in mehreren Clans draußen in der Wüste.«
Ich war mir unsicher, ob ich erwähnen sollte, dass Boz glaubte, sie hätten ein nicht funktionstüchtiges Schiff. Oder zumindest Teile davon. Doch ich glaubte nicht daran und ich wollte keine Hoffnung schüren, wo eigentlich keine war.
»Ich kann es sehen, wenn du mir etwas verheimlichst«, sagte Khaos plötzlich und ich zuckte erschrocken zusammen. Ich fühlte mich ertappt und war gleichzeitig verwirrt. »Dein Gesicht verrät dich. Du bist nicht sehr gut darin, Emotionen zu verstecken«, behauptete er.
Ich verdrehte die Augen. Wenn er wüsste, was ich noch so alles versteckte, dann würde er das nicht sagen.
»Manche schon, andere nicht«, antwortete ich also, um weiterhin uneindeutig zu bleiben, und fuhr mit meinem Bericht fort. Diesmal ohne irgendwelche Details auszulassen, ob nun wichtig oder nicht. »Es heißt, die Wüstenclans hätten Teile eines Raumschiffes, die man zu einem zusammensetzen könnte, wenn man wüsste wie«, eröffnete ich mit unsicherer Stimme und Khaos hob die Augenbrauen.
»Aber du glaubst das nicht«, stellte er fest und ich nickte. Ich glaubte es nicht.
Khaos’ Blick schweifte ab, ging an den Wänden entlang, begutachtete den Raum, bis er die Kapseln entdeckte, die an der Wand standen. »Wenn es keinen anderen Anhaltspunkt gibt, werde ich mich erst einmal versichern müssen, wer von euch beiden recht hat. Boz oder du.« Er wollte also da raus und sehen, was die anderen Clans hatten. Genau wie Boz es wollte.
Es bereitete mir Unbehagen, dass die beiden scheinbar in die gleiche Richtung strebten, doch es war die einzige Möglichkeit, Gewissheit darüber zu erlangen.
»Doch bis dahin müssen wir die anderen finden!«, sagte Khaos mit Bestimmtheit und ich sah ihn irritiert an.
»Welche anderen?«, erkundigte ich mich vorsichtig und blinzelte ein paarmal. Meine Augen wurden trocken, ein sicheres Zeichen, dass meine Medikamente angefangen hatten zu wirken. Bald würde es mir besser gehen.
Die Muskeln in meinen Beinen schmerzten immer noch und ich zog mich mühsam auf den Tisch, um mich zu setzen. Jetzt war es mir auch egal, was Khaos in diesem Moment darüber dachte, denn seine Seele war mit ganz anderen Sachen beschäftigt als mit mir.
»Dreiundzwanzig, sagtest du«, wiederholte er meine Worte und ich drehte mich halb zu ihm, um ihm nicht nur meinen Rücken zu zeigen. »Wir waren aber zweiundvierzig!«
Zweiundvierzig. Ich rieb mir die Augen und verbarg so die Bestürzung, die mich befiel, als ich die Zahl hörte. Neunzehn gefrorene Personen, die er vermisste.
Doch ich war mir sicher, dass ich dort unten nicht noch mehr gesehen hatte. Ich hatte dreiundzwanzig gezählt, Boz hatte dreiundzwanzig gebracht.
»Es waren nicht mehr da«, versuchte ich ihm beizubringen und prallte sogleich gegen eine Flutwelle aus Hass und Verzweiflung, die aus Khaos’ Innerem hochkochte, als würde sie dort schon lange brodeln. Ich schrak davor zurück, sodass ich beinahe von der Tischkante gefallen wäre.
Sein Gesicht hatte sich keinen Millimeter geregt, keine Emotion drang nach außen. Es wäre wohl untertrieben zu sagen, dass ich davon fasziniert war, denn einen so krassen Unterschied zwischen einem inneren und einem äußeren Menschen hatte ich noch nicht zu Gesicht bekommen. Seine Beherrschung war meisterhaft und dagegen kam ich mir wie eine schlechte Amateurin vor. Kein Wunder, dass er mich gleich durchschaut hatte. Sein Blick war schärfer als der der Männer, die hier lebten, und seine eigenen Fähigkeiten um ein Vielfaches besser als meine.
»Es müssen mehr da sein«, sagte er unglaublich ruhig und seine Stimme sank noch ein paar Töne hinab, sodass ich mich mit den Fingern an die harte Kante des Tisches klammerte, um nicht schon wieder zu erschaudern.
Ich hatte beinahe Angst, ihm zu widersprechen, weil ich nicht wusste, wie weit ich gehen konnte, bevor er explodierte und die wilde Flut an Gefühlen aus ihm herausbrach.
Doch ich musste. »Sie sind nicht hier«, wiederholte ich und nun zogen sich seine Augen doch zu gefährlichen Schlitzen zusammen.
»Wie, nicht hier?«, blaffte er mich an. »Nicht in diesem Raum? Nicht auf dieser Station? Nicht auf diesem Planeten?«
»Ich …«, begann ich und brach ab. Ich hatte nur den unteren Teil der Station gemeint. Mein Wissensstand reichte nicht aus, um zu garantieren, dass sie nicht auf einem anderen Teil des Planeten waren, auch wenn ich es für unwahrscheinlich hielt.
»Ich weiß es nicht«, gab ich also kleinlaut zu und schob mir verlegen eine Locke aus den Augen. »Dafür müsste ich …« Ich stockte. Beinahe hätte ich nachsehen gesagt.
»Müsstest du was?«, hakte Khaos natürlich sofort nach und plötzlich war seine ganze Aufmerksamkeit wieder auf mich gerichtet. In meinem Bauch begann es zu flattern, auch wenn die Situation alles andere als geeignet war, um von völlig irrationalen Gefühlen überfallen zu werden.
»Müsste ich mich erkundigen.« Ich sah ihn nicht an, doch ich wusste schon jetzt, dass er mir nicht glaubte. Vielleicht gerade weil ich ihn nicht angesehen hatte.
»Du verheimlichst mir schon wieder etwas!«, stellte er hart fest und ich stöhnte auf. Jetzt wusste ich, wie es war, ständig durchschaut zu werden. Schließlich war sonst ich diejenige, die andere durchschaute.
»Ich darf so viel verheimlichen wie ich will. Manche Gedanken sind schließlich meine Sache«, sagte ich patziger, als ich gewollt hatte, und obwohl ich erwartete, dass es ihn wütend machte, konnte ich nichts von dieser Wut spüren.
Im Gegenteil, der Sturm in seinem Inneren legte sich ein wenig bei meinen Worten und sein Mund verzog sich zu der Andeutung eines Grinsens.
»Kein Respekt vor dem Alter«, schnaubte er fast schon belustigt und ich fühlte mich unwohl, weil ich nicht wusste, was er an mir plötzlich so witzig fand.
»Gut«, meinte er dann und rollte mit den Schultern. »Wie lange muss ich noch an diesem Schlauch hängen, bevor ich mich hier umsehen kann, um mir mein eigenes Bild zu machen?«
»Wie bitte?«, fragte ich wenig schlau, weil ich nicht fassen konnte, dass er das alles hier auf die leichte Schulter nahm. Es schien, als sehe er Boz und seine Männer überhaupt nicht als reale Bedrohung. Als wären sie nur ein bisschen Ungeziefer, das er verscheuchen musste, um zu bekommen, was er wollte.
Doch ich würde ihn nicht umstimmen können. Schließlich hatte ich auch nicht die geringste Ahnung, wie stark dieser Mann wirklich war.
Boz hatte von einem Übermenschen geredet, von einer Kampfmaschine. Doch auch er war davon überzeugt gewesen, diese kontrollieren zu können.
Das hieß im Klartext, ich hatte hier einen Haufen Kerle, die sich selbst alle für die Besten hielten, und erst am Ende würde sich rausstellen, welcher von ihnen recht behielt.
»Sosehr ich deine Bereitwilligkeit, mir Informationen zukommen zu lassen, auch schätze, muss ich mir erst einmal selbst alles ansehen, bevor ich einen Plan machen kann, meine Crew und mich von diesem Planeten zu befördern«, teilte er mir mit und ich ließ die Schultern sinken.
Es war mir nicht möglich, daran zu glauben, dass es überhaupt einen Weg gab, diesen Planeten zu verlassen, aber meine Meinung zählte wahrscheinlich nicht.
»Noch ein paar Stunden, dann nehme ich die Infusion ab«, gab ich also zurück und fügte mich seinem Willen. Ich würde ihn nicht aufhalten können. Es sei denn, ich hatte eine bessere Idee.
9

Täuschungen
Es war schon wieder das schlürfende Geräusch eines sich leerenden Infusionsbeutels, das mich aus dem Schlaf riss. Der Schreck ließ mich hochfahren und alles drehte sich vor meinen Augen. Ich war wie in Trance, meine Sinne waren nicht synchron und doch schoss mir Adrenalin durch die Adern.
»Ach scheiße«, murmelte ich und griff mir an den Kopf. Meine Haare waren auf einer Seite platt gedrückt, meine Augen ein wenig geschwollen und ich hatte einen nassen Fleck auf meinem Ärmel, der zum Glück in der Farbe des grau melierten Stricks unterging.
»Tut mir leid. Ich … Oh Mann, wie lang habe ich geschlafen?«, stammelte ich verlegen und sah über meinen Tisch zu dem Mann mit den dunklen Haaren, der auf meiner Krankenliege saß und mir einen amüsierten Blick zuwarf.
Ihn zu sehen, ließ in mir das Gefühl aufsteigen, alles hier sei nur ein Traum, und die Verwirrung in meinem Kopf entfremdete mich von der Realität. Ich war einfach noch nicht richtig wach. Eindrücke stürzten auf mich ein und ich musste die meisten davon ignorieren, da mein Gehirn noch nicht fähig war, sie alle gleichzeitig zu verarbeiten.
»Ein paar Stunden«, antwortete mir der tiefe Bass seiner Stimme und schon wieder bekam ich diese schreckliche Gänsehaut am ganzen Körper, gegen die ich mich einfach nicht wehren konnte und die ein Kribbeln in mir zurückließ.
»Ich … ich hab letzte Nacht nicht … ähm, geschlafen«, brachte ich stockend hervor, schüttelte meinen Kopf, klatschte mir schließlich selbst mit den Händen gegen die Wangen, um endlich wieder zu vollem Bewusstsein zu kommen. Als ich mich von meinem Eimer erhob, fühlte sich mein Rücken ungewohnt leicht und meine Knie beinahe schmerzfrei an. Die Tabletten taten ihren Dienst.
Doch ich durfte mich nicht davon täuschen lassen. In Wirklichkeit war ich genauso angeschlagen wie noch vor ein paar Stunden.
»Dieser Boz. Was ist er?«, kam es plötzlich von Khaos und ich runzelte die Stirn. Der Beutel an Ares’ Liege begann zu fiepen.
»Welche Spezies er ist?«, erkundigte ich mich, damit ich ihn auch richtig verstand. Ich lief langsam um den Tisch herum und nahm dabei den Beutel mit der Kochsalzlösung von der Tischkante, den ich dort schon vorbereitet hatte.
Khaos sagte nichts, doch als ich zu ihm aufsah, zog sich eine steile Falte über seine erhabene Stirn und sein Blick, der auf mir lag, verlangte eine Antwort.
Ich räusperte mich nervös. »Er ist ein Mensch.«
»Ein gewöhnlicher Erdenmensch?«, wurde ich von der anderen Seite gefragt und ich zuckte instinktiv zusammen. Ares hatte die Augen geöffnet und sah mich prüfend an.
Ich musste zugeben, ich hatte nicht mehr auf ihn geachtet, seit ich bemerkt hatte, dass er schlief. Genau genommen hatte ich sogar vergessen, dass er noch hier im Raum war, so sehr hatte mich Khaos’ Gegenwart vereinnahmt.
»Nein, einer aus dem Asteroidengürtel von Kr’wçze.«
Ich fand es seltsam, dass Ares den Begriff Erdenmensch benutzte. Ein antiquarischer Begriff. Man sagte dazu eigentlich ZentralMensch.
»Mensch ist Mensch«, brummte Ares und zuckte wenig beeindruckt mit den Schultern.
»Na ja, er ist schon ein bisschen stärker«, fühlte ich mich gezwungen zu erwähnen, weil ich nicht wollte, dass er Boz zu sehr unterschätzte. Unter einem gewöhnlichen Menschen stellte ich mir etwas anderes vor als einen brutalen, blutrünstigen Schlächter, der anderen wehtat, nur um sich selbst zu beweisen, wie überlegen er doch war.
Ares schnaubte und grinste dabei sogar selbstsicher, während ich den Schlauch schloss, den Beutel wechselte und mir dann seinen Arm zeigen ließ. Der Einstich in seiner Haut war leicht gerötet, aber sonst schien alles im normalen Bereich zu sein.
»Gut, dann machen wir es so«, verkündete Khaos und nickte Ares zu, dessen Grinsen sich verbreiterte.
Moment, waren da gerade Pläne geschmiedet worden, von denen ich nichts wusste? Mein Blick schoss zu Khaos, der sich wieder auf der Liege aufgerichtet hatte und zu allem entschlossen wirkte. Seine Seele zeigte Aufbruchsstimmung, Ungeduld, endlich zur Tat zu schreiten.
Ich konnte nichts tun, als weiter meiner Arbeit nachzugehen. Um nachzufragen, war ich einfach zu feige. Schon allein, weil ich mich wie ein Nichts fühlte, im großen Schatten eines Mannes mit perfekt geformten Wangenknochen und Augen, die Autorität und Erhabenheit ausstrahlten.
Oder vielleicht war mein Blick auf ihn auch einfach nur getrübt und die Gefühle, die nicht mehr von mir ablassen wollten, begannen ihn zu idealisieren. Ich wusste selbst nicht mehr, was ich glauben konnte. Nur eines war sicher: Irgendetwas stimmte nicht mit mir!
Ich öffnete gerade den Schlauch an Khaos’ Infusion, da hielt er mir auch schon seinen Arm hin. Ich unterdrückte ein wohliges Seufzten, als meine Finger nach seiner glatten Haut griffen, und schämte mich für meine eigenen Reaktionen, die so irrational waren, dass ich sie am liebsten einem Trauma zugeschrieben hätte.
Vielleicht war es passiert, als ich beinahe gestorben war und Cobal mir die Spritze verpasst hatte? Oder eben auch nicht und es lag einzig und allein an diesem Mann, der mir den Kopf völlig verdrehte, umso länger ich in seiner Gegenwart verbrachte und je mehr Facetten seiner Seele sich mir öffneten.
Sowohl der Hass als auch die Liebe faszinierten mich ungemein, und die krassen Gegensätze seines Inneren zogen mich immer wieder in ihren Bann. Schon allein dadurch, dass nicht viel davon nach außen drang, es sei denn, er wollte es so. Leidenschaftlich, impulsiv und doch wie eine kontrollierte Explosion. Ich hätte ihn einfach stundenlang nur ansehen können.
»Wie verhalten sich Menschen, die mit einem Sumpfsauger infiziert sind?«, fragte er mich und ich zog ruckartig meine Hände von seinem Arm, die dort schon viel zu lange verweilt hatten. Jetzt starrte ich ihn erschrocken an und konnte mir nicht vorstellen, was er mit dieser Frage bezweckte. Er wollte doch wohl kaum, dass ihm einer seine widerlichen Stacheln in den Nacken rammte!
Khaos’ Mund verzog sich zu einem angedeuteten Lächeln, als er meinen verschreckten Gesichtsausdruck sah, und er schüttelte den Kopf im Angesicht meiner Leichtgläubigkeit. »Ich will vorgeben, dass so ein Tier mich kontrolliert, damit Boz uns raus in die Wüste schickt und wir uns seine Unterstützung zunutze machen können«, erklärte er und sein Lächeln entblößte eine Reihe weißer Zähne, die gefährlich auf mich wirkten. Als würde er mich gleich fressen. Sein Lächeln war mir nicht geheuer, auch wenn seine Seele sich köstlich über mein verschrecktes Verhalten amüsierte.
Und ich konnte nur den Kopf über mich selbst schütteln. Natürlich war es nur eine Finte. Warum war ich auch eine so dumme Nuss, die sich vor allem fürchtete?
»Man wird apathisch, spricht kaum und folgt willenlos Befehlen. Meistens zumindest«, flüsterte ich. Der Schrecken einer Erinnerung überzog meinen Körper mit einem unangenehmen Schauer. Ich dachte nicht gerne daran zurück, fühlte mich immer beklemmt und die Schreie der Seelen klangen in mir nach, so wie damals, als ich mit ansehen musste, wie sie litten. »Es ist ein ständiger Kampf um seinen Willen, den man nicht gewinnen kann, und doch sieht man die Menschen innerlich kämpfen. Vor allem, wenn sie Dinge tun müssen, die sie nicht tun wollen.« Am liebsten hätte ich die Augen geschlossen, die schrecklichen Bilder aus meinem Kopf ausgesperrt, aber ich wusste, dass die Dunkelheit hinter meinen Lidern es nur noch schlimmer machen würde.
Da waren Männer, die einander totschlugen, Frauen, die sich unter Qualen und doch scheinbar willig hingaben, Leute, die ihre Freunde und Liebsten verrieten, sie somit in den Tod schickten und noch schlimmere Grausamkeiten.
Doch von allen die Schlimmste war das furchtbare Gefühl, wenn die Kopfschmerzen schlimmer wurden, der Kampf einen in den Wahnsinn trieb und die Seele in mehrere Teile zerriss.
Mein Herz raste, mein Kopf begann zu dröhnen und mir wurde speiübel. Taumelnd hielt ich das Gestell der Liege umklammert und versuchte, die Gedanken aus meinem Kopf zu verscheuchen.
»Hey«, sagte eine tiefe Stimme leise und eine Hand hob mein Kinn an. Türkisfarbene Augen nahmen mich gefangen und gaben mir den nötigen Halt, um mich von meinen Erinnerungen zu lösen.
»Alles klar?«
Ich trat einen hastigen Schritt zurück, um außer Reichweite seiner Hand zu kommen, die mich so unerwartet berührt hatte und ein seltsames Gefühl auf meiner Haut hinterließ.
»Nur … kein schöner Anblick«, versuchte ich es abzutun und wandte mich ab. »Wann wollt ihr beginnen?«, fragte ich, um von dem eigenartigen Moment abzulenken. »Wann soll ich Boz Bescheid geben, dass ihr aufgewacht seid? Oder wollt ihr die zwei Tage warten?«
»Nein. Sag es ihm so bald wie möglich«, wies Khaos mich an und ich nickte ergeben.
Also gab es nur noch wenige Vorbereitungen zu treffen.
Cobal kam mit einem Glas herein, das er so weit wie möglich von seinem Körper weghielt, auch wenn die schmierigen Egel es wohl kaum sprengen konnten. Zusätzlich war Cobal als Echsoide nicht humanoid und zusätzlich noch durch einen Schuppenpanzer geschützt. Das Risiko einer Infizierung war gleich null.
Als er mir das Glas reichte, bedankte ich mich bei ihm und konnte dabei zusehen, wie die beiden daumengroßen Kriechtiere vor meinen Fingern auf die andere Seite des Einmachglases flüchteten. Tiere hatten schon immer einen gewissen Abstand zu mir gehalten und hier war es nicht anders.
Ich betrachtete sie kurz und verzog angeekelt das Gesicht. Sie sahen widerwärtig aus. Fleischige, matschig-graue Körper mit langen, wurmartigen Fortsätzen am Kopf, die sie in die Haut anderer rammten, um sie langsam auszusaugen.
Cobal begutachtete die beiden Männer, die scheinbar leblos auf ihren Liegen schliefen und dabei trotzdem eine gewisse Kraft ausstrahlten, die man kaum übersehen konnte.
»Das war eine verdammt miese Idee von Boz, die Kerle aufzuwecken«, behauptete er hart und ohne zu blinzeln. »Sie werden uns Ärger machen, ich weiß es. Und du weißt das auch!«, wandte er sich plötzlich an mich. Sein schuppiges Gesicht verzog sich zu einer Grimasse, während seine Seele ernsthafte Dringlichkeit und sogar so etwas wie Sorge um mich zeigte, was mich rührte. »Du hältst dich von denen fern, wenn die hier rumlaufen, klar? Sumpf-Viech hin oder her, Boz macht einen Fehler und ich will nicht, dass du dafür büßen musst!«, setzte er noch nach.
Ein ehrliches Lächeln schlich sich auf meine Lippen. Es fühlte sich ungewohnt an, aber zu wissen, dass man einer anderen Person nicht egal war, tat unglaublich gut. Selbst wenn derjenige eine Eidechse war und seine Art zu fühlen der meinen nicht im Geringsten nahe kam.
»Ich werde das Richtige tun, Cobal. Das weißt du doch«, gab ich zurück, weil ich ihm nicht direkt ins Gesicht lügen wollte, da ich nicht vorhatte, auf Abstand zu gehen, sondern ihnen sogar half.
Und auch Cobal schien aufgefallen zu sein, dass meine Aussage nicht so lupenrein war, wie sie im ersten Moment geklungen hatte.
»Ja, das befürchte ich«, grummelte er nur und blinzelte endlich. »Soll ich Boz sagen, dass sie bald aufwachen?« Sein Blick war erdolchend, auch wenn das vermutlich nicht seine Absicht war.
»Ja, tu das.« Ich sah zu den beiden Männern rüber, die sich immer noch keinen Millimeter bewegt hatten. Doch ihre Seelen waren wach, schwappten unregelmäßig und waren voll und ganz auf unsere Unterhaltung fixiert.
Zumindest fast ganz. Bei Ares schwang noch etwas anderes mit. Etwas, das ich mit ein wenig Konzentration auch bei Khaos sehen konnte, auch wenn dieser besser in der Lage war, es zu unterdrücken.
Ich schalt mich selbst, nicht daran gedacht zu haben, und würde diesen Umstand gleich berichtigen. »Cobal!«, rief ich ihn zurück, als er sich schon zur Tür wandte. »Kannst du etwas zu essen besorgen? Für mich und für die Männer. Sie werden hungrig sein, wenn sie erwachen«, bat ich und konnte ein Gefühl der wohligen Genugtuung in meinem Rücken spüren. Ares war mehr als erfreut, dass ich ihm eine Mahlzeit beschaffen würde, und das freute auch mich. So war ich wenigstens nicht völlig unnütz.
Cobal ging und Khaos richtete sich sofort wieder auf, als das Zischen der sich schließenden Tür verklungen war.
Auch Ares öffnete die Augen und legte sich die Hände auf den Magen. »Scheiße, bin ich hungrig! Ich hoffe, es gibt was mit Fleisch!«, verkündete er.
Ich stellte das Glas mit den beiden Sumpfsaugern auf meinem Tisch ab. Khaos beäugte sie und rümpfte die Nase, was ihn bedrohlich wirken ließ. Und doch konnte ich in diesem Moment keine Angst vor ihm haben, da sein Widerwille vor diesen kleinen schmierigen Tieren beinahe kindlich war und es mich belustigte, dass ein erwachsener Mann sich vor Gewürm ekelte.
Ich streifte mir ein paar Gummihandschuhe über und öffnete den Deckel des Glases. Es war schwierig, die vorbereitete Spritze mit dem dicken Gummi über den Fingern richtig zu halten, doch ich gab mir Mühe und erwischte den ersten schleimigen Körper direkt in der Mitte. Langsam drückte ich den Kolben runter und zog die Nadel wieder aus dem schlabbrigen Körper. Dann war das zweite unglückliche Tier an der Reihe.
Es dauerte nicht lange, bis das Sekret wirkte und die beiden glimmenden Seelenpunkte, zu klein und einfach, um zu Emotionen irgendeiner Art fähig zu sein, erloschen.
Eilig nahm ich das Glas und ging zu den Männern. Widerwillig griff ich in das Gefäß und nahm das erste Tier zwischen zwei Finger. Obwohl ich die Handschuhe trug, schauderte es mich. Ich spürte den glitschigen Körper des Egels, der so klein war und doch so viel Schaden anrichten konnte.
»Kopf drehen!«, gab ich Ares die Anweisung und er sah mich bestürzt an.
»Was hast du damit vor?«, wollte er entrüstet wissen, den Blick angeekelt auf das Tier gerichtet.
»Ich klebe es dir in den Nacken. Die Saugnäpfe an der Unterseite funktionieren, auch wenn das Vieh tot ist.«
»Ist das dein Ernst? Das klebst du mir auf die Haut?« Ares war nicht überzeugt.
Stell dich nicht so an!, hätte ich ihm am liebsten ins Gesicht gesagt, aber natürlich war ich erstens zu nett für so etwas und zweitens, und das war wohl eher der entscheidende Grund für meine Zurückhaltung, war ich einfach zu feige, mich so schlagfertig zu geben.
»Es ist tot. Und Boz wird dir ohne das Tier nicht trauen«, meinte ich stattdessen kleinlaut und sah dabei zu, wie ein Tropfen Sumpfschleim von dem Tier zurück ins Glas glitt.
»Kannst du nicht sagen, du hättest es irgendwie anders gelöst?«, erwiderte Ares und Khaos stöhnte laut auf.
»Ares!«, zischte er. Dieser schnaubte daraufhin ergeben und drehte den Kopf so, dass ich guten Zugang zu seinem Nacken hatte.
Ich ließ mich nicht zweimal bitten und drückte ihm das glibberige Tier knapp unter seinen Haaransatz. Es gab ein schlürfendes Geräusch von sich und ich ließ los.
»Igitt!«, ächzte Ares und schüttelte sich wie ein zotteliger Gulgur. Der Sumpfsauger blieb an ihm haften. »Wieso genau können wir die Kerle nicht einfach umhauen und dann den ganzen Scheiß auf eigene Faust machen?«, wollte er wissen und Khaos verdrehte genervt die Augen.
»Sei kein Mädchen und tu, was dein Captain dir befiehlt!«, gab er zurück und sah dann mich an, während ich schon wieder dastand und ihn betrachtete wie einen der Gegenstände, die in meinem Loch an der Decke baumelten und die ich einfach nicht zuordnen konnte. Verlegen senkte ich den Blick auf das Glas und trat einen Schritt näher.
In der Ferne registrierte ich Freudenwallungen von Boz’ Seele, dem Cobal wohl gerade mitgeteilt hatte, dass seine neuen Soldaten schon bald zu seiner Verfügung standen.
Doch es entzog sich schnell meiner Aufmerksamkeit, als Khaos sich drehte, den Kopf neigte und mir seinen ungeschützten Nacken darbot. Die Haut war blass und glatt. Eine Schande, dass ich so ein widerliches Tierchen dort platzieren musste.
Doch ich musste, und zu zögern würde nur meine Gedanken verraten, in denen ich mit den Fingern über seinen Nacken strich, um anschließend die seidig dunklen Haare zu berühren.
Ich griff also wieder ins Glas, bekam den zweiten Sauger im Schleim kaum zu fassen und platzierte ihn anschließend.
Gerade drückte ich das Tier noch einmal fest, da drehte Khaos plötzlich den Kopf zurück zu mir. Unsere Gesichter waren nur wenige Zentimeter voneinander entfernt.
Automatisch hielt ich die Luft an und war für einen Moment viel zu erschrocken, um mich zu bewegen. Seine schmalen türkisfarbenen Augen bohrten sich in meinen Blick und mein Kopf war voller Gedanken und Gefühle, die ausnahmsweise einmal nur mir allein gehörten.
»Wie alt bist du, Daya?«, fragte seine dunkle Stimme leise und mir wurde ganz komisch in der Brust. Mein Herz raste, meine Lunge wusste nicht mehr, wie man atmete und mein Verstand konnte sich einfach nicht darauf konzentrieren, was er mit dieser Frage gemeint haben könnte, weil er von meinen eigenen Gefühlen überfordert war.
Khaos hatte zum ersten Mal meinen Namen gesagt.
»Wieso ist das wichtig?«, brachte ich heraus, weil es meine Standardantwort auf die meisten Fragen war, die mich direkt betrafen. In meinem Bauch flatterte es, das Blut rauschte mir in den Ohren. Zum Glück wirkten meine Medikamente noch, sonst hätte ich sicher gleich mit einem Anfall rechnen müssen.
»Weil du mich verwirrst«, antwortete er mir und mein Herz kam ins Stolpern. »Du siehst aus wie ein Kind, gibst dich wie ein Kind. Aber deine Blicke sind die einer Frau.«
Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was er damit meinte. Dass ich mich wie ein Kind gab, war Absicht, das war schließlich meine Masche. Sie war schon so natürlich für mich, dass ich mir kaum die Mühe machte, mich von ihr zu lösen.
Doch was waren denn die Blicke einer Frau?
»Ich bin etwa achtzehn. Je nach Zeitrechnung«, gab ich zu und wusste selbst nicht warum. Ich hatte bisher noch niemandem, absolut niemandem, mein Alter offenbart. Nie und zu keinem Zeitpunkt in meinem Leben hatte ich zugegeben, älter als zehn Jahre alt zu sein und hatte auch jede Andeutung in diese Richtung im Keim erstickt.
Nur Krung hatte sich bisher die Mühe gemacht, es nachzurechnen, und das war meine eigene Schuld gewesen.
Doch vor Khaos schien ich keine Geheimnisse bewahren zu können. Nicht, wenn er sie mir auf diese Weise entlockte. Das machte mir Angst vor mir selbst.
»Also eine Frau«, stellte er fest und wandte dann den Kopf wieder ab, als sei es nur eine allgemeine Frage gewesen, die nicht im Geringsten etwas bedeutet hatte.
Und vielleicht war es ja auch so und nur ich hatte die Spannung gefühlt, das Herzklopfen ausgehalten, die Kontrolle über mich selbst verloren. Ich hätte in seiner Seele nachsehen können, doch mir fehlte immer noch die Konzentration dafür.
Verwirrt und ein bisschen vor den Kopf gestoßen trat ich einmal auf der Stelle und lief dann planlos, wie ich war, in irgendeine Richtung, bis ich beim Waschbecken landete. Geistesabwesend ließ ich das schmutzige Glasbehältnis hineingleiten und öffnete den Hahn, um es auszuwaschen.
Mein Herz schlug mir immer noch bis zum Hals und ich ahnte, dass, wenn diese Sache beendet war, ich an meiner eigenen zerbrochenen Seele zugrunde gehen würde.
10

Herzschlag
Ich versuchte so schnell wie möglich zu gehen, ohne dabei außer Atem zu geraten.
Über mir spürte ich die Seelen. Boz, der sich früher auf den Weg gemacht hatte, weil er es einfach nicht mehr aushielt, und Khaos und Ares, die dem Ganzen seltsamerweise mit Ruhe begegneten. Nicht mit Angst und Befürchtungen, so wie ich.
Als ich die ersten Treppenstufen erklommen hatte, setzte bereits ein heißer Schmerz in meinem Hinterkopf ein. Ich würde es in nächster Zeit ruhiger angehen lassen müssen.
Ich war bei Erikson gewesen, hatte seinen Verband gewechselt und seine Schmerzmitteldosis erhöht. Es ging ihm den Umständen entsprechend ganz gut. Er war ein zäher Kerl und er würde es auf jeden Fall überleben. Seine Seele war schummrig und umnebelt gewesen, im Rausch der schmerzlindernden Drogen, die Nefrot ihm brav nach Anweisung verabreicht hatte.
Nefrot schien eine besondere Art der Beziehung zu Erikson zu pflegen, die mir vorher gar nicht aufgefallen war. Er sah zu ihm auf, bewunderte ihn und Erikson kümmerte sich im Gegenzug immer mal wieder um Nefrot, sah in ihm so etwas wie einen Schüler. Die Bindung war nicht stark und auch nicht von tiefen Gefühlen begleitet, aber doch genug, dass Nefrot sich weiter um Erikson kümmerte, solange er es nicht selbst konnte. Er hatte sogar das Gefühl, es ihm schuldig zu sein.
Was mir nur recht sein konnte. Ich brauchte meine Konzentration zurzeit für andere Dinge. Zwei völlig verrückte Supersoldaten zum Beispiel, die nicht davor zurückscheuen würden, es zu zweit mit Boz und seiner ganzen Bande aufzunehmen. Und Cobal hatte recht mit seinem Gefühl. Es würde etwas schiefgehen, ich spürte es genau wie er.
Mein Herz schlug immer schneller, je näher ich der Krankenstation kam, obwohl ich beinahe die Treppen hochgeschlichen war. Doch die Angst drückte mir auf die Lunge und mein Puls machte immer noch, was er wollte, vor allem dann, wenn ich meine Aufmerksamkeit auf Khaos richtete.
Nur seine Seele von Weitem zu spüren, pumpte mir Adrenalin in den Körper und ließ meinen Magen flattern. Und ich ahnte langsam, was das alles zu bedeuten hatte.
Meine Mutter hatte sich immer sehr reserviert gehalten, was Umschreibungen betraf, besonders beim Thema Liebe.
Natürlich war ich aufgeklärt, was die menschliche Natur und den körperlichen Akt der Zuneigung anging, mit dem auf diesem Planeten so viel Schande getrieben wurde, und der, laut meiner Mutter, zu etwas Besonderem, etwas Magischem gehören sollte. Etwas, das Menschen aus Liebe taten.
Doch von der Liebe zwischen Mann und Frau selbst hatte sie wenig preisgegeben.
Vielleicht damit ich es mir nicht vorstellen konnte und es so nicht ersehnte. Und auch in den Seelen anderer hatte ich aufflackernde Gefühle, die in diese Richtung gingen, nur selten und auch nur wenig ausgeprägt gesehen.
Aber all die Gefühle, die mich in letzter Zeit überrannten, chemische Reaktionen meines Gehirns, die sich nicht von innen heraus erklären ließen, weil sie alle ihren Ursprung in der Begegnung mit diesem einen Mann hatten, ließen mich darauf schließen, dass ich wohl verliebt war.
Jetzt, wo es passiert war, verstand ich auch, was meine Mutter gemeint hatte, als sie behauptete, es würde mir auf diesem Planeten nicht passieren. Sie hatte recht gehabt. Bei den Männern, die hier herumliefen, wäre mir das tatsächlich niemals passiert. Nicht mal, wenn ich gewusst hätte, wie es war und es mir herbeigewünscht hätte.
Der Ekel, den ich empfand, wenn ich auch nur daran dachte, einer von ihnen könnte mich irgendwie, in irgendeiner Art anfassen, schüttelte mich am ganzen Körper und verdrehte meinen Magen zu einem sauren Knoten.
Doch wenn ich an den Mann dachte, den ich durch die Scheibe betrachtet hatte, dessen Körper ich aus dem Eis geholt und dem ich in die Seele geschaut hatte, ohne zurückzuschrecken, dann wurde mir ganz warm.
Die Erinnerung an seine Augen machte mich kribbelig. Seine Haut unter meinen Fingern, und ich bekam Wünsche, von denen ich niemals gedacht hatte, sie jemals in meinen Gedanken zu finden. Dieser Mann machte alles anders und ich wusste noch nicht, wie ich damit umgehen sollte.
Schließlich war ich nur ich. Ich war keine starke, schöne Frau, wie meine Mutter es gewesen war. Ich war nicht übermäßig schlau, nicht besonders willensstark und wahrscheinlich auch nicht hübsch genug.
Kopfschüttelnd vertrieb ich all diese Überlegungen, die mich dazu brachten, mich klein und armselig zu fühlen. Früher hatte ich mir schließlich auch keine Gedanken darüber gemacht und war gut zurechtgekommen.
Ich drückte meine Hand an die Fläche in der Wand und schlüpfte durch die Tür, noch bevor die Automatik sie ganz geöffnet hatte.
»Lil’Pid«, sagte Boz und stellte damit nur fest, dass ich da war. Sein Geist war mit anderem beschäftigt. Hinter ihm standen Vento und Jet.
Drüben am Tisch beobachtete Cobal die ganze Situation mit schmalen Echsenaugen. Er war hiergeblieben und hatte die beiden Soldaten überwacht, solange sie aßen und ich nach Erikson gesehen hatte.
Ares und Khaos standen gerade da, den Kopf hoch erhoben, zu ihrer vollen Größe aufgerichtet, bedrohlich wie die Soldaten, die sie waren, und auch in ihrem Innern waren sie zu allem bereit.
Boz beäugte sie, lief vor ihnen auf und ab, umrundete sie sogar, und obwohl ich sah, dass er eine gewisse Genugtuung verspürte, konnte ich doch auch eine Spur Misstrauen in ihm entdecken. Er wusste, dass hier irgendwas nicht stimmte, konnte aber nicht identifizieren, was ihn an der ganzen Sache so sehr störte.
Ich wusste sofort, was es war, und hatte leider keinen Einfluss darauf. Es waren die Augen. Die Blicke der beiden Übermenschen waren zu wach, zu klar. Und auch wenn sich beide bemühten, niemanden anzusehen, war es doch für jemanden, der wusste, dass das hier alles nur eine Finte war, offensichtlich, dass sie bei Bewusstsein und im Vollbesitz ihrer Entscheidungsfreiheit waren.
Boz schnaubte und blieb direkt vor Khaos stehen. »Bist du dir sicher, dass das mit den Sumpfsaugern funktioniert hat?«, fragte er mich, ohne Khaos aus den Augen zu lassen.
Ich wusste, dass er mich dafür verantwortlich machen würde, wenn etwas schiefgehen sollte. Selbst wenn es doch eigentlich seine Idee gewesen war, die Menschen aufzuwecken und ihnen Sumpfsauger anzuhaften, um sie gefügig zu machen.
Doch Boz suchte die Schuld immer bei anderen. Es musste jemand anderes den Kopf hinhalten, wenn seine Ideen sich nicht so umsetzen ließen, wie er es gerne hätte. Damit würde ich wohl leben müssen.
»Ich nehme es an«, antworte ich leise, weil ich nicht wusste, wie fest meine Stimme bei einer Lüge sein würde. Und es war nicht mal besonders auffällig, denn ich redete meistens sehr leise, damit die Leute mich für unwichtiger hielten.
»Du nimmst es an?«, fuhr Boz mich schroff an und ich zuckte vor seiner Wut zurück, die mit kalten Fingern nach mir griff. Boz war ein sehr aufbrausender Mann, man wusste nie genau, wie er auf etwas reagieren würde. Entweder wurde er wütend, es war ihm egal oder er lobte einen noch dafür.
»Das ist bei jeder Spezies verschieden. Jeder reagiert unterschiedlich stark auf die Tiere«, versuchte ich mich zu retten und Boz schnaubte laut, sodass sich seine Nasenflügel blähten.
Doch dann wandte er sich ganz plötzlich von mir ab und seine Wut wurde durch boshafte Freude überdeckt. Ich trat einen Schritt zurück, die Augen erschrocken geweitet. Was hatte er vor?
»Schon gut. Ich werd’s ausprobieren«, kündigte Boz an und hatte sogar einen beschwichtigenden Ton in der Stimme, dem ich keine Sekunde Glauben schenkte.
Gleich würde etwas passieren, das mir vermutlich nicht gefiel, und ich hatte leider keine andere Wahl, als hier stehen zu bleiben und darauf zu hoffen, dass Boz es sich in seiner wankelmütigen Art doch noch anders überlegen würde. Oder seine Kreativität nicht ausreichte, sich etwas Geeignetes auszudenken.
»Du!«, sprach er Khaos an und stach ihm mit dem Zeigefinger in die muskulöse Brust. »Schlag ihr ins Gesicht«, fügte er trocken hinzu und Khaos schien keinen Moment zu zögern. Wie ferngesteuert kam er die wenigen Schritte auf mich zu, holte aus und schlug mir mit dem Handrücken ins Gesicht.
Ich hatte keine Zeit, irgendwie zu reagieren. Mein Kopf wurde durch die Wucht des Schlages zur Seite gerissen und ich stürzte zu Boden. Mir klingelten die Ohren, meine Wange war erst taub und begann dann, wie mit Säure beträufelt zu brennen. Mein Kopf dröhnte, mein Nacken tat mir weh und auch meine Hüfte und meine Schulter gesellten sich dazu. Sie würden in ein paar Stunden ausgeprägte blaue Flecken aufweisen, die beim Sturz entstanden waren.
Doch vor allem tat mir das Herz weh. Nicht, weil ich einen Krampf hatte. Zumindest keinen auf die sonstige Art. Nein, es schmerzte, weil es seine Hand gewesen war, die mich getroffen hatte.
Natürlich hatte er es tun müssen, wenn er nicht sofort hatte auffliegen wollen. Aber auch wenn ich die Gründe kannte und verstand, schaffte ich es nicht, so leicht darüber hinwegzusehen und meinem Innern begreiflich zu machen, dass es ein notwendiges Übel gewesen war.
Auch die Tränen, die sich in meinen Augen sammelten, ließen sich nicht aufhalten. Dabei weinte ich selten, und wenn man es ein wenig drehte, dann konnte man sagen, dass ich körperlichen Schmerz sogar gewohnt war. Doch diese neue Komponente meiner Gefühle, die mich erst vor ein paar Tagen so heftig erwischt hatte, machte mich dünnhäutig und sensibel.
Khaos stand vor mir, sah auf mich herab und zeigte keine einzige Regung in seinem Gesicht. Hätte ich nicht in seine Seele blicken können, ich hätte in diesem Moment meinen Glauben an das Gute in ihm verloren.
Doch ich konnte in seine Seele sehen, in diese wundersame Tiefe seines Wesens, das schon so oft Zeuge von Brutalität und Hass geworden war und sogar selbst derlei Grausamkeiten ausgeführt hatte. Die Tiefen, in denen er mit sich selbst rang, die immer wieder neue Aspekte an die Oberfläche treiben ließen und in der er mir die Wahrheit über sich offenbarte.
Alles, was er hier tat, tat er aus Liebe. Liebe zu seiner Crew, zu seiner Familie, die den eisigen Schlaf schlief und die seines Schutzes und seiner Rettung bedurften. Er hatte mich geschlagen, um nicht aufzufliegen, weil er seine Familie beschützen musste.
Und nicht zuletzt auch mich. Hätte er es nicht getan, Boz hätte es übernommen. Und er hätte es wahrscheinlich nicht bei einem Schlag belassen.
Boz begann in die Hände zu klatschen, erst langsam und dann schneller, wie ein einsamer Applaus, der insgeheim ihm selbst galt. »Unglaublich! Kraft und Skrupellosigkeit. Hast du gesehen, er hat nicht mal mit der Wimper gezuckt, als ob es ihm gar nichts ausmachen würde, ein Mädchen zu schlagen! Ha!«, rief er entzückt und sprach dabei Vento und Jet an, die mit vor der Brust verschränkten Armen dastanden und nickten, als Boz ihnen spielerisch in die Seite boxte. »Wir werden ihnen den Arsch aufreißen, diesen Wüsten-Bastarden!«, verkündete er weiter und sah sich noch einmal Ares an.
Ich wischte mir vorsichtig mit dem Ärmel meiner Strickjacke die Tränen aus den Augenwinkeln, damit sie nicht überliefen, und richtete mich dann auf wackeligen Beinen auf.
Khaos sah mich immer noch an. Seine Augen waren nicht mehr so starr wie gerade eben noch, als Boz ihm seine Aufmerksamkeit gewidmet hatte. Sie zeigten Bedauern und seine Seele bestätigte das um ein Vielfaches. Er hatte mich nicht schlagen wollen und ich glaubte ihm. Er wartete auf eine Reaktion von mir, eine Gefühlsregung, die ihm verraten würde, ob ich verstanden hatte, was seine Augen mir sagen wollten. Ich nickte ihm leicht zu und Khaos’ innere Unruhe legte sich binnen eines Wimpernschlags.
Ich senkte den Kopf und wollte an ihm vorbeigehen, um nicht länger hier herumzustehen und das Opfer zu mimen. Schließlich hatte Boz jetzt, was er wollte und schenkte auch mir keinerlei Beachtung mehr. In seinen Augen war ich sowieso nur ein nützliches Objekt, das, wenn er es brauchte, funktionierte und das er ansonsten so behandeln konnte, wie es ihm beliebte.
Manchmal störte es mich, dass er nichts von mir hielt und meine Arbeit nur selten schätzte. Doch andererseits sollte ich froh darüber sein, nicht dauerhaft in seinen Gedanken Platz zu haben. Das würde mir nur noch mehr Ärger bereiten.
Kaum merklich hob Khaos die Hand, als ich mich zwischen ihm und einer der Behandlungsliegen hindurchschob, und berührte mit seinem Handrücken den meinen. Ich war sofort wie elektrisiert. Die Endorphine, die durch meine Blutbahnen schossen, machten mich schwummrig, linderten den Schmerz in meinem Gesicht und ließen mich ein paar Sekunden am Glauben festhalten, dass es Absicht gewesen war. Doch das war natürlich absurd. Oder?
Gerne hätte ich mich zu ihm umgedreht, denn in meinem Innern war alles zu wirr, um einen Blick auf seine Seele zu werfen. Ich stolperte über meine eigenen Füße und klammerte mich an die Liege, um nicht hinzufallen.
Verstohlen sah ich mich nach den anderen um und versuchte herauszufinden, ob das außer mir noch jemand bemerkt hatte. Boz erläuterte Vento und Jet gerade seinen Plan und Cobal war zu beschäftigt damit, Ares weiterhin misstrauisch zu mustern. Niemand hatte es gesehen.
»Eins und zwei. Ihr folgt mir!«, befahl Boz, reckte triumphierend die Hand in die Luft und stolzierte wie ein Gaq’krl-Gockel auf die Tür zu.
Ares und Khaos marschierten ihm hinterher. Ihre Schritte wirkten zwar auf mich zu aufgesetzt, aber niemandem sonst schien das aufzufallen und auch Vento und Jet gingen.
Ich sah ihnen hinterher, beobachtete Khaos’ Seele so lange, bis es für meinen schmerzenden Kopf zu anstrengend wurde und riss mich dann zusammen. Khaos war nicht aufgeregt oder ängstlich gewesen, im Gegenteil, es machte ihn schon beinahe euphorisch, sich in so ein Abenteuer zu stürzen. Es gefiel ihm, mit der Gefahr Auge in Auge zu stehen und sich ihr doch überlegen zu fühlen.
Ich machte mir einfach nur Sorgen. Es wäre nicht das erste Mal, dass Boz nach einem Überfall auf die Wüstenclans mit weniger Männern zurückkam, als er aufgebrochen war.
Khaos und Ares schienen davon überzeugt zu sein, dass sie wussten, was sie taten. Doch mein Herz schlug mir bis zum Hals und auch wenn wir uns noch nicht besonders lang kannten, wusste ich nicht, wie ich mich aufrecht halten sollte, wenn Khaos nicht wieder zurückkehrte. Er hatte mein Inneres total auf den Kopf gestellt und ich war noch nicht bereit, das so einfach wieder aufzugeben.
Cobals gelbe Augen musterten mich eingehend, als ich mich am Rand der Liege hochzog und mich auf die Fläche legte, auf der gerade noch Khaos gelegen hatte. Auch wenn sie längst ausgekühlt war, bildete ich mir ein, so etwas wie eine Verbindung zu spüren und schloss für einen Moment die Augen.
»Bist du okay?«, erkundigte sich Cobal. »Der Schlag war ganz schön heftig.«
»Ich werde es überleben«, wisperte ich, drehte mich mühsam auf die Seite, weg von Cobal.
Seine Seele war anders als die humanoider Spezies. Sie hatte eine andere Beschaffenheit, machte andere Bewegungen und zeigte Gefühle auf eine sehr andersartige Weise. Es war für mich schwerer, ihn zu durchschauen, da ich die Gefühle nicht so wahrnehmen konnte, als wenn es meine eigenen wären.
Doch ich kannte ihn schon eine ganze Weile und ich wusste, dass etwas an ihm nagte. Er traute dem Frieden nicht und sein Misstrauen war viel hartnäckiger als das von Boz.
»Ich gehe und behalte die beiden im Auge«, raunte er mir zum Abschied zu und verschwand.
Die Ruhe, die er zurückließ, drückte mir auf meinen geschundenen Kopf. Ich starrte so lange die gezackten Risse in der Decke an, die seit dem letzten Erdbeben besorgniserregend tief geworden waren, bis ich den Druck nicht mehr aushielt.
Mühsam richtete ich mich wieder auf und holte mir einen Becher voll Wasser. In dem gebrochenen Spiegel über dem Waschbecken betrachtete ich meinen feuerroten Wangenknochen, der sich bereits zu verfärben begann. Das würde ein fieser Bluterguss werden. Doch wenn ich ehrlich zu mir selbst war, dann hatte ich schon schlimmere gehabt.
Wenigstens war dies ein sichtbarer Beweis, dass es Khaos wirklich gab und ich ihn mir nicht nur eingebildet hatte.
Ich betrachtete mich noch eine Weile selbst, holte mir dann eine kühle Kompresse aus der winzigen Kühlkammer neben dem Arzneimittelschrank und suchte mir das Gel gegen Schwellungen aus den unteren Regalen.
Danach zog ich mich in mein Loch in der Wand zurück.
Obwohl mein Körper völlig fertig und übermüdet war, konnte ich meine Gedanken schon wieder nicht abstellen. Immer schob sich Khaos’ Gesicht vor mein inneres Auge. Mein Herz schlug schneller, mein Magen kribbelte. Mein Gesicht schmerzte noch mehr, seit es unter Kälteeinwirkung stand.
Ich schloss die Augen, erinnerte mich an seine Hand, die ganz leicht meine gestreift hatte, und gestand mir schlussendlich ein, dass ich mir wünschte, er wäre schon wieder zurück und ich nicht mehr so einsam.
11

Neunzehn Kapseln
Ich schob mir ein Stück gezuckerte Mandarine aus der Dose zwischen die Zähne und legte den Kopf schräg. Bäuchlings lag ich auf einer der Kryokapseln und sah mir eine junge Frau an, deren Haar mich ungemein faszinierte. Es war lang und feuerrot. Die Person, die sie eingefroren hatte, musste eine ähnliche Faszination für diese Haare verspürt haben, denn sie waren kunstvoll um ihren Kopf drapiert und brachten so ihre langen Wimpern, die glatten Wangen und die vollen Lippen zur Geltung.
Sie war nicht die Erste, die ich mir heute ansah. Ich hatte den Krebstrolley benutzt und die Kapseln, die die Männer gestapelt hatten, auf der einen Seite des Raumes verteilt. Ich war von Kapsel zu Kapsel gegangen, hatte mit einem Stück Tuch die Scheiben sauber gewischt und sie mir alle angesehen.
Die Nacht war hereingebrochen, als ich erwacht war, und ich hatte mich hinuntergeschlichen, um mir unauffällig etwas zu essen zu holen. Zwischen all den Männern, die sich zur späten Stunde bedienten und sich für das bevorstehende Gemetzel in der Wüste bereit machten, war ich gar nicht weiter aufgefallen. Die meisten hatten nur den Angriff im Kopf, von Sorge bis Blutdurst war alles dabei, und ich versuchte, so wenig Leuten wie möglich in die Augen oder Seelen zu blicken. Ich überflog sie nur grob, hielt Ausschau nach akutem Gewaltdrang und füllte mir meine Schüssel mit Essen.
Ich hatte keine Ahnung, was der dampfende Brei eigentlich war, den ich vor mir hatte, aber als oberste Regel beim Essen galt, dass du es gar nicht wissen wolltest! Und daran hielt ich mich, genau wie alle anderen.
Khaos’ Seele zog mich wieder magnetisch an und meine Augen fanden ihn nur wenige Sekunden später. Er war die Ruhe selbst, behielt unauffällig den Überblick und löffelte aus einer Schüssel, die in seinen Händen viel kleiner aussah als in meinen. Er ekelte sich ein wenig vor dem Inhalt, verzog allerdings keine Miene. Man hatte ihm sicher befohlen zu essen und ich musste mir ein Lächeln verkneifen. Die anderen hielten alle einen gewissen Abstand zu Khaos und Ares, ihr Teil des Tisches war bis auf die beiden unbesetzt.
Seufzend wandte ich mich ab und verschwand zurück in meine Krankenstation. Ich war wirklich in Versuchung gewesen, mich zu ihm zu setzen, doch das hätte zu viel Aufmerksamkeit erzeugt, und ich musste Boz ja nicht noch mit der Nase daraufstoßen, dass wir uns womöglich verschworen hatten.
Also lief ich schweren Herzens zurück, aß brav mein Essen auf und wartete dann darauf, dass die anderen sich bereit machten, während ich die Zeit mit allen möglichen Kleinigkeiten füllte. Die Spannung stieg und ich wusste, dass sie ihren Höhepunkt erreichen würde, kurz bevor die Männer aufbrachen.
Ich versuchte mir nicht vorzustellen, was sie in der Wüste erwartete.
Ich selbst war noch nie draußen gewesen. Auch wenn man mir oft gesagt hatte, es wäre nicht einmal ein Bruchteil der Erde, von der meine Spezies stammte, erschien mir die Welt so wahnsinnig riesig. Es machte mir Angst, ohne den Schutz von Wänden und Türen zu sein.
Am Tag war es in der ewigen Wüste sengend heiß und Stürme peitschten einem den Sand um die Ohren, sodass man noch Wochen später Körnchen in jeder noch so kleinen Körperöffnung finden konnte. Die Nächte waren dagegen bitterkalt und so still, dass man nicht zu sprechen wagte.
Doch heute Nacht würde die Stille dort draußen zerbrechen wie splitterndes Eis. Und es würde Tote geben. Ich konnte nur hier sitzen und darauf warten, dass es geschah.
Ich würde mich ablenken so gut es ging, denn so oder so spürte ich es, wenn Seelen auf diesem Planeten erloschen.
Und jetzt lag ich hier, starrte in schlafende Seelen und versuchte zu verstehen, wie die Menschen waren, die ich hier vor mir hatte und die ich zweifellos früher oder später aufwecken würde.
Ich wusste jetzt schon, dass ich alles tun würde, um was Khaos mich bat. Töricht vielleicht, aber ich konnte nicht anders. Als hätte ein Sumpfsauger seine Stacheln in meinen Hirnstamm gebohrt, die meine Urteilsfähigkeit vollkommen lahmlegten. Nur dass da kein glitschiges Scheusal war und dass es nur Khaos möglich war, mich anzusehen, und ich zu einem kopflosen, dummen Ding wurde, das ihm all seine Geheimnisse preisgab.
Ich konnte nur hoffen, dass ihm diese Tatsache nicht zu schnell bewusst wurde, sonst musste ich fürchten, er würde mir alles nehmen, was ich hatte. Alles, sogar mein Herz und meine Seele.
Und ich hatte dem nichts entgegenzusetzen. Nicht mal ein bisschen.
Seufzend fischte ich ein weiteres Mandarinenstück aus der Dose. Die Frau in ihrem eisigen Schlaf war zu schön, als dass ich mich einfach hätte abwenden können. Doch gleichzeitig fühlte der Vergleich mit ihr sich wie ein Schlag in die Magengrube an.
Eigentlich hatte ich mich nie für hässlich gehalten, ein wenig zu dünn vielleicht und meine Haare waren immer ein heilloses Desaster, aber ansonsten konnte ich mich sehen lassen. Natürlich hatte ich es noch nie darauf angelegt, denn es war mir auch in meiner Situation immer wie ein Nachteil erschienen, annehmbar hübsch zu sein.
Doch einem Vergleich mit einem genveränderten Menschen hielt ich nicht stand. Wie auch? Schon die Männer waren ungewöhnlich schön, da war es kein Wunder, dass die Frauen die Latte nur noch höher legten.
Grob strich ich mir die Haare aus dem Gesicht und entschloss mich, etwas Sinnvolles zu tun. Die Nacht war noch lang und ich hatte den ganzen Tag verschlafen, daher war ich jetzt nicht sonderlich müde. Ich bezweifelte auch, schlafen zu können, wenn ich doch wusste, dass Menschen da draußen möglicherweise ums Leben kamen.
Okay, nicht irgendwelche Menschen. Khaos vor allem.
Ich stemmte mich hoch und rutschte seitlich von der Kapsel. Meine Knie federten, als meine Füße den Boden berührten, und ich ächzte schmerzvoll. Man müsste meinen, ich hätte mich mittlerweile daran gewöhnt, doch auch wenn ich dieses Leiden schon seit Jahren mit mir herumschleppte und es stetig schlimmer wurde, war ich immer noch überrascht, wenn mir Stiche in die Glieder fuhren, meine Muskeln schmerzhaft pochten oder ich das Gefühl hatte, meine Knochen würden innerlich glühen.
Flüchtig sah ich auf die Uhr. Die Männer waren weg, die Station weitestgehend still, bis auf die wenigen, die hiergeblieben waren. Meine nächste Tablettendosis durfte ich erst in ein paar Stunden nehmen. Verdammt!
Mein Blick glitt durch den Raum und ich fragte mich, was ich noch tun konnte. Krungs Chaos hatte ich bereits beseitigt, hatte eine große Menge Kochsalzlösung bereitgestellt, nur für den Fall, dass wir sie bald brauchen würden, und sogar meine Wäsche hatte ich gewaschen und an einer Leine aufgehängt, die ich von meinem Loch bis zu einer Leiter an der hinteren Wand spannte.
Die Leiter hatte einst nach draußen geführt. Manchmal, wenn der Wind günstig wehte und die Sandschicht über dem Ausgang dünn hielt, konnte man von dort die Sonne oder selten sogar ein paar Sterne sehen. Die Klappe selbst war vom Sand zerfressen und ließ sich nicht mal mit Gewalt öffnen.
Mit dem Hintern lehnte ich mich an die Kryokapsel der rothaarigen Göttin und dachte schon wieder an Khaos, auch wenn ich es mir eigentlich schon mehrere Male verboten hatte. Ich musste mich selbst dazu zwingen, meinen Sinn nicht nach draußen schweifen zu lassen, um festzustellen, ob es ihm gut ging. Es war eine weite Strecke und es erforderte viel Konzentration und noch mehr Kraft, die mein Körper im Moment aber nicht hergab.
Also begnügte ich mich mit den einundzwanzig Seelen, die ich hier vor mir hatte. Ich stockte, als mir etwas einfiel. Da war noch ein Punkt auf meiner To-do-Liste. Einundzwanzig Seelen, die aber laut Khaos vierzig Seelen hätten sein müssen. Wo waren also die restlichen Kapseln?
Ich horchte noch einmal in die Station, um festzustellen, wer noch hier war und wo sie sich aufhielten. Krung war zum Glück weg, doch Cobal bewegte sich mit Unruhe im Bauch durch sein Quartier. Es überraschte mich, dass er im Lager zurückgeblieben war, obwohl ich es mir eigentlich hätte denken können.
Echsoiden waren Kaltblüter. In der Nacht, draußen, war er so nützlich wie ein Spielzeug. Er war schwach, er war unglaublich langsam und möglicherweise würde er sogar erfrieren, ohne es selbst zu merken. Dafür konnte ihm die Sonne am Tag gar nicht heiß genug sein und er wurde zu einem gefährlichen Jäger, der im Sand sein zweites Zuhause gefunden hatte.
Erikson war hier, er schlief und es ging ihm schon ein bisschen besser. Neben ihm am Boden kämpfte Nefrot mit dem Schlaf und dachte an schmutzige Dinge, sodass ich mich erschrocken aus seinem Kopf zurückzog.
Auf der anderen Seite des Flügels befanden sich die Frauen und ausnahmsweise zählte ich sie durch und checkte ihr aktuelles Befinden. Sie waren zu acht und sie waren recht guter Laune, was wohl dem Umstand zu verdanken war, dass sie ihre Betten diese Nacht für sich allein hatten.
Sie hielten untereinander zusammen und stärkten sich gegenseitig, obwohl sie im Großen und Ganzen eher ein trauriger Haufen waren.
Ich hatte nie dazugehört. Nicht dass ich mich je um ihre Freundschaft bemüht hätte. Ihre Seelen waren zu geschändet, als dass ich es lange mit ihnen ausgehalten hätte.
Eigentlich bekam ich sie nur manchmal beim Essen zu sehen, oder wenn sich jemand verletzt hatte und meiner Hilfe bedurfte. Sie hielten sich aber meist von mir fern und das nicht, weil sie mich schützen wollten oder so. Sie mochten mich nicht, fühlten sich in meiner Gegenwart befangen und beobachtet und sagten mir nach, ich sei die Brut der Hölle.
Ich wusste nicht, was das bedeutete, aber es schien nichts Gutes zu sein, denn die Palette an Empfindungen, die sie mir entgegenbrachten, reichte von Angst über Hass bis hin zur Abscheu.
Mir war klar, dass der Vergleich hinkte, aber in einer gewissen Weise war es mit ihnen wie mit den Tieren. Keiner traute sich an mich ran.
Nur Männer schienen zu unsensibel zu sein, um zu spüren, dass ich irgendwie anders war.
Neunzehn vermisste Kisten, dachte ich bei mir und holte meine Tasche aus meinem Loch in der Wand. Wenn sie hier auf dem Planeten waren, dann in dieser Station. Etwas anderes wäre nicht logisch gewesen.
Dennoch nahm ich mir vor, meinen Sinn so weit auszudehnen wie ich konnte, um so viel wie möglich vom Planeten zu sehen.
Allerdings erst, wenn ich meine Medikamente wieder genommen und jemanden bei mir hatte, der mir im Fall der Fälle eine Injektion geben konnte.
Ich hielt die Augen offen, begann in den oberen Stockwerken und bewegte mich dann langsam nach unten, immer darauf bedacht, schimmernde Lichtpunkte aufzufangen, wenn sie mir begegneten. Doch die einzigen, die mir begegneten, waren ein paar größere Tiere, die sich in den Wänden versteckten, und eine satte Veko-Spinne, die auf dem Dach saß.
Als ich die Stelle im Gang erreichte, die in den unteren Teil des Gefängnisses führte und die der Schutt zuvor versperrt hatte, war ich ziemlich überrascht über die Gründlichkeit, mit der die Männer den Gang geräumt hatten. Natürlich klaffte ein gewaltiges Loch in der Decke, durch das ich in die oberen Stockwerke sehen konnte, aber so etwas gab es hier häufiger. Meist umging ich diese Gänge, weil ich meinem Körper nicht mehr zutraute, über die Abgründe hinwegzuspringen.
Der Gang führte weiter nach unten, doch spürte ich diesmal nicht mehr die Befangenheit, die ich sonst empfunden hatte. Ich folgte ihm bis zum kreisrunden See, der dunkel vor mir lag und in dem ich die unzähligen Lichter der Bewohner spüren konnte. Mit geschlossenen Augen tastete ich nach ihnen, sah sie mir an, wie sie ihre stillen Runden zogen, und war wie immer erstaunt über die Tiefe des Sees. Doch wenn ich gehofft hatte, am Grund etwas zu finden, dann wurde ich enttäuscht. Keine schlafenden Seelen.
Meine Füße trugen mich zurück in den Raum, in dem ich Khaos gefunden hatte. Der Gang vor der Abstellkammer war schmutziger als letztes Mal. Überall lagen kleinere Schutthaufen.
Der Raum selbst hatte sich um das Doppelte vergrößert. Die Männer hatten den eingestürzten Teil freigeschaufelt, um alle Kapseln zu bergen, und Boz hatte es sie gründlich machen lassen.
Ich setzte mich auf den staubigen Boden, schloss die Augen und sah Khaos’ Gesicht vor mir, wie er in seiner Kapsel gelegen hatte und wie fasziniert ich von ihm gewesen war. Jetzt kam es mir vor, als sei es Ewigkeiten her, obwohl seitdem vielleicht ein paar Tage vergangen waren.
Doch es hatte sich so viel verändert. Mein Inneres hatte sich völlig verdreht. Ich schürfte Hoffnung, wo vorher Mutlosigkeit gewesen war, verspürte Gefühle, wo mich vorher Einsamkeit und Leere gefüllt hatten. Und auch wenn meine Umstände eigentlich nicht anders waren als zuvor, fühlte ich mich doch besser und mein Leben hatte eine gewisse Richtung bekommen, ein Zentrum, um das ich mich drehen konnte.
Ich scheuchte die Gedanken beiseite, konzentrierte mich auf das Wesentliche und dehnte meine Sinne aus. Langsam tastete ich mich durch den Raum, in die angrenzenden und in die unter mir. Ich nahm mich zusammen, sammelte Kraft und spannte mich über das ganze untere Stockwerk, tief in den Boden, in die Wurzeln der Station, in denen nur noch Energiereserven und anderer zerfallener, technischer Schnickschnack sein mussten.
Natürlich fand ich nichts. Wäre wohl auch zu einfach gewesen.
Die neunzehn Vermissten waren also nicht auf dieser Station. Dessen konnte ich mir schon mal sicher sein.
Ich klopfte mir die dunkle Hose ab, verließ den Raum, um hinauf in das bewohnte Areal zu steigen, und kam an einem der unzähligen Terminals vorbei, die überall an den Wänden angebracht waren. So wie bei fast allen, waren auch hier die Kabel aus der Wand gerissen und die blanken Drähte zeigten wie mahnende Stachel zur Decke.
Sie waren in ihr eigenes Verderben gelaufen, dachte ich bei mir und seufzte. So gut wie jeder Computer war von den Männern zerstört worden, als sie vor fünfzehn Jahren die Station übernommen hatten. Doch damit hatten sie sich ihr eigenes Grab geschaufelt. Und zwar auf diesem Planeten, von dem es ohne Raumschiff kein Entkommen gab. Keine Computer, keine Sendefunktion. Keine Sendefunktion, kein Kontakt zur Außenwelt. Natürlich hatten sie sich für schlau gehalten, die Wärter und alle anderen Offiziellen dadurch an einem Hilferuf zu hindern. Doch eigentlich hatten sie sich damit selbst ein Grab geschaufelt.
Nicht alle Terminals waren so zerstört wie dieses. Vielleicht könnte ich eines davon in Gang bekommen, um wenigstens auf die internen Daten zugreifen zu können. Lieferscheine, Gefangenenübergabeprotokolle. Wenn ich sehen könnte, was über die Kryokapseln dokumentiert war, wüsste ich vielleicht auch, wie viele es ursprünglich gewesen waren.
Doch mein technisches Verständnis war leider sehr eingeschränkt und ich kannte nur wenige, die davon wirklich Ahnung hatten. Die meisten von ihnen würden mir sowieso nicht helfen wollen.
Außer vielleicht … Hatte Erikson nicht vor seiner Zeit als Häftling als technischer Offizier auf einer Militärbasis gedient? Er hatte auch schon einige Dinge repariert. Kleinigkeiten meistens, wie in der Küche etwas auszubessern, Stromleitungen zu überprüfen, zu kitten – und einmal hatte er einen Wackelkontakt in meiner Wärmekammer behoben.
Schnellen Schrittes machte ich mich auf den Weg zu ihm. Obwohl es mitten in der Nacht war, konnte ich dem Drang einfach nicht widerstehen. Ich würde es als Krankenbesuch tarnen. Mit größter Wahrscheinlichkeit war der Mann sowieso nicht bei Bewusstsein, aber nachschauen kostete nichts.
Leise klopfte ich an Eriksons Tür und wartete. Drinnen erspürte ich zwei Personen. Erikson schlief und auch wenn sein Zustand besser geworden war, würde ich ihn wohl kaum wecken können. Mist!
Nefrots Seele zeigte mir, dass er noch wach war und lauschte. Ich spürte Unsicherheit und Unglauben. Er war sich nicht sicher, das Klopfen wirklich gehört zu haben. Ich klopfte noch einmal und jetzt kam Leben in ihn. Nur ein paar Sekunden später öffnete sich die Tür.
Nefrot schien nicht überrascht zu sein, mich vorzufinden. Wer sollte sonst mitten in der Nacht durch die Gänge schleichen?
Für einen Moment starrte er geschockt auf den tief lilafarbenen Bluterguss auf meiner Wange, sagte aber nichts dazu.
»Ich hab das Gefühl, es geht ihm besser«, teilte Nefrot mir mit, während er zur Seite trat, um mich durchzulassen. Er sah ziemlich zerwühlt aus, als ob er schon eine Weile wach gelegen und sich herumgewälzt hätte. Sein Haar stand in alle Richtungen ab und unter seinen Augen befanden sich dunkle Ringe. Ich konnte sein Lager aus einer Matratze und ein paar Decken neben der Wand ausmachen.
Ich trat näher an Eriksons Bett, legte dem Mann die Hand auf die Stirn und warf einen prüfenden Blick auf den Verband um seine Mitte herum. Es war nicht unbedingt notwendig für mich, solche Gesten auszuführen. Doch andere wurden schnell misstrauisch, wenn ich Diagnosen stellte, ohne mir die Leute richtig angesehen zu haben.
»Ich denke, du hast recht«, gab ich zurück und kaute auf meiner Unterlippe. Ich musste mich richtig überwinden, Nefrot anzusprechen. Selten war ich diejenige, die ein Gespräch begann. Meistens war ich froh, wenn man mich in Ruhe ließ.
»Würdest du mir Bescheid sagen, wenn er aufwacht? Ich brauche seinen technischen Rat«, kamen die Worte ganz beklommen aus meinem Mund geschlichen und Nefrot hob die Augenbrauen.
»Technischer Rat?«, wiederholte er und zuckte mit den Schultern. »Ist was kaputt? Soll ich’s mir mal ansehen?«, bot er an und ich blinzelte überrascht. Seine Seele strotzte vor Stolz und Überzeugung, der Aufgabe gewachsen zu sein. Vielleicht rührte daher auch die bestehende Wechselbeziehung zwischen ihm und Erikson. Vielleicht fühlte es sich nicht nur an wie eine Schüler-Lehrer-Beziehung, vielleicht war es eine.
»Äh, nein«, sagte ich, obwohl ich eigentlich etwas ganz anderes meinte. »Ich meine: ja«, verbesserte ich mich hastig und war mir im Klaren darüber, dass ich das besser erklären müsste. »Es ist nicht direkt etwas kaputt. Aber …« Hoffentlich konnte ich das fragen, ohne dass ein langer Rattenschwanz an Fragen hinterhergezogen wurde.
Nefrot sah mich erwartungsvoll an. Er war ganz übermütig bei dem Gedanken, sich selbst zu beweisen. Vielleicht konnte ich das für mich nutzen.
»Ich müsste an einen Terminal. Interne Daten, weißt du. So medizinisches Zeug … Lieferungen, Standorte … oder so«, brachte ich wenig überzeugend hervor. »Und du kannst so was auch?«, fragte ich vorsichtig nach und versuchte, meiner Stimme eine gewisse Bewunderung zu verleihen.
Nefrot grinste und seine Gefühle zeigten mir, dass ich ihn schon im Sack hatte. »Ich lern’s grad. Und sich’s mal anzuschauen, kostet ja nix, oder?«, behauptete er lässig und schob sich die Hände in die Gesäßtaschen. Doch seine Seele verriet mir, dass er es aus Unsicherheit tat und dass er krampfhaft versuchte, cool auf mich zu wirken.
Das konnte er von mir haben, wenn er wollte, solange er keine weiteren neugierigen Fragen stellte. »Okay. Unten im alten Gefängnistrakt sind noch welche, die nicht so zerfranst sind wie die hier oben«, erzählte ich, lächelte schüchtern und strich mir sogar eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
Nefrot wurde immer aufgeregter und ich beschloss, dass ich genug Entgegenkommen gezeigt hatte.
»Na, dann los! Ich hol das Werkzeug und wir treffen uns am … na ja, nicht mehr Schutthaufen«, sagte er und lachte, um seine Unsicherheit zu überspielen.
Allein mit einem jungen Mann in die Katakomben des Gefängnisses vorzudringen, machte mich nervös und ängstlich. Ich versuchte mich mit der Tatsache zu trösten, dass ich wahrscheinlich schon vor ihm wusste, wenn er vorhaben sollte, mich zu überfallen.
Allerdings hatte ich bei ihm solche Gefühlsausbrüche noch nie gesehen. Im Großen und Ganzen schien Nefrot zu den Männern zu gehören, die noch idealisierte Vorstellungen vom Leben hatten; die etwas durch Können erreichen wollten, nicht durch Gewalt.
Doch ich hatte schon einige Male gesehen, wie schnell sich Meinungen ändern konnten, wie schnell Prinzipien zerbröckelten.
In die Seelen der Leute sehen zu können, zeigte mir, wer sie wirklich waren, die hellen und die dunklen Seiten. Man konnte mich nicht belügen. Und auch wenn ich es benutzte, um mich selbst zu schützen, wünschte ich mir manchmal, einfach wie alle anderen zu sein und in Unwissenheit einen gewissen Frieden zu finden.
Wir liefen an der Balustrade entlang, die einmal um den See führte, den Nefrot mit erschrockenen Empfindungen betrachtete. Als eines der größeren Tiere sich aus dem Wasser hob und uns die spitzen, stachelartigen Schuppen auf seinem Rücken zeigte, zuckte er sogar zusammen.
»Sind die gefährlich?«, fragte er leise, weil er es nicht wagte, mehr Krach zu machen als nötig, um die Tiere unter uns nicht aufzuschrecken.
»Ja«, antwortete ich ihm schlicht und lächelte leicht. »Aber sie sind im Wasser. Und sie kommen da auch nicht raus.«
Nefrot nickte und ich zeigte ihm das Terminal am Ende der Runde, die in einer steil nach oben verlaufenden Wand endete. Etwa vierzig Fuß über uns mündete sie in einer Kuppel, die den See und den restlichen Zellentrakt überspannte. Es war beeindruckend und beängstigend zugleich. Und Nefrot empfand es genauso.
Er öffnete seine Tasche und zog verschiedene Werkzeuge heraus, um das Terminal zu öffnen. Ich setzte mich ans Geländer, steckte die Füße zwischen den Stäben hindurch und ließ sie über dem See baumeln, auf dessen schwarzer Oberfläche ich mich ölig spiegelte.
Nefrots Empfindungen waren ganz auf seine Arbeit konzentriert und ich schweifte mit den Gedanken ab. Erschöpft legte ich meine Stirn an die kühlen Stäbe und merkte erst jetzt, dass ich wieder Kopfschmerzen hatte. Ich trank einen Schluck Wasser aus einer Flasche, die ich in meiner Tasche hatte, und bot Nefrot auch welches an, selbst wenn ich schon vorher wusste, dass er es ablehnen würde.
Aber so ging das Spiel nun mal. Ich musste so handeln, wie ich es tun würde, wenn ich nicht wüsste, was in den Köpfen der Leute passierte. Das fiel mir schwer und nicht immer gelang es mir. Vor allem dann nicht, wenn ich in Gefahr war. Doch da ich allgemein von den meisten für ein bisschen verrückt gehalten wurde, machte ein weiteres seltsames Verhalten auch nichts mehr aus.
Triumphgefühle wehten zu mir herüber und Nefrot stieß ein »JA!« aus. Ich wandte mich ihm zu und sah, dass das Display sanft zu leuchten begann.
»Du hast es hingekriegt!«, rief ich freudig aus und kämpfte mich auf die Füße, darum bemüht, mir meine Schmerzen nicht anmerken zu lassen. Doch Nefrot war sowieso gerade viel zu stolz auf sich selbst, als dass er Augen für mich gehabt hätte.
»Mal schauen, wie weit wir kommen«, verkündete er mir und begann auf dem Display herumzudrücken. »So, wir haben hier eine Verbrecherkartei, Zellenbelegung, Rationen …« Sein Mut sank ein wenig. »Für alles andere brauchen wir wahrscheinlich ein Passwort oder dergleichen«, gab er niedergeschlagen zu und sah mich ein wenig enttäuscht an. Er hatte gehofft, allein die große Leistung zu vollbringen, mit der er sich rühmen konnte. Doch stattdessen scheiterte er an einem Passwort.
Es kostete mich große Überwindung, doch ich legte ihm zögerlich die Hand auf den Arm. »Du hast es zum Laufen gebracht. Das ist eine große Leistung«, sagte ich ihm genau das, was er hören wollte und er seufzte, gefangen zwischen gegensätzlichen Gefühlen von Stolz und Versagen.
»Ich glaube, wir brauchen einen Transponderschlüssel«, erklärte er mir bereitwillig und zeigte auf ein Symbol auf dem Display. Es kam mir augenblicklich bekannt vor. Genau so ein Ding baumelte in meinem Loch von der Decke. Ich hatte es mal aus dem Schutt gezogen und mich am glänzenden Metall erfreut, das mit seinen Verzierungen, die sich für mich später als Schriftzeichen herausgestellt hatten, in verschiedenen Farben glänzte, sobald das Licht darauf fiel.
»Ich … ich hab so was«, gab ich Nefrot meine Information preis und das Lächeln, das sich diesmal auf meine Lippen stahl, war ein echtes.
Da sprühten plötzlich Funken aus dem Terminal und für einen Moment ging auf der ganzen Station das Licht aus.
Na toll.
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