Kitabı oku: «Lebenslänglich»

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Lebenslänglich Briefwechsel zweier Heimkinder

Vorwort

Es gibt die Lauten. Und es gibt die Leisen. Das gilt für den Alltag. Für die Politik. Und auch für die Geschichtsschreibung.

In diesem Buch melden sich zwei Leise zu Wort. Zwei ehemalige Heimkinder, denen man das Reden früh abgewöhnt hat. Mit kalter Lieblosigkeit. Mit Drill und Strafen. Mit Gewalt. Sie standen eines Tages in meinem Büro, erzählten von ihrer qualvollen Kindheit und von den vielen posttraumatischen Belastungen, denen sie ein Leben lang ausgeliefert geblieben sind. Sie beklagten die Einseitigkeiten im aktuellen medialen Diskurs, zum Beispiel, dass die Heimkinder hinter dem bekannten Bild des Verdingkindes zu verschwinden drohen. Und bemängelten, dass man viel von schlimmen Kindheiten, aber wenig vom davon beschädigten Leben als Erwachsene zu hören bekomme. Genau darüber möchten sie schreiben, erklärten sie, und legten eine hochkomplexe Projektskizze auf den Tisch – ein von ihren Erfahrungen genährtes Fachbuch zu posttraumatischen Belastungsstörungen sollte es werden. Sie erzählten aber auch, wie sie sich, 51 Jahre nach ihrem Weggang aus dem schrecklichen Heim, nach einem langen, sehr unterschiedlich gelebten Leben – er als Hauswart, sie als Akademikerin – auf ihren Wegen wiedergefunden hatten. Bei der Suche nach ihren Akten. Dank eines aufmerksamen Staatsarchivars, der die beiden aufeinander hingewiesen hatte. Und sie berichteten von ihren regelmässigen Treffen danach, von ihrem intensiven Mailwechsel, von ihrer Einmischung in die politischen Prozesse der «Wiedergutmachung» und von ihrem Rückzug daraus.

Das war der Anfang zu diesem Buch. Diana Bach und Robi Minder mit ihren Erzählungen, am alten, vom Holzwurm gezeichneten Tisch meines Besprechungszimmers. Dann kam eine Menge Material dazu. Ein paar Kilogramm Akten zu ihrer behördlich verwalteten Kindheit. Über 600 Mails, die sie sich von 2013 bis 2016 geschrieben hatten. Dann davon unabhängige biografische Texte, eine Heimbiografie von Robi Minder, Fragmente zu ihrem Leben von Diana Bach und immer wieder lose, assoziative Nachträge. Und natürlich lange Gespräche.

Um all das Dokumentierte, aber auch das Fragmentierte und das Unsagbare in einen lesbaren Text zu bringen, brauchte es den ordnenden Blick von aussen. Der Materialberg wollte strukturiert, erzählerisch zusammengefügt, aber auch historisch kommentiert werden. So hat das Buch zu seiner Form gefunden. Ausführliche Porträts von Robi Minder und Diana Bach, nachgezeichnet bis ins Pensionsalter, unterlegt mit den Akten zu ihrer Kindheit und Jugend. Dann ein Porträt des Heims, das sich als wärmende Grossfamilie in einer Villa präsentierte, derweil hinter den Pforten die Angst regierte. Schliesslich ein Briefwechsel als komponierte Montage mit Originaltexten der beiden. Und begleitende Kommentare zur Einbettung des Geschehens in die jüngste Aufarbeitung der Geschichte um fürsorgerische Zwangsmassnahmen in der Schweiz.

Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes wurden – mit Ausnahme öffentlicher Personen – sämtliche Namen und Orte mit Pseudonymen versehen und nicht erkennbar gemacht. Diana Bach und Robi Minder aber gibt es wirklich. Sie sind im lebendigen Gespräch, wie die Fotografien auf dem Cover und im Buch illustrieren.

Der Bundesrat hat 2014 die Unabhängige Expertenkommission (UEK) Administrative Versorgung eingesetzt und 2017 das Nationale Forschungsprogramm «Fürsorge und Zwang – Geschichte, Gegenwart, Zukunft» beim Schweizerischen Nationalfonds in Auftrag gegeben. Diese wissenschaftliche Aufarbeitung ist wichtig und wertvoll, ihre Ergebnisse werden mit Zahlen und vertieften Analysen klären helfen, wie dieses Kapitel der Schweizer Sozialgeschichte verstanden werden kann. Das vorliegende Buch hat einen anderen Anspruch. Hier steht die Sicht zweier ehemals «administrativ Versorgter» im Zentrum, die ein ganzes Leben lang darunter gelitten haben. Ihre Erfahrung aber wird eingebettet in die Zeitgeschichte von damals und in die aktuelle Aufarbeitung der Vorgänge von heute. Umfangreiche Recherchen und Studien des Archivmaterials liefern die Koordinaten dazu. So wird Geschichte erleb- und hörbar. Damit man die Leisen, so Diana Bach, wie die zarten Geigen in einem mit Bläsern besetzten Orchester, nicht einfach überhört.

Lisbeth Herger, Sommer 2018

Robi Minder *1949

Diana Bach *1948

Das Kinderheim Villa Wiesengrund

Briefwechsel zwischen Diana Bach und Robi Minder, 2013–2016

Dokumente

Dank

Quellen und Literatur

Robi Minder *1949

Als Robi Minder in die Januarkälte des Jahres 1949 in Basel hineingeboren wird, steht eine fast normale Familie an seinem Bettchen. Seine Mutter Margrith war nach gescheiterter Ehe ins elterliche Haus zurückgekehrt, alleinerziehend mit zwei Kindern, liess sich dort von den Gitarrenklängen eines Zimmerherrn verzaubern und verliebte sich in den Untermieter Fritz Minder. Sie wurde bald schwanger, und zwar mit Robi. Die beiden heirateten. Fritz suchte als Hilfsarbeiter seine Jobs, sie arbeitete im Service, das Geld blieb knapp. Der Alltag zeigte sich borstig und die Liebe vergänglich. Denn Ehemann Minder ist doppelgesichtig, ein melancholischer Träumer, aber auch jähzornig, gewalttätig, depressiv. Robi war noch nicht geboren, als das Paar ein erstes Mal auseinandertrieb. Ein späterer Neustart missglückt – doch Mutter Margrith ist bereits wieder schwanger. Nur wenige Monate nach der Geburt von Robis Schwester Elisabeth entschliesst sich die verzweifelte Mutter zur definitiven Scheidung, die beiden Minder-Kinder muss sie, die Lohnarbeiterin, fremdplatzieren. Die Aufteilung und Trennung der Familie hinterlässt auch bei den Älteren Trennungsschmerz und Schuldgefühle. Silvia wird sich ein Leben lang verantwortlich fühlen dafür, dass ihre Halbgeschwister ins Heim gegeben wurden, schliesslich war sie es, die einmal die Mutter auf ihrer Arbeit abends in der Kneipe aufsuchte und damit, so nimmt sie fälschlicherweise an, das behördliche Augenmerk auf die Familie zog.

Die nächsten Etappen der Minder-Geschwister sind nur mit Eckdaten dokumentiert, zu finden in einer sehr viel später angelegten Rumpfakte des Waisenhauses Basel: Abgabe der beiden Kinder Anfang Mai 1952 im Diakonissenhaus in Riehen durch Mutter Margrith, Robi ist gerade mal drei, Elisabeth ein Jahr alt. Umplatzierung noch im selben Herbst auf den Hasliberg im Berner Oberland, in ein religiös geführtes Heim, wie es sie viele gibt, damals, in der ländlichen Schweiz. Die Kinder sind also weit entfernt von den inzwischen getrennten Eltern. Robi und Elisabeth bleiben dort drei Monate. Es fehlen Informationen über das Heim und die Kinder zu jener Zeit. Einzig eine blasse Erinnerung an eine Klage seines Vaters ist Robi geblieben. Dieser habe sich nicht an die offiziellen Besuchszeiten gehalten und sich dadurch Konflikte mit der Heimleitung und dem Jugendamt eingehandelt. Ob dies der Grund für die erneute Umplatzierung ist, nach nur drei Monaten, bleibt Spekulation. Jedenfalls steht die nächste Station an, das kleine Privatheim mit dem stilvollen Namen Villa Wiesengrund, noch weiter von Basel entfernt, in der Ostschweiz, genauer in Auwil. Die Fahrkosten dorthin sind noch höher. Dieses evangelische Familienheim will unter streng religiöser Führung milieugeschädigten und verwahrlosten Kindern Heim und Ersatzfamilie sein. So erklärt der erste Tätigkeitsbericht von 1954 die Ziele des wohltätigen Werks. Der Wiesengrund, wie die Heimkinder ihr Zuhause nennen, steht in Konzept und Führung anderen christlich orientierten Heimen dieser Zeit, etwa jenen der Bündner Stiftung Gott hilft, sehr nahe. Man lebt familiär als Grossfamilie und hofft, über religiöse Erziehung, Disziplin, Arbeit und über tiefe Liebe die milieugeschädigten Kinder von ihren Lasten zu befreien und sie zu lebenstüchtigen Menschen heranzuziehen (siehe Porträt des Heims Villa Wiesengrund).

Im Kinderheim Villa Wiesengrund

Im Januar 1953 werden die Geschwister Minder also aus den Hasliberger Schneehängen in die Rebberge bei Auwil versetzt und dort einer neuen Fürsorge übergeben. Anton und Rosmarie Furrer, die tief religiösen Heimeltern der Villa Wiesengrund, verstehen ihren Einsatz als Berufung Gottes und als Dienst in seinem Namen. Sie führen das Heim, seit seiner Gründung sieben Jahre zuvor, im Auftrag einer Stiftung. Die Villa Wiesengrund selbst ist ein herrschaftliches Haus mit grossem Umschwung. In der Wohnstube schart sich das Dutzend Kinder um die langen Tische, zwischen zwei und 16 Jahre alt sind sie, vorn an der Stirnseite sitzt das Heimelternpaar, zu dessen Rechter und Linker die beiden Söhne und die Tochter. Vater Furrer arbeitet tagsüber in einem Kontor ausser Haus, die eigentliche Erziehung obliegt seiner Frau, Rosmarie Furrer, sie ist die mächtige und prägende Mutter des Heims.

Robi ist nun vier Jahre alt, seine kleine Schwester zwei. Das neue Heim bedeutet für sie eine noch radikalere Trennung von den Eltern. Nicht nur wegen der grossen Distanz, sondern auch, weil im Wiesengrund noch strengere Besuchsregeln als auf dem Hasliberg gelten: Vier Stunden, periodisch alle fünf Wochen, sind erlaubt, und am Anfang, in der Phase der Eingewöhnung, wird für drei Monate ein totales Besuchsverbot verfügt. Darunter leiden nicht nur die Kinder, sondern auch Vater Minder. Sein Schmerz findet sich in mehreren seiner Bitt- und Erkundigungsbriefe, die alle korrekt im Archiv des Heims abgelegt und als dessen Teil schliesslich im Staatsarchiv St. Gallen gelandet sind. Dort fand Robi Minder die Klage seines Vaters, in seinem ersten Brief an die Heimeltern Furrer, in einer sanft fliessenden Schrift und ohne jeden Fehler: «[…] wie man mir sagte, ist während drei Monaten (bis Mai) keine Besuchszeit. Nun, ich schicke mich darein, obwohl ja diese Kindlein noch das einzige sind, das ich habe, für das ich lebe […].» Der erhoffte Ausnahmebesuch an Ostern wird wegen der Sperrfrist abgelehnt, Vater Minder muss sich mit der Korrespondenz mit den Heimeltern als Ersatz trösten: «Nun, wie geht es dem Robi und dem kleinen Bethli? Ich habe sehr lange Zeit nach ihnen.» «Sagen Sie doch bitte dem Robi und dem Bethli viele liebe Grüsse vom ihrem Pa, der ja so viel an sie denkt.» Erst vier Monate nach Eintritt wird ein erster Besuch möglich: «Ich besuche die Kinder definitiv am 1. Sonntag im Mai, denn ich habe sie seit Weihnachten nicht mehr gesehen und ich will auf gar keinen Fall, dass die Kinder sich von ihrem Vater entfernen», schreibt Vater Minder ungeduldig. Er hat damals auch ernsthafte Pläne, seine Kinder wieder zu sich zu nehmen, hochfliegende Träume eines Mannes, der seine Schuld verdrängt. Fürsorgerin Seliner, die per Mandat zu Robis Patin geworden ist, hat für die Pläne von Vater Minder nichts übrig und schreibt den Furrers einen warnenden Brief: «Der Vater erzählte kürzlich, er erhalte nun eine Kommunalwohnung im Hinblick darauf, dass er Robi und Elisabeth im Herbst zu sich nehme. Seine ehemalige Frau sei einverstanden. Ich hoffe nur, dies stimme nicht oder das Jugendamt sei dagegen. Hr. Minder hat ja aus der jetzigen Ehe ein Kind u. soviel ich weiss, hat seine Frau noch ein eigenes daheim. Sie wäre vermutlich der Erziehung nicht gewachsen und ausserdem würde vermutlich der Lohn nicht ausreichen. Vor allem aber glaube ich, dass Hr. Minder sich gegenüber den verschiedenen Kindern nicht recht verhalten würde […]. Er hat mir einmal erzählt, dass er einen Vorarbeiter geschlagen hat. Auch ist er ja eher bequem.» Fritz Minder gründete also mit seiner zweiten Heirat gleich auch eine neue Familie. Er wird Stiefvater von einem Kind, das seine Frau bereits in die Ehe mitbringt, und bald einmal Vater von zwei eigenen, die er abgöttisch liebt. Mit all diesen Vaterpflichten für insgesamt fünf Kinder ist der Hilfsarbeiter und Gelegenheitsschreiner schlicht überfordert. Und es ergibt sich von selbst, dass für die fern Platzierten am wenigsten Zeit und Geld übrig bleibt. Und dennoch, trotz der hohen Fahrkosten, lässt es sich Vater Minder nicht nehmen, die beiden regelmässig in Auwil zu besuchen. Und ebenso regelmässig treffen während der ganzen zehn Heimjahre Briefe aus Basel ein, die sich nach Röbeli und Bethli und etwa ihren Weihnachtswünschen erkundigen. Mutter Margrith hingegen ist mit den ihr verbliebenen Kindern und dem kleinen Serviertochterlohn vorerst in jeder Hinsicht überlastet, zudem wird sie später ebenfalls erneut heiraten. Sie schafft in den ersten sechs Heimjahren keinen einzigen Besuch bei ihren fernen Kindern.

Die Anfangszeit im Wiesengrund gestaltet sich für Robi und seine Schwester aber nicht nur wegen der Trennung von den Eltern schwierig. Der Wiesengrund nennt sich zwar «Kinderheim», ist aber alles andere als ein wärmender Hort für verlassene Kinderherzen. Die Geschwister werden selbstverständlich nach Geschlechtern getrennt untergebracht, Robi kommt als dritter zu den Buben im oberen Stock, Elisabeth im Parterre ins Mädchenzimmer.

Das Heimregiment ist fromm und streng, das Einhalten der vielen Regeln wird straff kontrolliert, freie Zeit gilt als Tor zur Sünde. Gegessen wird, was auf den Tisch kommt, oft schmeckt es widerlich für Kindergaumen, zum Frühstück gibt es rohes Sauerkraut mit Wacholderbeeren, in die Suppe kommt, wenn man Pech hat, löffelweise Lebertran, der Haferbrei wird aufgetischt, bis er gegessen ist, mehrere Tage, selbst dann noch, wenn er längst schimmlig ist.

Robi und seine kleine Schwester reagieren unterschiedlich heftig. Eine heftig juckende Neurodermitis, die den ganzen Körper und die Kopfhaut befällt, beginnt beide mehr und mehr zu plagen. Ob Rosmarie Furrer als ausgebildete Krankenschwester die Krankheit erkennt und um mögliche Therapien weiss, ist unklar. Auffällig ist, dass das heftige Leiden in der archivierten, sonst in Gesundheitsfragen präzisen Korrespondenz der Heimeltern mit allen massgeblichen Instanzen nie erwähnt wird. Jedoch kreiert Heimmutter Furrer eine hauseigene Methode, um das blutige Aufkratzen der befallenen Haut zu verhindern: Die Arme der Kleinen werden in Kartonröhren verpackt, die Hülsen zusätzlich hinten über den Nacken mit einem Bändel zusammengebunden, um so den Bewegungsradius weiter zu minimieren. Kratzen ist nun nur mehr über eine körperfremde Hand möglich, sie sind gänzlich vom Wohlwollen anderer abhängig. Sonst aber reagiert das kleine Bethli weit heftiger auf all die Wechsel und das lieblose Heimregime, mit Essensverweigerung während mehrerer Jahre, nur Flüssignahrung lässt es sich füttern, dann auch mit Krankheiten und Bettnässen. Gegen dieses Übel bekommt das Kind später eine Salzdiät verordnet: Brotscheiben mit viel Salz, das soll das Wasser im Körper binden und nachts die Leintücher trocken halten.

Robi, dem Älteren, gelingt es etwas besser, sich den neuen Umständen erst einmal anzupassen. Er hat bereits erste Sensoren ausgebildet, die ihm helfen zu erraten, was die Erwachsenen von ihm wollen. Er holt sich damit Brosamen in Form von Aufmerksamkeit und einen lobenden Eintrag in der Akte der Basler Jugendfürsorge: «Mit Robi geht alles gut, er ist lieb und ziemlich gut zu haben. Er scheint sich ganz normal zu entwickeln», kann der erwachsene Robi Jahrzehnte später über seinen Eintritt im Wiesengrund in einer Aktennotiz lesen. Diese Akte hat er schliesslich bei seiner hartnäckigen Suche nach Spuren im Basler Waisenhaus aufgespürt. Zwei eng beschriebene Bogen Papier, mit halbjährlichen Einträgen, in einer rückwärts gerichteten Handschrift geschrieben, von einer Basler Fürsorgerin, die sich telefonisch über das Wohl des Buben in der fernen Ostschweiz informiert hatte. Dies ist die Essenz von zehn Jahren Heimerfahrung, konserviert in 19 Kurznotizen, die erste datiert im Juni 1953, die letzte im Oktober 1963; es ist sozusagen das Kompendium einer Kindheit aus behördlicher Sicht, erzählt von den Heimeltern, übersetzt und verdichtet durch die zuständigen Behörden. Der grosse Aktenberg zu Robi Minders Kindheit jedoch, die Vormundschaftsakte, die sämtliche behördlich verwalteten Bewegungen seiner ersten zwanzig Lebensjahre dokumentiert hätte, die wurde geschreddert, wie er zu seiner grossen Enttäuschung erfahren musste.

Dafür aber ist das Jahrzehnt im Kinderheim Wiesengrund genauestens dokumentiert, in einem hauseigenen Archiv, das erst 2015 dem St. Galler Staatsarchiv übergeben wurde und in dem nebst den Akten zum Heim und der Stiftung fast alle Personenakten zu den Kindern aufbewahrt wurden. Ein Glücksfall für die Rekonstruktion dieser Kinderschicksale, auch wenn Robi Minder, das ehemalige Heimkind, zuerst einmal bitter enttäuscht war, als er das 2,4 Kilogramm schwere Aktenpaket, angeliefert aus St. Gallen, mit Herzklopfen öffnete. Denn schnell wurde dem unruhig Suchenden klar, dass in den Hunderten von Blättern, Berichten und Briefen herzlich wenig über seine eigene Entwicklung und die seiner Schwester zu finden sein würde, keine sorgfältig formulierten Entwicklungsprotokolle mit pädagogisch und psychologisch geschultem Blick auf das psychische Wohl der Kinder, mit all den Fortschritten und Sorgen darum herum. Der gewaltige Aktenberg ist kein Seelenspiegel kindlicher Entfaltung, sondern das Monument einer immensen Verwaltungsarbeit. Er illustriert eindrücklich den ungeheuren administrativen Aufwand, den die Heimeltern in der Zusammenarbeit mit den Behörden und Verwandten zu leisten hatten. Oder den sie meinten, leisten zu müssen. Damals bedeutete Kommunikation fast immer den Griff zum Stift oder zur Schreibmaschine, Telefonieren war teuer und für Notfälle reserviert, Internet und Mailverkehr gab es gar nicht. Alles wurde brieflich organisiert, erfragt, bestätigt, festgehalten, in umfangreichen Korrespondenzen mit der Basler Behörde, mit den Eltern, mit fernen Familienmitgliedern und den neu ernannten, den Kindern völlig unbekannten Fürsorgepaten. Es geht darin um Kostgeldabrechnungen für den Heimaufenthalt, aber auch um Kostengutsprachen für Krankheiten, für den Zahnarzt, für verbilligte Fahrkarten bei Reisetätigkeiten und weiter um Antworten zu Besuchs- und Feriengesuchen und um die Klärung von Geburtstags- und Weihnachtsgeschenken. Die Eltern, der Götti und die Gotte erfragen die Wünsche der Kinder, die Heimeltern antworten mit pragmatischem Blick auf den karg bestückten Kleiderschrank. Irgendwo im Brief versteckt sich stets ein obligater, stereotyper Satz zum Befinden der Kinder, die meist als «gesund und munter» beschrieben werden. Nur schwerere Krankheiten, die eine Arztvisite oder – wie bei Bethli wegen seines späteren chronischen Nierenleidens als Folge des ewigen Barfusslaufens – einen Spitalaufenthalt erfordern, werden erwähnt. Sonst geht es den Schützlingen offenbar immer gut, und die Kinder selbst bestätigen dies in ihren von den Heimeltern verordneten und kontrollierten und in schöner Schrift geschriebenen Dankesbrieflein, wie man sie im Heimarchiv zu Dutzenden abgelegt findet. Glückliche Vorzeigekinder also, gelegentlich belegt ein mitgeschicktes Foto, auf dem gestrahlt oder zumindest gelächelt wird, das festgeschriebene Kinderglück.

Der verwaltungstechnische Aktenberg mit seinen rund 400 Blättern dokumentiert also diese aufreibende Administration, ist aber gleichzeitig ein Berg des Verschweigens, überschichtet das Wesentliche im kindlichen Alltag der Geschwister. Die spärlichen kleinen Freuden. Und noch viel mehr die ganz grosse Verlassenheit der beiden, ihre Trauer und Wut. Und die qualvolle Hilflosigkeit in der Zwinge dieser evangelikalen Heimdressur, bei der Gewalt nicht als Ausnahme, sondern in der Regel eingesetzt wird. Die Heimeltern Furrer sind fest entschlossen, ihren dem Laster und der Sünde entsprossenen Zöglingen das Böse auszutreiben und sie zu gottesfürchtigen und nützlichen Mitgliedern der Gemeinde Gottes zu erziehen. Dazu sind viele Mittel recht. Zuallererst die religiösen Rituale, das tägliche Bibellesen, das Beten vor und nach jeder Mahlzeit, das abendliche Absingen frommer Lieder, die regelmässige Selbstbezichtigung begangener Sünden, jedes Kind vor seinem Stühlchen kniend, alles vor der ganzen Heimgruppe. Diese Tagesrationen frommer Zucht und Ordnung wirken. In Robi wächst ein Gespinst von Heilsversprechen und Versagen, von göttlicher Bestrafung und unlösbarer Schuld, das sich zu existenzieller Wirrnis und zu Ängsten verdichtet. Er fühlt sich von einem mächtigen Gott verfolgt, der ihn in jedem erdenkbaren Winkel zu jeder Tages- und Nachtzeit beobachtet und alles sieht. Personifiziert ist dieser mächtige Gott in der Heimmutter Rosmarie, der Herrscherin über Heim und Kinder, die von den Kindern mit Mueti angesprochen werden will. Rosmarie Furrer sieht alles. Und noch viel mehr. Sie setzt Regeln und kontrolliert. Ihr grosses Auge wacht nicht nur über die Ess- und Arbeitsdisziplin ihrer Zöglinge, sondern auch über die spärliche Freizeit und über das Geschehen unter der Bettdecke. Zudem belohnt sie intrigantes Verhalten, wenn sich die Kinder untereinander verpetzen. Erzogen wird im Wiesengrund vor allem mit Strafen. Die Strafmacht der Heimmutter aber ist brutal und grenzenlos, wird zudem mit undurchschaubarer Willkür eingesetzt. Es gibt vorhersehbare Strafen, etwa, wenn Robi verbotenerweise schwatzt, und solche, die völlig unerwartet auf ihn niederfahren, wie ein göttlicher Blitz. Dabei verlässt Rosmarie Furrer den damals üblichen Rahmen der gewalttätigen schwarzen Pädagogik. Im Wiesengrund werden Schläge zum täglichen Brot, für die Kinder, aber genauso für die züchtende Schlägerin. Ihr Blick wird dabei glasig, der Schritt stramm, die Hand ein hartes Schlaginstrument. Sie schlägt und schlägt, ins Gesicht, auf den Kopf, auf den nackten Po, holt den Teppichklopfer als Verstärkung, sie zerrt wild an den Haaren, manchmal kniet sie gar auf den schmächtigen Rücken des Buben, greift in sein Haar und rüttelt den Kopf, traktiert ihn gleichzeitig mit Fäusten und Fingernägeln. Auch Robis kleine Schwester wird von der Gewalt nicht verschont. Auch ihr werden Haarbüschel ausgerissen. Auch sie wird die Treppe hinuntergestossen, sie schlägt unten hart an einem Korpus auf, die Delle im Kopf bleibt lebenslanges Zeugnis. Wenn Mutter Furrer mit Schlagen anfängt, kann sie oft nur schwer wieder aufhören. Manchmal wird der Tatort auch diskret verlegt. In das Schlafzimmer ihrer Tochter. Oder, weit schlimmer, in die Waschküche im Keller. Dort wird «den kleinen Teufelchen» dann zünftig auf den Leib gerückt. Etwa wenn Übermut die Buben verführt, sie sich, erhitzt nach dem Völkerballspiel, mit dem Gartenschlauch abspritzen und dabei auch noch ihren Spass haben. Die Heimmutter greift sich den schmächtigen Robi, zerrt ihn nach unten, schlägt mit dem Dichtungsschlauch der Waschmaschine auf ihn ein, schlägt und schlägt, die Bestrafung gerät zum sadistischen Exzess, der erst aufhört, als der Bub ohnmächtig geworden ist.

Manchmal zeigt sich der Sadismus auch verdeckter. Zum Beispiel beim wöchentlichen Baden. Der heute bald siebzigjährige Robi Minder, noch immer feingliedrig und schlank, erinnert sich nur zu gut an das wöchentliche Ritual in der grossen Wanne: Die Kinder werden der Reihe nach abgefertigt, für jedes nächste Kind ist das Badewasser kälter, warmes Nachgiessen untersteht gänzlich der Laune der Heimmutter. Es gefällt ihr, Robi wieder und wieder mit kaltem Wasser zu übergiessen, so lange, bis ihm das Atmen schwerfällt. Ihr fester Griff erlaubt keine Flucht. Seife in den Augen muss ertragen werden, das spontane Reiben mit den Händchen ist untersagt. Und wenn Robi sich dem Prozedere nicht ganz und gar unterwirft, riskiert er anschliessend Prügel auf den Hintern. Sadistische Lust ist wohl auch dann im Spiel, wenn Heimmutter Furrer den kleinen Robi ins Stickzimmer beordert, zu den fleissig arbeitenden Mädchen, ihn dort auf einen Schemel stellt und ihn die Hose ausziehen lässt, um ihm vor aller Mädchenaugen einen seiner wiederkehrenden und arg schmerzenden Furunkel am Po aufzuschneiden. Auch das ein sich wiederholendes Ritual. Oder als sie den Buben in die Waschküche holt, ihn vor die Zaine mit den niedlichen Welpen der Heimhündin Dolly stellt, jener Hündin, die Robi innig liebt und bei der er sich etwas Zärtlichkeit holt, und ihm dann einen Haselknüppel in die Hand drückt und gebietet, den wuseligen Wurf, die süssen Welpen, einzeln mit Kopfschlag zu töten. Robi Minder weiss heute nicht mehr, wie er die Qual ausgestanden hat. Er erinnert sich einzig, dass er stammelte, er könne das nicht, dann steigt das grosse Blackout in seinen Kopf, und die Stimme wird zittriger, wenn er nach der Fortsetzung sucht. Und ihm stattdessen einfällt, wie er manchmal auch nur in die Verbannung in die kleine Dunkelkammer musste, in jene Montageöffnung direkt unter der Toilette, wo sich verschiedene Abwasserrohre kreuzten und wo es stank. Ein dunkler, feuchter, kleiner Zwinger, in dem auch kleine Kinder nur kauernd Platz fanden.

Heimmutter Furrer schafft es erfolgreich, ihre sadistischen, dunklen Seiten gegen aussen zu verbergen. Inwieweit sie ihren Ehemann täuschen kann, ist unklar. Was Anton Furrer von diesen Exzessen genau wusste, darüber rätselt Robi Minder bis heute. Bei einer späteren Konfrontation – Robi ist längst ein gestandener Mann – lässt der pensionierte Heimvater die unbequeme Frage stoisch unbeantwortet. Damals aber, während der Jahre im Heim, erlebt Robi seinen Vati als ruhigen, streng religiösen und äusserst disziplinierten Mann, der tagsüber ausser Haus und nur beim Essen und bei den religiösen Ritualen präsent ist und ihm recht fern bleibt. Schläge von ihm gibt es nur selten. Und Rosmarie Furrer selbst ist sichtlich darauf bedacht, ihre sadistischen Auswüchse vor ihrem Mann versteckt zu halten. Wenn eines ihrer Opfer nach den Misshandlungen noch immer heult, die Augen rot verquollen, just bevor die Heimkehr des Vaters erwartet wird, drängt die Heimmutter auf sofortigen Heulstopp, heisst die Kinder, Rotz und Tränen wegzuwischen und sich unauffällig, mit gesenktem Kopf, an den Tisch zu setzen.

Für Robi gibt es, wie für die meisten der Heimkinder, niemanden, mit dem er über die schrecklichen Misshandlungen sprechen kann. Im Dorf gehört das Ehepaar Furrer zu den Angesehenen, sie geniessen Respekt. Kindergärtnerin und Lehrer sind mit Furrers befreundet, einige von ihnen gehen, wie andere Dorfhonoratioren auch, als regelmässige Gäste bei Furrers ein und aus, versammeln sich dort im evangelikalen Hauskreis zu Gebet und Gesang. Sie schauen weg, wenn Schläge auf kleinen Körpern sichtbar werden oder ihnen böse Gerüchte über schlimme Kellerrituale zu Ohren kommen. Zudem gibt es in zeitgeistiger Selbstverständlichkeit auch in der Schule Schläge. Hausarzt Dr. Bacher ist ebenfalls nicht zu trauen. Das weiss Robi nur zu gut, spätestens seit jenem Tag, als er, als eifriger Briefmarkenverkäufer für das Kinderhilfswerk Pro Juventute unterwegs, vor des Doktors Haustür steht und die Hausherrin es nicht für nötig hält, ihre Hunde zurückzurufen, sondern einfach zuschaut, wie der Bub von den Boxerhunden attackiert und gebissen wird.

Robi bleibt mit seinen Schmerzen und Qualen, mit seinen Ängsten und seiner verdeckten Wut allein. Einzig die bereits zitierten halbjährlichen Notizen der Basler Fürsorgerin dokumentieren die Auswirkungen der Traumata auf Robi und seine Entwicklung. Die Ein-Satz-Berichte und Ein-Wort-Sätze lesen sich wie eine in Sprache übersetzte Fieberkurve eines Patienten, dessen Krankheit niemand erkennt. Bis in die Anfänge der Kindergartenzeit bleibt Robi das «gefreute, lustige Kind, das nicht aus dem Rahmen falle und sich durchaus normal entwickle», das sogar «vom Kindergarten begeistert sei», auch wenn es «das Leben von der gemütlichen Seite nehme» und «nicht viele Stricke zerreisse». Auch die Einschulung schafft der Bub «besser als erwartet, ist für den Stoff interessiert, macht nett mit». Dann aber, nach dem ersten Schuljahr, beginnen die kritischen Bemerkungen: «[…] arbeitet nicht immer fleissig», «[…] ist in der Schule oft in Gedanken abwesend», «[…] hat Mühe sich zu konzentrieren», und wenig später, als Drittklässler, kassiert er dann im Halbjahresrapport die ersten gröberen Vorwürfe: «Robi ist faul, leistet in der Schule zu wenig […] man muss ihn immer wieder ermahnen, im Übrigen häufig launisch.» In den Jahren darauf wandeln sich die Beobachtungen zu abwertenden Urteilen: «[…] hat in der Schule Mühe zu folgen», nun wird er als «Pflegma» und als «wahrscheinlich nicht sehr intelligent» abqualifiziert. Zudem wird eine «Lügengeschichte» als «hoffentlich einmalige Verfehlung» dominant in der Akte vermerkt. Sie ist zusätzlich in einem eigenen Untersuchungsbericht vom 28. Mai 1960 dokumentiert und im Heimarchiv abgelegt. Der Bericht erzählt, dass der elfjährige Robi bei einem Diebstahl mit einer Schadenssumme von zehn Franken mitwirkte und anschliessend seine Kumpels nicht verraten wollte. Die Sache war aufgeflogen, weil die drei Buben im Dorf beim Eisessen beobachtet wurden und alle wussten, dass Heimkinder kein Taschengeld besassen. Der Anführer des kleinen Coups hatte überdies schon einmal einen Fünffränkler stibitzt, nun galt es dringlich, unter Federführung der Heimmutter, mit Visitation des Tatorts und Befragung der Lehrerschaft und der Schulkameraden, die Sache aufzuklären. Es gab Verhöre und Verdächtige, und nach «langem, einzelnen in sie hineindringen» und dem Einsatz von Schlägen kamen schliesslich die erhofften Geständnisse: «Robi brach zuletzt, nach langem, hartnäckigem Leugnen und als ihn der Hausvater durchprügelte, innerlich zusammen und gestand alles», steht im Untersuchungsbericht. Zwei Jahre später wagt sich Robi noch einmal an einen kleinen Schwindel: Er verlängert eine Darmgrippe mit ein bisschen Schmerzsimulation und einer Manipulation des Fieberthermometers, um sich so einen zusätzlichen Tag Krankenfürsorge zu sichern. Die Inszenierung fliegt auf, Robi brütet anschliessend über einem fünfseitigen Aufsatz zur Frage «Warum ich lüge». Der Aufsatz ist ebenfalls im Archiv abgelegt.

Die Lügengeschichte bekommt dem bis anhin so umgänglichen Robi schlecht. «Von ihm hatten wir das zuallerletzt erwartet und wir waren sehr enttäuscht», steht im Bericht des Hausvaters. Die böse Tat findet im Telefonrapport mehrmals Erwähnung, auch noch Jahre später, und schlägt sich direkt in der Bewertung von Robi als Schüler nieder. Aus dem lustigen Lausbuben wird ein schwacher Schüler, der knapp die Realschule wird besuchen können, denn die «Leistungen seien nicht sehr gut» und «Robi wenig begabt», berichten die Heimeltern nach Basel. Bemerkenswert ist, dass diese Einschätzungen keineswegs mit dem Schulzeugnis korrespondieren. In der dortigen Notenskala wird Robi nur im Kopf- und Ziffernrechnen als knapp ungenügend bewertet, in allen anderen Fächern sind seine Leistungen in Ordnung, und im Zeichnen, Singen und Turnen glänzt er sogar mit drei Ausreissern nach oben. Doch sie werden, genauso wenig wie sein sehr gutes Betragen, im Rapport der Furrers erst gar nicht erwähnt.

Zu Beginn der 1960er-Jahre entstehen im Packeis auf dem Wiesengrund mit seinen Abgründen ein paar feine Risse. Robi bricht sein Schweigen. In den Weihnachtsferien, die er bei seiner inzwischen wieder verheirateten Mutter verbringen darf, erzählt er dieser von den Misshandlungen, von den Schlägen bis zur Bewusstlosigkeit. Die Mutter alarmiert die Jugendfürsorge. Einige Monate später wird der ahnungslose Robi überraschend aus der Schule geholt, mitten am Tag. In der Heimstube sitzt Robis Fürsorgerin Frau Seliner, die er in all den Jahren, seit er hier ist, ein einziges Mal sah, Jahre zuvor, bei einem angekündigten Musterbesuch. Diesmal ist Frau Seliner unangekündigt gekommen, zusammen mit seiner Mutter, die das erste Mal im Wiesengrund ist. Die beiden sitzen neben dem Heimelternpaar Furrer in ihrem Büro, Vater Anton ist eigens von der Arbeit nach Hause geholt worden, Mutter Rosmarie sitzt blass und mit zuckendem Kinn daneben. Robi soll sich dazusetzen, soll erzählen, was war. Gelähmt vor Angst, was ihn danach erwartet, schafft er es dennoch, von der Misshandlung zu berichten. Was anschliessend gesprochen wird, überhaupt, was geschieht, weiss Robi Minder heute nicht mehr, er erinnert sich einzig an die unerwartete Blässe im Gesicht der Heimmutter, an ihre zitternden Lippen und an eine grosse Angst in ihren Augen. Viel später erzählte ihm jemand, die Basler Jugendfürsorge habe die Platzierung von Kindern in den Wiesengrund danach eingestellt. Überprüfen konnte er die Aussage nicht. Und der Vorfall selbst ist, anders als etwa Robis Lügengeschichte, im sonst akribisch geführten Heimarchiv nirgends dokumentiert. Das Leben im Wiesengrund geht weiter wie zuvor. Das Packeis friert wieder zu. Und die Minder-Kinder haben zu bleiben.

Doch Robis Mutter, bis anhin die ferne Abwesende, bleibt alarmiert. Und da sie noch immer das Sorgerecht für ihre Kinder hat, stellt sie im Januar 1962 ein erstes Gesuch um Umplatzierung, zurück nach Basel in ihre Nähe. Fürsorgerin Seliner beginnt, sich um das Anliegen zu kümmern, ihre Klärungen sind in verschiedenen Berichten und einer Menge Korrespondenz nachzulesen. Die Heimeltern stellen sich in all ihrer Mächtigkeit gegen einen Wechsel, sehen dadurch ihren ganzen Erziehungserfolg in Gefahr. Robi selbst wird durch die Bewegung um ihn herum etwas aus seiner Starre gelöst, die Aussicht auf einen Wechsel motiviert ihn, er schafft zum Erstaunen der Heimeltern den Übertritt in die Sekundarschule. Und nun hilft er sich erst einmal selbst, greift nach dem einzigen für ihn sichtbaren Strohhalm und bittet um eine Umplatzierung in jene Bauersfamilie im Dorf, bei der er seit Jahren während der Schulferien als fleissige Arbeitskraft im Einsatz ist. Für zwanzig Rappen Stundenlohn, die Hälfte wird direkt dem Heim zugeführt, die andere kommt in ein vom Heim verwaltetes Kässeli, zu dem er keinen Zugriff hat. Robi weiss, wie sehr seine Hilfe auf dem Hof willkommen ist, begründet seinen Wunsch altruistisch, er möchte die Bauersfrau und ihren invaliden Mann in der Not unterstützen, kombiniert dies mit einem Berufswunsch und deklariert, er wolle Bauer werden. Das kinderlose Bauernpaar begrüsst die Pläne erfreut und stellt gar eine spätere Adoption in Aussicht.

Bei Bauer Ammann

Nach einigem Zögern stimmt Robis Mutter dem Wechsel zu. Und so kommt es, dass der Jugendliche als 13-Jähriger zum Sommeranfang des Jahres 1962 sein kleines Bündel packt, nach fast zehn Jahren des Schreckens und der Qual den Wiesengrund verlässt und zu Familie Ammann zieht. Seine Schwester wird gleichzeitig über Umwege ins Mädchenheim Bachgraben in Basel umplatziert. Die Heimeltern Furrer hadern mit dem Entscheid, ihre Korrespondenz zeugt von Kritik und Missfallen, sie ärgern sich über die Pläne und darüber, dass eine Frau wie die liederliche Mutter Minder noch immer das Sorgerecht und damit das Sagen über das Geschick der Kinder hat. «Sie werden staunen, beide Minderli sind nicht mehr bei uns, wir haben die Versetzung nicht verstanden. […] Elisabeth ging nicht gerne weg, und wir haben sie nicht gerne weggegeben», so schreiben sie reihum. Die beiden Kinder verlassen den Wiesengrund ohne wirklichen Abschied. Die elfjährige Elisabeth setzt sich apathisch in ein unbekanntes Auto, das sie abholt, sie ist gefangen in ihrer Trostlosigkeit, kränkelnd, und hat das Körpergewicht einer Siebenjährigen; Robi dagegen tritt seinen Weg zu Fuss an, getrieben von der Hoffnung auf ein Leben ohne Schläge und ein bisschen familiäre Wärme.

Sein Wechsel zu Bauer Ammann scheint vorerst zu glücken. Die künftigen Adoptiveltern haben «grosse Freude» an ihm, denn «Robi selber mault nicht herum, zeigt sich anhänglich und selten frech, hilft fleissig mit in Haus und Hof». Auch fällt es ihm «erstaunlich leicht, in der Schule zu folgen», wie seine Fürsorgerin in Basel festhält und dabei Robis Lehrer zitiert, der ihn als «guten Sekundarschüler, dem das Lernen keine besondere Mühe bereite», lobt. Doch bereits nach vier Monaten ist der Höhenflug vorbei. Robi fühlt sich bei den Ammanns nicht mehr wohl, hat «Heimweh nach der Kindsmutter und nach der Schwester», möchte in «Mutters Nähe» wohnen, so notiert Fräulein Seliner. Sie fährt nach Auwil, um den Wandel aufzuklären, spricht mit dem Lehrer, mit Robi, mit der Pflegefamilie. «Robi redet ruhig, sachlich, überlegt», liest man in ihrem ausführlichen Bericht zu seinen Klagen. Darüber, dass man ihn nicht als Pflegesohn, sondern als Angestellten behandle, dass er keinerlei Wärme verspüre und so gar nicht heimisch werde. Die Bäuerin sei wenig mütterlich, sei überfordert, der invalide Vater oft unbeherrscht und verärgert. Was er der Fürsorgerin nicht erzählt, weil er dafür keine Sprache findet, sind die entsetzlichen Bilder von Tierschmerz und Tierqual, die ihn zunehmend verfolgen. Denn Bauer Ammann verdient sich mit der Kastration von Kaninchen, Schweinen und Hunden ein Zubrot. Er macht es mit einer Rasierklinge, ohne Betäubung, und der junge Robi muss ihm assistieren und die Tiere im Jutesack festhalten. Es sind Schreie und Bilder, die den Siebzigjährigen bis heute verfolgen, seinen Herzschlag beschleunigen, seine Hände zittrig werden lassen. Doch davon verrät er dem Fräulein aus Basel nichts, bezichtigt sich stattdessen selbst, er habe sich «blenden» lassen, habe Illusionen aufgebaut, hier Vater und Mutter zu finden, dass das Bauernpaar ihm aber fremd geblieben sei. Weiter erzählt er von den beengenden Entwürfen der Pflegeeltern zu seiner Zukunft, dass Frau Ammann enttäuscht sei, weil er weiterhin zur Schule wolle, dass der Pflegevater Robis Zukunft schon fest in seinem Kopf ausgelegt habe, erst die landwirtschaftliche Ausbildung, dann den militärischen Grad, den er abverdienen soll, und auch vom Heiraten sei bereits die Rede. Und weiter betont der Bericht Robis erstaunliche Reife, die sich auch darin zeige, dass der Junge trotz seiner erst 14 Jahre grosses Verständnis für den invaliden Pflegevater zeige, der an seiner Untätigkeit bestimmt leide und ihn wohl auch deshalb öfters anschreie. Auch der Leistungsabfall in der Schule lässt sich in den Gesprächen klären. Der Arbeitstag beginnt morgens um 6 Uhr mit Stallarbeiten, erzählt Robi seiner Fürsorgerin, Bettruhe sei gegen 23 Uhr, Hausaufgaben sind erst nach dem Nachtessen zu erledigen, Zeitfenster für Freundschaften bleiben kaum. Robis Sicht der Dinge wird von der Pflegefamilie sogar bestätigt, hält Fräulein Seliner in ihrem Bericht fest. Frau Ammann stimmt zu, dass er überbeansprucht werde, da es schwierig sei, für die Landwirtschaft Leute zu finden, zudem sei ihr Knecht mit dem Umbau der Scheune voll beschäftigt, zusammen mit der Bäuerin müsse Robi den ganzen Hof alleine bewirtschaften. Jedoch bestreiten die Ammanns den monierten Zeitmangel für Schularbeiten und zeigen sich wenig erfreut, ihren Pflegesohn in den Weihnachtsferien zu seiner Mutter zu entlassen. Sie fürchten, der städtische Einfluss zerstöre den Wunsch des Buben, Bauer zu werden.

Noch wissen sie nicht, dass der Pflegesohn diese Pläne längst begraben hat. Robi will auf keinen Fall auf Dauer bei Familie Ammann bleiben, zeigt sich aber bereit, noch ein halbes Jahr auszuhalten, um in Auwil die Schule abzuschliessen. Selbst die Tatsache, dass bei seiner Mutter kein Platz für eine Rücknahme sei – sie lebe mit ihrem neuen Freund zusammen und sei beruflich sehr belastet – und auch der Vater keine Kapazität habe, da er in seiner neuen Ehe und mit den zwei zusätzlichen Kindern ebenfalls in prekären Verhältnissen lebe, kann ihn nicht von seinem Wunsch nach einer Rückkehr nach Basel abbringen. Die Mutter möchte ihn erneut in einem Heim platzieren, das enttäuscht ihn zwar, aber alles ist besser, als zu bleiben, wo er ist. Immerhin unterstützt seine Mutter seine Pläne. Seine Klagen decken sich mit ihren Impressionen anlässlich eines eigenen Besuchs auf dem Hof, und sie zeigt sich fest entschlossen, den Knaben nach Basel ins Waisenhaus zu holen, will ihn dort weiter schulen und fördern lassen. Sie verspricht den Behörden, sich bei einer Umplatzierung nach Basel um ihren Sohn zu kümmern, wann immer sie frei hat, und dabei ihr Leben im damals noch anrüchigen Konkubinat vor dem Halbwüchsigen möglichst zu verbergen.

Der endgültige Abschied von Auwil ist wiederum ein unbegleiteter, nüchterner Akt, den Robi alleine zu leisten hat. Ein Händeschütteln mit der enttäuschten Bäuerin, die ihn nur ungern ziehen lässt, ein kleines Kleiderbündel am Rücken, ein grosser Packen Skrupel im Kopf und im Herzen, weil er die überforderten Bauern im Stich lässt – derart beladen macht sich Robi auf den Weg zum Bahnhof. Und macht sich wieder auf in eine neue Zukunft, diesmal nach Basel.

Im Waisenhaus in Basel

Im städtischen Waisenhaus, einem ehemaligen Kloster an der alten Stadtmauer, wird ihm vorerst nichts geschenkt. Die Stadtkinder mokieren sich über Robis breiten Stiefelgang, sie reiben ihm seinen Stallgeruch unter die Nase, und auch sein St.-Galler-Dialekt bringt ihm keine Sympathien ein. Robi, unsicher, verletzt, in allem blockiert, wird zum Sonderling. Und doch macht ihn die neue, unbekannte Welt neugierig und auch etwas mutiger. Immerhin ist es eine Welt ohne Strafen und ohne lebensfeindliche Bibelzitate. Und man darf sogar über die riesengrossen Turnschuhe des Waisenvaters lachen. Im grossen Haus mitten in der Stadt, wo nicht mehr das Auge Gottes wacht, sondern jenes des Staates, ist man vor Willkür weit besser geschützt als früher in der Villa Wiesengrund. Und ausserdem gibt es nun plötzlich eine echte Mutter, die manchmal sonntags zu Kaffee und Kuchen lädt, die einen Freund hat – ein Verdingkind auch er –, einen, der Robi wohlgesonnen ist und der ihn ab und an zusammen mit der Mutter in seinem schicken Auto auf ein Fährtchen mitnimmt, zu seiner eigenen Pflegefamilie, in die hintersten Hügel des Juras.

In dieser neuen Welt trifft Robi, inzwischen im letzten Schuljahr angekommen, endlich mit seinem Zeichentalent auf aufmerksame Resonanz. Ein schulisches Zwischenjahr soll die Berufswahl weiter klären, mit 16 beginnt er dann in einem grösseren Ingenieurbüro eine Lehre als Bauzeichner. Die vielen Leute, die vielen Büros und die vielen Chefs machen dem Heimbuben Angst. Einmal duckt er sich, kurz danach schiesst er weit übers Ziel hinaus, Geltungsdrang und Gefühle absoluter Minderwertigkeit jagen ihn durch den Tag. Er ist halt- und orientierungslos. Einzig seine Arbeiten sind konstant gut und finden Anerkennung. Die Abschlussprüfung nach drei Lehrjahren quält ihn mit ungeahnten Ängsten, doch er schafft das Diplom. Und zwar mit Bestnote und Auszeichnung.

Kurz vor Weihnachten 1968, einen Monat vor seiner Volljährigkeit, verlässt Robi nach insgesamt 17 Heimjahren das städtische Waisenhaus Richtung Freiheit. In seiner Tasche stecken die Einberufung in die Armee und ein Mietvertrag für ein WG-Zimmer, sein ausgezeichneter Lehrabschluss, ein Goldvreneli, das ihm der Waisenvater für die Bestnote gab, und an seinem Arm glänzt eine Herrenuhr, das Geschenk seines Lehrmeisters als Anerkennung für den glanzvollen Abschluss. Dieser hofft, dass der begabte Zeichner nach der Rekrutenschule zurück in den Betrieb kommt. Er hat sich entschlossen, den mittellosen jungen Mann zu fördern, und bietet ihm an, ihm auf Betriebskosten ein Studium an der Technischen Hochschule zu finanzieren. Doch allein die Vorstellung davon jagt Robi das Blut in den Kopf und lässt ihn schwindlig werden. Denn der mit Rang ausgezeichnete Bauzeichner bleibt ein schwer traumatisierter ehemaliger Heimbub, der vor jeder Prüfung, jedem kleinen Auftritt monströsen Ängsten ausgeliefert ist und der für sich beschlossen hat, solche Situationen künftig radikal zu vermeiden. Deshalb auch will er sich von seinem erlernten Beruf verabschieden, der hohe Erwartungsdruck als Folge seines prämierten Abschlusses ist für ihn entsetzlich, da gibt es nur eins, so schnell wie möglich zu fliehen, Neustart auf Feld eins, wo keinerlei Erwartungen ihn bedrängen. Überraschend schlägt er deshalb das Angebot seines Meisters aus und erzählt ihm von seinen Plänen, ins Gastgewerbe zu wechseln. In jene Branche, wo weder nach der Kinderstube noch nach Abschlüssen gefragt wird. Doch das verrät er seinem konsternierten Chef natürlich nicht und lässt diesen mit seiner Kündigung ratlos und auch enttäuscht zurück.

In der Gastronomie

1970, nach der Rekrutenschule, während der ein begeisterter Leutnant den braven Soldaten mit seiner vorbildlichen Disziplin zum Offizier machen will und er selbst das Unglück gerade noch zu verhindern weiss, beginnt Robi Minder seine Karriere in der Welt der Gastronomie. An einer durch seine Mutter vermittelten Stelle, im Restaurant Safran Zunft, mitten in Basels Altstadt. Schon bald wird der Quereinsteiger auch hier gefördert. Der Chef steckt ihn in einen schwarzen Anzug mit Fliege und schickt ihn als sein Aide du Patron in die oberen Säle, wo er rauschende Feste und Bankette zu organisieren und das Personal zu führen hat. Damit aber gerät Robi Minder erneut in jene Hölle, die er zwingend zu vermeiden sucht: Nun wird jeder Tag ein Prüfungstag, wird jede Serviererin, die er für ein Bankett engagiert, zu einer Prüfungsexpertin. Und immer muss er das Beste liefern, muss es allen recht machen. Hinter dem galanten jungen Bankettmanager versteckt sich ein hochsensibler, zutiefst verletzter Bub, der täglich durch die Schleuder seiner Ängste geworfen wird. Robi Minder ist immer auf Draht, immer unter Stress, Entspannung kann der Gehetzte nur noch mithilfe von Alkohol finden. Und so beginnt er zu trinken. Regelmässig. Wohldosiert über den Tag verteilt. Der Stoff ist immer greifbar, er selbst ein äusserst kontrollierter Mensch, dem abgestufte Mässigkeit leichtfällt. Die verräterische Fahne aus seinem Mund lässt sich mit Mineralwasser ausschwemmen. Und den Menschen kommt Robi Minder sowieso nicht zu nahe. Mit etwas Alkohol bleibt das gefürchtete Zittern seiner Hände aus. Und sein instabiler Schritt wird sicherer.

Noch ein weiterer Trick hilft ihm über seine täglichen Runden in den grossen Bankettsälen. Seit seiner Kindheit weiss Robi Minder um sein besonderes Talent in der Nachahmung von Menschen. Mit Leichtigkeit imitiert er ihren Schritt, ihre Gestik, den Tonfall ihrer Stimmen. Und nun entdeckt er, wie nützlich solch ein Rollenspiel sein kann. Denn wenn er als Stellvertreter seines Chefs sich selbst verlässt und ein anderer wird, wenn er sozusagen aus seiner Haut fährt und sich eine fremde überzieht, wird alles ein Spiel. Und seine Ängste werden leiser. Und so fängt er an, seinen Patron zu imitieren, läuft mit dessen wiegendem Gang durch die Säle, knetet sanft sein rechtes Ohrläppchen, während er redet, oder streicht sich mit dem Zeigefinger über den Nasenrücken, genau wie dieser, und auch die Tonalität der Stimme des Patrons kopiert er und seinen so unverkennbaren Basler Dialekt. Mit etwas Alkohol im Blut und in der Körperrolle des Chefs schafft es Robi, den Rotwein ohne Kleckern zu servieren, den Teller ruhig vor den Gast zu stellen und dabei freundlich zu lächeln; ist Robi Minder selbst am Werk, landet der kostbare Tropfen neben dem Glas, verschüttet er die sorgfältig angerichteten Teller, knicken gar beim Balancieren der Gläser seine Beine gefährlich ein. Seine Rolle als gewandter Kellner gefällt den Gästen. Sie sehen den leiblichen Sohn des Safran-Wirts am Werk und erfreuen sich am geglückten Spiegelspiel vererbter Gene.

In den ersten Jahren seiner Servicetätigkeit lebt Robi Minder mit einem Kollegen zusammen, dann zieht er, der stille Sonderling, in eine Einzimmerwohnung um. Lebt vorerst allein, bis eine Reise sein Single-Dasein unerwartet verändert. Er fliegt mit einem alten Schicksalsgenossen aus dem Waisenhaus, wie vor Jahren vereinbart – und was er verspricht, das hält er auch –, ins thailändische Eldorado käuflicher Frauen. Es ist nicht Robi Minders Welt. Sein Blick verfängt sich denn auch nicht in den präsentierten Katalogfrauen, frei verfügbar, da im Arrangement inbegriffen, sondern er flieht zu einer Schattenfrau, die weinend in einem Winkel des Etablissements sitzt, «out of service», wie der Besitzer verärgert deklariert. Diese und nur diese will er haben, wenn er denn schon wählen soll. Er nimmt die Frau mit auf sein Zimmer und weiss sofort, er wird sie retten, die Verlorene, wird sie ihrem Elend entreissen, will sie so schnell wie möglich heiraten und in die Schweiz holen. Und das tut er auch. Und so teilt er bald einmal seine kleine Wohnung mit dieser ihm gänzlich unbekannten Frau, deren Sprache er nicht kennt, deren Kultur ihn in ihrer Fremdheit täglich neu herausfordert. Mit grossem Eifer lernt er ihre Sprache, sie führt ihn in die thailändische Küche ein, und später wird sie im Restaurant des inzwischen selbstständig wirtschaftenden Robi Minder kochen. Das Glück will sich dennoch nicht einstellen. Vier Jahre später sind die beiden geschieden.

Doch nochmals zurück in die Anfangszeit dieser Verbindung. Robi Minder bleibt ein traumatisierter junger Mann, der unter einer Glasglocke lebt. Daraus können ihn auch die ersten Versuche in der Liebe nicht befreien. Die Gefühle bleiben erstarrt wie erkaltete Lava oder verirren sich als lästigen Schwindel in seinen Kopf, als zuckende Schlenker in seine Beine. Und dies immer häufiger. Sein Trick mit dem Rollenspiel will nicht mehr immer gelingen, der Alkoholpegel muss erhöht werden. Robi Minders Patron, der Wirt des Restaurants Safran, ist seinem geschätzten Gehilfen noch immer wohlgesonnen, auch wenn ihm seine Defizite nicht verborgen bleiben. Auch er will, wie sein Vorgänger, den sympathischen Mann fördern, schickt ihn ins Welschland zum Französischlernen, vermittelt ihm ein Praktikum in einem anderen Betrieb. Und schiebt ihm allerlei Literatur zu, mit Ratgeberrezepturen nach dem Motto «Sorge dich nicht – lebe!». Doch für Robi ist dies keine Hilfe. Im Gegenteil, Zuwendungen steigern die Strenge seiner Selbstkontrolle, erhöhen den Erwartungsstress, alles wird immer noch schlimmer. Schliesslich sucht der ruhelos Gequälte Hilfe bei einem Psychiater. Dieser diagnostiziert eine labile Konstitution, entlässt ihn nach wenigen Sitzungen, weitere Hilfe weiss auch er nicht anzubieten. Noch weiss die Psychiatrie in diesen 1970er-Jahren wenig von Traumata und posttraumatischen Belastungsstörungen. Schliesslich ergreift Robi Minder ein weiteres Mal die Flucht nach vorn und setzt einen nächsten beruflichen Neustart auf seinem Weg. Diesmal wagt er den Sprung in die Selbstständigkeit. Schluss mit dem Kontrollblick von oben, Schluss mit der Schauspielerei in der Rolle des Chefs, nun wird er sein eigener Patron. Robi Minder ist jetzt 26, holt seine gesamten Ersparnisse von der Bank, investiert in ein Restaurant, das nun ihm gehört. Dabei hat er ein Ziel glasklar vor Augen: möglichst schnell möglichst viel Geld zu verdienen, um sich von der Gesellschaft mit ihren bedrohlichen Anforderungen ganz ins Private zurückziehen zu können.

Der Traum ist schnell ausgeträumt. Der Wirt ohne Patent und blockiert darin, den entsprechenden Fachabschluss nachzuholen, sieht sich gezwungen, dafür einen Kollegen einzustellen. Das kostet. Dazu addieren sich Fehlinvestitionen. Der im Handel Ungeübte lässt sich viel zu teuren Wein aufschwatzen, die Ausgaben summieren sich, langsam rutscht Robi Minder in eine finanzielle Schieflage, versucht diese mit der Expansion auf ein zweites Lokal aufzufangen. Nach nur zwei Jahren kommt das Aus, er muss seine Insolvenz erklären. Und wird, als geschlagener Hans im Glück, erneut auf den Arbeitsmarkt katapultiert. Zurück in die Welt der Dienstleister, der Kellner. Mit seinen guten Arbeitszeugnissen findet Robi bald wieder Arbeit. In einem Basler Tanzlokal, dem Happy Night, einer In-Diskothek, die über die Landesgrenzen hinaus bekannt und auch im Elsass, im Rheinland beliebt ist, ein bisschen spleenig mit einem richtigen englischen Taxi in der Saalmitte; da sitzt der DJ drin und legt seine Platten auf. Es ist die Show, die zieht, und dann natürlich die Musik. Und ein bisschen auch Hanny, die Frau hinter der Bar, die so gar nicht in das Klischee einer Bardame passen will. Sie fasziniert. Auch den neu eingestellten Kellner Robi Minder. Und für einmal gerät ihm seine Schüchternheit zum Vorteil. Die beiden finden sich als Paar, heiraten, werden Eltern eines kleinen Sohnes und bleiben sich zuverlässige Lebensgefährten. Bis heute.

Eine eigene Familie

Mit seiner Vaterschaft erlebt Robi Minder zum ersten Mal in seinem Leben die bewegte Vielfalt eines Familienalltags. Seine Nachtarbeit erlaubt ihm eine Nähe und Präsenz bei seinem Sohn und seiner Partnerin, die er geniesst. Und die ihm guttut. Er staunt ob der Anmut und Poesie des kleinen Wesens, holt und verteilt Zärtlichkeiten, wagt sich damit in unbekanntes und auch irritierendes Neuland. Bei der Arbeit findet er gleichzeitig in eine gewisse Routine, die Gespenster der Angst werden leiser. Robi Minder sieht die Zeit gekommen, sich vom Alkohol, dem alten Helfer, loszusagen. Er plant, unterstützt von einem Arbeitskollegen, den Ausstieg aus seiner Sucht. Denn auch Anton, der Türsteher des Happy Night, Gewichtheber, ein Brocken von Mann, der ihm wohlgesonnen ist, sucht nach einer Veränderung. Sein Muskelfett, seine 120 Kilogramm, die die Frauen abstossen oder ängstigen, sollen weg. Gemeinsam joggen die beiden, laufen gegen Alkohol und Fett um die Wette, während annähernd zehn Jahren, und werden Freunde.

Anton lockt Robi Minder nicht nur auf die schönen Kieswege am Ufer des Rheins, er zeigt ihm noch eine andere, ihm gänzlich unbekannte Welt. Sie versteckt sich in einem Hinterzimmer, wo sich ein eingeschworener Kreis von Männern trifft. Regelmässig kommen sie, setzen sich an ihre Tische, ziehen Zigarren und Geldbündel aus ihren Taschen, verteilen Karten – und dann wird gespielt. Gepokert. Mit Pokern lässt sich eine Menge Geld verdienen. Wenn man dafür begabt ist. Und Robi Minder ist begabt. Denn will man in diesem Spiel Erfolge verbuchen, braucht man Geduld, Beobachtungsgabe, Psychologie und Menschenkenntnis, aber auch Strategie, Risikofreude und Verantwortungsbewusstsein. Darin ist Robi Minder ein Meister, er hat alle diese Eigenschaften auf seinem langen Leidensweg bis ins Feinste entwickelt und ausdifferenziert. Hinzu kommt – und das ist für ihn matchentscheidend –, dass man im Pokerspiel niemandem verpflichtet ist. Ausser sich selbst. Die sozialen Beziehungen sind ausgesetzt, die Mitspieler am Tisch vollkommen egal. Man kennt Namen und Beruf. Und nicht einmal dies wäre nötig. Es geht nicht um Freundschaft, keiner hat ein Recht auf Rechenschaft. Die einzige Instanz ist die Regel des Spiels. Und die einzige Referenz der eigene Gewinn.

Und so kommt es, dass Robi Minder nach sorgfältigem Abwägen und einer buchhalterischen Auswertung seiner Gewinne über ein paar Monate hinweg noch einmal einen beruflichen Wechsel wagt. In seinem 31. Lebensjahr steigt er aus der Gastronomie aus und ins professionelle Pokerspiel um. Er wird den Schritt nie bereuen, er und seine Familie werden in den nächsten zwei Jahrzehnten mit diesen Einkünften gut leben. Einzig die Sache mit den Steuern plagt den gewissenhaften Spieler. Wie soll er, der doch gar nicht betrügen will, die Gewinne aus einem illegalen Spiel versteuern? Und wie an den Sozialversicherungen weiterhin partizipieren? Er löst das Dilemma über kleine Nebenbeschäftigungen, die ihn auch künftig in der Arbeitswelt verankern. Er arbeitet als Maler, als Gärtner, als Bodenleger oder Reiniger von Boilern. Und schliesslich, Jahre später, als Hauswart im Nebenamt.

Als Hauswart unterwegs

Die Weichenstellung dazu verdankt er einer Annonce, die er zufällig entdeckt, «Wohnung mit Hauswartspflicht». Das klingt für Robi Minder mit seinen Stressbelastungen interessant. Denn als Hauswart kann er seine Arbeit selbstständig einteilen und ohne Chef agieren, kann sich, wenn die Kontakte mit Mieterinnen und Mietern ihm wegen seiner Sozialphobie Kopfschmerzen bescheren, in die Gartenarbeit oder auf eine nächste Liegenschaft zurückziehen. Das sind, zusammen mit der Aussicht auf eine grössere Wohnung, eine Menge Vorteile. Robi Minder bewirbt sich, und es klappt. Ein erster Schritt seiner Rückkehr in eine bürgerliche Berufswelt. Doch die Angst vor Menschen ist nicht kleiner geworden. Und die Mietergespräche werden tatsächlich zu einer Qual, die bereits bei der Planung beginnt. Sie treiben ihm den Schweiss auf die Stirn und in den Nacken, die Hände werden dabei fahrig, und die Formulare verkehren sich in widrige Gegenspieler bei seinem Kampf um den Schein souveräner Ruhe. Manchmal hat Robi Minder eigentliche Panikattacken. Undenkbar ist für ihn ein gemütlicher Kaffeeschwatz mit einem Handwerker oder einer Mieterin, zu sehr fürchtet er den Verlust der Kontrolle über seine zitternden Hände, die den Kaffee verschütten, noch bevor die Tasse am Mund ist, oder böse Zungen in der Verwaltung und Mieterschaft, die ihm etwa Faulheit vorwerfen könnten.

Robi Minder, der Hauswart, gerät mehr und mehr in einen Dauerstress, was zu schlimmen Muskelschmerzen führt. Äusserlich gibt er sich ruhig und gewissenhaft und schafft es, in seiner Rolle vollkommen zu überzeugen. So sehr, dass man ihm schon bald weitere Liegenschaften zur Obhut anvertraut. Die neuen Aufträge sind ihm, trotz wachsender Belastung, hoch willkommen, denn an seinem geliebten Pokertisch machen sich neuerdings Männer aus fremden Kulturen breit, die das regelkonforme Spiel durch dreiste Bandentricks verdrängen. Nach zwanzig Jahren verabschiedet sich Robi Minder für immer von dem verrauchten Hinterzimmer mit den Glück bringenden Karten und den gewinnträchtigen Geldbündeln. Les jeux sont faits.

Die zusätzlichen Liegenschaften im Portfolio des Hauswarts bringen zwar mehr Geld. Aber auch mehr Stress und weitere Ängste. Die nun leider vor der eigenen Wohnungstür nicht mehr haltmachen. Dort also, wo Robi Minder sich mit Frau und Kind gut eingerichtet hat, in einem kleinen Nest voller Fürsorge. Die drei bleiben auf sich selbst zurückgeworfen. Für die Pflege von Freundschaften bleibt wenig Zeit, die Verwandten sind fern oder unerreichbar. Sie leben im Bündnerland, Schwester Elisabeth ist in Frankreich. Mit seiner Mutter verbindet den ehemaligen Heimbuben nur mehr ein loses Band, zudem stirbt sie früh, an kaputt gerauchter Lunge. Und der Vater, inzwischen als Vertreter von Just-Bürsten unterwegs, hat sich in Depressionen verloren und ist fast ganz aus Robi Minders Lebenswelt entschwunden. Er wird dereinst verwahrlost sterben, ein Darmverschluss gerät ihm, nach drei Tagen vergeblichen Klopfens in der Einsamkeit seiner Wohnung, zum Todesurteil. Sein herbeigerufener ältester Sohn, der ihm einst weggenommen wurde und dem er so lange nachtrauerte, wird unerwartet Zeuge dieses letzten Abschieds seines Vaters.

Die kleine Familie ist also auf sich gestellt. Frau und Kind tragen Robi Minder durch den Alltag, der Sohn gedeiht, die Frau bleibt zuverlässige Partnerin, unterstützt ihn, wenn sich neue Risse auftun unter den Füssen ihres Mannes. Ohne zu fragen, setzt sie sich neben ihn, als offenbar wird, dass er sich nicht mehr alleine ans Steuer wagt, da die Angst zu sehr mitfährt, und sie tut dies bis heute, wann immer es nötig ist. Aber trotz all dieser Liebe wird Robi Minder manchmal, wenn er sich so gar nicht verstanden fühlt, von einer ungeheuren Wut geradezu überfallen. Dann fliegen die Möbel, brechen Tischplatten, krachen Angeln aus den Haustüren, oder ein Motorrad landet in der Rabatte vor dem Haus. Dann feiern die Geister des Wiesengrunds ihre Walpurgisnacht und werden zu wüsten Monstern. Allerdings – Gewalt gegen seine Lieben, Frau und Kind, gestattet er den Monstern nie.

Die Zeit im Wiesengrund und ihre Folgen bleiben in unterschiedlichem Gewand prägende Realität in Robi Minders Alltag. Im Alter von 45 Jahren entscheidet er sich, zusammen mit seiner Schwester, zu einer direkten Konfrontation mit den ehemaligen Heimeltern. Zu viele Fragen sind offengeblieben, nagen unerlöst an ihren Herzen und peinigen sie, allen voran die eine: Wie nur konnte die Heimmutter derart brutal und gefühlskalt sein, warum nur hat sie die ihr anvertrauten Kinder, als komplett schutzlose Wesen, die sie waren, derart gequält? Und so fahren sie denn, dreissig Jahre nach dem Verlassen des Wiesengrunds, zurück ins Nachbardorf, wo das Ehepaar Furrer inzwischen in Rente lebt. Der Heimvater öffnet die Tür, zeigt sich überrascht, in der Stube sitzt, gebrechlich in einem Sessel zusammengesunken, Mutter Furrer. Robi Minders Schwester Elisabeth wird bald einmal von ihren Emotionen überrollt und überschüttet die alte Frau mit einer Kaskade von Vorwürfen und Fragen. Deren Mann Anton versucht beharrlich zu intervenieren, das Gespräch in die Gegenwart zu lenken, wie geht es euch, erkundigt er sich, was nur ist aus euch geworden. Das einst mächtige Mueti jedoch sitzt abgedreht in ihrem Fauteuil, würdigt die Besucher keines Blickes, stammelt einzig in ständiger Wiederholung, sie könne sich an nichts erinnern. Als das Geschwisterpaar wieder draussen steht, beginnen die beiden – nach einem ersten Atemholen – erschüttert zu analysieren und zu rätseln. Ob Frau Furrer wohl dement ist oder einfach eine Erinnerungsamnesie vortäuscht, um sich vor allem zu schützen? Und welche Rolle kam und kommt noch heute dem Heimvater zu? Mimt er geschickt den Ahnungslosen, und vermeidet er jedes Schuldeingeständnis – oder wusste er tatsächlich vieles nicht? Die Fragen sind nicht weniger geworden, und die Geister des Wiesengrunds fahren alle wieder mit zurück in den Alltag. Jedenfalls ergeht es Robi Minder so.

Der Zusammenbruch

Der Zusammenbruch kommt kurz vor seinem 50. Geburtstag. Die Zeichen kündigten ihn schon lange an, nun aber ist er plötzlich da, als ein Bündel von Ängsten, aufsteigend wie ein Tornado, der Robi Minder spiralförmig einschliesst und ihn durch imaginäre Lüfte wirbelt. Seit Wochen schon schleift ein Tinnitus seinen Gehörnerv, und zwar beidseitig, im Gehirn meint er einen Tumor zu spüren, und nun liegt auch noch seine Zunge gelähmt im Gaumen, verweigert ihm jegliche Artikulation, ihm wird eiskalt, Arme und Beine sterben vom Körper weg, das Herz rast. Und auch die Welt um ihn herum verändert sich, im Korridor der Wohnung flackern die Farben des Regenbogens, und draussen vor der Tür lauert das Böse. Robi Minder aber weiss nur mehr eines, und das ganz gewiss: Er darf nicht mehr schlafen, nie mehr, er muss sich selbst kontrollieren, muss das eigene Herz überwachen und beschützen, da es sonst aufhören würde zu schlagen. Herzneurose, diagnostizieren die Psychiater später in der Klinik diesen Zwang, nachdem sich der Gequälte nach fünf schlaflosen Nächten und Tagen selbst dorthin einweist. Er landet in der geschlossenen Abteilung der Universitätsklinik, wird zuallererst in einen Tiefschlaf versetzt; wieder wach, findet Robi Minder sich unter traurigen Leidensgenossen: einem kriegstraumatisierten Vietnamesen, einem Juden, der verzweifelt nach seiner verlorenen Frau sucht, einem die Bibel rezitierenden Glaubensbruder. Hier bleibt er für die nächsten Tage, das Personal wechselt ständig, seine traumatische Kindheit wird weniger im Therapiegespräch als vom Klappern der Messer und Gabeln im Speisesaal in die Gegenwart geholt. Nach zwei Wochen wird Robi Minder entlassen, «im gegenseitigen Einverständnis» und in einem durch «seine Angstsymptomatik eingeschränkten Zustand», wie die Krankengeschichte vermerkt. Für ihn jedoch kommt die Entlassung unerwartet, ist eine Art Schock, er findet sich plötzlich am Eingang der Klinik wieder, mit einer Schachtel Seropram und einem Schlafmittel für die Nacht, niemand weiss von seiner Entlassung, die Ängste melden sich in Sekundenschnelle zurück, nach einer Packung gerauchter Zigaretten und drei Stunden Panik schafft er es schliesslich, die Klinik zu verlassen und nach Hause zu gehen. Den Schwindel und das Herzrasen nimmt er wieder mit heim.

Die Schrecken dieser Welt der Panik und wahnverschobener Realitäten setzen sich dominant in Robi Minders Kopf fest. Ohne die griffbereiten Beruhigungstabletten geht er künftig nicht mehr aus dem Haus, beim Gehen sucht er die Nähe der Hauswand, das Queren eines Platzes wird zur angstbesetzten Tortur. Schwindel, Druck im Hirn, Ängste und Depressionen sind nun täglich wechselnde Begleiter, auch der Tinnitus meldet sich zurück. Robi Minders Lebenswelt wird drastisch eng, selbst das Trinken und Schlucken, das Atmen erfordern Konzentration. Und in den schlaflosen Kopf nisten sich Gedanken eines erlösenden Suizids.

Rettende Welten

Eine Psychiaterin begleitet die posttraumatisch bedingten Grenzgänge des ehemaligen Heimbuben Robi. Sie rät ihm unter anderem zu schreiben und zu malen. Das nützt. Aber die wesentliche Hilfe beim Versuch, seinen Ängsten auf den Grund zu kommen und sie schliesslich zu bannen, findet Robi Minder bei einem Philosophen. In einem schmalen Buch, das sein Sohn, mittlerweile ein Teenager, ihm damals in die Klinik mitbrachte. Es sind die «Meditationen» des indischen Philosophen Jiddu Krishnamurti. Darin entdeckt er Gedankenwürfe und Denkgänge zur Befreiung von autoritär gesetzten Wahrheiten und Zwängen. Krishnamurti entlarvt sie als machtmissbrauchende Konstrukte mit fein ausgelegten Verästelungen. Robi Minder wird sich bewusst, wie sehr die martialisch in seine Seele gehämmerte Gottesfurcht und der dabei angeführte strafende Gott den Boden auslegten für seine schrecklichen Ängste. Die auch mit seinem Austritt aus der Kirche, damals war er etwa 35 Jahre alt, nicht verschwinden wollten. Die Texte Krishnamurtis führen ihn in eine wunderbare Freiheit des Denkens, die sich ausserhalb jeder Autorität bewegt. Der Gedanke, dass keine Institution und keine Autorität die absolute Wahrheit kennt, wird zur erlösenden Selbstbefreiung, lässt ihn Konfessionen und Glauben entmachten und sogar die Angst vor den Menschen verlieren. Schliesslich wählt er für sich einen Aphorismus aus der Sammlung von Krishnamurti und ersetzt damit das Notmedikament in seiner Tasche: «Die Wahrheit ist ein pfadloses Land.» Diese philosophischen Ansätze eröffnen ihm Wege in ein ruhigeres Leben. Der Stress und die Ängste sind deswegen nicht weg, aber die Ausschläge sind nicht mehr so heftig. Dabei ist er zwingend auf inneren Frieden angewiesen. Disharmonien sind eine zusätzliche Belastung, die er nicht erträgt, die er nach Möglichkeit sofort auszugleichen versucht. Er mag selbst jenen Menschen nicht böse sein, die sich in seiner Kindheit an ihm schuldig gemacht haben. Auch wenn ihn manchmal die drängende Frage nach dem Warum nicht ruhen lässt. Und ihm das grosse Schweigen der Heimeltern damals beim Besuch mit seiner Schwester noch immer als nicht verdauter Brocken im Magen liegt. Als das Schicksal von Verding- und Heimkindern zum öffentlichen Thema wird, macht er sich 2013, mit 64, auf die Suche nach den Akten seiner eigenen Kindheit. Das zunehmende Aufkünden von Verschweigen und Scham ermutigt ihn dazu, in Basel bei der Vormundschaft und im Staatsarchiv St. Gallen nach seinen Spuren zu fahnden. Später, nach dem Wiedersehen mit Diana Bach, einer Leidensgefährtin aus der Heimzeit im Wiesengrund, beginnt er auch, sich aktiv an der öffentlichen Aufarbeitung der administrativen Versorgung zu beteiligen. Er wird Mitglied im Verein FremdPlatziert, fährt zusammen mit Diana an Treffen von Betroffenen, setzt sich zu den Aussprachen und Gesprächen mit dazu. Er mischt sich in besonderer Art in die Prozesse ein, allein mit seiner Präsenz, denn Reden vor anderen, gar vor einem Plenum, ist ihm noch immer ein Ding der Unmöglichkeit. Schliesslich zieht er sich wieder aus diesem öffentlichen Diskurs zurück.

Zehn Jahre vor seiner Pensionierung kann Robi Minder sein Teilzeitpensum in ein Vollamt umwandeln. Eine Anerkennung der Zuverlässigkeit des langjährigen Hauswarts und seines ausgeglichenen Wesens. Die Aufstockung ermöglicht ihm endlich den Anschluss an eine Pensionskasse. Das ist dringlich, denn in den Zeiten seines Pokerspiels und in allen prekären Lebensjahren davor und danach floss kein Altersgeld auf sein Konto. Auch seine Frau, zwar stets im Gastgewerbe tätig, aber oft in Teilzeit, konnte nur einen kärglichen Spartopf für die späteren Jahre äufnen. Deshalb arbeitet Robi Minder noch immer, als siebzigjähriger Rentner betreut er 29 Wohnungen und ein grosses Geschäftshaus. Anders geht es nicht.

Daneben kümmert er sich mit viel Liebe um seine inzwischen gewachsene Familie. Um seine so verlässliche Frau. Seinen längst erwachsenen Sohn, der manchmal zu ihm sagt, er habe wohl einen Teil von seines Vaters grosser Befangenheit in sein eigenes Leben mitgenommen. Auch seine Schwester Elisabeth, mit der er über das gemeinsame Schicksal stets eng verbunden ist, hat Platz in seinem Leben. Und schliesslich gibt es da noch die kleinen Enkel, zwei kräftige Springinsfelde, die ihr Grossvater allzu gerne vor allem Bösen dieser Welt schützen möchte.

Robi Minder weiss, dass dies nicht geht. Es ist ein süsser Schmerz. Damit lässt sich leben.

Diana Bach *1948

Wenn Diana Bach aus ihrer Kindheit erzählt, fliegen ihre Finger unruhig über Papiere, die gestapelt vor ihr liegen. Es sind nicht etwa papierseidene Albumblätter, von stolzen Eltern aufbewahrt, sondern amtliche Akten. Und wenn die heute Siebzigjährige versucht, von der Realität dahinter zu erzählen, hasten ihre Worte und Sätze den Dokumenten hinterher oder eilen voraus, und regelmässig verlieren sie sich in den Seitengängen der Erinnerungen, die erstaunlich präzise sind. Als ob es gestern gewesen wäre. Ihr Herz aber flackert dabei im Unruhestand. Diana Bach ist ein ehemaliges Pflege- und Heimkind, eine illegitim Geborene, ein einstiges Mündel, und sie trug die Akten zu ihrer qualvollen Kindheit in hartnäckiger Suche zusammen. Sie ging in die Archive, kopierte all die Dossiers eigenhändig, stauchte vier Dokumente auf ein einziges A4-Blatt, um Papier zu sparen. Das Recht auf eigenen Raum ist selbst beim Kopieren der Akten für sie keine Selbstverständlichkeit. Danach aber nahm sich die Akademikerin die Texte genau vor, untersuchte die Einträge mit ihrem analytischen Blick, sezierte die Dossiers inhaltlich, löste die Berichte und Einträge von ihrer Chronologie und legte sie in einem selbst bestimmten System neu ab. Kreierte dafür eigene Schlagworte, klebte kleine Post-it-Zettel als neue Signaturen an die Seiten: Da steht der Name des Verfassers, des Heimvaters, der Pflegemutter, des Vormunds oder der geliebten Grossmutter aus Zürich und natürlich der unerbittlich krittelnden Tante Elsa aus Oberrieden oder des fernen Grossvaters in Italien. Und nicht zuletzt fand sie hier all die unzähligen Briefe, die sie selbst geschrieben hatte, artig in sorgfältiger Kinderschrift, immer mit dem Kontrollblick der Heimmutter im Nacken. Weit über tausend Dokumente türmen sich aus ihrer Akte zu thematischen Stapeln, es gibt aber auch verirrte Blätter und solche mit Kommentaren, «scheinheilige Begründung, warum Ferien bei Grossmutter nicht drinliegen» oder dann ein wütendes «Stimmt so nicht!!!!» oder «Ich fühlte mich verletzt und weinte!». Die gealterte Diana Bach schrieb sich in die Akte des behördlich verwalteten Kinds Diana Herzig neu ein, nicht mehr als «herziges Chröttli», wie der Vormund einst über sie schrieb, sondern mit dem empörten Blick der Überlebenden, die von sich sagt, dass diese Vergangenheit ihr Leben zerstört und sie in den Kerker einer dauernden, lebensfeindlichen Selbstsabotage hineingezwungen hat, aus dem sie nie mehr herausgefunden hat. Ergänzend zu ihren Aktenstudien erstellte sie Tabellen, schrieb ganze Passagen ab und kommentierte sie in der Randspalte, ihre ganz eigene Sicht auf diese Geschehnisse, mit analytischer Distanz und betroffener Intimität zugleich. Bis die Kraft dazu sie verliess.

Diana Bach kennt ihre Akte gut. Sie fand darin viele Falschheiten, Verzerrungen, verdrehte Blicke auf sie und ihre Kindheit. Und daneben natürlich auch Wahrheiten, neue Fakten oder solche, von denen sie immer schon gewusst, sie gespürt hat. Zum Beispiel, dass es sie eigentlich nicht hätte geben dürfen. Diese Frucht einer unehelichen Liebe. So hatte es ihr der Grossvater ins Gesicht gesagt, als Geburtstagsgeschenk zum Fest ihrer Volljährigkeit, hatte ihr den Satz auf den Teller gelegt und dann zynisch gefragt, was sie nun mit ihr tun sollten. Später, nach Jahrzehnten, findet Diana Bach die amtliche Fassung zu diesem Thema, gleich auf dem Deckblatt der Vormundschaftsakte, unter Punkt vier, bei der Frage nach dem Zivilstand, «Ill.» steht da, ein bedeutungsschweres Kürzel, nicht einmal ausgeschrieben wird das Wort, weil alle, die hier Einblick nehmen, sofort verstehen, was gemeint ist. «Ill.» bedeutet «Illegitim» und heisst zuallererst, keine Rechte zu haben, ein amtlich bestätigtes Programm fürs Leben, wie sich bei Diana Bach bitter zeigen sollte.

Illegitim geboren

Heidi Herzig ist 27 Jahre alt, als sie im März 1948 die kleine Diana, ihr erstes Kind, in Bern zur Welt bringt. Die Schwangerschaft war ungeplant, das Kind entstammt der Liebe mit dem jüdischen Flüchtling Kurt Goldmann aus Wien, der jedoch aus dem Zürcher Transit in die USA weiteremigriert. Der staatenlose Vulkaniseur wird sich nie um sein Töchterchen kümmern, auch wenn er von seiner Vaterschaft weiss; da helfen die Forderungen des Berner Appellationshofs, ins ferne New York ausgeschickt, auch nicht weiter. Doch nicht nur der Vater fällt aus, auch Dianas Mutter ist überfordert. Sie, eine Tochter aus einst wohlhabendem Haus, ist selbst von der Schlagkraft einer in sich zersprengten Familie geschädigt. Früh brach das Unglück in die erfolgreiche St. Galler Industriellenfamilie ein. Zuerst mit dem Börsencrash und der Wirtschaftskrise, die ihnen den Konkurs aufzwang, später mit dem Tod des kleinen Stammhalters, der an einer Blinddarmentzündung starb. Der Vater rettete sich mit einer Scheidung, suchte Trost in neuen Liebschaften, die Trauer um seinen Sohn aber nahm er mit, auch seine Asche in der Urne, die er mit sich trug, bis kurz vor seinem Tod, weiss Diana von ihrem Grossvater zu erzählen. Die kleine Heidi aber, seine überlebende Tochter, musste schnell erfahren, dass sie als Mädchen den Bruder nie würde ersetzen können. Vielleicht war dies mit ein Grund, dass sie nicht wirklich Tritt fassen konnte im Leben, dass sie sich früh zu einer unsteten Person entwickelte, die es nirgends lange aushielt, die sich, so schreibt Dianas Vormund, «auf der Suche nach dem Vater herumtreibe», sie sei «eine neurotische Frau, die im Grunde genommen einer spezialärztlichen Behandlung bedürfe». Später werden die behördlichen Zuschreibungen um einiges schroffer, die Kindsmutter habe «psychopathische Züge, sei arbeitsscheu, hemmungslos, liederlich und lügenhaft». Heidi Herzig taucht regelmässig unter, manchmal findet man sie in einem Gartenhaus, wo sie sich von Schnecken, Gräsern und Spinat ernährt und sich «wie ein Tier verhält», wie eine Verwandte dem Vormund schreibt. Dieser schickt sie zur Abklärung in die Psychiatrie, man droht ihr mit administrativer Versorgung, stellt sie unter Schutzhaft, schafft sie zurück an ihren Heimatort, platziert sie bei einem Bauern.

Bei der Grossmutter

Nach der Geburt der kleinen Diana sucht Heidi Herzig einen Pflegeplatz für das Baby und bringt es in die Hausmutterschule für Bäuerinnen auf den Möschberg im Emmental. Dort kümmern sich die Frauen, allen voran die Schulleiterin, engagiert um das Kind. Nach zwei Jahren entscheidet Mutter Heidi, ihr blond gelocktes Mädchen zu sich zu holen und mit ihm nach Zürich zu ziehen, zu ihrer Mutter, die in bescheidenen Verhältnissen am Rand eines Arbeiterquartiers wohnt. Mit dem Umzug wechselt auch die zuständige Vormundschaft, Diana wird künftig von der Zürcher «Selnau» aus behördlich begleitet. Der erste Blick des neuen Vormunds ist optimistisch: «Diana ist ein munteres, natürlich wirkendes Kind, das seinem Namen Ehre macht, wirklich ein herziges Kind. An der Intelligenz ist nicht zu zweifeln.»

Jedoch gerät der Dreigenerationenhaushalt in der kleinen Dachwohnung am Stauffacher schnell aus dem Lot. Kindsmutter Heidi behält ihr unstetes Leben bei, ist beruflich ständig unterwegs, als Vorführdame von Waschmaschinen, in der Reklameakquisition für ein Reformhaus. Sie verschwindet für Tage, manchmal Wochen, zeigt sich in Betreuungs- und Finanzfragen unbeständig, bezahlt weder die alten Schulden noch ihrer verarmten Mutter das sich neu ansammelnde Kostgeld. Grossmutter Zeller ist überfordert. Liebevoll kümmert sie sich um ihre Enkelin, gibt dafür ihren Job in der Papierfabrik auf, gerät in finanzielle und psychische Not, zerstreitet sich mit ihrer Tochter, die Konflikte wachsen, es kommt gar zu Handgreiflichkeiten. Heidi traktiere sie «wie ein Stück Holz», «reisse sie an den Haaren», klagt Aline Zeller bei Herrn Bächi, dem Vormund, wenn sie bei ihm vorspricht, oder in den in feiner Handschrift verfassten Briefen an ihn. Fräulein Meyer, die Fürsorgerin, besucht die Familie und findet die desolate Situation bestätigt. Diana selbst erinnert sich nur mehr vage an die wüsten Streitereien. Der Zank liegt bei ihr im Dunkel des Vergessens, steht im Schatten der lichtvollen Gewissheit, dass sie damals, als kleines Mädchen, ein tiefes Zutrauen zu ihrer Grossmutter fand, erste Schritte in einer grossen Liebe.

Bei Pflegefamilien in Bülach

Schliesslich erwägt die Vormundschaft eine erneute Fremdplatzierung. Die Grossmutter schmerzts, aber sie ist auch erleichtert, denn das Kind wird «Zeuge von widerwärtigen Szenen», zudem muss sie wieder Geld verdienen gehen. Auch die Kindsmutter hat nichts gegen den Wechsel, da «diese ausschliessliche Beschäftigung der Grossmutter mit dem Kinde für dieses nicht unter allen Umständen gut sei». Und so kommt die dreijährige Diana nach einem Jahr mit der Grossmutter nach Bülach zu Familie Brunner. Dort geht es ihr offenbar gut. «Diana hat sich sehr gut entwickelt, sieht aus wie ein Rösli und ist recht munter, ein intelligentes und herziges Chröttli, keine besonderen Schwierigkeiten», notiert man auf der Vormundschaft. Die geliebte Grossmutter kommt regelmässig zu Besuch, Diana darf umgekehrt auch zu ihr in die Stadt fahren. Mutter Heidi taucht lange nicht auf, dann plötzlich jede Woche, die Berner Behörde weist sie in eine psychiatrische Klinik ein, man diskutiert erzieherische Zwangsmassnahmen. Tochter Diana bleibt vorerst ein unkompliziertes Mündel, «gut geartet, braucht aber ruhige Führung, damit es nicht in Trotz verfällt». Die Pflegemutter habe grosse Freude, und auch Diana hänge an ihr, notiert man in der «Selnau». Doch das kleine Glück hat keine Beständigkeit. Nach zweieinhalb Jahren bitten die Brunners um Umplatzierung, weil Diana die Schwester der Pflegemutter beim Lernen störe, diese sei nervös und reizbar und habe soeben eine KV-Lehre begonnen.

Ende Januar 1954, zeitgleich mit einem Wechsel des Vormunds, findet sich Diana in eine neue Familie umplatziert. Familie Winter wurde von Nachbarn und vom Jugendamt Bülach empfohlen. Der nun zuständige Vormund, Emil Murer, ist vom Wechsel «in das gepflegte Milieu eines Vorarbeiters unter Leitung einer verständigen Pflegemutter» überzeugt: «Dort kann Diana neben einem eigenen Töchterchen der Pflegefamilie wie ein Schwesterlein aufwachsen.» Die Beziehung mit der Pflegemutter gestaltet sich jedoch von Beginn an schwierig. Frau Winter begegnet dem Mädchen als harte Erzieherin, sie will das «milieugeschädigte» in ein «pflichtbewusstes Menschenkind» umformen, denn Diana sei nur «auf Umherstrielen erpicht, folge nicht und gebe freche Antworten», rapportiert der Vormund ihre Klagen. Dank ihrer «Geduld und «konsequenten Erziehung» liessen sich aber vorerst noch Erfolge verbuchen, Diana sei herzig, sie mache ihrem Familiennamen alle Ehre, notiert auch er in die Akte.

Doch das Erziehungsvorhaben ist längst in Schieflage. Und als kurz nach Dianas Ankunft noch Adriano, ihr Halbbruder, ebenfalls ausserehelich geboren, zur Familie stösst, wird alles noch schwieriger. Heidi Herzig, die Kindsmutter, ist sogleich einverstanden, auch ihren Sohn den Winters zur Erziehung «im harmonischen Milieu einer glücklichen Familie» zu überlassen. Adi, wie sie ihn nannten und von dessen Existenz Diana bis anhin keine Ahnung hatte, ist ein süsses Baby und wird schnell zum «Sonnenschein» der Familie. Diana jedoch, von der Pflegemutter zunehmend abgewiesen, wird zum «schwierigen Kind» erklärt, erblich belastet und von früher verwöhnt. «Frau Winter nimmt das Kind für kleinere Hilfeleistungen nach und arbeitet mit Liebe und Konsequenz an der Korrektur seiner vermutlich nicht nur leichten Veranlagung», notiert Vormund Murer. Auch beklagt er im Einklang mit Frau Winter des Mädchens Eifersucht auf den kleinen Bruder, der der Liebling aller sei und «schon heute ein bisschen Eigensinn entwickelt». Bei Adi, dem Buben, den die Pflegeeltern bereits zum künftigen Stammhalter erküren, wird Eigensinn wohlwollend als Vorbote männlicher Durchsetzungskraft verbucht, bei Diana dagegen, dem Mädchen, als Symptom einer krankhaften Entwicklung. Sie sei den ganzen Tag am «Täubele», beschwert sich Frau Winter beim Vormund, der ihre Klagen fraglos in die Akte übernimmt: «Diana übersteigert alles, brüllt bei der leisesten Gelegenheit wie am Messer, hört stundenlang nicht auf zu Weinen. Es bocket dann tagelang, gibt keine Antwort auf alles Fragen. Aus Trotz nässt und schmiert es extra, […] spukt Essen aus, Diana gefällt es darin, krank zu sein, dichtet Schmerzen wo keine sind.»

Diana selbst erinnert diese Zeit ganz anders. Die Korrektionsversuche erlebte sie als radikale Aggression gegen sich und ihr neugieriges, waches Wesen. Sie hat, denkt sie an ihre «Winter-Phase», nicht die Rebellion, sondern die Resignation in Erinnerung. Sie weiss, wie sehr sie sich hinter einen Vorhang von Tränen zurückzuziehen begann. Und wie schlimm der Verlust ihrer geliebten Grossmutter sie zusätzlich traf, dieser einzig konstanten Beziehungsperson, die langsam aus ihrem Leben zu verschwinden drohte. Für die frustrierte Pflegemutter ist Frau Zeller nur ärgerliche Konkurrenz. Sie hält denn auch mit Vorwürfen nicht zurück, Grossmutter Zeller mache ihre Erziehung zunichte, das Kind werde verwöhnt, mit unnötigen Besuchen im Zoo und ebensolchen Geschenken. Und sie stellt fest, dass Diana nach Besuchen stets noch mehr «Tänze aufführe». Vormund Murer aber, bis anhin lobend angetan von der alten Frau, die «in rührender Weise» für Diana sorge, mit ihren regelmässigen Besuchen, mit der Ausstattung von Kleidern, übernimmt nun die Sicht von Frau Winter, lässt sich in die Intrige einspannen. «Diana kam schon 2 mal von Besuchen bei Grossmutter verwöhnt und herrschsüchtig zurück, es kann sich dort wohl zu sehr ausleben. Frau Winter wird ihm darum in meinem Einverständnis keine Osterferien erlauben», hält er fest. Auch verliert er zunehmend seine Skepsis gegenüber den üblen Denunziationen innerhalb der Familie Zeller: «Ob wohl doch ein wenig wahr sei an der schlechten Beurteilung von Frau Zeller durch ihren geschiedenen Mann und ihre Töchter», fragt er plötzlich in einem seiner Berichte. Dieses schrittweise Ausschalten der Grossmutter, die Zerstörung dieser von Zuneigung geprägten Beziehung zu ihr bleibt für Diana bis heute die schlimmste Verletzung in ihrem Leben. Das Wissen, dass da jemand gewesen war, der sie aufrichtig liebte, sich um sie kümmerte, und dass man genau dieses Band willkürlich zerschnitt, sitzt als Stachel fest in Kopf und Herz.

Nebst der Grossmutter wird künftig, so verraten die Akten, die biologische Erblast als Ursache vieler Übel herangezogen. Schliesslich ist Diana ja das Kind einer «Psychopatin». Frau Winter verweist regelmässig auf die «vererbten Eigenschaften», die zu «allem andern noch obendrauf» kämen. Und der Vormund stimmt mit ihr überein: «Es [das Kind] neigt zur Hysterie und zeigt darin starke Züge, die es wohl von der Kindsmutter geerbt hat.» Auch die zuständige Fürsorgerin, Fräulein Meyer, die die Winters regelmässig besucht, unterstützt diese Interpretationen: «Diana wird im Bett besucht, weil es über sogenanntes Bauchweh klagt […] Dem Kind fehlt kaum etwas […] Es sieht gesund aus und scherzt gern und findet sich dabei wohl interessant […] eine schlimme Abstammung, daher sei bei Diana alle Vorsicht am Platz.» Einzig in der Schule kann sich Diana dem von eugenischer Denkart beeinflussten Fluch entziehen. Hier bekommt sie statt kranker Gene eine Menge Lorbeeren zugesprochen: «Diana sei intelligent, arbeite flink und sauber, interessiere sich an allem», weiss die Lehrerin zu berichten. Und sorgt sich gleichzeitig über eine unerklärliche Entwicklung in jüngster Zeit, dass nämlich die bis anhin unauffällige Schülerin neuerdings am Morgen zu spät und verweint im Klassenzimmer eintreffe. Diana, die Erwachsene, weiss sehr wohl, warum. Frau Winter zwang sie, nebst dem frühmorgendlichen Schuhputzen, jeweils ihre Milch auszutrinken, samt der ekligen Fetthaut obenauf, dies führte bei ihr regelmässig zu Erbrechen – gefolgt von der Order, die Kotze aufzuputzen – und zu schlimmen Weinkrämpfen. Eine stille Rache der Pflegemutter an ihrem Pflegekind, das mit seiner schulischen Brillanz ihre eigene Tochter in den Schatten stellte, davon ist Diana Bach im Rückblick überzeugt.

Schliesslich entscheidet sich Vormund Murer zu handeln und kompetente Hilfe beizuziehen. Er meldet Diana im April 1955 in der psychiatrischen Poliklinik für Kinder und Jugendliche zur ambulanten Behandlung an. Im Antwortschreiben wird er vertröstet, der zuständige Arzt sei für drei Monate im Militärdienst, schliesslich geht das Ansinnen unbemerkt vergessen. Und Diana bleibt weiterhin unglücklich verkeilt an ihrem ungeliebten Pflegeplatz. Nur Grossmutter Zeller, trotz ihrer 71 Jahre noch immer wehrhaft, kämpft gegen neuerliche Besuchs- und Ferienverbote, sucht Hilfe bei der Direktion des Zürcher Fürsorgewesens, schreibt lange Briefe an Fräulein Meyer, beklagt die Entwicklung und hält fest, dass das Kind Liebe benötige, die es offensichtlich entbehre. Doch ihr Bemühen verkehrt sich ins Gegenteil. Frau Winter bietet grossmütig an, es mit Diana noch einmal zu probieren, aber nur, wenn die Grossmutter total ausgeschaltet werde: «Es wäre schade, wenn mir Frau Zeller das Kind über die Feiertage verderben würde, es kann bei uns Weihnachten feiern.»

Im selben Jahr meldet sich eine neue Stimme bei Vormund Murer in der «Selnau». Elsa Zürcher aus Oberrieden, eine Cousine von Dianas Mutter, lässt dem Beamten in einem eloquenten Brief ihre Analyse der familiären Situation zukommen, intrigiert dabei schamlos gegen die Grossmutter und schlägt sich auf die Seite von Mutter Heidi. Sie lobt ihre Cousine, die soeben wieder «illegitim» geboren hat – was weder Diana noch die Winters wissen sollen –, weil diese immerhin Kinder gebäre, nicht wie gewisse moderne Damen, die davon nun gar nichts mehr wissen wollten. Fürsorgerin Meyer und der Vormund sehen sich durch den Brief bestätigt: Der Kontakt zu Frau Zeller muss unterbunden werden. Sie weisen ihr Gesuch um Besuch umgehend ab, die betagte Frau sitzt unfallverletzt in ihrer Dachwohnung und hofft vergeblich auf ihre Enkelin. Die Fürsorgerin lässt sie schriftlich wissen, dass es mit Diana besser gehe, seit sie, die Grossmutter, nur noch selten erscheine. Diana weiss nichts von einer solchen Besserung. Ihre Erinnerungen sind präzise, erzählen von den morgendlichen Kämpfen, vom Herunterwürgen der fettigen Milch, von den Schlägen und vom Zuspätkommen in der geliebten Schule. Alles wurde immer schlimmer. Und die Gefühle des schutzlosen Kindes versanken zunehmend in psychosomatische Leiden. Und in ein grosses Schweigen.

Über ein Jahr nach der gescheiterten Anmeldung bei den psychiatrischen Diensten, im September 1956, trifft in der «Selnau» ein brisantes Schreiben des Jugendsekretariats Bülach ein: «Es gehen Klagen zu Familie Winter ein, dass Frau Winter dem Kind Diana nicht mehr ganz gewachsen scheine. Das Kind werde fast alle Morgen übermässig geschlagen, vermutlich weil es das Frühstück nicht zu sich nehmen wolle; ferner schimpfe Frau Winter sehr viel bei Bekannten über das Kind und wisse eigentlich nur Schlechtes über es zu berichten. Von Liebe sei nichts zu verspüren. Das Kind habe sich Kamerädlein gegenüber schon dahin geäussert, dass bei ihnen zuhause nur das Kind Lydia etwas gelte.» Der Brief löst in der «Selnau» Unruhe aus. Man bespricht mit der Pflegemutter den Vorschlag, Diana für ein paar Monate ins kantonale Beobachtungsheim Brüschhalde in Männedorf zur Abklärung zu geben. Frau Winter stimmt zu, stellt ein entsprechendes Gesuch um Umplatzierung, schreibt darin selbstgerecht und verzweifelt zugleich, dass ihr Mann und sie das «Menschenmöglichste» getan hätten, um Diana Vater und Mutter zu ersetzen, aber dass das Kind einfach nicht einsehen wolle, «dass wir nur das Gute mit ihm wollen», und hält, wie immer, abschliessend fest: «Und dann kommen da noch die vererbten Eigenschaften dazu.»

Das offizielle Überweisungsschreiben des Vormunds lässt keine Zweifel offen, dass aus dem «sehr gut aufgehobenen Mündel» ein «ausgesprochener Trotzkopf» geworden ist, ein Mädchen, das «die Nerven ihrer Pflegeeltern auf eine harte Probe stellt», das «Schmerzen erdichte, wozu sie die Anlagen offenbar ererbt» hat. Bemerkenswert ist auch der Fokus des Schreibens, rund zur Hälfte beschäftigt es sich nicht mit Diana selbst, sondern mit der sozialen Herkunft des Kindes, der «pathologischen» Mutter und dem staatenlosen Vater, der «angeblich» in Amerika lebe. Zudem gehen in der Anamnese die zwei Babyjahre auf dem Bigler Möschberg schlicht vergessen. Die Verlängerung der Betreuungszeit bei der Grossmutter von einem auf drei Jahre erleichtert dem Vormund die Schuldzuweisungen: Diana habe bei Mutter und Grossmutter von «zweierlei Verwöhnungen» profitiert, schreibt er. Zudem geht in der fehlerfixierten Wahrnehmung seines Mündels auch die positive Schulentwicklung des Mädchens fast vergessen: «Früher störte Diana auch in Kindergarten und Schule trotz guter Intelligenz auch durch ihr Benehmen, zur Zeit hat die Lehrerin der 2. Klasse, Frl. Lehmann, keine Mühe mit ihr.»

Diana Bach hat dieses belastende, aber auch entlarvende Schreiben gleich drei Mal kopiert und in verschiedenen Themendossiers abgelegt. Es ist für sie ein empörender Tatbeweis, wie aus ihr, dem achtjährigen, zutiefst verstörten und verlassenen Kind, ein genetisch determiniertes, krankes Mädchen mit Charaktermängeln gemacht wurde. Was immer sich ihre verletzte Seele als Ausweg aus der bedrohlichen Kälte suchte, ob Beharren und Schweigen, ob Bauchschmerzen und Erbrechen, ob Weinen oder Versteinern, immer wurden die Symptome in Belege für ihre erblich und milieubedingte Schädigung verkehrt.

In der Kinderpsychiatrie

Am 29. Januar 1957, nach drei leidvollen Jahren, liefert Frau Winter Diana persönlich in der Kinderpsychiatrie in Männedorf ab. Nun wird sie während vierer Monate von geschultem Personal auf ihre behaupteten Mängel hin untersucht. Der Abschlussbericht der beiden zuständigen Ärzte dokumentiert einen fachlich qualifizierten Blick auf Diana und ihre Lebenswelt. Ihre «neurotischen Reaktionen» werden auf die vielen Wechsel in den entscheidenden frühen Jahren zurückgeführt, auf die verschiedenen Mutterfiguren und auf eine ungeeignete Pflegemutter. Man erkennt in dieser «eine nervöse, überempfindliche Frau, welche erzieherisch ungeschickt und überfordernd dem Kinde gegenüber stand und ihm keine richtige Geborgenheit geben konnte», und sieht in Dianas Eifersucht auf deren Tochter eine durchaus verständliche Reaktion, überdies verschärft durch den überraschend platzierten Halbbruder. «Das Mädchen fühlte sich immer mehr vereinsamt», schreibt die eine Ärztin, seine Reaktionen wie Bettnässen, Trotzen, Nägelbeissen werden als «Aggressionen auf kleinkindlicher Stufe» erkannt und treten überdies während ihres Klinikaufenthalts gar nicht mehr auf. Auffällig sei ihr Bestreben, «eine Mutterfigur für sich alleine zu haben», zudem beschäftige das Kind die Frage nach ihrer Herkunft, nach ihrem Vater, und sie vermisse die Grossmutter. «Einzig zu seiner Grossmutter scheint Diana eine tiefere Beziehung zu haben», notiert die Psychiaterin und hält abschliessend fest: «Angst, Vereinsamung sowie Beunruhigung durch die Familienverhältnisse sind die hauptsächlichsten Themen.» Prognostisch zeigen sich die Ärzte vorsichtig mit Blick «auf den frühen Beginn und die lange Dauer der Schädigung», betonen aber «die gute Intelligenz, das kräftige Reaktionsvermögen und die aktive Auseinandersetzungsmöglichkeit des Kindes mit den Problemen», zudem «seine ansprechbare äussere Erscheinung» und die «Lockerung», die Diana in der Brüschhalde nach der anfänglichen Verschlossenheit schon bald einmal zeigt. Auf eine genetisch abgestützte Diagnose lassen sich die Psychiater gar nicht erst ein: «Wie weit bei der pathologischen Persönlichkeit der Mutter und des Vaters die Sensibilität des Mädchens, seine zur Zeit erschwerte Kontakt- und Bindungsfähigkeit teilweise konstitutionell bedingt sind, ist heute nicht sicher zu entscheiden.» Von einer Rückkehr in die alte Pflegefamilie aber raten sie kategorisch ab: «Das Mädchen sollte nun zuerst die Möglichkeit bekommen, eine tiefe Beziehung zu einer Muttererscheinung aufzubauen», erst dann liessen sich «erzieherische Forderungen» stellen, meinen die beiden Gutachter und empfehlen dazu eine «sehr kleine qualifizierte, heilpädagogisch begabte Pflegefamilie oder «ein kleineres, familiär geführtes Heim», nach Möglichkeit ergänzt mit einer Spieltherapie.

Das Gutachten aus der Brüschhalde hat überraschende Momente. Denn bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts blieb die Psychiatrie mit rassenhygienischen und eugenischen Theorien verstrickt, hier aber zeigt sich eine junge Kinderpsychiatrie mit neuem Gesicht, ihre Deutungsmuster sind vor allem entwicklungs- und tiefenpsychologischen Konzepten verpflichtet. Doch diese modernen Interpretationen und Empfehlungen aus Männedorf werden in der armenfürsorgerischen Realpolitik in Bern und Zürich sogleich wieder aufgerieben. Bereits im vormundschaftlichen Bericht zur Schlussbesprechung gewinnt die gen- und defizitorientierte Fixierung wieder Oberhand. Mängel und Fehler von Diana werden – bar jeder Kontextualisierung – breit ausgefaltet: ihr «infantiles Wesen», das «äusserst eifersüchtige Verhalten», ihr «unselbstständiges Wesen». Das Dokument spiegelt eindrücklich den Deutungsradius behördlichen Handelns von damals, die Zuständigen agieren gefangen in der alten, biologistisch verankerten Milieutheorie. Das Wissen der Fachärzte wird dabei übergangen, sozusagen überschrieben, die dezidierte Kritik am pädagogischen Stil der Pflegemutter unterschlagen. Und so kommt der Vormund denn auch zu ganz anderen Schlüssen als die Psychiaterin in der Brüschhalde: «Die neurotischen Reaktionen Dianas machen bei ihrer Abstammung von pathologischen Eltern eine differenzierte Erziehung notwendig», schreibt Herr Murer einleitend im Gesuch um Finanzierung von Dianas neuem Pflegeplatz.

Dabei gehen die praktischen Vorschläge zu Dianas Neuplatzierung – samt der empfohlenen Spieltherapie – nicht vergessen. Allerdings erfahren sie ein nicht unbedeutendes Korrigendum. Die Forderung nach Förderung einer tiefen Mutterbeziehung wird patriarchal ein wenig zugeschliffen. Plötzlich spricht man nicht mehr von einer Mutter, sondern von «Pflegeeltern», aus den «erzieherischen Forderungen» werden «Erziehungsschrauben». Und bereits im nächsten Schreiben wird aus den Eltern prioritär ein Vater. Das hat für die Heimauswahl seine Konsequenzen. Die namentlich empfohlenen Kleinheime kippen aus der Liste, trotz sehr guten Eindrucks beim einen, trotz Führung durch ausgebildete Fachkräfte im anderen Fall, denn leider sind die Heimleiterinnen weiblich, «es fehlt in der Erziehung ein Hausvater». Ausserdem sind die monatlichen Kosten von knapp 200 Franken für Diana «unerschwinglich hoch». Und so kommt es, dass Vormund Murer den finanziell zuständigen Berner Behörden das Kinderheim Villa Wiesengrund in der Ostschweiz vorschlägt. Die rund 170 Franken Kostgeld schrecken die Berner zwar noch immer – in ihrem Kanton sind Heimplätze nur halb so teuer –, aber schliesslich willigen sie mangels Alternativen ein. Zumal im Wiesengrund grossen Wert auf die bei «Dianas Abstammung» so wichtige «Mitwirkung eines Hausvaters» gelegt wird.

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