Kitabı oku: «Heimat der Greifen»

Yazı tipi:

Lina Lintu

Impressum

1. Auflage: Juni 2020

Text: Lina Lintu

Umschlaggestaltung: Lina Lintu,

mit Fotos von Steven Hylands und Francis Nie

Verlag: L. Thull

Planckstraße 44

42549 Velbert

Vertrieb: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin

ISBN: 978-3-752965-31-5

www.twitter.com/lintu_lina

www.facebook.com/LinaLintuAutorin

Für Werner und Betti

Meine beiden Schutzengel

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Epilog

Danksagung

1. Kapitel

Mit einem dumpfen Knall fiel die Autotür zu.

Nina Harper ließ die Hand noch an dem kühlen Metall und verharrte. Sie hatte das Gebäude lange genug durch die Frontscheibe betrachtet, bevor sie sich hatte überwinden können, überhaupt auszusteigen. Und jetzt, wo sie es endlich getan hatte, zögerte sie vor dem nächsten Schritt.

Wenn sie das alte Cottage direkt ansah – nicht auf Fotos, nicht durch eine schützende Autoscheibe – dann würde es beunruhigend real werden.

Innerlich lachte sie sich selbst aus, für solche unlogischen Gedanken, doch es kostete sie dennoch Überwindung, sich schließlich umzudrehen.

Vor ihr lag das Bailangryph Cottage. Es war kein hässliches Cottage. Aber leider auch kein schönes. Die Mauern bestanden hauptsächlich aus grauem Naturstein, die Fensterrahmen waren genauso schwarz wie die Tür und das reetgedeckte Dach hatte in seiner Anfangszeit sicher mal schön ausgesehen, doch nach etlichen Jahrzehnten voller Regenwetter sah es schmutzig aus und hatte einen leichten Grünschimmer. Ob von Unkraut oder Algen ließ sich von hier unten aus schwer sagen.

Alles hier wirkte so … alt und kühl.

Die Postkarten und Butterwerbungen malten ein sehr viel schöneres und vor allem grüneres Bild von Irland als das, was Nina bisher gesehen hatte. Gut, das lag wahrscheinlich hauptsächlich daran, dass es Anfang März war und das Land von eiskaltem Nieselregen in einen silbernen Schleier gehüllt wurde, der jeden Moment in Schneeregen umschlagen konnte.

Und genau dieses ungemütliche Wetter war es schließlich, was Nina dazu trieb, ihr Auto hinter sich zu lassen und die Tür des Cottages aufzuschließen.

Ihres Cottages.

„Hallo?“ Ninas Stimme hallte im Flur von den Wänden wider. Eine Antwort bekam sie nicht, dafür hörte sie Schritte, die eilig eine Treppe herunter trippelten.

Sie nutzte den kurzen Moment, um sich umzusehen. Von innen war das Bailangryph Cottage schöner als von außen. Honigfarbene Wände, helle Holzmöbel, lange Teppiche auf dunklem Parkett. Rechts zweigte ein weiterer Flur ab, daneben führte eine Treppe ins obere Stockwerk.

Für mehr reichte die Zeit nicht, denn von dort kam eine kleine ältere Dame und strahlte Nina mit einem Lächeln an, das alle Falten glatt zu ziehen schien.

„Hallo, Frau Flaherty.“ Nina ließ es wie eine halbe Frage klingen und hoffte, dass sie den Nachnamen der Haushälterin richtig ausgesprochen hatte.

„Nina! Bitte nenn mich doch Irena. Und bist du groß geworden!“ Irena Flaherty schien kurz zu überlegen, ob sie Nina umarmen sollte, entschied sich dann aber bei der ersten Begegnung für ein erstaunlich kräftiges Händeschütteln.

Nina lächelte verlegen. Sie hatte nicht erwartet, so herzlich begrüßt zu werden. Aber Josephine hatte sicher so oft von ihr erzählt, dass Irena das Gefühl haben musste, Nina schon lange zu kennen.

Wieder einmal meldeten sich die Gewissensbisse, dass sie ihre Oma nur so selten besucht hatte.

Und dennoch hatte sie ihrer einzigen Enkeltochter das Bailangryph Cottage vererbt. Mitsamt seiner Bewohner.

Mit jeder Minute schloss Nina ihr neues Zuhause mehr ins Herz. Nicht nur der Flur war in warmen Farben gehalten, auch die anderen Räume, die Irena ihr einen nach dem anderen zeigte. Links lag eine großzügige Küche, deren Herzstück ein Esstisch aus massivem Holz war, an dem gut und gerne acht Personen Platz hatten.

„Ich fahre einmal die Woche in den Ort zum Einkaufen. Wir haben viel Platz im Kühlschrank und in der Vorratskammer, da reicht das“, erklärte Irena fröhlich.

Am anderen Ende des Flurs, gegenüber der Eingangstür, befand sich ein Wohnzimmer, das sicher so groß war wie Ninas gesamte erste Wohnung. Außerdem hatte es bodentiefe Fenster, die zu einer gepflasterten Terrasse führten. Dahinter erstreckte sich ein Garten, der zum Grundstück gehörte. Ebenso wie der Wald weiter hinten und ein riesiges Freigehege für die Greifen, wenn Nina die Unterlagen über Josephines Nachlass richtig im Kopf hatte. Das Freigehege konnte man vom Wohnzimmer aus allerdings noch nicht sehen.

Irena ließ Nina aber kaum genug Zeit, diesen Blick auf sich wirken zu lassen.

Die restlichen Zimmer im Erdgeschoss waren ein Bad samt Dusche und Badewanne, Robins Zimmer – natürlich Robin Jackson, der Stallarbeiter – und ganz am Ende des Flurs Irenas eigenes Zimmer.

„Und diese Tür?“, fragte Nina, als Irena sich schon der Treppe nach oben zuwenden wollte.

„Ah, das ist die Hintertür. Man gelangt direkt in den Garten und zum Stall.“

Im oberen Geschoss befanden sich ein weiteres Bad, Josephines Schlafzimmer sowie ihr Büro und ein Gästezimmer für Besuch. Nach der Führung durch das Cottage setzten sie sich ins Wohnzimmer.

Den Außenbereich und den Stall hatten sie ausgelassen. Das sei Robins Aufgabe, sagte Irena. Nina störte das nicht. Sie war nie warm geworden mit Tieren, die größer als eine Katze waren. Dementsprechend froh war sie gewesen, dass ihre Oma jemanden in ihren Diensten hatte, der sich bisher um die Greifen gekümmert hatte und es auch weiterhin tun würde.

Bei einer Kanne Tee besprachen Nina und Irena dann erst einmal die formellen Sachen. Nina hatte zwar das Cottage geerbt, aber nur unter der Bedingung, dass die bisherigen Bewohner weiter dort wohnen bleiben durften. Die Greifenzucht hatte ein eigenes Firmenkonto, das rechtlich auch Nina gehörte, aber das für die nächsten 24 Monate nur dazu genutzt werden sollte, Irena und Robin weiterhin zu bezahlen.

„Ich glaube, deine Großmutter wusste, dass ihr nicht mehr viel Zeit bleibt. Sie hat alles so gewissenhaft geregelt.“ Irena lächelte traurig.

„Mein Beileid“, murmelte Nina, die nicht wusste, wie sie darauf reagieren sollte. Für Irena war es sicher ein größerer Verlust gewesen als für sie selbst.

„Versuchen wir uns lieber fröhlicheren Themen zu widmen.“ Irena schien zu merken, dass Nina die Situation unangenehm war. „Was ist dein Lieblingsessen? Und was magst du gar nicht? Ich muss mich in Zukunft beim Kochen ja auch nach dir richten.“

Es war schon später Nachmittag, als Nina endlich die Gelegenheit fand, ihre Koffer aus dem Auto zu holen. Zum Glück hatte der Nieselregen endlich aufgehört und die Wolkendecke bekam dunkelblaue Risse.

Sie hatte aus Respekt vor ihrer Oma ursprünglich das Gästezimmer wählen wollen, doch Irena hatte sie schnell überredet, Josephines altes Zimmer zu nehmen. Das hätte sie so gewollt.

Eine gute Entscheidung, wie Nina zugeben musste.

Es war das hellste Zimmer im Bailangryph Cottage; ein großes Doppelfenster öffnete sich nach Südwesten. Unten sah man den Parkplatz und die Zufahrt, doch schon nach wenigen Metern verschwand die Straße hinter einer Biegung und nichts trübte mehr den Blick auf die umliegende Landschaft. Im letzten Licht der untergehenden Sonne wirkten die Hügel mehr golden als grün, und die dunklen Wolken, die immer noch über den Himmel krochen, bekamen von unten rot-orange Farbtupfer.

Nina wollte schon ihr Handy aus der Tasche nehmen, um den Moment festzuhalten, doch dann entschied sie sich doch dagegen. Stattdessen genoss sie den Anblick nur für sich. Und nur wenige Augenblicke später zog eine Wolke vor die Sonne und die kräftigen Farben verblassten schlagartig.

Nina seufzte.

Sie packte ihre Kleidung aus dem einen Koffer in den leeren Kleiderschrank. Irena hatte Josephines Sachen schon in Kisten auf dem Dachboden verstaut. Bei Gelegenheit würde Nina sie durchsehen und dann entscheiden, was damit geschehen sollte. Doch für den Moment war sie dankbar, dass sie sich nicht darum kümmern musste.

Die Bilder hatte Irena allerdings nicht von den Wänden genommen. Eins davon war ein altes Foto von Josephine. Obwohl es mit der Zeit verblasst war, konnte man immer noch erkennen, dass sie die gleichen rotblonden Haare und Sommersprossen gehabt hatte wie Nina.

Bei den restlichen Bildern handelte es sich um Werke, die Josephine selbst gemalt hatte. Vor wenigen Minuten noch hätte Nina gesagt, dass die Farben der Landschaftszeichnungen künstlerisch verfremdet waren, doch sie hatte gerade selbst gesehen, wie farbenprächtig ein Sonnenuntergang hier in Irland sein konnte.

Nina setzte sich aufs Bett, das nach frisch gewaschener Wäsche roch, und ließ die Bilder auf sich wirken.

Sie versuchte sich vorzustellen, wie ihre Oma am Fenster gesessen hatte, genau in diesem Zimmer, und mit schwungvollen Strichen die Farbe auf der Leinwand verteilt hatte. Sie hatte Irland und seine Landschaft immer geliebt. Eine Liebe, die ihr Sohn nicht geerbt hatte.

So war Nina in Deutschland aufgewachsen und auch nach dem Tod ihrer Eltern dort geblieben. Wo hatte sie sonst auch hin sollen? Als Anfang des Jahres – nur zwei Jahre nach ihren Eltern – auch ihre Oma gestorben war, hatte sie es als Wink des Schicksals verstanden.

Statt das geerbte Cottage zu verkaufen, hatte sie ihre Wohnung in Duisburg zurückgelassen und war ohne Netz und doppelten Boden nach Ardara gezogen.

Zusammen mit dem Cottage hatte sie außerdem etwas Geld geerbt. Nicht viel, doch genug, dass sie die nächsten paar Monate überstehen konnte. Und bis dahin würde sie sicher in der Stadt einen Job gefunden haben.

Vertieft in Gedanken und Erinnerungen, und erschöpft von der langen Reise, schlief Nina einfach ein. Und Irena weckte sie auch nicht fürs Abendessen.

Erst am nächsten Morgen wachte sie orientierungslos wieder auf. Sie war in einem fremden Zimmer und trug noch ihre Straßenkleidung. Doch mit jedem verschlafenen Blinzeln kehrten mehr Erinnerungen zurück.

Sie nahm sich frische Kleidung aus dem Schrank und ging dann in das Bad am Ende des Flurs. Frisch geduscht und mit nicht zerknitterter Kleidung traute sie sich dann nach unten ins Erdgeschoss, wo Irena, den Geräuschen und den Gerüchen nach zu urteilen, schon das Frühstück vorbereitete.

„Kann ich dir helfen?“, bot Nina an, als sie sah, wie die kleine alte Frau mit einer Hand das Rührei vorm Anbrennen bewahrte und mit der anderen losen Tee in eine Kanne gab.

„Nein, nein, ich brauche keine Hilfe, Schätzchen. Ich mach das seit vier Jahrzehnten so. Deine Oma konnte auch nie dabei zusehen. Aber entgegen ihrer Befürchtungen ist nie etwas kaputt gegangen und nie etwas angebrannt!“

Nina lachte und setzte sich an den Esstisch. Bei genauem Hinsehen hatten Irenas Vorbereitungen tatsächlich etwas von einer jahrelang einstudierten Choreografie. Jeder Handgriff saß, alles stand genau so bereit, dass Irena nicht einmal hinschauen musste.

Erst als sie den fertigen Tee – duftender Earl Grey – einschenkte, bemerkte Nina, dass drei Tassen auf dem Tisch standen. Und auch drei Teller sowie dreimal Besteck. Wahrscheinlich für Robin, doch von ihm fehlte noch jede Spur.

Ob er es Nina übel nahm, dass sie sich ihm nicht gleich am ersten Tag vorgestellt hatte?

Allerdings hatte er selbst auch keine Anstalten gemacht, sie kennenzulernen.

Hoffentlich war Robin nicht die Art von Mann, der eine Frau als Chefin – was Nina ja nun mal war – nicht respektierte. Oder zumindest keine Frau respektierte, die jünger war als er selbst.

Fotos von den Bewohnern des Bailangryph Cottage hatten bei den Unterlagen nicht beigelegen, doch in Ninas Kopf entstand auf einmal ein klares Bild von Robin: ein bäuerlicher Typ Mitte vierzig, mit Holzfällerhemd, schwieligen Händen und beginnenden Geheimratsecken.

Und mit jeder Sekunde hatte Nina weniger Lust, diesen Robin kennenzulernen.

Nein, das war unfair ihm gegenüber. Sie sollte bei der ersten Begegnung unvoreingenommen sein. So früh morgens war sie wohl noch etwas misanthropisch veranlagt. Zeit für etwas Koffein.

Nina zog ihre Tasse zu sich, nippte vorsichtig an dem heißen Tee und verbrannte sich trotzdem die Lippe.

„Wann kommt Robin normalerweise zum Frühstück?“, fragte Nina so höflich wie möglich.

„Sobald die Greifen fertig sind. Mal früher, mal später. Wir müssen aber nicht warten“, erklärte Irena und lud Nina eine ordentliche Portion Rührei auf den Teller. „Hier. Du hast sicher Hunger, wenn du kein Abendessen hattest.“

„Danke.“ Sie nutzte die Gelegenheit, als Irena sich selbst Rührei nahm, um sich am Bacon zu bedienen. So konnte sie immerhin sichergehen, dass die Portion nicht zu riesig wurde.

Normalerweise frühstückte Nina nur am Wochenende, aber dieser Dienstag hier fühlte sich ziemlich nach Wochenende an. Zudem wäre es unhöflich – und töricht – ein so leckeres Frühstück auszuschlagen. Und Ninas Magen knurrte schon verräterisch.

Sie war gerade dabei, sich die dritte Scheibe Toast mit Rührei in den Mund zu schieben, als sie die Hintertür hörte. Kurz darauf betrat Robin mit einem fröhlichen „Guten Morgen!“ die Küche und Nina verschluckte sich an ihrem Frühstück.

Immerhin mit dem Holzfällerhemd hatte sie Recht gehabt. Alle anderen Vermutungen lagen meilenweit daneben.

Robin war in ihrem Alter, vielleicht sogar ein oder zwei Jahre jünger, schlank, mit kurzen schwarzen Haaren und leuchtend grünen Augen, und hatte absolut nichts Bäuerliches an sich, abgesehen von einem leichten Stallgeruch.

Und Robin war weiblich.

Sie betrachtete die immer noch hustende Nina mit einem schiefen Grinsen. Um etwas dagegen zu tun, schnappte Nina sich ihre Teetasse und nahm einen großen Schluck. Der Tee war allerdings immer noch unangenehm heiß und zusammen mit dem Hustenanfall tränten Ninas Augen jetzt noch mehr. Ein wundervoller erster Eindruck.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam wohl auch Robin, denn sie setzte sich Nina gegenüber und lud ihren Teller voller, als Irena es getan hätte, bevor sie etwas sagte.

„Sieh an, das ist also unsere neue … Chefin.“ Das letzte Wort betonte sie so abschätzig, dass das Rührei in Ninas Magen sich in Stein zu verwandeln schien.

„Na, na, ein bisschen höflicher bitte“, mischte sich Irena ein. „Ja, sie hat das Cottage geerbt, aber sie ist immer noch Josephines Enkeltochter und ich bin mir sicher, sie wird eine ähnlich entspannte Chefin sein und wir werden gut miteinander auskommen.“

Nina schenkte Irena ein dankbares Lächeln – sie traute ihrer Stimme gerade noch nicht – doch insgeheim hatte sie das Gefühl, dass es doch nicht so einfach werden würde, wie sie sich das vorgestellt hatte. Robins Blick war immer noch misstrauisch.

Das Schlimmste war, dass Robin ihr sympathisch gewesen war. Sie hatte etwas an sich, das Nina auf den ersten Blick faszinierte. Aber die fehlende Gegenseitigkeit dämpfte dieses Gefühl.

Sie nahm noch einen Schluck Tee, räusperte sich und versuchte dann die Stimmung zu lockern. Vielleicht taute Robin etwas auf, wenn Nina Interesse für ihre Arbeit zeigte.

„Du kümmerst dich um die Greifen, nicht wahr? Darf ich mir den Stall nach dem Frühstück ansehen? Gestern bin ich leider nicht mehr dazu gekommen.“ Nina legte so viel Freundlichkeit in ihre Stimme, wie sie sich traute, ohne es geheuchelt klingen zu lassen. Es brachte nicht viel.

„Es ist dein Cottage, also gehört auch der Stall dir. Ich kann dir schlecht verbieten, dort hinzugehen.“

Einen Moment lang lag Nina eine patzige Antwort auf der Zunge, doch dann entschied sie sich für Diplomatie.

„Ja, es ist mein Stall, aber wenn dich meine Anwesenheit dort stört, dann verschiebe ich es auf einen passenderen Zeitpunkt.“

Robin verdrehte genervt die Augen. Ohne Nina zu antworten, schaufelte sie das Frühstück in Rekordgeschwindigkeit in sich rein. Sobald Teller und Tasse leer waren, stand sie auf, bedankte sich kurz bei Irena und war dann wieder verschwunden.

Nina ließ die Schultern hängen.

„Nimm es nicht persönlich, Kindchen. Robin kann manchmal etwas schwierig sein. Sie ist auf dem Land aufgewachsen und hat, nun ja … Vorbehalte gegenüber Menschen, die aus großen Städten kommen. Ich bin mir sicher, ihr werdet euch schon noch verstehen, sobald ihr euch ein bisschen besser kennenlernt.“

Sie zwinkerte Nina zu.

„Ich werde mir Mühe geben“, versicherte Nina und fügte dann leise hinzu: „Wenn sie es auch tut.“

Irena lachte.

Nachdem die Küche aufgeräumt war – dieses Mal hatte Nina zumindest dabei helfen dürfen, das Geschirr in die Spülmaschine zu räumen – machte sie sich auf den Weg nach draußen.

Der Tag war eisig grau. Es regnete nicht, doch die Sonne hatte trotzdem keine Chance gegen die geschlossene Wolkendecke und das Gras knirschte unter Ninas Füßen.

Der Stall war nicht zu übersehen. Sobald man zur Hintertür hinausging, sah man ihn auf der rechten Seite. Er war noch größer als das Cottage, mit ziegelrotem Anstrich und einem ebenfalls reetgedeckten Dach. Die Stalltür war nur angelehnt; hoffentlich ein Friedensangebot von Robin.

Dennoch zögerte Nina, den Stall einfach zu betreten. Stattdessen spähte sie von draußen in das Halbdunkel.

Bevor sich ihre Augen an die Lichtverhältnisse gewöhnten, nahm sie den Geruch wahr. Es war nicht nur der Stallgeruch, den sie schon bei Robin bemerkt hatte. Es roch nach Zoo, nach Großkatzen.

Schließlich überwog die Neugier und Nina machte einen Schritt hinein in den Stall.

Zwei Gänge führten durch den Stall. In der Mitte sowie an den Wänden befanden sich je sieben Boxen für die Greifen. Platz für 21 Tiere.

Die einzelnen Boxen waren nicht nur breiter, sondern auch insgesamt größer als in einem Pferdestall. Nina konnte nicht sagen, ob alle Boxen auch belegt waren, denn die Greifen waren im Moment offenbar draußen im Freigehege.

Die einzige, die noch im Stall war, war Robin, auch wenn Nina sie nicht sah, sondern nur hörte.

„Hallo?“

„Hier bin ich.“ Robin trat aus der hintersten Box im rechten Gang, eine Mistgabel in der Hand.

„Störe ich gerade?“

Robin zögerte kurz, dann schüttelte sie den Kopf und lehnte die Mistgabel an die Wand.

„Jedenfalls bei nichts Dringendem. Komm mit, ich zeige dir deine Greifen.“

Auf der hinteren Seite des Stalls, dort wo die beiden Gänge wieder zusammentrafen, war ein weiteres Tor. Robin öffnete es und ließ einen Schwall eiskalter Luft in den Stall. Dann betrat sie das Freigehege.

Nina folgte ihr langsam, auch wenn sie noch keine Greifen entdecken konnte.

Der Abstand zu Robin erwies sich aber auch aus anderen Gründen als praktisch, denn im nächsten Moment stieß Robin einen lauten Pfiff aus.

Einige Sekunden lang passierte nichts, dann kamen mehrere Greifen aus dem Wald getrottet. Vier Stück zählte Nina, plus einen weiteren, der schon vorher unbemerkt auf der Wiese gelegen hatte und bei Robins Pfiff aufgestanden war.

Die letzten Meter kamen sie nur zögerlich näher, als wäre die fremde Person ihnen nicht geheuer. Fünf goldene Augenpaare musterten sie argwöhnisch. Ein Greif scharrte unruhig.

„Kein Blickkontakt!“, ermahnte Robin sie. Nina senkte sofort den Blick und fixierte stattdessen die Pranken der Greifen.

„Tut mir leid. Ich habe nicht oft mit Greifen zu tun.“

„Merkt man.“

Der vorderste Greif in der Gruppe war ein ungewöhnlich dunkles Tier. Alle Instinkte rieten Nina, bloß auf Abstand zu bleiben, doch Robin näherte sich dem Greifen unbefangen und fing an, das Tier zu streicheln.

Der Greif schloss entspannt die Augen und ließ ein Geräusch vernehmen, das wie eine Mischung aus Gurren und Schnurren klang.

So erschien er weniger bedrohlich und Nina nutzte die Gelegenheit, ihn genauer zu betrachten.

Aus der Nähe wirkte er beeindruckend groß, sein Kopf war auf Augenhöhe mit Nina. Kopf, Brust und Flügel waren mit schwarzem Gefieder bedeckt, darunter ging es in kurzes, glänzend schwarzes Fell über. Während der Kopf – abgesehen von den spitzen Ohren – dem eines Adlers glich, hatte der restliche Körper Ähnlichkeit mit einer Raubkatze. Oft wurden Löwen als Vergleich herangezogen, doch der Greif war weniger massig. Gerade bei diesem schwarzen Tier musste Nina eher an einen Panther denken.

Es war nicht der erste Greif, den sie sah, nur der erste aus solcher Nähe. Auch in Duisburg gab es einige Menschen, die sich den Luxus leisten konnten, einen Greifen zu halten. Doch in der Stadt selbst sah man sie ähnlich selten wie Pferde. Wenn man also nicht zu den Leuten gehörte, die ein besonderes Interesse dafür hatten, hatte man mit beiden Tierarten wenig zu tun.

„Wie heißt dieser Greif?“ Nina versuchte mit unverfänglichen Themen die Stille zu durchbrechen.

„Shadow.“ Robin suchte Ninas Blick, wie um ihre Reaktion zu sehen. „Nicht sehr kreativ, ich weiß. Ich habe diesen Namen ausgesucht, als ich noch deutlich jünger war.“

„Aber es passt.“

„Die anderen hier sind Glen, Akira, Madame und Wren.“ Nacheinander deutete Robin auf einen honiggoldenen, einen kupferfarbenen und zwei braune Greifen.

Nina machte einen vorsichtigen Schritt nach vorne. Näher zu dem schwarzen Greifen.

„Ist Shadow ein er oder eine sie?“

„Shadow ist männlich. Die Männchen haben einen etwas dunkleren Schnabel als die Weibchen.“ Robin deutete auf die anderen Greifen. Doch Nina erkannte ehrlich gesagt keinen nennenswerten Unterschied. Sie traute sich aber auch nicht, den Greifen länger als nötig ins Gesicht zu schauen. Kein Blickkontakt.

„Wie lange arbeitest du schon hier im Bail… hier im Cottage?“, fragte sie stattdessen. Robin wirkte entspannter als vorher und das wollte Nina gleich ausnutzen.

Robin sah nicht von Shadows Gefieder auf. „Wird das jetzt ein Interview oder was?“

Das war der Moment, wo Ninas Diplomatie ein Ende fand. „Da wo ich herkomme, nennt man das Smalltalk. Oder einfach nur ehrliches Interesse.“ Ihr Tonfall war spitz genug, dass Shadow unruhig mit den Flügeln raschelte.

Robin drehte sich zu ihr um. Nina erwartete jetzt erst recht eine unfreundliche Antwort, doch stattdessen sah sie ein Grinsen in Robins Gesicht.

„Vielleicht hast du ja doch was von dem Temperament deiner Oma geerbt.“

Nina erwiderte das Grinsen vorsichtig. „Vielleicht?“

„Wenn du es wirklich wissen willst: Ich arbeite hier, seit ich vierzehn bin. Also seit acht Jahren schon. Und es heißt Bailangryph Cottage.“

Sie sprach Bailangryph wie Beil-an-Griff aus.

„Bailangryph“, wiederholte Nina langsam. „Ist das Gälisch?“

„Ja, genau. Eigentlich hieß es ursprünglich Baile an gryph, hat mir Josephine mal erzählt. Das heiß so viel wie Heim oder Heimat der Greifen. Daraus ist dann mit der Zeit Bailangryph geworden. Und ohne das e kann man es mit Sammle den Greifen ein übersetzen, was auch gut passt, weil manche Greifen gerade im Sommer lieber draußen bleiben wollen und sich im Wald verstecken, wenn ich sie rufe.“

Da war sie wieder. Diese Faszination, die Nina schon im ersten Augenblick gespürt hatte. Es brauchte also nur ein Thema, für das Robin sich begeistern konnte.

„Gut zu wissen.“ Nina hätte gerne noch mehr gefragt, aber sie wollte weder ungebildet noch übermäßig neugierig wirken. Also biss sie sich auf die Lippe.

Doch Robin erzählte auch von sich aus mehr. Als sie mit den Streicheleinheiten bei Shadows Flügeln ankam, erklärte sie Nina deren Anatomie. Wie Vögel hatten auch Greifen Röhrenknochen und unterschiedliche Arten von Federn.

Shadow schien zu begreifen, dass er gerade als Anschauungsmaterial benutzt wurde, denn er spreizte seinen Flügel und plusterte stolz das Brustgefieder auf.

Dabei fiel Nina auf, dass er nur einen Flügel frei bewegen konnte. Der andere war mit einem breiten Ledergurt an seinen Körper gebunden. Das sah nicht sonderlich bequem aus, aber zu dem Thema erklärte Robin leider nichts. Und Nina ahnte, dass eine Nachfrage ihr wahrscheinlich wieder einen genervten Blick einhandeln würde, also schwieg sie.

Zum Abschluss streichelte Robin Shadow behutsam über den Schnabel. Das eigentümliche Schnurren wurde lauter.

Zu gerne hätte Nina ihn auch gestreichelt, vor allem das Gefieder am Hals, das so schön weich aussah. Aber wenn Robin das nicht von sich aus anbot, würde sie auch nicht danach fragen. Denn so viel wusste sie inzwischen sowohl über Greifen als auch über Robin: Man musste erst mit ihnen warm werden.

Auch wenn Shadow Robins Streicheln genossen hatte, wollten die Greifen ihre Zeit im Freigehege offenbar lieber mit ihren Artgenossen verbringen. Deshalb entfernten sie sich langsam, aber sicher von den beiden Frauen am Tor und diese nahmen es als Anlass, die Tiere in Ruhe zu lassen.

Außerdem hatte Robin auch noch Arbeit vor sich.

„Kann ich dir irgendwie helfen?“, fragte Nina als sie wieder im Stall waren. Jetzt bestand die Möglichkeit, dass Nina sich tatsächlich nützlich machen und Pluspunkte bei Robin sammeln konnte. Doch Robin schüttelte den Kopf.

„Die meiste Arbeit ist schon erledigt. Erst heute Abend, wenn ich die Greifen in den Stall bringe, gibt es wieder was zu tun. Außer du hast so viel Langeweile, dass du mir beim Ausmisten der Boxen helfen willst.“ Robins Blick war herausfordernd und Nina wusste, dass sie gerade geprüft wurde.

„Natürlich. Ich brauche nur eine zweite Mistgabel.“

Wieder grinste Robin. „Erstaunlich mutig für ein Stadtkind“, neckte sie. „Aber du musst mir wirklich nicht helfen. Mach dich lieber bei Irena nützlich. Sie sagt immer, dass sie noch alles kann, aber ihre Knie sind nicht mehr die besten. Wenn sie also was vom Dachboden holen will, übernimm du das bitte.“

„Mach ich.“

Das mit dem Dachboden war ein guter Hinweis, schließlich lagen Josephines Sachen noch dort oben. Doch vorher wollte Nina noch in die Stadt.

Sobald sie das Bailangryph Cottage wieder betrat, war Irena allerdings schon zur Stelle, um ihr eine Tasse Tee hinzuhalten. „Hier, wärm dich erst mal wieder auf.“

Zuerst wollte Nina protestieren, doch mit der heißen Tasse in den Händen wurde ihr bewusst, wie kalt und taub ihre Finger waren. Im Stall war es zwar wärmer als draußen, weil die Körper der Tiere die Luft aufgeheizt hatten, aber die Kälte war ihr trotzdem unbemerkt in die Knochen gekrochen.

2. Kapitel

Ardara war ein kleiner, beschaulicher Ort, der im nördlichsten Teil Südirlands lag. Es gab nur eine große Straße, die grob der nordwestlichen Küste folgte und Ardara war eine von vielen kleinen Perlen, die sich lose entlang dieser Kette aufreihten. Rings um den Stadtkern herrschte nach wie vor die Natur.

Nina hatte ihr Auto bei einem kleinen Supermarkt geparkt und beschlossen, von dort aus den Ort zu Fuß zu erkunden.

Es gab mehrere Hotels, B'n'Bs, Restaurants, Bäcker, Pubs und die üblichen Geschäfte. Alles sprach für ein ruhiges Leben mit moderatem Tourismus, der mehr der wunderschönen Landschaft im Umland geschuldet war als der Stadt selbst.

Nina erinnerte sich vage an einen Besuch vor vielen, vielen Jahren. Damals war sie noch nicht mal in die Schule gegangen. Sie war mit ihren Eltern und Josephine an die nahegelegene Küste gefahren, wo Nina die meiste Zeit am Strand gespielt hatte. Aber auch an steile Hügel und an einen Wasserfall konnte sie sich noch dunkel erinnern.

Das war definitiv ein Ziel, das sie in den nächsten Tagen oder Wochen nochmal besuchen würde. Doch erst einmal wollte sie sich in der Stadt orientieren.

Nachdem sie einmal die Hauptstraße rauf und wieder runter spaziert war, hatte Nina schon einen guten Überblick, der ihren ersten Eindruck bestätigte.

Zeit für eine Pause. Sie kaufte sich eine Tageszeitung und setzte sich damit in ein kleines Café. Bei Croissant und Heißer Schokolade blätterte sie durch die Stellenanzeigen und versuchte, auf dem winzigen Tisch nichts umzuwerfen.

Die meisten Anzeigen sprachen sie nicht an. Sie wollte nicht in einer Metzgerei arbeiten und auch nicht in der Zahnarztpraxis. Dafür reichte ihre Ausbildung als Einzelhandelskauffrau definitiv nicht. Der Souvenirladen, der eine Aushilfe suchte, kam aber in die engere Auswahl. Ebenso wie das Geschäft für Gartenbedarf, auch wenn Ninas Erfahrungen mit Pflanzen sich hauptsächlich auf anspruchslose Zimmerpflanzen mit drastisch reduzierter Lebenserwartung beschränkten. Aber versuchen konnte sie es ja trotzdem.

Und wenn sie ohnehin schon mal im Ort war, konnte sie auch gleich in den jeweiligen Geschäften vorbeischauen. Schnell hatte sie die Adressen im Handy eingegeben. Der Souvenirladen lag näher, nur wenige Minuten zu Fuß von dem Café entfernt.

Das war einer der entscheidenden Vorteile an einem so kleinen Ort. Wenn man hier wohnte, brauchte man nur dann ein Auto, wenn man etwas in der nächstgrößeren Stadt besorgen musste. Oder eben wenn man ein paar Kilometer außerhalb lebte, wie die Bewohner des Bailangryph Cottage. Alle anderen waren mit Fahrrädern und gesunden Füßen gut bedient, was sich auch an Ardaras Straßenbild zeigte: vor den Häusern parkten mindestens ebenso viele Fahrräder wie Autos.

Der Souvenirladen lag direkt an der Hauptstraße, flankiert von zwei Gasthäusern. Die perfekte Lage also. Im Schaufenster klebte ein handgeschriebener Zettel mit der Aufschrift „Aushilfe gesucht“, dahinter lagen Kleidungsstücke und Regenschirme aus, manche mit dem Stadtwappen von Ardara, andere mit irischen Flaggen und Kleeblättern.

Im Inneren setzte sich ein ähnliches Angebot fort. Schlüsselanhänger, Postkarten, Bierdeckel … Zu ihrer Freude entdeckte Nina auch ein paar Figuren und Plüschtiere, die Greifen darstellten. Keines davon reichte aber auch nur ansatzweise an die Schönheit der Tiere heran.

Der Verkäufer bemerkte ihr Interesse für diese Produkte und kam näher. Er hatte einen imposanten Schnurrbart.

„Ardara war mal berühmt für seine Greifenzucht.“ Er verschluckte beim Sprechen das zweite A von Ardara.

„Tatsächlich?“

„Ja, es gibt ein Landgut in der Nähe. Bailangryph. Früher waren die Tiere auf Ausstellungen und Turnieren weltberühmt.“

„Und jetzt nicht mehr?“

„Leider nicht. Mrs. Harper ist vor Kurzem gestorben. Aber sie hat die Zucht schon vor vielen Jahren eingestellt. Das hat sich leider auch auf den Tourismus ausgewirkt. Jetzt will jeder nur Kleeblätter und Leprechauns. Greifen sind nicht mehr im Trend.“ Der Verkäufer schüttelte betrübt den Kopf.

„Kannten Sie Mrs. Harper gut?“, fragte Nina.

Er zuckte mit den Schultern. „In einem Ort wie Ardara kennt jeder jeden. Und Mrs. Harper war wegen ihren Greifen schon fast eine Berühmtheit. Ich habe nicht viel mit ihr zu tun gehabt, aber sie kam manchmal in meinen Laden und hat mir die Zeit vertrieben, wenn gerade keine Kunden da waren. Sie war eine stolze Frau, aber mit einem großem Herzen.“

Nina lächelte.

„Das freut mich zu hören. Sie war meine Oma.“

„Oh, mein Beileid.“

„Danke.“

Der Verkäufer rieb sich den Bart. Dann drehte er sich zu einem Regal um.

„Hier, vielleicht als kleines Andenken an sie.“ Er nahm einen geschnitzten Holzgreifen und hielt ihn Nina hin.

„Vielen Dank! Aber eigentlich habe ich schon ein Andenken …“

„Nimm es ruhig. Und falls ich sonst noch was für dich tun kann, frag nur.“

„Nun, da wäre tatsächlich eine Sache … Ich bin gestern im Bailangryph Cottage eingezogen und bräuchte jetzt hier in Ardara einen Job.“

Dieses Mal verpasste Nina das Abendessen nicht. Irenas Kochkünste waren sogar noch bemerkenswerter als beim Frühstück. Wenn Nina nicht aufpasste, dann würde sie in den nächsten Wochen einige Kilos zunehmen.

Was sich im Vergleich zum Frühstück aber nicht geändert hatte, was Robins Verhalten ihr gegenüber. Die freundlichen Worte im Stall schienen vergessen und sie kommunizierte hauptsächlich durch kühles Schweigen.

Dementsprechend war Nina auch nicht traurig, dass Robin früher als die anderen beiden vom Tisch aufstand und wieder verschwand.

Nina wusste inzwischen, dass Robin sich bewusst das Zimmer im Erdgeschoss ausgesucht hatte, das direkt neben der Hintertür lag. Dadurch konnte sie schneller zum Stall gelangen und bei Bedarf die Begegnungen mit anderen Menschen auf ein Minimum reduzieren.

Doch damit wollte Nina sich im Moment gar nicht beschäftigen.

„Ich würde mir heute gerne Josephines Sachen ansehen“, sagte sie.

„Kein Problem, sobald ich hier aufgeräumt habe, hole ich dir die Kisten nach unten“, entgegnete Irena sofort hilfsbereit.

„Nein, kein Problem, ich kann sie auch selbst holen. Du musst mir nur sagen, wie ich die Luke zum Dachboden auf kriege.“

Während die beiden Frauen das Geschirr in die Spülmaschine räumten, erklärte Irena Nina, wo sie den Haken fand, mit dem sie die Dachluke nach unten ziehen konnte.

„Du musst dich seitlich von der Luke hinstellen. Die Leiter klappt sich manchmal von alleine auf und dann ist dein hübsches Köpfchen wenigstens in Sicherheit. Und der Fußboden hat sowieso schon Macken.“

Die Leiter knallte tatsächlich unsanft auf den Boden, doch dank Irenas Warnung passierte Nina nichts. Sie wartete kurz, ob noch irgendetwas anderes durch die Dachluke fiel – zum Beispiel Insekten oder Spinnen –, doch als die Luft rein blieb, erklomm sie vorsichtig die glatten Holzsprossen.

Die Sonne war noch nicht ganz untergegangen und so wurde die Luft auf dem Dachboden von goldenen Lichtstrahlen durchbohrt, in denen der Staub tanzte.

Abgesehen davon war es aber erstaunlich sauber hier oben. Da hatten unter Ninas Bett in ihrer Duisburger Wohnung deutlich mehr Wollmäuse gelebt.

Die Kartons, die sie suchte, standen links von der Dachluke unter einer der Dachschrägen. Sechs Stück waren es, alle fein säuberlich beschriftet. Die Kleidung würde sich Nina bei einer anderen Gelegenheit vornehmen. Heute hatte sie es auf die Kisten mit den persönlichen Gegenständen abgesehen. Sie trug beide in ihr Zimmer, zu ihrer eigenen Überraschung sogar unfallfrei.

Die erste Kiste stellte sich gleich als die heraus, auf die Nina gehofft hatte. Eingeschlagen in Luftpolsterfolie lagen drei Trophäen, eine davon aus Metall, die anderen beiden aus kunstvoll geschliffenem Glas. Es waren erste Preise von Greifenaustellungen.

Nina wischte über die Gravur einer der Trophäen.

1. Platz

für SHADOW

in der Kategorie Male Intact

London, 26.04.1985

Sie stutzte. Wie alt konnten Greifen werden? Nina war sich nicht sicher und Greifen sah man ihr Alter auch nicht unbedingt an. Aber 10 Jahre älter als sie selbst? Das erschien ihr unwahrscheinlich.

Vielleicht war das ein Thema, das sie bei nächster Gelegenheit mit Robin besprechen könnte. Falls sie denn mit ihr redete. Doch bisher hatte sich das Thema Greifen als sehr positiv erwiesen.

Nina legte die Trophäen beiseite und holte die nächsten Gegenstände aus der Kiste hervor. Ein dicker Ordner, offenbar mit Zuchtunterlagen.

Fasziniert blätterte sie willkürlich durch die Seiten, doch viel konnte Nina damit nicht anfangen. Klar war aber, dass viele der Tiere ihrer Großmutter Stammbäume hatten, die über viele Generationen belegt waren. Es waren hochoffiziell aussehende Urkunden dabei, mit Stempeln, Siegeln und schwungvollen, unleserlichen Unterschriften. Und immer wieder Belege über den Erfolg ihrer Zucht.

Denn die Urkunden über die Siege in Ausstellungen und Turnieren hatten ihren eigenen Ordner. Die drei Trophäen waren nur symbolisch gewesen für wesentlich mehr Erfolge.

Der Verkäufer im Souvenirladen hatte also recht gehabt. Die Zucht von Bailangryph war einst beeindruckend gewesen. Doch vor etwa siebzehn Jahren hatte das alles schlagartig aufgehört. Auf diesen Zeitpunkt war der letzte Sieg dokumentiert, danach wurden auch die Aufzeichnungen über die Zucht sehr spärlich. Der letzte Eintrag war acht Jahre alt und galt der Geburt von Shadow, dem schwarzen Greifen.

Also bezog sich die Trophäe auf einen anderen Shadow. Natürlich, Robin hatte ihr ja sogar gesagt, dass sie den Namen ausgesucht hatte. Jetzt fühlte Nina sich dumm. Zum Glück hatte sie das Thema nicht angesprochen.

Blieb aber noch die Frage, warum diese offensichtlich so erfolgreiche Zucht seit acht Jahren keine neuen Greifen mehr hervorgebracht hatte. Über die Gründe fanden sich keine Aufzeichnungen. Und so sehr Nina auch in ihrem Gedächtnis kramte, sie konnte sich nicht erinnern, mit ihrer Oma je über dieses Thema gesprochen zu haben. Schlicht und einfach, weil es sie nicht interessiert hatte.

Wäre das anders gewesen, wenn Nina damals schon gewusst hätte, dass sie all das erben würde? Vermutlich nicht, wie sie sich eingestehen musste.

Die ersten Anzeichen für Interesse erwachten erst jetzt, wo sie die Greifen zum ersten Mal aus der Nähe gesehen hatte. Robins Begeisterung für diese Tiere hatte auch einen Teil dazu beigetragen, auch wenn sie sich scheinbar Mühe gab, Ninas Interesse gleich wieder zu dämpfen.

Vielleicht war also auch eine gute Portion Trotz mit dabei, als Nina sich jetzt schwor, mehr zu diesem Thema herauszufinden. Sie wollte wissen, warum die weltberühmte Greifenzucht nicht mehr weltberühmt war. Und ob es vielleicht sogar einen Weg gab, das wieder zu ändern.

Auf Robins Hilfe wollte sie dabei aber vorerst verzichten. Doch Irena konnte ihr bestimmt mehr erzählen. Immerhin war sie nicht nur Josephines Haushälterin gewesen, sondern auch eine langjährige Freundin.

Beim Frühstück bot sich allerdings noch nicht die Gelegenheit für dieses Gespräch. Denn ausnahmsweise war Robin pünktlich – und völlig durchnässt.

„Was ist passiert?“, fragte Irena, bevor Nina es tun musste. Sie hörten alle den Regen, der leise gegen das Fenster trommelte, aber der Weg vom Cottage bis zum Stall war nicht weit genug, um so nass zu werden.

„Gewitter“, brummte Robin missmutig in ihre Teetasse.

Irena nickte verständnisvoll, doch Nina hatte keine Ahnung, was sie mit dieser Antwort anfangen sollte. Zum Glück bemerkte Irena das noch vor Robin.

„Shadow, einer der Greifen, hat Angst bei Gewitter“, erklärte sie.

„Ja, und es hat natürlich genau dann gedonnert, als ich seine Box offen hatte. Zum Glück hatte ich ihn schon gegurtet, sonst wäre er jetzt wahrscheinlich auf halbem Weg nach Dublin.“

Die Erklärung warf genauso viele Fragen auf, wie sie beantwortete. Und da Irena dieses Mal nicht zur Hilfe kam, musste Nina wohl oder übel selbst nachfragen.

„Was heißt gegurtet?“

Robins genervtes Schnauben hätte fast als Schniefen durchgehen können. Aber nur fast.

„Greifen haben Flügel“, erklärte sie, als wäre Nina ein kleines Kind. „Damit sie nicht wegfliegen, wenn wir sie nach draußen ins Freigehege lassen, binden wir einen Gurt um einen oder beide Flügel. Und nur deshalb konnte ich Shadow wieder einfangen, nachdem er panisch nach draußen auf den Hof gelaufen ist.“

Das klang logisch. Bisher hatte Nina angenommen, dass die Greifen so weit domestiziert waren, dass sie freiwillig an dem Ort blieben, der ihnen Futter und Schutz gewährte. Offenbar ein Irrtum.

„Da hast du aber Glück gehabt“, sagte sie, um von ihrer Fehleinschätzung abzulenken.

„Du kannst es Glück nennen. Oder gesunden Menschenverstand.“

Der letzte Rest Mitleid, den Nina für Robin empfunden hat, löste sich in Ärger auf, der ähnlich heiß war, wie der Tee. Dennoch trank Nina ihre Tasse in einem Zug leer und stand auf. Sie hatte heute nicht den Nerv für solche Diskussionen.

Sie wandte sich an Irena. „Ich muss zur Arbeit. Danke für das Frühstück.“

Und schon ließ sie die Küche hinter sich.

Es stimmte, sie hatte heute ihren ersten Probetag im Souvenirladen, doch es reichte, wenn sie erst in einer halben Stunde losfuhr. Diese dreißig Minuten wollte sie jedoch lieber in ihrem Zimmer verbringen als in Robins Gegenwart, die mal so freundlich sein konnte und dann wieder ätzend wie Farina aus ihrer alten Schulklasse.

Wenn Greifen genauso unberechenbar und launisch waren wie Robin, dann zweifelte Nina schon ein wenig, ob es eine gute Idee war, sich näher mit ihnen befassen zu wollen. Aber ihr Trotz war stärker als ihre Zweifel.

Im Endeffekt machte es keinen Unterschied, ob sie die verbleibende halbe Stunde in der Küche geblieben wäre oder nicht, denn die ganze Zeit, bis sie ins Auto stieg, kreisten ihre Gedanken um Robins unfreundliches Verhalten. Selbst auf der Fahrt ärgerte Nina sich immer noch und es wurde erst besser, als im Radio eines ihrer Lieblingslieder von der Band No Brine lief.

Deshalb war ihre Stimmung dann immerhin akzeptabel, als sie am Souvenirladen ankam und Bob sie in die Abläufe einwies. Das meiste war selbsterklärend, doch er erzählte ihr auch einige Anekdoten über Ardara und manche Produkte, mit denen sie Kunden erheitern konnte.

„Fröhliche Kunden geben mehr Geld aus“, sagte er.

Einen Verkäufer, der sein Leben lang in Ardara gelebt hat, würde Nina so schnell nicht ersetzen können, doch sie konnte dank Deutsch und Schul-Französisch mit zwei Fremdsprachen punkten, die für den Kontakt mit Touristen von Vorteil sein konnten.

Bob selbst konnte nur ein paar Brocken Deutsch, mit einem so starken Akzent, dass Nina gegen ihren Willen lachen musste. Dafür sprach er Irisch, was Nina umso beeindruckender fand.

Nachdem sie eine Stunde lang zusammen „gearbeitet“ hatten, ließ Bob Nina mit dem Laden allein. In der Zeit waren nur zwei Kunden da gewesen und in den nächsten Stunden würde es laut Bobs Einschätzung auch nicht viel mehr werden. Ein guter Einstieg für einen Anfänger.

Erst am frühen Nachmittag kam eine größere Gruppe in den Laden, zu Ninas Freude eine Reisegruppe aus Deutschland. Die Touristen freuten sich, sich nicht mit eingerostetem Englisch verständigen zu müssen und Nina machte mit ihrer freundlichen Art einiges an Umsatz. Etliche Postkarten und ein halbes Dutzend Regenschirme wanderten über die Ladentheke. Bei dem anhaltenden Regenwetter sicher nicht die schlechteste Investition.

Wenigstens hatte sich das Gewitter vom Morgen verzogen. Umso besser, denn sonst hätte Nina in den langen Phasen ohne Kunden bei jedem Donner an Shadow und Robin denken müssen. Also noch häufiger als ohnehin schon.

Am späten Nachmittag kehrte Bob zurück.

„Und, wie hast du dich geschlagen?“

„Ganz gut, glaube ich. Sind siebzehn Kunden zu dieser Zeit viel oder wenig?“

„Siebzehn Kunden? Das ist mehr als ich letzte Woche hatte!“ Bob lachte. Er zählte das Geld in der Kasse, verglich es mit den Zahlen auf der Abrechnung und nickte dann wohlwollend.

„Passt alles. Wenn du magst, kannst du morgen offiziell hier anfangen. Ich schließ dir den Laden in der Früh wieder auf und mach im Laufe des Tages einen Ersatzschlüssel für dich. Dann kannst du in Zukunft auch ohne meine Hilfe anfangen.“

Nina bedankte sich und packte ihre Tasche. Die gute Laune hielt an, bis sie vor dem Cottage parkte und daran denken musste, dass sie gleich beim Abendessen wieder Robin begegnete. Genervt lehnte sie den Kopf gegen das Lenkrad.

Wieso war ihr Robin nicht einfach egal? Wieso regte sie sich so über sie auf? Sie war doch sonst ein umgänglicher Mensch, der sich selten provozieren ließ. Aber so, wie Robin genau wusste, wie sie mit Greifen umzugehen hatte, fand sie offenbar auch bei Nina all die wunden Punkte.

Es half nichts. Sie hatte sich dafür entschieden, in das Bailangryph Cottage zu ziehen und ihr war bewusst gewesen, dass es nicht immer einfach werden würde. Das würde sie schon noch überstehen.

Sie löste ihre Stirn vom Lenkrad, straffte die Schultern und huschte die paar Meter vom Parkplatz zur Haustür, ohne allzu nass zu werden.

Im Haus roch es schon wieder lecker nach Essen. Dieses Mal hatte Irena ein Kartoffelgratin vorbereitet und nicht mit dem Käse gespart, wenn Nina das durch die Scheibe des Ofens richtig erkennen konnte.

„Wo ist Robin?“, fragte Nina; nicht zu laut, falls sie unerwartet in der Nähe war.

„Wahrscheinlich im Stall, wo sonst? Ich habe ihr nicht nur einmal vorgeschlagen, ihr Bett dort aufzustellen, so viel Zeit wie sie da verbringt.“ Irena warf dem Gratin einen kurzen Blick zu, doch die geschlossene Käsedecke hatte wohl noch nicht den gewünschten Farbton. „Als sie noch jünger war, hat sie im Sommer oft bei den Greifen geschlafen.“

„Wie kommt es eigentlich, dass Josephine jemanden hier angestellt hat, der so jung ist?“ Das war zwar nicht das Thema, das Nina am meisten unter den Nägeln brannte, doch die Gelegenheit bot sich gerade an.

„Hat sie dir das nicht erzählt?“, fragte Irena erstaunt. Nina wusste nicht, ob mit „sie“ Josephine oder Robin gemeint war, aber die Antwort war in beiden Fällen die gleiche. Sie schüttelte den Kopf. „Robins Mutter hat lange für deine Oma gearbeitet. Und vor ihr deren Mutter. Robin ist mit unseren Greifen quasi aufgewachsen. Da war es nur logisch, dass sie schließlich in die Fußstapfen ihrer Mutter getreten ist.“

„Und Robins Mutter ist …?“ Da kam wieder das Mitleid vom Morgen auf, nur noch viel stärker. Die eigene Mutter zu verlieren war furchtbar. Das wusste Nina nur zu gut.

„Nein, sie ist nicht tot. Jedenfalls nicht soweit ich weiß. Sie ist verschwunden. Hat ihren Mann und ihre Tochter von einem Tag auf den anderen verlassen und sich nicht mehr gemeldet. Sie war eine wundervolle Frau, konnte mit den Greifen umgehen, als würde sie deren Sprache sprechen. Doch das hat Josephine ihr nie verziehen. Und ich glaube, Robin auch nicht.“

„Und du?“

Irena ließ sich mit der Antwort Zeit. Sie holte das Gratin behutsam aus dem Ofen und stellte es auf dem Tisch ab, bevor sie Nina in die Augen sah.

„Ich habe deiner Großmutter nie widersprochen, wenn sie sich mal wieder über Robins Mutter aufgeregt hat. Aber ganz ehrlich? Bei einem Ehemann wie dem ihren hätte ich wahrscheinlich irgendwann das Gleiche getan. Nur hätte ich mein Kind mitgenommen, statt es bei diesem Nichtsnutz zu lassen. Das ist das Einzige, was ich ihr vorwerfe.“

„Hat sie denn mit ihrem Vater noch Kontakt?“

„Sporadisch. Marlon heißt er. Schreibt ihr zu Weihnachten Karten, manchmal auch zu ihren Geburtstagen, wenn er rechtzeitig dran denkt. Umgekehrt ist es wohl ähnlich. Als sie alt genug war, eigene Entscheidungen zu treffen, hat Robin Josephine gefragt, ob sie hier wohnen kann. Sie hat angeboten, sich dafür im Stall nützlich zu machen, weil sie kein Geld hat, um die Miete zu zahlen.“ Irena lächelte. „Ich glaube, Josephine hat dieses Angebot nur angenommen, weil sie wusste, dass Robin davon noch mehr profitiert als sie selbst. Sie hat die Greifen schon immer geliebt.

Jedenfalls, nachdem er von Frau und Tochter verlassen wurde, hat Marlon nichts mehr in Ardara gehalten. Er ist bald darauf nach Cork gezogen. Von dort stammen jedenfalls seine Karten.“

Bevor Nina etwas entgegnen konnte, öffnete sich mit einem leisen Klappern die Hintertür. Irena setzte eine fröhliche Miene auf.

„Aber erzähl mir doch von deinem ersten Arbeitstag“, bat sie gutgelaunt, als wäre das die ganze Zeit schon ihr Thema gewesen.

„Ich glaube, ich habe mich nicht allzu doof angestellt“, sagte Nina, während Robin sich wortlos zu ihnen an den Tisch setzte. „Ich hatte viele Kunden und Bob wirkte ganz zufrieden. Morgen kriege ich einen eigenen Schlüssel.“

Robin war zu beschäftigt mit Essen, um etwas dazu zu sagen. Wahrscheinlich interessierte es sie auch einfach nicht.

Aber aus irgendeinem Grund störte das Nina genauso sehr wie der abwertende Kommentar, mit dem sie eigentlich gerechnet hatte.

So viel also zu ihrem Vorsatz, sich nicht mehr provozieren zu lassen.

„Ich habe heute die Aufzeichnungen der Greifenzucht gefunden“, sagte sie stattdessen. „Ist Shadow wirklich der einzige Greif, der in den letzten fünfzehn Jahren hier geboren ist?“

Robin ließ die Gabel sinken und schaute sie an. „Das heißt bei Greifen geschlüpft, nicht geboren“, nuschelte sie mit vollem Mund. „Aber ja, ist er. Kurz nachdem ich hier angefangen habe zu arbeiten, hat Vina sein Ei gelegt. Josephine hat vor Freude geweint, als sie das Küken gesehen hat.“ Ein wehmütiges Lächeln schlich sich auf Robins Gesicht. „Falls du den Namen Shadow auf den Auszeichnungen gefunden hast, das war sein Großvater, der damals massenhaft Preise abgeräumt hat. Von dem Stolz seiner Vorfahren ist aber leider nicht viel übrig geblieben, wenn man sich ansieht, wie dieser Shadow bei Gewitter reagiert.“

Robins Blick wurde ernst. „Aber das spielt bald ohnehin keine Rolle mehr. Wenn in den nächsten ein bis zwei Jahren keine neuen Küken mehr schlüpfen, dann können wir den Stall in ein Gewächshaus umbauen. Denn die anderen Greifen werden bald zu alt sein, um sich noch zu paaren. Und Shadow stammt zwar aus einer hervorragenden Linie, aber um ein neues Weibchen für ihn zu kaufen, haben wir nicht die finanziellen Mittel. Außer du hast Privatvermögen, von dem wir nichts wissen, das du in diese Sache investieren möchtest.“ Robin sah Nina eindringlich an. Doch da diese nicht wusste, was sie daraufhin erwidern sollte, widmete sich Robin nach einigen Augenblicken wieder ihrem Essen.

Der Gedanke beschäftigte sie trotzdem. Sie hatte ja schon den Vorsatz gefasst, die Greifenzucht wieder in Gang zu bringen. Doch es würde wohl schwieriger werden, als sie angenommen hatte.

Nach dem Abendessen ging Nina noch einmal zum Stall. Sie hatte extra gewartet, bis Robin in ihrem Zimmer verschwunden war, um sich einmal alleine und in Ruhe bei den Greifen umzusehen. Solange sie in ihren Boxen waren, würde es schon keine Probleme geben.

Manche der Tiere raschelten mürrisch mit den Federn oder krächzten leise, als Nina das Licht im Stall einschaltete, die meisten beachteten sie aber gar nicht.

An den Boxen waren Namensschilder angebracht. Nina ging an allen Boxen vorbei und las sie aufmerksam durch. Fugoll, Wren, Vina, Madame, Akira, Glen, Emrys, Muffin und schließlich Shadow. Die anderen Boxen standen leer. Helle Stellen im Holz zeigten, wo ursprünglich ebenfalls Schilder gehangen hatten.

Shadow war der einzige ganz schwarze Greif im Stall, die meisten anderen rangierten in helleren Tönen; Cremefarben, Gold, Kupfer, Braun oder Grau. Bei manchen hatten Gefieder und Fell nicht nur unterschiedliche Schattierungen, sondern verschiedene Farben.

Und das Weibchen namens Wren hatte sogar einige graue Federn rund um den Schnabel, was davon zeugte, dass sie nicht mehr die Jüngste war. Vielleicht war das ja auch der Grund, warum sie von allen Greifen die größte Ruhe ausstrahlte.

Nina bemühte sich, ihr nicht in die Augen zu sehen, doch selbst im künstlichen Licht des Stalls konnte sie den Blick kaum von den Bernsteinen abwenden, die sie neugierig beobachteten. Nina fixierte eine dunkle Feder an Wrens Hals.

„Hallo, du Hübsche“, murmelte sie leise. Wren blinzelte einmal zur Antwort, was Nina ein Lächeln entlockte. Gerne hätte sie die Hand durch die Gitter gestreckt und den Greifen gestreichelt, doch ihre Vorsicht siegte.

Lieber nichts überstürzen und erst einmal das Vertrauen der Greifen gewinnen.

In der Box neben Wren stand Vina, Shadows Mutter. Bei ihr war nur das Fell schwarz, das Gefieder war Cremefarben, was Nina unwillkürlich an einen Fischadler denken ließ. Vinas Blick wirkte so viel feindseliger als der von Wren, so dass Nina gar nicht erst in Versuchung kam, Blickkontakt herstellen zu wollen. Das unruhige Schnauben trug nur noch dazu bei.

Ninas Anwesenheit machte langsam auch die anderen Greifen nervös. Deshalb nahm sie etwas Abstand zu den Boxen und ging zurück in den vorderen Bereich des Stalls, wo jede Menge Ausrüstung lagerte.

Neben der Tür hingen ordentlich Gurte und Halfter. Jedoch keine Sattel.

Konnte man Greifen überhaupt reiten? Nina war sich nicht sicher, aber eine verschwommene Erinnerung legte die Vermutung nahe. Oder war das nur in einem Film gewesen?

Sie sah sich die Ausrüstung genauer an. Die Gurte, mit denen die Flügel festgebunden wurden, wie Robin erklärt hatte, waren aus robustem Leder und an der Innenseite weich gepolstert. Sie hatten etliche Ösen, wahrscheinlich damit man die Größe sowohl für einen als auch für beide Flügel anpassen konnten.

Die Halfter ähnelten denen, die man für Pferde nutzte, nur dass der vordere Teil – der für den Schnabel – kleiner war. Nina kannte diese Halfter von den Paraden, auch wenn sie da viel aufwendiger verziert waren als die, die hier im Stall hingen. Doch für Ausstellungen und Turniere gab es sicher Ähnliches. Wahrscheinlich in einem der Schränke, in denen Nina lieber nicht stöbern wollte, aus Sorge, etwas durcheinander zu bringen.

Sie schaltete das Licht wieder aus und ging zurück ins Cottage. Der Arbeitstag hatte sie müder gemacht, als sie erwartet hätte, und sie freute sich schon auf ihr Bett.

Doch als sie schließlich im Dunkeln lag, fand ihr Kopf keine Ruhe. Sie hatte so viel, worüber sie nicht aufhören konnte, nachzudenken. Vor allem Robins Worte kreisten ihr dabei immer noch unentwegt durch den Kopf.

War die Greifenzucht ihrer Großmutter wirklich zum Aussterben verurteilt? Auch wenn Nina gerade erst anfing, sich mit diesen Tieren zu beschäftigen, spürte sie mehr als nur Bedauern dabei.

Das Cottage und sogar die ganze Stadt waren so fest mit den Greifen verknüpft, dass es ein tragischer Verlust wäre, wenn es sie bald nicht mehr gäbe. Außerdem war es ein wertvolles Andenken an Josephine und an die Arbeit, die sie in die Zucht gesteckt hatte.

Robin hatte eine Lösung erwähnt, wie man die Zucht fortführen könnte. Neue Greifen kaufen und hoffen, dass sie paarungsfreudiger waren als der bisherige Bestand. Doch das war teuer, auch wenn Nina keine Zahlen kannte.

Konnte man vielleicht einen oder zwei der alten Greifen verkaufen? Würde das genug Geld bringen für ein neues Weibchen?

Vielleicht. Doch Nina hatte das dumpfe Gefühl, dass sie es sich mit diesem Vorgehen dann endgültig mit Robin verscherzen würde. Sie hatte es nie explizit gesagt, doch die Greifen zählten hier ähnlich wie Familienmitglieder. Die konnte man nicht einfach verkaufen.

Als Nina nach einer halben Stunde immer noch nicht schlafen konnte, griff sie zu ihrem Handy und fing an, einige der ungeklärten Fragen zu recherchieren.

Ihre Befürchtungen bewahrheiteten sich.

Ein weiblicher Greif im besten Zuchtalter war nicht für unter 50.000 Euro zu bekommen. Nina schluckte. Nein, das Geld hatte sie wirklich nicht zur Verfügung, selbst wenn sie ihr Auto verkaufen würde. Küken kosteten zwar deutlich weniger, aber Greifen wurden erst mit zwei Jahren geschlechtsreif. Und das würde für die meisten Greifen schon zu spät sein. Dann käme nur noch Shadow als Partner in Frage.

Als nächstes klickte Nina sich durch verschiedene Foren über Greifenzucht, doch da gingen die Meinungen weit auseinander, was man gegen ausbleibenden Nachwuchs tun konnte. Und Nina war sich sicher, dass Robin jeden einzelnen dieser Tipps kannte und schon ausprobiert hatte.

Und selbst wenn etwas davon funktionieren würde, machte es keinen guten Eindruck, wenn ein Laie jemandem Tipps gab, der sich schon sein ganzes Leben damit beschäftigte.

Doch in einem waren sich die Foren einig: Greifenzucht war ein extrem heikles Thema, und Nachwuchs war selten. Theoretisch konnten Greifen mehrmals pro Jahr ein einzelnes Ei legen, aber in der Praxis hatte man schon Glück, wenn es alle zwei Jahre so weit war. Und mit Pech noch später oder nie. Dagegen war die Zucht von Pandas wohl vergleichsweise unkompliziert.

Nina legte das Handy weg. Der helle Fleck des Bildschirms flimmerte noch vor ihren Augen.

Das war alles unbefriedigender, als sie es sich vorgestellt hatte. Aber irgendwas musste Josephine richtig gemacht haben, dass die Zucht Bailangryph so lange so gut funktioniert hatte.

Doch das war eine Frage, nach deren Antwort sie später weiter suchen würde, wenn sie in dieser Nacht zumindest noch ein paar Stunden Schlaf kriegen wollte.

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