Kitabı oku: «Gusti zwischen Hüh und Hott»

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Lise Gast

Gusti zwischen Hüh und Hott

Saga

Gusti zwischen Hüh und Hott

German

© 1973 Lise Gast

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711509487

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

1

Ich stand auf dem Kopf und zählte halblaut vor mich hin. Dreiundsechzig, vierundsechzig, fünfundsechzig ... Wenn ich bis hundert kommen sollte, lief die Sache gut aus. Den Kopf hatte ich auf ein Kissen und die Hände auf den Fußboden gestützt und hielt die Beine gestreckt nach oben. Meine Füße beschrieben kleine schwankende Kreise in der Luft. Einundachtzig, zweiundachtzig, drei ... Ruhe, Ruhe. Wenn ich so weit gekommen war, kam ich auch noch bis hundert. Es war lediglich eine Frage des Durchhaltens.

Das hatten wir unzählige Male von Mutter gehört. Es gibt Standardausdrücke bei Mutter, die man, auch wenn man nach außen hin tut, als lächle man darüber, längst akzeptiert und übernommen hat. Nicht nur ich, sondern wir alle. Dazu gehört die Frage des Durchhaltens.

Einundneunzig, zweiund ... Nicht ins Wackeln kommen! Mutter hat schließlich einiges durchhalten müssen im Leben, es ist im Grunde nicht fair, sich über sie lustig zu machen. Wir tun es eigentlich auch nicht, sondern stellen uns nur so, weil es dazugehört. Mutter ist eine solche – nun, Persönlichkeit, in deren Schatten alle ihr Nahestehenden dahinwelken, um es einmal poetisch auszudrücken. Im Grund welkt niemand von uns, wir sind allesamt stramm und bodenständig – wie unsere Mutter.

Hundert! Runter die Beine, hoch den Kopf! Ich richtete mich auf, blies die Luft ab und fuhr mir durch die leicht zerdrückten Dauerwellen. Wenn man so lange auf dem Kopf steht, wie man braucht, um bis hundert zu zählen, soll das Gehirn unwahrscheinlich gut durchblutet und fähig sein, die schwierigsten geistigen Arbeiten zu leisten. Und heute brauchte ich mein Gehirn.

Ich wartete also nicht, bis der heilsame Blutandrang im Kopf wieder verebbte, sondern setzte mich, wie ich war, barfuß im Schlafanzug an den Tisch, spreizte die nackten Zehen und tauchte den Kugelschreiber rief in ein imaginäres Tintenfaß.

Es galt, den Abschiedsbrief an Holger zu schreiben. Holger Nielson, mein Verlobter – ich wußte von ihm nichts anderes, als daß er Schwede, rotblond, Student der Zeitungswissenschaft und achtundzwanzig Jahre alt war. Gesehen hatte ich ihn nie, auch kein Bild.

Diese etwas mysteriöse Verlobung, aus der dieser Brief mich befreien sollte, hatte ihren Ursprung in einem Artikel über Rohkost, den ich eines Tages an eine Zeitschrift geschickt und den Holger gelesen hatte. Eigentlich war er von mir nur übersetzt worden, um mein gelehrtes, perfektes Englisch anzuwenden. Ich bin schließlich alles andere als eine Rohköstlerin und verachte keineswegs ein kerniges Eisbein oder eine Scheibe köstlichen Schinkens. Holger aber las, fühlte eine bestürzende Ähnlichkeit der Seelen und schrieb umgehend in diesem Sinn sehr ausführlich und von Anfang bis Ende Schwedisch, in einer Sprache also, die ich nicht beherrsche. Neugierig geworden, ging ich zu einer Übersetzerin, und dieser Schritt lenkte mich in einen neuen Lebensabschnitt hinein, wie das manchmal so geht.

Diese Übersetzerin ist in Rußland aufgewachsen und hat so viel erlebt, daß man damit mühelos drei Leben ausfüllen könnte. Meine schriftliche Verlobung nahm sie ungefragt für eine wirkliche. Jetzt aber wollte Holger kommen, und wenn er eines Tages wirklich hier auftauchte, würde ich ihn womöglich, nur um die Prinzessin, die ich Mami nannte, nicht zu enttäuschen, auch noch heiraten.

Dies mußte verhindert werden. Ich kenne mich und mein in mancher Hinsicht schwaches Herz, deshalb war es an der Zeit, einen glaubhaften und erfolgreichen Abschiedsbrief zu verfassen. Darum hatte ich so lange auf dem Kopf gestanden, nun sollte mein Gehirn zeigen, was an diesem Rezept stimmt. Irgend etwas Glaubhaftes mußte mir einfallen, weswegen die Verlobung sich in Luft auflöste. Auf keinen, auf gar keinen Fall durfte Holger herkommen. Und daß dies drohte, hatte ich genau im Gefühl.

Ich schrieb also. Dear Holger, it is very, very – ja, was denn nun? Immer kam mir nur „What a pity“ in den Sinn. Was aber hieß „bedauerlich“ in genauer Übersetzung? Nicht traurig oder schrecklich oder schlimm – bedauerlich sollte es heißen. Ich war nun schon so lange in England, daß ich anfing, englisch zu träumen – sollte ich da nicht den haargenau treffenden Ausdruck finden?

Herübergekommen bin ich, weil ich es satt hatte, ewig gegängelt zu werden. Mutter kann es nicht lassen, zu regieren. Ich bin die dritte von sechs Geschwistern, drei Töchtern und drei Söhnen, und studierte in Göttingen, als sie mir eines Tages eröffnete, ich würde von nun an zu Hause wohnen, das sei billiger. Sie habe eine tägliche Fahrgelegenheit gefunden, die nichts koste – wahrscheinlich einen Milchwagen, bei dem ich auf den Kannen sitzen sollte, so jedenfalls vermutete ich. Da gab es bei mir einen Kurzschluß, wie er sich ab und zu einmal einstellte.

„Wer Sprachen studiert, muß im Ausland gewesen sein“, sagte ich und entzog mich Mutters Bannkreis. Für ein Jahr, wie ich sagte. Und dachte. Diese Kanalüberquerung hatte noch andere Gründe. Davon später. Alles paßte gut zusammen, und aus dem einen Jahr wurden mehrere.

„Dear Holger, it is very, very ...“, also wenn es mir englisch nicht einfiel, vielleicht schwedisch. Ich angelte nach dem Wörterbuch, das Holger mir einmal geschickt hatte; es lag quer auf den anderen Büchern, leicht zu finden, und schlug es auf. Bedacht, bedächtig, be ... Bedauerlich, da stand es. Beklaglich, na also!

Ich lachte. Das Wort war mir sofort sympathisch. Ich schrieb es also in den englischen Text hinein, betrachtete es verliebt, überlegte, ob man es nicht mit rotem statt mit schwarzem Stift hätte hinsetzen sollen, nahm einen neuen Briefbogen. Dear Holger, it is ...

Das Telefon. Es läutete oft in diesem sonst eigentlich ziemlich zähfließenden Haushalt, und ich meinte, es würde sich schon jemand finden, der abhob. Mich würde es sicher nichts angehen.

Das aber erwies sich als Irrtum.

„Miß Börggreef“, sie kann meinen Namen, wir heißen Burggraf, natürlich nicht aussprechen, denn sie ist Engländerin. Sie bemüht sich auch nicht. „Come along ...“ Es klang wie immer, wenn sie mich rief, so daß ich sofort kam, nur um den Ruf nicht ein zweites Mal ertragen zu müssen. Sie gehört zum Stamm der Perlhühner, ihre Stimme erregt erst Mitleid und dann Raserei. Auf meiner ersten Station in England, einer Farm – ich verließ sie sehr bald wieder –, hatten wir Perlhühner. Sie kreischten ohne Grund, aber nervenzerreißend. Seitdem hasse ich Perlhühner.

Ich kam also along, widerwillig zwar, aber ich kam. Und mit einem Male hatte ich mein Leben um achtzig Grad gedreht.

Evelyn war am Telefon, Evelyn, die älteste von uns.

„Du mußt unbedingt kommen, ich heirate diese Woche“, hörte ich. Evelyns Redeweise gleicht einem Maschinengewehr, das der Bedienende auf „noch schneller“ gestellt hat, falls es so etwas bei Maschinengewehren gibt. Sie spricht nicht, sie schnurrt, sie rasselt, sie prasselt – unbremsbar, ununterbrechbar. „Freitag Standesamt, Samstag richtige Hochzeit. Es ist ja wohl selbstverständlich, daß alle kommen, höchste Alarmstufe, sozusagen Notdurft.“ Sie meinte Notstand. Evelyn hat die unablegbare Eigenschaft, Sprichwörter, Redensarten oder Fremdwörter grundsätzlich nur verdreht, vertauscht und falsch anzuwenden. Ohne diese Eigenschaften wäre sie einfach nicht sie selbst.

„Sebastian kommt aus Holland, er ist dort in einer deutschen Familie, verdient sich etwas fürs Semester durch Babysitten oder Heimfahren Betrunkener oder so ähnlich, es kann auch sein, daß er Betrunkene beaufsichtigt und Babys heimfährt. Er kommt am Donnerstag, Lindi ist schon hier. Die anderen – ja, zugesagt haben sie alle. Schenken brauchst du nichts, wir sagen euch hier alles, was wir brauchen. Mutter hat das Lokal schon ausgesucht, weil es zu Hause doch etwas eng würde, die alte ‚Sonne‘, aber neue Inhaber. Dort muß man den Wein vom Wirt trinken, Mutter hatte schon welchen gekauft, um ihn mitzubringen, weil das viel billiger ist. Auf zwölf Flaschen bekommt man eine dreizehnte drauf, also umsonst und sozusagen freiwillig, und das hat Mutter verlockt. Nun müssen wir aber den Wein des Lokals trinken, es ist dieselbe Marke, Zeller schwarzer Krötenbrunnen oder so ähnlich, aber was im Laden zweifünfundachtzig kostet, kostet dort neun Mark. Da hat Mutter gesagt, weil Vater doch nicht mehr lebt und die große Rede nicht halten kann, wird sie es tun und gleich mit einflechten, daß nicht so viel Wein getrunken wird, weil er so teuer ist, aber ...“

„Wen ...“, setzte ich an, wurde aber sofort wieder von Evelyns Sprachlawine niedergewalzt.

„Und essen soll man dort sehr gut. Ich glaube ja, daß Essen bei einer Hochzeit zweitrangig ist, wenigstens für die Beteiligten, ich meine für die Leidtragenden ...“

„Wen ...“, versuchte ich, bereits schwächer im Ton.

„... aber den anderen schmeckte es bei Hochzeiten immer besonders, Henkersmahlzeiten sind ...“

„Wen ...“

„Sprechzeit vorbei, du mußt das einsehen und dich kurz fassen, es wird mir zu teuer. Wir holen dich ab, ruf an, wenn du da bist. Also bis spätestens Donnerstag ...“ Klick. Eingehängt. Da stand ich also.

Heute war Montag. Die Woche fing gut an. Ich legte auf, atemlos, erschöpft. Dabei hatte ich das ganze Telefongespräch über nichts gesagt als dreimal „wen“. Wen Evelyn denn nun eigentlich heiratete, hätte ich immerhin gern gewußt. Ich war mit meiner Frage nicht durchgekommen.

Gleichgültig – ich mußte wegfahren, ich hatte einen Grund. Holger kennt meine Heimatadresse nicht. Wenn ich also hier ohne Hinterlassung einer solchen verblühte, war ich außer Gefahr. Hurra! Hurra und Horridoh!

„Ich fahre! Ich fahre! Missis Saylor, ich muß at home, nach Hause! Sie können mir nachweinen! Holger, what a pity, my sister ist marrying, sie heiratet ...“

Nach Hause gab ich keine genaue Nachricht. Sie würden schon merken, wenn ich da war. Lindi hat mir später geschildert, wie es vor der Hochzeit bei uns zuging.

Mutter, die Burgfrau, von uns auch, wenn wir uns über sie ärgern, mitunter das Schloßgespenst genannt – die Herrin also saß in ihrem Wohnzimmer vor dem alten Sekretär und regierte. Wenn man mir sagt, ich sähe ihr ähnlich, so bin ich darüber nicht restlos entzückt, begreiflicherweise. Nicht restlos, zum Teil also doch. Denn obwohl die Herrin in ihren Kurven ausladender ist, als das tyrannische Schönheitsideal unserer Zeit es verlangt, wirkt sie trotzdem noch immer so, daß alle anwesenden Männer aufmerksam werden, sie also nicht übersehen. Pompös, ja königlich in ihrer Haltung, thronte sie vor ihrem Sekretär, sich ihrer Autorität bewußt. Jeder junge Mensch fliegt auf wie der Vogel vom Telefondraht, wenn sie sich erhebt, um den Raum zu verlassen, und alle Türen öffnen sich vor ihr, durch die sie dann rauscht wie durch eigens für sie gebaute Triumphbögen. Ihre Stimme, von Befehlen, Tadeln und Anweisungen leicht angeraucht, hat im Timbre etwas nachgelassen, so daß mancher Telefonpartner, der das erstemal mit ihr spricht, am anderen Ende der Leitung schüchtern bittet: „Ich hätte eigentlich mit Frau Burggraf sprechen wollen.“

„Ein angenehm versoffenes Organ“, nennt Albrecht die Stimme unserer Mutter. Indes: Sie säuft nicht. Sie raucht, aber vom Trinken hält sie nichts, was sie auch auf uns Kinder überträgt. Wir durften von jeher freiwillig auf Alkohol verzichten, da unsere Mutter es tut. Es gab einmal eine Zeit des schlichten Prunks, der relativen Wahrheit und des freiwilligen Zwangs. Letzteren hat die Burgfrau beibehalten.

„Lindi!“

Sogleich näherten sich eilende Schritte. Frau Burggrafs Kinder parieren wie gut abgerichtete Jagdhunde.

Lindi ist Nummer zwei, die zweite Enttäuschung in punkto Stammhalter. Sie schlägt nach irgendeinem verschollenen Urahn, ist groß, größer als wir anderen Schwestern und Mutter, weißblond – vielleicht nicht von Natur aus. Wozu aber gibt es Haaraufheller? Die Industrie will auch leben – und außerordentlich begabt.

Das sind wir anderen nicht, wir halten uns in bezug auf Geistesgaben im schlichten Durchschnitt. Lindi hat zeitig Abitur gemacht und studiert Tiermedizin. Ihre Augen sind im reizvollen Gegensatz zum hellen Haar von einem ausgesprochen schönen Braun. Mutter sah es wieder mit Vergnügen, hingegen mißfiel ihr die Frisur.

„Du solltest dein Haar länger tragen“, meinte sie also, als habe sie Lindi deshalb hergerufen, „es paßt nicht, im Abendkleid mit kurzgeschnittenen Fransen zu erscheinen.“

„Das wird sich bis Samstag nicht machen lassen, außer du kaufst mir eine Perücke“, entgegnete Lindi bieder bedauernd. „Übrigens ist es ja heute wohl so, daß die Mütter die Töchter ermahnen: Laß dir das Haar schneiden, du siehst ja aus wie ein Junge.“

„Als ob Albrecht oder Sebastian es wagen würden, mir mit ungepflegtem Langhaar vor die Augen zu kommen!“

Lindi lachte. „Es könnte ja auch gepflegtes sein. Und bereits die Romantiker trugen ...“

„Ich weiß. Geh und füttere die Hühner“, sagte Mutter abschließend. „Aber sieh zu, daß Hannibal nicht alles bekommt, er ist ein bißchen ...“

„Ein bißchen sehr“, vollendete Lindi vergnügt, „aber ich passe schon auf. Du, Mutsch ...“, sie allein durfte die Herrin so nennen, die anderen hatten ehrfürchtig „Mutter“ zu sagen, und man hörte, wenn man einigermaßen hellhörig war, das „Frau“ vor dem Wort „Mutter“ sehr genau. „Mutsch, ich glaube, Kersten ...“

„Hm?“

Lindi, nicht ganz sicher, ob sie sich zu weit vorgewagt habe, stand mit etwas eingezogenen Schultern zwischen Mutters Sekretär und der Tür, abflugbereit.

„Kersten hat ...“

„Was hat er?“ fragte die Herrin, gleichzeitig gestört – sie addierte gerade eine Kolonne Zahlen – und neugierig. Kersten, ihr Jüngster, nimmt eine Sonderstellung in ihrem Herzen ein, das wissen wir.

„Er hat auch – jedenfalls –, ein Freund von ihm hat mir erzählt ...“

„Was hat er?“ Jetzt klang die Stimme der Altvorderen ausgesprochen warnend, mit einem grollenden Unterton, der an das zum Brüllen ansetzende Knurren einer Löwin erinnerte. Lindi stand auf dem Sprung.

„Locken. Lange. Goldblonde“, flüsterte sie, mit Schauder und Wollust die Reaktion dieser unerhörten Worte abwartend. Und die Reaktion kam. Mutter hob den Kopf.

„Das darf nicht wahr sein ...“ Kurze Atempause. Lindi lief es eiskalt über den Rücken. „Aber bei Kersten – bei ihm sind auch Locken schön.“

Lindi lachte noch, als sie am Hühnergehege ankam.

2

Wir wohnen in einer ehemaligen Arbeiterwohnung eines Gutes, das keines mehr ist. Der Besitzer hat sich, wie es heute viele Bauern tun, auf ein Spezialgebiet beschränkt und sein Land verkauft. Er züchtet Schweine, verkauft Ferkel. Fertig. Auf diesem Gebiet ist er führend. Da er gern frühstückt – frühstücken ist seine Leidenschaft –, hat er seinen ganzen Tagesrhythmus auf diese Mahlzeit zugeschnitten. „Kein Bauer muß vor Tau und Tag aufstehen, wenn er sein Vieh von Anfang an daran gewöhnt“, sagt er, schläft bis acht, frühstückt bis neun und geht dann Füttern. Mutter findet das durchaus anerkennenswert.

Unsere Wohnung besteht aus drei kleinen, mit Urväterhauskram vollgestopften Zimmern in einem Fachwerkhäuschen, einer kajütenkleinen Küche und einem riesengroßen Sitzplatz vor dem Haus, auf dem sich sommers das ganze Leben abspielt. Zum vierten Zimmer, dem mit Ziehkette, um es manierlich auszudrücken, ist es nicht nahe. Mutter pflegt dorthin zu radeln, über den ganzen breiten Gutshof hinweg. Sie besitzt ein sehr schönes Fahrrad, das wir ihr zum fünfzigsten Geburtstag verehrten, ein holländisches, siebenmal verchromtes, das fast von allein läuft.

Außer den drei ziemlich kleinen Zimmern gehört noch ein Trockenboden zu unserem Domizil, der allerdings in einem anderen Gebäude liegt. Dort befinden sich unsere Betten und einige für Gäste. Jedes Bett kann durch einen Vorhang, den man rundherum zuzieht, der Sicht der anderen entzogen werden. Waschen muß man sich in der Waschküche desselben Hauses, wo ein Schlauch die Dusche ersetzt. Wir kennen es nicht anders, haben von je Freunde mitgebracht, die ebenso spartanisch untergebracht werden – sie fanden es immer sehr originell –, und lassen unsererseits Mutter eine ganze Menge Freiheit. Manchmal allerdings meutern wir, wenn sie ihre Fuchtel allzu kräftig schwingt, uneingedenk dessen, daß junge Menschen auch einmal erwachsen werden.

Was hilft’s? „Solange man eine Mutter hat, bleibt man Kind“, ist einer ihrer Kerngrundsätze, und da sie beschlossen hat, neunundneunzig Jahre alt zu werden, sehen wir seufzend ein, daß wir also nie in den Stand der Gnade, sprich Selbstentscheidung, kommen werden.

Lindi ging also Hühner füttern. Mutter hat eine Schwäche für Geflügel, die von keinem von uns geteilt wird. Hühner, das blödeste, was es gibt. Wenn sie klein und niedlich sind, goldgelbe Federbällchen – die Herrin läßt ihre Glucken natürlich selbst brüten –, sterben sie manchmal ohne Grund, sozusagen aus reiner Bosheit, und das gleich in großen Mengen – und als erwachsene Hennen legen sie zwar Eier, die aber kann man müheloser kaufen. Dieses Gegacker und Gerase, dieser Mief, der auch gut gehaltene Hühnerställe erfüllt. Wie gemütlich riecht dagegen ein Kuhstall, wie erregend herb Pferdeausdünstung.

Nein, mit Hühnern können wir uns nicht anfreunden. Man erträgt sie, das aber ist auch alles.

Und Hannibal, der Hahn! Lindi, sonst tierlieb wie wir alle – sie hat aus Tierliebe das Studium der Tiermedizin gewählt, ein Unterfangen, von dem ihr mancher, und das zu Recht, ernstlich abgeraten hat –, kann diesen Gockel nicht ausstehen und verdenkt der verehrten Herrin den Kult, den diese mit ihm treibt. Hannibal ist sicher der schönste, aber charakterlich der abscheulichste Hahn landab, landauf. Nur um seiner Bosheit willen ist sein Hühnervolk in ein Maschenviereck eingeschlossen, was übrigens alle von uns ausnahmslos begrüßen. Früher hatten die Hühner überall Zugang, und das wirkte sich vor allem auf dem Sitzplatz nicht erfreulich aus. Hannibal ist – ja, es läßt sich nicht anders ausdrücken –, er ist menschenwütig, er kann Menschen nicht leiden, er attackiert sie. Er fliegt auf einen zu und hackt nach einem, wenn man das Gehege betritt, reißt einem die Kleider vom Leib und purrt immer wieder wie ein Sturmbock auf einen los. Ohne Waffe kann man seinen Bannkreis überhaupt nicht betreten.

Lindi ergriff also den Stock, der am Tor lehnte, und betrat die Vorhölle.

Sie war eine Zeitlang nicht zu Hause gewesen und hatte sich auch in den letzten Tagen erfolgreich um die Hühnerfütterung gedrückt. Jetzt merkte sie, daß es besser gewesen wäre, sie hätte sich vorher erkundigt. Hannibal schien an Schrecklichkeit zugenommen zu haben. Er raste, kaum daß sie sich zur Tür hereingezwängt hatte, auf sie zu und schlug mit den Flügeln, laut krakeelend. Lindi schützte ihr Gesicht mit dem gekrümmten linken Arm, während sie mit dem rechten den Stock schwang und „Mistbock, elendiger!“ schrie. Sie kämpfte sich bis zum Hühnerhaus durch, riß die Schiebetür auf und ging, um sich schlagend, wieder rückwärts. Erhitzt, erschöpft und mit zerstrubbeltem Haar stand sie endlich wieder außerhalb des Geheges. Das Körnerfutter kann man ja durch das Drahtgitter werfen. Aber herausgelassen müssen die Hühner werden, Hannibal übernachtet stets im Freien innerhalb des Geheges auf einem Baum, daher vielleicht seine Schönheit.

Denn wunderschön ist er, da besteht kein Zweifel. Sein dunkles Gefieder glänzt wie Metall, und der gebogene Schwanz schillert in allen Farben. Lindi stand eine Weile, betrachtete ihn und überlegte, ob er wohl auch so wild und angriffslustig wäre, wenn er nicht so schön aussähe. Sie hatte die Erfahrung gemacht, daß Menschen, die schön waren oder sich schön fanden, manche Eigenschaften entwickelten, die sich normale nie leisten würden. Arroganz zum Beispiel oder ...

Hui, kam Hannibal geflogen, auf sie zu, die hinter der ebenfalls mit Maschendraht bezogenen Eingangstür stehengeblieben war, und hakte sich mit den Füßen in den Draht, auf halber Höhe hängend, um wütend nach ihr zu hacken. Sie trat einen halben Schritt zurück. Woher kam diese Bosheit? Hatte der Mensch diesem Tier nicht immer das Futter gebracht, dafür gesorgt, daß es einen Unterschlupf, Auslauf, genügend Damen zur Gesellschaft hatte? Stimmten hier vielleicht die Hormone nicht? Darauf ist ja manches zurückzuführen, jedenfalls in der Wissenschaft. Wenn bei einem von uns Geschwistern etwas wie Angriffslust oder auch nur Widerstand Mutter gegenüber zu spüren wäre, so würde diese das nie auf gestörte Hormone, sondern immer auf simple Unausstehlichkeit zurückführen. Ach ja, unsere Burgfrau.

Lindi bummelte zurück, langsam, einen Fuß nachdenklich vor den anderen setzend. Sie hatte jetzt Hannibal ganz vergessen und dachte an einen Menschen, an einen schönen Menschen. Einen schönen, jungen, einen Menschen männlichen Geschlechts. Und sie hatte das Gefühl, daß sie sich, wenn dieser ihr jetzt mit oder ohne Maschendraht vors Gesicht käme, ähnlich benehmen würde wie der wüterige Hahn: ihm ins Gesicht springen und auf ihn loshacken, wo es auch hinträfe. Haut den Lukas, gib ihm Saures, Blut muß fließen ...

Ach, ach, ach, was nützte es, sich in solchen Träumen zu ergehen? Er war nicht hier, und wäre er es, so würde sie sich nicht so benehmen, wie sie es sich jetzt rachsüchtig ausmalte, ganz abgesehen davon, daß Frauen, die wütend werden, sehr an Charme einbüßen. Da werden Weiber zu Hyänen – nein, danke, ohne mich, es ist eine Frage des Geschmacks.

Sie hatte ihn geliebt. So, daß ihr Herz lostrommelte, wenn sie ihn nur von weitem sah, daß sie kaum sprechen konnte, wenn er sie anredete. Nichts war zwischen ihnen gewesen, als daß sie ihn liebte und er eines Tages sagte, ganz unbefangen, so wie etwa ein anderer über eine Automarke oder die Bundesliga spricht: „Für mich kommt natürlich nur ein reiches Mädchen in Frage. Bei meinem Aussehen kann ich das erwarten. Ein reiches, und hübsch und gescheit muß es natürlich auch sein. Darunter tue ich es nicht.“

Es war nicht die Tatsache, daß sie selbst nicht reich war und niemals sein würde, auch nicht allzu hübsch und gescheit. Das alles war es nicht. Aber daß er es fertigbrachte, so etwas zu sagen, nicht im Spaß, im Ernst.

O ja, das tat weh. Liebe tut weh. Denn sie liebte ihn immer noch, obwohl sie ihn verachtete, verachten mußte ob dieser seiner Einstellung. Ihr Herz war nicht gebrochen, nicht im anatomischen Sinn, o nein. Sie fühlte es deutlich klopfen, der Puls war weder beschleunigt noch matt, der Appetit gut (leider, im Hinblick auf die erstrebte schlanke Linie), und geschlafen hatte sie heute nacht wie ein Bauer, der seine Ernte wieder goldschwer in die Scheuer eingebracht hat. Dennoch ...

Die Liebe. Ein alter, übrigens sehr reizender, kluger und belesener Herr hatte uns einmal gesagt: „Wieviel Unheil und Kummer, wie viele Verbrechen und Tragödien entstehen durch die Liebe. Zur Fortpflanzung ist sie zwar nötig, aber wäre es nicht besser, der Mensch pflanzte sich durch Teilung fort?“ Er sagte Deilung, denn er stammte aus Sachsen. Es klang hinreißend.

Wir hatten ihn angestarrt, sein freundliches, faltendurchriffeltes, geliebtes Gesicht, seine grauen Augen. In ihren Winkeln saß ein verstecktes Lächeln, man fühlte es mehr, als man es sah. Ich nahm den alten Herrn, was ich noch nie getan hatte, spontan um den Hals, drückte mein Gesicht an seine Brust, während ich den Kopf schüttelte, wild, daß der feine alte Herr beinah ins Wanken kam.

„Nein. Nein. Nein. Was wäre die Welt ohne die Liebe?“

„Finde ich nämlich auch im Grund. Was wären Shakespeare, Baudelaire oder Heine ohne sie – und du – und ich ...“

Mir war damals gar nicht sehr wohl in bezug auf die Liebe, gar, gar nicht sehr. Aber ...

„Lieb kann nicht ohne Leides sein ...“

Dasselbe dachte Lindi, heimgekehrt vom Gestade des wilden Hannibal.

„Natürlich. Liebe bringt Leid. Aber doch nicht so. Das ist wohl das Schlimmste ...“

Und wenn sie erwidert wird, und der andere ist verheiratet? Oder der Mann ist zwanzig Jahre jünger? Oder ...

„Wem niemals Leid von Liebe kam,

dem kam auch nie von Liebe Lust ...“

Hundert Verse, tausend Zitate, noch mehr Lieder. Das zersprungene Ringlein, das gebrochene Wort, das tiefe, tiefe Wasser, das zwischen den beiden Königskindern liegt, die einander so lieb haben. Immer wieder, immer aufs neue. Und sie, sie verlangte, eine Ausnahme zu sein?

Aber es gibt doch glückliche Liebe, erfüllte, es gibt doch Menschen, die einander lieben und heiraten und weiter lieben? Evelyn und ihr Volker. Sie selbst, Lindi, hätte sich Volker selbstverständlich nie ausgesucht, aber wo die Liebe nun einmal hinfällt ... Und die beiden waren verliebt ineinander, daß es nur so rauchte, das sah ein Blinder im Stockdunkeln ...

3

Ich saß an Deck des Schiffes, das schnurgerade durch ein geradezu aufreizend ruhiges Meer zog – und das nennt sich Ärmelkanal, wo bleiben, bitte sehr, die Stürme? –, und hatte mir soeben einen Kaffee bestellt. Nur einen solchen, kein komplettes Frühstück, nach dem es mich verlangte, aber Sparen hat uns das Schloßgespenst mit glühenden Eisen eingebrannt, Sparen gehört bei Mutter zum Leben wie Atmen. Ich sparte also. Am Nebentisch hatte sich soeben ein Herr eingenistet, der Deutscher sein mußte, zweifellos. Ich war in den letzten Jahren so ausschließlich mit Engländern zusammen gewesen, daß ich das spürte, und zwar erfreut spürte, so etwa, als wenn man heimkommt und wittert: „Was gibt es heute? Apfelstrudel? Wie schön.“

Nicht, daß das Mittagessen etwa die Hauptsache des Tages wäre, aber immerhin eine angenehme Nebensache.

Ich lächelte die angenehme Nebensache nicht etwa an, o nein. Das erste, was man in dieser Richtung tat, war ein geistesabwesender Blick, der sozusagen durch den anderen hindurchging. Das läßt kein Mann auf sich sitzen, er macht sich bemerkbar, Ehrensache. Und dann ist das zerstreute, aber doch freundlich-höfliche Lächeln am Platz, auf das er zu reagieren hat. Er tat es.

„Sie sind sicher eine Landsmännin. Darf ich ...?“ Er deutete zart entschuldigend zu meinem Tisch herüber. „Man frühstückt besser zu zweit, meinen Sie nicht?“

„Doch, doch.“

So kam ich zu dem ersehnten und nicht zu verachtenden Morgenimbiß, und so kam es, daß ich mich in Ostende um keinen Zuganschluß kümmern mußte. Er fuhr Richtung Köln – nun, es war nicht direkt meine Richtung, aber doch so ungefähr. Sollte er allein in einem Wagen sitzen, der Platz für zwei und viel Gepäck hatte?

Wir fuhren. Ich hörte von ihm, daß er geschäftlich in England gewesen war und einen größeren Abschluß getätigt hatte, er nannte – schlicht, aber groß – die fünfstellige Summe, um die es sich handelte, und er wiederum erfuhr von mir, daß ich vor einer Verlobung auswich, und ich ließ in ähnlicher Bescheidenheit die außerordentlich guten Verhältnisse durchblicken, in denen mein Beinah-Bräutigam lebte.

Als wir uns dieserart einander vorgestellt hatten, ohne daß einer dem andern glaubte – man tat nur so, das gehört zu den Spielregeln –, konnten wir auf ein anderes Thema übergehen. Und was lag näher als die Liebe? Erstens lassen sich darüber unendlich viele Variationen finden, so daß die Fahrt nicht langweilig wurde, und zweitens ist es mit der Liebe wie mit einer bayerischen Rauferei: Zuerst wird nur mit Worten gerauft. Vorm zweiten würde ich mich hüten.

Er ist ja viel zu alt für mich, dachte ich, und: Ob ich heute oder morgen aus England zurückkomme, ist gleichgültig, dann habe ich eben das Schiff nicht erreicht, mit dem ich rechnete, dachte er. Auf diese Weise erreichten wir in angenehmster Weise Köln, und da fiel mir Tante Abelchen ein. Wundervoll! Daß ich bisher nicht an sie gedacht hatte. Sie erwartete mich doch heute abend. Das durfte ich nicht vergessen.

Ganz wohl war mir bei diesem Gedanken nicht, denn diese an sich durchaus existente Tante reiste viel, seit sie sich im Ruhestand befand – im Unruhestand, sagen wir gern. Sie ist dem Leben sehr zugetan, und wenn sie nächstens ihren ersten Dreitausender besteigt, würde niemand aus unserer Familie sich wundern. Immerhin, man muß auch einmal auf seinen guten Stern vertrauen.

„Das Schwierige ist nur: Wie komme ich zu ihr hin?“ fragte ich sorgenvoll. „Kleinbahn oder Bus ist das einzige, was in diesen kleinen Ort führt, aber ob das heute abend noch klappt?“

Er fuhr mich hin. Und – ich mußte mein Aufatmen mit ziemlicher Gewalt unterdrücken – Tante Abelchen war da. Große, rührende Familienszene. Dem Fahrer blieb nichts übrig, als höflich bedauernd allein abzubrausen.

„Du bist mir eine Schlange, du!“ drohte die Tante und nahm mich noch einmal in den Arm, als wir allein waren. „Da geht er hin und singt nicht mehr!“

„Er hat lange genug gesungen in Dur und Moll, die ganze Fahrt über“, sagte ich vergnügt, „und natürlich gehofft, du wärst nicht da. Vergessen wir ihn auf der Stelle. Jetzt bin ich bei dir, alles andere ist zweitrangig.“

„Das lob ich mir“, erwiderte die Tante und schob mich ins Wohnzimmer. Sie ist keine gern gemiedene Familientante, die numerierte Weihnachtsgrüße verschickt und streng auf Dankesbriefen besteht, sondern rundum ein Juwel. Rundum – denn rund ist sie, mit warmen braunen Augen und einem strahlenden Gesicht unter kurzgeschnittenem grauweißem Gefieder und mit einer herrlichen Baßstimme. Daß sie aus Bunzlau stammt, sieht man ihr sozusagen an: Auch Bunzlauer Geschirr ist braun, warm und rund.

„Und jetzt trinken wir noch einen“, schlug sie vor, nachdem wir reichlich und gut gegessen hatten, „und du erzählst mir von deinem ‚Derzeitigen‘. Holger ist es, wie ich vermute, also nicht, aber einen ‚Derzeitigen‘ hast du doch wohl, so wie du aussiehst.“

„Danke, Tantchen, für das Kompliment. Sehe ich wirklich noch einigermaßen aus? Aber mit den Engländern, ich weiß nicht. Der eine oder andere gefiel mir schon, aber Koteletten, Schirm, Charme und Melone allein tun’s auch nicht. Immer mißfiel mir irgend etwas. Kannst du mir nicht das Horoskop stellen? Ich glaube, mein Neptun ist zur Zeit etwas verwirrt.“

„Erstens ist der Neptun nicht verwirrt, sondern er macht verwirrt“, berichtigte die Tante sanft, so sanft jedenfalls, wie ihr Baß es vermochte, „und zweitens hat der Neptun mit der Liebe nichts zu tun, rein gar nichts. Zuständig für die Liebe ist die Venus, leicht zu merken. Und die steht bei dir ...“

Sie dozierte, und ich lauschte. Tante Abelchen war so eifrig, als handele es sich um ihre eigene erste oder auch letzte Liebe, wobei dahingestellt sei, welche die intensivere ist. Schließlich kamen wir gemeinsam zu dem Schluß, daß man zwar abwarten müsse, aber das beste hoffen dürfe, ein Resümee, das ohne Horoskop auch hätte gezogen werden können. Dies aber störte uns nicht.

„Nun schlaf schön, schön und ungestört“, meinte Tante Abelchen noch, nachdem sie mich ins Gastzimmer geführt und mit allem versorgt hatte, was bei ihr dazugehört: mit Nachttischlampe, Knabbergebäck, Obst, Zigaretten, einem lustigen und einem ernsten Buch zum Einschlafen, einer Wärmflasche und einem Schlaftier. Bei Tante bekommt man zu allem anderen Überfluß noch ein Kuscheltier, wenn man ins Bett geht. Sie besitzt eine Anzahl von Plüschaffen, -elefanten, -bären, -hundchen und -goldhamstern, unter denen man die Wahl treffen darf. Wahrhaftig eine Gastlichkeit, die ihresgleichen sucht. Ich küßte sie und ließ mich küssen, streckte mich schließlich, ungeheuer behaglich aufseufzend, im Gastbett aus. Von dem durch die Autofahrt gesparten Geld kann ich das Hochzeitsgeschenk kaufen, dachte ich noch. Und dann dachte ich geschwind noch an Evelyn, nahm sie sozusagen mit in meinen Traum. Sie jedenfalls war mein letzter Gedanke.

Der erste nach dem Erwachen, das aber nicht am Morgen, sondern in noch früher Nacht erfolgte, war nicht süß, sondern hieß ungefähr: Was ist jetzt das? Unter meinem so gepriesenen Gastbett rührte sich etwas, kratzte, ächzte, rollerte, schmatzte. Ich rollte mich auf die andere Seite, entschlossen, das störende Geräusch zu überhören. Tantes Rotwein war schön und schwer gewesen, ein Genuß, ebenso schön und schwer wollte ich jetzt schlafen, ebenfalls mit Genuß.

Aber das Krabbsen unter dem Bett ließ nicht nach. Es wurde intensiver, sozusagen penetrant, und ich entschloß mich, nachzuschauen. Lieber ein Ende mit Schrecken ...

Es war eine Katze. Na also. Ich fischte sie unter dem Bett hervor, setzte sie vor die Tür und kroch wieder in die Federn, schlief ein, mich behaglich ausstreckend, und erwachte von einem Kratzen, Rollern und Schmatzen unter meinem Bett. Diesmal erwachte ich etwas ärgerlich.

„Das ist doch ...“, ich überlegte, beschloß, lieber sogleich tiefzutauchen, als mich lange zu ärgern, und beförderte eine zweite Katze ans Licht. Schwarzweiß gefleckt, nicht sehr groß, wahrscheinlich noch jung. Raus vor die Tür! Daß Tante eine Katze hatte, wunderte mich nicht, es paßt zu ihr. Wozu aber zwei?

Ich schlief ein, mich jetzt mehr sehnsüchtig als behaglich ausstreckend, und erwachte von einem Schmatzen, Rollern und Schlecken.

Nein, das war doch unerhört. Drei Katzen! Soviel Mäuse kann sich eine alleinstehende alte Dame ja gar nicht leisten, ohne allzuviel zuzufüttern. Diesmal fuhr ich wie der Teufel unter das Bett, haschte mit nun schon geübtem Griff nach dem Tier, fluchte wenig weiblich und warf die dritte Katze, diesmal ohne sie groß anzusehen, vor die Tür. Kaum war ich wieder im Bett gelandet, noch vor dem Einschlafen diesmal, ging das Gekratze schon wieder los.

Ja, gab es denn das? Eine vierte Katze fuhrwerkte da unter meiner Lagerstatt herum, und damit war noch immer nicht Schluß. Bis neun zählte ich, dann gab ich es auf. Zuletzt schlief ich trotz Schmatzerei, erschöpft und verzweifelt und mit Gott und aller Welt zerfallen, ein und träumte merkwürdigerweise von England, wo es auf die Dauer doch etwas ermüdend war, aber niemals Katzen unter Betten kratzten.

„Hast du schlecht geschlafen, mein Herzchen?“ fragte Tante am nächsten Morgen am Frühstückstisch. Ich sah wahrscheinlich nicht ganz so frisch und munter aus wie am Abend nach der langen Reise.

„Ach, Tante, miserabel. Wozu hast du auch neun – nein, noch mehr Katzen? Eine nach der anderen habe ich aus dem Zimmer geworfen, sie krabbsten unter meinem Bett herum.“

Tante Abelchen wunderte sich höflichst. Dabei wurden ihre Augen ganz rund und glänzten wie belutschte Malzbonbons.

„Neun Katzen! Aber ich habe doch nur eine einzige, mein schwarzweißes Linchen!“

Sie lief in die Küche und kam mit einer Katze auf dem Arm zurück, einer schwarzweiß gefleckten. Ich erkannte sie wieder.

„Ja, die war auch dabei. Aber außerdem ...“, und ich erzählte. Tante Abelchen konnte es nicht fassen. Schließlich meinte sie nachdenklich: „Freilich haben bei mir alle Türen ein Katzenloch mit Hängetürchen, verstehst du, damit Linchen überall heraus und herein kann. Warum aber sollte sie zu dir gekommen sein?“

Wir gingen miteinander ins Gästezimmer. Und da fanden wir die Lösung. Unter dem Gastbett lag eine Flasche, ausgelaufen. Tante nahm sie und roch daran. Baldrian! Ihr letzter Gast vor mir, richtiger: ihre letzte Gästin, hatte über unruhigen Schlaf geklagt und deshalb wahrscheinlich Baldrian mit sich geführt. Und die Flasche, die unter das Bett gerollt sein mußte, hatte sie vergessen. Katzen sind bekanntlich wild auf Baldrian, sie riechen auch die verschwindend kleinsten Mengen.

Ich hatte also, so ging mir jetzt auf, neunmal dieselbe Katze, dasselbe schwarzweiße Linchen, vor die Tür gesetzt.

Wir lachten sehr. Tante Abelchen guckte ein wenig betreten drein. In ihrer Weltanschauung wird die Gastlichkeit wie bei allen Menschen aus östlichen Gefilden nicht nur groß, sondern sozusagen mit goldenen Lettern geschrieben, und jetzt plagte sie das Gefühl, ich müßte mindestens drei weitere und diesmal katzenungestörte Nächte bei ihr schlafen, um diese Scharte auf ihrem Ehrenschild auszuwetzen. Nur der Hinweis auf die nun baldigst über die Bühne gehende Hochzeit konnte sie überzeugen, daß dies im Augenblick nicht zu machen sei.

„Komm mit! Feiere mit, Tante Abelchen!“ bat ich, und in Tantes Malzbonbonaugen glänzte es auf. Eine Hochzeit mitfeiern, endlich einmal wieder, vorher schuften und backen und Kleider abstecken, bei der Trauung gerührt das Taschentuch an die Augen drücken ...

„Ich komme mit!“ erklärte sie wie immer rasch von Entschluß und fing sogleich an zu packen. Mir war es ein Fest. Nun brauchte ich nicht allein weiterzufahren und brachte daheim eine schöne Überraschung (und eine Ablenkung von meiner eigenen Person) mit ins Haus. Tante Abelchen würde mit Freudengeschrei empfangen werden, dessen war ich sicher.

„Hast du einen Fahrplan?“ fragte ich. Tante nickte eifrig. Sie hat immer alles, was man braucht.

„Es ist allerdings einer vom vor-vorigen Jahr. Aber die Hauptzüge ändern sich ja höchstens um Minuten.“

„Wenn man wüßte, ob diese Minuten vor- oder nachher gelten“, bekundete ich etwas nachdenklich.

Gleich darauf aber fragte Tante Abelchen: „Weißt du was? Wir fahren mit dem Auto. Hast du einen Führerschein?“

„Ja, nur kein Auto.“

„Ich auch nicht. Aber der Hagestolz.“ Tante lächelte verschmitzt, drückte ihre Tasche zu – ihre Taschen sind immer bis zum Platzen vollgestopft – und warf sie auf die Couch.

Ans Telefon! Sie wählte eine Nummer, die ihr flott von den Fingern ging, wie ich verstehend lächelnd feststellte. Gleich darauf wurde mir jenes amüsante Halbgespräch geboten, das soviel Vergnügen bereitet, weil man die zweite Hälfte dazukombinieren muß, also sozusagen schöpferisch beteiligt ist.

„Ja, jetzt gleich. Natürlich. Eine Nichte von mir. Wir haben schon gepackt. Also.“

„Er kommt“, sagte sie, als sie aufgelegt hatte. „Wir können aber noch einmal frühstücken.“

„Wo wohnt er denn?“ fragte ich und dachte an den morgendlichen Rush-hour-Andrang auf den Straßen. Da konnte es natürlich sein, daß die Entfernung von einigen Kilometern ziemlich viel Zeit in Anspruch nahm. Zu meiner Verblüffung aber sagte die Tante: „In der Röhn. Ist doch deine Richtung, oder?“

„Na, Tantchen, nicht ganz. Wir müssen ungefähr nach Göttingen zu, und die Röhn ist ...“

„Macht nichts. Er fährt uns, wohin wir wollen. Ist ja im Ruhestand, warum sollte er nicht?“

Der Hagestolz hieß eigentlich Richard Hagemann und war ein pensionierter Oberst, dazu Maler, und liebte Tante Abelchen seit ein paar Jahrzehnten vergeblich, wie sie mir mit einem stolzen Lächeln mitteilte.

„Daß du ihn nicht erhört hast“, staunte ich.

Sie erwiderte fröhlich: „Dann liebte er mich vermutlich nicht mehr. Und es ist so angenehm, geliebt zu werden. Man sollte das nicht leichtsinnig aufs Spiel setzen. Ich jedenfalls hab es gern.“

Ich schwieg. Eine gewisse Logik lag in dieser Antwort, aber nur eine gewisse.

Der Hagestolz kam. Er kam so prompt, als habe er im Tiefstart auf Tante Abelchens Anruf gewartet und sich danach sofort ins Auto geworfen. Ich mußte einräumen, daß diese Art, geliebt zu werden, ihre Vorteile hat. Wir stiegen ein, und er wendete vergnügt den Wagen.

„Jetzt fahren wir erst zu mir. Es liegt ja am Weg“, sagte er. „Ich muß dir doch meine neuen Bilder zeigen.“

Tante fand, daß eine Liebe die andere wert sei, und stimmte zu. Ich saß auf dem hinteren Polster und nahm den dort liegenden Straßenatlas vor. Schließlich hatte ich mich einige Jahre fern von Deutschland aufgehalten und mußte mich neu orientieren. Meiner Erinnerung nach ...

Meine Erinnerung hatte recht. Freilich, allzu groß war der Umweg auch wieder nicht, und die Hochzeit fand ja auch noch nicht morgen statt. So lehnte ich mich zurück und sah hinaus, während ich mich bemühte, nicht auf das Gespräch zu hören, das die beiden andern führten. Es ist schon so eine Sache, mit einem Liebespaar unterwegs zu sein, auch wenn es nicht mehr ganz in Knospe steht.

Das Ziel aber, das vorläufige, das wir ansteuerten, das lohnte. Richard Hagemann bewohnte ein Haus, das sehr einsam lag, einsam und hoch.

„Wie im Riesengebirge“, betonte Tante Abelchen, als wir ausstiegen und ein kalter, reiner Wind uns empfing. „So war es im Riesengebirge, so oder ganz ähnlich. Die Kuppen kahl oberhalb der Baumgrenze – hier liegt es nur daran, daß keiner auf den Gedanken kam, Bäume anzupflanzen – und Wind, immer Wind. Herrlich!“

Der Eingang des Hauses war mit Holz verkleidet, auch das „wie im ...“ Kam man schneeüberkrustet von draußen herein, so mußte man sich erst mit einem groben Schneebesen reinigen in diesem kleinen, windgeschützten Verschlag. „Schnee runter!“ riefen die Drinsitzenden, wenn jemand herein wollte, der diesen Ritus nicht befolgt hatte, durch Tabaksqualm und Wärme, durch Gelächter und Zitherspiel zur Tür. „Und die Schier steckte man in den Schnee.“

Jetzt war kein Winter und kein Schnee. Trotzdem trat man wohlig schaudernd ins Warme, in die große, niedrige holzgetäfelte Stube, die Wohn-, Schlaf- und Eßzimmer sowie Atelier war und die, wie man sogleich spürte, geheizt war. Ich sah mich neugierig um. So was gefällt mir.

„Ja, wunderschön hast du es, ich finde das immer wieder“, sagte Tante Abelchen und glänzte den Mann an, der groß, ein wenig vornübergeneigt, mit zerklüftetem Gesicht und fast weißem Haar auf sie herunterlächelte. Er sah gut aus in seiner Art, nicht hübsch, aber irgendwie gepflegt, was bei Männern ja viel wichtiger als Schönheit ist.

„Nehmen Sie mein Haus für das Ihre“, sagte er und verbeugte sich parodistisch.

„Danke. Ich tu es nicht, das weißt du“, sagte sie, „es grenzt mir zu sehr an die Sterne. Für mich ist die Erde wichtig, die Berührung der Erde, der Kontakt mit ihr und mit dem, was darauf wimmelt. Auf deutsch: Wenn ich nicht heute oder morgen, spätestens aber in zwei Minuten Frau Marthe Schwerdtlein oder eine andere Nachbarin von ihrem Kochtopf scheuchen und ihr mitteilen kann, was mir soeben durch den Kopf blitzte ...“

„Bei dir blitzt es eben immerzu“, sagte er milde bedauernd, „immerhin habe ich jetzt Telefon. Du könntest ...“

„Ich kann nicht, Ich bin nicht die Prinzessin, die Rübezahl sich aus einer Runkelrübe schnitzte und bei sich behalten wollte ...“

„Er schnitzte nicht die Prinzessin, sondern ...“

„Ja, ja, ja. Geschenkt! Jetzt wollen wir Bilder ansehen.“

Wir sahen Bilder an. Der Hagestolz malt Landschaften, das heißt eine. Das Riesengebirge. Die Koppe, die Schneegruben, den Kamm, die Wiesenbaude. Und Kinderporträts.

Diese malte er völlig konservativ in den richtigen Farben und Formen, so daß zärtliche Eltern seufzten: „Genau wie Daniel – Uwe – Bärbel oder Martin.“ Der Hintergrund dieser Bilder aber war kein starkes, einheitliches Blau oder Gelb, sondern ein Durcheinander von lauter Kindergesichtern und -gestalten, die dasselbe Modell, das Kind also, das gemalt wurde, in unendlichen Variationen zeigte, klein, den Kopf etwa wie ein Daumennagel. Lachend, schreiend, weinend, verschmitzt und verbockt, nachdenklich oder übermütig – man konnte sich hineinverlieren. Ich tat es, stand und guckte und vermochte nicht, mich loszureißen, und der Hagestolz hatte sich hinter mir aufgebaut und sah sozusagen mit meinen Augen mit, ebenso verzückt und ohne müde zu werden. Tante Abelchen war an der Wiesenbaude hängengeblieben.

„Dort kehrten wir immer ein, wenn wir von Krummhübel kamen.“

Später gab es Kaffee, in Schlesien, also auch hier, wurde dies Wort auf der ersten Silbe betont und die beiden e am Ende fallen gelassen. Kaffä – so etwa müßte man es schreiben, wenn man Dialekt überhaupt schreiben könnte – und Streuselkuchen.

„Das wundert mich ja nun“, sagte Tante Abelchen und setzte sich zu allem entschlossen an den gedeckten Tisch, „den hast du doch unmöglich noch schnell vor unserem Besuch backen können.“

„Hab ich auch nicht. Aber seit einigen Wochen besitze ich eine Kühltruhe. Da hab ich ihn eingefroren – in Hinblick auf schlesischen Besuch. Unter solchem verstehe ich natürlich einzig und allein dich!“

Es saß sich wunderbar behaglich in diesem hölzernen Raum. Ich blies weiche Rauchwölkchen in die Luft, und Tante Abelchen hatte die Flasche mit Kroazbeerenschnaps vor sich stehen. Richard Hagemann ging ein wenig hin und her, hantierte mit dem Plattenspieler, und gleich darauf erklang, sanft ansetzend, das Fünfte Brandenburgische durch den Raum, mit dem zarten Holzbläsermotiv, hinter dem das Cembalo klingelt. Wir lauschten alle drei, sahen einander an manchen Stellen an, lächelten bestätigend und fühlten alle gleichermaßen deutlich, wie anders es hier klang in der reinen Luft der Höhe. So, wie es wahrscheinlich gemeint war.

„Aber komponiert hat er es, soviel ich weiß, in Leipzig. Damals trugen zwar die Städte noch nicht die Dunsthauben unseres mit Recht so gepriesenen Jahrhunderts, aber allzu gute Luft wird in Leipzig nicht gewesen sein. Damals gab es ja noch die ungeschriebene, aber eisern befolgte Sitte aller Hausfrauen, Schmutzwasser einfach auf die Straße zu schwappen. Und dazu die ungemütliche, ärmliche, wenn auch hoffentlich reinliche Kantorswohnung, um den Kantor herum Kinder jeden Alters, schreiend, plärrend, in die Hose machend, sich zankend, musizierend – und alle miteinander Sächsisch redend“, sagte Tante Abelchen verträumt, als der erste, freundlich getragene Satz in das muntere Scherzo übergegangen war. „Ein unwahrscheinlicher Mensch, dieser Johann Sebastian, nein, kein Mensch im üblichen Sinne mehr. Ein Wunder. Dieser geschundene, immerzu verwundete, in Armut lebende, sorgenbeladene, von verständnislosen Vorgesetzten abhängige – dieser Besessene, dieser Schöpfer. Wie wunderbar, ihn hier hören zu können.“

Sie lächelten einander an, Richard und sie, und beider Gesichter wurden durch dieses Lächeln plötzlich jung, klar, strahlend. Ich mußte mich wiederum und diesmal noch gründlicher wundern.

„Und nun erzähl vom Storch“, bat Tante Abelchen, als der letzte Ton verklungen war, und das befremdete mich, wenn ich ehrlich sein soll. Liebende, die sich über den Storch unterhalten – ich hatte vor kurzem einen gezeichneten Witz gesehen, an den mußte ich denken. Da geht ein junges Paar durch den Zoo, und sie stellt neckisch ein Bein in den Storchenzwinger. „Laß das, Karoline“, sagte er stirnrunzelnd ...

Dieses Bild mit Unterschrift kam mir in den Sinn, und da platzte ich heraus, obwohl die Gefahr für dieses Paar hier vielleicht nicht allzu aktuell war. Immerhin, wenn man vom Storch spricht, hört man ihn klappern.

„Ja, denk dir!“ sagte der Hagestolz. „Was alles passiert! Sein Nest ist heruntergefallen, wieso, weiß ich nicht, jedenfalls war kein besonderer Sturm. Wehen tut es hier oben immer, aber, wie gesagt, nicht außergewöhnlich. Das Nest aber lag am Boden zerstört, wie man so schön sagt, und ich dachte, nun kann ich meinem Storchenpaar nachweinen. Aber was denkst du? Kaum sind die beiden aus Afrika zurück, fangen sie wieder an zu bauen – auf der Erde. Habt ihr je so etwas erlebt? Der Rest des alten Nestes lag da zwar noch, ich hatte es zum großen Glück nicht abtransportiert, und da sehe ich, wie die Störchin anfängt, Äste und Ästchen hinzutragen und es schön auszustatten, so wie ehemals in luftiger Höhe. Sogar Papier trug sie hin, wie ich beobachten konnte, und dann setzte sie sich und legte Eier – es ist doch nicht zu fassen. In der Schule lernt man, daß der Storch auf Kirchtürmen, Hausdächern und ähnlichen hochgelegenen Punkten brütet. Neulich kam eine Schulklasse hier bei einem Ausflug vorbei, die staunte, kann ich euch sagen. ‚Stimmt ja gar nicht, was in unserem Bio-Buch steht‘, sagte einer, und ich fürchte, diese Klasse wird nun auch daran zu zweifeln beginnen, daß er die Kinder bringt.“

„Erzähl Gusti doch, wie du zu ihm kamst!“ verlangte Tante Abelchen.

„Ja, das ist auch eine mehr als seltsame Geschichte. Er kam wie sonst die Babys, für die er zuständig ist oder doch jahrhundertelang war, durch den Schornstein gefallen. Durch meinen. Schwarz und ruhig stand er in meinem Kamingitter, und ich wußte nicht recht, wie ich ihn begrüßen sollte. Einen Frosch hatte ich nicht zur Hand, um ihm Zappelsalat anzubieten, so verbeugte ich mich nur tief und sagte ‚Herzlich willkommen!‘, da verbeugte er sich auch und hackte mir in die Fußspitze. Ich hopste vor Schmerzen umher, das getroffene hochgezogen und mit beiden Händen haltend.“

„Mach’s vor!“ rief Tante Abelchen, und er stand auf und mimte gehorsam seine damalige Schmerzensreaktion. Wir lachten, daß uns die Tränen kamen.

„Er hat dann lange bei mir gewohnt, wir sind gute Freunde geworden“, erzählte der Hagestolz weiter. „Ich fuhr damals täglich nach frischem Fisch und bot ihm welchen an. Manchmal nahm er ihn, manchmal verweigerte er ihn drei Tage hintereinander, und ich mußte mir ein paar Katzen anschaffen, um den Fisch nicht wegwerfen zu müssen. Mein Haus stank nach Fisch und nach Storch. Störche haben nämlich einen ziemlichen Eigengeruch.“

„Blieb er hier im Wohnraum?“ fragte ich neugierig.

„Ja. Und er wurde so zahm, daß ich ihn schließlich streicheln konnte. Und das war gut, er hatte nämlich ...“, der Hagestolz stockte. Tante Abelchen gab ihm einen aufmunternden Schubs. Los, weiter! hieß das.

„Er hatte – und daran erkannte ich, daß er eine Störchin war – eine typische Frauenkrankheit. Krampfadern, ja. Und die machten ihm – machten ihr – Beschwerden. Da habe ich sie mit einer entsprechenden Salbe massiert, und es hat auch geholfen. Nachdem sie erst tagelang auf einer Stelle stand, begann sie jetzt umherzuspazieren, durch die Durchreiche zu gucken“ – er zeigte dabei auf ein kleines Fenster, das vom Wohnraum aus in die Küche führte und durch das man Tassen, Teller und Schüsseln durchgeben kann –, „und ich konnte ihr von der Küche aus was in den Schnabel stecken, ohne immer herlaufen zu müssen. Schließlich versuchte ich, sie ins Freie zu locken. Ich ließ die Tür auf, und eines Tages spazierte sie draußen auf der Wiese umher und begann, das Gefieder zu schütteln, zu putzen und auch zu klappern. Da merkte ich, daß sie genesen war.“

„Das Storchennest auf der Erde muß ich sehen“, sagte ich begeistert, „und knipsen. Oder haben Sie ...“

„Natürlich habe ich.“ Er stand auf und holte einen Kasten mit Fotos. Sodann bewunderten wir schließlich seine Aufnahmen.

„Da könnte man sich ja mal ein Storchenei stibitzen“, sagte Tante Abelchen versonnen, „wie lange muß man das kochen, eh es weich ist?“

Wie gemein! Aber welche dazulegen, vielleicht Enteneier“, schlug ich vor. Der Hagestolz sah mich an.

„Auf diesen Gedanken sind schon andere Lausejungen gekommen, bei uns daheim“, erzählte er, „da haben sie einen Storch einmal wirklich Enteneier untergelegt. Da kam der Storch, der männliche, der Ehemann also – Störche leben in Einehe, Biber übrigens auch –, mit einer ganzen Anzahl anderer Störche, und sie hackten auf die arme, unschuldige Störchin ein, daß sie fliehen mußte, um am Leben zu bleiben. Die kleinen Störche hat dann der Papa aufgezogen – leicht war das nicht. Nein, solche Witze sollte man nicht machen.“

„Ich meinte ja nur“, murmelte ich beschämt. Und er antwortete tröstend: „Ich glaub’s. Das Nest zeige ich Ihnen nachher. Ja, ja, es gibt nichts, was es nicht gibt.“

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05 mayıs 2025
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