Kitabı oku: «Die Sache, die man Liebe nennt»
Lise Gast
Die Sache, die man Liebe nennt
Menschen, Pferde und ein Roman
Saga
Die Sache, die man Liebe nennt
German
© 1981 Lise Gast
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711509111
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
1
In solcher Stimmung sollte man keine Entschlüsse fassen.
Nein, man sollte nicht.
Aber gerade in solcher Stimmunyg ...
Es war ein Tag, um sich einen haltbaren Ast zu suchen und einen Strick dazu. Keine Angst, weder das eine noch das andere war vorhanden, aber es tat so wohl, dies einmal vor sich hin zu knirschen.
Wir hatten gestern gefeiert. Was man so feiern nennt. Keine wüste Orgie, aber immerhin – die Jungen gingen lieber zu Fuß nach Hause. Als sie gingen, heißt das. Es war ein schweres Stück Arbeit, sie dazu zu bewegen. Uli lag schon zusammengekringelt auf der Couch wie ein Dackel, sie hat die beneidenswerte Eigenschaft, auch bei Kanonendonner einschlafen zu können. Und mir fielen die Augen seit drei Stunden pausenlos zu. Endlich waren die lieben Gäste raus – ich warf mich in die Waagerechte und versuchte nachzuholen, was Uli mir voraus hatte.
Natürlich wachte ich nach meiner Gewohnheit zeitiger auf als nötig. Das ist auch so eine hassenswerte Eigenschaft an mir. Ich war wütend auf mich und die Welt, es roch nach kaltem Zigarettenrauch und warmem Mensch, puh, nein, Fenster auf – aber selbst das half nicht. Und da faßte ich also meinen Entschluß.
Nein, ehrlich: nur beinah. Richtig faßte ich ihn, als die Post kam. Ich hatte vorher sozusagen mit dem Entschluß gespielt, hatte ihn an mich herangezogen und wieder von mir gestoßen, so, wie man vor einigen Jahren oder Jahrzehnten tanzte. Das ist ganz lustig und reich an Variationen. Ich stieß ihn also wieder von mir – bis die Post kam.
Es stellte sich heraus, daß ich einen Fehler gemacht hatte. Einen sehr entscheidenden: Ich hatte auf Hilfe von außen gewartet. Dabei hat mich das Leben doch wahrhaftig gelehrt, daß Hilfe nie von außen kommt. In einem Beruf wie meinem, in dem man darauf angewiesen ist, eigene Produkte anderen Leuten zu guten Preisen anzudrehen, darf man diesen Fehler noch weniger machen als in anderen, gut bürgerlichen Lebenslagen. Natürlich hofft und harrt man: Wenn dieser Streifen angenommen wird, dann wird von nun an jeder angenommen. ›Streifen‹ – damit meinen wir, meine Berufskollegen und ich, eine Bildserie mit Text darunter, für aktuelle Zeitschriften gedacht. Von der Herstellung dieser Streifen leben wir, mit Kamera und Schreibmaschine, besser oder schlechter. Meist schlechter.
Ich hatte also gehofft, daß mein jüngster Streifen Gnade vor den Augen eines dicken Zeitungsonkels finden würde, eines Mannes, den ich nicht kenne und nie kennen werde und der für mich so wichtig ist wie – na, wie beinah eine mittelgroße Liebe. Und dieser Onkel sagte also: »Nein.« Der Streifen erwies sich als anhänglich und kam zu mir zurück. Dabei war er bestellt gewesen.
»... deshalb bedauern wir, Ihre Reportage diesen Herbst nicht mehr bringen zu können. Wegen Verkleinerung unseres unterhaltenden Teiles und Vergrößerung unserer Annoncenseite ist es uns leider unmöglich ...«
»Schietkrom«, knurrte ich und zerknüllte den Brief. Mein Vater stammt von der Waterkant, daher verleihe ich meinem Zorn mitunter Ausdruck auf Plattdütsch. Mein schöner Streifen! Meine tollen Bilder! Meine geistreichen Unterschriften! Kein Wunder, daß diese Zeitschrift Pleite macht, wenn sie sich derartige Spitzenbeiträge entgehen läßt!
Pleite – ich zögerte, dieses Wort zu denken. Pleite auf der ganzen Linie, so kam ich mir vor. Es war nicht diese Sache allein, es wurmte schon lange in meinem Leben. Solange man jung ist, kann man von Haferflocken und Buttermilch aus dem Supermarkt leben und darauf hoffen, daß das Genie eines Tages entdeckt und damit alles gut wird. Wenn man sich aber langsam, langsam den Dreißigern nähert und keinen richtigen Beruf hat ...
Nein, so schlimm ist es noch nicht. Aber es ist – beinah so schlimm, oder, noch schlimmer: ziemlich bald so schlimm. Wie bald, das verschweige ich.
Und nun mein Entschluß.
›Verkauf den Wagen und fang etwas Vernünftiges an‹, hatte Mutti unzählige Male gesagt, ›ein Kurs in Stenografie und Schreibmaschine dauert höchstens fünf Monate. Du kannst auf der Couch schlafen, das geht ohne weiteres. Und dann fängst du mit achthundert Mark im Monat an. Ich habe von Elfi gehört ...‹
Elfi, die so sehr tüchtige, sehr hübsche, sehr zielbewußte Tochter von Muttis Freundin! Nein danke, danke vielmals! Alles, was an Widerstandsresten noch in mir schlummerte, richtete sich jäh auf, besser: bäumte sich auf. Ich spürte es rein körperlich.
»Das nicht!« flüsterte ich wild, so wild, daß Uli sich herumwarf und beinah von der Couch gefallen wäre. »Was hauchst du denn da so durchdringend?« fragte sie interessiert. Sie weiß, wenn ich ganz wütend bin, werde ich leise.
»Soll ich lieber brüllen?« Ich suchte mit einer Entschlossenheit nach meinem linken Schuh, der unter ein Möbelstück geraten sein mußte, daß an ein Weiterschlafen für Uli nicht zu denken war. »Daß du es weißt: Ich hab’ es satt. Jawohl, satt, satt, satt! Ich heirate!«
Ich schrie es jetzt heraus, sozusagen fünfmal unterstrichen. Von nebenan klopfte es an die Wand. Nächtliche Ruhestörung – na, so nächtlich war sie gar nicht mehr. Wenn der Briefträger schon da gewesen war, und überhaupt ...
»Bist du wahnsinnig geworden heute nacht?« fragte Uli mit besorgtem Unterton. Dieser Unterton war ernst, ich hörte es genau. Uli konnte mitreden. Sie war verheiratet oder doch verheiratet gewesen, ihr Mann befand sich seit einiger Zeit ›auf Reisen‹. Sie leben getrennt – bis auf weiteres.
»Nicht wahnsinnig. Einsichtig! Ich sehe ein, daß ich im Beruf eine Niete bin. Eine ganze, vollständige Niete. Da, lies das –«, und ich fegte ihr den Absagebrief des dicken Onkels hin. »Deshalb heirate ich.«
›Heiraten ist immer ein Risikos‹, so heißt ein Theaterstück. Darin heiratet, soweit ich informiert bin – ich habe es selbst nicht gesehen –, ein Gattenmörder, des Verbrechens nicht überführt und mangels Beweisen freigesprochen, eine Frau, die ihren Mann ebenfalls auf elegante Weise unter die Erde gebracht hat. Ich finde diesen Vorwurf makaber. Ich selbst möchte, wie viele oder sogar fast alle jungen Menschen weiblichen Geschlechts, heiraten, zu einem verläßlichen Menschen gehören, mit ihm durch dick und dünn gehen und Kinder haben. Nicht nur eins, sondern mehrere. Rotbakkige, stämmige, meinetwegen zeitweise auch rotznäsige Kinder, die in Strampelhöschen in der Sonne liegen und krähen, solange sie klein sind, und später reiten, daß einem das Herz lacht. So ungefähr. Um dieses Zukunftsbild wahr zu machen, braucht man einen Mann. Und da man sich nicht selbst einen zusammenbasteln kann, muß man nehmen, was sich bietet. Insofern ist Heiraten natürlich ein Risiko, gemeinhin.
In meinem Falle jedoch nicht. Jochen – um den wird es sich also von jetzt an in meinem Leben handeln –, Jochen ist die große, die seltene, die einmalige Ausnahme. Ich bin nicht verblendet. Ich sehe klar, jedenfalls Jochen.
Er dient jetzt das siebente Jahr um mich. Sieben Jahre, das ist wahrhaftig biblisch. Und da ich nur Brüder und keine einzige Schwester habe, läuft er nicht Gefahr, wie weiland Jakob, sieben Jahre um Rahel – in diesem Falle Lex – gedient zu haben und sich dann mit Lea begnügen zu müssen. Wenn man einen Mann sieben Jahre lang kennt, besser: wenn er sieben Jahre für einen da war, so daß man jederzeit auf ihn zurückgreifen konnte, dann geht man kein Risiko ein, wenn man ihn heiratet.
Jochen ist Patentanwalt, also etwas »Richtiges«. Er verdient so viel, daß er jederzeit heiraten kann. Er war für mich immer der Typ des Mannes, den man nicht heiratet: bieder, zuverlässig, älter als ich, in keiner Weise aufregend, aber auch nicht langweilig. Sehr lobenswert in seiner Bemühung, meine Interessen zu teilen, jedenfalls solange sie sich in einem Rahmen halten, den er akzeptieren kann. Wenn ich fand, daß man ohne Schilaufen nicht leben könnte, schaffte er sich Schier an, und als ich plötzlich zu einer eifrigen Konzertbesucherin wurde, weil ich den hiesigen Dirigenten so hinreißend finde – aus der Ferne, versteht sich; wann hätte ein Dirigent sich je für eine kleine Fotojournalistin interessiert –, so entdeckte er gutmütig sein musikalisches Gehör. Nur beim Reiten – also da konnte er nicht mit und wollte auch gar nicht.
»Man muß nicht von allem haben wollen«, erklärte er rundheraus und in einem, wie ich zugeben muß, durchaus männlichen und überraschend unwiderruflichen Ton. »Pferde sind gefährliche Tiere, die dem Reiter nach dem Leben trachten, so steht es in mancher Reithalle angeschrieben, und ich möchte weder mich selbst noch meine Frau eines Tages gelähmt oder verkrüppelt erleben. Schilaufen genügt mir. Diskussionen erübrigen sich. Basta.«
Diese kurze Ansprache an sein Volk, das in diesem Augenblick von mir verkörpert wurde, imponierte mir mehr, als ich im Augenblick zugeben mochte. Jochen ist ein Mann, nehmt alles nur in allem. Na schön.
Vom Schilaufen hat er übrigens einmal einen Satz geprägt, über den ich so lachen mußte, daß ich kopfüber in eine Schneewehe fiel, wo es gar nicht nötig war: »In der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts erfanden die Menschen eine Selbstfolterung. Sie banden sich lange Hölzer unter die Füße und fuhren damit so lange bergab, bis sie Nasen- und andere Beine brachen und in der Sonne – und in Gips – liegen mußten, bis der Urlaub vorbei war. Warum eigentlich nicht gleich ohne Gips in die Sonne?«
»O Jochen, das verstehst du nicht«, sagte ich, während ich mir den Schnee aus dem Pulloverkragen grub, erst hinten und dann vorne, wobei Jochen Stielaugen bekam vom Zusehen, soweit man bei ihm von solchen reden kann. Jochen ist überaus korrekt. »Du bist ein Mensch, zu dem Hugo Wolf und Fontane passen, Kremserfahrten und eine Badeanstalt ohne Familienbad. Kein Wort gegen solche Menschen. Sie sind liebenswerte Fossilien. Gib mir einen Kuß, Fossil!« Das tat er, und gar nicht einmal ungeschickt.
»Was verstehe ich nicht?« fragte er hinterher. Ich hatte schon wieder vergessen, worüber ich doziert hatte – Grund: dieser überraschend geschickte Kuß. Daran erinnert, murmelte ich, er werde es schon noch einsehen, und begab mich zum Lift. Es war mein letztes Geld, das für das Abonnement dieser Himmelfahrt draufging, aber wenn man doch nun einmal hier war! Und außerdem gab es ja Jochen, der einen nie verließ.
Nicht etwa, daß ich ihn ausnützte. Aber man könnte ihn anpumpen, schon das beruhigte. Man kann auch bei ihm heulen, wenn einem ein Streifen oder eine Liebe oder ein ganz großer Plan schiefgegangen ist. Er lädt einen dann in ein Café oder ins Kino ein, anschließend ans Tränentrocknen, und dann berappelt man sich wieder, bedankt sich und geht aufs neue an die Arbeit oder zum nächsten Rendezvous. So hatten wir es immer gehalten, nicht nur ich, sondern auch Renate und Carla und Tanja, die eigentlich Trude heißt, aber Trude darf man ja heute nicht mehr heißen, wirklich nicht.
»Bei Jochen kann man so schön feensen«, hatte Carla einmal gesagt, deren Eltern aus Sachsen stammen – dort nennt man es also so. Ich habe auch schon bei Jochen gefeenst.
»Lex, sei vernünftig! Mal den Deubel nicht an die Wand«, mahnte Uli.
Diese ganzen Gedankensprünge waren rasend schnell durch mein Herz und Hirn galoppiert, ich hatte gar nicht wahrgenommen, wie schnell. Mein Satz »Ich heirate!« stand, fünfmal unterstrichen, sozusagen noch im Zimmer. »Wer spricht hier von Teufel. Jochen ist keiner, Jochen ist ein Engel!« sagte ich wütend, sie absichtlich falsch verstehend. »Jochen ist der Inbegriff eines Mannes, der einen glücklich machen kann.«
»Eines Mannes – eben«, sagte Uli und machte die Kerze auf ihrer Couch, um ihr morgendliches Hundertmal-Radfahren-in-der-Luft zu beginnen. Sie macht das, um den Kreislauf anzuwerfen. »Männer sind keine Teufel. Sie sind etwas viel Schlimmeres: eben Männer. Völlig ichbezogen. Und daher langweilig. So langweilig, daß du lieber im Beruf bleibst oder dahin zurückkehrst. Oder bist du der Meinung von Lieschen Müller: ›Mann ist Mann, und wenn er im Bett sitzt und hustet‹? Dann hättest du dich aber stark verändert auf –«, sie stoppte ab.
»Auf meine alten Tage, wolltest du sagen«, vollendete ich betrübt. »Sprich es nur aus. Mein kleiner Neffe – wenn man schon von kleinen Neffen erzählt! – sagte neulich zu mir, als ich mit guter geschauspielerter Spannung über sein Kasperltheater hinüberguckte: ›Tante Lex, du hast einen Hals wie eine Schildkröte, so lang und so neugierige.‹ ›Und so faltig‹, hat er taktvoller Weise weggelassen. Ich stellte es selbst fest, als ich kurz danach in den Spiegel guckte, allein gelassen von ihm einer jüngeren weiblichen Spielkameradin wegen. Und da soll man nicht heiraten, ehe es zu spät ist?«
»Nein, du sollst nicht heiraten, weil«, beharrte Uli, erbittert in der Luft radfahrend. »Alle Weil-Heiraten gehen schief. Weil er fertig ist, weil ich es satt habe, mich mit Zeitungsonkels herumzuschlagen, weil wir jetzt eine Wohnung kriegen könnten, weil Carla am zehnten heiratet, und sie ist doch nur halb so hübsch wie ich. Weil –«
»Weil ich ihn liebe?« vollendete ich ihren angefangenen, abrupt abgebrochenen Satz. »Ist das auch ein Grund dagegen?«
»Wer hat hier von Liebe gesprochen?« fragte Uli und zählte weiter. »Zweiundsiebzig, dreiundsiebzig –«
»Du. Oder doch beinah.«
»Eben. Beinah nur. Weil ich ihn liebe, das ist ein Grund zu heiraten. Der Grund. Der einzige. Für die Dummheit zu heiraten gibt es nur eine einzige Entschuldigung – diese. Die Sache, die man Liebe nennt. Verstehst du? Hundert.« Sie ließ die Beine in die Waagerechte fallen.
»Hm. Aber die Liebe ist ja da. Bei ihm jedenfalls«, sagte ich.
»Schön. Für ihn also ein Grund. Und bei dir?«
»Bei mir? Also, ich könnte mir sehr gut vorstellen –«
»Wenn du schon so anfängst. Du könntest dir vorstellen, daß jemand, der ganz anders ist als du und anders denkt und anders handelt und anderes anstrebt, ihn lieben könnte. Und – so sagten wohl unsere Urgroßmütter, wenn es ums Heiraten ging: Warte nur ab, die Liebe kommt mit der Ehe. Stimmt’s?«
»Ungefähr.«
»Du liebst ihn also nicht? Oder noch nicht? Oder hast ihn sehr gern? Oder schätzt ihn? Herrje, wie viele Vokabeln gibt es, um die eine, wichtige auszustechen –«
»O Ulrike, du legst auch immer den Finger auf die wundeste Stelle, geradezu brutal«, murrte ich.
»Du liebst also, im besten Falle, seine Eigenschaften«, beharrte Uli unbeirrt.
»Mag sein.«
»Dann laß die Finger davon.«
»Aber diese Eigenschaften behält er doch –«
»Wahrscheinlich. Hoffentlich. Nehmen wir es einmal an. Trotzdem – liebe Lex, ich will durch ein Gleichnis mit dir sprechen. In Gleichnissen kann man vieles klarmachen. Du hast also bereits Neffen und Nichten. Da man diese zu beschenken pflegt, wirst du wohl einigermaßen darüber informiertsein, was der heutige Wohlstandsstaat im Jahrhundert des Kindes zu bieten hat. Ich spreche von Spielsachen. Neulich sah ich mich in einem einschlägigen Geschäft um. Da entdeckte ich amerikanische Puppen. Sie konnten weinen, sprechen, essen und sogar naßmachen. Sie besaßen also sozusagen alle Eigenschaften eines Babys. Kannst du dir vorstellen, daß du solch ein perfektes Abbild auch nur annähernd so lieb haben könntest wie ein warmes, süßes, eigenes lebendiges Baby? Sag!«
»Natürlich nicht. Ich bin ja auch kein Kind. Kinder –«
»Kinder lieben bekanntlich die primitivsten Puppen, denen ihre eigene Phantasie und ihre phantasiereiche Liebe Leben einhaucht, mehr als solche Ansammlungen von Eigenschaften. Jeder Mensch bleibt in einem Punkt ein Kind. In dem nämlich, wo sein Herz sitzt. Da ist er unlogisch, leidenschaftlich, eigensinnig, zu jedem Opfer fähig, kindisch und großartig. Da ist und bleibt er ein Wilder in der Wildnis, ohne jeden Verstand, da umkleidet er den geliebten Anderen mit seiner Phantasie und liegt vor ihm auf den Knien, da ist er hinreißend und ehrlich in all seiner Verlogenheit, da wächst er über sich selbst hinaus und wird ein Stück Gott – ja, in der Liebe ist noch immer etwas Göttliches, soviel Quatsch auch darüber geredet und geschrieben wird. Deshalb: weil ich ihn liebe, genau richtig. Hugh, ich habe gesprochen.«
»Hm.« Ich hatte ihr zugehört, ohne sie zu unterbrechen. Sie hatte vor sich hingesprochen, das Gesicht dem Spiegel zugewandt, vor dem sie saß. Ich trat hinter sie. »Hast du je so eine Liebe erlebt, ich meine: du selbst?« fragte ich leise.
Sie hob die Augen und sah mich im Spiegel an, einen ganz kurzen Augenblick. Dann senkte sie sie wieder, stumm. Mir war das Antwort genug.
»So, und nun will ich dir etwas sagen«, brach ich plötzlich los. »Das, was du hier schilderst, diese große Liebe, die gibt es nämlich gar nicht. Die ist Phantasie und Einbildung und Gewäsch, mindestens aber ein Wunschtraum, nie Wirklichkeit. Damit locken die Filmproduzenten ihr Publikum in die Kinos und die Schriftsteller ihre Leser an ihre Bücher. Immer ist es die große, die einmalige, die überragende, die Liebe, die alles besiegt. Ein Schmarren, sag’ ich dir! Es gibt Verliebtheit, die kommt und geht – und man weiß nach ein paar Monaten noch, daß es sie gegeben hat, aber man spürt nichts mehr. Und es gibt Sympathie, richtige, warme, ehrliche Freundschaft, die weiß, warum einer den anderen schätzt. Jawohl. Aber die große Liebe, von der alle faseln – Quatsch, Hirngespinst, daß du es nur weißt! Irgend jemand hat sie erfunden, und alle glauben es, weil sie es gern glauben möchten. Weil es so schön klingt und es einen, im Gedanken daran, so angenehm gruselt. Wegen einer großen Liebe auf eine Erbschaft verzichten oder auf einen Thron oder ein reiches Leben – huh, wie romantisch! Glaubst du etwa daran?«
»Hast du nie so was erlebt? Einen Hauch davon verspürt?« fragte Uli leise. Sie sah mich dabei nicht an, auch nicht im Spiegel.
»Ich? Von –«, ich stockte. Es gibt Situationen, in denen wir ganz ehrlich sind, Uli und ich. Ganz, bis ins Tiefste hinunter ehrlich. Wir haben das nie vereinbart oder je mit Worten voneinander gefordert, aber wir handeln danach. Jetzt, als Uli fragte, fühlte ich, daß ich auf dem Weg, den ich wild entschlossen eingeschlagen hatte, bremsen mußte. ›Nie‹, hatte es aus mir herausschießen wollen. Ich schloß den Mund.
›Einmal – vielleicht –‹, wäre ehrlich gewesen. Oder doch nicht ehrlich, jedenfalls nicht genau das, was den Tatsachen entsprach. Denn es war nichts gewesen, es hätte sein können, eventuell, so vielleicht könnte man es formulieren. Einen Hauch davon verspürt – Uli zitierte gern, ich wußte es. Sie zitierte in diesem Fall haarscharf genau richtig.
»Uli«, setzte ich an, und es klang ganz anders als vorhin, es klang so, daß man den Abschnitt, der dazwischen liegt, genau fühlte: »Verstehst du denn nicht, was ich meine? Auf die große Liebe warten, die es nicht gibt, das ist doch verrückt. Das tut man mit siebzehn, und mit zwanzig resigniert man und sieht ein, daß – ich bin Ende zwanzig. Ich will endlich Ordnung in meinem Leben haben, einen Sinn, etwas, wofür es lohnt, sich einzusetzen. Einen Mann, der standhält, auf den man sich verlassen kann und dessen man sich nie schämen braucht, eine Aufgabe, die es wert ist – Kinder. Ja, wirklich, Kinder. Wir sind zu Hause viele Geschwister, das weißt du, lauter Jungen und ich, und wenn wir auch manches anders haben möchten, als wir es zu Hause haben und hatten: Kinder möchte ich. Es klingt sicher merkwürdig, heutzutage, da eine junge Frau unter der Aufgabe, für den Mann zu sorgen und drei Kinder großzuziehen, zusammenzubrechen pflegt. Trotzt Wasch- und Spülmaschine, Zweitauto zum Einkaufen und Zentralheizung. Wieso diese Frauen eigentlich zusammenbrechen, ist mir nie klar geworden. Früher schafften die Mütter das Dreifache und standen als Großmütter noch ihren Mann, sozusagen. Ja, ich möchte Kinder. Ich kenne ja genug. Meine Brüder haben mich bereits mehrfach zur Tante gemacht. Die eine Krott von Friedrich, der eine Französin geheiratet hat – ich kann dir sagen, so was Süßes gibt’s nicht nochmal. Da kommt sie in unser Wohnzimmer, in dem bisher ein, Gott sei’s geklagt, äußerst schäbiger Teppich eine fadenscheinige Bürgerlichkeit vortäuschen sollte – du weißt, Mutti gibt sehr wenig auf derlei Dinge. Und da hatte es Vater eines Tages satt und kaufte einen roten, einen wunderbaren, einen echten – und da kommt diese Hygette zu uns auf Besuch und bleibt in der Tür stehen – sie ist fünf – und sagt: ›Oh, c’est formidable!‹ Ich hätte sie auf der Stelle verschlingen können ... Und auch sonst. Ich bin verschossen in Kinder. Der eine von Conrad reitet schon, er ist erst drei. Wenn der runtersaust und dann, das Heulen verbeißend, das ihm um die Mundwinkel zuckt, ›wieder rauf!‹ verlangt – du, so was möchte ich auch haben. Kinder, aus denen man was machen kann, Kinder, in denen alle Möglichkeiten noch drin sind, an denen noch nichts verbogen, verkrüppelt, verdorben ist. Kinder, die man so erziehen kann, daß das Wesentliche herauskommt ... Uli! Hörst du eigentlich zu?«
Uli sah mich jetzt an, dann nickte sie langsam.
Wir wußten genau, daß wir hier am Kernpunkt waren. Uli ist unmöglich erzogen worden, sie hat es mir erzählt. Sie brauchte Jahre, um abzulegen, was sie hinderte, so zu sein, wie sie eigentlich angelegt ist. ›Kinder sind die große Möglichkeit der Welt‹, hat sie mal gesagt.
»Jochen hat, wie schon erwähnt, die besten Eigenschaften. Hervorragendes Erbgut. Wichtig, wichtig. Und es käme mit ihm Ordnung in mein Leben, Ordnung, nicht im spießigen Sinne, sondern in unserem. Ein Sinn. Sag selbst, hat es Sinn, ewig Streifen einzuschicken und sich abzumühen, nur damit man hat, was man zum Leben braucht? Lohnt sich das? Das Leben hier auf einer Bude, billig, spartanisch, manchmal lustig, das geb’ ich zu, im Grunde aber doch nur ein Übergang zum Eigentlichen, der eines Tages beendet sein sollte?«
»Wie weise du sprichst«, sagte Uli leise und ganz ohne Spott, »wie weise. Und du hast rund herum recht. Rund herum und ohne jede Einschränkung. Herr, es ist Zeit, der Sommer war sehr groß. Gehe also hin und tu, wie du gesagt hast.«
Sie hatte sich einen Turban aus einem Frottiertuch um den Kopf geschlungen und stieg jetzt aus dem Schlafanzug, der wie eine geringelte Schlangenhaut hinter ihr zurückblieb. So, mit sonst nichts Nennenswertem bekleidet, wanderte sie ins Bad hinüber. Durch die offenstehende Tür hindurch hörte ich das Rauschen der Dusche.
Uli hat einiges gegen kaltes Wasser. Sie liebt Wärme, Faulheit, Zusammengerolltsein und zärtliches Schnurren. Was es sie kostet, sich jeden Morgen hochzureißen und unter eiskaltem Wasser den Tag zu beginnen, das ahnt niemand. Nur ich ein bißchen. Jeden Tag bewundere ich es von neuem. Ich selbst nämlich stehe gern auf, ich kann nicht erwarten, was der Tag mir bringt, ich giere sozusagen nach dem Leben. Und immer denke ich: Heute fängt es an. Das richtige Leben. Heute. Spätestens morgen. Und bei diesem Gedanken ist man nun Ende zwanzig geworden, ohne einen richtigen Beruf, und ohne nennenswerten Erfolg.
»Und ich heirate doch«, hörte ich mich schluchzen. Ganz überraschend, wütend, unkontrolliert, mit heißen Tränen auf den Backen. »Ich heirate – Schluß mit der Romantik, Schluß mit dem Sich-selbst-belügen, Schluß mit dem Warten ins Blaue hinein. Ich heirate – ihr werdet es erleben. Ich will endlich in der Hand haben, wofür ich meine Kräfte einsetze, Schluß mit dem ewigen Konjunktiv. Ich heirate ...«
Ich hatte mich auf Ulis Bett geworfen und blieb dort liegen, das Gesicht in die Kissen gepreßt. Uli nahm sich Zeit, wieder hereinzukommen. Sie ist mitunter brutal in ihrer Klugheit und dann wieder von einer rührenden Zartheit. Sie kam erst wieder, als ich längst fertig angezogen war, und das Zimmer gelüftet und aufgeräumt. Wir sprachen allerlei, keine Silbe mehr von Liebe.
Wir verstehen uns ausgezeichnet, Uli und ich.
2
»Wieder mal ein köstlicher Mief«, sagte Tim und zog die Nase kraus, die noch immer, wie bei einem Kind, stupsig bergauf zeigte. Überhaupt besaß er noch ein ziemliches Kindergesicht, was zu seiner Länge von über einsneunzig ulkig und ein bißchen rührend wirkte. Alle weiblichen Personen, mit denen er zusammenkam, fanden das und fühlten sofort mütterliche Beschützerinstinkte in sich aufbranden. Tim zog dann die Nase noch krauser. Er stieß das Fenster auf.
»Laß bloß zu!« schrie der Lokomotivführer aus dem oberen Etagenbett gegenüber. »Bei dieser Temperatur!«
»Riechst du es denn nicht?« fragte Tim.
»Es ist schon mancher erfroren, aber noch nie einer erstunken«, grollte der andere. Gleich darauf blies er wieder Erbsen durch die halbgeschlossenen Lippen, eine Art des Schnarchens, die Tim am Schlafen hinderte. Auch heute war er davon aufgewacht. Und würde nicht wieder einschlafen können.
Na schön. Kam man wenigstens mal zum Nachdenken. Tim blieb am Fenster stehen und zog nicht nur die Nase, sondern auch die Stirn kraus. Er grübelte. Er dachte nach, so tief, wie man es bei ihm nicht gewöhnt war. Er war es selbst an sich nicht gewöhnt.
Tim war als Jüngster einer ziemlich langen Geschwisterreiher – man konnte auch sagen: einer unziemlich langen – geliebt und verwöhnt worden, von zärtlichen Schwestern betreut und verhätschelt, und es hatte ihm zum allgemeinen Erstaunen nicht geschadet. Er war nicht weich und weinerlich, begehrlich und selbstsüchtig geworden, wie Übelwollende prophezeiten, sondern ein langbeiniger, zwar schulterschmaler, aber kräftiger und zäher, großer, genügend harter Junge – noch nicht Mann, das wäre übertrieben! –, der etwas tat, wenn es nötig war, und nie etwas darüber, der sich lieben ließ und nie etwas versprach, das er hätte halten müssen. Der – und das durchaus nicht nebenbei, sondern sehr im Vordergrund – ausgezeichnet ritt. Das hatte auch der Landesverband eingesehen und ihn hierher aufs Gestüt geschickt, um diesen Kursus mitzumachen, auf Verbandskosten mit Taschengeld. Tim hatte gern ja gesagt.
Es galt, die Prüfung für den Hilfsreitlehrer, den sogenannten Reitwart, zu bestehen. Tim hatte mit sieben Jahren zu reiten angefangen und nie damit aufgehört. Man konnte das neben der Schule, die er häufig schwänzte, und neben dem Studium, man konnte es an Feiertagen, in den Ferien und im Semester. Wenn tags keine Zeit blieb, ritt man am Abend in der Halle. Ja, es war vorgekommen, daß Tim zu einem Examen später kam, vorschriftsmäßig entschuldigt natürlich, und daß er die Hochzeit einer seiner vielen Schwestern nur zum Teil mitfeiern konnte, weil er auf einem Turnier gebraucht wurde. Die standesamtliche Trauung dieser Schwester übrigens, die auch den Pferden verschworen war, wurde ebenfalls verschoben, ›weil wir noch schnell eine Stunde reiten wollen, es ist so schöner Schnee!‹ Der Standesbeamte lächelte und traute eine Stunde später.
Tim hatte goldene, silberne und andersfarbige Schleifen erritten, die eben diese Schwestern mit zärtlich-stolzen Händen über seinem Bett, in Hufeisenform angeordnet, aufgehängt hatten (›unsere Familie ist sehr für Kitsch‹.)
Jetzt also dachte er nach. Sie hatten einen Philologen im Kurs, der ihn an jemanden erinnerte. ›Der Schriftgelehrte‹ wurde er genannt, und sein Reiten war nicht umwerfend, um so besser sein Wissen in Theorie. Das gehörte zum Hilfsreitlehrer natürlich auch. Aber es war trotzdem besser, »gut auf de Gaul nazuhocke«, als alles zu wissen. Dieser Mann erinnerte Tim an jemanden, nur kam er nicht drauf, an wen.
Im Kurs wurden alle mit dem Vornamen angeredet, auch vom Lehrer, und untereinander duzte man sich. Das war von jeher so. Deshalb wußte Tim den Nachnamen des Kollegen nicht. Es war also schwierig, die Ähnlichkeit zu identifizieren. Vielleicht aber war es nur eine zufällige.
Wenn er schon nicht schlief, konnte er auch hinübergehen. Immer war im Stall zu tun, auch vor der offiziellen Zeit. Tim kannte es nicht anders, als daß erst die Pferde kamen und dann man selbst. Er fuhr in die vom Waschen gebleichten Jeans und stülpte den Bauernkittel über. In langen, ein wenig o-beinigen Schritten – er hatte keine O-Beine, es sah nur bei einer gewissen Gangart so aus einen Fuß vor den anderen setzend, schnürend, sagt der Waidmann, ging er über den Hof.
Es war noch nicht hell, sicher würde es heute einen Herbstmorgen geben, der zu dieser Landschaft paßte: hart und herb und frisch, so, wie die Alb meist ist. Vielleicht würde nachmittags ausgeritten. Dann gab es nicht so viel Theorie, gottlob. Vorgestern hatte einer den Sattel geräumt und deshalb »einen ausgeben« müssen, das zog eine ziemliche Sauferei nach sich. Am nächsten Tag in der Theorie fielen einem dann die Augen zu. Tim hatte den Kopf gesenkt und sanft vor sich hingedöst, als man auf das Treiben zu sprechen kam.
»Treiben kann er am besten«, sagte der Schriftgelehrte gehässig und deutete auf den friedlich duselnden Tim, und der Lehrer trat vor dessen Pult und sah ihm ins Gesicht: »Die treibenden Hilfen, hab’ ich gesagt.«
Tim war sich heute noch nicht klar darüber, ob der Gestrenge gemerkt hatte, wie es um ihn stand. Vielleicht doch nicht, sonst hätte es einen tollen Krach gegeben. Auf Verbandskosten herkommen und dann im Unterricht schlafen ...
Dabei konnte er auswendig, was da erzählt wurde. Auch die Kommandos. Es war immer ein Vergnügen, wenn der Lehrer die Kommandos durcheinanderbrachte. Das konnte auch dem Sattelfestesten passieren. Tim, der sehr oft bei Dressuren die Kommandos hatte geben müssen, wußte das aus eigener Erfahrung. Ritt man dann richtig oder hielt man sich hauteng an die versehendich falsch gegebenen Kommandos? Diese Frage würde wohl ewig ungelöst bleiben, ähnlich der, wer eher da war, die Henne oder das Ei.
Er war in den Hengststall getreten, spähte umher, ob jemand da sei – leer, zum Glück – und schlüpfte in die Boxe von Jungherr, Abkomme jenes unvergessenen Trakehners, den er noch persönlich gekannt und sehr geliebt hatte, geliebt und bewundert; jenes Pferdes, das den Ritt Ostpreußen–Schleswig-Holstein dreimal hintereinander gemacht hatte. Im Sommer vierundvierzig hin nach Schleswig, wieder zurück, und im Januar fünfundvierzig, jenem unseligen, mörderischen Januar, noch einmal die ganze Strecke an der Spitze der Herde. Achtzig Prozent der Stuten verfohlten unterwegs. Tim konnte, hier allein in der Boxe von Jungherr, immer wieder Tränen vergießen um jenes gemordete Material. O Julmond, aber du hieltest durch! Und du kamst später hier auf das Gestüt und vererbtest, und Kinder und Enkel von dir gehen über die weiten Weiden der Alb.
Jungherr kam sofort zu ihm, als er durch die Schiebetür schlüpfte, und stieß ihn mit der Nase an. Dann wieherte er ein bißchen, hell und auffordernd, und machte eine kleine Levade. Jungherr war ein Neckbold, so zielte er, meist mit Erfolg, gern auf die Füße der jungen Leute, die ihn vorführten, mit seinen eigenen Füßen. Die hatten immerhin die Größe mittlerer Kompott-Teller und waren natürlich beschlagen.
»Ach, du Grobian«, murmelte Tim und lehnte sich mit der Brust gegen den Hengst, um dessen Gewicht von seinem Fuß wegzudrücken. »Natürlich ist das Absicht. Gehste!«
Sie durften nicht in die Boxen. Tim jedoch hielt sich nicht an das Verbot. Er ließ sich nie erwischen, aber er war schon bei jedem Hengst gewesen. Irgend etwas zog ihn hin. Er mußte die Tiere hautnah spüren.
Einer, ausgerechnet der Haflinger, der hier ein bißchen der Außenseiter war und nicht ganz ernst genommen wurde, hatte ihn einmal böse angegangen. Gewöhnlich stand Adler angebunden im Stand, jetzt aber lief er frei in der Boxe. Tim kam zu ihm hinein, wie er zu Golddollar oder Jungherr gegangen war, und da ging Adler auf ihn los, mit geweiteten Nüstern und weißen Augen. Tim sprang rückwärts und feuerte Adler die Bürste auf die Nase – mit mir nicht! Gottlob hatte er gerade etwas in der Hand gehabt. Trotzdem konnte er es nicht lassen, die Hengste zu besuchen.
Nachdem Jungherr fast die Hälfte der Möhrenstückchen bekommen hatte, die Tim wie immer für seinen Besuch eingesteckt hatte, ging er rückwärts aus der Boxe und zu Herzog hinein. Herzog war neu, Tim hatte ihn noch nie geritten. Langsam trat er an ihn heran.
»Ja, wo ist er denn, der Schöne? Komm, komm, mal sehen, was Jungherr übrig gelassen hat –«, schmeichelnd kam er näher. »Herzog, ja, ist ja gut, so ein schöner Herzog –«, was man so sagt. Und plötzlich fiel ihm ein, während er immer wieder ›Herzog‹ murmelte, an wen der Schriftgelehrte ihn erinnerte. Natürlich, das war es! Dasselbe fein angelegte Gesicht mit den Grübchen in den an sich ein wenig rundlichen Wangen – zu rundlich jedenfalls für einen Mann –, dasselbe runde Kinn. Barockengel hatte er sie damals genannt, ob ausgesprochen oder nur in Gedanken, das wußte er nicht mehr. Barockengel, nicht Putte. Barockengel, rundlich und fein.
»He, Tim, bist du da? Wir suchen dich!«
Die aufgeregte Stimme eines der Pferdepfleger. Tim war lautlos und sekundenschnell durch den Spalt der Tür geglitten und stand harmlos in der Stallgasse. Er konnte enorm flink sein, so schläfrig er sich oft stellte. Der Rufende hatte nicht gemerkt, woher er kam.
»Obe, in Sankt Leonhard, verschtescht! Die Fohle – sie sin ausgebroche –«
Sie rannten nebeneinander durch den schummerigen Hof. Da und dort regte es sich, zwei oder drei Mann schlossen sich ihnen an. Von irgendwoher stieß der Reitlehrer zu ihnen, er wirkte beinah gespenstisch in seiner klapperdürren Länge. Jetzt waren seine Kommandos kurz und prägnant.
»Die Schulpferde, jeder seins! Zum hinteren Ausgang! Wir reiten sofort los!«
Hei, das war eine Lust zu satteln, ohne vorher Striche zu putzen! Tim war zuerst fertig, gelernt ist gelernt. Wie oft hatten sie daheim um die Wette gesattelt! Er sprang seitlich auf Julfreund, ohne die Bügel zu benutzen, gurtete von oben her nach. Schadenfroh grinsend sah er, daß der Schriftgelehrte noch einmal hinunter mußte.
»Hoho, langsam, langsam!« hörte er ihn keuchen. »Wirst du wohl stehen, du Kröte? Himmel, Kruzitürken und Ariadnefaden –« seine Flüche verklangen hinter Tim, der dem Reitlehrer folgte. Oben an den Baracken bekam Julfreund einen Rappel und fing an zu steigen, Tim trieb und bekam ihn wieder auf die vier Füße. Jetzt aber war der Anschluß an die andern verpaßt ...
»Hier lang! Hier ist’s weicher und auch nicht weiter –«
Einer der Einheimischen, wunderbar! Tim trieb Julfreund hinterher, gleich darauf tauchten rechts und links neben ihm zwei Reiter auf. Der eine war der Lokführer mit den traurigen Bernhardineraugen, der sächselte, das andere ein Mädchen. Sie hatten drei Mädchen im Kurs, die eine wurde Oma gerufen, weil sie ihr Haar in einem Knoten trug, bereits seit ein paar Jahren Volksschullehrerin war und demnach nicht mehr in allererster Knospe stand. Die war es nicht. Die beiden anderen konnte man in dem diffusen Licht verwechseln, sie trugen beide kurzes Fransenhaar und waren etwa gleich groß – gleich klein, besser gesagt. Tim schielte nach links, aha, es war Angeli! Er sah ihre lachenden Augen unter der in der Eile schief aufgesetzten Kappe. Angeli hatte ein kindliches Pfannkuchengesicht, das sich aber erstaunlich gut fotografierte. Jetzt wirkte sie wie höchstens zwölf, wie sie da auf ihrem Ortler hing, aber sie ritt Gelände wie der Teufel, Tim hatte sich schon manchmal darüber gewundert. Angeli gab überhaupt nicht an. Durch einen andern Kursteilnehmer hatte er zufällig erfahren, daß sie schon als Kind in England Jagden hinter dem lebenden Hirsch geritten hatte.
Jetzt sah er wieder sehr deutlich, daß sie nicht nur in der Dressur und im Hallenspringen sattelfest war. Während sie galoppierte, grub sie mit der einen Hand in der hinteren Gesäßtasche.
»Was suchst du denn?« fragte er halblaut und amüsiert und drängte Julfreund an ihren Ortler.
»Ich weiß nicht, ich hab’ doch gestern ...« Ortler übersprang einen Graben, er schnaubte zufrieden, nachdem er aufgesetzt hatte. Angeli verrenkte sich noch mehr. »Einen Kaugummi. Ich brauch’ früh –«
Tim lachte. Angeli schien gefunden zu haben, was sie suchte, stopfte etwas in den Mund und nahm die Zügel wieder in beide Hände.
›Mit einer Hand reiten konnte nur der alte Fritz‹, pflegte der Reitlehrer zu sagen, wenn er sich ärgerte, daß jemand freihändig ritt. Tim grinste vor sich hin, während er Julfreund Seite an Seite mit Ortler galoppieren ließ. Sie hielten ein wenig Abstand hinter dem Stalljungen, der den Weg zeigte, um nicht dauernd Brocken und Spritzer ins Gesicht zu bekommen. Die Augen gewöhnten sich, außerdem wurde es heller. Man sah jetzt schon etwas weiter.
»Dort ist er, siehst du?« fragte Tim und deutete voran. Der Reitlehrer hielt, wie sie sahen, aufgerichtet im Sattel, eine Taschenlampe angeknipst in der senkrecht hochgestreckten Hand.
»Liiinks – ein Leuchtturm überm Wendekreis«, sang Tim in rollendem Baß, und Angeli fiel ein: »Der bestrahlt die Szeneriiiii –«, um dann in prustendes Lachen auszubrechen. Von jetzt an hieß der Reitlehrer nur noch ›der Leuchtturm‹ das war ihnen beiden hellsichtig klar.
»Tim, Angeli, Alfred – links einen Bogen schlagen! Ich glaube, dort sind sie!« hörte sie des Leuchtturms Stimme.
»Fritz, du reitest mit mir nach rechts!«
»Und wohin sollen wir treiben?« rief Tim fragend. »Weiter vorwärts? Oder ...«
Der Leuchtturm überlegte. »Wenn man wüßte, wo sie zuletzt gestanden haben ... Auf alle Fälle auf die Halle zu!«
»Und wo ist die Halle?«
»Ostwärts! Dort hinaus!« Man sah am Himmel einen blassen Streifen. Der Leuchtturm wies die Richtung.
»Also nicht im Bogen herum, sondern einfach vorwärts?« vergewisserte sich Tim noch.
»Natürlich. Dumme Frage. Wer hat denn was von Bogen gesagt.«
»Nicht wahr? Was geht mich mein saudummes Geschwätz von vorhin an«, brummte Tim und schlug Julfreund die Hacken in die Weichen, »vorwärts, vielleicht sind sie es gar nicht!«
Er hatte das so hingesagt. Gleich darauf hörte er einen unterdrückt seligen Quietscher von Angeli. Wahrhaftig! Was sie, noch im Halbdämmern, für eine Fohlenherde gehalten hatten, besser: was der Leuchtturm als solche ansprach, erwies sich als Kuhherde. Die Milchspender, um diese Jahreszeit noch Tag und Nacht draußen, nahmen sehr übel, für junge, ihrer Meinung nach pflichtlose Rösser gehalten zu werden, und spielten Prärie. Mit hochgestellten Schwänzen begannen sie zu rasen. Angeli schrie vor Lachen, während sie hinterhergaloppierte, einfach angesaugt von der Bewegung. Tim natürlich mit. Er hörte genau, wie der Leuchtturm verzweifelt: »Halt! Stopp!« brüllte, aber er dachte ränkevollerweise: ›Brüll du nur! Ich kann mich wundervoll harmlos stellen. Befehl ist Befehl!‹ Erst nach ein paar Kilometern parierte er durch.
»Jetzt müssen wir zurück, Angeli, der Leuchtturm hat bestimmt eine Sauwut auf uns«, sagte er und wischte sich über das Gesicht.
Angeli ließ den Ortler eine Volte gehen und klopfte ihm beruhigend den Hals. »Aber schön war’s doch«, sagte sie atemlos und lachte noch immer, »schon in meiner Jugend – ach, wie lange her! – hab’ ich mir gewünscht, ein Cowboy zu sein.«
»Daß du dich daran noch erinnerst! Du hast ein tolles Gedächtnis, Hut ab vor dir«, bewunderte Tim. »Also wohl oder übel zurück. Na, der wird angeben.«
Sie ließen die Pferde am langen Zügel gehen. Die dampften, es war kalt, jetzt erst merkte man es. Tim hauchte sich in die Hände.
»Da haste meine – ich frier nicht« – Angeli warf ihm ein ineinandergestecktes Handschuhpaar zu. Tim fing es auf. Es tat wohl, die klammen Finger darin auszustrecken.
Angeli war von einer angenehm unmütterlichen, vernünftigen Kameradschaft, ›beinah wie ein Junge‹, dachte Tim; sie erinnerte ihn an seine jüngste Schwester. Mit der hatte er sich oft geprügelt – um ein Pferd, um ein Hindernis, um ein Nichts. Die war nun schon zwei Jahre verheiratet, ›in die Zucht gegangen‹, wie man unter Reitern sagt, und erwartete den zweiten Olympia-Anwärter von übermorgen. Der erste war glücklicherweise ein Sohn geworden und nach ihm, Tim, benannt. Er hatte ihn nach der Taufe aus der Kirche tragen müssen, angefaßt wie einen Sattel, demonstrierten die Geschwister hinterher, und die Straßenpassanten sahen ihn scheel von der Seite an: ›So ein junger Vater, na, die Jugend von heute kann es doch nicht abwarten!‹
»Gleich fliegt er in den Graben!« hatte Tim geknirscht, und die holdselige junge Mutter konnte gerade noch hindernd dazwischenspringen. Tim schilderte das Angeli, während sie zurückritten, und die lachte.
»Seid ihr alle so roßnärrisch?« fragte sie.
»Dachtest du nicht?« fragte Tim. »Ein Wunder, daß wir nicht alle mit vier Beinen zur Welt kamen. Meine Schwester jedenfalls antwortete, als man sie fragte, ob sie sich nun eine Tochter wünschte, mit: ›Wenn’s nur gesund ist und vier Beine hat.‹ So ist nun mal meine liebe Familie. Und ihr?«
»Bei uns reitet nur Mutter. Vater und mein kleiner Bruder haben es mit Autos.«
»Na, da kennst du ja den Schmerz. Unsere Mutter ist mal mit mir im selben Turnier gestartet. A-Springen, also keine große Sache. Trotzdem. Ich war damals zwölf und sie also noch nicht – na, halt so alt wie jetzt. Sehr angenehm ist so was ja nicht. Und prompt brach sie sich auch acht Tage vorher das Bein. Ich atmete auf. Aber was macht sie? Sie läßt sich – unser Arzt reitet auch – das Bein krumm gipsen. Jedenfalls den Fuß. Damit sie reiten konnte. Probiert hat sie es natürlich zu zeitig, ehe der Gips fest war: Bruch, kaputt. Ich atmete auf –«
»Und?«
»Und sie ließ es nochmal gipsen und nagelte sich rechts und links Holz dagegen. Das heißt, ich mußte es machen. Ich hab’ es auch getan, sonst hätte sie vermutlich eine Annonce in die Zeitung gesetzt: Leicht lädierte Reiterin sucht Nagler, der ihr das Bein verschalt. Oder so ähnlich. Und dann ist sie geritten.«
»Und hat ...?«
»Nicht den ersten gemacht, nein. Aber den dritten. Sie war sehr stolz. Ich hab’ es ihr gegönnt.«
»Dazu wäre meine Altvordere auch fähig. Aber du, solche Mütter sind gar nicht die schlimmsten«, sagte Angeli, und es klang, als habe sie soeben die Formel für den Stein der Weisen entdeckt. Selbst erstaunt, aber überzeugt, fuhr sie fort: »Weißt du, bis jetzt dachte ich immer, man sei geschlagen mit so einer Alten. Aber wenn du dir’s überlegst: Mütter, die auf Kaffeeklätschen sitzen und dicker und dicker werden – auch innerlich verfetten, verstehst du –, die sind vielleicht viel schlimmer.«
»Die gibt’s doch gar nicht mehr«, sagte Tim, »alle hungern sie und saufen Karottensaft.«
»Hast du ’ne Ahnung! – Sieh mal, dort drüben – du, ich glaub’, diesmal sind das keine Rinder! Wollen wir?«
Sie galoppierten an. Es waren wirklich keine Kühe. Der Leuchtturm samt Lokführer waren schon am Ball. Letzterer machte wilde Zeichen, daß Tim und Angeli auf der anderen Seite bleiben sollten. Diese Zeichen waren zu wild, die Einjährigen hatte ja auch Augen. Zwei von ihnen, die sowieso vorn und anscheinend am aufgeregtesten waren, warfen die Köpfe und gingen ohne Übergang in Renngalopp über. Tempo steckt an. Im Nu war die ganze Herde ein flaches, sausendes, schweifefliegendes Feld – hoho, ein Wunschtraum für zwei berittene Nichtsnutze wie Tim und Angeli. Tim sah den Schriftgelehrten, der zu seiner Überraschung auch dabei war – er mußte den Leuchtturm und seine Begleiter eingeholt haben, während er und Angeli die Kuhherde jagten –, einen bildschönen Salto nach rückwärts schlagen: er war auf ein so plötzliches Anspringen seines Pferdes nicht gefaßt gewesen. Auch der Leuchtturm sah es und fluchte berserkerhaft, aber das half dem Philologen nicht wieder aufs Roß. Das ging hinter den Fohlen her, seine Bügel wehten, der Zügel hing ungleichmäßig lang durch, ein ekelhafter Anblick für jeden Reiter. Jetzt trat der eine Vorderhuf hinein – gottlob, das Leder zerfetzte, nun konnte dem Pferd nicht mehr viel passieren.
Der Leuchtturm und der Lokführer ritten rechts der Herde, Angeli und Tim links. Sie versuchten, die Flüchtenden langsam, aber stetig in die Richtung zu schieben, die der Leuchtturm angegeben hatte.
Es war hell geworden. Die Sonne, herbstlich blaß, schien den Reitern und Pferden genau waagerecht in die Augen. Tim und Angeli zogen die Kappen tiefer. Sie verständigten sich mit halblauten Rufen. Von drüben, vom Reitlehrer her, konnte man nichts hören, dazwischen war das Trommeln der Hufe. »Bis übermorgen so weiter!« juchzte Angeli einmal, und Tim fand, daß er soeben dasselbe gedacht hatte. Jetzt näherten sie sich Gebäuden, die einsam lagen. Tim versuchte, gegen die Sonne zu erkennen, wo das Tor war – die ganze ungezogene Jugend mußte ja durch irgendeine Öffnung in die freie Wildbahn gelangt sein.
Dort! Eine Koppel mit heruntergeworfenen Schiebebäumen am Tor! Dorthin mußte die Bande; sie schien es selbst zu wissen. Der erste, ein lohfarbener Junghengst, galoppierte darauf zu, Tim schob die Mütze aus der Stirn und wollte soeben durchparieren. Da fiel dem jungen Vierbeiner vor der Koppel offenbar ein, daß es noch Zeit habe mit der Heimkehr, er drehte halb ab, nach der andern Seite zu. Tim spähte gespannt, wie sich das Rennen entwickeln würde. Kam der Reitlehrer eher an, dann schnitt er dem Frechdachs den Weg ab, und der mußte nach links, die Herde mit ihm. Überspurtete er aber den Reiter ...
Er schaffte es. In fliegendem Galopp zog er zwei Meter vor seinem Verfolger diesem vor der Nase vorbei, die andern hinterher. Nun gab es kein Halten mehr.
»Wunderbar!« rief Tim halblaut und warf sich nach vorn. Angeli neben sich mehr ahnend als wahrnehmend, jagte er der Herde nach. Nun konnte das noch ein paar Stunden so weitergehen, ihm war es recht. Julfreund hatte eine ungemein kräftige Lunge.
Und es ging weiter. Einen unvergeßlichen Vormittag lang jagten sie, bald näher, bald weiter hinter der Herde über die Alb, so richtig was fürs Herz. Als die Jungherde endlich auf Nummer Sicher war, hatten Reiter und Pferde keinen trokkenen Faden mehr am Leibe, trotz der Herbstkühle, und Tim vertraute Angeli an, er habe sich das erstemal im Leben einen Wolf geritten.
»Bis auf den rohen Schinken durch«, versicherte er, und es klang außerordentlich befriedigt. »Künftige Reitlehrer müssen alles kennenlernen. Kannst ihn besichtigen.«
Angeli dankte.
An diesem Tag fiel der Unterricht aus. Das Putzen und Stallrichten natürlich nicht – gefüttert hatten die Daheimgebliebenen –, aber auf die Theorie mußte man verzichten. Der Leuchtturm hatte sich leise grollend zurückgezogen. Natürlich ahnte er, wie von Herzen junge Reiter solch eine Panne genießen, das wäre ein Grund zu lautem Groll gewesen. Aber drei seiner Schüler hatten sich doch wahrhaftig wacker gehalten und mitgeholfen, die Panne zu beseitigen. Der dritte ...
Der Schriftgelehrte! Richtig, um den mußte man sich ja auch noch kümmern! Der Reitlehrer machte aus der Ecke kehrt, wie es bei der Hufschlagfigur heißt, und begab sich, statt in sein Zimmer, zurück ins Leben. O diese Lehranwärter! Aber warte, wenn ihr erst soweit seid!
3
Ich habe mein »Bestes« angezogen, ein sportliches Kostüm mit Pulli. Darin mochte ich mich am ehesten leiden; Uli hat ein so ausgesprochenes Talent, sich immer passend und vorteilhaft anzuziehen, daß ich meist neben ihr resigniere. Heute aber kam es für mich drauf an, hübsch auszusehen – ich gab mir alle Mühe. Sogar ein Paar neue Halbschuhe hatte ich mir gekauft, und die Strümpfe – hatten sie auch keine Laufmasche?
»Machlos!« trieb Uli mich an, »einen Verlobten läßt man nicht warten.«
»Herrje, immer diese Hast«, knurrte ich, in den Tiefen unseres gemeinsamen Schrankes wühlend, »wenn es ums Heiraten geht, drehen die Vernünftigsten durch.«
»Es geht ja gar nicht um mich«, sagte Uli friedlich. »Ich meine nur, du solltest Jochen nicht mit Kleinigkeiten verärgern. Verlobt sein heißt klug sein.«
»Natürlich.« Ich hatte mich nochmals gesetzt und betrachtete nachdenklich den noch blanken Ring am linken vierten Finger. »Verlobt sein ist komisch, aber auch schön. Es beruhigt. Verheiratet sein wahrscheinlich noch mehr.«
»Ach, was du dir so denkst ...« Uli zupfte vor dem Spiegel an sich herum. »Es beruhigt – in einer Art schon. Aber Baldrian zum Beispiel beruhigt auch – und hu, nein ...« sie schüttelte sich. »Reden wir nicht davon.«
»Sondern schweigen wir weiter zweistimmig von etwas anderem«, sagte ich, ausbrechend. »Von deinem verdammten Pessimismus in bezug auf die Ehe – und deinem vermaledeiten Sarkasmus den Männern gegenüber. Ja, und deiner höllischen Unkerei, was meine Zukunft betrifft. Warum in aller Welt soll ich nicht heiraten wie tausend andere und eine gute Ehefrau werden und sieben bis neun herzige Kinderchen in die Welt setzen, alle mit Jochens Klugheit begabt und seiner Ruhe, seiner Verläßlichkeit und ...«
»Und seiner Denkerstirn, sprich: werdenden Glatze«, vollendete Uli heiter und zog ihre Augenbrauen nach. Ich erraffte das erste, was ich zu fassen kriegte – die Haarbürste –, und schleuderte sie nach ihr, die sich blitzschnell duckte. Peng, machte der Spiegel. Wir standen beide einen Augenblick mucksstill und hielten den Atem an. Sieben Jahre Pech – wir dachten es beide. Aber es auszusprechen, war Uli zu taktvoll und ich zu abergläubisch.
»Ich war grade fertig und brauch’ keinen Spiegel mehr«, sagte Uli, aber es klang bemerkenswert lahm. Es klingelte an der Tür. Da kam Leben in mich.
»Räum die Scherben weg, so was darf er nicht sehen«, flüsterte ich rasch.
»Weil ...«
»Ach, weil so was nicht passieren darf. Es ist auch noch nie – wozu ihn also schockieren? Schnell, ich geh’ schon hinunter.«
Uli gehorchte. Unten stand Jochen – Dr. Joachim Schneider, Patentanwalt –, und begrüßte mich mit einem Kuß auf die Wange. Wir stiegen ein, ich vorn, Uli hinten. Jochen fährt einen seiner Stellung angemessenen, aber keineswegs protzigen Wagen. Ich saß und vermied es, Ulis Blick im Rückspiegel zu begegnen. Obwohl – nun, Uli sollte sich nur unterstehen zu grinsen, wenn ihr ihr Leben lieb war. Über Jochen wird nicht gegrinst, auch nicht heimlich. Ich war wild entschlossen, ihn zu verteidigen bis zur Selbstaufgabe, nun gerade.
»... aber mich ohne deine Zustimmung zu entschließen, das habe ich noch nicht gewagt. Dir soll es gefallen, das ist die große Hauptsache. Und ich weiß doch, daß du lieber draußen wohnst als in der Stadt. Aber ob es dir sonst gefallen wird ...«
›Nun hab’ ich nicht zugehört, na, ich werde schon herausbekommen, um was es sich handelt‹, dachte ich und lächelte ihn auf alle Fälle an.
»Natürlich wird es mir gefallen, wenn du es hübsch findest«, sagte ich bereitwillig.
»Vorsicht, Vorsicht. Es ist doch sehr wichtig«, sagte er und umfuhr einen Sattelschlepper mit Stroh auf dem Anhänger. Hier waren wir schon in ausgesprochen ländlichem Gebiet. »Das Haus liegt auf dem Dorf, nicht in einer hübschen Villensiedlung. ›Auf dem Dorf‹ ist auch nicht ganz richtig, es liegt vor dem Dorf. Der Mann, der es gebaut hat, wollte ringsherum alles aufkaufen, um die Aussicht nach keiner Seite hin zugebaut zu bekommen. Er starb ganz plötzlich, ehe er eingezogen war.«
Wir schwiegen alle drei. ›Wenn Uli jetzt ‚schönes Omen!‘ sagt, hau’ ich ihr eine runter‹, dachte ich, und Uli dachte vermutlich genau das, was auszusprechen ich ihr suggestiv verbot: ›Schönes Omen.‹ Sie sagte es indes nicht.
»Ist dir das arg?« fragte Jochen, was mich rührte. Eins zu Null für ihn, jawohl, auch Patentanwälte können, zumal in der Verlobungszeit, ungemein zartfühlend sein – ›durch Verliebtheit dem Schwachsinn nahe kommen‹, hätte Uli es zweifellos formuliert. Nun, die Gedanken sind frei, sagt ein altes Volkslied.
»Gar nicht arg!« sagte ich sogleich. »Ich meine, ich bedauere ihn natürlich, ihn und seine Familie ...«
»Hat er nicht«, berichtete Jochen. Sein volles, gescheites Gesicht mit der geraden Nase und den betäubend rasierten Wangen sah vorschriftsmäßig geradeaus. »Er war Junggeselle, der einzige, den ich in diesem Alter kenne, im näheren Bekanntenkreis jedenfalls.«
»Außer dir«, sagte ich und lachte, »außer dir – noch.«
»Ja, noch. Nicht mehr lange. Das eben wollte ich anschließend mit dir besprechen. Anschließend erst, und nur, wenn es dir gefällt. Wenn dir das Haus gefällt. Du mußt ehrlich sein, Alexandra, es ist eine wichtige Entscheidung für mich, verstehst du. Dann brauchten wir mit dem Heiraten nicht mehr zu warten. Worauf schließlich? Ich wollte dir meine Junggesellenwohnung mitten in der Stadt nicht zumuten, und ehe wir etwas anderes finden, das hätte natürlich eine Weile gedauert. Wenn wir aber dieses Haus kaufen ...«
Ich fühlte, wie es mir heiß in der Brust aufstieg. Geplant war nämlich, erst Ostern zu heiraten. Ostern – das liegt himmelweit, wenn der Herbst das Land vergoldet. Bis dahin hat man sich gewöhnt, ja, man sagt dann wahrscheinlich: ›Lieber ein Ende mit Schrecken.‹ Himmel, was für Ausdrücke für eine liebende Braut! Ich rief mich verwirrt zur Ordnung.
»Das wäre fein«, sagte ich also und fühlte einen Tritt von Uli, der mich schräg von hinten traf. Verstört überlegte ich, wie dies möglich sein konnte – ich saß doch auf einem ordentlichen Polster und hing nicht in Gurten wie in einem Citroën oder Renault oder einem andern sparsamen Studentenwagen.
»Wirklich? Du freust dich? Wie schön!« Jochen wandte mir einen Augenblick das Gesicht zu, und ich sah gerührt, wie es strahlte. O Jochen, natürlich freu’ ich mich.
»Aber ehrlich sein, Alexandra, bitte. Ich habe extra darum gebeten, daß deine Freundin mitkommt. Sie kennt dich und weiß, was dir gefällt. Und zu dritt kann man überhaupt besser besehen und beraten. Ich kaufe das Haus nur, wenn es euch beiden gefällt. Zufrieden?«
»Zufrieden? Mehr: dankbar«, murmelte ich. Uli trat wieder. ›Tritt du nur, infame Heuschrecke, ich werd’ es dir beibringen, wenn wir allein sind!‹ fauchte ich innerlich und war entschlossen, das Haus nun gerade schön zu finden. Nicht nur schön, sondern wundervoll. Und wenn der Dachfirst nach unten hing und die Decke des Wohnzimmers mit modischen Malereien verziert war, die einem für immer den Blick nach oben verekelten.
»Hier geht’s nach Lauterbach«, sagte Uli in mein leidenschaftliches Denken hinein. Ich fühlte eine herzliche Erleichterung. Uli ist doch die Beste, so borstig sie sich oft stellt.
»Richtig, hier biegt man ab. Einer meiner Brüder ist dort, zu einem Lehrgang. Ach ja, Lauterbach! Ich glaube, das wird meine schönste Zeit bleiben – vor der Ehe natürlich«, fügte ich schnell ein. »Dieser Kursus damals ... Lauterbach ist kein x-beliebiges Gestüt, Lauterbach ist ein Begriff, für jeden, der einmal dort war.«
»Ich hab’ es gehört. Und es soll auch deine schönste Erinnerung bleiben«, sagte Jochen freundlich. »Nur Reiten – nicht wahr, das hört nun auf. Ich bin froh, daß dir bisher nie etwas Ernstliches passiert ist. Wenn ich mir vorstelle, du säßest dort oben auf unberechenbaren Pferden – dort werden doch auch junge Pferde von Kursteilnehmern zugeritten –, dann hätte ich keine ruhige Minute mehr. Natürlich sehe ich auch einmal gern das schöne Material. Mit amerikanischen Geschäftsfreunden war ich einmal zur Hengstparade dort; die staunten, als sie hörten, wie alt das Gestüt ist. Alles Historische macht ihnen immer großen Eindruck.«
»Ja. In Amerika bewundern sie ein Haus, das achtzig Jahre alt ist – und in Lauterbach wird bald das Vierhundert-Jahre-Jubiläum gefeiert«, sagte Uli.
»Unsere Kreisstadt ist achthundert Jahre alt. Achthundert und ein paar dazu. Ich ging noch in die Schule, da wurde das Fest begangen. Alle reitbaren Pferde von Lauterbach hatte unser Reitverein geborgt, es waren über achtzig. Dieser Festzug! Alle Reiter in historischen Kostümen, sie ritten paarweise, und unser Reitleiter mit dem Dreispitz ...« Ich begann, Einzelheiten zu schildern. »Eine von uns hatte – ja?« fragte ich, wie erwachend. Der Wagen hielt. Ich sah verwundert um mich.
»Wir sind da«, sagte Jochen.
»In Lauterbach? Ich dachte ...«
Uli trat aufs neue, diesmal so derb sie konnte. ›Bist du bescheuert, holde Braut?‹ hieß dieser Tritt. ›Wenn wir schon ans Ziel unserer Reise kommen, dann mach bitte deine verklärten Glotzbibberle auf!‹
»Ach so, entschuldige.« Und dann, mit einem unterdrückten Schrei: »O Jochen, das kann doch nicht wahr sein! Ist das etwa das Haus?«
»Zu dienen, gnädige Frau.«
Es war kein Haus, wie sich sofort herausstellte, sondern ein Traum. Ein Traum jedenfalls für einen jungen Menschen unserer Zeit, der auch nur einen Funken Geschmack hat. Ich kniff mich immer wieder in den Arm, aber ich wachte nicht auf. Vielleicht war es doch Wirklichkeit. Ich vermochte es nicht zu fassen.
Das Haus war einstöckig und sah aus, als habe ein Schwede es sich ausgedacht und gebaut. Das Dach weit herabgezogen und von unten mit hellem Holz verschalt – überhaupt sehr viel helles Holz, wohin man auch sah, außen und innen. Im Kaminraum – oh, der Kaminraum!
»So was hab’ ich schon mal gesehen, in ›Film und Frau‹«, seufzte Uli und hatte alle Warnungen dieser und jener Art vergessen, »aber daß es so was in Wirklichkeit gibt ... Hier zu sitzen und Gäste zu haben ...«
Die Räume gingen ineinander über. Insofern konnte man nicht sagen, wie viele es waren. Aber man hatte gleichzeitig das Gefühl von sehr viel Platz und ebenso viel anheimelnder Gemütlichkeit. Das Ganze war einfach und unglaublich raffiniert – einfach unglaublich raffiniert, unglaublich raffiniert einfach. Ich stand und murmelte diese drei Adjektive vor mich hin, stellte sie um, wechselte sie aus und schüttelte den Kopf. Von Berufs wegen gewöhnt, im Text meiner »Streifen« die richtigen Worte so lange hin und her zu schieben, bis sie am richtigen Ort stehen, merkte ich: Hier standen sie immer richtig. Dies Haus war so richtig, wie ein Haus überhaupt nur sein kann. Nur –
»Nur?« fragte Jochen leise. Hatte ich gesprochen? Ich meinte, das Ganze nur gedacht zu haben. Oder war er etwa Gedankenleser? Jochen entwickelte sich ...
»Nur: daß ich hier wohnen soll. Ich meine natürlich: wir«, sagte ich und schüttelte den Kopf noch immer. Jochen sah mich an. In diesem Augenblick, so erzählte Uli mir später, sei ihr aufgefallen, was für schöne Augen Jochen hat. Grau, ein wenig tiefliegend – mit Schatten darin. Schatten, die wohl nirgends ausbleiben, wo das Leben weitergeht. Keiner bleibt jung, keinem wird erspart, daß das Leben ihn rauft, ihm Wunden schlägt und Narben hinterläßt – und seien es nur Schatten im Grund der Augen ...
»Lieber Jochen«, sagte Uli jetzt – sie hatte ihn noch nie so angesprochen, sondern bisher immer »Herr Doktor« zu ihm gesagt – »lieber Jochen ...«
»Ja?« fragte er. Er hatte den Unterton dieser Anrede genau gehört.
»Das Haus ist wunderschön – das Haus ist – Himmel, daß einem alle Worte immer abgegriffen erscheinen, wenn man mal einen Superlativ anwenden möchte«, sagte Uli, ärgerlich über sich selbst. »Schon Super – jeder denkt an Supermarkt oder sonst was Dämliches. Und ich suche ...«
»Lassen Sie es, Uli«, sagte Jochen, und eine rührende Fröhlichkeit klang aus seinen Worten, »suchen Sie nicht. Wozu Worte suchen? Wir haben ein Haus gefunden.«
Das Kaminzimmer war möbliert. Alte Bauernstühle, eine bunte Truhe neben der Holzlege, ein blauer Schrank mit roten Herzen und weißen Tauben. Jochen ging hinaus und kam mit einem Bündel Reisig wieder, legte es in den Kamin und entzündete es mit seinem Feuerzeug.
»Setzt euch, Holz zum Nachlegen ist da, es wird gleich warm. Und etwas zu trinken hab’ ich auch da. Wir müssen doch Brüderschaft trinken, Uli, Sie und ich! Sie sind doch Alexandras beste Freundin.«
Er war wie umgewandelt, der gute Jochen. Gar nicht mehr der gute Jochen, dem man vieles nachsah, sondern ein toller Mann – in einem tollen Haus ...
»Und ich glaube und glaube es nicht«, sagte ich nach einer Weile. Es klang bockig, ich merkte es. Ich hatte einen Whisky getrunken und hielt das Glas mit einem zweiten in der Hand. Sogar an Gläser hatte Jochen gedacht. »Es ist ein Traum oder eine Geschichte, die einem auch der Leser nicht recht abnimmt – also, so dick aufzutragen brauchte der Autor nicht! ›Etwas glaubwürdiger bitte‹, würde der Verleger sagen. ›Streichen Sie oder schwächen Sie wenigstens ab.‹ Oder der Lektor. Oder der Kritiker, wenn es wirklich die Druckerschwärze überstünde.«
»Und keine Treppen!« erinnerte Uli, ungerührt von meinen Darlegungen, sie sieht alles mit praktischen Augen an. »Alles zu ebener Erde, einfach das Haus, das sich jeder seit eh und je gewünscht hat. Ich jedenfalls.«
»Und du? Du auch?« fragte Jochen und sah mich von der Seite an. Ich erwiderte seinen Blick und nickte, stumm, aber nachdrücklich. Später ging er hinaus und blieb eine Weile weg.
»Sei ehrlich: Hättest du das gedacht?« fragte ich schließlich, mich aufraffend. Uli schüttelte den Kopf. Sie verstand genau, was ich meinte.
Geborgenheit, Freundlichkeit, einen guten Verdienst, gleichmäßig liebevolle Behandlung – dies alles konnte man von einem Mann wie Jochen erwarten. Solch ein Haus aber ...
»Na bitte, und wer hat immer geunkt!« konnte ich mir doch nicht verkneifen zu sagen. Uli hätte jetzt leicht mit »Mal abwarten« oder »Noch nicht verheiratet« oder ähnlichem Alte-Tanten-Quatsch kommen können, sie tat es jedoch nicht. Sie streckte die Beine der trocknen Feuerluft entgegen, lehnte den Kopf zurück und breitete die Arme aus.
»Nie wieder werde ich unken! Nie wieder werde ich – hach! Du mußt ein Glückskind sein, ein Götterliebling, Lex, wahrhaftig. Bist du an einem Sonntag geboren, oder besinnst du dich nicht mehr?«
»Doch. Mutter hatte einen dritten Sohn erwartet und verlor eine hohe Wette, weil ich nur ein Mädchen war. Der Sohn sollte Alexander heißen und erst vierzehn Tage später auf der Bildfläche erscheinen. Bis dahin wollte sie noch die ganze Wohnung durchputzen, Vaters Doktorarbeit abtippen, zwei Mäntel für meine schon vorhandenen Brüder nähen und den Ertrag des Obstgartens einkochen. Sie hatte dies alles für besagte vierzehn Tage geplant und aufgespart, ›um ausgelastet zu sein‹. Ich spielte ihr aber den Possen, zu zeitig zu kommen und die erste, gottlob in ihrer Art einzig bleibende Tochter zu sein, häßlich wie die Nacht. Ich hatte schwarze Locken am Hinterkopf und vorn eine Glatze – Mutter erzählt das noch heute – und brüllte vierundzwanzig Stunden. Als die Hebamme am nächsten Morgen wiederkam, sagte sie: ›Sie schreit ja schon wieder.‹ – ›Noch‹, seufzte Mutti. Sie hat bis heute über mich geseufzt. Und sehr oft zu Recht.«
»Jetzt wird sie aufhören«, sagte Uli apodiktisch.
»Sie wird nie aufhören. Nie.« Plötzlich wußte ich, daß die Sorgen von Mutti um ihre einzige Tochter noch nie so berechtigt gewesen waren wie gerade jetzt. So bedrohlich ernst. Ich wollte es nicht wissen ...
›Wenn ich schon im Begriff bin, etwas Vernünftiges zu tun‹, rebellierte ich. ›Nein, nun ist es entschieden. Seid stille alle miteinander!‹
Es hatte ja niemand etwas gesagt. Aber ich hatte es sehr deutlich gehört.
Jochen kam wieder herein, setzte sich ans Feuer, rieb sich die Hände. Uli gab ihm einen Whisky herüber. Er sah nachdenklich die klare Flüssigkeit an, ehe er das Glas an den Mund hob.
»Auf das Haus. Auf unser Haus«, sagte er dann leise und trank es aus. Später erzählte er, daß er hinüber in die Telefonzelle gegangen sei und den Kauf des Hauses perfekt gemacht habe. Zugesagt, endgültig.
»Schön, Alexandra?«
»Traumhaft schön, Jochen.«
Plötzlich war etwas Neues da. Etwas Ungeahntes, Überraschendes, etwas, das eine bisher vorhandene Lücke füllte. Was aber? Ich wußte es nicht, vermochte nicht, es zu benennen, fühlte es nur, das aber sehr stark. Dankbarkeit – nicht für das Haus, für etwas viel Kostbareres –, Rührung, Hochachtung, Zuneigung – dies alles war dabei, aber nicht nur dies. Liebe? Ich wagte nicht, dieses Wort zu benützen. Ich sah Jochen an, voll dieses neuen Gefühls – tief angerührt, ja, aufgerührt, und etwas beschämt: Ich bin es nicht wert ...
»Ja, Jochen, traumhaft schön«, sagte ich nochmal, und dabei wurden meine Augen naß. Das war ein Ja, ich merkte es, indem ich es aussprach. Das Ja. Und mir war gar nicht mehr zweifelnd zumute, sondern so, wie man sich in einem warmen Bad ausstreckt: glücklich, gelöst. Ich hatte so etwas noch nie erlebt.
›Die beiden müßten jetzt allein sein‹, fühlte Uli sehr genau und grübelte, welchen Grund, sofort wegzumüssen, sie sich in Windeseile aus den Fingern saugen könnte. Aber ihre Phantasie ließ sie im Stich, es saß sich allzu köstlich hier.
›Wie gut, daß Uli da ist‹, dachte ich, ›auf diese Weise halte ich wenigstens den Mund. Wenn ich das sagte, was ich eben feststellte – nein, das bring’ ich nicht fertig. Jochen – wer hätte das gedacht.‹
»Bedauerlich, daß man nicht mehr das alte Germanentum des Brautraubes pflegt‹, dachte Dr. Joachim Schneider, ›sondern die Zeit des Aufgebotes abwarten muß.‹ Dieser verwegen revolutionäre Gedanke war zweifellos der absonderlichste in diesem Haus, das noch keiner bewohnt hatte. Und daß er ausgerechnet diesem Mann kam, zeigt, wie sehr der Mensch von seiner Umwelt geprägt wird.
Das dicke Ende kam nach. Als wir heimkamen, lag ein Zettel da, ich solle Mutti anrufen. Mir schwante nichts Gutes. Solche Zettel sind meist Anzeichen von »catastrophe, catastrophe!«, wie unser französischer Austauschstudent zu sagen pflegte, sooft Mutti angebraust kam: »Du mußt aber sofort ...«
Ich tat also sofort. Jochen war weggefahren. Er hatte Uli und mich treu nach Hause gebracht und sich dann wohlerzogen verabschiedet. Zu zeitig, wie man sah. Ein anderer – einer von unsern Jungen etwa, die in unserm Alter und oft in ähnlichen Schwierigkeiten sind wie wir – wäre noch mit raufgekommen.
Nun sah es bei uns, zugegeben, nicht übertrieben ordentlich aus, man erinnere sich an den Spiegel. Insofern war es ja gut, daß er nicht hereinsah. Es ist gewiß unklug, künftige Ehemänner unnötig zu schocken. Aber er hätte den Zettel miterlebt und das anschließende Gespräch.
Mutti war sehr froh, daß ich anrief.
»Ronald hat sich das Schlüsselbein gebrochen, du mußt dich mal um ihn kümmern«, sagte sie, »ich kann nicht weg, wirklich nicht. Vater muß nach der letzten Attacke gehütet werden wie ein kleines Kind, ich kann ihn nicht eine Stunde allein lassen. Aber du hast ja den Wagen und bist nicht weit von Lauterbach.«
»Ich hab’ den Wagen nicht mehr, Mutti ...«, ›und ich bin mit Jochen Schneider verlobt und ziehe in ein wunderbares Haus ...‹ Komisch, es kam nicht über meine Lippen. Aber Lauterbach, Lauterbach!
»Verkauft? Wie dumm. Könntest du nicht trotzdem ...« Mutti ist es gewöhnt, daß ihre Kinder, Söhne wie Tochter, ihre fahrbaren Untersätze wechseln, einen Wagen verkaufen, weil er zu durstig geworden ist und Öl säuft, um einen unglaublich sparsamen dafür zu nehmen, der in vier Wochen eine viel schlimmere Macke aufweist. Ich hatte meinen letzten überraschend gut verkauft an jemanden, der damit nach Finnland fahren wollte. Sollte sich nun auf dieser Reise herausstellen, daß Getriebe und Lenkung nicht mehr das waren, was man bei einem fabrikneuen erwartet, so waren beide, Mann und Auto, auf jeden Fall weit fort von mir. Mein Wagen bestand also zur Zeit aus ein paar Zahlen auf meinem Girokonto.
»Doch, wenn du meinst, mach’ ich es schon möglich«, sagte ich, ohne zu Ende gedacht zu haben, »natürlich fahre ich rauf und kümmere mich um Ronald. Sorg dich nicht, Mutti. Schlüsselbein, wer hat das noch nicht gebrochen! Jeder Reiter mehrere Male!«
»Schon, aber vielleicht ist auch eine Gehirnerschütterung dabei. Er muß liegen«, sagte Mutti. »Sei streng mit ihm – und daß er mir keinen Alkohol erwischt! Das vor allem! Mach ihm die Hölle heiß. Fein, daß du fährst. Ich bin sehr beruhigt.«
Aufgelegt. Ich legte auch auf. Uli hatte, wie es bei uns beiden üblich ist, mitgehört, nachdem ich ihr einen Wink gegeben hatte. Wir sahen einander an.
»Du fährst?«
»Ich fahre.«
»Und Jochen?«
»Jochen kann doch nichts dagegen haben, wenn ich mich um meinen Bruder kümmere.« Ich hatte Uli genau verstanden.
»Eben! Außerdem –«
»Was ist außerdem?«
»Außerdem brauchst du ihm ja nicht sofort in die Ohren zu trompeten, daß du nach Lauterbach fährst. Wollte er morgen kommen?«
»Übermorgen.«
»Also hast du morgen frei.«
»Was heißt hier ›frei‹«, ärgerte ich mich. »Ich werde doch tun dürfen, was ich für richtig halte, zum Donnerwetter.«
»Glaubst du? Du liegst in Rosenketten, vergiß das nicht. Jochen ist kein Mann, mit dem man willkürlich umspringen kann.«
»Wer springt denn um? Ist das umgesprungen, wenn man sich um seine Familie kümmert?«
»Lex«, sagte Uli, »wärst du auch bereit, sofort zu Ronald zu fahren, wenn er nicht in Lauterbach wäre?«
»Ich würde ...«, sagte ich hitzig. Dann stockte ich. Und dann lief ich dreimal im Zimmer auf und ab. Schließlich blieb ich vor Uli stehen.
»Uli«, sagte ich, und es klang bemerkenswert kleinlaut, ich merkte es selbst, »du bist doch verheiratet. Oder – jedenfalls – sag, darf man dann wirklich nicht mehr, was man will? Muß man bei allem fragen? Wie ein kleines Kind? Und riskieren, sich etwas verbieten zu lassen? Ist das heute noch so? Bleiben wir Frauen wirklich abhängig von der Güte und Laune des Herrn der Schöpfung, von nun an bis in Ewigkeit?«
»Willst du eine richtige Antwort haben oder ›Nur so‹?« fragte Uli.
»Eine richtige.«
»Also: Wenn man den andern liebt, dann will man gar nichts anderes als er, verstehst du. Da will man nur, daß er zufrieden ist mit einem, daß man ihm gefällt, daß man ihn jeden neuen Tag davon überzeugt: Du bist mit mir nicht angeschmiert. Mit meinen dürren Worten formuliert, entschuldige. So aber empfinde ich es.«
»Hm.« Ich stand und überlegte. »Und du meinst, Jochen gefällt es nicht, wenn ich jetzt nach Lauterbach fahre? Wenn ich ihn frage, verbietet er es mir?«
»Verbieten wird es Jochen vielleicht nicht. Aber – lassen wir es auf sich beruhen, Lex, was er tun würde. Stell dich dumm. Frag nicht. Vielleicht erfährt er es gar nicht. Mundhalten können gehört auch zum Verheiratetsein. Ich leih mir morgen Ceskas Wagen und fahr’ dich rauf.«
»Schön«, sagte ich nach kurzem Nachdenken. Ich sagte es entschlossen, und so war es beschlossen.
Aber eines merkte ich schon: So einfach ist sie nicht, die Sache, die man Liebe nennt.
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