Kitabı oku: «Anja, Petra und die Pferde»

Yazı tipi:

Lise Gast

Anja, Petra und die Pferde

Drei Geschichten

von Mädchen und Pferden

Saga

Anja, Petra und die Pferde

© 1997 Lise Gast

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711508312

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

Anja und Petra zu Pferde

Ein neuer Plan

Die Sonne mußte vergessen haben, daß es nicht mehr Hochsommer, sondern schon September war. Jedenfalls brannte sie beinahe unerträglich vom Himmel herab. Petra war mit dem Fahrrad zum Reitverein gekommen, Anja im Dauerlauf zu Fuß. Sie trafen sich auf dem kleinen Weg, der von der Bundesstraße abbiegt und „frei für Anlieger“ ist, wie das Schild auswies. Heute sollte Heu eingeräumt werden, da mußten sie helfen. Aufatmend sprang Petra vom Rad und ließ es an die Stallwand fallen.

„So eine Hetze, da bestellen sie einen für zwei, und niemand ist da. Nötig ist das ja nicht. Komm, wir verschnaufen erst mal.“ Sie zog Anja an der Hand mit sich zur Halle hinunter und um diese herum. Dort warf sie sich mit einem Schwung ins Gras, daß sie sich um die Längsachse rollte. Anja hatte sich vorher von ihrer zerrenden Hand befreit und blieb stehen, atemlos wie die Freundin, aber immerhin auf den Beinen.

„Immer mußt du rasen! Wir sind ja zur Zeit da!“

„Ja wieder mal die ersten.“

„Wieder mal“ war übertrieben. Petra zerriß das Zielband zwar meist noch im letzten Augenblick, wenn sie irgendwo angefordert wurde, erreichte es aber so gut wie nie mit Zeitreserve. „Ich muß dir was erzählen, ganz schnell, komm!“

„Ja? Was denn?“

„Was Geheimes.“

„Dann schrei nicht so –“

„Hier hört uns ja keiner. Oder etwa Tante Täubchen? Meinst du, daß sie hinter der Gardine lauert?“ Petra zeigte zu dem Fenster hinauf, hinter dem Frau Taubes Stübchen lag. „Tantchen, huhu! Bist du wach oder träumst du im Mittagsschlaf?“ Sie winkte hinauf.

„Nun sag schon, was du erzählen wolltest!“ drängte Anja und setzte sich neben sie. „Du mußt es ja nicht brüllen. Aber schnell, sonst kommt der Heuwagen doch noch dazwischen.“

„Ja. Also – weißt du, daß Cornelia heiratet?“ Petras Augen waren rund wie Tennisbälle, und das Haar sträubte sich um ihren Kopf. Merkwürdig, so was gab es nur bei Petra; bei keinem anderen Menschen, den Anja kannte, hatte sie das je gesehen.

„Natürlich weiß ich das“, sagte sie und lachte. Es war ja längst klar, daß Cornelia, die von ihnen beiden heißgeliebte junge Ärztin, die so gut ritt und überhaupt in jeder Beziehung bewundernswert war, mit Anjas Onkel Kurt verlobt war. Wer verlobt ist, heiratet eines Tages – das war so klipp und klar und einfach, wie zwei mal zwei vier ist. Aber –

„Aber wann? Das weißt du nicht, bitte sehr! Hättest du mich nicht, würdest du es vermutlich erst am Tag der Hochzeit erfahren haben. Es ist nämlich geheim, ganz geheim –“ Petras Flüstern war bereits wieder so laut, daß man es über den halben Sprunggarten hin gehört hätte, wenn jemand dort stünde. Aber niemand außer ihnen war da. Ein Glück.

„Cornelia will nicht, daß es jemand erfährt. Warum, ahne ich nicht“, sprudelte es aus Petra heraus, „aber wir müssen trotzdem was ganz Großartiges anstellen zu dieser Hochzeit. Etwas, das noch nie da war. Weißt du was?“

„Ich? Wie soll ich denn – du hast doch immer die tollen Ideen“, sagte Anja.

Das war kein Witz und keine Ausrede. Petra sprühte vor Ideen, immer schon, seit sie einander kannten. Anja machte dann mit, folgte der Freundin treulich, fand alles wunderbar, aber der geistige Urheber der Ideen war so gut wie immer Petra.

„Weißt du, ich hab’ mir schon was überlegt – bei Hochzeiten von Reitvereinsleuten bilden die Reiter manchmal Spalier vor der Kirche, stehen rechts und links, die Pferde geschmückt – oder –“

„Oder sie reiten zur Trauung?“ fragte Anja. Petra hob die Schultern.

„Hab’ ich noch nie erlebt. Oder – nein, weißt du, warum der Reitverein nichts davon wissen soll? Vielleicht deshalb, weil Onkel Kurt nicht reitet. Darum will Cornelia es geheimhalten.“

„Hm.“ Das konnte Anja verstehen. „Und seine hundert Hündchen können nicht Spalier bilden, das ist klar.“

Sie lachten beide. Onkel Kurt war Tierarzt und züchtete Hunde, besser: Hündchen, ganz kleine, sie heißen Chihuahuas und haben komische kleine Tütenohren, das heißt, für die Köpfe sind diese Ohren nicht klein. Sie stehen hoch und geben den Tierchen einen sehr lustigen, aufmerksamen Ausdruck. Die beiden Mädchen fanden die winzigen Hunde rein zum Verlieben. Aber Spalier bilden konnten sie wirklich nicht.

„Das würde Jahre dauern. Und so lange sollen Cornelia und Onkel Kurt nicht warten müssen mit der Hochzeit“, sagte Petra. „Nein, wir müssen uns etwas anderes ausdenken. Wenn Onkel Kurt schon nicht reitet, vielleicht könnte er in die Kirche fahren, mit Pferden, das wäre doch wunderschön! Das würde Cornelia ganz toll finden, und bei ihm merkte man nicht, daß er nicht reiten kann.“ Petra fand, daß ein Mensch, der nicht ritt, schrecklich mangelhaft sei. Anja war derselben Meinung.

„Fahren? Da müßte man Herrn Taube fragen.“ Herr Taube war ihr Reitlehrer, eine ziemliche Respektsperson. Sie sahen einander nachdenklich an. Ob er es erlauben würde?

„Etwa mit Kerlchen? Im Dogcart?“ fragte Anja nach einer Weile hinterhältig. Petra fuhr auf.

„Immer legst du den Finger auf den wundesten Punkt, das ist geradezu brutal von dir“, sagte sie – so hatte ihr Vater einmal gesagt, als er sich über Mutter entrüstete, die ihn ein wenig damit aufzog, daß er gern gut aß, „weil ich damals Pech hatte und der Dogcart umflog, und überhaupt warst du nämlich genauso schuld. Wenn du –“

„Ich! Wieso ich?“ konterte Anja entrüstet, „ich bin ja nur mitgefahren und unschuldig wie ein neugebornes Fohlen. Du warst es, die Kerlchen –“

Sie lachten beide. Jene nicht ganz nach Plan verlaufene Fahrt mit dem alten, treuen Isländer Kerlchen, den sie heimlich eingespannt hatten, stand ihnen beiden noch deutlich vor Augen. Petra hatte kutschiert und beim Wenden die Kurve zu eng genommen, der Wagen kippte, Kerlchen wollte heim, und Anja hing eine Weile hinten an dem umgestürzten Gefährt, bis sie loslassen mußte und eine tolle Bauchlandung machte, wobei sie ihre Nase genau in den einzigen Knetelhaufen bohrte, der am Wege lag. Das vor allem hatte Petra sehr amüsiert.

„Nächstes Jahr fahr’ ich, und du hängst hinten dran“, grollte Anja.

„Na schön, aber ohne das Brautpaar. Es bedeutet zwar Glück, wenn es in die Brautkrone oder den Brautkranz regnet, aber ob es Glück bringt, wenn man mit der Hochzeitskutsche umfällt, weiß ich nicht. Außerdem müßte man mindestens zweispännig fahren an solch einem Tag!“

„Was heißt ‚mindestens‘? Mehr als zweispännig hab’ ich hier noch keine Kutsche gesehen.“

„Gerade deshalb! Eine Troika haben wir nicht, also müßte vierspännig gefahren werden –“

„Vierspännig? Wunderbar! Vier silbern glänzende Schimmel“, sagte Anja verträumt.

„Und eine Kutsche aus Glas“, fuhr Petra im selben Ton fort, „und ein Prinz darin, neben Cornelia, im dunklen Anzug und mit Brille.“ Onkel Kurt war Brillenträger. „So was hab’ ich mir immer erträumt.“

„Egal, ob Brille oder nicht. Brille ist kein Charakterfehler“, sagte Anja ärgerlich, weil sie aus ihrem Traum gerissen worden war. „Onkel Kurt ist schon in Ordnung, soweit ein Nichtreiter das sein kann. Aber woher nehmen wir den Vierspänner?“

Ja, das war ein Problem. Petra versank in Gedanken, während sie zwei Äpfel aus der Hosentasche grub. „Hier hast du einen. Ich kann am besten nachdenken, wenn ich esse.“ Sie warf Anja einen Apfel zu, die ihn geschickt auffing, und biß in den anderen. „Wir müssen mal richtig überlegen. Früher gab es keine Pferde – ich meine, in der Zeit, in der die Bauern anfingen, alles mit dem Trecker zu machen, und überall wurde gejammert: ‚Das Pferd muß bleiben!‘ Jetzt gibt es überall wieder welche, wenn auch keine Arbeitspferde. Um so besser. Wir wollen Cornelia ja auch nicht mit Hüh und Hott und Peitsche von riesigen Ackergäulen zur Kirche zerren lassen. Nein, elegant muß es aussehen, und alle Leute sollen Stielaugen machen, und die Presse muß da sein und klicken, oder auch das Fernsehen –“

„– und wir auf dem Bock. Du kutschierst, und ich sitz’ neben dir, mit übereinandergeschlagenen Armen, wie beim Turnier, wenn die Zweispänner hereinfahren –“

„Ja. Wunderbar! Nur – ob man uns die Pferde anvertraut? Geborgte, meine ich? Pferdebesitzer sind oft schwer davon zu überzeugen, daß man fahren kann –“

„Kannst du denn? Ich meine: vierspännig?“ fragte Anja.

„Eben nicht. Vielleicht kann man es bis dahin noch lernen!“

„Bis – ja, wann heiraten sie denn? Kennst du das Datum?“

„Nein, aber Vater sagte was von vier Wochen – er wußte nicht, daß ich zuhörte. Ist denn so was ein Geheimnis? Ich finde nicht.“

„Ich auch nicht. Na, ich werd’ es schon ergründen. Du, da kommt der Wagen. Auf, los, erst mal an die Arbeit. Dort kommt auch Gero. Na, mit solch großer Hilfe –“

Gero war klein, kleiner als die Kameraden seines Alters, ritt aber ordentlich. Man darf niemanden wegen seiner Körpermaße auslachen oder verspotten, das tat Petra auch nicht. Sie grüßte und kletterte dann die Leiter zum Heuboden hinauf, Gero und Anja hinterher. Und nun wurden Ballen aufeinandergesetzt. Das war schwere Arbeit, und die Kinder schwitzten und waren froh, als auch noch zwei erwachsene Reitvereinsmitglieder dazukamen. Herr Anders, der Pferdepfleger, reichte die Ballen durch die Luke hinauf. Keiner redete dabei, alle waren froh, genug Atem für die Arbeit zu haben. Ja, Reiterleben ist hart.

Aber schön! Nicht nur das Reiten selbst, auch das Schuften für die Pferde. Als der Wagen leer war, fühlten sie sich zwar wie durch den Fleischwolf gedreht, so sagte Petra, aber sehr befriedigt.

„Wir gehen noch nicht heim. Komm, ich lade dich zu einem Sprudel ein.“

Sie liefen zur Baracke hinüber, zogen sich jeder einen Sprudel aus dem Automaten und setzten sich auf den Tisch, die Beine herunterbaumelnd. Oh, wie es zischte, wenn man trank, so durstig machte das Heueinräumen. Wirklich, wie im Hochsommer!

„Aber jetzt weiß ich was!“ sagte Petra und stieß die Luft aus, nachdem sie die Flasche leergesogen hatte. „Jetzt ist mir was eingefallen! Vierspännig – ich weiß jemanden, der vierspännig fährt, wenigstens manchmal. Wenn auch nicht mit Pferden. Sondern –“ Sie sah Anja auffordernd an, als wäre sie die Lehrerin und Anja müßte antworten. „Mit –“

„Mit Ziegenböcken etwa? Womit kann man denn fahren außer mit Pferden“, sagte Anja ärgerlich. „Los, raus damit!“

Petra sah sie strafend an. „Nicht so vorwitzig! Deine Bildung ist recht lückenhaft! Man kann beispielsweise mit Kühen fahren, wenn das jetzt auch kaum mehr ein Bauer tut, oder –“

„Mit Eseln?“

„Ja, auch mit Eseln. Ich meine aber was anderes. Hast du schon mal das Wort Pony gehört?“

„Pony? Kleine? Klar, aber das sind doch auch Pferde, und –“

„Ja, natürlich. Quatsch beiseite, ich weiß einen Hof, wo es Ponys gibt. Gar nicht sehr weit von hier. Eine Ponyfarm. Wir sind den Leuten vor ein paar Jahren mal im Winter begegnet, als es viel Schnee gab. Vater fuhr uns im Wagen, denn wir suchten einen Hang, wo man Schilaufen üben konnte, einen Hang ohne Bäume für die ersten Anfänge. Mein Bruder war damals noch klein. Und da trafen wir einen Ponyschlitten. Eine junge Frau fuhr ihn, vierspännig. Der Mann und drei kleine Jungen saßen mit drin. So was Nettes! Die Ponys waren winzig, etwa so hoch –“ Sie maß vom Boden etwa einen Meter ab. „– zwei gescheckte und zwei schwarze. Dick bepelzt, Ponys leben auch im Winter im Freien, und da wächst ihnen ein dickes Fell. Und sie hatten einen wilden Busch über der Stirn und lange, lange Schweife. Die vier trugen rote Ledergeschirre, das sah toll aus. Auf den Rücken hatten sie ein Geläute, das herrlich klangvoll tönte. Nicht bimmelte, sondern tönte, im Dreiklang abgestimmt. Und die junge Frau hatte rote Backen und eine knallblaue Mütze auf dem Kopf und lachte uns zu, als wir winkten – ich wäre am liebsten aus dem Auto gesprungen und bei ihr mitgefahren, so gut gefiel mir das. Ich habe mich dann erkundigt, woher diese Leute stammen, und bekam es auch raus. Natürlich wollte ich sofort hin, um sie kennenzulernen. Vorsichtshalber rief ich an, aber da sagte mir jemand, es paßte jetzt nicht, ich sollte später noch mal nachfragen. Später war ich dann weg, in den Ferien, wie so was eben geht. Aber der Name fällt mir bestimmt wieder ein! Wir müssen einfach mit der Frau reden, Anja.“

„Du, da fällt mir was ein.“ Anja machte große, nachdenkliche Augen. „Ich hab’ da neulich mal ein Bild in der Zeitung gesehen, das muß derselbe Schlitten gewesen sein. Darin saß aber ein Mann. Der brachte den Weihnachtsmann in die Stadt, auch mit einem Ponyschlitten, aber nur zweispännig. Vielleicht war das der Mann der jungen Frau. Meinst du nicht auch, daß das sein kann?“

„Na sicher! So was gibt’s nicht oft. War der Schlitten rot? Ach so, in der Zeitung sieht man das ja nicht. Aber an den Ort erinnere ich mich jetzt wieder. Wir sehen mal im Telefonbuch nach.“

„Aber –“ Anja starrte die Freundin an.

„Was denn schon wieder für ein Aber?“ fragte Petra ärgerlich. „Immer hast du ein Aber, beinahe schon, als wärst du erwachsen. Die sehen doch auch überall nur Schwierigkeiten.“

„Ich meine nur, wir haben doch keinen Schnee. Und Cornelia heiratet diesen Herbst –“

„Schlaumeier! Wer einen Ponyschlitten hat, wird wohl auch einen Wagen haben. Eine Kutsche. Oder mehrere. Schnee ist ja, Gott sei’s geklagt, seit einiger Zeit Mangelware und wird nur wenige Wochen im Jahr gereicht. Das find’ ich schade, ich hab’ den Winter lieber als den Sommer. Da ist es bloß heiß, und die Fliegen plagen die Pferde, und –“

„Ja, ich mag den Winter auch mehr. Und den Herbst. Den Herbst, wenn Jagden geritten werden. Ob wir dieses Jahr schon mitdürfen?“

„Zur richtigen Jagd? Du bist bekloppt! Kannst froh sein, daß du voriges Frühjahr wenigstens so eine Art Jagd mitreiten durftest. Das war ein ganz großes Glück.“

„Als du den Affen fingst –“

„Richtig, ja. Du, den müssen wir wieder mal besuchen, ach, war der süß! Und Gero ist damals beinahe ertrunken. Wenn Cornelia nicht gewesen wäre –“ Sie saßen und schwatzten, Gero kam herein und gesellte sich zu ihnen. Sie vergaßen die Zeit über lauter Weißt-du-Nochs. Ach ja, nirgends war es so schön wie im Reitverein!

Großer Spaß mit kleinen Pferden

Sie hatten versprechen müssen, nicht die große Straße zu fahren, wo die Autos einander jagten und man nichts als Auspuffgase schluckte. Die Feldwege waren trocken und hart, und wenn man nicht in die ausgefahrenen Spuren kam, radelte es sich ganz gut. Einmal ging Petra zu Boden, als sie nicht aufpaßte – sie hatte einem Keil Wildgänse nachgesehen, der am Himmel entlangzog.

„Meine älteste Schwester ist nach ihrem Abitur nach Schweden gefahren“, erzählte sie, als sie wieder auf dem Rad saß, „sie wollte etwas von der Welt sehen. ‚Folg der Vogelfluglinie!‘ riet ihr meine Mutter. ‚Das ist die schönste Tour, die man dort machen kann.‘ ‚Ach nein‘, jammerte Martina. Meine Mutter war erstaunt: ‚Warum denn nicht?‘ ‚Ach weißt du, mit den Wildgänsen fliegen, dazu hab’ ich keine Lust!‘ sagte meine Schwester. Du kennst doch sicherlich das Buch vom Nils Holgersson.“

Anja lachte.

„Natürlich. Jetzt sind wir bald da!“

Sie überquerten die Straße, fuhren einen kleinen Weg an Tennisplätzen entlang und kamen dann in einen Hof, in dem rechts ein Brunnen stand. Er plätscherte vor sich hin, richtig romantisch. Links und rechts lagen kleine alte Fachwerkhäuser, gegenüber eine Scheune. An der rankte sich Wein empor. Drei Hunde standen auf dem Hof und sahen ihnen entgegen: ein Basset, niedrig, lang, schwarzbraunweiß gefleckt, ein kohlschwarzer Riesenschnauzer und einer, dessen Rasse Petra nicht feststellen konnte. Vielleicht war sie überhaupt nicht festzustellen, auch von Kennern nicht, besser: von Kennern erst recht nicht. Der große schwarze Schnauzer fing jetzt an zu bellen, tief, grollend. Petra und Anja sprangen vom Rad und blieben stehen.

Aus dem linken Fachwerkhaus ertönte jetzt ein „Tina, hierher!“, und der Schwarze verstummte. Eine junge Frau trat in die offene Tür, in Jeans und einem bunten Hemd, und winkte den beiden.

„Kommt, sie tut euch nichts, wenn ich dabei bin.“ Petra und Anja folgten. Die Frau führte sie in eine niedrige Küche, und die Hunde folgten. Die Küche war holzgetäfelt und richtig gemütlich, fanden die beiden Mädchen sofort. Am Tisch saß ein kleiner Junge und blies Blockflöte, immerzu dieselbe Zeile einer Melodie, die sie auch kannten; ein anderer kroch auf der Erde einer Katze nach, ein Gipsbein hinter sich herziehend. Der dritte hatte eine Trillerpfeife im Gang, die einem in die Ohren gellte. Tina murrte und grollte noch, und auf dem Herd zischte es. Die ganze Küche roch nach Birnen und Zimt, herbstlich süß, und nach Pferden. Der Hausherr, ein junger Mann mit dunklem Haar und freundlichem Gesicht, stand am Tisch und versuchte mit einem Brotmesser eine Schraube an einem Türschloß zu lösen.

„Warum nimmst du nicht den Schraubenzieher?“ fragte seine Frau, und er antwortete friedlich:

„Weil ich ihn doch nicht finden kann, Stine, mein Goldkind.“ Petra mußte herzhaft lachen. Sie wußte ganz genau, wie sehr sich ihr Vater immer ärgerte, wenn jemand sich erfrecht hatte, an sein Handwerkszeug zu gehen. Lag das nicht genau an seinem vorbestimmten Platz, so gab es ein furchtbares Donnerwetter.

„Warte, hier. Ich hatte –“ Stine griff hinter sich und reichte ihm dann einen Schraubenzieher, der in einer der Pellkartoffeln gesteckt hatte, die dampfend in einem Topf auf dem Herd standen. „Ich wollte sehen, ob sie gar sind.“

„Danke. Ja, so geht’s besser. Und was möchte unser lieber Besuch?“

„Wir möchten – wir haben angerufen“, schoß Petra los, „wir haben Sie mal vierspännig fahren sehen, mit dem Pferdeschlitten – mit Ponys –“

„Ach so.“ Holle, damit war Stines Mann gemeint, legte die Schraube auf den Tisch und das Türschloß daneben. „Ich weiß. Stine, diese beiden jungen Damen möchten eine andere junge Dame vierspännig zur Hochzeit fahren.“

„Hoffentlich auch einen jungen Herrn dabei“, sagte Stine vergnügt. „Wo, wann, wen?“

Petra berichtete, und Anja gab immer einmal ein Wort oder einen Satzteil dazu. Hier waren sie richtig, merkten beide schnell, hier würden sie mit ihrem Wunsch Verständnis finden. Das junge Ehepaar mit den drei kleinen Jungen schien daran gewöhnt zu sein, daß man sie um merkwürdige Dinge bat, die die Ponys betrafen, und Stine stellte den Topf mit den Kartoffeln erst einmal zum Abkühlen vors Fenster. Sie sagte:

„Kommt! Ihr wollt doch sicherlich die Ponys sehen.“

Anja und Petra nickten begeistert. Der älteste der drei kleinen Jungen, Johannes, genannt Jo, legte die Flöte weg und Moritz, der Trillerpfeifer, sein Lärminstrument ebenfalls. Da schrie auch der mit der Katze, Thomas, der jüngste, er wolle mit. Petra angelte ihn unterm Tisch hervor und nahm ihn auf den Arm. Himmel, war das Gipsbein schwer!

„Du kannst ihn noch nicht tragen“, mahnte Stine besorgt.

„Wohl kann ich!“ eiferte Petra, ihn hochhievend, „ich hab’ auch einen kleinen Bruder zu Hause, den ich manchmal rumschleppen muß, auch ohne Gipsbein ist der schwer –“

Stine lachte und half ihr, den Kleinen auf den Rücken zu nehmen.

„Huckepack mag es gehen, ja, so. Nun kommt. Die Ponys sind auf der Koppel, sie müssen sowieso rein. Wir haben sie im Elektrozaun, und der muß umgesetzt werden.“

„Wir helfen!“ sagten Anja und Petra sofort. Sie gingen über den Hofplatz an einem niedrigen selbstgebauten Stall entlang und dann einen schmalen Weg, der zum Wald führte. Nach etwa achthundert Metern sahen sie die Ponys von weitem auf einer Wiese stehen. Da rannte auch Petra mit ihrem Gipsbein-Jungen auf dem Rücken los. Wer kann schon langsam gehen, wenn er eine Herde winziger Ponys sieht, dick bebuscht, die Nasen sofort wendend, als sie Menschen und Hunde kommen hörten.

„Nein, so was Hübsches! So was Nettes! Nein, sind die süß!“ rief Anja, und Stine begann sogleich Namen zu nennen und Eigenschaften aufzuzählen: Lettchen war die älteste, dreiundzwanzig Jahre alt, aber beim Ziehen noch fleißig und vorbildlich; Erie, der kleine Schimmel, manchmal frech und im Geschirr etwas faul, aber gut zum Reiten; Nikolo, jener Scheck, noch jung und eben erst eingefahren; Peuke zuverlässig unterm Reiter und unermüdlich. Der Stolz der Herde, der weiße Hengst Winnetou, stand ein wenig abseits und beobachtete seine Herde mit ruhiger Würde. Dann gab es noch ein paar Halbwüchsige, zwei Jährlinge und zwei Zweijährige.

„Dürfen wir sie reinführen?“ fragten Petra und Anja wie aus einem Munde.

„Führen? Wir reiten sie immer rein“, antwortete Jo ein wenig von oben herab, „oder wollt ihr lieber nicht?“

Und ob sie wollten! Stine lachte zwar und warnte sie.

„Sobald ich den Zaun aufmache, gibt’s ein großes Wettrennen nach Hause, wo sie Kraftfutter und Lecksteine vermuten. Traut ihr euch zu, oben zu bleiben? Reiten tut ihr doch, im Reitverein, sagte Holle. Also?“

„Auf einem Pony hab’ ich noch nie gesessen“, gab Anja zu, „aber schwieriger als Pferde sind sie doch sicherlich nicht, oder?“ Sie wollte natürlich unter gar keinen Umständen zurückstehen. Petra hatte schon auf kleinen Pferden gesessen, wie sie sagte.

„Galopp ist doch leicht. Wenn sie wirklich sofort angaloppieren –“

„Das tun sie, darauf könnt ihr euch verlassen. Also, wer nimmt wen?“

„Ich die Erie, bitte, bitte –“

„Ich den Peuke –“

„Ich –“ schrien die kleinen Jungen durcheinander und hopsten an Stine hoch. Die nahm Petra erst einmal den kleinen Gipsbeinigen vom Rücken. Aber der schrie Protest und zappelte und wollte auch reiten.

„Also, Augenblick. Ich schalte zunächst den Strom aus.“ Stine ging an den Zaun, wo die Batterie stand und sich am Draht ein Griff befand, knipste an dem Kasten und fühlte dann am Draht.

„So, in Ordnung. Nun rauf auf eure Rösser! Jo, du nimmst am besten Winnetou, mit dem können die andern nicht.“ Jo war schon unterm Draht durchgeschlüpft und beim Hengst angelangt. Wupp, saß er drauf.

„Und Mo den Nikolo –“

„Ja, reitet ihr denn ohne Zügel?“ fragte Anja etwas perplex. Daß man diese kleinen Pferde nicht sattelte, hatte sie erwartet, aber ohne Zügel – da wußte man doch gar nicht, wohin sie liefen.

„Die laufen zum Stall, unter Garantie!“ Stine lachte. „Festhalten muß man sich an der Mähne. Dazu hat der liebe Gott sie ja wachsen lassen.“

Ja, wenn man die Mähnen der kleinen Pferde mit denen der großen verglich, dann konnte man allerdings sagen: Hut ab! Das waren dicke, meist nach beiden Seiten herabhängende Mähnen, struppig und ein wenig gewellt, hart anzufassen. Stine war seitlich über den Zaun gesprungen, ging zu Peuke, einem breiten kleinen Sommerrappen ... und faßte ihn vorn an seinem dicken Schopf. „So, steh schön, mein Dicker, und du steig auf. Auf so einen kommst du auch ohne Bügel“, sagte sie freundlich zu Anja, „ich halt’ ihn solange.“

Petra hatte sich bereits eiligst, als habe sie Angst, daß doch noch ein Nein kommen könnte, auf den Scheck geschwungen. Moritz sprang gerade auf Lettchen. Da gab sich Anja einen Ruck und stemmte sich – komme, was wolle – auf Peuke.

Natürlich kommt man auf ein so kleines Pferd ohne Bügel leichter als auf ein großes mit Bügel, aber ein Ruck gehörte bei Anja schon dazu. Stine, den kleinen Thomas auf dem Rücken, Peuke neben sich herführend, fragte noch: „Alles klar?“ und ging zum Eingang in dem Zaun, hakte den Griff aus und trat zur Seite, Peuke vorläufig noch festhaltend. Sogleich kam Winnetou angeschossen, seinen kleinen Reiter auf dem Rücken, und lief schräg durch die Öffnung, Richtung Heimat. Nikolo folgte, Petra auf sich; die hatte die Knie eng angeklemmt und beide Hände in der Mähne. Anja sah ihr lachendes Gesicht an sich vorbeisausen, den Mund halb offen, in den Augen blitzte es.

Da gab es auch für Peuke kein Halten mehr. Stine gab seinen Busch frei, und schon ging er im Galopp los. Anja dachte zuerst, sie flöge im allerersten Moment schon von seinem Rücken, weil er die Kurve so eng nahm. Blindlings griff sie nach vorn und krallte sich in die starren Mähnenhaare und kam wieder ins Gleichgewicht. Neben ihr jagte Mo auf Lettchen. Es ging über eine Wiese, dann einen kleinen Hang schräg empor, hinauf auf die schmale Straße, die sie vorhin gefahren waren.

„Er wird schon wissen, wohin es geht“, dachte Anja verweht, während sie nur darauf bedacht war, im Sitz zu bleiben. „Wer ist denn da abgeschmiert?“ Neben ihr galoppierte ein lediges Pony – es war aber, wie sich später herausstellte, eins der Zweijährigen. „Hoffentlich ist der Stall offen, damit ich nicht an die Tür fliege, wenn Peuke stoppt!“

Sie sah Petra auf Nikolo vor sich, gleich darauf ging es nach links, da bremste Peuke tatsächlich. Er bremste aber nicht mit einem Ruck, sondern verlangsamte seine Galoppsprünge allmählich; Anja hatte sich bereits auf ihn eingestellt und blieb oben. Jetzt kam links eine offene Stalltür, Anja duckte sich tief – „nur nicht mit dem Kopf an die obere Türleiste knallen“ – und war drin. Hier allerdings hielt Peuke auf der Stelle, und da gab es kein Obenbleiben mehr. Anja flog bltzschnell über seinen Kopf hinweg und landete in einem Haufen Grünfutter, das in der Ecke des Stalles abgelegt worden war. Aufatmend wälzte sie sich herum, wischte sich über das Gesicht und richtete sich auf.

„Na? Glücklich gelandet?“ fragte Petra, während sie sich von Nikolo schwang, und betrachtete Anja vergnügt. „Alles noch dran? Dann komm, wir haben versprochen, Stine zu helfen, wenn sie den Zaun umsetzt. Du kannst hier nicht hocken bleiben und darüber rätseln, wie es kam, daß du eine Luftreise gemacht hast.“ Sie hatte Anjas Hand ergriffen und zerrte sie empor. Anja folgte, leicht benommen. Die beiden kleinen Jungen waren abgesessen und verteilten das Grünfutter in die verschiedenen Raufen. Petra und Anja halfen. Und dann liefen sie zu viert wieder hinaus auf die Weide.

Zaunumsetzen ist bei schönem Wetter ein Vergnügen, bei Kälte, Regen oder großer Hitze weniger. Jetzt aber war es herrlich. Einer wickelt den Draht auf, die anderen ziehen die metallenen Pfosten aus der Erde und schleppen sie dahin, wo der Zaun neu aufgebaut wird. Je mehr Hände, desto schnelleres Ende. Stine holte die Batterie, die für die kleinen Jungen zu schwer war, und nun wurden die Pfosten neu gesteckt – alle zwölf Schritte einer – und der Draht daran entlanggezogen.

Jo, der schon glücklicher Besitzer einer Armbanduhr war, kontrollierte die Zeit.

„So schnell ging es noch nie!“ triumphierte er, und Stine sagte: „Wir sind ja auch zwei Leute mehr als sonst. Wenn ihr beiden nicht wärt –“ Anja und Petra lachten geschmeichelt.

„Achtung, weg vom Zaun. Ich probiere.“ Stine schaltete ein, nahm dann einen Grashalm und hielt ihn an den Draht.

„Er tut es“, sagte sie.

„Und warum fassen Sie den Draht nicht richtig an?“ fragte Petra begierig.

„Du kannst es ja versuchen.“ Stine lachte. Petra griff zu – und hopste gleich darauf laut schreiend auf einem Bein herum.

„Der tut es wahrhaftig!“ rief sie. „Ich hab’ einen Schlag bekommen, nicht von schlechten Eltern –“

„Man erschrickt“, sagte Stine, „passieren tut aber nichts.“ Und nun marschierten sie alle miteinander zurück.

„Morgen früh kommen sie wieder hinaus“, sagte Stine, „das machen die Jungen allein. Um diese Jahreszeit reiten sie sie stets vor der Schule hinaus, das ist ein guter Tagesanfang.“

O ja, davon waren Anja und Petra überzeugt. Jo, Mo und To hatten es gut in ihrem Zuhause, ohne Zweifel.

„Auch, wenn sie im Winter die schweren Wassereimer schleppen oder gefrorenen Mist aufladen und fortkarren müssen?“

„Auch dann! Es gibt ein chinesisches Sprichwort, das heißt: Dreierlei Arbeit schändet nicht, die für den Vater, die für den Sohn und die fürs Pferd.“

„Stimmt. Und fürs Pferd tut ihr alles, gelt? Wie ist das aber mit der für den Vater?“ fragte Stine und lachte. „Immer bereit, wenn er bittet? Na, schön wär’s. Daß man fürs Pferd gern zufaßt –“

„Das haben wir immer getan. Wir sind –“ und nun erzählten sie von den Ferien, die sie bei Dagmar erlebt hatten, mit aller Arbeit und Sorge um Pferde und Hunde, und Stine fragte nach Dagmars Nachnamen, und da stellte sich heraus, daß sie sie kannte.

„Ist Ströppchen noch bei ihr – ja? Und Lotte? Die hab’ ich auch geritten, und noch ein drittes Pferd hatten sie –“

„Pußta, die ist auch noch da! Die kenn’ ich persönlich!“ rief Petra. „Die hat mich gleich beim ersten Mal abgesetzt.“

„Mich auch“, fiel Stine ein und lachte. Und dann mußten sie noch zum Abendbrot bleiben und Holles Most probieren. Es war ein herrlicher Nachmittag, nur viel zu schnell vorbei. Auf einmal war es dunkel – im September sind die Tage ja schon kurz –, und als Anja auf die Uhr sah, wurde sie fast ohnmächtig vor Schreck. Nun mußten sie wieder einmal zu Hause anrufen, daß sie später kämen, sie hätten eine Panne gehabt. Bei Anja meldete sich allerdings niemand.

„Die Panne war, daß Stine so nett ist und man bei ihr die Zeit vergißt, das reimt sich, also ist es wahr“, sagte Petra.

„– und so verzögerte es sich etwas, aber passiert ist nichts, nur keine Angst.“

Sie sahen einander an, als Petra aufgelegt hatte. Zum wievielten Mal hatten sie so etwas durchgeben müssen?

„Warum wird’s auch so zeitig finster“, murmelte Anja kleinlaut. Petra aber gab ihr einen Stoß.

„Das holen wir wieder ein. Los, jetzt wird geradelt wie vorhin geritten: im Galopp, im sausenden –“

Was blieb ihnen auch übrig? Nur, leider, die Zeit überholen kann man nicht.

Wenn man zu spät kommt ...

Das Küchenfenster war dunkel, also saßen die Eltern vermutlich im Wohnzimmer. Anja ließ das Fahrrad stehen und sprang die Stufen zur Haustür hinauf. Sie wollte gerade läuten – da sah sie im Licht der Straßenlaterne einen Zettel neben dem Klingelknopf hängen. Nanu –

Sie riß ihn ab, versuchte zu lesen, was drauf stand, und ging dann damit noch ein Stück zurück, um besseres Licht zu haben. Vaters Schrift, groß und deutlich:

„Schlüssel bei Frau Schubert. Komme gegen neun. Vater.“ Nicht: „Gruß – Vater“, wie er sonst in solchen Fällen zu schreiben pflegte, wenn er einmal eine Botschaft hinterließ. Anja stand da und überlegte.

Es war acht. So spät sollte sie nicht nach Hause kommen, aber vielleicht war Vater schon um sechs weggegangen? Wo aber war Mutter? Mutter verließ doch abends nicht ihre beiden kleinen Jungen!

Anja ließ den Zettel sinken und ging damit langsam zum gegenüberliegenden Haus. Vielleicht wußte Frau Schubert Bescheid. Dort war Licht. Sie läutete.

Eigentlich wußte sie schon die ganze Zeit, daß etwas Schlimmes sie erwartete; es saß in ihr, sie wollte es nur nicht wahrhaben. Daß es aber etwas so Schreckliches sein würde, das hatte sie nicht vermutet.

„Ja, komm rein, du armes Kind. Komm, dein Vater war hier. Ich soll dir alles erzählen. Komm –“

„Was denn alles?“ fragte Anja bang.

„Nun, daß deine Mutter – sie mußte ins Krankenhaus. Es war ganz schrecklich eilig, hoffentlich hat es noch gelangt. Akuter Blinddarm – vielleicht ist sie schon operiert. Sie hatte schlimme Schmerzen, aber gewartet hat sie doch, weil sie nicht wußte, wohin mit den Kleinen –“

Anja konnte Frau Schubert sonst ganz gut leiden. Die schwatzte zwar gern, redete und redete, so daß auch Mutter manchmal die Geduld ausging, aber sonst war sie gutmütig. Sie legte den Arm um Anjas Schulter und zog sie ins Haus hinein.

„Die Kleinen hab’ ich hier. Sie schlafen. Erst hat der eine furchtbar gebrüllt und den andern geweckt, der schon eingeschlafen war, und dann –“

„Und was ist mit Mutter? Der Blinddarm?“ konnte Anja endlich fragen, als die Nachbarsfrau einmal kurz Luft holte. „Blinddarmentzündung?“

„Ja, ich sagte doch schon – dein Vater ist mitgefahren, und weil du nicht kamst, hat er mir schließlich die Jungen gegeben. Aber so was kann schlimm ausgehen, wenn es zu spät ist –“

„Meinen Sie – glauben Sie –“ Anja sah zu Frau Schubert auf, schneeweiß im Gesicht. Ihre Augen waren jetzt vollkommen schwarz.

„Natürlich, Blinddarm ist so eine Sache. Aber – nein, nein, denk nur nicht so was. Vielleicht sind sie ja noch rechtzeitig gekommen.“

„Mit dem Krankenwagen?“

„Ja. Und dein Vater –“

Anja verstand nicht mehr, was Frau Schubert weitererzählte. Sie saß wie versteinert auf der Küchenbank und hatte, beide Fäuste geballt an den Mund gedrückt. „Weil du nicht kamst –“ hatte Frau Schubert gesagt.

Deshalb hatte Vater die beiden Kleinen in ihre Obhut geben müssen. Sonst hätte er sie drübenlassen können. Und dann wären sie vielleicht eine Stunde eher losgefahren – lieber Gott, wenn es nun an dieser Stunde hing.

Und Vater war nicht da. Wer weiß, wann er zurückkam – auf dem Zettel stand „gegen neun“.

Vater! Er war nicht ihr richtiger Vater. Mutter hatte ihn vor ein paar Jahren geheiratet, nachdem sie Witwe geworden und ziemlich lange mit ihr, Anja, allein gewesen war. Sie hatten zu zweit in der Stadt gelebt und waren erst später mit Vater hier herausgezogen in das kleine Reihenhaus in der Siedlung, nahe dem Reitverein. Dann hatte Mutter die beiden kleinen Jungen bekommen, die Zwillinge, Reinhold und Volker. Nun waren sie schon über ein Jahr lang eine richtige Familie, drei Kinder, Mutter und Vater. Und Vater – das hatte sie immer schon einmal gedacht, wenn auch nie ausgesprochen – war wahrhaftig kein Stiefvater, im Gegenteil. Er war ein großartiger Mann, ruhig, geduldig, mit einem freundlichen Humor auch dann, wenn er eigentlich allen Grund hätte, ärgerlich zu sein. Das war Anja bewußt. Wie oft ärgerte sich Mutter über Anja, obwohl sie doch die richtige Tochter war. Vater aber hatte so viel Fingerspitzengefühl, allem Scharfen und Häßlichen die Spitze abzubrechen, er redete zum Guten, wendete alles ins Lustige, Freundliche. Wie oft und wie herzlich er immer und immer wieder zu Anja gehalten hatte, ging ihr eigentlich erst jetzt auf.

Und Mutter!

„Hatte sie dolle Schmerzen?“ fragte Anja nach einer Weile zaghaft. Frau Schubert nickte wichtigtuerisch und eifrig. Anja konnte sie auf einmal nicht ausstehen.

„Ja, ja, sehr. Aber sie wollte partout nicht fort, immer hat sie gejammert, sie wolle bei den Kindern bleiben –“

„Und hat sie – hat sie was von mir gesagt?“ fragte Anja leise, angstvoll.

Frau Schubert schüttelte den Kopf. „Och nee. Eigentlich nicht. Wegen der Jungen hat sie gejammert, und daß ich gut auf sie aufpassen soll – natürlich mach’ ich das, ich hab’ ja auch Kinder gehabt –“

„Ich möchte heim“, sagte Anja plötzlich. Es klang ziemlich verstört. Nur nicht hierbleiben müssen bei dieser Alten, die solch scheußliches Zeug redete! „Ich will heim –“ es klang wie ein Schrei, obwohl sie es eigentlich nur piepste. Heim – vielleicht mit Petra telefonieren – vielleicht war auch Vater inzwischen zurückgekommen – vielleicht war ein Wunder geschehen –

„Nein. Bleib mal lieber. So allein in dem leeren Haus –“ Frau Schubert meinte es sicherlich gut. Sie schnitt ein Stück Brot ab und belegte es dick mit Wurst. „Komm, iß, ich mach’ dir Milch warm.“

Anja schüttelte stumm den Kopf. Sie konnte nichts essen. Die Milch trank sie, und sie tat wohl, trotz allem. Dann aber wollte sie heim ...

Schließlich gab Frau Schubert nach. Sie nahm ein Wolltuch um die Schultern, half Anja in ihre Jacke und suchte lange nach dem Schlüssel. Endlich hatte sie ihn gefunden. Anja schlüpfte neben ihr aus dem Haus, es war stockdunkel draußen, sie tappten zum anderen Haus hinüber.

Dann aber, als die Nachbarin endlich gegangen war, überkam Anja das Bewußtsein des Alleinseins so entsetzlich, daß sie nicht einmal Petra anzurufen versuchte. Sie floh in ihr Zimmer, riß die Schuhe von den Füßen, kroch angezogen ins Bett und drückte ihr Gesicht ins Kopfkissen. Aber auch in der Dunkelheit der zugekniffenen Augen blieben die Gedanken wach.

Wenn es für Mutter zu spät gewesen war! Wenn Mutter nicht wiederkam! Wenn – oh, sie konnte das nicht zu Ende denken! Warum kam Vater nicht wieder? Warum rief er nicht an? Er mußte doch wissen, daß sie jetzt allein zu Hause war. Warum war man nur so klein und hilflos und so allein, und warum wurde aus einer kleinen, einer winzigen Schuld, die eigentlich nichts anderes war als ein Vergessen, ein Verbummeln, ein Nicht-dran-Denken, so ein Berg von Bedrückung, schwer, so schwer? Lieber Gott, kannst du mir nicht einen ganz, ganz kleinen Trost schicken? Einen Funken Licht, eine Hoffnung, daß es vielleicht doch nicht so schlimm ist, morgen, vielleicht schon heute nacht? Vater muß doch einmal kommen –

Vater kam nicht, jedenfalls nicht mehr in dieser Nacht. Früh, als Anja gerade aufgewacht war und mit dumpfem, wirrem Kopf durch den Flur tappte, hörte sie ihn an der Haustür schließen. Sie war wie erstarrt und wagte nicht hinzulaufen.

Vater kam herein, zog den Mantel aus und hängte ihn auf. Dabei sah er hoch und entdeckte Anja. Sein Gesicht war grau vor Müdigkeit. Anja konnte überhaupt kein Wort herausbringen, keine Frage. Sie streckte nur mit einer winzigen Bewegung die Hände nach ihm aus –

„Ach, Anja, da bist du“, sagte er leise. Und dann nahm er sie hoch, als wäre sie noch ein ganz kleines Kind, und drückte ihr Gesicht an seinen Hals. „Mutter läßt dich grüßen –“

„Und? Geht es ihr –?“

„Sie ist operiert worden. Ja, soweit ging alles einigermaßen. Genaues konnte der Arzt nicht sagen. Wenn wir Glück haben, Anja –“ er brach ab, seine Stimme war wie erstickt. Anja klammerte die Arme um seinen Hals.

„Sag doch – sag – nicht wahr, sie wird wieder gesund?“ bettelte sie. Vater antwortete nicht. Anja fühlte, wie etwas Warmes an ihrem Gesicht entlanglief, über die Wange in den Halsausschnitt hinein. Weinte Vater?

Sie saßen dann noch eine Weile auf der Couch im Wohnzimmer, ganz eng nebeneinander, Vater hatte seinen Arm um Anja gelegt, beide blieben stumm. Draußen entfaltete sich ein silbern heller Herbsttag, die Birke vor dem Fenster trug schon goldenes Laub. Aber in ihnen wurde es nicht hell. Erst, als es an der Haustür läutete und Frau Schubert halblaut: „Hallo? Anja? Bist du wach? Du mußt doch in die Schule!“ durch den Briefkastenschlitz rief, richtete Vater sich auf, zog auch Anja auf die Beine und ging mit ihr zur Tür.

„Ja, wir kommen, Frau Schubert.“

Sie holten die beiden kleinen Jungen, die aufgewacht waren und nun angezogen und gefüttert werden mußten. Vater versorgte den einen und Anja den anderen.

„Es paßt ganz gut, ich gehe heute nicht in die Schule“, sagte Vater. „Heute ist Ausflug, und mit meiner Klasse sollte sowieso ein junger Kollege mitgehen. Ich rufe an. Und du kannst auch zu Hause bleiben, Anja, finde ich. Wir haben genug zu tun mit den beiden Kleinen. Oder möchtest du sehr gern in die Schule?“

Anja sah Vater an. Sehr gern – natürlich wollte sie das nicht. Aber mit Petra sprechen und etwas anderes sehen und denken können – hier dachte man nur pausenlos dasselbe.

Nein, es war keine reine Freude, nicht in die Schule zu müssen. Natürlich war sie bereit, Vater zu helfen, die Kleinen zu versorgen, einkaufen zu gehen – was eben nötig war. Vater war kein hilfloser Vater, er hatte die Kleinen oft mit an- oder ausgezogen, gefüttert, gewickelt, so, wie Väter das heute als selbstverständlich ansehen. Immerhin waren es zwei Kleinkinder, und während man sich mit dem einen beschäftigte, machte der andere Dummheiten, zog etwas herunter oder brüllte, meistens jedenfalls. Zum ersten Mal begann Anja zu ahnen, was dazu gehörte, zwei solch kleine Ungeheuer liebevoll und geduldig zu versorgen und daneben noch einen Mann – und eine große Tochter ...

„Doch, ich bleibe gern“, sagte sie schnell, denn sie wollte Vater eine Freude machen. Als sie ihn dabei ansah, gab es ihr einen Stoß ins Herz. Er lächelte nicht.

Stand es so schlimm um Mutter? Hatte Vater Angst, allein zu bleiben mit den Kleinen, die noch nichts von seiner Sorge verstehen konnten, brauchte er sie, Anja, weil er nicht allein sein wollte? Vorhin hatte er geweint – großer Gott, Mutter würde doch nicht ...

„Nicht wahr, sie lebt noch? Nicht wahr, sie kann wieder gesund werden“, flüsterte sie erstickt und blickte mit weit aufgerissenen Augen zu ihm auf. Es erbarmte ihn.

„Doch, Anja, doch, sie lebt noch“, sagte er, legte den kleinen Jungen, den er eben hochgenommen hatte, auf die Couch und nahm Anja in die Arme. „Wir müssen tapfer sein und hoffen, du und ich, und sie mit unserer Liebe festhalten.“ Er verstummte.

Anja sagte nichts mehr. Sie hatte das Gefühl, als stünden sie, Vater und sie, ganz nahe an einem Abgrund, ganz, ganz nahe. Nicht hinuntersehen, nicht hineinstürzen – unwillkürlich griff sie nach Vaters Arm. Und auf einmal fühlte sie, daß nicht nur sie sich an ihm festhielt, sondern auch er an ihr. Er hatte dieselbe Angst wie sie, er, der große und starke Erwachsene, hielt sich an ihr fest –

„Ich bleibe bei dir, Vater“, flüsterte sie, und dabei kam eine merkwürdige Zuversicht über sie. „Mutter wird wieder gesund, paß nur auf – und für die Jungen sind wir da, du und ich.“

Andere trösten ist oft der beste Trost. Anja sollte das zeitig in ihrem Leben erfahren. Sie sah zu Vater auf, verschluckte die Tränen und versuchte ein Lächeln. Und da nickte Vater ihr zu und lächelte zurück.

Anja wird diesen Augenblick nie vergessen.

... gibt es manchmal dunkle Stunden

Am Nachmittag hielt es Vater nicht mehr aus. Er rief im Krankenhaus an. Anja wagte nicht, mit ihm ans Telefon zu gehen und mitzuhören. Sie stand im Flur und wartete, die Daumen in die Fäuste eingeschlagen. Als er zurückkam, war keinerlei Erleichterung in seinem Gesicht zu sehen. Er merkte auch gar nicht, wie Anja zu ihm aufblickte.

„Vater?“ fragte sie schließlich halblaut.

„Ach, Anja, du. Ja, ich fahre hin. Die geben einem ja keine Auskunft –“ Er riß seine Jacke vom Haken und wollte an Anja vorbeihasten. Im letzten Augenblick hielt er inne, sah sie an – und dann strich er ihr zärtlich über den Kopf.

„Anja, Kleines! Paß mir gut auf die Jungen auf! Und halt die Ohren steif. Du bist ja gar kein Kleines mehr, du bist groß – und tapfer!“ Er nickte ihr zu, gleich darauf war er hinaus.

Anja lauschte seinen Schritten, solange sie sie hören konnte. Sie stand wie erstarrt. Dann, als sie das Gartentürchen zufallen hörte, rannte sie ins Zimmer und ans Telefon. Wählte mit fliegenden Fingern: Petra! Sie mußte mit Petra sprechen. Petra mußte herkommen, sofort, und bei ihr bleiben, bis Vater wiederkam, damit sie nicht allein mit dieser entsetzlichen Angst war. Petra sah immer und überall das Gute, das Hoffnungsvolle. Sie würde auch jetzt etwas wissen, was tröstete, vor allem aber würde sie bei ihr sein. Anja sehnte sich nach ihr wie noch nie, so meinte sie, in ihrem ganzen Leben.

Hoffentlich war die Leitung nicht besetzt. Nein, es tutete. Und dann hörte sie eine Stimme, aber nicht Petras Stimme: „Hier bei Hartwig, guten Tag.“

Eine von Petras Schwestern oder die Hausangestellte. Hartwigs hatten eine Haushilfe, Anja wußte das.

„Hier ist Anja. Kann ich Petra sprechen? Es ist dringend.“

„Petra? Nein, bedauere. Petra ist nicht im Haus.“ Anjas Herz sank.

„Und wo? Wo kann sie denn sein?“

„Im Reitverein, nehme ich an. Kann ich etwas ausrichten?“

„Nein, danke.“ Anja brachte die Worte kaum heraus. Sie legte auf. Und dann setzte sie sich auf die Couch neben dem Telefon, verbarg das Gesicht in der Armbeuge und blieb lange so sitzen, regungslos. Sie hatte das Gefühl, als würde es nie wieder hell um sie werden, als sei sie von Gott und allen Menschen verlassen.

Wie lange sie so saß, wußte sie nicht. Als sie einen Bums aus dem Kinderzimmer hörte, raffte sie sich auf und schlich hinüber. Sie sollte ja auf die Jungen achtgeben! Vater hatte sie extra gebeten.

Nein, es war keiner aus dem Bett gefallen, wie sie einen Augenblick lang befürchtet hatte. Mutter und Vater setzten die beiden, wenn sie einen Augenblick sich selbst überlassen bleiben mußten, meist in ihre Bettchen, die hohe Holzgitter hatten, damit sie nicht herausfallen konnten. Was aber bringen kleine Kinder um den ersten Geburtstag herum nicht alles fertig!

Der eine, Volker, hatte seinen Holzkasper hinausgeworfen, das war der Bums gewesen. Anja hob ihn geistesabwesend auf, gab ihn ihm zurück und half Reinhold, der aufstehen wollte und sich dauernd mit einem Fuß auf den anderen trat, in die richtige Lage. Dann setzte sie sich und blieb regungslos sitzen und starrte die Jungen an.

Petra im Reitverein. Petra fort, einfach so, ohne sie. Sonst kam sie immer hier vorbei, warum heute nicht? Warum ausgerechnet heute nicht, da sie, Anja, so grenzenlos und schrecklich allein war? O Petra, ist das Freundschaft, ist das Treue? Anja hatte das Gefühl, erst jetzt, aber jetzt wirklich, in die tiefste Dunkelheit der Angst und Sorge hinuntergerutscht zu sein. Wie sollte sie je wieder daraus hervorkommen?

Nach einer Weile merkte sie, daß die beiden Kleinen brüllten. Volker hatte damit angefangen, er lag auf dem Bauch, halb auf seinem Kasper, der ihn wahrscheinlich drückte. Und als er seine Stimme erhob, stimmte Reinhold ein. Anja wurde es erst jetzt bewußt. Schwerfällig stand sie auf, rückte den Kleinen zurecht und schlich in die Küche, um eine Banane zu holen. Sie schälte sie, brach sie in der Mitte durch und gab jedem der Jungen eine Hälfte in die Hand. Und dann putzte sie sich die Nase und begann einzusammeln, was die Jungen aus dem Bettchen geworfen hatten.

Wenn Mutter nicht wiederkam! Wenn sie nicht wieder gesund wurde! So etwas gab es doch. Wenn sie Vater und sie und die kleinen Jungen allein ließ!

O nein, o nein! Bitte, bitte nicht, lieber Gott! Anja, von Angst gepeinigt, sah sich um – was konnte man tun, was unternehmen? Nur dasitzen und auf die Jungen aufpassen machte einen verrückt, vollkommen verrückt.

Ihr Blick blieb am Spielzeugregal hängen. Alles war wüst hineingestopft, Bausteine und Brummkreisel und Schlaftiere. Ruckartig sprang sie hoch, warf – nun aber entschlossen, ganze Arbeit zu machen – alles, was in dem Regal lag, erst einmal auf die Erde. Und dann fing sie an zu sortieren: die Bausteine in den Baukasten, die Schlaftiere auf den Wickeltisch –

„Ja, ja, ich bin ja da“, sagte sie, und setzte Reinhold richtig hin und gab ihm den Rest der Banane aufs neue in die Hand. „Jetzt sind wir mal alle drei ganz tüchtig. Ihr eßt eure Banane, und Anja räumt auf, aber fein, ganz fein, wie Mutter es gern hat.“

Sie bückte sich, stapelte, sortierte. Merkwürdig, jetzt gingen alle Spielsachen ins Regal hinein, es blieb sogar noch Platz frei. Anja legte die Bilderbücher aufeinander, fand eine alte Klapper, die Volker früher so geliebt hatte, daß er ohne sie nicht spazierenfahren und einschlafen konnte, und gab sie ihm in die Hand. Er strahlte auf. Anja lachte ihn an.

„Nicht wahr, das ist fein? Da freust du dich.“

Sie hatte gar nicht gemerkt, daß sie lachte. Gerade kam Vater herein. Vorhin hatte sie immerzu nur gelauscht, ob sie nicht Schritte und das Umdrehen des Schlüssels hören würde. Jetzt stand er, ohne daß sie ihn hatte kommen hören, in der Tür.

„Vater –!“

„Anja! Nein, bist du tüchtig!“

Vaters Gesicht war verändert, sie hatte es sofort gesehen. War –

„Geht es Mutter besser?“ fragte sie atemlos. Er nahm sie in die Arme und drückte sie.

„Ja. Ein bißchen besser. O Anja, bin ich froh –“

Kann die Sonne aufgehen, auch wenn es schon Nachmittag ist?

„Hör mal, Tochter“, sagte Vater nach einer Weile, „du hast dich so wacker geschlagen, nicht nur die Jungen gut gehütet, sondern auch so schön aufgeräumt. Wie steht es, hast du noch Schularbeiten zu machen oder sonst etwas vor? Ich könnte dich jetzt gut einmal ablösen. Lauf, wenn du magst. Oder möchtest du vielleicht auf einen Sprung in den Reitverein?“

„O nein, Vater, danke. Aber –“

„Aber?“

„Ich möchte Petra noch mal anrufen.“

„Noch mal? Hast du es denn schon einmal versucht?“

„Ja, aber sie war nicht zu Hause. Ich möchte –“ in diesem Augenblick schellte es an der Tür. Anja sprang auf und flitzte wie der Wind in den Flur. Es war, als wüßte sie, wer kam. Sie riß die Tür auf – wahrhaftig!

„Petra! Und ich dachte, du wärst ...“

„Im Reitverein? Pustekuchen! Mutter war gestern abend so sauer, daß ich so spät angetanzt bin, da hab’ ich heute Tausenderlei für sie in der Stadt besorgen müssen. Und ich wollte doch zu dir!“

„Wolltest du?“ In Anjas Herz ging die Sonne auf, das zweite Mal heute. Petra hatte sie nicht verlassen! Sie war nicht ohne sie zum Reitverein gefahren. Ihr erster Weg, nachdem sie zu Hause gut Wetter gemacht hatte, führte zu ihr! Anja fühlte es heiß in ihrem Herzen aufsteigen vor Glück: Petra war treu. Gleichzeitig aber schämte sie sich auch und gab das ehrlich vor sich zu. Ein einziges Mal war Petra nicht dagewesen, als sie anrief, und schon glaubte sie, sie habe sie vergessen.

„Ach, weißt du, es war so schrecklich. Die Angst um Mutter – und Vater weg und du nicht zu erreichen. Jemand am Telefon bei euch sagte, du wärst im Reitverein. Das stimmte also gar nicht.“

„Nein. Hille war das sicherlich, Hille, unsere Perle. Sie ist sonst sehr nett, aber daß ich dauernd weg bin, das ärgert sie. Wir verstehen uns nämlich sonst sehr gut, nicht so gut wie du und ich, aber Spaß haben wir auch miteinander. Sie reitet nicht, weißt du.“

„Ach so. Und da beneidet sie dich.“ Das konnte Anja verstehen.

„Aber davon abgesehen ist sie sehr nett und tüchtig! Und lustig! Meine Mutter sagt immer, die würde auch mit sieben Kindern fertig, spielend. Und –“

„Wer wird spielend mit sieben Kindern fertig?“ fragte Vater jetzt sachte dazwischen. Er hatte Petras temperamentvolle Äußerung mitgehört.

„Hille, unsere Staubsauger-Fee. So nennt Mutter sie manchmal. Oder Hausmütterchens rechte Hand. Wenn was weg ist, heißt es: ‚Nicht verzagen, Hille fragen.‘ Bei uns ist nämlich oft was weg, vor allem bei Martina. Die ist einmalig liederlich. ‚Wer ordentlich ist, ist nur zu faul zum Suchen‘, sagt sie. Na ja, pingelig ordentlich bin ich auch nicht.“

Vater lachte.

„Das war mir auch noch nicht aufgefallen. Außer beim Reiten. Da geht doch bei dir alles wie am Schnürchen, oder? Ich meine, da bist du ordentlich beim Putzen und Satteln und Aufzäumen und dem allen –“

Petra sah zu ihm auf.

„Das muß aber auch sein“, sagte sie ernsthaft. „Das Pferd kann doch nicht sagen, wenn etwas nicht stimmt. Wenn etwas kneift oder schabt oder sonstwie unangenehm ist. Wenn es Satteldruck hat oder das Kopfstück nicht richtig sitzt oder – das ist so ähnlich, wie wenn bei uns meinetwegen ein Nagel im Schuh ist oder der Gürtel oder irgendein Gummizug zu eng sind. Schon eine falsch sitzende Naht kann einen beim Reiten zur Verzweiflung bringen. Wir können das ändern, das Pferd aber nicht. Deshalb muß man das alles ganz genau und ordentlich machen.“

Anja hörte aufmerksam zu. Ihr war das noch nie ganz klargeworden. Aber sie sah es ein. Petra konnte so was gut erklären. Später kam Vater noch einmal auf Hille zurück, auf die tüchtige Haushilfe bei Hartwigs.

„Wenn wir so eine hätten, jedenfalls für die Zeit, in der Mutter im Krankenhaus ist“, sagte er sehnsüchtig.

„Ja, da wär’ Hille genau richtig“, sagte Petra, „Sie müssen doch vormittags in die Schule, und Anja auch. Was soll dann mit den beiden kleinen Jungen werden?“

„Das ist es ja“, sagte Vater. Es klang ziemlich verzagt. Da hatte Petra wieder einmal eine ihrer zündenden Ideen.

„Hille müßte herkommen, wenigstens den Vormittag über“, sagte sie, „vielleicht tut sie es, wenn Sie sie bitten und meine Mutter einverstanden ist? Mutter würde schon nicht nein sagen, sie weiß ja, daß Sie Zwillinge haben. Und gerade welche im schlimmsten Alter.“ Petra hatte manchmal mit Anja zusammen die kleine Rasselbande hüten müssen und wußte, wie mühsam das ist. „Das wäre doch eine Art von Nachbarschaftshilfe. Bei einer Familie, die näher bei uns wohnt, hat Hille schon einmal so ausgeholfen, als die Mutter im Krankenhaus lag.“

„Wirklich? O Petra, das ist ein toller Gedanke! Aber sie hat doch bei euch zu tun.“

„Freilich, aber das kann man doch einrichten. Damals ging es auch. Dann steht sie eben eher auf – und manches, was man sonst vormittags tut, kann man ja nachmittags machen, vorbereiten – und Mutter ist ja auch noch da.“

„Ich würde sie natürlich gut bezahlen“, sagte Vater eifrig. Petra lachte.

„Eben. Sie spart nämlich auf den Führerschein. Deshalb wird sie sicherlich mitmachen, denke ich.“

„O Petra, würdest du sie mal fragen? Zuerst natürlich deine Mutter, die müßte ja einverstanden sein ...“

„Mutter? Lieber nicht“, sagte Petra und schnitt ein klägliches Gesicht, „jedenfalls nicht heute und morgen. Mutter ist sicher noch auf hundert wegen mir. Das müßten Sie schon selber machen.“

„Da hast du recht“, sagte Vater. „Am besten, ich fahre gleich mal zu euch, telefonisch geht so was schlecht. Bleibt ihr hier, ihr beiden hilfreichen Geister? Ich bin ja jetzt auf Hilfe von allen Seiten angewiesen –“

Sie nickten ihm zu. „Paß auf, das klappt“, sagte Petra, und Anja sah sie dankbar und bewundernd an.

„Und nachmittags bin ich da. Ach, Petra, und Mutter geht’s besser! Ich hatte Angst wie in meinem ganzen Leben noch nicht. Ich glaube, das vergess’ ich nie!“

Vierspännig

„So, jetzt können wir“, sagte Stine. Sie hatten die vier Shetties eingespannt, zwei an die Deichsel des kleinen Viersitzer-Wagens und zwei davor, ohne Deichsel. Anja hielt die beiden vorderen Ponys am Kopfstück und Petra das linke der beiden anderen. Stine war auf den Bock geklettert und hatte die Zügel genommen. „Laßt los und steigt dann gleich auf, aber flink!“

Anja und Petra hatten nur darauf gelauert. Die Ponys anscheinend auch. Lettchen, die kleine Rappstute, die vorn links stand, sprang sofort hoch, sprang „ins Geschirr“, wie man es nennt, wenn ein Pferd nicht anzieht, sondern sich auf die Hinterbeine stellt und dann vorwärts springt. Stine berührte den kleinen Unband mit der Peitsche.

„Wirst du wohl! So, seid ihr drauf? Dann kann’s ja losgehen!“

„Augenblick – noch nicht –“

Sie waren beide nach hinten gerannt. Anja dachte wieder einmal, daß man bei allem, was mit Pferden zusammenhängt, immer mehr Mut zeigen muß, als man eigentlich hat. Auf einen Wagen zu steigen, dessen Pferde so losgehen wollten wie Lettchen, dazu gehörte schon einiges, fand sie.

Petra machte sich nichts draus. Sie hatte sich links neben Stine geschwungen. Stine saß rechts auf dem Bock, die vier Zügel in der Hand. Anja hatte hinten beide Sitze für sich.

„Setz dich nach rechts, da kannst du im Notfall an die Bremse. Ich hab’ nämlich die Hände voll!“ rief Stine nach hinten.

„Auch das noch“, dachte Anja. Die Bremse befand sich rechts neben Stines Sitz, war aber auch von hinten zu erreichen, wenn man sich weit vorbeugte.

„Muß ich –“

„Ich sag’ dir, wenn’s nötig ist. Los, Peuke, nun zieh mal an. Und du, Lettchen, benimm dich. Du bist zwar die älteste, aber je öller, desto döller –“

„Vorwärts!“ Jetzt zog auch Peuke an, und Nikolo und Erie folgten. Die Kutsche rollte los, aus dem Hof hinaus, den Weg zur großen Straße hin. Die Ponys fanden, nun einmal im Gange, in einen vernünftigen Trab hinein, wie Stine es wollte und von ihnen auch forderte. Anja konnte zwar nicht verstehen, wie sie es machte, aber es klappte. Sie fuhren ziemlich schnell, fand sie.

„Warum zur großen Straße, dort fahren doch Autos?“ fragte Petra. Stine lachte.

„Dort ist es eben. Wenn wir nach der andern Seite fahren, haben wir lauter Wege, die bergauf und bergab führen. Vor der Straße halte ich an. Dann springst du ab und winkst den Autos, daß sie uns sehen und rüberlassen. Wir überqueren die Straße nur und fahren dann durch die Bahnunterführung.“

„Und dann den Feldweg weiter? Gut. Durch die Unterführung – hoffentlich kommt da nicht gerade ein Zug“, rief Petra, machte sich zum Sprung bereit und lauerte. Stine gab ihren vier Kleinen eine Parade und bekam sie in Schritt.

„Jetzt!“

Petra sprang ab. Sie rannte das letzte Stück zur Bundesstraße vor und äugte nach links und rechts.

„Jetzt ist es grade günstig! Links das Auto ist noch weit, und rechts ist frei.“ Sie stand mitten auf der Straße und winkte mit beiden Armen. Die Ponys zogen wieder an. Auch Anja guckte nach links und rechts.

Wirklich, sie hatten Glück. Das Auto, das von links kam, hatte bemerkt, daß hier jemand quer über die Straße wollte, und bremste schon von weitem ab. Auf der andern Seite blieb die Straße leer. Hier herrschte sonst ziemlich starker Verkehr. Stine fuhr im Schritt auf die Straße hinauf und ließ die Ponys auch im Schritt wieder hinuntergehen.

„Biste da?“ fragte sie nach Petras Seite hin, ohne den Blick von ihren Pferden zu nehmen.

„Ja. Oben. Los!“ rief Petra. Sogleich zogen die Ponys wieder an, und nun ging es in flottem Trab den Feldweg entlang. Hier kamen keine Autos, nichts war da, wovor die Ponys hätten scheuen können, nicht einmal ein Graben rechts und links, in den man hineinfallen konnte. Anja atmete auf und fand es wunderbar, so zu fahren.

„Wie die Königin von England“, dachte sie gerade, da rief Petra, als könnte sie Gedanken lesen, dasselbe.

„Oder etwa nicht? Ich bin der Prinz Philip –“ sie richtete sich, ein möglichst würdiges Gesicht machend, auf, so gerade sie konnte. Stine lachte.

„Und ich bin die Majestät. Anja die Anne, das paßt genau. Vorwärts, kleine Hörschens, nun lauft mal, damit wir bald in Schloß Windsor sind –“

Stine war herrlich, fanden die Mädchen. Groß, mager, weißblond und von einer bestechenden Uneitelkeit. Sie trug verwaschene Jeans und einen uralten Pulli, der ihr bis zu den Knien ging, hatte das Haar ziemlich kurz geschnitten und eine Narbe quer über der Wange, um die Anja sie heimlich, aber glühend beneidete. Solch eine Narbe zu haben und sagen zu können: „Kommt von einem Reitunfall ...“

Jetzt näherten sie sich dem Bahndamm. Anja schielte nach rechts und links, ob ein Zug käme. Nichts zu sehen, welch ein Glück. Es ging ein Stück bergab – Stine nahm die kleinen Pferde fest an den Zügel –, dann hinein ins Dunkel. Ja, ziemlich dunkel war es da unten, obwohl die Unterführung nicht sehr lang war. Im letzten Augenblick sahen sie, daß sie voller Pfützen stand. Hoffentlich nur flache Pfützen und kein tiefer Teich.

Trotzdem gab es Schwierigkeiten.

„Himmel, daran hab’ ich nicht gedacht. Lettchen haßt es, durchs Wasser gehen zu müssen.“ Anhalten aber konnten sie nicht mehr, auch nicht umdrehen. Stine nahm die Peitsche und versuchte, Lettchens Flanke damit zu erreichen.

„Vorwärts, du schwarzer Satan, nun hilft es nichts mehr!“

Lettchen hatte das Wasser auch erspäht. Sie versuchte nach links auszubrechen, ging hoch und riß die Deichsel auf ihre Seite herum –

„Vorwärts!“ rief Stine noch einmal und gab ihr einen kleinen Klaps. Die drei Ponys zogen los, als wären sie persönlich gemeint. Und da mußte Lettchen, ob sie wollte oder nicht, mit ihnen ins Wasser. Es patschte und schäumte; Petra und Anja krallten sich schweigend an den Seitenlehnen der Kutsche fest, rauschend durchpflügten sie das Wasser. Gottlob, es war nicht tief, es ging den Pferden nur etwa spannenlang über die Fesseln. Und dann waren sie schon wieder im Bergauffahren, die Gefahr lag hinter ihnen. Stine ließ die Ponys wieder antraben.

„Da kommt nämlich was“, sie deutete mit dem Kinn nach links hinter sich. Wahrhaftig, die beiden Mädchen hatten das gar nicht gemerkt. Eine Lok nahte, war aber noch ziemlich weit entfernt. Stine ließ die Pferdchen traben, was sie konnten.

„So ist’s recht. Galopp gibt’s nicht vor dem Wagen! Vor dem Schlitten ja. Aber ein ordentlicher Trab bringt uns auch weg von dem Ungetüm –“

Der Feldweg machte eine kleine Kurve, und das war gut. Nun sahen die Ponys nicht, was hinter ihnen vorbeischnaufte. Es war nur eine Lok mit Tender, kein Zug daran. Sie war schnell verschwunden.

„So, nun sind wir allein auf weiter Flur. Nun können wir es genießen“, sagte Petra und fläzte sich in ihren Sitz.

„Ich war mal mit den Ponys in Cannstatt zum landwirtschaftlichen Hauptfest, nur zweispännig, aber ein Fohlen bei Fuß“, erzählte Stine. „Ponys und Kutsche verladen, also mit dem großen Transporter hingefahren. Man konnte dort nicht nah ranfahren, wir mußten etwa zwei Kilometer vom Turnierplatz entfernt halten und ausladen, einspannen und hinkutschieren. Das war früh am Morgen und ging glatt. Später aber, als wir heimwollten, ach du liebe Zeit! Da galt es, mit der Kutsche durch den Nachmittagsverkehr bis zum Transporter zu kommen. Dabei hab’ ich Petroleum geschwitzt, sage ich euch! Mitten in der Autoschlange und dann an den Kreuzungen bei Rot halten! Der Fahrer des Transporters saß neben mir, die Arme untergeschlagen, und ließ sich fahren. Auf seinem Gesicht stand zu lesen: ‚Nun zeig mal, was du kannst!‘ Eine junge Reitschülerin lief nebenher, wegen des Fohlens, das unangebunden neben der Mutter hersprang, es war noch nicht halfterzahm gemacht worden. Lieber Gott, war das eine Fahrt! Wenn die Ampel Rot zeigte, stand Lettchen immer auf zwei Beinen, bis sie wieder losdurfte. Aber die Autofahrer waren nett und rücksichtsvoll und machten einander Zeichen, besonders vorsichtig zu sein.

Nach einer Weile konnte das Mädchen, das nebenherrannte, nicht mehr. Sie japste zum Gotterbarmen, schließlich machte sie ja alle Wege doppelt, um das Fohlen immer wieder zu erwischen. Ich winkte sie an einer Kreuzung zu mir herauf, gab ihr die Zügel in die Hand – wir fuhren ja nur zweispännig – und sprang selbst hinunter, um mich um das Fohlen zu kümmern. So kamen wir schließlich doch einigermaßen glatt zum Transporter. Der Fahrer ahnte sicherlich nicht, was für einen Ritt über den Bodensee er gemacht hatte.“

„Das Gedicht vom Reiter über den Bodensee stand auch in unserem Lesebuch“, sagte Petra. „Ich hab’ es immer doof gefunden, daß der hinterher tot umfiel. Da war doch alles gut.“

Stine lachte.

„Ja. Damals waren die Leute noch zarter besaitet als heute, glaub’ ich. Heute würde der Reiter vermutlich sagen: ‚So, über den See bin ich geritten? Na, da haben wir ja wieder mal Glück gehabt.‘“

„So wie wir eben, als die Lok später kam“, sagte Anja. „Wenn sie gerade über die Unterführung gedonnert wäre, als wir drunter waren – ich jedenfalls hätte gescheut, wenn ich ein Pony gewesen wäre!“

„Ich wahrscheinlich auch“, sagte Stine vergnügt, „aber sie ist ja nicht. Und nun fahren wir einen weiten Bogen und kommen dann auf dem Rückweg über die Eisenbahnbrücke und eben nicht mehr durch den Tunnel.“

Anja atmete insgeheim auf. So ganz zu Hause fühlte sie sich im Vierspänner eben doch nicht, auch wenn Stine fuhr.

Die Ponys gingen allmählich auch vernünftiger, sie waren abgetrabt und nicht mehr zu Dummheiten aufgelegt.

„Nur über die Bundesstraße müssen wir noch mal, das ist klar“, sagte Stine, „aber Petra hält wieder die Autos an, dann wird es schon klappen.“

„Natürlich klappt es, ich möchte den Autofahrer sehen, der nicht hält, wenn er so eine süße Kutsche sieht.“

„Ja, die meisten sind nett und rücksichtsvoll, so wie damals in Cannstatt“, sagte Stine, „es gibt aber auch andere. Ich ritt einmal mit einer etwas nervösen Isländerstute – Isländer sind die größeren Ponys, die, auf denen auch Erwachsene reiten können – an der Bundesstraße entlang, das heißt, neben der Straße her, auf dem Fahrradweg. Da kam ein Autofahrer von hinten und dachte wahrscheinlich, das gibt einen schönen Spaß. Er fuhr ganz rechts und zunächst im selben Tempo, in dem ich ritt. Als die Stute schneller wurde – es gibt ja Pferde, die nicht autosicher sind, sondern durchgehen, wenn ein Auto in die Nähe kommt –, legte er auch an Tempo zu und wurde schneller und schneller. Meine Isländerin auch. Ich dachte: ‚Hier hilft nur aussitzen, etwas anderes gibt es nicht.‘ Da fing er auch noch an zu hupen, um den Spaß voll zu machen, und damit gab er mir den Rest. Die Stute ging in blinder Panik rechts über die Felder ab, bockte und bockelte, bis sie mich los war. Ich flog flach auf den Rücken, was ja nie sehr angenehm ist. Zum Glück ging das Pferd nicht davon, und da wir zu mehreren waren, konnten die andern es bald einfangen. Ich hatte mich inzwischen auf den Bauch gedreht und versuchte aufzustehen, aber es tat im Rücken infam weh. Auf alle viere kam ich, weiter aber nicht. Die andern ritten heran und sprangen ab, und dann war guter Rat teuer. Wie sollten sie mich transportieren?

Schließlich nahm einer alle Pferde am Zügel, und zwei andere hoben mich auf. Nicht weit von dieser Stelle liegt eine Hütte, deren Besitzer wir kennen, dorthin trugen sie mich. Dabei mußten wir einen steilen Fußweg hinunter, dort ging es mit dem Tragen nicht, und so faßten sie mich beide unter den Schultern und ließen mich Schritt für Schritt absteigen, was weder für sie noch für mich ein Vergnügen war. Dann aber waren wir doch glücklich unten und fanden sogar gleich den Schlüssel zur Hütte unter einem Stein, wo er immer hingelegt wurde.

Nun konnten sie mich in der ebenerdigen Küche dieses kleinen Hauses absetzen, neben dem Herd. Es war spät im Herbst und kalt. Einer machte Feuer, dürre Tannzapfen waren da, der andere lief zurück, und mit Handpferden rechts und links ritten sie bis zur nächsten Telefonzelle. Wir haben ja überall Freunde und Bekannte. Den nächsten riefen sie an und erzählten, was passiert war. Ich saß inzwischen am Herd, mein Rücken feuerte wie ein Backofen, und ich erwartete meinen Tod. Derjenige, der bei mir geblieben war, sorgte sich sehr um mich, ich muß scheußlich ausgesehen haben. Er suchte in allen Schränken herum, die dort allerlei beherbergen, und fand schließlich eine große Flasche Pflaumenschnaps, noch halb voll. Daraus goß er mir einen tüchtigen Becher voll ein, und ich mußte trinken. Er nahm auch selber einen ordentlichen Schluck. Von da an sah die Welt für uns beide wieder anders aus, und ich wartete nicht mehr auf meinen Tod, sondern auf meine Retter. Wir haben sogar gelacht, wir beide – ihm ging das Ganze sehr nahe, er dachte, er würde dort womöglich mein Ableben erleben.

Die andern hatten einen Freund mit Auto alarmiert. Aber mit dem Wagen kann man den Hang nicht hinunterfahren. Es ist ein ganz schmaler, sehr hoppliger Weg. So hielt er oben, und ich mußte, gleichgültig, wie weh es tat, den Weg wieder hinauf. Holle und einer der anderen Reiter hatten mich untergefaßt, und Schritt für Schritt, meist seitlich, quälte ich mich mühsam hinauf. Wie war es schön, sich ins Auto sinken zu lassen!

Aber zu Ende war die Qual noch nicht. Das Fahren tat zwar nicht mehr so weh, aber zu Hause wurde es wieder schlimm. Ich ächzte die ganze Nacht, ohne schlafen zu können, und dann fuhren sie mich nach langem Hin und Her ins Krankenhaus zum Röntgen. Tatsächlich war etwas angebrochen, hier“ – Stine zeigte ihre Wirbelsäule hinauf und hinab – „sind an den Wirbeln Dornfortsätze, und davon waren zwei durchgeknackst.

‚Ist das sehr schlimm?‘ fragte ich, denn ich hatte natürlich eine fürchterliche Angst, nicht mehr reiten zu können.

‚Ach was‘, sagte der behandelnde Arzt, der übrigens selbst ritt, fröhlich, ‚die sind sowieso zu nichts nütze. In zehntausend Jahren trägt man das nicht mehr. Sie sind sozusagen überflüssig.‘

‚Na und ich?‘ fragte ich, nicht ganz so heiter wie er. ‚Sie liegen ein paar Wochen – oder Monate –, und dann sind sie wieder geleimt.‘

‚Wochen! Monate! Womöglich auch noch in Gips!‘ rief ich verzweifelt. Ich war wütend über seine Heiterkeit.

‚Den Gips erlasse ich Ihnen, wenn Sie versprechen, still zu liegen‘, sagte er und tat, als habe er mir einen Mercedes geschenkt.

‚Und wie viele Wochen?‘ giftete ich.

‚Sagen wir erst mal fünf‘, bestimmte er. ‚Dann sehen wir weiter. Ich weiß ja nicht, wie gut sie heilen. Und still liegen, Frau Zappelmann, verstanden?‘

Als ich wieder losschimpfen wollte, legte er mir die Hand auf die Schulter.

‚Ganz ruhig. Ich komm’ mal nach Ihnen sehen. Bei manchen heilt es schneller. Ich möchte doch gern Ihre Pferde sehen.‘

‚Wann?‘ fragte ich, schon etwas versöhnt.

‚Sagen wir in drei Wochen. Ab, der Nächste bitte!‘

Sie fuhren mich heim. Ich wurde auf ein ganz hartes Bett gelegt, und Holle pflegte mich rührend, obwohl er ja die ganze Arbeit auf dem Halse hatte, die Pferde, die Küche und den gesamten Haushalt neben seinem Beruf. Kinder hatten wir damals noch nicht. Am Tag, als die drei Wochen um waren, wartete ich, bis er weggefahren war, und rief eine meiner Reitschülerinnen zu mir.

‚So, jetzt probier’ ich es. Du holst mir Grauschimmel – das ist unser vernünftigster Isländer – und hilfst mir rauf. Ich muß probieren, ob ich noch reiten kann.‘

‚Aber –‘

‚Kein Aber. Auf meine Verantwortung.‘

Gila gehorchte. Dann kam sie zurück und half mir aufzustehen. Das ging. Aufs Klo hatte ich auch gedurft, die ganze Zeit, an zwei Stöcken. Jetzt ging ich an Gilas Arm.

Vor der Tür stand Grauschimmel. Ich tätschelte ihn. Wie lange hatte ich kein Pferd angefaßt! Dann machte mir Gila die Räuberleiter. Die kennt ihr ja: die Hand unter den linken Spann des Aufsitzenden legen und einen ganz kleinen Druck geben. Das, so dachten wir, ist sicher schonender, als mit dem Bügel aufzusitzen. Richtig, Gila machte das sehr geschickt, so daß ich eigentlich oben saß, ehe es mir richtig klargeworden war. Himmel, war das ein Gefühl! Ich hatte die ganzen drei Wochen in der Angst gelegen, nie wieder reiten zu können.

Grauschimmel ging dann ein Stück mit mir, Schritt, drei Schritte Trab. Es tat nicht mehr weh! Ich ließ ihn zur Haustür zurückgehen und mir von Gila herunterhelfen, und dann legte ich mich wieder ins Bett und blieb die zwei Wochen, die der Arzt mir noch zudiktierte, ganz brav liegen, ließ mich verwöhnen und war selig. Ich würde wieder reiten können, große Hauptsache! Holle hab’ ich dann später gestanden, daß ich es heimlich versucht habe, dem Arzt aber nicht. Der sagt heute noch, wenn ich nicht die fünf Wochen ununterbrochen gelegen hätte, wäre es nie geheilt. Da muß ich immer grinsen –“

„Und die Narbe? Ich meine: die im Gesicht? Woher ist die?“ fragte Anja begierig. Sie wollte noch mehr hören, denn Stine konnte wunderbar erzählen.

„Ach, die? Da bin ich in der Küche gestolpert und in eine Keksschachtel gefallen“, sagte Stine vergnügt und nahm die Zügel kürzer. „Ich fiel über einen Besuchshund, hatte nicht aufgepaßt, weil ich so schrecklich lachte. Holle wollte mir helfen, den Abendbrottisch abzuräumen, und warf die Rollmöpse statt in die Majonäse in die Schlagsahne – beides stand auf dem Tisch in ähnlichen Schüsseln. Wir haben vor Lachen kein Verbandszeug gefunden und die Wunde, die schrecklich blutete – dabei tat sie kaum weh – mit Tesaband geklebt. Und wir hatten noch Glück – es war, kurz bevor Mo auf die Welt kam. Der Arme – wir hätten gar keine Zeit für ihn gehabt, wenn er auf diesen Pardauz hin eher erschienen wäre, denn eine unserer Stuten war gerade am Fohlen. Na, es ging alles gut aus –“

„Gott sei Dank“, murmelte Anja, fand aber, ein Sturz vom Pferd wäre für so eine Narbe ein passenderer Anlaß gewesen. Sie hatte aber keine Zeit, darüber nachzudenken, denn jetzt näherten sie sich der Bundesstraße.

„Achtung, Petra, du schaffst uns wieder die nötige Lücke im Autoverkehr!“

Sie verlangsamte die Fahrt, Petra sprang ab und war auch schon auf der Bundesstraße, nach links und rechts abwinkend. Stine ließ die Ponys wieder anziehen.

„Komm rauf! Soll ich halten?“ rief sie Petra zu, die neben dem Wagen herlief.

„Nein nein, ich spring’ im Fahren auf!“

Natürlich kann man auf einen fahrenden Wagen aufspringen. Ponywagen sind niedrig, und wenn man entsprechend schnell läuft und dann mit beiden Händen zufaßt, um sich hochzuziehen, geht das ganz gut. Petra hatte indessen nicht berechnet, daß vier Pferde schneller laufen als zwei. Sie wollte sich hinaufschwingen, verfehlte aber das Trittbrett und lag, pardauz, auf der Erde, bäuchlings, und der Vierspänner war schon ein paar Meter entfernt.

„Hoppla!“ rief Stine, „Mensch, Petra! Anja!“ Stine parierte durch. Petra kam angehumpelt.

„Na, mir den Boden unter den Füßen wegzuziehen, ist ja nicht gerade höflich“, murrte sie. Beide Knie durch, ich werde eine schöne Figur bei Cornelias Hochzeit abgeben.“

„Wolltest du im Minirock tanzen?“ fragte Stine.

„Hab’ gar keinen.“ Petra kletterte stöhnend auf den Wagen.

„Na also“, sagte Stine. Damit war die Sache abgetan.

Die Hochzeit

„Himmel, die Spülmaschine geht nicht, was hab’ ich da nur falsch gemacht“, jammerte Mutter. Sie kniete davor, hatte alle Knöpfe der Klapptür hintereinander gedrückt und ließ die Hände sinken. „Und ich hab’ sie gestrichen voll gestellt – was soll ich nur machen?“

Vater hatte ihr die Maschine geschenkt, als sie aus dem Krankenhaus kam, „statt Blumen“, damit sie Zeit sparte. Und Mutter, noch immer wacklig auf den Beinen, hatte sich ganz mächtig gefreut. Sie sagte, sie sparte damit einen halben Tag Arbeit. Wenn das auch etwas übertrieben war, so freute sich Vater über diesen Ausspruch doch sehr – und Anja über die Maschine, als habe sie sie selbst bekommen. Sie brauchte nun nicht mehr abzutrocknen – Abtrocknen war ihr ein Greuel, wie überhaupt alles „Helfen“ zu Hause. Jetzt guckte sie recht bedenklich zu Mutter hinüber, während sie am Küchentisch saß und frühstückte, gleichzeitig Vokabeln lernend. Von drüben hörte man die Stimmen der kleinen Brüder, die angezogen werden mußten. Und Mutter sah schon wieder aus, als habe sie einen Zehnstundentag hinter sich. Vater war bereits gegangen.

Anja gab sich einen Ruck, klappte das Schulbuch zu und stand auf.

„Laß, Mutter. Ich spül’ dir mit der Hand“, sagte sie, besser: hörte sie sich sagen, eigentlich ohne es sich vorher überlegt zu haben. Im Grunde war sie genauso erstaunt wie Mutter über dieses Angebot.

„Ja, mußt du nicht fort?“

„Ich hab’ erst zur zweiten Stunde Schule. Komm, geh zu den Jungs, die schreien sich ja die Lunge aus dem Leib. Ich mach’ dir’s.“ Sie schob Mutter beiseite und drehte den Heißwasserhahn der Handspüle auf.

„O Anja, du bist ein Engel!“

Anja grunzte. So was hatte Mutter noch nie gesagt – jedenfalls konnte sie sich nicht erinnern.

„Nun geh schon. Ich weiß doch Bescheid.“

Mutter sah sie an, zwischen Lachen und Weinen. Ja, wahrhaftig, ihr standen schon wieder die Tränen in den Augen. Sie war noch sehr anfällig und schwach. „Wenn sie bloß nicht anfängt zu heulen“, dachte Anja.

Aber Mutter heulte nicht. Sie überlegte noch einen Moment und lief dann hinaus. Anja machte sich an die Arbeit.

Im Grunde war das Spülen mit der Hand gar nicht so schlimm, wenn man Heiß-und-Kalt-Wasser hatte. Anja nahm das Geschirr aus der Spülmaschine, stellte die Tellerhalter daraus auf ein Küchentuch, welches sie auf dem Tisch ausgebreitet hatte, und ließ das Spülwasser fast kochend heiß werden. Auf diese Weise trockneten die Teller ganz von allein. Sie hatte das Vater mal abgeguckt, der, ehe sie die Maschine hatten, mitunter gespült hatte.

Wahrhaftig, die Teller waren trocken. Sie räumte sie in den Schrank und stellte neue in das Gestell, geriet in Feuer und suchte nach allem, was noch zu spülen war. Wie würde Mutter sich wundern, wenn schon alles weggeräumt war! Nun noch die Töpfe! Wenn sie sich beeilte, konnte sie sogar die Küche noch trockenwischen, denn herumgespritzt hatte sie, daß es ringsum schwamm.

Es gelang. Mutter kam herein, als Anja gerade das letzte Stück des Küchenfußbodens aufgetrocknet hatte, und erging sich in Lob und Dank.

„Nein, nicht nur gespült, sondern die ganze Küche fertig gemacht, und so schön und so flink – Anja, du bist wirklich prima!“ sagte sie glücklich. „Und alles eingeräumt! Nun mußt du aber sicherlich ganz schnell weg!“

„Ich komm’ schon noch zurecht!“ Anja lief in ihr Zimmer, um die Schulmappe zu holen. „Vater repariert dir die Maschine sicherlich, er kann doch so was –“ Und sie entfleuchte. Mutter schüttelte den Kopf. Wirklich, es gab noch hilfreiche Engel!

Mittags kam Vater nicht nach Hause, er hatte nachmittags Unterricht und blieb dann meist in der Schule, um zu korrigieren. So hatte Mutter nur einen Eierkuchen für Anja gebacken, die Eierkuchen sehr liebte, und Apfelmus dazugestellt – sie war noch immer dankbar und gerührt. Um so mehr bedauerte sie, als Anja sich gar nicht zu freuen schien, mit dem Löffel spielte und sich keineswegs auf das Essen stürzte.

„Was hast du denn? Ist dir nicht gut?“ fragte Mutter schließlich vorsichtig. Anja sah auf.

„O ja, doch. Und Eierkuchen – fein –“, aber so ganz echt klang es nicht. Mutter sah Anja noch einmal kurz an, setzte sich dann zu ihr – eigentlich hatte sie sich ein bißchen hinlegen wollen, da die Jungen jetzt auch schliefen – und fragte dann, und es klang herzlich und lieb:

„Kannst du mir’s nicht sagen? Etwas ist doch los. Hast du Pech gehabt in der Schule?“

„Nein. – Ach, Mutter – wir hatten so etwas Schönes vor, und nun –“, sie schob den Teller weg, „nun ist alles verdorben.“

„Was ist verdorben? Vielleicht kann man es doch noch irgendwie hinkriegen. Was ist es denn?“ fragte Mutter sachte. Anja sah sie an. Und dann brach es aus ihr heraus.

„Also wir wollten – wenn Cornelia und Onkel Kurt heiraten – wir haben uns ausgedacht – als Überraschung –“ sie sprudelte auf einmal alles hervor. Daß sie Stine kennengelernt und sie gebeten hatten, das Brautpaar vierspännig zur Kirche zu fahren, mit einem blumengeschmückten Ponywagen, Stine auf dem Bock und Petra und sie als Beifahrerinnen neben ihr, alle drei in Reitkluft, Stine sogar mit Zylinder und weißen Handschuhen, wunderbar festlich. Und nun –

„Nun?“

„Ja, nun geht es nicht. Wir haben gehört, daß Onkel Kurt und Cornelia, die natürlich davon nichts ahnen dürfen, mit ihren beiden Autos direkt zur Kirche fahren werden. Aufs Standesamt gehen sie schon am Tag vorher, und nun ist alles verdorben. Petra brachte es heute vormittag mit in die Schule. Stine weiß es noch gar nicht –“

Anjas Gesicht war ganz trostlos. Mutter sah sie nachdenklich an.

„Ja, das wäre natürlich schade. Das ist –“

„Und wir haben schon Fahren geübt. Petra hat sich dabei die Knie aufgeschlagen beim Aufspringen – und Stine freut sich auch – und –“ Sie verstummte. Mutter spürte ihren tiefen Kummer.

„Vierspännig, sagst du? Mit Pferden?“

„Mit Ponys. Mit kleinen – also süß –“ Anja kam ins Schildern. Sie erzählte alles. Es war vielleicht das erste Mal, daß sie Mutter so ausführlich von Pferden erzählte. Immer hatte sie gemeint, Mutter interessierte sich ja doch nicht dafür. Jetzt aber wurde sie eines Besseren belehrt.

„Hör mal, Anja“, sagte Mutter nämlich nach einer Weile, in der sie nachgedacht hatte, „ich wüßte was. Wie wäre es, wenn wir Onkel Kurt und Cornelia vorschlügen – ganz harmlos, ohne was von Pferden zu erwähnen –, daß sie sich nicht erst vor der Kirche, sondern schon vorher hier bei uns träfen? Ich könnte sie doch zu einem kleinen Frühstück mit einem Glas Sekt einladen, ehe sie zur Kirche fahren? Und wenn sie herauskommen, um ins Auto zu steigen, steht die Kutsche da! Und ihr führt sie hin!“

„Mutter –“

„Und nach der Kirche kutschiert ihr sie in das Lokal, in dem wir dann essen und feiern wollen! Was meinst du?“

„Zu einem kleinen Frühstück? Hättest du denn Zeit dafür?“ fragte Anja verhalten, aber aufs äußerste gespannt. „Die Hochzeit ist am Samstag, am schulfreien Samstag, Cornelia hat das so eingerichtet, damit Vater frei hat und wir auch. Aber so ein Frühstück macht doch viel Arbeit, für mindestens zehn Mann hoch, denn ein paar Freunde kommen auch –“

„Das würde ich schon schaffen. Man kann ja am Tag vorher alles vorbereiten, und vielleicht kommt auch Petra und hilft mit, ehe ihr den Pony wagen holt.“

„O Mutter, natürlich helfen wir dir! So ginge das, und Cornelia und Onkel Kurt werden überrascht. Und ihr könntet die Kutsche sehen und alles –“ Anjas Stimme klang jubelnd vor Glück.

Mutter lachte. Und dann stürzte Anja ans Telefon, um Petra zu benachrichtigen. Mutter sah ihr nach.

Natürlich gab das einen Haufen Arbeit und Durcheinander und Rummel. Aber wenn sich Anja darüber so freute ...

Es wurde wahr

Stine, bei allen Pferdeleuten bekannt, hatte sich mit dem Reitverein in Verbindung gesetzt, und Herr Taube erlaubte gutmütig, die Ponys für eine Nacht bei ihm unterzustellen, als er hörte, daß es sich um Cornelias Hochzeit handelte. So fuhren sie am Freitag zu dritt vierspännig über Land, Stine auf dem Bock, die beiden Mädchen neben ihr, sozusagen als Hauptprobe. Schon das allein war ein großes Vergnügen, das anderen ein ganzes Leben lang nicht widerfährt, und Anja und Petra platzten fast vor Stolz, als sie am Reitverein vorfuhren und sich bewundern ließen. Zum Glück standen ein paar Reitschüler im Hof und sahen sie. Auch Frau Taube, die Mutter des Reitlehrers, hatte, von Petra und Anja vorgewarnt, am Fenster gelauert ... Die Hauptprobe verlief ohne Ärger und Zwischenfälle. Die Ponys waren wie geschmiert gelaufen, kein Geschirrstück hatte gefehlt, kein Eisen sich gelockert.

„Eigentlich hätte es ja ein paar Pannen geben müssen“, sagte Stine, als die Ponys glücklich in der Laufbox untergebracht waren. Alle vier standen zusammen, keins war angebunden, was sie nicht gewöhnt waren. „Meist gibt es fürchterlichen Ärger bei der Hauptprobe, und die Aufführung klappt. Hoffentlich ist es nun nicht umgekehrt.“

„Es muß ja nicht“, sagte Vater, der, eingeweiht in die Überraschung, zum Reitverein herübergekommen war. „Bleiben Sie heute bei uns?“ fragte er Stine. Die aber schüttelte den Kopf.

„O nein, ich hab’ ja meine drei kleinen Burschen zu Hause, die ich versorgen muß, einen Mann und eine ganze Anzahl Ponys außer diesen. Anja hat versprochen, daß sie mir ihr Fahrrad leiht, damit sause ich heim.“

„Das kommt nicht in Frage“, sagte Vater sogleich, „ich borg’ mir einen Wagen und fahre Sie zurück. Und hole Sie morgen früh ab. Sie müssen nur sagen, wann.“

„Prima!“ rief Stine. „Was soll nun noch schiefgehen?“

Ja, was eigentlich?

Erst einmal verschlief Anja. Das hätte sie nie für möglich gehalten. Weil sie so aufgeregt war, hatte sie gar keinen Wecker gestellt. Am Abend hatte sie mit Mutter noch bunte Schnittchen zurechtgemacht, die nun im Kühlschrank warteten, Gläser geputzt und Papierservietten gefaltet. So war es spät geworden, und dann konnte sie lange nicht einschlafen.

Nun, allzu spät war es nicht. Anja fuhr wie der Teufel in Hose und Pullover und warf einen Blick aus dem Fenster: Regen? Oder gutes Wetter? Regen wäre blöd, obwohl es heißt, daß es Glück bringt, wenn es der Braut in den Kranz regnet. Aber im offenen Viersitzer?

Kein Regen. Es schien sehr kalt zu sein, über dem kleinen Rasen vor dem Haus lag es wie eine hellgraue Schicht: Reif. Es war ja Herbst, ziemlich spät im Jahr. Anja rannte und zog den Anorak im Laufen an. „Bin sofort wieder da“, rief sie der Mutter noch zu. Sie mußte schnell nach den Ponys sehen und ihnen guten Morgen sagen.

Atemlos riß sie die Stalltür auf, als sie angekommen war, lief die Stallgasse entlang – da war die Box, die Tür stand halb offen. Anja starrte hinein: leer.

Ach du lieber Augustin! Da mußte gestern abend noch jemand darin gewesen sein und hatte dann vermutlich den Riegel nicht richtig zugemacht. Ponys sind sehr erfinderisch im Öffnen von Riegeln, das wußte man hier im Reitverein wohl nicht; die Großpferde standen ja immer angebunden in ihren Ständen. Anja drehte sich um und wollte eben zur Tür, als sie auf Petra stieß. Petra hatte es auch hierhergezogen.

„Sie sind weg!“ japste Anja. Himmel, was nun?

„Stine anrufen!“ Anja meinte, das wäre das beste. Petra hielt sie zurück.

„Gleich Großalarm? Ich weiß nicht. Und Stine kann auch nicht mit dem Hubschrauber hier antanzen, die wartet ja auf deinen Vater. Erst suchen wir mal selber. Vielleicht sind sie gar nicht weit.“

„Aber – aber – sie kennen sich hier doch gar nicht aus. Sie können überall hingelaufen sein, in die Siedlung – oder –“

„Ich denke, sie sind Richtung Heimat gegangen“, sagte Petra, „das machen die meisten Pferde, die ausgebrochen sind. Von dort drüben sind wir gestern gekommen –“ Sie rannte schon los, Anja hastete hinter ihr her.

Und nun zeigte sich, daß der Reif, der die Koppeln bedeckte, etwas Gutes hatte: Im Reif sieht man Spuren. Natürlich nicht so deutlich wie im Schnee, aber immerhin. Die beiden Mädchen rannten um die Halle und sahen dann sehr deutlich: Hier mußten Pferde gelaufen sein. Der Rasen hinter der Halle auf dem Springplatz zeigte ein paar dunkle Streifen, lose nebeneinander, in der von Petra angenommenen Richtung.

„Los, hinterher!“ rief Petra, und sie rannten. Hier gingen die Spuren lang, ziemlich deutlich, wenn sich das Auge darauf eingestellt hatte; dann aber war der Grasplatz zu Ende, da sah man keine mehr. Die beiden Mädchen folgten dem engen Weg, den sie gestern hier entlanggekommen waren, am Fluß längs.

„Hier ist Cornelia damals beinahe abgesackt“, stieß Petra hervor, „weißt du noch? Und Gero –“

„Ja. Wenn ich alles vergess’, das nicht. Dort ist das Wehr –“

Links trat jetzt Wald an den Weg heran. Petra rannte, einem Instinkt folgend, um die nächste Kurve, obwohl man hier keine Spuren mehr erkennen konnte.

„Hach!“ schrie sie dann, in die Kurve biegend. Anja hatte keine Luft mehr, um zu fragen, aber das „Hach!“ hatte gut geklungen, befriedigt, erlöst. Und dann sah sie es, nachhastend, schon ...

Es waren alle vier. Das ist ja das Beruhigende, daß ausreißende Ponys meist zusammenbleiben. Als Herdentiere fühlen sie sich beieinander am wohlsten. Welch großes Glück – sie hatten alle vier gefunden!

Gefunden, ja, aber noch nicht dingfest gemacht.

Petra hatte zwar, um die Ecke schießend, ihr Tempo abzufangen versucht, es gelang ihr aber nicht auf Meterentfernung. So kam sie, noch im Abstoppen, an die Ponys heran, aber diese, aufgeschreckt, setzten sich sofort in Bewegung. Und wenn eins losrennt, fangen die anderen sofort an, ihm zu folgen. Petra wußte das, aber hier spielte ihr Temperament ihr einen Streich. Peuke, der Schreckhafteste von den vieren, machte einen Satz, natürlich in Richtung Heimat, und die anderen folgten auf der Stelle. Wo eben noch vier ruhig grasende Ponys gestanden hatten, sah man jetzt ein kleines Rudel davonsausender Vierbeiner mit wehenden Mähnen und Schweifen, Peuke voran, Lettchen nach, die beiden anderen hinterher.

„Ihr Mistkäfer –“ Petra hatte noch immer Luft genug, um zu schreien. Sie rannte davon, ohne sich umzudrehen, Anja hinter ihr her. Himmel, Himmel, auch ein Mensch, der sich alle Mühe gibt, kann sich in puncto Schnelligkeit mit solch einem Vierbeiner nicht messen. Jetzt machte der Weg eine Biegung, auf die Brücke zu, und nach dieser führte er geradewegs zur Autostraße, die man herwärts überquert hatte. Petra sah das und wußte genau, was es bedeutete. Auch zu relativ früher Morgenstunde fuhren hier Wagen, und zwar mit ziemlich hoher Geschwindigkeit. Nein, bis auf die große Straße durften die Ponys nicht kommen.

Doch wieder einmal erschien ein Schutzengel. Anja schüttelte später den Kopf über diesen Zufall – jetzt hatte sie keine Zeit dazu. Da kam doch wahrhaftig von der entgegengesetzten Seite her ein Junge geradelt, den Ponys und ihnen entgegen, wie vom heiligen Georg persönlich in dieser Sekunde bestellt. Er sah die Pferdchen laufen, die beiden Mädchen hinterher, und schon war er vom Rad gesprungen.

„Halt sie!“ japste Petra, und er reagierte blitzschnell und stellte sein Fahrrad quer. Peuke, der Anführer, stutzte, Lettchen stoppte ab, der Junge schob das Fahrrad hin und her, immer dorthin, wo eins der Ponys vorbeiwollte. Und schon war Petra heran, hatte Peuke rechts und Lettchen links an der Mähne gegriffen und machte dem Jungen ein Zeichen, Erie festzuhalten. Der warf sein Fahrrad hin und gehorchte. Und nun war auch Anja heran und griff sich Nikolo. Dem Himmel sei Dank, sie hatten alle viere wieder!

„Du bist genau im richtigen Moment gekommen“, keuchte Petra, „Himmel, Himmel, wenn die Biester auf die Straße gerast wären! Wohin willst du denn eigentlich?“

„Zum Reitverein. Ich helf’ dort immer, wenn ich keine Schule hab’“, sagte der Junge.

Petra strahlte.

„Wunderbar. Hol dein Fahrrad, ich halte solange alle beide. Und dann führ Lettchen, ich nehm’ Peuke.“

„Herrjeh, wir haben ja gar keine Halfter dabei“, rief Anja in diesem Augenblick. Wahrhaftig, daran hatten sie vorhin nicht gedacht.

„Geht alles“, sagte Petra, zog den Gürtel ab, den sie um ihre Jacke trug, und legte ihn Peuke um den Hals. „Und du nimmst die Schnur aus der Kapuze von deinem Anorak, Anja.“

„Ich hab’ nichts – aber ich weiß schon, wie ich es mache“, sagte der Junge eifrig. Er schien mit Pferden vertraut zu sein, zog seinen Pulli über den Kopf und legte ihn Lettchen um den Hals, beide Ärmelenden festhaltend. Nun waren drei der Ponys dingfest gemacht, das vierte, Nikolo, konnte man gut an der Stirnlocke führen. So also setzte sich die kleine Kavalkade in Bewegung, und siehe, mit Erfolg. Zu siebt zockelten sie langsam den Weg entlang, den sie eben im Galopp gekommen waren, und als sie den Sprunggarten erreicht hatten, konnten sie zwei Gestalten an der Ecke der Halle entdecken: Stine und Anjas Vater. Anja winkte, beinahe wäre ihr dabei Nikolo aus den Fingern geraten. Aber sie griff schnell erneut in die Mähne. Nun winkte Stine zurück und setzte sich in schnellen Trab.

„Was macht ihr denn um Gottes willen mit den Ponys?“ japste sie lachend, als sie herangekommen war.

„Och, wir haben sie ein bißchen geweidet“, sagte Petra harmlos. „Weil wir nichts anderes zu tun hatten.“

„Na, so ein Glück“, sagte Stine und griff sich Erie. „Solche Biester. Nehmen Sie den Nikolo, der läßt sich gut führen“, rief sie Vater zu, der nun auch herangekommen war. Vergnügt wanderten sie dem Reitstall zu. „Vielen Dank, mein Junge, daß du geholfen hast ...“

Der strahlte. „O bitte!“

„So, und jetzt wird geputzt, daß alles nur so spiegelt“, bestimmte Stine, „jeder putzt seins. Ja, Sie auch!“ sagte sie lachend zu Anjas Vater und warf ihm eine Kardätsche zu, die er als alter Schlagballspieler geschickt auffing, „Zeit dazu haben wir noch. Hoffentlich hat sich die Kutsche nicht auch auf die Socken gemacht.“

Sie lief zum Schuppen und kam dann erleichtert zurück.

„Ist noch da. Also. Was kann jetzt schon noch passieren!“

„Beschrei es nur nicht noch einmal!“ warnte Petra und merkte gar nicht, daß sie Stine duzte. „Gestern hast du schon –“

„Na ja, toi, toi, toi, hätt’ ich wirklich nicht sollen. Alle Reiter sind abergläubisch.“ Sie lachte Vater an. „Sie sind Lehrer von Beruf, nicht wahr? Auch abergläubisch?“

„Eigentlich nicht – aber beschreien soll man nichts, das ist wahr. Kennen Sie vielleicht die Geschichte von den zwei Atomphysikern? Auf einer Gesellschaft fallen dem einen ein paar Kastanien aus der Tasche, als er etwas herausholen will. ‚Kastanien?‘ fragt der andere. Teilen Sie etwa auch den Aberglauben, daß die gut gegen Rheuma sind? Das ist doch nur ein dummer Schnack.‘

‚Natürlich, ja. Aber ich hab’ gehört, es hilft auch, wenn man nicht dran glaubt‘, sagt der andere, ein ebenso kluger Kopf. Ja, so ist es. Man bestreitet, abergläubisch zu sein, und klopft doch an Holz oder sagt toi, toi, toi! Meine Schüler dürfen das natürlich nicht wissen“, sagte Vater etwas verlegen. Anja fand ihn in diesem Augenblick richtig goldig.

Sie putzten. Und dann legten sie die Geschirre auf und banden die Ponys an. Vor den Wagen wollte Stine sie noch nicht stellen, sie müßten dann noch so lange warten. „Jetzt heim mit euch, ihr beiden“, sagte sie, „gewaschen, umgezogen, fein gemacht. Ich warte hier.“

„Darf ich Ihnen Gesellschaft dabei leisten?“ fragte Vater. „Ich bin zu Hause, glaub’ ich, jetzt recht überflüssig. Warten Sie, ich sehe zu, daß ich im Reiterstüble eine Tasse Kaffee für Sie bekomme – und für mich auch“, fügte er lachend hinzu. „Stallarbeit macht durstig.“

Eins hatten sich Anja und Petra niemals recht vorstellen können: Cornelia im Brautkleid. Als sie die junge Braut jedoch aus dem Auto steigen sahen, fanden sie sie wie eh und je richtig. Sie trug ein weißes Kostüm – engen Rock, knappe Jacke –, im Knopfloch eine Rosenknospe. Dazu eine Kappe, die ihr herbes Gesicht noch klarer und hübscher machte. Onkel Kurt strahlte, als er sie begrüßte, und dazu hatte er auch ein volles Recht, fanden die beiden Mädchen.

Nun gab es das „kleine Frühstück“, Vater sagte ein paar Worte, man stieß auf das Brautpaar an, und Petra und Anja trugen die Platten mit den Schnittchen herein. Die beiden Mädchen hatten weiße Rollis an und darüber weiße Schürzen gebunden, damit man die Reithosen nicht sah. Cornelia sah sie trotzdem, fragte aber nicht. Ob sie etwas ahnte?

Das jedenfalls ahnte sie nicht, was sie erwartete. Sie beteuerte es später immer wieder: So was kann man ja nicht ahnen. Als sie mit Onkel Kurt an der Seite aus dem Haus trat, war Stine gerade vorgefahren und parierte durch, alle vier Ponys standen im selben Augenblick still – das ist gar nicht so leicht zu erreichen –, und Anja und Petra, jetzt in Reithosen, Stiefeln und Jacketts, sprangen vor an ihren Platz. Cornelia sagte nur: „Nein, so was!“ und stieg dann ein, Onkel Kurt hinterher. Die beiden Reitmädchen sprangen neben Stine auf den Bock, und los ging die Fahrt zur Kirche.

Es war traumhaft. Stine nahm die Kurve in schönem Bogen und ließ die Ponys antraben, Vater, Mutter und die beiden Trauzeugen, Freunde von Onkel Kurt, wollten im Auto hinterherkommen. Frau Schubert, die die Zwillinge derweil betreute, stand in ihrer Haustür und machte runde Augen, und überhaupt blieb jeder stehen, der die Kutsche sah, und staunte. So hatten es die beiden erwartet. Sie genossen es sehr.

Wer unverschämt an diesem Morgen war, das war Lettchen. Sie ging vorn rechts, erst gut und vernünftig, als es aber nicht Richtung Heimat ging, sondern der Kirche zu, in die entgegengesetzte Richtung also, wurde sie bockig. Sie zerrte seitwärts und deichselte ab, Stine versuchte sie zur Raison zu bringen, aber Lettchen hatte von jeher einen eigenen Kopf. Petra und Anja saßen auf der Lauer, abzuspringen und vorzulaufen, aber Stine schüttelte den Kopf.

„Noch nicht. Ich krieg’ sie hin, das wäre ja wohl gelacht!“

Himmel, hatte Lettchen einen Dickschädel! Jetzt kam sie mit dem äußeren Bein über den Zugstrang, schlug aus, traf ihren Nebengänger Nikolo, der beleidigt zurückschlug und sich prompt auch verfitzte. Peuke zog vorwärts und Erie zurück.

Petra sprang ab. Sie hatte sich vorgesehen, weil sie ihren Sturz von neulich noch sehr gut im Gedächtnis hatte, und fiel nicht; im selben Augenblick aber zog Lettchen an und riß die anderen mit, der Wagen schoß vor und Petra geriet ins Hintertreffen. Anja wußte nicht –

„Soll ich?“ flüsterte sie Stine zu.

„Unfug, ich krieg’ sie hin. Dreh die Bremse nicht ganz zu, nur etwas –“

Anja gehorchte. Im selben Augenblick kam ein Auto von hinten und überholte knapp.

Jetzt spielte Nikolo verrückt. Er warf sich nach rechts und drängte Lettchen noch mehr ab. Die rechten Räder der Kutsche befanden sich bereits auf dem Bürgersteig, auf dem gottlob niemand ging. Nun sprang auch Anja ab. Sie lief vor, erwischte Lettchen am Zügel, konnte sie aber nicht halten. In diesem Augenblick war, wie gehext, Cornelia da. Sie, die rechts saß, mußte erst hinter der Kutsche herum und dann nach vorn springen, aber sie kam zur richtigen Zeit, bekam Nikolo am Zügel und hielt ihn fest, so daß nun auch Lettchens Geschwindigkeit zwangsläufig geringer wurde. Noch zwei Atemzüge, und alle vier standen wieder ruhig, die Kutsche freilich noch auf dem Bürgersteig.

„Macht nichts, wir fahren wieder runter“, sagte Stine seelenruhig. „Steigt schnell auf, hopp!“ Und sie fuhr, nachdem alle wieder in der Kutsche saßen, elegant und schmissig der Kirche zu. Die Ponys warfen die Beine, als seien sie Jucker; es war ein Anblick, daß einem das Herz lachte. Vor der Kirche hielten sie vorschriftsmäßig. Das Brautpaar stieg aus, und schon ertönten die Glocken. Auch die anderen Gäste waren da, und feierlich setzte sich der Zug in Bewegung, ins Gotteshaus hinein.

Anja und Petra blieben draußen. Stine war das recht. Jetzt aber schienen die Ponys Vernunft angenommen zu haben und machten keine Zicken mehr. Sie standen geduldig und harmlos still. Stine blieb auf dem Bock sitzen und lachte vergnügt.

„Da haben wir also die Panne doch noch erlebt. Und die Braut zeigte, was an ihr ist. Onkel Kurt kann sich freuen.“

„Deine Nerven möcht’ ich haben“, seufzte Petra, und auch Anja meinte, man sollte den Tag nicht vor dem Abend loben.

„Ist ja noch Vormittag“, sagte Stine, „sollt mal sehen, wie die vier jetzt gehen, wenn wir zum Lokal fahren. Wie am Zwirnsfaden!“

So war es auch. Und es wurde ein lustiges Mahl. Anja und Petra waren mit Stine vorher noch zum Reitverein zurückgefahren, um die Ponys unterzustellen. Vater holte sie mit dem Wagen ab. Gerade wurde die Suppe serviert.

Bei Tisch gab es dann viele lustige Reden, Vater verlas die zahlreichen Glückwunschtelegramme, die gekommen waren. Eins davon lautete:

„Dem jungen Paar viele wunderschöne Reiterlebnisse. Werde meine Hand schützend darüberhalten wie soeben über die Kutsche. Sankt Georg, Zuständiger für Pferde im Himmel.“

Alle wunderten sich sehr, am meisten Vater, der das Telegramm völlig ahnungslos in die Hand genommen hatte. Petra verschwand vor unterdrücktem Lachen hinter ihrer Serviette. Anja bewunderte wieder einmal, auf was für Ideen Petra kam.

Und dann standen sie beide gleichzeitig auf, stellten sich vor das junge Paar und begannen ihr Sprüchlein aufzusagen. Jede trug ihre Reitkappe, jede eine Blume in der Hand.

„Mancher gibt sich viele Müh’

mit dem lieben Pferdevieh.

Einesteils der Knetel wegen,

welche diese Tiere legen,

denn was fing’ ein Gärtnersmann

ohne Pferdeknetel an.

Zweitens aber nimmt man auch

ihre Haare in Gebrauch,

für Matratzen und für Pfühle,

denn man liegt nicht gerne kühle.

Doch der größte Spaß dabei

ist nun mal die Reiterei.

Ein geliebtes Pferdchen haben,

unsern deutschen Wald durchtraben,

oder fahren, voltigieren

und am schönsten: galoppieren.

Daß auch Onkel Kurt es lerne

in nicht allzuweiter Ferne,

wünschen euch, vergnügt und heiter,

heut’ zwei junge Nachwuchsreiter.“

Stine hatte es ihnen zusammengestellt, und sie ernteten großen Beifall. Es war, alles in allem, eine wunderschöne Reiterhochzeit, genau das richtige für Cornelia.

Mit Islandponys unterwegs

„Offen gestanden, gut fände ich es nicht. Der Reitverein allein genügt schon, die Schule in den Hintergrund zu drängen“, sagte Vater freundlich, aber sehr ernsthaft. „Anja hat gerade eine Mathearbeit verhauen, eine glatte Fünf. So was hängt einem bis zum nächsten Zeugnis an oder noch länger. Wenn sie diese Fünf mit einer Eins ausgleichen könnte – wann aber bringt Anja mal eine Eins in Mathe zustande.“

„Mathe ist auch schwer, bei der heutigen Mengenlehre.“ Cornelia ahnte nicht, was Mengenlehre ist, sie wußte nur, daß alle Eltern darüber stöhnen. „Und sonst ist sie doch gut in der Schule.“

„Gut! Weil sie ein einziges Mal einen Aufsatz geschrieben hat, den die Lehrerin lobte!“

„Sie hat ihn nicht nur gelobt, sondern er wurde als beste Arbeit ihrer Altersstufe prämiert!“

„Na ja. Weil sie über die Reitjagd geschrieben hat, die ihr so gut gefiel, und bei der –“

„– ich ins Wasser fiel, jawohl“, Cornelia lachte und sah Vater mit schmelzendem Blick an. „Die beiden haben meine Hochzeit so wunderbar verschönt, und da möchte ich – es sind doch nur vier Tage –“

„Also, geschwänzt wird nicht“, sagte Vater und versuchte, Cornelias Blick nicht zu erwidern. Die junge Schwägerin war so hübsch und so reizend, daß es fast unmöglich war, weiter streng und grundsatzgetreu zu bleiben. „Kein Tag und keine Stunde wird geschwänzt.“

„Es sind vier schulfreie Tage!“ rief Cornelia triumphierend. „Die letzten drei Oktobertage und der erste November, der frei ist! Ich nehme mir auch frei. Wir fahren am Donnerstag abend los, übernachten im Königshof – die Frau, bei der wir reiten wollen, heißt Frau König –, und am nächsten Morgen wird losgeritten. Auf Islandponys, die auch Erwachsene tragen. Vier Tage durch die Pfalz! Stine kommt auch mit. Mein – also Kurt – wollte eigentlich auch mit, aber –“

„Na?“ fragte Vater amüsiert, weil Cornelia noch nicht „mein Mann“ sagte.

„Er traut sich’s noch nicht zu. Hat erst drei Anfängerstunden genommen, und das ist vielleicht ein bißchen wenig für solch eine Unternehmung.“

„Kann Anja denn schon genug?“ fragte Vater, ohne zu merken, daß er sein „Nein“ bereits zur Hälfte zurückgenommen hatte. Nun bekam Cornelia Oberwasser.

„Natürlich! So wie sie sich herausgemacht hat im letzten halben Jahr! Also Sie haben nichts dagegen, wenn keine Schulstunde dabei in Gefahr kommt –“ Gespannt sah sie ihn an. Vater zögerte noch.

„Wenn Sie – wenn du mir versprichst –“

„Oh, oh, oh!“ jubelte Cornelia, sprang auf und fiel ihm um den Hals. „Du bist der beste, der liebste –“

„Na?“ fragte Vater und hatte nichts dagegen.

„Schwager. Der –“

„Wollte ich auch hoffen. Denn Kurt ist und bleibt hoffentlich der Allerliebste, Allerbeste und Allerschönste“, sagte Vater und versuchte noch ein bißchen zu grollen, was ihm aber nicht recht gelang. „Gut, dann reitet. Aber wehe, wenn es einen Beinbruch gibt – oder sonst was, was den Schulbesuch hinterher behindern könnte –“

„Nichts wird passieren. Sicher nichts! Frau König hat versprochen, den Kindern brave und zuverlässige Pferde zu geben.“

„Aha. Es gibt dort also auch andere!?“

„Natürlich. Aber – jetzt müssen wir es den beiden sagen, sie lauern schon –“

Und ob sie lauerten! Sie standen zu zweit hinter der Tür und stießen sich gegenseitig vom Schlüsselloch weg. Aber verstehen konnte man die Erwachsenen nur zur Hälfte. Endlich, endlich hörten sie Cornelias „Oh, oh, oh!“ Da packte Petra Anja bei der Hand und riß sie mit sich fort, in Anjas Zimmer. Jetzt würde die Tür gleich aufgehen und Cornelia herausgestürzt kommen.

So ähnlich geschah es auch. Cornelia blieb im Flur stehen und rief: „Petra, Anja? Wo seid ihr denn? Kommt schnell!“ Und da kamen sie geschossen, und Vater seufzte heimlich, als er ihr Tempo sah. Würden sie es ähnlich bei diesem Ritt halten, das Tempo, auf fremden Pferden, in einer fremden Umgebung ...

„Ich benehme mich schon wie ein alter Sorgen-Uhu“, sagte er zu sich selbst. „Sonst ist es doch immer Mutter, die die Gefahren sieht“, aber er hatte kein gutes Gefühl bei dieser Geschichte, darüber war er sich klar. Obwohl er den beiden ihre Freude von Herzen gönnte.

Die nächsten Tage wurde gepackt. Packen ist gar kein Ausdruck für das, was Anja täglich anstellte – Mutter schüttelte wieder einmal den Kopf. Der kleine Koffer, in den Anja alles, was sie angeblich für den Ritt brauchen würde, hineinpfropfte und im nächsten Augenblick wieder herausholte, hatte es nicht leicht. Das Schloß ging prompt entzwei, weil es den Druck nicht aushielt. Das aber sagte Anja gar nicht erst ihren Eltern. Dann fuhr sie eben mit offenem Koffer, außerdem konnte man ja einen Gürtel darum herumgurten, damit er zusammenhielt.

„Du wirst die Reithose vergessen über lauter unnötigem Zeug“, sagte Mutter einmal, aber Anja lachte.

„Die ging gar nicht mehr rein. Die zieh’ ich gleich an.“

„Aber die Zahnbürste! Vergiß die nicht.“

„Also ich hab’ ihn eben zugemacht. Die geht wirklich nicht mehr rein.“

„Bist du närrisch, vier Tage ohne Zahnbürste. Dann steck sie dir ins Knopfloch –“

„Wie sieht denn das aus! Zahnbürste im Knopfloch, gräßlich! Reiter müssen korrekt aussehen.“

So ging es täglich hin und her. Mutter hatte einmal gelesen, daß heranwachsende Töchter, die sich verlieben, der Ruin der Nerven seien. Sie meinte, Reittöchter wären noch schlimmer. Reittöchter wären der Gipfel der mütterlichen Belastung ...

Schließlich sagte sie gar nichts mehr. Das war auch besser. Und – obwohl Anja es nicht glaubte – die Zeit bis zum großen Ritt durch die Pfalz verging auch. Beinahe war Mutter der Meinung, sie selbst wäre am erleichtertsten, als alles im Auto saß. Die Zeit davor war derart angefüllt gewesen mit Telefonaten und Planänderungen und „Kannst du mal schnell?“, daß fast kein Platz mehr für die Sorge in ihrem Herzen blieb, ob auch alles gutgehen würde. Und darum hatte sie fast schon wieder ein schlechtes Gewissen.

„Wird schon werden, warum denn nicht“, sagte Vater tröstend und nahm sie in die Arme, als der Wagen um die Ecke war. „Jetzt trinken wir einen Schluck Kognak, denn Cornelia hat uns einen Sorgentöter, wie sie das nennt, mitgebracht. Und in fünf Tagen sind sie alle heil wieder hier.“

„Das walte Gott“, sagte Mutter und hatte das Gefühl, den Seufzer, der ihr dabei entwich, nicht zum letzten Mal ausgestoßen zu haben. Diese Tochter – wie ertrugen das eigentlich Mütter mit mehreren solchen? Die gab es doch schließlich auch!

Der Königshof lag – leider! – ziemlich nahe an der großen Straße, die Koppeln und Ställe dahinter. Stine kannte Frau König natürlich, sie hatte an der Hochzeit Cornelia von ihr erzählt, und dadurch war der ganze Plan entstanden. Frau König – ziemlich klein, aber kräftig gebaut – stand inmitten einer Kinderschar auf der dem Haus nächstliegenden Koppel und guckte hoch, als der Wagen hielt. Aha, die neuen Reitgäste!

Sie kam herüber und begrüßte Stine, gab Cornelia die Hand und Anja und Petra je einen wohlgemeinten Schlag auf die Hosenböden.

„Grüß euch, ihr zwei, lauft rüber, ihr könnt gleich mit putzen! Aber ordentlich, verstanden? Und Hufekratzen nicht vergessen! Hufekratzer liegen –“

„Haben eigene“, rief Petra im Davonspringen, und Anja ärgerte sich, daß sie ihren nicht eingesteckt hatte. Ein freundliches junges Mädchen, das die Kinder beaufsichtigte, gab ihr einen.

„Ihr seid also Petra und Anja und reitet morgen mit. Wißt ihr schon, welche Pferde ihr bekommt?“

„Ich krieg’ Stjoni, soll ein ziemliches Schlitzohr sein“, sagte Petra eifrig, während sie einen Rotschimmel mit der Kardätsche bearbeitete. „Man darf mit den Schenkeln nicht drankommen, weil er kitzlig ist. Aber ich reite ja schon ein paar Jahre, und jedes Pferd hat Mucken. Pferde ohne Mucken gibt’s nicht –“

Woher sie ihre Weisheiten hatte, ahnte Anja nicht. Von Stine? Warum hatte ihr Stine dann über das Pferd, das sie bekommen würde, nichts erzählt?

Später erfuhr sie, daß sie einen Fuchswallach bekäme, Sir Eden hieß er, sechzehn Jahre alt, verläßlich, nicht sehr dekorativ. Im Grunde war sie froh darüber, aber etwas stach doch in ihrem Herzen: Petra bekam ein Pferd, mit dem nicht jeder klarkam, und sie? Freilich ritt Petra bedeutend länger als sie, aber Isländer sind ja bekanntlich leichter zu reiten ...

Es war dunstig und nicht sehr behaglich draußen, und sie atmeten auf, als die Pferde geputzt und gestriegelt in die Koppel entlassen wurden, in der ein Außenstall stand. Dort konnten sie draußen oder drin stehen, wie sie wollten. Es war nicht wie im Stall, wo jedes in seinem Stand – wie die Pferde des Reitvereins – angebunden an der Krippe stand. Das macht man bei Isländern so, weil sie noch halbe Wildpferde sind.

„Also morgen geht’s zeitig los“, sagte Frau König, als sie um den runden Tisch saßen. Zu zwölft, alle, die morgen mitreiten würden. Es war hier warm und gemütlich, und man sprach natürlich von nichts anderem als vom Reiten. „Die Kinder fahren mit dem ersten Transport, früh um vier, also halb vier aufstehen. Sie warten in Walmsbach auf die nächsten, von dort aus reiten wir dann gemeinsam los. Sie können ja inzwischen putzen und sich sonstwie vergnügen –“

„So früh? Da ist es doch noch stockdunkel“, sagte Cornelia und sah „ihre“ beiden an, die nebeneinander am Tisch saßen und futterten.

„Sicher, aber etwa zwei Stunden später ist der nächste Transport da“, sagte Frau König gleichmütig. „Wir kommen mit dem dritten. Sie können also länger schlafen, auch Stine.“

„Wie schön“, sagte Stine, „da sitzen wir noch ein bißchen zusammen. Den Kindern empfehle ich, bald schlafen zu gehen. Wer von den Erwachsenen fährt denn mit dem ersten Schub mit?“

„Der Reformator. Da sitzt er –“ Frau König deutete auf einen jungen Mann, der gerade sein Bierglas vollaufen ließ.

„Mein Name ist Martin Luther, ich kann nichts dafür“, seufzte er. „Was meine Eltern sich dabei gedacht haben, mich ausgerechnet Martin zu nennen, werde ich wohl nie ergründen. Nun bin ich der Reformator für mein Leben. Ich werde die Oberaufsicht führen“, er blinzelte verschmitzt zu Petra und Anja hinüber, „wir werden uns schon vertragen.“

„Ist das nicht ein bißchen den Bock zum Gärtner gemacht?“ fragte Cornelia, ein wenig besorgt, als die Kinder – außer Anja und Petra noch Marina, eine etwa Vierzehnjährige, und ihr kleiner Bruder Peter – aufgestanden waren, um schlafen zu gehen, „so ein Kindergarten, und dazu –“

„Ach, der Reformator ist soweit in Ordnung“, sagte Frau König, „er hat halt öfter Durst. Aber morgen früh sicherlich nicht.“

Marina zeigte Petra und Anja den Weg. Sie kletterten eine herabgezogene Bodentreppe hinauf und fanden dort ein Matratzenlager vor, das ihnen ziemlich spartanisch anmutete. Zum Glück hatten die beiden Schlafsäcke mit, das hatte Stine ihnen vorher geraten. Waschen konnte man sich hier nicht.

„Das müßtet ihr unten im Badezimmer tun, aber es geht auch mal ohne“, sagte Marina, „Frau König hat gesagt, wir brauchten nicht.“

Petra und Anja hatten nichts dagegen. Vergnügt krochen sie in ihre Schlafsäcke und lachten, als Marina ihren kleinen Bruder hin- und herschickte und mit ihm schalt, weil er ewig nicht fertig wurde. Dabei war auch sie in keiner Weise flink.

Natürlich schwatzten sie noch lange und waren am anderen Morgen todmüde, als der Reformator sie weckte. Er tat das, indem er mit einem Besenstiel von unten an die Decke klopfte, daß es bumste und vermutlich auch ein dreizehiges Faultier aus dem Winterschlaf gefahren wäre.

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