Kitabı oku: «Harka»
Liselotte Welskopf-Henrich
Harka
Die Söhne der Großen Bärin I
Roman
Palisander
eBook-Ausgabe
© 2015 by Palisander Verlag, Chemnitz
Erstmals erschienen 1962 im Altberliner Verlag, Berlin
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Covergestaltung: Anja Elstner unter Verwendung einer Zeichnung von Karl Fischer
Mit einer Illustration von Herbert Prüget
Lektorat: Palisander Verlag
Redaktion & Layout: Palisander Verlag
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015
ISBN 978-3-957840-00-4 (e-pub)
ISBN 978-3-957840-01-1 (mobipocket)
www.palisander-verlag.de
Die Söhne der Großen Bärin
1. Band: Harka
2. Band: Der Weg in die Verbannung
3. Band: Die Höhle in den schwarzen Bergen
4. Band: Heimkehr zu den Dakota
5 Band: Der junge Häuptling
6. Band: Über den Missouri
Liselotte Welskopf-Henrich (1901 - 1979) war eine deutsche Schriftstellerin und Wissenschaftlerin. In den Jahren der Naziherrschaft war sie am antifaschistischen Widerstandskampf beteiligt. Ihre Erfahrungen aus der Weimarer Republik und dem »tausendjährigen Reich« verarbeitete sie in ihren Romanen »Zwei Freunde« und »Jan und Jutta«. 1951 erschien die Urfassung ihres Indianerromans »Die Söhne der Großen Bärin«, den sie später zu einem sechsteiligen Werk erweiterte. 1966 erschien »Nacht über der Prärie«, der weltweit erste Gesellschaftsroman über die Reservationsindianer im 20. Jahrhundert. In den folgenden Jahren, bis zu ihrem Tod, entwickelte sie diese Thematik in vier weiteren Bänden weiter. Darüber hinaus war sie seit 1960 Professorin für Alte Geschichte an der Berliner Humboldt-Universität und seit 1962 Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Sowohl als Wissenschaftlerin als auch als Schriftstellerin fand sie internationale Anerkennung. Die Stammesgruppe der Oglala verlieh ihr für ihre tatkräftige Unterstützung des Freiheitskampfes der nordamerikanischen Indianer den Ehren-Stammesnamen Lakota-Tashina, »Schutzdecke der Lakota«.
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Über die Autorin
Das Geheimnis der Höhle
Kampf mit Wölfen
Einer allein
Feindliche Nachbarn
Der Fremdling
Der große Zauber
Pferderennen
Der Maler und die Bärenspuren
Ein Grizzly
Mazzawaken
Schwere Entscheidung
Fußnote
Weitere Bücher
Das Geheimnis der Höhle
Die Nacht war windstill. Nicht ein einziges Blatt, nicht einer der benadelten Zweige rührte sich. Die Rinde der Stämme war an der gegen Nordosten offenen Seite des Berghanges noch feucht, fast nass; der herangewehte Schnee war unter der ersten Frühlingswärme geschmolzen. Von dem Fluss, der sich um das Massiv der Black Hills wand, zogen Nebel herauf. Sie webten über Moos und Fels, zwischen dem Gesträuch hindurch und um die Bäume und machten das Blaudunkel der Mondnacht, die Schatten, mit denen die Baumkronen das Licht der Gestirne verbargen, noch undurchsichtiger.
Hoch am Hang, bei einer verholzten Wurzel, hockte ein Indianerknabe. Er bewegte sich nicht, so dass das Getier ihn nur durch den Geruch wahrnahm. Ein Wiesel hatte den Weg geändert, weil es den Menschen witterte, aber die Eule schwebte arglos an dem erstorbenen Baum vorbei, mit dessen Schattenriss der Schatten des Knaben verschmolz. Dicht vor dem Jungen, aber ohne ihn zu berühren, fiel ein Schimmer des Mondlichtes bis auf den Waldboden; die ziehenden Nebel, der Boden selbst wurden dadurch auf Fußbreite schwach erhellt. Dieser helle Fleck änderte durch die sich bewegenden Nebel seine Form und schien so für das Auge das einzig Unruhige in der schweigenden und ruhigen Nacht.
Die Augen des Knaben waren auf den Lichtfleck gerichtet. Mancher Junge hätte in der Finsternis und Einsamkeit des Bergwalds in dem Lichtschimmer Trost gesucht. Aber Harka Steinhart Nachtauge, der Dakotajunge, wusste zwischen Bäumen, Felsen und Tieren in der Nacht nichts von Furcht. Er hatte sein Messer dabei und konnte jederzeit einen Baum erklettern, das genügte für seine Sicherheit. Seine Gedanken waren auf etwas ganz anderes gerichtet.
Er erkannte in dem fahlen und unsicheren Schimmer auf dem Waldboden die Spur eines Menschen. Die Spur war frisch. Das war hier, kaum zwei Stunden von dem Zeltdorf oberhalb des Flusses entfernt, an sich nichts Auffallendes. Aber die Spur war sehr groß und auch durch andere Merkmale eigenartig. Harka Nachtauge misstraute der eigenen Wahrnehmung. Ließ er sich vielleicht durch die Bewegung des Lichtflecks, durch die Nebel täuschen? Immer wieder maß er den Umriss des Fußes, der hier auf diesen Waldboden getreten war. Sein Blick für den Charakter einer Spur hatte sich unter der Anleitung des Vaters und der älteren Gespielen schon seit Jahren geschult und geschärft.
Einen so breiten Fuß, einen so schweren Tritt, wie dieser Abdruck hier ihn verriet, hatte kein Mitglied der indianischen Jägergruppe, zu der Nachtauge Steinhart gehörte. Auch wenn der Knabe annahm, dass der Unbekannte, von dem die Spur stammte, mit dem linken Fuß am nadelbestreuten glatten Hang ausgeglitten war und dann mit dem ganzen Gewicht auf den rechten Fuß fallend Halt gesucht hatte – selbst dann war dieser Tritt für einen Indianer zu schwer. Die Konturen und Eindrücke stimmten auch in anderem nicht mit den Fußabdrücken überein, wie Harka Nachtauge sie kannte. Die Ferse war tiefer eingedrückt als die Zehenballen und hatte einen scharfkantigen Umriss.
Harka schauerte zusammen. Fußabdrücke von dieser Art wurden in den Berichten großer Krieger und weiser Männer den Feinden zugeschrieben, den Wild- und Landräubern, den Langmessern, von denen der Dakotajunge noch nie einen zu Gesicht bekommen hatte.
Harka beschloss, regungslos an seinem Platz zu bleiben, bis der Vater kam. Der Vater hatte ihn mitten in der Nacht von den Zelten fort in den Wald geschickt. Der Junge wusste noch nicht, warum und wozu, er wusste nur, dass es um etwas Bedeutsames ging, und ahnte, dass ihm der Vater, der Kriegshäuptling der Jagdgruppe, ein großes Geheimnis offenbaren wollte. Es war beschlossene Sache, dass das Dorf am folgenden Tage aufbrechen, die Waldberge verlassen und neue Jagdgründe in südlicheren Prärien suchen wollte. In der Nacht, ehe der Aufbruch erfolgte, wollte der Kriegshäuptling mit seinem Sohn noch über jenes Geheimnis der alten Waldheimat sprechen.
Die Ahnung des Geheimnisses und die fremdartige Spur, in deren Umriss Feindschaft und Gefahr zu lauern schienen, spannten die Nerven und Sinne des Elfjährigen. Von dieser Spur hatte der Vater noch nichts wissen können, als er den Jungen in den Wald hinaufschickte.
In den Baumkronen raschelte es, Harka lauschte. Er vermutete, dass sich zwei Wildkatzen verfolgten; die Jagd ging kreuz und quer. Vielleicht waren es Luchse. Die Tiere fauchten. Sie kamen näher. Der dürre Baum, an dessen Wurzel Harka hockte, erzitterte plötzlich; eines der Tiere war ins Geäst gesprungen. Das zweite folgte; ein wildes Fauchen erstarb, kaum begonnen, in einem gurgelnden Laut. Die Raubtiere hatten sich gepackt und bissen sich. Der Indianerknabe schaute mit einer fast unmerklichen Wendung des Kopfes nach oben. Er hatte recht vermutet, es waren Luchse. Ein dürrer Zweig brach. Die beiden Tiere stürzten, ohne sich loszulassen, sie überkugelten sich am steilen Hang und kamen nun doch auseinander. Das eine jagte davon, das zweite folgte nach kurzem Bedenken. Der Indianerjunge vernahm das Kratzen der Krallen, als die Tiere nicht weit von ihm wieder einen Baum erkletterten. Noch ein Fauchen, ein sich entfernendes Geräusch in den Zweigen, dann wurde es wieder still im nächtlichen Wald.
Harka richtete seine Aufmerksamkeit von neuem auf den Lichtfleck, den der Mondschimmer auf den Waldboden warf: Er erschrak. Die kämpfenden Luchse hatten im Stürzen die Fußspur vollständig verdorben. Der Knabe würde sie seinem Vater nicht zeigen können.
Da es keinen Sinn mehr hatte, auf die Stelle zu starren, dachte Harka nur noch an den Vater und dessen unbekanntes Vorhaben. Die verabredete Stunde war da. Bald musste der Häuptling Mattotaupa kommen.
Harka horchte. Er hatte ein feines Gehör, dennoch gelang es dem Vater, ihn zu überraschen. Der Lichtfleck war plötzlich von der großen, nur vage wahrnehmbaren Gestalt des Häuptlings verdeckt. Der Knabe erhob sich, und der Vater legte ihm die Hand auf die Schulter. Einen Augenblick standen beide schweigend beieinander. Harka wartete, ob ihm der Vater etwas sagen werde. Als das nicht geschah, sagte er selbst sehr leise: »Hier war die frische Spur eines Fußes. Zwei Luchse haben sie verdorben. Es war nicht die Spur eines Indianers.«
Es dauerte lange, bis der Häuptling antwortete. »Wir werden aufmerksam sein. Komm.«
Er machte sich bergan auf den Weg, und sein Sohn Harka folgte ihm, vorsichtig, gewandt, mit sicherem und kräftigem, ausgreifendem Schritt wie der Vater.
Der Hang wurde steil, und die Füße fanden nur noch Felsen, um die sich Baumwurzeln klammerten, und Moos. Es war hier mühsam zu gehen, aber es war nicht schwer, sich ohne Geräusch zu bewegen. Vom Himmel schauten Sterne durch das Geäst; der Mond war gewandert. Harka folgte dem Vater ohne Verzug, aber sein Herz klopfte jetzt, und der Schweiß brach ihm aus. Immer schneller kletterte der Häuptling, als fürchte er, etwas zu versäumen.
Endlich hielt er an, ohne dass der Junge erkennen konnte, welchen Grund es dazu gebe. Die beiden Indianer hatten eine Felswand umgangen, die etwa fünfzehn Meter hoch über die Baumwipfel herausragte. Sie befanden sich jetzt oberhalb dieser Steilwand, und der Knabe folgte dem Beispiel des Vaters, der sich hinlegte und, den Kopf vorsichtig über den Rand des Felshanges schiebend, hinunterlugte. Ein Wind hatte sich leise erhoben; die Wipfel am tiefer liegenden Hang neigten und hoben sich wie die Wellen eines dunklen Meeres.
Mit einem Ruck fasste der Häuptling den Arm seines Jungen, als ob er ihn halten oder auf etwas aufmerksam machen wollte, und Harka entnahm dieser Bewegung, dass er nicht geträumt hatte, sondern dass der Vater gesehen haben musste, was auch Harka Nachtauge gesehen hatte: Über eine Stelle der Felswand war ein Schatten geglitten, dessen Ursache dem Knaben noch völlig rätselhaft schien.
Auf dem Fels lag jener unbestimmte Schimmer, den der jetzt von Höhen und Wipfeln für das Auge verdeckte Mond und die Sterne in der Nacht entstehen ließen. In diesem matten Schimmer hatte sich, nur für ein Jägerauge wahrnehmbar, in der Mitte der Wand ein Schatten flüchtig bewegt, um sofort wieder zu verschwinden. Harka musterte die Stelle genau. Es wölbte sich dort ein Felsbuckel vor, während das Gestein dicht daneben stark zurückwich, fast, als habe es ein großes Loch. Vielleicht war dem auch wirklich so, vielleicht befand sich an dieser Stelle der Eingang zu einer der vielen Höhlen des Waldgebirges. Der Platz, an dem die Jägergruppe der Dakota, zu der Harka und sein Vater gehörten, seit einigen Wochen ihre Zelte aufgeschlagen hatte, war nicht allzu weit entfernt, zwei Stunden etwa, unten am Fluss. Harka Steinhart Nachtauge hatte als Anführer des Bundes der »Jungen Hunde« diese Gegend schon öfters durchstreift. Eben diese Felswand aber, bei der er sich jetzt mit dem Vater befand, hatte er immer gemieden, da in den Zelten von einem Zauber geraunt wurde, der hier wirken sollte. Vielleicht hing der schwer zu erklärende flüchtige Schatten damit zusammen? Harka schaute nach dem Vater, dessen ganze Aufmerksamkeit auch der Stelle galt, an der der Felsbuckel sich vorwölbte. Der Schatten war so gefallen, als ob sich hinter dieser Vorwölbung, für die beiden Indianer nicht sichtbar, irgendetwas schnell bewegt habe. Harka dachte nicht nur an den Zauber, er dachte auch an die Fußspur.
Häuptling Mattotaupa richtete sich in kniende Stellung auf, löste das Lasso, das er bei sich trug, und legte es um einen stark verwurzelten Baum oberhalb des Felshanges. Die hängenden Lassoenden fest packend, stieg er dann vorsichtig den Fels hinunter; er hielt sich immer so, dass er von einem etwa hinter dem Felsbuckel befindlichen Menschen nicht angeschossen werden konnte, ohne dass dieser sich selbst dem Auge des Indianers preisgab. Der Häuptling war mit den ledernen indianischen Gamaschenhosen und dem breiten Schurzgürtel bekleidet; an den Füßen trug er die weichen Mokassins aus Wildleder. Das Haar war in Zöpfe geflochten, die über die Schulter fielen. Eine Lederschnur um den Nacken hielt die Lederscheide, in der das Messer steckte. Andere Waffen trug »Vier Bären« nicht bei sich, nicht einmal den Tomahawk.
Der Häuptling umkletterte den Felsbuckel, hierzu reichte die halbe Lassolänge aus. Dann verschwand er für die Augen des Knaben hinter dem Felsvorsprung. Zwei Minuten lang blieb Harka allein, ohne etwas von dem Vater zu hören oder zu sehen. Schließlich kam die Hand des Häuptlings hinter dem Vorsprung hervor, und ein leichter Wink bedeutete dem Jungen, dass er dem Vater folgen solle.
Sehr rasch hatte auch Harka den Platz erreicht, an dem der Vater gebückt stand. Die beiden Indianer befanden sich am Eingang einer Höhle. Das Loch im Fels wirkte noch schwärzer als die Nacht. Der Häuptling ging ein paar Schritte weit in die Höhle hinein, mit dem Fuß immer vorsichtig tastend, denn der Höhlenboden war abschüssig. Harka folgte ihm in der gleichen Weise. Als der Vater sich setzte, setzte er sich auch. Die Höhlenwände waren feucht, die Luft beklemmend. Ganz von fern, aus der Tiefe des Berges, drang ein sanfter, fast singender Ton an das Ohr. Der Junge lauschte darauf, während er unwillkürlich recht nahe zum Vater rückte. Die mögliche Gefahr vonseiten eines Menschen war im Augenblick gebannt, da sich die beiden Indianer jetzt selbst im Höhlendunkel befanden und nicht mehr im Mondlicht ein gutes Ziel für einen versteckten Feind darstellten. Sie mussten nur wachsam sein, dann konnten sie nicht leicht überrascht werden. Harka vertraute der Kampferfahrung des Vaters vollständig.
Als der Häuptling sich überzeugt hatte, dass sich in der näheren Umgebung nichts rührte, machte er sich auf, um tiefer in die Höhle einzudringen. Es tropfte von der Höhlendecke. Merkwürdige Felsgebilde, die von der Decke herabzuwachsen schienen, und solche, die vom Boden her aufwuchsen wie kleine Pyramiden, sperrten den Weg an manchen Stellen, so dass das Vorwärtskommen schwierig war. Das Singen im Innern des Berges wurde stärker, es wuchs zu einem Rauschen an.
Harka hatte alle Gedanken ausgeschaltet. Er achtete nur noch auf den Weg und auf den Vater. Die beiden Indianer waren schon tief in den Berg hineingelangt. Das Rauschen wurde übermächtig; ein Dröhnen erfüllte die Höhle, das jede andere Sinneswahrnehmung benahm.
In diesem Augenblick spielte sich etwas ab, was Harka nur in Sekundenschnelle wie ein wirres grausiges Spiel wahrnehmen konnte. Es hatte mit einem Schrei angefangen, einem einzigen grässlichen, aus dem Dunkel hervorbrechenden Laut, der rings um die Wände und mit dem Echo wieder zurücklief. Dann hatte die eine Hand des Vaters, nach Halt suchend, Harka gepackt, und der Junge hatte das Gefühl, dass er in irgendeine namenlose Tiefe gerissen werde. Entsetzen durchzuckte ihn, und er schlang die Arme um einen Felszacken, denselben, an dem sich der Vater mit der anderen Hand noch hielt. Der Zacken brach ab. Wasser stäubte über Harka.
Doch in diesem Moment musste der Vater einen besseren Halt gefunden haben, denn er konnte den Knaben auf festen Felsboden ziehen. Von irgendwoher schrie es noch einmal, dann war nichts mehr um die beiden Indianer als Finsternis und das dröhnende Rauschen.
Harka zwang seinen heftigen Atem zur Ruhe. Als er wieder denken konnte, fragte er sich, ob der Vater geschrien habe. Nein, es konnte nicht der Vater gewesen sein. Im echowerfenden Fels und bei dem starken Rauschen mochte zwar eine menschliche Stimme anders klingen als sonst. Aber der zweite Schrei war von fernher erklungen, während sich der Vater dicht bei Harka befand.
Ein paar Funken leuchteten im Dunkeln auf. Harka hatte bei dem unaufhörlichen Dröhnen das Reiben mit dem Feuerzeug nicht hören können. Jetzt erkannte er im Funkenlicht die Hand des Vaters und das Wasser, das ihn selbst übersprüht hatte. Der kräftige Strahl einer unterirdischen Quelle drang aus einem ansteigenden Seitenarm des Höhlenganges, rechter Hand, kreuzte den Gang und stürzte dann als Wasserfall in die unbekannten Tiefen des Berges.
Die Funken verloschen wieder.
Der Vater erhob sich, fasste Harkas Hand und begann, ihn vorsichtig in Richtung des Höhlenausgangs zurückzuleiten. Nach einigen Metern konnte er die Hand des Knaben loslassen, es bestand keine Gefahr mehr für ihn, fehlzutreten oder abzurutschen. Harka folgte dem Vater, und schweigend, wie sie gekommen waren, gelangten die beiden Indianer wieder zu der Stelle, an der sich der Höhlenmund inmitten der steilen Felswand öffnete. Das Dröhnen und Rauschen war für ihre Ohren wieder verklungen, nichts vernahmen sie mehr als den fernen singenden Ton. Sie erblickten wieder die Wipfel der Bäume, die sich im Nachtwind neigten, und hoch über Fels und Wald funkelten die Sterne, unerreichbar, gleichgültig.
Ein Käuzchen schrie.
Der Häuptling untersuchte, ob die Lassoenden noch zu dem Felsbuckel hinabhingen. Es war alles unberührt, und Mattotaupa zog sein Lasso zu sich ein. Er legte es jetzt um einen Felsvorsprung und ließ sich vom Höhlenausgang zum Waldboden hinab. Harka tat es ihm nach und blieb dann in der Spur des Vaters, der im dunklen Wald den Hang querte und von der Südseite des Berges, an der man sich befand, zur Westseite strebte. Als Mattotaupa seine Gangart beschleunigte, hatte Harka wieder Mühe, ihm zu folgen.
Schließlich gelangten die beiden an eine Quelle, die mit ungewöhnlicher Breite und Gewalt aus dem Berge herausbrach; die Wasser jagten rauschend den waldigen Steilhang hinab zum größeren Bach am Fuße des Bergstocks.
An der Quelle machte der Häuptling halt. Die Bäume traten hier etwas auseinander, die Sterne schienen auf die kleine Lichtung, das Wasser schimmerte, und man konnte sich leichter zurechtfinden. Mattotaupa hieß den Jungen sich hinlegen und schlafen. Harka gehorchte, wenn auch ungern. Aber er wollte dem Vater beweisen, dass er sich in jeder Lage beherrschen konnte. Er suchte sich ein Moospolster, kuschelte sich zusammen und schlief fröstelnd ein.
Als er wieder erwachte, befand er sich mitten im allgemeinen Erwachen des Morgens. Die Finsternis löste sich auf, der Mond und die Sterne verblichen, Himmel, Bäume, Fels und Moos gewannen Farbe, und in der stark hervorbrechenden, quirlenden Quelle tanzten die Lichtreflexe der heraufziehenden Sonne. Vögel sangen, Eichhörnchen verfolgten sich, ein Käfer schwirrte und suchte Nahrung. Es war kalt, kälter noch als in der Nacht; der Tau auf den dürren Blättern und Nadeln, die den Boden bedeckten, wirkte silbern wie Reif.
Harka beobachtete den Vater, der rings um das Gewässer nach Fährten zu suchen schien. Aber abgesehen von einigen Wildspuren, die zu Quelle und Bach und wieder davon weg führten, war nichts zu finden. Der Häuptling setzte sich zu dem Jungen.
»Es war ein Mensch in dem Berg«, sagte er langsam und sehr ernst. »Das Wasser, dem wir in der Höhle begegnet sind, kommt hier aus dem Berg heraus.«
Harka betrachtete die Quelle eingehend. Konnte ein Mensch damit aus dem Berg herausgelangen? Es schien unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Während Harka noch nachdachte, hörte er den Vater schon weitersprechen: »Es wäre besser, noch einige Tage hier zu bleiben. Dann ist der fremde Mensch entweder tot, oder er zwängt sich mit der Quelle heraus. Aber du weißt, dass wir mit unseren Zelten weiterziehen wollen, um Büffel zu finden, und dass ich als Kriegshäuptling den Wanderzug anführe. Ich darf nicht hier verweilen. Wir können nichts anderes tun als einen Krieger holen und an der Quelle wachen lassen. Er muss später unserer Fährte folgen. Lauf zu den Zelten und frage den Friedenshäuptling Weißer Büffel, wen er als Wache hierhersenden will. Ich bleibe hier, bis ich abgelöst werde. Hast du mich verstanden?«
Harka machte sich auf den Weg. Er war zwar müde, aber zu erregt, um sich dessen bewusst zu werden, und hetzte in leichten Sätzen den Abhang schräg hinab dem Zeltdorf zu. Dabei brannte in seinem Innern die Frage, warum der Vater ihn in dieser Nacht in die Höhle geführt hatte. Was hatte er ihm offenbaren wollen? Durch das Zusammentreffen mit dem Unbekannten war alles anders verlaufen als vorhergesehen, und das Geheimnis, das Mattotaupa seinem Sohn in der letzten Nacht in der Waldheimat hatte enthüllen wollen, war Geheimnis geblieben. Voller dunkler und unbestimmter Ahnungen kam Harka endlich wieder zu den Zelten, die er in der Abenddämmerung des vergangenen Tages verlassen hatte.
Die Tipis, wie die Dakota ihre runden, oben spitz zulaufenden Lederzelte nannten, waren auf einer Waldwiese oberhalb des Flusses aufgebaut. Eine Gruppe von vier größeren Zelten unterschied sich von den anderen: das Zauberzelt des Geheimnismannes, das Beratungszelt, das Zelt des Friedens- und das des Kriegshäuptlings. Diese Tipis waren besonders sorgfältig mit Zauberzeichen in den bunten Erdfarben bemalt, die die Indianer herzustellen wussten. Das Zelt des Kriegshäuptlings Mattotaupa trug das Zeichen großer Vierecke. Auf den schweren Lederplanen lag der Sonnenschein. Harkas Mutter hatte die büffelledernen Zeltwände am Eingang gegen Osten zu von den in die Erde gerammten Pflöcken gelöst und aufgeschlagen, Luft und Licht konnten frei in das Zelt dringen. Harka sah den Feuerplatz in der Mitte des väterlichen Tipis, den Rauch, der kerzengerade aufstieg, und die irdenen Schüsseln. An der Feuerstelle saß die Großmutter und nähte an einem Gewand. Harkas jüngere Geschwister, ein zehnjähriges Mädchen und ein neunjähriger Junge, schauten aufmerksam zu. Die Mutter war vor dem Zelt damit beschäftigt, einen Hasen abzuhäuten. Harka verspürte großen Hunger, denn es hatte seit Wochen nur wenig zu essen gegeben, aber er unterdrückte ihn. Seinem Auftrag gemäß ging er sofort zu dem Zelt des Friedenshäuptlings, das neben dem Tipi Mattotaupas stand.
Das Zelt des Weißen Büffel war geschlossen. Es war in den letzten Tagen immer geschlossen gewesen, denn der Friedenshäuptling war krank. Auch die Beschwörungen des Zaubermanns hatten ihn noch nicht zu heilen vermocht. Er siechte dahin, ohne eine Wunde zu haben. Harka empfand Scheu vor dem unsichtbaren Feindlichen, das im Mark des Friedenshäuptlings fraß. Als jetzt in dem benachbarten Tipi des Zaubermannes, das mit Schlangen und Donnervögeln bemalt war, ein dumpfer Zaubergesang anhob, nahm der Knabe die Hand vor den Mund, um leise zu Wakantanka, dem »Großen Geheimnis« zu sprechen, das, ihm unfassbar, hinter allem stand, was er sehen und hören konnte.
Er raffte sich auf und trat in das Zelt des Weißen Büffel ein.
Es war dämmrig im Innern. Im Hintergrund saß die Frau, still, scheinbar teilnahmslos. Das kimonoförmig geschnittene Ledergewand, dessen Ärmel und Saum in Fransen ausliefen, legte sich weich um ihre Gestalt. Sie hatte die Hände in den Schoß gelegt und schaute mit trauerndem Blick nach dem Jungen, der bis zur Feuerstelle herangekommen war. Weißer Büffel lag ausgestreckt auf einem Lager von Lederdecken mit der Kopfstütze aus Weidengeflecht, das von einem Dreifuß herabhing. Sein Gesicht war eingefallen, seine Hände waren abgemagert. Er machte eine leise Bewegung, um zu zeigen, dass er aufmerke. Am Fußende seines Lagers stand Schonka, Weißen Büffels einziger Sohn, ein Bursche von fünfzehn Jahren, nackt bis auf den Gürtel. Harka senkte den Blick. Er mochte Schonka nicht. Es war jene Art von Abneigung zwischen den beiden entstanden, die in hundert unwichtigen Anlässen ausbricht und in keinem einzelnen davon ihre Ursache hat. Harka wollte jetzt nicht daran denken. Es lag ihm nur daran zu erreichen, dass Weißer Büffel der Bitte von Harkas Vater nachkam und einen Wachposten an der Bergquelle zurückließ, wenn das Dorf aufbrach.
Der Junge berichtete kurz und sachlich.
Der kranke Häuptling schien nicht alles erfasst zu haben, was Harka sagte, denn er bewegte den Kopf unruhig und hilflos hin und her, um sich schließlich an Schonka zu wenden.
»Wir können keinen Krieger entbehren – sagt mein Vater«, bemerkte der Bursche zu Harka, aber dieser begriff, dass die Ablehnung nur eine Willkür Schonkas war, und der Zorn stieg in ihm auf.
»Geh«, befahl Schonka. »Mein Vater hat gesprochen, hau.«
Harka schaute noch einmal zu dem Kranken. Dieser hatte die Augen mit den Lidern bedeckt; es war keine Hoffnung, dass er selbst sprechen werde. Da wandte sich der Junge ab und ging hinaus.
Was sollte er tun?
Er schaute sich um. Das Dorf war lebendig; er hatte das bei seinem Kommen als etwas Altgewohntes und in diesem Augenblick nicht eben Wichtiges kaum wahrgenommen. Aber als er jetzt mit den Augen überall umhersuchte, ließ er jedes Wesen und jeden Vorgang vor seinem Bewusstsein die Reihe passieren; die unruhigen Hunde, die ebenso hungrig waren wie der Junge selbst, die mageren Knaben, die ein Ballspiel mit Stöcken spielten und laut johlten, die kleinen Mädchen, die in den aufgeschlagenen Zelten den Müttern und großen Schwestern halfen, endlich die zahlreichen Pferde, die an Gesträuch, kargem Gras und Rinde knabberten, und vor einigen Zelten die Kriegs- und Jagdtrophäen – Büffelhörner, Skalpe –, die an hohen Stangen aufgehängt waren und sich im Morgenwind bewegten. Am reichsten war die Stange vor Harkas väterlichem Zelt mit Trophäen versehen.
Es dauerte nicht lange, bis Harka seinen Freund, den Falken, entdeckte. Dieser war älter als Harka, schon sechzehn Jahre, lang gewachsen und hager. Harka ging auf ihn zu, und Falke unterbrach seine Arbeit. Er war damit beschäftigt gewesen, Pfeilspitzen zuzurichten.
Harka kauerte sich neben den anderen, denn wenn er auch Eile hatte, so war es doch nicht ziemlich, eine wichtige Sache mit Hast zu betreiben. Er wiederholte den Bericht, den er Weißem Büffel gegeben hatte, fast wörtlich. »Nun sprich du, Tschetan«, so schloss er. Tschetan war das Wort für Falke.
»Dein Vater ist unser Kriegshäuptling«, sagte der hagere und dunkelhäutige Bursche energisch. »Mag er doch befehlen. Ein fremder Mann ist in unseren Jagdgründen – das bedeutet Kampf! Mattotaupa hat dazu selbst das Wort.«
Harka schoss das Blut in die Wangen und bis zu den Schläfen hinauf. Er spürte aus den Worten des Freundes den Vorwurf, dass Mattotaupa nicht entschlossen genug sei, und weil er im Tiefsten spürte, dass dieser Tadel gegenüber dem bewunderten Vater irgendeine Berechtigung habe, erbitterte er sich umso mehr darüber.
»Mein Vater weiß, was er tut. Hau. Würdest du die Wache an der Quelle übernehmen, obgleich du noch kein Krieger bist?«
»Das würde ich tun, wenn mein Vater Sonnenregen es erlaubt. Komm, wir gehen zusammen zu ihm.«
Harka machte sich mit dem Freunde zusammen auf den Weg. Sonnenregen, der Vater des Falken, befand sich nicht im Dorf. Er war auf die Prärie hinausgeritten, die sich weithin um den waldigen Bergstock zog, und die beiden jugendlichen Freunde holten sich daher ihre Pferde, um der Spur zu folgen. Falke wusste, dass sein Vater gegen Südwesten hin spähen wollte, ob Büffel in Sicht seien. Er brauchte mit Harka zusammen nur durch den Wald und durch den seichten Fluss zu reiten, der das Bergmassiv im Süden umfloss. Nach Durchquerung des letzten Waldstreifens entdeckte er auf dem unendlichen, welligen, braungrünen Grasland sofort die Reiterfährte des Vaters. Harka und Tschetan trieben ihre zierlichen, halbwilden Scheckenpferde, die sie ohne Sattel ritten, zum Galopp an. Die Spur im Gras war für ihre Augen deutlich wie ein gezogener Pfad.
Nach einer Viertelstunde erreichten sie den Gesuchten. Er war längst auf das dumpfe Geräusch, das die Hufe der beiden galoppierenden Pferde verursachten, aufmerksam geworden und hatte die jungen Reiter erspäht. Er hatte angehalten und erwartete die beiden zu Pferd.
Harka wiederholte seinen Bericht wörtlich zum dritten Mal, ohne etwas auszulassen und ohne etwas hinzuzufügen.
Sonnenregen schaute nachdenklich über die Prärie. Das Sonnenlicht war schon hell und blendend, und der Wind biss in die Augen, so dass die Indianer blinzelten.
»Wir gehen zu dritt«, entschied der Krieger. »Harka führt uns. Ich will diese Stelle sehen, und Mattotaupa soll dann entscheiden, wer von uns die Wache übernimmt. Wenn nicht unterdessen schon etwas geschehen ist.«
Zu Pferd waren der Wald und das Zeltdorf bald wieder erreicht. Die Indianer glitten von den Mustangs, und Harka und Tschetan brachten alle drei Tiere zur Herde zurück. Dann machten sie sich zu Fuß auf den Weg zu der Quelle und dem Häuptling Mattotaupa. Wie Wildkatzen huschten sie durch den Wald bergan, Harka als erster, ihm folgte Sonnenregen, und Falke beschloss die Reihe.
Sobald sich die Dreiergruppe der Umgebung der Quelle näherte, wurde Harka als Führer sehr vorsichtig. Seine Vorsicht entsprang einer schon zum Instinkt gewordenen Erfahrung, dass man überall, wo etwas Unbekanntes am Werk sein konnte, selbst so unerkannt wie möglich bleiben musste. In Deckung hinter Bäumen und Sträuchern leitete er seine beiden Begleiter zu einem Felsvorsprung am Berghang, von dem aus sie zu der Quelle hinabspähen konnten. Harka Steinhart Nachtauge freute sich sehr bei der Vorstellung, dass es ihm gelingen würde, den Vater zu beobachten, ohne selbst von ihm entdeckt zu werden. Ein solches kleines Meisterstück würde der Vater später lachend loben.
Jäh brachen Harkas Gedanken und Wunschträume ab, als er, zwischen Gebüsch am Boden liegend, den ersten Blick auf die Bergquelle und den Steilhang warf, den das Wasser hinunterschoss.
Bei dem sprudelnden, hell plätschernden Wasser lag die mächtige Gestalt Mattotaupas; der Kopf war abwärts-, die Füße waren am Hang aufwärts gelagert, die Arme und Hände wirkten schlaff. Der Häuptling lag auf dem Gesicht.
Blut war nicht zu sehen, eine Verletzung – aus der gegebenen Entfernung – nicht zu bemerken. Das Messer steckte noch in der am Lederband getragenen Scheide. Harka spähte nach Spuren, aber sein Blick konnte keine finden.
Am liebsten wäre er sofort zum Vater hinuntergesprungen, denn es quälte ihn eine entsetzliche Angst, dass Mattotaupa tot sei. Aber Sonnenregen, der Harkas Empfindung verstand und vielleicht auch teilte, hielt den Knaben durch eine Berührung mit der Hand zurück und gab dann in der lautlosen Zeichensprache seine Anweisungen für Harka und den jungen Tschetan. Tschetan sollte an dem Beobachtungsplatz bleiben, während Sonnenregen und Harka von rechts und links, die Quelle im Kreis umgehend, das Terrain sondieren und sich bei dem Quellbach wieder treffen wollten.
Der elfjährige Harka hatte damit eine verantwortungsvolle Aufgabe, und er war sich bewusst, dass Sonnenregen auf ihn zählte wie auf einen Krieger. Dieses Vertrauen stärkte den Jungen, und der Anblick des Vaters, der ohnmächtig oder tot auf dem Waldboden lag, erbitterte ihn gegen den unbekannten Feind. Er empfand Spannung und zugleich jene Ruhe, wie sie der starke Mensch in dem Augenblick behält, in dem er einer Gefahr zu begegnen vollständig entschlossen ist.
Vorsichtig schlich der Indianerknabe von dem buschbewachsenen Felsvorsprung, der als Ausguck gedient hatte, waldabwärts, immer in Deckung gegen den freien Platz um die Quelle. Bald kroch, bald huschte er weiter, gedeckt von Stämmen und Stämmchen. Er trat auf keinen dürren Zweig, und er vermied es, einen Ast zu bewegen. Nicht ein Blatt sollte sich rühren und den unbekannten Feind aufmerksam machen. Vielhundertmal hatte Harka schon einen solchen Gang geübt, im Spiel mit den Altersgenossen, auf der Kleinwildjagd im Walde mit dem Vater. Ein Junge der Dakota machte eine strenge Schule durch, in der er alles für das Leben eines Jägers und Kriegers Notwendige lernte. Harka war der Anführer seiner Altersgenossen im Bunde der Jungen Hunde. Das war er geworden, nicht weil er der Sohn des Kriegshäuptlings war, sondern weil er sich umsichtig, entschlossen und gewandt zeigte. Darum vertraute ihm heute auch Sonnenregen, der Unterhäuptling, wie einem Mann.
Harka war am Waldrand ein gutes Stück abwärts gelangt, ohne dass sich bis dahin etwas ereignet hatte. Von seinen Gefährten nahm er nichts wahr, weder von Tschetan, der auf dem Fels oben in voller Deckung lag, noch von Sonnenregen, der, gleich Harka, auf der anderen Seite der Quelle durch den Wald schlich und einen weiteren Weg hatte als der Knabe, da er das Wasser erst von oben im Bogen umging.
Der Morgengesang der Vögel war längst verstummt, nur hin und wieder ertönte noch ein Zwitschern und Zirpen. Eine Eidechse lag auf besonntem Geröll und wärmte sich auf. Harka umging den Platz sorgfältig, um das Tier nicht zu beunruhigen. Eine Eidechse, die weghuschte, konnte einen Feind schon misstrauisch machen.
Bis jetzt hatte der Knabe keinerlei Spur von einem Menschen entdeckt, der gekommen oder gegangen wäre. Mit gleichbleibender Vorsicht schlich er weiter und kam endlich dem reißenden Bach nahe, dem Abfluss der Quelle am Hang. Harka lugte zwischen Bäumen und Gesträuch nach dem Wasser. Die Wellen sprangen über glatt gescheuerten Boden und gewaschene Steine; sie fingen das Licht, glitzerten und wurden wieder dunkel wie Walderde und grünes Moos. Oben von der Quelle und tiefer unten von einem kleinen Wasserfall her rauschte es kräftig; dazwischen gluckerte und gurgelte es um ein paar Steine. Harka kannte dieses Wasser von seinen Streifzügen mit den Jungen Hunden. Er wusste genau, wie der Bach verlief und wo der Wildwechsel war.
Nichts schien sich verändert zu haben, nirgends war eine verdächtige Spur zu sehen. Harka schaute aufmerksam umher. Hier am Bach sollte er sich mit Sonnenregen treffen.
Zwischen dem Gesträuch am anderen Bachufer erschien das Gesicht des älteren Indianers. Harka und er schauten sich an, und jeder entnahm dem Blick des anderen, dass keiner etwas Auffallendes entdeckt hatte. Sonnenregen bedeutete Harka durch eine leise Kopfbewegung, dass er, auf seiner Uferseite bleibend, aufwärts zur Quelle schleichen sollte. Dann verschwand das Gesicht des Sonnenregen wieder, und wenn Harka nicht gewusst hätte, dass der Krieger am jenseitigen Ufer aufwärts schlich, er würde nichts davon wahrgenommen haben. Vielleicht war der unbekannte Feind ebenso geschickt und bewegte sich irgendwo im Walde, ohne dass die Indianer ihn entdeckten? Harkas Spannung steigerte sich immer mehr, je näher er dem Platz kam, an dem sein Vater lag. Der Ohnmächtige oder Tote befand sich auf der Uferseite, an der der Knabe mit noch zunehmender Behutsamkeit aufwärts kroch.
Harka erreichte eine Stelle, von der aus er die Quelle und den Vater aus der Nähe sehen konnte, während er selbst hinter Zweigen und einem kleineren Steinblock gut versteckt blieb. Dabei machte er eine überraschende Entdeckung, und Freude erfüllte ihn. Mattotaupa lebte! Er bewegte seine Augen. Während seine Stirn zur Erde gewandt blieb, blickte er vorsichtig zu seinem Jungen hinüber, den er im Versteck bemerkt haben musste.
Harka rührte sich nicht. Er suchte nur mit den Augen die Umgebung und die Gestalt des Vaters ab, jedem Fingerbreit widmete er einige Zeit seine Aufmerksamkeit. Wahrscheinlich verhielt sich Sonnenregen ebenso, denn von ihm war noch nichts wahrzunehmen, obgleich er am jenseitigen Bachufer längst ebenso weit gelangt sein musste wie Harka am diesseitigen.
Alle suchten mit den Augen und lauerten mit dem Gehör, Tschetan oben auf dem Fels, Harka und Sonnenregen im Wald am Bach und offenbar auch Mattotaupa selbst, der wach, aber regungslos liegen blieb.
Die Sonne schien hell auf die kleine Lichtung an der Quelle. Zwei Bienen summten umher, die ersten ihrer Art nach der Schneeschmelze. Sie mussten hungrig sein wie die Menschen, die auch die Wintervorräte aufgezehrt hatten. Die Bienen suchten nach Nektar, die Dakota nach Büffeln, aber noch hatte weder Tier noch Mensch gefunden, was er zum Leben brauchte.
Die ungestört summenden Bienen, eine Spinne, die über trockene Steine am Wasser kroch, ein Vogel, der herabflatterte und am Bach nippte, bewiesen, dass die vier Indianer sich ruhig genug verhielten, um die Tiere nicht scheu werden zu lassen. Gab es noch einen anderen Menschen, der sich auch so still verhielt? Das war immer wieder die Frage.
Harka überlegte, warum sein Vater so merkwürdig auf dem Boden lag, mit dem Kopf abwärts, die Arme gespreizt, als ob er gestürzt sei. Der Junge prüfte genau die Lage der Steine. Mattotaupa musste gestürzt sein. Die Spuren waren selbst für ein Jägerauge aus nächster Nähe kaum zu erkennen. Harka nahm an, dass der Vater am Bach gestanden hatte, etwas unterhalb der Quelle, so weit unterhalb, dass sich der Kopf in Höhe der Quelle selbst befand. Ein leichter Zeheneindruck im Sand verriet den Standplatz. Mattotaupa hatte so gestanden, dass er Fels und Quelle den Rücken drehte. Er hatte bachabwärts geschaut, sicher nur für einen Augenblick oder weil irgendetwas unten im Wald seine Aufmerksamkeit erregt hatte, vielleicht ein Geräusch. Als Harka den Vater vor Stunden verlassen hatte, hatte er noch wahrgenommen, wie dieser sich verbarg, um die Quelle unbemerkt zu beobachten. Warum war er aus seinem Versteck hervorgekommen? Das konnte der Knabe sich nicht erklären. Der Vater schien auch nicht verwundet zu sein. Sein brauner Rücken, die bärenfettglänzende Haut, die unempfindlich gegen Kälte und Nässe war, spiegelte in der Sonne; das blauschwarze Haar war glatt gescheitelt. Unversehrt war die Schlangenhaut, die als Stirnband diente. Unversehrt hingen die beiden schönen Federn des Kriegsadlers am Hinterkopf. Die hellledernen Gamaschenhosen, die Mokassins waren nicht beschmutzt; das Messer war in der Scheide, das Lasso lag zur Hand. Das einzige, was Harkas Verdacht erregte, war ein seltsamer Stein, der nicht weit von Mattotaupa lag. Er glich nicht den Kieseln, die das Wasser rundgewaschen hatte, sondern war eckig und bizarr geformt. Seine Oberfläche war rauh wie die der kleinen Steinpyramiden, die in der Höhle, vom Boden aufwachsend, das Vorwärtskommen so schwer gemacht hatten.
Mattotaupa bewegte sich plötzlich. Mit der Geschwindigkeit einer flüchtenden Eidechse glitt er von seinem Platze weg und hinter Steinblock und Gebüsch zu Harka. Wortlos warteten dann beide. Sie brauchten ihre Gedanken nicht auszutauschen. Es war klar, dass Sonnenregen den Vorgang vom anderen Ufer her beobachtet haben musste und so rasch, wie es unbemerkt möglich war, herüberkommen würde.
Nach kurzem erfüllte sich diese Erwartung. Sonnenregen kroch heran, Mattotaupa und Harka rückten zusammen, und eng aneinandergedrängt beobachteten die drei vom selben Versteck aus die Quelle. Dort ging etwas vor, was ihre Aufmerksamkeit und ihr Erstaunen erregte. Der Quellstrahl wurde unruhig, schwächer, zerteilter, als ob er im Innern des Berges ein Hindernis für sein Hervorbrechen gefunden habe. Dann schoss er plötzlich mit verdoppelter Gewalt hervor und schleuderte dabei zwei faustgroße Steine mit, von denen der eine auf das Kieselgeröll polterte, der zweite gegen einen Stamm schlug. Harka sah die beiden Steine, vom Bachwasser übersprüht, liegen. Sie waren ebenso spitzig und sonderbar geformt wie der erste, der seinen Verdacht erregt hatte.
Mattotaupa, Sonnenregen und Harka schauten sich fragend an. Die beiden Männer begannen in der Zeichensprache miteinander zu sprechen.
»Das ist kein Mensch, der diese Steine schleudert«, sagte Mattotaupa.
»Das Wasser ist Zauberwasser«, antwortete Sonnenregen. Die Männer hielten die Hand bergend vor den Mund, und Harka tat nach ihrem Beispiel.
Mattotaupa begann, sich vom Bach weg in den Wald zurückzuziehen, die beiden anderen folgten ihm. Als sie eine gewisse Entfernung vom Bach gewonnen hatten, so dass man ein leises Wort dort nicht mehr hören konnte, begann Mattotaupa flüsternd zu berichten, was geschehen war, als er allein an der Quelle gewacht hatte.
»Wisst«, sagte er, »nachdem Harka mich verlassen hatte, lag ich versteckt und beobachtete die Quelle. Einmal hörte ich weiter unten im Wald ein Reh. Wir haben Hunger im Dorf. Ich wollte mich aufmachen, um es mit dem Messer zu erlegen, und ich gestehe, ich war zu schnell, ich verließ mein Versteck, um von der Lichtung aus besser zu lauschen und sprungbereit zu sein. Nicht länger als du brauchst, um das Auge mit dem Lid zu bedecken, stand ich mit dem Rücken gegen die Quelle. Da fühlte ich einen Schlag gegen den Hinterkopf; ich sah nichts mehr, wusste aber noch von mir. Ich stürzte.«
Mattotaupa machte eine Pause.
»Ein Stein hatte dich getroffen?«, fragte Sonnenregen.
»So war es. Er liegt noch am Bach. Habt ihr ihn nicht gesehen? Es ist kein Kiesel.«
»Ich habe ihn gesehen«, sagte Harka.
»Bald wurde es mir wieder licht vor den Augen«, erzählte Mattotaupa weiter. »Aber ich wusste nicht, wie der Stein durch die Luft hatte fliegen können und ob nicht ein Feind ihn geworfen hatte. Wenn es ein Feind war, der ihn geworfen hatte, wollte ich ihn überlisten. Ich blieb reglos liegen, damit er mich für tot halten sollte. Wenn er kam, um meinen Skalp zu holen, wollte ich aufspringen und ihn töten.
Aber es ist kein Feind gekommen. Ihr seid gekommen.«
»Ja«, antwortete Sonnenregen nur und überlegte dann lange. Endlich nahm er wieder das Wort. »Es ist eine Zauberhöhle, und es ist Zauberwasser«, sprach er dann und legte großes Gewicht auf jedes Wort. »Hawandschita, unser Zaubermann, hat das ganze Dorf gewarnt. Es war nicht gut, Mattotaupa, dass du in der Nacht vor unserer Wanderung zu der Zauberhöhle gegangen bist und einen Knaben mitgenommen hast. Der Zaubergeist hat dich noch einmal gewarnt. Es kann auch sein, dass dies für uns alle ein böses Zeichen ist.«
Harka sah, wie dem Vater das Blut aus dem Gesicht wich, so dass seine braune Haut einen grauen Schimmer bekam. »Ein böses Zeichen? Wofür?«, fragte Mattotaupa mit einer Stimme, die so wenig Klang hatte wie ein gesprungener Krug.
»Ein böses Zeichen dafür, dass wir uns in große Gefahr begeben, wenn wir mit unseren wenigen Männern in neue Jagdgründe ziehen.«
Mattotaupa runzelte die Stirn. »Die Büffelherden scheinen ihre Wege geändert zu haben. Wir wollen nicht verhungern.«
Sonnenregen vermied es, dem Häuptling ins Gesicht zu sehen. »Also gehen wir«, sagte er nur noch.
Die Männer wollten sich in Bewegung setzen, da machte Harka ein bittendes Zeichen mit der Hand.
»Du willst noch etwas sagen?«, fragte ihn der Vater.
»Die Spur, Vater! Ich habe in der Nacht eine Fußspur gesehen, die Spur eines fremden Fußes, du weißt es, und Sonnenregen weiß es auch.«
»Wir können auf dem Rückweg noch einmal suchen«, entschied Mattotaupa nach einigem Zögern.
Sonnenregen stimmte nur ungern zu. Aber er wollte sich auch nicht weigern. So riefen die Männer Tschetan von seinem Ausguck herbei; sie riefen nicht seinen Namen, sondern gaben ein dreimaliges Zeichen mit einer Vogelstimme. Zu viert machten sie sich dann auf den Weg nach jenem Platz im Wald, an dem Harka in der Nacht gewartet und den Fußabdruck gesehen hatte.
Zu viert suchten sie, ohne eine Fährte zu finden. Allerdings, Harka war der Einzige, der ganz entschlossen und sehr genau suchte, und er glaubte, dass die Männer und Tschetan, verwirrt durch das Geschehene, die Suche zu früh abbrachen. Aber er war nur ein Knabe, und es war genug, dass er einmal seine Meinung hatte sagen dürfen. Ein zweites Mal würden ihm die Häuptlinge nicht das Wort gegeben haben. So blieb ihm nichts anderes übrig, als nach der bis dahin vergeblichen Umschau dem Vater und seinen Begleitern zurück ins Dorf zu folgen.
Kampf mit Wölfen
Es war dem Jungen seltsam zumute, als er wieder zu dem väterlichen Zelt kam, aber er ließ sich äußerlich nichts von seinen erregten Gedanken und Gefühlen anmerken. Die Mutter rief ihn zum Essen. Sie röstete den Hasen über dem Feuer in der Zeltmitte, und Harka setzte sich mit dem jüngeren Bruder und der Schwester, mit der Mutter und der Großmutter zusammen. Das röstende Fleisch duftete köstlich, und vor dem Zelt lauerten die halbwilden Hunde und schnüffelten sehnsüchtig. Als das Fleisch gar war, nahm jeder sein Messer – auch Harkas jüngere Geschwister besaßen schon ein eigenes – und eine irdene Schüssel. Die Großmutter wählte sich den Hasenkopf, die Mutter und das kleine Mädchen Uinonah erhielten je einen Vorderlauf, die beiden Jungen Harka und Harpstennah je einen Schlegel. Das Rückenstück blieb für den Vater, der jetzt nicht im Zelt anwesend war und nach der Sitte des Stammes auch nicht mit Frauen und Kindern zusammen aß.
Nach der Mahlzeit traf Harka sich mit Tschetan. Er hätte gern mit dem älteren Freund über die Ereignisse gesprochen; am liebsten wäre er nochmals in den Wald gelaufen, um nach Fährten bei dem Höhleneingang zu suchen! Ein Mensch konnte unmöglich spurlos kommen und gehen. Aber da Tschetan nicht mehr von der Sache sprach, wagte auch Harka es nicht, seine eigene Meinung offen zu vertreten. Er schwieg über das, was er dachte, doch er blieb voll Unruhe. Um sich nichts anmerken zu lassen und auch um sich selbst über seine Unruhe hinwegzutäuschen, rief er eine ganze Rotte Junger Hunde zusammen. Sie rannten miteinander hinunter zu dem Fluss am Fuße des Berges. Dort spielten die Knaben, tauchten rasch in das eiskalte Wasser unter, schwammen ein Stück. Die Jungen waren sehr abgehärtet. Wer empfindlich war, starb bei dem rauhen Leben in der Wildnis früh, und die Kinder, die herangewachsen waren, konnten schon viel vertragen.
Harka bemerkte, dass auch Schonka, der Sohn des Weißen Büffel, durch den Wald zu dem Fluss herankam. Er beschloss, ihm einen Streich zu spielen, und versteckte sich hinter einem Weidengebüsch, bei dem Schonka das Ufer erreichen musste, wenn er seinen Weg nicht änderte. Es wurde schon dämmrig. In schimmerndem Rosa leuchteten Wolken und Wasser, die Blätter spielten zwischen Abendschein und wachsenden Schatten. Schonka kam arglos zum Ufer. Er war breit und kräftig gebaut. In seinem jungen Gesicht lag schon ein Anflug von Verbissenheit, der sich verhärtete, sobald es schien, dass Schonka von seinen Altersgenossen und den Jüngeren nicht so geachtet wurde, wie er es verlangte. Niemand wusste eigentlich, warum sein Ansehen nicht uneingeschränkt war, denn er blieb in den Übungen der Burschen, im Wettreiten, im Steinwerfen, im Schwimmen, nicht hinter den anderen zurück. Aber es gab einen, der ihn übertraf, obgleich er jünger war: Harka Steinhart Nachtauge. Dieser genoss noch größere Achtung, und das beeinträchtigte das Ansehen Schonkas bei den Jungen und Mädchen.
Schonka hatte das Weidengebüsch erreicht, ohne Harka zu bemerken. Dieser fasste nach Schonkas linkem Fuß und riss ihn aus dem Halt. Schonka, völlig überrumpelt, klatschte bäuchlings ins Wasser. Ein lautes Gebrüll der Knabenhorde belohnte Harkas Erfolg. Harka selbst sprang mit ein paar Sätzen über Steine und einen alten Baumstamm zur Flussmitte, wo das Wasser in einer tiefen Rinne schnell flutete. Mit einem schrillen Ruf verhöhnte er Schonka, der eben triefend wieder auftauchte und sofort auf den Knaben losrannte. Harka ließ ihn bis auf Armlänge herankommen, dann schoss er wie ein Hecht in die Flussrinne und schwamm unter Wasser abwärts.
Schonka folgte ihm nicht. Er blieb stehen und beobachtete, wo Harka auftauchen würde; einen Stein nahm er als Wurfwaffe zur Hand.
Harka spürte, dass er fast zu viel gewagt hatte. Das Wasser war, von der Schneeschmelze gespeist, von beißender Kälte, und dem jungen Schwimmer begannen Hände und Füße abzusterben. Er wollte durchaus unter Wasser bleiben, bis er die nächste Biegung gewann und hinter einem großen Felsblock, von Schonka ungesehen, die Flussrinne verlassen konnte. Er fühlte, wie ihm die Kälte ans Herz ging und die gefährliche verführerische Müdigkeit über ihn kam, die die Energie lähmt und den Übergang zur Ohnmacht angenehm wie das Einschlafen erscheinen lässt. Aber die Vorstellung, wie lächerlich es sei, bei einem Spiel umzukommen, spornte ihn von neuem an, und er schwamm mit aller Anstrengung noch ein Stück, bis er wahrnahm, dass er die Biegung gewonnen hatte. Da fasste er Grund, kroch schnell aus dem Wasser und duckte sich, nass und vor Kälte schnatternd, hinter den Felsblock. Er konnte Schonka sehen, der langsam über Sand und Geröllstreifen flussabwärts ging, den Stein noch in der Hand. Oben am Fluss hatte die Horde der Jungen Hunde alle Spiele abgebrochen, um Schonka und seinen Kampf mit Harka zu beobachten. Einige rannten am Ufer abwärts, sie wollten in der Nähe sein.
Schonka steuerte direkt auf den Felsblock zu, hinter dem Harka hockte. Vielleicht wollte er von diesem Block Ausschau halten. Harka zog den Kopf ein und schmiegte sich dicht am Boden an den Fels. Er konnte Schonka nicht mehr sehen, umso aufmerksamer lauschte er.
Es wurde rasch dunkel, schon blinkten die ersten Sterne auf.
Harka bemerkte, wie der andere sich auf den Block schwang. Das war der Augenblick, auf den er gewartet hatte. Er schnellte hoch, sprang auf den Block, warf sich auf den überraschten Schonka und brachte ihn zu Fall. Beide stürzten von dem Felsblock in den Flusssand. Harka riss dem Gegner die Krähenfeder vom Schopf und jagte mit einem lauten Siegesruf in den Wald. Ein verdoppeltes Triumphgebrüll der Jungen Hunde belohnte diesen endgültigen Sieg ihres Anführers über den älteren Burschen.
Zwischen den Bäumen begegnete Harka seinem Freund Tschetan, der ihn mit den drei jungen »Rabenbrüdern« zusammen laut lachend und sehr lobend begrüßte.
Unterdessen hatte sich Schonka erhoben. Mit gespielt verächtlicher Haltung gegenüber der Knabenhorde verließ er den Schauplatz seiner Niederlage. In seinem Innern brannte die Wut, dass er unterlegen war. Über den Grund seines Versagens war er sich selbst nicht ganz klar. Er war stark, auch schnell. Wenn er Harka fassen konnte, hatte der Junge nichts zu lachen. Aber immer wieder überlistete ihn der jüngere. Harka war mit seinen Gedanken rascher als Schonka, und darum konnte er auch rascher und überraschender handeln. Er konnte besser kombinieren. Meist erriet er, was Schonka in einer gegebenen Situation tun würde, aber Schonka konnte nie berechnen, wie Harka sich verhalten werde.
Langsam ging Schonka um das Zeltdorf herum. Er brütete darüber, wie er sein Ansehen wiederherstellen und Harka einen Denkzettel geben könne. Die Vorstellung, dass man eine Scharte auswetzen müsse, war unter der Jugend des Indianerdorfes selbstverständlich.
Nach langem Nachdenken kam Schonka zu dem Entschluss, an diesem Abend nichts mehr zu unternehmen. Er wollte warten, es musste sich eine Gelegenheit finden, sein Vorhaben auszuführen. Missmutig ging er in das väterliche Zelt.
Dort fand er noch alles so vor, wie es gewesen war, als Harka vormittags von den Ereignissen in der Höhle berichtet hatte. Weißer Büffel lag fiebernd auf seinem Lager. Die Mutter kam jetzt aus dem Hintergrund herbei und flüsterte mit dem Sohn. Sie war voll Angst, dass Weißer Büffel sterben werde. Sollte sie noch einmal den Zaubermann um Hilfe bitten, der schon in der vergangenen Nacht nicht hatte helfen können? Oder vielleicht war ein Dampfbad im Schwitzzelt gut? Oder sie würde zu Untschida gehen, der Mutter Mattotaupas, die von allen Frauen im Dorf die heilenden Kräuter am besten kannte und als »Geheimnisfrau« selbst bei den Kriegern in hohem Ansehen stand.
Schonka wollte nichts von Untschida hören, die zu dem Zelte Mattotaupas und Harkas gehörte, gegen den er heute mehr als je eine Abneigung empfand. Der Zauberer im Nachbarzelt war dem Burschen selbst unheimlich. Aber ein Dampfbad konnte dem kranken Vater guttun. Schonka hatte wie die Mutter Angst davor, dass der Vater sterben würde. Schonka war fünfzehn Jahre alt, er wurde schon auf die Büffeljagd mitgenommen, aber ein Krieger war er noch nicht, und vermochte er die Mutter und sich selbst allein zu ernähren? Das würde schwerhalten. Wenn der Vater starb, musste Schonka mit der Mutter in ein anderes Zelt ziehen und einen anderen Vater haben. Vor alldem graute ihm, und weil er vor dem Leben ohne Vater Angst hatte, hatte er Angst um das Leben des Vaters. Ein Dampfbad würde dem Kranken sicher guttun.
Er wickelte den Kranken in eine Büffelhautdecke, und die Mutter lief schon voraus zum Schwitzzelt. Sie wollte nachsehen, ob die Heizsteine noch warm waren. Vorsorglich legte sie sie nochmals in die Glut. Als sie heiß genug waren, um Wasser darauf verzischen zu lassen, holte sie mit dem Sohn zusammen den Weißen Büffel. Sie setzten den Kranken in das Schwitzzelt, und die Frau goss Wasser auf die Heizsteine, so dass das ganze Zelt mit Dampf erfüllt wurde. Als Weißer Büffel der Schweiß am ganzen Körper ausbrach, wurde er von Schonka und der Frau zum Fluss gebracht, um im kalten Wasser unterzutauchen. Das war die altgewohnte Art, an Rheumatismus oder Fieber Erkrankte zu behandeln. Weißer Büffel schauerte zusammen, und als Schonka und seine Mutter ihn aus dem Wasser hoben, legte sich sein Körper schlaff auf ihre Arme, und mit einem krampfartigen Erschrecken begriff Schonka, dass sein Vater tot war.
Der Atem stockte dem Burschen noch, als er den Toten mit der Mutter zusammen wieder zum Zelt brachte. Die Frau suchte mit dem Jungen zusammen starke gegabelte Stöcke hervor und rammte sie vor dem Zelt in die Erde. Den Leichnam schnürte sie fest in eine der Lederdecken ein und hing ihn am Kopf- und Fußende an die Stöcke. Es war Sitte, dass ein Toter die Erde nicht mehr berühren sollte.
Dann stimmte die Frau die Klagegesänge an, die das ganze Dorf aufhorchen ließen und wach hielten. Mit langgezogenem Jaulen stimmten die Hunde in die Wehklagen der Menschen ein.
Harka lag mit seinem Bruder Harpstennah zusammen auf Decken im väterlichen Tipi. Harpstennah war eingeschlafen, aber Harka war noch wach, und er hörte, wie die Mutter und die Großmutter miteinander flüsterten. Der Vater war noch nicht ins Zelt gekommen; er weilte zur Beratung bei dem Unterhäuptling Sonnenregen.
Harka war in den letzten Stunden der vergangenen Nacht auf dem Moospolster an der Quelle eingeschlafen, aber jetzt im Zelt schlief er nicht. Er dachte an das Geheimnis der Höhle, das er nicht erfahren hatte, an die Fußspur, an den Aufbruch am kommenden Morgen, und er hörte Stunde um Stunde den Klagegesang, der vom Zelt des Weißen Büffel herüberdrang. Weißer Büffel war tot.
Auch Harka war darüber erschrocken. Am kommenden Morgen sollten die Tipis zu neuen Jagdgründen aufbrechen. In den neuen Jagdgründen würde man neue feindliche Nachbarn haben. Die Bärenbande aber besaß nun einen tapferen und besonnenen Krieger weniger. Vor dem Zelt des Weißen Büffel erschallte immer noch der langgezogene Klagegesang. Eintönig und schauerlich klang er, wie abgelauscht dem Heulen der wilden Wölfe.
Harka horchte auf den Schritt, der sich dem eigenen Tipi näherte. Der Vater kam heim. Als er eingetreten war und sein Lager aufgesucht hatte, kam über Harka eine große entspannende Ruhe. Er hörte noch die Atemzüge des Vaters, dann war er selbst fest eingeschlafen. Seine letzte bewusste Vorstellung beim Hinübersinken in den Schlummer war der kommende Sonnenaufgang und der bevorstehende Aufbruch zu dem großen Zug in unbekannte Prärien.
Aber es war etwas anderes, was ihn schon nach einigen Stunden wieder weckte. Der Wind, der tagelang geweht hatte, war plötzlich in einen Sturm übergegangen. Er raste über die weite Prärie, er brach sich an den Waldbergen, fauchte in den Wipfeln und blies selbst wider die Zelte auf der geschützt liegenden Waldwiese, so dass sich die Planen bauchten und die langen Fichtenstangen zitterten. Hoch oben am Berg krachte, dröhnte und kreischte es, wie es splitternde und stürzende Stämme tun. Es war ein Geräusch, das sofort das ganze Zeltlager alarmierte. Im Wald entstand ein Windbruch. Harka schlang rasch den Lendengürtel um und weckte den jüngeren Bruder. Die Großmutter war schon auf; die Mutter holte eben das Mädchen Uinonah aus dem Schlaf. Harka blickte sich nach dem Vater um, aber dieser musste das Zelt schon verlassen haben; er war nicht mehr zu sehen. Das Krachen und Kreischen verstärkte sich. Der Sturm schien ganze Waldhänge niederzubrechen.
Harka kroch auf allen vieren aus dem Tipi, um sicher zu sein, dass ihn der Sturm auf der Wiese nicht umreißen würde. In den Wipfeln rauschte es ringsum mit unheimlicher Macht, die Stämme bogen sich tief, und schon wieder schrie und dröhnte es von brechenden Stämmen weiter oben am Berg. Das Geräusch ging durch alle Nerven. Die Zelte wurden geschüttelt. Man konnte sie nicht einmal abschlagen, weil die Planen, von den Pflöcken gelöst, sofort vom Winde gepeitscht die Zeltstangen umgerissen und zerbrochen hätten.
Die Frauen, Kinder und Alten fanden sich in der Mitte der Wiese zusammen, wo die geringste Gefahr bestand. Dorthin drängten sich auch die Pferde und die Hunde. Die Männer und Burschen blieben bei den Zelten, um sofort anzufassen, wenn ein Zelt losgerissen werden sollte. Das Tipi war neben den Waffen der wertvollste Besitz jeder Familie und nicht leicht zu ersetzen, wenn es verlorenging. Denn die Büffel, aus deren Haut die Zeltplanen bestanden, mussten erst aufgespürt und gejagt werden, und das Trocknen und Gerben der Häute, die jede Nässe und Kälte auszuhalten und abzuhalten hatten, dauerte mit dem Gerbverfahren der Indianer sehr lange.
Harka wachte mit Tschetan zusammen bei den Zelten Mattotaupas und Sonnenregens; die beiden hielten die aus Büffelsehnen bestehenden Zeltschnüre und die Pflöcke fest, wo die Planen sich loszureißen drohten. Hin und wieder äugten sie zueinander hin. Der Sturm wehte nicht gleichmäßig. Zuweilen ließ er nach, dann kam wieder eine Bö. Die größte Gefahr war, dass Luftwirbel entstehen konnten. In der höheren Luftregion schien das schon der Fall zu sein. Harka beobachtete, wie ein ganzer Baum mit Wurzeln und dürrem Geäst vom Berg herab durch die Luft gewirbelt wurde; er konnte seine Bahn nur ein Stück weit im eigentümlich milchig gefärbten Luftraum verfolgen. Wahrscheinlich schleppte der Sturm seine Beute weit auf die Prärie hinaus.
Vom Berg polterte ein Felsblock, der von Eis und Tauwetter schon gelockert gewesen sein mochte und der jetzt vielleicht mit einem losgerissenen Baum zusammen in Bewegung gesetzt worden war. Er rollte und sprang, das gefahrdrohende Geräusch näherte sich der Waldlichtung mit den Zelten, und es blieb Menschen und Tieren nichts anderes übrig als zu warten, wohin der Block treffen würde.
Mit einem dumpfen Krach blieb er genau zu Beginn der Wiese in der Erde stecken; mit einer Spitze und Kante hatte er sich festgebohrt. Alle atmeten auf.
Endlich nahm das Rauschen und Brausen etwas ab, und der Druck auf die Zelte ließ allmählich nach. Die Tiere rührten sich wieder. Mattotaupa sprang auf den großen Block, so dass ihn alle sehen konnten, und gab das Zeichen dafür, dass man essen und dann aufbrechen wolle.
Untschida, die Großmutter, gab im Zelt Mattotaupas ein karges Frühstück aus. Die Kinder und die Frauen erhielten aus kleinen Lederbeuteln zerriebene Beeren und Wurzeln, Mattotaupa aß eine Handvoll getrocknetes Büffelfleisch, das noch von einer Herbstjagd stammte. Das war alles, und es musste den Hunger für den ganzen Tag stillen. Vor dem Abend würde es nichts mehr zu essen geben.
Die Großmutter Harkas, Mattotaupas Mutter, galt jetzt als die angesehenste Frau im Zeltdorf, da Mattotaupa nach dem Tod des Weißen Büffel bis zur Bestallung eines neuen Friedenshäuptlings der alleinige Anführer der Jägergruppe war. Sie ging hinaus und löste die erste Plane von den Stricken, so dass diese im immer noch stark wehenden Winde wie eine große Fahne donnerte. Das war das Zeichen zum allgemeinen Aufbruch.
Alles war schnell zusammengepackt, denn die Jägerfamilien besaßen nicht viele Habseligkeiten. Die Frauen und Mädchen kletterten an den Zeltstangen hinauf und lösten die Sehnenstricke, die die Stangenspitzen zusammenhielten; bei dieser Arbeit half auch schon die zehnjährige Uinonah. Harka und seine Spielgefährten und Altersgenossen brachten die Pferde herbei. Den Lastpferden wurden die Rutschen angehängt. Zwischen je zwei Zeltstangen, die sich mit dem einen Ende über dem Pferderücken kreuzten und deren andere Enden nachschleiften, wurde eine Lederdecke gespannt; in diese Decke legte man die Habseligkeiten, dorthinein setzte man auch die Kinder, die schon zu groß waren, um noch von der Mutter auf dem Rücken getragen zu werden, und auch noch zu klein, um selbst zu reiten. Wagen besaßen die Indianer nicht, da sie keine Räder herstellten.
Harka und der neunjährige Harpstennah hatten schon eigene Pferde und schwärmten mit den berittenen Burschen und Kriegern um den sich bildenden langen Wanderzug. Die Frauen und Mädchen ritten die Lastpferde. An der Spitze des Wanderzuges fand sich Hawandschita ein, der über achtzig Jahre alte Zaubermann, dürr, sehnig, ein wenig gebückt stand er da. Ehe der Zug sich in Bewegung setzte, sprach er das uralte Morgengebet um »Nahrung und Frieden« für die ganze Schar.
Dann tat er den ersten Schritt, und Mattotaupa, der Kriegshäuptling, trieb seinen Scheckenhengst an, um vorauszureiten und den Zug durch den sturmverwehten Wald hindurch auf die Prärie zu geleiten.
Der Wanderzug musste den Fluss durchqueren, an dem die Jungen abends zuvor gespielt hatten. Hawandschita und Mattotaupa führten am Ufer ein Stück flussabwärts, um eine Furt in der Mittelrinne zu benutzen, die den Übergang erleichterte. Harka wusste, dass die Furt tausend Schritte abwärts lag, und da hier, noch in der Nähe des bisherigen Zeltlagers, kaum eine Gefahr drohen konnte und die Ordnung für die begleitenden Reiter daher nicht streng eingehalten wurde, ritt er mit Tschetan zusammen ein Stück voraus. Er fand den Platz, wo sich die Rinne verbreiterte und die Wasser seicht über den Sand fluteten. Hier hielten Harka und Tschetan an, warteten und schauten sich ein letztes Mal in dieser Gegend um, die sie seit früher Kindheit gut kannten und nun für lange Zeit, vielleicht für immer, verlassen sollten. Die neuen Jagdgründe, das Ziel der Wanderung, lagen mehrere Tagesritte weiter südlich.
Harkas Aufmerksamkeit richtete sich auf die Verwüstung, die der Sturm auch an den Flussufern angerichtet hatte. Das elastische Weidengesträuch war unversehrt geblieben, aber zwei junge Bäume, die sich auf Schwemmland angesiedelt hatten, waren entwurzelt, und das Wasser sammelte sich in der aufgerissenen Erde. An dieser Stelle blinkte etwas. Harka fiel das auf, und da er Zeit hatte, ritt er hin, um zu prüfen, was denn hier die milchig-blassen Sonnenstrahlen fing und zurückwarf. Er schaute vom Pferd herunter auf den ungewöhnlich glänzenden Gegenstand. Es schien ein kleiner Kiesel zu sein, aber er schimmerte gelb-rötlich, viel schöner als jeder andere, und Harka glitt von dem Pferd, das er sattellos ritt, und bückte sich, um den Fund näher zu betrachten. Es schien wirklich nichts weiter zu sein als ein ungewöhnlicher Stein, den das Wasser früher einmal mitgeführt, dann mit Sand und Erde bedeckt hatte und der jetzt unter den aufgerissenen Wurzeln wieder zutage gekommen war.
Harka wog ihn in der Hand und steckte ihn dann in einen Beutel am Gürtel, um ihn als Erinnerung mitzunehmen. Von dem Wert und der Bedeutung seines Fundes hatte er noch keine Ahnung.
Der Wanderzug näherte sich der Furt wie eine lange Schlange und gewann nach Überwindung einiger Hindernisse im Wald die freie Prärie.
Der starke Wind wehte von Nordosten; die Mähnen der Pferde und die Haare der Jungen flatterten. Von Südosten her schien die Sonne, der man entgegenreiten musste. Sie blendete in die Augen. Alle blinzelten und spähten in die große Weite des Graslandes hinaus. Am ersten Tag bewegte sich der Zug noch durch das allen bekannte Gelände; vom Dorf aus hatte man oft Streifzüge in die welligen Wiesen unternommen, um nach Büffelherden Ausschau zu halten. An diesem ersten Tage konnte auch kaum eine Gefahr drohen, denn der Zug befand sich noch in Jagdgründen, die unbestrittenes Revier der mächtigen Dakotastämme waren.
Das Wetter hellte sich gegen Mittag zusehends auf. Die milchige Atmosphäre wurde kristallklar, und der Nordostwind milderte sich zu einem Luftzug, der mit den vergilbten nassen Gräsern spielte. Harka bedauerte, dass die Präriehunde, diese kleinen Nagetiere, schlau genug waren, um immer rechtzeitig in ihren Erdlöchern zu verschwinden, wenn der Wanderzug sich ihrem Bau näherte. Er kam nicht dazu, den Pfeil auf sie anzulegen. Die Kinder in den Rutschen ärgerten sich, dass die langen Schweife der Pferde ihnen immer wieder über das Gesicht schlugen. Mit dumpfem Geräusch liefen die vielen unbeschlagenen Hufe über das Grasland. Eine breite Fährte, tage-, ja wochenlang lesbar, blieb hinter dem Wanderzug zurück. Hin und wieder dachte Harka noch an die Höhle am Waldhang, die nun schon weit hinter den Wandernden zurückgeblieben war. Niemand im Wanderzug konnte wissen oder auch nur ahnen, was jetzt bei der Höhle und im Wald vorging.
Die Bärenbande wanderte bis zum Abend. Da sich der Aufbruch am Morgen durch den Sturm verzögert hatte, war man bis Sonnenuntergang nicht mehr als fünfunddreißig Kilometer vorangekommen.
Die Krieger wählten einen möglichst praktischen Rastplatz. Rechter Hand erstreckte sich eine Bodenwelle, deren Hang sich zu einem Gewässer hin abflachte. Von den sich leicht zu dem Gewässer neigenden Wiesen hatte die Feuchtigkeit bereits abzusickern begonnen, so dass man die Zelte nicht auf allzu nassem Boden aufzuschlagen brauchte. Der kleine Präriebach löschte den Durst von Mensch und Tier. Holz war nicht vorhanden. Man sah davon ab, Feuer zu machen. Nur der ausgehöhlte, im Innern von einem nie verlöschenden Feuer kohlende Stamm wurde mit seiner Glut auch in dieser Nacht sorgfältig gehütet. Alte Männer hatten ihn auf der Wanderung mitgetragen. Es war seit unvordenklicher Zeit Sitte, das wertvolle Feuer, das fast wie ein Heiligtum gehalten wurde, auf diese mühsame Weise mitzuführen.
Die Rutschen wurden abgehängt und die Zelte aufgeschlagen. Wie die anderen, so schlug auch die Witwe des Weißen Büffel das gewohnte Zelt auf. Es war noch nicht darüber entschieden, welcher Familie sie mit ihrem Sohn zu Schutz und Nahrung zugeteilt werden sollte.
Alle Menschen waren müde und schliefen nach einem kleinen Imbiss in ihren Decken schnell ein. Die Pferde knabberten noch am halbverfaulten Wintergras und suchten die ersten grünen Spitzen, die aus dem Boden kamen. Die Hundemeute hatte sich friedlich zusammengefunden; die Tiere lagen dicht beieinander. Einer wärmte den anderen.
Der Himmel blieb klar, und obgleich der Wind sich gelegt hatte, war es in der Nacht bitter kalt. Einem großen Meer gleich, lief die Prärie in Wellen bis zum fernen Horizont.
Die Stunden vergingen.
Es war schon weit nach Mitternacht, als Harka auffuhr. Ein heller, durchdringender Ruf hatte ihn geweckt. Der Kriegsruf war es nicht gewesen. Den Kriegsruf kannte jedes Kind im Traum und im Schlaf, so oft wurde das schnelle Erwachen auf diesen Ruf hin, das Aufspringen, Zu-den-Waffen-Greifen geübt. Der Kriegsruf war es also nicht gewesen, aber ein Warnruf. Harka trug, wie der Vater, das Messer in der Scheide an einer Schnur um den Hals; er hatte die Waffe heute in der Nacht nicht abgelegt. Bogen und Pfeile hatte er sich neben das Lager geordnet, und als er jetzt aufsprang, hielt er sie auch schon in der Hand. Draußen war Unruhe. Die Hunde jaulten, zornig und ängstlich. Harka hörte das Gedränge und das Stampfen der Pferdeherde und lief aus dem Tipi. Mattotaupas Hengst, der vor dem Zelt angepflockt war, gebärdete sich wie toll und hätte sich gerne losgerissen.
»Bleib bei dem Mustang!«, rief der Häuptling seinem Jungen zu, und schon war er selbst in Richtung der Bodenwelle verschwunden, zu der die Wiesen westwärts anstiegen. Eine Anzahl Männer folgte ihm. Harka erkannte Sonnenregen und einige junge Burschen darunter, und er war sehr unzufrieden, dass er zurückbleiben und das Pferd beim Zelt hüten sollte, aber er musste gehorchen. Aus dem Verhalten der Pferde, der Hunde und der Männer schloss Harka, dass sich hungrige Wölfe herangeschlichen haben mussten. Es konnten nicht die kleinen scheuen Kojoten sein, mit denen hätte die Hundemeute kurzen Prozess gemacht. Angst hatten die halbwilden Hunde nur vor den großen, grauweißen Präriewölfen. Harka versuchte, den Mustang des Vaters an dem ledernen Zügel zu halten, der um den Unterkiefer des Tieres befestigt war, aber die Aufregung des Hengstes, der sich als Leittier der Herde fühlte, war derart, dass Harka weder Pflock noch Zügel traute und sich schnell auf den Rücken des Tieres schwang, um wenigstens dabei zu sein, wenn es ausbrach, und es noch zu lenken. Reiten lernten die Dakotajungen vom vierten Jahr an, und Harka hatte bei Tschetan und seinem Vater eine gute Lehre durchgemacht. Jetzt, mit elf Jahren, war er schon imstande, sich auf dem Rücken eines wild eingefangenen Tieres zu halten. Er kannte den Charakter des kräftigen und entschlossenen Mustangs, auf dem er jetzt saß, und verstand seine Regungen. Dem Tier musste zumute sein wie einem gefesselten Krieger, wenn Frauen und Kinder angegriffen wurden. Harka überlegte kurz und handelte dann kühn: Er kappte mit dem Messer die Lederschnur, die den Hengst festhielt, und ließ ihn zu der Pferdeherde galoppieren. Mit hingebungsvollem Zutrauen wurde der Hengst von den Tieren dort begrüßt.
Die Männer befanden sich unterdessen schon im Kampf mit den hungrigen Raubtieren. Weniger dem Spiel der nächtlichen Schatten als den Schreien, die von dem Höhenrücken her erklangen, entnahm der Junge, dass schon fünf Wölfe erlegt sein mussten. Die Hunde fassten mehr Mut; besonders die großen und starken unter ihnen stürzten vor und nahmen den Kampf mit auf. Harka leitete seinen Mustang mit vorsichtigem Schenkeldruck so, dass er die Pferdeherde ständig umkreiste.
Plötzlich wandte sich das Pferd und schlug mit den Hufen hoch aus, und Harka hatte in demselben Augenblick zwei glühende Raubtieraugen im Gras beobachtet. Er klammerte sich mit den Schenkeln fest an das Pferd, spannte den Bogen und legte einen Pfeil ein. Der Wolf, dessen Augen der Junge erkannt hatte, änderte seine Taktik. Er wollte den hufschlagenden Hengst umschleichen und in die Herde einbrechen. Den Tieren waren am Abend die Vorderbeine gefesselt worden, so dass sie nur kleine Schritte machen und des Nachts nicht in die Prärie ausbrechen konnten. Sie waren dadurch aber auch einem Raubtier hilflos ausgeliefert. Es entstand sofort eine furchtbare Verwirrung in der Herde. Harka verschoss vom Rücken des bockenden Tieres einen Pfeil nach der Stelle, an der sich der Wolf bewegte, musste aber sogleich erkennen, dass er nicht getroffen hatte. Das Raubtier sprang eine Stute an, und diese tat das Einzige, womit sie sich noch wehren konnte: Sie warf sich hin und wälzte sich. Der Hengst, auf dem Harka saß, schlug und biss in seinem Zorn wie ein Irrer um sich, dazu umbrandete den Jungen das Heulen der Hunde, das Schreien der Männer. Es war sehr dunkel, da die Anhöhe Schatten gegen das Mondlicht warf.
Harka sprang ab. Er konnte dies wagen, weil er wusste, dass der Leithengst die gefesselte Herde nicht verlassen würde. Da er Pfeil und Bogen nicht vertraute, hängte er den Bogen rasch wieder über die Schulter und nahm das Messer zur Hand. Der Wolf wollte sich eben am Hals der Stute festbeißen und war blind für alles andere. Der Junge kam heran, und mit einem kräftigen und gut gezielten Stoß stieß er das Messer dem Wolf bis zum Heft in den Hals.
Er riss das Messer aus dem Körper des verendenden Tieres und stieß einen Siegesruf aus. Aber in diesem Augenblick wäre es ihm selbst fast ebenso ergangen wie dem getöteten Wolf. Er war wie berauscht von seinem Sieg und ließ einen Moment in seiner Aufmerksamkeit nach, und da musste er auch schon mit Schrecken begreifen, dass er sich einem ganzen Rudel der Raubtiere gegenüber befand. Blitzartig wurde ihm die Lage klar. Das große Rudel hatte sich geteilt; eine Gruppe hatte von der Anhöhe her einen leichten Angriff geführt, der den Wölfen zwar Verluste brachte, aber Männer und Hunde auch ganz und gar nach dieser Seite hin beschäftigte. Unterdessen war ein anderer Teil des Rudels im Halbkreis herumgeschlichen, um überraschend in die Pferdeherde einzubrechen. Bei den Pferden waren nachts immer Wachen aufgestellt. Harka hatte am Abend die Einteilung mit angehört und wusste, dass um diese Stunde die jungen Burschen Tschetan und Schonka bei den Mustangs sein mussten. Sie waren aber beide nicht da. Sicher hatten sie sich verführen lassen, wegzulaufen und bei der Anhöhe gegen die Wölfe zu kämpfen!
Harka schrie laut warnend. Drei der Wölfe hatten sich schon auf ein Pferd gestürzt und zerrissen es. Es war durchaus nicht sicher, dass die Raubtiere den Jungen, der nach »Mensch« und daher für sie gefährlich roch, überhaupt angreifen würden; sie hatten andere, hilflose Beute genug vor sich. Aber da war ein Wolf, größer als die anderen; wahrscheinlich der Anführer des Rudels, und dieser setzte auf Harka an. Der Junge konnte sich nur noch dadurch retten, dass er auf das Pferd des Vaters sprang, das soeben doch in Todesangst von der Herde wegbrach.
Nach knapp fünfzig Metern gelang es dem jungen Reiter, das Tier zu wenden, das nach dem ersten Augenblick eines panischen Schreckens selbst wieder zu der bedrohten Herde zurückstrebte, wahrscheinlich, um sie auf der Flucht mitzuziehen. Als Harka Zeltlager und Pferde wieder erblickte, begriff er sofort, was dort geschah. Viele Männer und Burschen, selbst Frauen und Mädchen waren herbeigeeilt, schnitten die Fesseln der Pferde durch und sprangen auf, um die Tiere vor den Wölfen zu retten und ihre Flucht zu lenken. Von den Raubtieren, die sich an den niedergerissenen Pferden festgebissen hatten, wurden viele getötet, mit allen Waffen, die eben zur Hand waren.
Harka durfte das Pferd des Vaters jetzt nicht mehr verlassen. Das Tier wollte offensichtlich die anderen zur Flucht auffordern, und Harka gab dem scheinbar nach. Einige berittene und einige ledige Tiere folgten, und es gelang den Reitern, eine regellose Flucht zu verhindern. In weitem Bogen galoppierte das Pferderudel über die nächtliche einsame Prärie wieder zum Zeltlager zurück.
Die Wölfe hatten schon das Weite gesucht, so dass die Pferde sich nicht vor der Rückkehr scheuten.
Aber wie sah es beim Lager aus! Die erste Helle, die den Sonnenaufgang ankündigte, ließ schon alles deutlich erkennen. Zwölf Pferde waren von den Wölfen totgebissen, zum Teil zerfleischt. Neun weitere Pferde waren so schwer verletzt, dass die Männer sie töten mussten. Fünfzehn Tiere fehlten, sie mussten ausgebrochen und entflohen sein. Die Bärenbande hatte über einhundertfünfzig Pferde besessen, fast jedes vierte war verloren, das war ein schwerer Verlust, besonders während des Wanderzuges.
Man führte die Tiere zusammen, und zwar am anderen Lagerende, weil der Blutgeruch sie doch noch verstörte, und machte sie wieder fest. Die Frauen holten das Fleisch der toten Tiere. Hawandschita und Mattotaupa verteilten es gerecht auf alle Zelte nach der Zahl der Esser. Kleine Stücke wurden von den Hungrigen gleich roh verzehrt.
Harka hatte den Hengst des Vaters wieder vor dem Zelt angepflockt und ging jetzt umher, um die toten Wölfe zu besehen und die Spuren der nächtlichen Ereignisse zu verfolgen. Er fand den Wolf, den er getötet hatte, und schnitt sich die Ohren als Siegeszeichen ab. Harpstennah, der jüngere Bruder, stand bewundernd dabei. Harka winkte ihm mitzukommen. Er erklärte dem Neunjährigen die Fährten und den Verlauf des Kampfes, damit er etwas lernen konnte. Immer wieder beschaute Harka die erlegten Wölfe. Das große Tier, das er in dem gefährlichsten Augenblick des Kampfes in der Nähe gesehen hatte, war nicht dabei. Harka ging mit dem Bruder vorsichtig das Gelände nach den Wolfsspuren ab. Er konnte die Fährte des großen Wolfes herauskennen. Dieser hatte kräftigere Pfoten und rannte in größeren Sätzen als die anderen. Er war entkommen.
»Dieser Wolf ist ein großer Häuptling unter den Wölfen«, erklärte Harka Harpstennah. »Wir haben an den Fährten gesehen, wie er sein Rudel herangeführt und wie er es geteilt hat, um uns zu überlisten. Viele Wölfe sind getötet worden, aber die anderen sind satt, obgleich es keine Büffel gibt.«
Die Jungen gingen nach ihrem Streifzug zu dem väterlichen Tipi zurück. Im Zelt fanden sie Tschetan und Schonka, die sehr beschämt vor Mattotaupa standen. Harka wäre am liebsten mit Harpstennah zusammen sofort wieder hinausgegangen, denn er wollte nicht, dass der jüngere Bruder mit anhörte, wenn Tschetan, Harkas großer Freund, getadelt wurde. Aber schon war es zu spät, Harpstennah war bereits zur Mutter in den Hintergrund des Zeltes gelaufen, und so blieb auch Harka stehen und hörte sich alles mit an.
»Ihr beiden habt gehandelt wie kleine Mädchen, die sich nicht beherrschen können«, sagte der Kriegshäuptling eben zu den beiden Burschen, und das war die härteste Zurechtweisung, die er aussprechen konnte. »Ihr habt die Pferde verlassen, um Wolfsohren zu erbeuten. Was dann geschehen ist, wisst ihr. Die Krieger der Bärenbande sind der Meinung, dass ihr die Ohren der getöteten Wölfe nicht tragen dürft.«
Harka schämte sich tief für seinen Freund Tschetan. Was für eine Schande! Tschetan musste sehr mutige und gut überlegte Taten vollbringen, um eine solche Schande wieder auszulöschen. Natürlich galt das auch für Schonka, aber an Schonka dachte Harka nicht. Er wandte sich ab, als ob er nichts gesehen oder gehört hätte. Er wollte Tschetan ersparen, vor einem elfjährigen Jungen gedemütigt worden zu sein.
Blass, mit verbissenen Lippen, verließen die beiden Burschen den Häuptling, der ihnen das gesagt hatte, was sie sich nun selbst Tag und Nacht sagen mussten, bis sie die Scharte wieder ausgewetzt hatten.
Mattotaupa gab den Befehl zum Aufbruch.
Die dreißig Zelte wurden abgeschlagen. Eine Anzahl Kinder musste bei den Müttern aufsitzen oder sich mit einem Platz in einer Rutsche bescheiden, da man nicht mehr genug Pferde hatte. Ein paar Frauen gingen zu Fuß wie Hawandschita.
Harka, der Wolfstöter, konnte aber wieder seinen munteren Schecken besteigen und wie die Krieger in der langen Reihe neben den Lasttieren herreiten.
Einer allein
An dem Morgen, an dem die Bärenbande vom Wüten des Sturmes überrascht worden war und ihren Aufbruch um einige Stunden hatte verschieben müssen, ging ohne ihr Wissen in der Höhle oben am Felshang etwas vor.
Tief drinnen im Berg, in völliger undurchdringlicher Finsternis, beklommen von stickiger Luft, rührte sich ein Mensch. Seine Lederjoppe, seine Lederhosen, seine nackten Füße, das Haar waren triefend nass. Er hockte in der Einbuchtung eines fast senkrecht ansteigenden Höhlenarmes, keuchte und tastete hastig an den Rändern seines unbequemen Sitzplatzes umher. Der Kopf dröhnte ihm von dem Rauschen des Wassers, das wenige Meter tiefer mit reißender Gewalt durch die Höhlungen des Berges schoss. Diesem unterirdischen Bach war er soeben entkommen; er wusste selbst noch nicht recht, wie. Aber er war wieder bei sich, er konnte wieder atmen. Alles tat ihm weh, Kopf, Schultern, Knie. Das reißende Wasser hatte mit ihm gespielt wie mit einem Stein, ihn gegen Felswände geworfen, in Tiefen aufprallen lassen. Seine Büchse war verloren, sein Hut war verloren, das Messer war verloren, das Feuerzeug war nass. Er hatte nichts mehr als das kümmerliche Leben und die triefenden Kleider am Leib, und das im Innern des Bergs und ohne die geringste Vorstellung davon, wie er zu einem Höhlenausgang gelangen könne.
Er zwang sich, ruhig zu atmen und zu überlegen.
Das Wasser hatte ihn abwärtsgerissen, also befand sich die Öffnung, durch die er eingestiegen war, irgendwo über ihm. Auf direktem Wege konnte er nicht mehr dahin gelangen, denn bachaufwärts, über den unterirdischen Wasserfall hinweg, nach oben zu kommen war ausgeschlossen. Es blieb ihm von seinem jetzigen Platz aus überhaupt nur eines übrig, nämlich in dem Höhlenarm, in dem er sich befand, aufwärts zu klettern und zu sehen, ob dieser Höhlengang oder eine Abzweigung davon irgendwohin weiterführte. Das waren keine rosigen Aussichten, und er war sehr müde, aber er hatte auch keine Lebensmittel bei sich, und wenn es überhaupt noch eine Hoffnung für ihn gab, so musste er sich unverzüglich auf den gefährlichen Weg machen. Verdursten würde er vorläufig nicht, denn er hatte Wasser mehr als genug geschluckt.
Mit seinen Händen und den nackten Füßen tastete und suchte er erneut, und dann begann er, sich rechts und links gegen die Wände des engen Höhlenarmes zu stemmen und langsam, langsam aufwärtszuschieben. Diese Art des Kletterns war recht anstrengend. Er hatte keine Vorstellung davon, ob es Tag oder Nacht sei oder welche Zeit bei seinen Anstrengungen verging. Auch hätte er nicht genau zu sagen gewusst, wieviel Höhe er gewann. Aber dass es aufwärtsging, war sicher, und allmählich ließ die Steigung nach, und er konnte etwas leichter vorankommen.
Das gab ihm neuen Mut. Er riss alle Kraft zusammen und kletterte stetig weiter. Als der Höhlengang, in dem er sich befand, sich gabelte, war er in großer Verlegenheit, nach welcher Richtung er weiterklettern sollte. Schließlich tat er, was natürlich war: Er wählte den Gang, der ein wenig breiter und in dem es leichter war, voranzukommen. Geplagt von der Angst, dass der Gang irgendwo ausweglos enden könne, kroch er weiter und weiter. Sein Herz klopfte, und obgleich er triefnass war, schwitzte er.
Plötzlich überwältigte ihn die Hoffnung so heftig, dass sie wie ein starker Schrecken wirkte. Er glaubte einen Lichtschimmer wahrgenommen zu haben und hielt rasch die Hand vor die Augen, um diese dann nochmals zu öffnen und sich zu überzeugen, ob er träume oder nicht. Nein, er träumte nicht. In einem schwachen Schimmer erkannte er die Felsen und seine eigene Hand. Er wollte schon vorwärtsstürmen, soweit die Enge des Höhlenarmes eine schnellere Bewegung erlaubte, da stockten ihm die Füße und die Hände. Das war kein Tageslicht, was er sah – das war ein Feuerschein.
Ein Feuerschein in dieser Höhle!
Er rührte sich gar nicht mehr, sondern starrte nur auf die rätselhafte Helligkeit. Es war ihm auch, als ob er ein Geräusch vernehme. War hier noch ein Mensch? Sollte das möglich sein? Er versuchte, nicht einmal den Atem hören zu lassen.
Dann starrten sie einander an.
Er erkannte zwei Finger, die einen kleinen brennenden Span hielten, und im flackernden Schein sah er ein Gesicht, ob alt oder jung, wusste er nicht, aber es war das Gesicht eines Menschen, eines Mannes, und der andere schien nicht weniger verblüfft zu sein als er selbst.
»Donnerschlag, verdammt!«, sagte der andere. In der Höhle klangen die Stimmen seltsam.
»Verdammt!«, antwortete der Triefnasse.
»Also verflucht noch mal, wo kommst du denn her, du schwarzhaariger Regenwurm?«
»Aus dem Wasser, Mann. Geht’s hier raus?«
»Wenn ich Lust habe, dich rauszulassen – ja.«
Der kleine Span verlosch wieder. Der andere hatte ein Messer, das war noch zu sehen gewesen. Jetzt war es wieder vollständig finster, fürchterlich finster.
»Warum solltest du mich nicht rauslassen?« Die Frage klang heiser vor Erregung.
»Was habe ich davon, dich hier rauszulassen, du verdammter Schleicher und Höhlenkriecher, du Wassermolch? Was hast du hier zu suchen?«
In der Dunkelheit wirkte die starke und scharfe Stimme noch schärfer und drohender. Der Mensch war nicht mehr zu sehen, aber die Erinnerung daran, dass er ein Messer hatte, blieb, und diese Stimme, diese Stimme da, die war nicht gut.
»Hab nicht gewusst, dass das deine Höhle ist«, sagte der Triefnasse ausweichend.
»Aber jetzt weißt du’s! Was hast du hier gesucht?«
»Hier gesucht – gar nichts.«
»Lüge nicht so elend, du Dreckschnauze. Ich denke, dein Leben ist dir lieb. Gold hast du gesucht! Wo hast du’s?«
»Ich habe nichts ... nichts ...«
»Wo hast du’s gesehen?«
»Nichts hab ich gefunden ...«
»Na warte, ich werde dir beibringen, die Wahrheit zu sagen. Gehab dich wohl! Ich gehe. Denke aber nicht, du kannst einfach hinter mir herlaufen. Das kostet dich das Leben. Bleib, wo du bist, und verrecke. Wohl bekomm’s!«
Der andere schien sich zurückzuziehen.
»Mann, Mann, hab doch Erbarmen! Ich habe nichts, ich habe nichts gesehen, ich will alles sagen, alles tun!«
»Ein Dummkopf bist du. Komm! Du wirst mir alles gestehen!«
»Alles, alles ...«
Der andere lachte hässlich. »Also komm!« Er wendete im engen Gang mit Mühe, dann kletterten und krochen die beiden hintereinander. Der Weg schien lang, sehr lang. Endlich wurde ein Schimmer sichtbar, der wirklich von dem Tageslicht stammte. Der Triefnasse stieß einen Freudenschrei aus. »Halt das Maul, du Idiot, im Wald sind Dakota.«
»Ich weiß, lieber Himmel, ich bin still.«
»Mir egal, ob dir der Himmel lieb ist, aber wenn du nicht sofort in die Hölle kommen willst, sei ruhig.«
Der Triefnasse kroch aus der Höhlenöffnung, die von Baumwurzeln umklammert und von Zweigen verhängt war. Völlig erschöpft warf er sich auf den Waldboden.
Dabei spürte er den kritischen Blick des anderen und zitterte.
»So, da liegst du, hilflos wie so’n abgehäuteter Büffel. Willst du mir endlich sagen, was du hier gesucht hast?«
Dem Triefnassen kamen die Tränen der Angst und der Wut. »Gold – aber es ist nichts damit.«
»Gold! – Wer hat dich denn geheißen, hier Gold zu suchen? He?«
»Ach, ’s war so ein Gerücht – und das Geschäft ging nicht gut.«
»Was für ein Geschäft?«
»Mit Pelzen und Branntwein.«
»Wärest du dabei geblieben, das ist was für solche Dummköpfe wie dich! Wo hast du denn alle deine Zähne gelassen? He?«
»In Minnesota, Sir, bei den Dakota. Voriges Jahr.«
»Bin kein Sir, du Hohlkopf.«
Der Triefnasse fasste sich und setzte sich auf. Etwas ruhiger geworden, betrachtete er sein Gegenüber. Der andere war ein junger Bursche, sicher nicht älter als zweiundzwanzig oder dreiundzwanzig Jahre, rötlichblond, mit einem wettergegerbten, hageren, starkknochigen Gesicht. Um den Mund lag ein böser Zug. Der Triefnasse beschloss, sich weiterhin sehr in Acht zu nehmen. Nach seinem missglückten Höhlenabenteuer wollte er nicht noch zu guter Letzt das Leben einbüßen.
»’s war nur so ein Gerücht«, knüpfte er wieder an. »Unbestimmt wie so’n Wind, der nicht weiß, woher er kommt und wohin er geht, aber um die Black Hills herum sollte es sein, dass was gefunden worden wäre, aber gesehen habe ich wiederum keinen, der was hatte. Aber bei dem verdammten Dakota-Aufstand vergangenes Jahr haben sie mir in Minnesota meine Bude kaputt gemacht und meine guten Zähne ausgeschlagen ... und so wollte ich sehen ... na ja ...«
»… ob die Dakota hier friedlicher sind? Kann dich warnen, mein Bester. Sie haben einen Vertrag gemacht, dass das Land hier für ewige Zeiten ihnen allein gehört, und wenn du dich als Weißer blicken lässt, werden sie dich ganz gemütlich martern und dich ohne Gewissensbisse zu Tode rösten. Und dein Skalp weht an der Stange.«
»Habe nicht die Absicht, ihnen ins Garn zu laufen.«
»Absicht oder nicht, du warst schon beinahe in ihren Fängen. Wo hast du denn deine Schaftstiefel gelassen, he?«
»Schaftstiefel?«
»Stell dich nicht dumm, das mag ich nicht leiden, das hält mich nur unnütz auf. Du bist da unten im Wald deutlich und breit auf Moospolster getrampelt.«
Der Triefnasse erschrak. »Eine Spur hab ich gemacht?«
»Eine wahre Elefantenspur, mein Bester. Und dann bist du in das Höhlenloch geklettert?«
»Ja ...«
»Und da ist dir keiner begegnet? Außer mir zum Schluss?«
»Doch ...«
»Ein Glück, dass du es zugibst. Wie war denn das?«
»Weiß auch nicht genau – schauderhaft war’s. Ich wollte den Wasserarm hoch – riss mich das Wasser wieder runter. Ich wollte mich festhalten, kriegte in der Finsternis einen Menschen zu fassen – na ja –, aber der Kerl wollte nicht mit und gab mir einen Fußtritt, der nicht mehr feierlich war ... da sauste ich mit dem Wasserfall ab.«
»Aha ... hmhm ... haha ... nicht übel ... und komisch. Jedenfalls geb ich dir den einen guten Rat, mein Lieber: Verschwinde aus der Gegend, aber mit der Geschwindigkeit eines Mustangs!«
»Ich weiß nicht, ob ich noch ein Pferd habe.«
»Aber ich weiß es, ich hab’s nämlich. Das besteigst du und gehst los, und wenn du dich noch ein einziges Mal in diesen Wäldern hier blicken lässt, bist du eine Leiche! Verstanden? Das hier ist mein Revier.«
»Hab verstanden. Dein Revier.«
»Ich bin schlauer als du, merkst du das?«
»Ja.«
»Also richte dich danach. Ich gebe dir dein Pferd zurück, ist ’ne Schindmähre, die ich nicht brauche, und du machst dich auf den Weg ... wie heißt du?«
»Ben.«
»Soll ich dir ein gutes Geschäft sagen?«
Ben atmete tief und schaute den anderen aus den Augenwinkeln dankbar an. »Sag’s.«
»Reite zum Niobrara runter, mach dort ’ne Bude auf. Das ist ’ne Gegend, die Zukunft hat. Ich sorge dir für die erste Kundschaft, damit du wieder auf die Beine kommst. Pulver und Blei müssen immer da sein und Schnaps ... dann kommen die Jäger, die Indianer und die Felle ganz von selbst.«
»Aber die Indianer ...«
»Du bist ein Idiot, hab ich dir schon mal gesagt. Du kannst nicht hier in ihren Prärien und Wäldern rumschnüffeln, wenn sie selber hungern – du jedenfalls nicht –, aber wenn du ihnen Pulver und Blei verkaufst ...«
»Jajajaja ... aber das geht alles etwas schnell ...«
»Bei mir geht immer alles schnell, das Leben und das Sterben, merk dir das. Also bist du einverstanden?«
»Ich will’s versuchen.«
»Legst du Wert auf meine Freundschaft, du Hohlkopf?«
»Großen.«
»Das ist dein Glück. Komm!«
Halb betäubt ließ sich Ben durch den Wald führen. Es war ein weiter und beschwerlicher Weg, den ihn der andere mitschleppte. Mehr als einmal stolperte Ben aus Erschöpfung, denn seine vierzig Sommer und Winter hatte er schon auf dem Buckel, und seine Kräfte reichten auch in normalem Zustand nicht mehr an diejenigen des jungen rothaarigen Burschen heran. Als die beiden endlich zu den Pferden kamen, machte Ben sofort die Satteltasche auf und griff gierig nach seiner eisernen Ration von Trockenfleisch.
»Das hab ich dir gelassen«, sagte der andere spöttisch, »und jetzt mach dich davon!«
»Ich hab keine Waffen ...«
»Mir doch egal; warum hast du sie verloren? Ab mit dir und schau in deinem ganzen Leben die Black Hills nicht mehr an, kapiert?«
»Kapiert.« Ben seufzte sehr tief. Dann bestieg er sein Pferd und lenkte es vorsichtig durch den Wald, um sich schließlich südostwärts durch die Prärie davonzumachen. Er fror jämmerlich in seinen nassen Kleidern, aber er kannte nur noch einen Gedanken: aus dem Machtbereich des anderen zu entkommen. Es hatte ihn jedoch eine derartige Furcht vor diesem Menschen gepackt, dass er im tiefsten Innern entschlossen war, die Handelsstation am Niobrara, die dem anderen nützlich schien, aufzumachen. Mit so einem Teufelskerl musste man sich gutstellen ... und vielleicht konnte er am Niobrara wirklich wieder etwas verdienen, mit weniger Risiko als in dieser Höhle, die mit ihren wirren Gängen und wilden Wassern eine einzige große Menschenfalle war.
Der andere lachte vor sich hin, sobald er von einem Baum aus beobachtet hatte, dass Ben tatsächlich im Galopp das Weite suchte. »Der Hohlkopf«, sagte er noch einmal. »Einer allein wird das Gold finden ... und der eine bin ich.«
Er lief zu seinem Pferd zurück, aß den Rest einer Jagdbeute vom Vortag, ohne Feuer zu machen, und legte sich dann bei seinem Tier für ein paar Stunden schlafen. So, wie er es sich vorgenommen hatte, wachte er wieder auf. Es war schon dunkel. Das störte ihn bei seinem Vorhaben nicht. Da er wusste, dass die Bärenbande mit ihren Zelten fortgezogen war, begab er sich ohne viel Vorsichtsmaßregeln zu dem Waldhang, an dem sich der Felsen mit jenem Höhleneingang befand, den Mattotaupa und Harka benutzt hatten. Auch der Fremde gelangte mit Hilfe des Lassos zu der Öffnung und stieg vorsichtig ein. Er tastete sich weiter und hörte das Wasser rauschen, das Ben zum Verhängnis geworden war. Als er den unterirdischen Bach erreicht hatte, setzte er sich auf den Höhlenboden und schlug Feuer, um sich die Umgebung genau zu betrachten. Immer wieder musterte er den Seitengang rechter Hand, aus dem das Wasser herauskam, um dann nach links hin in die Tiefe zu stürzen.
»Verdammt noch mal«, sagte er zu sich selbst, »und noch mal verdammt und dreimal verdammt – hier ist das Einzige, was der dumme Hund mir nicht gestanden hat – warum er durchaus da hinauf wollte, wo das Wasser herunterkommt – da muss doch was dran sein.«
Er betrachtete wieder die Felsen. »Da kommt aber keiner hinauf, nicht mal ich, der Rote Jim, schaffe das ... Aber dreimal verdammt, was wollten die Rothaut und die kleine Rotznase hier? Ausgerechnet hier? Da muss was dran sein, aber ich komme nicht auf den Trick, Himmel und Hölle ... Und der dumme Hund hat den Trick auch nicht gekannt, sonst wäre er nicht mit dem Wasserfall runtergesegelt ...«
Der Funken erlosch.
»Also aus für heute. Muss anders eingefädelt werden, irgendwie ganz anders. Aber es wird mein Revier, und es soll sich kein anderer hier blicken lassen. So wahr ich der Rote Jim bin.«
Grimmig machte er sich auf den Rückweg und schlief noch eine Stunde bei seinem Pferd.
Am kommenden Morgen befand sich Red Jim mit seinem Pferd am Waldrand und betrachtete hier die Fährte des Wanderzuges der Bärenbande, die noch deutlich sichtbar war. Er blinzelte in die Sonne und sonnte sich innerlich noch einmal an dem Erfolg, den er über den zahnlosen Ben davongetragen hatte. Er war überzeugt, dass dieser Händler und Schmuggler und Goldsucher und was er sonst noch alles in seinem Leben gewesen sein mochte, ihm, dem Roten Jim, gehorchen würde. Die Sache mit der Handelsstation am Niobrara, die der zahnlose Schwarzhaarige aufmachen sollte, war ein plötzlicher Einfall Jims gewesen, aber nicht ganz ohne Zusammenhang. Als er zu den Black Hills ritt, hatte ihm in den vorgeschobenen Grenzgegenden eine Gelegenheit zum Einkauf gefehlt. Diesem Mangel konnte ein unternehmungslustiger Handelsmann wie Ben abhelfen. Er sollte nur nicht zu unvorsichtig werden. Aber die Lust zu selbständigen Abenteuern war ihm wohl vergangen.
Eine solche Macht, wie Jim sie über Ben gewonnen hatte, hatte er schon als Junge über seine Altersgenossen ausgeübt, denn er war schlau, stark und gewissenlos, und sie fürchteten ihn alle. Er freute sich seiner bösen Macht, aber es wurmte ihn auch, dass er in der Höhle nichts gefunden hatte und auch nicht im Flusssand. Nicht ein Staubkorn Gold! Und doch ging das Gerücht um von ungeheuren Schätzen, und er wollte der Erste sein – er musste der Erste sein – er würde der Erste sein! Er allein. Es war sein Revier geworden.
Als er mit seinen Entschlüssen so weit gekommen war, tat er etwas, was gar keinen Zusammenhang mit den eben gehegten Gedanken zu haben schien: Er lenkte sein Pferd aus dem Wald und ritt gemächlich der Fährte nach, die der Zug der Bärenbande zurückgelassen hatte.
Feindliche Nachbarn
Der zweite Tagesmarsch der Bärenbande führte wiederum südwärts. Harka saß auf seinem lebhaften Scheckenpferd. Er ließ die Augen immer wieder in die Runde gehen. Vor allem aber spähte er nach Süden in Richtung der neuen Jagdgründe, in denen man Büffel zu finden und wieder satt zu werden hoffte. Es wurde nicht gesprochen. Jeder war mit seinen eigenen Gedanken und Beobachtungen beschäftigt. Hoch oben in den Lüften zog ein Raubvogel seine Kreise. Hawandschita und Mattotaupa lenkten gegen Mittag stärker nach rechts, also südwärts, und unter schimmernden Schneekronen, von der Sonne gleißend beleuchtet, tauchten die Umrisse des fernen Felsengebirges im Gesichtskreis auf.
Als die Sonne sank, war eine Strecke von siebenundfünfzig Kilometern bezwungen. Männer, Frauen und Kinder kümmerten sich nicht um die Pracht des roten Sonnenballs, der Himmel und Prärie noch einmal mit seinen Strahlen übergoss, ehe er unter dem Horizont entschwand. Sie fröstelten leicht in der Kälte, die mit der Dunkelheit kam, und die Frauen und Mädchen hantierten so schnell und gewandt wie je, um die dreißig Zelte aufzuschlagen, die Schutz für die Müden versprachen.
Die Jungen und Mädchen schliefen in ihren Decken sofort ein und erwachten erst wieder, als die Sonne im Osten mit verjüngter Herrlichkeit aufging. Man hatte auch in dieser Nacht an einem kleinen Wasser gelagert, und es zeigte sich in der Frühe, dass es zwei geeignete Badeplätze gab. Zu dem einen gingen die Frauen und Mädchen, zum anderen die Männer und Jungen. Harka bedauerte sehr, dass der Wasserlauf sogar jetzt im Frühling so seicht war, dass man nicht darin schwimmen konnte. Im Sommer musste dieser Bach wohl ganz versickern. Der Junge legte sich in das Rinnsal, tummelte sich und spritzte sich mit dem jüngeren Harpstennah. Nach dem Bad rieben sich die Kinder mit Sand ab und salbten sich mit Bärenfett ein; das machte die Haut geschmeidig und unempfindlich gegen Sonne, Wind und Kälte. Im Tipi gab es an diesem Morgen Wolfsfleisch zu essen; es schmeckte schlecht, war aber besser als gar nichts.
Nach dem Frühstück bis zum Aufbruch blieb noch ein wenig Zeit. Untschida, die Großmutter, saß bei der Feuerstelle und sortierte einige Kräuter, die sie am Bachufer gesammelt hatte. Harka schaute mit seiner Schwester Uinonah zu. Die Großmutter erklärte den Kindern die Heilkräuter: Diese, sagte sie, seien gut, um auf offene Wunden gelegt zu werden, jene aber dienten zum Verheilen der Narben. Uinonah war sehr aufmerksam, denn sie wollte einmal eine ebenso angesehene Geheimnisfrau werden, wie es die Großmutter war. Harka hatte weniger Geduld. Er fragte Untschida, ob sie glaubte, dass die Krieger der Bärenbande bald Wunden empfangen würden, für die sie die Heilkräuter brauchten.
»Du liest meine Gedanken, Harka Wolfstöter«, antwortete die Mutter Mattotaupas. »Wir ziehen dorthin, wo die Sonne gegen Mittag steht. Dort aber wohnen die Pani, die den Dakota feind sind. Auch sie wollen Büffel jagen, und wenn wir ihnen begegnen, müssen unsere Männer kämpfen.«
»Das Dakotaland reicht bis zu einem großen Fluss, hat mein Vater gesagt, und die Pani haben kein Recht, diesen zu überschreiten!«
»Das sagen die Häuptlinge und Krieger der Dakota. Die Häuptlinge und Krieger der Pani aber denken anders über die Grenzen der Jagdgefilde.«
Untschida hatte noch mehr sagen wollen, aber sie unterbrach sich, denn die Mutter der Kinder kam herein. Sie war erregt und berichtete, dass die Späher Spuren gefunden hätten, fremde Fährten in der Nähe des Zeltlagers.
Harka lief daraufhin sofort aus dem Tipi. Er wollte Näheres darüber erfahren, um was für Spuren es sich handelte.
Er sah, wie Mattotaupa und Sonnenregen zusammen vor dem Zauberzelt standen, als ob sie zu Hawandschita hineingehen wollten. Die beiden Männer hatten den Schritt kurz vor dem Tipi des Zaubermannes angehalten. Sonnenregen sprach auf Mattotaupa ein. Es schien, als ob er den Häuptling für seine Auffassung schon gewinnen wollte, noch ehe die Beratung mit dem Zaubermann begann. Die beiden Männer konnten sich anscheinend nicht einigen. Sie brachen schließlich ihr Gespräch ab und gingen zusammen in das Tipi des Zaubermannes. Damit waren sie für Harka verschwunden.
Der Junge stellte sich auf die Zehenspitzen, unschlüssig, ob er zu dem eigenen Zelt zurückgehen oder Tschetan suchen oder sich mit einigen Jungen Hunden zusammenfinden sollte. Da wurde ihm die Entscheidung abgenommen, denn Tschetan fand sich überraschend ein.
»Was stehst du da wie ein Büffel, der die Herde verloren hat?«, fragte er den Jungen.
»Sie beraten in Hawandschitas Zelt.«
»Weißt du, worüber?«
»Über die Fährten«, riet Harka.
»Und was denkst du?«
»Unsere Kundschafter haben Spuren gefunden. Was soll ich darüber denken, da ich die Spuren doch nicht gesehen habe? Erst muss ich sie sehen, dann kann ich über sie nachdenken.«
»Hau. Soll ich dir die Spuren zeigen?«
»Ja!« Harkas ganzer Körper spannte sich wie eine Bogensehne unter der Hand eines Kriegers.
»So komm.«
Tschetan lief mit Harka im Dauerlauf in die Prärie hinaus.
Schonka stand bei seinem verwaisten Zelt und schaute den beiden nach.
Tschetan und Harka hatten nicht weit zu laufen. Etwa dreihundert Meter vom Zeltplatz entfernt befand sich eine der flachen Bodenwellen, in denen die ganze Prärie verlief, und an ihrem Seitenhang, an einer kleinen Senke zwischen dieser und der nächsten Bodenwelle, war eine der Spuren zu sehen, die Tschetan Harka zeigen wollte. Tschetan wartete, was der Junge sagen werde.
Harka betrachtete die Stelle lange und sorgfältig. Er wusste, dass er geprüft wurde.
»Die Halme haben sich schon wieder ein wenig aufgerichtet«, sagte er schließlich, »aber nur sehr wenig, denn die meisten sind welk und schwach vom Winter. Hier hat ein Mensch im Gras gelegen, und er war vorsichtig, denn beim Niederlegen und Aufstehen hat er kaum eine Spur gemacht. Doch hat er sich beim Aufstehen wahrscheinlich etwas rascher bewegt und nicht ganz so überlegt, denn hier – siehst du – ist eine Zehenspur am Rande des Grasbüschels im Sand. Es ist eine matte Spur, nicht von nackten Zehen, sondern von Zehen in Mokassins. Diese Spur ist frisch, ihre Ränder sind noch scharf. Der Späher ist zu Ende der Nacht aufgestanden. Es war ein roter Mann. Vielleicht wollte oder sollte er sich schnell zurückziehen. Ihr habt ihn nicht gesehen?«
»Nein«, antwortete Tschetan mit einem bedrückten, fast schuldbewussten Unterton, »wir haben weder ihn noch seinen Begleiter zu Gesicht bekommen. Es kann sein, dass es nicht nur zwei, sondern sogar drei waren, aber wir haben sie nicht gesehen. Sie müssen an uns vorbei fast bis zum Lager gelangt sein, und als wir eine Fährte fanden und zurückeilten, haben auch sie sich zurückgezogen. Sie sind wieder an uns vorbeigelangt, ohne dass wir sie sahen, aber ich glaube, dass auch sie uns nicht gesehen haben. Wahrscheinlich hat einer von ihnen aber unsere Spur gefunden, so wie wir die ihren, und wir sind hin und zurück aneinander vorbeigelaufen.«
»Das ist zum Lachen und nicht sehr rühmlich! Wir wissen also nicht, welchem Stamme die fremden roten Männer angehören?«
»Nein, das wissen wir nicht, aber die unbekannten Krieger müssen gesehen haben, dass unsere Zelte Zelte der Dakota sind.«
Harka betrachtete die Spur weiterhin in Gedanken. »Es könnten Dakota sein, die hier auf Erkundung waren, oder Cheyenne.«
»Dakota oder Cheyenne oder Pani, aber wir wissen es nicht.«
»Beobachten wir diese unbekannten Späher jetzt?«
»Ihre Spuren sind unterbrochen, wir können ihnen nicht ohne mühsames Suchen folgen. Das kostet viel Zeit. Darum ist mein Vater zu den Zelten gegangen, um mit unserem Kriegshäuptling zu beraten. Unterdessen liegen die Späher, die Sonnenregen und Schonka und mich abgelöst haben, weiter südwärts und halten Ausschau, ob sich etwas Verdächtiges rührt. Sie konnten uns aber noch keine neue Nachricht geben.«
»Wenn diese fremden Späher einem der Dakotastämme angehören würden, wären sie doch offen zu unseren Tipis gekommen, sobald sie erkannten, dass auch wir Dakota sind«, überlegte Harka weiter. Die Dakota gliederten sich in sieben große Stammesabteilungen – »Sieben Ratsfeuer« –, die wieder in zahlreiche Gruppen und kleine Banden zerfielen, wie es die Lebensweise der Jäger bedingte. Die Bärenbande gehörte zu den im westlichen Gebiet lebenden Teton-Dakota und unter diesen zur Gruppe der Oglala.
»Auch wenn es Dakota sind, wollten sie vielleicht erst ihrem Häuptling berichten, ehe sie sich uns zeigen.«
Harka widersprach. »Das glaube ich nicht. Vielleicht waren es Pani.«
»Die Pani sind Kojoten und feige Präriehunde!«, erklärte Tschetan verächtlich. »Sie wohnen unten am Plattestrom. Wie sollten sie es wagen, so weit nördlich in die Jagdgründe der Männer vom Stamme der Dakota einzudringen!«
»Vielleicht haben sie auch Hunger.«
»Da wir bisher keine Büffel gefunden haben, müssen die Büffelherden unten am Platte weiden, und die Pani haben Fleisch genug.«
»Woher weißt du das? Büffel ›müssen‹ überhaupt nicht. Wer soll ihnen befehlen?«
»Der Hunger, der auch uns befiehlt. Aber wozu streiten wir uns? Die Fährten geben nicht genug Auskunft. Ich weiß nicht viel, und du weißt auch nicht viel. Es wird sich vielleicht sehr bald zeigen, wer richtig vermutet. Denn eins ist gewiss: Diese fremden Krieger sind erst vor kurzem hier gewesen.«
»Sie sind nicht zu Pferde, sondern zu Fuß gekommen, und also werden sie auch jetzt noch nicht weit fort sein, mögen sie auch so schnell laufen, wie sie nur können.« Harka brach ab, denn er sah, dass sein Vater mit Sonnenregen aus dem Zauberzelt kam. Der Häuptling rief noch zwei Krieger heran, Alte Antilope und den Raben, und ging mit diesen und Sonnenregen zu seinem eigenen Tipi. Das ergab für Harka die Gelegenheit, die kommende Besprechung mit anzuhören. Im väterlichen Zelt durfte er sich immer aufhalten, wenn er nicht geradezu hinausgeschickt wurde.
Er verließ daher Tschetan, lief schnell im Kreis um das Häuptlingszelt, um nicht zu sehr aufzufallen, und schlüpfte noch vor der Gruppe der Krieger durch den Zeltschlitz hinein. Im Zelthintergrund setzte er sich zu Mutter, Großmutter und Geschwistern.
Mattotaupa und die drei Krieger traten ein. Der Häuptling eröffnete keine feierliche Beratung. Die Männer stopften nur die kurzen Pfeifen, die zu einer kurzen Besprechung passten.
»Ihr wisst, worum es geht«, begann Mattotaupa. »Wir vermuten alle, dass es Pani sind, die uns auskundschaften. Wenn eine Schar dieser Spürnasen und Kläffer in unserer Nähe ist, werden sie uns angreifen.«
»Sie werden sich blutige Nasen holen, und ihre Skalpe hängen bald an unseren Stangen!«, prahlte Alte Antilope.
Mattotaupa warf ihm einen strafenden Blick zu, denn es war nicht üblich, dass der an Ansehen Geringste im Beratungskreis als erster dem Häuptling antwortete. Alte Antilope schaute beschämt zu Boden.
»Wir müssen auf einen Kampf gefasst sein«, sprach nun der Rabe. »Vielleicht werden diese stinkenden Ratten uns schon beißen wollen, noch ehe das Kriegsbeil nach der Sitte der Väter ausgegraben ist. Wenn sie in unseren Jagdgründen umherschwärmen, so wissen sie, dass auch wir nach jedem von ihnen, den wir erblicken, den Pfeil senden.«
»So ist es«, bestätigte Alte Antilope. »Wenn wir auf Pani treffen, werden nicht die Zungen, sondern die Pfeile und Speere sprechen. Ich frage dich aber, Häuptling Mattotaupa: Warten wir hier in diesem Lager, bis die Feinde kommen, oder ziehen wir weiter?«
»Wir ziehen weiter!«, rief der Rabe zornig. »Sind wir nicht in den Jagdgefilden der Dakota? Sollen wir uns vor einigen frechen Kojoten schon verkriechen, noch ehe wir überhaupt wissen, ob sie da sind? Ist das die Art der Söhne der Großen Bärin?«
Alte Antilope runzelte die Stirn. »Du redest vorschnell, Rabe. Was sagt der Geheimnismann, Mattotaupa? Du hast mit ihm gesprochen.«
»Ja«, bestätigte der Häuptling, »Sonnenregen und ich haben mit Hawandschita gesprochen. Er rät uns, weiterzuziehen und noch mehr Späher auszusenden.«
»Und was denkst du selbst, Mattotaupa? Wenn wir ziehen, sind unsere Weiber und Kinder leichter anzugreifen als in den Zelten.«
Sonnenregen nahm das Wort. »Wir sind genug Krieger, um die Frauen und Kinder zu schützen. Mich juckt es, die Pani zu bestrafen, wenn sie frech genug sind, in unsere Prärien zu kommen. Lasst uns weiterziehen!«
Die Meinung drang durch. Alle brannten darauf, ihr eigenes Recht ohne Rücksicht wahrzunehmen und den Pani eine Lehre zu erteilen, wenn diese es überhaupt wagten, sich sehen zu lassen.
»Wir ziehen also weiter«, schloss Mattotaupa.
Alte Antilope verließ das Tipi, um draußen als Herold allen Zelten laut zu verkünden, was beschlossen worden war.
Mattotaupa wählte unterdessen sechs Späher aus, drei zu Pferd, um die größtmögliche Schnelligkeit zu entwickeln, und drei zu Fuß, die sich leichter verbergen konnten. Sonnenregen, Tschetan und Schonka waren es, die zu Fuß als Kundschafter ausgesandt wurden. Der Rabe, sein ältester Sohn und ein weiterer Krieger machten sich zu Pferd auf den Weg.
Untschida löste die erste Zeltplane. Die Frauen begannen daraufhin, die Tipis abzuschlagen. Die Drosseln, ständige Begleiter der Pferdeherde, flüchteten, als die Jungen und Mädchen die Pferde holten. Mit jenen drei Spähern, die schon als Ablösung vorausgesandt waren, befanden sich nun neun Männer und Burschen auf Kundschaft. Das waren, der gefährlichen Situation entsprechend, ungewöhnlich viele.
Bald nachdem die erste Zeltplane geflattert hatte, war auch der ganze Zug wieder in Bewegung. Über allen Wandernden lag eine unausgesprochene Spannung. Jeder Krieger hatte zwei, drei Pfeile aus dem Köcher genommen und sie als Bündel zur Hand, um sofort anlegen zu können, wenn ein Feind auftauchte. Hin und wieder schwenkte einer die Hieb- und Wurfwaffe, die aus einer umgebogenen, mit den Enden zusammengebundenen Weidengerte bestand; in der Weidenschlinge war ein eiförmiger Stein befestigt. Ein Schlag mit dieser elastischen Keule wirkte tödlich, wenn er den Kopf des Gegners traf.
Harka behielt seine Jagdpfeile im Köcher. Kriegspfeile, mit Widerhaken versehen, besaß er noch nicht. Es würde sich auch nicht geziemt haben, dass er sich aufspielte, als ob er wie ein Krieger kämpfen könne. Aber er war entschlossen, es zu tun, wenn etwaige Feinde nahe genug kamen, um auch Frauen und Kinder anzugreifen. Der Junge ritt an der Seite des Zuges in der Nähe der Mutter und der Schwester. Die beiden hatten zusammen auf einem Pferd aufsitzen müssen.
Der Zug war erst eine halbe Stunde unterwegs, als schon die Warnrufe der Kundschafter gellten. Verabredet waren als Warnungszeichen einige Töne des Liedes der Drossel, die dem Feind nicht auffallen konnten. Aber die Kundschafter hielten sich nicht an die Abrede. Das war ein Zeichen dafür, dass ihnen Eile jetzt wichtiger schien als Vorsicht. Die Warnrufe wurden aus immer größerer Nähe abgegeben. Die Späher kehrten offenbar schnell zum Zug zurück. Harka lauschte gespannt und blickte dabei auf den Vater, den stolzen Kriegshäuptling zu Pferde, den die Federn des Kriegsadlers vor allen anderen auszeichneten. Mattotaupa musste die Befehle geben, was zu tun sei. Niemand zweifelte mehr daran, dass ein Kampf bevorstand.
Als erster der rückkehrenden Jäger wurde Sonnenregen sichtbar. Er erschien auf einer Anhöhe; seine Haltung ließ darauf schließen, dass er schwer keuchte. Er musste so schnell wie um sein Leben gelaufen sein. Seine Handzeichen machten allen die drohende Gefahr klar: Eine Schar von über sechzig berittenen Pani war im Anzug, offenbar mit feindlichen Absichten. Gleich nachdem Sonnenregen seinen stummen Bericht gegeben hatte, ertönten rings noch einmal die warnenden Kundschafterrufe. Alle Männer und Burschen aus dem Spähdienst kehrten zu Fuß im Dauerlauf, zu Pferd im Galopp zurück, um sich in die Krieger- und Wanderschar einzugliedern. Dort wurden sie jetzt am dringendsten gebraucht.
Harka horchte auf, als er ein neues Geräusch vernahm. Es war noch sehr fern, aber es kam näher, und es war unverkennbar das dumpfe Geräusch einer im Galopp befindlichen Reiterschar. Die Feinde, die von den Kundschaftern angekündigt waren, kamen schon!
Die Frauen nahmen auf Befehl des Häuptlings alle Kinder aus den Rutschen zu sich aufs Pferd und hängten die Rutschen ab. Es war besser, Zelt und Habe zu verlieren als das Leben. Ohne das Gepäck waren auch die Frauen mit ihren Kindern im Notfall rasch bewegliche Reiterinnen. Getrocknetes Büffelfleisch und getrocknete Wurzeln und Beeren, diese Notvorräte, trugen die Frauen in Ledersäcken verwahrt bei sich.
Das gefahrdrohende Geräusch der feindlichen Reiterschar kam mit enormer Geschwindigkeit näher. Auf dem Grasland konnten die Mustangs ihre volle Schnelligkeit entwickeln. Harka, der sich bei den Frauen und Kindern befand, spähte angestrengt nach Westen. Von dorther war das Geräusch der herangaloppierenden Reiterschar zu vernehmen. Die fremden Reiter erschienen auf dem Kamm einer Bodenwelle, in wohlgeordneter Linie. Auch Harka konnte sie erkennen, wenn auch nur sehr fern und in der Perspektive klein und noch undeutlich. Die scharfen und geübten Augen der Jäger erspähten aber doch, dass die fremden Krieger die Pferde hochrissen und die Speere drohend schwenkten.
Noch waren sie für einen Pfeilschuss nicht erreichbar.
Da geschah etwas Erschreckendes und Grausames. Es knallte auf eine Art, die Harka noch nie im Leben gehört hatte. Harkas Mutter griff nach der Brust und machte eine Bewegung, als ob sie halb umgerissen sei, der Zügel entfiel ihr. Harka drängte sein Pferd an die Seite des Tieres, auf dem Mutter und Schwester saßen, und wollte die Mutter stützen. Da musste er begreifen, dass eine Tote mit gebrochenen Augen in seine Arme sank. Er vermochte sie kaum zu halten, aber es musste sein. Er sprang ab, griff mit dem linken Arm durch den Zügel des eigenen Pferdes und ließ dann mit aller Anstrengung die tote Mutter ins Gras gleiten. Da lag sie, und obgleich dem Jungen nur eine Sekunde blieb, um die Mutter anzusehen, wie sie so dalag, prägte sich ihm dieser Anblick für sein ganzes Leben ein. Aus der Brust lief nur ein dünner Blutfaden. Das ebenmäßige, noch junge Gesicht war fahl.
Uinonah schrie laut auf und wollte auch vom Pferd gleiten, aber Harka zwang sie, oben zu bleiben und sich an der Seite der Frauen zu halten. Er selbst sprang wieder auf seinen Schecken. Seine Augen waren heiß und trocken. Es knallte schon wieder, auf die gleiche Weise wie das erste Mal, und Harka hörte etwas pfeifen. Zugleich brüllte Sonnenregen: »Mazzawaken, Mazzawaken!« Das hieß »Geheimniseisen«, und Harka erschrak, aber zugleich erfüllte ihn eine maßlose und furchtbare Erbitterung, weil die Feinde seine Mutter getötet hatten. Er schaute auf den Vater und die anderen Krieger, die seine Mutter rächen sollten.
Die Feinde waren inzwischen auf einen Pfeilschuss nahe gekommen. Der Reiterkampf stand bevor. Auch die Männer der Bärenbande hatten sich in einer Linie ausgerichtet. Jede Partei konnte die andere leicht übersehen und zählen. Mit zweiundvierzig Kriegern standen die Dakota siebenundsechzig Kriegern der Pani gegenüber.
Die Männer der Bärenbande mussten sich hüten, dass sie in dem bevorstehenden Kampf von der Übermacht nicht überflügelt wurden.
Harka starrte die Schar der Feinde an. Die Pani waren ebenso wie die Dakota in dem Augenblick, in dem sie in den Kampf zogen, nur mit dem Gürtel bekleidet. Die eingesalbte Haut glänzte in der Sonne. Die rote Bemalung, die den Kampfwillen bezeugte, verzerrte die Gesichter. Die Schädel waren, im Unterschied zur langen Haartracht der Dakota, kahl geschoren. Nur am Wirbel jedes Pani wippte herausfordernd die Skalplocke. Einige der feindlichen Reiter spannten die Bogen und legten die Pfeile an, andere schwenkten wieder drohend die Speere.
Harka spähte nach dem Häuptling der Feinde und erkannte ihn auch rasch an dem Bündel von Adlerfedern, das er im Schopfe trug, und an der gefährlichen Waffe, mit der er Harkas Mutter getötet hatte. Es war ein langes Rohr mit einem großen Holzgriff, und Harka beobachtete, wie der feindliche Häuptling mit einem Stock etwas in das Rohr stieß. Der Junge sah hier zum ersten Mal eine Feuerwaffe, einen Vorderlader.
Mattotaupa erhob als Antwort auf den Schuss des Pani den schrillen Kriegsruf der Dakota: »Hi-jip-jip-jip-hi-jaah!«
Alle Krieger der Bärenbande stimmten ein, so dass das Geschrei die stille Luft der Prärie aufregte wie ein Windstoß das Wasser. Die Feinde antworteten brüllend, und die Schreie brandeten widereinander. Die Hundemeute jaulte und verstärkte den allgemeinen Lärm.
»Ihr Hunde der Pani!«, schrie Sonnenregen und übertönte mit seiner Stimme das unartikulierte Brüllen. »Glaubt nicht, dass ihr uns mit eurem Mazzawaken schrecken könnt! Ihr Feiglinge und räudigen Kojoten! Ihr Weibermörder! Kommt heran! Wir wollen euch zeigen, wie Männer kämpfen!«
»Ihr schmutzigen Oglala!«, antwortete der Panihäuptling herausfordernd. »Geht dahin, wo ihr hergekommen seid, oder wir wollen euch den Rückweg weisen! Eure Zöpfe werden unsere Trophäenstangen zieren, und ihr werdet euch winselnd in Löchern verkriechen wie kleine Präriehunde!«
Darauf erhob sich wieder das Kriegsgeschrei, mit dem sich jeder selbst Mut machen und den anderen erschrecken wollte.
Der Panihäuptling hatte eine neue Kugel ins Rohr gestoßen und wollte die Flinte an die Wange nehmen. Da stürmte Mattotaupa schon auf seinem Schecken voran, im gestreckten Galopp direkt auf den Gegner zu.
Alle begriffen, dass zuerst die furchtbare und geheimnisvolle Waffe des gegnerischen Häuptlings, mit der er auf eine so weite Strecke einen Menschen töten konnte, unschädlich gemacht werden musste. Wenn es gelang, sie zu erbeuten, war der Erfolg ungeheuer! Alle blickten mit äußerster Spannung auf Mattotaupa. Der Häuptling schleuderte mitten im Reiten den Speer, noch ehe der Pani zum Schuss kam. Der Speer traf den Pani an der Schulter. Der Getroffene verlor den Halt, und die Flinte entfiel ihm. Fast wäre er rücklings vom Pferd gefallen. Ein herbeigaloppierender Reiter stützte ihn. Mattotaupa drang weiter vor, um seinen Sieg zu vollenden. Alte Antilope, der Rabe und dessen ältester Sohn ritten zu ihm heran. Auf der anderen Seite fanden sich weitere Pani bei ihrem Häuptling ein, um diesen und die wertvolle Waffe zu schützen. Die Reiterlinien gerieten dadurch in Unordnung. Diese Situation erkannte Sonnenregen schnell und nützte sie aus. Er brach mit einigen Kriegern durch die entstandenen Lücken in die Linie der Feinde ein und griff die Pani im Rücken an. Er schoss mit dem gefiederten Pfeil einen Feind vom Pferd herunter, und ein Triumphgeschrei der Dakota begleitete diesen Kampferfolg.
Die beiden Häuptlinge und ihre Gefolgschaft waren unterdessen aneinandergeraten und kämpften brüllend miteinander. Antilope hatte die Flinte, die dem Pani entfallen war, vom Boden aufgehoben und an sich genommen. Aber von dem Gebrauch dieser Waffe verstand er nichts. Sie erschien ihm unhandlicher als seine Keule, und er warf sie wieder weg.
Harka ließ sich keine Bewegung in dem Kampfgewoge entgehen. Er beobachtete, wie die gefährliche und ihm verhasste Waffe des Panihäuptlings wieder ins Gras fiel. Die Mustangs der Kämpfenden trampelten mit ihren Hufen darauf herum. Schnell entschlossen warf der Junge Untschida den Zügel seines Schecken zu und glitt von dem Mustang herab. Geduckt rannte er zu der kämpfenden Gruppe; niemand hielt ihn auf. Er wagte sich zwischen die Hufe der zornig und wirr stampfenden Pferde, deren Fell vom Blut der kämpfenden Reiter bespritzt war. Er erhielt einen Hufschlag gegen den Arm, aber die Wirkung überwand er in der Erregung rasch, und er hob die Flinte vom Boden auf. Sie war viel schwerer, als er geglaubt hatte. Mit einem Riemen war sie nicht versehen. Er nahm sie unter den Arm und rannte damit weg, so schnell wie noch nie in seinem Leben. Er sprang auf sein Pferd und stieß einen hellen höhnischen Siegesruf aus. Im selben Augenblick gab er dem Pferd die Fersen, so dass es mit einem großen Satz zum Galopp ansetzte und über die Prärie davonstob. Harka war sich klar darüber, dass er mit seiner Beute jetzt das Ziel eines Angriffs der feindlichen Krieger werden musste. Eben das bezweckte er; er wollte auf diese Weise dazu beitragen, die Feinde in Einzelaktionen zu zerstreuen und ihre Übermacht wirkungslos zu machen.
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