Kitabı oku: «Das Buch ohne Titel»

Yazı tipi:


Lina Loos

DAS BUCH OHNE TITEL

Erlebte Geschichten

Herausgegeben von Adolf Opel


© Edition Atelier, Wien 2015 (Erste Auflage 2013)

www.editionatelier.at

Umschlag & Satz: Jorghi Poll

Umschlagbild und Fotos aus Privatbesitz

Druck: Bookprint Kft., Györ

ISBN 978-3-902498-70-0

Das Buch ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten, insbesondere für Übersetzungen, Nachdrucke, Vorträge sowie jegliche mediale Nutzung (Funk, Fernsehen, Internet). Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung des Verlags und des Herausgebers reproduziert oder weiterverwendet werden.

Mit freundlicher Unterstützung des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur.

INHALT

Adolf Opel: Vorwort des Herausgebers

Mein Testament

Familiengeschichten

Eine österreichische Familie

Meine Schwester und ich

Die Mutter und wir

Allererste Kindheitserlebnisse

Mein Bruder Karl

Es läutet!

Unsre Mutter

Mutter und der Erste Weltkrieg

Der Mann, der nur glücklich sein wollte

Die Tante Wetti

Ländliche Verwandte

Ein Familienstreit

Adolf Loos und ich

Am Peter-Altenberg-Stammtisch

Unsre Hochzeit

Episoden

Vandalen

Ein Warnungs- oder Erkenntnistraum

Theatergeschichten

Theater

Meine Herren Direktoren

Angsttraum

Krach

Theater im Theater

Gastspiel in Berlin

Was nicht alles passieren kann

Schauspieler

Abschied vom Theater

Freunde

Peter Altenbergs Flugversuche

Der erfundene Dichter. Erinnerungen an Egon Friedell

Wenn einer Dichter und Professor ist

Sommerreise 1927

Sommerreise 1931

Pst! Pst!

Menschenfreundlichkeit

Wie man träumt

Panik im Panoptikum

Berichtigung von Oskar Kokoschka

Sieveringer Geschichten

Sievering

Wie ich nach Sievering kam, und die Zukunft von Sievering

Sievering und Brasilien

Die Polizei und ich

Mein Sommerurlaub

Ein Sieveringer wird Doktor

Schneidermeister aus Wien

Ein Ausflug nach Sievering

Das Landesgericht und ich

Ein Wiener zieht nach Sievering

Ein Alltag

Der billige Fuchskauf

Instandhaltungsarbeiten mit Beihilfe

3 mal Sievering

Sievering, das schmale Tal

Tiergeschichten

Mein Freund Pieter

Biberle oder Ich ziehe aus

Biberle

Biberle, der Kannibale

Morde in Döbling

Ein Haus und vier Hunde

Tiere sprechen

Eine Frau, die schreibt, was sie will

Wie ich schreiben lernte

Liebe und Ehe in einem ganz neuen Licht

Die Weltlage Neunzehnhundertfünfunddreißig, gesehen durch den bildungsfreien Blick einer Frau

Mein erstes Filmmanuskript

Zwischen Sehnsucht und Erfüllung

Ein Frauenschicksal

Ich schreibe, was ich will

Lästige Fragen

Dokumentarischer Anhang

Zeittafel

für Felicitas und Mauro

VORWORT DES HERAUSGEBERS

Du bist die Welt, der Kosmos, das Universum – eingezwängt in einen kleinen Frauenleib …« – die geradezu hymnische Emphase in den Briefen von Adolf Loos an die zwanzigjährige Lina Obertimpfler – in der Verlobungszeit, im Mai und Juni 1902, als er seinen Waffendienst in Kremsier abdienen musste, schrieb er ihr fast täglich – mag sich aus seiner emotionellen Gestimmtheit im Augenblick des Schreibens erklären; sie mag auf den ersten Blick als wenig typisch für den großen Architekten und Lebensreformer erscheinen, der zeitlebens als Verächter der Phrase und jedes überflüssigen Ornaments aufgetreten war, der die Dinge mit unbestechlichem, nüchternem Blick betrachtete und sie auf ihre wahre Substanz zurechtschnitt; und der doch in bedingungslose, ins Metaphysische greifende Begeisterung ausbrechen konnte angesichts einer vollendeten Form (und sei es auch nur die eines Senftiegels) oder der Echtheit eines kostbaren Materials.

Der unbestechliche Blick eines Adolf Loos hat sich offensichtlich auch in diesem Fall bewährt: dem Erkennen eines Menschen, dessen Vorzüge bei aller Jugend bereits voll ausgeprägt waren, sodass seine weiteren Lebensstationen nur Anlässe dafür sein konnten, sie voll sichtbar werden zu lassen.

Zu ihrem 24. Geburtstag, im Oktober 1906, schrieb der Dichter Peter Altenberg an die von ihm inbrünstig und eifersüchtig verehrte »Heldenreizerin«, die »Ljuba« seiner Prosagedichte, einen Brief, der – neben dem üblichen, zu seinem Repertoire gehörenden Komplimenten an Linas »wunderbare aschblonden Haare, ihre hechtgrauen Augen, ihre ambrafarbige Haut« – auch folgende Sätze enthält: »Wir arbeiten an uns, indem wir das Schicksal und das Leben an uns arbeiten lassen! Mit dem Wagemuthe eines Schwimmers in dem Ozean haben wir bisher den zaghaften Philister, erlahmend und endgiltige Schicksale sich bereitend, zurückgelassen am sicheren, aber öden Strande! Mögen Sie nie abirren von sich selbst, theure, zarte Freundin! Werde, der du bist!«

Damit war von dem in vielem gleichgestimmten Peter Altenberg ein Lebens-Motto ausgesprochen, das Lina Loos bis an das Ende ihrer Tage begleiten sollte und das in ihrem eigenen Werk immer wieder als Leitmotiv erkennbar wird.

Der bedeutende Kulturhistoriker und Kabarettist, Platoniker und romantische Kantianer Egon Friedell, mit Lina Loos von Jugend an befreundet und ihr Bühnenpartner in seinem Goethe-Sketch, nannte sie – die sich von seinem phänomenalen Wissen nicht beeindrucken ließ und unbeirrbar ihren Weg verfolgte – die »Kohlhäsin«. Die Korrespondenz der beiden, die sich über viele Jahre erstreckt hat, ist ein ständiger Dialog:

»Egon – wenn ich sehe, wie du deinen großen, dir von Gott verliehenen Verstand dazu benützt, Menschen zu achten und zu verachten, nach deinem Gutdünken – dann danke ich immer heimlich Gott, dass er mich so töricht geschaffen hat.«

Der Gegensatz zwischen zwei Temperamenten und zwei Weltanschauungen lässt Funken sprühen – und es ist kein Wunder, dass Friedell in einem Gespräch mit Hugo von Hofmannsthal bekannt hat, dass er das deutsche Lustspiel – seit Jahren von ihm erwartet – nur in Zusammenarbeit mit einem einzigen Menschen schreiben könne: mit Lina Loos.

Zu der erwünschten Zusammenarbeit ist es nie gekommen. Auch Friedells beharrlich vorgebrachten Heiratsanträge hat Lina Loos immer wieder zurückgewiesen.

Franz Theodor Csokor schließlich, der Dramatiker und Dichter, ihr treuester und selbstlosester Verehrer – vom ersten Kennenlernen, gegen Ende des 1. Weltkrieges, bis lange über ihren Tod hinaus, als er, ihrer gedenkend, noch Briefe schrieb, die an ihr Grab am Friedhof in Sievering adressiert waren – preist sie in seinen Gedichten: »Du bist Erde und das Licht im Turm … Schauend in jeder Verwirrung! … Sein im Schein!«.

Dass Lina Loos ihn nach dem Anschluss im März 1938 in seinem Entschluss bestärkt hatte, ohne äußeren Zwang und gegen den Willen seiner engsten Angehörigen, Österreich zu verlassen und – nur seiner Überzeugung folgend – freiwillig in die Emigration zu gehen, wo er in einer siebenjährigen Odyssee durch Polen, Rumänien, Jugoslawien und Italien – ständig vom nachrückenden Krieg verfolgt, aber im Einklang mit sich selber – leben und überleben konnte, hat er ihr bis an sein eigenes Ende gedankt.

Für Lina Loos selbst – zu diesem Zeitpunkt bereits chronisch krank und in sich stetig verschlimmernder finanzieller Misere lebend – wäre eine Emigration wohl nicht mehr möglich gewesen; und so blieb ihr nichts übrig, als im »Reich des Antichrist« (wie es Egon Friedell wenige Jahre zuvor in einem Brief aus Nazi-Deutschland an Lina Loos genannt hatte) – das jetzt auf Österreich übergegriffen hatte und in dem »jede Regung von Noblesse, Frömmigkeit, Bildung, Vernunft von einer Rotte verkommener Hausknechte auf die gehässigste und ordinärste Weise verfolgt …« wurde – in größter Zurückgezogenheit zu vegetieren zu versuchen.

Sie sei »tapfer und kampfesmutig wie immer«, schrieb noch im September 1938 der befreundete Schriftsteller und Kritiker Oskar Maurus Fontana an den besorgten Csokor in seinem polnischen Exil. Wie kampfesmutig die nicht mehr junge, von der Todeskrankheit schon gezeichnete Lina Loos in jenen Schreckensjahren tatsächlich war; wie sehr sie die Maxime »Werde, der du bist!« in die Tat umzusetzen vermochte – das erfuhr man erst nach dem Krieg: aus Augenzeugenberichten, aus den Mitteilungen von Nachbarn, die überlebt hatten und zu reden wagten. Eine andere Lina Loos ersteht vor uns, die ihre Larven und Verpuppungen abgeworfen hat: nicht mehr die Freundin bedeutender Männer, die aparte Diseuse mit den hechtgrauen Augen aus dem »Cabaret Fledermaus«; nicht mehr die kaum motivierte Darstellerin von Nebenrollen am Deutschen Volkstheater oder die Schreiberin gefälliger und humorvoller Feuilletons in der Wochenausgabe des »Neuen Wiener Tagblattes«. Die großen Augenblicke in ihrem Leben, »Sternstunden«, wenn man sie so nennen will – in denen sie beweisen konnte, wer sie wirklich ist, die kamen erst jetzt.

9. November 1938: »Kristallnacht« im gesamten Deutschen Reich, dem jetzt auch die »Ostmark« angehört: auch in Wien werden Juden verhaftet, verhöhnt und gedemütigt, jüdische Geschäfte geplündert, Brandanschläge auf die Synagogen verübt, von denen alle – mit Ausnahme des Stadttempels in der Seitenstettengasse – restlos zerstört werden. Lina Loos begibt sich an die Tatorte der Ausschreitungen, folgt dem Tross der Brandstifter und Plünderer und spricht, unüberhörbar, an jedem Schauplatz immer wieder die Worte: »Ich bin Zeuge!« – »Ich bin Zeuge!« Wie durch ein Wunder entkommt sie unbehelligt.

13. April 1945: die Schlacht um Wien ist nach zehntägigen Straßenkämpfen und mehr als 50 Luftangriffen auf die Stadt beendet und die Rote Armee zieht ein. Lina Loos ist in Wien geblieben, sie hat sich nicht »evakuieren« lassen, obwohl sie die Möglichkeit dazu gehabt hätte. Auch Sievering, wo sie schon seit fast vier Jahrzehnten wohnt, liegt in der Kampfzone. Die in der Stadt verbliebene Bevölkerung erwartet sich von den einrückenden Russen das Schlimmste … Die 63-jährige Lina Loos wagt sich als einzige auf die Straße, sie kommt den Soldaten der Roten Armee mit Salz und Brot entgegen – und die siegreichen Russen akzeptieren wie selbstverständlich ihre Geste des Angebots von Frieden und Freundschaft. Sie sollen sogar ein erbeutetes Schwein geschlachtet und es den hungernden Bewohnern von Sievering geschenkt haben.

Nichts und doch alles schien die am 9. Oktober 1882 in Wien geborene Karoline Obertimpfler zu prädestinieren, ein Leben in geradezu existenziellem Widerspruch zu ihrem Umfeld führen zu müssen. Beide Eltern waren bäuerlicher Abstammung, ihre Spuren lassen sich nach Tirol und Niederösterreich zurückverfolgen, in der väterlichen Linie zu einem Ahnherrn namens Peter Mayr von der Lahn, der mit Andreas Hofer befreundet war; in der Familie hieß es sogar, die Obertimpflers seien durch die Familie Speckbacher mit Andreas Hofer selbst verwandt. Lina Loos hat es kaum der Mühe wert gefunden, diese Hinweise verifizieren zu lassen.

Der Vater Karl Obertimpfler war Cafétier und respektables Mitglied der Wiener Kaffeesiedergenossenschaft; er hatte seine Laufbahn als Delikatessenhändler begonnen, wurde dann Geschäftsführer im »Café de l’Europe« am Stephansplatz und konnte schließlich 1897 das »Grand Café Casa Piccola« in der Mariahilferstraße 1b erwerben. Vor allem dank der gegenüber seinen Gästen stets liebenswürdigen und originellen Erscheinung Obertimpflers übertraf der Erfolg des Caféhauses alle Erwartungen und bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges konnte die Familie ein beachtliches Vermögen anhäufen. Obertimpfler war ein Duzfreund Peter Altenbergs, der mit seinem Kreis – zu dem neben Adolf Loos, Oskar Kokoschka, Otto Erich Hartleben noch zahlreiche Wiener Schriftsteller, Publizisten und Künstler stießen – das »Casa Piccola« gerne frequentierte. Doch hinter den Kulissen sah es ganz anders aus: der alte Obertimpfler, wie er von den Stammkunden jovial genannt wurde, war seiner Familie – und vor allem gegenüber der eigenen Frau – ein egoistischer, eifersüchtiger und rechthaberischer Tyrann. Sich stets über den Mangel an Anteilnahme von Frau und Kindern beklagend, selber aber einsame Entscheidungen treffend, die schließlich zum geschäftlichen Ruin der Obertimpflers führen sollten, hat er zweifelsohne seinen Teil dazu beigetragen, dass Lina danach trachtete, diesem Strindberg-Milieu zu entkommen und – welche Möglichkeiten gab es sonst für ein Mädchen ihrer bürgerlichen Herkunft? – sich rasch in eine eigene Ehe zu flüchten …

Die Ehe der Eltern artete zusehends zu einer tragischen Groteske aus – immer häufiger hüllte sich Karl Obertimpfler zu Hause in den Mantel des Schweigens, um seine Frau zu bestrafen – und schließlich sprach er überhaupt nicht mehr mit ihr. Das Ehepaar verkehrte nur mehr brieflich miteinander, wenn es unumgänglich war – obwohl es nebeneinander in der »Casa Piccola« saß und den Ablauf des Geschäfts überwachte.

Auch Linas Mutter, Karoline, geborene Ockermüller, war eine begeisterte Kaffeesiederin, die in der Führung des Cafés – neben der Sorge um ihre Kinder – ihren Lebensinhalt sah. Ihrer Mutter, einer Frau mit angeborener Herzensbildung und verblüffendem Hausverstand, hat Lina Loos in ihren »Familiengeschichten« ein berührendes Denkmal der Liebe gesetzt. Immer wieder hat sie sich im Laufe ihres Lebens bei der einfachen, von keiner Schulbildung verformten Frau Ratschläge geholt, in Geld-, aber auch in Eheangelegenheiten.

Im Mai 1918 musste Karl Obertimpfler das »Grand Café Casa Piccola« verkaufen; er hatte seine gesamten Ersparnisse in Kriegsanleihen investiert und alles verloren. Der Krieg, sein Alter und wohl auch seine sich verschlimmernde Trunksucht schlossen dieses Kapitel ab. Der Verlust des Kaffeehauses ließ das letzte Band reißen, das das Ehepaar noch verbunden hatte. Im Dezember 1922 starb Karoline Obertimpfler mit 72 Jahren. Als ihr Mann spätnachts und reichlich angetrunken aus dem Wirtshaus nach Hause kam und seine Frau tot vorfand, soll er sich mit der Bemerkung »Mein Gott, wird das morgen ein Schmerz sein!« in aller Ruhe zu Bett gelegt haben.

Im Februar 1927 folgte er ihr nach. Viele Zeitungen widmeten dem beliebten Cafétier und Wiener Original launige Nachrufe.

Linas um acht Jahre älterer Bruder Karl – von den Eltern zunächst zum Pfarrer bestimmt, dann wegen sich wiederholender Frauengeschichten zu einem Schlosser in die Lehre gegeben – wurde unter dem Namen Karl Forest ein in Berlin und Wien bekannter Schauspieler; 1917 wurde er an das Deutsche Volkstheater in Wien engagiert, später an die Scala und an das Theater in der Josefstadt. Sein Alkohlkonsum, seine Eheaffären, die des Öfteren zu Skandalen und Nervenzusammenbrüchen führten, die er in Sanatorien ausheilen musste, standen einer kontinuierlichen Karriere im Wege – die 1938 mit dem Anschluss Österreichs ohnehin ein Ende fand. 1944 ist er dem Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten zum Opfer gefallen.

Auch über ihre ältere Schwester Helene hat Lina Loos geschrieben und das nostalgische Bild einer bei allen Wechselfällen des Lebens idyllischen Kindheit entstehen lassen, das auch einer plötzlichen Verarmung der Familie – die 1889 den Umzug in eine Parterrewohnung am Donaukanal mit sich brachte – positive Aspekte abzugewinnen vermag. Doch die Idylle innerhalb der Familie scheint in Wahrheit auch schon damals brüchig gewesen zu sein: Helene Obertimpfler rückt 1895, mit zwanzig Jahren, von zu Hause aus – zusammen mit einem ihren Eltern nicht genehmen Galan, der in der darauffolgenden Korrespondenz mit der verlorenen Tochter stets nur »Dülberg« genannt wird. Auch Jahre danach, als Helene ihren Entführer längst geheiratet hat, wirft sie in ihren Briefen den Eltern mangelnde Liebe und Zuwendung vor – ein Vorwurf, der die Mutter tief bekümmert, den Vater aber offenbar kalt gelassen hat.

Helene Dülberg gelang es, als Schriftstellerin anerkannt und in Künstlerkreisen akzeptiert zu werden; ihr Mann versuchte sich in dubiosen Verlagsgeschäften – und beide scheinen von finanziellen Zuwendungen seitens der Obertimpflers abhängig gewesen zu sein. Ärger noch aber war es wohl, dass auch die Ehe der Dülbergs in den Folgejahren nicht so verlief, wie die junge Frau es sich erwartet hatte. Tatsache ist, dass Helene Dülberg im Oktober 1908 unter Hinterlassung einer letztwilligen Verfügung und eines Briefes an die Polizeidirektion mit der Ankündigung ihres Selbstmordes, Mann und Wohnung verließ und von da an als verschollen galt; ob sie den Freitod in der Donau gesucht oder ob sie nur Spuren gelegt hatte, die auf einen solchen verweisen sollten, bleibt bis heute ungeklärt. Suchaufrufe erbrachten kein Lebenszeichen der Verschwundenen, eine Leiche ist nie gefunden worden. Zeitungen berichteten, dass einige Tage nach ihrem angeblichen Selbstmord eine Frau gesehen worden sei, auf die die Personenbeschreibung Helene Dülbergs gepasst habe.

Es war auch Helene Dülberg, die an einem Frühlingstag des Jahres 1902 ihre um sieben Jahre jüngere Schwester zum Peter-Altenberg-Stammtisch im »Löwenbräu« hinter dem Burgtheater mitnahm. Dort kam es zu der schicksalhaften Begegnung mit dem Architekten Adolf Loos – und zu seinem spontanen Heiratsantrag noch am selben Abend, den sie, zur Überraschung aller Anwesenden, ebenso spontan sofort akzeptierte. Dass eine von ihr aus Ungeschicklichkeit zerbrochene seltene Zigarettendose aus russischer Birke, die Loos gehörte, zu der ungewöhnlichen Werbung geführt hatte, ist eine Anekdote, die sie selbst berichtet und die man bis heute immer wieder zitiert, wenn von Lina Loos die Rede ist; untrennbar gehört sie zur Legende, die sich um das Paar Lina und Adolf Loos und seine Zeit gebildet hat.

Im Hinblick auf die von Lina Loos immer wieder bewiesene fanatische Wahrheitsliebe ist sogar anzunehmen, dass sich das alles genauso abgespielt hat, wie es von ihr geschildert wurde.

Möglicherweise hatte Lina Obertimpfler nur auf eine Chance gewartet, dem Beispiel der älteren Schwester folgen und jetzt ihrerseits von zu Hause ausrücken zu können. Zweiffellos war sie aber auch von dem um zwölf Jahre älteren Loos beeindruckt, dessen aufsehenerregende Artikelserie in der »Neuen Freien Presse« anlässlich der Kaiser-Jubiläums-Ausstellung 1898 sie gelesen und bewundert hatte. Um jene Zeit absolvierte sie eine Schauspielausbildung am Konservatorium der Stadt Wien – gegen den Willen der Eltern und möglicherweise ermutigt durch ihren Bruder Karl, der sich bereits in Deutschland im Engagement befand.

Spontane Heiratsanträge hat sie mehrere in ihrem Leben erhalten, unter anderem auch von Franz Lehár, der damals noch Militärkapellmeister war; akzeptiert hat sie allerdings keine mehr.

Am 21. Juli 1902 heirateten Lina Obertimpfler und Adolf Loos in Eisgrub, Mähren, totz der Bedenken ihrer Eltern, die – wie sich bald herausstellte, zu Recht – bezweifelten, dass Loos seine junge Frau standesgemäß erhalten können würde: er war bekannt dafür, gerne auf großem Fuß zu leben und mit Geld geradezu verschwenderisch umzugehen – lukrative Bauaufträge dagegen waren für Loos in jenen Jahren noch selten. Die Hochzeitsreise geht nach Dalmatien und Griechenland bis in die Türkei und dauert fünf Wochen. Nach seiner Rückkehr wohnt das Ehepaar Loos zunächst mehrere Monate lang im Hotel und sucht eine passende Wohnung. Mit finanzieller Unterstützung der Obertimpflers kann schließlich eine Wohnung im 5. Stock des Hauses Giselastraße 3 (heute: Bösendorferstraße, eine Gedenktafel für Adolf Loos ist dort angebracht) bezogen werden. Im Juli 1903 ist sie dann – ganz nach den Wünschen Adolf Loos’ und mit den von ihm angestrebten Raumwirkungen – fertiggestellt. Zugleich veröffentlicht Loos voll Stolz in der von Peter Altenberg herausgegebenen Zeitschrift »Kunst« ein Foto des Glanzstückes dieser Wohnung: »Das Schlafzimmer für meine Frau«. Das geräumige Bett mit weißen Fellen bedeckt, der Raum durch weißen Battist verhüllt, ist dieses Schlafzimmer geradezu eine Herausforderung an eine Epoche, die Intimes gerne in dunkle, unauffällige Kammern verbannt.

Das frühe Scheitern dieser Ehe scheint vorprogrammiert gewesen zu sein: Loos hat in seiner schönen jungen Frau offenbar vor allem das edle Menschen-Material gesehen, das er sich nach seinen Wünschen und Ansprüchen zurechtbiegen wollte – nicht aber die eigenständige, auf ihre individuellen Rechte pochende Persönlichkeit. Seine Briefe an sie aus jener Zeit sind, trotz des scherzhaften Untertons, verräterisch: »Mein Mädili! … Mädili soll ihre Kraft kennen. Aber nicht zur Geltung bringen. Das erste könnte dich und mich glücklich machen, das zweite dich vielleicht glücklich, mich aber sicher unglücklich machen – denn dann würde mir Mädi sicher bald einen Tritt geben. Nein, mir wäre es schon lieber, wenn Mädi keine große Frau würde …« (9. August 1904).

In ihrem Theaterstück Wie man wird, was man ist – das sie zeitlebens unter Verschluss gehalten hat; es wurde erst 1994 veröffentlicht und zu den Wiener Festwochen 1996 im »Loos-Haus« am Michaelerplatz uraufgeführt – hat Lina Loos den unglücklichen Verlauf ihrer Ehe und die Gründe dafür kaum verschlüsselt dargestellt: sie selbst und Adolf Loos sind die Protagonisten, die Nebenfiguren lassen sich als Friedell, Csokor und die exzentrische Laura Beer – die in Lina Loos’ Ehekrise eine zentrale Rolle gespielt hat – deuten. Das Stück ist Anfang der Zwanzigerjahre entstanden, als sich Lina Loos der Sprechbühne zuzuwenden begann und auch als Theaterautorin reüssieren wollte.

Auch ihre anderen Stücke und Stückentwürfe aus jener Zeit haben problematische Mann/Frau-Beziehungen zum Thema: Revolution, Im Pavillon, Die Geburt, Bürger von Anno Dazumal und Pomme de Terre/Der Erdapfel, dessen Hauptrollen sie sich selbst und ihrem Bruder Karl Forest zugedacht hatte.

Im Jahre 1904 ist das Ende der Ehe bereits in Sicht – und wir lernen eine neue Facette der Lina Loos kennen: die »femme fatale« – in buchstäblichem Sinne des Wortes. Opfer ist der 19-jährige Heinz Lang, Sohn der Frauenrechtlerin Marie Lang, für deren »Wiener Frauenclub« Adolf Loos vier Jahre zuvor die Inneneinrichtung gestaltet hatte. Heinz Lang, der sich am Akademischen Gymnasium auf seine Matura vorbereitete und später Medizin studieren wollte, gehörte bald zum engsten Kreis der Freundesrunde um Loos und Altenberg. Zunächst scheint Loos – dem bürgerliche Vorurteile stets ein Dorn im Auge waren – das sich vertiefende Verhältnis der beiden zu tolerieren; er gestattet es sogar, dass Lina ihrem jungen Verehrer für künstlerische Nacktfotos Modell steht. Doch dann muss er entdecken, dass seine Frau ihn bereits seit einem ganzen Jahr mit Heinz Lang betrügt – und das noch dazu in dem von ihm einem interessierten Publikum so einladend präsentierten »Schlafzimmer für seine Frau« …

Vor allem letzteres dürfte Loos seiner ungetreuen Frau nie mehr verziehen haben. Er schickt sie allein in das Dorf Kals in Tirol, dort, in Quarantäne, soll sie über ihre Lage nachdenken und zur Besinnung kommen. Loos hat sich inzwischen dazu durchgerungen, Lina freizugeben, falls sie sich gegen ihn und für den Jüngeren entscheiden sollte; er teilt seine Absicht Heinz Lang mit, der in Kidderminster bei Birmingham seinen Sommerurlaub bei einer befreundeten Familie verbringt. Lang scheint daraufhin fest damit gerechnet zu haben, dass Lina zu ihm nach England kommen würde – doch diese war offenbar zu dem Entschluss gekommen, ihren eigenen Weg zu gehen und sich von beiden Männern zu trennen. Sie begleitete zwar Loos an den Genfersee, wo ein Auftrag – die »Villa Karma« in Clarens – auf ihn wartete, begab sich aber in die Obhut der befreundeten Laura Beer, der Frau von Loos’ Bauherrn, und trat anschließend – wieder mit finanzieller Hilfe ihrer Mutter, die ihre Unabhängigkeitsbestrebungen von ganzem Herzen unterstützte – einen Kuraufenthalt in Vevey an. Von dort schickte sie einen rekommandierten Absagebrief samt Foto an Heinz Lang; beides erreichte ihn am 27. August 1904. Eine Minute nach Erhalt dieses Briefes – so teilte der mit der Familie Lang befreundete Schriftsteller Stefan Grossmann kurz darauf Lina Loos lakonisch mit – habe sich Heinz Lang in einer Jagdhütte in Falling Sands mit einem Armeerevolver erschossen. Man fand bei ihm Fotos von Lina Loos und einen begonnenen, aber nicht abgeschickten Brief an sie.

Nicht nur die Zeitungen berichteten über die skandalträchtige Affäre, auch in den Wiener Salons wurden der Selbstmord und seine Begleitumstände ausgiebig erörtert. Arthur Schnitzler hat in seinem Fragment gebliebenen Stück Das Wort diesen Fall und die darin verwickelten Personen verfremdet nachgezeichnet; erst 1966 wurde es im »Theater in der Josefstadt« uraufgeführt und 2002 sogar – eine zweifelhafte Hommage – unter Auflösung der von Schnitzler gewünschten Verfremdungen als Affäre Lina Loos in Reichenau gespielt.

Im Jahre 1904 kam es auch zu den ersten Zeitungsveröffentlichungen von Lina Loos. Sie debütierte am 14. August im »Neuen Wiener Tagblatt« mit Vandalen (Brief einer Dame); es war tatsächlich ein Brief, den sie an ihren Mann geschrieben hatte: Loos war von dessen Inhalt so angetan, dass er ihn der Zeitung zur Veröffentlichung schickte. Ob das mit ihrem Einverständnis geschehen war, sei dahingestellt – jedenfalls hat Adolf Loos seine Frau in eine schriftstellerische Laufbahn geradezu hineingestoßen. Im selben Jahr publizierte sie auch Aphorismen, sichtlich angeregt durch Peter Altenberg, aber auch Oscar Wilde, dessen geistvolle Aperçus sie mit der Hand abschrieb und zusammen mit anderen »Leseblüten« aufbewahrte.

Für Lina Loos begannen Wanderjahre – offensichtlich wollte sie auch räumlichen Abstand zu den Ereignissen gewinnen, die so großes Leid und Aufsehen verursacht hatten. Die abgeschlossene Schauspielausbildung kam ihr zugute und ein Engagement an das deutschsprachige Irving Place Theater in New Haven, U.S.A., kam zur rechten Zeit: Am 18. Jänner 1905 verließ sie Europa an Bord der »S.S. Deutschland«; in Genua erreichte sie noch ein letzter Brief von Adolf Loos, der möglicherweise noch mit ihrer Rückkehr rechnete, und eine Glückwunschnote von Laura Beer – auch sie eine Selbstmordkandidatin.

Unter dem Pseudonym »Carry Lind« trat sie am 15. März 1905 in Amerika als »Luise« in Kabale und Liebe erstmals auf und konnte einen Erfolg bei Presse und Publikum buchen. Doch es hielt sie nicht lange in der Neuen Welt – und wenn Franz Theodor Csokor Jahrzehnte später schreibt, das Leben von Lina Loos sei zwischen den Fixpunkten New York und Sievering verlaufen, so handelt es sich zweifellos um den liebevollen, aber gar nicht nötigen Versuch, die bewunderte Frau zur Weltbürgerin zu stilisieren. Denn schon nach wenigen Monaten kehrte sie nach Europa zurück und spielte, ihr Pseudonym häufig wechselnd, an diversen Theatern in Norderney, Berlin, Leipzig und St. Petersburg.

Die einverständliche Trennung der Ehe mit Adolf Loos »wegen unüberwindlicher Abneigung« wurde am 19. Juni 1905 gerichtlich bestätigt. Bis 1906 ist Lina Loos noch in der gemeinsamen Wohnung in der Giselastraße gemeldet; drei Jahre später findet sie dann die Wohnung, die bis zu ihrem Tod ihr geliebtes Refugium bleiben soll: in dem eben fertiggestellten Haus in der Sieveringer Straße 107, das ein Mitarbeiter von Adolf Loos, Ernst Epstein – der spätere Bauleiter des »Loos-Hauses« am Michaelerplatz –, entworfen hat. Zunächst nur als Sommerwohnung gemietet und mit den Möbeln ausgestattet, die sie aus der Giselastraße mitnimmt, wird sie nach einer gründlichen Renovierung ab 1911 zu ihrem ständigen Wohnsitz. Die Einrichtung durch Adolf Loos – vor allem die Rekonstruktion des ganz in Weiß gehaltenen Schlafzimmers – dürfte Teil des Arrangements zwischen den Geschiedenen gewesen sein, da Loos ja die mit dem Geld der Obertimpflers finanzierte Wohnung in der Giselastraße für sich behielt.

Für die Schriftstellerin Lina Loos waren die Jahre zwischen 1904 und 1919 wenig ertragreich. Sie wechselt oft die Engagements als Schauspielerin, ein chronisch werdendes Lungenleiden verursacht immer wieder Unterbrechungen ihrer Arbeit. Anfang 1907 muss sie mehrere Monate im Sanatorium Schwarzeck im Schwarzwald verbringen. Im Oktober dieses Jahres ist sie einer der Stars im neueröffneten »Cabaret Fledermaus« in Wien.

Auch 1908, im zweiten Jahr der von der »Wiener Werkstätte« eingerichteten »Fledermaus«, ist Lina Loos als Diseuse und Rezitatorin mit dabei; sie beteiligt sich auch, zusammen mit Friedell, an deren Gastspielen in Deutschland. Zwei Jahre später ist sie am »Linden-Cabaret« in Berlin engagiert und – schon während des 1. Weltkriegs – auch im »Cabaret Simplicissimus« in Wien. Meist tritt sie in diesen Jahren unter dem Künstlernamen »Lina Vetter« auf – was auf einen neuen Mann in ihrem Leben verweist, dem sie sich zugehörig gefühlt hat; auch in der Korrespondenz und in den Anmerkungen Csokors taucht ein »Herr Vetter« auf, dem Lina Loos nahestand.

Die für sie wichtigste Beziehung in jener Zeit bestand aber zweifellos zu Dr. Herbert Fries, einem jungen Anwalt, der wie sie in der Sieveringer Straße wohnte. Bei Ausbruch des 1. Weltkriegs wurde Dr. Fries an die Ostfront geschickt, er fiel schon im ersten Kriegsjahr. Als Csokor, Linas allzeit getreuer Paladin, auf seiner Flucht von Polen nach Rumänien während des 2. Weltkriegs durch Rawa Ruska kam – den Ort, wo Dr. Fries umgekommen war –, versäumte er es nicht, von dort an Lina zu schreiben und ihres toten Verlobten zu gedenken.

Bevor Dr. Fries 1914 zum Militär eingezogen wurde, hatte er noch sein Testament verfasst, das im Falle seines Todes die jährliche Auszahlung einer größeren Summe an Lina Loos vorsah. Sie weigerte sich, dieses Legat anzunehmen.

Lina Loos mag diesen für ihr Unabhängigkeitsstreben so charakteristischen Entschluss später vielleicht bereut haben – denn mit dem Verlust und Verkauf des »Café Casa Piccola« noch vor Ende des Krieges war auch die finanzielle Basis verloren, die ihr – und ihrem Bruder Karl – bisher die ernsthaftesten Existenzsorgen erspart hatte. In späteren Jahren hat sie, wenn es ihr schlecht ging, gelegentliche finanzielle Zuwendungen ihrer Freunde – vor allem Friedell und Csokor – nicht mehr zurückgewiesen.

Ende 1914 wird ihr Lungenleiden wieder akut und die Eltern ermöglichen ihr – zum letzten Mal – einen längeren Sanatoriumsaufenthalt in Davos. Sie genießt diese Zeit in der von allem Kriegsgeschehen abgeschotteten Schweiz so gut es geht, betreibt Wintersport und lässt sich auf ablenkende Flirts mit anderen Patienten ein – doch hinter all diesen Vordergründigkeiten lauert überwältigend die unbarmherzige Dimension des Krieges, die sie nicht wegschieben kann – im Gegensatz zu den anderen Kranken, die fast ausschließlich um ihr jeweiliges Tagesbefinden bangen. Vermutlich haben die Monate in Davos den Anstoß dazu gegeben, dass Lina Loos zur engagierten Schriftstellerin geworden ist. Ab 1919 finden wir Artikel, Aphorismen, Feuilletons und Theaterszenen von Lina Loos mit zunehmender Häufigkeit in Zeitschriften und Tageszeitungen abgedruckt; sie selbst hat diese Arbeiten zunächst vermutlich als willkommenen Extraverdienst und als journalistisches Nebenprodukt einer Schauspielerin taxiert – nie fehlt neben ihrem Autorennamen der stolze Hinweis »Mitglied des Deutschen Volkstheaters« oder, ab 1933, »Mitglied der Scala (Wien)«, Von 1921 bis 1936 ist sie an diesen Theatern, die beide von Direktor Dr. Rudolf Beer geleitet wurden, engagiert.

Am 8. März 1921 wird ihr einaktiges Stück Mutter am Deutschen Volkstheater in Wien uraufgeführt und kommt in einer broschierten Ausgabe im Gloriette-Verlag heraus. Formal und inhaltlich total einem expressionistischen Gestus verpflichtet – und vermutlich von Csokor inspiriert, dessen Rote Straße im selben Jahr in Brünn, von Dr. Rudolf Beer inszeniert, herauskam und seine erfolgreiche Karriere als Dramatiker einleitete – zeigt diese Arbeit eine ihren gültigen Ausdruck noch suchende Lina Loos. Es bleibt – trotz wohlwollender Kritiken – die einzige Bühnenaufführung eines ihrer Stücke zu Lebzeiten.

Bis in die Dreißigerjahre hat Lina Loos noch weitere Bühnenwerke verschiedenen Genres verfasst; und 1937, zusammen mit dem befreundeten filmerfahrenen Schauspieler Rudolf Forster (dem unvergessenen »Mackie Messer« aus dem Dreigroschenoper-Film, der auch als Bühnen- und Filmpartner von Elisabeth Bergner brillierte) ein ausführliches »Treatment für Tonfilm«, Schau in die Ewigkeit (Legende vom inneren Licht).

Keines dieser Projekte konnte realisiert werden. Sie zeigen auch nicht sehr viel von der eigentlichen Lina Loos.

Großen Erfolg und Anklang fanden dagegen ihre Geschichten und Feuilletons, die zwischen 1927 und 1943 – zunächst allwöchentlich, mit Beginn des 2. Weltkriegs immer seltener – in der Wochenausgabe des »Neuen Wiener Tagblattes« erschienen sind. Schon Anfang der Dreißigerjahre schlug Csokor ihr vor, die besten dieser Texte in einem Buch zu sammeln, da sie zu schade seien für einen einmaligen Abdruck in Tageszeitungen. Erst 1947 sollte es mit der Publikation von Das Buch ohne Titel zur Verwirklichung dieses Vorhabens kommen.

Die Jahre bis zum Kriegsausbruch verbrachte Lina Loos fast ausschließlich in Wien: zwischen ihrer Wohnung in Sievering und dem Theater, wo sie – zur Erleichterung karrierebewusster Kolleginnen – nur die kleineren Rollen spielte und sich selbst vor diesen zu drücken versuchte, wenn immer es nur ging. Sie besuchte Cafés und Stammtische und gelegentlich, zusammen mit Csokor und Friedell, die literarischen und gesellschaftlichen Wiener Salons. Im Herbst 1927 unternahm sie eine kurze Reise nach Berlin, um dort die junge Schauspielerin Margarethe Köppke zu besuchen, die zum intimsten Freundeskreis gestoßen war; 1930 starb die psychisch labile, am Anfang einer großen Karriere stehende junge Frau durch Selbstmord. Lebenslange Freundschaften entstanden in dieser Zeit auch mit Kerstin Strindberg, der Tochter des großen Schriftstellers, die während des Krieges und auch in der ersten Zeit danach, Lina Loos mit Lebensmittelpaketen und Medikamenten aus Schweden versorgte; und mit Leopoldine Rüther, Angestellte bei der Österreichischen Tabakregie, die Lina Loos in den schweren Jahren umsorgte und pflegte und von ihr zur Erbin und Nachlasswalterin bestimmt wurde. Die begabte Zeichnerin »Le« Rüther hat auch die Erstausgabe von Das Buch ohne Titel illustriert.

Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich und dem Freitod Egon Friedells am 16. März 1938 – er stürzte sich aus dem Fenster auf die Straße, als SA-Leute in seine Wohnung eindrangen – zog sich Lina Loos fast ganz aus der Öffentlichkeit zurück. Ihre Freunde waren emigriert, verhaftet oder hatten ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt. Am Theater hatte man keine Verwendung mehr für sie, und auch ihre Publikationsmöglichkeiten waren drastisch eingeschränkt. Zu ihrer Lungenkrankheit gesellte sich auch noch ein Nierenleiden; beide verschlechterten sich zusehends, war es doch in den Kriegs- und Nachkriegsjahren so gut wie unmöglich, die erforderlichen Medikamente und eine geeignete Diät zu erhalten. Wenn es ihr besonders schlecht ging, so, dass sie nicht einmal mehr die Kraft aufbringen konnte, selbst zu schreiben, diktierte sie der treuen Gefährtin Leopoldine Rüther ihre Briefe und alles, was sie schriftlich festhalten wollte.

Während der letzten Jahre ihres Lebens befasste sich Lina Loos vor allem mit der Ausarbeitung eines umfangreichen philosophischen – am ehesten der Theosophie zuzurechnenden – Werkes mit dem Titel: Primitive Vorstellungen einer Frau vom Anfang bis zum Ende alles irdischen Geschehens: bereits 1937 begonnen und ihrem Lebensmenschen Leopoldine Rüther gewidmet, werden in 14 Kapiteln Themen wie Das Verharrende schließt das Treibende ein, Kraftfelder, Entartungen der Zelle oder Der Weg zu Gott abgehandelt. Bibelzitate, symbolistische Gedichte, dramatische Skizzen und farbige schematische Zeichnungen ergänzen das Werk, das unvollendet geblieben ist.

1947 erschien Das Buch ohne Titel, Lina Loos’ einzige Buchveröffentlichung zu Lebzeiten. Nach 1945 begann sie dann wieder zu schreiben – jetzt im »Österreichischen Tagebuch« und in der kommunistischen »Stimme der Frau«: die Geschichten und Traktate, die man dort lesen konnte, haben ihre bisherige Leserschaft zweifellos vor den Kopf gestoßen; sie lernten eine parteiliche, politisch engagierte Lina Loos kennen, die darüber hinaus auch zum ersten Mal in ihrem Leben eine öffentliche Funktion annahm – sie wurde Vizepräsidentin des »Bundes demokratischer Frauen«, gehörte dem »Österreichischen Friedensrat« an und bekannte öffentlich, erst jetzt die ihr gemäße Aufgabe gefunden zu haben, die sie ein Leben lang gesucht hatte.

2. bis 6. Juni 1950: Lina Loos stirbt einen langen und qualvollen Tod im Wiener Allgemeinen Krankenhaus, in das sie von ihrem Hausarzt eingewiesen wurde – gegen ihren Willen, da Leopoldine Rüther sie zu Hause aufopfernd pflegte. In einem Augenzeugenbericht Frau Rüthers heißt es: »Sie starb an der Finsterer-Klinik und ich wurde als Nächststehende unter ihren Freunden Zeugin skandalöser Vorgänge. Unter großen Schwierigkeiten gelang es mir, die Erlaubnis, in der Sterbenacht bei der Kranken bleiben zu dürfen, zu erwirken. Bei vollem Bewußtsein mußte Lina Loos drei Tage lang die ununterbrochenen Hinweise auf ihr baldiges Ende mitanhören. Sogar im Beisein von uns Freunden geschah dies.

Daß der Geistliche bei ihr war, die letzte Ölung gab, ist beinahe selbstverständlich – obzwar gebeten wurde, es zu unterlassen, da der hoffnungslose Zustand verheimlicht werden sollte. In den letzten Stunden umgab die Sterbende eine wohltätige Agonie – jedoch nicht Bewußtlosigkeit. Durch eine Herzinjektion wurde dieser Zustand unterbrochen, wodurch die körperliche Qual unbeschreiblich gesteigert wurde.

Schmerzstillende Injektionen durften die Schwestern nicht verabreichen. Die Herzinjektion gab ihr eine der geistlichen Schwestern – ohne jeden Auftrag, nur mit der ungeheuerlichen Begründung: die Sterbende müsse tunlichst bei Bewußtsein vor Gott erscheinen!

Meine schwachen Abwehrversuche hatten zur Folge, daß ich die Sterbende verlassen mußte und mir – die ich selbst dem Zusammenbruch nahe war – angedroht wurde (alles im lauten keifenden Ton), man würde mich wegen Abhaltung religiöser Pflichtausübung zur Verantwortung ziehen!

Unter lauten Ausrufen mußte die Sterbende versuchen, ein Gebet zu sprechen – wozu sie nicht mehr imstande war – ich kann nicht schildern, welch herzzerreißenden Anblick diese Quälerei bot …«

So scheint ihr allererster Lebenswunsch doch noch in Erfüllung gegangen zu sein. Als die halbwüchsige Lina Loos in der Schule gefragt worden war, welchen Beruf sie sich wünsche, hatte sie ganz ernsthaft geantwortet: Märtyrerin!

Adolf Opel


»Lina Loos, die berühmte Wiener Diseuse, feiert in Berlin am Passagetheater neue Erfolge.«

Deutsche Illustrierte Zeitung, Berlin, 15. Oktober 1911

MEIN TESTAMENT

Wenn ich tot bin, hinterlasse ich Güter von unermeßlich großem Wert: Die Erde! Wälder und viele Wiesen! Den Frühling und den Winter im Gebirge! Das Meer! Die Sonne und die Gnade Gottes! All diese Reichtümer meines Lebens hinterlasse ich euch ungeschmälert!!

Lina Loos

LINA LOOS DAS BUCH OHNE TITEL

FAMILIENGESCHICHTEN
Eine österreichische Familie

Es lebte einmal ein Bauer in Niederösterreich, im Ort Sieghartskirchen, der hatte als erster die gute Idee, so viel Kleesamen, als er nur bekommen konnte, zu kaufen und nach Amerika auszuführen; Kleesamen war damals dort ein sehr begehrter Handelsartikel. Infolgedessen wurde der Bauer ein reicher Großkaufmann und in weiterer Folge mein Großvater.

Bei uns Kindern war es ein beliebtes Spiel, die Mutter, die immer eine heimliche Liebe zu Sieghartskirchen behielt, zu fragen: »Mutter, wieviel Häuser hat Sieghartskirchen?« Und wenn sie, um uns eine Freude zu machen, sagte: »Mehr als hundert«, schrien wir im Chor: »Jö, die Mutter schneid’t auf«, denn wir fühlten uns, kaum geboren, bereits als überlegene Wiener Großstädter. Immer mußte sie uns Geschichten von Sieghartskirchen erzählen; wie sie selbst, noch ein Kind, im sechsundsechziger Jahre im Wald versteckt wurde, weil die bösen Preußen nahten. In einer großen »Kaleß« voll mit Lebensmitteln, in Begleitung eines Knechtes und einer Magd, wurden die Kinder in den undurchdringlichen Wäldern vor dem heranziehenden Feind versteckt. Bei der Schilderung von der Kuh, die hinten am Wagen angebunden war, und dem Hund, der mitlief und durch sein Bellen alle in große Gefahr brachte, glänzten bereits unsre Augen, und wir wünschten uns damals nichts sehnsüchtiger als einen Krieg. Wir sahen uns schon im Prater versteckt, wenn möglich im Wurstelprater. Der Weltkrieg hat mich begreiflicherweise dann später etwas enttäuscht.

Dann erzählte sie uns, wie im ersten Stock im »Blauen Zimmer« bei den Großeltern, die im Hause geblieben waren, der erste provisorische Friedensvertrag zwischen Preußen und Österreich geschlossen wurde. Es war wirklich so.

Bei den Worten »Blaues Zimmer« lief uns ein leichter Schauer über den Rücken, denn die Mutter sprach es immer so feierlich aus, daß Sieghartskirchen wieder stark in unsrer Achtung stieg.

Oder sie mußte erzählen, wie sie alle einmal bei Tisch saßen, die Großeltern und alle vierzehn Kinder, und wie der Großknecht hereinkam mit der aufregenden Mitteilung, daß das neue Pferd schlagend sei, und wie sie dann alle sechzehn um das Pferd herum standen und wie das Pferd sofort schlagend bewies, daß es schlagend sei und einen Bruder meiner Mutter auf den Bauch schlug. Und wie er, den Bauch reibend, geschrien hat: »Die ganze Familie steht herum, und gerade mich muß es treffen?«

Oder: Wie eines der Kinder einmal schwer krank wurde und die Großmutter noch in der Nacht anspannen ließ und einen Knecht mit dem Wagen nach Wien schickte mit dem Auftrag, einen Professor zu bringen, und wie der Professor, erfroren und übernächtig, ankam, ohne sich auszuziehen an das Bett trat, einen Blick auf das bewußtlose Kind warf und sagte: »Und deswegen lassen Sie mich in der Nacht aus Wien holen, ich sehe doch sofort, da ist nichts mehr zu machen.« Und wie die Großmutter sich zu dem Knecht umdrehte und sagte: »Hab’ ich dir nicht gesagt, du sollst einen Professor holen? Und du Tepp hast da einen Wahrsager erwischt.« Und wie den Professor fast der Schlag getroffen hat vor der wilden Energie der Großmutter.

Das kranke Kind lebt übrigens heute noch als alter Onkel in bester Gesundheit.

Mein Großvater war nicht nur Bauer und Kaufmann, er war auch ein großer Kunstfreund, er fuhr in seinem Wagen von Sieghartskirchen zu jeder größeren Premiere nach Wien. Sein besonderer Liebling war Nestroy; selbstverständlich verlangte und erhielt jeder einzelne Käufer, der in den Laden kam, einen genauen Bericht. So blieb der ganze Ort in ständiger Kunstverbindung mit der Kaiserstadt.

Bei diesen Reisen übernachtete der Großvater immer im »Schwarzen Adler« in Rudolfsheim. Als sich die Großeltern im Alter vom Geschäftsleben zurückzogen, kauften sie der Einfachheit halber den ganzen Adlerhof, und der ist bis heute im Besitz unsrer Familie geblieben. Betreffs dieses gehöre ich leider nicht mehr zur Familie.

Auch eine aufregende Kriminalgeschichte hat sich einmal in Sieghartskirchen ereignet.

Jeden Sonntag kamen die Bauern von weit und breit in ihren Fuhrwerken angefahren, um nach dem Kirchenbesuch bei den Großeltern einzukaufen. Am nächsten Tag saß dann die ganze Familie um einen großen Tisch, Berge von vermudelten, fetten Guldenzetteln mußten glattgestrichen und gebündelt werden. Eines Tages wurde nun entdeckt, daß Geld fehlte; man stand vor einem Rätsel. Entwendung kam nicht in Frage, Geschäftsrückgang (gute alte Zeit!) kam nicht in Frage, und es fehlte aus der Lade mit den Guldenzetteln immer wieder Geld, trotz Zählen und Aufpassen.

Die Großmutter ließ nicht anspannen, sie schickte den Knecht nicht um einen Detektiv nach Wien, sie beschloß, die Sache selbst zu ergründen.

Eine Zeitlang schien es, als ob meine Großmutter kein Sherlock Holmes sei, aber das blaue Auge des Gesetzes siegte doch. Als sie einmal die Geldlade ganz herauszog und sie einer fachmännischen genauen Untersuchung unterwarf, entdeckte sie an der Rückwand der Lade eine Lücke und die ersten Spuren. Es waren zwar keine Fingerabdrücke, aber doch Spuren, wie sie Verbrecher gern an dem Tatort zurücklassen.

Als sie der Sache nachging, fand sie dann im Kasten die ganze Diebsbande. Eine Mäusemutter hatte durch die Lücke die fetten und wohlriechenden Guldenzettel gezogen und ihren Kindern ein reizendes, weiches, warmes Nest aus lauter zerbissenen und zerkauten Guldenzetteln gebaut.

Das blaue kostbare Nest wurde lange in der Familie aufbewahrt, und niemand konnte es sehen, ohne daß ihm die Haare zu Berge standen. Um die Mäusefamilie, die doch sicher die reichste Mäusefamilie war, die je gelebt hatte und die plötzlich verarmt und obdachlos geworden war, kümmerte sich niemand – so sind die Menschen, so waren sie, und so sind sie noch heute.


Als meine Mutter heiratete (1873), bekam sie von ihren Eltern das größte Delikatessengeschäft von Wien (Stalzer am Lichtensteg) zum Hochzeitsgeschenk. Meine Eltern verkauften es später an einen Herrn, dem es heute noch gehört.

Wir Kinder dachten natürlich, das Leben würde immer so weitergehen: Mandeln, Rosinen, Datteln, wohin das Auge blickt, in Hülle und Fülle. Märchenerzählungen vom Knusperhäuschen oder vom Schlaraffenland machten daher gar keinen Eindruck auf uns.

Unsre Sehnsucht war es, mit bloßen Füßen frei auf der Straße herumlaufen zu dürfen, in Lacken so zu patschen, daß der Schlamm durch die Zehen glitscht. Wir sahen voll Neid durch die Auslagen auf die glücklichen Kinder der Straße, und die armen Kinder sahen voll Neid in unsre Auslagen.

Aber so ist das Leben, eine ständig wechselnde Sehnsucht.

Später stand ich vor den Auslagen und schaute voll Neid hinein, und die Geschäftsleute behaupteten, daß ihnen bereits der Schlamm aus den Schuhen glitscht.

Meine Mutter übertrug in späteren Jahren ihre heimliche Liebe für Sieghartskirchen auf den Kahlenberg.

Wenn es irgendwie möglich war, fuhr sie Samstag abend hinauf, blieb im Hotel über Nacht und ging den nächsten Tag, den Morgen recht genießend, nach Nußdorf hinunter.

Bis in ihr hohes Alter, immer noch sehr gut zu Fuß, frönte sie dieser Leidenschaft.

Da geschah es an einem wunderschönen Sonntagsmorgen, daß meine Mutter, besonders unternehmungslustig, beschloß, die steile Wiese direkt hinunterzugehen.

Das hätte sie nicht tun sollen!

Ausflügler hatten sich bereits mit Kind und Kegel auf der Wiese häuslich niedergelassen. Sie saßen wie Blumenbüschel, die sich friedvoll sonnen, in Gruppen beisammen, fernab dem Großstadtgetriebe mit seinen lästigen Sensationen.

Da erschien meine Mutter am Horizont. Wie es angefangen hat, weiß man nicht, aber kaum hatte meine Mutter die Wiese betreten, als sie die Herrschaft über ihre Beine verlor und ins Laufen kam … Den Ausflüglern bot sich plötzlich ein seltsam sonderbares Bild: Eine ältere Dame lief mit zunehmender Geschwindigkeit, in der einen Hand einen Schirm und in der andern eine Handtasche schwenkend, den Hut schief auf dem Kopf, die Wiese hinunter. In kühnen Sätzen, jedes Hindernis nehmend, sprang sie über ausgebreitete Tischtücher, über Teller und Gläser. Mütter rissen im letzten Moment noch die Kinderwagen an sich. Ein junger Mann versuchte, meine Mutter einzuholen und zu fangen; aber sie hatte bereits ein solches Tempo erreicht, daß sein Unternehmen erfolglos blieb. Sie sauste, hinter ihr der junge Mann und ein bellender Hund, der sich begeistert an der wilden Jagd beteiligte, talabwärts. Meine Mutter hatte, wie sie oft selbst tränenlachend erzählte, nur einen Wunsch – doch endlich einmal schon in einem Graben zu liegen! Und da lag sie auch schon! Der junge Mann hob sie auf, und nachdem er sich überzeugt hatte, daß nichts passiert war, gratulierte er meiner Mutter zu dieser zwar unfreiwilligen, aber doch fabelhaften sportlichen Leistung.


Das Ende dieser Geschichte einer österreichischen Familie möchte ich nicht schreiben –, es würde zu österreichisch ausfallen. Es gab einige jähe Abstürze – aber das Lachen ist uns allen geblieben, und das sind doch die einzigen, immer gleich wertvoll, immer gleich bekömmlich bleibenden Rosinen des Lebens.

Meine Schwester und ich

Wir verarmten und zogen in eine Parterrewohnung am Donaukanal. Ein Abstieg für die Erwachsenen –, da ich aber ein Kind von sieben Jahren war, wohnten wir natürlich herrlich in einem Hause mit vielen Kindern, nahe der Donau, und vom Zimmer aus konnte man direkt in den Hof gehen.

Im Hof lagen Bretter vom Tischler, ein Schuppen war da, eine Katze und in einer Ecke ein Grab mit einem Kreuz. Hier ruhte in einer Zündholzschachtel eine grüne Heuschrecke. Sie hatte sich hierher verirrt, war verschieden und kam durch mich ganz unerwarteterweise zu einem christlichen Begräbnis.

Im Winter erlaubte mir die Hausmeisterin, im Hofe Schnee zu kehren. Der Lehrbub vom Tischler lieh mir einen von seinen Schlittschuhen – mit dem zweiten lief er. Ich habe später nie richtig Schlittschuh laufen gelernt, das heißt: mit dem rechten Fuß lief ich wundervoll, aber der linke hat es nicht mehr erfaßt, er war es von Jugend auf nicht gewöhnt.

Ich fühlte mich also gar nicht arm, und die Kinder, die ohne Hof, Straße und Donau aufwachsen, tun mir heute noch leid. Für Kinder kann doch Reichtum nur etwas Hemmendes und Lästiges sein.

Ich wäre also soweit ganz zufrieden gewesen, aber leider hatte ich eine Schwester, die um sieben Jahre älter war. Ob reich, ob arm – eine ältere Schwester ist schrecklich. Sie fühlt sich erwachsen, übernimmt Muttersorgen, weiß alles besser, ist unerbittlich, und wenn sie nicht doch noch von der Mutter ab und zu eine »fangen« würde, wäre ihre Würde schlechthin unerträglich.

Sie sagt: »Was wünschest du dir zu Weihnachten?« »Eine Puppe«, sage ich. »Eine Puppe?« sagt die Schwester verächtlich und höhnisch. »Gott, wie kindisch!« Ich sage: »Keine so gewöhnliche Puppe! Sie muß als Braut angezogen sein, ein Atlaskleid haben, einen Schleier, einen Kranz und blonde Haare, die man wirklich kämmen kann.«

»Ja«, sagt die Schwester überlegend, »vielleicht könntest du eine solche bekommen, das heißt, wenn ich mit dem Christkindl rede. Aber von morgen an mußt d u in der Früh die Milch und die Semmeln holen.« (Sonst ein Nachteil der älteren Schwester.)

Auf der Straße war es kalt, finster und unheimlich. Nach acht Tagen bat ich meine Schwester, lieber an das Christkindl zu schreiben. Aber sie sagte, sie halte von Briefen gar nichts, das müsse sie persönlich besprechen, und solche Protektion wäre das Sicherste. So holte ich weiter Milch und Semmeln, und die Schwester lag bis Viertel acht im Bett.

Dann kam der Weihnachtsabend.

Und da stand sie wirklich, die weiße Braut. Ich war so fassungslos, daß alle lachten, ich lachte ein wenig mit, und dann warf ich mich weinend in die Arme meiner Mutter. Die Schwester sagte: »Nimm sie doch! Schau sie doch an! Nimm sie doch!« Aber ich weinte meiner Mutter ins Ohr: »Ich will ins Bett!« Als ich im Bette lag, hörte ich noch, wie meine Schwester sagte: »Sie ist gar kein richtiges Kind.« Sie war entsetzlich enttäuscht.

In der Nacht, als alle schliefen, stand ich leise auf und holte mir die Puppe ins Bett.

Nun war ich mehr als zufrieden – ich war glücklich. Als ich am nächsten Tage in den Hof kam, die Puppe am Arm, erregte ich große Bewunderung bei den Mädchen, aber die Buben sagten nur »Pfui Teixel« und liefen an die Donau.

Die Braut allein zu Hause lassen, wollte ich nicht, zum Halten konnte ich sie niemand anvertrauen, so lief ich denn einige Tage noch so mit, als Ausgeschaltete, Überflüssige, und zog mich dann ganz in den Schuppen zurück. Die Katze hatte sich uns zugesellt, und wir drei waren nun ganz auf uns selbst angewiesen. Die Kinder hatten mich bald vergessen, mich, die am besten springen konnte, die im Wettlaufen drei Radiergummi und acht ausgeschriebene Schulhefte gewonnen hatte. »Sie werden schon kommen«, dachte ich anfangs, aber sie kamen nicht.

Ich hielt aber wirklich wochenlang, monatelang in dem Winkel aus, ich, die gewohnt war, auf der Straße zu leben, im Freien, ich, die nie etwas vom Familienleben gehalten hatte.

Welches Ansehen hatte ich bei den Gassenbuben genossen und wie weit war es jetzt mit mir gekommen! Sie wagten es, mir auf dem Schulwege nachzuschreien: »Puppengretl!« »Die Katzenmutter spielt sich mit Puppen!« Aber ich hielt aus, ich war glücklich, wenn auch nicht mehr ganz zufrieden.

Und eines Tages nahm ich der Braut den Schleier und den Kranz ab, riß ihr das Kleid herunter, denn sie war ein für allemal als Braut angezogen und konnte nicht umgekleidet werden, und ließ die Sägespäne aus ihrem Bauche laufen, bis Arme und Beine schlaff wurden, dann warf ich den Balg in eine Ecke.

»Wir wollen Räuber und Gendarmen spielen«, rief ich schon von weitem in den Hof hinein; ich fühlte, es mußte etwas Besonderes geboten werden. Es war kein alltägliches Spiel, da durfte man sich in allen Häusern der ganzen Straße verstekken, auf allen Böden, in allen Kellern.

Ich war »Räuber«, und im Elferhaus wurde ich fast gefangen, hätte ich nicht den Mut gehabt, eine fremde Wohnungstür zu öffnen und einzutreten. Zum Glück waren so viele Leute gekommen, sich eine Tote dort noch einmal anzusehen, daß ich mich die längste Zeit aufhalten konnte, ohne bemerkt zu werden.

Ich wurde nicht gefangen, ich hatte gesiegt. Stolz und mit mir selbst zufrieden kehrte ich zur Nachtmahlzeit zur Familie zurück.

»Wo ist deine Puppe?« fragte die Schwester.

»Ich brauche keine Puppe mehr«, sagte ich kalt.

Meine Schwester warf meiner Mutter einen vorwurfsvollen Blick zu. Es konnte doch jetzt kein Zweifel mehr darüber walten, daß dieses letzte Kind kein richtiges Kind geworden war.


Die zweite Geschichte war so arg, daß meine Mutter meiner Schwester lange Zeit nicht in die Augen sehen konnte, aus Scham, daß ich auch ihre Tochter sei.

Meine Schwester besaß ein großes Osterlamm aus weißem glitzerndem Zucker. Der Boden, auf dem es stand, war grün bemalt, und es war kein Zweifel, daß dies Gras vorstellen sollte. Neben dem Lamm stand eine Fahne aus roter Seide. Dieses Lamm zu besitzen, war meine ganze Sehnsucht, und das war auch so ziemlich der einzige Wert, den es für meine Schwester hatte. Das Lamm hatte nämlich sonst Fehler, es war, um offen zu sein, sehr staubig, man könnte sogar »dreckig« sagen, und meine Schwester mußte zu Hause Staub abwischen (ein Nachteil der älteren Schwester).

Sie erklärte also eines Tages so ganz nebenbei, sie hätte die Absicht, das Lamm zu verschenken. Genoß meine Aufregung und ihre Macht und verstand es wirklich, eine große Sache daraus zu machen. Sie verteilte an alle Kinder des Hauses Lose; Ziehung am Ostersonntagmorgen im Hof! Ich trug den kleinen Zettel immer bei mir und sprach tagelang nur mit dem lieben Gott, er solle an mein Los denken und mir helfen, und versprach, dafür brav zu sein.

Bei der Ziehung war meine Schwester sehr feierlich und schüttelte den Topf mit den Losen endlos lange, alle Kinder umdrängten sie, nur ich stand abseits und sprach noch einmal ein ernstes Wort mit dem lieben Gott.

Endlich zog meine Schwester den Zettel heraus und darauf stand Lina! Das war ich! Dann zerriß sie den Zettel ohne weitere Erklärung, sagte nur: »Das gilt nicht!« und schenkte mein Lamm dem kleinen Mädchen vom ersten Stock, das einen Lackhut aufhatte, wenn es regnete; das alles ging so schnell, und doch werde ich es mein Leben lang nicht vergessen.

Was war geschehen? – Eine Ungerechtigkeit wurde begangen, ein Wort wurde gebrochen. Wurde aber deshalb ein Kinderherz verbittert? Wurde Grund gelegt für spätere böse Dinge des Lebens? Nein; nichts von alledem! Ich war tief davon überzeugt, daß der liebe Gott für mich war – er hatte es mir doch deutlich gezeigt. Nur meine Schwester war gegen mich und den lieben Gott, gegen uns beide; da konnte man eben nichts machen. Aber ich war so stolz auf diese Freundschaft, daß ich meiner Schwester einfach ins Gesicht lachte.

Sie war sprachlos …

Die Mutter und wir

Die Mutter, auf dem Lande aufgewachsen, konnte die Prügel nicht mehr vergessen, die sie einmal von der Pfarrersköchin bekam, weil sie dem Herrn Pfarrer vertrauensselig beichtete, daß sie mitschuldig sei am jähen Verschwinden seiner großen gelben Kaiserbirnen.

Seitdem war sie etwas mißtrauisch und besprach alles mit dem lieben Gott direkt, unter Umgehung aller Mittelspersonen.

Nun verbreitete sich aber eines Tages in unserm Hause das Gerücht von fremden Missionären, die, von weit her kommend, in der Kirche unsres Bezirkes die Beichte hörten. Sie sollten so ganz anders sprechen, so gütig und weise, und bald wieder weiterziehen.

Ich weiß nicht mehr, ob eine arme Frau, die neben uns, oder eine arme Frau, die ober uns wohnte, Mutter überzeugte, oder ob ihr nur die Tatsache so gefiel, daß die Missionäre von weit her kamen, um bald wieder fortzuziehen – kurz, sie beschloß, beichten zu gehen.

Ausnahmsweise wurde die Beichte abends abgehört, und wir Kinder blieben zum erstenmal allein. Wir hatten nämlich noch eine so gute Mutter, die sich nie von uns trennte, alles mit uns besprach und mit unsrer Freundschaft vollkommen zufrieden war.

Tagsüber hatten wir jedem Menschen, der es nur hören wollte, erzählt, daß unsre Mutter beichten gehe, und kamen uns sehr wichtig vor. Aber jetzt abends war es so still und dunkel, und wir bekamen Angst. Wir fühlten uns zwar verpflichtet, artig und brav zu sein; unter diesen beängstigenden Umständen aber waren wir geradezu gezwungen, Tiergarten zu spielen. Meine Schwester und mein Bruder wollten beide der Löwe sein. »Sie« wollte natürlich der König der Tiere sein, und es gelang ihr auch, meinen Bruder zu überzeugen, daß der Elefant größer wäre und daß er trompete. Bei mir gab es keine Wahl; ich konnte nur bellen.

Ich glaube nicht, daß diese Tierlaute, die wir jetzt ausstießen, sich wesentlich unterschieden haben, aber laut waren wir alle drei, sehr laut, fast markerschütternd.

Auf einmal klopfte es an die Wand, wir wurden still, da klopfte es wieder, und eine traurige Stimme sagte: »Seid doch ruhig; mein Kind, die Annerl, ist so krank!«

Viele Kinder wurden geboren, viele Kinder starben in diesem Armeleutehaus, es war nichts Besonderes für uns – aber jetzt durfte niemand sterben, wir waren allein, ohne Mutter. Wenn sie nicht wiederkäme? Oh, diese Angst!

Aber sie kam. Sie kam fröhlich und ruhig, setzte sich zu uns und erzählte.

»Also paßt auf, ich kniete nieder, machte das Kreuz und sagte: Hochwürdiger Herr, ich habe sicher viele Sünden begangen, aber ich weiß nicht mehr alle. Vielleicht fragen Sie mich, Hochwürden!«

»Wie lange waren Sie schon nicht beichten?« fragte er.

»Vierzehn Jahre, Hochwürden.«

»Ja, da können Sie freilich nicht mehr alles wissen, ich werde schon besser fragen«, und er war gar nicht böse.

»Sind Sie verheiratet?«

»Ja, Hochwürden, und damals vor vierzehn Jahren war ich beichten, das muß man so bei uns.« Ich dachte, er kommt von weit her, vielleicht weiß er das nicht. Er lächelte so ein bißchen und fragte weiter:

»Haben Sie Kinder?«

»Drei.«

»Sind die Kinder brav?«

»Gott sei Lob und Dank, Hochwürden; sehr brav sind sie und ganz gesund.«

Da lächelte er wieder, hob ganz langsam die Hand und sagte: »Eine Mutter, die drei brave, gesunde Kinder hat, kann nicht viele Sünden begangen haben«, und gab mir den Segen.

Mutter saß ruhig da, ganz erfüllt von ihrem schönen Erlebnis. Wir waren maßlos stolz. Auf einmal fiel ihr Blick auf uns, und sie schlug mit der Hand auf den Tisch und schrie laut und energisch: »Ihr braucht euch gar nichts darauf einzubilden, freche, ungezogene Fratzen seid ihr, damit ihr’s wißt, ich habe gelogen, jawohl, gelogen, so!«

Aber uns konnte sie nicht täuschen mit dieser pädagogischen Anwandlung; unter wildem Geschrei sprangen wir auf sie zu und wollten sie alle drei zugleich umarmen und küssen; sie wehrte sich vergeblich gegen den Überfall.

Da klopfte es wieder leise bittend an die Wand.

Drüben saß eine Mutter und weinte aus Angst, herüben saß eine Mutter und weinte aus Freude.

Von nun an spielten wir unentwegt »beichten gehen«. Mein Bruder war der Pfarrer, und meine Schwester kniete vor ihm und beichtete, daß sie zwölf ganz gesunde Kinder habe. Mein Bruder sagte: »Dann sind Sie gestraft genug!« und gab ihr seinen Segen.

Ich stand dabei und bellte. Ich konnte sonst noch nichts.

Allererste Kindheitserlebnisse

Es sind dies: ein blindes Pferd, eine Brennesselstaude und die erste Lüge, die ich zu begreifen suchte.

Meine Eltern hatten für ihr Geschäft ein blindes Pferd gekauft, weil es billig war.

Dieses Pferd liebte ich sehr, denn es erweckte die erste Empfindung in mir, über die kindliche, egoistische »Ich-Liebe« hinaus.

Das Tier war so fromm und gut, und es erkannte mich schon von weitem an der Stimme. Ich versuchte, an seinen Beinen hinaufzuklettern, um es streicheln zu können, da spitzte es die Ohren und rührte sich nicht, um mir nicht wehzutun. Jeden Abend wartete ich, bis es müde und erschöpft nach Hause kam, um ihm »Gute Nacht« zu sagen.

Ich wollte, ich hätte mein ganzes Leben so ergeben, treu und pflichterfüllt gelebt wie dieses Pferd. Ein so schönes Beispiel hatte mir da das Leben unvergeßlich ins Herz geprägt. Das Leben tut wirklich alles, um sich verständlich zu machen; es gibt Beispiel um Beispiel, aber wir verstehen es nicht oder verstehen es zu spät.

Dieses liebe, arme Pferd, so gütig wie eine Kreatur nur sein konnte, es liebte mich sicher auch, liebte mich so tief, wie eine Kreatur eben lieben kann.

Eines Abend wartete ich vergeblich. Es kam nicht. Es kam nie mehr, es war gestolpert und hatte sich ein Bein gebrochen wurde vom Roßfleischhändler gekauft und wiederverkauft.

Dies war der erste wilde Schmerz meines Kinderherzens. Und es war so schwer zu verstehen. Warum kam kein Doktor? Warum lag es nicht im Bett, bekam es keine Umschläge, nicht süße Chaudeau? Warum sagen die Großen, man mußte es erschießen; ich hätte es schon gesund gepflegt – wie schwer war dies alles zu verstehen?!

Die zweite unvergessene Erfahrung war körperlicher Art. Nur mit einem kurzen Kinderhemd bekleidet, fiel ich von einer Gartenbank in hohes Brennesselgestrüpp; vergeblich suchte ich mich zu befreien. Es war der erste wilde Körperschmerz.

Damals mußte ich annehmen, daß Tiere gut, Blumen oder Pflanzen aber böse sind und kleine Kinder nicht lieben – und für ein Kind ist doch alles so schwer zu verstehen.

Warum nur für ein Kind?

Ich verstehe es heute noch nicht, warum sich die Brennesseln so wehren; wer tut ihnen etwas?

Das gute, brave Pferd liebte, wurde geliebt und wurde erschossen.

Die bösen Brennesseln lieben niemanden, werden von niemandem geliebt und von allen in Ruhe gelassen!

Mein Bruder Karl

Mein Bruder (Karl Forest) wurde, wie es in alten Bauernfamilien Sitte ist, kaum geboren, schon zum Pfarrer bestimmt.

Der Leser ahnt bereits Böses – erraten –, er wurde Schauspieler.

Der Übergang vollzog sich nicht gewöhnlich.

Zunächst besuchte mein Bruder das Gymnasium, und die Familie lebte ruhig dahin, nichts ahnend von den umstürzlerischen Sehnsüchten eines mißratenen Sprößlings.

Nur einmal fragte der Professor meine Mutter: »Was soll denn Ihr Sohn werden?« – »Pfarrer«, sagte meine Mutter stolz. »Ich glaube eher, Schauspieler; als ich neulich etwas verfrüht in die Klasse kam, stand er auf dem Katheder und kopierte mich – na, wenn Sie da nur keine Überraschungen erleben.«

Diese Geschichte wurde vorläufig als »lustige Geschichte« von der Familie weitererzählt.

Die Überraschung kam bald.

Als meine Mutter sich wieder einmal nach den Fortschritten ihres Sohnes erkundigen wollte, erfuhr sie, daß er dem Gymnasium nicht mehr angehöre.

Die Überraschung überstieg alle Erwartungen.

Was war geschehen?

Mein Bruder hatte das Schulgeld zwar immer in Empfang genommen, aber es nicht im Gymnasium, sondern in der Theaterschule eingezahlt.

Er hatte seinen Beruf gewechselt und vergessen, der Familie davon Mitteilung zu machen.

Dieser Fall von Vergeßlichkeit war so schwer, daß die Großmutter zugezogen werden mußte.

Unsre Großmutter war sehr streng; als Hausfrau des »Schwarzen Adlers« in Fünfhaus war sie an und für sich schon eine Respektsperson, aber als Großmutter war sie unbeschränkte Herrscherin in der Familie.

Ihre Urteile als Richterin waren gefürchtet und unangreifbar. Um so mehr, als sie sie sofort und persönlich vollstreckte. Aber dieser außergewöhnliche, noch nie dagewesene Fall erforderte außergewöhnliche Maßnahmen, und die wurden von meiner Großmutter getroffen.

Mein Bruder wurde zu einem Schlosser in die Lehre gegeben.

Der renitente Geist sollte durch körperliche Leiden niedergekämpft werden.

Experimente mißglücken öfter. So auch hier.

Der biedere Schlossermeister, der sich dazu hergegeben hatte, die Sehnsucht durch Hämmern zu vertreiben, erschien eines Tages bei meiner Mutter.

»Sie, Frau«, sagte er, »das geht net, ich hab gestern Ihrem Sohn zwa schwere Traversen zum Tragen geben; wie er fort war, hab i mir denkt, der Gstudierte (wie er meinen Bruder verächtlich nannte) kann vielleicht zammbrechen, und bin ihm auf der Straßen nachgangen, wissen S’, was der gmacht hat? Gschlagene drei Viertelstunden – i lüg net – is er bei einer Säuln gstanden, die schweren Traversen am Rücken, und hat alle Theaterzetteln auswendig glernt, ich hab glaubt, das Kreuz bricht ihm ab. Sagen Sie, Frau, haben Sie kein Herz im Leib?«

So wurde mein Bruder Schauspieler!

Ob er die schweren Traversen dieses Berufes auch nicht gespürt hat und immer noch gläubig auf Theaterzettel starrt?

Wir wollen es hoffen!

Seinen Werdegang kann ich nicht schildern, aber leicht hat er es sicher nicht gehabt; der Schrecken, als Pfarrer unbeweibt durch das Leben gehen zu müssen, war so groß, daß er einigemal mehr, als nötig gewesen wäre, geheiratet hat – das sind Traversen, die jeder spürt!

Es läutet!

Nicht immer kann man was erzählen, wenn man eine Reise tut; manchmal kann es der, der zu Hause bleibt. In meiner Geschichte ist es so. Es ist viele Jahre her, daß sie passierte.

Ich hatte eben die Schule beendet, da fuhr ich mit meinem Vater nach München, um meine jung verheiratete Schwester zu besuchen. Mein Bruder spielte als Anfänger an irgendeinem Provinztheater. Meine Mutter blieb allein in Wien, genoß die ungewohnte Stille, gedachte ihrer endlich flügge gewordenen Jungen, putzte das Nest, stellte die Federn auf und machte sich dick und rund vor Wohlbehagen.

Es waren die ersten heißen Sommertage, Mutter hatte eben ihr Mittagsschläfchen beendet – als es läutete.

Vor der Tür standen ein verlegener junger Mann und eine junge blonde Frau mit einem Säugling auf dem Arm. Beide überstürzten meine Mutter mit Fragen.

Warum sie nicht auf der Bahn gewesen sei. Und ob der Brief meines Bruders nicht angekommen wäre. Und ob sie nicht wisse, daß sie auf der Durchreise in Wien seien. Und ob sie nicht glaube, daß die Eltern jetzt die Einwilligung zur Heirat geben müßten. Und um zehn Uhr abends gehe der Zug, um neun Uhr würden sie das Kind holen, und ob sie das Kind so lange hier lassen könnten. Und sie müßten sich doch Wien ansehen, und sie müßten noch einmal das Kind küssen, und es heiße Paul, und fort waren sie.

Meine Mutter hatte nicht so genau hingehört; jeder Säugling versetzte sie in wilde Begeisterung, sie behauptete kühn, nichts auf der Welt rieche so gut wie ein kleines Kind. Eine Ansicht, die von Nichtmüttern oft bestritten wird.

Kaum allein, entwickelte sie eine fieberhafte Tätigkeit. Das Kind wurde trockengelegt, gebadet, und als es erschöpft eingeschlafen war, setzte sich Mutter hin und schrieb uns einen Brief nach München. Dann ging sie Milch holen. Im Hofe traf sie die Hausbesorgerin und erzählte ihr lachend, daß sie zu einem Kind gekommen sei. Die Hausbesorgerin aber lachte nicht, sah meine Mutter an und sagte nur: »Sehr merkwürdig.«

Mutter ging nachdenklich in die Wohnung.

Sie wartete, wartete lange. Sie wartete sehr lange. Um zehn Uhr abends ging sie zur Hausbesorgerin:

»Hab ich’s Ihnen nicht gleich gesagt? Wie kann man denn ohneweiters ein Kind nehmen?«

»Gott, sie werden eben den Zug versäumt haben«, meinte Mutter, »morgen früh werden sie schon kommen.«

»Das kriegen Sie nimmer los, das Kind.«

»Das wäre nicht schlecht«, sagte Mutter und zog sich zu Paul, der sich äußerst wohl befand, in die Wohnung zurück.

Frühmorgens versuchte sie, ungesehen und mit versteckter Milchflasche, an der Hausbesorgerwohnung vorbeizukommen. Aber vergeblich. Die Hausbesorgerin wünschte ihr mit lachendem Gesicht »einen recht guten Morgen«.

So gegen Mittag begann sie bei den Parteien ganz unter der Hand anzufragen, ob jemand ein Kind annehmen würde, aber alles war versehen. Es herrschte im Hause wirklich kein Mangel an Kindern, es wurden ihr sogar noch einige angeboten.

Sie wartete noch einen ganzen Tag, dann faßte sie einen fürchterlichen Entschluß. Sie begab sich mit Paul, stolz an der Hausbesorgerin vorbei, zur Polizei.

Hier saß Mutter mit Paul und einer großen Milchflasche auf einer Bank im Hintergrund der Wachstube und wartete.

Ein junger Polizeibeamter schrieb eifrig, es war heiß und still.

»Was wünschen Sie?« rief er plötzlich. Paul erschrak fürchterlich und brüllte auch schon wie besessen; das war aber gar nichts gegen die Angst meiner Mutter.

Sie stand zitternd auf und sagte: »Bitte, meinen der Herr Wachtmeister mich?«

»Natürlich, es ist doch sonst niemand da! Also?« Der Wachtmeister war sichtlich erbittert. Mutter erzählte den Hergang. Er warf die Feder fort und erklärte, so etwas Unerhörtes noch nie gehört zu haben. »Also, man braucht bei Ihnen nur zu läuten und ein Kind abzugeben, und schon nehmen Sie es? Ja, sagen Sie mir, wie alt sind Sie denn? Da hört sich doch alles auf, wie heißen die Leute, wo wohnen sie?«

»Ich habe nicht gefragt«, stammelte Mutter, »sie haben nur gesagt, mein Sohn schickte sie.«

»Verstehen Sie denn nicht, daß das jeder sagen kann? Was soll denn jetzt mit dem Kind geschehen?«

»Ich nehme es auf keinen Fall mehr mit«, sagte Mutter.

»So, wie können Sie sich überhaupt unterstehen, ein fremdes Kind zwei Tage bei sich zu behalten? Sie hätten augenblicklich kommen müssen.«

Dann kam er noch einmal in beleidigender Form auf das Alter meiner Mutter zu sprechen und ließ den Polizeiarzt holen. Paul wurde ausgezogen und einer gründlichen Musterung unterzogen. Der Arzt drehte und wendete ihn nach allen Seiten, behorchte und beklopfte ihn; aber Paul war einfach tadellos. Mutter wurde ganz stolz, sie hatte doch wenigstens ein einwandfreies Kind gebracht. So eines wurde nicht jeden Tag abgegeben.

Dann fuhr sie in einer Droschke mit Paul, der Milchflasche und einem Aufnahmeschein in das Findelhaus. Dort wurde Paul gewogen, bekam einen Zettel um den Hals, der Mutter wurde eine Nummer eingehändigt, und alles war erledigt. Nun kam der schöne Moment, als Mutter an das Fenster der Hausbesorgerin klopfte, die Arme ausbreitete und sich nach allen Seiten drehte, um zu zeigen, daß sie nirgends mehr ein Kind habe.

In München hatte sich inzwischen folgendes begeben. Wir saßen alle gemütlich beim Frühstück, als der Brief der Mutter kam.

Meine Schwester las vor: »Liebe Kinder! Ihr werdet sehr erstaunt sein, ich habe ein Kind bekommen.« Meine Schwester ließ den Brief sinken. Wir sahen alle drei auf den Vater, aber der sah ebenso erstaunt drein. Meine Schwester las weiter: »Freunde Eures Bruders Karl haben es mir gebracht …« Da sahen wieder alle auf mich, es wurde nicht weitergelesen. Meine Schwester zog sich mit meinem Schwager zu einer längeren Aussprache zurück. Dann zog sich mein Schwager mit meinem Vater zurück, meine Schwester blieb bei mir und weinte. Dann zog sich mein Vater mit meiner Schwester zurück, und endlich wurde ein Telegramm an meine Mutter abgeschickt.

Mutter schlief in Wien tief und fest bis abends – als es plötzlich läutete. Draußen standen die jungen Leute. Wieder stürzten sie mit einem Wortschwall über sie her. Es wäre so schön gewesen in Wien, und sie hätten doch gleich gesehen, wie lieb die Mutter ihres Kollegen sei, und sie sollte doch nicht böse sein. Eigentlich wollten sie gleich zwei Tage in Wien bleiben, aber sie hätten es sich nicht zu sagen getraut, es wäre doch zu unverschämt gewesen, aber Mutter würde ihnen doch verzeihen, und sie seien doch noch jung …

Mutter schwankte und mußte auf einen Stuhl gesetzt werden.

Neue Fragen. Ob sie krank sei und ob es etwas Ansteckendes sei und ob Paul nichts bekommen könnte. Und wo Paul sei.

»Er ist nicht mehr da«, flüsterte Mutter.

»Wo ist mein Kind?« schrie die junge Frau mit einem Stimmaufwand, der keinen Zweifel mehr zuließ, daß sie eine Kollegin meines Bruders war.

Der junge Mann hatte gerade noch Zeit, meine Mutter von ihrem Stuhl hochzureißen, um seiner Braut Platz zu machen. Mutter hatte sich aber schon gefaßt, und während sie der jetzt Fassungslosen mit der Schürze Luft zufächelte, sagte sie:

»Na, na, gehn wir’s eben wieder holen.«

Als Mutter kühn voran, die beiden Jüngeren hinterher den Hof überquerten, waren alle Fenster schon dicht besetzt. Einige rohe Naturen winkten mit Taschentüchern.

»Zuerst wieder auf die Polizei!« kommandierte Mutter.

Der Beamte erhob sich drohend, als er Mutter erblickte. Kaum hatte er aber die schöne junge, elegante Frau gesehen, fragte er nach einer kleinen Verbeugung, womit er dienen könne.

Während die beiden in ihrer anscheinend angeborenen temperamentvollen Weise redeten, zog sich Mutter auf die Bank im Hintergrund zurück.

Aber man ließ sie dort nicht sitzen. Der Beamte, außer sich vor Empörung, zog sie in den Vordergrund. Er erklärte wieder, daß ihm so etwas noch nicht vorgekommen sei, und ob Mutter nicht gesehen hätte, wen sie vor sich habe. Wie sie sich unterstehen konnte, das Kind auf die Polizei zu bringen, ob sie nicht noch einige Tage hätte warten können, und wie alt sie eigentlich sei und vieles mehr.

Zur jungen Frau sagte er, daß die Menschen im allgemeinen kein Verständnis für Künstler hätten, er aber könnte alles sehr gut verstehen und gab ihr mit innigem Händedruck den Ausfolgeschein.

Das Wiedersehen mit Paul im Findelhaus soll unbeschreiblich gewesen sein; fremde Leute, die zufällig anwesend waren, weinten vor Freude mit.

Mutter kam sehr müde und erschöpft nach Hause und legte sich sofort zu Bett.

Sie war aber noch nicht zur Ruhe gekommen – als es läutete.

Es war unser Telegramm aus München.

Wie übersättigt von Sensationen mußte die arme Frau gewesen sein, wenn sie »Nur ein Telegramm!« sagte. – Sie legte sich wieder zu Bett, setzte die Brille auf und las: »Mein Mann erlaubt mir, Kind anzunehmen, bin überglücklich, wann kann ich es holen? Kein Zweifel, Kind von Bruder Karl, verzeihe ihm. Deine dankschuldige Tochter.«

Mutter telegraphierte: »Vater und Lina sofort zurück. Bin sehr nervös. Bei Ankunft klopfen, nicht läuten! Mutter.«

Es geht wieder aufwärts Die reiche Großmutter stirbt und die Eltern kaufen das Café Casa piccola

Unsre Mutter

Ich kann mir eine bessere Mutter als die unsre gar nicht denken. Sie hatte die einzig richtige Erziehungsmethode, die es gibt: sie war uns ein ständig gutes Beispiel. Ließ uns Bewegungsfreiheit und freute sich über unsre wilden Entwicklungskräfte.

»Ja«, sagte sie einmal in einer philosophischen Anwandlung, »wenn die Kinder von mir allein wären, möchte ich schon wissen, was für sie das beste ist, aber sie sind doch von zwei verschiedenen Menschen. Wer kann wissen, was dabei herausgekommen ist.«

Sie hatte viele schwere Schicksalsschläge erlitten, aber sie blieb immer mutig und hat ihr Leben so tapfer zu Ende gelebt wie kaum ein Mensch.

Geheimnisse vor Mutter gab es einfach nicht, sie lebte unser Leben mit, blieb jung dabei und war der zuverlässigste Kamerad, den man sich nur denken konnte. Sie stammte aus einem reichen niederösterreichischen Bauernhof, hatte etwas Klavier und ein wenig Französisch gelernt; im übrigen wurde sie nicht viel mit Bildung beschwert. Sie behielt ihr ganzes Leben eine so merkwürdige einfache, natürliche Denkungsweise, die oft die lustigsten Aussprüche ergab. Es verband sich in ihr glücklich ein angeborner künstlerischer Instinkt mit einem ausgesprochenen Mut zum ureigensten Urteil, und wenn wir Kinder »Muttergeschichten« erzählten, lachte sie herzlich mit. Nannte uns dann »respektlose Fratzen«, fügte aber versöhnend hinzu, »aber was, besser als fade Kinder«.


Mutter war eine begeisterte Kaffeesiederin; sie liebte ihren Beruf und war schwer von Wien fortzulocken.

Aber einmal machte ich eine kleine Sommerreise mit ihr; wir kamen nachts in Salzburg an. Morgens um zehn Uhr weckte sie mich und sagte:

»Du liegst noch im Bett, und ich bin schon in vier Kaffeehäusern gewesen; hier kann ich übrigens nichts lernen; fahren wir fort!«

Wir fuhren nach Karlsbad; das Café P. dort imponierte ihr außerordentlich; sie war Aug und Ohr. War so vertieft, daß sie, als zwei Billardspieler ihre Partie beendet hatten, zum großen Erstaunen der noblen Kurgäste laut durch das Lokal rief: »Abmarkieren!«

Ich machte ihr daraufhin den Vorschlag, nach Hause zu fahren.

Niemand war erfreuter als sie.


Mutter lebte ganz in der Führung der Kaffeehausgeschäfte. Wenn irgend etwas nicht in Ordnung war, regte sie sich fürchterlich auf. Wir besorgten, daß ihr die Aufregung schade; infolgedessen beschloß meine ältere Schwester, mit Mutter zu einem Seelenarzt zu gehen. Das war damals gerade Mode und meine Schwester daher begeistert davon. Mutter wurde in einen Sessel gesetzt, meine Schwester stand hinter ihr.

Der Arzt sprach beruhigend und eindringlich auf Mutter ein:

»Ja, liebe Frau, Sie nehmen die Dinge zu ernst; mein Gott, wenn jemand etwas im Kaffeehaus nicht bekommt, das ist doch keine solche Sache, Sie müssen alles leichter nehmen …« usw.

Mutters große blaue Augen wurden immer größer und größer.

Als er aber leicht humoristisch sagte: »Nun, was liegt schon daran, wenn ein Gast nicht sein gewohntes Kipfel zum Kaffee bekommt?«, sprang sie mit einem Satz in die Höhe.

»Sie, ich werde Ihnen etwas sagen: Ich soll mich nicht aufregen, wenn ein Gast sein Kipfel nicht bekommt; ja, über was soll ich mich denn dann aufregen? Ich verstehe mein Geschäft. Gott sei Dank! Und wenn Sie glauben, daß Sie Ihr Geschäft mit solchen Ansichten führen können, dann können Sie mir leid tun! Adieu!«

Und draußen war sie.

Als meine Schwester eine halbe Stunde später ins Kaffeehaus kam, saß Mutter bereits stolz an der Kassa. Sie lächelte der Schwester spitzbübisch zu und sagte leise:

»Er ist sehr erschrocken; hat er sich schon beruhigt, der Seelendoktor?«


Eines Tages bat mich Mutter um ein Buch. Ich hatte aber alle in meiner Sieveringer Wohnung, nur ein Band Grillparzer fand sich vor. Trotz meiner Warnung fing sie an zu lesen. Nach einer Weile nahm sie die Brille ab, sah mich sehr erstaunt an und sagte:

»Woher kommt das eigentlich, daß Prosa in Versen ganz unverständlich wird?«


Sie war immer sehr damit einverstanden, daß alle ihre Kinder künstlerische Berufe erwählt hatten. Sie sagte oft: »Sorgen habt ihr mir ja genug gemacht, aber das tut nichts!«

Als sie aber einmal ihren Bruder traf, der den Bauernhof der Großeltern übernommen hatte, war sie ganz entsetzt, als sie hörte, daß der jüngste seiner sechs Buben – fünf waren brave, solide Kaufleute, Offiziere geworden – Maler werden wollte. Sie sagte:

»Nein, so etwas! Die Tante Resi weint sich auch die Augen aus, so ein Unglück! Ja, da kann man nichts machen. In jeder Familie kommt eben etwas vor!«

Oder sie liest in der Zeitung ein Inserat: »Musikalische Edelsteine«, schüttelt mißbilligend den Kopf und sagt zu mir: »Glaubst du an solche Dinge?«

Mutter hatte oft von der Hofrätin B. Z. sprechen gehört. Als sie sie persönlich kennenlernte, konnte sie sich vor Erstaunen gar nicht fassen. Sie sagte:

»Ich weiß nicht mehr, was ich mir vorgestellt habe, aber das hätte ich nie für möglich gehalten, daß eine so vornehme, gebildete Dame so gescheit und sympathisch sein kann!«


Ich sagte einmal im Scherz zur Mutter, auf die etwas mißglückte äußere Erscheinung des Vaters anspielend: »Mutter, wie hat der Vater eigentlich ausgesehen, als er jung war?«

Sie dachte eine Weile nach und sagte ganz ernsthaft: »Er war nicht so schön wie jetzt.«

Nach einer fast fünfzigjährigen Ehe!


Einmal fragte sie mich:

»Sollen wir uns das neue Stück ›Sterne‹ ansehen? Was geht da vor?«

»Es handelt von Galilei.«

»Wer war das?«

»Das war der, der behauptet hat, daß die Erde sich dreht.«

»Die Erde dreht sich?«

»Die Erde dreht sich.«

»Wieso?«

»Wieso kann ich nicht erklären; du mußt mir glauben.«

»Gut. Und wie geht es weiter?«

»Er wird dafür zum Tode verurteilt.«

»Seit wann wird man zum Tode verurteilt, wenn man sagt, daß die Erde sich dreht?«

»Früher war das so.«

»Du, das ist ein blödes Stück; in das gehen wir nicht.«

Bei der Premiere von »Turandot« fragt mich Mutter während des Spieles mit halblauter Stimme:

»Du Lina, was ist das: ein Eunuch?« Die Nebensitzenden lachten.

Ich sagte leise: »Das werde ich dir zu Hause erklären.« Sie erwiderte, recht unbekümmert um unsre Nachbarn: »Du immer mit deinen Geheimnissen!«

Alles brüllte vor Lachen.

Nachdem sie eine Weile den Vorgängen auf der Bühne gefolgt war, sagte sie stolz:

»Du brauchst mir nichts mehr zu erklären; ich weiß schon alles.«

Ich bat sie beschwörend, ruhig zu sein, aber sie war nicht mehr aufzuhalten.

Alles horchte.

»Ich möchte nur wissen, warum du dich so patzig machst – es ist ein böser Mensch, das sieht doch jeder.«


Wir waren bei der Generalprobe von »Don Carlos«. Um halb vier Uhr bat ich Mutter, fortzugehen. Sie sagte »Nein! Dieses Stück interessiert mich sehr. Um was handelt es sich da?«

»Mutter, ich bin schon so müde, ich habe das Buch zu Hause; willst du nicht fertig lesen?«

»Gut; ich werde es lesen! Ein sehr gutes Stück! Von wem ist es denn?«

»Von Schiller.«

Abends lege ich ihr das Buch hin: »Mutter, da ist der ›Don Carlos‹!«

»Ich will es nicht.«

»Aber du hast doch gesagt, du willst es lesen.«

»Ich habe gesagt, ich will den ›Don Carlos‹ lesen, weil ich nicht gewußt habe, von wem er ist, Schiller lese ich nicht, dazu bin ich zu alt.«


Mein Bruder brachte Mutter eine Karte zu »Nathan der Weise«. Nach der Vorstellung sagte sie: »Es war ganz nett, ich habe mich nur gewundert, wie viele Erwachsene im Burgtheater zu Kindervorstellungen gehen.«


Mutters Einstellung zur Politik war auch eine sehr merkwürdige.

Bei einem so großen Kaffeehauspersonal gab es oft begreifliche Differenzen wegen Urlaubes, Kündigungen und so weiter. Solche Dinge erledigte sie einfach damit, daß sie ihren Angestellten drohte, zu Viktor Adler zu gehen. Daß er der Führer der Sozialdemokraten war, genierte sie gar nicht. Für sie war Viktor Adler der Inbegriff von Gerechtigkeit und Weisheit, und sie zweifelte gar nicht, daß er sich ihrer annehmen würde, wenn sie sich im Recht fühlte. Sie hatte aber nie nötig hinzugehen, die Drohung genügte immer, die Gegenpartei teilte anscheinend ihre Ansicht.

Mutter und der Erste Weltkrieg

Mutter war gegen den Krieg. Details interessierten sie nicht. Kleine Verwechslungen von Freund und Feind kamen täglich vor. Im Frieden war sie jedesmal, wenn der Kaiser über die Mariahilfer Straße fuhr, hinausgegangen, hatte sich vor das Kaffeehaus gestellt und den Kaiser gegrüßt. Er kannte sie schon und dankte ihr höflichst.

Aber seit Ausbruch des Krieges ging sie nicht mehr hinaus, ich weiß nicht, ob es dem Kaiser aufgefallen ist, es war jedenfalls ihre Art, gegen den Krieg zu demonstrieren.


Sie fühlte sich verpflichtet, mit Gästen Gespräche über die wichtigsten Tagesereignisse zu halten. Dies führte während der Kriegszeit oft zu Mißverständnissen, da sie den Betrieb dabei nicht aus den Augen ließ und etwas zerstreut war. Zum Beispiel:

Eine Dame: »Mein Gott, die Russen! Sie dringen vor.« Mutter: »Und Warschau sollen sie auch schon haben.« Dame: »Warschau??«

Ich mische mich ein: »Mutter, Warschau gehört den Russen.«

»Mutter: »Seit wann?« Ich: »Schon lange.«

Mutter: »Aber geh! Was jetzt alles zusammengeredet wird.

Man weiß wirklich nicht, wem man glauben soll.«


Im ersten Kriegsjahr kam Mutter eines Morgens sehr aufgeregt in die Wohnung hinauf und sagte:

»Es gelingt also unsern Feinden doch, uns auszuhungern.«

»Was ist geschehen?«

»Wir bekommen nur mehr drei Kilo Kaffee täglich.«

»Deswegen werden wir nicht verhungern.«

»So, wieso werden wir nicht verhungern?«

»Weil der Kaffee keinen Nährwert hat.«

»Ah, der Kaffee hat keinen Nährwert?«

»Er hat keinen.«

»Auf einmal hat der Kaffee keinen Nährwert?!«

»Er hat nie einen gehabt.«

»Das ist das erste, was ich höre; nein, so etwas: Der Kaffee hat keinen Nährwert!?«

»Er hat keinen.«

»Er hat keinen, so, na und die Milch?«


Ich beobachtete sie einmal, wie sie die Kriegsberichte las.

»Mutter, du liest die Kriegsberichte?«

»Ja; ich denke mir dabei, wie interessant das für Leute sein muß, die wissen, wo das ist.«

Der Mann, der nur glücklich sein wollte

Die Menschen wollen reich sein oder berühmt oder mächtig, ohne viel dazu zu tun; sie möchten geliebt werden, eigentlich auch nur so für nichts und wieder nichts. Aber so einfach ist es im Leben nicht.

Ihr Wollen ist gewöhnlich ohne jede Voraussetzung.

Ich denke jetzt an die beiden armen hungrigen Männer, die bei Sacher vorbeigehen. Der eine wirft einen wehmütigen Blick hinein und sagt: »Wie gern möchte ich wieder einmal da essen«, und der andere fragt voll Erstaunen: »Hast du denn schon einmal bei Sacher gegessen?« – »Nein, aber gemocht habe ich schon einmal.«

Aber einem Menschen bin ich begegnet, der wirklich etwas Wünschenswertes erstrebte, der es sich Zeit und Geld kosten ließ, um den für seine Person glücklichsten Zustand zu erreichen.

Die Geschichte ist viel zu wahr, um nicht grotesk zu sein; unbegreiflicherweise kümmert sich das Leben gar nicht um unsre Meinung.

Dieser Mann war jung, reich, Fabrikbesitzer, verheiratet, ein angesehener Bürger in den geordnetsten Verhältnissen. Wann die sonderbare Idee in seinem Gehirn entstand, zu alldem auch noch glücklich zu sein, ist mir nicht bekannt. Jedenfalls beschloß er, auf keinen Fall so weiterzuleben. Um seine Frau ein wenig aufzurütteln, nahm er sich eine Freundin; seine Frau drückte ein Auge zu, alles blieb beim alten. Nun begann er sich mit seiner auffallend schönen Freundin überall öffentlich zu zeigen. Seine Frau wurde jetzt schon gezwungen, beide Augen krampfhaft zuzudrücken, aber alles blieb ohne Bewegung. Da wurde er ungeduldig.

Zu einer großen Festvorstellung kaufte er seiner Frau eine prächtige Abendtoilette mit einem ganz besonders aparten Kopfschmuck und begleitete sie in eine Loge. Nachdem er mit Genugtuung die bewundernden Blicke der Premierenbesucher festgestellt hatte, verschwand er, aber nur, um in der großen Pause mit seiner Freundin wieder aufzutauchen, die sich zu ihrem eigenen Erstaunen vollständig gleich gekleidet sah mit einer Dame in der gegenüberliegenden Loge. Die Augen dieser Frau waren jetzt übernatürlich weit geöffnet! Ganz Wien lachte damals über diesen Einfall.

Aber jetzt kam Bewegung in sein Leben.

Die Familie war er mit einem Schlag los. Das Vermögen wurde geteilt, und er begab sich schon wesentlich erleichtert auf Reisen, um sich zuerst einmal die Welt zu besehen.

Nach zwei Jahren kam er nach Wien zurück, strahlend vor Begeisterung; die Schönheit unsrer Erde hatte alle seine Erwartungen übertroffen. Geld hatte er zwar keines mehr, was ihn nicht im mindesten zu bedrücken schien.

Aber wie das Leben schon merkwürdig ist, diese Freundin war nicht nur jung und schön, sie war auch ein guter und anständiger Mensch. Sie verkaufte ihren ganzen herrlichen Schmuck, ihre kostbaren Pelze, die sie im Laufe der Zeit von ihrem Freunde erhalten hatte, und eröffnete ein Kaffeehaus, das durch seine Pracht eine Sensation für Wien wurde. Nun wurde wieder drauflosgelebt. Er war bei jedem Rennen, war überall mit seiner Freundin zu sehen, wo es gut und teuer war.

Zaghafte Bemerkungen ihrerseits, ob es genüge, ein Geschäft zu besitzen, oder ob man es nicht vielleicht auch führen müsse, wehrte er als lästige Vorurteile ab.

Es war kein Jahr vergangen, als sich herausstellte, daß die Ausgaben weit die Einnahmen überschritten. Nun kam eine traurige Zeit. Er war gezwungen, im Geschäft zu bleiben, Gäste zu begrüßen, die er nicht sympathisch fand, Wünsche zu respektieren, die ihn nicht interessierten, eine Ergebenheit zu markieren, die er nicht empfand. Niemand war glücklicher als er, als die Leute anfingen wegzubleiben. Als sich dann doch jemand fand, der sich bereit erklärte, alle seine Schulden zu übernehmen und das Geschäft dazu, war er fast wunschlos. Aber nicht genug, gerade in dieser Zeit bot sich für seine Freundin eine günstige Gelegenheit, eine vorteilhafte Heirat; sie schlug ein. Unser Mann verließ Hab und Gut, frei, unabhängig und sorglos wie ein Vogel.

Nun hörten wir lange nichts von ihm.

Eines Tages tauchten sonderbare Gerüchte auf, man hätte ihn da und dort als Straßenkehrer gesehen, Genaues wußte niemand, bis es zur unleugbaren Tatsache wurde: er kehrte Straße und Gehsteig vor dem Lokal, dessen Besitzer er früher gewesen.

Die Gäste beratschlagten, wie man sich in diesem außergewöhnlichen Fall verhalten solle, ob man ihm taktvoll aus dem Wege gehen oder ob man ihn durch einen Gruß beglücken müsse.

Wieder kam es anders, als man erwartet hatte.

Sowie er einen seiner früheren Bekannten erblickte, winkte er schon von weitem mit seinem Besen, schüttelte allen hocherfreut die Hand, lachte über das ganze Gesicht, versicherte, daß es ihm ganz gut gehe, wobei seine treuherzigen blauen Augen lügelos offen keinem Blick auszuweichen suchten. Nur manches Mal verzog sich auf ein paar Sekunden sein Gesicht zu einer angewiderten Grimasse: »Fad is ’s Arbeiten …«

Nach einiger Zeit, als die Menschen schon anfingen, sich an diesen irgendwie beleidigend vergnügten Mann zu gewöhnen, der so neidlos jedes Avancement andrer hinnahm, daß man selbst an der eigenen Wichtigkeit zu zweifeln begann, fing er an, mysteriöse Bemerkungen von sich zu geben, es wäre noch nicht aller Tage Abend, seine Zeit würde auch noch kommen, und das Leben gehe eben bald abwärts, bald aufwärts usw.

Niemand konnte erraten, was er vorhabe.

Doch eines Mittags erschien er ganz unerwarteterweise bei uns in der Wohnung. Es waren meine Eltern, die ihm das Kaffeehaus abgekauft hatten, und er wurde ein Freund unseres Hauses. Er war in einer unbeschreiblich guten Laune, umarmte meine Mutter und rief wiederholt: »Gratulier mir, Karolin, gratulier!« und spannte meine Mutter mit dunklen Reden auf die Folter: »Ich bin ja doch Bürger von Wien schließlich, und Protektion hat man doch auch noch, wenn es nötig ist, schließlich bin ich doch wer …«

Meiner Mutter war schon ganz schlecht vor Neugierde, sie unterbrach rücksichtslos seine wunderbare Einleitung: »Jetzt sagst du mir sofort, was geschehen ist; hast du den Haupttreffer gemacht?«

»Aber geh, Karolin, was hab ich denn von einem Haupttreffer, was glaubst, wie lang sich das Geld bei mir halten möcht, und dann geht die ganze Gschicht von vorn an? Nein, viel mehr: denk dir, ich brauch nichts mehr zu arbeiten, nie mehr mein ganzes Leben lang; weißt, wo ich bin, Karolin? In der Versorgung! Mit fünfunddreißig Jahren, mit der Kraft, schau mich an«, und er reckte sich, daß alle Knochen krachten: »Ja a Glück muß man haben, bist starr, was, Karolin?«

Meine Mutter wurde ganz verwirrt durch seine Reden. »Ich hab keine Sorgen wegen dem Zins, ich hab mein Essen, kann den ganzen Tag machen, was ich will, brauch mir keine faden Reden wegen arbeiten anhören, ich bin ein Privatier ohne Angst um die Kapitalsanlage! Alles dem Bürgermeister sei Sorg; auch eine Idee, Bürgermeister werden, was der für Scherereien haben muß, nicht auszudenken! Wenn du mir beispielsweise jetzt fünf Gulden schenken würdest, Karolin, für kleinere vorherzusehende Nebenausgaben, wüßte ich faktisch nicht, was ich mir noch wünschen sollte.«

»Fünf Gulden sind viel Geld«, fühlte sich meine Mutter verpflichtet zu sagen, während sie schon ihr Portemonnaie suchte.

»Ja freilich, wenn man dafür arbeiten muß, schon, aber an und für sich sind fünf Gulden gar kein Geld für einen Kavalier! Du hast natürlich Sorgen mit dem Geschäft; wenn ich nur wüßte, wozu die Leute immer wieder Geschäfte aufmachen, nachher sagt ja doch jeder, es geht nicht. Aber wenn ihr nur alle arbeiten könnts.« Er sah meine Mutter mit einem so bedauernden und überlegenen Blick an, als hätte er jede Hoffnung aufgegeben, sie je in der Versorgung zu sehen.

»Ich arbeit für meine Kinder«, beeilte sich meine Mutter entschuldigend zu erwidern.

»Ah, da kann ich dir auch einen guten Rat geben, laß sie was lernen, du glaubst nicht, wie mir das hilft, daß ich Französisch und Klavier spielen kann; also das Französische brauch ich nicht, aber das Spielen! Abends im Gasthaus unterhalten wir uns großartig, ich spiel Klavier, sie zahlen mir den Wein, ich bin lustig, und die anderen denken an ihre Sorgen.« Er sah mich an: »Du, Lina, bist noch zu jung, aber glaub mir, man kann nie wissen, wozu man eines Tages die Bildung brauchen kann.«

Sein Ideal war: von der Schule direkt in die Versorgung, kein Vertrödeln der Zeit mit Wünschen, die gar nicht wünschenswert sind.

Meiner Mutter wurde es unheimlich, sie zog mich an sich und sagte ablenkend: »Willst du bei uns zu Mittag essen?«

»Nein, ich dank dir schön, aber ich muß jetzt gehen.« Bei der Tür wandte er sich noch einmal um, blinzelte mir lustig zu und sagte: »Weißt du, wo ich jetzt hingehe, Karolin, mit deine fünf Gulden? Zu ›Meißl und Schadn‹ auf ein Rindfleisch; privat ist es nie so saftig, wie ein gutes Rindfleisch sein muß.« Ehe meine Mutter ihren weitgeöffneten Mund nur halbwegs geschlossen hatte, hörten wir ihn schon auf der Stiege singen, den Mann, der nichts wollte als glücklich sein.

Die Tante Wetti

Als die Schwester meiner Großmutter nach Wien heiratete, war sie ein zartes, schmales Geschöpf und hatte kein wirtinnenähnliches Aussehen, obwohl sie ein Wirt als Ehegenossin erkoren hatte. Diese Ehe war dadurch bemerkenswert, weil in ihr der Mann der absolute Herr war.

Jeden Abend nach getaner Küchenarbeit setzte sich die Tante an den Stammtisch ihres Gatten und sah dem großstädtischen Treiben zu, das ihr neu und fremd war.

Wollte sie sich aber doch einmal an einem Gespräch beteiligen mit einem »Aber so was« oder »Aber gehn S’«, ermahnte sie der Onkel: »Sei still, wenn Männer reden«, und sie war sofort still, ohne beleidigt oder gekränkt zu sein –, das war doch sicher bemerkenswert.

Da sie vorzüglich kochte und reizend aussah mit ihren frischen ländlichen Gesichtsfarben von Weiß und Rosa, den hellblauen Augen, den strohgelben Haaren, erweckte diese Ehe allenthalben Aufsehen und Neid. Die ledigen wie die verheirateten Männer seufzten! Der Mann nahm die gehorsame Hingabe seiner jungen Frau mit einer Selbstverständlichkeit hin, die aufreizend wirkte.

Bemerkungen der Stammgäste, die darauf hinzielten, die junge Frau auf kleine Unvollkommenheiten ihres Mannes aufmerksam zu machen, blieben wirkungslos.

Sie blickte immer nur voll Stolz auf das Doppelkinn des Onkels, das vor Manneswürde zitterte. Niemand und nichts konnte ihren Glauben an das berechtigte Herrentum ihres Ehegemahls erschüttern.

Die leiseste Willensäußerung ihrerseits: »Du, ich hätte gern …«, wurde allerdings sofort durch ein drohendes »Wetti!« im Keim erstickt.

Ehemänner führten ihre Frauen in das Wirtshaus wegen des guten Beispiels. – Frauen verbaten ihren Männern den Besuch des Lokals wegen des schlechten Beispiels. Der ganze Bezirk wurde unruhig, etwas Fremdes und Ungewohntes war vom Lande her eingeschleppt worden.

Das ging so einige Jahre – die Tante näherte sich schon ein wenig dem Wirtinnenaussehen, und der Onkel wurde schon etwas »schwammig«, aber er fühlte sich immer als Herrenpilz –, da ereignete sich etwas Sonderbares.

Es war an einem Donnerstag (es gab Blut- und Leberwürste), als die Tante sich neben ihrem Gatten, die blendendweiße Schürze glattstreichend, artig wie gewöhnlich am Stammtisch niederließ.

An diesem denkwürdigen Abend hatte sich ein Telepath eingefunden, der eben stürmisch aufgefordert wurde, ein Experiment seiner unheimlichen Kunst vorzuführen.

Die blauen Augen der Wirtin blickten etwas verständnislos drein, aber sie wagte nicht ihren Mann zu fragen.

Als der Telepath nach längerem Zögern sich bereit erklärte und die Hand des Onkels ergriff, wurde die Tante ängstlich; unruhig blickte sie auf ihren Gatten, der ihr aber mit einer männlich überlegenen Gebärde weibliche Schwäche verwies.

Also der Telepath nahm die Hand des Onkels und legte sie so langsam und behutsam auf den Tisch (wie man Würste in die Pfanne legt), darauf legte er die kleine zierliche Hand der Tante – blickte den Onkel scharf an und sagte: »Sie können die Hand nicht unter der Hand Ihrer Frau hervorziehen.«

Der Onkel lachte zuerst überlegen, dann wurde er rot und bleich, aber er konnte trotz aller Anstrengung die Hand nicht bewegen; er lachte verlegen.

Die blauen Augen der Tante wurden immer größer und größer, alles war begeistert von dem gelungenen Experiment.

Der Telepath, selbst trunken von dem Erfolg, erklärte sich jetzt freiwillig bereit, das Experiment zu wiederholen – das hätte er nicht machen sollen!

Er legte jetzt die Hand der Tante unten und die Hand des Onkels darauf, blickte meine Tante scharf an und sagte: »Jetzt können S i e die Hand unter der Hand Ihres Mannes nicht mehr hervorziehen.«

Alles lachte und protestierte gegen das zu leichte Experiment – aber die Tante zog ruhig und überlegen ihre Hand hervor.

Das Experiment war zwar mißlungen, aber jetzt folgte Sensation auf Sensation.

Bei der Tante hatte sich eine sichtbare Änderung vollzogen, die Augen funkelten, die Haltung war straff und gebietend geworden.

So einfach geht das? dachte sie, und in einer Minute war alles vorbei.

Ihr schlafender Wille war plötzlich erwacht und stürzte sich heißhungrig auf den erstbesten Willen und fraß ihn mit Putz und Stingel.

Der Onkel ließ noch einmal sein drohendes »Wetti!« ertönen, aber vergeblich; die Tante sah ihn scharf an und sagte: »Sei still«, und der Onkel war still, und dabei blieb es.

Die Ehe ist aber trotzdem weiter eine gute und glückliche Ehe geblieben, es war nur alles umgekehrt.

Der ganze Bezirk atmete auf – der Ausgang erweckte allenthalben große Befriedigung.

Mit solchen Dingen soll man immer vorsichtig sein.


Mir ist auch einmal eine schreckliche Geschichte passiert.

Es war in einer Gesellschaft, in der die Kunst des Handlesens geübt wurde. Nun muß ich offen sagen, daß ich bis dahin keine sehr gläubige Anhängerin dieser Tätigkeit gewesen bin und nur mittat, um nicht als Spielverderberin angesehen zu werden.

Ich reichte also dem nervösen, bleichen jungen Mann meine Hand; aber kaum hatte er einen Blick hineingetan, als er erschreckt zurückfuhr und sich entschieden weigerte, etwas wahrzusagen.

Er war so bestürzt, daß ich neugierig wurde; ich versicherte ihm immer wieder lachend, daß ich an diese Dinge nicht glaube und mich nicht aufregen würde, auch wenn er die schrecklichsten Prophezeiungen von sich geben würde.

Endlich, nach langem Bitten, ließ er sich überzeugen und sagte mit leisen, zögernden Worten: »Sie leben nicht lange, Sie sterben früh. Sie sterben bald, sehr bald.«

»Wann?«

»Schon mit vierzig Jahren!«

Das hat mich mächtig ergriffen, ich zitterte und mußte gelabt werden. Der bleiche Herr war außer sich und machte sich selbst die heftigsten Vorwürfe.

»Ich hätte es nicht tun dürfen. Es kann sich doch niemand einem solchen Eindruck entziehen. Verzeihen, verzeihen Sie!«

Ich sagte mit leiser, bebender Stimme: »Das habe ich nicht erwartet! Was, seit zwei Jahren bin ich schon tot? Und niemand hat mir ein Wort davon gesagt!«

Da kann einen doch wirklich der Schlag treffen!

Ländliche Verwandte

Wir hatten eine uralte Großtante, die ihrerseits wieder einen Neffen hatte. Dieser Neffe war sehr arm und lebte eigentlich nur von den harten Nüssen, die ihm das Leben zu knacken gab.

Nun besaß diese alte Großtante eine immer verschlossene Truhe. Und der sinnende Blick des Neffen ruhte oft auf dieser Truhe und er führte listige Reden: »Frau Tant’, Sie sind gar zu sparsam, Sie vergönnen sich rein gar nichts! Sie haben am Land ein schweres Leben gehabt, bei uns in der Stadt können Sie sich’s schon ein wenig gut gehen lassen –, mitnehmen können Sie einmal doch nichts von dem, was da in der Truhe ist!«

»Fei recht hast, lang leb i nimmer! Di hab i gholfen auf die Welt z’bringen und deine Sechse. Bald bin i neunzig –, dein siebenten Buam erleb i nimmer! Sieben Manner hab i gholfen, daß s’ a die Sonn sehgn auf unserer schönen Welt, das is mei Stolz, i brauch nix mehr!«

Das waren so ihre Reden.

Und es kam, was einmal kommen mußte.

Der Tag, an dem er als Erbe die Truhe aufschloß, feierlich und behutsam.

Da lagen seidene Schürzen, alte Spenzer, vergilbtes Leinen.

Er suchte unruhig und unruhiger.

Es war nichts Erwartetes zu finden.

Doch – da ganz unten lagen sieben kleine, sorgsam verschnürte Päckchen. Auf jedem Name und Datum sauber verzeichnet.

Sein und seiner sechs Buben Geburtstag.

Er öffnete eines – alle enthielten dasselbe.

Liebevoll aufgehobene, abgeschnittene, eingetrocknete Nabelschnüre!

Eine alte Bauernsitte, längst nicht mehr gehandhabt. Sie bewog den Städter, die Truhe wieder, diesmal aber rasch zu schließen.

Ein Familienstreit

Bei uns zu Hause wurde immer gestritten: sind wir mit Andreas Hofer verwandt oder nicht?

Mein Vater sagte »ja«, die Mutter »nein«. Mein Bruder sagte »ja«, meine Schwester einmal »ja«, einmal »nein«.

Da wurde mir die Sache zu dumm und ich schrieb an den ältesten Bruder meines Vaters; das war im Jahre 1910.

Lieber Onkel! Wenn Du willst, daß Friede herrscht in der Familie Obertimpfler, so schreibe mir bitte etwas Näheres über unsere Abstammung. Schreibe klipp und klar, ob wir mit Andreas Hofer verwandt sind oder nicht.

Wenn möglich recht klar, auf klipp lege ich weniger Wert.

Gruß, Deine Nichte Lina.

Ich gebe das Antwortschreiben auszugsweise, aber wörtlich wieder.

Liebe Nichte! Wir stammen aus einer alten Sarntaler Bauernfamilie. Es existieren dort heute noch der Obertimpfler-Hof und der Untertimpfler-Hof (ober und unter einem Tümpel). Zu erfragen: Bezirksgericht Sarnthein.

(Der Onkel wollte wohl Bezirksamt schreiben, oder sollte die Familie dem Bezirksgericht bekannt gewesen sein?)

Die Schreibweise der Namen hat sich im Laufe der Jahre geändert. Obertümpler – Obertümpfler – Obertimpfler.

Die Obertimpfler sind in Tirol und Niederösterreich eine ziemlich verbreitete Familie, dagegen sind die Untertimpfler recht schütter geworden. Im Jahre 1904 bestanden noch in Lienz im Pustertal, in der Hauptstraße, zwei fast einander gegenüberliegende Geschäfte, deren eines auf seiner Firmentafel Obertümpfler, das andere Untertümpfler firmierte; zur großen Erheiterung der durchfahrenden Reisenden. Unsre Familie stammt vom Obertimpfler-Hof.

(Klar, sonst würden wir ja Ober- vom Untertimpfler-Hof heißen und kein Mensch würde sich auskennen!)

Unsre Großväter, also Deine Urgroßväter, waren beide Tischler und sind zur Zeit der Gründung von Theresienfeld bei Wiener Neustadt eingewandert.

(Soviel ich weiß, war es die Kaiserin Maria Theresia, die damals Bauern, welche auch ein Handwerk konnten, herlockte.)

Unser Großvater, also Dein Urgroßvater, und sein Bruder waren sehr hagere, hochgewachsene Männer von nahezu zwei Meter Höhe, mit scharfgeschnittenen Gesichtern und Hakennasen. Wir sind schon alle mißraten, weil unsere Väter alle kleine Weiber zu Gesponsinnen hatten.

(Natürlich sind die Frauen schuld! Wenn sie schon alle Tischler waren, werden sie doch einen Zollstab gehabt haben –, hätten sie sie halt vorher gemessen!)

Der Großvater, also Dein Urgroßvater, lernte als Tiroler Alpenkind mit dreißig Jahren lesen und schreiben und gründete 1800, also vor ungefähr hundertfünf Jahren, ein Tischlergeschäft in Wiener Neustadt.

(Wieso ungefähr hundertfünf Jahre? 1800 bis 1910 sind doch hundertzehn Jahre; mit wieviel Jahren hat denn dann der liebe Onkel eigentlich rechnen gelernt?)

Die Obertimpfler, die ich im Jahre 1864 in Tirol kennenlernte, erzählten, daß wir durch die Familie Speckbacher mit Andreas Hofer entfernt verwandt sind. Unsere Großmutter, also Deine …

(Ja, ja, jetzt kenne ich mich schon aus!)

… Urgroßmutter war eine geborene Weygandt und stammte aus einer verarmten Zweiglinie der Grafen Weygandt und jammerte noch mit achtzig Jahren um ihr verlorenes Adelsdiplom.

(Oh, eine gräfliche Urgroßmutter taucht auf! Aber was ist mit dem Andreas?)

Was die Verwandtschaft mit Andreas Hofer anbelangt, müßtest Du Dich selbst weiterkümmern, wir haben eine Tante gehabt, die mit Speckbachers und Hofers noch näher verwandt war.

Es grüßt

Dein Onkel Nikolaus.

Also was ist jetzt? Die Sache ist doch mehr klipp. Soll ich weiter suchen?

Meine Mutter, eine geborene Ockermüller, ließ die Obertimpfler nicht gelten, sie riet mir ab.

Sie war überzeugt, daß sich die Obertimpflerischen mit den Speckbacherischen und Hoferischen nur patzig machen.

Die Obertimpfler kamen von einem Tümpel her, sie aber stammte aus Sieghartskirchen, einer bekannt trockenen Gegend. Bei der Gräfin zuckte sie nicht einmal die Schulter, ein Zeichen höchster Verachtung.

Ich schrieb also hin und andere schrieben her. Es wurde sehr viel hin und her geschrieben, und schließlich hielt ich ein Dokument in Händen, in dem stand zu lesen:

TRAUUNGSSCHEIN

Wiener Neustadt … 1805

Bräutigam: Johann Obertimpfler, Tischlermeister. Braut: Magdalena Weygandt … Köchin aus Wien. Und dazu die Bemerkung: Da unsere Matriken nur bis 1780 reichen, bitte sich an das Diözesan-Archiv in Wien zu wenden.

Ich habe mich nicht gewendet und will auch sagen warum. Mir ist es heute ganz egal, ob meine Urgroßmutter eine echte adelsstolze Gräfin oder ob sie nur eine schlichte Köchin war, oder sonst etwas.

Aber ob sie eine Gräfin war, die mit dem Fuß aufgestampft und ausgerufen hat:

»Ich will a Köchin werden und wenn sich alle meine Ahnen auf den Kopf stellen!«

Mich interessiert nur eines, was mir aber kein Dokument mehr beweisen kann: Hat sie gut gekocht? Und was hat sie gekocht?

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