Kitabı oku: «Ferienfahrt mit Zwillingsbrüdern»

Yazı tipi:

Lise Gast

Ferienfahrt mit Zwillingsbrüdern

SAGA Egmont

Ferienfahrt mit Zwillingsbrüdern

Copyright © 1971, 2018 Lise Gast und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

All rights reserved

ISBN: 9788711509388

1. Ebook-Auflage, 2018

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach

Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

Allen meinen reiselustigen Kindern

1

Eigentlich war es ein schöner Morgen. Ich hatte, noch im Halbschlaf, das Pfeifen der Vögel gehört — seit einiger Zeit war einer dabei, dessen Ruf klang wie „hollahi, hollaho“. Ob es eine Amsel war? Ich wußte es nicht. Ich wußte nur, daß ich diesen Ruf im vorigen Jahr nicht gehört hatte.

Es ist erfreulich, daß wir in unserem Garten jetzt Vögel haben. Hoffentlich werden es immer mehr. Aber außer mir merkt das keiner in der Familie.

Übrigens sind wir eine intakte Familie. Eine, in der Ordnung herrscht. Die Eltern meinen es gut mit uns, Vater verdient, Mutter hält zusammen, wir drei Kinder sind gesund und normal. Wir besitzen ein Haus am Stadtrand mit einem kleinen, gepflegten Garten, in dem allerdings kein Hund herumspringen darf, weil er womöglich wühlen könnte. Ich hätte gern einen Hund, und Uli wünscht sich sogar heiß einen, er ist vernarrt in Tiere. Aber Hunde und gepflegte Gärten…

Weder ich noch meine Brüder sind bisher sitzengeblieben. Ich erwähne das nicht aus Stolz, sondern nur im Zusammenhang mit unserer Normalität. Wenn man fernsieht oder Illustrierte liest — beides ist bei uns zu Hause verboten, also orientieren wir uns anderswo —, könnte man annehmen, wir wären die große Ausnahme.

Das ist natürlich ein Fehlschluß. Es gibt viele intakte Familien, ich sehe das doch bei meinen Klassenkameradinnen. Schlüsselkinder sind nicht unter ihnen. Allerdings fehlt bei der einen oder andern der Vater, bei zweien sind die Eltern geschieden, und viele verleben die Sommerferien nicht wie wir zusammen mit den Eltern, sondern in Heimen an der See oder auf Fahrt. Diese Art Ferien finde ich sogar schön und beneidenswert, aber bei uns wurde sie noch nicht gestattet. „Seid froh, daß wir uns Zeit für euch nehmen“, heißt es auf entsprechende Bitten. Denn außerhalb der Ferien hat Mutter nicht viel Zeit für uns, Vater eigentlich nie. Doch das ist wohl überall so.

Vater kennen wir eigentlich nur nervös, unansprechbar, abgearbeitet. „Leise, Vater kommt!“ heißt es täglich. Manchmal denke ich, wir stören ihn durch unser bloßes Dasein. Er hat vor einiger Zeit einen Herzinfarkt gehabt, und da muß er geschont werden. Aber auch vorher waren wir ihm zu laut, zu unkonzentriert, nicht vernünftig genug. Wahrscheinlich hätten wir als Erwachsene zur Welt kommen müssen, als leise Erwachsene.

Mutter ist anders. Sie würde bestimmt oft gern lachen, mal ins Kino gehen, eine unterhaltende Sendung im Radio hören oder ein lustiges Buch lesen. Weil Vater das alles nicht mag, tut sie es nicht. Sie will ihm nicht in den Rücken fallen. Mutter ist ein Gentleman.

Eine richtige Freundin habe ich nicht, obwohl ich mich mit manchen aus meiner Klasse gut verstehe. Nur darf ich leider niemanden nach Hause mitbringen. Auch meine Brüder dürfen das nicht. „Ihr habt Geschwister, das genügt!“ sagt Vater.

Manchmal säße ich beispielsweise gern mit Inge in meinem Zimmer, um über einen Film oder ein Buch oder sonstwas zu klönen, vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen. Das aber wird bei uns nicht gern gesehen. „Tu lieber was!“ heißt es dann. „Erwachsene sitzen auch nicht ’rum. Hast du denn keine Pflichten?“

Vater sagt, das Erste im Leben sei die Pflicht. Ich finde, Pflicht klingt so sauer. Aber trotzdem, und auch wenn ich manchmal eine stille Wut auf Vater habe, gehöre ich im Grunde eben doch „zu uns“. Denn Pflicht —

Als ich an diesem eigentlich schönen Morgen an diesem Punkt angekommen war, ging mir auf, daß ich wieder einmal zu spät zum Frühstück kommen würde.

Ich versuchte die verlorene Zeit einzuholen, und es ging, wie es immer geht, wenn man hastet: Alles läuft verkehrt. Der Schnürsenkel riß, ich fand meine Schulmappe nicht, und, und…

Schließlich raste ich die Treppe hinunter, schaffte aber die Kurve im Flur nicht ganz, rempelte gegen die Schrankecke und krachte regelrecht zur Tür herein. Die andern saßen schon. Vater zuckte schmerzhaft mit der Augenbraue, nahm aber den Blick nicht von der Zeitung.

Ich kann es nicht ausstehen, wenn er beim Frühstück Zeitung liest. Er nennt es: „sich an den Überschriften orientieren“. Wir dürfen nicht mucksen, höchstens leise um Salz oder Zucker bitten. Mutter schiebt uns alles schweigend zu und sendet Löwenbändigerblicke.

‚Vater ist nervös…‘

‚Bitte seid leise…‘

Ich kenne es nicht anders, als daß Mutter die Bewegungen eines Dirigenten macht, der die Kesselpauke dämpft. Und vornehmlich ich bin damit gemeint. Wenn Roland seine Cornflakes in sich hineinknirscht, daß man’s im Nebenzimmer hört, oder Uli den Kaffee schlürft, da wird selten gewunken.

„Warum so spät?“ fragte Vater also mißbilligend. Ich murmelte etwas von Verschlafen haben. Mutter winkte schon wieder.

Am liebsten hätte ich die Schulmappe geschnappt und wäre verschwunden, nur ’raus, nur fort! Aber sowas tut man nicht. Man rückt den Stuhl zurecht und setzt sich, gehorsam und zierlich wie ein Biedermeierfräulein.

Es war übrigens — aber das wußte ich da noch nicht — der Dreizehnte. Aberglauben sei Unsinn, hätte Vater dann sicher gesagt, oder: „Nimm dich zusammen, das haben wir alle gemußt!“ Dabei weiß man doch, daß es Pech- und Glückssträhnen gibt, schwarze und helle Tage, Tiefs und dann wieder Zeiten, in denen einem alles gelingt. Warum das ableugnen? Nicht alles ist mit dem Verstand zu erklären.

„Danke, ich möchte nicht“, flüsterte ich, als Mutter mir die Butter hinschob, und sogleich kam es von Vater:

„Es wird gegessen. Diese blöde Hungerei wegen der Figur! Seid dankbar, daß ihr satt werdet. Es gab Zeiten —“

Ich kann es schon auswendig. Dabei hatte ich gar nicht die Absicht zu hungern. Zum Frühstück darf man essen, heißt es immer. Uli grinste mich schadenfroh an, und auch Rolands Mundwinkel hoben sich, aber sie kamen nicht dazu, ihren Triumph zu genießen. Denn jetzt deutete Vater auf eine Stelle in der Zeitung und sagte so laut und deutlich: „Das ist ja unerhört!“ daß wir alle zusammenfuhren.

„Was denn, Rudolf?“ fragte Mutter halblaut.

„Hier — in unserer Stadt. Jugendliche. Haben eine Hütte ausgeraubt — besser: aufgebrochen und innen sinnlos alles kurz- und kleingeschlagen. Ohne Grund, aus reiner Zerstörungslust. Fenster, Möbel, Geschirr, Bücher — gibt es denn sowas? Da baut sich ein braver und redlicher Mitbürger ein Gartenhäuschen, um seine kurze Freizeit dort zu verbringen, und da kommt eine Rotte Jugendlicher und macht ihm alles kaputt.“

„Waren es wirklich Jugendliche?“ fragte Mutter vorsichtig. „Woher weiß man denn —“

„Er hat sie erwischt. Oder doch beinahe. Jedenfalls ist er dazugekommen, ein paar hat er sogar erkannt. Das wäre bei Erwachsenen schwerer Einbruch. Jugendliche werden —“ er stand auf und ging in die Wohnstube ans Bücherregal. Das tut er oft, wenn er uns bei Tisch etwas genau sagen will: Er holt entweder das Lexikon oder, wie diesmal, das Strafgesetzbuch.

Ich ahnte noch immer nichts, als mein Blick auf Uli fiel. Uli war so blaß geworden, wie ich ihn noch nie gesehen hatte.

An sich ist er der Hübscheste von uns, obwohl er Brillenträger ist. Die Zwillinge sind ja ganz verschieden, zwei-eiig, also sozusagen nur Geschwister, die zufällig zu gleicher Zeit geboren sind, während eineiige ein einziges geteiltes Wesen darstellen. Roland ist blond und Uli dunkel, Roland ähnelt Vater, auch etwas im Wesen, jedenfalls in seiner ewigen Besserwisserei, Uli dagegen hat mehr von Mutter mitbekommen, die früher recht munter gewesen sein muß. Auch jetzt kann sie noch manchmal Temperament entfalten, meist wenn Vater nicht dabei ist. Ich mag Uli sehr gern. Seine langen, seidigen, dunklen und dichten Wimpern, etwas aufgehoben, sehen bezaubernd aus, und in seinen rabenschwarzen Augen können tausend Teufel tanzen. Wenn ich mal Söhne bekomme, so sollen sie wie Uli werden. Das dachte ich schon damals, als wir uns noch prügelten und anspuckten — früher. Jetzt tun wir das nicht mehr; immerhin bin ich sechzehn. Aber Uli kann unwiderstehlich sein. Und was ihm alles einfällt! Mütter mit sieben Söhnen haben bestimmt nicht so viel Ärger und Aufregungen, wie unsere allein durch Uli erfährt.

Neulich wollte er sich ein Unterwasser-Atemgerät bauen. Da montierte er, wie, das ahne ich nicht, einen Druckmesser und ein Ventil auf eine Weinflasche und pumpte die dann auf. Er ließ sie im Wohnzimmer stehen und vergaß sie, wie so oft. Inzwischen muß der Luftdruck gefallen sein oder sonstwas. Jedenfalls gab es plötzlich einen heidenmäßigen Krach, einen solchen Mordsschlag, daß Mutter, die allein daheim war, dachte, das Haus falle ein. Sie rannte ins Wohnzimmer. Die Flasche war geplatzt, sie muß regelrecht auseinandergeschossen sein wie eine krepierende Granate. Ein paar Splitter staken in den Glasfenstern der Vitrine. Daß sowas überhaupt möglich ist, hätte ich nie geglaubt, wenn ich es nicht selbst gesehen hätte.

Es gelang uns, die Spuren dieser Untat an einem Vormittag zu beseitigen. Vater hat nie etwas davon erfahren. Ich kam an jenem Tag früher heim, und Mutter war noch ganz durcheinander. Ich konnte nur trösten. Ich hatte Mutter noch nie so gesehen.

Uli versprach, das mit der Flasche nie wieder zu machen, und als er damals Mutters noch immer zittrige Hände bemerkte, bat er sogar unaufgefordert um Verzeihung „für seine Blödheit“. Irgendwas mußte er bei dem Experiment übersehen haben. Aber bei Uli wußte man nie, ob ihm nicht morgen noch etwas Schlimmeres einfiele!

Daran mußte ich jetzt denken, als Vater die Geschichte von der aufgebrochenen Hütte vorlas und ich sah, wie Uli blaß wurde, weiß um die Mundwinkel und grau unter den Augen.

Ich wußte sofort, daß er dabeigewesen war. Ich erschrak. Diesmal traf es nicht nur uns. Wen schert es schon, wenn unser Haus in die Luft fliegt wegen einer auf Überdruck gepumpten Weinflasche? Aber wenn andere Leute geschädigt und beraubt werden — das kommt vor den Staatsanwalt! Wenn Vater nur jetzt nicht Verdacht schöpfte und den Blick aus der Zeitung auf seinen zweiten Zwillingssohn richtete mit der durchbohrenden Schärfe, mit der er es bei seiner Tochter Silke zu tun pflegt, das bin ich…

Übrigens schien auch Roland nicht unschuldig zu sein. Er war ein bißchen rot geworden, aber das mußte nicht unbedingt auffallen. Er aß auch weiter. Uli nicht. Daraus schloß ich, daß Roland vielleicht nur Zuschauer bei dieser Untat gewesen sei — Zuschauer, aber nicht Verhinderer.

Merkwürdig, daß ich Uli immer in Schutz nehmen will. Schon damals war das so gewesen, als die Jungen zwei waren und ich sechs, und ich sie hüten mußte. Schon damals verteidigte ich bei Katastrophen dieser oder jener Art — ach, wie klein waren sie im Vergleich mit den heutigen! — immer Uli. Er stiftete an, er führte aus, Roland folgte höchstens im Kielwasser seines Bruders. Und doch verteidigte ich immer ihn, sagte, er habe Pech gehabt, er habe es nicht so gemeint, er werde es nie wieder tun — und was großschwesterliche Ausreden und Begütigungen mehr sind. Denn gerade weil ich vor Vater ducke (denn er ist der Stärkere — ich komme doch nicht gegen ihn auf), gerade deshalb imponiert mir Ulis heldische Frechheit. Uneingeschüchtert und unbeeindruckt hatte er stets zugegeben, was er angestellt hatte. Heute zum erstenmal sah ich ihn blaß werden, und daran erkannte ich das Ausmaß der Tragödie.

„Danke, ich bin fertig“, sagte ich und stand auf.

„Aber du hast doch noch gar nichts —“

„— getrunken? Ach so. Ja, bitte, gib mir Milch“, sagte ich rasch und schob Mutter meine Tasse hin. Ich trinke sonst nie Milch zum Frühstück, aber ich war so verwirrt, daß ich es diesmal tat. Und dann gelang mir endlich die Flucht.

Im Flur hörte ich Vater noch von „neuer Mode“ und „eher wegrennen“ reden, aber da war ich schon durch die Tür. Ich lief unseren Vorgarten entlang und um die Ecke. Dort wartete ich.

Sie mußten ja kommen, und sie kamen auch. Voran Roland, ein wenig betreten und noch nicht ganz zur Schadenfreude entschlossen, dahinter Uli, finster und blaß. Ich schloß mich ihnen wortlos an.

„Seid ihr verrückt? Das ist kriminell“, sagte ich schließlich. Uli zuckte die Achseln. Roland verwahrte sich sofort: „Also wenn du behauptest, ich wäre dabeigewesen —“

„Dabei warst du“, brummte Uli.

„Aber ich habe nur —“

„Du hast?“ fragte ich scharf.

„Zugesehen, mehr nicht.“

Klatsch, da hatte er eine Ohrfeige. Ich erschrak vor mir selbst — hier auf der Straße! Aber zum Glück waren wir im Augenblick allein.

„Ist Zusehen etwa —“

„Zusehen ist feige!“ schrie ich.

„Ach, hätte ich vielleicht mitmachen sollen?“ fragte Roland höhnisch. Die Ohrfeige hatte zwar getroffen, aber er machte sie schlimmer als sie war. Doch er ging weder mit den Fäusten auf mich los noch schrie er mich an.

„Wer war noch dabei?“ fragte ich mit knappem Atem.

„Uwe — hier aus der Straße. Und Horst Koltmann.“

„Jemand aus eurer Klasse?“

„Nein. Die wohnen alle woanders.“

„Was hat denn das damit zu tun?“

„Ach, wir hatten das doch gar nicht vor. Wir wußten einfach nicht, was wir machen sollten — Vater hatte uns am Tag vorher den Fußball weggenommen. Eigentlich wollten wir an dem Tag kicken, aber da hatte er — da hatte Uli —“

„Was hattest du?“ fragte ich Uli. Aber der schwieg, und Roland berichtete, nun bemerkenswert fröhlich: „Uli hatte bei Dr. Hermanns die Scheibe eingeschmissen. Weißt du das nicht mehr? Vater war stinkwütend —“

Doch, jetzt wußte ich es wieder. Die Jungen hatten auf der Straße Fußball gespielt, was sie nicht sollen — und Uli war dieses Pech passiert. Er hatte wütend protestiert, er könnte nichts dafür, weil der Schuß zwar von ihm gekommen, aber von einem anderen mit dem Kopf abgefangen worden war. Der andere hatte ihn erst in die Scheibe geköpft, bestritt aber, schuld gewesen zu sein. Wenn andere etwas bestreiten, kommen sie fast immer damit durch.

Unglücklicherweise war Vater dazugekommen. Er sah nur die Scheibe und die betreten umherstehenden Jungen, und seine sofortige Frage: „Wer war das?“ wurde einstimmig mit „Uli!“ beantwortet. Uli versuchte zu erklären, aber Vater hörte gar nicht zu. So jedenfalls hatten es die Jungen später berichtet. Uli mußte hineingehen und sich entschuldigen, auf der Stelle, Vater verlangte es und blieb so lange auf der Straße stehen. Und natürlich mußte Uli die Scheibe bezahlen, von seinem Taschengeld. Wochenlang hat er daran geknabbert. Dabei hätte Dr. Hermann das gar nicht verlangt, er soll sogar gelacht und gesagt haben, er habe als Junge auch Scheiben eingeschmissen. Auf jeden Fall aber wurde der Ball von Vater beschlagnahmt, ja, und da konnten die Jungen nicht mehr spielen, weder auf der Straße noch auf dem Fußballplatz.

„Na und? Da seid ihr losgezogen, um die Hütte kaputtzuschlagen?“

„Nein. Horst und Uwe — aber wehe, wenn du sagst, daß sie es waren!“

„Ich will wissen —“

„Die fragten, ob wir mitkämen, ein Stück spazierengehen — und da kamen wir dann zu der Hütte. Ich wußte gar nicht, daß es sie gab, sie liegt ziemlich versteckt. Und da —“

„Da fingen die beiden andern an. Der eine drückte ein Fenster ein, nur so aus Quatsch. Und dann griff er durch und machte es von innen auf. Und dann krochen wir ’rein, alle vier. Erst die andern, dann wir. Und dann fingen sie an —“

„— alles kaputtzuschlagen?“ fragte ich, als die Jungen schwiegen. Roland nickte.

„Ja. Erst die andern Fenster. Von innen. Und dann das Geschirr. Und dann —“

„Aber — —“

„Geraucht haben sie auch!“ Roland platzte fast vor Mitteilungslust. „Und Petroleum ausgeschüttet. Dort ist natürlich kein Strom. Und Schneckentod ’rumgestreut —“

„Schneckentod?“

„Ja, solches Zeug, das lag da in Tüten. Und Samen — und dann die Bücher, die da standen.“

„Und ihr habt mitgemacht?“ fragte ich. Ich bekam fast keine Luft mehr vor unterdrücktem Zorn und wilder Empörung.

„Uli hat mitgemacht“, sagte Roland, „nur Uli. Ich war mit drin, aber ich hab’ nichts angerührt.“ Er machte dabei ein Gesicht, daß ich ihm am liebsten nochmal eine gelangt hätte. Obwohl ich natürlich wußte, daß eher Uli die Ohrfeigen verdiente.

„Hast du wirklich?“ fragte ich ihn.

Er nickte.

„Und warum?“

Achselzucken.

„Haben die andern gesagt, es sei feige, nicht mitzumachen?“

„Hm. Aber eigentlich — das haben sie zu Roland gesagt. Und erst später.“

„Als du schon mitgemacht hattest? Und warum hast du mitgemacht?“

Wieder Achselzucken. Ich versuchte, Ulis Blick zu fangen. Er wich mir aus, sah kalt und hochmütig aus. Blaß war er nicht mehr, seine Haut hatte ihre normale sanftbräunliche Farbe. Uli hat eine Haut, um die viele aus meiner Klasse ihn beneiden, so gleichmäßig und mattglänzend ist sie — und um die Oberlippe sah ich jetzt zum ersten Mal einen zarten, dunklen Flaum. Schwarzhaarige bekommen den Bart zeitig — es rührte mich. Ich sagte nichts mehr.

Wir trennten uns dann, die beiden mußten über die Kreuzung in die Kayserstraße und ich nach links zu unserer Schule. Ich ging schnell aus Gewohnheit. Eine aus den oberen Klassen puffte mich mit dem Rad, weil ich überhaupt nicht achtgab. Sie schimpfte. Mir war es egal.

2

In den ersten Stunden saß ich da und dachte immerzu nach. Ich wußte nicht einmal, welches Fach gerade dran war. Später wachte ich dann auf. Inge, die neben mir sitzt, fragte, ob ich Liebeskummer hätte. Liebeskummer — ich zeigte bloß an die Stirn. „Ihr habt Sorgen!“ murmelte ich. In Biologie kam ich dann dran und mußte mich zusammennehmen. Weil mich Biologie interessiert, ging es dann auch.

Inge dachte zuerst, sie müsse mir vorsagen. Aber das war nicht nötig. Es handelte sich um den Blutkreislauf. Darüber weiß ich Bescheid, weil ich ihn sehr interessant finde, gut durchdacht, sozusagen. Später möchte ich gern Medizin studieren.

Zum erstenmal an diesem Tage wurde ich meine Bedrückung etwas los. Als ich mich setzte, markierte Inge unter der Bank Beifallklatschen. Ich trat sie ins Schienbein. Sie stöhnte übertrieben und tat, als sei es gebrochen.

Die nächste Stunde hatten wir Französisch. Unser Französischlehrer ist sehr beliebt, jung noch, er unternimmt in den Ferien immer etwas mit Schülerinnen. Einmal fuhr er mit allen aus der Klasse, die mitdurften, nach Frankreich, um Kriegsgräber zu pflegen. Und dieses Jahr leitet er ein deutsch-französisches Ferienlager in der Lüneburger Heide. Ich habe bisher nie so etwas mitmachen dürfen. Aber für dieses Jahr habe ich die Erlaubnis bekommen.

Wenn ich daran denke, ist mir immer, als könne ich tiefer atmen. Frei sein — endlich einmal frei sein, nicht immerzu hören: „Halt dich gerade!“ „Sei nicht so laut!“ „Hast du schon Schularbeiten gemacht?“ „Du könntest mir eigentlich flink —“ und dann kamen die Aufträge. Einmal hinaus, nicht mehr gegängelt werden, machen können, was man will. Wird das wohl tun!

Früher fuhren wir mit den Eltern in den großen Ferien nach Flensburg zu den Großeltern. Sie wohnen ziemlich nahe am Strand, und wir hatten dort schöne Ferien, jedes Jahr. Jetzt seien die Großeltern zu alt, sagt Vater — vielleicht will er aber auch die Reisekosten sparen. Seit wir gebaut haben, geht es bei uns immer ums Sparen. Ständig heißt es: „Ihr wißt, unser Haus! Wir müssen erst einmal die Schulden loswerden.“ Und wenn wir erzählen, daß unsere Klassenkameraden eigentlich alle verreisen, dann heißt es:

„Ihr habt den Garten, und das Schwimmbad ist auch nicht weit. Andere Kinder wären froh, wenn sie es so hätten. Seid dankbar…“ Dabei haben wir in den Ferien natürlich die gleichen häuslichen Pflichten wie in der Schulzeit, wenn nicht noch mehr: „Hilf mal, faß mal mit an, du hast doch Zeit!“ Und was nützt das eigene Haus, wenn wir drin still sein müssen wie in einer Mietwohnung, und der Garten, wo man sich nicht auf den Rasen legen und ungestört schmökern darf?

„Was sollen denn die Nachbarn sagen!“ heißt es dann. „Komm, hilf mir beim Einkochen.“

Dieses Jahr darf ich also das erstemal fort. Mutter hat es fest versprochen und Vater halb fest — wie es so seine Art ist: „Mal sehen, wie du dich bis dahin benimmst.“ Das macht mich wütend. Ich bin kein Kind mehr, das belohnt wird, wenn es ‚brav‘ war. Ich brauche meinen Urlaub genau wie jeder andere Mensch, und zu Hause habe ich keinen Urlaub.

Aber diesmal darf ich ja mit.

„Ich habe auf der Karte nachgesehen, wohin wir fahren“, sagte Inge. „Es muß schön dort sein. Und Französisch lernt sich schnell, so die Umgangssprache, meine ich, wenn man gezwungen ist, sie zu sprechen. Ich borg’ dir ein Heft, darin stehen vielleicht hundert Redensarten, die man täglich braucht — wenn man sich die ansieht, ist man sozusagen schon firm.“

„Fährt die Frau von Elias auch mit?“

Elias ist der Spitzname unseres Französischlehrers.

„Ja, sie hat jetzt fest zugesagt. Voriges Jahr war sie auch dabei. Sie machte abends immer Spiele mit uns und brachte uns Lieder bei, die wir noch nicht kannten, sehr schöne, meist französische, aber auch englische und sogar finnische. Die mag ich am meisten, sie klingen so traurig. Dieses Jahr nimmt sie auch ihren Sohn mit, er ist jetzt drei. Voriges Jahr war er bei seinen Großeltern und sie schrieb ihm immer Karten. Er ist süß, ganz blondlockig, wie ein Mädchen — zum Fressen.“

„Inge Hohlfeld, Sie können wohl den Mund nicht halten“, kam es jetzt verzweifelt von vom. „Ich beobachte Sie jetzt seit sieben Minuten…“

„Blöd genug“, murmelte Inge noch, ehe sie endlich schwieg. Auch ich war still. Aber ich dachte nur noch an die Heide und an unser Lager. Und über der Vorfreude vergaß ich fast meine Sorgen um die Jungen.

Auch auf dem Heimweg malte ich mir aus, wie es im Lager sein würde. Sicher dürften wir Handball spielen, solange wir wollten, nicht nur die letzten zehn Minuten von der Turnstunde. Wir würden uns Geschichten erzählen und neue Lieder lernen. Und wie wohl die jungen Französinnen waren?

Die Jungen und ihre kriminelle Sache… ach, ich wollte nicht mehr daran denken. Vielleicht kam es gar nicht heraus. Und außerdem — was konnte ich dafür? Bestimmt nichts. Deshalb konnten die Eltern mir meine Sommerfahrt nicht verbieten!

So kam ich recht wohlgemut nach Hause. Mutter war allein. Sie sah aus, wie ich sie nur einmal gesehen hatte — damals, als Vater auf dem Gehsteig vor unserm Haus zusammengebrochen war und ihn zwei Männer ins Haus trugen. Er mußte danach lange liegen, und seitdem ist es so unerträglich bei uns mit dem ewigen „Seid still!“ und „Leise, leise!“ Er hatte sich so über einen der Bauarbeiter geärgert, daß sein Herz versagt hatte. Mutter dachte, er wäre tot.

Ja, und jetzt sah sie fast so aus wie damals: blaß, mit Ringen unter den Augen und abgehärmt. Nur in ihrem Blick war noch etwas Hoffnung.

„Gut, daß du allein kommst, Silke“, sagte sie sofort. „Ich habe so entsetzliche Angst. Sag — hältst du es für möglich —“

„Was denn?“ fragte ich und wußte sofort, was sie meinte.

„Daß die Jungen dabei waren. Daß sie es waren.“

„Was?“

„Tu doch nicht so. Der Einbruch in der Hütte. Was Vater heute früh aus der Zeitung vorgelesen hat.“

„Ach, diese Geschichte meinst du“, sagte ich lahm.

„Ich habe inzwischen mit Frau Meinhold gesprochen.“ Frau Meinhold ist unsere Nachbarin.

„Sie meint, es könnten auch Fremde gewesen sein, Jugendliche, die gar nicht in unserer Stadt wohnen. Eine Bande. Aber ich glaube es nicht. Wir müssen auf jeden Fall feststellen, wo die Jungen an dem fraglichen Tag waren. Wenn dann jemand kommt und behauptet, sie wären es gewesen, so können wir sagen, wo sie um die betreffende Zeit wirklich gewesen sind. Ein Alibi. Vielleicht läßt es sich noch feststellen. Es war am Mittwoch, sagte Frau Meinhold — sie wußte es übrigens schon vorher, nicht erst aus der Zeitung.“

„Am Mittwoch?“ Ich hatte mich hingesetzt und versuchte zu überlegen. „Da haben sie nachmittags keine Schule.“ Weiter fiel mir nichts ein.

Mutters Augen waren flehend. „Überleg doch — können sie nicht — waren sie nicht schwimmen? Sie gehen doch mittwochs immer —“

„Ich weiß nicht. Wir müssen sie fragen. Vielleicht haben sie sich mit Kameraden aus ihrer Klasse getroffen, die das noch wissen.“ Mutter schwieg. „Wem gehört eigentlich die Hütte?“ fragte ich dann.

„Dem alten Grulich, dem Uhrmacher. Er hat am Markt seine Werkstatt. Vater kennt ihn gut. Na ja, Vater kennt ja alle in der Stadt.“

Vater ist Angestellter bei der Kreissparkasse. Er hat schon immer Direktor werden wollen. Und weil er ziemlich fest damit rechnete, hat er das Haus gebaut, obwohl wir wahrhaftig nicht viel Geld haben. Er dachte, als Direktor kann er es leichter abbezahlen. Aber vorläufig ist er das noch nicht.

Als junger Mensch wollte Vater Jura studieren. Deshalb haben wir auch das Bürgerliche Gesetzbuch und das Strafgesetzbuch im Haus, und er liest mit Vorliebe darin, wie andere Leute im Zitatenschatz. Aber in jenen Zeiten, die seiner Meinung nach so golden gewesen sind, konnten offenbar nur die Söhne wohlhabender Leute studieren — das ist heute besser. Heute kann jeder studieren, der in der Schule ordentlich und fleißig war und es im Studium auch ist. Auch Bundeskanzler kann jeder werden, wenn es ihm dazu reicht. Man trägt heute sozusagen den Marschallstab im Tornister. Das ist gut. Allerdings — Sparkassendirektor zu werden ist vielleicht noch schwieriger, als Bundeskanzler zu werden. Wenigstens denke ich das manchmal, wenn ich Vaters Bemühungen sehe.

Ich bremste diese Gedanken gewaltsam ab. „Dem alten Grulich gehört die Hütte? Dann ist die Sache aber gemein.“

Denn der alte Grulich ist der friedlichste Mensch unter der Sonne. Groß, grau, hager — und sehr liebenswürdig, jedenfalls zu mir. Ich brauche nur hereinzukommen, da zieht sich sein schmales Gesicht in unzählige freundliche Falten zusammen, und er strahlt mich an. Was das gnädige Fräulein denn wünsche? Bitte, nehmen Sie doch Platz! Er siezt mich seit dem Tag meiner Konfirmation, während andere immer weiter du sagen und vertraulich tun. Solche Vertraulichkeit kann ich schlecht vertragen.

„Das ist wirklich eine Gemeinheit“, sagte ich und sah Mutter an. Ich mußte ja so tun, als wüßte ich überhaupt nichts. „Wer das war, der sollte sich schämen. Diesen Mann zu kränken…“

Er hat keine Familie mehr, ich weiß das. Er hat unzählige Vögel; überall in seiner Werkstatt pfeift und zwitschert es. Sonst haben meist Schuster Vogelkäfige in der Werkstatt hängen, aber bei uns hat sie Herr Grulich. Und er kennt alle Vögel und pfeift ihnen vor, oder er pfeift das, was sie zwitschern, so bezaubernd gut nach, daß es ist, als unterhielte er sich mit ihnen. Überall wird er der Vogelgrulich genannt.

„Draußen bei der Hütte hatte er auch ein schönes Vogelbad aus Ton“, erzählte Mutter bedrückt. „Er ist doch solch ein Tierfreund. Das haben sie auch kaputtgemacht, zertreten und zerschlagen…“

Na wartet, dachte ich. Laut aber sagte ich:

„Sowas ist doch nicht zu glauben. Was für Rohlinge müssen das sein! Die sind bestimmt nicht von hier.“

Sah Mutter mißtrauisch aus? Oder bildete ich mir das nur ein? Ich durfte nicht noch etwas sagen, was in diese Richtung wies. Überhaupt — es war besser, ich lenkte Mutter ab.

„Ich freue mich so auf unser Ferienlager“, sagte ich also. „Du wirst sehen, ich komme mit perfektem Französisch wieder. Übrigens — die Frau von Elias geht auch mit, Inge sagt, sie sei ganz reizend.“

Mutter tat, als höre sie zu, schaltete den Drucktopf ab und stellte ihn unter den Wasserhahn. Dann aber ließ sie plötzlich die Hände sinken, setzte sich auf einen Hocker und verbarg vornübergebeugt das Gesicht in den gekreuzten Armen. Ihre Schultern zuckten.

„Aber Mutter — aber — was hast du denn?“ fragte ich, zutiefst erschrocken. Mutter weinte, man hörte es, obwohl sie es zu unterdrücken versuchte. Ich faßte sie um die Schultern. Sie hob das Gesicht nicht.

„Ich hab’ Angst — ich hab’ so Angst“, schluchzte sie. „Angst, daß sie es waren, daß sie dabei waren. Frau Meinhold hat mich auch so angesehen… Silke, wenn sie dabei waren. Wenn Vater das erfährt…“

Ich habe Mutter noch nie so verzweifelt erlebt. Damals, bei Vaters Zusammenbruch, hat sie sich großartig benommen, gefaßt und vernünftig und alles. Aber jetzt… Wenn nur Vater nicht kam und sie so sah. Dann würde er sich wohl sein Teil denken!

„Mutter, du mußt doch — wenn Vater jetzt kommt!“ flüsterte ich beschwörend.

Aber Mutter hob den Kopf nicht. „Und wenn sie es diesmal wirklich nicht waren, wer weiß, nächstes Mal —“ Sie weinte jetzt richtig, stoßweise, außer sich.

„Mutter, du mußt dich jetzt zusammennehmen“, hörte ich mich rufen, halblaut, aber fast wild. „Du machst ja alles kaputt. Vater darf nie auf den Gedanken kommen —“

„Ich kann nicht. Ich hab’ solche Angst —“

Schließlich bekam ich sie dazu, aufzustehen. Ich schob sie aus der Küche, zerrte sie die Treppe hinauf und drückte sie auf ihr Bett. Ich zog ihr die Halbschuhe von den Füßen, legte ihr die Beine hoch und deckte sie zu.

„Du bleibst jetzt liegen. Vater darf dich so nicht sehen. Ich sage ihm und den Jungen, dir wäre schlecht geworden. Du hättest brechen müssen. Ja, es ist doch gleichgültig, ich stelle einen Eimer her. Du bleibst liegen. Hast du was Beruhigendes da? Warte, ich seh mal im Arzneischränkchen nach.“

„Nicht — nicht — ich will nicht“, wehrte sich Mutter. Doch ich fand ein Fläschchen, auf dem zu lesen war: Zehn Tropfen auf ein Stück Zucker, zur Beruhigung, in ernsten Fällen das Doppelte. Ich lief nochmal in die Küche und holte die Dose mit Würfelzucker, tröpfelte, zählte, gab es Mutter ein.

„So, warum denn nicht. Nun tief atmen und an gar nichts denken! Ich mach’ das Essen fertig. Was gibt’s denn? Nein, ich tue es, bleib ja liegen! Ist der Tisch gedeckt? Laß doch, das werde ich wohl können. Überhaupt, Mutter, ich finde, einmal könntest du auch tun, was ich sage.“

Es klang wütend, ich hörte es selbst, und es tat mir leid. Merkwürdigerweise aber wurde Mutter nicht böse darüber, im Gegenteil. Sie war auf einmal lieb und ganz klein.

„Ach, Silke, bitte, sei nicht böse! Es ist ja nur — bitte…“

Mir war das entsetzlich, ich hatte sowas noch nie erlebt. Schließlich setzte ich mich für einen Augenblick auf die Bettkante und streichelte ihr geniert die Wange. Es war so ungewohnt und komisch: Mutter lag hilfsbedürftig da und ich redete groß und vernünftig. Machte ich das richtig? Ich wußte es nicht.

Später rannte ich hinunter und deckte mit fliegenden Händen den Tisch. Ich goß die Kartoffeln ab und füllte das Gemüse in eine vorgewärmte Schüssel. Vater wird ärgerlich, wenn nicht alles ofenheiß auf den Tisch kommt. Da hörte ich schon seinen Schritt. Und die Jungen?

Sie kamen nicht. Wir warteten erst — ich hatte Vater von Mutters Übelkeit erzählt und ihn gebeten, nicht hinaufzugehen, sie schlafe jetzt sicher —, dann aber setzten wir uns. Vater war sehr ärgerlich, weil die Jungen nicht kamen. Ich erzählte etwas von einer zusätzlichen Stunde, von der sie einmal gesprochen hätten — ob sie heute stattfände, wüßte ich nicht.

„So etwas sagt man vorher“, knurrte Vater, begann dann aber zu essen. Ich tat zuerst nur so, dachte, ich könne keinen Bissen hinunterwürgen. Dann aber merkte ich auf einmal, daß es mir schmeckte, und ich aß und aß — mir wurde besser. Zuletzt haben wir uns dann sogar unterhalten, Vater und ich. Und es ging ganz gut.

Als ich später nach Mutter sah, schlief sie wirklich. Ich stellte den Jungen das Essen warm und wusch unsere Teller ab. Vater hatte sich, wie immer um diese Zeit, für zehn Minuten hingelegt. Ich betete, daß die Jungen nicht gerade jetzt kommen möchten — sie kamen auch nicht. Er ging, nachdem er noch seine Tasse Kaffee im Stehen getrunken hatte. Nach ihnen gefragt hatte er nicht noch einmal.

Kaum war er um die Ecke, da erschienen sie von der anderen Seite her.

Ich brachte ihnen zu essen und sagte dann, wenn sie heute ihre Schularbeiten nicht ordentlich machten — ich soll sie immer nachsehen, und sie unterschlagen mir mit Vorliebe das, was ihnen nicht paßt —, dann würde es wohl das letzte Mal sein, daß ich mich vor sie stellte. Und ich ginge jetzt zu Grulich und bäte um gut Wetter. Verdient hätten sie es nicht. Es sei wegen Mutter. Die liege oben und sei halb krank. Punkt. Alles Weitere werde sich finden.

Sie waren ganz still, auch Roland. Er wagte nicht einmal einen frechen Blick. Uli sah überhaupt nicht hoch.

Ich ging. Mein Herz war zentnerschwer. Und zu aller Sorge kam auch noch die Empörung: wieso ich? Wieso hatte gerade ich dauernd Ärger mit meinen Brüdern? Andere Mädchen hatten doch auch Brüder! Aber daß sie solche Dinge für sie ausbaden mußten, das hatte ich noch nie gehört.

3

Manche Sachen im Leben sind leichter, als man sie sich vorher ausmalt. Diesen Trost hat man immer im Hintergrund, wenn einem Schweres bevorsteht. Manche sind aber auch schwerer. Das hatte ich bisher noch nie erlebt, und es war eine recht unangenehme Überraschung.

Ich sehe mich noch in Grulichs Werkstatt kommen. Er bediente gerade. Ich stand und wartete, es war quälend. Als die Dame, die ewig nach einem ihr passenden Küchenwecker gesucht hatte, endlich gegangen war, wandte er sich mir zu.

Sein Gesicht war tiefernst. Ich hatte ein winziges Schmunzeln in seinen Mundwinkeln erwartet, eine kleine, freundliche Hilfe, ein Lächeln in den alten, sonst so gütigen Augen. Nichts davon. Sein Gesicht war ernst und sehr traurig. Er bat mich in das Zimmer hinter dem Verkaufsraum, machte eine Bewegung nach dem Stuhl hin und setzte sich, als ich saß, auf einen zweiten.

„Sie kommen wegen Ihrer Brüder“, sagte er.

Ich nickte. Während ich sprach — ich stotterte, es war peinlich und gräßlich blamabel —, saß er da und sah seine Hände an. Und schwieg. Er schwieg auch noch, als ich fertig war. Ich hatte versucht, ihm den Gang der Handlung zu schildern. Wie die Jungen ohne ihren Fußball sozusagen in ein Loch in ihrem Tag gefallen waren und nicht wußten, was sie anfangen sollten, und wie eins zum andern kam. Ihre Zerstörungssucht konnte ich nicht erklären und nicht bemänteln. Es war erniedrigend.

Grulich ließ eine lange Pause entstehen. Dann hob er den Blick und sah mich an.

„Liebes Fräulein Silke“, sagte er, und sein Brustkasten hob sich dabei, als müsse er erst einmal Luft einpumpen, „ich finde es lieb von Ihnen, daß Sie gekommen sind. Aber ich glaube, es war umsonst, jedenfalls in dem Sinne, in dem ich Sie verstehe. Sie möchten doch, daß ich die Geschichte totschweige, oder? Deshalb kommen Sie doch her?“

Ich nickte.

„Hm. Ich kann das verstehen. Aber ich — nun, ich will Ihnen etwas erzählen, was nicht zur Sache gehört, oder doch. Sie haben doch ein bißchen Zeit?“

Ich nickte wieder.

„Sehen Sie, ich habe keine Kinder mehr. Meine Kinder —“ er machte eine kleine Bewegung ringsum — „sind diese hier, die gefiederten. Aber ich habe einmal Kinder gehabt. Sie sind groß und weit weg. Reden wir nicht von ihnen, sondern von etwas anderem.

Ich interessiere mich für junge Menschen, obwohl ich alt und allein bin, oder vielleicht gerade deshalb. Es wurde wohl weine Straftat Jugendlicher in den letzten fünf oder sieben Jahren verhandelt, die ich nicht genau verfolgte und über die ich mir nicht Gedanken machte. Wenn man allein ist, hat man viel Zeit nachzudenken.

Von einer solchen Gerichtsverhandlung möchte ich Ihnen erzählen: Ein junger Mann — etwa zweiundzwanzig Jahre alt — wurde verurteilt wegen nicht nur einem, sondern dem soundsovielten Betrug. Er stammt nicht von hier, die Sache wurde aber in unserer Kreisstadt verhandelt, warum, ist Nebensache. Ich bin hingefahren und habe im Zuhörerraum gesessen. Ich weiß nicht, ob Sie schon einmal eine Verhandlung miterlebt haben? Nein, nur im Film? Nun, aber vorstellen können Sie es sich.

Er war hier ins Gymnasium gegangen, war besserer Leute Kind, wie man so sagt. In der Schule tat er nicht gut. Nicht, daß er ein Querulant oder gar Rebell war, aber er blieb sitzen und holte auch dann nicht auf. In der Unterprima ging er ab — die Eltern hatten ihm Nachhilfestunden geben lassen, aber auch das half nichts. Der Klassenlehrer könne ihn nicht leiden, hieß es. Dann kam er in eine kaufmännische Lehre. Hier war es der Meister, der ihn schlecht und ungerecht behandelte. Er wechselte die Stellung. Dann noch einmal. Diesmal war es ein Kollege, der ihm das Leben schwer machte. Das nächstemal der Bürovorsteher, so wurde erzählt. Die Eltern schickten ihn nach Hannover in das Geschäft eines Bekannten. Eine Weile ging es, dann nicht mehr. Er kam zurück, tat eine Zeitlang nichts. ‚Ihr hättet mich das Abitur machen lassen sollen, dann hätte ich ganz andere Berufsmöglichkeiten‘, erklärte er seinen Eltern.

Sie gaben ihn in eine Privatschule. Dort flog er nach einem Vierteljahr wegen Aufsässigkeit. ‚Ich brauche die Freiheit‘, sagte er zu seiner Entschuldigung.

Was später noch kam, will ich nicht aufzählen. Nur dies. Und, Fräulein Silke, deshalb erzähle ich Ihnen das: Das letzte, was er vor Gericht sagte — er erzählte all diese Sachen ruhig, ein wenig zynisch, knapp und trotzdem anschaulich —, das letzte war: ‚Ihr hättet nicht immer vertuschen dürfen, was ich falsch machte. Immer wurde verheimlicht und beschönigt, immer entschuldigt. Damit, daß Mutter nie Zeit für mich hatte — sie mußte in Vaters Geschäft mitarbeiten, uns war es sehr schlecht gegangen, einen gemeinsamen Mittagstisch kannte ich nicht, die Eltern aßen in der Werkskantine —, daß ich keine Geschwister hatte, daß ich schwierig sei. Ich hätte es in der Schule schaffen können. Ich hätte in der Lehre aushalten können. Ich hätte nicht in die Kasse zu greifen brauchen.

Aber alles wurde entschuldigt. Es war, als habe der Teufel mich in den Fängen: Immer wieder mußte ich probieren, ob es diesmal einschlüge. Es schlug nicht ein, es wurde abgebogen. Nun stehe ich hier.

Beim allerersten Mal hätte es krachen müssen. Damals, als ich das Geld nahm, das wir für das Kindergenesungsheim sammelten. Es waren ganze dreiundvierzig Mark fünfzig. Ich hatte gesagt, ich hätte die Büchse verloren, hätte sie weggestellt, als wir Fußball spielten, und dann nicht wiedergefunden. Ich wollte mir gar nichts Bestimmtes kaufen, ich wollte nur einmal sehen, was passierte, wenn ich das Geld unterschlüge. Es passierte nichts. Vater ging zu der zuständigen Stelle, ersetzte es und bat um gut Wetter!‘ — So wie Sie heute für Ihre Brüder, Fräulein Silke. — ‚Ich kam davon‘, sagte der junge Mann weiter, ‚ich wurde noch getröstet. Für das Geld habe ich mir dann Zigaretten gekauft und habe mir meinen ersten richtigen Rausch angetrunken, weil ich im Grunde gar nichts damit anzufangen wußte. Das war der Anfang. Heute, das ist das Ende.‘“

Grulich schwieg. Ich saß und knetete eine Hand mit der anderen.

„Aber sie haben — meine Brüder haben ja kein Geld unterschlagen…“

„Nein, das haben sie nicht. Stimmt. Es ist etwas anderes. Jeder Fall liegt anders“, erklärte Grulich. „Trotzdem sind diese verschiedenen Fälle wahrscheinlich gleichen Ursprungs. Die Jungen wollen etwas erleben, etwas aufrühren. Den Drachen am Schwanz kitzeln — mal sehen, was geschieht. Meinen Sie nicht? Warum geht ein Junge aufs Eis, obwohl er genau weiß, daß es noch zu dünn ist, um ihn zu tragen? Warum klettert er auf einen Baum? Warum fährt er mit seinem Moped schneller, als er darf? Warum legt er dem Lehrer einen Knallfrosch ins Pult? Verstehen Sie, warum, Fräulein Silke?

Nein, ich würde Ihren Brüdern keinen Gefallen tun, wenn ich jetzt schwiege. Ich habe mir das sehr genau überlegt. Die beiden andern, die dabei waren — und wohl die Anstifter waren, jedenfalls diejenigen, die schon mehrmals solche Dinger drehten —, bei denen ist nichts mehr zu ändern, fürchte ich. Ob die ein Strafgericht trifft oder nicht, das ist gleichgültig. Aber Ihre Brüder.

Nein, ich schone Ihre Brüder nicht. Ich mag sie gern, die Buben — besonders den Dunklen. Der sieht aus, als würde er mal versuchen, die Welt ein bißchen aus den Angeln zu heben. Da ist was drin, glaube ich. Und der soll einmal nicht so dastehen müssen wie der junge Mann, von dem ich Ihnen eben erzählte, und sagen: ‚Damals, als ich die Bude vom alten Grulich zertrampelte, damals hätte es einschlagen müssen, und zwar gewaltig! Dann wäre es anders mit mir gegangen.‘“

„Herr Grulich! Es war das erste Mal!“

„Eben! Es ist das erste Mal! Es soll kein zweites geben, bei diesen beiden Buben. Um der Buben willen.“

„Aber — aber meine Eltern! Mein Vater —“

„Ihr Vater? Meinen Sie nicht, es ist besser, er erlebt jetzt —“

„Nein! Nein, Herr Grulich! Er übersteht das nicht! Vater ist —“ Auf einmal sah ich Vater, wie er wirklich ist: Ehrgeizig, krankhaft strebsam und dadurch überfordert von der Arbeit, bei der er mehr zu leisten versucht als alle andern. Er fängt früher an und hört später auf, um etwas darzustellen für die Umwelt. Nicht für sich. Was die Leute sagen, die Kollegen, ist wichtig. Wie das Haus von außen aussieht, ist die Hauptsache. Eine blendende Fassade, auch wenn es verschuldet ist bis unter den Schornstein.

Deshalb stören wir ihn auch nur, durch unsern Spektakel, unser Lachen, einfach durch unser Dasein. Dadurch ist er immer gereizt. Im Grunde weiß er gar nichts von uns, und manchmal kommt ihm das wohl zum Bewußtsein und belastet ihn. Da wird er noch strenger.

Sicher ist es falsch, so zu leben. Aber viele tun es, vor allem Kleinstädter. Dort, wo jeder jeden kennt, da ist alles Äußere wichtig. Da muß man etwas gelten. Oder man glaubt es wenigstens.

Und Mutter?

„Mutter würde Sie verstehen“, hörte ich mich sagen. Man spricht ja in der Aufregung manches aus, was man noch gar nicht richtig wußte. „Mutter ist anders. Mutter weiß, worauf es ankommt — eigentlich. Vater aber — es würde ihn umwerfen. Er hatte doch schon einen Herzinfarkt, ich weiß nicht, ob Sie das wissen. Er muß geschützt werden vor jeder Aufregung. Lieber Herr Grulich, bitte, sehen Sie es einmal so! Bitte, schonen Sie ihn!“

Ich schwieg. Er schwieg auch. Nach einer Weile sagte er leise, fragend, wägend: „Und Ihre Brüder? Ist das die Sache wert? Ich meine, wenn ich jetzt Ihren Vater schone, und die beiden gehen weiter diesen Weg — sind wir dann nicht in einem halben, vielleicht in einem Vierteljahr am selben Punkt?“

„Es muß ja nicht so sein. Man kann sie ja aufhalten — oder den Weg abbiegen. Ihnen ordentlich ins Gewissen reden — sie beeinflussen“ — ich fand keine Worte mehr.

„Ins Gewissen geredet wurde jenem jungen Mann damals vermutlich auch. Was sind Worte“, sagte Grulich leise. Immerhin, ich witterte eine winzige Chance.

„Sie sagen ‚vermutlich’. Vielleicht aber auch nicht. Uli und Roland sind nicht schlecht, glauben Sie mir. Sie sind in schlechte Gesellschaft geraten, sie sind…“

„Das stimmt“, sagte der Alte nachdenklich. „Wo aber fängt es an, und wo hört es auf? Glauben Sie nicht, daß die Eltern der beiden andern, Uwe und Horst heißen sie, ich weiß — das gleiche Argument bringen würden? Unsere armen, harmlosen Kinder sind in schlechte Gesellschaft geraten! Jede Mutter findet, daß ihr süßer, unschuldiger, ja, gänzlich unwissender Sprößling beeinflußt, herabgezogen, verdorben wurde, von den bösen anderen…“

„Herr Grulich! Ich werde verhindern, daß sie weiter mit diesen beiden zusammen sind! Ich verspreche es Ihnen! Ich werde achtgeben — ich — bitte, Herr Grulich! Bitte geben Sie mir eine Chance, geben Sie den Jungen eine! Der junge Mann, von dem Sie sprachen, hatte vielleicht keine, er hatte vielleicht niemanden, der auf ihn achtete. Vater und Mutter waren beschäftigt, und er war der einzige —“

„Eine Schwester hatte er nicht, eine ältere“, sagte Herr Grulich langsam.

„Aber Uli und Roland haben eine. Herr Grulich —“ Ich merkte, daß ich gewonnen hatte. Am liebsten hätte ich geheult vor Erleichterung. Aber ich mußte mich doch nun vernünftig und erwachsen benehmen, sonst glaubte er wahrscheinlich nicht, daß ich es auch sei.

„Ich danke Ihnen. Ich danke Ihnen. Ich danke Ihnen so sehr“, hörte ich mich stammeln.

Er hielt meine Hand. „Fräulein Silke, lassen Sie mich noch eins sagen, als letztes. Sie haben ja nun erreicht, was Sie erreichen wollten. Jener bedauernswerte junge Mann, der nun nie mehr die Chance haben wird, sich normal ins Leben einzureihen, der immer wieder strauchelte und es immer wieder tun wird — der nahm sich zuletzt noch das Recht auf ein Schlußwort. Und da schleuderte er ‚denen‘ seinen Haß und seine Verachtung ins Gesicht. ‚Die hätten mich nicht schonen sollen!‘ wütete er. ‚An denen liegt es, daß ich hier stehe. Die sollten sich überlegen, ob sie jugendliche Verfehlungen zudecken und vertuschen sollen, statt zuzuschlagen. Mir hätte es besser getan, ich hätte den Hintern voll bekommen, daß ich nicht mehr hätte sitzen können — dann müßte ich jetzt nicht sitzen.‘ So sagte er wörtlich. Ja, Fräulein Silke…“

„Gut, dann bin ich eben schuld“, sagte ich und fühlte plötzlich eine merkwürdige, bisher nie gekannte Kraft in mir aufsteigen. Mir war, als hätte mir jemand etwas Schweres auf die Schultern gelegt, eine Last, von der ich dachte, ich würde darunter zusammenbrechen oder sie abwerfen wollen. Aber ich merkte, wie meine Schultern sich strafften. Ich sah Ulis junges Gesicht vor mir, seine dunklen Augen — und auch Rolands Grübchen, die noch immer in seine Wangen kommen, wenn er lacht. Ich sagte:

„Ich nehme die Verantwortung auf mich. Ich vergesse nicht, was Sie mir erzählt haben. Aber es muß nicht so kommen, wie es dort kam. Lassen Sie mich sorgen. Mit den beiden andern kommen meine Brüder nicht mehr zusammen, das können Sie glauben! Dafür bin ich da. Und auch sonst.“

Er sah mich an, lange, gleichzeitig traurig und gütig. Er sagte nichts. Ich verabschiedete mich. Er hielt meine Hand in seiner alten, trockenen, warmen Uhrmacherhand mit den sensiblen, feinfühligen Fingern.

„Alle meine Wünsche sind mit Ihnen, Fräulein Silke“, sagte er schließlich leise und ernst. Ich hätte ihm um den Hals fallen können vor Dankbarkeit, weil und wie er das sagte. „Mit Ihnen und mit Ihren Brüdern. Und — na ja, vielleicht haben Sie sogar recht. Jugend hat sehr oft recht —“

„Womit?“ fragte ich aufhorchend. Seine letzten Worte klangen zögernd, ein wenig unsicher.

„Ach, ich meine nur. Nein, eine Schwester hatte jener Verurteilte wohl nicht…“

Ich kam heim, zum Platzen geladen mit Energie. Die Jungen saßen auf der Bank unseres Sitzplatzes und machten angeblich Schularbeiten. Viel war wohl noch nicht zustande gekommen.

„Ich habe es also erreicht. Er sagt nichts“, teilte ich als erstes mit. Ulis dunkle Augen blitzten — ich fuhr sofort auf ihn los.

„Denk jetzt aber nur nicht —“

„Ich denke gar nicht, und außerdem sind die Gedanken bekanntlich frei“, sagte er. Aber seine Frechheit war wohl nicht ganz echt.

„Und du, Roland, — ich finde, du hängst genauso drin wie Uli. Ob man nur zusieht und nicht verhindert, oder ob man mitmacht, das kommt aufs gleiche heraus, also blas dich bloß nicht auf! Ihr sitzt beide in der Patsche oder seid beide nochmal herausgekommen! Und mit Horst und diesem Uwe da — wenn ich euch nochmal mit denen erwische —“

„Dann?“ fragte Roland. Es sollte spöttisch und selbstherrlich klingen, aber es wirkte ziemlich kläglich. Das tat mir gut.

„Dann Gnade euch!“ vollendete ich finster.

Mutter mußte ich anlügen, daran führte kein Weg vorbei. Ich hatte mir auf dem Heimweg alles genau zurechtgelegt.

„Sie waren es nicht“, sagte ich also, nachdem ich mit den Jungen gesprochen und sie zu Stillschweigen verpflichtet hatte. „Ich war bei Grulich und habe mich erkundigt, damit du beruhigt bist. Er weiß, wer es war. Er hat es mir auch gesagt. Aber ich habe ihm versprochen, es niemandem weiterzusagen. Frag mich also bitte nicht.“

Mutter hatte natürlich nicht geschlafen. Sie hatte dagelegen und sich geängstigt — sie fand auch jetzt noch nicht heraus aus ihrer Sorge.

„Wirklich? Weißt du es auch gewiß? Sagst du es nicht nur, damit ich beruhigt bin? Dann verrate mir doch, wer es war, ich erzähle es bestimmt niemandem.“

Ich hätte ja nun Uwe Deister und Horst Kollmann nennen können. Aber das wäre gemein gewesen. Ich fand es schon nicht schön von Mutter, daß sie mich fragte. Mutter ist sonst fair, fairer jedenfalls als Vater. Richtig fair sind Erwachsene uns gegenüber wohl nie. Da kommen sie mit „mehr Erfahrungen“ und „Verantwortung tragen“ und ähnlichem.

„Bitte frag mich nicht“, sagte ich also böse. Mutter fing sofort wieder zu weinen an. Dabei hatte ich ihr die ganze Sache ja abgenommen! Und leicht war das für mich wahrhaftig nicht gewesen!

„Mach dir keine Gedanken“, sagte ich und versuchte nicht merken zu lassen, was in mir vorging. „Und was die Leute reden, das muß dir egal sein. Sie hören auch mal wieder auf. Verstopf dir die Ohren. Ich mach es auch so. Und auf die Jungen werd’ ich schon aufpassen.“

Damit ging ich. Hinterher fragte ich mich, ob ich nicht doch ein halbes Eingeständnis gemacht hatte. Wenn, dann konnte ich es jedenfalls nicht mehr ändern.

4

Es gehört zu unserer intakten Familie, daß wir kein Fernsehen haben. Vater hat wohl zu oft gelesen, daß es für Kinder schädlich sei. So entgeht uns manches. Meine Mitschülerinnen, die Fernsehen haben, sind zum Beispiel in Geographie viel besser, und auch über Politik wissen sie mehr Bescheid.

Gestern fragte Inge, ob ich heute abend zum Fernsehen kommen wolle, es werde ein hübscher Spielfilm gezeigt. Ich fragte Mutter und bekam ausnahmsweise die Erlaubnis.

Ich mag Filme nicht, die mit Klamauk arbeiten; wenn sich zum Beispiel Männer als Frauen verkleiden und die ganze Geschichte nur von diesem mageren Witzlein lebt. Hier aber gab es bessere Gags.

Es fing damit an, daß die Hauptdarstellerin, eine sehr süße kleine Person, zum Zahnarzt gehen muß. Sie kommt an einem jener Asphaltbohrer vorbei, die so entsetzlich brummen. Sie verzieht das Gesicht, ganz wenig nur, aber man weiß, was sie denkt. Oder — die jungen Leute, die noch ein wenig beieinandersitzen wollen, peilen in einer Stadt, die am Hang liegt, ein Kellerlokal an, zu dem sie erst hundertunddreiundachtzig Stufen hinaufklettern müssen. Solche kleine Lustigkeiten gefallen mir, und wenn ich Drehbücher schriebe, würde ich mich darauf spezialisieren — gesetzt den Fall, sie fielen mir auch ein.

Wir lachten viel, und hinterher fragten wir uns, warum uns der Film eigentlich so gefallen hatte. Ich glaube, weil wir so gelacht haben. Lachen ist das Vitamin der Seele, hab’ ich mal gelesen, und deshalb ist Vater wahrscheinlich so schlecht dran, so kränklich, ja, mitunter — auch wenn er es zu verbergen trachtet — so merkwürdig hilflos. Auch uns, gerade uns gegenüber. Er flüchtet dann in Strenge und Barschheit.

Allerdings waren auch für mich die letzten Tage reichlich humorlos. Lieber einen Sack Flöhe hüten als zwei zwölfjährige Jungen, die dauernd versuchen, einem durch die Lappen zu gehen. Ich bin an meiner selbstgestellten Aufgabe fast verzweifelt. Denn es darf ja auch niemand merken, daß ich sie zu hüten versuche.

Sie sollen nicht mehr mit den beiden Lausern zusammensein, die die Geschichte mit der Hütte angezettelt haben. Wie aber fängt man das an? Die beiden wohnen in unserer Straße. Wenn die Schularbeiten fertig sind, dürfen wir springen — richtiger: Die Jungen dürfen laufen, für mich liegt immer allerhand vor. Einkaufen oder Bügeln oder die Waschmaschine bestücken. Es ist schon ärgerlich, als Mädchen auf die Welt gekommen zu sein. Mutter war damals wohl auch nicht allzu sehr erfreut — jeder wünscht sich gewiß erst einen Stammhalter. Na, und Vater erst! Sie wurden dann vier Jahre später entschädigt, doppelt sogar —, aber dann stöhnten sie wahrscheinlich darüber, daß es zwei waren. Ich will später auch Kinder haben, aber mit denen mach’ ich es anders, das weiß ich genau. Ganz anders.

Als ich an diesem Abend heimradelte, nahm ich mir vor, es jetzt ein bißchen geschickter anzufangen mit den Jungen. Es wäre doch zu dumm: Meine eigenen Kinder will ich mal richtig erziehen, mit den Jungen aber, für die ich jetzt verantwortlich bin, werde ich nicht fertig. Denn verantwortlich bin ich nun mal für sie, seit ich Grulich herumkriegte, die Sache totzuschweigen, und dann Mutter belog.

Doch es nützt nichts, sie nach Erwachsenenart zu behandeln: Macht Schularbeiten und putzt eure Schuhe ordentlich, räumt euer Zimmer auf, seid leise, wenn Vater im Haus ist. Als ob das der Lebensinhalt von Zwölfjährigen sein könnte! Nein, mit ihnen spielen und toben, ihnen Bücher geben, die gut für sie sind und sie interessieren, sie unmerklich leiten, das sollte man tun. Damit sie auf andere Gedanken kommen als in Hütten einzubrechen oder sich die Haare wachsen zu lassen, bis sie aussehen wie Nikolaus Lenau oder Rasputin, und Beatplatten zu hören, bis sie für nichts anderes mehr aufnahmefähig sind. Obwohl ich Beat auch gern mag — aber doch nicht ausschließlich.

Ich kam also heim, gestrichen voll mit guten Vorsätzen. In der Wohnstube war noch Licht. Vater trank seinen Grog, ohne den er auch im Sommer nicht einschlafen kann, und Mutter saß über einem Kreuzworträtsel. Ich hasse es, wenn ich ihr dabei zusehen muß — entweder malt sie eifrig Buchstaben, oder sie guckt nachdenklich in die Luft, als kämen ihr die Eingebungen von oben. Und dann wird man sofort gefragt: „Ein Fluß in England mit T, sechs Buchstaben?“

„Themse“, sagte ich ärgerlich. Vor allem ärgerte ich mich über mich selbst, weil ich sofort mitmachte. Kreuzworträtsel sind etwas für Nichtstuer, und Mutter ist wahrhaftig keiner, sie tut den ganzen Tag etwas, wenn auch manches davon Leerlauf ist.

„Wo sind die Jungen?“ fragte ich, eingedenk meiner Vorsätze und auch, um Mutter von ihrem albernen Gerate abzubringen.

„Schlafen. Sie gehören ins Bett um diese Zeit, du auch“, knurrte Vater. „Als ich jung war, gingen die Kinder nicht erst kurz vor Mitternacht schlafen. Früh findet ihr nicht aus den Federn…“

„Früh stehe ich immer auf, ohne Theater zu machen!“ sagte ich patzig. „Ich bin sogar meist die erste der Familie, die wach ist.“ Das stimmt.

„Das möchte ich mir auch ausgebeten haben“, sagte Vater scharf. „Vielleicht meinst du, Mutter müßte dich noch wecken oder dir das Frühstück ans Bett bringen? Wozu hat man eine große Tochter?“

Aber ins Bett werde ich geschickt, als wäre ich noch klein, dachte ich, sagte aber nichts. Ich werd’ den Deubel tun und sagen, was ich denke — es gäbe eine Szene! Mit meiner guten Laune war es natürlich vorbei. „Gute Nacht!“ sagte ich. Es klang hervorragend ungezogen. Mutter sah erschrocken auf. „Silke, was ist denn das für ein Ton?“

„Ach, Ton. Ich dachte, ich könnte euch noch ein bißchen erzählen — der Film war so hübsch“, sagte ich wütend. Mutter hob beschwörend die Hände. Aber ich wußte, was jetzt kommen würde, und ging.

Es ist nicht schön bei uns zu Hause. Ach, ich war froh, an den kommenden Sommer denken zu können, an die Heide, an die Mädchen, an Elias und seine so reizende Frau! Was würden wir alles unternehmen — und was würden wir alles nicht hören müssen. „Muß es ausgerechnet heute dieser Pullover sein?“ — „Immer diese Hosentragerei! Wir trugen in euerm Alter noch hübsche, nette Kleider in der Schule!“ — „Schon wieder willst du weg?“ Ja, hilfst du mir denn überhaupt nicht mehr? Vater sagt auch…“

Ich nahm die Treppe mit ein paar Sprüngen. Meine guten Vorsätze fielen mir wieder ein, und ich lauschte kurz an der Tür des Jungenzimmers und klopfte dann. Ich klopfe immer bei den Jungen, gerade weil es mich so ärgert, daß Mutter und Vater nie bei mir klopfen, sondern einfach so hereinkommen.

Keine Antwort. Ich klopfte nochmal. Und dann fing mein Herz an zu klopfen.

Ich sah gleich, daß sie nicht da waren. Die Betten waren sehr geschickt so aufgebaut, daß man denken mußte, die Jungen seien drin und schliefen, wenn man nur flüchtig von der Tür her schaute.

Auf diesen Betten saß ich dann und dachte nach.

Sie waren schwimmen, so haben sie mir jedenfalls nachher erzählt. Und zum Beweis zeigten sie die nassen Badehosen. Daß sie das taten, machte mich noch mißtrauischer. Vielleicht waren sie auch kurz schwimmen, um ein Alibi zu haben. Jedenfalls waren sie die halbe Nacht fort gewesen, und es war wohl nicht schwer zu erraten, mit wem.

Tagsüber konnte man ja den Überblick einigermaßen behalten. Aber nachts… Es war natürlich möglich, daß sie nichts weiter angestellt hatten, daß sie nur aus Freiheitsdrang ausrissen, aus Sensationslust. Den Drachen am Schwanz kitzeln, nannte es Grulich. Mal sehen, was passiert.

Aber vielleicht war es auch wieder etwas Fürchterliches. Ich dachte an jenen jungen Mann, von dem Grulich erzählt hatte. Immer wieder war er gescheitert, weil seine Eltern alles beschönigten und zudeckten. Wenn wieder etwas passierte, durfte ich es nicht mehr zudecken!

Noch selten in meinem bewußten Leben habe ich mich so klein gefühlt wie in dieser Nacht. So klein, so schäbig, weil ich so gar nicht mutig war, und so kläglich. Ich saß da und war meiner Angst ausgeliefert. Am liebsten hätte ich mich unter die Bettdecke verkrochen und gedacht: Ohne mich! Wie kam ich überhaupt dazu, mich verantwortlich zu fühlen? Waren dazu nicht die Eltern da?

Ich versuchte mich damit zu beruhigen. Aber ich wußte, daß dieses Argument nicht zog. Wenn die Eltern versagen, müssen die großen Schwestern ’ran. Ich habe das damals auf mich genommen, als ich Grulich bat, die Sache ruhen zu lassen. Ich muß jetzt die Konsequenzen tragen. Los, Silke, schultere den Rucksack!

In dieser Nacht habe ich keine Minute geschlafen. Am Morgen sah ich entsprechend aus — wie eine Eule, konstatierte Roland frech. Ich winkte nur ab. Das machte Mutter stutzig.

„Ist was, Silke?“ fragte sie besorgt. Du meine Güte, jetzt mußte ich sie auch noch beruhigen.

Ich bin dann in die Schule gerannt — ich renne manchmal, wenn ich mir nicht mehr zu helfen weiß, einfach, damit ich nicht mehr denken muß. Gleich in der ersten Stunde schrieben wir eine Arbeit. Das kam mir wie gerufen: Da mußte ich meine Gedanken zusammennehmen und die Sorgen wegschieben.

Auch als ich heimging, wollte ich mich einfach nicht daran erinnern. Wäre ich heute nacht nicht ins Jungenzimmer gegangen, dann wüßte ich gar nichts davon! Ich wollte für meinen Urlaub packen, wenigstens all die Sachen zusammensuchen, die ich für das Lager brauchte — das wäre eine schöne und erfreuliche Arbeit. So holte ich also den Koffer vom Schrank im Flur und stellte ihn geöffnet auf mein Bett. Ich begann hineinzuwerfen, was ich mitnehmen wollte: Badeanzug und Badekappe — es war eine neue, sehr hübsche, hellblau, mit lustigen Stacheln —, meine Sandalen, die Sonnenbrille. Zwei ärmellose Blusen und den Pulli, den ich am liebsten habe, weiß mit buntem Rand. Schlafanzüge. Einen französischen Roman, den ich dort lesen wollte, und das winzige französisch-deutsche Wörterbuch, das ich einmal in Vaters Zimmer gefunden habe. Es gehörte mir nicht, aber mitnehmen wollte ich es, es war so hübsch, alle würden mich darum beneiden. Und hier vermißte es bestimmt niemand. Wozu sollte ich da erst fragen? Dazu natürlich das Heft mit den Redensarten, das Inge mir gegeben hatte, von denen ich jeden Tag drei auswendig lernte.

Ich überlegte, welche Spiele wir am Anfang spielen würden, wenn wir uns mit den Französinnen noch nicht richtig verständigen konnten. Ganz einfach ist so etwas ja nicht, aber beim Spielen lernt man sich am besten kennen. Vielleicht die ganz simplen Schreibspiele, die wir früher bei Kindergeburtstagen spielten: Er, Napoleon, und sie, Brigitte Bardot, treffen sich im Schwimmbad. Er sagt: Du meines Herzens Wonne, und sie..

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
140 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9788711509388
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar