Kitabı oku: «Ein Haus am Ende der Welt - Im Finden verirren»
Lis Vibeke Kristensen
Ein Haus am Ende der Welt - Im Finden verirren
Aus dem Dänischen von
Holger Wolandt und Lotta Rüegger
Saga
Ein Haus am Ende der Welt - Im Finden verirren ÜbersetztHolger Wolandt; Lotta Ruegger Original At finde vildCoverbild / Illustration: Shutterstock Copyright © 2005, 2019 Lis Vibeke Kristensen und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711448908
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.
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Draw a map to get lost.
Yoko Ono
Teile dieses Buchs wurden durch wirkliche Ereignisse und wirkliche Personen angeregt. Die Autorin hat sich dem Material gegenüber Freiheiten erlaubt. Dieses Buch soll als fiktives Werk gelesen werden und nimmt nicht für sich in Anspruch, historisch korrekt zu sein.
Joyce
Ich bin im achten Monat, und der Arzt des Stützpunkts tätschelt mir das Knie unter dem Laken, das entweder mein oder sein Schamgefühl schonen soll, während ich mit den Beinen in den Schienen des Stuhls liege und mich darauf konzentriere, keinen fahren zu lassen.
Solche Probleme seien bei Schwangeren vollkommen normal, sagt er und lächelt sein zuvorkommendes Ärztelächeln.
Die Blähungen sind aber gar nicht mein Problem. Mein Problem ist, daß ich gar nicht schwanger sein will. Ich will nicht in einem Kleidungsstück herumwatscheln, das einem Viermannzelt ähnelt. Ich will in voller Feldausrüstung auf verschneiten Bergpfaden marschieren. Ich will mich hinter einen Busch hocken können, meinen Durst mit lauwarmem Wasser aus einer Feldflasche löschen und die Nächte unter einem Moskitonetz verbringen.
Moskitonetze könnte man in diesem Land an und für sich auch gut gebrauchen, aber Mücken sind meine geringste Sorge an diesem Vormittag, an dem ich an einer Kreuzung in Reykjavík stehe und so diskret wie nur möglich einen fahren lasse.
Meine Gase riechen genauso schlimm wie die Schwefeldämpfe, die in diesem Land überall dort aus der Erde aufsteigen, wo man am wenigsten damit rechnet. Ich hoffe, die Umstehenden halten das für eine Naturerscheinung, während ich darauf warte, daß der Verkehr nachläßt.
Der Gestank aus meinem Inneren ist nur eines der Symptome meines Verfalls. Mein Gehirn ist ein Moorloch, aus dem nur Sumpfgas entweicht. Ich werde ausfällig gegen alle und jeden und besonders gegen den armen Bill, der nur das getan hat, was von einem Mann in seiner Situation zu erwarten war, nämlich mich zu heiraten, als es für die morgendliche Übelkeit und die ausgebliebene Regel keine Ausrede mehr gab.
Ich bin fünfundzwanzig und sitze in einer furchtbaren Falle. Wäre nicht alles so katastrophal, dann könnte ich an dieser Alliteration sogar Gefallen finden.
Bill, durchtrainiert und fürchterlich uninspirierend, hat von mir geträumt, seit wir in der High-School ein Liebespaar waren. Es ist nicht auszuschließen, daß er seit dem Moment, in dem ich sein Organ losließ, kurz bevor er auf der Rückbank des Pontiacs meines Vaters gekommen wäre, mit einer Erektion herumgelaufen ist.
Partner sind, wie meine Basisgruppe schon lange festgestellt hat, ein notwendiges mentalhygienisches Übel und nur dazu geeignet, die Spannungen abzubauen, die einen daran hindern, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. In meinem Fall mein Fachgebiet, das ich mit unglaublicher Leidenschaft liebe. Sprache ist die Luft, die ich zum Atmen brauche, und die linguistische Anthropologie verleiht meiner Existenz ihren Sinn.
Als Bill also auf der Hochzeit meiner Schwester auftauchte, bei der ich eine etwas überreife Brautjungfer darstellte, sah ich das als reine Entspannung.
Marge rauschte in Taft und Tüll und auf Vaters Arm gestützt durch den Mittelgang, und ich stand in malvenfarbenem Musselin mit einem passenden Strauß Margeriten da, und meine Gedanken kreisten um meine Doktorarbeit, die zu diesem Zeitpunkt nur noch eine Frage von Zeit und Fleiß war. Und dann stand er vor mir.
Mr. Middle America in frisch gebügelter Galauniform, mit glattrasiertem Nacken und glatter Haut, nach frischgeputzten Schuhen, Menthol und frischgereinigter Gabardine duftend.
Ein alter Beau. Wo fühlt man sich geborgener als in einer Umarmung, die man kennt und die man bequem auf der Suche nach neuen Abenteuern wieder verlassen kann?
Oder eben nicht.
Die Falle ist zugeschnappt. Es ist was unterwegs, und eine illegale Abtreibung ist keine Alternative. Obwohl ich das Geld vielleicht sogar aufbringen könnte, hat die Sonntagsschule trotz allem ihre Spuren hinterlassen. Und Höllenqualen erscheinen mir weniger reizvoll als der schöne, langweilige Bill. Es gibt jedoch keinen Grund, die Familie mit einer weiteren Hochzeit zu behelligen.
Ein Friedensrichter verwandelt in zweieinhalb Minuten Joyce Deirdre Dunne M.A. in Mrs. William D. Turnbull.
In meinem keuschen Jugendzimmer übergebe ich mich so geräuschlos wie möglich in eine Plastiktüte, wenn ich nicht gerade das Notwendigste zusammenpacke, vor allen Dingen meine Reiseschreibmaschine, und einen Artikel über die isländische Sprachpolitik plane, der mein geistiges Überleben sichern soll, bis das Kind auf der Welt ist.
Ich weiß noch nicht, daß jeder Ehrgeiz, der das morgendliche Sich-aus-dem-Bett-Quälen übersteigt, unausweichlich blasenziehend in dem mentalen Morast versinkt, den das Mutterwerden mit sich bringt.
Wenn schon etwas so Normales wie eine Schwangerschaft meine intellektuellen Fähigkeiten in diesem Ausmaß lähmt, wie sieht es dann erst aus, wenn daraus unausweichlich ein Kind mit seinem unbestreitbaren Anrecht auf Stillen, Baden, Wickeln, Wiegen und Trost resultiert?
Das Ergebnis meiner rudimentären Überlegungen über die Zukunft läßt sich in drei Worten zusammenfassen: Angst, Schrecken, Panik.
Der Verkehr rauscht an mir vorbei, so wie der Verkehr in dieser Einöde eben rauscht. Meist sind es klapprige Karren, die die Soldaten des Stützpunktes, die in die Heimat zurückgekehrt sind, mit Profit verkauft haben. Heckflossen und lila Lack dominieren. Auf den Schotterstraßen fahren alle schnell, wie richtige Wikinger eben.
Ein Bus keucht die leichte Steigung hinauf. Im Schutz des Lärms lasse ich noch einen fahren und verlagere dann mein nicht unbeträchtliches Gewicht auf das andere Bein.
Ich stehe an einer Kreuzung in einem Ort, bei dem es sich wahrscheinlich um Reykjavík handelt. Direkt nach meiner Ankunft, ehe meine Figur ihre gegenwärtigen nilpferdhaften Ausmaße annahm und mein Gehirnschwund einsetzte, wußte ich noch, was der Name der Stadt bedeutet. Ich legte mir ein Wörterbuch zu, machte mich mit den Deklinationen der Substantive vertraut und telefonierte mit dem nationalen Sprachinstitut.
Jetzt bin ich mir nicht mehr sicher, ob Straßen über Namen verfügen oder Substantive Deklinationsendungen besitzen. Mein Horizont endet beim gegenüberliegenden Bürgersteig, wo ein roter Ballon im Wind treibt.
Ein roter Ballon. Keiner dieser eleganten, heliumgefüllten, die befreit in den Himmel fliegen, sondern einer, den irgendeine ermattete Mutter mit der letzten Kraft ihrer erschöpften Lungen aufgeblasen hat. Vielleicht kommt er direkt von meinem eigenen Stützpunkt. Ein echter amerikanischer Ballon, den ein Windstoß jetzt über die Straße treibt.
Ein kleiner Junge wirft sich bereits über die Bordsteinkante. Seine entsetzten Augen sind auf den Ballon gerichtet. Seinen Ballon, vermute ich. Den am heißesten begehrten Ballon in der Geschichte Reykjavíks, nach dem Geheul des Knäbleins zu urteilen, als ihn seine Mutter am Ärmel packt und davor bewahrt, sich vor den Bus zu werfen.
Zwei kräftige Windstöße schleudern den Ballon auf meine Seite, aber meine Körperfülle hindert mich daran, ihm nachzueilen, und er treibt weiter. Über den Rasen des kleinen Parks, über die nächste Straße und den Abhang hinunter auf den schwarzblauen Atlantik zu.
Der Junge heult. Seine Mutter schüttelt ihn. Der Junge stampft wütend auf. Die Mutter schüttelt ihn noch mehr.
Mit einem Quietschen hat der Bus gebremst. Vorn auf der Hose, die der Junge trägt, breitet sich rasch ein dunkler Fleck aus. Ein dünnes gelbes Rinnsal läuft aus seinem Hosenbein und bildet auf dem rissigen Asphalt des Bürgersteigs eine Pfütze.
Schwerfällig fährt der Bus an, und als er vorbei ist, sind die beiden fort. Vermutlich sind sie auf die unterirdische Toilette verschwunden, die auch ich ab und zu benutze.
Sie sind fort, aber ich habe genug gesehen.
Getrieben von dem Willen, mit dem ich auch mein Studium als Mitglied von Phi Beta Kappa in Rekordzeit mit Bestnote abgeschlossen habe, getragen von unsichtbaren Flügeln und ohne nach rechts und links zu sehen, lege ich die Meilen zurück, die mich von dem trennen, was man als die Freiheit bezeichnen könnte.
Statt die Schritte Richtung Stützpunkt zu lenken, biege ich zum Verkehrsflugplatz ab, und obwohl die Nachrichten am Morgen voll davon waren, habe ich vergessen, daß heute Bobby-Tag ist. Mr. Fischer, das Schachwunder, hat endlich eingesehen, was sich gehört, und sein Erscheinen angekündigt. Auf der anderen Seite des Globus bomben unsere Jungs die Kommunisten zurück in die Steinzeit, auf dieser Seite konzentrieren wir uns darauf, sie im Schach zu besiegen.
Eine größere Menschenmenge sammelt sich an, aber die Größe meines Bauchs verschafft mir freien Durchgang. Niemand hat den Mut, in der Nähe zu sein, wenn das Fruchtwasser abgeht. So kann ich ungehindert Bobbys wieselähnliche Gestalt in Augenschein nehmen, die sich in den Schutz eines niedrigen, europäischen Autos flüchtet, um sich zu der Arena zu begeben, in der er die sogenannte Zivilisation gegen die Barbaren verteidigen will.
Sie haben uns reingelegt, Bobby. Ich melde mich jetzt ab, was ist mit dir?
Als ich schließlich in der Abfertigungshalle stehe, fällt mir ein erschwerender Umstand auf. Ich habe kein Geld für ein Ticket.
In Colorado ist es mitten in der Nacht. Das hindert meinen Vater jedoch nicht daran, ein R-Gespräch anzunehmen.
»Hast du das Telegramm bekommen?«
Welches Telegramm? Etwas an Vaters Stimme, etwas Zerbrechliches, das ich nicht wiedererkenne, läßt meinen Atem stocken.
»Sie behalten sie vorläufig da.«
Sie behalten sie? Wen? Marge? Mutter? Die Großmütter haben schon längst das Zeitliche gesegnet, nur die engste Familie ist übrig.
»Marge ist unterwegs«, schluchzt Vater. »Niemand weiß, wie lang es noch geht.«
Die Verzögerungen der transatlantischen Telefonleitung lassen seine Stimme künstlich klingen, so wie die eines Roboters im Kino.
Marge ist unterwegs. Es muß sich also um Mutter handeln. Ist ihr etwas zugestoßen? Danach klingt es nicht. Es klingt nach etwas Schleichendem, Unberechenbarem.
Viele tausend Meilen entfernt putzt sich mein Vater die Nase.
Als ich drei Stunden später in der nächsten Maschine sitze, weiß ich alles, was es in diesem Stadium zu wissen gibt.
Die Betrachtung des Stuhlgangs und des Toilettenpapiers, mit dem meine Mutter ihr ganzes Umfeld terrorisierte, hat ein Ende. Sie braucht sich keine Gedanken mehr zu machen.
Es ist unter dem Radar hindurchgeschlüpft, während sie einen Augenblick lang unaufmerksam war, während sie noch eine Pille einnahm oder noch einen Schluck eines Spezialgebräus trank.
Jetzt ist es ernst. Krebs im Enddarm, offenbar fortgeschritten. Eine palliative Operation ist übermorgen geplant. Ein künstlicher Darmausgang ermöglicht es, alles im Beutel im Auge zu behalten.
Vielleicht hätte sie sich so einen schon längst zulegen sollen, vielleicht wäre ihr Leben dann glücklicher gewesen.
Jetzt wird es nur kurz.
Wladimira
Der Wagen ist bereits verspätet. Wladimira steht auf dem Bürgersteig neben dem, den sie nicht leiden kann, und wartet.
Sie haben ein weiteres Treffen in dem weißen Gebäude hinter ihnen absolviert. Daß es ergebnislos verlaufen ist, liegt nicht an ihr. Wladimira beherrscht die Kunst, die Worte bedeutungsmäßig korrekt und mit einem Gefühl, das demjenigen des Absenders haargenau entspricht, wiederzugeben.
Wladimiras Übersetzungen sind Klone des Originals und enthalten keinerlei Anteile ihrer eigenen Persönlichkeit. Wenn sie einmal selbständige Gedanken faßt, dann läßt sie sich von niemandem in die Karten sehen. Das ist am effektivsten und auch am sichersten.
Der Mann, um den sich alles dreht, liegt noch in seinem Bett im Hotel. Obwohl alles unternommen wird, um ihn zu beschützen, läßt es sich nicht vermeiden, daß er mit fremden Mikroben in dem fremden Land in Kontakt kommt. Nun hat er sich eine Infektion der Atemwege zugezogen.
Der Meister muß auf sein tägliches Tennismatch verzichten und hinter den dicken Mauern des Hotels seinen Schnupfen auskurieren wo er, wie man allgemein annimmt, die Zeit nutzen wird, um die früheren Schachpartien seines Herausforderers Zug um Zug durchzugehen.
Aber der Mann, der schniefend, eine Kanne Tee in Reichweite, in seinem Hotelbett liegt, der Mann mit dem kräftigen Haar und den traurigen Augen, hat größere Probleme als eine banale Erkältung. Wladimiras Zimmer liegt direkt unter seiner Suite. Nachts kann sie seine Schritte hören. Auf und ab, auf und ab. Sie kann ihn auch stöhnen hören.
Vermutlich das Lampenfieber des Gladiators, ehe die Gitter der Arena hochgehievt und die Löwen losgelassen werden.
Vielleicht ist es auch etwas anderes.
Der Mann, den sie nicht mag, tritt ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Seine Augen hinter den dicken Brillengläsern sind halb geschlossen. Die Oberlippe ist ständig etwas über seine dunkelgelben Zähne hochgezogen. Das läßt sich nicht als Lächeln, aber auch nicht als Grimasse bezeichnen. Außerdem stinkt er.
Erst hier auf Island ist Wladimira ihr Geruch aufgefallen. Sie riecht. Der Weltmeister und sein handverlesenes Gefolge riechen.
Nach dem Rauch brennender Briketts. Nach Kohl. Nach harter Seife. Nach Körperausdünstungen. Nach Fußschweiß.
In diesem Land herrschen andere Gerüche. Was nicht nach Fisch riecht, riecht nach Parfüm. Die Seife im Hotelzimmer ist hellrot. Sie schäumt und duftet.
Jetzt stampft er wieder ungeduldig mit den Füßen.
Wladimira ist geduldig. Der Wagen wird schon kommen. Wenn man auf seine Chance wartet, dann kommt sie. Früher oder später, das ist ein Naturgesetz. Und es hängt von einem selbst ab, ob man sie ergreift.
Man nehme sich an ihr selbst ein Beispiel.
Wladimira glaubt nicht an Wunder. Dennoch steht sie in diesem Augenblick wie durch ein Wunder auf einem Bürgersteig in der Hauptstadt der Heimat ihrer Eltern.
Die Dolmetscherin der Botschaft, vom KGB geprüft und genehmigt, wird von einer Hirnhautentzündung heimgesucht, und gegen Krankheiten solcher Art ist nicht einmal der Sowjetmensch gefeit.
In der Panik des Augenblicks wird man auf sie aufmerksam, und jetzt ist sie hier. Rasch eingeflogen und schon bei der Arbeit. Ein unentbehrliches Rädchen in der Maschinerie, die das Schachturnier des Jahrhunderts ermöglicht, welches den endgültigen Beweis dafür liefern soll, daß das System, an das Wladimiras Eltern geglaubt haben, an das ihre Mutter, die überlebt hat, immer noch glaubt und dem Wladimira, ohne zu viele Fragen zu stellen, immer noch dient, zu guter Letzt siegen wird.
Der Vormittagsverkehr ist rege. Breite, chromblitzende Autos geben Gas und verschwinden in Richtung des Sees in der Mitte der Stadt. Weißblonde Frauen mit Kinderwagen, aus denen weißblonde Kinder in die Sonne blinzeln, halten inne und unterhalten sich. Die Männer in den Autos haben es eilig. Die Frauen sehen aus, als hätten sie alle Zeit der Welt.
Wladimira versteht fast immer, was sie sagen, dafür um so seltener, was sie damit meinen. Eine Sprache muß den Dingen entsprechen, die man kennt, wenn sie etwas anderes sein soll als bloße Worte. Die blonden Frauen unterhalten sich über Waschmaschinen. Sie verwenden dabei das Wort Seifenflocken.
Wladimira kann die Worte übersetzen, das schon. Aber die Wirklichkeit, der sie entsprechen, ist eine andere als ihre. Das macht das Ganze komplizierter oder einfacher, je nach Temperament.
Vor die Wahl gestellt, entscheidet sich Wladimira immer für das Einfache.
Eine Schwangere geht wiegenden Schritts mit ihrem großen Bauch auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig entlang und versucht die stark befahrene Straße zu überqueren. Sie setzt probehalber einen Fuß auf den Bordstein und zieht ihn dann rasch wieder zurück. Ein Oberbekleidungsstück, eine Art Mantel oder Umhang –, Wladimira sucht einen Augenblick nach dem passenden Ausdruck und entscheidet sich für Mantel –, verbirgt ihre umfangreiche Figur.
Verschwenderische Mengen eines aufgerauhten Stoffs haben für diesen Mantel Verwendung gefunden. Er ist großkariert in Lila und Gelb, was besser zu Wladimiras schwarzen Haaren gepaßt hätte.
Wladimira steckt sich ihr Haar jeden Morgen zu einem festen Knoten hoch. Hochgestecktes Haar muß man nicht so oft waschen wie offenes, und das spart Zeit und Seife.
Die Frau auf der anderen Seite ist größer als Wladimira, in der Tat ungewöhnlich groß für eine Frau, und sie sieht, wie Wladimira selbst auf diese Entfernung feststellt, provozierend gesund und gepflegt aus. Das Gesicht unter der rotblonden Mähne ist fein geschnitten und hätte besser zu einem anderen, schlankeren Körper gepaßt. Sie ist etwa zehn Jahre jünger als Wladimira, die gerade vierunddreißig Jahre alt geworden ist.
Wladimira wurde in einer Winternacht gezeugt. In der Nacht vor dem Morgen, an dem sie ihren Vater abholten. Das behauptet zumindest ihre Mutter.
Wladimira verspürt Genugtuung bei dem Gedanken daran, daß ihre Mutter eine letzte Liebesnacht erlebte, ehe sich die Dämmerung über sie und das Kind legte, das nach dem eigentlichen Erfinder der Revolution benannt worden war.
Die Geschichte von Wladimiras Namen gehört zum Repertoire ihrer Mutter.
»Würden wir ein Kind bekommen, so sollte es Lenins Namen tragen.« Hier machte ihre Mutter immer eine Kunstpause. »Zu Ehren der Revolution.«
Unter Schmerzen geboren, etwas anderes kam ohnehin nicht in Frage, während ihr Vater sich außer Reichweite befand oder gar tot war.
Wladimiras Vater war Spion. Ein Volksfeind. Sogar ihre Mutter glaubte das und glaubt es immer noch. Aus welchem Grund hätten sie ihn sonst festgenommen?
Aber der Volksfeind war trotz allem ihr Mann und Wladimiras Vater, und seinem Mann bringt man Essen. Soviel, wie man sich nur vom Mund absparen kann. Und Zigaretten. Auch die, die man gut selbst hätte rauchen können.
Vielleicht haben ja die Gefängniswärter das Essen gegessen und die Zigaretten geraucht, das kann die Mutter nicht ausschließen. Aber sie waren die Diener der Revolution. Sie arbeiteten hart für einen niedrigen Lohn. Die Wurstzipfel und Zigaretten konnte man ihnen gönnen.
Der Mann, den Wladimira nicht mag, nimmt sich immer das größte Bratenstück mit dem wenigsten Fett und Knorpel. Rein mit der Gabel, und schon liegt der Klumpen auf seinem Teller. Er läßt auch immer etwas übrig. Er nimmt mehr, als er essen kann, und läßt den Rest übrig. Jetzt sucht er in seiner Manteltasche nach den Bonbons, die er dauernd lutscht und von denen er nie jemandem anbietet.
Der Schachkommissar ist ein Diener der Revolution. Es bereitet Wladimira ein schlechtes Gewissen, daß sie ihn nicht mag.
Loyalität, Wladimira. Die Stimme ihrer Mutter hallt in ihren Ohren wider, während ein plötzlicher Windstoß sie erschaudern läßt. Obwohl es mitten im Sommer ist, ist es hundekalt. In Reykjavík gebe es kein Wetter, hat ihre Mutter gesagt. Jetzt weiß Wladimira, was sie damit meinte.
Die Loyalität der Sache gegenüber, die das Ich übertraf, hatte ihren Vater und ihre Mutter dazu veranlaßt, ihre Heimat zu verlassen, um den wirklichen Sozialismus mit aufzubauen.
Mutters Geschichten sind die Märchen ihrer Kindheit. Sie haben ebensowenig mit einer wiedererkennbaren Wirklichkeit zu tun wie die Diktatur des Proletariats und die gleichen Rechte für alle Menschen. Von der Mutter erhielt Wladimira ihre beiden Sprachen, Isländisch für die einfachen Dinge, Russisch für die wichtigen wie Solidarität, Pflicht und Kollektiv.
Auf der Universität lernte sie, die Sprachen mit der Genauigkeit eines Chirurgen anzuwenden. Im Laufe der Zeit hat sie gelernt, zwischen Worten und wirklichen Sachverhalten zu unterscheiden.
Der Mann, den sie nicht mag, sagt etwas, aber die Worte werden vom Lärm eines Busses verschluckt, der keuchend in die Kurve am Fuß des kleinen Hügels biegt.
Das Geschrei des kleinen Jungen, der neben Wladimira steht, übertönt das Keuchen des Busses. Ein Ballon hat sich aus seiner kleinen Faust losgerissen und treibt über die Straße. Eine Frau packt den Arm des Jungen. Seine Mutter, vermutet Wladimira.
Der Ballon ist so rot wie das Abzeichen, das die Mantelkragen der Delegation schmückt, mit Hammer, Sichel und den Strahlen der Sonne. Rot wie der rote Stern, wie das Halstuch der Pioniere, wie ihr eigenes Pionierhalstuch.
Ein Kind, das sich nicht beherrschen kann, ist ein scheußlicher Anblick. Glücklicherweise schüttelt die Mutter den Jungen, er hat es nicht besser verdient. Wladimira hätte ihm an ihrer Stelle wahrscheinlich eine Ohrfeige gegeben, damit er es sich merkt.
Mit unartikulierten Gefühlsausbrüchen hat Wladimira gar keine Geduld.
Vielleicht waren ja mit ihrem Vater die Gefühle durchgegangen. Vielleicht hatte er ja deshalb das Vertrauen der Herrschenden verloren oder war in einer Zeit aufgefallen, in der es lebensnotwendig war, unsichtbar zu sein. Einige der Geschichten der Mutter ließen dies erahnen.
Der Ballon treibt Richtung Meer. Der Junge hätte besser auf ihn achtgeben sollen. Er hat es sich selbst zuzuschreiben. Einen Ballon bekommt man nicht jeden Tag.
Hinter dem Bus taucht die große Limousine der Botschaft auf. Der Fahrer ist ein mürrischer Mann mit einer Warze im Nacken, die Wladimira während der Fahrten vom Hotel zu verschiedenen offiziellen Niederlassungen ausgiebigst hat betrachten können.
Wladimira kratzt es im Hals. Vielleicht bekommt sie die Erkältung ja auch. Wie auch immer, sie rechnet damit, bis spätabends arbeiten zu müssen. Hoffentlich sind die letzten Verhandlungen mit dem Vorsitzenden der Schachunion dann abgeschlossen. Dieser lebhafte Mann ist allen wohlgesinnt, aber auch nur eine Figur in einem Spiel, das sein Verständnis und sein Auffassungsvermögen übersteigt.
Es ist nach Mitternacht, als Wladimira endlich wieder ihr Hotelzimmer betritt. Das Zimmermädchen hat die Tagesdecke entfernt, und das Bett sieht mit seinen gestärkten weißen Laken, dem Federbett und den weichen Kissen sehr einladend aus.
Eine Thermosflasche Tee steht auf einer ausgebreiteten Serviette auf dem kleinen Schreibtisch. Dazu das dunkle, süße Brot, das Wladimira so schmeckt, Butter und geräucherte Forelle statt des Abendessens, das sie verpaßt hat.
Die Schritte über ihrem Kopf halten sie noch lange, nachdem sie fertiggekaut hat und in die weiche Wärme des Bettes gekrochen ist, wach. Schwere Schritte auf einem leise knarrenden Boden. In regelmäßigen Abständen putzt er sich die Nase – und stöhnt.
Oh, oh, oh.
Dort oben leidet ein Mensch. Ein lautstarkes Leiden, das sie wach hält. Der Druck, der auf dem Mann mit den traurigen Augen lastet, ist groß. Aber Leid läßt sich wie alles andere beherrschen.
Jedenfalls gibt es nichts, was sie tun könnte, um es zu lindern.
Zu guter Letzt muß sie eingedöst sein, denn sie befindet sich mitten in einem diffusen Traum, als ein dumpfes Geräusch sie veranlaßt, sich aufzurichten und Licht zu machen.
Etwas ist dort oben zu Boden gestürzt. Ein Möbelstück? Ein Mensch?
Jetzt ist es ganz still. Wladimira hört ihr eigenes Herz pochen. In ihrem Magen spürt sie ein Brennen. Die unregelmäßigen Mahlzeiten, die ihre Arbeit mit sich bringt, fordern ihren Tribut. Normalerweise schläft sie trotz Sodbrennen ein. Jetzt liegt sie wach und lauscht, obwohl sie es eigentlich nicht will.
Ein neues Geräusch. Jemand klopft laut gegen die Decke ihres Zimmers. Klopf. Klopf. Jetzt ist wieder ein Stöhnen zu hören. Lauter als vorher.
Oooh. Oooh.
Unter solchen Umständen kann man nicht schlafen.
Wladimira zieht ihre Bluse an und ihren Faltenrock. Dann schlüpft sie mit nackten Füßen in die Schuhe, die zwar schon den ganzen Tag drücken, aber ihre schönsten sind.
Sie geht die Treppe hoch und überlegt, ob es statthaft ist, jemanden zu bitten, etwas leiser zu leiden.
Als sie vor der Tür steht und die Hand zum Klopfen hebt, kommt ihr in den Sinn, daß sich der Mann dort drinnen verletzt haben könnte.
Der Mann, den sie nicht mag, hat sein Zimmer etwas weiter den Gang hinunter. Das korrekte Verhalten in dieser Situation wäre zweifellos, bei ihm anzuklopfen und ihn zu bitten, sich des Problems anzunehmen, aber sie weiß nicht einmal, wie sie es formulieren soll, worin es überhaupt besteht.
Statt dessen legt sie ein Ohr an die Tür. Von innen ist nichts zu hören.
Wladimira bleibt einen Augenblick stehen und horcht in die überraschende Stille. Bestenfalls ist er dort drinnen eingeschlafen. Und schlimmstenfalls? Die Stille verheißt nichts Gutes.
Ganz von selbst hebt sich ihre rechte Hand. Mit dem Mittelfinger schlägt sie zweimal auf die braune Türfüllung, ein zweifaches, diskretes Klopfen.
Ein Geräusch. Jemand bewegt sich auf der anderen Seite der Tür. Es klingt, als würde jemand kriechen, wie Knie auf einem Teppich. Dann wird es wieder still.
Die Tür ist nicht abgeschlossen und läßt sich halb aufdrücken. Etwas ist im Weg, so daß sie sich nicht ganz öffnen läßt. Ein liegender Mann.
Nun richtet er sich mit Mühe auf. Das bekannte Gesicht taucht im Türspalt auf, das kräftige, rotbraune Haar, die grünen, traurigen Augen.
Dann steht sie plötzlich mitten im Zimmer. Zwei Hände haben sie an den Oberarmen gepackt, und sie wird durchgeschüttelt, wie der Junge vorhin, aber sie hat nichts getan, nichts gewagt. Schließlich war nicht sie es, die sich einem roten Ballon hinterher- und um ein Haar vor einen Bus geworfen hätte.
Den ganzen Tag ist sie ihrer Arbeit nachgegangen, hat Worte in andere Worte übersetzt, und jetzt ist sie müde und will schlafen. Sie ist gekommen, um das zu sagen.
Sie bringt kein Wort über die Lippen.
»Setzen Sie sich«, sagt der Mann.
Die Stühle des Zimmers, Empire mit Intarsien, sind mit Kleidern und zerknülltem Papier bedeckt. Ein Tennisschläger lehnt an dem riesigen Sofa. Auf einem zierlichen Schreibtischstuhl steht ein Schachbrett mit den Figuren in der Ausgangsposition.
Der Gestank von Zigarettenkippen ist überwältigend.
Durch die Tür zum Schlafzimmer sieht sie, daß das breite Doppelbett gemacht ist, die Bettdecke ist festgesteckt.
»Kommen Sie.«
Ein Finger deutet anklagend auf ihre Nase. Dann wird er zur Decke gehoben. Sie folgt ihm mit dem Blick.
Nun deutet der Finger zu Boden. Wladimira starrt auf das Muster des Teppichs. Dunkelblaue Blumen auf rotem Grund. Der Teppich sieht persisch aus.
Das ist ein Perserteppich, sagt eine Stimme in ihrem Kopf. Die Stimme spricht isländisch.
Eine Hand packt ihr Kinn. Sie muß ihn ansehen, wenn sie nicht die Augen schließen will. Die Hand drückt ihren Kopf hin und her, immer fester und immer schneller.
Noch nie hat sie jemand so behandelt. Ihre Mutter hat nie die Hand gegen sie erhoben. Kein Lehrer hatte je einen Grund, sie zu bestrafen.
Endlich läßt er los.
»Was denken Sie?«
Er wirkt ungeduldig, aber seine Stimme klingt beunruhigend normal. Ist er verrückt? Bei Genies ist das möglich. Und er ist zweifellos ein Genie.
»Was ich denke?«
»Was denken Sie, wenn ich Sie so schüttele? Was denken Sie?«
»Das weiß ich nicht.«
Denkt sie überhaupt?
»Setzen Sie sich.« Er nickt in Richtung eines Stuhls und fegt mit der Hand einen Stoß Papiere zu Boden. Wladimiras Beine geben nach, und sie setzt sich. Sie wagt es nicht anders.
»Stehen Sie auf.«
Sie zögert. Wenn das so weitergeht, muß sie um Hilfe rufen. Sie hofft, daß ihre Stimme, wenn nötig, bis zur Außenwelt durchdringt.
»Stehen Sie auf, habe ich gesagt.«
Chaotische Signale erreichen ihre verschiedenen Körperteile. Hinter ihren Augen hat sich etwas Warmes angesammelt.
»Stehen Sie endlich auf.«
Ihr Körper gehorcht mehr schlecht als recht. Sie kommt auf die Beine.
»Gehen Sie rüber zur Wand. Kommen Sie zurück. Gehen Sie rüber zur Wand. Kommen Sie zurück. Schneller. Machen Sie schon. Rüber zur Wand. Zurück. Rüber zur Wand. Zurück.«
Sie tut es. Hin und her, bis sie nach Luft ringt.
»Was denken Sie? Was denken Sie? Was denken Sie?«
Seine Hand hält sie auf. Seine Finger bohren sich in ihre Schulter. Sein Mund ist ganz nah an ihrem Ohr. Jetzt schreit er.
»Was denken Sie?«
»Nichts.«
»Nichts?«
»Nichts, habe ich gesagt. Nichts.«
Sie hört selbst, daß sie schreit. Das ist überraschend.
Noch mehr überrascht sie, daß sie isländisch spricht.
Das verwirrt ihn so sehr, daß er eine Sekunde lang losläßt, aber einen Augenblick später hat er ihre Schulter schon wieder im Schraubstock.
»Natürlich denken Sie nichts. Wer kann schon mit einer Pistole an der Schläfe denken? Sie können es nicht. Ich kann es nicht.
Man kann weinen, man kann sich in die Hose machen, aber man kann nicht denken.«
Der Junge mit dem Ballon konnte das Wasser nicht halten. Das Bild der kleinen Lache auf dem Bürgersteig ist plötzlich wieder da. Sie wußte nicht einmal, daß es ihr aufgefallen war. Ihre eigene Blase drückt unter dem Faltenrock.
Seine Augen sind immer noch traurig. In ihnen ist keine Wut. Vielleicht kann sie ihn überreden, sie gehen zu lassen.
»Können wir uns nicht hinsetzen?«
Das wirkt. Er deutet durch die Tür auf das Fußende des Bettes.
»Dort.«
So langsam, wie sie es nur wagt, begibt sie sich mit ihm auf den Fersen ins Schlafzimmer und läßt sich ganz außen auf die Bettkante sinken.
Er selbst setzt sich auf den Fußboden.
Dann sitzen sie da. Die Minuten vergehen. In Wladimiras Kopf drehen sich die Worte im Kreis. Isländische und russische durcheinander. Wenn sie etwas sagen soll, so muß sie die Worte wählen, die ihn dazu bringen, sie gehen zu lassen.
Er bricht das Schweigen.
»Das ist meine Aufgabe. Mein Gehirn zu gebrauchen.« Er spricht diese Worte aus der Hocke. »Mir den Zug vorzustellen, bevor ich die Figur bewege. Ich lasse mir Zeit. Oder ich bin schnell. Manchmal ist es das beste, schnell zu sein. Überraschungsangriff. Man muß die richtige Entscheidung treffen. Jeder einzelne Zug muß korrekt sein. Und elegant. Daran denke ich. Jedesmal. Korrekt und elegant. Vorgestern sagten sie, wir würden nach Hause fahren. Sie wollten mich ohne Kampf zum Sieger ernennen. Aber ich gehöre nicht zu den Leuten, die dem Gegner den Rücken zukehren. Egal, wie er sich benimmt. Er ist der Gegner. Ich habe mich bereit erklärt zu spielen, und ich spiele.«
Die Worte richten sich nicht an sie, sondern an die Wand hinter ihr.
In Wladimiras Kopf verwandeln sie sich in isländische Worte, korrekte Worte, eins nach dem anderen. Auf diese Weise ergeben sie keinen Sinn, und sie muß zu ihnen nicht Stellung nehmen.
»Wenn ich nicht denken kann, dann gibt es mich nicht.«
Wenn sie so tut, als sei sie bei der Arbeit, dann braucht sie nicht zu reagieren. Sie kann ihn ausreden lassen, dann kann sie gehen und hat sich nichts vorzuwerfen. Morgen ist sie dann wieder die Dolmetscherin, eine von vielen, die irgendeine Funktion erfüllen. Morgen ist er wieder der Weltmeister. Alles kann so weitergehen wie bisher.
Nichts ist mehr gefährlich. Sie ist in Sicherheit.
Die Wärme hinter ihren Augen ist verschwunden. Ihre Knie fühlen sich wieder normal an.
Er schweigt. Wladimira sieht auf ihre Uhr. Eine Minute vergeht. Zwei. Sie stemmt ihre hohen Absätze auf den Boden und erhebt sich probehalber. Vielleicht kann sie ja an ihm vorbeihuschen und die Tür erreichen, bevor er aufgestanden ist.
»Sie bleiben sitzen.«
»Können wir nicht Schluß machen? Der Tag war anstrengend. Man muß auch mal schlafen.«
Er hat nicht das Recht, sie zu tyrannisieren. Sie weigert sich, ihm das zu erlauben. Sie ist sowjetische Staatsbürgerin. Er ist sowjetischer Staatsbürger. Sie hat Rechte.
»Schlafen kann man immer. Würde. Ich spreche von Würde. Beruflicher Ehre.«
Wladimiras Gehirn überschlägt sich fast bei dem Versuch, diese Worte zu übersetzen, sie zu entschärfen, aber er spricht weiter.
»Wenn er der Beste ist, dann ist er der Beste. Wer immer er sein mag.«
Er macht eine Pause und wartet auf eine Antwort. Als keine kommt, fährt er fort.
»Er darf es nicht sein. Nasche Lutschsche. Wir sind die Besten. Das Zentralkomitee hat es so beschlossen. Das Politbüro hat das beschlossen. Die Partei hat das beschlossen. Ich bin kein Mitglied des Zentralkomitees, ich bin nicht mal Mitglied der Partei. Aber Befehl ist Befehl. Mein Kopf weiß das. Aber er kann keine Befehle befolgen. Ich empfinde, was ich empfinde. Der Kopf gehorcht nicht mehr. Ich habe Angst. Ich bin wütend. Ich bin aufgebracht.«
»Niemand kann es sich erlauben, sich von seinen Gefühlen beherrschen zu lassen.«
Die Worte kommen ihr unüberlegt über die Lippen. Ein ungläubiger Ausdruck breitet sich auf dem Gesicht des Mannes aus.
»Wo habe ich das schon einmal gehört?«
Er lacht. Ein trockenes Lachen wie ein Husten. Es hört nicht auf.
»Wladimira«, hustet er.
Sie wußte nicht, daß er ihren Namen kennt. Sie erfüllt eine Funktion. Deswegen ist sie mitgekommen, nicht um ein Individuum zu sein.
»Wladimira hat ihren Glauben.«
Sein Gelächter übertönt ihren Versuch, zu protestieren. Ein befreites Lachen.
»Erzählen Sie mir eine Geschichte, Wladimira.«
Das Lachen hat ihm die Tränen auf die Wangen laufen lassen, auf denen sich die Bartstoppeln wie ein Schatten abzeichnen. Seine Haut ist braun und glatt, das Haar gewellt und so dicht, daß man mit den Fingern hindurchfahren will.
»Wladimira.«
Das ist ihr Name. Zu Ehren der Revolution. In seinem Mund klingt er wie eine lebensgefährliche Liebkosung.
»Eine Geschichte?«
Sie kann ihre Hand gerade noch davon abhalten, etwas Dummes zu tun. Ihre Gedanken kann sie aber nicht aufhalten. Und auch nicht die Wärme. Sie breitet sich von ihrem Schoß über die Brust bis zur Kehle aus und wird zu zwei heißen Flecken auf ihren Wangen.
»Setzen Sie sich hierher.«
Er klopft auf den Teppich neben sich.
Wladimira läßt sich zögernd zu Boden gleiten.
»So ist es gut.«
Sein Kopf liegt in ihrem Schoß. Seine Hände fallen kraftlos zur Seite.
»Wladimira«, sagt er. »Sie ähneln einem Apfel. Ihr Haar ähnelt einem Apfel auf einem Apfel. Wenn Sie alt werden, dann werden Sie aussehen wie zwei Äpfel, ein glatter und ein verschrumpelter.«
Sein Kopf liegt schwer auf ihren unter dem dünnen Stoff ihres Rocks verborgenen Schenkeln. Es pocht in ihrer Brust.
»Eine Geschichte, Wladimira. Ich brauche Geschichten.«
Sie zögert. Dann sagt sie: »Ich habe heute einen kleinen Jungen gesehen.«
Das ist keine Geschichte, aber es ist das einzige, was ihr einfällt.
»Er hat seinen Ballon verloren. Einen roten Ballon. Der ist wohl einfach weggeflogen. Er hat ihn nicht ordentlich festgehalten. Er ist weggeflogen. Vielleicht übers Meer. Fast wäre er vom Bus überfahren worden. Seine Mutter hat ihn gerettet.«
Er hat die Augen geschlossen. Jetzt öffnet er sie.
»Hat ihn seine Mutter gerettet?«
»Sie hat ihn geschüttelt, weil er heulte.«
»Müßte man mich schütteln?«
Wladimira sucht nach dem isländischen Wort für schütteln. Einen festen Punkt, während sich alles um sie dreht.
»Das weiß ich nicht.«
Die Wärme hinter ihren Augen ist wieder da.
»Erzählen Sie mir noch eine Geschichte.«
»Ich weiß keine.«
»Versuchen Sie es.«
Eine der Geschichten ihrer Mutter. Sie läßt sich alle möglichen durch den Kopf gehen, aber keine von den üblichen eignet sich.
Dann taucht eine auf.
»Es war einmal ein Mann, der hieß Gunnar.«
Die Stimme der Mutter, feierlich wie die einer Rezitatorin an einem Rednerpult.
Ein Bauer wird von seinesgleichen für vogelfrei erklärt. Nur die eigenen Leute können einen verurteilen, Wladimira. Dein Vater wurde von seinesgleichen verurteilt.
Vielleicht ist das wahr. Zumindest hat sie sich daran gewöhnt, das zu glauben.
»Er sattelt sein Pferd. Er packt seine Satteltaschen. Er wird seinen Hof, seine Frau und seine Kinder verlassen und nie mehr zurückkehren. Jeder, der ihm begegnet, kann ihn erschlagen. Er ist vogelfrei. Das bedeutet dieses Wort. Er hat einen Mann erschlagen und darf nun seinerseits erschlagen werden.«
Die Bilder tauchen in rascher Folge vor ihrem inneren Auge auf.
Das Bild des Mannes zu Pferd, die grüne, hügelige Landschaft, das klare Wasser des Flusses. Überall blüht es. Es ist Frühling.
»Er reitet vom Hof weg. Niemand sieht ihm nach. Er soll von dannen ziehen können, ohne daß ihn jemand zurückhält. Es muß sein.
Sein Gesinde hat vor vielen Sommern eine Brücke über den Fluß gebaut. Die Brücke hätte repariert werden müssen, aber es gab zuviel anderes. Zwietracht. Ein Balken ist unter dem Schnee des Winters verrottet. Das Pferd rutscht aus, es stolpert und verliert den Halt.
Gunnar steigt vom Pferd. Er will es über die Brücke führen, damit sie beide sicher auf die andere Seite gelangen.
Bevor er sich wieder in den Sattel schwingt, dreht er sich um. Ein letztes Mal will er seinen Hof sehen.
Hinter ihm ist der Abhang grün. Das Gras scheint ihm üppiger denn je. Die Sonne funkelt im Tau.
Gunnar steht da, und er schaut. Er betrachtet das Grün. Die Sonne. Die Tautropfen. Den Himmel. Die Blumen, gelb und lila. Er steht lange da und schaut, bis das Pferd ungeduldig mit den Hufen stampft.
Aber Gunnar steigt nicht aufs Pferd. Er ergreift die Zügel und führt das Pferd den schmalen Pfad hinauf. Zurück zum Hof. Zurück zu dem grünen Hang und den Torfkaten und dem Leben, das er für sich und seine Familie gewählt hat.«
Sie schweigt.
Der Mann hat die Augen geschlossen.
»Schläfst du?« flüstert sie. Seine Mundwinkel zucken.
»Was ist dann aus ihm geworden?« fragt er.
Wladimira hebt die rechte Hand vom Boden und läßt sie einen kurzen Augenblick über dem schweren Kopf schweben. Dann fährt sie mit den Fingern durch sein kräftiges Haar.
So muß es sich anfühlen, mit bloßen Händen einem Pferd durch die Mähne zu fahren.
»Das weiß ich nicht mehr«, sagt sie.
Olivier
Jetzt, wo seine Mutter tot ist.
Jetzt, wo er niemandem mehr Rechenschaft schuldig ist.
Jetzt, wo er sich ganz seinen Wünschen hingeben kann.
Jetzt.
Unmittelbar bevor ihm der Traum verriet, was er eigentlich begehrt, erwacht er.
Irgend etwas, vielleicht ein Donnern, hat ihn geweckt, ein rollendes Krachen, das weitergeht, sich verwandelt, sich zu etwas Mahlendem verstärkt, zu etwas Pfeifendem abschwächt und sich zu etwas Knirschendem verdichtet. Dann wird es still. Die Stille ist genauso ohrenbetäubend, wie der Lärm es war.
In seiner Kajüte riecht es nach seinem Erbrochenen. Seekrank tagsüber, seekrank in jeder Nacht der ganzen langen Reise. Das Fett hängt in schlappen Wülsten an seinem wenig beeindruckenden Skelett.
Eigentlich wäre es natürlich gewesen, zu bereuen, sich je auf diese Reise begeben zu haben. Olivier weiß nicht, ob er es bereut. Das Meer hat ihn davon abgehalten, darüber nachzudenken.
Die Dünung. Das Rollen. Die kurzen, kräftigen Wellen. Die schaumbedeckten Hügel, die brodelnden Täler.
Sein ganzes Leben lang hat er an Land gestanden und sie betrachtet. Jetzt erlebt er zum ersten Mal, welche Wirkung sie auf seinen Körper ausüben.
Er hat sich nie fürs Schwimmen begeistern können. Er wollte sein Fett nicht den Augen der Welt darbieten, es war so schon schlimm genug. Nie zuvor hatte er seinen Fuß auf ein Schiff gesetzt. Selbst wenn er Lust dazu gehabt hätte, hätte seine Mutter jeglichen Versuch unterbunden.
Wer hätte geglaubt, daß er sich erst mit achtundfünfzig seiner Mutter widersetzen würde.
Das Schiff liegt still. Jetzt merkt er es. Ein leises Schwanken, das ist alles.
Schlaf. Sich so ausgiebig wiegen lassen, daß man nie mehr erwacht. Vielleicht ist es ja das, wovon er sein Leben lang geträumt hat.
Ein Poltern an der Tür.
»Wir liegen im Hafen.«
Vor Durst klebt ihm die Zunge am Gaumen. Er trinkt fast eine ganze Flasche Wasser. Dieses Mal dreht es ihm ausnahmsweise nicht den Magen um. Er taumelt aus seiner Koje, zieht eine Hose und ein Hemd an und einen Wollpullover über den Kopf.
Oben haben sie bereits die Gangway in Position gebracht.
Sie befinden sich im Hafen. Lagerhäuser begrenzen die Sicht auf Kräne und Öltanks. Auf dem Kai haben sich stämmige Männer in Ölzeug aufgebaut, Blonde und Dunkelhaarige mit Schirmmützen. Der durchdringende Geruch von Fisch steigt ihm in die Nase.
Hier genauso wie zu Hause.
Auf der Brücke unterhält sich der Kapitän in Zeichensprache mit einem Mann, dessen unnatürlich breite Schultern seine blaue Uniform zu sprengen drohen. Auf einem Bord hinter ihnen stehen eine Cognacflasche und zwei geleerte Gläser.
So ist es recht. Olivier kennt die Methode. Ein kleines Glas kann einen Weg bahnen, der bis vor kurzem unpassierbar erschienen ist.
»Ich wollte mich eben noch verabschieden.«
Der verbindliche Händedruck. Der Kapitän weicht seinem Blick aus. Vielleicht glaubt er, Olivier würde einen Teil des Geldes zurückfordern.
Die Reise hat er im voraus bezahlt. Eine stattliche Summe, die auch die Rückfahrt umfaßt, auf die er lieber verzichtet hätte, wie auf all das, was er auf der Fahrt ohnehin nicht hatte essen und trinken können.
Auf dem Schiff hat er nichts mehr verloren. Für die Heimreise kann er sich ein Flugticket leisten, aber er wollte mit dem Schiff ankommen.
Der harte Koffer schlägt unangenehm gegen das rechte Bein, als er, nach dem langen Fasten ganz schwach, die Straße hochstolpert.
Außerhalb des Hafengebiets ist die Luft salzig und sauber. So weit das Auge reicht, gibt es keine hohen Gebäude und keine Fabrikschornsteine. Der Himmel über ihm ist mit dramatischen Wolken überzogen. Hinter ihm ragt jenseits der Bucht ein beeindruckender, schwarzblauer Gebirgskamm auf.
Ein fremdes Land. Er hat an dieses Land gedacht, jetzt ist es plötzlich da. Er weiß nicht, was er sich vorgestellt hat und ob er sich überhaupt etwas vorgestellt hat. Eis muß es geben, warum sollte es sonst Island heißen? Islandponys und isländische Vulkane kennt er. Er hat eine Fernsehsendung über eine Insel gesehen, die aus dem Meer aufgetaucht ist, eine Vulkaninsel.
Trockenfisch. Das Schiff, mit dem er gekommen ist, würde eine Ladung getrockneten, gesalzenen Dorsch mit zurücknehmen.
Der Dorsch hat seinen Vater das Leben gekostet. Jetzt ist es fast schon soweit, daß sich die Fischer wegen dieses Fisches gegenseitig umbringen. Dorschkrieg. Als ob es nicht auch so schon genug Kriege gäbe.
Über die Sprache, die hier gesprochen wird, weiß er nichts. Er beherrscht nur seine Muttersprache. Mit den zwei bis drei englischen Ausdrücken, die er sich mit Rücksicht auf die Touristen mühsam angeeignet hat, wird er nicht weit kommen.
In einem Hotel wird er sich wohler fühlen. Hotels sind überall auf der Welt gleich.
Ein Hotel wie sein eigenes zu Hause, wo er sich waschen und umziehen und etwas essen kann, jetzt wo die Übelkeit langsam in Hunger übergeht. Eine Flasche Wein. Schlafen, tief und lange. Ein breites Bett statt der unbequemen Koje. Frische Bettwäsche. Ein Boden, der nicht unter seinen Füßen schwankt.
Bereits morgen will er in den Norden. Vielleicht kann er ja mit der Bahn fahren. Oder mit dem Bus. Sein Führerschein steckt in der Innentasche seiner Jacke. Vielleicht kann er ja einfach ein Auto mieten und selbst dorthin fahren.
Er weiß den Namen des Ortes. Fáskrudsfjördur. Er hat ihn auf der Landkarte gefunden. Ein kleiner Flecken auf einer Landzunge, die nach Osten weist.
Im Hotel werden sie schon Bescheid wissen. In Hotels weiß man immer Bescheid. Dort werden Fremdsprachen gesprochen, vielleicht sogar Französisch.
Die Kleider schlottern ihm um den Körper. Unrasiert ist er außerdem. Vermutlich sieht er aus wie ein Landstreicher.
Die Stadt erinnert an den Fußboden im Kinderzimmer, wenn er die Kiste mit den Bauklötzen darauf ausgekippt hatte. Der schwarzgraue Asphalt der Straßen ist rissig. Schwarzer Splitt knirscht unter seinen Sohlen.
Die Straße, an der er wartet, um sie überqueren zu können, beschreibt einen leichten Bogen. Er steht auf dem Rücken eines gestrandeten Riesenwals.
Wale gibt es auch hier, fällt ihm plötzlich ein. Er hat Fotos von Harpunen auf großen Schiffen gesehen, von der blutigen Arbeit des Ausnehmens, von Speck und Tran.
Er kann sich nicht vorstellen, Walfleisch zu essen. Er will eine Suppe und Brot, um es in die warme Flüssigkeit zu tunken. Er braucht etwas, um seinen Magen wieder in Gang zu bringen. Gebratenen Fisch. Vielleicht etwas Käse zum Dessert, vorzugsweise einen weichen, tröstenden. Karamelpudding.
Im Kopf hat er das Menü bereits zusammengestellt. Ihm läuft das Wasser im Mund zusammen.
Autos brausen an ihm vorbei. Schwere, flache Autos, wie er sie in amerikanischen Fernsehfilmen gesehen hat. Chevrolets und Chryslers und riesige Fords.
Auf dem kurzen Weg vom Hafen ist der Sprühregen in Sonnenschein übergegangen. Jetzt treiben von neuem Wolken vom Meer heran und pressen die Sonnenstrahlen zusammen, bis sie dem Licht aus einem Filmprojektor gleichen.
Auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig sieht er, wie eine Frau nach vorne springt und mit den Armen fuchtelt. Ihr Mund öffnet sich zu etwas, was ein Schrei sein könnte, aber im Lärm des Verkehrs untergeht.
Die Frau besteht nur aus Bewegung. Ihre Arme wirbeln herum.
Das Ganze spielt sich im Bruchteil einer Sekunde ab.
Ein Kind, sie packt ein Kind. Einen knubbeligen Jungen in kurzer Hose.
Das hätte er selbst in diesem Alter sein können, mit dem Unterschied, daß sich dieses Kind wehrt. Der kleine, kräftige Körper windet sich unter dem festen Griff der Mutter, und die Füße stampfen auf den Boden.
Es nützt nichts.
Die Mutter schüttelt ihn unsanft.
Ein dummes Kind, das nicht begriffen hat, daß Widerstand nur zu Strafe führt, und zwar nicht notwendigerweise in Form körperlichen Schmerzes oder böser Worte.
Sondern Kälte. Verlust von Geborgenheit.
Ein roter Ballon treibt an Oliviers Ohr vorbei. Der Junge streckt beide Arme nach dem Ballon aus, in Oliviers Richtung, aber noch ehe dieser seinen Koffer abstellen, sich mit seinen müden Gliedern umdrehen und den Arm nach dem fliegenden Rot ausstrecken kann, ist es zu spät.
Der Ballon wird in wiegendem Tanz von einer Bö weggetragen.
Es ist wohl kaum der erste und ganz sicher nicht der letzte. Aber man gewöhnt sich nie daran.
Erst jetzt bemerkt er den Bus, der nur einen Meter von ihm entfernt angehalten hat. Ein schweres Unglück wurde abgewehrt. So kann man die Dinge auch sehen.
Aber es erfüllt ihn Trauer, als er die Straße überquert, Trauer, die sich ihm an die Fersen geheftet hat, während er durch einen kleinen Park geht, in dem unerwarteterweise Blumen in ordentlichen Rabatten stehen.
Ihre Farben sind durchdringender als normal und glühen beklemmend in der klaren, kühlen Luft. Solche Blumen hat er noch nie gesehen.
Ihr Duft, ein bitterer Duft von Honig gemischt mit Teer, gehört zu einer anderen Welt, auch die Blumen gehören zu einer anderen Welt.
Er flieht vor dem Blumenduft auf die Straße, auf der die Autos entlangbrausen. Eines streift seinen Koffer, es ist nur ein leichter Stoß, und der Fahrer wirft seinen Wagen zur Seite. Der Koffer fällt ihm nicht aus der Hand, und das Auto fährt weiter.
Ein flacher und luxuriöser Citroën, der aus der Menge der protzigen Amischlitten hervorsticht. Ein Stück seiner Heimat, das ihm ein Gefühl der Geborgenheit vermitteln sollte, das aber nur sein Gefühl der Trauer verstärkt und in einen pochenden Kopfschmerz verwandelt.
So ein Auto hatte er auch kaufen wollen. Nächstes Jahr.
Auf dem Bürgersteig stellt er seinen Koffer ab. Irgendwo in der Nähe funkelt Wasser, aber es kann nicht das Meer sein, denn das liegt hinter ihm.
Eine Bank. Wasser funkelt in den letzten Sonnenstrahlen, ehe ein Schauer die glatte Oberfläche aufpeitscht und den Enten, die dort ihre Kreise ziehen, das Gefieder aufwühlt. Das Wasser ist braun, grau, dann plötzlich wieder blau und weiß, eine Wolke spiegelt sich, und der Regen ist vorbei.
Seine Uhr zeigt die Zeit an. Aber ist das die richtige Zeit? Er weiß es nicht. Die Zeit hat auf dem Schiff stillgestanden, und er hat sich durch sie hindurchbewegt. Vielleicht in eine neue Zeit. Vielleicht hat er sich ja nur im Kreis bewegt, und die Zeit ist noch dieselbe.
Jemand spricht ihn in einer Sprache an, die er nicht versteht. Jemand stellt seinen Koffer neben ihn hin und sagt mehrere Worte.
Ein Mund spricht Worte aus, die er nicht versteht. Der Mund einer Frau. Er ist kräftig, in einem hellen Lila geschminkt und sitzt unter einer Nase, die dem Himmel entgegenstrebt. Es ist ein Gesicht, die Wangen sind hell und mit Flaumhaar bedeckt, ein Pfirsich spricht zu ihm durch eine kleine Öffnung, in der weiße Zähne schimmern und eine rosafarbene, feuchte Zunge.
Die Worte versteht er nicht. Das macht nichts.
Vor seinen Füßen steht ein Koffer. Vielleicht ist das seiner.
»Hotel«, sagt er. Das ist das einzige Wort, an das er sich erinnert.
Vielleicht versteht sie ihn, vielleicht nicht. Jedenfalls bleibt sie sitzen und legt eine Hand mit kurzen Fingern auf seine.
Er betrachtet seine Hand. Die dicke Hand eines zu groß geratenen Kindes mit Vertiefungen, wo die Knöchel hätten sein sollen. Sicher fühlt sie sich weich an, wenn man sie streichelt. Jedenfalls streicheln die kurzen Finger sie offenbar mit einem gewissen Genuß.
Früher hat ihn auch jemand gestreichelt, seine Hand, seinen drallen Kinderkörper, seinen fetten Jungenkörper. Jemand hat seine Nase in seinem Nacken vergraben und mit seinen Zehen gespielt. Weich und gut, Olivier. Weich und gut. Nicht am Daumen lutschen, es gibt anderes, was du dir in deinen kleinen Mund stopfen kannst, was schmilzt und Wohlbehagen bereitet und deinen hungrigen Magen füllt. Hier hast du, eine Brust, einen süßen, tröstlichen Geschmack.
Eine Brust im Mund eines Dreijährigen, eines Vierjährigen und immer so weiter.
Olivier, Sohn von Olivier. Das Kind eines Toten kann viel Trost gebrauchen.
Dem Kind eines Toten bürdet man viel auf. Das weiß er inzwischen.
Unter diesem Himmel wird alles klarer. Die Farben der Blumen. Das Licht auf dem See, das ihn in flüssiges Metall verwandelt. Eine Hand streichelt seine Hand, so als würde das nichts kosten.
Eine Hand hebt einen Koffer an. Ein Pfirsichgesicht lächelt, und er macht sich auf den Weg, geht neben ihr her, eine Straße entlang, um eine Ecke.
Ein gelbes Gebäude. Eine schwarze Uniform mit rotem Besatz hinter einem Tresen. Bleiche Wände. Christus, gequält und gemartert an seinem Kreuz.
Die Uniform deutet auf etwas, das sein Koffer sein muß. Über dem Uniformkragen ein Gesicht, hellgrau und ohne Lächeln.
Er will dort nicht sein. Er ist nicht arm. Das ist ein Ort für Arme. Ein Obdachlosenasyl. Oder ein Asyl für Kranke. Oder Verrückte.
Sie hat ihn dorthin gelockt. Wenn er dort bleibt, kommt er nie mehr raus.
Die Tür hinter ihm steht offen. Mit drei raschen Schritten ist er wieder auf der Straße, den Koffer läßt er stehen.
Es pfeift in seinen Lungen, als er den unebenen Bürgersteig entlanghastet, er kann sich nicht erinnern, wann er zuletzt gerannt ist. Er kommt nur ein paar Meter weit, da hält ihn ein stechender, linksseitiger Schmerz auf.
Jetzt ist sie wieder neben ihm, immer noch lächelnd. Sie hat seinen Koffer in der Hand und legt eine Hand auf sein Schulterblatt. Er hat zu starke Schmerzen, um sie abzuschütteln.
Die Hand drückt ihn weiter. Jetzt deutet sie auf sein Knie, und er hebt es automatisch. Der Schmerz läßt nach.
Die flaumige Haut eines Pfirsichs, ein leuchtender lilafarbener Mund. Ihr Haar hat sie unter eine Strickmütze geschoben, aber er sieht ihre Augen. Sie sind grau, graue Augen unter einer hellbraunen Mütze, das Himmelwärtsstreben der Nase, der Pfirsichflaum der Wangen, so jemanden wie sie hat er noch nie gesehen, ein freundlich gesinnter Troll, eine üppige, flaumige Elfe.
Eine Elfe, die auf ihn deutet.
»Edda«, murmelt er. »Edda.«
Sie schüttelt den Kopf, deutet wieder. Da versteht er.
»Olivier.«
Sie legt ihre Hand in seine, sie ist klein, fest und warm. Wie zwei wohlerzogene Kinder gehen sie die schmalen Straßen und an einer Friedhofsmauer entlang. Auf der anderen Seite schwanken niedrige Bäume mit dünnen, verkrüppelten, moosbewachsenen Stämmen. So sehen Bäume am Meer aus, so sehen Bäume aus. Er kann unbekümmert weiterwandern.
Vor einem grauen Haus stellt sie den Koffer ab.
Der ungleichmäßige Putz der Fassade erinnert an Elefantenhaut. Das Haus wirkt privat, es handelt sich um kein Hotel, aber auch nicht um eine beängstigende Einrichtung. Es lehnt sich schwer Richtung Straße, aber im Treppenaufgang riecht es gut nach Lack und Schmierseife. Mit einem Schlüssel an einem kleinen Schlüsselbund schließt sie eine grüngestrichene Tür auf, und er folgt ihr in ein freundliches Zimmer.
Er läßt sich wiegen. So gründlich, daß er nie mehr erwacht.
Aber er erwacht doch, und zwar in einem Bett, das zu schmal für zwei ist. Er erwacht in Armen, die ihm unbekannt sind, mit dem Geschmack einer unbekannten Brust in seinem trockenen Mund. Sein Glied liegt groß und schwer an einem unbekannten Körper und er gehört nicht einer der Dirnen, für die ihm seine Mutter Geld gab, als er für das andere zu groß wurde. Es ist eine Frau, die seine Hand nimmt und auf ihren Bauch legt, der groß und rund ist und von einer Furche geteilt wird. Ihre Schenkel sind biblische Säulen, und ihr Mund schmeckt nach Pfirsich, er schmeckt nach Sahne, und er läßt sich immer weiter wiegen, hinein in die gütige Dunkelheit.
Eine Stimme spricht. Die Worte versteht er nicht, aber er versteht das Glas Wasser in ihrer Hand. Er versteht die Hand, die ihm über das zerzauste Haar und über die unrasierte Wange streicht.
Sie ist jetzt angekleidet und trägt eine Strickjacke und eine Hose. Die Elfe ist verschwunden, er hat einen Frauenkörper vor sich, den Körper einer kräftigen Frau. Draußen vor dem Fenster ist dunkle Nacht. Während er hier lag, ist es Nacht geworden. Wenn er Glück hat, wird es nie Morgen.
Die Nacht kann man durchschlafen, nicht aber den Morgen.
Ein Mantel, sie zieht jetzt ihren Mantel an, aber er kann sie nicht gehen lassen. Eine Hand, um sich festzuklammern, das ist das mindeste. Zum Schluß gestattet sie ihm mitzukommen. Sie hilft ihm in die Kleider, gibt ihm frische Strümpfe und ein Hemd aus dem Koffer, der geöffnet auf dem Fußboden steht. Pullover und Jacke, und schon sind sie auf dem Weg.
Sie schiebt ein Fahrrad durch die schlafende Stadt, und er strauchelt hinterher, seine Beine wollen ihn nicht tragen. Der Weg ist weit, aber schließlich sind sie da.
Eine Halle.
Aus einem Schrank taucht ein Wagen mit einem Eimer, Besen und Flaschen auf. Sie läßt Wasser ein und legt los. Andere Frauen gehen mit ihren Wagen vorbei, sie begrüßt sie und deutet auf ihn, und sie lachen. Nicht bösartig. Laut und gut gelaunt.
Eine der Frauen faßt ihn mit ihren putzeimerfeuchten Händen an den Wangen, und er läßt es geschehen. Er ist eine Puppe in Frauenhänden, ein weiteres Mal.
Das macht nichts. Eine große Ruhe hat sich seiner bemächtigt. Er fühlt sich satt, obwohl er den ganzen Tag nichts gegessen hat.
Ein seltsamer Tisch steht auf der großen Bühne der Halle. Ein Tisch aus braunem Holz, in den ein Schachbrett eingelassen ist. Es gibt Fächer für Uhren und andere Dinge. Die beiden Stühle sind bequem gepolstert, einer hat Rollen. Er nimmt bereitwillig Platz, als sie darauf deutet. Er zieht auf der Bühne ein paar Kreise, und die Frauen lachen, bis sie sich aneinander festhalten und nach Luft schnappen müssen.
Die Sprache. Die Sprache kehrt zurück. Warum hat er nicht schon früher daran gedacht? Die Worte pflanzen sich in seinem Körper fort, so daß das Unverständliche verständlich wird.
Die Brust seiner Mutter in seinem Mund war eine Sprache. Sie sagte, ich habe Macht. Ich kann dir all die Geborgenheit geben, die du dir je wünschen wirst, und ich kann sie dir auch nehmen.
Der Finger, der auf das Knie deutet, das man nur beugen muß, damit der Schmerz verschwindet, ist eine Sprache.
Sein Körper übersetzte sie. Das war einfach.
Das Lachen ist eine Sprache. Das Pfirsichlächeln ist eine Sprache. Die Füße, die sich über den unebenen Asphalt des Bürgersteigs schleppen. Seine Hand, die den Koffer losläßt, damit sie diese und auch ihn finden kann. Alles ist eine Sprache. Sein Spiel mit dem Stuhl und das Lachen der Frauen sind Sprachen.
Sie brauchen keine Worte. Sie können sich unterhalten. Er kann ihr seine Geschichte erzählen und sie ihm die ihre. Das ist nicht schwer.
Oliviers Geschichte
Ich muß ganz von vorn anfangen, meine Edda. Ich muß mit meinem Vater anfangen, dem Islandfischer.
Olivier Créach, geboren in Paimpol in der Bretagne. Gestorben hier in deinem Land. Er wurde zwanzig Jahre alt.
Zweimal hatte er die Reise als Schiffsjunge gemacht. Wenn man Prügel, Strapazen und eine solche See mehr als einmal überlebt, dann ist man Vollmatrose.
Am Tag vor seiner letzten Reise fand ihre Hochzeit statt, die von ihm und meiner Mutter. Das Ergebnis der Hochzeitsnacht sitzt hier an deinem Tisch.
Ein zwanzigjähriger Vollmatrose, der eine Frau zu ernähren hatte. Der Kinder zu ernähren haben würde, natürlich würden sie Kinder bekommen.
Hunger trieb die Fischer hier hinauf. Hungernde Familien. Kinder mit weichen Knochen und schwachen Lungen.
Hier oben gab es genug Fisch, hier konnte ein tüchtiger Fischer in einer Saison viertausend Dorsche fangen. Gesalzener Fisch war bares Geld.
Ihre Hände gingen vom Salz kaputt, ihre Rücken von der harten Arbeit. Keiner der Männer, die noch am Leben sind, ist vollkommen gesund. Aber diejenigen, die überlebten, mußten immerhin nicht hungern. Reich wurden sie nicht, aber sie kamen zurecht.
Olivier Créach überlebte nicht. Das Meer forderte Olivier Créach. Er wurde Vater eines Sohnes, den er nie sah. Er wurde mein Vater, ohne je davon zu erfahren.
Mein Vater war eine Gedenktafel an der Wand der Kirche zu Hause. Einer von vielen. Das Schiff hieß L’spoir. Ein hoffnungsvoller Name.
Ich bin hierhergekommen, um . . .
Ich bin hierhergekommen.
Ich glaubte, ich wüßte es. Ich war ganz sicher. Jetzt weiß ich bald nichts mehr.
Mein Vater liegt an dieser Küste begraben. Soviel weiß ich. Seine Leiche trieb an Land, das taten nicht alle.
Will ich sein Grab sehen? Bin ich deswegen gekommen?
Das habe ich geglaubt. Ich habe geglaubt, ich könnte an seinem Grab knien und ihm von dem Leben erzählen, das er mir gegeben hat. Ich habe geglaubt, das könnte helfen.
Meine Mutter.
Meine Mutter, Caroline, la belle Paimpolaise.
Familie Créach wollte mich zu sich nehmen und mich wie ihren Sohn erziehen. Als Ersatz für den Toten und als Investition in die zukünftige Versorgung.
Aber Caroline war zu schnell für sie. Einerseits war sie Witwe mit einem unmündigen Kind, andererseits war sie siebzehn Jahre alt und schlank. Ihre schmalen Beine steckten in Holzschuhen, und sie hielt den Kopf mit dem gestärkten Kopftuch hoch erhoben. Ehe ein Jahr um war, war sie wieder verheiratet und zwar mit dem Hotelbesitzer des Ortes, einem Mann in seinen besten Jahren, der nie seinen Fuß auf ein Schiffsdeck setzte.
Damals war Krieg, meine Edda. Zwei Tage nach der Hochzeit zog der Hotelbesitzer in den Krieg, und in einem Schützengraben an der Marne sprengte man ihm den Kopf in Stücke. Caroline war erneut Witwe. Dieses Mal mit einem Erbe, mit dem sie sich selbst und ihr Kind versorgen konnte.
Vermutlich ist meine Mutter die einzige Frau, die genau drei Tage mit zwei verschiedenen Männern verheiratet war.
Caroline zwang ihren Sohn, auf das Meer zu verzichten.
Eine Landratte in einer Stadt, wo die meisten vom Meer leben und auf ihm zugrunde gehen. Vor Anker. Mit Händen und Füßen ans Hotel und an immer dieselben grauen Straßen gefesselt. Beaufsichtigt und versorgt, verwöhnt und verhätschelt. Mit Liebe erstickt, meine Edda. Mit Pflicht, Schuld und Scham.
Überfüttert bereits als Kind, fett und zum Gespött der Schlanken, Mageren und Sehnigen. Ein blinder Ochse, der ein Mühlrad antrieb. Von seiner Mutter geliebt, sonst von kaum jemandem.
So fett und kurzatmig, daß er nicht als Soldat taugte, als der nächste Krieg kam. Caroline hatte das gut eingefädelt.
Nie zur See.
Es gibt Dinge, die ich nicht erzählen kann. Über meine Mutter und mich. Weder mit Worten noch ohne.
Jetzt ist sie nicht mehr da. Caroline ist nicht mehr da.
Es fällt mir leichter, an sie als Caroline zu denken. Caroline liegt unter einem grauen Marmorgrabstein auf dem Friedhof. Und ich bin hier.
Die Papiere sind alle vorhanden. Ich besitze das Hotel. Ein Vermögen nenne ich mein eigen. Ich weiß nicht, ob ich zum Hotelbesitzer tauge, aber ich weiß, daß du bei mir sein solltest.
Hier oder dort. Und ich werde nie mehr schlafen.
Eddas Geschichte
Einen Mann will ich nicht, das möchte ich klarstellen. Von den Männern habe ich genug, Olafur, ich nenne dich der Bequemlichkeit wegen Olafur. Nicht deswegen habe ich dich mitgenommen.
Erst wollte ich nur helfen. Einem hilflosen Mann. Das sieht man in diesen Breitengraden nicht so häufig, doch wenn man genauer hinsieht, sind sie es alle. Aber sie können es gut verbergen. Du hast nichts verborgen. Dein Koffer stand da und sah verlassen aus, man mußte also nur jemanden suchen, der genauso verlassen wirkte.
Dort auf der Bank. Nicht betrunken, nicht verrückt, nur müde. Und ein wenig fett.
Ich mag fette Männer. Mein Vater war fett, bis er an Krebs erkrankte, vom Fleisch fiel und starb. Bei ihm konnte man sich ankuscheln, in seinen weichen Armen. Du hattest was davon. Aber vor allem hast du mir leid getan.
Ich wußte es bereits, bevor du mir bei der Heilsarmee davonliefst. Daß ich dich mit nach Hause nehmen würde. Ich zögerte es nur hinaus.
Du bist ein Fremder. Du wirst wieder verschwinden.
Ich brauche keinen Mann, Olafur. Ich will ein Kind. Ein Kind für jenes, um das man mich gebracht hat. Es wurde mir aus dem Leib geprügelt.
Die Furche auf meinem Bauch stammt von damals. Eine Operation. Ich lag lange im Krankenhaus, und er bereute es. Saß da und flennte und gelobte Besserung, aber ich antwortete nicht. Ich drehte ihm meinen Rücken zu und starrte an die Wand.
Als ich wieder zusammengewachsen war, packte ich meine Siebensachen und setzte mich in den Bus nach Süden. Man kann sagen, ich begab mich in mildere Landstriche. Alles ist milder als das, wo ich herkomme. Hier unten verändert das Meer seine Farbe, dort oben ist es schwarz. Ein Meer hat blau zu sein oder grün oder grau. Dort oben ist es schwarz.
Dein Vater ist in diesem Meer umgekommen. Dort oben hat es ihn an Land getrieben. Dort liegt er begraben. Ich habe das Grab deines Vaters gesehen, Olafur. Wir haben als Kinder auf dem französischen Friedhof gespielt.
Du hast mir den Ort auf der Landkarte gezeigt, und ich wollte ihn nicht sehen. Ich will diesen Ort nicht wiedersehen, nicht einmal auf einer Karte.
Sie versprachen mir, daß ich immer noch Kinder bekommen könnte. Ich habe nicht gewagt, es zu versuchen. Keinem Mann hier in der Stadt habe ich erlaubt, mein Bett zu teilen.
Ich habe meinen Platz. Mein Zimmer, mein Bett, meinen Tisch, mein Radio. Meine beiden Stühle.
Zwei Teller, zwei Gläser. Zwei Messer, zwei Gabeln. Ich habe zwei von allem gekauft, als würde ich einen Gast erwarten.
Jetzt ist der Gast hier. Du bist mein Gast, Olafur. Du bist willkommen.
Wladimira
Heute beginnt es.
Wladimira wiederholt isländische Vokabeln. Schachbrett, Filmkamera, Schachuhr. Immer wieder, bis das Auto sie vor der Sporthalle ablädt, in der die Atmosphäre bereits zum Zerreißen gespannt ist.
Der Nervenkrieg dort oben hat sich bis in die letzten Winkel der Halle ausgebreitet, und Wladimira leidet mit dem, der unter diesen Umständen sein Bestes geben soll. Gleichzeitig strengt sie sich an, ihn nicht anzusehen, nicht an ihn zu denken, und ist sich doch die ganze Zeit seiner Anwesenheit bewußt.
Jeder Zug ist mit Bedeutung aufgeladen, und das nicht nur auf dem Brett.
Wladimira ist die Figur in einem anderen Spiel. Stunde um Stunde folgt ihre nasale Stimme Wort für Wort und verwandelt sie in Muster, die für jeden Empfänger logisch und wiedererkennbar sind. Das Ganze ist bis ins kleinste Detail korrekt. Vielleicht ist es außerdem auch elegant, sie ist sich nicht sicher. Das hat noch nie eine Rolle gespielt. Jetzt tut es das.
In der Halle beweist der Meister trotz allem seinen Scharfsinn, den eiskalten Überblick, aber jetzt weiß sie, wie hoch der Preis dafür ist. Der Mann, den sie nicht mag, platzt fast vor Stolz. Wladimira schämt sich.
Glücklicherweise wartet die nächste Aufgabe und dann eine weitere, sie ißt im Vorbeigehen ein Stück Brot, ihre Blase ist zum Bersten gefüllt und verursacht ihr Übelkeit, aber sie hat keine Zeit. Nicht einmal zum Nachdenken, und vielleicht ist das ein Glück.
Erst als sie spätabends auf ihr Bett sinkt, holt es sie ein.
Etwas Unbekanntes, das sie packt und mit sich zieht. Vom Bett, auf dem sie liegt, voll bekleidet und auf alles gefaßt. Durchs Zimmer. Zur Tür hinaus, die Treppe hinauf, deren Teppich die Geräusche ihrer Absätze verschluckt, so daß sie sich einbilden kann, daß sie sich gar nicht dort befindet, sondern immer noch hinter ihrer eigenen, sicheren Zimmertür liegt.
Der Hotelkorridor ist menschenleer. Aber hinter einer der braunen Türen wird gefeiert. Der, den sie nicht mag, erhebt die Stimme. Es klingt, als hielte er eine Rede.
Die Hauptperson nimmt nicht teil. Die Hauptperson geht in ihrem Zimmer auf und ab. Auf und ab. Und stöhnt ihr leises Stöhnen, oh, oh, oh.
Sie muß zweimal klopfen, ehe die Tür einen Spalt geöffnet wird.
»Room Service?«
Die Tür wird aufgerissen, und der Gestank von kalten Zigarettenstummeln dringt auf den Korridor. Wäre sie klug, dann würde sie jetzt umkehren. Eine neutrale Bemerkung machen. Ein Kompliment, ihm eine gute Nacht wünschen. Und dann die Beine in die Hand nehmen.
Ein großer Spiegel mit Goldrahmen wirft das Bild einer kräftigen Frau zu ihr zurück. Sie erkennt die vollen Brüste unter der unvorteilhaften Hemdbluse, den Bauch und die breiten Hüften. Sie gleicht einem Seezeichen. Stabil und wenig charmant.
»Komm her.«
Er legt einen Finger auf ihren Oberarm und schubst sie sachte durch die Tür ins Schlafzimmer.
Zerknitterte Kopfkissen liegen auf der Bettdecke. Auf einem ist ein rotbrauner Fleck. Sie schiebt es beiseite und setzt sich auf die äußerste Bettkante.
Durch sein Gewicht geben die Bettfedern nach. Ohne zu wissen, wie es eigentlich zugegangen ist, liegt sie stocksteif neben ihm. Ein Kissen wird unter ihren Kopf geschoben.
»Erzähl mir eine Geschichte.«
Er legt sich mit angezogenen Beinen und dem Rücken zu ihr hin. Der Kopf mit dem dichten Haar drückt das fleckige Kissen ein.
In Reichweite.
»Eine Geschichte, Wladimira.«
Sie kann ihre Hand zurückhalten. Die Wärme in ihrem Unterleib kann sie nicht zurückhalten.
»Ich weiß keine.«
»Erzähl schon, Wladimira.«
Geschichten sind ihre Eintrittskarte. Ohne Geschichten riskiert sie, verstoßen zu werden. Von seiner Nähe zur äußersten, einsamsten Dunkelheit, zum Gulag der Seele.
»Ein Mann«, sagt sie.
Ein Gemisch aus russischem und isländischem Kauderwelsch schwirrt hinter ihren geschlossenen Augen. Worte und Begriffe werden auf ihre Netzhaut projiziert. Kein einziges von ihnen ergibt einen Sinn.
Mit größter Mühe schaltet sie ihr Gehirn ab. Aus ihrem Mund kommt ein Satz.
»Ein Mann hieß Árni.«
Der Name ihres Vaters. Tabu, verachtet. Jetzt nimmt sie ihn in den Mund, sein Geschmack ist süß und bitter, ein Name mit samtweichen Vokalen. Der Name ihres Vaters.
Der Mann neben ihr legt sich zurecht. Jetzt nimmt sie seinen Geruch wahr. Er riecht nach einem überstandenen Fieber. Warm und ein wenig bitter.
»Árni?«
Wladimira kneift die Augen zu. Gleich wird sie die Tränen wegwischen müssen, aber jemand hat ihre Hand genommen.
Sie schwebt einen Augenblick, dann landet sie direkt oberhalb des Hemdes auf einem Hals, einem warmen Hals, in dem der Puls schlägt.
Es ist zu spät, um die Hand wieder an sich zu ziehen. Bereits als sie ihr eigenes Bett verließ, als sie an seine Tür klopfte, als sie den ersten Schritt in dieses Zimmer machte, hat sie das Recht verloren, etwas zu bereuen.
Der Kontakt mit der nackten Haut eines anderen Menschen ist nicht Bestandteil von Wladimiras normalem Repertoire. Sie verfügt nur über wenig sexuelle Erfahrungen, und diese haben keine Erinnerungen zurückgelassen, die zur Wiederholung einladen.
Jetzt schlägt der Puls eines Mannes in ihrem eigenen Blutkreislauf. Der kräftige Körper eines Mannes liegt neben ihr, und solange sie ihre Hand auf seinem Hals ruhen läßt, sind sie ein Fleisch.
Die Wärme in ihrem Unterleib hat sie gestern bis in ihr Zimmer im Stockwerk darunter und unter ihre eigene Decke begleitet. Jetzt breitet sie sich beharrlich bis zum Zwerchfell und zur Brust aus.
Ihre Brustwarzen haben sich zu Himbeeren zusammengezogen, die unter dem steifen Stoff des BHs brennen und jucken.
Die Wärme ist mit dem Chaos verwandt. Worte sind nötig, wenn sie das Schlimmste verhindern will.
»Árni«, sagt sie im letzten Moment.
Ihre Hand findet einen sichereren Ort auf dem glatten Nylonstoff der Schulter, und da weiß sie auf einmal, wovon ihre Geschichte handelt.
»Ein Gespenst ging durch Europa, und Árni folgte ihm. Er nahm nicht viel mit, nur das Buch nahm er mit, Das kommunistische Manifest. Darüber hinaus besaß Árni nichts. Nur einen hellen Kopf und seine Hoffnung und seinen Glauben. Und Elin, seine Frau und Gefährtin. Geld besaßen sie nicht. Sie arbeiteten unterwegs, er an Deck des Schiffes, sie in der Kombüse. Es war Herbst. Stürmisch und kalt, aber kein Opfer war zu groß.
Man empfing sie. Man machte sie zu Vertretern, Vertretern in Hoffnung und Glauben, und sie reisten. Für die Komintern. Zusammen und jeder für sich. Meist jeder für sich. Arbeit ist wichtiger als Liebe. Das wußten sie beide.«
Er wendet ihr sein Gesicht zu, und zwar lange genug, daß sie sein ironisches Lächeln sehen kann.
»Ach? Wußten sie das?«
»Die Sache ist wichtiger. Als die Liebe. Das wußten sie beide.«
Etwas verschlägt ihr die Stimme. Die Tränen laufen ihr in die Mundwinkel, warm und salzig, und egal wieviel sie schnieft und sich mit den Fingerspitzen und den Fäusten die Augen reibt, strömen sie aus irgendeinem unbekannten Reservoir in ihrer Brust weiter.
Wladimira weint nie.
Der Stolz ihrer Mutter, wenn die Frauen mit ihren Kindern angaben. Wolodja bekommt Prämien für Rechtschreibung. Elena näht ihre eigenen Kleider. Olga tanzt Ballett wie eine Tänzerin.
Nicht einmal als Kleinkind hat Wladimira geweint. Stramm gewickelt und in die Wiege gelegt, wo sie dann lag, ohne Tränen.
Die Geschichte von Wladimira kennt keine Tränen. Vielleicht hätte sie sich dazu entschließen sollen, statt dessen diese Geschichte zu erzählen. Jetzt ist es zu spät.
Rotz läuft ihr über die Oberlippe, sie hat es aufgegeben, ihn wegzuwischen. Statt dessen weint sie so lautlos wie möglich.
Ein Arm hebt ihren Kopf, eine Hand drückt ein Taschentuch an ihr Gesicht.
»Putz dir die Nase, Wladimira.«
Ihre tränennasse Stirn ruht auf dem Nylonstoff seines Hemds. Der Stoff klebt an seiner Schulter. Sie ist kräftig, die starke, sonnengebräunte Schulter eines Sportlers. Er ist kein verwachsenes, pubertäres Jüngelchen wie sein Gegner, er ist ein erwachsener Mann mit muskulösen Armen, die sie in seinem Duft von Hals und Haut drücken und festhalten.
Als er sie endlich losläßt, ist sie zu erschöpft, um verlegen zu sein.
Das Geräusch harter Knöchel an der Tür bringt sie wieder auf die Beine. Mit einem Satz steht sie mitten im Zimmer, das durchnäßte Taschentuch in ihrer kraftlosen Hand. Sie würde sich dort auf dem Boden am liebsten in nichts auflösen, wäre am liebsten gar nicht zur Welt gekommen und hätte ihn und dieses Zimmer am liebsten gar nicht gesehen.
»Wer da?«
Abwehrend hebt er die Hand und deutet auf die Tür neben dem Schrank. Dort drinnen funkeln weiße Fliesen.
Die Stimme vom Korridor ist rauh und etwas belegt. Sie erkennt sie wieder.
»Einen Augenblick.«
Die Badezimmertür schließt sich hinter Wladimira, und sie bleibt allein mit einem Spiegel zurück.
Ihre Nase ist hochrot. Ihre Lider erinnern an eben zur Welt gekommene Mäuse.
All diese Häßlichkeit will sie abspülen, aber glücklicherweise kann sie noch ihre Hand bremsen, ehe sie den Wasserhahn erreicht.
Ein vergoldeter Wasserhahn. Sie schluckt und starrt das Gold an.
Kein Geräusch darf sie verraten.
Im Wohnzimmer prallen Worte aneinander. Der, den sie nicht leiden kann, insistiert. Droht und schmeichelt, und Wladimira wünscht sich, der Mann dort drinnen gäbe nach und ließe sich feiern, täte seine Pflicht, wenn schon sonst nichts.
Niemand kann es sich erlauben, sich von seinen Gefühlen leiten zu lassen.
Der Satz ist plötzlich da. Gestern hat er über ihn gelacht, aber sie hatte recht. Wenn er sich überreden läßt, bleiben ihr seine Augen auf ihrem aufgelösten Gesicht erspart.
Erleichtert hört sie, wie er das Zimmer verläßt. Die Disziplin ist wiederhergestellt, die Disziplin, ohne die alles in Auflösung gerät.
Sie kann jetzt gehen. Sie braucht nie mehr zurückzukommen. Wie oft er noch stöhnen mag, wie sehr er auch leidet. Seine Geschichten muß er sich woanders besorgen.
Aber ihre Beine wollen sie nicht tragen, und da ist auch noch etwas anderes. Die Erregung und die psychische Anstrengung lassen ihre Blase reagieren. Der Toilettensitz ist nach Männermanier hochgeklappt, sie zieht ihre Unterhose herunter, und es gelingt ihr gerade noch, sich auf die Kante des kalten Porzellans zu setzen.
Während sie sich erleichtert, sieht sie sich um.
Ein Buch lehnt an den Fliesen. Sie nimmt es zur Hand und liest den Titel. Eine Neuausgabe der Brüder Karamasow. An einem Haken hängt ein Frotteebademantel. Der hellbraune Fleck auf dem einen Ärmel hat dieselbe Form wie Afrika. An einer Zahnbürste in einem Zahnputzbecher aus Stahl klebt Zahnpasta.
Es riecht nach Seife und Rasierwasser. Und nach etwas, was sie nicht identifizieren kann, eine ungewöhnliche Mischung. Der private Geruch eines Mannes, der gebadet und sich fertiggemacht hat. Der auf der Toilette ein Buch gelesen und darauf gewartet hat, daß die Peristaltik das Ihrige erledigt.
Sie betätigt die Spülung, wäscht sich die Hände, trocknet sie mit einem Handtuch ab, seinem Handtuch.
Auf einem Hocker steht eine Kulturtasche aus Kunstleder.
Privatleben. Das isländische Wort kennt sie. Die Idee kommt ihr suspekt vor. Jeder pflichtbewußte Sowjetbürger kann jeden beliebigen anderen Bürger mit gutem Gewissen einer Prüfung unterziehen. Außerdem hat er sie selbst eingeschlossen. Es ist ihr gutes Recht, das diffuse Schuldgefühl, das sie empfindet, als sie die Tasche öffnet, zu ignorieren.
Der Eigentümer der Kulturtasche drückt Tuben in der Mitte aus. Ein Päckchen Kondome ist schon etwas abgegriffen, als hätte es seinen Besitzer auf viele Reisen begleitet.
Wladimira stellt die Tasche dorthin zurück, wo sie sie hergenommen hat, trinkt einen Schluck Wasser aus dem Hahn. Es ist lauwarm und schmeckt schweflig.
Jetzt muß sie gehen, diesen Entschluß hat sie bereits gefaßt. Sie muß gehen, um nie mehr zurückzukehren. Aber noch einmal entzieht sich ihre eigene Schwerkraft der Kontrolle ihres Gehirns.
Noch nicht geboren worden zu sein, willenlos zu sein, im Fruchtwasser zu schwimmen. So muß es sich anfühlen.
Zwei Hände, von denen sie annehmen muß, daß es sich um ihre eigenen handelt, knöpfen ihre Bluse auf und öffnen die Haken ihres BHs am Rücken, dort wo er einschneidet. Der Rock landet in einem Ring auf der zerknitterten Badematte, und sie tritt aus ihm heraus und streift ihre zweckmäßige Unterhose ab.
Der Bademantel fühlt sich überraschend weich an. Es schaudert sie, und die Härchen auf ihren Armen und ihren kräftigen Beinen sträuben sich.
Ohne ihr Spiegelbild anzusehen, nimmt sie die Zahnbürste aus dem schimmernden Becher. Dann drückt sie sorgfältig auf die Mitte der Zahnpastatube und putzt sich die Zähne mit kleinen, energischen Bewegungen.
Der Schaum, den sie ausspuckt, hat rote Streifen. Jetzt vermischen sie ihr Blut. Was das zu sagen hat, weiß niemand.
Olivier
Es liegen dreißig Jahre zwischen ihnen. Der Gedanke verfolgt ihn. Edda streicht ihm über die Schläfe, an der sich graue Haare in die schwarzen mischen, und er wendet rasch den Kopf ab.
Die Linke bewegt sich vorsichtig nach oben, um die schlaffe Haut seines Halses zu verbergen.
Tagsüber, wenn sie nebeneinander zwischen den grauen und bunten Häusern herumlaufen, wenn er ihre Hand so hält, daß er sie nicht verliert, schämt er sich ihres Spiegelbildes in den Fensterscheiben. Ein Vater mit seiner Tochter an der Hand – als Liebende. Das ist gegen die Natur. Das ist eine Sünde, und das sollte es auf Erden nicht geben.
Tagsüber späht er in die Augen der Leute und sucht nach Abscheu und Verurteilung.
Nachts, wenn sie miteinander verschmelzen und sich zur Ruhe wiegen, sanft und gewaltsam, flüchtig und beharrlich, wild und mild, hat keiner von ihnen ein Alter und deswegen keinen Anlaß zu Schuldgefühlen.
Tagsüber muß er sich dazu zwingen, sich dem Licht und den Blicken zu stellen.
Mitten in der Nacht erwacht er. Eine samtige Wange auf dem Kissen neben ihm lädt zum Küssen ein, aber er widersteht der Versuchung. Sie braucht ihren Schlaf.
In der morgendlichen Dunkelheit, es duftet schon nach Kaffee, rüttelt er sie sanft wach. Ihre Hand hält ihn fest, und er will wieder zu ihr ins Bett kriechen und vergessen, daß die Sonne bald aufgehen wird. Wenn sie die Decke beiseite schlägt, sich reckt und so ausgiebig gähnt, daß ihre hellrote Zunge zu sehen ist, wird er beim Anblick ihres nackten Körpers im Schein der Nachttischlampe ganz benommen vor Glück.
Es ist immer noch dunkel, als er sie durch die schlafende Stadt begleitet. Seine Hand ruht auf ihrer am Lenker, während sie geduldig ihr Fahrrad neben ihm herschiebt. In der Halle lachen die Frauen. Sie bringen ihm Wörter bei, lachen über seine Aussprache und klopfen sich dabei auf ihre kräftigen Schenkel.
Kona heißt Frau. Nur daran wird er sich erinnern.
Sie singen bei der Arbeit. Edda singt ebenfalls. Lieder, die er nicht kennt, isländische Lieder und solche, die klingen wie amerikanische Schlager. Zusammen mit Edda und den gut gelaunten Frauen verschwinden seine Schuldgefühle.
In der großen Halle hallt es leer. Der besondere Tisch und die gepolsterten Stühle sind in einen kleineren Raum gebracht worden, aber es gibt immer noch genug damit zu tun, Bonbonpapierchen, Zigarettenstummel und den Dreck von unzähligen Schuhsohlen in dem großen Gebäude zusammenzukehren.
Er hilft gerne mit. Er leert Eimer mit Schmutzwasser und füllt sie erneut am Wasserhahn. Mit warmem Wasser, das nach Schwefel riecht, wie nach einem Mittel für Pestbeulen, reinigend und gesund.
Der Schwefelgeruch sitzt noch lange nach dem täglichen Besuch der Badeanstalt in der Haut. Im Schwefeldampf des Duschraums sehen etliche aus wie er, fett wie er und noch älter. Faltige Männer, Kleinkinder und abgearbeitete, sehnige Frauen befinden sich im Becken, und es gibt nichts, weswegen er in Verlegenheit geraten müßte.
Zusammen mit Edda sitzt er geschrubbt und in seiner neuen Badehose in einem Becken mit gebärmutterwarmem, tröstendem Wasser, und er merkt, wie sich sein Körper auflöst und wieder geboren wird, hellrot und neu.
Edda schläft nach Arbeit und Bad ihren Vormittagsschlaf. Er pflegt währenddessen einen Spaziergang auf dem Friedhof zu unternehmen, um sie nicht zu stören, zwischen den Steinen mit den merkwürdigen Namen.
Dort hinter der Mauer verblassen die Blumen mit jedem Tag mehr. Die dünnen, moosbewachsenen Bäume haben ihr Laub verloren, das Gras verändert seine Farbe von Grün über Gelb zu Grau. Bald ist Winter.
Joyce
Auf dem Nachttisch steht ein Raumspray neben einem kleinen Plastikkruzifix. Der Gestank ist fürchterlich.
Mutters Gesicht auf dem weißen Kissen ist hellgelb.
»Du siehst strahlend aus. Wie geht es Bill?«
Mit ihren mageren Händen umklammert sie ihren Rosenkranz. Marge und ich haben die Gebete gelernt, während wir wie hypnotisiert auf ihre raschen Finger starrten, die die Perlen aus echtem Perlmutt in Bewegung hielten. Jetzt halte ich diese Finger fest, die sich in meiner Hand wie ein paar trockene, zerbrechliche Zweige anfühlen.
»Du hättest nicht zu kommen brauchen.«
Mutters mädchenhafte Stimme hängt nur an einem seidenen Faden. Jetzt verschwindet sie ganz.
Marge kommt durch die Tür. Ihr Bauch ist womöglich noch größer als meiner, und wir können uns nicht ordentlich umarmen, und vielleicht habe ich nur darauf gewartet, damit ich endlich meinen Tränen freien Lauf lassen kann.
Wir sitzen rechts und links von Mutters Sterbebett, beide mit einem Ungeborenen im Bauch. Mutters erste Enkel. Gerade drehen sie sich dort drinnen ein letztes Mal um und bereiten sich darauf vor, ihren Kopf im Becken in Stellung zu bringen, und vielleicht lebt sie noch lange genug, um zumindest einen ihrer Enkel zu sehen, möglicherweise sogar beide. Eventuell keinen von beiden.
Es ist am wahrscheinlichsten, daß letzteres eintritt, sagt Vater, der aus seinem OP hereinschneit und sich mit uns in einer Ecke flüsternd unterhält, während Mutter herumdöst und dann wieder mit benebelten Augen erwacht, und zwar jedesmal etwas weiter entfernt.
Allmählich beginnt die Skisaison, und Vater operiert Bänderrisse und Knochenbrüche rund um die Uhr. Das kann er wirklich gut.
Marge und ich wechseln uns damit ab, zu wachen und zu schlafen. Den Gestank nehmen wir nicht mehr wahr. Wir sind nur noch zwei Paar Hände, die Mutter kalte Umschläge auf die Stirn legen und ihr den Mund mit einem kleinen Schwamm auf einem Stöckchen befeuchten. Wir sind zwei Paar Ohren, die auch die geringste Veränderung ihrer angestrengten Atemzüge wahrnehmen.
Bill ruft jeden Tag an, aber ich bin zu müde, um mich mit ihm zu unterhalten. Ich weiß auch gar nicht, was ich sagen soll.
Und dann kommt der Tag, an dem sowohl Marge als auch ich gebären. Gejammer, Lachgas, Dammschnitt, Genähtwerden und Geschrei verdunkeln den Horizont, hinter dem dann die Ruhe kommt, aber das wissen wir nicht, ehe das Ganze plötzlich überstanden ist und zwei Knäblein faltig und rosenrot in ihren Wiegen schlummern.
Meine Schwester und ich dösen in verstellbaren Betten in unserem Doppelzimmer. In der Kapelle der Klinik schläft Mutter den letzten Schlaf. Ihre dünnen Finger sind über dem Rosenkranz gefaltet, und das dicke Gesangbuch hat man ihr unter das Kinn geschoben.
Alles ist zu Ende, und alles kann beginnen.
Alles ist unerklärlich und vollkommen selbstverständlich. Die Tage bestehen aus Minuten unterschiedlicher Länge, sie stellen sich in Reih und Glied wie Dominosteine und stürzen um und hinab in einen unendlichen Abgrund aus Trauer und Babygeschrei und Windeln, die mit einer grünlichen Substanz gefüllt sind. Was Mutter wohl dazu gesagt hätte, meint Marge, und wir lachen und weinen in unseren Lehnstühlen mit unseren Söhnen an der Brust.
In der Nacht nach der Beerdigung liege ich wach. Dave ist gekommen, und eheliches Geflüster dringt von Marges Zimmer zu mir herein. Mit einem Mal weiß ich, daß ich nie mehr zu Bill zurückkehren kann.
Mein eingeborener Sohn schläft schnaufend in seiner Wiege. Bald wird er erwachen und hungrig sein, seine geheimnisvollen Babyaugen werden nach meinen suchen, während er trinkt, und wir werden ein Fleisch sein, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Bill ist nur ein anstrengendes Zubehör, wir brauchen ihn nicht.
An dem Tag, an dem meine Doktorarbeit fertig ist, steht mir die akademische Welt offen, und ich kann uns beide ohne größere Probleme versorgen.
Marges große Augen, einer ihrer wichtigsten Vorzüge, werden doppelt so groß, als ich ihr von meinem Beschluß erzähle.
Ob ich mit Bill gesprochen habe? Natürlich habe ich das nicht.
»Das kannst du ihm nicht antun.«
Nach nur neun Monaten Ehe gehört Marge zur Truppe der loyalen Gattinnen, die keine Grenzen dafür kennen, was Frauen sich selbst antun können.
Begriffe wie Familiengründung und gegenseitige Verpflichtungen strömen von ihren Lippen wie Manna vom Himmel. Marge ist mit der Selbstverständlichkeit eines Bären, der sich zum Winterschlaf verkriecht, in die Rolle von Daves Ehefrau und Mutter des kleinen David junior geschlüpft, und ich dringe nicht mehr zu ihr durch.
»Wie willst du mit einem Säugling im Haus eine Doktorarbeit schreiben?«
»Das klappt schon irgendwie.«
Die Stunden, bevor es für die kleine Familie Zeit ist, zum Flughafen zu fahren, laufen meine Schwester und ich im Haus herum wie zwei Fremde. Ich nehme an, daß meine Verantwortungslosigkeit Marge erbost, und ich selbst bin zu stolz, um zuzugeben, daß sie einen wunden Punkt getroffen hat.
Die Koffer werden nach unten getragen, und das Auto wird mit Marge und ihren beiden Männern, wie sie sie nennt, beladen, Vater hat bereits den Zündschlüssel umgedreht.
Ich habe auf der Veranda in sicherem Abstand von den schwesterlichen Vorwürfen Stellung bezogen.
»Wenn ich dir helfen kann, mußt du es nur sagen.«
Marge hat das Seitenfenster heruntergekurbelt und ruft mir diese letzte Bemerkung zu, während Vater bereits rückwärts aus der Auffahrt fährt.
Plötzlich weiß ich, was ich zu tun habe. Ich gebe Vater ein Zeichen, daß er warten soll. Dann renne ich Hals über Kopf ins Haus und stopfe eine Tasche mit Babysachen voll. Mein Sohn schläft den Schlaf der Gerechten in seiner Wiege und wacht nicht auf, als ich ihn in die Babytragetasche hebe.
Marge sieht mit offenem Mund mit an, wie ich Tasche und Kind neben sie und David junior auf den Rücksitz packe.
»Wenn deine Milch nicht reicht, mußt du ihm eben ein Fläschchen geben.«
Meine Schwester kennt mich von Geburt an und weiß, daß ich mich nicht mit leeren Versprechungen abspeisen lasse. Sie knickt also ein und rückt die Babytragetasche rasch auf dem Rücksitz zurecht.
Einmal Pfadfinder, immer Pfadfinder, Marge. Schließlich sind wir aus demselben Holz geschnitzt, obwohl du im Augenblick etwas anderes glaubst.
Dave öffnet den Mund, offenbar will er protestieren, aber kein Laut kommt über seine Lippen. Vater starrt durch die Windschutzscheibe auf das offene Garagentor und auf die Obstkisten dort drinnen, die auf die Ernte dieses Jahres warten.
»Wie lange?« fragt meine Schwester.
»So lange wie nötig.«
Ich winke, bis das Auto nicht mehr zu sehen ist. Dann gehe ich ins Haus.
Vater sagt nichts, als er vom Flughafen zurückkommt. Er geht ins Schlafzimmer hinauf und verbringt dort ein paar Stunden, bis sein Piepser ihn zum nächsten Knochenbruch ruft. Als er nach Hause kommt, bin ich bereits bei der Arbeit.
In den wenigen Stunden, die Vater zu Hause verbringt, ist er ein Schatten, der summend und in einem alten Jogginganzug von einem Zimmer ins nächste geht. Er schleppt sich auch in den Garten und starrt träge auf die Erde unter den Apfelbäumen, wo das Obst verfault. Wenn er vergessen hat, das Garagentor zu schließen, beugt er seinen bereits stark gekrümmten Rücken, um die von den Waschbären zerrissenen Müllsäcke und verstreuten Dosen aufzusammeln. Mich beschleicht das Gefühl, daß er jeden Augenblick abheben und im Gleitflug über die Berge verschwinden könnte.
Und dies stellt letzten Endes auch meine Rettung dar. Selbst Bill kann nachvollziehen, was es für einen Mann bedeutet, seine Frau nach fast dreißig Jahren zu verlieren. Selbst Bill begreift, daß eine Tochter Pflichten hat, obwohl sie mit ihm verheiratet und Mutter seines Sohnes ist. Während eines stotternden und von Echos erfüllten Telefongesprächs einigen wir uns darauf, ihn nach Bills Großvater Joel und nach meinem Vater und dem Erzengel Gabriel zu nennen.
Es gibt keinen Grund, Bill zu verraten, wo sich Joel Gabriel im Augenblick befindet. Marge hält mich telefonisch auf dem laufenden. Offenbar hat sie so viel Milch, daß es für mehrere Zwillingspaare reichen würde, und die beiden Knäblein entwickeln sich vorbildlich, was Marge jedoch nicht daran hindert, mich auf die Verwerflichkeit meines Tuns hinzuweisen.
Marge hat sich zu Mutters Stellvertreterin auf Erden ernannt, und um ihr das Maul zu stopfen, suche ich den Priester und Beichtvater der Familie auf.
Pater Jeremy empfängt mich mit offenen Armen. Natürlich findet er meinen Plan, Bill zu verlassen, unchristlich. Als ich ihm verspreche, mir die Sache noch einmal zu überlegen, kramt er als eine Art Belohnung die Geschichte vom Salomonischen Urteil aus der Schublade, und ich verlasse beschwingt seine Wohnung. Joel ist, wo er hingehört, bei jener Person, die sich im Augenblick am besten um ihn kümmern kann.
Vaters kleines Büro habe ich in mein Arbeitszimmer verwandelt. Die alte Schreibmaschine stottert und dröhnt, aber die Papierstapel wachsen, und abgesehen von gespannten Brüsten und davon, daß ich in regelmäßigen Abständen heulen muß, weil mir mein Kleiner, mein Geliebter fehlt, bin ich so glücklich wie schon sehr, sehr lange nicht mehr
Zu Thanksgiving kommt Bill.
Dann sehen wir weiter.
Wladimira
Reykjavík ist in diesen Tagen ein Hexenkessel aus Gerüchten. Unbekannte Kräfte aus amerikanischen U-Booten beeinflussen das Gehirn des Meisters. Auf seinen Stuhl wird ein Sabotageakt verübt. Der Kaffee ist vergiftet, jemand hat ihm Medizin in den Saft gemischt, die ihn träge macht und ihm die Kräfte raubt.
Gestern spendete er seinem Gegner Applaus. Jeder andere hätte sich zurückgezogen, um seine Revanche vorzubereiten, er nicht. Mit gebeugtem Kopf, ein leichtes Lächeln auf den Lippen, stand er da und klatschte.
In der großen Halle, in der das Staunen zu einem gemeinsamen Seufzer gerann, war Wladimira die einzige, die begriff, warum das geschah.
Das Korrekteste und Eleganteste hat Beifallsstürme verdient. Diese Einsicht ist logisch und lebensgefährlich zugleich.
Ein Sieg wird ihm den Heiligenschein eines Helden sichern, aber der Held ist am Ende, und es ist fraglich, ob er einen Sieg überleben wird, ebenso eine Niederlage.
Was auch geschehen mag, sie wird ihn verlieren. Sie wird dazu verurteilt sein, den Rest ihres Lebens mit einem unerträglichen, unauslöschlichen Mangel zu leben.
Zwischen Schlafen und Wachen schwebt ein roter Ballon. Zwischen Schlafen und Wachen klopft es an der Tür.
In ihrem Traum klopft jemand an ihrer Tür. Sie rappelt sich aus dem Bett auf und zieht sich hastig einen Unterrock über ihren nackten Körper.
Draußen ist niemand.
Die Stille im Korridor ist ohrenbetäubend. Bald ist es Morgen.
Die letzten Nächte hat sie an ihrem Beschluß festgehalten, ihn nicht mehr aufzusuchen. Aber morgen landet ein Flugzeug mit seiner Frau. Morgen ist es zu spät.
Noch einmal steht sie vor seiner Tür.
»Wladimira.«
Sie sieht es seinen Augen an, daß er nicht geschlafen hat. Eine Zigarette verglimmt im Aschenbecher, der auf dem Fußboden neben dem Schachbrett steht. Er zieht sie ins Zimmer, aber seine Beine tragen ihn nicht, er schwankt und stolpert und fällt mit dem Kopf zwischen die Schachfiguren, die in alle Richtungen kullern.
Sie kniet sich neben ihn und legt eine Hand auf seinen kraftlosen Arm.
»Bist du krank?«
Eine idiotische Frage! Trotzdem wiederholt sie sie, schreit sie ihm ins Gesicht, schüttelt sie in seinen unbeweglichen Körper, und bekommt nur ein Flüstern zur Antwort.
Zuletzt läßt sie ihn liegen.
Er hat die Knie angezogen und liegt mit der Stirn auf dem Muster des Teppichs.
Seine nackten Füße haben einen hohen Spann. Es handelt sich um seltsam unverbrauchte Füße ohne Hühneraugen und Hornhaut. Die Füße einer Statue. Sie nimmt den Fuß, der ihr am nächsten liegt, in die Hände. Er ist kalt wie Marmor, und sie reibt ihn warm. Wie ihre Mutter es machte, als sie klein war, rieb und knetete, bis es weh tat und sich eine angenehme Wärme ausbreitete, prickelnd wie leichtes Jucken.
Das senfgelbe Hemd hängt aus der Hose. Es ist hochgerutscht, denn er trägt keinen Gürtel. Die Haut seines Bauchs ist bleich und mit rötlichen Haaren bedeckt.
Auch der andere Fuß ist jetzt warm, und er streckt die Beine aus, reckt sich, dreht sich auf den Rücken und starrt an die Decke.
»Wladimira.«
Er holt Atem. Dann kommen die Worte. Zögernd, stotternd, undeutlich, aber nicht mißzuverstehen.
»So ein Mist. Du hast es ja gehört. Er hat dagesessen und zum Schiedsrichter rübergeschielt. So ein Mist. In dem Moment habe ich den Kampf verloren. Es hat keinen Sinn, es zu leugnen. In diesem Augenblick war es entschieden. Ich habe verloren. Ich hätte gehen sollen. Ich bin sitzen geblieben. Er hat mir leid getan. Wir sind Opfer, Wladimira. Wir verlieren beide. Die Gladiatoren hatten eine Chance, wir haben keine.«
Er hat ihren Arm gepackt und hält sie fest. Sie riecht, daß er sich schon lange nicht mehr die Zähne geputzt hat, und sie will ihm ihr Gesicht hinhalten, damit er auf ihre Lider atmet, auf ihren Mund, damit er seinen bitteren Atem in ihre Nase bläst und ihr Leben schenkt, ein neues Leben jenseits dessen, das sie beide nur allzu gut kennen.
»Erzähl mir eine Geschichte, Wladimira.«
Isländisch. Sie summt, ein Wiegenlied, und seine verspannten Glieder werden weich unter ihrer Hand, und jetzt kommt es, es bricht hervor und wird zu einer Rettungsleine, die Halt bietet, es wird zu Vision und Realität, zu einer praktischen, durchführbaren Wirklichkeit. Nichts ist mehr unmöglich.
»Ein roter Ballon schwebt über einer Straße. Ein Kind rennt hinter dem Ballon her. Der Bus bremst rechtzeitig, die Autos bleiben stehen, um das Kind vorbeizulassen, das Kind, das seinem Ballon über den Rasen hinterherläuft. Den grünen, üppigen Rasen. Das Kind läuft zum Meer hinunter. Das Meer empfängt das Kind und trägt es an eine andere Küste, das Kind winkt, und der Ballon leuchtet, ein kleiner roter Punkt an einem anderen Ufer.«
»Wovon handelt deine Geschichte, Wladimira?«
Jetzt auf russisch.
»Es war einmal ein Mann, der ...Nein. Das spielt keine Rolle. Ein Mann. Steht auf. Steht auf und geht. Jemand nimmt ihn bei der Hand. Sie gehen gemeinsam. Sie rennen. Über den Rasen. Das Gras ist grün, es ist saftig. Sie laufen, hinunter zum Meer. Ins Meer hinaus. Das Meer empfängt sie und trägt sie an eine andere Küste. Dort stehen sie und winken, und der Ballon leuchtet, ein kleiner roter Punkt an einem anderen Ufer.«
»Welcher Ballon?«
»Der rote Ballon. Dem sie hinterhergerannt sind. Der ihnen fast weggeflogen wäre.«
»Wo wollen sie hin?«
»Woandershin. Sie wollen woandershin.«
Und sie erzählt, und Lüge mischt sich mit Wahrheit und Mythos mit Wirklichkeit. Sie malt ein Bild der Möglichkeiten, auch von ihrer isländischen Familie, die sie nie gesehen hat, aber was macht das schon. Eine ganze Insel, ein ganzes Land wird bereitstehen mit Hilfe, mit einem Dach über dem Kopf und mit Freundlichkeit.
Es gibt Arbeit, das hat sie gehört, darüber sprechen die Menschen auf dieser Insel, auf der alle ständig arbeiten. Sie arbeiten doppelt, fast wie zu Hause, aber nicht um zu überleben. Für die Extras, für ein Auto, einen Kühlschrank, einen Fernseher, alles gibt es zu kaufen, Autos gibt es auf allen Straßen, und Fernseher flimmern hinter jeder Fensterscheibe.
»Das ist ein Traum, Wladimira. Dein Traum ist schön.«
»Das ist kein Traum.«
Der Traum ist, daß er sie lieben wird. Daß das andere Wirklichkeit wird. Wenn er nur will.
Mit dem Rücken zum Bett sitzt er neben ihr, und sie kann sein Gesicht nicht sehen, aber jetzt gibt es kein Zurück.
Wladimira ist der Kavalier, der gerade die Tanzfläche überquert, einer der Kadetten, zu deren Bällen sie ab und zu während ihres Studiums eingeladen wurde, weiße Handschuhe, den Blick zu Boden gerichtet und die Hand wund vom stumpfen Rasiermesser, bereit dazu, mit einer widerstrebenden Partnerin zu tanzen, gefaßt darauf, abgewiesen zu werden.
Wladimira, schwer und phantasielos, geduldig und loyal, Wladimira, die den Kopf über Wasser behält, hat ihr Debüt als Verführerin und ist halb bewußtlos vor Anstrengung, aber falls sie Zweifel hegt, dann weist sie diese Zweifel von sich. In Wladimiras Körper und Kopf wird ein Pakt geboren.
Bald ist der Traum vorbei, und das wache Leben kann beginnen.
Olivier
Sein letztes Geld ist gewechselt und ausgegeben. Edda bezahlt die Lebensmittel, sie bezahlt alles, und alles ist teuer. So kann es nicht weitergehen.
In Paimpol ist er ein wohlhabender Mann, aber wenn er nicht arbeitet, bekommt das Geld rasch Beine. Wenn es ihm nicht gelingt, das Hotel wieder in Gang zu bringen. Über einen Monat ist er jetzt schon fort, und alles ist geschlossen.
Mitten in der Hauptsaison ist er gefahren, und das kann man sich nicht erlauben. Die Leute müssen sich darauf verlassen können, daß man geöffnet hat. Sonst wählen sie andere Möglichkeiten, und man ist bald vergessen.
Er muß los. Daß er sein Ziel nie erreicht hat, bedauert er nicht. Wie sollte er das auch bedauern können. Aber jetzt muß er etwas tun, jetzt bewegen sich seine Füße Richtung Hafen. Zum Kai, wo er an Land gegangen ist.
Ein Schiff ragt vor ihm auf. Er erkennt seine Umrisse, seinen Namen und seine Flagge wieder. Der Kapitän steht an der Gangway und hebt die Hand, als er ihn sieht. Er kennt ihn noch.
Ganz selbstverständlich drückt er ihm die Hand. Ganz selbstverständlich heißt er ihn an Bord willkommen, obwohl er schon vor etlichen Wochen hätte zurückreisen sollen. Die Kajüte ist geschrubbt und riecht nach Chlor und Schmierseife.
Alles kann sich immer noch einrenken.
Es ist sinnlos, den Versuch zu unternehmen, ihr etwas zu erklären. Das muß warten. Er muß ihr schreiben und kann nur hoffen, daß es ihr jemand übersetzen kann. Oder er muß zurückkehren und hoffen, daß sie ihn wieder empfängt. Daß sie dann mit ihm zurückkehrt. In Paimpol kann er ihre Ankunft vorbereiten. Dafür sorgen, daß ihr neues Zuhause bereitsteht. Daß alles fertig ist und er auf der Schwelle stehen und sie willkommen heißen kann.
So soll es sein. Es gibt keinen anderen Ausweg.
Das Schiff wird gleich den Anker lichten. Die Gangway wird bereits eingezogen. Er steigt mit leeren Händen und ohne Gepäck an Bord. Nur mit einem Stein in seiner rechten Hosentasche.
Einem kleinen schwarzen und porösen Stein, den das Meer rund geschliffen hat. Einem Stück Lava, einem kleinen Teil der schwarzen Insel, auf der sie wohnt.
Wenn er ihn berührt, wird er sich an alles erinnern.
Edda
Eine Frau hatte sich heute morgen im Lager versteckt. Ich habe sie gefunden.
Das Schachturnier ist zu Ende, und wir haben geschrubbt und geputzt. Der Fußboden der Halle war ganz klebrig von dem Bankett, und morgen wird wieder Handball gespielt.
Weinpfützen auf dem Boden. Wikingerblut. So stand es auf der Speisekarte. Mit Eis vom Vatnajökull. Alles, was sie bekamen, trug das Wort Wikinger im Namen.
Spanferkel war übriggeblieben, Rinderbraten lag in blutigen Bergen auf den Platten, hatte die ganze Nacht dort gelegen, aber sah noch ganz akzeptabel aus. Gunlaug holte Tüten, und wir packten uns jede eine voll. Essen für mehrere Tage.
Die Trinkhörner aus Plastik und die bedruckten Teller hatten die Gäste mit nach Hause genommen. Als Erinnerung, ebenso wie die Speisekarten, außer jenen, die zerrissen waren oder über die zuviel Wein verschüttet worden war. Es gab nicht mehr viel abzuräumen und wegzutragen.
Ich war unten, um noch mehr Schmierseife zu holen. Die Tür ist nie abgeschlossen, aber jetzt war sie es.
Ein Schlüssel wurde geholt, und hinter der Tür saß sie. Mitten auf dem Fußboden. Eine der Unterirdischen. Das dachte ich zuerst. Aber dort stand auch ein Eimer und stank vor sich hin. Eine Gefangene aus einem Lager, so sah sie aus. Ihr Haar stand in alle Richtungen ab, ihr Blick war glasig. Ich habe normalerweise keine Angst, aber sie war groß und kräftig, und sie wirkte nicht normal.
Das Pferd sei gestolpert, sagte sie. Auf isländisch. Aber sie ist Russin, eine vom Schachturnier. Dolmetscherin. Das sagte sie. Sonst sagte sie nicht sonderlich viel. Abgesehen von dieser Sache mit dem Pferd. Es ging um einen, der umgekehrt war und den es den Kopf kosten würde.
Sie folgte mir die Treppe hinauf. Ich hatte noch Kaffee in meiner Thermosflasche, den gab ich ihr.Thorunn hatte ein Milchbrötchen dabei. Wir fragten, ob sie was von dem Braten wolle. Da übergab sie sich: Kaffee, Milchbrötchen, alles. Direkt auf den Boden.
Das Pferd sei gestolpert. Das sagte sie immer wieder, während wir ihr Erbrochenes wegwischten und den Boden ein weiteres Mal putzten. Wir hatten alle keine Lust, sie danach zu fragen, was für ein Pferd das gewesen sei.
Eigentlich waren wir jetzt fertig, aber was sollten wir mit ihr anfangen? Keine von uns wußte es.
Gunlaug kam auf die Idee, die Polizei zu rufen. Aber wir hatten keine Münzen für das Telefon in der Eingangshalle. Wir ließen sie also warten und erledigten noch den Rest.
Ich könne sie mitnehmen, sagte ich zu den anderen. Sie haben es immer eilig nach Hause, weil die Kinder in die Schule müssen.
Auf mich wartet niemand.
Olafur ist weg. Gestern ist er wie immer gegangen, während ich schlief. Aber er ist nicht zurückgekommen. Wahrscheinlich hatte er das Ganze über, obwohl er nicht den Eindruck erweckt hat. Jedenfalls ist er weg.
Im Bett ist es leer ohne ihn. Vermutlich soll es so sein. Einen Mann will ich nicht. Nicht einmal Olafur. Nicht einmal ihn. Aber ich hätte ihm gern Lebewohl gesagt.
Gunlaug und Thorunn haben nach ihm gefragt. Sie dachten vermutlich, ich sei traurig. Vielleicht bin ich das auch.
Sie ist nicht alt, sieht aber älter aus. Eine schwere Frau, die hinter meinem Fahrrad hertrottete. Die schlurfte. Es regnete, und ihre Schuhe wurden naß. Hohe, schiefe Absätze. Ihre Kleider sitzen schlecht. Vielleicht hat sie kürzlich zugenommen und hatte keine Zeit, neue zu kaufen. Die Bluse sitzt zu eng, und es sieht so aus, als würden gleich die Knöpfe abspringen. Ihre Brüste sind größer als meine. Groß und kugelrund wie zwei Fußbälle in einem Netz.
Olafur hat an meinen Brüsten gesaugt wie ein kleines Kind und mich gleichzeitig mit seinen dunklen Augen angesehen. Seehundsaugen. In mir habe ich eine große Hand gespürt, eine warme Hand. Trost.
Vielleicht ist es geglückt. Vielleicht brauche ich niemand anderen mehr zu suchen. In einem Monat weiß ich es sicher.
Seine Lippen sind rot. Rote Lippen in einem großen Gesicht. Die Haut nicht sonderlich straff. Jedenfalls nicht, als er kam. Jetzt ist er wieder rundlich. Man kann sich an ihn ankuscheln, und er riecht gut. Er riecht, wie ein Mann riechen soll. Nicht nach Schnaps, nicht nach Angst und auch nicht nach Rachsucht. Nicht nach Bösartigkeit. Nur gut.
Wohin sie wolle, frage ich sie, nachdem wir ein Stück gegangen sind. Sie weiß es nicht. Wir trotten weiter. Es regnet in Strömen, und ich würde mich am liebsten aufs Fahrrad schwingen und lossausen. Nach Hause zu meinem warmen Bett. Obwohl es verwaist ist.
Plötzlich kriegt sie einen Koller und rennt los. Um die Ecke, die Straße entlang, in einen Hinterhof.
Ein Auto fährt vorbei. Um diese Tageszeit ist sonst nicht viel Verkehr. Vielleicht hat sie sich deswegen aus dem Staub gemacht. Wer in dem Auto saß, konnte ich nicht erkennen.
Ich bleibe stehen und warte darauf, daß sie zurückkommt. Dann gehe ich weiter. Aber nach einer Weile höre ich sie hinter mir. Sie rennt und ist ganz außer Atem. Der Absatz des einen Schuhs ist abgebrochen. Sie steht auf bloßen Strümpfen in einer Pfütze.
»Polizei«, sage ich. »Vielleicht solltest du zur Polizei gehen. Die können dir helfen.«
Sie packt mich am Arm. Sie weint. Sie fleht mich inständig an, eine Bleibe für sie zu finden. Nur für einen Tag, vielleicht auch zwei. Ein Versteck, bis sie in Sicherheit ist.
Jetzt beginne ich zu verstehen. Sie ist ein Flüchtling. Sie will nicht zurückfahren. Nach dem, was man so gehört hat, ist das vermutlich klug. Wenn sie nicht in den Verdacht geraten will, eine Spionin zu sein. Wenn sie nicht nach Sibirien geschickt werden will. Oder noch Schlimmeres.
Olafur ist weg, und ich habe noch immer zwei von allem. Zwei Teller, zwei Gläser, zwei Messer, zwei Gabeln.
Jetzt habe ich einen neuen Gast. Vielleicht soll das ja so sein.
Wladimira
Keine Ehrendelegation wartet vor der Polizeiwache.
Kein Journalist hat an ihrem Schicksal Interesse gezeigt. Die internationale Presse hat in dem Moment, als das Turnier entschieden war, die Insel wie ein Heuschreckenschwarm verlassen, und Reykjavík kehrt mit einem Seufzer der Erleichterung zur Normalität und zu wichtigeren Nachrichten über den Fischereikrieg und die Grenzen der Hoheitsgewässer zurück.
Wladimira ist bestenfalls bedeutungslos, schlimmstenfalls eine Belastung der internationalen Beziehungen, ein Fleck auf dem frisch gereinigten Anzug irgendeiner Person.
Wenn er doch bloß mit ihr zusammengeblieben wäre, dann wären sie ein gefragtes Paar. Niemand fragt nach ihren Geschichten. Ohne ihn gibt es sie nicht.
Eine vorläufige Aufenthaltsgenehmigung kann man ihr anbieten und Geld für das Nötigste.
Ein paar vernünftige Halbschuhe statt ihrer havarierten Pumps. Eine Strickjacke. Ein Regenponcho. Alles unglaublich teuer. Ein Schirm für den strömenden Herbstregen liegt definitiv außerhalb ihrer Möglichkeiten.
Notdürftig eingekleidet. Weder hungrig noch satt. In der Warteschleife, ohne zu wissen, worauf sie wartet und was sie zu erwarten hat, wenn überhaupt etwas.
Eine Matratze vom Speicher der Nachbarin stellt ihr Nachtlager dar. Die Wolldecke taucht wie ein Wunder auf, Edda hat sie von der Heilsarmee bekommen. Sie ist grau und so schwer, als sei sie durch und durch feucht.
Wladimira hat ihr ganzes Leben beengt und umgeben von Menschen verbracht, und es macht ihr nichts aus, am Fußende von Eddas Bett zu schlafen, zu ihren leisen Seufzern und Schmatzern einzuschlafen und von ihrem Schnarchen zu erwachen.
Zu zweit sitzen sie am Wachstuch des Tisches, erwachsene Frauen mit gesundem Appetit. Edda reicht ihr die Töpfe, und Wladimira beobachtet sich selbst, wie sie einmal von dem Fisch, den Kartoffeln und der dicken weißen Sauce nimmt und noch einmal und noch ein weiteres Mal, also mindestens einmal zuviel, und trotzdem fühlt sich ihr Magen immer noch leer an.
Edda sieht weg, sie trinkt einen Schluck Milch und leert das Glas dann mit zwei, drei weiteren Schlucken. Ihr Blick schweift in die Ferne. Etwas hinter Wladimiras Schulter muß interessant sein, vielleicht ist es aber auch peinlich, daß jemand soviel essen kann, obwohl er nicht dafür bezahlt hat, aber Edda sagt nichts, sondern räumt einfach die Teller vom Tisch und spült sie unter fließendem Wasser ab.
Wladimira hält beide Hände ins warme Schwefelwasser des Spülbottichs und planscht mit der Spülbürste zwischen Geschirr und Gläsern, bis alles blitzt, einer der wenigen genüßlichen Momente im Verlauf der grauen und eintönigen Tage.
Das Spülen hat sie übernommen, die Böden putzt sie jeden Freitag, und während Edda bei der Arbeit ist, staubt sie die Möbel ab und schrubbt die kleine Toilette mit einem stark riechenden Pulver. Das ist das mindeste, was sie tun kann. Edda läßt sie nie spüren, daß sie ihr im Weg wäre oder daß sie etwas von ihr erwarten würde. Ihr bisheriges Leben war angefüllt mit Pflichten, Studien, Arbeit, Planung, Eilaufträgen und Verrichtungen, mit Sorge um die Mutter und unermüdlichen, täglichen Besorgungen für den Haushalt, mit Hamstern, Tauschhandel, Kopfrechnen und raschen Kaufentschlüssen, ehe ihr jemand zuvorkam. Jetzt sind ihre Tage konturlos und so durchsichtig wie eine Qualle.
Edda badet jeden Tag in der Badeanstalt, aber das kostet Geld, mehr als Wladimira annehmen kann.
Es ist auch so schon zuviel. Das Essen. Die Seife, mit der sie sich wäscht. Die samtweichen Binden aus dem Kleiderschrank, von denen ihr Edda welche abgibt, ein unglaublicher Luxus.
Wladimira wäscht sich mit einem Waschlappen in der Küche. Einmal in der Woche kocht sie den Lappen und ihre Unterhosen in einem Topf auf dem Herd aus und wäscht ihre Hemdbluse, ihren Büstenhalter, der mit immer größerer Mühe sauber wird, und das eine ihrer zwei Paar Strümpfe mit der Hand. Edda hat ihr gezeigt, wie das geht. Edda ist geschickt mit den Händen. Bei ihr sieht alles immer so unkompliziert aus. Sie verschüttet nie Spülwasser auf dem Küchenfußboden und verbrüht sich auch nicht am Dampf des Wasserkessels, so daß sie Margarine auf die Brandblasen schmieren muß.
An ihrem freien Tag schläft Edda lange, und für die Ruhepause nach der Arbeit und nach dem Besuch der Badeanstalt, die sonst immer eine Stunde dauerte, braucht sie in letzter Zeit zwei. Die Wochen vergehen, und es werden drei oder vier.
Bald verbringt Edda die Nachmittage in Gesellschaft eines Büchereibuchs im Bett, isländische Klassiker, die sie Wladimira anbietet. Diese lehnt höflich ab. In ihrem Kopf ist kein Platz für fiktive Personen. Und das, obwohl ihre Mutter keine Aufmerksamkeit von ihr fordert.
Edda legt das Buch neben sich auf den Fußboden. Die Decke rutscht hoch, und Wladimira sieht einen nackten Schenkel. Er ist kräftig und hat kleine Vertiefungen. Darüber rundet sich der Bauch.
»Willst du eine Arbeit?«
Eine Arbeit. Edda hat zwei, Putzen in der Sporthalle und dann noch drei Stunden in der Gemeindeverwaltung, nachdem dort die Angestellten Feierabend gemacht haben. Der Lohn reicht mehr als genug für den Lebensunterhalt. Wladimira hat sich schon gedacht, daß sie den einen übernehmen könnte, aber sie hat nichts gesagt. Die Veränderungen sollen von Edda ausgehen, wenn die Zeit reif ist.
»Eine Arbeit?«
»Bald. In ein paar Monaten. Du kannst meine übernehmen. Vielleicht beide.«
Edda lächelt. Edda lehnt sich ins Kissen zurück, eine große, zufriedene Katze, und klopft mit einer kräftigen und breiten Hand auf die Decke. Allmählich begreift Wladimira, was alle außer ihr schon längst begriffen haben müssen.
Edda nimmt unentwegt zu, aber seit Wladimira in der Wohnung wohnt, ist kein Mann in Eddas Gesellschaft zu sehen gewesen. Es wurde auch kein Mann erwähnt.
Der Vater muß ein verheirateter Mann sein. Oder vielleicht enthalten die Briefe mit den französischen Briefmarken, die durch den Briefkastenschlitz in der Tür fallen, oder das Fotoalbum, in das sie dreisterweise, während Edda bei der Arbeit ist, hineinguckt, eine Erklärung. Ein rotes Album mit undurchschaubaren Schnappschüssen von Möbeln, Fischerbooten und Männern in Ölzeug, von Häusern aus Feldstein und von einer niedrigen, grauen Kirche.
Ein unscharfes Bild zeigt einen Mann, und seine vom Blitz roten Augen erinnern an die einer Ratte. Es handelt sich um einen älteren, dicklichen Mann, und wenn Wladimira überhaupt etwas glaubt, dann, daß er ein Verwandter von Edda sei, obwohl er ihr alles andere als ähnlich sieht, aber vielleicht muß sie ihre Überzeugung ja revidieren.
Edda summt den ganzen Tag lang. Eddas Freundinnen kommen mit vollen Tüten vorbei, und kleine Kleidungsstücke türmen sich auf dem Spitzendeckchen der Kommode, außerdem Stapel von Windeln und Flanelltüchern. Die abgelegten Kindersachen in Blau, Rosa und Weiß – denn man weiß ja nie – würden für ein ganzes Kinderheim reichen.
»Es wird ein Mädchen.«
Gunlaug leert eine Tüte mit gehäkelten Jacken in Grellrosa und Windelhöschen aus weicher, ungefärbter Wolle aus.
Gunlaug und Edda trinken Kaffee, und selbst die wortkarge Edda redet wie ein Wasserfall. Wladimira nippt an ihrer Tasse und hat nichts beizutragen.
Gunlaug hat ihr erstes Kind mit siebzehn bekommen, jetzt sind es vier. Die Älteste hat Gunlaug bereits zur Großmutter gemacht, der Jüngste ist gerade erst eingeschult worden, und vielleicht werden es noch mehr.
»Man weiß es nie.« Gunlaug lacht und schiebt noch ein Stück Pfannkuchen zwischen ihre nikotingelben Zähne. Edda und sie brechen bei jeder Kleinigkeit in prustendes Gelächter aus. Man hat das Gefühl, die Wände der kleinen Wohnung könnten jeden Augenblick unter dem Druck von Fleischlichkeit, Fruchtbarkeit und Ausgelassenheit nachgeben. Wladimira sucht in dem einen der beiden Lehnstühle ganz hinten in der Ecke Schutz und verschanzt sich hinter der Zeitung, während sie darauf wartet, daß Gunlaug verschwindet und Edda wieder einschläft.
Sie liest auf der Jagd nach Neuigkeiten über ihn jedes Wort und jede Silbe, aber die Welt hat das Interesse verloren. Nur in Wladimiras Gedanken ist er immer noch präsent. Wenn sie es nur wagte und wenn Edda nur zuhören würde, könnte sie ihn mit Worten wieder erstehen lassen. Ihn wieder lebendig und präsent machen.
Die Scham hält sie zurück. Die Scham darüber, im Stich gelassen worden zu sein, etwas riskiert und verloren zu haben, eine lächerliche, betrogene Frau zu sein. Fortwährend arbeitet sie an einer Deutung, die sie über die Lippen bringen kann.
Edda ist zu sehr mit ihren eigenen Dingen beschäftigt, als daß es einen Sinn gehabt hätte.
Und dann kommt der Tag, an dem es an der Tür klopft, laut und anhaltend. Es wird zu einem Gehämmer mit etwas, was wie eine Keule klingt, wobei es sich aber um Fäuste handelt, und der Treppenaufgang hallt von wütenden Rufen wieder.
Eddas Name, immer wieder, aber Edda ist auf ihrem rostigen Fahrrad zum letzten Job dieses Tages losgeeiert, und sie erwartet sie so bald nicht zurück. Wladimira hält den Atem an und versteckt sich in der Küche, bis die schweren Schritte endlich die Treppe hinabdonnern.
Aus dem Küchenfenster sieht sie den riesigen Körper eines Mannes den Bürgersteig entlangstampfen, allein seine Größe jagt einem Angst ein. Die heisere, volltrunkene Stimme prallt an die Scheibe, und jetzt stolpert er dort unten auf der Straße und fällt fast um. Vielleicht ist er es ja.
Vielleicht ist er der Vater von Eddas Kind, und wenn er es ist, dann wird er zurückkommen, und zwar immer wieder, bis man ihn einläßt. Die Wohnung ist nicht groß genug für sie alle. Wladimira macht sich bereits Sorgen darüber, wie es gehen soll, wenn das Kind kommt.
Eddas Summen verstummt, als sie von dem Mann hört. Eddas rosenrote Wangen erblassen unter ihrem Flaum. Sie packt rasch eine Tasche mit Nachthemd, Zahnbürste und einem der dicken Romane aus der Bibliothek, und dann nichts wie weg.
Gunlaug empfängt sie mit offenen Armen. Ihr Zweitältester befindet sich auf einer langen Reise mit einem Frachter, sein Bett ist frei, und das Essen reicht immer für einen weiteren Esser.
»Du darfst ihn niemals reinlassen«, sagt Edda, »versprich mir das.« Wladimira verspricht es, und dann steht Edda wieder unten auf der Straße, und in Wladimiras Kopf findet sich nur ein Wort.
Preisgegeben.
Geräusche schwerer Schritte auf einer Treppe. Unerbittliches Klopfen, bis die Tür geöffnet wird, hier beschützt dich niemand, jemand hat das Recht oder nimmt es sich einfach, deine Grenzen zu überschreiten und dich deines letzten Restes Macht zu berauben, die dir geblieben ist, der Macht über deinen Körper und dein Leben.
In der Wohnung zu sitzen und darauf zu warten, daß er zurückkehrt, ist keine Alternative.
Die Stadt ist an diesem blauschwarzen Abend eiskalt und abweisend, und sie hat ihre Angst nicht artikulieren wollen, denn was hätten Edda und Gunlaug schon tun sollen.
Sie lenkt ihre Schritte ins Stadtzentrum und streift durch die Straßen, bis ihre Beine sie nicht mehr tragen. Der Mann ist nicht dort, nur andere Männer mit lauten Stimmen, geröteten Gesichtern und großen Jacken, die schwanken und taumeln und versuchen, sich am Wellblech der Hausfassaden abzustützen. Es sind mehr als sonst, selbst für einen Zahltag. Flüchtlinge vor einem Vulkanausbruch überschwemmen die Stadt, und das müßige Warten in den Häusern und Wohnungen von Fremden bringt vermutlich jeden dazu, sich um den Verstand zu trinken.
Eine wohlbekannte Gestalt taucht plötzlich auf dem schmalen Bürgersteig auf. Der Vorsitzende der Schachunion, der von einer Versammlung kommt, mit gerötetem Gesicht, nüchtern, ein gesunder Beitrag zum Straßenbild. Er streckt ihr seine Hand hin, als hätten sie sich gestern zuletzt gesehen.
»Sie sind immer noch hier«, stellt er fest, und das kann Wladimira nicht leugnen.
Es ist zu spät oder zu früh, um andere Worte zu finden als die, die bereits darauf warten, gesagt zu werden. Aus ihrem Mund kommt das ungeschminkte Bild ihrer Fluchtpläne. Das letzte, was sie von ihm gesehen hat, wie er neben dem Mann saß, der ihn vernichtet hatte, den Kopf über ein Minischachspiel gebeugt, allein gelassen in seinem Unglück.
»Was ist aus ihm geworden?«
»Soweit ich weiß, geht es ihm gut.« Der Vorsitzende der Schachunion versucht sie zu beruhigen. »Erholung, heißt es. Außer der Erschöpfung war da vielleicht noch ein Nervenzusammenbruch.«
In dem System, das sie verlassen hat, hatten die Dinge nie den Namen, den sie verdienten. Erholung kann alles bedeuten. Ein zwangsweiser Aufenthalt in einer psychiatrischen Anstalt gehört noch zu den milderen Varianten, die krasseren heißen Deportation, vielleicht auch tödlicher Unfall.
Preisgegeben.
Ein Laut kommt über ihre Lippen. Auf einem rissigen Bürgersteig im schwachen Licht einer Straßenlaterne jammert Wladimira.
Der Vorsitzende der Schachunion legt ihr eine Hand auf die Schulter.
»Kann ich irgend etwas tun?«
»Sie können mich auf dem laufenden halten.«
Eddas Adresse ist auf Dauer zu unsicher. Statt dessen läßt sie sich die seine geben und seine Telefonnummer. Als sie sich trennen, ist etwas verändert.
Wladimira geht erfüllt von einer Art Hoffnung weiter durch die Dunkelheit. Sie kommt durch Straßen, die jetzt menschenleer sind, und am Friedhof vorbei, auf dem ein kühler Wind durch die Büsche pfeift.
Der Himmel ist sternenhell, und im Haus ist es still, als sie die Tür mit dem Schlüssel öffnet. Niemand hält an der Hausecke nach einer Prostituierten Ausschau, keine groben Hände versuchen sie zu packen.
In dieser Nacht schläft sie nicht. Statt dessen schreibt sie einen Brief, den ersten von vielen. Vielleicht wird sie ihn nie abschicken. Im Augenblick spielt das keine Rolle.
Die Woche vergeht ohne weitere gewaltsame Anschläge, und daß er nicht zurückgekommen sei, bedeute wohl, daß er zurück nach Hause gefahren sei, meint Edda, oder auch, daß er wieder angeheuert habe. Er sei nicht der Vater des Kindes, nie im Leben, aber wie er sie gefunden habe, das sei ihr ein Rätsel. Nicht einmal ihre Mutter kenne die Adresse.
Zum Wochenende kommt sie zurück, denn Gunlaugs Kinder brauchen Platz und machen Krach, und zwar so sehr, daß es selbst Edda schwerfällt, mitten in diesem Tumult zu schlafen. Sie ist rund wie ein kleiner Walfisch und müde wie ein ganzes Altersheim, und sie kann auf dem Fahrrad kaum das Gleichgewicht bewahren. Es fällt ihr schwer, sich zu bücken und einen Putzlappen aufzuheben, und schließlich schlägt Wladimira es selbst vor.
Zum ersten Mal hat sie sich ihr Essen verdient, und sie schämt sich nicht mehr, Edda in die Badeanstalt zu begleiten. Zusammen sitzen sie in dem heißen Wasser und warten darauf, daß sich ihre schmerzenden Muskeln entspannen.
»Eigentlich sollte man hier sein Kind zur Welt bringen«, meint Edda. »Hier tut nichts weh.«
Aber Eddas Tochter kommt dann doch im Krankenhaus zur Welt, und zwar an einem windigen Morgen im Mai. Es ist eine angenehme Geburt, keine Betäubung bitte, sagt Edda, die nicht will, daß ihr etwas entgeht, und für die jede Wehe einen Triumph darstellt. Sie sei zum Gebären geschaffen, sagt die Hebamme und streicht ihr über ihr flaumiges Kinn.
Als Wladimira am Vormittag auf die Entbindungsstation kommt, schläft das Mädchen in seiner Wiege, gesund, schön, rund und anmutig. Die Haare über den Pausbacken sind pechschwarz. Das Kind sieht in jedem Fall nicht seiner Mutter ähnlich, aber wem es ähnelt, ist eine andere Frage.
»Muß sie nicht fest gewickelt werden?«
Wladimiras Weltbild sieht nicht vor, daß Kinder Platz beanspruchen und sich entfalten dürfen, Freiheit solle Kindern in passender Dosis verabreicht werden, aber Edda schüttelt nur den Kopf und lacht. Hier strampeln Kinder, soviel sie wollen, während der hellen Nächte rennen sie noch spät draußen herum und spielen. Hier wird niemand eingesperrt.
Die Milch spritzt aus Eddas Brüsten, und das Mädchen gedeiht. Wladimira hält sich auf Abstand, während sie die Windeln im Bottich kocht und die Jacken und Strampelanzüge in heißem Seifenwasser wäscht. Die Wäscheleine auf dem Trockenspeicher hängt ständig voll. Glücklicherweise weht der Sommerwind durch die Dachfenster.
Edda schiebt den Kinderwagen zum Fotografen, und die Kleine zeigt sich von ihrer besten Seite. Lächelnd liegt sie bäuchlings auf der gehäkelten Decke, zu der jede von Eddas Freundinnen vierundzwanzig Quadrate beigetragen hat. Ein Abzug wird vergrößert und gerahmt auf die Kommode gestellt, was mit den anderen passieren soll, verrät Edda nicht.
Dafür hat das Kind jetzt einen Namen. Man hat Wasser über den Kopfvon Carolina Olafsdóttir gegossen, die aus diesem Grund wie ein gestochenes Schwein geschrien und fast die Orgel in der hellen Kirche, die selbst einer gigantischen Orgel gleicht, übertönt hat. Irgendwo muß es also einen Olafur geben, aber was hat das schon zu bedeuten, solange Edda zufrieden ist und Carolina Olafsdóttir wächst und sich wohl fühlt.
Wladimira steht in aller Herrgottsfrühe auf und tut, was sie zu tun hat. Auf dem Heimweg kauft sie ein und kann über die Preise nur den Kopf schütteln.
Das Kochen hat sie übernommen, und wenn Edda sich satt essen will, dann muß sie sich mit Kohlsuppe, Borschtsch und Pelmeni abfinden.
Verbissen reibt Wladimira Meerrettich und hackt Zwiebeln, während ihr die Tränen über die Wangen laufen, und es kommt vor, daß ein Schluchzer zwischen ihren zusammengebissenen Zähnen hervorbricht. Ihre Augen tupft sie mit einem Topflappen trocken, rasch, damit Edda nichts sieht und keine Fragen stellt.
Wladimira knetet Brotteig, weil das um einiges billiger werden müßte, als es zu kaufen, aber das Brot wird hart wie Stein, und man muß es in die Suppe stippen, wenn man sich keinen Zahn ausbeißen will.
Wladimira kocht Rote Bete, und die Küche sieht aus wie nach einem blutigen Verkehrsunfall.
Wladimira legt Gurken ein, und sie gären. Der Boden der Speisekammer ist mit einer sauren, klebrigen Flüssigkeit bedeckt. Schließlich muß Edda eingreifen.
»Ich koche, wenn du dich um sie kümmerst.«
Das Kind hängt im Arm seiner Mutter wie eine fette kleine Schlange und fuchtelt wild mit seinen dicken Ärmchen. Ehe Wladimira noch protestieren kann, hat sie es schon auf dem Arm.
Wladimira sind die Flektionsmuster verschiedener Sprachen vertraut, etymologische Spitzfindigkeiten sind ihr Spezialgebiet, aber was die Betreuung von Kleinkindern angeht, muß ihr Edda selbst die einfachsten Dinge beibringen.
Daß die Windel so und nicht anders sitzen muß, daß sie den kleinen Körper in ein Handtuch wickeln muß, damit das kleine Ding nicht friert. Sie muß an das Lätzchen denken und an das saubere Tuch, mit dem man die eigenen Kleider vor dem, was beim Aufstoßen aus dem Mund läuft, schützt und das jeden Tag gewaschen werden soll. Das sagt Edda, die Fähigkeiten und Wissen aus geheimnisvollen Quellen hervorzaubert und alles so selbstverständlich erscheinen läßt.
Eddas Fahrrad stellt eine übermäßige Herausforderung dar. Wladimira trabt auf ihren kräftigen Beinen durch das ungemütliche Herbstwetter, denn alles ist besser als die Geräusche und Gerüche des Säuglings in der Wohnung. Alles ist besser, als mit einem hilflosen Wesen auf dem Arm dazustehen und sich genauso hilflos vorzukommen.
Einmal in der Woche ruft sie auf dem Heimweg von einer Telefonzelle aus den Vorsitzenden der Schachunion an und erhält immer den gleichen Bescheid: Nichts Neues. Einmal in der Woche schreibt sie ihm einen Brief, oder ist er an sie selbst? Zwei Bögen liniertes Papier, nicht mehr und nicht weniger. Bald braucht der Briefstapel, mit Gummibändern fest zusammengehalten, mehr Platz als der Rest ihrer bescheidenen Habseligkeiten. Solange es ihn gibt und er zunimmt, sind sie zusammen.
Bis auf weiteres kommt sie damit zurecht. Sie wartet ab.
Joyce
»Du hast mein Kind verschenkt.«
Bill befindet sich in einem Auflösungszustand, den ich mit einer militärischen Laufbahn nicht für vereinbar gehalten hätte. Meine Versuche, ihn damit zu beruhigen, daß das nur ein vorläufiges Arrangement sei, prallen an seiner zunehmenden Verzweiflung ab. Ich schließe mich in meinem Büro ein, klemme die Lehne des Schreibtischstuhls unter der Klinke fest und lasse ihn toben. Erst als die Rufe und das Hämmern an der Tür verstummen und ich Vaters Stimme in der Diele höre, wage ich mich heraus.
Vaters Anwesenheit erweist sich als der beruhigende Faktor, der nötig ist, um zu einer Vereinbarung zu kommen.
Joel Gabriel bleibt, wo er ist. Ich kann mich nicht um ihn kümmern, jedenfalls nicht gerade jetzt, und Bill als alleinerziehender Vater in der Lavawüste ist ebenfalls ausgeschlossen.
Wir rufen Marge an, und Bill besteht darauf, mit Dave zu sprechen. Dieser hat sich an das zusätzliche Kind gewöhnt und hat keine Einwände.
Hier kann Bill nicht bleiben. Nicht noch eine Nacht unter demselben Dach wie ich. Ich fahre ihn zurück zum Flughafen. Irgendwie bin ich erleichtert.
Das ist meine letzte Begegnung mit Bill. Die Scheidung, im Prinzip undenkbar für einen guten Katholiken, aber unvermeidlich, wenn sich die Ehefrau als Monster erweist, regeln die Anwälte.
Bill erhält das Sorgerecht für Joel. Ich besitze nicht die Kraft zu protestieren, und die Regelung, die wir aushandeln, wirkt akzeptabel, jedenfalls bis auf weiteres. Ein Wochenende im Monat, zwei Wochen im Sommer und jedes zweite Jahr zu Weihnachten darf ich meinen Sohn an seinem, wie sorgfältig festgelegt wird, vorübergehenden Wohnort treffen. Dafür muß ich einen Kurs für katholische Eltern absolvieren. Bills Mutter hat sich das als angemessene Strafe ausgedacht.
Joel bleibt bei Marge, die wenig später das nächste Kind erwartet, bald darauf das dritte bekommt und, ehe man sichs versieht, das vierte, das im Doppel kommt.
Joel ist zusammen mit David junior, seinem Beinahezwilling, der Älteste einer Geschwisterschar.
In den Ferien wird er von seinem Vater abgeholt und nach Florida gebracht, wo Bills Eltern seit der Pensionierung leben. Sie besuchen das Disneyland und frühstücken dort mit Mickey und seinen Freunden. So meint Bill die wenige Zeit mit seinem einzigen Kind verbringen zu müssen.
Zu den vereinbarten Zeiten tauche ich dann mit ungewöhnlichen Teddybären und seltsamen Masken auf, mit neuen Ausdrücken und komplizierten Kinderreimen, und ich bin wahrscheinlich seine Mutter, aber was spielt das schon für eine Rolle. Joel ist glücklich, wo er ist, was kann ich mehr verlangen?
Joel ist ein nettes Kind. Ein freundliches Kind, das sich um andere kümmert. Als Vierjähriger hebt er ganz beiläufig und selbstverständlich ein Einjähriges, das gestolpert ist, vom Boden auf und umarmt es, um es zu trösten. Kinder und Erwachsene werden in Joels Gegenwart und unter seinen Händen, die im Verhältnis zu seinem Körper unerwartet groß und breit sind, ruhiger, und nicht nur seine Hände sind groß. Mein Sohn hat auch ein großes Herz. Es schlägt für einen Teddy, der einen Arm verloren hat, für tote Vögel und für Insekten in Not. Seiner Mutter streicht er über den Kopf, wenn sie ihre Stirn in zu besorgte Falten legt.
Ich würde jede Faser von ihm lieben, auch wenn er nicht mein Sohn wäre. Das bedeutet jedoch nicht, daß ich mir ein Leben mit ihm rund um die Uhr vorstellen kann. Jedenfalls nicht in den Jahren, die es mich kostet, von meinen zeitlich begrenzten Dozentenstellen auf eine feste Stelle an meinem alten Institut zu wechseln.
Das Verhältnis zwischen Sprachen und den einsickernden Fremdwörtern und von Sprachen und dem überall gegenwärtigen Einfluß meiner imperialistischen Muttersprache belegt mich den Großteil meiner wachen Stunden mit Beschlag. Aus einem ziemlich marginalen Spezialgebiet ist ein Modethema geworden. Ich bin gefragt und reise durch die Gegend, halte gut besuchte Vorträge und nehme an Seminaren und Podiumsdiskussionen teil.
Meine Affären, von kurzer Dauer und geringer Bedeutung, wickele ich bei diesen Gelegenheiten ab, und zwar so weit von meinem Zuhause entfernt wie möglich.
Vater hingegen hat wieder Boden unter seinen Füßen. Er geht neuerdings aus und sucht ab und zu eine gleichaltrige Witwe, Katholikin oder auch nicht, namens Mary-Ann auf. Dieser Tatsache ist es zu verdanken, daß ich schließlich das Nest verlasse und in eines der alten Häuser in der Nähe des Campus ziehe, in dem es zufällig eine freie Wohnung gibt. Groß genug, daß darin ein Kind ein eigenes Zimmer haben kann.
Die Tür zu einer leuchtenden Zukunft ist weit geöffnet, da passiert es.
Olivier
Tagsüber liegt der Stein in seiner Hosentasche, immer in der rechten. Er findet ihn leicht. Nachts hat er seinen Platz unter dem Kopfkissen. Er ist seinen Fingerspitzen ein Trost und gibt seiner Handfläche Geborgenheit.
Das Hotel ist ein müder Motor, der schon lange nicht mehr geölt oder gewartet worden ist. Erst kam die lange Krankheit seiner Mutter, dann ihr Tod und seine plötzliche Abreise. Die Zeit ist einfach vergangen, und jetzt blättert die Farbe von den Fensterläden.
Im Schaukasten wellen sich die vergilbten Speisekarten. Der Halter für die Broschüren auf dem kleinen Empfangstresen ist gähnend leer, und das gilt auch für die Zimmer und das Restaurant, in dem die Kupferkessel über dem Kamin braun angelaufen sind.
Die Angestellten haben sich mit irgendwelchen Jobs durchschlagen müssen, während er weg war. Jetzt kommen sie nacheinander zu ihm. Er verspricht ihnen andere Arbeitsbedingungen und eine Lohnerhöhung, und zum ersten Mal hat er keine Lust, sich beim Weggehen umzudrehen, um zu sehen, ob sie ihn hinter seinem Rücken auslachen.
Olivier geht aufrechter. Wenn er seiner eigenen Stimme lauscht, erkennt er sie kaum wieder. Es ist die Stimme eines erwachsenen Mannes und kein zischender Diskant.
Er bezahlt gut, aber nicht zu gut. Der Respekt muß woandersher kommen, und er tut es auch, das merkt er.
Mit dem Dasein als ältlicher Junggeselle, der seiner Mutter am Rockzipfel hängt, ist jetzt endgültig Schluß. Freunde besitzt er keine, nur Angestellte und Lieferanten und ein paar Nachbarn, mit denen er ab und zu ein paar Worte wechselt. Es gibt niemanden, der andere Fragen als die absolut oberflächlichsten stellen könnte, beispielsweise, wie die Reise war oder ob er auf Island gefroren habe. Niemand erwartet Vertraulichkeiten. Sein Geheimnis dort hat das andere abgelöst. Das schwere Geheimnis, das ihn und seine Mutter betraf, darf er für sich behalten.
Das Geheimnis, daß er nicht mehr nur der Hotelbesitzer Olivier Créach ist. Eine Stütze der Gesellschaft, einer, der zum Wohlstand und guten Ruf der Stadt einiges beiträgt.
Er ist auch Olafur, der Liebhaber, der sich ein neues Auto leistet, eine flache und luxuriöse Limousine wie die, die ihn beinahe auf einer Straße in Reykjavík überfahren hätte.
Olafur setzt sich mit größter Selbstverständlichkeit ans Steuer. Er tritt aufs Gaspedal und schlägt den Kurs nach Rennes ein, um den besten Fotoapparat zu kaufen, der auf dem Markt ist.
Die Fotos macht er im Vorübergehen, während seiner täglichen Arbeit mit den Gästen, den Angestellten, dem Einkauf und der Planung. Es ist Winter, und die Saison ist längst zu Ende, es ist ruhig, und er hat genug Zeit.
Immer mehr gelbe Umschläge mit Abzügen treffen ein, während er sich mit Handwerkern darauf einigt, aus der Wohnung im Obergeschoß des Hotels alle Möbel und Erinnerungsgegenstände zu räumen. Sie sollen nicht im Weg sein, wenn sie kommt.
Zuerst will er sie bitten, den ganzen Plunder auf die Müllkippe am Rand der Stadt zu fahren, aber als es endlich soweit ist, verlangt er einen Preis und wird gut bezahlt. Geld kann man immer gebrauchen. Die Sachen werden auf einer Auktion in einer anderen Stadt verkauft, das ist ihm wichtig, denn er will es nicht riskieren, daß sie in den Häusern anderer Leute in der Stadt auftauchen.
Die gelben Umschläge mit den Abzügen türmen sich, und jetzt sind nicht nur die Häuser der Stadt, die Fassade des Hotels, die einlaufenden Boote der Austernfischer, die Fischer in ihrem Ölzeug unten am Speicher und die Kirche mit dem Namen seines Vaters auf einer Gedenktafel zu sehen, sondern auch Bilder eines Zuhauses, das mit der Zeit immer vollkommener wird. Lieferwagen liefern Polstermöbel, ein geblümtes Sofa und Lehnstühle, Tische, Vorhänge und Teppiche, Schränke und Wandborde, Kissen und Kommoden und ein breites, bequemes Bett.
Aus dem Speisesaal holt er den großen Spiegel mit dem Goldrahmen. Der Koch hilft ihm dabei, ihn die Treppe hoch zu wuchten, und das zu Oliviers Erleichterung wortlos. Jetzt hängt er oben in den Privaträumen direkt hinter der Tür. Ehe er morgens zur Arbeit geht, stellt er sich davor und übt, sich anzuschauen, ohne den Kopf abzuwenden.
In der Stadt wird geredet, das merkt er, aber nicht mehr voller Verachtung. Die Leute betrachten ihn mit einer Art Bewunderung im Blick, wenn er am Nachmittag, während die Stadt aus ihrem Mittagsschlaf erwacht, die steile Straße zum Meer hinuntergeht.
Die Flut läuft mit kleinen, runden Wellen an der Küste auf, die Möwen stoßen unter einem blauen, grauen oder weißen Himmel ihre Schreie aus, die an ein Lachen erinnern. Es ist derselbe Himmel, es ist dasselbe Meer. In diesem Augenblick sitzt sie vielleicht irgendwo und blickt darüber hin. Seine Hand sucht den Stein in seiner Tasche. Er ist so rund und glatt wie eine nackte Schulter.
Das letzte Foto soll ihn selbst zeigen. Er stellt den Selbstauslöser so ein, wie es in der Bedienungsanleitung beschrieben wird. Dann baut er den Fotoapparat sorgfältig auf einem Stuhl auf und setzt sich dann aufs Sofa hinter den niedrigen Couchtisch und die Vase mit den roten Rosen, die er extra gekauft hat.
Ein Lächeln. Er wartet. Es dauert zu lange, vielleicht hat er ja etwas falsch verstanden. Er will sich gerade erheben, da blendet ihn der Blitz.
Auf dem Foto ist er etwas unscharf. Seine Augen sind seltsam rot, aber es sind seine Augen, wenn sie auch rot sind. Seine glattrasierten Wangen und sein weiches Kinn, sein runder Bauch unter der blauen Wolljacke. Sein schwarzes Haar mit den grauen Schläfen. Das ist er. Olivier. Jetzt muß er es eben drauf ankommen lassen.
Der Stapel Fotos kann jetzt verschickt werden. Er hat die besten ausgesucht und in ein rotes Album mit goldenen Lettern geklebt. Den Brief hat er kurz gehalten. Er hatte schon immer eine schöne Schrift, jetzt ist jeder Buchstabe von seiner Sehnsucht erfüllt.
Die Frau auf der Post, die er seit seiner Kindheit kennt, zieht die Brauen hoch, als er das teure Porto bezahlt. Sie kommentiert es nicht, das wäre ja auch noch schöner. Sie sagt nur: »Guten Tag, Olivier, nett dich mal wieder zu sehen, uns hat das Hotel letzten Sommer gefehlt, aber unter diesen Umständen war das ja verständlich.« Und dann vielen Dank und auf Wiedersehen.
Hochzeiten und Begräbnisse lösen sich im Speisesaal des Hotels ab, dann ist Erstkommunion mit Unmengen von Schalentieren, Pâté und Lammbraten, und Olivier tritt in Carolines Fußstapfen, und es fällt ihm überraschend leicht, Bestellungen entgegenzunehmen, zu organisieren, einzukaufen, Anweisungen zu erteilen und Geld zu verdienen. Er weiß nur zu gut, daß seine Mutter das für ihn getan hat. Nachts liegt er wach und fragt sich, was das alles für einen Sinn haben soll, wenn sie nicht kommt.
Nachmittags, wenn er vom Strand zurückgekehrt ist und die Männer der Stadt zu ihrem Aperitif eintrudeln, steht er hinter der Bar, gießt ein, wischt die Tische ab, leert die Aschenbecher und hält ein Schwätzchen.
Seine Hand sucht nach dem Stein in der Hosentasche.
Er überlegt sich, was aus dem Päckchen geworden ist, das schon längst angekommen sein müßte. Es kann etwas schiefgegangen sein. Das Flugzeug kann abgestürzt sein, im Laderaum des Frachters kann es gebrannt haben.
Die Frau auf der Post kann es aus Ahnungslosigkeit oder Unwillen unterfrankiert haben, und das Päckchen könnte schmählich zurückkommen.
Oder Edda ist, enttäuscht von seinem plötzlichen Verschwinden, umgezogen. Sie hat den Bus nach Norden genommen, und das Päckchen verstaubt auf irgendeinem Postamt in Reykjavík.
Das Wetter wird stürmisch und ungemütlich und hält ihn vom Strand fern. Die Samstagsmesse in der kleinen Kirche wird zu seiner Zuflucht, wenn ihn die Einsamkeit zu sehr belastet. Zwei alte Frauen, die für die frischen Blumen auf dem Altar sorgen und den düsteren Raum fegen, nicken ihm zu und flüstern ein paar Worte in der alten Sprache, wenn er zu seiner Bank geht. Mit ihren Rosenkränzen setzen sie sich ganz nach vorn. Hinten in der Kirche ist er allein.
Dort oben am Altar wird das Wort Fleisch. Wortlos betet er: Werde Fleisch, meine Edda. Laß uns ein Fleisch werden wie Gott und seine Gemeinde. Das ist Blasphemie, aber das ist ihm gleichgültig.
Das harte Holz des Betstuhls drückt gegen seine Stirn und hilft ihm dabei, sich zu konzentrieren, aber der leidende Christus, die Heiligen und die schmachtende Muttergottes aus Gips haben keine Chance gegen eine üppige Frau mit einer Furche auf dem Bauch und appetitlichen Wangen, und wenn er jemanden anbetet, dann bestimmt nicht den Gott seiner Kindheit, der nie seinen wichtigsten Wunsch erfüllte, sondern einfach nur sein Antlitz abwendete.
Die bewölkte und stürmische Weihnacht ist vorüber. Die Natursteinfassade des Hotels ist graunaß, und das Regenwasser schießt die steile Straße zum Meer hinunter. Es tropft vom Mützenschirm des Briefträgers, als er seinen Poststapel auf den Hoteltresen legt.
Eine Tasse Kaffee, um sich die Nase zu wärmen, ist das mindeste, was er ihm anbieten kann. Der Mann läßt sich viel Zeit und berichtet umständlich vom Weihnachtsfest mit Frau, Kindern und Schwiegereltern, während er immer wieder mal einen Schluck trinkt.
Olivier murmelt etwas und legt wie zufällig seinen Zeigefinger auf den dicken Briefumschlag zuoberst.
Er fühlt sich irgendwie wärmer an als alles andere. Ein Herz schlägt darin. Oder er bildet sich das nur ein und ist ein alter Idiot.
Endlich wuchtet sich der Postbote vom Barhocker hoch. Aber dann klingelt das Telefon, der Koch will etwas wissen, und ehe er sich’s versieht, ist Mittag, und ausgerechnet heute gibt es Gäste, die essen wollen. Am Nachmittag kann er endlich schließen.
Unter zwei Schichten Packpapier findet er eine sorgfältig zugebundene Plastiktüte, in der eine kleine Dose liegt. Eine Dose, in der vielleicht einmal ein Stück Seife lag. Aber jetzt ist sie mit rosa Watte von einem Goldschmied gepolstert, feuchter Watte.
Unter der Watte befindet sich ein Lavastein, ein schwarzer, poröser Stein, zwei grüne Herzblätter schauen aus ihm hervor. Vielleicht hat ein Vogel einen Samen verloren, und dieser Samen hat gekeimt.
Etwas Erde braucht man vermutlich, damit eine Pflanze wachsen kann. Olivier hat noch nie in seinem Leben etwas gepflanzt. Caroline pflegte in die langen Blumenkästen unter den Fenstern der Fassade Geranien zu setzen, und diese schienen zu gedeihen, ohne daß man sich um sie kümmerte. Er nimmt einen der kleineren Kupfertöpfe vom Kaminsims im Speisesaal und gräbt dann in der dunklen, nassen Erde unter dem Baum auf dem Hotelparkplatz.
Er fotografiert den Topf und läßt die Aufnahme entwickeln. Sein Schatten ist auf dem Bild zu sehen, aber das macht nichts, dann legt er das Foto in seinen nächsten Brief. Er schreibt im Schnitt zwei Briefe in der Woche. Er zwingt sich dazu, die Zahl zu begrenzen, damit er sich eine Weile auf jeden Brief freuen kann.
Zwei Abende in der Woche sitzt er im Bett und benutzt das Telefonbuch als Unterlage. Die Bewegungen des Kugelschreibers lassen ihn innerlich ganz ruhig werden. Mit dem Kugelschreiber in der Hand spricht er hoffnungsvoll mit ihr, über das Wetter und die ereignislosen Tage, die sich unendlich aneinanderreihen, da sie nicht da ist.
Meist geht es um die Arbeit, aber in letzter Zeit schreibt er auch über alte Schulkameraden, die sterben. Sie hatten ihn als Kind gehänselt. Jetzt geht er auf ihre Beerdigungen. Sie sterben, weil sie jahrelang gesoffen haben. Er hat ihrem Niedergang zugesehen. Andere sterben an Krebs oder Herzkrankheiten. Von den meisten weiß er nicht, ob sie glücklich oder unglücklich gewesen sind. Jetzt nimmt er von ihnen Abschied. Ohne Schadenfreude und ohne Groll.
Jeden Tag beerdigt er ein Stück seiner Vergangenheit. Hinter einem Sarg herzugehen ist nur ein äußerlicher Ausdruck dafür.
Die Pflanze ist gewachsen. Sie hat jetzt einen winzigen Stamm und oben zwei richtige Blätter. Runde, gezackte Blätter, die so grün sind, daß sie fast schon gelb wirken. Birkenblätter. Auf seiner Fensterbank wächst eine Birke.
Das Frühjahr ist stürmisch, und es kommt zu Überschwemmungen und einem Schiffbruch. Von Edda kommt nichts, kein Brief, keinerlei Lebenszeichen.
Ende Mai weiß er, daß er sie verloren hat. Diese Einsicht überfällt ihn eines Nachts. Er erwacht mit pochendem Glied, nachdem er von ihr geträumt hat. In weniger als einer Sekunde ist der Traum wie weggeblasen. Sie ist weg. Nur er ist noch da. Ein törichter alter Mann in hellblauem Schlafanzug in einem viel zu breiten Bett, für einen alten Mann ein hoffnungsloses, lächerlich optimistisches Bett.
Das Bäumchen im Stein war der Abschied, der Ersatz für sie. Jetzt erst versteht er es.
Der Kupfertopf spiegelt das Licht der Straßenlaterne. Er taumelt über den Fußboden und stolpert über seine Pyjamahose. Er reißt den kleinen Baum mitsamt der Wurzel aus und zerbricht ihn mit zitternden Fingern.
Am nächsten Morgen kehrt er die Erde und die Pflanzenreste vom Fußboden auf. Der Topf kommt wieder an seinen Platz auf dem Kaminsims. Er nimmt dies zum Anlaß, das Zimmermädchen zu bitten, alle Kupfersachen zu putzen.
Einige Tage lang ist er erleichtert. Wenn er darüber nachdenkt, dann hat sie es ihm vielleicht erspart, sich hier in der Stadt lächerlich zu machen, wieder das Opfer von Spott, Hohn und Verleumdung zu werden.
Die Terrasse des Hotels muß neu ausgestattet werden, und er kauft elegante Metallmöbel und ersetzt die üblichen Reklamesonnenschirme durch rotweiß gestreifte. Niemand soll ihm nachsagen können, daß ihm Frauengeschichten zusetzen. Es weiß zwar niemand etwas, aber trotzdem. Zum ersten Mal in seinem Leben will er hocherhobenen Hauptes umhergehen können, und vielleicht hat sie ihm ja einen Gefallen getan.
Der Zorn kommt überraschend. Er lauert ihm in Form einer unbezwingbaren Lust zu weinen auf, ohne daß er eigentlich traurig gewesen wäre.
Erwischt sich die Tränen mit einem Geschirrhandtuch ab, während es in seiner Brust pocht und lärmt, seine Hände und Füße zucken und er die Faust auf den Tisch knallt und gegen Stuhlbeine tritt. Die Angestellten schleichen an den Wänden entlang. Inmitten eines Wutausbruchs feuert er den Koch, einen kleinlauten Mann, der schon seit einem Menschenalter erst für Caroline und dann für ihn gearbeitet hat. Diese Kündigung nimmt er einige Stunden später sehr reumütig zurück.
Unten am Strand wirft er einen Stein nach dem anderen ins Wasser, auch dann noch, als es wegen der Ebbe schon längst sinnlos ist. Als letztes wirft er den Lavastein aus seiner Hosentasche. Er wirft ihn so weit wie möglich. Er trifft seitlich auf einen flachen Felsen auf und kehrt in einem kleinen, höhnischen Bogen zu ihm zurück.
Zwischen Tangbüscheln und Muscheln bleibt er auf dem feuchten Meeresboden liegen, ein Fleck der Trauer in einem Ozean des Zorns.
An diesem Abend trabt er im ganzen Gebäude herum und zählt seinen Besitz. Stühle, Tische, die duftenden Wäscheschränke mit ihren Bergen von Tischtüchern und Bettlaken, die mit Geschirr und Gläsern beladenen Regale, die Schubladen mit schwerem Besteck aus Neusilber, die Kupfertöpfe in der Küche, die riesigen Siebe, Schüsseln und Schneebesen. Den Keller mit den Weinflaschen, die auf den Regalen hübsch geschichtet liegen. Der Kühlschrank mit seinen Butter- und Sahnemengen, mit seinem Fischfond und seinen sorgfältig eingedickten Saucen.
Olivier Créach ist ein reicher Mann. Wuchert er mit seinem Pfund, dann wird er noch reicher, und Edda läßt sich ein Leben in Polstermöbeln entgehen – ohne morgendliches Putzen und mit der Möglichkeit, eine flache, luxuriöse Limousine statt eines rostigen Fahrrads zu benutzen.
Die Hoteltreppe knarrt unter seinem Schritt, und der Zorn wächst, verzweigt sich in seinem Körper und verdichtet sich in seinen Hoden. Als er schließlich in seinem Bett liegt, hat er eine anhaltende, quälende Erektion.
Nichts hilft. Er schmiert eine kühlende Salbe auf sein Glied, schüttelt es und schlägt darauf ein, ohne dem Erguß dadurch näher zu kommen.
Es ist nach eins, als er sich in sein Auto setzt. Er kennt den Weg, er hat seinen Besuch telefonisch angekündigt. Die Stimme am anderen Ende war schlaftrunken. Es ist lange her seit dem letzten Mal, aber jetzt ist es nötig.
Der Preis sei gestiegen, sagt sie, als sie ihn eingelassen hat und sie die schmale Treppe hochgehen. An ihrem mageren, bleichen Körper hängt ein Kimono. Wegen ihres Körperbaus hatte er sie damals vor vielen Jahren ausgesucht. Dünn und sehnig mit kleinen Brüsten, ein alternder Mädchenkörper, keine mütterliche Fülle.
Sie sind beide seitdem nicht jünger geworden, aber sie hat sich zumindest die Mühe gemacht, sich die Lippen zu schminken. Die Augen unter den pechschwarzen Wimpern betrachten ihn neugierig.
»Das war wirklich nicht gestern, Olivier.«
Früher saßen sie immer ein paar Minuten da und tauschten Gemeinplätze aus, ehe sie sich den Schlüpfer auszog und sich auf dem Bett auf den Rücken legte. Jetzt nicht. Wenn er was sagt, besteht die Gefahr, daß die Tränen zurückkehren.
Dieses Mal soll sie es ihm mit der Hand besorgen. Diesen Entschluß trifft er spontan. Nie mehr in eine Frau hinein.
»Wie du willst.« Sie zuckt mit den Schultern.
Das Geld liegt auf dem Tisch. Er zieht den Reißverschluß herunter und läßt sie machen, aber er spürt nichts. Nicht einmal, als er sieht, daß sich sein Unterleib zusammenzieht und es in das Klopapier spritzt, das sie bereithält. Was da passiert, widerfährt einem anderen, der kaum zugegen ist.
Das lauwarme Wasser in ihrem Bidet befördert ihn in die Gegenwart zurück. Eine Idee nimmt in seinem Kopf Gestalt an.
Es dauert eine Weile, bis sie versteht, daß es nicht um Pornographie geht.
»Meine besten Kleider?« Sie lächelt. Eine Abwechslung, nicht die Alltagsroutine, obwohl sie nicht versteht, was er damit bezweckt. Gut bezahlt ist es auch.
Zwei Tage später ist er zurück. Sein Glied hat ihn seit dem letzten Mal in Frieden gelassen. Es ist auch nicht der Grund seines Kommens.
Ihr strenges schwarzes Kleid, das kompliziert gefältelt ist, läßt ihn an eine Beerdigung denken. Ein passender Gedanke. Er will seine Beziehung zu Ebba zu Grabe tragen, ein für alle Mal und wirkungsvoll.
Sie trägt rote Schuhe mit Pfennigabsätzen. An den Ohrläppchen baumelt ein Paar große Goldringe mit glitzernden Steinen, aber er protestiert nicht. Es ist, wie es ist. Es kann gar nicht anders sein.
Den Rosenstrauß hat er in einem Blumenladen auf dem Weg gekauft. Ein riesiges Bukett aus gelben, rosafarbenen und dunkelroten Rosen mit Grün dazwischen und einer glänzenden Schleife. Sie sucht eine Weile nach einer Vase, die groß genug ist. Schließlich muß sie bei der Nachbarin anklopfen.
Stocksteif sitzt sie auf dem Stuhl, auf dem während des Kundenverkehrs ihr Schlüpfer und ihre Strumpfhose landen. Der Fotoapparat steht auf dem Bett, und er hat sich hinter ihr aufgebaut. Besitzergreifend legt er ihr eine Hand auf die schwarze Schulter, die sie gerne mit einem Tuch aus Goldlamé bedeckt hätte, aber das war ihm zu weit gegangen.
»Lächeln«, kann er gerade noch sagen, da blendet der Blitz ihn.
Noch eins, zur Sicherheit. Hierher wird er nie mehr zurückkehren.
Die Fotos läßt er in Rennes entwickeln, während er in einem Café wartet und eine Fußballzeitung von vorn bis hinten durchliest. Jedes Wort, jeden Buchstaben.
Der Mann im Fotogeschäft bedauert. Nur zwei Bilder auf dem Film, falls ihm ein Fehler unterlaufen sei, brauche er nichts zu bezahlen.
Olivier begleicht die Rechnung. Er nimmt den Umschlag mit den Fotos und setzt sich in seinen Wagen. Ohne sich die Bilder anzusehen, fährt er auf demselben Weg nach Hause.
Es ist Dienstag, und das Hotel ist geschlossen. Das gedrungene Gebäude atmet schwer und regelmäßig, ein schlafender Koloß.
Irgendwo knarrt eine der alten Dielen. Ein Eisklumpen fällt von der Decke des Kühlraums krachend auf die Bodenfliesen. Mit kratzendem Geräusch fährt der Kugelschreiber über das Papier, das auf dem Telefonbuch auf seinen Knien liegt.
Leb wohl, Edda, du wirst verstehen, daß ich den Kontakt abbrechen muß. Viel Glück. Er faltet das Blatt zusammen und schreibt ihre Adresse auf einen Umschlag.
Die Fotos sind fast identisch. Ein dicker Mann in grauem Anzug und blauem Schlips mit der Hand auf der Schulter einer schwarzgekleideten, mageren Frau. Ein Strauß Rosen steht neben dem Paar auf dem Tisch. Ihre glänzende Schleife wirft den Blitz zurück. Das Paar hat vom Blitz rote Augen. Die Frau wirkt erschrocken.
Ein Mann in einem schlecht sitzenden Anzug, der über seinem viel zu dicken Bauch spannt. Die Knöchel seiner Finger sind vor Fett nicht zu sehen, und er hat die runden Schultern einer Frau. Die magere Frau mit kurzem, gekräuseltem Haar sieht ziemlich mitgenommen aus. Das Kleid ginge ja noch, aber die Ohrringe und die auffälligen Schuhe haben etwas Nuttiges.
Mit den roten Augen sehen beide aus wie verheulte Zombies.
Wie hatte er je glauben können, daß Edda etwas bereuen, daß sie eifersüchtig werden würde? Wenn er ihr diese Fotos schicken würde, dann wäre sie sicher aus guten Gründen erleichtert.
Er knüllt das Papier zusammen und wirft es in den Papierkorb. Seit er vor mehreren Jahren zu rauchen aufgehört hat, trägt er keine Streichhölzer bei sich. Er trottet die Treppe hinunter zum Tresen, auf dem die Schale mit den Reklamestreichholzbriefchen steht.
Die Post liegt zwischen der Schale und dem Ständer für die Broschüren des Fremdenverkehrsamts. Er klemmt sich den Pakken unter den Arm, während er die Fotos verbrennt und das Spülbecken von Asche reinigt.
Auf dem Weg die Treppe hinauf fällt ein Brief aus dem Packen.
Ein hellroter Umschlag. In einer Ecke klebt ein vierblättriges Kleeblatt aus Silberfolie, in einer anderen ein Hufeisen. Die Briefmarken kennt er schon.
Was er auch enthalten mag, es ist zu spät. Er sagt sich das immer wieder vor, während er den Umschlag mit zitternden Fingern öffnet. Niemand soll jemals über ihn bestimmen können. Soviel ist niemand wert.
Eine hellrote Klappkarte liegt in seiner Hand. In sie ist ein Foto eingeklebt, das Foto eines Säuglings. Schwarzes, gelocktes Haar über Pausbacken. Hellroter Strampelanzug mit einem schmalen weißen Kragen. Eine gestrickte bunte Decke. Ein ausgelassenes Babylächeln. Hier komme ich.
Auf der gegenüberliegenden Seite stehen ein Datum und zwei Worte.
Carolina Olafsdóttir.
Ein Schwert hat ihn entzweigehauen.
Irgendwo auf der Welt lebt sein Kind.
Irgendwo auf der Welt gibt es ein Kind, das den Namen seiner Mutter trägt.
Caroline lebt in dem kleinen Körper weiter, in der Nase, dem Mund und in der breiten Stirn. Der Ausdruck, das Unabweisbare, das Abweisende, das Einschmeichelnde, das zu Eindringliche strahlt ihn unerbittlich aus dem glatten Babygesicht an.
Er bildet sich das ein, das weiß er. Es ist nur eine Projektion, aber wo verläuft die Grenze zwischen dem Kind und ihm selbst? Er ist das Kind, und das Kind ist er.
An diesem Abend trinkt der maßvolle Olivier, der vorsichtige Olivier, bis er voll bekleidet auf seinem Bett das Bewußtsein verliert. Gegen Morgen erwacht er. Decke und Überwurf und er selbst sind eingenäßt. Sein Schädel dröhnt, und er ist von seinem eigenen Gejammer erwacht.
Er bezieht das Bett neu, allerdings mit gewisser Mühe, und bald liegt er frisch gewaschen in seinem blauen Pyjama da und starrt an die Decke, an die frisch gestrichene Decke über dem breiten, bequemen Bett, das für mindestens einen weiteren Bewohner breit genug wäre.
Das erste Morgenlicht fällt durchs Fenster. Die Scheiben müssen geputzt werden. Er muß daran denken, dem Zimmermädchen Bescheid zu geben.
Auf dem Nachttisch liegt die Karte. Auf dem Bild ist ein schmieriger Fingerabdruck, auf der hellroten Pappe sind Weinflecken, aber was spielt das schon für eine Rolle?
Edda hat ihrem Kind diesen Namen gegeben als ein Geschenk an ihn. Ein Sohn hat seine Mutter verloren und statt dessen eine Tochter bekommen. Ein Mensch, der die Begabung zum Glück besitzt, denkt so.
Seine Hände sind über der Pyjamabrust gefaltet. Er könnte in diesem Augenblick sterben. Carolina Olafsdóttir würde trotzdem der Welt beweisen, daß er gelebt hat.
Er hat mit seinen eigenen, pflichtbewußten Händen die Hände seiner Mutter auf ihrer eingesunkenen Brust gefaltet. Er hat an ihrem Sarg Tränen vergossen, aber nicht ihretwegen. Das ihm vorenthaltene Leben sank mit ihr ins Grab. Als sie starb, starb er selbst.
Jetzt ist es höchste Zeit wiederaufzuerstehen.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.