Kitabı oku: «Vom Wind geküsst»
Vom Wind geküsst
Windkind-Dilogie - Band 1
Lin Rina
Copyright © 2020 by

Drachenmond Verlag GmbH
Auf der Weide 6
50354 Hürth
http: www.drachenmond.de
E-Mail: info@drachenmond.de
Lektorat: Tanja Selder
Korrektorat: Michaela Retezki
Layout: Michelle N. Weber
Umschlagdesign: Alexander Kopainski
Bildmaterial: Shutterstock
Karte & Stammbaum: Lin Rina
ISBN 978-3-95991-368-3
Alle Rechte vorbehalten
Für meine Schwester Rebecca.
Weil ich dich für immer liebe.
Und für Jazz.
Weil du die ganze Zeit dabei warst und dieses Buch bei jedem Schritt begleitet hast. Und das seit acht Jahren.
Inhalt
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Playlist
Nachwort & Danksagung


Prolog

Ich saß auf der Treppe vor meinem Wohnwagen und starrte in den langsam heller werdenden Himmel. Er war klar und wolkenlos.
Ein paar Vögel segelten im stetigen Wind, der sanft über mich wehte. Ich sah ihnen zu, wie sie sich von ihm treiben ließen, absanken und wieder aufstiegen, sich gegenseitig jagten und mich mit einem Gefühl der Sehnsucht am Boden zurückließen.
Der Wind kreiste um mich, fuhr mir in die Haare und streichelte mir die Wange. Ein leichtes Lächeln stahl sich auf meine Lippen, weil er mich aufzumuntern versuchte. Er schlich weiter um mich herum, zog spielerisch an meinen Kleidern und flüsterte mir Dinge ins Ohr. Erzählte von der Weite des Himmels, vom endlosen Blau des Meeres und von der Freiheit. Die Freiheit, die ich nur haben könnte, wenn ich mit ihm käme. Wie so oft lockte er mich und ich seufzte.
So lange hatte ich das Meer nicht gesehen. Und es würden noch sicher zwei Monate vergehen, bevor ich wieder dort sein konnte. Ich vermisste es, in die Endlosigkeit zu starren und mir vorzustellen, sie mit dem Wind zu erkunden. Mich einfach vom Boden aufheben zu lassen und wegzutreiben, hinaus über die weißen Schaumkämme der Wellen, zu den kleinen Inseln vor der Küste. Von oben die Schatten der großen und kleinen Meereslebewesen beobachten, mit den Vögeln spielen, versuchen, den Sonnenuntergang zu erreichen.
»Cate!«, drang eine bekannte Stimme an mein Ohr und ich schrak aus meinen Gedanken auf.
Augenblicklich krachte ich schmerzhaft auf die Holztreppe unter mir und schnappte bestürzt nach Luft.
Der Wind löste sich von mir, pfiff Justus heftig um den Kopf und kehrte empört zu den Vögeln zurück.
Ich hob den Blick, blinzelte irritiert zu dem großen Mann hoch. Es war mir gar nicht aufgefallen, dass er herangetreten war.
Stumm stand er da, die eine Hand fest um seinen Bogen geschlossen. In der anderen hielt er etwa ein halbes Dutzend Rebhühner, die er mit einem Stück Zwirn an den Füßen zusammengebunden hatte.
Aus dunklen Augen sah er vorwurfsvoll auf mich herab.
Er musste nichts sagen, ich wusste auch so, wie seine Worte ausfallen würden. Ich hatte sie bereits hundertmal gehört. Um ihm nicht in die Augen sehen zu müssen, wandte ich den Blick ab. Meine Wangen glühten.
Du passt nicht auf, Cate! Du bringst uns alle in Gefahr mit deinem Leichtsinn. Was, wenn jemand gesehen hätte, wie du fliegst!
Ich versuchte mühsam, den Kloß runterzuschlucken, der mir im Hals steckte. Wieso konnte ich mich nicht einmal zusammenreißen? Warum fiel mir das so schwer?
Es war früh am Morgen und daher mehr als unwahrscheinlich, dass mich ein Fremder gesehen hatte. Doch mit dieser Argumentation würde ich bei Justus nicht weit kommen.
»Es tut mir leid«, murmelte ich nur und sah wieder zu ihm auf. Hinter ihm am Himmel segelten noch immer die Vögel in ihren ruhigen Bahnen. Wie elegant sie waren … und wie frei.
Er folgte meinem Blick und als er sich erneut zu mir umdrehte, war kein Vorwurf mehr in seinem Gesicht zu sehen. Stattdessen kam er zu mir und ich machte ihm Platz, damit er sich zu mir auf die Stufe setzen konnte.
Das Holz knarrte heftig, als er sein Gewicht darauf absetzte. Freundschaftlich legte er mir den Arm um die Schultern und drückte mich sanft. »Mir auch«, sagte er und ich lehnte meinen Kopf bei ihm an. Beschützend zog er mich noch ein Stück näher an sich. Sein Körper war warm, viel wärmer, als ein Körper sein durfte, und mir wurde augenblicklich flau im Magen.
In letzter Zeit passierte das häufiger und es lag immer an Justus, dass mir so komisch wurde.
Früher war das nicht passiert, da war ich mir ganz sicher. Wir waren seit Jahren die besten Freunde, ja fast wie Geschwister, und so etwas Derartiges hatte ich da noch nicht gefühlt.
Ich wusste auch gar nicht genau, wann das angefangen hatte. Egal wie lange ich darüber nachdachte, ich konnte mich nicht erinnern, wann es zum ersten Mal passiert war.
Nur eins war klar: Dieses Gefühl war jetzt da und ging nicht mehr weg.
Ich war … nein. Nein. Wahrscheinlich war ich nur krank. Ganz sicher. Das sollte ich mal von Fin untersuchen lassen.
Wir saßen eine Weile da und sahen zu, wie die Sonne langsam über den Baumwipfeln aufging und die Schatten der Nacht sich in den Wald zurückzogen. Keiner sagte etwas. Wir blieben einfach nur hier und genossen die Stille.
Das hatten wir gemeinsam. Eine Eigenschaft, die in Justus’ Familie eher eine Seltenheit war. Doch wir beide konnten stundenlang zusammensitzen, ohne diese Stille stören zu müssen.
Das wäre den anderen nie passiert. Sie waren allesamt laute, temperamentvolle Menschen, die gern lachten, überall mitredeten und sich leidenschaftlich stritten. Aber sie waren auch gutmütig und warmherzig, und sie liebten einander so, wie es nur wenige Familien taten.
Als der erste Sonnenstrahl die Treppe berührte, schwang beim Wagen neben uns die Tür auf und zerriss damit unsere wohlbehütete Stille, als sie außen gegen die blau bemalte Holzwand krachte.
Marc stand im Türrahmen, war nur mit einer Leinenhose bekleidet, die ihm schief auf der Hüfte saß, und gähnte ebenso herzhaft wie unüberhörbar. Er streckte seine muskulösen Arme über den Kopf, sodass ich seine bläuliche Feuerclantätowierung deutlich erkennen konnte, und kratzte sich dann an Nacken und Bauch.
Justus ließ mich sofort los, zog ruckartig den Arm zurück und brachte so unauffällig wie möglich Platz zwischen uns.
Ich spürte einen Stich, der mich unerwartet im Herz traf. Trotzdem bemühte ich mich um ein einfaches Lächeln, tat, als wäre es ohne Bedeutung, dass er so plötzlich Abstand genommen hatte. Warum tat es mir so weh? Es war doch nichts Ungewöhnliches.
Justus zuckte nur mit den Schultern und erhob sich von den Stufen, die wieder herzerweichend knarrten.
»Guten Morgen, ihr Bagage!«, rief Marc uns zu, der uns gleich entdeckte, und grinste schief.
Und damit war es vorbei mit der Ruhe. Innerhalb der nächsten Minuten kam Leben in die Wagenkolonne. Die bunten Farben, in denen die Wagen bemalt waren, strahlten im Morgenlicht noch deutlicher, sodass man jede Unebenheit und jedes bereits abgeblätterte Muster erkennen konnte.
Justus nickte mir noch mal zu, hob die erlegten Rebhühner auf und ging damit zum lilafarbenen Wagen. Dort öffnete gerade Tanja, seine Mutter, die Fensterläden und kam anschließend heraus, um ihm die Hühner zum Rupfen abzunehmen. Hoffentlich würde sie daraus ihre Rosmarinsuppe zubereiten. Die liebte ich sehr.
Marc, der inzwischen ein Hemd und eine anständige Hose trug, scheuchte Dante lautstark vor sich her, damit sie anfangen konnten, die Stände aufzubauen. Van und Tai hatten schon den ersten aufgestellt und stritten sich über irgendetwas. Hanna, Mei und Ayo trugen die Waren fröhlich schwatzend zusammen, um sie fein säuberlich ausbreiten zu können. Garan und Elia kämpften mit Stöcken gegeneinander. Bree kämmte der strampelnden Sally die Haare. Tanja rief zum Essen.
Ich beobachtete sie alle. Jeder hatte seine Aufgabe und jeder Morgen lief auf dieselbe Art und Weise ab. Sie schwatzten, lachten und stritten. Siebenundzwanzig Menschen, die mit mir zusammen in den Wagen lebten. Sie waren eine große Familie.
Bis auf mich.
Ich war nicht wie sie und konnte es auch nie werden. Ich wusste das, und ich wusste auch, dass sie es wussten.
Nicht dass sie nicht versuchten, mich ständig und überall miteinzubeziehen. Die Wagenleute bemühten sich wirklich. Doch egal wie sehr, ich war nun mal keine von ihnen.
Langsam stand ich von den Stufen meines Wagens auf, verscheuchte die trüben Gedanken und ging zu den anderen, um mir etwas zu essen zu holen.
Es gab Haferbrei mit Honig, Obst und das Gebäck vom gestrigen Abend.
Justus saß bei Marc und Dante im Gras, lachte über etwas, das Marc gesagt hatte, und boxte ihm mit dem Ellenbogen in die Seite.
Sein Lachen war ansteckend und ich musste unwillkürlich lächeln.
Er sah gut aus. Sowohl wenn er lachte als auch wenn er nachdenklich war. Selbst rasend vor Wut, was durchaus vorkam, fand ich ihn noch immer faszinierend. Zumindest solange er nicht auf mich wütend war.
Er war ein großer Mann, selbst in einer Familie, in der alle ziemlich groß waren. Mit dunklem Haar, das in der Sonne glänzte und ein wenig zu lang war, sodass ihm einige Strähnen in die Stirn fielen. Sein Gesicht war schmal und kantig, das Kinn immer von groben Bartstoppeln bedeckt, was ihm etwas Verwegenes und Geheimnisvolles gab. Etwas, das einen unweigerlich anzog.
Vor allem die Mädchen aus den Dörfern.
Justus hob den Kopf, als er bemerkte, dass ich ihn ansah, lächelte er und winkte mich heran. Mein Herz schlug schneller und mir wurde augenblicklich wieder flau im Magen. Warum war ich in letzter Zeit so leicht aus der Ruhe zu bringen?
Ich setzte mich zwischen ihn und Dante ins Gras. Dante nickte mir nur mit vollem Mund zu und wandte sich dann wieder an die anderen.
Marc redete und aß gleichzeitig. Er sah Justus kaum ähnlich, obwohl sie Brüder waren. Sie hatten nur das gleiche dunkle Haar, doch die Gesichtszüge waren völlig unterschiedlich. Marc hatte einen breiten Kiefer, einen vorwitzigen Zug um den Mund und eine laute Stimme, die er möglichst oft benutzte.
Er hatte wohl gerade irgendeinen anzüglichen Witz erzählt, denn in Dantes Ohren pulsierte das Blut und er verschluckte sich vor Lachen so sehr, dass ich ihm auf den Rücken klopfen musste.
Ich mochte die Jungs. Sie waren einfacher als die Mädchen. Sie sagten wenigstens, was sie meinten.
Natürlich war ich auch mit den Mädchen befreundet. Am besten verstand ich mich wohl mit Justus’ jüngster Schwester Mei. Hanna war herzlich, aber wir konnten meist nicht so viel miteinander anfangen. Ayo war sehr nett, jedoch auch schnell eingeschnappt. Und von Bree wollte ich erst gar nicht anfangen. Allem Anschein nach hasste sie mich.
Wir hatten gestern unweit eines Dorfes auf einer Lichtung im Wald haltgemacht. Ab dem späten Vormittag kamen die Bürger herbei, um sich unsere Ware anzusehen, nach unserer Reiseroute zu fragen, um uns Briefe und dergleichen mitzugeben und sich nach dem Feuerspektakel heute Abend zu erkundigen.
Ich saß an einem der Stände und sah einem untersetzten Mann mit einem raffinierten Schnurrbart zu, wie er einige Perlenbroschen beäugte, die Hanna mit ihren geschickten Händen und endloser Geduld fertigte. Lachend redete er mit Ayo, die gerade dort verkaufte, und sie kicherte über seine Witze.
Er trug farbenfrohe Kleider aus teurem Tuch und eine weiße Schärpe spannte sich über den Wohlstandsbauch.
Der Wind war nah bei mir und spielte sanft mit einigen losen Haarsträhnen, die er aus meinem Zopf gezupft hatte. Leise wisperte er mir zu und erzählte von einem fliederfarbenen Haus in der Mitte des nahen Dorfes; groß, mit einem Stall voller Pferde.
Der Mann entschied sich für eine hellblaue Brosche und hielt sie zufrieden ins Licht. »Die ist für meine Frau«, teilte er uns begeistert mit.
Ich lächelte, weil ich nicht anders konnte.
Er betrügt sie, flüsterte der Wind neben mir. Er schläft mit dem Dienstmädchen und verprasst sein Geld mit Kartenspielen und leichten Mädchen.
Schockiert schüttelte ich den Kopf und scheuchte ihn mit einer unauffälligen Geste fort.
Auch wenn ich solche Dinge über die Menschen nicht wissen wollte, flüsterte der Wind sie mir trotzdem viel zu oft zu. Sobald ich jemandem zu lange meine Aufmerksamkeit schenkte, tat er es, weil er es konnte. Er wusste alles, war in jedem Land, in jeder Stadt und jedem Dorf, auf jedem Feld und in jedem Wald. Er war in jedem Zimmer mit offenem Fenster und erhaschte jeden Moment im Haus, wenn er durch den Kamin blies.
Und er gab sein Wissen an mich weiter.
Ich hatte schon vor Jahren aufgehört, es wissen zu wollen. Schnell hatte ich erkannt, dass die Menschen allesamt verdorben waren. Da machte ich mir keine Illusionen.
Aber manchmal wollte ich einfach glauben, dass ein Mann seiner Frau eine Brosche kaufte, weil es ihm Freude bereitete. Und nicht aus einem schlechten Gewissen heraus, weil er ein Spieler war und sie mit anderen Frauen betrog.
Als Ayo dem teuer gekleideten Herrn das kleine Broschentäschchen aus gefärbtem Leinen reichte und sich lächelnd bedankte, musste ich meinen Blick abwenden. Plötzlich fand ich das Lachen des Mannes gar nicht mehr so ansteckend und sympathisch.
Unauffällig stand ich auf und ging. Niemand hielt mich auf. Ich hatte sowieso keine Arbeit zu erledigen. Manchmal half ich beim Verkaufen. Doch ich war nicht gut darin, mit Fremden zu sprechen.
Jeder hatte seinen Platz. Auch ich. Allerdings anders als die anderen.
Ich gehörte nicht zu ihrer Familie, ihrem Volk. Ich war kein Kind des Feuers.
Ich war eine vom Windvolk. Das Mädchen, das der Wind geküsst hatte.
1

Es war mir, als würde sich das Licht der Sonne verändern, je weiter wir nach Süden zogen. Es war strahlender, heller und es schmeckte nach Wärme und Heimat.
Erst gestern hatten wir mit den Wagen den Nordfluss an der Südlichen Übergehung überquert und das Fürstentum Albahr hinter uns gelassen.
Nun lag Mari vor uns und ich fieberte dem Moment entgegen, in dem wir das Meer erreichen würden. Nirgendwo war die Luft schöner als in der Nähe des endlosen Wassers.
»Kommst du mit in die Stadt, Catie?«, rief Marc quer über die Lichtung, an der wir das Lager für den nächsten Tag aufgeschlagen hatten.
Angu und Tai bauten gerade die Stände auf und Hanna trug einen Korb mit Kleinigkeiten herbei.
»Ja, Cate, komm mit«, ereiferte sich Mei mit fröhlicher Stimme, legte ihrem Bruder lässig den Arm um die Schultern und zwickte ihn in die Seite.
Marc wich vor ihr zurück, sie setzte nach. »Schnell, Catie, bevor sie mich zu Tode kitzelt!«, keuchte er, und auch wenn es sich dabei wohl um einen Scherz handeln sollte, klang Marc doch ein klein wenig zu panisch.
»Vom Kitzeln stirbt man nicht«, behauptete seine Schwester und zwickte ihn wieder.
Ich gab nach. Das sah viel zu lustig aus, um nicht dabei zu sein, und hier war ich sowieso nicht hilfreich. Also legte ich das Kleid beiseite, an dem ich gerade den Saum hochnähte, und erhob mich.
Mei brach in Jubel aus und erwürgte dabei beinahe ihren Bruder, der sich von ihr zu befreien versuchte.
»Was brauchen wir denn?«, fragte ich und musste ebenfalls lachen, weil die beiden zu komisch aussahen.
Der Wind hatte beschlossen mit ihnen zu spielen und brachte Meis Haare zum Tanzen, in denen sich die blauen eingeflochtenen Bänder ihres Feuerclans langsam auflösten, weil sie sich weigerte, sie zu erneuern.
»Wir geben Briefe ab«, sagte Justus, der hinter mir auftauchte, und ein warmer Schauder lief mir über den Rücken.
Mein Herz machte einen kleinen Sprung, und ich war doppelt froh, mich entschlossen zu haben mitzukommen.
Ich ging wirklich selten mit in die Stadt oder auch nur in die Dörfer, an denen wir vorbeikamen.
Zum einen war es mir unangenehm, zu viele fremde Menschen um mich zu haben, da der Wind einfach zu viel über sie wusste.
Bei der Familie, die mich umgab, hatte ich ihn davon überzeugt, mir die Dinge nicht mitzuteilen. Keine Ahnung, wie ich das geschafft hatte, denn er plauderte zu gern auch über die Menschen, die mir nahestanden. Aber deren Geheimnisse wollte ich nun wirklich nicht wissen.
Zum anderen war es gefährlich. So viele Menschen auf einem Fleck machten mir Angst, auch wenn ich das ungern zugab. Ich war ein Mädchen vom Windvolk. Die Menschen hatten uns gehasst, weil sie auf unsere Kräfte neidisch gewesen waren, genauso wie sie sie gefürchtet hatten. Dabei waren wir keine Bedrohung. Ich konnte nicht verstehen, wieso man eine Gefahr in jemandem wie mir sah.
Erpicht war ich also nicht darauf, dass jemand erfuhr, wer ich war.
Das Feuervolk hielt es da anders. Es hatte sich von Anbeginn der Zeiten vor den Menschen verborgen und seine Fähigkeiten geheim gehalten.
Wenn schon das friedfertige Windvolk so gefürchtet wurde, wie würde man erst auf ein Volk reagieren, das das Feuer leiten konnte.
Es hatte eine eigene Stadt inmitten des Egralin-Gebirges, die über dicke Mauern verfügte und in die niemand hineinkam, der nicht zu ihm gehörte.
Ich war bisher die einzige Ausnahme seit Errichtung der Stadt. Man gewährte mir Asyl, aus dem einfachen und traurigen Grund, dass es das Windvolk nicht mehr gab und ich die Einzige war, die den Genozid vor zwölf Jahren überlebt hatte. Ich allein. Ich war die Letzte meines Volkes.
Doch würde es mir wirklich helfen, mich immer zu verstecken und mich meinen Ängsten nicht zu stellen?
»Bringt mir ein kleines Fass Butter mit!«, rief Tanja uns hinterher.
»Ja, Mama«, antworteten Justus, Marc und Mei beinahe gleichzeitig.
»Und fragt nach Koriander.« Sie kam auf uns zu und drückte mir einen kleinen gelben Seidenbeutel mit Münzen in die Hand. »Und Cate. Achte ja darauf, dass sich die drei gut benehmen. Man kann nie wissen, was sie anstellen, wenn du nicht ein Auge auf sie hast.« Um ihre warmen dunkelbraunen Augen bildeten sich Lachfältchen, als sie mir zuzwinkerte.
Justus’ Iris hatten genau die gleiche Farbe.
»Als ob wir so schlimm wären«, beschwerte sich Marc mürrisch und verpasste Mei einen letzten rächenden Knuff in die Seite.
»Gerade du solltest lieber den Mund halten. Wegen dir haben wir immer den meisten Ärger«, erwiderte Tanja mit ernster Miene und stieß ihm mit dem Zeigefinger gegen die breite Brust. »Wehe, du lachst dir wieder ein Mädchen an, das so dumm ist und sich von deinem Charme einwickeln lässt.«
»Mama«, empörte er sich und zog eine Fleppe. »Du tust grad so, als wäre ich ein Lüstling.«
Energisch stemmte Tanja die Hände in die Hüften und hob herausfordernd die Augenbrauen. »Was du nicht sagst.«
»Müssen wir nicht los?«, warf ich ein, bevor die Scherze zwischen den beiden zu ernst wurden und sie sich wieder heftig in die Haare kriegen konnten.
»Dann los«, bestätigte Justus, der sich bei den Streitereien zwischen Marc und seiner Mutter meistens raushielt, sich dafür aber immer darüber amüsierte. Auch Mei grinste etwas zu gemein und Marc zog ihr dafür an einem ihrer unzähligen langen Zöpfen. Sie streckte ihm die Zunge raus.
Der Weg zu Stadtmauer war nicht weit. Wir gingen durch eine kleine Tannenschonung zu einer gepflasterten Straße, die an einem kleinen Brunnen vorbei und dann direkt in den Ort führte.
Es war uns wichtig, nicht in Sichtweite der Siedlungen haltzumachen. Man konnte nie wissen, was bei uns spontan in Flammen aufging und dann hatte man lieber keine unerwünschten Zuschauer.
Nur ein paar wenige Menschen waren bereits auf dem Weg zu uns, um die Stände anzuschauen, die die anderen aufgebaut hatten.
Wir näherten uns der Mauer, begegneten mehr Leuten und der Lärm der Stadt war bereits zu hören.
Es war keine große Stadt, doch größer als die Dörfer, an denen wir in der letzten Zeit vorbeigekommen waren. Es gab bunte Tore und viele Straßen. Als wir auf den Marktplatz zukamen, wuselte es nur so von geschäftigen Menschen. Vor mehreren Ständen mit Obst und Gemüse drängten sich die Leute. Frauen tratschten am Brunnen und füllten ihre Krüge und Eimer. Kinder eilten mit ihren Schreibtafeln und Büchern zur Schule. Männer saßen vor ihren Geschäften oder gingen in der Morgensonne ihren Handwerken nach.
Justus und Marc waren die Ruhe selbst und bahnten sich zielstrebig ihren Weg durch die Menge. Ganz dicht blieb ich bei ihnen und versuchte mich zusammenzureißen und dem Unwohlsein keinen Raum zu geben, auch wenn es sich anfühlte, als könnte ich nicht atmen.
Überall waren Menschen. Sie gingen dicht an mir vorbei, rempelten mich an, traten mir auf die Füße.
Ich achtete darauf, keinen lang genug anzusehen, damit der Wind mich nicht mit Wissen überschüttete.
Doch sie alle sahen mich an! Oder bildete ich mir das nur ein? Ich konnte ihre Blicke spüren, auf meinem Rücken, meinen Händen, meinem Gesicht. Ich konnte sehen, wie sie meine helle Haut und meine im Wind tanzenden Haare betrachteten.
Nein! Ich schüttelte den Kopf, drängte die Gefühle zurück, die nicht echt waren und bloß meiner eigenen Panik entsprangen. Man konnte mir nicht ansehen, dass ich ein Windkind war. Oder doch?
Was, wenn sie zu genau hinsahen? Wenn sie den Windhauch, der mich immer begleitete, richtig deuteten? Wenn sie wussten, wer ich wirklich war?
Meine Heimat war nicht weit weg von hier. Es war eine Reise von höchstens vier Tagen in Richtung Süden, zum Meer. Dort war das Stück Küstenland, das einmal dem Windvolk gehört hatte.
Die Menschen hier in den Dörfern waren Teil der Aufstände gewesen. Hatten uns gefürchtet, uns gehasst und alle auf einmal in einem Akt sinnloser Gewalt abgeschlachtet.
Ich bekam keine Luft mehr, als sich die Menge um mich herum enger schloss, mich erdrückte. Panik schlug wild um sich, flutete meinen Kopf.
Wieso war ich nicht einfach im Lager geblieben? Wieso hatte ich mich meinen Ängsten stellen wollen?
Eine Hand legte sich auf meine Schulter und schickte Todesangst durch meinen Körper, wie ein harter Schlag gegen die Brust. Mir setzte das Herz aus, meiner Kehle entfuhr ein halb erstickter Schrei. Die Beine versagten mir den Dienst und der Schweiß brach mir aus.
Justus schlang mir in diesem Moment die Arme um die Mitte und hielt mich aufrecht. »Cate«, stieß er hervor und mein Schreck spiegelte sich in seinen Augen.
Bei allen Winden!
Zittrig holte ich Luft und klammerte mich an ihn. Denn es war kein Meuchelmörder, der mich angreifen wollte. Es war nur Justus.
Er zog mich an sich, so nah, dass ich die Hitze seines Oberkörpers durch den Stoff seines grob gewebten Leinenhemdes spüren konnte. Mein Herzschlag stolperte und mir wurde noch schwindliger.
Es war, als ob jemand die Welt hinter einem Vorhang verborgen hätte, trüb und unscharf verschwand sie und alles um uns herum wurde bedeutungslos.
Nur Justus existierte. Seine Hände an meiner Taille, die mich zurück auf die Füße hoben. Seine Wange war so nahe, dass sie meine leicht streifte. Eine dunkle Haarsträhne kitzelte mich am Ohr.
»Was ist passiert?«, fragte er bestürzt und der Augenblick fiel in sich zusammen. Ich blinzelte.
Justus steuerte uns auf eine Seitengasse zu, raus aus der Menge, und das Gewicht, das auf meinem Brustkorb lastete, hob sich.
Doch kaum hatte er mich losgelassen, knickten mir die Knie ein und ich landete auf dem staubigen Boden. Justus beugte sich sofort zu mir herunter, musterte sichtlich besorgt mein Gesicht.
Auch Marc und Mei tauchten von der Seite auf und wirkten nicht weniger betroffen.
Ich musste noch einmal blinzeln, um ganz zu mir zu kommen und die beißende Panik aus meine Lunge wegzuatmen.
Der Wind drehte sorgenvolle Runden um meinen Kopf.
»Äm, ja … ich denke, ich …«, stammelte ich und versuchte mich zu konzentrieren. »Es waren nur die vielen Leute. Ich wäre doch besser nicht mitgekommen«, flüsterte ich und meine Stimme klang immer noch zitterig. Mühsam probierte ich mich an einem Lächeln, das in einer schüchternen Grimasse endete.
Der Wind versteckte sich in meinen Haaren und zerzauste sie noch mehr.
Justus seufzte lautlos, eindeutig erleichtert, doch sein Lächeln sah genauso gequält aus wie meins.
»Sag vorher was, damit du uns nicht so einen Schreck einjagst, verdammt, wenn du einfach so umkippst«, warf Marc mir leise vor und es überraschte mich, dass er so sanft fluchen konnte.
Moment, was hatte er gesagt?
»Ich bin umgekippt?«, fragte ich verblüfft. Wann war das denn gewesen?
Auf dem Platz. Ich bin auch erschrocken, flüsterte der Wind und pustete mir eine Haarsträhne aus der Stirn.
»Justus hatte dich ja sofort«, versuchte Mei mich zu beruhigen, drehte aber nervös ihre Zöpfe auf dem Finger auf.
Sah ich so furchtbar aus, dass alle sich solche Sorgen um mich machen mussten?
Ich blickte zu Justus, der mich noch immer beunruhigt ansah.
Ich bin in Ordnung, sagte ich ihm mit den Augen und er nickte. »Lasst uns zuerst zum Haus des Stadtrates gehen«, entschied er mit fester Stimme. »Da müssen wir nicht wieder über die Hauptstraße.« Die Gelassenheit ihres älteren Bruders wirkte auf Marc und Mei offenbar gleichermaßen beruhigend.
Der Wind tanzte um meine Fingerspitzen, als jagte er sich selbst.
Ich ergriff die Hand, die Justus mir reichte, und genau in dem Moment, als ich seine Haut berührte, durchzuckte es mich, als würde ein Blitz in mein Herz einschlagen. Der Wind zerstob erschrocken in alle Richtungen. Justus half mir auf die Füße und ließ mich wieder los. Doch mein Herz wummerte weiter, entschlossen, aus meiner Brust auszubrechen.
Es war mir unbegreiflich, wie er es nicht bemerken konnte.
»Lasst uns die Straße da vorn nehmen. Ich denke, ich weiß, wo wir langmüssen«, sagte er jedoch ungerührt zu Marc und zeigte in irgendeine Richtung. Die beiden setzten sich in Bewegung und Mei hakte sich bei mir unter, um mich mitzuziehen.
Ihr Blick ruhte auf mir, als befürchtete sie, dass ich noch einmal umkippen könnte. »Cate?«
Ich sah zu ihr auf. Obwohl sie ein Jahr jünger war als ich, überragte sie mich schon fast um einen Kopf. Aber in ihrer Familie waren ja schließlich alle groß.
»Ja?« Ich legte einen festen Schritt vor, um ihre Sorgen zu zerstreuen, und versuchte mich auf anderes zu konzentrieren. Das Pflaster hier in den Gassen war uneben und rau. Überall spross Moos aus den Ritzen hervor.
»Geht es dir wirklich gut?«, wollte Mei wissen. Misstrauen schwang in ihrer Stimme mit, jedoch sehr viel weniger Sorge, als ich geglaubt hatte.
»Ich denke schon, warum?« Ich ließ den Blick schweifen und sah zu der Wäsche, die viele Meter über uns von einem Haus zum anderen gespannt in der Sonne trocknete. Zu den luftigen, hell bemalten Fensterläden oder den beiden Frauen, die uns schwatzend entgegenkamen. Bloß um nicht zu Justus zu sehen, der vor uns herging.
»Dein Gesicht ist feuerrot«, behauptete Mei und musterte mich argwöhnisch. »Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich behaupten, du bist ein glühendes Feuermädchen.«
Innerlich seufzte ich. Sie hatte recht. Zudem schwitzte ich, obwohl meine Hände eiskalt waren, und mein Herz raste immer noch, als wäre es vor mir auf der Flucht.
Der Wind war zurückgekommen und versuchte mir das Gesicht zu kühlen. Es half nichts.
Mei hatte sicher eine Erwiderung von mir erwartet, aber ich schwieg, wagte es nicht, den Mund aufzumachen, als sich mir langsam der Grund für all das aufdrängte.
Ich wusste es ja bereits, aber es mir einzugestehen war viel schwerer als gedacht. Justus war immer wie ein Bruder gewesen und die Tatsache, dass er etwas anderes für mich sein könnte, machte mir Angst.
Mein Blick wanderte nun doch zu Justus, der uns durch die engen Seitenstraßen des Dorfes um den Marktplatz herumführte.
Er sah im gleichen Moment zu mir, als wüsste er doch, dass ich an ihn dachte, und lächelte so, wie er es immer tat. Ruhig und frei von versteckten Absichten.
Es raubte mir den Verstand und zauberte auch mir ein Lächeln auf die Lippen, das ich nicht kontrollieren konnte.
Bei allen Winden, ich war nicht krank! Nein, ich war bestimmt verrückt. Und Justus war schuld daran.
2

Das Haus des Stadtrates lag nicht weit vom Marktplatz entfernt. Ich blickte durch die Gasse auf die Menschenmasse, die sich um die Stände des Marktes drängte, und war froh, nicht hindurchgegangen zu sein.
Marc schlug an die große, mit feinen Schnitzereien verzierte Holztür und sie erbebte unter seinen wuchtigen Hieben. Über der Tür geriet das Wappen des Bürgermeisters ins Schwingen.
Hier im Süden, wo das Wetter im Sommer sengend heiß und im Winter äußerst mild war, wurden die Häuser luftig und nicht besonders massiv gebaut. Türen und Fenster ließen immer einen leichten Windhauch hinein, selbst wenn sie mal geschlossen waren.
Ein junger Mann in weißen Gewändern öffnete uns die Tür und sah uns fragend an.
»Wir haben ein paar Briefe auszuliefern«, teilte Justus ihm mit und zog einen Stapel gefalteten Papiers aus einer ledernen Tasche, die an seinem Gürtel baumelte.
Der Mann nahm sie ausdruckslos entgegen und bat uns mit einer Handbewegung hinein. Der Vorraum wirkte leer und wurde lediglich von einem Schreibtisch, einem Stuhl und einem offenen Regal mit vielen kleinen Fächern geziert. Die großen Fenster ließen den Lärm des Markplatzes hinein.
Ich liebte die Art, wie die Häuser hier gebaut wurden, mit all dem hellen Holz und den zahlreichen Schnitzereien.
Der Wind mochte sie auch. Fröhlich spielte er mit den naturfarbenen Gardinen wie eine Katze mit einem Grashalm.
Ich ermahnte ihn, sich zu mäßigen, als er sich vorsichtig an den Papieren zu schaffen machen wollte, die fein säuberlich auf dem Tisch gestapelt lagen.
»Ich bin Ratssekretär Lar«, stellte der Mann sich vor und sah flüchtig die Briefe durch, die wir gebracht hatten. »Ich danke vielmals für eure Mühe. Schulden wir euch noch etwas? Oder wurde die Rechnung fürs Überbringen dieser Schriften schon beglichen?«, fragte er ernst und mit wenig Emotion.
Er nimmt diese Arbeit sehr ernst und ist sehr gewissenhaft. Er hat deshalb Ärger mit seiner Frau, weil er zu viel arbeitet, flüsterte der Wind und zupfte spielerisch an dem Dokument, das obenauf lag.
Lar merkte es sofort und legte einen Briefbeschwerer auf den Stapel, ohne ihm viel Aufmerksamkeit geschenkt zu haben.
Ich sah mir den Mann an, wie er mit regungslosem Gesicht zu Justus blickte, und konnte mir kaum vorstellen, dass er verheiratet war oder wie seine Frau wohl aussehen mochte. Er war nicht hässlich, das war es nicht. Er war nur so … regungslos.
»Sieh dir das an, Cate«, wisperte mir Mei zu, ergriff meine Hand und zog mich zu den Fenstern, die vom Marktplatz wegzeigten. Durch die durchscheinenden Gardinen konnten wir auf die Straße hinter dem Gebäude sehen.
Ich folgte mit dem Blick ihrem ausgestreckten Finger. In der Nähe der Hauswand standen drei junge Männer, die lässig eine junge Frau umringten und ihren Erzählungen lauschten.
Sie hatte langes weizenblondes Haar und ihr tiefblaues, goldbesticktes Seidengewand betonte ihre schlanke Figur fast genauso gut wie ihre adrett in die Taille gestützte Linke.
»Die Stickereien sind wunderschön. Das hat sicher Monate gedauert, bis sie damit fertig war«, raunte Mei und sah schmachtend auf die blaue Seide.
Erst musterte ich die Frau und dann Mei. »Dir würde das bestimmt auch stehen«, sagte ich lächelnd und ihre Augen glitzerten geschmeichelt.
»Wirklich?«, fragte sie noch einmal spitzbübisch nach und biss sich geziert auf die Unterlippe. Mei liebte prachtvolle Kleider, so wie alle Mädchen in ihrem Alter, was ich ihr nicht verdenken konnte. Lachend lehnte ich mich an sie.
»Ich bezweifle aber, dass sie es selbst bestickt hat«, raunte ich und wandte mich vom Fenster ab.
Es war ein Geschenk von der Prinzessin von Berill, flüsterte der Wind.
Mit einer unauffälligen Handbewegung scheuchte ich ihn zu den Vorhängen zurück, damit er mir nicht noch mehr erzählte.
Marc stützte sich neben Mei an den Fensterrahmen und pfiff leise durch die Zähne. »Wer ist denn das?«, fragte er mit einem anzüglichen Lächeln auf den Lippen.
Ich musste einfach die Augen verdrehen, als er sich vorbeugte und ebenfalls zu der weizenblonden Schönheit hinausstarrte.
Mei funkelte ihn böse an und ich kniff ihn ziemlich fest in den Arm.
»Das sag ich deiner Mutter«, witzelte ich amüsiert.
Marc sah mich erschrocken an. »Ich habe gar nichts gemacht!«, verteidigte er sich und verschränkte reserviert die Arme vor der Brust. Ich musste mir ein Grinsen verkneifen.
»Ich kann hören, was du denkst«, erwiderte ich herausfordernd und hob demonstrativ die Augenbrauen.
»Kannst du nicht«, zischte er, trat aber dennoch vom Fenster zurück.
Ich musste keine Gedanken lesen können, um zu wissen, was Marc dachte. Dafür kannte ich ihn schon zu lange und seine Mimik war viel zu leicht zu durchschauen.
»Kann ich wohl«, behauptete ich weiterhin und wollte noch eine Stichelei nachsetzen, da sah Justus zu mir und zog meine Aufmerksamkeit sofort auf sich. Er nickte Richtung Tür.
»Wir gehen«, teilte ich den anderen mit und scheuchte sie vom Fenster weg zum Ausgang.
Bevor einer von uns jedoch nach der Klinke greifen konnte, wurde die Tür von außen geöffnet und ein Mann trat in den Raum. Blond, schlaksig, vielleicht Anfang zwanzig, in Justus’ Alter.
Er hielt uns die Tür auf und schenkte mir ein auffallendes Lächeln. Eins, bei dem die Mundwinkel sich nur minimal bewegten und die Augen zu glänzen begannen. Sie waren so blau, dass es mir sofort auffiel und tief wie das Meer. Er neigte leicht den Kopf zur Begrüßung, als ich an ihm vorbeitrat, und eine vorwitzige Locke fiel ihm in die Stirn.
Etwas in mir prickelte wie sich auflösender Schaum und ich sah rasch zu Boden. Hatte ich ihn etwa angestarrt?
Mit einem schweren Gefühl in den Beinen eilte ich die Stufen hinunter auf die Gasse, ohne mich noch einmal umzusehen, und hinter mir fiel geräuschvoll die Tür ins Schloss.
Justus und Marc ließen den Blick über den Marktplatz schweifen, auf dem das Gedränge nicht mehr ganz so groß war wie gerade eben noch, und ich schnappte die Worte Butterfass und Kräuterstände auf.
Justus reckte den Hals und versuchte wohl herauszufinden, wo sie die Besorgungen für ihre Mutter erledigen konnten.
Als hätte er es nötig, sich so zu strecken. Seine Körpergröße erlaubte es ihm, immer einen Blick über die Menge zu haben, und ich beneidete ihn darum. Er war den Wolken näher, wenn auch nur ein kleines Stück.
Mei blickte immer noch mit gerunzelter Stirn zur Tür des Stadtrates. »Kanntest du ihn?«, fragte sie und riss mich damit aus meinen Gedanken.
»Wen?«, gab ich zurück und zwang mich, die Augen von Justus abzuwenden.
»Diesen Mann gerade.« Sie zeigte zur Tür. Ihre bunten Armbänder klimperten. »Er hat dich angesehen, als ob ihr euch kennen würdet. Er hat dir sogar nachgesehen.« Da hellte sich ihre Miene plötzlich auf. »Oder«, flüsterte sie geheimnisvoll und kam einen Schritt auf mich zu. Mir wurde mulmig zumute. »Oder er findet dich toll. Vielleicht hat er dich angesehen, eure Blicke trafen sich und die Liebe ist ihm unerwartet ins Herz gefahren.« Sie legte theatralisch eine Hand an die Stirn.
O Mei. Widerwillig schüttelte ich den Kopf. Aber ich hatte eigentlich auch nichts anderes erwartet.
»Ja klar doch«, gab ich ironisch zurück, nahm ihre Rechte und hoffte, dass sie nicht sah, wie meine Ohren langsam rot wurden. »Ich glaube, die Jungs wollen weiter«, versuchte ich abzulenken und tat, als wäre es mir gleichgültig.
Als würde sich irgendein Wildfremder für mich interessieren. Das wäre doch absurd.
Mei lachte nur, sprang zu ihren Brüdern und zog mich mit. »Habt ihr den Mann gesehen, der uns die Tür aufgehalten hat? Ich denke, er hat ein Auge auf Cate geworfen«, verkündete sie sogleich, strich sich kokett ein paar ihrer Zöpfe aus dem Gesicht und wackelte albern mit den Augenbrauen.
»Im Ernst?«, sprang Marc sofort darauf an und grinste wölfisch.
Mir war sofort klar, dass er vorhatte, mich mindestens die nächsten zwei Wochen damit aufzuziehen.
Ich konnte nicht länger aufhalten, dass das Glühen von meinen Ohren in meine Wangen wanderte. Dabei lag mir an diesem Fremden nichts und an seinen möglichen oder auch eingebildeten Gefühlen schon gar nicht.
»Redet keinen Stuss«, fuhr Justus die beiden unvermittelt an und sah sie mit einem Ausdruck an, der deutlich machte, dass er sie nicht für voll nahm. Doch das führte nur dazu, dass sie anfingen, unkontrolliert zu kichern.
Mein Kopf wurde immer heißer.
Justus verzog genervt die Lippen, griff nach meiner Hand und zog mich zu sich. Vor Schreck ließ ich Mei los.
»Achte nicht auf sie. Die haben nur nichts zu tun«, redete er mit ernstem Gesicht auf mich ein und neigte den Kopf näher zu mir. Sein Blick wurde noch eindringlicher.
Alles in mir kribbelte. Seine Finger waren so unglaublich warm. Ich schluckte gegen meinen ausgedörrten Hals an. Halte deine Sinne beisammen, Cate!, sagte ich zu mir und versuchte mich zu konzentrieren.
»Fühlst du dich stark genug, es mit der Menge aufzunehmen, oder soll ich mit dir zurückgehen? Marc und Mei können die Besorgungen auch allein machen«, fragte er und ich musste lächeln. Er machte sich Sorgen. Mal wieder.
Schon immer hatte er sich als mein Beschützer gefühlt. Seit damals, als er den Deckel eines Wasserfasses geöffnet und darin ein kleines weinendes Mädchen entdeckt hatte, dessen Eltern gerade in einer Schlacht ums Leben gekommen waren. Er hatte mich gefunden, meine Hand genommen und manchmal, so wie jetzt, hatte ich das Gefühl, er hatte sie niemals losgelassen.
»Es wird gehen«, versicherte ich ihm und konnte nur hoffen, dass das stimmte. Warm lagen seine Finger um meine.
Justus nickte und der Ernst wich seiner üblichen Gelassenheit. Er richtete den Rücken wieder auf, trat aus der Gasse auf den Platz hinaus und hielt mich dicht bei sich.
Die Menschen traten instinktiv zur Seite, als er durch die Menge schritt. Feuerleute hatten diese Wirkung, flößten anderen Respekt ein, auch wenn es ihnen vielleicht nicht bewusst war.
Mei und Marc kamen hinter uns her. Sie scherzten immer noch über heimliche Verehrer und wie vielen armen Bauernsöhnen ich wohl schon das Herz gebrochen hatte.
Als ich ein kleines Butterfass bei einem Stand am Rande des Platzes bezahlte und Marc es von der gebückten Marktfrau entgegennahm, bemerkte ich plötzlich, dass der Wind seit einiger Zeit verdächtig still war.
Stumm rief ich ihn und erwartete, dass er an meinen Haaren ziehen oder mir über die Wange streichen würde. Doch nichts geschah.
Ich rief ihn noch einmal und sah mich um, ob ich etwas entdecken konnte, was ihn aufhielt. Ein loses Tuch, das er bewegen wollte, oder ein Stück Wolle, das er über den Boden jagte. Aber ich fand nichts dergleichen.
Meine Füße fühlten sich an wie am Boden festgenäht.
Den Wind nicht mehr zu spüren, setzte ein zweites Mal an diesem Tag Panik in mir frei, die mir eiskalt im Nacken saß und mir den Brustkorb enger schnürte. Etwas stimmte nicht.
Justus blickte zu mir, sah mir meine Unruhe wohl sofort an. Matt seufzte ich in mich hinein, denn ich machte ihm heute nur Ärger. Er verstärkte den Druck um meine Hand und öffnete gerade den Mund, um etwas zu sagen, als ein lautes Rauschen erklang.
Der Wind schwoll plötzlich an und fegte heftig über den Platz. Und da spürte ich ihn wieder, die Verbindung zwischen uns und die Leichtigkeit kehrte zu mir zurück, als mir die Haare aus dem Gesicht geweht wurden.
Männer hielten ihre Hüte fest oder rannten ihnen hinterher, Frauen versuchten ihre Röcke zu halten und kreischten, als der Wind sie hochwirbelte. Eine Schar Mädchen stützte ihren Milchstand und Marc konnte sich das Lachen nicht verkneifen, als eine Böe einem davon die Unterwäsche entblößte.
Der Wind ebbte so schnell ab, wie er sich aufgebäumt hatte, und sammelte sich als laues Lüftchen in meinen Haaren. Er wirkte seltsam erschöpft.
Ich fuhr mit den Fingern hindurch und streifte ihn dabei beruhigend. Was ist los?, fragte ich, bekam aber keine Antwort. Nur noch mehr Erschöpfung.
Und dann begann er leise zu singen.
»Was war das denn?«, zischte Justus und zog mich unauffällig vom Butterstand weg.
»Keine Ahnung. Ich war das nicht«, entgegnete ich verwirrt.
Der Wind summte weiter, wurde lauter und dann erklang die Melodie auch neben mir. Überrascht drehte ich mich um und brauchte nur einen Augenblick, bis ich die Quelle fand. Das Lied kam durch das offene Fenster eines kleinen Ladens zu mir herübergeweht.
Ich hielt die Luft an, als mich Emotionen übergossen wie ein Eimer kaltes Wasser. Die Melodie weckte etwas in mir. Bilder, Gerüche, verschüttete Erinnerungen. Eine Frau in einem langen grünen Kleid, der Duft von Vanille, eine goldene Kette, Salz in der Luft, blaue Muscheln und die starken Arme eines Vaters, der mich auf seine Schultern hob.
Ich blinzelte. Diese Melodie kam mir so bekannt vor.
»Hörst du das?«, fragte ich Justus und drückte ihm, ohne nachzudenken, den Beutel mit den Münzen in die Hand.
»Cate?« Er sah mich verständnislos an, als ich seine Hand losließ und mich umwandte.
»Dieses Lied. Ich kenne es. Kannst du es hören?«, wollte ich erneut wissen, wartete aber nicht auf eine Antwort.
Die vertrauten Klänge zogen mich an. Ich ging ihnen entgegen, achtete nicht auf die Menschen, an denen ich mich vorbeischob, und betrat den winzigen Geschäftsraum ohne Tür.
Der Wind kam unter meinen Haaren hervor, streifte sanft durch das halbdunkle Zimmer, das vollgestopft war mit Ramsch und Glitzerzeug. In gleichmäßigen Bahnen begann er um einen Gegenstand zu kreisen, der vor einem der hinteren Fenster hing.
Bedächtig ging ich darauf zu und betrachtete ihn. Es handelte sich um einen hölzernen Ring, an dem silberne Röhren unterschiedlicher Dicke baumelten. Immer wieder ließ der Wind sie gegen eine Kette blauer Muscheln stoßen, sodass die verschiedenen Töne zum Lied beitrugen, das der Wind weiter vor sich hin summte. Wie in Trance drehte er seine Runden um das klimpernde Gebilde.
Ich streckte die Hand aus und berührte eine der blauen Muscheln. Es waren die gleichen, die ich gerade in meinen verschütteten Erinnerungen gesehen hatte. Sie schimmerten im Licht der Vormittagssonne, das durch die Fenster fiel, und erinnerten an das Meer und an Wellen und …
»Ähm, kann ich behilflich sein?«, erkundigte sich eine Stimme von der Seite und ich fiel zurück in die Wirklichkeit.
Erschrocken drehte ich meinen Kopf und sah auf einen Mann hinunter. Er war erstaunlich klein und hatte schütteres Haar, ein winziges Brillengestell auf der knubbeligen Nase und eine geschäftstüchtige Miene.
Nicht weit von mir entfernt stand Justus in den Türrahmen gelehnt und beobachtete mich mit erstauntem Gesichtsausdruck.
Ich war selbst überrascht. Normalerweise machte ich mir nichts aus Trödel und noch nie hatte ich aus eigenem Antrieb so einen Laden betreten.
»Was ist das?«, fragte ich den Verkäufer und fuhr mit den Fingern durch die herunterhängenden Silberröhren, die dadurch aufgeregt klimperten. Der Wind löste sich widerwillig aus seiner Bahn und tanzte zu den Vögeln, die am Himmel kreisten, als wäre nichts gewesen.
»Oh, das …« Der Mann rückte seine Brille zurecht. »Das ist ein Windspiel.«
»Windspiel«, echote ich, als hätte ich nichts Besseres zu sagen, und sah wieder zu den Muscheln.
»Ja. Diese Muscheln sind etwas Besonderes. Man findet sie nur an der Windküste im Süden.«
Mir zog sich bei diesen Worten der Magen zusammen und mein Puls beschleunigte sich. Zögerlich berührte ich das schimmernde Blau und hörte das Meer in meinen Ohren rauschen.
»Wie viel kostet es?«, erkundigte sich Justus, löste sich vom Türrahmen und schlenderte auf uns zu.
Überrascht musste ich feststellen, dass er das erste Mal seit Wochen nicht zu den vorherrschenden Gedanken in meinem Kopf gehörte. Ich hatte sogar vergessen, dass er da war.
»Ähm, mein Herr. Es ist mir wirklich peinlich, ähm.« Der kleine Mann spielte mit seinen dicken Fingern nervös an den schimmernden Knöpfen seines Hemdes. »Ähm, es ist, soweit mir bekannt ist, nicht verkäuflich.«
Justus zog die Augenbrauen zu einer bedrohlichen Miene zusammen.
Es war bei ihm bloß ein Ausdruck von Nachdenklichkeit, doch auf den Mann, der neben ihm wie ein Zwerg aussah, musste es angsteinflößend wirken.
»Ich, ähm …«, stammelte dieser sofort los, strich sich fahrig das Hemd glatt und glitzernde Schweißperlen sammelten sich auf seiner hohen Stirn. »Ähm, man könnte natürlich darüber verhandeln. Es ist ein Sammlerstück. Ihr stammt nicht vor hier, nicht wahr?« Sein rechtes Bein zuckte.
Der arme Kerl musste richtig mit der Angst kämpfen.
Sachte legte ich Justus eine Hand auf den Arm, damit er davon abließ, den Armen in Grund und Boden zu starren.
Er sah mich an und ich versuchte ihm ohne Worte mitzuteilen, dass er ein wenig sanfter vorgehen sollte.
Seufzend wandte er sich wieder dem Verkäufer zu.
»Wie viel soll es kosten?«, fragte er erneut und bemühte sich um einen freundlichen Ton.
»Ähm … sagen wir mal, ähm … zwanzig Silberlinge?«, erwiderte dieser und zwinkerte unsicher. Der freundliche Ton hatte ihn wohl etwas mutiger werden lassen.
Meine Augen wurden groß, als ich die Summe hörte.
»Zwanzig Silberlinge?!«, fuhr Justus ihn grob an. »Das ist der Preis eines ganzen Kappa! Lebendig!«
Der kleine Mann schrak zusammen und wäre vermutlich am liebsten geflohen. Sein Gesicht wurde noch blasser.
Auch ich war zusammengezuckt.
»Zehn, ähäm, zehn Silberlinge. Aber weiter runter kann ich nicht gehen.« Die Stimme des Verkäufers hatte einen jammernden Tonfall angenommen.
Justus knirschte mit den Zähnen. »Acht«, sagte er bedrohlich und ich legte ihm wieder die Hand auf den Arm. Das war zu viel. Selbst acht Silberlinge waren noch überteuert.
Der Händler zog ein Tuch aus der Hosentasche seiner weit geschnittenen Leinenhose und wischte sich damit den Schweiß vom Gesicht. »Neun«, gab er halblaut von sich und ich musste zugeben, dass ich seinen Mut bewunderte.
Justus nickte. Weiter runter konnte er ihn kaum treiben, ohne dass der arme Kerl einen Nervenzusammenbruch erlitt. Er zog einen roten Beutel aus seiner Ledertasche und öffnete ihn.
Überrascht sah ich ihn an. Mir war auch nicht bewusst gewesen, dass Justus so viel Geld hatte. Er holte neun silberne Münzen heraus und legte sie dem Händler in die zitternde Hand.
Es war kaum zu glauben. Neun Silberlinge! Er hatte gerade neun Silberlinge für ein Windspiel bezahlt.
»Nehmt es«, sagte der Mann und zog sich sichtlich erleichtert in die Schatten seines Ladens zurück.
Ganz vorsichtig nahm ich es von dem Haken und betrachtete die metallenen Röhren, in die jemand buntes Glas eingearbeitet hatte, mit Ehrfurcht.
Der Händler reichte mir ein Stück weiches Tuch, in das ich es einschlagen konnte. Ich bedankte mich mit einem Lächeln und verließ mit Justus den Laden.
Ein paar Schritte weiter warteten Marc und Mei auf uns. Marc wedelte sich mit einem Bündel Koriander Luft zu.
Justus ging auf sie zu, doch ich hielt ihn am Arm zurück.
»Neun Silberlinge?«, fragte ich ihn skeptisch und zuckte unsicher mit den Schultern. »Ich glaube, ich habe nicht genug Geld, um es dir zurückzuzahlen.«
Ein schiefes Lächeln erschien auf seinen Lippen. »Musst du auch nicht«, meinte er und ich schüttelte den Kopf.
»Aber«, wollte ich gerade zu einer Erwiderung ausholen, als er die Hand ausstreckte und mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht strich. Nur ganz leicht streiften seine Finger meine Stirn und schon spielte mein Herz verrückt.
»Es ist ein Geschenk«, sagte er eindringlich, sah mir in die Augen.
Mein Hals war ganz trocken, meine Wangen fühlten sich heiß an und ich nickte zaghaft.
Er hatte mir ein Geschenk gemacht. Ich konnte es kaum fassen, so glücklich war ich darüber. Neun Silberlinge hatte er ausgegeben. Nur für mich!
»Aber es war so teuer«, brachte ich meinen letzten leisen Widerspruch hervor und versuchte, keine Regung in Justus’ Gesicht zu verpassen.
Doch er lachte nur. »Sehr wahr. Erzähl das ja nicht den anderen.«
3

Ich lag auf meinem Bett im Wagen und bestaunte meinen neuen Schatz.
Obwohl ich so gut wie nie in diesem Bett schlief, bestanden die anderen darauf, dass es mir gehörte. Wahrscheinlich, weil sie mich nicht ausschließen wollten.
Der Wind tanzte mit den Muscheln, erzeugte leise Klänge. Das Licht verfing sich in den silbernen Röhren und das Glas zauberte bunte Muster an die Wände.
»Verflucht noch mal!«, keifte Marc lautstark von draußen und ich hob den Blick. Mit verzerrtem Gesicht schüttelte er seine schmerzende Hand. Alarmiert ließ ich mich auf den Boden gleiten und rannte hinaus.
»Verdammt!«, fluchte Marc weiter und kam auf mich zu. Den zur Hälfte abgebauten Verkaufsstand und Dante, der die Überreste aufrecht hielt, ließ er einfach stehen.
»Kannst du mir den verfluchten Splitter rausziehen?«, fragte er und streckte mir die Hand entgegen.
»Natürlich.« Ich setzte mich auf die Stufen vor der Tür und Marc ließ sich daneben ins Gras fallen.
Eingehend begutachtete ich seine Handfläche und fand schnell die gerötete Stelle. Der Splitter saß ganz schön tief, war aber nicht allzu groß.
»Willst du damit nicht lieber zu Fin gehen?«, wollte ich wissen und drückte knapp neben das Holzstück, um es ein wenig aus der Haut zu schieben.
Marc zuckte zusammen, verzog schmerzerfüllt den Mund und gab einen zischenden Laut von sich. »Bist du verrückt? Die Quacksalberin hackt mir womöglich gleich die ganze Hand ab«, schnaubte er und sah beunruhigt zu seiner Tante Fin hinüber, die mit Tanja zusammensaß, quatschte und Bree ein grünes Band in die Haare einflocht. Bree war mächtig stolz darauf, wie schön die Farbe ihres Feuerclans zu ihrem feuerroten Haar passte. So sehr, dass sie mir damit immer wieder auf die Nase binden musste, dass ich nicht zum Feuervolk gehörte und daher keine bunten Bänder tragen durfte.
Stumm schüttelte ich den Kopf, drängte die beißenden Gefühle weg und konzentrierte mich wieder auf Marc.
»Oder sie schmiert mir eine ihrer stinkenden Salben drauf und ich rieche dann tagelang nach totem Tier oder Moorschlacke. Nein danke«, wetterte er weiter und verhalf mir zu besseren Gedanken.
Ich griff hinter mir in den Wagen und zog den Nähkorb hervor, in dem noch mein Kleid mit dem halb hochgenähten Saum lag. Ich zog eine Nadel aus dem Heft und sah mich nach Mei um.
Sie saß auf Justus’ Wagendach, hielt ihr Gesicht in die Sonne und baumelte mit den Beinen.
»Mei«, rief ich und winkte sie heran.
Geschickt kletterte sie an der Seitenwand herunter und kam mit schnellem Schritt auf uns zu. Mit Schwung ließ sie sich neben mir auf die Stufen plumpsen, sodass unsere Hüften zusammenstießen, und grinste mich an. »Was gibt’s?«, fragte sie und legte mir spielerisch den Kopf auf die Schulter. Sie musste sich dafür nach unten beugen, was sehr verkrampft aussah, mich aber zum Lachen brachte.
»Was hast du da oben gemacht?«, erkundigte ich mich und hielt ihr die Nadel hin. »Einmal mit Feuer säubern bitte.«
Rasch zog sie einen feurigen Faden mit Daumen und Zeigefinger um die schmale Metallspitze, die kurz aufglühte. Es zischte leise, als Mei die Flamme allein durch ihren Willen wieder verlöschen ließ.
»Ich habe das Dach repariert«, sagte sie beiläufig und Marc schnaubte.
»Das war aber auch nötig«, schimpfte er und unterbrach sich selbst mit einem Fluch, als ich mir mit der Nadel vorsichtig Zugang zum Splitter verschaffte.
»Heul nicht rum, du Memmenbruder«, blaffte Mei ihn an und steckte eines ihrer vielen Zöpfchen wieder zurück in den Knoten auf ihrem Hinterkopf. »Vor einer Woche hat Tante Fin mir einen Splitter aus dem Fuß gezogen. Der war locker doppelt so dick und ich habe nicht mal mit der Wimper gezuckt«, behauptete sie, schlug die langen Beine übereinander und wippte mit dem Fuß. Ich bezweifelte ihre Geschichte sehr, sagte dazu aber nichts.
»Pah, das Märchen glaubt dir nicht mal Juju«, erwiderte Marc großkotzig und straffte die breiten Schultern.
Ich lächelte und sah zu Juju, die nicht weit von uns mit ihren kurzen Beinchen über die Wiese stakste. Sie war gerade mal drei.
»Au! Kannst du nicht ein bisschen sanfter sein?« Marc giftete mich mit zusammengekniffenen Augen an. Und ich hätte schwören können, dass eine Träne darin glitzerte.
»Kannst du ein bisschen weniger fluchen und netter zu deiner Schwester sein?«, fragte ich ihn meinerseits und wies ihn an, nicht hinzusehen, wenn ich den Splitter herausholte.
»Warum hattet ihr eigentlich ein Brandloch in der Decke?«, wollte Mei von ihrem Bruder wissen und zeigte auf den Wagen, von dem sie gerade heruntergeklettert war.
»Sagen wir, Dante träumt manchmal sehr lebhaft«, gab er zurück und verdrehte die Augen.
»Ich mache das doch nicht mit Absicht!«, verteidigte sich Dante, der sich zu uns gesellte. Er hatte es wohl aufgegeben, den Stand allein abzubauen.
Der junge Mann hatte die Fähigkeit, Feuer mit seinem Körper zu erzeugen. Eine Kraft, die im Feuervolk hoch geehrt wurde. Wenn man es kontrollieren konnte.
Denn so fantastisch das auch klang, haperte es noch etwas an der Umsetzung. Mit viel Konzentration schaffte Dante es, nur eine Hand oder seinen Kopf in Brand zu setzen. Aber es kam oft genug vor, dass sich der Rest von ihm ebenfalls entzündete und er am Schluss ohne Kleider dastand.
Die Tatsache, dass wir ihn alle schon einmal nackt gesehen hatten, trug auch nicht gerade zur Steigerung seines Selbstbewusstseins bei.
Dabei bräuchte er genau das dringend.
»Du bist doch nur neidisch, dass ich Feuer selbst erzeuge, während du dir immer erst eine Fackel vors Gesicht halten musst«, würgte er Marc rein und schob trotzig das Kinn nach vorn.
Das war sein einziger Trumpf, denn Marc brauchte zumindest einen Funken, mit dem er seinen hitzigen Atem entzünden konnte, im Gegensatz zu Dante, der selbst Feuer hervorbrachte.
Doch Marc ließ sich dieses Mal nicht beirren. »Ha! Dafür weiß ich, was ich tue, wenn ich es tue«, erwiderte er mit einem anzüglichen Ton in der Stimme. »In jeglicher Hinsicht.«
Gezielt spießte ich das Holzstückchen mit der Nadel auf.
»AU! Bei allen sengenden Feuerstürmen!«, fluchte Marc, als ich ihm den Splitter aus der Wunde zog.
Ich hielt ihm das winzige Stück Holz vors Gesicht und wusste schon, was er über das kleine Splitterchen denken würde.
Marc begutachtete erst die gerötete Stelle an seiner Hand und nahm mir dann das winzige Stück Holz ab. »Das ist alles?«, fragte er und hielt ihn gegen das Licht. »Der ist ja winzig«, meinte er sichtlich enttäuscht. Er hatte wohl etwas Dramatischeres erwartet.
»Sag ich doch: Memmenbruder.« Mei zuckte selbstgefällig mit den Schultern und lehnte sich zurück, um sich wieder die letzten Sonnenstrahlen ins Gesicht scheinen zu lassen.
Ich hatte dafür gesorgt, dass der Himmel wolkenlos war, und der Sonnenuntergang an diesem Abend würde sicher wunderschön werden. Allerdings konnte ich ihn mir nicht ansehen, da die Bäume um uns herum die Sicht auf den Horizont versperrten. Und fliegen war nicht drin, obwohl alles in mir mich hinauf in den Himmel zog.
Ich seufzte sehnsüchtig, steckte die Nadel zurück ins Heft und schob den Korb auf seinen Platz neben der Tür.
Dante und Marc erhoben sich, nicht ohne sich weiterhin gegenseitig aufzuziehen. Mei rannte ihnen hinterher und lachte über Marcs Schimpftiraden.
Gemeinsam klappten sie den Stand zusammen und räumten alles dahin, wo es hingehörte, während ich ihnen zusah, das Wetter aufrechterhielt und dem Wind lauschte.

Die Dunkelheit kam schnell. Van und Justus hatten gerade die letzten Fackeln entzündet, als die ersten Dorfbewohner auf dem Weg auftauchten. Aufgeregt redeten sie miteinander und gafften zu uns herüber, in der Hoffnung, einen der Tricks schon im Voraus zu sehen.
Doch das war vergebliche Mühe.
Marc und Dante waren in ihrem Wagen und zogen sich für den Auftritt Kleidung aus robustem Kappaleder an. Auch alle anderen bereiteten sich vor. Van und Felice, Miso und Angu, Tai und natürlich Mei und Justus.
Laila hielt sich seit ein paar Wochen zurück, da ihr Babybauch immer größer wurde. Wir alle wussten, dass sie auf einen Jungen hoffte, während Tai lieber ein Mädchen wollte und der Rest der Familie die ständigen Diskussionen darüber längst leid war.
Zu Lailas Aufgabe gehörte ein langes besticktes Kleid, auf dem unzählige Glasperlen glitzerten. Hanna machte es Freude, die silbernen Stickereien auf dem nachtblauen Stoff weiterzuführen, immer wenn sie dafür Zeit fand.
Ich hatte mich oben auf unseren Wagen gesetzt und überblickte die Szenerie.
Es sah aus, als wäre das ganze Dorf gekommen. So ein Spektakel ließ sich kaum jemand entgehen.
Obwohl ich es schon Hunderte Male gesehen hatte, war ich doch jedes Mal aufs Neue von der Schönheit der Feuerspiele überwältigt. Und von der Eleganz der Akteure.
Ayo begann die Trommel zu schlagen und Stille senkte sich über das Publikum.
»Willkommen! Willkommen in dieser wunderschönen, sternenklaren Nacht!«, rief Laila mit ihrer klaren Stimme, die mit Leichtigkeit bis in den letzten Winkel der Lichtung drang.
Ich mochte es, wenn sie die Begrüßungsworte sprach. Ihr Tonfall hatte etwas ähnlich Beruhigendes wie der von ihrem Bruder Justus.
Im letzten Winter hatte sie ihren Liebsten geheiratet, was für eine Menge Trubel gesorgt hatte. Tai und sie hatten schon seit Jahren füreinander geschwärmt und miteinander geflirtet, sich jedoch nie getraut, einander ihre Gefühle zu gestehen. Ob nun aus Schüchternheit oder weil Tai der Letzte eines aussterbenden Clans war, konnte ich nicht sagen. Dafür kannte ich mich zu wenig in der Politik des Feuervolkes aus.
Doch mit der Zeit hatten sich die Wogen gelegt und die beiden erwarteten ihr erstes Kind.
»Dies ist eine Nacht, die für viele unvergessen bleiben wird«, fuhr Laila fort und hob elegant die Arme. »Eine Nacht voller Geheimnisse, spektakulärer Kunststücke, Feuerkunst und Magie.« Sie ließ ihre Hände umeinander tanzen, um ihre Worte zu unterstreichen, und ihr Blick schweifte über das Publikum. »Und nun …« Sie senkte die Stimme und die Menschen lauschten gespannt. »Lasst das Spektakel beginnen!« Sie verdeckte die Linke mit der Rechten, und als sie sie wieder voneinander trennte, brannte darin eine blaue, sich windende Flamme.
Die Dörfler holten erschrocken Luft. Obwohl viele von ihnen die Feuerspiele jedes Jahr aufs Neue besuchten, schien es sie jedes Mal wieder zu überraschen.
Applaus ging durch die Reihen. Laila verbeugte sich mit einer Hand auf dem runden Bauch, die andere mit der langsam verlöschenden Flamme nach vorn gestreckt. Dann verließ sie den mit Fackeln abgesteckten Platz im Halbkreis der Wagen und zog sich zu Ayo, Hanna und den anderen Musikern zurück.
Ich lachte in mich hinein, amüsiert von dem Trick, dem die Dörfler auf den Leim gingen. Die ganze Ansprache, das Spektakel, das Feuer. Das alles diente nur zweitrangig der Unterhaltung. In Wirklichkeit erfüllte es den Zweck, zu verstecken, was die Wagenleute wirklich waren.
Erzählte man den Menschen offen, es handele sich um Magie, um Feuerkunst, um etwas Übernatürliches, dann glaubten sie es nicht. Sie lachten darüber und freuten sich, nicht auf die Täuschung hereingefallen zu sein. Für sie waren es nur Tricks wie Kartenzauberei und Zirkuskunst.
Es schien schon fast zu einfach. Die Feuerspektakel schützten das Feuervolk, schützten ihr Geheimnis, die Wahrheit, dass es die Feuermagie wirklich gab.
Ayo begann wieder zu trommeln und ich rief den Wind zu mir. Ohne zu murren, legte er sich in meine Hände und ließ die Lichtung windstill zurück.
Ihm machte es nichts aus, mir jedoch gab es das Gefühl, etwas zur Sicherheit der Vorstellung beizutragen, wenn ich ihn ruhigstellte. Obwohl er sich dazu nie äußerte, vermutete ich, dass er sich die Feuerkunst auch gern ansah.
Marc trat mit einer Fackel in die Mitte und spie durch die Flamme eine gewaltige Feuerwolke.
Beress und ihr jüngster Sohn Garan setzten mit ihren Flöten zu einer verspielten und schnellen Melodie an.
Mei tauchte hinter einem von Marcs riesigen Flammenstößen auf, als wäre sie im Feuer erschienen. Sie zog mit allen Fingern Feuerfäden zwischen ihren Händen, die flackernd heller und dunkler wurden, und drehte sich zum Tanz. Die Fäden wirbelten um sie herum und ihre vielen schmalen Zöpfe peitschten um ihren Kopf, als sie sich drehte und die Arme in die Luft warf.
Die Musik wurde schneller und schneller und Meis verschlungene Bewegungen ebenso, bis sie aussah wie ein wirbelnder Feuerkokon.
Dann endete das Stück abrupt und die Feuerfäden um Mei zerfielen zischend zu Rauch.
Tosender Applaus folgte auf die plötzliche Stille. Ich klatschte mit ihnen und der Wind flog begeistert um meine Hände herum.
Der Junge mit dem blauen Hut ist in sie verliebt. Schon seit dem letzten Jahr, flüsterte er mir zu.
Meine Mundwinkel verzogen sich wie von selbst zu einem Lächeln, während ich nach dem besagten Jungen Ausschau hielt.
Es war nicht schwer, ihn zu entdecken. Er stand weit vorn, hatte gebräunte Haut, blonde Locken, die unter seinem Hut hervorlugten, und sah Mei mit glänzenden Augen hinterher.
Wie sehr es mich auch freute, dass Mei bewundert wurde, so tat es mir für den Jungen auch leid. Er würde sie niemals für sich gewinnen.
Auch wenn es nicht verboten wäre, sich mit einem Menschen außerhalb des eigenen Volkes einzulassen, würde sie sich nicht für ihn interessieren. Das Feuervolk war so stark in seinen Traditionen verwurzelt, dass Mei nicht im Traum daran denken würde, ihm ihr Herz zu schenken.
Aber wenn er nicht schüchtern war, blieb ihm zumindest die Möglichkeit, ein wenig mit ihr zu flirten. Darin waren die Feuerleute nämlich auch besonders gut. Den Charme spielen lassen!
Doch die Vorstellung ging weiter und ich verlor den Jungen aus den Augen.
Felice und Miso traten auf, begleitet von Ayos rhythmischem Trommeln und Brees engelsgleichem Violinenspiel. Während Felice in einer Feuerschale allerlei Dinge aus dem Feuer formte, bewegte Miso sie in die Luft und hauchte ihnen zauberhaftes Leben ein. Es war ein wirklich beeindruckendes Schauspiel.
Kaum erhoben sich die beiden wieder und verbeugten sich zum Klatschen der Dorfbewohner, begann mein Bauch zu kribbeln. Denn nun folgte endlich mein Lieblingsteil des Spektakels.
Justus, Marc, Van, Angu, Tai und Dante erschienen mit brennenden Stöcken, die sie in einer perfekten Choreografie durch die Luft wirbelten, sich gegenseitig zuwarfen und darunter durchtauchten. Justus gab seinen an Tai ab, öffnete die Hände und erzeugte schimmernde Feuerkugeln, mit denen er kunstvoll jonglierte.
Mein Herz klopfte mir bis zum Hals, wenn ich ihm dabei zusah, wie er sich drehte, sich die Muskeln an den Armen anspannten und das Feuer geheimnisvolle Züge auf sein Gesicht zauberte.
Marc spuckte Feuer durch die Flammen seines Stabes. Glühende Funken schossen durch Vans Hand in den Himmel und explodierten mit lautem Krachen. Laila, die immer noch am Rand stand, verwandelte sie in viele bunte Flammen, die auf das Publikum herabregneten.
Miso achtete peinlichst genau darauf, dass niemand davon getroffen wurde und alle Funken vorher erloschen.
Falls ihr etwas entging, gab es noch mich, die der Stelle die Luft entzog, um das Feuer zu ersticken. Ich agierte sozusagen als letzte Sicherung, auch wenn ich nur selten gebraucht wurde.
Angu und Dante setzten ihre Hände in Brand und zogen flammende Schlieren durch die Luft, malten Blumen und Schleifen. Letzterer brach seine Vorführung allerdings ab, als sich das Feuer über die Arme ausbreitete. Er trat zur Seite und zwang es unter großer Anstrengung zurück zu den Händen. Sein großer Auftritt würde noch kommen.
Die Instrumente spielten ein wildes Lied, das an Kampf und Abenteuer denken ließ, mit schnellem Rhythmus und schreienden Violinsaiten, die den Puls nach oben trieben.
Selbst mir raste der Puls und ich musste mich konzentrieren, da gleich das große Finale anstand. Ich konnte es an der Musik erkennen. Der Wind wurde unruhig, als ich mich aufrichtete und bereithielt.
Dante trat in die Mitte des wirren Feuerspiels und vergewisserte sich, dass Marc hinter ihm war. Für einen winzigen Moment entzündete er seinen ganzen Körper, sodass er eine lebendige Fackel abgab. Doch ehe es jemand im Publikum genauer sehen konnte, holte Marc tief Luft und spuckte durch Dantes Feuer eine gigantische Feuerwolke, die über das Gras leckte und das Publikum vor Freude aufschreien ließ.
Bevor die Flammen jedoch ausbrechen und Schaden anrichten konnten, stieß ich den Wind hinunter auf den Platz. Er raste los, kostete jede Flamme und löschte sie mit einem Mal bis auf den letzten Funken.
Im gleichen Augenblick, als die Feuer erloschen und die Lichtung stockfinster zurückließen, endete auch die Musik und das Spektakel war vorbei.
Das Publikum applaudierte mit Verzögerung, dafür so tosend, dass der Wagen unter mir vibrierte.
Ein Gefühl von Glück und Stolz breitete sich in meinem Bauch aus und ich grinste so breit, dass mir die Wangen schmerzten. Es fühlte sich gut an, Applaus zu bekommen, selbst wenn die Menschen aus den Dörfern nicht wussten, dass ich zu dem pompösen Schluss genauso beigetragen hatte wie die Feuerleute. Aber das war mir auch nicht wichtig.
Justus entzündete eine einzelne Fackel und lief den Halbkreis ab, um die Lichter erneut zu entfachen.
Einige offiziell aussehende Männer traten aus der euphorischen Menge, scheuchten die aufgeregt schwatzenden Leute beiseite und trugen lange Tische heran.
Es dauerte nicht lange, bis sie aus den mitgebrachten Körben allerlei Gebäck darauf verteilt hatten. Auch Fässer voll Wein und gezuckertem Limonensaft wurden aufgestellt und dörfliche Musikanten lösten die unseren ab.
Die Bewohner der Dörfer zelebrierten unser Erscheinen gern in einer Art Volksfest, das jeder Landstrich auf seine eigene Weise beging. Hier im südlichen Mari feierte man mit Beerenwein und süßem, traditionellen Gebäck.
Ich liebte das Hefegebäck dieser Gegend. Es erinnerte mich an Heimat und eine Geborgenheit, die mir ab und zu in meinen Träumen begegnete.
Gerade biss ich von einem ab, das aussah wie eine Schnecke und zusätzlich mit kandierten Nüssen bestreut war, als mir Mei auffiel. Sie wurde gerade von einem jungen Mann angesprochen, der seinen blauen Hut nervös zwischen den Händen zerdrückte. Da traute sich einer also wirklich.
Lachend ging ich näher heran, um zu lauschen, war gespannt, was er ihr wohl sagen würde. Sie lächelte, als er ihr anbot, ihr einen Becher Wein zu bringen, und strich sich verlegen von seinen Komplimenten die Zöpfe aus dem Gesicht. Sie wurde nicht mal rot dabei und zwinkerte ihm kokett zu. Sie war in solchen Dingen so viel gelassener als ich.
Meine Aufmerksamkeit wurde abgelenkt, als ich den Blick eines Fremden bemerkte. Hinter den beiden lehnte ein Mann an einem Tisch und trank aus einer Holzschale, ohne die Augen von mir zu nehmen. Sein Starren war so intensiv, dass ich es fast körperlich spüren konnte. Wie ein Prickeln, das mich runterzog und zu Boden drückte.
Wie versteinert stand ich da. Es war derselbe Mann, der uns im Haus des Stadtrates die Tür geöffnet hatte. Der, von dem Mei behauptete, er hätte mir nachgesehen.
Ein Unwohlsein beschlich mich, als er mir zulächelte. Dieses besondere Lächeln, das er bereits bei unserer ersten Begegnung gezeigt hatte. Schnell senkte ich mit flammend rotem Gesicht den Kopf und drehte dem Mann eilig den Rücken zu.
Ich hatte keine Ahnung, was ich davon halten sollte, und war zu feige, um mich noch einmal umzudrehen.
Wind, mein Freund. Was tut er? Und wer ist er?, fragte ich im Stillen. Doch die Antwort blieb aus. Wind, rief ich energischer, aber nichts geschah. Irritiert schüttelte ich den Kopf und legte die Hände an meine heißen Wangen.
Das war schon das zweite Mal an diesem Tag, dass er mir nicht antwortete. Was war nur los mit ihm?
Sonst war er immer so versessen darauf, bei mir zu sein, mir die Haare zu zerzausen und mich damit zu locken, meine Möglichkeiten und Freiheiten auszuleben. Was war heute nur anders als sonst?
Ein Klimpern drang an mein Ohr. Klar und deutlich, obwohl die Menschen in meiner Nähe laut redeten und Musik die Lichtung erfüllte. Doch ich wusste gleich, dass es das Windspiel war, konnte es bis in mein Innerstes hinein spüren. Dieses Windspiel trug etwas Besonderes in sich. Lag es an ihm, dass der Wind sich so seltsam verhielt?
Mit hochgezogenen Schultern schlängelte ich mich zwischen lachenden und schwatzenden Dörflern hindurch und lief zügig zu meinem Wagen. Fetzen des Liedes, das mich am Vormittag in den kleinen Laden gezogen hatte, kamen mir entgegen und übertönten die Tanzmelodien der dörflichen Musikanten in meinen Ohren.
Hastig eilte ich die Stufen hinauf und da war er. Mein Wind.
Ich war so erleichtert, dass ich mich gleich viel leichter fühlte. Der Wind kreiste völlig erschöpft um die silbernen Röhren und sang mit den Tönen des Windspiels vor sich hin.
Ich streckte die Hand nach ihm aus und hatte keine Erklärung für das, was gerade geschehen war. Als sanfter Hauch zog er meinen Arm hinauf, streichelte mir den Hals und kroch in meine Haare.
Was ist mit dir?, fragte ich ihn, doch er antwortete wieder nicht. Da war nur noch mehr Erschöpfung. Genau wie am Vormittag.
Argwöhnisch musterte ich das schimmernde Gebilde. Schwächte das Windspiel ihn in irgendeiner Form? War es schlecht für ihn? Aber wie konnten eine Ansammlung von Röhren und blauer Muscheln dem Wind schaden? Es war doch der Wind! Eines der vier Elemente, der Urheber von Meereswellen, vom Rauschen der Bäume und von Stürmen.
Wie sollte so ein kleines Ding ihm etwas anhaben?
Ein Geräusch von draußen ließ mich aufschrecken und ich spähte vorsichtig zur Tür hinaus.
Im schwachen Licht der Fackeln konnte ich zwei Gestalten ausmachen. Die eine war klein, schmal gebaut und kicherte, während die andere sich groß und stämmig gegen das Licht der Fackeln abzeichnete.
Als sich beide an Justus’ Wagenwand drängten und sich küssten, wurde mir schlagartig klar, dass es Marc war.
Natürlich war er es. Als er sich ein wenig zur Seite lehnte, sah ich sein Wolfsgrinsen. Und auch das Mädchen wurde vom Lichtschimmer gestreift. Ich erkannte die weizenblonde Schönheit aus dem Hinterhof des Stadtrats. Die Stickereien auf ihrem Kleid schimmerten im fahlen Lichtschein.
»Das ist dein Wagen?«, hörte ich sie flüstern. Sie kicherte, als Marc zustimmend brummte und sie am Hals küsste.
Ich wandte den Blick ab und versteckte mich im Schatten, bis die Tür hinter ihnen zuschlug.
Das war ja mal wieder typisch. Hatte ihn seine Mutter nicht am Morgen noch genau davor gewarnt? Dieser triebgesteuerte Hornochse.
Vorsichtig trat ich nach draußen, um nachzusehen, ob sie wirklich verschwunden waren. An der Türklinke hing ein in Metall gefasstes Trinkhorn, das an einer Lederschnur baumelnd den Feuerschein der Fackeln zurückwarf.
Das war ihr Zeichen. Justus und Dante würden ihn heute Nacht nicht stören und sich einen anderen Ort zum Schlafen suchen.
Ich lief zu den anderen zurück. Sie hatten in der Mitte des Platzes einen Kreis geöffnet, in dem sich Paare zum Tanz aufstellten.
Um mich abzulenken, sah ich mich nach Mei um, die ich bei Ayo und Bree fand. Von dem Jungen mit dem blauen Hut keine Spur. Die drei Mädchen kicherten, tauschten Blicke mit einer Schar Burschen aus, die bei den Platten voller Gebäck standen, und bedienten sich ungesehen am Weinfass.
Sie würden morgen mit Kopfschmerzen erwachen, das wusste ich bereits jetzt. Und dann bekämen sie gewaltigen Ärger mit ihren Müttern, die ihnen vergorene Getränke schon mehr als einmal verboten hatten.
Gerade wollte ich hinübergehen, als hinter einer Ansammlung von Dörflern Justus auftauchte. Wie von einem Magneten wurde mein Blick von ihm angezogen.
Auch er hatte einen Krug in der Hand und nahm einen tiefen Schluck daraus. Ich bezweifelte stark, dass er sich für Limonensaft entschieden hatte. Doch diese Überlegung wurde sofort nebensächlich, als ich die wunderschöne junge Frau sah, die neben ihm stand und mit ihrer eindeutigen Haltung all ihre Vorzüge zur Geltung brachte.
Mit einem Mal zog sich mein Herz so schmerzhaft zusammen, dass ich aufkeuchte.
Die Frau fuhr sich mit ihren langen, schlanken Fingern durch die goldenen Haare und lachte über etwas, das er gerade gesagt haben musste.
Auch er lachte und wandte sich ihr ein wenig mehr zu.
Seine Augen funkelten geheimnisvoll und sein Lächeln war eine einzige Einladung.
Mein Magen verkrampfte sich, ich glaubte, ich müsse mich übergeben, so schlecht war mir auf einmal. Trotzdem war es mir unmöglich, den Blick zu senken oder einfach woanders hinzusehen. Meine Beine zitterten und ich konnte mich kaum noch halten, als Justus den Kopf neigte und den Abstand zwischen sich und der jungen Frau noch verringerte.
Sie grinste lockend und wand sich in gespielter Geziertheit.
Er wird sie küssen. Bei allen Winden, das war zu viel für mich. Ich konnte es nicht länger ertragen.
Es brannte wie Feuer in meinem Inneren und ehe ich wusste, was ich tat, rannte ich zurück zum Wagen. Wie von Sinnen stürmte ich hinein, griff in das Fach am Ende des Bettes und zog mein Schlafbündel hervor.
Keinen Augenblick später war ich schon wieder draußen und lief in den Wald. Das Blut rauschte mir in den Ohren, das Herz schlug heftig gegen meine Rippen.
Erst als ich die Fackeln nicht mehr sah, blieb ich stehen. Mein Schlafbündel fiel zu Boden, löste sich und rollte auf dem Waldboden auseinander.
Angestrengt atmete ich ein und wieder aus, versuchte Luft zu bekommen, doch es fühlte sich an, als säße jemand auf meiner Brust. Meine Augen starrten auf meine Hängematte aus Kappafell, die Schafwolldecken und das kleine Kissen, ohne sie wirklich zu sehen.
Die Musik vom Platz konnte ich mehr erahnen als hören und das war gut so.
Ich konzentrierte mich weiter auf meine Atmung, den Wind und das Rauschen der Blätter in den Bäumen. Langsam schloss ich die Lider und ließ die Welt für einen Moment verschwinden.
Mein Herz entkrampfte sich ein wenig, nur um sich im gleichen Augenblick erneut schmerzhaft zusammenzuziehen. Vor meinem inneren Auge sah ich Justus. Meinen Justus, wie er sie anlächelte. Mit diesem geheimnisvollen, alles versprechendem Blick, der nur mir gelten sollte.
Die ersten Tränen rannen mir über die Wange und ich schluchzte auf.
Ich spürte den Wind kaum noch, der um mich herumwirbelte wie ein kleiner Sturm. Bei allen Winden! Warum tat es so weh?
Nur mühsam befreite ich mich aus der Starre meines Körpers und befestigte die Hängematte zitternd und schluchzend zwischen zwei Buchen. Wie immer legte ich die Decke und das Kissen hinein, schnürte meine ledernen Schuhe auf und hängte sie an den Schnürsenkeln an einen Ast.
Vorsichtig hob ich vom Boden ab und es war mir gerade völlig egal, ob mich jemand dabei sehen konnte. Die Matte schwankte leicht, als ich mich in ihr niederließ. Frustriert kroch ich unter die Decken, zog sie mir eng um die Schultern und weinte, bis der Schlaf mich in dunkle Gleichgültigkeit zog.
4

Gerade setzte die Morgendämmerung ein, da weckte der Wind mich sanft, als er mal wieder versuchte, meine Haare auf dem Kissen zu drapieren. Er stellte seltsame Dinge damit an, wenn ich schlief. Meist waren sie einfach nur hoffnungslos verknotet, manchmal breitete er sie fein säuberlich aus. Einmal war ich auch mit einem gedrehten Zopf aufgewacht.
Guten Morgen, säuselte er, als ich blinzelte, und schmiegte sich an mich.
Ich lächelte. Deutlich spürte ich, wie sehr er mich mochte. Er liebte mich. Mich, die Letzte meines Volkes. Und ich liebte ihn.
Ich streckte die Finger unter der Decke hervor und fuhr damit durch den Wind, der warm meine Haut berührte.
Das Lächeln verging mir jedoch gleich wieder, als ich an Justus denken musste, und wich einem lautlosen Seufzen. Ihn liebte ich auch.
Innerlich fluchte ich alle Flüche, die ich je von Marc gehört hatte. Wie hatte mir so was nur passieren können?
Natürlich war mir schon länger klar gewesen, dass ich verliebt war. Und spätestens seit gestern Abend konnte ich es nicht mehr leugnen.
Hoffentlich hatte mich keiner gesehen und es wusste niemand außer mir. Wenn die anderen es erfuhren, würden sie sich die Mäuler darüber zerreißen. Oder mich beiseitenehmen und mir erklären, dass, egal was ich da empfand, niemand aus dem Feuervolk jemals mit jemandem zusammen sein konnte, der nicht wie sie war.
Bei allen Winden! Welch ein Schlamassel.
Ich zog die Hand unter die Decke zurück und vergrub das Gesicht hinter meinen Haaren.
Wie dumm ich doch war, mich zu verlieben. Ich musste damit aufhören und doch brauchte ich nur an gestern Abend zu denken und mein Magen verkrampfte sich.
Was war nur mit mir los? Es war doch nicht das erste Mal, dass Justus mit einem Mädchen geflirtet hatte. Das passierte eigentlich andauernd.
Trotzdem machte es mich diesmal so wütend!
Wie war ich denn damit in der Vergangenheit umgegangen? War es mir egal gewesen? Hatte ich nicht so genau hingeschaut? Ach, verflucht.
Es tröstete mich nur wenig, sicher zu sein, dass er nie eine von ihnen mit in seinen Wagen genommen hatte, wie Marc das gern tat.
Um vor Wut nicht laut aufzuschreien, drückte ich mein Gesicht fester ins Kissen und biss hinein.
Der Wind passte sich meiner Stimmung an und frischte auf, drehte sich um die Hängematte und wirbelte trotzig Laub durch die Gegend.
»Cate?«, fragte eine raue Stimme verschlafen.
Ich hielt die Luft an.
Justus! Er war hier. Mein Herzschlag setzte zur doppelten Geschwindigkeit an.
Natürlich! Dieser verdammte Mistkerl lag direkt unter mir.
Marc hatte den Wagen für sich besetzt und das hieß für Dante und Justus, dass sie woanders übernachten mussten.
Dante kam dann meist bei seinem kleinen Bruder Garan unter. Na ja, und Justus schlief draußen. Unter meiner Hängematte auf dem Boden.
Ich hatte ihm schon tausendmal gesagt, ich würde ihm auch eine Matte weben, wenn er das wollte. Doch er hatte jedes Mal abgelehnt. Die Erde sei sicherer, als in der Luft zu schlafen, hatte er erwidert. Und unter mir sowieso, denn das Regenrisiko war dort minimal.
»Ich weiß, dass du wach bist«, murmelte er und ich hörte das Lächeln in seiner Stimme. Er hatte wirklich die Dreistigkeit, so zu tun, als wäre nichts gewesen. Wie mich das ärgerte! Dieser blöde Haufen Kappadreck!
»Der Wind pustet wie ein kleiner Orkan. Du wälzt dich von einer Seite zur anderen und schnaubst wie ein Kappa.« Er lachte.
Erneut biss ich ins Kissen und kniff die Augen fest zu, um vor Wut nicht zu weinen.
Ich antwortete ihm nicht, versuchte meine Gefühle zusammenzuhalten und spürte, wie die Sekunden verstrichen.
»Alles in Ordnung?«, fragte er sanft und plötzlich spürte ich seine Hand an meinem Rücken. Sie war so heiß, dass ihre Hitze durch die Hängematte drang.
Das war zu viel für mich. Zu viel für meine Wut, für meine gespannten Nerven und zu viel für mein Herz.
Wie ein Pfeil schnellte ich aus meiner Hängematte in die Luft und stürzte mich mit einem Kampfschrei auf Justus.
Erschrocken riss er die Augen auf, als ich auf ihm landete. Dann holte ich aus, war entschlossen, mit meiner Faust gegen seine Brust zu hämmern, um meiner Wut Ausdruck zu verleihen. Und um meine Gefühle zu vertreiben.
Doch Justus wich im letzten Augenblick aus, packte mich und drehte sich mit mir zur Seite. Der Schlag erwischte nur seine Schulter, aber meine Fingerknöchel knackten trotzdem schmerzhaft. Es tat höllisch weh.
Wir rollten weiter durchs Laub und ich biss ihm wutentbrannt in den Oberarm. Wie damals, als wir noch Kinder gewesen waren.
»Aua! Cate!«, rief Justus verwirrt und schockiert zugleich.
Mir war das ganz recht. Sollte er sich ruhig erschrecken.
Er drückte meine Schultern mit den Armen zu Boden und hielt mich mit dem Gewicht seines Körpers nach unten gepresst. Wütend versuchte ich, ihn zu treten, doch ich bekam die Beine nicht frei.
Aus seinem Gesicht wich der erste Schreck einem langsam aufsteigenden Ärger. »Was ist denn in dich gefahren? Bist du verrückt geworden?!«, blaffte er und sah mir in die Augen, als wäre dort eine Antwort zu finden. Blätter rieselten ihm aus dem Haar und in seinen schwarzbraunen Augen glomm der Funke der Wut.
Sein Bein lag zwischen meinen und er war so warm, dass mir schwindlig wurde. Mein Magen flatterte fürchterlich und ich verlor zunehmend die Konzentration.
Verzweifelt nahm ich mich zusammen. »Geh von mir runter!«, schrie ich ihn an und Justus zögerte nur kurz, bis er reagierte und mich losließ. Hastig setzte er sich auf und gab mich frei.
Ich zögerte nicht, schwang mich vom Boden in die Luft und auf die Füße. Der Wind blies mir die Haare aus dem Gesicht.
Justus sah mich halb wütend, halb irritiert an.
Ich musste hier weg. Mein Ärger verrauchte langsam und verwandelte sich wieder zu einem quälenden Gefühl in der Brust. In meiner Hand pulsierte der Schmerz, aber ich ignorierte ihn. Mit einem letzten Schnauben drehte ich mich um und marschierte in den Wald.
Der Wind folgte mir, wühlte weiter Blätter auf und rauschte durch die Bäume.
Hinter mir hörte ich, wie Justus sich aufrappelte und mir hinterherlief. Äste knackten, Laub raschelte.
»Lauf mir ja nicht nach!«, kreischte ich, obwohl ich mir langsam doch etwas albern vorkam, und stapfte umso entschlossener weiter. Der Boden fühlte sich unter meinen nackten Füßen feucht und kalt an.
Justus war stehen geblieben. »Habe ich was angestellt?«, rief er mir hinterher, aber ich antwortete nicht. Sollte er ruhig selbst herausfinden, was er getan hatte. Ich würde ihm dabei sicher nicht helfen.
»Hast du etwa deine Tage?«, fragte er dann und ich kam vor Überraschung ins Straucheln. Das hatte er jetzt nicht wirklich gefragt? Die Wut, die schon fast verraucht war, loderte wieder auf. Ich wirbelte herum, hob in der gleichen Bewegung die Hand und riss Justus mit einem gezielten Windstoß die Füße unterm Körper weg. Noch während er fiel, stapfte ich weiter.
Nur das dumpfe Geräusch des Aufschlags und sein erstauntes Aufkeuchen waren zu hören. Und das verschaffte mir einen kleinen Funken Genugtuung.
Erst als ich einen kleinen See erreicht hatte, blieb ich stehen. Die Sonne ging gerade über den Baumwipfeln auf und ließ die Wasseroberfläche glitzern.
Ich schickte den Wind los, um nachzusehen, ob ich wirklich allein war. Es dauerte nur einen Augenblick, bis er zu mir zurückkehrte.
Er hatte zwei streitende Eichhörnchen entdeckt und einen Hirsch, der auf der anderen Seite des Sees Haselnüsse fraß. Ansonsten war keiner in der Nähe.
Nicht einmal Justus. Er hatte die Warnung offensichtlich verstanden und war zurück zu den Wagen gegangen.
Er hat deine Sachen mitgenommen, teilte mir der Wind mit, während ich die Schnürungen an meinem Kleid öffnete.
Ich schälte mich etwas umständlich aus dem groben Leinenstoff, wickelte das Brustband auf und entledigte mich auch meiner restlichen Unterwäsche.
Ein Bad würde mir guttun. In vielerlei Hinsicht.
Ich atmete tief durch, nahm Anlauf und sprang in einem weiten Bogen bis zur Mitte des Sees.
Es platschte laut, als ich die Oberfläche durchdrang. Eisiges Nass umfing mich. Alle Geräusche wurden gedämpft und für einen kleinen Moment war ich in einer anderen Welt. Eine Welt, in der ich allein war, weil mir nicht einmal der Wind hierher folgen konnte.
Doch langsam ging mir die Luft aus und ich bekam Kopfschmerzen von der Kälte des Wassers. Doch wenigstens hatte ich es geschafft, für ein paar Augenblicke einfach alles zu vergessen.
Ich brach durch die Wasseroberfläche und schüttelte mir das Haar aus dem Gesicht. Einige Strähnen blieben an Stirn und Wange kleben.
Es war herrlich. Viel zu kalt, aber wundervoll. Genau das, was ich jetzt brauchte, um wieder einen freien Kopf zu bekommen.
Zitternd und mit schnellen Zügen schwamm ich zurück ans Ufer und rieb mich im seichten Wasser mit kleinen Kieseln ab.
Mir klapperten die Zähne, aber ich schrubbte weiter, bis meine Haut kribbelte und von allein wieder warm wurde. Sorgfältig kämmte ich mir die Haare mit den Fingern durch, die im nassen Zustand dunkler aussahen, als sie eigentlich waren, und zog einige Blätter und Ästchen heraus, die vom Kampf mit Justus stammen mussten.
Ich zwang mich, alle Gedanken daran aus meinem Kopf zu verbannen, um später darüber nachzudenken. Diesen seltenen stillen Moment wollte ich nicht kaputtmachen.
Noch einmal tauchte ich im tieferen Wasser unter, um die Sandreste abzuwaschen, und stieg ans Ufer, um mir die Haare auszuwringen. Der Wind wirbelte um mich herum und pustete mich in der langsam wärmer werdenden Morgensonne trocken. Rasch schlüpfte ich wieder in meine Kleider und machte mich mit nassen Haaren auf den Weg zurück zu den Wagen.
Nicht mehr lange und wir würden weiterreisen. Zum nächsten Dorf.
Sicher rief Tanja gleich zum Essen und danach trieben wir die Kappa von ihrem Weideplatz unweit der Lichtung, um sie vor die Wagen zu spannen.
Tanzend zog der Wind seine Kreise über den Waldboden, rauschte nun sehr viel sanfter in die Baumkronen und ärgerte einige Vögel, die darin nisteten.
Ich lächelte. Meine Wut hatte ich im See abgewaschen, doch der harte Klumpen im Bauch war geblieben. Und auch der Schmerz in meinem Herzen.
Es würde wohl noch eine Weile an mir nagen und ich würde mich in Zukunft hüten, Justus beim Flirten zuzusehen. Vielleicht erleichterte mir das die ganze Sache. Oder auch nicht.
Ich seufzte und schüttelte die Haare auf, damit der Wind sie schneller trocknen konnte.
Justus dachte bestimmt, ich hätte den Verstand verloren. Schließlich hatte ich ihn ohne Vorwarnung angegriffen. Jetzt, da die Wut verraucht war, wunderte ich mich über meinen Mut und fragte mich, wie ich so etwas Peinliches hatte tun können. Schließlich hatte ich ihn angegriffen und versucht, ihn zu schlagen. Mein Herz hatte sich mal wieder über meinen Verstand erhoben und wir waren über den Boden gerollt, sodass er …
Meine Ohren wurden sofort feuerrot, als ich daran zurückdachte, wie er auf mir gelegen hatte.
Bei allen Winden. Und ich wusste genau, dass es mir gefallen hatte.
Frustriert bedeckte ich mein Gesicht mit den Händen.
Wie sollte das nur weitergehen?
5

Der Wagen ruckelte heftig, als wir vom weichen Waldboden auf den festen Weg ratterten.
Das Kappa, das vorgespannt war, muhte empört, da die Halterung an seinem Rücken zog.
Ich mochte diese riesenhaften, gutmütigen Tiere. Sie hatten so freundliche Augen und waren doch auch beeindruckend mit ihren breiten Hufen und den zwei in Spiralen gedrehten Hörnern.
Zwar reiste man mit ihnen nicht besonders schnell, aber dafür hatten sie Ausdauer und waren stark. Jedes von ihnen zog allein einen Wagen.
Da ich nicht zuständig war für die Kappa, beschäftigte ich mich wenig mit ihnen. Vor allem, weil der Wind sie besonders gern ärgerte und ich ihn dazu nicht auch noch anstiften wollte.
Heute früh saß ich bei Hanna auf dem Kutschbock und sah dabei zu, wie der Wind dem massigen Tier Wirbel in das bastartige Fell drehte.
Hanna hielt die Zügel, wobei es nicht viel zu tun gab, da das Kappa in gleichmäßigem Trott dem Gefährt vor uns folgte.
Sie sah müde aus, jedoch nicht so sehr wie Mei und Ayo, die sich hinter uns an die Wagenwand lehnten. Bei jedem Schlagloch hielten sie sich mit schmerzerfüllter Miene den Kopf, tranken abwechselnd aus einem Wasserschlauch und blinzelten in die strahlende Morgensonne.
»Wie wäre es mit ein paar Wolken, Cate?«, stöhnte Ayo und zog sich ihr dunkles, krauses Haar vor die Augen.
Mei äußerte sich nicht. Sie wusste, was ich davon hielt, wenn sie Wein trank. Würde sie jammern, bekäme sie eine Standpauke und darauf hatte sie wohl keine Lust.
Ich im Übrigen auch nicht. Gedankenverloren starrte ich in die Luft und war froh, mit niemandem reden zu müssen.
Hanna war glücklicherweise feinfühlig genug, um mich in Ruhe zu lassen.
Der Wind kitzelte das Kappa, streifte darüber hinweg, raschelte durch Blätter und tanzte mir durchs Haar. Die Zeit verging still. Der Wald zog an uns vorbei, wurde lichter und schlussendlich ließen wir ihn hinter uns.
Zu beiden Seiten der Straße erstreckten sich bald goldene Felder. Mais, der schon hoch stand, Weizen und Hafer, so weit das Auge reichte.
Zwischendurch hielten wir an einem Bauernhof, damit Tanja Eier kaufen konnte.
Bree kam von einem der hinteren Wagen zu uns und setzte sich zu Ayo und Mei, die ihr müßig Platz machten.
Auch Bree hatte schon mal besser ausgesehen. Da ihre Haut von Natur aus blass war, wirkte sie noch kränklicher als ihre Freundinnen.
»Meine Brüder nerven mich zu Tode«, jammerte sie und ich verdrehte die Augen. Ihre zwei jüngeren Brüder waren nicht immer einfach zu handhaben. Aber das lag wohl in der Familie.
Elia war zwölf und Cookie im letzten Monat acht geworden. Bei beiden würde es noch dauern, bis sich ihre Feuerkräfte entwickelten. Bree, die schon seit etwas mehr als zwei Jahren im Vollbesitz ihrer Kunst war, rieb ihnen diese Tatsache nur zu gern unter die Nase.
Zumal Jungen da sowieso später dran waren. So wie ich das bisher beobachtet hatte, erwachten die Feuerkräfte bei ihnen etwa im sechzehnten Lebensjahr. Das musste etwas mit der körperlichen Entwicklung zu tun haben. Mädchen waren da, wie bei so vielem, zwei Jahre früher dran.
Ayo legte wortlos die Arme um Bree, die ihr Gesicht in Ayos strubbligem Haar vergrub, als die Wagenkolonne sich wieder in Bewegung setzte.
»Mei«, murmelte Bree und schob ihren dicken roten Zopf zurück. »Was ist denn mit deinem Bruder los?« Sie streckte die Hand nach dem Wasserschlauch aus.
»Mit welchem?«, fragte Mei und reichte ihn ihr.
»Justus«, antwortete Bree und in mir machte sich sofort zittrige Aufregung breit, die mich hellhörig werden ließ, ob ich nun wollte oder nicht.
Vorhin war ich Justus aus dem Weg gegangen, nachdem ich das Lager wieder erreicht hatte. Die Kappa waren schon eingespannt gewesen und jeder hatte noch einmal nachgesehen, dass nichts vergessen wurde. Justus war beschäftigt und ich hatte mich eilig im grünen Wagen versteckt, bis wir losfuhren.
»Keine Ahnung, was ist denn mit ihm?«, stellte Mei die Gegenfrage und lehnte sich nach hinten. Bis das nächste Schlagloch kam. »Kappadreck!«, fluchte sie leise, als ihr Kopf gegen die Holzwand schlug, und legte anschließend die Stirn auf ihren angezogenen Knien ab.
»Er hat sich beim Frühstück Haferbrei geholt, aber keinen Löffel davon gegessen. Und dann hat er sein Kappa falsch herum eingespannt. Klar, die Dinger sind vorn so zottelig wie hinten. Aber die Hörner hätten ein Hinweis sein können«, sagte Bree in dem spottenden Ton, der so typisch für sie war, schraubte den Verschluss des Wasserschlauches auf und setzte zum Trinken an.
»Vielleicht hat er gestern ja zu viel Wein getrunken«, bemerkte Hanna spitz und es war das Erste, was ich heute von ihr zu hören bekam.
Sie war eine starke Verfechterin von Disziplin und Tugendhaftigkeit. Und sie wünschte sich, dass ihre Schwester Ayo und deren Freundinnen das ähnlich sehen würden.
Die Mädchen verstummten schlagartig. Die Kopfschmerzen und das schlechte Gewissen nagten sicher an ihnen.
Ich schwieg ebenfalls, war noch in Gedanken bei dem, was Bree gerade erzählt hatte.
Heute Morgen war ich Justus als Erste begegnet, direkt nach dem Aufwachen, und er hatte nicht gewirkt, als ob ihm der Wein von gestern zu Kopf gestiegen wäre.
Also blieben noch ich und mein verrücktes Verhalten, für das ich mich mittlerweile in Grund und Boden schämte. War es möglich, dass ich ihn so aus dem Konzept gebracht hatte, dass er bei einem Kappa hinten und vorn verwechselte? Oder war danach noch etwas vorgefallen?
Gedankenverloren drehte ich die Finger ineinander und starrte in den Himmel.
Ich könnte den Wind fragen, doch traute ich mich das? Missmutig seufzte ich in mich hinein, biss mir auf die Unterlippe und gab schlussendlich doch meiner Neugierde nach.
Wind!, rief ich und sofort war er bei mir, um fröhliche Kreise um mich zu drehen. Er mochte es, wenn wir unterwegs waren. Dann waren wir der Freiheit zum Greifen nah.
Was ist mit Justus? Was hat er heute gemacht?, erkundigte ich mich zögerlich.
Für gewöhnlich fragte ich den Wind solche Dinge nicht. Die Geheimnisse anderer sollten auch die anderer bleiben. Aber ich musste einfach sichergehen, dass nicht ich der Grund für Justus’ sonderbares Verhalten war.
Aufgeregt schwang der Wind hin und her.
Wie genau willst du es denn wissen?, gab er zurück und ich gebot ihm mit einer ungeduldigen Handbewegung, endlich anzufangen.
Er ist zu deinen Sachen gegangen und hat sie zusammengerollt, begann er und meine ungeteilte Aufmerksamkeit regte ihn dazu an, stärkere Böen durch die Felder zu schicken.
Dann ist er zum Lager zurück und hat sie in deinen Wagen gelegt. Er hat geseufzt und sich die Haare gerauft. Und er hat mit der Faust gegen den Türrahmen geschlagen. Bree hat ihm Haferbrei mit Honig gegeben, er hat ihn nicht gegessen und zu Marc gesagt, er habe keinen Hunger. Er hat den Brei an ein Kappa verfüttert.
Ich stoppte ihn und kaute wieder auf meiner Unterlippe herum. Ist irgendwas Besonderes vorgefallen?, versuchte ich die Sache zu präzisieren.
Irgendwas Besonderes vorgefallen, wiederholte er meine Worte als Zeichen seiner Verwirrung. Frustration schwang in den Kreisen, die er zog, da er mir nicht das geben konnte, was ich offensichtlich hören wollte.
Schon gut. Vergiss es, seufzte ich stumm und fuhr mit den Fingern durch ihn hindurch, um ihm zu zeigen, dass ich nicht unzufrieden mit ihm war. Der Wind war eben nur der Wind und sein Bewusstsein war anders als das von Menschen.
Nicht mehr so ausgelassen wie zuvor, kehrte er zu den Wiesen zurück, an denen wir gemächlich vorbeifuhren.
Ich starrte wieder in den Himmel.
»Manchmal bist du schon merkwürdig, Cate«, sprach mich Hanna unvermittelt an und schreckte mich damit auf.
»Wie bitte?« Irritiert blinzelte ich und brauchte einen Moment, um aus meinen Gedanken ins Hier und Jetzt zurückzufinden.
»Wenn du so in die Luft starrst, als wäre da etwas, und dann noch mit den Händen tanzt. Du siehst dann einfach ein bisschen verrückt aus«, meinte sie mit einem Lächeln im Mundwinkel und winzige Lachfältchen bildeten sich um ihre warmen braunen Augen. Sie sah inzwischen sehr viel wacher aus und die sanft gewellten blonden Haare umrahmten ihr schmales Gesicht, als sie mir einen kurzen Blick zuwarf.
Der Wagen ratterte durch ein Schlagloch und von hinten ertönte kollektives Aufstöhnen.
»Der Wind ist doch dort«, erklärte ich und er freute sich über meine Erwähnung.
»Ja, aber manchmal sieht es so aus, als würdest du mit ihm reden.« Sie sagte es, als hätte sie einen Witz gemacht. Meine Wangen färbten sich augenblicklich rot. Zum Glück sah sie nicht hin, sodass sie keine Rückschlüsse ziehen konnte.
Denn Hanna wusste es nicht. Keiner wusste es, da ich es niemandem gesagt hatte. Nicht einmal Justus.
Schon mehr als einmal hatte ich mir vorgenommen, es ihm zu verraten, und jedes Mal doch wieder aufgeschoben. Zu schwerwiegend war diese Information. Denn ich sprach ja nicht nur mit dem Wind; er antwortete.
Wir rasteten, als die Sonne gerade ihren Zenit überschritten hatte.
Tanja packte die Kochutensilien aus und ihr Mann Kai entfachte ein Kochfeuer. Hanna war, wie so typisch für sie, gleich hinübergeeilt und hackte mit Garan zusammen Gemüse. In letzter Zeit schien sie etwas übereifrig. Und Garans Gesichtsausdruck nach zu urteilen, dachte er das auch. Ich verstand Hanna jedoch zu wenig, um den Grund zu erraten.
Ayo, Mei und Bree holten in unserem Wagen ein wenig Schlaf nach. Das würde ihnen guttun. Bree schlief meist mit Ayo in einem Bett, da sie ihres noch im Wagen ihrer Eltern hatte.
Obwohl sie bereits fast siebzehn war und ihre Kräfte sich entfaltet hatten, war ihr nicht das Privileg zuteilgeworden, bei den Frauen zu wohnen.
Das war keine böse Absicht, vielmehr waren sämtliche Betten bereits besetzt. Die gesellschaftliche Zurückstufung zu einem Kind, die sie dadurch empfand, machte ihr ziemlich zu schaffen.
Manchmal glaubte ich, sie gäbe mir die Schuld daran. Weil ich nicht zu ihnen gehörte und trotzdem ein Bett beanspruchte, in dem ich so gut wie nie schlief.
Wahrscheinlich war das auch der Grund, warum sie mich nicht leiden konnte.
Um ihrer Schmach zu entgehen, legte sie sich so oft es ging zu Ayo, die sich ihrerseits über die Anwesenheit ihrer besten Freundin freute.
Im Gegensatz zu ihnen wäre es mir recht gewesen, ihr das Bett zu überlassen und die Hängematte zu meinem festen Schlafplatz zu bestimmen.
Ich war nun mal anders. Warum es leugnen?
Justus, der bei Marc und Dante stand, sah zu mir herüber und versuchte meinen Blick aufzufangen. Ich wandte mich jedoch wie zufällig ab. Noch war mir mein Wutausbruch von heute Morgen viel zu peinlich und mein Herz schmerzte bei dem Gedanken an Justus.
Neben mir im Gras saßen die Kinder, die mit Würfeln spielten. Ich beugte mich zu ihnen, um einen guten Grund zu haben, meinen Blick gesenkt zu halten, und wurde von ihnen direkt ins Spiel miteinbezogen.
Benji schob mir einen roten Würfel zu und Vivien zeichnete gleich eine Spalte für meine Punkte mit einem Stock in den Boden. Juju, die noch gar nicht richtig zählen konnte, kletterte mir wie selbstverständlich auf den Schoß.
Das Spiel war einfach, aber ich musste den Wind mehrmals davon abhalten, den Würfel nicht zu meinen Gunsten zu beeinflussen.
Ich war gerade haushoch am Verlieren, als er nah an mein Ohr kam und über meine Wange strich, um meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
Da kommen vier Männer zu euch, flüsterte er mit Nachdruck und ich wandte mich ihm sofort zu. Sie sind bewaffnet. Sie suchen ein Mädchen. Es hat sich in Marcs Wagen versteckt.
Ich blinzelte ein paar Mal und war wie erstarrt. Was sollte ich mit dieser Information anfangen? Ich konnte ja schlecht zu Justus rennen und ihm sagen, dass ein Trupp zu uns unterwegs war. Wie sollte ich denn bitte erklären, woher ich das wusste?
»Da kommen Reiter auf uns zu!«, schlug in diesem Augenblick Bree Alarm und lehnte ihren leicht schwankenden Körper an den Türrahmen. Ihre sonst so fein säuberlich geflochtenen Haare sahen vom Schlafen sehr zerzaust aus. Ihre Feuergabe hatte sie wohl direkt aus dem Schlaf gerissen.
Alle erstarrten in ihren Bewegungen. Selbst die kleine Juju wurde mucksmäuschenstill.
Ich seufzte, von meiner Bürde befreit, erleichtert auf.
»Sind sie nur in der Nähe oder kommen sie tatsächlich auf uns zu?«, fragte Kai und Bree strich sich mit säuerlicher Miene den Zopf nach hinten.
»Glaubst du, ich würde aufstehen, wenn sie nur in der Nähe wären? Sie reiten in gerader Linie über die Felder genau auf uns zu. Es sind vier. Und sie haben ein zusätzliches Pferd dabei.«
»Aus welcher Richtung kommen sie?«, verlangte Kai zu wissen und sah zu Justus.
Bree hob den Arm nach Westen.
»Danke, Bree«, hielt Justus sich knapp und straffte die Schultern. Er tauschte Blicke mit Marc und Van. Die beiden stellten sich zu ihm, an die Seite ihres Vaters.
Angu, Janko und Fin kamen hinzu und alles geschah, ohne dass jemand ein Wort sagte. Jedem war klar, was getan werden musste, wenn es die Familie zu verteidigen galt.
Dante wollte ebenfalls aufstehen, doch sein Vater hielt ihn davon ab. Seine Geschicklichkeit im Kampf war noch dürftig und keiner von uns wollte, dass Dante sich unnötigerweise in Gefahr brachte.
Seine Feuerkräfte waren zwar gewaltig, aber nicht hilfreich, wenn man sie um jeden Preis geheim halten musste.
Juju klammerte sich mit ihren kleinen Fingern an mein Kleid und ich legte ihr beruhigend die Hände auf den Rücken. Sie spürte wohl die Spannung, die unter uns herrschte.
Vorsichtig zog sie sich an mir hoch, den kleinen Mund nahe an mein Ohr.
»Was ist los?«, wisperte sie.
»Nichts Schlimmes«, versicherte ich ihr, obwohl ich das eigentlich nicht wusste.
Moment, nein. Ich wusste sehr wohl, was los war. Ich hatte mich so daran gewöhnt, alle unerwünschten Informationen, die der Wind mir aufdrückte, gleich zu verdrängen, dass ich es gar nicht realisiert hatte.
Wieso war da ein Mädchen im Wagen der Männer?
Zögerlich stand ich auf, gab mir Mühe, nicht aufzufallen, und hob Juju auf den Arm, da sie sich weiterhin an mir festklammerte.
Justus’ Kopf schnellte sofort zu mir herum, als er meine Bewegung bemerkte. Auch wenn ich mir nicht erklären konnte, wie ihm das hatte auffallen können.
Sein Blick war eine offene Frage. Und ich kannte ihn lange genug, um zu wissen, welche es war: Sind sie wegen dir hier?
Ich schüttelte leicht den Kopf, gerade so, dass er es verstehen würde, und versuchte mich an einem zuversichtlichen Gesichtsausdruck.
Er runzelte die Stirn und sah nicht überzeugt aus. Bist du sicher?, sollte das wohl heißen.
Ich schenkte ihm einen strengen Blick und gab Juju an ihre Mutter ab, die ihr sanft den Kopf streichelte und sich mit ihr und Sally in ihren Wagen zurückzog.
Justus schien noch immer nicht sonderlich überzeugt, aber er sah nicht weiter zu mir, sondern wandte sich in die von Bree angegebene Richtung.
Bree hatte inzwischen Gesellschaft von Ayo und Mei bekommen. Wenn etwas Spannendes passierte, konnten sogar Kopfschmerzen zur Nebensache werden.
Als die Reiter hinter einer kleinen Baumgruppe zum Vorschein kamen, wurden alle noch unruhiger.
Wir wurden während unserer Reisen selten behelligt. Wenn wir nicht gerade an einem Dorf haltmachten und Waren feilboten oder ein Feuerspektakel veranstalteten, interessierten sich die Menschen so gut wie gar nicht für uns.
Am Ende waren wir, so beeindruckend sie die Feuerspektakel auch fanden, nur ein Haufen Vagabundengesindel, das in bunten Holzwagen durch die Lande zog.
Die Pferde näherten sich schnell. Die Reiter hatten ledernes Rüstzeug an und der letzte von ihnen führte eine graue Stute mit sich.
Brees Feuerkunst war wirklich erstaunlich. Sie konnte Feuer und Wärme mit einem inneren Sinn erspüren und sogar grob bestimmen, in welcher Entfernung sie sich befanden. Daher diente Bree uns als Vorwarnung für solch ungebetene Besucher.
Die Männer und Fin bauten sich in einer Linie vor uns und den Wagen auf und zwangen die Reiter anzuhalten.
Der vorderste schwang sich geübt aus dem Sattel und landete mit den geputzten Stiefeln im Staub des Feldes. Ein schmales Langschwert hing an seinem Gürtel und seine Hand schwebte als stille Drohung über dem Griff. Er hob stolz das Kinn.
Auf seiner ledernen Brustplatte erkannte ich das Wappen, das ich schon über der Tür des Stadtrates gesehen hatte. Sie kamen also aus dem Ort, den wir heute früh verlassen hatten.
»Uns ist eine junge Frau abhandengekommen«, eröffnete er das Gespräch, ohne Atem an eine Begrüßung zu verschwenden.
»Beschreibt sie uns und wir werden nach ihr Ausschau halten«, entgegnete Kai, ungerührt von dem barschen Ton des Soldaten.
Der Truppenführer lachte humorlos auf und kam noch einen Schritt näher. »So einfach ist es nicht, Vagabund. Man sagt, sie wäre zuletzt bei euch gesehen worden.«
Kai schürzte die Lippen, sah nicht gerade überzeugt aus.
In meinem Kopf stauten sich die Gedanken, die ich nicht auszusprechen wagte. Der Wind hatte mir gesagt, dass da eine Frau in Justus’ Wagen war. Die Wahrscheinlichkeit war hoch, dass es sich um die gesuchte handelte. Doch wieso war sie dort? Was hatte sie da verloren?
»Wie ihr sicher wisst, gab es gestern ein Spektakel. Etliche junge Frauen waren dort. Warum sollten wir dafür verantwortlich sein, wenn eine von ihnen nicht nach Hause gekommen ist?«, hielt Kai dagegen. Er war nicht so kaltblütig, wie er dabei klang, das wussten wir alle. Doch natürlich würde er vor dem Soldaten keine Schwäche zeigen.
Dieser seufzte genervt und gab seinen Männern einen Wink. »Wir werden eure Wagen durchsuchen müssen«, kündigte er an, und es war nicht als Bitte gedacht. Seine Männer schickten sich an, von ihren Pferden zu steigen.
»Nein«, erwiderte Kai schlicht. Er und die anderen traten dem Trupp einen Schritt entgegen, zeigten ihre Entschlossenheit.
Der Anführer wich instinktiv zurück, die Hand lag sofort am Schwertgriff. Eines der Pferde scheute bei all der Spannung in der Luft, sodass der Reiter Mühe hatte, es zu besänftigen.
Die Feuerleute waren aber auch ziemlich Furcht einflößend, wenn sie das wollten; selbst wenn man nicht wusste, dass sie Funkenbälle nach einem werfen konnten. Sie überragten alle um einen Kopf, in ihnen brannte das Feuer eines Kriegers und keiner von ihnen war für sein ruhiges Gemüt bekannt.
Die Miene des Soldaten verfinsterte sich zunehmend. Er war es offenbar weder gewohnt, Widerworte zu bekommen, noch auf Gegenwehr zu stoßen.
Mir wurde heiß und kalt gleichzeitig. Ich wünschte mir, der Wind hätte mir nichts gesagt und ich dadurch auch nichts gewusst. Denn das Wissen darum, dass das Mädchen wirklich hier war, erdrückte mich.
Wenn diese Situation in einem Kampf endete und dabei jemand verletzt wurde, dann wäre ich schuld daran, weil ich nichts gesagt hatte.
»Es ist so«, setzte der Soldat nach, die Stimme ein wenig respektvoller. Er hatte also auch nicht vor, einen Streit zu provozieren. Sein Blick schweifte wachsam über die Gruppe. »Es ist nicht irgendein Mädchen«, sagte er endlich. »Sie ist die Tochter unseres Bürgermeisters. Da werdet ihr verstehen, dass wir alle Möglichkeiten in Betracht ziehen müssen, um sie zu finden«, betonte er, traf aber nicht auf Verständnis.
Die Feuerleute rührten sich nicht von der Stelle, nicht mal ein Wimpernzucken war zu sehen.
Mir glühte bereits der Kopf vor Anspannung. Jeder musste mir ansehen, dass ich etwas wusste.
Und da traf mich die Erkenntnis wie ein Stein am Kopf. Mir kam eine Erinnerung an blaue, goldbestickte Seide, ein zuckersüßes Kichern und zwei Gestalten, die in Marcs Wagen verschwanden. Das Mädchen, das wir zuvor im Hof des Stadtrats gesehen hatten.
Wind!, rief ich still und er kam unter meinem Haar hervor. Ist sie das Mädchen, das Marc heute Nacht bei sich hatte?
Ich konnte spüren, wie er kicherte. Das war dann wohl ein Ja. Kappadreck!
»Immer noch kein Grund, uns zu beschuldigen!« Kais Stimme war hart wie ein Fels.
Meine Lippen zuckten, doch die Worte wollten mir nicht über die Lippen. Dabei tat es mir so weh, weil ich wusste, dass er im Unrecht war.
Die Männer des Trupps sahen unsicher von einem zum anderen.
»Man behauptet, sie habe die Nacht in eurem Lager verbracht«, brachte der Soldat vor und umklammerte den Griff seines Schwertes fester.
Ich fuhr mir mit der Hand über meine schweißnasse Stirn, nahm mir vor, es zu sagen, sobald der Mann das Schwert ziehen sollte, und konnte nur hoffen, dass es dann nicht zu spät war.
Langsam müsste der Groschen doch auch bei den Feuerleuten fallen.
Und das tat er. Bei allen Winden! Ein Stein fiel mir vom Herzen, als sich plötzlich alle Köpfe zu Marc drehten.
Es war unter uns allgemein bekannt, was er in seinem Wagen so trieb. Meistens lachte man nur darüber oder hielt ihm vor, die Gefühle junger Mädchen nicht ernst zu nehmen. Manchmal bekam er auch eine Standpauke von seiner Mutter.
Aber heute war es anders.
»Marc?« Kai blickte ihn drohend an.
Marc zog den Kopf ein.
»Sie hat nicht gesagt, dass sie die Tochter eines Bürgermeisters ist. Und ich habe sie heute Morgen vor Sonnenaufgang nach Hause geschickt«, verteidigte er sich sofort und verschränkte reserviert die Arme vor der breiten Brust. Keiner sagte etwas, deshalb setzte er noch: »Ich schwör’s!«, hinzu.
Angu und Justus lösten sich aus der Reihe und liefen zum blauen Wagen hinüber. Justus riss die Tür auf und trat, dicht gefolgt von seinem Schwager, ein.
Es dauerte nur einen Augenblick, bis eine weibliche Stimme zu kreischen begann. »Lasst mich los, ihr ungehobelten Grobiane!«, schrie das Mädchen, das am Arm nach draußen gezerrt wurde.
Marcs Gesicht erbleichte und er wandte sich verschämt ab.
»Lady Elena!«, rief der Truppenführer und trat einen Schritt nach vorn.
Die Linie der Feuerleute löste sich auf und ließ ihn ungehindert durch.
»Nein, nein!«, klagte Elena wenig damenhaft und versuchte sich aus Justus’ Griff zu befreien.
»Ich habe nicht gewusst, dass sie da ist«, versicherte Marc uns immer wieder, doch er erntete nur böse Blicke.
Es war einfach zu typisch. Wäre ich nicht so erleichtert, dass es nicht zu einem Kampf gekommen war, wäre ich sicher auch wütend auf ihn gewesen.
»Nehmt sie mit«, sagte Justus, als er den Soldaten erreichte, und schob das zappelnde Mädchen von sich.
»Mylady.« Der Truppenführer verbeugte sich knapp vor ihr und übernahm sie.
»Nein!«, schrie sie weiter aus vollem Hals, dass es in den Ohren wehtat, und stemmte die Füße in den Boden. »Ihr versteht das nicht! Ich gehöre hierher!«
Der Anführer seufzte. »Jaja, das hatten wir ja schon«, grummelte er, blickte einen Moment verzweifelt drein und warf sich dann die junge Frau ungalant über die Schulter wie ein Sack voll Mehl. »Verzeiht, Lady Elena«, murmelte er dabei nur und ging zu seinem Trupp zurück.
»Es ist Liebe! Wir lieben uns! Ich will nicht weg! Er liebt mich!« Elenas Kreischen erreichte eine neue Tonhöhe.
Marcs Gesicht glühte vor Scham und er sah nicht hin, als man das Mädchen auf das freie Pferd setzte.
Kai trat vor. »Meine aufrichtige Entschuldigung«, sagte er und rieb sich die Stirn. Es war offensichtlich, dass auch er sich für seinen Sohn schämte.
Der Truppenführer zuckte jedoch mit den Schultern. »Ja, wir entschuldigen uns ebenfalls«, erwiderte er bescheiden und wahrte damit Kais Stolz, was ich für eine sehr großzügige Geste hielt.
Kai runzelte die Stirn. Wir hatten alle eine andere Reaktion erwartet.
Der Mann schwang sich in den Sattel. »Macht euch keine Sorgen«, rief er Kai zu. »Das war nicht das erste Mal. Danke für die Kooperation.« Er nickte ihm zum Abschied zu und setzte sein Pferd in Bewegung.
»Marc! Marc!«, schluchzte Lady Elena, und dann ritten sie auch schon über den Feldweg davon.
»Du Vollidiot!«, brüllte Kai und schlug Marc mit der flachen Hand ins Gesicht.
Dieser zuckte nicht zurück. Er war sich bewusst, dass er es verdiente.
Doch mein schlechtes Gewissen nagte weiter an mir. Ich hatte das Mädchen zwar nicht in den Wagen geführt, aber auch nichts dafür getan, die Situation sanfter zu lösen.
»Hat dir ein Kappa in den Kopf geschissen?!«, fuhr Kai ihn weiter an. »Wie kannst du uns nur so beschämen und in so eine Gefahr bringen? Was, wenn sie uns angegriffen hätten? Oder uns vorgeworfen hätten, sie entführt zu haben?«
Marc antwortete nicht und ließ Kais Schimpftiraden über sich ergehen, bis diesem die Puste ausging.
Erschöpft sah er seinen jüngsten Sohn an und schüttelte den Kopf. »Wenn ich sehe, dass du wieder ein Mädchen abschleppst, werde ich dir Feuer unterm Hintern machen!«, drohte er ihm, bedachte ihn noch einmal mit einem stechenden Blick und ging zu seiner Frau, die ihm beruhigend die Hand auf die Schulter legte.
Der Vorfall fand ein Ende, die Spannung wich langsam und kurz darauf saßen alle beisammen und aßen.
Nur Marc war offensichtlich der Appetit vergangen. Er verkroch sich im Wagen und ließ sich nicht mehr blicken.
Und auch an mir ging es nicht spurlos vorbei.
Geheimnisse waren ein wichtiges Gut. Gerade die Feuerleute wussten das und Justus sagte mir auch ständig, ich solle besser darauf achten. Ihnen fiel das offensichtlich nicht so schwer wie mir. Doch das Feuervolk existierte aus diesem Grund ja auch noch, meins jedoch nicht.
Das verpasste mir den Dämpfer, den ich gebraucht hatte und der mein schlechtes Gewissen mit Angst überlagerte. Es war besser, dass ich nichts gesagt hatte.
Oder?
Ich machte es mir bei Juju und Sally bequem, die mir beim Würfelspiel das Versprechen abgenommen hatten, mit ihnen zu essen. Mir war das nur recht, es lenkte mich ab. Sowohl von dem, was gerade passiert war, als auch von der Sache heute Morgen.
Justus sah immer wieder zu mir herüber und ich versuchte das geflissentlich zu übersehen.
Mein Herz zog sich jedes Mal zusammen, wenn ich seinen Blick auf mir spürte, und ich konnte nur mit Mühe verhindern, rot anzulaufen.
Juju nahm mich glücklicherweise voll in Beschlag. Wie ein kleines Wolfsjunges schlug sie ihre Zähnchen in einen Rebhuhnschenkel und verschmierte dabei Öl und Gewürze in ihrem ganzen Gesicht. Ihr zuzusehen brachte mich mehr als einmal zum Lachen, doch sie weigerte sich hartnäckig, sich beim Essen helfen zu lassen.
»Ich kann das allein«, sagte sie bockig und ihre ältere Schwester Sally kicherte vergnügt.
Ich löffelte ohne Appetit ein paar Linsen. In letzter Zeit bekam ich kaum etwas runter, ohne mich zu zwingen, und ich fürchtete, dass es an meiner verzwickten Verliebtheit lag.
Als Kai zum Aufbruch rief, hatte ich das großzügige Stück Rebhuhn, das auf meinem Teller lag, nicht mal angerührt.
6

Die Zeit verging im immer gleichen Trott.
Marc hatte nach dem misslichen Zwischenfall mit der Tochter des Bürgermeisters nicht gerade einen Stein im Brett. Doch die Lage normalisierte sich schnell wieder und kaum fünf Tage danach lachte und witzelte er mit Dante und Mei wie zuvor.
Nur Kai behielt an den Abenden ein wachsames Auge auf ihn. Marc war sich dessen nur zu gut bewusst und verhielt sich allen hübschen Dorfjungfern gegenüber nett, aber reserviert.
Ich für meinen Teil legte mich frühzeitig schlafen. Auf keinen Fall wollte ich wissen, was Justus tat. Auch dem Wind schärfte ich ein, nichts zu erzählen. Selbst wenn es mir unter den Nägeln brannte, es zu erfahren.
Noch immer ging ich Justus aus dem Weg und wir hatten seit unserer Auseinandersetzung im Wald auch kein Wort mehr gewechselt. Ich wusste, dass das nicht ewig so weitergehen konnte, aber irgendwie schaffte ich es nicht, mich dazu zu überwinden, ihn einfach anzusprechen.
Wir hatten uns als Kinder nie viel gestritten und wenn doch, dann war damals alles so viel einfacher gewesen, weil unser größtes Problem darin bestand, dass ich mich weigerte, Schuhe zu tragen.
Schuhe trug ich immer noch nicht gern, aber alles andere hatte sich verändert. Wann hatten wir aufgehört, so zu sein wie früher?
Ich wusste nicht, was ich zu ihm sagen sollte. Wahrscheinlich würde er erfahren wollen, was denn nun vorgefallen war. Aber es war mir unmöglich, ihm den wahren Grund zu nennen. Er durfte nicht wissen, wie sehr ich ihn mochte.
Da es nicht in seiner Natur lag, gegen meinen Willen auf mich zuzukommen, sagten wir weiterhin nichts.
Obwohl mir unser Schweigen sonst immer gefallen hatte, war diese Stille eine Qual. Es war eine andere Art von Schweigsamkeit. Eine, die uns nicht das Gefühl unserer eigenen kleinen Welt gab, sondern Distanz zwischen uns schaffte.
Und es tat weh.
Ich wusste nicht, wie er sich fühlte, aber mir ging es miserabel. Schließlich war ich nicht nur in ihn verliebt, er war auch mein bester Freund.
Sogar das Windspiel, sein Geschenk, musste ich in das weiche Tuch einwickeln und in meinem Fach verstauen, weil ich den Anblick nicht ertrug.
Auch den anderen fiel schnell auf, dass bei uns etwas nicht stimmte, da Justus und ich sonst so gut wie unzertrennlich gewesen waren. Fast wie Bruder und Schwester.
Mei sprach mich mehrere Male darauf an, doch ich wechselte immer das Thema, um nicht darüber reden zu müssen.
Es war der sechste Tag unserer Schweigsamkeit, als Justus auf die Idee kam, sich von Mei die Haare schneiden zu lassen. Es war ein ruhiger und sonniger Vormittag, an dem Hanna Perlenarbeiten knüpfte, Garan seiner fragwürdigen Leidenschaft fürs Kochen nachging und Fin auf der Suche nach Heilkräutern durch den Wald zog.
Mei hatte viele Talente, doch eine Schere zu handhaben war keines davon.
Justus hockte so unbeweglich wie möglich auf einem Baumstumpf, während Mei einige Strähnen kürzte.
Ich saß auf der Holztreppe vor meinem Wagen und sah heimlich zu, wobei ich vorgab, am Saum meines Kleides weiterzunähen.
Mei legte den Kopf schräg und fuhr ihrem Bruder mit der Hand durch das dichte Haar. Dann zog sie an mehreren Haarbüscheln und zupfte sie zurecht. Ab und zu schnitt sie etwas ab.
Ich stöhnte. Was das nur geben sollte?
Der Wind kicherte, zog ein paar Runden um mich herum und tanzte wieder davon.
Mei schnitt eine Stelle an der Seite etwas zu kurz und ich vergrub die Finger im Stoff meines Kleides, da ich am liebsten aufgesprungen wäre, um ihr die Schere aus der Hand zu reißen.
Sie setzte erneut an und Justus zuckte zurück.
»Willst du mir das Ohr abzuschneiden?«, rief er entrüstet und Mei zog die Schere schnell weg. Ihre Augenbrauen hatten sich zweifelnd zusammengezogen und nachdenkliche Falten bildeten sich auf ihrer Stirn.
Das war zu viel für mich. Schnell legte ich die Näharbeit wieder in den Korb, obwohl ich nicht mehr als ein paar Stiche geschafft hatte, erhob mich von der leise knarrenden Treppe und lief auf die beiden zu.
Ohne Vorwarnung nahm ich Mei die Schere aus der Hand. »Das ist ja nicht mit anzusehen!«, schimpfte ich empört.
Mei sprang erschrocken zur Seite, als ich mich hinter Justus drängte und anfing, ihm systematisch die Haare zu schneiden. Ich würde meine liebe Mühe haben, aus diesem Geschnipsel noch eine ordentliche Frisur zu machen.
»Na endlich.« Mei atmete sichtlich erleichtert auf.
Justus lachte. Er bedankte sich und wollte den Kopf zu mir drehen.
»Beweg dich nicht!«, befahl ich schroff und fuhr ihm mit einer Hand durch die seidig weichen Strähnen, um die Länge anzugleichen. Sein Haar fühlte sich wirklich wundervoll an.
Ich hatte ihn die letzten Tage so vermisst, dass ich von meinen Gefühlen geradezu überrollt wurde. Vor allem seine Stimme und seine Nähe.
Das war gar nicht gut. Ich musste damit aufhören.
»Ich hatte wirklich Angst, dass ich ein Ohr verliere«, brummte er und warf Mei einen Seitenblick zu.
Sie grinste und setzte sich neben uns ins Gras.
»Wieso fragst du auch Mei? Du bist selbst schuld, wenn du ihr eine Schere in die Hand drückst«, fuhr ich ihn an und Mei lachte verhalten. Das verwirrte mich.
Der Wind kehrte zu mir zurück und auch er kicherte wieder.
Abrupt hörte ich auf zu schneiden, sah erst zu Mei und dann zu Justus, der sich lächelnd zu mir drehte. »Fertig?« Seine Augen strahlten noch mehr als sein Lächeln.
Mein Herzschlag beschleunigte sich und mir wurde ganz flattrig im Bauch. Das fühlte sich so viel besser an als der harte Klumpen, der mir die letzten Tage Übelkeit bereitet hatte, und ich beschloss, dass alles besser war als Liebeskummer.
»Was geht hier vor?«, schaffte ich trotzdem misstrauisch zu fragen und stemmte sogar eine Hand in die Seiten.
»Was soll denn vorgehen?«, erwiderte Justus mit gespielter Unschuldsmiene und berührte seine Locken, die jetzt um einiges kürzer waren als zuvor. Obwohl er mir mit den Zotteln besser gefallen hatte, sah er auch jetzt verdammt gut aus.
Mei lachte noch lauter, was meine Vermutung bestätigte, dass die beiden irgendetwas ausgeheckt hatten.
Wahrscheinlich war es am Ende sogar, Meis Unvermögen mit der Schere zu nutzen, mich zu ärgern und von der Treppe zu ihnen zu locken. Zuzutrauen war ihnen alles.
»Dreh dich wieder um«, ordnete ich an und schüttelte den Kopf über Mei, die vor Lachen auf dem Boden lag, bis sie von Ayo gerufen wurde, um ihr bei den Ständen zu helfen. Die beiden tuschelten und kicherten.
Ich lächelte nur. Ob meine Vermutung nun stimmte oder nicht, war nicht wichtig. Justus und ich redeten wieder miteinander und das machte mich sehr glücklich. Leider.
Zügig schnitt ich die restlichen Haare und kontrollierte noch einmal, ob ich auch wirklich nichts vergessen hatte. Dann ließ ich einen kurzen kräftigen Windstoß die abgeschnittenen Reste wegpusten.
Um sie Mei nicht zurückzugeben, steckte ich die Schere in die Tasche meiner Rockschürze. Justus saß immer noch da und ich legte die Hände auf seine Schultern und senkte aus einem Impuls heraus die Stirn auf seinen Kopf.
Eigentlich sollte ich so etwas nicht tun, aber ich wollte ihm einfach nah sein nach all den Tagen, die ich es nicht gewesen war. »Fertig«, flüsterte ich.
»Danke«, sagte er und schob zu meiner Überraschung seine Hände über meine. Sie waren so warm. Mein Herz pochte wie verrückt. Ich hatte vergessen, dass Justus so warm war.
Er lachte und hob den Kopf. Ich wich ein Stück zurück, damit er zu mir aufsehen konnte. Seine Augen wirkten dunkler als sonst und glühend wie gebrannte Maronen. »Was hältst du davon, Wachteln jagen zu gehen?«, wollte er wissen.
»Hier im Wald gibt es Wachteln?«, entgegnete ich skeptisch und befreite unauffällig meine Hände. Justus bemerkte es nicht oder tat zumindest so.
»Klar. Ich habe heute früh eine Menge gesehen.« Er stand auf und marschierte los, um seinen Bogen und Pfeile zu holen.
»Ich habe noch keine gesehen«, rief ich verwundert und lief ihm nach.
»Da, wo du geschlafen hast, sind ja auch keine gewesen.« Seine Stimme klang gedämpft, als er seinen Wagen betrat.
Ich zog irritiert die Augenbrauen nach oben. »Woher weißt du denn, wo ich geschlafen habe?«, platzte es aus mir heraus, obwohl ich die Frage eigentlich nicht hatte stellen wollen.
Justus schwang sich aus der Tür und grinste. Ein Grinsen, das ich bisher nur an Marc gesehen hatte: das Wolfsgrinsen.
»Du glaubst doch nicht wirklich, dass ich nicht immer ein Auge darauf habe, wo du grade steckst?«, behauptete er und eine kleine Flamme sprang aus der Glut in meinem Herzen.
Wachteln sahen wir nur wenige, obwohl Justus steif und fest behauptete, am Morgen mindestens zwei Dutzend beobachtet zu haben.
Aber dafür lachten wir viel, alberten herum und zu meiner Erleichterung führte das Gespräch nie zu unserer Auseinandersetzung der letzten Woche.
Selbst das Feuerspektakel an diesem Abend machte mir mehr Spaß als die vorigen und auch Justus wirkte viel gelöster.
Seit meinem Ausraster hatte ich mich gehütet, zu genau auf ihn zu achten, doch bei den Feuerspielen war er mir trotzdem sehr zurückhaltend vorgekommen.
Nach dem großen Finale, als der Applaus langsam abebbte, servierten einige Dorfbewohner ihr kleines bescheidenes Gebäck.
Diesmal floh ich nicht in den angrenzenden Wald, um mich schlafen zu legen. Ich blieb und nahm mir ein einfach geformtes Zuckerbrötchen. Es war köstlich, noch viel besser als die Nussschnecke, die ich bei meinem letzten Fest gegessen hatte. Ich probierte gleich ein zweites, das mit rotem Kompott gefüllt war. Herrlich! Hefegebäck war einfach mein Lieblingsessen.
Justus stand mit Marc und drei jungen Männern aus dem Dorf zusammen. Sie plauderten über die diesjährige Ernte und den Weg, den wir mit den Wagen noch zurücklegen würden, bevor der Winter uns nach Hause rief.
»Achtet gut auf euch«, sagte der eine von ihnen. »Die Unruhen hier in den Grenzgebieten werden immer schlimmer.«
»Sind die Fürsten immer noch im Zwist? Haben die nicht langsam genug, sich gegenseitig Spione auf den Hals zu hetzen?«, schnaubte Marc laut und nippte an einem Becher.
»Weswegen streiten sie sich denn?«, erkundigte ich mich und die Männer sahen erstaunt auf. Sie hatten anscheinend gar nicht bemerkt, dass ich zu ihnen getreten war. Mir war es selbst kaum aufgefallen, doch plötzlich stand ich neben ihnen, um mich an dem Gespräch zu beteiligen.
Justus warf mir einen erschrockenen Blick zu und sah dann warnend zu den anderen. Fast hatte ich das Gefühl, er wollte, dass sie mir nicht antworteten.
»Sie streiten sich um Land«, sagte einer der Dörfler etwas verunsichert und sah von mir zu Justus und wieder zurück.
»Um welches? Ich dachte, die Grenze der Meeresgebiete wäre durch den Nordfluss klar abgesteckt?«
Justus seufzte tief.
»Cate, wie ist das Gebäck?«, fragte er mich unvermittelt und ich sah ihn an, als hätte er nicht mehr alle beisammen. Was sollte das denn für eine plumpe Art sein, das Thema zu wechseln? Wieso wollte er nicht, dass ich Antworten auf meine Fragen bekam?
»Sehr gut, besonders die Zuckerbrötchen sind die besten, die ich je gegessen habe.« Mit ausgestrecktem Finger zeigte ich auf die Platte, auf der ich sie gefunden hatte, wandte mich aber sofort wieder an den Dörfler und schaute ihn auffordernd an.
Er sah noch irritierter aus. Sicher wusste er nicht recht, was er von Justus’ Kommentar halten sollte. Ich wusste es ja auch nicht.
»Und?«, forderte ich ihn auf, damit er mir seine Aufmerksamkeit schenkte, und er blinzelte zu mir herunter.
»Sie kämpfen um die Landesspitze«, brachte er etwas unsicher heraus und schob die Hände in die Hosentaschen. »Die Windküste.«
Ich verschluckte mich beinahe an dem Bissen, den ich gerade im Mund hatte.
»Es liegt nicht auf eurer Route, aber es ist ein wunderschöner Landstreifen. Mein Vater und ich waren letzten Herbst einmal dort. Ich habe noch nie so einen wundervollen Strand gesehen«, fuhr er fort und ich vergaß zu atmen.
Ich wusste, dass die Fürsten von Albahr und Mari seit Jahren in einem Konflikt standen. Doch ich hatte mich nie viel für Politik interessiert. Doch zu hören, dass sie um die Windküste stritten, versetzte mir einen Schlag.
Meine Heimat, schoss es mir durch den Kopf. Ich kannte den Strand und die seichten Wellen, die um die nackten Knöchel schäumten und sich sanft wieder zurückzogen. Die Sonnenuntergänge, die hellen Laubwälder, die flachen Steppenländer, durchzogen von Flussläufen. Oft träumte ich davon, sehnte mich danach, wusste, dass mir dieser Ort ins Herz geschrieben war.
Es war die Heimat meines Volkes gewesen, bevor die Menschen es ausgerottet hatten. Jetzt, da es kein Windvolk mehr gab, gehörte es niemandem.
Außer vielleicht mir. Aber ich konnte schlecht einen Anspruch geltend machen, ohne mich zu verraten. Und das würde mich in Lebensgefahr bringen.
Justus nahm sanft meine Hand und holte mich aus meinen Gedanken in die Wirklichkeit zurück.
Ich schluckte umständlich und sah in die Gesichter der Anwesenden, die alle ein wenig verwundert dreinblickten. Die Dörfler glaubten sicher, ich wäre ein wenig verrückt.
»Ich hole mir noch ein Zuckerbrötchen«, stammelte ich, obwohl ich noch ein halbes in Händen hielt, und wandte mich schnell ab.
Justus drückte ein letztes Mal meine Finger und ließ mich dann widerwillig gehen.
Ohne wirklich darauf zu achten, lief ich zu den Platten und stand ratlos davor. Der Appetit war mir vergangen.
Laila trat lächelnd neben mich und stupste mich mit der Schulter an. »Na, alles in Ordnung?«, fragte sie leichthin und nahm sich ein Gebäck.
Ich nickte und schaffte es sogar, ihr ebenfalls ein Lächeln zu schenken. Doch es gefror mir im Gesicht, als ich hinter ihr einen jungen Mann entdeckte, der mir einen kalten Schauder über den Rücken jagte. Er war schlank, etwas schlaksig und beobachtete mich. Seine blonden Locken tanzten in einem leichten Lüftchen.
Bei allen Winden, es war wieder der Kerl aus der Stadt, in der wir die Briefe am Haus des Stadtrates abgegeben hatten.
Er war mir gänzlich entfallen nach der Sache mit Justus und diesem Mädchen.
Warum war er hier? War es Zufall? Es musste Zufall sein.
Oder hatte Mei am Ende recht gehabt? Er hatte sich Hals über Kopf in mich verliebt und folgte uns nun von Dorf zu Dorf.
Blödsinn! So etwas passierte nur in Geschichten und nicht in der Wirklichkeit. Und vor allem nicht mir.
Der junge Mann fing kurz meinen Blick auf, lächelte wieder dieses besondere Lächeln und verschwand dann mit schnellen Schritten in der Dunkelheit.
Ich fröstelte, obwohl es nicht wirklich kalt war, und fühlte mich einen Moment lang so schrecklich einsam, als wäre ich der einzige Mensch auf der Welt.
Heute Nacht wollte ich auf keinen Fall allein sein. Ich war von einer Nervosität befallen, die sich nicht abschütteln ließ. Besonders, weil der Wind schon wieder verschwunden war.
Keine Ahnung, was zurzeit mit ihm los war, aber es trug nicht gerade zu meiner Beruhigung bei. Im Gegenteil.
Ich floh zwischen den Dörflern hindurch zu meinem Wagen. Immer noch spürte ich die Beklemmung in meiner Brust, rief den Wind noch einmal und hängte schnell das Windspiel wieder auf. Nur zur Sicherheit. Schließlich hatte ich den Wind die Male zuvor immer wieder dort vorgefunden. Doch diesmal blieb er weiterhin fern.
Doch obwohl der Fremde verschwunden war, hielt ich mich den restlichen Abend in der Nähe der anderen, um zu keinem Zeitpunkt ganz allein zu sein.
Es war noch nicht sehr spät, als die letzte Gruppe Dörfler den Weg nach Hause antrat. Das gefiel mir an den kleinen Dörfern. Es war alles viel familiärer, nicht so große Menschenmassen, und man kam früher ins Bett.
Als ich wieder zu meinem Wagen lief, fand ich dort auch endlich den Wind in gleichmäßigen Bahnen um die Muscheln kreisen. Er summte wieder dieses Lied, unterstützt von den leisen Klängen der silbernen Röhren.
Was ist nur los mit dir?, fragte ich ihn wie jedes Mal besorgt.
Erneut trug er mir nichts als tiefe Erschöpfung entgegen. Keine Erklärung. Doch zumindest war er da.
Liebevoll berührte ich ihn und er schmiegte sich müde an meine Hand.
Als ich wieder hinausging, folgte er mir und zog träge an meinem losen Haar.
Die Dörfler waren gegangen und viele von uns schon in ihren Betten verschwunden.
Ich wusste nicht recht, was ich tun sollte. Unmöglich konnte ich heute Nacht in einem stickigen Wagen schlafen, in dem Ayo schnarchte und Mei im Traum redete. Allein im Wald wollte ich allerdings genauso wenig sein.
Zum ersten Mal wünschte ich mir, dass Marc ein Mädchen mitgenommen hätte, damit Justus gezwungen wäre, bei mir zu sein.
Ich konnte ihn ja kaum darum bitten, bei mir zu bleiben. Oder etwa doch? Früher hätte ich es einfach gemacht, doch seit unserem Streit und all den Gefühlen, die in mir tobten, fühlte ich mich unsicher, fahrig und unwürdig.
Leise, damit ich die anderen nicht störte, holte ich mein Schlafbündel aus dem Wagen und trat wieder raus in die Dunkelheit der Nacht. Der Himmel war klar, der Mond warf Schatten auf die Lichtung und die Sterne funkelten wie Millionen Glühwürmchen.
Nicht weit entfernt hörte ich eins der Kappa muhen.
»Du bist noch wach?«, fragte Justus überrascht und ich schreckte zusammen. Er kam die Stufen seines Wagens hinunter und auf mich zu. »Ich dachte, du wärst schon schlafen gegangen. Ich wollte grade schauen, wo du dich in den Wald geschlagen hast.« Er gähnte und ließ die muskulösen Schultern kreisen, um sie zu lockern.
Ich seufzte still und wünschte mir, er würde mich auf der Stelle in die Arme schließen, mir übers Haar streichen und sagen, dass alles in Ordnung war. »Justus?«
Er sah mich fragend an.
Ich öffnete den Mund und stockte. Es war so schwer, mich zu überwinden und meine Gedanken in Worte zu fassen.
Obwohl ich all meinen Mut zusammennahm, schaffte ich es trotzdem nicht, ihm in die Augen zu sehen. »Kannst du … ich möchte nicht … wäre es möglich, dass du …«, stammelte ich, krallte die Finger in das Schlafbündel und versuchte schnell noch einmal darüber nachzudenken, wie ich es am besten formulierte.
»Was ist los? Du bist ja blass wie ein Gespenst«, sagte er und Sorge trat an die Stelle der Müdigkeit, die vorher seine Züge gezeichnet hatte.
»Ich bin doch immer blass«, wollte ich mich rausreden, doch Justus streckte seine große, warme Hand nach mir aus und berührte meine Wange.
»Aber nicht so blass. Wenn du so vor dich hin stotterst, bist du normalerweise so leuchtend rot wie ein Signalfeuer.«
Er machte sich immer so viele Gedanken um mich. Der beste große Bruder der Welt, wenn ich ihn nur länger als solchen betrachten könnte.
»Es ist nichts. Vergiss es lieber.« Ich wand mich aus seiner beschützenden Hand, drückte mein Schlafbündel fester an die Brust und wandte mich dem Wald zu.
»Cate?«
Ich blieb stehen, drehte mich aber nicht um. Wenn ich es tat, würde ich nur schwach werden.
»Du glaubst doch nicht wirklich, dass du mir so davonkommst.« Justus war mit wenigen Schritten bei mir, packte mich an den Schultern und drehte mich zu sich.
Ich bemühte mich, im Dunkeln meine Zehen zu erkennen.
»Ich verspreche, ich sage nichts zu deinem Verhalten der letzten Tage. Aber wenn es dir nicht gut geht oder etwas ist, bei dem ich dir helfen kann, dann lass mich dir helfen.« Seine Stimme war dunkel und weich wie die Nacht selbst.
Wenn du nur wüsstest, dachte ich bei mir, und wie ich es mir selbst prophezeit hatte, brannte meine Gegenwehr nieder wie ein Haus aus Stroh.
Ich gab dem übermächtigen Drang nach, lehnte mich vor und drückte meine Stirn gegen Justus’ breite Brust. Er strahlte in der kühlen Nachtluft eine unglaubliche Wärme aus. Wärme, die ich jetzt wirklich gut gebrauchen konnte.
Justus seufzte tief und strich mir übers Haar, genau wie ich es mir kurz zuvor ausgemalt hatte.
Doch es fühlte sich anders an. Ich hatte geglaubt, es müsse wunderschön sein. Aber zu wissen, dass er in mir eine kleine Schwester sah, die es zu beschützen galt, vergiftete den Moment mit einer Bitterkeit. Außerdem würde ich ihn, egal wie, niemals für mich gewinnen können.
Tränen quollen aus meinen Augen und liefen über. Ich konnte nicht mehr. Die Gefühle für Justus raubten mir Appetit, Kraft und Verstand. Der Blick dieses blonden Fremden jagte mir plötzlich noch mehr Angst ein. Und der Wind war, aus mir unerfindlichen Gründen, krank geworden.
»Es ist alles zu viel«, schluchzte ich und begann zu zittern. Wie armselig ich aussehen musste. Das war der Tiefpunkt.
Ich schalt mich selbst für mein feiges Selbstmitleid und versuchte, mich schnell wieder zusammenzureißen. Der Wind, dem es besser zu gehen schien, strich mir an den Händen entlang und flüsterte Ermutigungen.
Justus legte die Arme um mich, zog mich ganz nah an sich und ich wurde von einer Geborgenheit überwältigt, die mir den Atem raubte. Es kam mir vor, als wurde Justus immer wärmer.
Angestrengt versuchte ich das Schluchzen zu unterdrücken. Denn der nun erreichte Tiefstand gab mir neuen Mut. Oder war es Verzweiflung?
»Ich möchte nicht allein im Wald schlafen«, brachte ich atemlos heraus und spürte, wie Justus nickte.
Vorsichtig ließ er mich los und gebot mir mit einer Geste, kurz auf ihn zu warten. Er ging zu seinem Wagen und zog aus dem Fach unter dem Kutschbock sein Schlafbündel hervor.
Keine Fragen, kein Zögern. Justus kam meiner Bitte nach.
Schweigend machten wir uns auf, meine Hand in seiner, um ein geeignetes Baumpaar zu suchen. Er half mir, die Hängematte zwischen die beiden Stämme zu spannen, und blickte mich dabei immer wieder an.
»Danke«, sagte ich leise und schaffte es sogar, ein wenig zu lächeln.
»Willst du mir nicht sagen, was los ist?«, fragte er unvermittelt und nahm wieder meine Hand.
Ich mochte es, wenn wir uns berührten. Es war eine so gewohnte Geste und doch begann ich ihr mehr Wert beizumessen, als ich es früher getan hatte.
Langsam schüttelte ich den Kopf. Dass ich in ihn verliebt war, konnte ich ihm nicht sagen. Es würde alles zwischen uns kaputtmachen. Denn ich war mir ziemlich sicher, dass er meine Gefühle nicht erwiderte. Die Gesetze des Feuervolkes waren sehr eindeutig.
Irgendwas würde ich aber sagen müssen, um Justus’ Sorge zu zerstreuen. Also konnte ich ihm wenigstens die anderen Dinge berichten.
Ich seufzte zum bestimmt hundertsten Mal.
»Erinnerst du dich an den Mann im Haus des Ratssekretärs. Der, der uns die Tür aufgehalten hat?«, fragte ich vorsichtig.
Justus nickte.
Ich hob leicht vom Boden ab, setzte mich in die Hängematte und zupfte Justus am Ärmel, damit er sich neben mir niederließ.
»Der, von dem Mei behauptet hat, er habe ein Auge auf dich geworfen?«, brummte er und setzte sich umständlich zu mir.
Wir lehnten uns nach hinten und ich konnte zwischen den Blättern der Bäume sogar ein paar Sterne ausmachen. Justus war ganz nah bei mir, schenkte mir Sicherheit.
»Er hat mich so seltsam angesehen«, murmelte ich und erinnerte mich an das Lächeln, das er mir vorhin zugeworfen hatte. Mir wurde übel, wenn ich daran dachte.
»Sag mir bitte nicht, dass du dich in ihn verguckt hast«, sagte Justus plötzlich streng und ich schrak bei seinem harten Tonfall zusammen. Was war denn das?
»Nein!« Ich boxte ihm gegen das Knie. »Er war an dem Abend beim Fest und hat mich beobachtet.« Mir fuhr ein unangenehmer Schauder über den Rücken. »Und heute war er wieder da.«
»Was? Kann das Zufall sein?« Justus schien kurz zu überlegen. »Hast du ihn die letzten Abende auch gesehen?«
Ich schüttelte den Kopf, zuckte aber gleichzeitig ratlos mit den Schultern. »Ich bin nach dem Feuerspektakel gleich schlafen gegangen.« Es gefiel mir nicht, das zuzugeben, denn es könnte zu weiteren Fragen führen.
Doch Justus blieb einfach still und starrte in die Dunkelheit.
»Er macht mir Angst«, gab ich zu und drückte mich enger an ihn. »Sein Blick und dieses seltsame Lächeln. Es fühlt sich komisch an. Als ob er irgendwas über mich wüsste.« Erst nachdem ich es ausgesprochen hatte, wurde mir bewusst, was ich da eigentlich gesagt hatte.
Justus war sofort alarmiert. »Du glaubst, er weiß, wer du bist?«, fragte er scharf. Ich spürte seinen bohrenden Blick, auch wenn ich im Schatten der Bäume sein Gesicht kaum erkennen konnte, und atmete tief durch.
»Ich habe keine Ahnung«, antwortete ich wahrheitsgemäß und rieb mir die Augen. »Es gibt aber noch mehr.«
»Mehr was?«
»Probleme«, erklärte ich und spürte den Windhauch, der uns umschwebte. Jetzt, wo ich einmal angefangen hatte zu erzählen, fiel es mir auch viel leichter. »Es geht um den Wind.«
Justus sagte nichts, wartete darauf, dass ich weitersprach. Der Wind kam zu mir, wie als Bestätigung, dass er nicht schon wieder verschwunden war.
»Es ist, als ob er in letzter Zeit ab und zu krank wäre. Er …« Ich stockte wieder und bedachte meine Worte noch einmal. »Er verschwindet für eine Weile, und jedes Mal, wenn ich ihn dann suche, finde ich ihn bei dem Windspiel, das du mir gekauft hast.« Kurz hatte ich überlegen müssen, wie ich es ihm beschreiben sollte, ohne ihm zu sagen, dass der Wind mir nicht antwortete, wenn ich ihn rief.
»Und das passiert, seit du das Windspiel hast?« Justus bewegte sich und die Hängematte geriet ins Schaukeln. Verhalten zischend hielt er sich am Rand fest. Er mochte es nicht, wenn die Seile schwangen. Dabei waren wir vielleicht gerade mal einen Meter vom Boden entfernt.
»Ja, schon dreimal, zuletzt vorhin beim Fest. Er dreht sich dann immer in den gleichen Schleifen um diese silbernen Stäbe.« Ich machte die Bewegung mit den Fingern nach, um zu zeigen, was ich meinte.
Er schwieg.
»Justus?«, fragte ich, nur um sicherzugehen, dass er nicht eingeschlafen war.
»Mach das bitte noch mal«, bat er mich plötzlich und klang, als wäre ihm etwas eingefallen. Vorsichtig setzte er sich auf und zog mich ebenfalls hoch.
Ich beeilte mich, die Geste zu wiederholen. Drei in sich geschwungene Kreise.
Justus erzeugte eine kleine Feuerkugel auf seiner Handfläche und hielt sie zwischen uns. Erst folgte sein Blick meinem Finger, dann sah er mich an.
»Du bist nicht mehr so blass«, sagte er und lächelte.
Ich spürte die Röte in mein Gesicht steigen, wusste aber nicht recht, warum es mir peinlich war. Mir ging es viel besser, nachdem wir etwas geredet hatten. Und seine Wärme tat das ihre dazu.
»Und was ist jetzt mit den Kreisen? Oder findest du es nur hübsch, wie sich meine Hand durch die Luft bewegt?«, fragte ich schnippisch, um meine Unsicherheit zu überspielen.
Er lachte kurz auf und löschte die Flamme. »Nein. Aber ich habe so was schon mal gesehen. Das Feuer verhält sich manchmal auch seltsam; und es summt dabei.«
Das Lied. »Ja, der Wind fängt an zu singen!«
»Dann wird es so sein«, murmelte Justus und lehnte sich wieder in die Hängematte. Langsam, damit sie nicht anfing zu schaukeln. »Hast du mal von den Artefakten des Feuers gehört?«, erkundigte er sich und ich verneinte.
Justus räusperte sich und fuhr sich mit den Händen durchs kurze Haar. »Die Artefakte des Feuers sind eine Reihe an Edelsteinen. Oft werden sie in Schmuckstücke eingearbeitet und von den Würdenträgern getragen. In den Steinen werden überschüssige Feuerkräfte gespeichert.«
»Wie können Feuerkräfte überschüssig sein?«, unterbrach ich ihn und machte große Augen.
»Leg dich hin. Ich erkläre es dir. Du darfst aber nicht einschlafen«, mahnte er mich und ich lehnte mich an ihn.
»Keine Sorge«, flüsterte ich und spürte trotz all der Sorgen, die mich belasteten, die Schmetterlinge in meinem Bauch.
»Die Feuermagie ist eine Kraft, die sich gleichmäßig auf uns alle im Volk verteilt. Doch jeder von uns entwickelt diese Macht für sich weiter, lebt mit ihr und bereichert sie.
Würde ich beispielsweise sterben, würde die Kraft, die ich als Sechzehnjähriger erhalten habe, zurück an alle anderen gehen. Aber alles, was ich selbst dazu beigetragen habe, bleibt zwar für ein paar Generationen in der Feuermagie erhalten, kann von den anderen aber nicht genutzt werden. Es sind überschüssige Feuerkräfte.
Damit sie aber nicht verloren gehen, werden sie alle fünfundzwanzig Jahre bei einem großen Fest vom Oberhaupt des Feuervolkes in einen Edelstein gebannt. Und nebenbei ein neues Oberhaupt erwählt.« Er sah mich an, versicherte sich, dass ich verstand.
Ich nickte zögerlich und versuchte mir nicht vorzustellen, dass Justus sterben könnte.
»Gut, dann kommt jetzt die relevante Information«, kündigte er an und ich lachte leise.
»War das bisher nicht relevant?«, fragte ich und er drehte sich zu mir.
»Nicht so sehr. Mir ist nur aufgefallen, dass ich dir wirklich selten von uns erzähle. Ich glaube immer, du müsstest das alles schon wissen.«
Sein Gesicht war meinem ganz nah und ich musste mich daran erinnern, ihm zuzuhören.
»Also. Legt man eines der Artefakte ins Feuer oder kommt ihm damit nahe, beginnen die Flammen in Schleifen um die Edelsteine zu ziehen und die Steine summen dazu ein geheimes Lied der Macht.«
Ein geheimes Lied der Macht, echote es in meinen Gedanken. Ich war seit zwölf Jahren mit ihnen unterwegs, hatte bereits elf Winter in ihrer Stadt verbracht und keiner hatte je auch nur eine Silbe davon erwähnt.
Na ja, warum hätte ich, als Außenseiterin, es auch wissen sollen? Es war eines der Geheimnisse des Feuervolkes, und allein schon, dass sie mich in die Feuerstadt ließen, war eine sehr großmütige Geste.
Aber was bedeutete das alles jetzt für mich?
Ich hatte bisher nur selten nach Parallelen zwischen den Völkern gesucht. Die Art, wie ich mit dem Wind umging und sie mit dem Feuer, war so grundverschieden, dass ich immer geglaubt hatte, es müsse in allen anderen Bereichen ebenso sein.
Sie hatten keinen persönlichen Bezug zu ihrem Element, wie ich ihn zu meinem hatte, und behandelten ihre Kräfte wie Werkzeuge, die sie zu Hilfe nahmen und dann wieder löschten. Bei mir war der Wind ein Teil meiner Seele, bestimmte meine Wünsche und Sehnsüchte. Ich beherrschte ihn nicht einfach, sondern arbeitete mit ihm zusammen wie mit einem Freund.
Doch das Kreisen des Windes um das Windspiel war wirklich eigenartig und auch das Singen gab mir einen guten Grund, es mit den Artefakten des Feuers zu vergleichen.
War es ein Artefakt des Windes?
Der Wind war so still gewesen, dass ich für einen Augenblick befürchtete, er wäre schon wieder verschwunden. Doch als ich ihm meine Aufmerksamkeit schenkte, tanzte er sofort um die Hängematte herum.
Ist das wahr?, fragte ich ihn. Ist das Windspiel ein Artefakt?
Zum Schutz und zur Ermutigung, gab er zurück. Die Windartefakte, so besonders, so geachtet und trotzdem hat es alles nichts genützt.
Es war kein klares Ja, aber es reichte als Bestätigung.
Der Wind stob davon und rauschte kraftvoll durch die Baumkronen über uns. Junge Bäume und lange Äste ächzten, jammerten. Es klang, als würde der Wind weinen und sein verlorenes Volk betrauern.
Ich konnte ihn gut verstehen, denn auch ich vermisste es, zu einer Familie zu gehören, Teil eines Volkes zu sein.
»Ein Windartefakt, was?«, sagte ich müde zu Justus. Meine Augenlider waren mittlerweile schwer und mein Geist wirr. Es musste sehr spät sein.
Er rieb sich die Augen und nickte. »Wenn es so ist, Cate, und es tatsächlich ein Artefakt ist, so wie es das bei uns gibt, dann sollten sich dir zwei Fragen stellen«, sagte er und schob sich vorsichtig aus der Hängematte. »Erstens, ob es noch mehr von ihnen gibt und wie du sie so schnell wie möglich in deinen Besitz bringst. Und zweitens …« Er stockte und zündete mit der einen Hand eine winzige tanzende Feuerkugel an, um mir in die Augen sehen zu können. Müde, aber todernst kamen die nächsten Worte über seine Lippen. »… musst du dir bewusstwerden, dass du im Moment allein die gesamte Kraft deines Volkes besitzt. Nur weil alle weg sind, ist sie ja nicht verloren. Sie sammelt sich. Und zwar in dir. Wie mächtig bist du also wirklich?«
Ich schluckte gegen meinen trockenen Hals an. So viele Gedanken, so viel, über das ich nachdenken musste.
In dieser Nacht blieb mir der Schlaf trotz Müdigkeit fern.
7

Der Morgen graute und mein Kopf fühlte sich an wie Grütze. Ich hatte die ganze Nacht gegrübelt und jetzt, wo feiner Dunst vom Boden aufstieg, hatte ich das Gefühl, noch weniger zu wissen als zuvor.
Was sollte ich mit diesen neuen Informationen anfangen?
Ich hatte versucht, mit dem Wind darüber zu sprechen, er gab mir auf meine Fragen jedoch keine sinnvollen Antworten. Und sobald ich konkret nachhakte, verstummte er.
War er wirklich krank? Oder war ich es vielleicht?
Mir war sogar schon der Gedanke gekommen, dass es an meiner Verliebtheit liegen könnte. Allerdings hielt ich das doch für abwegig.
Am wahrscheinlichsten erschien mir, dass das Windspiel die Ursache war oder auch meine Unfähigkeit, es zu verwenden.
Ich wälzte mich auf die andere Seite. Meine Hängematte schwankte dabei leicht. Meine Gefühle spiegelnd zog der Wind träge durch die Baumkronen über mir.
Justus hatte die ganze Nacht selig geschlafen. Anfangs hatte er leise geschnarcht, sich dann auf den Bauch gedreht und seitdem nicht mehr viel bewegt.
»Weil es gebraten besser schmeckt«, hatte er vor ungefähr zwei Stunden im Schlaf gemurmelt und sich an der Stirn gekratzt.
Vorsichtig linste ich über den Rand meiner Hängematte und betrachtete sein schlafendes Profil. Mit den strubbligen Haaren und dem entspannten Gesicht wirkte er viel jünger. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, während ich ihn musterte. Seine weich geschwungenen Lippen waren leicht geöffnet und er atmete gleichmäßig.
Mein Kopf war so furchtbar übermüdet, dass ich mich nicht vor meinen eigenen Gedanken retten konnte. Wie sich seine Lippen wohl anfühlten? Wie es war, ihn zu küssen?
Unbewusst fuhr ich mir mit der Zunge über den Mund. Ob er wohl aufwachte, wenn ich es versuchte?
Erschrocken zog ich den Kopf zurück und der Schreck half mir, wieder klarer zu sehen.
Ich konnte ihn unmöglich küssen! Was dachte ich da eigentlich?
In meinen Wangen brannte die Röte und ich legte die Fingerspitzen daran, um sie zu kühlen.
Als hätte ich nicht schon genug Probleme.
Lautlos erhob ich mich aus der Hängematte und schwebte den Baumwipfeln entgegen.
Am Horizont ging die Sonne auf.
Obwohl mein Kopf und mein Körper sich immer noch matt und müde anfühlten, hielt ich mich bisher eigentlich ganz gut. Nur Mei sprach mich auf meine dunklen Augenringe an. Falls Justus sie bemerkte, sagte er zumindest nichts dazu. Nur hin und wieder warf er mir besorgte Blicke zu.
Es war gerade Mittag und wir hielten zum Essen an einem Waldrand.
Ich vergrub meine nackten Zehen im weichen Boden, hing meinen Gedanken nach, starrte in meine Suppe und knabberte an einem Brotfladen, den Garan mir aufgezwungen hatte. Gestern war er noch ein Kind gewesen und heute backte er Brot wie ein Meister.
»Was ist los, Bree? Ist dir nicht gut?«, erkundigte sich Ayo vorsichtig bei ihrer Freundin. Die beiden saßen hinter mir im Gras, eine Schale mit Eintopf und Brot in der Hand. Neugierig drehte ich mich zu ihnen.
Bree starrte mit weit geöffneten Augen in ihre Suppe, dann wandte sie den Kopf ruckartig gen Süden. Achtlos glitt ihr das Essen aus der Hand, als sie sich erhob.
Ayo versuchte die Suppenschale noch aufzufangen, war aber zu langsam. Die Flüssigkeit ergoss sich über ihre Finger und lief ins Gras, die Schale blieb überraschenderweise heil. Zum Glück war Ayo unempfindlich gegen Hitze.
Inzwischen beobachteten alle Bree, die ein paar Schritte ging, den Blick wie in eine andere Welt gerichtet. Sie sah etwas, was uns anderen verborgen blieb, und wir warteten gespannt darauf, dass sie etwas sagte.
Dante war ebenfalls aufgestanden und hatte sich schützend hinter sie gestellt. Es kam nicht selten vor, dass sie sich überanstrengte und dann einfach ohnmächtig umfiel, wenn sie versuchte, zu weit zu sehen.
Ich dachte kurz daran, den Wind zu fragen, der bis eben noch mit dem Dampf meiner Suppe gespielt hatte und nun aufgeregt um meinen Kopf flog.
Er wartete nur darauf, mir mitzuteilen, was er wusste.
Doch da machte Bree endlich den Mund auf. »Da ist eine Kutsche. Keine Meile von hier.«
»Kommt sie auf uns zu?«, fragte Marc ein wenig übereifrig. Offensichtlich hatte er das Gefühl, etwas wiedergutmachen zu müssen, nachdem der letzte Besuch von Fremden für ihn nicht so gut verlaufen war.
Bree blinzelte verstört und sah ihn an. Erst jetzt schien sie wieder völlig da zu sein. »Nein, aber sie wird angegriffen von einem halben Dutzend. Sie war ziemlich stark bewacht. Acht Mann! Vier sind bereits tot. Im Innern der Kutsche sitzt eine Frau.« Sie sah von einem zum anderen, als wäre sie nicht sicher, was sie mit ihrer eigenen Information anfangen sollte.
Was war zu tun?
Auch die Wagenleute blickten sich gegenseitig fragend an.
Normalerweise hielt sich das Feuervolk aus sämtlichen Auseinandersetzungen der gewöhnlichen Menschen raus, um keine unnötige Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
Mir fiel es jedoch schwer, einfach hier zu sitzen und es geschehen zu lassen. Sollte dort im Wald tatsächlich jemand angegriffen werden, konnte ich persönlich es verantworten, durch meine Untätigkeit seinen Tod mit zu verschulden?
Auch in Brees Gesicht spiegelten sich diese Bedenken, selbst wenn ich das von einer so kaltschnäuzigen Person wie ihr nicht gedacht hätte. Ihr Blick schnellte wieder in die Richtung, in der sich offensichtlich die Kutsche befand. »Jetzt sind es fünf«, flüsterte sie, doch wir hatten sie alle gehört.
Es rührte sich noch immer niemand. Bree ballte sie Hände zu Fäusten und mir brach der Schweiß aus.
Der Wind wurde energischer und ich schenkte ihm widerwillig meine Aufmerksamkeit.
Sie ist die Tochter des Fürsten von Mari!, wisperte er aufgeregt und zog fest an meinen Haaren.
Aua. Wer?, fragte ich ihn.
Die Frau in der Kutsche. Sie wird von albahrischen Soldaten überfallen.
Ich wusste kaum, wie mir geschah, doch ich erschrak so sehr, dass ich plötzlich kerzengerade dastand.
»Was ist los, Cate?«, wollte Mei wissen und sah erstaunt zu mir auf.
Jetzt oder nie, Cate, sagte ich zu mir selbst und wusste, dass ich es bereuen könnte, jetzt den Mund aufzumachen. Doch das letzte Mal hatte mich das schlechte Gewissen schon umgetrieben. Und diesmal standen sogar akut Menschenleben auf dem Spiel.
»Die Frau in der Kutsche ist die Tochter des Fürsten von Mari«, stieß ich aus und nun starrten alle mich an.
Mit zusammengepressten Lippen wartete ich auf die erste unangenehme Frage, doch sie kam nicht. Glücklicherweise war der Angriff an sich wichtiger als mein plötzliches Wissen über die Herkunft des Opfers.
Ihre Blicke wanderten geschlossen zu Kai, von dem sie eine Entscheidung erwarteten. Der große Mann stemmte die Hände in die Hüften und wandte sich an seine Frau. »Was sagst du?«
Die Spannung war kaum noch auszuhalten, machte mich so hibbelig, dass ich kurz davor war, den Wind auszuschicken, um Tanja zu schupsen, damit sie endlich etwas sagte.
»Ihr solltet handeln«, entschied sie und Kai nickte.
»Ich denke auch«, erwiderte er und ich atmete erleichtert auf.
Marc und die anderen Männer stellten sofort ihre Essensschalen zur Seite. Justus eilte zu seinem Wagen, holte seinen Jagdbogen und die Pfeile und reichte Marc seine Wurfdolche.
Auch die anderen bewaffneten sich mit dem, was sie hatten, Bree wies ihnen die Richtung und schon waren sie im Dickicht des Waldes verschwunden.
Mir und den Zurückgebliebenen blieb nichts als zu warten. Quälend langsam verging die Zeit. Bree stand noch immer abwesend da, ihre Sinne wohl auf das Geschehen eine Meile entfernt konzentriert.
Ich schickte den Wind los, um ihnen zu helfen. Er trieb sie voran, wehte die Äste der Bäume aus dem Weg und ich ließ ihn Justus sogar einmal schubsen, damit er nicht vom Weg abkam.
»Sie sind angekommen«, teilte Bree uns mit. Dann blinzelte sie überrascht und lächelte. Das war ein gutes Zeichen.
Als die Männer zurückkehrten, sahen sie sehr erschöpft aus. Es war eben nicht ohne, zuerst eine Meile zu rennen und anschließend ein halbes Dutzend Soldaten in die Flucht zu schlagen, wie mir der Wind erzählte.
Marc führte ein Pferd an den Zügeln, auf dem eine wunderschöne Frau kauerte. Sogar mit verstrubbelten Haaren und erschöpfter Miene wirkte sie immer noch so anmutig wie eine Prinzessin.
Ich beäugte sie aus der Ferne und fragte mich, wieso Frauen, die sowieso schon reich waren, zudem derart bezaubernd aussehen mussten. Das war doch unfair!
Doch in ihrer Lage wäre ich wiederum auch nicht gern. Denn die Auseinandersetzungen zwischen den beiden Fürstentümern machte selbst vor unschuldigen Mädchen nicht halt, wenn ihre Entführung jemandem zum Nutzen sein konnte.
Von ihren Wachen hatte keiner den Angriff überlebt. Wie sie sich wohl fühlte?
Marc reichte die Zügel an Mei weiter und half der Frau vom bloßen Rücken des Tieres herunter. Er lächelte sie aufmunternd an und erntete dafür einen warnenden Blick von seinem Vater, der mehr sagte als tausend Worte.
Niemand wusste so recht, was zu tun war, bis Tanja zu der Fürstentochter trat, um ihr einen Sitzplatz und eine Schale Wasser anzubieten.
Da kam wieder Leben in die Gruppe. Alle umringten das schöne Mädchen und stellten Fragen: Wer sie war? Woher sie kam? Warum sie angegriffen wurde? Und so weiter.
Sie hieß Elyssabed von Mari, Prinzessin von Berill, und war gerade auf dem Weg von der Sommerresidenz der Familie zurück in die Hauptstadt gewesen. Sie taute während des Gespräches etwas auf und erzählte uns schließlich alle Einzelheiten des Überfalls und wie schrecklich aufwühlend es für sie gewesen war.
Die Frauen und Kinder hingen an ihren Lippen, als sie die Ereignisse mit blumigen Worten schilderte.
Ich fand sie zu theatralisch. Doch vielleicht würden die anderen darüber ja vergessen, dass ich vorhin etwas gewusst hatte, was ich nicht hätte wissen können.
Ich seufzte, erhob mich, um nicht weiter zuhören zu müssen, und ging zu Justus, der mit Kai und Fin diskutierte.
»Wir können sie schlecht einfach hier aussetzen«, sagte Fin gerade und machte mit den Händen eine hilflose Geste.
»Mitnehmen können wir sie aber auch nicht!«, entgegnete Justus energisch.
Sie bemerkten nicht, dass ich zu ihnen trat. Also drehte ich mich wieder zu der Tochter des Fürsten und musterte sie von Weitem.
Das lange goldblonde Haar, das so typisch für die Südregion war, hatte man kunstvoll um ihren Kopf geflochten und es schimmerte im Licht der Mittagssonne. Die Seide ihres Kleides war in mehreren Rottönen gefärbt und mit Glassteinen bestickt. An der einen Seite war der Rock aufgerissen, was wahrscheinlich beim Kampf passiert war, und entblößte ein Stück ihres hellen Schenkels. Anscheinend war ihr das noch gar nicht aufgefallen oder sie zeigte ihr Bein mit Absicht her.
»Wir können sie zur nächsten Stadt bringen. Dort gibt es immer Soldaten und eine Kutsche dürfte auch nicht so schwer zu organisieren sein«, mischte ich mich ins Gespräch der anderen ein und drehte ihnen das Gesicht wieder zu.
Sie sahen überrascht aus. Diese Idee war ihnen wohl noch nicht gekommen.
»Was ist mit ihrer Kutsche eigentlich passiert?«
»Eines der Räder ist gebrochen«, antwortete Justus. Sein Blick wirkte erstaunt und noch etwas lag darin, was ich nicht einordnen konnte.
Meine Ohren wurden heiß.
»In dieser Gegend gibt es nur Dörfer. Die nächste Stadt dürfte drei Tagesreisen entfernt sein.« Kai nickte. Ihm schien der Vorschlag zu gefallen und er lächelte erleichtert.
»In unserem Tempo also dann sechs Tage. Das wäre zumindest mal ein Kompromiss«, stimmte Fin zu.
»Ihr wollt trotzdem Feuerspektakel veranstalten? Warum fahren wir die Strecke nicht am Stück? Dann sind wir die Fürstentochter schneller wieder los«, protestierte Justus und seine Augenbrauen zogen sich zu einem finsteren Blick zusammen.
Kai war dagegen. Das Spektakel ausfallen zu lassen würde zu viel Aufmerksamkeit erregen. Vor allem hier in den Grenzlanden war es besser, jeden Ärger zu vermeiden.
Besonders, wenn man die Tochter des Fürsten von Mari bei sich hatte.
»Ich habe mich mit den Dörflern unterhalten. Die Auseinandersetzungen zwischen den beiden Fürsten spitzen sich zu. Selbst im eigenen Land ist man nicht mehr sicher. Überall sind Spione unterwegs.« Kai hatte die Stimme gesenkt und sah sehr besorgt aus.
Mir kam sofort der Mann mit den blonden Locken und den tiefblauen Augen in den Sinn, der mir erst gestern wieder begegnet war. Vielleicht war es kein Zufall, dass er in den Grenzlanden herumschlich. Und er musste auch nicht zwangsläufig hinter mir her sein. Vielleicht war er einer dieser Spione.
Kai verließ den Kreis und die anderen machten ihm Platz, als er vor die Fürstentochter trat, die ihm irritiert entgegensah.
Nur sehr knapp und auch nicht besonders vornehm verbeugte er sich vor ihr. »Mylady, wir bieten Euch an, Euch bis zur nächsten Stadt zu geleiten. Dort könnt Ihr Euch eine Kutsche nehmen und Eure Reise fortsetzen.«
Das Mädchen sah ihn mit großen Augen an. Sie war gerade dabei gewesen, mit aufgeregter Stimme zu schildern, wie sehr sie das Auftauchen ihrer Retter überrascht hatte. Doch jetzt wurde ihr Gesicht verschlossen und spitz. Sie drückte Tanja die Wasserschale in die Hand und erhob sich, trotz des zerrissenen Kleides, äußerst elegant von der kleinen Holzbank.
»Ach, ihr bietet mir das an? Aber könnt ihr denn für meine Sicherheit garantieren?« Herausfordernd reckte sie das Kinn und ich fragte mich, was sie mit solch einer Erkundigung bezweckte.
»Mylady, in der jetzigen Situation habt Ihr eigentlich keine andere Wahl, als darauf zu vertrauen.« Kais Augen blitzten und ich verstand. Die Fürstentochter hatte geradewegs seinen Stolz angegriffen. Sie forderte ihn heraus. Doch ob sie das absichtlich tat, wusste ich nicht. »Natürlich müsstet Ihr Euch unauffälliger kleiden. Aber wer würde eine Fürstentochter schon bei einer Handvoll Wagenleute suchen? Ich bin davon überzeugt, dass Ihr in unserer Gesellschaft weitaus bessere Chancen habt, Euer Ziel zu erreichen, als wenn Ihr mit Eurer geschmückten Kutsche reist. Das hat sich ja bereits gezeigt.« Abschätzig blickte Kai auf sie herab, doch das Lächeln, das sich auf Elyssabeds Gesicht ausbreitete, ließ ihn unsicher werden. List, Arroganz und das Wissen, immer alles zu bekommen, was sie sich wünschte, lag auf ihren Zügen.
»Das ist wahr. Und ziemlich schlau«, bestätigte sie und mir schwante nichts Gutes. »Daher verlange ich, dass ihr mich die ganze Strecke von hier bis zu der Stadt meines Vaters mitnehmt. Es wäre ja nicht auszuhalten, sich ein zweites Mal in so eine Gefahr zu bringen.«
Kai war für einen Moment sprachlos. Damit hatte er wohl nicht gerechnet.
»Das ist nicht möglich!«, ging Justus dazwischen. Sein Gesicht war jetzt wirklich finster und ich hatte einen Augenblick Angst um die Fürstentochter.
Sie ließ sich jedoch nicht einschüchtern. Im Gegenteil. Die Ablehnung stachelte sie noch mehr an. »Wenn ihr mir das verweigern solltet, werde ich dafür sorgen, dass euch in Zukunft die Durchfahrt durch dieses Land verweigert wird«, warf sie ihm an den Kopf und stützte die schlanken Arme in die Taille. »So einen Feind wollt ihr doch nicht, oder?«, fügte sie hinzu und lachte so glockenhell, als hätte sie einen belanglosen Scherz gemacht.
Uns allen hingegen war nicht zum Lachen zumute, denn das konnten wir uns tatsächlich nicht leisten.
»Wir könnten Euch auch einfach im nächsten Graben verscharren«, zischte Justus gefährlich, trat einen Schritt auf sie zu und ballte die Hände zu Fäusten. Die Muskeln an seinen Oberarmen spannten sich unter dem Hemd und ich machte schon einen Schritt auf ihn zu, da ging sein Vater dazwischen.
Denn obwohl das auch ihm nicht gefallen konnte, war er schlau genug, sich nicht gegen so eine mächtige Frau zu stellen.
»Wir werden darüber nachdenken«, knickte er widerwillig ein.
Justus’ Kiefer schien Steine zu zermahlen vor Wut.
»Tut das«, entgegnete die Fürstentochter spitz und wandte sich an Tanja. »Besorgt mir unauffällige Kleider und zeigt mir, wo ich mich umkleiden kann«, befahl sie, als würde sie eine Dienstmagd scheuchen.
Tanja sah sie nur entgeistert an, schockiert von so viel Frechheit und ungeschminkter Arroganz. Dann wanderte ihr Blick zu Kai, der seine Frau mit einem stillen Nicken bat, der Aufforderung nachzukommen.
Es dauerte länger als gewohnt, bis wir weiterfahren konnten. Die Fürstentochter, die wir ab sofort mit Lyssa ansprechen sollten, damit sie keine unnötige Aufmerksamkeit erregte, ließ sich in unseren Wagen führen. Sie wählte das schönste Kleid, das Hanna in ihrer Truhe hatte, weil diese am ehesten ihrer Figur entsprach. Hanna sagte nichts, doch ich konnte ihr ansehen, wie sie schluckte, als sie ihren Schatz hergab, den sie seit Monaten mit kunstvollen Stickereien verzierte.
Die Flechtkunst auf ihrem Kopf löste sie selbst, nachdem Ayo ihr zweimal unabsichtlich an den Haaren zog, und verlangte dann nach bunten Bändern, wie die anderen Frauen sie in den Haaren trugen. Tanja sträubte sich und erklärte ihr, dass es eine Tradition der Wagenleute war. Die Farben zeigten die Zugehörigkeit einer Frau zu einem Clan und Tanja konnte es nicht mit ihrer Ehre vereinbaren, ihr eines der Bänder auszuhändigen.
Ich konnte dem nur zustimmen. Nicht weil meine Ehre hierbei eine Rolle spielte, sondern weil ich die Bänder auch nie hatte tragen dürfen. Und wenn ich schon nicht zu ihnen gehören durfte, dann eine eingebildete Fürstentochter erst recht nicht.
Elyssabed meckerte natürlich, empfand es als Frechheit, ihr etwas vorzuenthalten, und berührte mit spitzen Fingern alles, was sich in ihrer Reichweite im kleinen Innenraum des Wagens befand.
Als sie die Hand nach meinem Windspiel ausstreckte, das über meinem Bett hing, ging ich dazwischen und holte einen braunen Leinenstreifen aus einem Beutel am Fußende meines Bettes. Die Fürstentochter nahm es pikiert hin, obwohl sie sichtlich verärgert darüber war.
Doch nachdem sie mich eingehend gemustert hatte und feststellte, dass ich ebenfalls keine Bänder trug, ließ sie sich beruhigen.
Mit einem einfach geflochtenen Zopf, der ihr bis an die Taille reichte, setzte sie sich wie selbstverständlich auf den Kutschbock neben Hanna und strich sich viel zu elegant die Falten aus dem Rock ihres Kleides.
Und obwohl sie uns allen den letzten Nerv raubte, sah sie noch immer hinreißend aus.
Da Bree unbedingt mit Ayo und Mei bei der Fürstentochter sitzen wollte, räumte ich den Platz. Gerade als ich mich daranmachte, mir einen anderen zu suchen, zeigte Elyssabed auf mich. »Warum trägt sie keine Bänder in den Haaren?«, fragte sie ganz unverblümt und legte den Kopf zur Seite wie eine Katze.
Mir ging ein Stich durchs Herz und ich wandte das Gesicht zu Boden, damit sie nicht sah, wie ich vor Scham errötete.
»Weil sie nicht zu uns gehört«, antwortet Bree kühl, setzte sich aufrechter hin und schob ihren roten Zopf nach hinten, der wie immer mit grünen Bändern verziert war.
»Sagt, wie viele seidene Kleider habt Ihr in Eurem Besitz?«, erkundigte sie sich und zeigte mir damit einmal mehr, für wie unwichtig sie mich hielt.
Mir standen die Tränen in den Augen, als ich mich vom Wagen entfernte. Ich schob es auf meine Übermüdung, da ich sonst eigentlich nicht so schnell weinte. Zumindest bildete ich mir das gern ein.
Geknickt schlich ich zu Justus’ Wagen, der sich für gewöhnlich hinter unserem einreihte, und kletterte auf den Kutschbock.
Dante saß dahinter an der Wand und seufzte. Er sah zu Kai, Tanja, Justus und den anderen Entscheidungsträgern, die sich an Kais Wagen versammelt hatten und lebhaft diskutierten.
Ich wusste, dass Dante bei ihnen sein und mitreden wollte. Doch als fünfter Sohn wurde er selten gefragt.
Er wandte den Kopf und zuckte zusammen, als er mich auf dem Kutschbock entdeckte. »Seit wann sitzt du da?«, fragte er überrascht und fuhr sich mit den Händen durchs hellbraune Haar, um es zu glätten. Er ließ es sich gerade wachsen, weil Bree anscheinend einmal gesagt hatte, ihr gefiele es besser, wenn er es lang trug.
Ich verstand nicht, wie er eine Schwäche für jemanden wie Bree haben konnte, die ihn entweder behandelte wie Kappadreck oder als wäre er nicht existent.
»Noch nicht so lang«, beruhigte ich ihn und versuchte mich an einem Lächeln.
Die Versammlung löste sich auf und alle strebten zu ihren Wagen. Justus’ Gesicht war immer noch finster. Das Ergebnis der Unterredung missfiel ihm also. Und das hieß, dass wir Elyssabed wohl den ganzen Weg in die Hauptstadt von Mari mitnehmen würden.
Ohne ein Wort schwang er sich zu mir auf den Kutschbock und nahm die Zügel auf.
Marc ließ sich neben Dante nieder und warf uns einen bedeutungsvollen Blick zu. Bloß nicht drauf ansprechen!, hieß das und wir hielten uns dran.
Schweigend setzte sich der Zug in Bewegung und die schlechte Stimmung lag deutlich spürbar über uns allen.
Justus neben mir war warm und das gleichmäßige Ruckeln des Wagens machte meine Augenlider träge, auch wenn ich mich darum bemühte, wach zu bleiben. Denn Justus war so still, dass es schon unheimlich war, und starrte so verbissen auf das Kappa vor sich, als wollte er es mit seinem Blick in Brand setzen. Als die Zügel zwischen seinen Fingern zu qualmen begannen, legte ich ihm schnell die Hand auf den Arm, damit er sich beruhigte.
»Wir schaffen das schon«, flüsterte ich und rutschte noch ein Stück näher an ihn heran, sodass unsere Knie bei jeder Bodenwelle aneinanderstießen. »Wir haben doch dich, der auf uns aufpasst.« Ich lächelte und Justus atmete tief durch, ein verstecktes Schmunzeln im Mundwinkel.
Seine Nähe tat mir gut und ihm die meine wohl ebenfalls, denn seine Schultern entspannten sich nach einer Weile wieder.
Das Land zog an uns vorbei. Wald löste Felder ab und dann kamen wir durch eine sanfte Hügellandschaft. Auf den weiten Wiesen grasten Kappa, Schafe und ein paar Esel. Die Schäferhunde hoben verschlafen die Köpfe, wenn wir auf den festen Straßen vorbeiratterten.
Ich sah in den Himmel, beobachtete die Vögel beim Segeln und spürte mein schlechtes Gewissen, weil ich heute Morgen ein wenig in den Baumkronen gesessen hatte, obwohl ich wusste, was Justus davon hielt.
Der Wind flüsterte, erzählte von weißen Städten, fröhlichen Farben und vom Meer, das nicht mehr weit war. Bald würden wir es erreichen.
Doch dann kam mir in den Sinn, dass Berill, die Hauptstadt von Mari, tiefer im Landesinneren lag und nicht gerade am Ozean. Außerdem war sie fernab der Route, die wir sonst nahmen.
Wenn Kai die Fürstentochter tatsächlich zurückbringen wollte, kürzte er dann die Strecke ab und fuhr dafür nicht ans Meer?
Ich seufzte und hoffte, dass es nicht so war.
8

Ich erwachte, als der Wagen holpernd vom Weg auf eine kleine Waldlichtung fuhr. Der Schreck fuhr mir in die Glieder und ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, wo ich war und wieso ich mich nicht bewegen konnte.
Mein Kopf ruhte auf Justus’ Schoß und er hielt mich mit einem Arm fest an sich gedrückt. Mit der anderen Hand zog er an den Zügeln, um das widerwillig muhende Kappa zu verlangsamen.
Bei allen Winden, ich war auf Justus eingeschlafen!
Schnell wollte ich mich aufrichten, der unangenehmen Situation entfliehen, doch Justus verstärkte seinen Griff um mich, verhinderte, dass ich durch den Ruck vom Kutschbock geschleudert wurde, der den Wagen zum Stehen brachte.
Unüberhörbar klopfte mir das Herz in der Brust und ich richtete mich eilig auf, als Justus mich losließ. Mein Gesicht war heißer als je zuvor.
»Was sollte das denn?«, wollte ich ihn anfahren und gab vor, entrüstet zu sein. Doch mein Ton verunglückte in einer viel zu hohen Stimmlage.
»Entschuldigung«, erwiderte Justus außer Atem und hängte die Zügel an den Knauf des Kutschbocks. »Es kam alles auf einmal. Das Kappa wollte ausbrechen, und du hast dich plötzlich bewegt, und …« Er blickte in mein feuerrotes Gesicht und es war mir, als verfärbten auch seine Ohren sich langsam. War ihm die Situation etwa genauso peinlich wie mir? Das hatte es ja noch nie gegeben.
»Ach, vergiss es«, murmelte er schnell, wandte sich hastig ab und stieg nach unten, um das Tier zu beruhigen, das immer noch aufgeregt muhte.
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, wusste nicht mal, was ich denken sollte. Nur Tausende kleine Schmetterlinge kribbelten in meinem Bauch, als ich Justus hinterherblickte.
Der Wind kam zu mir, blies mir beschwingt eine Böe ins Gesicht und pustete dabei meine Röcke durcheinander.
Das nächste Dorf hat einen wunderschönen Brunnen und der Dorfälteste Ranu hat eine so große Nase, dass alle ihn heimlich Ranu Rübennase nennen, flüsterte er vergnügt. Über seinen Übermut konnte ich nur den Kopf schütteln, aber wenigstens lenkte es mich von Justus ab.
Hinter mir erwachte Marc mit einem Schnarcher und setzte sich auf. Verschlafen rieb er sich die Augen und streckte seine Arme über den Kopf, sodass sein Hemd die Muskeln an seinem Bauch freigab.
Dante schlief an ihn gelehnt und sabberte auf seinen Hemdkragen.
Was für ein fürchterlich träger Abend, dachte ich und wünschte mir, er wäre es wirklich. Denn in dem Moment fiel mir die Fürstentochter wieder ein.
Fin tauchte neben uns auf und klatschte laut in die Hände, worauf Marc zusammenzuckte und Dante aus dem Schlaf schrak. »Los, Jungs, Holz sammeln!«, rief sie beschwingt.
Holz sammeln? Mit großen Augen sah ich sie an und sie lächelte mir flüchtig zu.
Das Feuervolk benötigte nicht viel Holz, um ein Feuer in Gang zu halten. Normalerweise schichteten wir ein paar dickere, angekokelte Holzklötze übereinander und einer der Feuerleute entzündete sie.
Durch die Anwesenheit des Feuervolkes brannte es weiter, ohne das Holz zu verschlingen. Daher benutzten wir schon seit Wochen die gleichen vier Scheite, um den Eindruck eines normalen Feuers zu erwecken.
Dante sah verwirrt aus und Marc war gerade im Begriff, sich lautstark zu beschweren, als die Tochter des Landesfürsten sich neben Fin stellte und uns interessiert beäugte.
Den Dörflern, die abends dem Spektakel beiwohnten, fiel ein seltsames Feuer nicht auf. Doch jemandem, der den ganzen Tag mit uns zusammen war, dem musste irgendwann etwas komisch vorkommen.
Marc klappte den Mund wieder zu, ohne etwas gesagt zu haben. Mit grimmiger Miene packte er den verschlafenen Dante am Arm und zog ihn mit sich in Richtung Wald.
Auch ein paar der anderen waren bereits dabei, Holz zu suchen. Es war leicht, den Unmut in ihren Gesichtern zu lesen.
Es würde sich so einiges ändern, solange Elyssabed bei uns war.
Auch Fin ging davon und ließ mich mit der Fürstentochter allein zurück. Justus war mit dem Kappa irgendwohin verschwunden.
Sie musterte mich mit ihren hellblauen Augen abschätzig von Kopf bis Fuß und ich hatte das Gefühl, unter ihrem kritischen Blick zu schrumpfen. Musste ich etwas sagen? Sollte ich vielleicht einfach weggehen wie die anderen auch? Erwartet sie irgendeine bestimmte Reaktion von mir?
»Wie war dein Name? Cathrin?«, fragte sie mich schließlich, fasste mit der zierlichen Hand um den Knauf am Kutschbock und schwang sich graziös herauf. Sie setzte sich, platzierte ihren Zopf über ihrer Schulter und kontrollierte den Fall ihres Rockes.
Sie war wahrhaftig die Tochter eines Fürsten.
»Cate«, korrigierte ich sie mit leiser Stimme und ärgerte mich, weil ich es lauter hatte sagen wollen. Warum wurde ich nur immer so schnell nervös? Meine Hände schwitzten bereits, obwohl noch nichts weiter passiert war. Warum konnte ich Dinge nie so aussprechen, wie ich es gern wollte?
Elyssabed zuckte mit den Schultern und strich sich über den Zopf.
Ich wusste diese Frau nicht richtig einzuschätzen. In ihrem Gesicht bewegte sich ständig etwas. Einen Augenaufschlag hier, ein angedeutetes Lächeln da. Machte sie das mit Absicht oder passierte das alles von allein?
»Und wessen Liebste bis du?« Leicht spitzte sie die Lippen.
»Wie bitte?« Ich war so irritiert von ihrem Mienenspiel gewesen, dass ich die Frage überhört hatte.
»Welcher der Männer ist dein Liebster?«, wiederholte sie, und diesmal konnte ich eindeutig sehen, dass es ihr missfiel, sich wiederholen zu müssen.
Die Frage schockierte mich und Schamesröte stieg mir ins Gesicht. So wie immer. Fast schämte ich mich dafür, dass ich mich immer schämte.
»K-keiner«, stotterte ich erhitzt und drehte meine Finger ineinander.
»Ach.« Elyssabed sah überrascht aus. »Ich dachte nur …«, sie zuckte mit den Schultern, »… weil du die Einzige bist, die anders ist als die anderen.«
»Ja.« Mehr konnte ich nicht sagen, da mir der Hals eng wurde.
Überraschenderweise schien es ihr nicht entgangen zu sein, dass dies bei mir ein wunder Punkt war, denn sie hob sogleich abwehrend die Hände. »Ich meine das keinesfalls böse. Im Gegenteil«, bemühte sie sich einzulenken und lächelte. »Ich bin sogar ziemlich froh, dass du anders bist. Da fühl ich mich gleich wohler«, gestand sie und strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. »Stell dir vor, wie seltsam es für die Leute sein muss, mich allein bei all diesen finsteren Gestalten zu sehen. Die würden doch glauben, ich wäre entführt worden.« Sie lachte und es erreichte zum ersten Mal auch ihre Augen. »Außerdem habe ich zu Hause eine Freundin, die dir sehr ähnlich sieht.«
Verblüfft blickte ich sie an. Nachdem sie uns erpresst hatte, damit wir sie mitnahmen, war ich davon ausgegangen, dass sie unfreundlich und hochnäsig sein musste.
Doch jetzt wirkte sie erstaunlich nett. Vielleicht hatte sie mit ihrem Gehabe ja auch nur ihre Angst überspielt. Schließlich wäre sie fast vom Feind entführt worden, ehe finstere Gestalten, wie sie sie nannte, sie gerettet und in ihr Lager verschleppt hatten. Das konnte nicht spurlos an ihr vorbeigegangen sein.
»Sie sind nicht wirklich finster«, versuchte ich ihre Vorstellung von den Feuerleuten ein wenig zu erhellen. »Sie sind nur lieber unter sich.« Und sie werden nicht gern erpresst, fügte ich in Gedanken hinzu.
Sie nickte und legte die Handflächen aneinander. Ihre Finger waren lang und filigran, ihre Nägel perfekt oval und blank poliert. »Bist du nur auf der Durchreise oder gehörst du dazu?« Sie sah in den Wald hinter mich und dann wieder zu mir.
Ich zwang mich, mich nicht umzudrehen, um zu sehen, was ihre Aufmerksamkeit erregt hatte. »Ich gehöre dazu«, wiederholte ich ihre Worte und es war mir plötzlich egal, was Bree vorhin gesagt hatte. Denn es stimmte nicht. Nicht ganz zumindest.
Ich war zwar nicht Teil des Feuervolkes, aber irgendwie gehörte ich doch zu den Wagenleuten.
Vielleicht sollte ich aufhören, das ständig zu vergessen, und ein bisschen weniger in Selbstmitleid schwelgen.
»In gewisser Weise«, schwächte ich dennoch ab, damit es der Wahrheit näher kam. Mein Mund lächelte von ganz allein und mein Herz wärmte sich an dem winzigen Funken der Zugehörigkeit.
Auch Elyssabed lächelte. »Wie lange bist du schon bei ihnen?«, erkundigte sie sich und ich fühlte mich geschmeichelt, dass es sie zu interessieren schien.
»Seit zwölf Jahren.«
Ihre Augen verwandelten sich in große blaue Teiche. Ich war selbst überrascht, wie schnell die Zeit vergangen war.
»Und was ist mit deiner Familie?«
Das Lächeln gefror mir auf den Lippen. Es war, als würde eine Faust meine Brust zusammenpressen, während ich versuchte, die Erinnerungen nicht zuzulassen.
»Sie ist tot«, brachte ich sehr leise heraus und bemühte mich um Haltung, damit Elyssabed sich deswegen nicht schlecht fühlte. Sie hatte es ja nicht wissen können.
»Das … das tut mir leid! Ich wollte nicht … Ich hätte nicht fragen sollen«, stammelte die Fürstentochter und senkte beschämt den Blick.
»Schon gut«, flüsterte ich und der Wind streichelte liebevoll meine Hände. Mit den Augen suchte ich nach Justus, der hinter mir im Wald auf einem Baumstumpf saß, eine Axt in der Hand, und herübersah. Er hatte mich damals gerettet. Wegen ihm war ich nicht allein auf einem Schlachtfeld zurückgeblieben.
Als sich unsere Blicke kreuzten, blickte er sofort weg und rief Marc etwas zu, der mit Dante zusammen einen umgestürzten Baumstamm über den Waldboden zog.
Zwar verstand ich nicht, was er gesagt hatte, aber es war mir auch egal. Was zählte, war, dass er mich angesehen hatte.
Auch ich wandte mich wieder um und blickte in das wunderschöne Gesicht der Fürstentochter. Wie schnell man doch vergessen konnte, dass man gerade noch mitten in einem Gespräch gewesen war.
»Wie ist sein Name?«, fragte sie und ich blinzelte verwirrt.
»Wessen?«
»Von dem Mann mit der Axt. Er starrt schon die ganze Zeit mit düsterer Miene zu uns herüber.« Ihr Blick ging an mir vorbei zu Justus.
Die Art, wie sie ihn ansah, war mehrfach zu deuten. Einerseits lag verhaltene Wut darin, was nicht weiter verwunderlich war, schließlich hatte er ihr gedroht, ihre Leiche in einem Straßengraben zu verscharren, aber auch Faszination.
Ein Stich leiser Eifersucht traf mein Herz.
Bitte nicht er, bitte nicht Justus!, flehte ich still und schloss für einen Moment die Augen. Denn da war noch mehr in Elyssabeds Blick, der sich stetig veränderte und andere Facetten zum Vorschein brachte, die ich nicht mehr so einfach erraten konnte. Und die mir Angst machten.
Es war, als zöge ein kalter Nordwind durch meinen Kopf.
»Das ist Justus«, beantworte ich ihre Frage widerwillig und fühlte mich gar nicht gut dabei. »Er ist mein bester Freund«, fügte ich eilig hinzu und schalt mich im selben Augenblick für diesen Leichtsinn. Ich versuchte, ihn für mich zu haben, Ansprüche an ihm geltend zu machen. Dabei konnte ich ihn gar nicht haben.
Doch sie kann es auch nicht!, spottete meine innere Stimme und ich erhob mich ohne Vorwarnung vom Kutschbock.
Elyssabed blinzelte überrascht.
»Entschuldige mich«, sagte ich knapp, sprang hinunter ins Gras und hielt auf Tanja zu, die mit Hanna und Garan vor ihrem lilafarbenen Wagen saß und Brotteig knetete. Tai entfachte gerade mühsam ein kleines Feuer aus Holzspänen und Rinde. Die großen Steine, die wir zum Backen verwendeten, lagen bereit.
Als ich mich auf die Holzbank zu ihnen setzte, hob Tanja erstaunt den Kopf und spähte an mir vorbei in die Richtung, aus der ich gekommen war. Ich sah nicht hin, denn ich wusste auch so, dass ihr Elyssabed auffallen musste.
Sie seufzte wie zur Bestätigung, nickte mit wissender Miene und kippte mir wortlos einen Löffel voll Mehl über die Hände. Dann legte sie einen großen Klumpen Teig vor mir auf den niedrigen Tisch.
»Kräftig durchkneten«, wies sie mich an.
Ich begann zu kneten. Und wie ich knetete! All meine Wut, Eifersucht und enttäuschten Hoffnungen schlug ich mit den Fäusten in den Teig.

»Und wo werde ich schlafen?«, fragte Elyssabed beim Essen, als Bree ihr sagte, dass am heutigen Abend sonst nichts weiter mehr passieren würde. Wir wollten alle früh zu Bett gehen, um uns von dem Reisetag zu erholen und für morgen bereit zu sein.
»Ähm. Ich weiß es nicht«, gab sie zu und sah sich Hilfe suchend um. Ayo, die neben ihr saß, wusste es ebenso wenig und Dante zuckte nur mit den Schultern, da sein Mund voller Kartoffelpüree war. Justus und Marc schwiegen.
Justus hatte sich offensichtlich immer noch nicht mit dem Gedanken angefreundet, Elyssabed bis zur Hauptstadt mitzunehmen.
Marc dagegen versuchte krampfhaft wegzusehen, was ihm bisher weniger gut gelungen war. Sein Blick huschte ständig zu Elyssabed und er verschlang sie mit Haut und Haaren. In seinem Kopf lockte er sie sicher schon in seinen Wagen.
Doch ich hatte gehört, wie sein Vater ihm in dieser Sache gleich einen Riegel vorgeschoben hatte. »Denk nicht mal dran«, hatte er ihn gewarnt und Marc hatte sich beleidigt auf die Lippe gebissen.
»Du kannst mein Bett haben«, bot ich an, als niemand antworten konnte, und versuchte unverfänglich zu lächeln. Warum auch nicht, ich schlief ja eh im Freien.
Sichtlich erleichtert atmete Elyssabed auf. »Welcher Wagen ist denn deiner?«, wollte sie wissen und drehte sich nach hinten um.
»Der grüne«, ereiferte sich Ayo aufgeregt und grinste breit. Wahrscheinlich hoffte sie auf nächtliche Unterhaltungen.
»Aber ist das nicht der Wagen, in dem du schläfst?«, erkundigte sich Elyssabed verwirrt und sah sich nach Ayo um.
»Ja, mit Hanna und Mei«, bestätigte diese und Brees Gesicht wurde immer verkniffener. Es ärgerte sie jetzt wohl mehr denn je, dass sie kein Teil davon war.
Elyssabed biss vorsichtig in den Brotfladen, den ich vorhin auf einem Stein ausgebacken hatte. Er war an einer Ecke ein wenig verbrannt, da ich nicht besonders geschickt im Kochen war.
Es von Tanja oder Garan zu lernen konnte jedoch sehr mühsam sein, da ihnen ihre Feuerfähigkeiten zugutekamen.
»Und wo werdet ihr solange schlafen?«, fragte Elyssabed ganz unbedarft in die Runde.
»Auch in dem Wagen. Es gibt vier Betten darin«, sagte Ayo etwas unsicher.
Diese lachte jedoch glockenhell, als erlaubte man sich einen Scherz mit ihr. »Das ist unmöglich!«, rief sie aus und schüttelte königlich den Kopf. »Niemand kann von mir verlangen, in einem Raum mit anderen Menschen zu schlafen. Was wären denn das für Zustände?«
Es war nicht zu glauben. Ich starrte sie entgeistert an. Alle taten das. Diesmal sogar Justus.
Elyssabeds Lächeln wurde schwächer, als sie die Blicke bemerkte, die man ihr zuwarf. Sie räusperte sich verhalten. »Ihr meint wirklich, dass ich …« Sie stockte kurz und holte tief Luft. »… dass ich mit euch zusammen in einem Wagen schlafen muss?« Das Lächeln verschwand und Panik stieg in ihre Augen. So hatte sie sich ihren Plan, sich von uns durchs Land kutschieren zu lassen, wohl nicht vorgestellt.
Keiner sagte ein Wort, obwohl Justus nur zu gern etwas geäußert hätte. Ich konnte es spüren und legte ihm sofort eine Hand auf den Arm, damit er ruhig blieb. Denn er stand kurz vor dem Platzen. Die Arme angespannt, eine tiefe Furche zwischen den Augenbrauen und ein gefährliches Glühen in den Augen. Er wollte am liebsten lautstark in die Luft gehen und ihr, wenn sie auch nur noch einen Piep von sich geben sollte, den Hals umdrehen.
Fest grub ich meine Nägel in seinen Unterarm und war entschlossen, den Griff auch nicht zu lockern.
Es kam mir vor, als würde sogar seine Haut vor Anspannung heißer werden.
Dann machte Marc den Mund auf und ich sah ihm an der Nasenspitze an, was er sich dabei dachte. »Du könntest unseren Wagen haben«, meinte er leichthin und lächelte ein strahlendes Wolfslächeln. Entweder er spürte die Spannungen seines Bruders nicht oder er ignorierte sie. Ich tippte aber auf Ersteres.
»Wirklich?«, kam Elyssabed ihm sofort entgegen und strahlte erleichtert.
Ich ärgerte mich über Marc. Auch wenn es gehässig war, hätte ich mir gewünscht, die Fürstentochter hätte sich mit der Situation arrangieren müssen. Das wäre nur gerecht gewesen.
Marc sonnte sich geradezu in ihrem Lächeln und straffte die Schultern. »Natürlich«, bestätigte er und machte eine gönnerhafte Geste mit der Hand. »Dante übernachtet einfach bei seinem Bruder und Justus schläft sowieso ständig draußen.«
Ständig war natürlich übertrieben, aber der Wahrheitsgehalt von Marcs Aussagen sank meist antiproportional zur Schönheit, mit der er es zu tun hatte.
»Das ist wunderbar«, seufzte die Fürstentochter und legte mit einem zufriedenen Ausdruck die Handflächen aneinander. »Dann ist es abgemacht«, stellte sie sichtlich zufrieden fest, erhob sich und schwebte davon, um sich aus dem Wasserfass zu bedienen.
Justus’ Anspannung wich langsam und ich lockerte den Griff. Auf seinem Arm sah ich die tiefen halbmondförmigen Einkerbungen meiner Fingernägel. Es musste ziemlich wehgetan haben, doch er sah nicht einmal hin. Er drehte sich nur zu Marc, der sich mit stolzgeschwellter Brust und siegessicherem Lächeln Kartoffelbrei in den Mund schaufelte.
Justus seufzte laut und schüttelte den Kopf.
»Was?«, fragte Marc ihn und schaffte es nicht, sein Grinsen zu verbergen.
»Und wo schläfst du?«, wollte Justus von ihm wissen und wandte sich seinem Essen zu, das er so ruhig aß, als wäre alles bestens.
Marc verharrte kurz. Es war beinahe hörbar, wie es in seinem Kopf ratterte. Dann sackten seine Schultern nach unten und er starrte seinen Bruder an.
Darüber hatte er sich wohl bisher keine Gedanken gemacht.
Der Abend ging zu Ende und Marc verbrachte die Nacht, vor sich hin fluchend, auf einer harten Kappamatte neben Justus im Wald unter meiner Hängematte.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.