Kitabı oku: «Wer nie den Sand geküsst»
Lise Gast
Wer nie den Sand geküßt
Saga
Ebook-Kolophon
Lise Gast: Wer nie den Sand geküsst. © 1977 Lise Gast. Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen 2016 All rights reserved.
ISBN: 9788711514412
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
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Für meine Reittochter Steffi
und ihre Söhne
1
»Vorwärts, Hjela, Galopp ... und Sprung ...«
Kornelia war fest überzeugt, daß die Stute gehorchen und das soeben kunstvoll aufgebaute Rick in weitem Sprunge nehmen würde. Sie gab die Zügel vor und ging mit der Bewegung. Aber hier, wie überhaupt ...
Hjela, die sich im Gelände über Baumstämme und Gräben fliegen ließ, viel höher und weiter als nötig, schien nicht einzusehen, warum man hier, mitten auf dem Stoppelfeld, über ein Hindernis gehen sollte, neben dem rechts und links genügend Platz war, es zu umrunden.
Sie schien diese Absicht zu haben, konnte sich aber nicht entschließen, nach welcher Seite hin, und stemmte kurzerhand die Vorderbeine ein, den Kopf senkend. Sie verweigerte den Sprung. Kornelia, leicht, wie man mit siebzehn Jahren ist, flog, wie von einem Katapult geschleudert, in einem bildschönen Salto über Hjelas Kopf hinweg und landete allein hinter dem Rick. Da sie sich in der Luft instinktiv zusammengerollt hatte wie ein Igel — es war nicht ihr erster Sturz, wahrhaftig nicht, dazu ritt sie schon zu lange —, tat sie sich nicht weh, sondern stand sofort wieder auf den Beinen, freilich aufgebracht und zornig, sowohl auf sich als auch auf die Stute.
»Hoppla, na warte, meine Liebe!«
Das Gute an den Islandponys war ja, daß sie stehenblieben, eine wahrhaft liebenswerte Eigenschaft. Ein Pferd, wie beispielsweise Kronos, den Bertram gern ritt und mitunter auch noch sprang, würde jetzt vermutlich verrückt spielen und davongehen, womöglich in den herabhängenden Zügel treten und stürzen oder sich sonst etwas tun. Hjela stand — Kornelia hatte zwar den Eindruck, als grinste sie schadenfroh, das aber war schließlich ihr gutes Recht, wenn sie ihren Reiter losgeworden war.
»So, jetzt noch mal. Meine Liebe, diesmal passe ich aber besser auf.«
»Vor allem würde ich bis ans Rick ran treiben, immerzu treiben, erst im letzten Augenblick Luft geben.«
Kornelia fuhr herum. Aber der Schreck und der kleine Ärger, daß jemand ihre Blamage gesehen haben mußte, wich sofort einer freundlichen Erleichterung: Es war Pölze, die hinter dem Schlehengebüsch am Rande des Feldes hervorgetreten war, Pölze, Kornelias junge Tante, jedenfalls angeheiratete Tante.
Kornelias Mutter war Witwe und hatte jahrelang ihre drei ledigen Brüder betreut, bis Pölze einen davon, Bertram Werth, heiratete. Frau Kayser lebte mit ihren vier Kindern, von denen Kornelia das älteste war, auf einem Vorwerk nahe dem Werthschen Gut und konnte sich nun ganz diesen Kindern und ihrer Hundezucht widmen, bei der ihr Kornelia mit Eifer und Verständnis half. Kornelia sah man fast nie ohne Hund; auch jetzt lag Tina, ihr Liebling, eine ausnehmend schöne, ziemlich große Schäferhündin, hechelnd und aufmerksam neben dem Gebüsch. Sie durfte nicht auffahren und bellen, wenn ihre Herrin ritt. Pölze wäre beinahe auf sie getreten.
»Hoppla, ich hätte mir ja denken können, daß sie hier ist. Übrigens gut gezogen, Koko, daß sie so gehorcht. Nun spring noch einmal, treibe bis ganz ans Hindernis und gibt erst dann Luft. Mit dem Kreuz treiben, verstehst du, Achtung — ja.«
Richtig, nun sprang die Stute. Kornelia setzte auf, wendete das Pony, das übrigens fast die Größe eines Norwegers hatte, und kam zu Pölze herangeritten. Dann saß sie ab und klopfte der Stute den Hals.
»Brav, brav. — Ja, sie reagiert mehr auf Kreuz als auf Schenkel. Und der Sprung jetzt war doch ordentlich, nicht?« Sie schlenderte, den Arm durch den Zügel gesteckt, neben der jungen Tante weiter.
›Tante‹ sagte sie übrigens nie, höchstens mal aus Neckerei. Aber sie liebte Pölze sehr, und auch Pölze hatte sich sofort herzlich an die zehn Jahre jüngere angeschlossen. Jetzt, da sie einen kleinen Sohn besaß und das zweite Kind erwartete, war es mit ihrem Reiten natürlich zunächst einmal vorbei, um so mehr kümmerte sie sich um Kornelias Reiterei.
»Ich komm’ aber wieder in den Sattel, denk nur nicht, daß ich bereits altes Eisen bin«, drohte sie manchmal. »Jetzt aber bist du vorn. Ein Glück, daß du unsere Isländer reitest, bis ich wieder soweit bin.«
Dieses ›Glück‹ war kein so reines, jedenfalls dachte Frau Kayser dies mitunter. Kornelia zeigte wenig Interesse für die Schule, bedauerlich wenig. Schon die Tatsache, daß sie sich allzuviel mit den Hunden abgab, bekam ihrem Zeugnis schlecht; man sah genau die abfallende Kurve der Noten, wenn die Wurfkiste daheim voll junger Welpen war. Dazu nun auch noch die Reiterei ... Besonders in Sprachen hatte Kornelia schmählich schlechte Noten, obwohl sie recht begabt und leichter Auffassung war. Aber sie war noch heute wie anfangs in der Volksschule der Meinung, die Schule könne man ›nebenbei‹ erledigen, und dies ist und bleibt ein Fehlglaube.
Auch jetzt sprachen sie davon. Pölze versuchte, der jüngeren klarzumachen, daß für Kornelia noch — noch! — die Schule die Hauptsache war und die Tiere die zweite Geige zu spielen hatten, wie sie es nannte.
»Später kannst du es dann halten, wie du willst, aber jetzt ...« Kornelia lachte nur.
»Ich will ’raus aus der Schule. Muß denn jeder das Abitur machen? Ich will ja gar nicht studieren. Zum Hundezüchten und zum Reitwart brauche ich kein Abi, da ist die mittlere Reife dicke genug ...«
»Wer die Möglichkeit hat, bis zum Abitur zu gehen, soll sie ausnützen«, eiferte Pölze, sehr erwachsen, aber in Wahrheit nicht ganz überzeugt. Ihr selbst war die Schule auch nicht unbedingt wichtig gewesen, ebenso wie ihr späteres, ziemlich kurzes Studium. »Sieh meine Schwester Svea an! Die hat, obwohl verlobt, ihr Abitur doch noch gemacht, dabei hat sie doch über ein Jahr aussetzen müssen, und nun will sie noch Buchhändlerin lernen, um nicht ohne Beruf zu sein. Es kann ja immer vorkommen, daß die Frau allein für die Kinder zu sorgen hat, wenn dem Mann etwas zustößt, und Conrad bringt sogar schon zwei Kinder mit in die Ehe, Volker und Thomas, du kennst sie ja.«
»Svea wird Buchhändlerin?« staunte Kornelia. »Da will sie mit der Heirat nochmals drei Jahre warten? Das finde ich blöd«, sagte sie ehrlich. Pölze mußte lachen. Es klang überaus apodiktisch — und gleichzeitig bemerkenswert kindisch.
»Erstens ist so was nicht blöd, sondern genau das Gegenteil, nämlich klug, und zweitens wartet sie gar nicht. Sie heiratet, macht die Lehre aber trotzdem. Onkel Hipp, der ja immer wie ein Vater zu uns war, hat ihr einen kleinen Wagen gekauft, mit dem sie täglich in die Stadt fährt. Volker geht nun auch schon in die höhere Schule, und Thomas bleibt halt unter Tante Ulles Fuchtel, die ich wahrhaftig auch kennenlernte. Da ist man streng gehalten, aber gut behütet. Ja, die beiden Jungen wachsen heran ... Übrigens sind wir zur Hochzeit eingeladen, Bertram und ich ... und du auch. Sie haben sie extra in die Herbstferien gelegt, damit du mitkommen kannst. Freust du dich?«
»Und wie! Endlich mal eine Hochzeit! Als du heiratetest, war ich ja noch zu klein für so was«, lachte Kornelia. »Hurra! Übrigens, wohin wolltest du?« Sie waren miteinander ein Stück dem Wald entgegengewandert.
»Ach, nur so. Luft schnappen. Berti schlief, da dachte ich, ich bewege mich ein bißchen draußen.« Und dann, nach einem kurzen Seitenblick auf die Jüngere: »Doch, dir kann ich’s ja sagen, du hältst den Schnabel: Ich sah neulich hier, es war gegen Abend, einen Dogcart fahren, einen kleinen Einspänner mit einem Shetlandpony davor. Es war schon schummerig, und ich konnte nicht erkennen, wer es war. Da dachte ich, vielleicht treff’ ich ihn heute wieder.«
Alles, was mit Pferden und Hunden zusammenhing, war für sie beide wichtig. Kornelia wußte auch, wie man sogleich merkte, Bescheid.
»Wer das ist? Das kann ich dir sagen. Die Tochter von Dr. Grünwald, dem Tierarzt, der die vielen Kinder hat, weißt du, die Älteste. Sie geht ein paar Klassen unter mir in meine Schule und erzählte mir neulich, sie habe es satt, immer mit den kleinen Geschwistern spazierentrödeln zu müssen. Da habe ihr Vater ihr endlich einen Dogcart gekauft. In dem fährt sie jetzt die Kleinen aus, wenn Mutter mal Ruhe haben soll. Geht prima, sagt sie, alle, die sonst ekelhaft und bockig sind, werden sanft und lenksam, wenn es heißt: Du darfst sonst nicht mitfahren. Spazierengehen haben sie gehaßt. Wir übrigens auch. Wahrscheinlich tun das alle Kinder.«
»Ach! Prima von dem Vater! Und ...«
»Und da fährt sie jetzt jeden Tag. Meist hier, natürlich auf keinen Fall Autostraßen. Vielleicht treffen wir sie tatsächlich. Dr. Grünwald hat eine sehr schöne Dackelzucht, wußtest du das? Lauter V-Hunde, ich sah sie auf einer Ausstellung. Die werden gekauft wie wild. Du mußt mal mit hin und sie angucken.«
»Gerne. — Du, Koko?«
»Hm?«
»Wenn Grünwalds jetzt ein eingefahrenes Shetlandpony haben, da könnten wir doch eigentlich mal ...«
»Was denn?«
»Vierspännig fahren. Sieh mal, ich kann jetzt nicht reiten, und fahren macht doch auch Spaß. Erle und Espe haben wir, und Unband; — Blessy soll nicht gefahren werden, bis die Wunde abgeheilt ist. Da könnten wir statt dessen doch dieses Pony nehmen. Was ist es denn?«
»Stute. Lottchen heißt sie. Unbändiges Temperament.«
»Na, dann wird sie ja zu Unband passen. Wollen wir?«
»Heute?« Kornelias Augen funkelten.
»Bist du närrisch? Heute! Dazu brauchen wir einen ganzen Nachmittag, damit wir auch was davon haben! Aber wie wär es morgen? Am frühen Nachmittag? Natürlich erst, nachdem du Schularbeiten gemacht hast«, fügte Pölze bieder hinzu. Kornelia sah sie aus den Augenwinkeln an.
»Natürlich. Aber ich hab’ das Gefühl, daß ich morgen — morgen ist Mittwoch, nicht wahr? — ja also, daß ich da gar, gar nichts aufhaben werde ...«
Kornelia mußte Hjela noch auf die Isländerkoppel zurückbringen. So saß sie auf, winkte Pölze zu und trabte davon, während Pölze sich heimwärts wandte. Kornelia ritt in Gedanken und bemerkte erst etwas spät einen Menschentrupp von etwa sechzehn Mann, der ihr entgegenkam. Es waren die Strafgefangenen, die in Niederwerth arbeiteten. Sie gingen im Gleichschritt, zwei Wachmänner mit ihnen, einer an der Seite, der andere hinten. Kornelia bog ein wenig hastig ab, um nicht nahe an ihnen vorbeizureiten. Sie konnte sich vorstellen, daß es auf die Männer aufreizend wirken mußte, wenn sie sie zu Pferd sahen. Sicher meinten sie, sie wäre ein Luxusgeschöpf und täte nichts anderes als reiten.
Bertram Werth arbeitete seit Jahren mit Strafgefangenen, Tagelöhner gab es hier kaum mehr. Kornelia wußte, daß Pölze sich daran nur schwer gewöhnt hatte. Daheim auf dem Rosenhof arbeitete Onkel Hipp noch mit Leuten, die seit Generationen zum Gut gehörten, einer richtigen Gutsgemeinschaft. Hier waren es Insassen der Strafanstalt aus der etwas entfernten Großstadt, die jeden Tag mit dem Spezialbus herausgefahren wurden. Kornelia wußte, daß Pölze am Anfang ihrer Ehe mit Bertram gesprochen hatte, ob dies nicht zu ändern sei. Es sei ihr unheimlich, hatte sie gemeint.
»Du mußt das anders ansehen«, hatte er damals geantwortet, »nicht daß dies Männer sind, die Böses im Schilde führen. Es sind Gestrauchelte, solche, die mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sind und schwer an ihrer Unfreiheit leiden. Wenn sie hier im Freien arbeiten dürfen — Feldarbeit ist keine Schinderei, ich habe sie selbst jahrelang getan —, so ist das eine Vergünstigung für sie, die man ihnen gönnen sollte.«
Pölze hatte Kornelia davon erzählt, und Kornelia mußte jetzt daran denken, als sie, einen Bogen schlagend, um den Trupp Männer herumritt. Auch auf weitere Entfernung und bei der nun einfallenden Dämmerung glaubte sie erkennen zu können, wie finster die Männer aussahen. Sie selbst kannte es nicht anders, als daß dieser Bus kam und abfuhr, und daß man den Männern, wenn man zu Pferde saß, aus dem Weg ritt. Daß sich Pölze fürchtete, fand sie übertrieben, es waren schließlich immer zwei Wachmänner dabei. Und Pölze war sonst wahrhaftig nicht ängstlich; sie hatte auf dem Rosenhof junge Pferde angeritten, Turniere mitgemacht und sich an Geländeritten beteiligt, bei denen sich manchen männlichen Teilnehmern die Haare gesträubt hatten. Wer reitet, darf kein ängstliches Herz haben. Reitersleute, die sich fürchten, taugen nichts.
»Wo warst du denn heute nachmittag?« fragte Frau Kayser, als Kornelia heimkam.
»Bei Pölze. Wir sind ein Stück spazierengegangen«, erzählte Kornelia harmlos, während sie in ihrer Schulmappe kramte. »Morgen gehen wir wieder. Pölze braucht jetzt ein wenig Bewegung und Ablenkung.«
Frau Kayser schwieg. Aber sie hätte keine Mutter sein müssen, wenn sie nicht gemerkt hätte, daß das ›Spazierengehen‹ morgen etwas anderes war als das übliche. Trotzdem sagte oder fragte sie nichts. Kornelia war zur Zeit schwer zu ertragen, ungeheuer eigenwillig, sie konnte beim geringsten Anlaß aufbrausen oder sich verbocken. Wie das werden sollte, wenn es einmal einen ernstlichen Konflikt geben würde — und wo blieben ernstliche Konflikte schon aus? —, wagte die Mutter nicht abzusehen.
Kornelia ahnte nichts von den Gedanken ihrer Mutter, auch am andern Tage nicht. Sie setzte sich gleich nach Tisch an ihre Schularbeiten und brachte sie so schnell wie möglich hinter sich. Dann pfiff sie nach Tina, die bisher, die Schnauze auf die Vorderfüße gebettet, in der Ecke des Zimmers gelegen und zu ihr hingeguckt hatte. Sie sprang sofort auf, und zusammen marschierten sie ab nach Niederwerth hinüber. Kornelia wollte Pölze beim Einspannen helfen.
Aber Pölze hatte es nicht erwarten können. Erle und Espe standen schon angeschirrt vor dem kleinen Zweispänner, und Unband, der Shettyhengst, wartete daneben. Pölze legte gerade die Geschirre für ihn und Lottchen und den zweiten Kreuzzügel hinten in den Wagen.
»Hoffentlich spinnt er nicht, wenn er die neue Schönheit sieht«, sagte sie, während sie einstieg, »komm hier neben mich, du kannst ihn halten.«
»Lottchen ist gedeckt, sie fohlt im März«, beruhigte Kornelia sie und sich selbst. Unband ging zwar brav und willig mit den zwei Stuten, die er kannte, wie er aber bei einer fremden reagieren würde, konnte man nicht voraussagen. Er hatte ein Temperament, das dem seiner Mutter Unfug ähnelte.
Zunächst aber ging alles glatt. Erle und Espe trabten dahin, und Unband lief neben dem Wagen her, fing allerdings, kaum daß man den Hof verlassen hatte, wie irrsinnig zu trompeten an. Tina, die es nicht mochte, wenn Pferde wiehern, erhob ihre sonore Stimme nun auch, und von einem leisen und heimlichen Davonschleichen konnte keine Rede sein.
»Warum auch, wir fahren ja zu keinem heimlichen Rendezvous«, sagte Kornelia ärgerlich darüber, daß sie ihren Hund nicht zum Schweigen bringen konnte, und Pölze antwortete zerstreut: »Na, eben.«
Auf halbem Weg bereits trafen sie Renate Grünwald mit ihrem Wägelchen.
»Ich wollte mich leise davonstehlen, aber da bellte die Zenzi wie verrückt«, berichtete sie als erstes. Neben ihrem Wagen lief — natürlich — der obligate Dackel.
Da mußten sie alle drei lachen. »Aber meinen kleinen Geschwistern bin ich diesmal mit Erfolg durchgegangen. Ich dachte, es sei vielleicht doch besser, sie warten, ehe sie auf einem Vierspänner, bestehend aus drei Stuten und einem Hengst, ihre Ausfahrten machen.«
Pölze hatte Kornelia die Zügel gegeben und war ausgestiegen. Sie nahm Unband kurz.
»So, so, mein Lieber, das ist Lottchen, und du wirst dich benehmen wie ein gut erzogener Hengst, hast du verstanden?« Sie führte ihn an das fremde Pony heran. »Nichts Aufregendes, nichts Gefährliches. So, beschnuppert euch mal ausgiebig und sagt euch guten Tag. Nein. Unband, so war das nicht gemeint ...« Der kleine Hengst schnaubte aufgeregt, stellte die Ohren, machte aus dem Hals einen runden Kragen und ging vorn hoch, mit den Vorderbeinen in der Luft herumschlegelnd. Sie hielt ihn kurz unterm Kinn und zwang ihn wieder herunter, daß er aufsetzte und stillstand.
»Das ist nur am Anfang, das gibt sich«, versicherte sie Renate gegenüber, die etwas skeptisch dreinsah. »Vielleicht ist es besser, wir spannen ihn neben Erle, die hat die Ruhe weg, und lassen Lottchen vorn neben Espe gehen.«
Schön. Kornelia sprang vom Wagen und half, Espe wurde ausgeschirrt und Unband an ihren Platz gestellt, dann kamen die zwei vorderen Ponys dran. Die gehen beim Vierspänner ohne Deichsel, sind also etwas schwierig zu fahren.
»Aber, wir sind ja zu dritt«, beruhigte Kornelia sich und die anderen, »vielleicht fahren wir erst mal mit zwei Zügeln. Einer fährt die vorderen beiden, einer die hinteren. Aber wer?«
»Wir zwei, du und ich«, meinte Renate nach einem kurzen Zögern, »und Sie, Frau Werth, gehen vielleicht ein bißchen weg ...«
»Ich? Weggehen? Warum denn?« fragte Pölze empört. »Ich glaube, Unband kann es brauchen, daß sich jemand um ihn kümmert. Komm’ her, mein Lieber, so geht das nicht ...«
Der kleine Hengst stieg im Geschirr, schlug aus, kam mit dem einen Hinterbein über die Deichsel und brachte alles durcheinander. Nun wurden auch die Stuten unruhig und traten hin und her.
»Fahrt los!« rief Pölze den beiden zu, die etwas bedenklich auf ihr Vierergespann guckten. Sie schob Unband an seinen Platz, hielt ihn vorsorglich — »nun gib nicht so an! —«, und winkte den beiden zu: »Abfahrt, vorwärts! Beim Fahren richtet er sich schon ein!«
Erle und Espe zogen gehorsam an, Lottchen folgte. Ihr eisengraues Fell hatte bereits dunkle Schweißflecken, weil sie sich aufregte. Aber Pferde sind Herdentiere und lassen sich von anderen mitnehmen. Darauf hatte Pölze gerechnet. So begann nun auch Unband, als seine drei Damen sich ins Geschirr legten, zu ziehen, und siehe da, der Vierspänner fuhr ohne Zwischenfall los, allerdings in einem nicht berechneten, ziemlich atemberaubenden Tempo. Pölze mußte loslassen und zur Seite springen.
»Laßt sie laufen, damit sie sich die Mucken abreagieren. Sie werden schon müde werden«, rief sie den beiden Kutscherinnen zu. Dann stand sie und sah das Wägelchen kleiner und kleiner werden.
Alles ging gut. Pferde sind wie Kinder: Solange man sie beschäftigt, machen sie keine Dummheiten. Natürlich war der kleine Wagen viel zu leicht für vier kleine Pferdekräfte, die im Grunde gar nicht so klein sind. Man rechnet, daß ein Shetlandpony in der Ebene das Vierfache seines Gewichts ziehen kann. Wenn es also an die drei Zentner wiegt, könnte es einen solchen Wagen allein im Trab über Land bringen, ohne Mühe. Hier waren es vier, die sich diese Aufgabe teilten ...
Kornelia und Renate auf dem Bock sahen mit Vergnügen, wie ihre Pferdchen dahintackelten. Ihnen lachte das Herz. Sie gaben einander halblaute Anweisungen, brachten es fertig, an einer Wegbiegung, wo eine andere Straße abging, sogar im großen Bogen umzudrehen, und fuhren nun wieder zu Pölze zurück. Die stand am Straßenrand und sah dem kleinen Gefährt entgegen.
»Wunderbar, wer sagt es denn!« lobte sie. »Nun haaaaalt. Ja, Unband, du bist doch der beste, mit drei Frauen zusammenzugehen und keinen Terror zu machen! Beim nächsten Turnier fahren wir alle Preise nach Hause! — Und nun will ich mal!«
Wirklich, die vier Pferdchen hielten. Unband hämmerte zwar mit den Vorderhüfchen wild auf die Erde, während er stand, aber Pölze war schnell auf dem Bock und nahm alle vier Zügel in die Hände. Renate sprang ab, um Platz zu machen, Kornelia blieb neben Pölze sitzen.
»Vorwärts, jawohl!« kommandierte Pölze halblaut, und die vier zogen wieder an. Sie trabten gut und gleichmäßig, jetzt auch in vernünftigem Tempo. Pölze merkte mehr als sie sah — sie konnte nur aus den Augenwinkeln nach hinten seitlich gukken —, daß Renate sich im letzten Augenblick hinten in den Wagen geschwungen hatte. »Gut so, wir brauchen Gewicht. Ho, hoooo, nein, hier wird nicht verrückt gespielt, immer mit der Ruhe.« Sie sprach ständig mit ihren Pferden, auch beim Reiten, halblaut, beruhigend. »So, und nun etwas zulegen, ja, zeigt mal, was ihr könnt ...«
»Darf ich mal kutschieren? Allein?« fragte Kornelia begierig. Pölze gab ihr erst den rechten und dann den anderen Doppelzügel hinüber, immer auf die Pferdchen sehend, und Kornelia fühlte sich ins Kutschieren hinein. Annehmen, nachgeben, eine kleine Parade hier, ein bißchen Luft mehr für Espe. »Erle, komm’, komm’, meine Schöne. Nein, Lottchen, nicht aus der Reihe tanzen, so, siehst du ...«
Da geschah es. Sie fuhren jetzt auf den Wald zu, einen ziemlich schmalen Weg. Dort sprang, kurz vor ihnen, vielleicht fünf Meter entfernt, ein Reh darüber, von links nach rechts, gleich darauf noch eins, und das dritte. Meist sind es drei. Kornelia wollte das gerade sagen, als die Ponys reagierten. Lottchen warf erschrocken den Kopf, stemmte sich zurück, Espe zog noch vorwärts, und schon hatte auch Unband geschaltet. Wie verrückt drückte er nach rechts an die Deichsel, Erle mußte nachgeben, und so hing der Wagen mit den rechten Rädern überm Graben, der hier zwar nicht sehr tief war, aber immerhin tief genug, daß der Wagen kippte. Kornelia kam halb darunter, Pölze war eine Sekunde vorher abgesprungen, nach links.
Es gab ein heilloses Durcheinander von schlagenden Pferdehufen und zerrissenem Geschirr, schrilles Wiehern, und dazu bellten Tina und Zenzi, daß es klang, als probierten eine Kesselpauke und ein grelles Becken miteinander aus, wer lauter könnte.
»Hau, hau, hau!« gellte Zenzi in den höchsten Tönen, und »Wuff, wuff!« tobte Tina dazu.
»Haltet doch die Klappen!« japste Kornelia, die sich unter dem Wagen hervorarbeitete, »Renate, kannst du deinem Köter nicht das Maul zupeppen? Und du, Tina, gib endlich Ruhe, es ist ja nichts passiert.«
Nein, Gottlob, nichts war passiert — außer zerrissenem Geschirr, einer kleinen Anzahl Schrammen und blauer Flecke und einer verbogenen Achse. Die war das schlimmste — aber Kornelia und Renate brachten es fertig, sie so weit wieder geradezubiegen, daß man zurückfahren konnte. Diesmal allerdings zweispännig, Lottchen und den kleinen Hengst als Handpferde daneben.
»Das ist sicherer. Wer weiß, ob uns nicht noch ein junger Elefant vor den Wagen kommt«, prustete Kornelia, als sie alles wieder leidlich in Ordnung hatten. »Ein Glück war, daß uns niemand gesehen hat! Ist dir auch wirklich nichts passiert, Pölze? Und der kommenden Tochter? Um die hatte ich am meisten Angst.«
»Alles in Ordnung, ich war ja schon runter«, erwiderte Pölze vergnügt. »Vor allem: alle Pferdebeine heil! Aber vierspännig fahren wir doch vielleicht nicht so bald wieder ...«
» ... jedenfalls nicht, ehe besagte Tochter das Licht der Welt erblickt und im Körbchen liegt, während ihre Mutter kutschiert«, ergänzte Kornelia. Pölze lachte.
»Kutschiert hast du, bitte sehr, vergiß das nicht. Na, Hauptsache, es erfährt niemand. Wehe euch, wenn ihr im ganzen Leben auch nur eine Silbe davon erzählt! Ihr wißt, ich habe einen sehr, sehr gestrengen Eheherrn, vor dem ich riesigen Respekt habe.« Sie lachten alle drei. In allerbester Stimmung kehrten sie heim.
2
Am anderen Morgen rief Kornelia bei Pölze an, ehe sie in die Schule fuhr.
»Alles in Ordnung?«
»Gottlob, ja.«
»Na, ich bin ja froh.« Gerade kam Ulrike vorbei.
»Was war denn?« fragte sie die Schwester.
»Mußt du alles wissen, du Neugierde?« rief Kornelia patzig. Raus war sie. Ulrike sah ihr böse nach.
»Man wird ja wohl mal fragen dürfen.« Sie fand, daß mit Kornelia schon seit langem kein Auskommen mehr sei. Die Brüder, Martin und Manuel, wollten sowieso nichts von ihr wissen, sie interessierten sich zur Zeit für nichts, außer für ein Moped, das sie sich zurechtgemacht hatten, obwohl sie noch lange nicht im Kraftfahralter waren. Ulrike wußte, daß die Mutter die ganze Sache sorgenvoll beobachtete.
›Ein Glück, daß sie mich hat‹, dachte Ulrike selbstgefällig und blieb vor dem Spiegel stehen, ordnete ihre Frisur, nahm noch einmal die Bürste, hielt den Kopf schief — ›Ich laß jedenfalls die Haare wachsen. Bis auf die Schulter. Kein vernünftiger Mensch trägt ...‹
Himmel, da fuhr der Bus! Ohne sie! Weg war er! Ulrike ließ die Haarbürste fallen und rannte, aber das nützte natürlich nichts mehr. Nun mußte sie das Fahrrad nehmen, gerade heute, wo sie statt des Schulanzugs das helle kurze Kleid angezogen hatte. Aber es half nichts, sie konnte sich nicht mehr umziehen. Ja, das Leben ist nicht so einfach, wenn man fünfzehn ist und eine schnippische Schwester hat, dazu zwei ruppige Brüder, und keiner versteht einen ...
3
»Du, Kornelia, Bertram ist am Apparat. Ob wir heute abend hinüberkommen wollen«, sagte Frau Kayser und hielt die Hand auf die Telefonmuschel, »bist du fertig mit den Schularbeiten, oder ist es noch viel? Nein, erst wird alles fertiggemacht. Nicht mehr lange? Gut, wir kommen«, sagte sie in den Apparat. »Nein, die andern nicht. Sie müssen einmal zeitig ins Bett, jeden Abend wird es spät ...«
»Sie kommen, jedenfalls Charlotte und Kornelia«, sagte Bertram Werth und setzte sich wieder an den Abendbrottisch, wo Pölze den kleinen Berti fütterte. »Ja, Jupp auch, Guido nicht, er ist nicht da.« Das waren seine Brüder. Pölze fiel an seinem Tonfall nichts auf, sie hatte gerade ihren Sohn davor gerettet, sich zu verbrühen. Er hatte ihre Teetasse erwischt. Bei Berti mußte man dauernd auf der Hut sein, er befand sich im mühsamsten Kleinkindalter. Umgegossen hatte er die Tasse, Gott sei Dank nicht auf sich.
»Er ist schneller als der Schall«, lachte Bertram immer.
»Pfui, du kleines Ferkel«, schalt Pölze, »was trinkt deine arme Mutter jetzt? Man hat doch nichts als Ärger mit seinen Männern.«
»Findest du?« fragte Bertram und blickte sie von der Seite an, »aber du machst uns wohl nie welchen?«
»Nie. Womit sollte ich auch«, entgegnete Pölze mit treuem blauen Biedermannsblick, »ich tue und lasse doch alles genau, wie du es mir vorschreibst. Kennst du eine gehorsamere Ehefrau als mich?«
»Ich habe nur eine, mir fehlt der Vergleich ... Übrigens: in allem?«
»In allem«, antwortete sie sanft.
Gerade kam der frische Tee. Pölze ließ ihn genießerisch in die weit weggerückte Tasse laufen, während sie mit der linken Hand Berti fernhielt. Da sie aber nur auf die Tasse achtete, hatte er in Sekundenschnelle die Zuckerdose erwischt und ausgeleert.
»Dieser Bengel ist mir über. Hier, nimm deinen Sohn! Jetzt reicht es mir!« brummte sie aufgebracht. »Eine einzige Tasse möchte man ja in Ruhe und Frieden trinken können. Ich freue mich jedenfalls auf unsere Tochter, die wird nicht so rabiat sein.«
»Wo Berti nur sein Temperament her haben mag?« fragte Bertram versonnen.
»Willst du etwa andeuten, er habe es von mir?« forschte Pölze streitbar. »Aber nun ab ins Bett, Bertram zwo, sonst gibt es noch einen Ehekrach.«
4
Bertram hatte vorgeschlagen, an diesem Abend Dias anzusehen. Er knipste leidenschaftlich gern und auch sehr geschickt. Nachdem die Gäste gekommen waren, setzte man sich ins Nebenzimmer, wo schon alles vorbereitet war, und bald flimmerte es bunt über die Leinwand: Bilder von Berti, von den Pferden, Jagdbilder, auch reine Landschaftsaufnahmen. Herbstbeleuchtung macht sich immer gut, und Bertram hatte ein ausgesprochenes Geschick, schöne Ausschnitte, gute Beleuchtung und reizende Staffagen zu finden. Die Gäste genossen die Bilder und geizten nicht mit Lob.
»Und nun kommen noch ein paar, die ich mit dem Teleobjektiv, also aus ziemlicher Entfernung, aufgenommen habe, vielleicht sind einige nicht ganz scharf«, kündigte Bertram an. »Ich habe sie von — na, ihr werdet ja sehen, aus welcher Perspektive. Die Motive sind sehr lohnend, finde ich.«
Es wurde still im Zimmer, so still, daß man die Uhren an den Handgelenken ticken hörte.
»Wann — wann hast du denn das geknipst?« fragte Frau Kayser nach einer Weile ihren Bruder. Alle andern hatten geschwiegen.
»Vorige Woche«, antwortete Bertram harmlos. »Es ergab sich so. Ich war beim Mais gewesen und kam dann quer über die Wiesen, und da gefielen mir die Ausschnitte.«
Es waren Pölze, Kornelia und Renate Grünwald mit den beiden kleinen Wagen. Erst sah man, wie sie sich trafen, dann, wie sie umspannten, und dann den kleinen Viererzug. Pölze wagte bei jedem neuen Bild kaum hinzugucken, aber es blieb ihr nichts erspart, auch nicht das Kippen des Wägelchens und alles, was danach folgte. Betram mußte einen kompletten Film verschossen haben, um die historischen Ereignisse dieses Tages lückenlos festzuhalten.
Die junge Frau Werth hatte das Gefühl, auf einem glühenden Rost zu sitzen, und Kornelia ging es ähnlich.
»So sehr brauchtet ihr wirklich nicht zu heizen«, ächzte sie halblaut. Es war das erste Wort, das fiel — nach dem ›Genießen‹ der Bilder. »Ich finde es ausgesprochen warm hier, könnten wir nicht ...« Sie blickte zum Fenster hin, fluchtbereit.
»Aber nein, bleib’ nur bei uns«, sagte Bertram zärtlich, »und Sie, Angeklagte, erleichtern Sie Ihr Gewissen durch ein umfassendes Geständnis. War es ein hübscher Nachmittag?«
»Ich war schuld, ich allein! Ich hatte Renate gebeten, einmal mit ihrem Ponywagen zu kommen, und da trafen wir uns — und da ...« stammelte Kornelia. Himmel, machte Onkel Bertram ein vertracktes Gesicht! »Es war das erste Mal.«
»Und hoffentlich das letzte«, ergänzte Bertram, »jedenfalls, bis unsere Tochter einpassiert ist. Versprecht ihr?«
»Alles!« beeilte sich jetzt Pölze. »Alles! Daß wir dich aber nicht gesehen haben! Wo hast du bloß gesteckt?«
»Das werde ich gerade verraten! Ich bin überall und nirgends, merk’ es dir.« Damit war für ihn die Sache abgetan. Pölze atmete auf. Und auch Kornelia, der gar nicht wohl in ihrer Haut gewesen war, schöpfte wieder Luft. Sie wußte: Bertram trug nicht nach. Wenn er seine Meinung gesagt hatte, war es gut, und er kam nicht wieder darauf zurück. Immerhin war sie etwas skeptisch, als ihre Mutter ihr ein paar Tage später ausrichtete, Werths hätten angerufen, sie sollte heute nachmittag hinüberkommen.
»Wieder Dias ansehen?« fragte sie und machte ein Gesicht, als wollte sie dann lieber nach Australien auswandern.
»Nein, sondern etwas anderes«, sagte Frau Kayser und lachte.
»Du weißt es schon? Bitte, bitte ...«
»Ich verrate nichts! Nun mach’ schon, daß du hinüberkommst!«
Da folgte Kornelia, und wahrhaftig, auf sie wartete eine Überraschung. Vor dem Herrenhaus in Niederwerth stand ein nagelneuer, halbgroßer Zweispänner mit Ledersitzen und heruntergeschlagenem Verdeck. Dieses Verdeck war denen der altmodischen Kutschen nachgemacht, sonst aber wirkte der Wagen modern und sehr flott.
»Bertram hat ihn gekauft, weil wir doch bisher für die Isländer keinen Wagen hatten«, erzählte Pölze, »gefahren sind wir bislang immer nur mit den Shettys, warum eigentlich? Sieh hier, für Berti!«
Sie war aufgeregt wie ein Kind am Weihnachtsabend, das seine Geschenke vorführt. Am Rücksitz gab es eine Leiste, in die man Bertis kleinen Autositz einhängen konnte, damit er sicher saß. Hinten war ein ordentlicher Gepäckträger angebracht, auch eine Bremse besaß der Wagen. Dies alles gab es beim Shetlandzweispänner nicht.
»Und wann spannen wir ein und probieren ihn aus?« fragte Kornelia hingerissen.
»Jetzt gleich!« sagte Bertram, soeben hinzutretend, »und wißt ihr, wohin wir fahren? Zu Habermanns. Die haben gestern einen neuen Transport Isländer und andere Kleinpferde bekommen, die wollte ich mir gern ansehen. Was meinen die Damen zu dem Plan? Sind sie dafür zu begeistern?«
»Wir meinen, daß du der liebste, beste Ponyonkel von der Welt bist!« rief Kornelia und fiel ihm ganz schnell um den Hals.
»Herrlich, herrlich!«
»Und wen spannen wir ein?« fragte Pölze.
»Rodi und Grani!« rief Kornelia stürmisch. Rodi war der kräftigste Islandwallach auf Niederwerth, erst vierjährig, Grani war zwar älter, aber auch schnell. Bertram hob abwehrend die Hände.
»Zum Ausprobieren nicht, würde ich sagen. Hjela und Jörp tun es auch. Ich habe sie schon hier, damit wir sie nicht erst von der Weide holen müssen.«
Er wies nach dem Stall. Kornelia ging hinüber. Sie durfte sich ihre Enttäuschung nicht anmerken lassen. Und es war jetzt nicht die Zeit für leichtsinnige Experimente. Also fuhr man mit den beiden Stuten ... Zu Habermanns zu fahren, war auf alle Fälle lohnend, zumal es neue Ponys zu besichtigen gab.
Es waren etwa zwölf Kilometer, die man zurückzulegen hatte, und sie nahmen auch Berti mit, damit er seinen neuen Sitz im Isländerwagen einweihte. Erst kutschierte Pölze, bald aber gab sie Kornelia die Zügel.
»Du brennst doch darauf, oder?«
Natürlich war Kornelia begierig, fahren zu dürfen, wenn es auch nichts Aufregendes war. Hjela und Jörp gingen einen willigen, gleichmäßigen, aber letztlich lange nicht so rasanten Trab wie die vier kleinen Shettys.
»Sehr enttäuscht? Aber zuverlässige Pferde haben auch ihre Vorteile«, lachte Bertram. Kornelia wurde rot.
»Hast recht. Umwerfen werden wir mit diesem Wagen bestimmt nicht.«
Tina sprang nebenher, ihr behagte es sehr, so weit laufen zu dürfen. Und schließlich sah man das Wahrzeichen von Oberrot auftauchen, jenen gedrungenen, viereckigen Turm, der diesem Gut das Unverwechselbare gab. Habermann erzählte, wenn er gut aufgelegt war, immer neue Spukgeschichten, die sich angeblich in diesem Turm zugetragen hatten. Kornelia freute sich schon darauf und winkte, als sie den Gutsherrn sah — er ritt in seiner ganzen klapperdürren Länge von einsfünfundachtzig einen von den neuen Norwegern, und wieder einmal wunderte sich Kornelia, daß dies gar nicht komisch wirkte. Diese Pferdchen können gut von Erwachsenen geritten werden. Habermann kam sogleich herüber, als er erkannte, wer da mit dem neuen Ponywagen herankam. Er begrüßte seine Gäste freundlich, ein wenig gravitätisch, wie es seine Art war.
»Gott zum Gruß, edle Damen und nicht minder Herren — was verschafft mir die ungeahnte Ehre — —«
»Die neuen Ponys«, lachte Kornelia, »wir wollen sie ansehen. Dürfen wir? Wie viele sind es? Darf man auch mal eins reiten? Oder springen? Denken Sie, daß Sie den Transport noch im Herbst loswerden?«
»Viele Fragen auf einmal, und die letzte ist die schwierigste. Immer den Finger auf den wundesten Punkt gelegt, o holdes Kind«, grinste Habermann, »diese Sorge drückt mir das Herz ab. Im Frühjahr keimt die Tierliebe der Menschen wie das Gras auf den Koppeln, wenn gut gedüngt ist, im Herbst welkt sie dahin ... Dabei sind großartige Kerle dabei, kommen Sie, kommen Sie, Sie müssen sie sofort besichtigen. Wie ist’s? Tun Sie es nur mit den Augen oder auch mit dem ... Herzen?« Er hatte vor diesem letzten Wort eine ziemliche Pause gemacht und sich ein wenig auf den rückwärtigen Teil seiner Hose geklopft. Kornelia lachte verständnisvoll.
»Natürlich mit letzterem, wenn man darf.«
»Ich bitte darum.«
Habermann hob das rechte Bein über den Pferdehals und hatte gleichzeitig den linken Fuß aus dem Bügel genommen. Nun glitt er seitlich vom Pony, sozusagen aus dem Damensitz, und stand. Kornelia sprang vom Wagen und kam heran.
»Läßt er aufsitzen?« fragte sie halblaut.
»Gut gefragt. Er läßt! Bei jedem neuen Pferd fragen, nie vergessen. Wer es nicht tut, ist nicht, wie er vielleicht meint, sehr mutig, sondern ganz einfach dumm. Wenn Sie ein bißchen rückwärts rutschen und ihn gleichzeitig kitzeln, bockelt er bildschön ...« Letzteres flüsterte er mit Verschwörermiene. Kornelia verbiß sich ein Lachen.
Und dann ließ sie den Norweger gehen, Schritt, Trab, Tölt, wendete ihn, Galopp. Es war ein etwas massiger, aber sehr heller Brauner. Er konnte nicht mehr ganz jung sein.
»Wie alt?« fragte sie deshalb halblaut, als sie wieder neben Habermann hielt.
»Acht, im besten Mannesalter. Ich sehe, Sie wissen Bescheid. Es gibt aber auch Käufer, die nach der Farbe wählen ...« Er grinste, was seinem nicht mehr jungen Gesicht unwahrscheinlichen Charme verlieh. Kornelia rückte ein wenig nach hinten und klopfte leicht mit den Hacken. Der Norweger ging wie auf Verabredung vorn und hinten hoch. Sie saß im Drehpunkt, verschmitzt lachend. Auch Habermann lachte.
»Ich sehe, ihr zwei versteht euch. Und wie war die Fahrt?« wandte er sich an Bertram und Pölze. Pölze lachte: »Harmlos, aber schön. Unsere beiden, Hjela und Jörp, sind vor dem Wagen nicht die schnellsten. Ihre Stärke liegt anderswo, mehr im Springen, vor allem bei Jörp. Nun, gesetzte Damen wie ich ...«
» ... würden auch gern mal mit rasanten Isländern fahren«, ergänzte Habermann. »Kommen Sie, ich habe alles da, was das Herz begehrt.«
Man hatte die eine Scheune als Auffangstall umgebaut, da meist zweimal im Jahr ein Transport Pferde aus Island ankam. Habermann ging mit seinen Gästen hinüber. Wenn man eintrat, stand man im Mittelgang zweier Boxenreihen, die alle dreiviertelhoch verschalt waren. Aus jeder sah ein Ponykopf heraus. Das war ein Bild. Kornelia unterdrückte nur mit Mühe einen Entzückensschrei, und dann lief sie von Boxe zu Boxe, betrachtete, bewunderte, fragte. Die drei andern folgten ihr nach. Es war des Fragens kein Ende. Erst nach mehr als einer Stunde landeten sie im Haus und am Kaffeetisch, an dem Frau Habermann bereits wartete, ein wenig ungeduldig, aber doch verständnisvoll. »Wenn es neue Pferde zu sehen gibt, weiß ich schon, daß die Uhr nachgeht«, sagte sie ergeben.
Das Thema blieb natürlich auch am Kaffeetisch ›vierbeinige‹. Als Habermann hörte, daß Werths mit dem neuen Wagen bis zum Rosenhof fahren wollten, schmunzelte er ein wenig.
»Ich hätte einen Vorschlag. Ihre beiden Stuten sind nicht die schnellsten, sagten Sie. Wollen Sie lieber zu der Fahrt zwei vom Transport, einwandfrei eingefahren, aber wirklich schnell? Damit sie nicht ewig brauchen? Es sind die beiden im letzten Stand, erinnern Sie sich? Wir nennen sie Schnick und Schnack, weil wir ihre Namen nicht behalten können. Ich würde sie Ihnen borgen, denn so leicht kauft sie jetzt im Herbst keiner, und ich will sie nur zusammen abgeben. Vielleicht finden Sie auch unterwegs einen Interessenten?«
Bertram sah, wie es in Pölzes Augen zu funkeln begann.
»Erst müßten wir sie aber ausprobieren«, sagte er schnell. Habermann nickte.
»Natürlich. Wie wäre folgendes: Sie spannen sie vor Ihre hübsche neue Kutsche, und ich fahre mit Ihnen hinüber nach Niederwerth, meine Frau holt mich dann mit dem Auto zurück. Und Sie, Herr Werth, und Ihre Nichte reiten Ihre beiden Stuten. Einverstanden?«
So geschah es denn auch. Und dabei erlebten die Niederwerther, wie Isländer, gut eingefahren, im Geschirr gehen können. Pölze nahm nach ein paar Kilometern selbst die Zügel und merkte, welch ein Vergnügen es bedeutet, so hervorragende Islandponys vor sich zu haben. Strahlend bestätigte sie es Habermann.
»Schön, Sie können sie also haben. Fahren Sie beide allein zum Rosenhof?«
»Koko will auch mit. Sie ist auch zur Hochzeit eingeladen, meine Schwester heiratet.«
»Oh, wie schade. Entschuldigen Sie, ich meinte nicht das zweifellose Herzensglück Ihrer Schwester, sondern die Tatsache, daß diese junge Dame mit will. Ich könnte sie hier so gut gebrauchen, sie könnte sicher gut Isländer vorreiten, wenn Kundschaft da ist. Sonst macht das mein Sohn, aber der befindet sich augenblicklich im Ausland, und ich brauche eine junge Kraft, eine weibliche wäre natürlich noch besser ...«
Pölze merkte genau, was Kornelia jetzt dachte.
»Wenn du lieber nach Oberrot gehst —«
»Oh, ich würde schon gern!«
»Wirklich?«
»Bestimmt, aber ...«
»Du könntest ja zur Hochzeit mit der Bahn kommen«, half Bertram, »wir fahren ohnehin etwas eher, weil wir endlich einmal Ferien machen wollen. Wenn du willst, bleib’ ruhig bei Habermanns und dreh’ seinen Kunden die Pferde an, und komm im letzten Augenblick mit dem Zug!«
»Oh!« Kornelia war dunkelrot geworden. »Aber ist es nicht schuftig, ich meine —«
»Gar nicht schuftig. Bertram und ich fahren auch gerne mal allein mit Berti«, tröstete Pölze sofort. »Wir haben keine Hochzeitsreise gemacht, wie das bei Landleuten manchmal so ist. Nie haben sie Zeit. Nun können wir sie ja nachholen, wenn auch nicht ganz stilecht — ich meine, mit Berti und so weiter. Immerhin kommen wir dann eher dazu als manche andere. Bertrams Vater machte seine Hochzeitsreise zur silbernen, weil er vorher keine Zeit fand. Immerhin, erst müssen wir wohl meine Schwägerin fragen ...« Sie sah ein wenig sorgenvoll zu Kornelia hinüber, und sie hatte recht vermutet. Sofort war deren Gesicht verbockt wie das eines Waldesels ...
»Mutter? Was kann Mutter dagegen haben?« fragte sie schnippisch. »Ich bin schließlich erwachsen und kann in meinen Ferien tun und lassen, was ich will. Also das eine sage ich dir, Pölze: Ich frage sie nicht um Erlaubnis, daß du es nur gleich weißt.«
»So was kann man auch liebenswürdig äußern, meine sehr verehrte junge Dame«, schaltete sich hier Habermann in trockenem Ton ein. Es klang so, daß Kornelia über und über rot wurde. Pölze sah rasch weg. Trotzdem fand sie es gut von dem alten Kavalier; oft nützt es ja viel mehr, wenn jemand Fremdes etwas sagt, als wenn man es von den eigenen Angehörigen hört — und dann meist noch in dauernden Wiederholungen. »Mit Liebenswürdigkeit kommt man nämlich im Leben viel weiter, abgesehen davon, daß es netter klingt — aus einem so hübschen Mund«, setzte der alte Herr noch, jetzt ausgesprochen freundlich, hinzu. Kornelia sagte nichts. Später aber, als sie einmal einen Augenblick allein waren, murrte sie: »Du bist wohl trotzdem böse, daß ich abgesprungen bin?« Pölze sah sie an, bis die Jüngere den Blick senkte, und schüttelte ein wenig den Kopf.
»Böse. Du weißt genau, daß ich das nicht bin. Habe ich je etwas übel genommen? Ich finde es nicht nett, mir das zu unterstellen.«
»Ich könnte es aber verstehen. Pölze, bitte — o Pölze, ich möchte einmal, einmal richtig erwachsen sein.« Es klang wie ein Schrei, wenn es auch geflüstert war. Pölze konnte nicht anders, sie nahm die kleine Freundin ganz schnell in die Arme und drückte sie an sich.
»Das verstehe ich. Es ist eine schwere Zeit, die ›Zeit zwischen den Zeiten‹. Wir alle mußten durch, du auch, mein Liebes. Aber nun mache dir wenigstens hier keine Gedanken, zwischen uns ist alles in Ordnung, ob du mitfährst oder nicht. Und ich fahre wirklich gern einmal allein mit meinen beiden Männern.«
»Könntet ihr nicht so fahren, daß ihr uns, ich meine, Habermanns und mich, besucht?« schluckte Kornelia.
»Ein Umweg wäre das schon«, sagte Bertram, »kein großer, aber immerhin. Nein, wir fahren doch lieber den direkten Weg. Übrigens, natürlich keine Autostraße. Ich habe eine Wanderkarte, nach der wir uns richten können. Möglichst nur Feld- und Waldwege. Und zweitägig, so, wie Pölze damals mit Unfug fuhr, als sie mich hier verließ.«
Kornelia wollte alles genau wissen, vertiefte sich zu Hause in die Karte, in die Bertram die Reiseroute rot eingezeichnet hatte, und schien überhaupt im Grunde ihres Herzens zu bedauern, daß sie nicht mitfuhr.
»Ja, ja, man kann mit einem einzigen Hintern nicht auf zwei Hochzeiten tanzen«, stichelte Bertram, als er sie bocken sah, »und verdreh’ gefälligst dem armen Habermann nicht den Kopf, du schwarzer Deibel, du!«
»Höchstens den Käufern, aber das ist ein gutes Werk«, konterte Kornelia. »Man soll jeden Tag ein gutes Werk tun. Wenn mir das gelingt, verkaufen wir in den Herbstferien den ganzen Transport, bäh!«
Sie entsprang.
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