Kitabı oku: «Eiskalte Energie»
Das Buch
Die engagierte Wissenschaftlerin Isabella Filanders ist geschockt. Ihr Chef hat sie gefeuert, weil sie vor der neuen Energiequelle Methanhydrat gewarnt hat. Isabella weiß, dass sie die Nutzung von Methanhydrat verhindern muss. Sonst drohen Tsunamis, eine Verschärfung der Klimaerwärmung und andere Gefahren. Doch in einer Zeit, in der Energie kostbar und knapp ist, stößt sie auf taube Ohren. Umwelt und Technik, das ist Isabellas Welt. Auf die Winkelzüge und Taktiken der Politik ist sie nur schlecht vorbereitet. Unerwartete Hilfe findet sie bei dem smarten Umweltberater Eric Bergmann. Gemeinsam schmieden sie einen riskanten Plan. Allerdings haben sie die Skrupellosigkeit ihrer Gegner unterschätzt. Isabella und Eric müssen untertauchen. In Brüssel bietet sich ihre letzte Chance, die Katastrophe zu verhindern.
Spannend und detailreich entführt »Eiskalte Energie« den Leser in eine Zukunft, in der die Menschen ihren Alltag ohne billiges Öl bestreiten müssen.
»Eiskalte Energie« ist das erste von zwei Büchern. Die Geschichte von Isabella und Eric findet ihre Fortsetzung in dem Roman »Pechschwarzer Sand«. Die enthaltene Leseprobe bietet euch einen ersten Einblick.
Meinungen bei Lovelybooks:
»Spannend, informativ und authentisch« (Enila)
»Im Buch fehlt es an nichts, Spannung, Romantik und eine kritische Sichtweise sind in guten Dosen vorhanden. Ein Buch, das zum Nachdenken anregt.« (Karin66)
»Ausgezeichnet herausgearbeitet wird die Verflechtung von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft… Das Buch ließ sich zügig lesen und hat mich schnell gefesselt. Dazu beigetragen hat neben der abwechslungsreichen Handlung die wissenschaftliche Thematik. Hier wurde exakt recherchiert.« (Mabuerele)
Die Autorin
Liv-Malin Winter studierte Volkswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Umweltökonomie und hat mehrere Jahre in diesem Bereich gearbeitet. Ihre Leidenschaft gilt dem Lesen und Schreiben. Die Natur ist ihre Inspirationsquelle. Hier findet sie Entspannung und neue Ideen für ihre Bücher.
Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Hamburg.
Liv-Malin Winter
Eiskalte Energie
Roman
Presse
Aus der theoretischen Möglichkeit der Methanfreisetzung aus den arktischen Gashydraten scheint mehr und mehr eine schmerzhafte Realität zu werden - mit möglicherweise verheerenden Folgen für das Klima.
DER SPIEGEL 1
Der Abbau von Methanhydrat birgt ernsthafte Gefahren: Kontinentalsockel könnten abrutschen, unterseeische Erdrutsche mächtige Flutwellen auslösen, maritime Ökosysteme zerstört werden. Außerdem könnten Methangaswolken freigesetzt werden - was eine weitere Bedrohung für das Klima wäre, denn Methan ist ein noch stärkeres Treibhausgas als Kohlendioxid.
STERN 2
Vor allem in Japan, Indien, Südkorea und China werde derzeit viel investiert, um den möglichen Abbau von Hydratvorkommen im Meer zu prüfen.
DIE WELT 3
Kontakte
Isabella saß an ihrem Computer und starrte ungläubig auf die Resultate. Das konnte doch nicht wahr sein! Aber die Resultate waren unumstößlich. Sie hatte alle Daten mehrmals überprüft. Ein Fehler war ausgeschlossen. Isabella atmete tief durch. Es war am besten, es jetzt gleich hinter sich zu bringen. Sie strich sich die blonden Haare glatt, stand entschlossen auf und ging zum Büro ihres Chefs. Sie klopfte an die Tür.
››Ja?‹‹, hörte sie seine gedämpfte Stimme und trat ein.
››Herr Schwaiger, die Resultate der neuesten Auswertungen sind da‹‹, sagte sie herausfordernd.
››Ja und?‹‹, erwiderte er ungeduldig.
››Es sieht viel schlimmer aus, als wir erwartet haben.‹‹
››Was soll das denn heißen?‹‹
››Wenn mit der Förderung von Methan aus Methanhydrat begonnen wird …‹‹, Isabella sah den fragenden Blick ihres Chefs und geriet ins Stocken.
››Ach, Sie meinen den Abbau von Methanhydrat. Sagen Sie das doch gleich‹‹, erwiderte er.
››Na ja, eigentlich ist das so nicht ganz korrekt ausgedrückt. Eigentlich wird das Methanhydrat destabilisiert, so dass das Methan aus dem Hydrat freigesetzt wird. Dieses wird dann aufgefangen ...‹‹
››Ist doch egal, wie man das ausdrückt. Immer müssen Sie alles so kompliziert machen. Jetzt kommen Sie endlich auf den Punkt!‹‹, forderte er ungeduldig.
››Um es einfach auszudrücken: Das Projekt darf auf keinen Fall gestartet werden. Methanhydrat gleicht einer Bombe im Ozean, die explodiert, wenn man sie an die Oberfläche holt.‹‹
››Soweit ich mich erinnere, war es Ihre Aufgabe, die verschiedenen technischen Möglichkeiten für den Abbau von Methanhydrat zu untersuchen. Sie sollten herausfinden, wie der Abbau am besten stattfinden kann. Von Ihnen wird keine Beurteilung erwartet, ob er durchgeführt werden soll‹‹, erwiderte er resolut.
››Aber ich kann doch die immensen Risiken, die mit jeder dieser Methoden verbunden sind, nicht ignorieren.‹‹
››Sie immer mit ihren Horrorszenarien!‹‹, unterbrach er sie ärgerlich. ››Machen Sie Ihren Bericht zu dem Thema fertig.‹‹
››Aber wir müssen sofort die Politik davon in Kenntnis setzen. Auf keinen Fall dürfen Genehmigungen für den Abbau erteilt werden.‹‹
››Das lassen Sie mal meine Sorge sein. Jetzt gehen Sie wieder an die Arbeit!‹‹, blaffte er sie an.
Frustriert ging Isabella zurück in ihr Büro. Wie schon so oft lehnte Schwaiger ihren Vorschlag ab.
Zögernd betrat Isabella das Büro ihrer Kollegin Luisa und schloss leise die Tür hinter sich. Luisa sah Isabella neugierig an. Sie hatte bemerkt, dass Isabella in den letzten Tagen bedrückt wirkte. Die beiden waren nicht nur Kolleginnen, sondern trafen sich auch in ihrer Freizeit. Sie gingen gern zusammen shoppen. Obwohl Isabella einen guten Geschmack in Sachen Mode hatte, war Luisas untrügliches Gespür für angesagte Trends immer eine Bereicherung. Ab und zu gingen sie auch gemeinsam ins Kino. Die Begeisterung für Sport teilten sie jedoch nicht. Während Isabella sich fit hielt und sich für viele Sportarten begeistern konnte, war Luisa eher ein Sportmuffel. Daher blieben ihre gemeinsamen Aktivitäten in diesem Bereich auf ein paar sommerliche Badeausflüge zu den Seen in und um Berlin beschränkt.
Bis jetzt hatte Isabella ihr nicht erzählt, was sie belastete. Doch Luisa vermutete, dass sie sich ihr jetzt anvertrauen würde.
››Du weißt doch, dass ich in den letzten Monaten die Methangewinnung aus Hydraten untersucht habe‹‹, begann Isabella. Luisa hörte gespannt zu. ››Ich habe herausgefunden, dass keine der Methoden zur Methanförderung sicher ist. Im Gegenteil. Sie sind alle sehr gefährlich. Vor ein paar Tagen habe ich Schwaiger von meinen Ergebnissen berichtet. Allerdings haben sie ihm nicht besonders gefallen.‹‹
››Das kann ich mir vorstellen. Schwaiger ist an Problemen nicht besonders interessiert. Er legt Wert auf klare einfache Lösungen und die bietest du ihm nicht oft‹‹, bemerkte Luisa.
Isabella hätte am liebsten erwidert, dass die Wissenschaft selten einfache Lösungen hervorbrachte, aber auf diese Diskussion wollte sie sich im Moment nicht einlassen.
››Weißt du zufällig, ob er meinen Bericht schon an das Umweltministerium geschickt hat?‹‹, fragte Isabella zögernd. Luisa arbeitete eng mit Schwaiger zusammen. Wenn jemand wusste, was er tat, dann war sie es.
››Nein, soweit ich weiß, hat er zu dem Thema nichts weitergeleitet.‹‹
››Ich frage mich, warum er das nicht gemacht hat?‹‹, überlegte Isabella.
››Vielleicht hat er noch keine Zeit dafür gefunden.‹‹
››Wenn er keine Zeit hat, sollte ich das vielleicht tun. Die Sache ist dringend, denn es wird schon über Abbaugenehmigungen für Methanhydrat diskutiert.‹‹
››Du weißt, dass Schwaiger sehr wütend wird, wenn du ihn einfach übergehst.‹‹
››Ja, aber was soll schon passieren? Er wird ein paar Tage ärgerlich sein und sich dann wieder beruhigen. Das war bisher immer so. Außerdem schicke ich den Bericht ja nicht an externe Leute, sondern an das Umweltministerium. Die sind schließlich unsere Auftraggeber.‹‹
››Tu, was du nicht lassen kannst‹‹, erwiderte Luisa skeptisch.
››Ja, das werde ich auch. Am besten sofort.‹‹ Isabella drehte sich um und verließ Luisas Büro.
››Herr Minister, Sie haben eine wichtige E-Mail vom Institut für Umweltforschung erhalten.‹‹
››Was wollen die denn?‹‹, fragte Gerhard Wallner seine Assistentin.
››Es geht um neue Forschungsergebnisse bezüglich des Einsatzes von Methanhydrat als Energieträger. Hier steht, dass der Einsatz von Methanhydrat den Klimawandel extrem beschleunigen würde. Außerdem könnten beim Abbau des Methanhydrats auch Tsunamis ausgelöst werden. Davon wären Küstenregionen auf der ganzen Welt betroffen‹‹, erklärte seine Assistentin.
››Immer kommen diese Forscher mit neuen Horrorszenarien. Irgendwo muss die Energie doch herkommen, oder?‹‹, antwortete er ungehalten. ››Verbinden Sie mich mit Schwaiger. Ich kläre das!‹‹, fügte er hinzu und ging in sein Büro. Einige Minuten später hatte er den Chef des Instituts für Umweltforschung am Telefon.
››Hallo Bruno, hier ist Gerhard! Sag mal, hast du deine Leute nicht mehr im Griff?‹‹, eröffnete der Umweltminister ärgerlich das Gespräch.
››Was ist denn los?‹‹, fragte Bruno Schwaiger.
››Ich habe gerade eine hochwichtige E-Mail von einer deiner Mitarbeiterinnen bekommen. Sie meint, dass auf keinen Fall Methanhydrat abgebaut werden darf. So ein Schwachsinn! Methan ist der Energieträger der Zukunft und wird alle unsere Probleme lösen! Hast du von dieser E-Mail gewusst?‹‹
››Nun, von ihren Ergebnissen habe ich gewusst, aber dass sie sie an euch schickt, natürlich nicht. Vermutlich wollte sie sich ein bisschen profilieren. Du weißt ja, wie die jungen Forscher sind. Ihre Ergebnisse müssen immer spektakulär sein.‹‹
››Ich will, dass du das Problem löst! Wenn diese Weltuntergangstheorien an die Öffentlichkeit gelangen, kann das unsere Pläne gewaltig durchkreuzen!‹‹
››Keine Sorge, Gerhard. Ich kümmere mich darum‹‹, sagte Bruno und legte auf. Wütend rief er Isabella in sein Büro.
››Was fällt Ihnen ein, eigenmächtig Forschungsergebnisse weiterzugeben?‹‹, fuhr er sie aufgebracht an, sobald sie sein Büro betreten hatte.
››Ich habe sie doch nur an den Umweltminister geschickt. Ich dachte, er muss informiert ...‹‹, weiter kann sie nicht, als er sie wütend unterbrach.
››Ich habe gesagt, ich kümmere mich darum! Was erlauben Sie sich, dass Sie sich meinen Anweisungen widersetzen? Das reicht mir jetzt endgültig! Sie sind gefeuert. Packen Sie sofort ihre Sachen und verschwinden Sie! Ich will Sie hier nicht mehr sehen!‹‹
››Aber …‹‹, setzte sie an.
››Los, raus hier!‹‹, schrie er sie an.
Isabella verließ benommen das Büro. Auf dem Flur standen einige Kollegen, die das Gebrüll des Chefs gehört hatten. Sie waren aus ihren Büros gekommen, um zu erfahren, was los war.
››Ich bin entlassen worden‹‹, sagte Isabella, den Tränen nahe. Aber sie riss sich zusammen. Auf keinen Fall wollte sie jetzt anfangen zu weinen.
››Warum das denn?‹‹ fragte eine Kollegin erstaunt.
››Weil ich Forschungsergebnisse an den Umweltminister weitergegeben habe. Unser Chef hat es nicht getan, als so habe ich es gemacht. Ich dachte, der Umweltminister muss doch informiert werden‹‹, sagte Isabella fast ein bisschen trotzig.
Bedauernde Blicke folgten ihr, als sie in ihr Büro ging und wahllos alles einpackte, was auf ihrem Schreibtisch lag. Isabella sah auf, als sich die Tür öffnete. Luisa kam in ihr Büro und schloss die Tür hinter sich. Sie ging zu Isabella und nahm diese in den Arm.
››Ich habe gerade gehört, was passiert ist. Es tut mir so leid.‹‹
››Ich verstehe das nicht!‹‹ Isabella war geschockt.
››Du weißt doch, dass Schwaiger sehr aufbrausend ist.‹‹
››Ja schon, aber mich gleich zu feuern, ist doch völlig übertrieben, oder?‹‹
››Lass ihn mal eine Nacht darüber schlafen. Er regt sich schnell auf, aber genauso schnell regt er sich auch wieder ab. Wenn Schwaiger sich beruhigt hat, werde ich versuchen, mit ihm zu reden. Bestimmt überlegt er sich das mit der Kündigung noch mal. Schließlich kann er es sich nicht leisten, auf eine brillante Wissenschaftlerin wie dich zu verzichten‹‹, versuchte Luisa Isabella aufzuheitern.
››Danke‹‹, entgegnete Isabella mit einem zittrigen Lächeln.
››So, ich muss wieder. Lass den Kopf nicht hängen‹‹, verabschiedete sich Luisa und verließ eilig Isabellas Büro.
Isabella beeilte sich, ihre Sachen zusammenzupacken. Sie wollte so schnell wie möglich weg aus dem Büro. Vorsichtig öffnete sie ihre Bürotür und sah nach draußen. Auf dem Flur war niemand zu sehen. Sie hastete an den Büros ihrer Kollegen vorbei und meinte, hinter den angelehnten Türen Getuschel zu hören. Doch keiner ließ sich blicken. Sie lief die Treppe zum Erdgeschoss hinunter und strebte eilig dem Ausgang zu.
››Frau Filanders?‹‹, sprach der Pförtner sie zögernd an.
Überrascht sah Isabella auf.
››Kann ich bitte Ihre Zugangskarte haben?‹‹, fragte der Pförtner verlegen.
››Ja natürlich‹‹, murmelte Isabella und wühlte hektisch in ihrer Tasche, bis sie sie schließlich gefunden hatte und dem Pförtner in die Hand drückte. Dann eilte sie zum Ausgang und einen Moment später fiel die Tür hinter ihr zu. Der Pförtner griff zum Telefon und wählte.
››Frau Filanders hat gerade das Gebäude verlassen. Ihre Zugangskarte habe ich.‹‹
››Gut, sorgen Sie dafür, dass sie keiner mehr herein lässt. Sie ist im Institut für Umweltforschung unerwünscht‹‹, ordnete Bruno Schwaiger an, während er aus seinem Büro beobachtete, wie Isabella mit gesenktem Kopf über den Vorplatz eilte. Er gratulierte sich im Stillen, dieses Problem so schnell gelöst zu haben.
Als Isabella ihre Wohnung erreichte, stand sie immer noch unter Schock. Sie schloss die Wohnungstür auf und ließ achtlos ihre Tasche und den Einkaufsbeutel mit ihren Bürosachen auf den Boden fallen. Sie durchquerte das Wohnzimmer und ging auf den kleinen Balkon. Blicklos sah sie in die Ferne, während sie versuchte zu verstehen, was da am Vormittag geschehen war. Schwaiger hatte sie entlassen, weil sie ihren Bericht an das Umweltministerium geschickt hatte. Doch das ergab für Isabella keinen Sinn. Sie hatte schon häufiger Forschungsberichte an andere Stellen weitergegeben, die über die jeweiligen Ergebnisse informiert werden mussten, ohne dass Schwaiger sich besonders dafür interessiert hatte. Warum war seine Reaktion dieses Mal derartig extrem ausgefallen? Sollten die Ergebnisse etwa geheim bleiben? Aber aus welchem Grund?
Diese Idee erschien ihr zu abwegig. Sie beruhigte sich mit dem Gedanken, dass der Umweltminister über ihre Ergebnisse Bescheid wusste. Er würde dafür sorgen, dass sie in die politische Diskussion einfließen und Gehör finden würden. Wenn das geschehen war, würde auch Schwaiger einsehen, dass er überreagiert hatte.
Getröstet von diesem Gedanken ging Isabella ins Wohnzimmer und startete ihr Notebook. Sie wollte sehen, ob auf der Seite des Umweltministeriums vielleicht schon ein Statement zum Thema Methanhydrat zu lesen war. Beim Einschalten flackerte der Bildschirm bedenklich. Doch mit ein bisschen Geruckel bekam Isabella wieder ein klares Bild. Sie musste das Gerät bald zur Reparatur bringen, denn lange würde der Bildschirm nicht mehr funktionieren. Sie hoffte, dass die Techniker das Problem lösen könnten. Sie hatten es immerhin schon einmal geschafft. Sie hatte ihr Notebook 2017 zum Geburtstag geschenkt bekommen. Damals waren technische Geräte noch billig gewesen. Einige Monate später hatte die dritte Ölkrise begonnen und die Welt schlagartig verändert. Das Öl wurde innerhalb weniger Wochen so teuer, dass sich kein normaler Mensch mehr Benzin leisten konnte. Auch der Lieferverkehr brach zusammen, so dass den Geschäften nach und nach die Ware ausging. Die Elektronikgeschäfte bekamen keinen billigen Nachschub mehr aus Asien und jetzt, zehn Jahre später, würde es sie ein kleines Vermögen kosten, das Gerät zu ersetzen.
Nachdem sie sich die Seite des Umweltministeriums gründlich angesehen hatte, musste sie feststellen, dass es zum Thema Methanhydrat noch keine Äußerungen gab. Sie war etwas enttäuscht, wusste aber, dass diese Dinge ihre Zeit brauchten. Dann klickte sie auf den Werdegang des Umweltministers. Früher hatte er in der Energiebranche gearbeitet. Wie es schien, pflegte er immer noch gute Kontakte zu den diversen Energieunternehmen. Es erstaunte sie, dass so einer Umweltminister geworden war. Aber dieser Posten hatte in den letzten Jahren mehr und mehr an Bedeutung gewonnen, denn die effiziente Nutzung der natürlichen Ressourcen war zum wichtigsten politischen Thema geworden. Sie fragte sich, ob der Umweltminister objektiv mit dem Thema Methanhydrat umgehen würde oder ob er immer noch tief in der Energiebranche verwurzelt war. Isabella schätzte die Wahrscheinlichkeit, dass er unvoreingenommen war, als sehr gering ein. Vermutlich war von dieser Seite keine Hilfe zu erwarten.
Sie sah sich die Seiten verschiedener Umweltorganisationen an. Die Informationen, die diese veröffentlichten, besaßen nicht annähernd die Brisanz ihrer eigenen Forschungsergebnisse. Wahrscheinlich würden die Umweltorganisationen ihre Ergebnisse mit Kusshand nehmen und für eine Kampagne verwenden. Aber vermutlich wurden die Genehmigungen für den Abbau von Methanhydrat schon vorher erteilt und so etwas wieder rückgängig zu machen, könnte Jahre dauern. Dann wäre es vermutlich schon zu spät.
Sie fragte sich, was sie tun sollte. Hatten Schwaiger und der Umweltminister vor, die Gefahren, die mit dem Abbau von Methanhydrat zusammenhingen, zu ignorieren? Niemand hatte bis jetzt auf diese Gefahren hingewiesen. Wenn Ihr Forschungsbericht bisher nicht veröffentlicht worden war, würde das vielleicht auch in Zukunft nicht geschehen. Sollte sie die Öffentlichkeit warnen? Aber wie sollte sie das tun? Entmutigt und deprimiert ließ sie den Kopf auf den Tisch sinken. Am liebsten würde sie einfach vergessen, was sie herausgefunden hatte. Das wäre am leichtesten. Isabella war ratlos und hatte keine Idee, wie sie einflussreiche Politiker erreichen könnte, um die bevorstehende Katastrophe abzuwenden. Unschlüssig, was sie tun sollte, beschloss sie, einen Kaffee zu trinken, um ihre Gedanken zu sammeln. Aber natürlich war an einem Tag wie diesem der Kaffee alle. Ein Blick in den Kühlschrank zeigte ihr, dass ein Einkauf mehr als nötig war. Also zog sich Isabella ihre Jacke an, nahm ihre Tasche und fuhr mit ihrem Fahrrad los.
Sie kam am Lebensmittelladen vorbei, aber einkaufen wollte sie später. Jetzt steuerte sie ein anderes Ziel an. Der Parkplatz des Ladens war halb voll mit Fahrrädern und den unvermeidlichen Fahrradanhängern, die man überall sah. Sie überlegte, ob der Hersteller inzwischen wohl Millionär wäre. Zwei Lieferanten des Geschäftes kreuzten ihren Weg, auch sie auf Fahrrädern mit vollgepackten Anhängern. Isabella beschloss, sich auf dem Rückweg frischen Salat zu kaufen. Zum Glück war der Winter und damit die monatelange Kohlzeit vorbei. Aber was sollte man machen. Im Winter gab es nun einmal kaum andere einheimische Gemüsesorten.
Ein paar Minuten später betrat sie ihr Lieblingscafé am Potsdamer Platz. Sie kam gerne her, denn sie mochte die Atmosphäre des Platzes. Hier pulsierte das Leben und immer, wenn es das Wetter zuließ, genoss es Isabella, sich draußen hinzusetzen und dem bunten Treiben zuzuschauen.
››Einen XL-Cappuccino zum Mitnehmen, bitte‹‹, sagte sie zur Verkäuferin und reichte ihr ihren Kaffeebecher. Viele Cafés hatten in den letzten Jahren ein neuartiges Pfandsystem eingeführt, da herkömmliche Pappbecher zu teuer geworden waren. Die Kunden konnten entweder ihren Kaffeebecher mitbringen oder bekamen einen und zahlten dafür Pfand. So mussten sie unterwegs nicht auf ihren Kaffee verzichten.
Mit ihrem Kaffeebecher in der Hand trat sie vor die Tür und nahm einige Schlucke. Der Kaffee schmecke ihr viel besser als zu Hause. Kaffee war mittlerweile ein teurer Luxus. Da er in Europa nicht angebaut werden konnte, musste er weit transportiert werden und das hatte seinen Preis. Meistens trank Isabella Getreidekaffee aus heimischem Anbau, doch ab und zu gönnte sie sich einen richtigen Kaffee.
Sie betrachtete die Menschen. Einige telefonierten, andere unterhielten sich miteinander. Eine Fahrradrikscha fuhr an Isabella vorbei. Darin saß eine Familie. Die beiden Kinder beobachteten interessiert das Treiben um sie herum. Businessleute eilten durch die Straßen und Touristen sahen sich neugierig um. Wie überall wurde das Straßenbild von Radfahrern beherrscht. Autos waren fast völlig verschwunden. Alle waren mit ihrem alltäglichen Leben beschäftigt. Isabella dachte an andere Städte, Metropolen wie New York oder Vancouver, die am Meer lagen. Auch dort lebten Millionen von Menschen, ahnungslos darüber, was für ein Unheil auf sie zukam. Wenn sie Glück hätten, könnten sie vor einem kommenden Tsunami fliehen, doch ihr Zuhause würde zerstört werden. Die Heimat zu verlieren wäre ein schlimmes Schicksal. Als Flüchtling an einen fremden Ort zu kommen und dort vielleicht auf Ablehnung zu stoßen, war schwer. Wer weiß, ob sich diese Menschen je wieder irgendwo heimisch fühlen könnten. Wenn sie jedoch Pech hätten, dachte Isabella düster, würden sie nicht rechtzeitig gewarnt werden und müssten in den Fluten eines Tsunamis sterben. Plötzlich erhielt sie einen Stoß und wurde unsanft aus ihren Gedanken gerissen. Ein Mann hatte sie angerempelt. Sie fühlte etwas Warmes über ihre Hand laufen und ein Blick bestätigte ihr, dass ihr Kaffee verschüttet worden war. Eilig hielt sie den Kaffeebecher von sich weg, um ihre Sachen zu schützen, doch dafür war es bereits zu spät.
››Können Sie nicht aufpassen?‹‹, fragte sie ärgerlich und sah ihn an. Sie sah in warme braune Augen und ein attraktives Gesicht.
››Es tut mir schrecklich leid, ich habe Sie nicht gesehen‹‹, sagte der Mann und hob entschuldigend die Hand, in der er sein Handy hielt.
››Ich habe gerade eine Nachricht gelesen und da habe ich Sie wohl übersehen. Es tut mir leid. Haben sie Kaffee auf ihre Sachen bekommen?‹‹ Eilig zog er ein Taschentuch aus seiner Tasche und reichte es ihr.
››Nur ein paar Spritzer. Es geht schon‹‹, entgegnete Isabella, während sie versuchte, die Kaffeeflecken von ihrer Jacke zu tupfen.
››Sie müssen mir erlauben, Ihnen als Wiedergutmachung einen neuen Kaffee zu kaufen‹‹, sagte er mit einem gewinnenden Lächeln, ››Was war das für einer?‹‹
››Ein Cappuccino‹‹, erwiderte sie, gefangen von seinem Lächeln.
››Am besten gehen wir rein, da ist es ungefährlicher. Setzen Sie sich, ich hole den Kaffee.‹‹ Mit diesen Worten ging er zur Theke.
Als er mit den Kaffeetassen zum Tisch kam, hatte Isabella Gelegenheit, ihn in Ruhe zu betrachten. Er hatte dunkelbraune kurze Haare und trug einen schwarzen Anzug mit weißem Hemd und einer Krawatte, die ziemlich teuer aussah. Mit einem Lächeln stellte er die Tassen auf den Tisch.
››Bitteschön, als kleine Wiedergutmachung.‹‹
››Danke‹‹, sagte sie und trank genussvoll von ihrem Cappuccino.
››Was ist denn Ihr Job, dass Sie so interessante Mails bekommen und unschuldige Frauen umrennen?‹‹, fragte Isabella, nachdem er sich gesetzt hatte.
››Ich bin Umweltberater‹‹, sagte er und lächelte über ihren erstaunten Gesichtsausdruck. ››Die Zeit der selbst gestrickten Pullover ist inzwischen vorbei. Es geht in meinem Job nicht mehr darum, ein paar undichte Fenster auszutauschen und Energiesparlampen einzusetzen.‹‹
››Das ist mir schon klar, aber ich wusste nicht, dass sich diese Branche so verändert hat‹‹, erklärte sie einigermaßen verblüfft.
››Oh, das hat sie auf jeden Fall. Inzwischen braucht man eine Menge Know-how und gute Kontakte zu den richtigen Leuten. Wenn man das hat, kann man auch ganz gut verdienen. Und was für tiefgehende Gedanken hatten Sie, dass Sie mir nicht ausgewichen sind?‹‹, fragte er.
››Ich habe gerade versucht eine Entscheidung zu fällen.‹‹
››Haben Sie es noch geschafft, bevor ich Sie angerempelt habe? Sich zu entscheiden, meine ich.‹‹
››Ja, ich glaube schon‹‹, antwortete Isabella zögernd und sah ihm in die Augen. Auf einmal durchzog sie die Gewissheit, dass sie sich tatsächlich entschieden hatte. Sie würde alles in ihrer Macht Stehende tun, um die Genehmigungen für den Abbau von Methanhydrat zu verhindern.
››Darf man fragen, worum es dabei ging?‹‹ Er sah ihr wehmütiges Lächeln als Reaktion auf seine Frage. ››Ist wohl zu privat, Entschuldigung.‹‹
Isabella hätte sich ihm gerne anvertraut. Es würde so gut tun, ihre Sorgen mit jemandem zu teilen. Sie hielt sich jedoch zurück. Sie kannte diesen Mann erst fünf Minuten, wie sollte sie ihm da die neueste Version des Weltuntergangs anvertrauen.
Um das entstandene Schweigen zu überbrücken, sagte er: ››Ich heiße übrigens Eric Bergmann.‹‹
››Ich bin Isabella Filanders‹‹, antwortete sie.
Sie reichten sich förmlich die Hand, was an dem kleinen Kaffeetisch deplatziert wirkte. Beide fingen an zu grinsen und die ernste Stimmung war verflogen. Dann sah Eric auf seine Uhr.
››Oh nein, so spät schon! Ich muss leider los. Ich habe ein wichtiges Meeting‹‹, sagte er erschrocken. ››Hier ist meine Karte. Falls Sie Ihre Sachen in die Reinigung bringen, schicken Sie mir die Rechnung, und falls Sie das Treffen fortsetzen wollen, würde mich das freuen.‹‹ Dabei schenkte er ihr ein charmantes Lächeln und stand auf. Im Fortgehen rief er noch: ››Rufen Sie mich an!‹‹
Etwas perplex über den schnellen Aufbruch sah Isabella ihm nach. Dann fiel ihr Blick auf seine Karte: ›Eric Bergmann - Nising & Hamilton Consulting - Umwelt- und Politikberatung‹ stand darauf. Entgeistert sah sie die Visitenkarte an. Sie hatte jemanden mit Kontakten in die Politik kennen gelernt. Isabella steckte die Visitenkarte in ihre Tasche und verließ das Café. Sie musste in Ruhe darüber nachdenken, wie sie weiter vorgehen sollte. Dafür war das Café nicht der richtige Ort.
Sie schloss ihr Fahrrad ab und fuhr zum Lebensmittelladen. Dort angekommen stellte sie es vor dem Geschäft ab und ging hinein. Ein Blick in die Obst- und Gemüseabteilung zeigte ihr, dass sie für ihren Salat zu spät kam. Die meisten Obst- und Gemüsesorten waren bereits ausverkauft. Sie würde morgen wiederkommen. Am besten gleich morgens, nachdem die örtlichen Lieferanten da gewesen waren. Jeden Tag kamen Leute aus der Gegend, die dem Laden Obst oder Gemüse verkauften. Dabei handelte es sich nicht nur um Bauern aus dem Umland, sondern auch um Leute, die ein bisschen Obst und Gemüse in ihren Gärten anbauten.
Isabella erinnerte sich, wie sie im Jahr nach der dritten Ölkrise selbst begonnen hatte, im Garten ihrer Eltern Gemüse zu ziehen, um den Speiseplan der Familie etwas zu bereichern. Die Lebensmittelpreise waren in schwindelerregende Höhen gestiegen, so dass sie sich nur noch das Notwendigste leisten konnten. Frisches Obst und Gemüse waren unbezahlbarer Luxus, denn für die Produktion und den Transport benötigte man Öl und das war sehr teuer. Zunächst war Isabellas Mutter sehr verärgert, dass Isabella den perfekten Rasen Stück für Stück mit ihren Gemüsebeeten zerstörte. Doch als Isabella dann tatsächlich etwas erntete und sogar einen Teil der Ernte an die Nachbarn verkaufte, begann ihre Mutter sie zu unterstützen. Im Gegensatz zu Isabella konnte sie sich jedoch nicht für die Gartenarbeit begeistern. Sie tat es nur aus der Notwendigkeit heraus, etwas zu essen zu haben und die Haushaltskasse aufzubessern.
Isabella verließ die Obst- und Gemüseabteilung. Brot, Butter und ein bisschen Käse würden für den Abend reichen müssen. Außerdem kaufte sie noch Pasta und Hirse. Mit frischem Gemüse und aromatischen Kräutern würde sie sich daraus in den nächsten Tagen etwas Gutes kochen. Auf ihrem Balkon hatte sie dafür einen kleinen Kräutergarten angelegt. Meistens aß sie vegetarisch, denn Fleisch war sehr teuer.
Als sie alles beisammen hatte, bezahlte sie und ging mit ihren Einkäufen zum Fahrrad, um alles darauf zu verstauen. Dann machte sie sich auf den Weg nach Hause.
Am nächsten Tag rief Isabella Luisa im Institut für Umweltforschung an. Sie hoffte, die Lage wäre doch nicht aussichtslos und der Chef hätte sich wieder beruhigt. Als Luisa sich meldete, sagte sie: ››Hi, ich bin's, Isabella.‹‹
››Hallo, wie geht es dir?‹‹
››Nicht besonders gut. Hast du noch mal mit Schwaiger gesprochen?‹‹, erkundigte sich Isabella zögernd.
››Ja, aber ich konnte leider nichts erreichen. Er ist immer noch sehr wütend‹‹, entgegnete Luisa.
››Dann gibt es wohl keine Chance, dass er sich das mit der Kündigung noch einmal überlegt?‹‹, fragte Isabella enttäuscht.
››Nein, leider nicht. Ich habe alles probiert, aber er ließ sich einfach nicht umstimmen. Um ehrlich zu sein, hat er sich schon Argumente zurechtgelegt, falls du gegen die Kündigung klagen solltest. Ich glaube, du hättest keine Chance zu gewinnen. Es tut mir leid, dass ich dir nicht helfen konnte.‹‹
››Trotzdem danke, dass du es versucht hast‹‹, sagte Isabella irritiert. ››Weißt du eigentlich, was mit meinen Forschungsergebnissen geschehen ist?‹‹
››Die hält der Alte streng unter Verschluss. Oh, ich muss Schluss machen, er kommt gerade hierher.‹‹
››Tschüss‹‹, sagte Isabella, doch Luisa hörte es nicht mehr. Sie hatte schon aufgelegt. Na, das war ja ein kurzes Telefonat, dachte Isabella. Sie hätte sich gerne noch länger mit Luisa unterhalten, denn sie fühlte sich einsam und hätte ein bisschen moralische Unterstützung gebrauchen können. Nun war also klar, dass sie vom Institut für Umweltforschung keine Hilfe erwarten konnte.
Sie musste an Eric Bergmann denken. Wieder sah sie seine Karte an. Sie fand ihn sehr sympathisch, war sich aber nicht sicher, ob sie ihm trauen konnte, denn schließlich kannte sie ihn überhaupt nicht. Die zweite Frage war, ob er sie ernst nehmen würde. Andererseits war ein Treffen mit ihm möglicherweise ihre einzige Chance, einflussreiche Leute zu erreichen, die ihr helfen konnten. Schließlich nahm sie ihren Mut zusammen und rief ihn an.
Isabella hatte sich für ihr Treffen mit Eric sorgfältig gekleidet. Sie hatte ein elegantes grünes Kleid gewählt, das gut mit ihren grünen Augen harmonierte. Ihre honigblonden Haare hatte sie zu einer Hochsteckfrisur arrangiert. Normalerweise trug sie legere Kleidung, aber Eric hatte ein sehr exklusives Restaurant für ihr Treffen vorgeschlagen und dort wäre eines ihrer bunten Lieblingskleider sicher nicht passend. Außerdem wollte sie von Eric ernst genommen werden. Zum Glück hatte ihre Mutter sie gezwungen, dieses Kleid für die Silberhochzeit ihrer Tante Fiona zu kaufen. Ihre Mutter meinte, sie müsse auch etwas Anständiges im Schrank haben. Sie hatte für Isabellas Kleidungsstil nichts übrig.
Als Isabella das Restaurant erreichte, wartete Eric bereits auf sie. Er begrüßte sie mit seinem charmanten Lächeln und sie gingen hinein. Er half ihr aus ihrer Jacke und sein Blick glitt anerkennend über ihre schlanke Figur, die in dem schmal geschnittenen Kleid gut zur Geltung kam.
››Sie sehen toll aus‹‹, sagte er lächelnd.
››Vielen Dank.‹‹ Sie musterte Erics eleganten Anzug und sein Gesicht.
Der Ober führte sie zu ihrem Tisch und sie nahmen Platz. Einige Momente später erschien er wieder und servierte ihnen Prosecco.
››Mit den besten Empfehlungen des Hauses‹‹, sagte er.
Eric erhob sein Glas: ››Was halten Sie davon, wenn wir uns duzen?‹‹
››Das würde ich schön finden‹‹, antwortete Isabella und prostete ihm zu. Nachdem beide etwas getrunken hatten, erkundigte sich Eric.
››Sind deine Sachen wieder sauber geworden?‹‹
››Ja, alles in Ordnung.‹‹ antwortete Isabella mit einem Lächeln. ››Deshalb wollte ich mich aber nicht mit dir treffen.‹‹
››Ach nein?‹‹, fragte er mit gespielter Überraschung.
Bevor sie antworten konnte, kam der Ober mit der Speisekarte und sie wählten ihr Essen aus.
››Möchten Sie einen Wein zum Essen?‹‹, fragte der Ober, als er die Bestellung aufnahm. Fast wollte Isabella bejahen, als ihr wieder einfiel, dass das für sie ein sehr wichtiges Treffen war und kein Date. Es wäre wirklich besser, wenn sie nüchtern bliebe, also verneinte sie. Eric sah sie ein wenig verwundert an, bestellte dann aber für sich selbst.
››Warum wolltest du dich denn mit mir treffen?‹‹ Sein Tonfall deutete an, dass er die Antwort schon genau kennen würde. Vermutlich dachte er, sie wäre nur hier, weil sie auf der Suche nach einem Mann sei. Also nahm Isabella ihren Mut zusammen.
››Weißt du, ich bin Umweltforscherin im Bereich Wechselwirkungen von Klima und Technologie. Ich habe an den Auswirkungen geforscht, die sich aus der Nutzung von Methan aus Methanhydraten als Energieträger ergeben würden.‹‹
››Das hört sich interessant an‹‹, antwortete er mechanisch. Das hatte er nun überhaupt nicht erwartet. Er hatte sich auf einen romantischen Abend gefreut und nun sprach sie ausgerechnet dieses Thema an.
››Bei den neuesten Berechnungen, die ich durchgeführt habe, haben sich sehr überraschende Ergebnisse ergeben‹‹, sagte Isabella und versuchte einzuschätzen, was Eric dachte. Aber aus seiner Miene konnte sie nichts ablesen. Sie fragte sich, wie viel sie ihm erzählen sollte, fragte sich, ob sie ihm trauen konnte. Schließlich entschloss sie sich, offen zu sein, denn Eric schien eine ausgezeichnete Chance sein. Sie musste ihn überzeugen.
››Die Ergebnisse sagen voraus, dass die Förderung von Methan aus Methanhydraten sehr gefährlich ist. Die Klimaerwärmung könnte weiter beschleunigt werden. Dadurch würden sich die Ozeane erwärmen, was dazu führt, dass weiteres Methanhydrat im Meeresboden auftaut und in die Atmosphäre entweicht. Das beschleunigt die Klimaerwärmung weiter und so kommt eine Kettenreaktion in Gang‹‹, erklärte Isabella. Durch ihre Nervosität war die Erklärung jedoch nicht so strukturiert und verständlich wie beabsichtigt.
››Am besten essen wir erst einmal, da kommt der Ober mit unserem Essen‹‹, unterbrach Eric sie freundlich, aber reserviert. Obwohl das Essen vorzüglich war, konnte Isabella es nicht richtig genießen, denn sie war zu sehr mit ihren Gedanken beschäftigt. Auch ihre Unterhaltung war nun nicht mehr so ungezwungen wie vorher. Als sie das Essen beendet hatten, verließen sie gemeinsam das Restaurant. Isabella war enttäuscht, denn Eric hatte ihr keine Chance gelassen, noch einmal über ihre Forschungsergebnisse zu sprechen. Immer wenn sie es versuchte, hatte er abgelenkt.
››Darf ich dich nach Hause bringen?‹‹, erkundigte er sich höflich.
››Ja, gerne‹‹, antwortete sie. Damit hatte sie noch ein bisschen Zeit gewonnen, um ihn zu überzeugen. Er ging auf einen BMW zu und öffnete ihr die Tür.
››Ist das deiner?‹‹, fragte Isabella überrascht. Seit der dritten Ölkrise waren Autos aus dem Straßenbild fast komplett verschwunden. Dieses wurde seit einigen Jahren von Fahrrädern beherrscht. Nur die wenigsten Leute fuhren privat noch Auto.
››Das ist nur ein Firmenwagen‹‹, antwortete Eric und stieg ebenfalls ein. Er startete den Wagen und das leise Surren eines Elektromotors wurde hörbar.
››Oh, das ist ein Elektroauto‹‹, stellte Isabella fest.
››Ich arbeite als Umweltberater, da kann ich ja wohl schlecht mit einem Benziner herumfahren.‹‹
››Das stimmt natürlich.‹‹
Eric drehte sich zu Isabella und sah ihr ins Gesicht. Auf einmal sah er ärgerlich aus.
››Eigentlich dachte ich, dieser Abend soll ein angenehmes Date werden und dann erzählst du mir was von Klimaforschung und gefährlichen Kettenreaktionen. Was erwartest du jetzt von mir?‹‹
Isabella versuchte ihre Nervosität zu unterdrücken und antwortete: ››Ich will, dass du mir hilfst meine Ergebnisse an die richtigen Leute zu bringen, damit der Abbau von Methanhydrat verhindert wird.‹‹
››Hast du Beweise für deine Behauptungen?‹‹
››Nein‹‹, sagte Isabella ernüchtert. Daran hatte sie bisher nicht gedacht. ››Alle meine Unterlagen sind im Institut für Umweltforschung und die haben mich entlassen.‹‹
››Tja, tut mir leid, ohne Beweise kann ich dir nicht weiterhelfen‹‹, sagte er abweisend. ››Wo wohnst du?‹‹
Isabella nannte ihm die Adresse und Eric fuhr los. Fast lautlos glitten sie durch die nur spärlich erleuchteten Straßen. Einige Minuten später erkundigte er sich: ››Ist es hier?‹‹
››Ja‹‹, antwortete Isabella frustriert.
››Gute Nacht‹‹, sagte Eric distanziert.
Isabella blieb nichts anderes übrig als auszusteigen. Kaum hatte sie die Tür geschlossen, gab Eric Gas und fuhr davon. Enttäuscht schaute Isabella ihm nach und sah seine Rücklichter in der Dunkelheit verschwinden.
In der folgenden Nacht schlief Isabella schlecht. Alle ihre Hoffnungen hatten sich in Luft aufgelöst. Als sie am nächsten Morgen erschöpft aufstand, stolperte sie über den Beutel mit ihren Bürosachen. Den musste sie auch endlich auspacken, damit er nicht ewig herumlag. Aber das hatte Zeit bis nach dem Frühstück.
Nach dem Frühstück machte sich Isabella widerwillig daran, den Beutel auszupacken. Sie zog einen Stapel Papiere heraus und sah sie an. Da waren alle möglichen Notizen und Schmierzettel, Sachen, die eigentlich in den Müll gehörten. Ein paar bunte Stifte waren auch darin. Dann sah sie einen Locher. Fast musste sie lachen. Sie hatte aus Versehen einen Locher vom Institut für Umweltforschung mitgehen lassen. Der Beutel war fast leer, nur etwas Kleines befand sich noch darin. Sie sah genau hin und ihr stockte der Atem. Da war ihr Speicherchip! Auf diesem Chip hatte sie immer ihre Zwischenergebnisse aus Angst vor einem Computerfehler gespeichert. Auf diesem Chip befand sich auch das Endergebnis ihrer Studie. Sie hatte ihn selbst für die Arbeit gekauft, weil ihr Chef kein Geld für unnötige Datensicherung, wie er es nannte, ausgeben wollte. Da war der Beweis, den Eric wollte! Aufgeregt ergriff sie das Telefon und rief ihn an.
››Hallo, hier ist Isabella Filanders‹‹, meldete sie sich aufgeregt.
››Ja, was gibt es?‹‹, fragte Eric.
››Ich habe den Beweis, den du wolltest‹‹, rief sie immer noch aufgeregt.
››Also gut, dann treffen wir uns 18:00 Uhr am Café‹‹, sagte er nach kurzem Zögern.
Er schien irgendwie verärgert zu sein. Sie wusste nicht warum, aber das war ihr auch egal. Jetzt, wo sie ihre Daten hatte, musste er ihr helfen!
Isabella erreichte das Café zu früh, aber sie wollte Eric auf keinen Fall verpassen. Um die Wartezeit zu überbrücken, kaufte sie einen Cappuccino. Eigentlich brauchte sie keinen Kaffee, denn sie war auch so schon nervös und aufgeregt genug, aber so war sie wenigstens beschäftigt. Sie hatte das Gefühl, dass die Zeit nur sehr langsam verging. Als es endlich 18:00 Uhr war, erwartete sie ihn jeden Moment und hielt erwartungsvoll Ausschau. Aber von Eric war weit und breit nichts zu sehen. Langsam vergingen die Minuten, doch er war immer noch nicht da. Isabella wurde immer unruhiger. Kam er etwa nicht? Das konnte er doch nicht machen!
Nach einigen weiteren Minuten ungeduldigen Wartens sah sie einen Mann im dunklen Anzug um die Ecke biegen. Es war Eric! Erleichterung durchströmte Isabella. Er hatte sie also doch nicht versetzt.
››Hallo! Also, wo sind deine Beweise?‹‹, begrüßte er sie und kam sofort zur Sache.
››Ich habe meinen Speicherchip gefunden, auf dem sind alle meine Ergebnisse‹‹, antwortete Isabella. ››Wenn du willst, kann ich sie dir im Café zeigen. Ich habe mein Notebook dabei.‹‹ Sie sah ihn fragend an. Eric überlegte einen Moment. Wenn diese Ergebnisse tatsächlich brisant waren, wollte er sie auf keinen Fall in der Öffentlichkeit diskutieren.
››Nein, wir gehen zu mir. Meine Wohnung ist nicht weit von hier.‹‹ Seine Stimme zeigte keine Spur von Wärme und auch seine Haltung war abweisend.
Sie fragte sich, wo Eric wohnte, während sie einige Minuten schweigend durch die Straßen gingen. Er steuerte auf eine elegante Wohnanlage zu, die sie kurz darauf betraten. Sie kamen an einem Portier vorbei, der sie freundlich begrüßte. Dann fuhren sie mit dem Fahrstuhl in eine der oberen Etagen, wo er mit seiner Key-Card die Wohnungstür öffnete und sie eintreten ließ.
Isabella betrat den Eingangsbereich der Wohnung. Der Boden war mit dunklem Parkett bedeckt und die Wände waren in einem zarten Cremeton gehalten. Geradeaus führten zwei Stufen hinab in ein großzügiges Wohnzimmer. Isabella war fasziniert von der bodentiefen Fensterfront, die die gesamte Längsseite dieses Zimmers bedeckte. Am Tag hatte man bestimmt einen tollen Blick über die Stadt, dachte sie. Jetzt sah man die Lichter der Häuser in der Umgebung. Rechts vom Durchgang, der vom Eingangsbereich in das Wohnzimmer führte, stand eine cremefarbene Sitzgruppe. An der Wand hing ein Flachbildschirm. Links vom Durchgang stand ein großer eleganter Esstisch mit passenden Stühlen.
››Bitte, nimm Platz.‹‹
Isabella holte ihr Notebook aus der Tasche und schaltete es an. Sie schloss ihren Speicherchip an und begann die Daten hochzuladen. Sie merkte, dass ihre Hände dabei leicht zitterten. Erics ablehnende Haltung machte sie nervös. Sie warf einen schnellen Blick auf ihn, der auf der anderen Seite des Tisches stand und sie seinerseits abschätzend beobachtete. Als sie sich kennengelernt hatten, war er freundlich und charmant gewesen. Aber seit sie ihm von ihren Forschungsergebnissen berichtet hatte, verhielt er sich abweisend und kühl. Gab es viele Leute, die seine Unterstützung für ihre Projekte haben wollten? Reagierte er deshalb so ablehnend? Das war schon möglich, doch wie oft stieß jemand auf Ergebnisse, die die ganze Welt verändern konnten und bat ihn um Hilfe? Sie würde um eine Million wetten, dass sie die Erste war. Ein Blick auf den Bildschirm bestätigte ihr, dass die Daten fertig geladen waren.
››Hier hast du deinen Beweis‹‹, sagte sie herausfordernd.
Eric kam zu ihr und sah auf den Bildschirm, aber da waren nur Unmengen von Zahlen zu sehen, die er nicht interpretieren konnte.
››Ich fürchte, dass du mir deine Zahlen erklären musst‹‹, sagte er. Es ärgerte ihn, dass er sie fragen musste, aber er war neugierig. Neugierig, wer sie war und was sie glaubte entdeckt zu haben. Allerdings hatte er nicht die Absicht, sich von ihr in etwas hineinziehen zu lassen. Er wollte sehen, auf was sie gestoßen war. Er würde sich eine Kopie von ihren Daten besorgen und dann musste er sie nur noch loswerden.
››Die Sache ist die‹‹, begann Isabella ihre Erläuterung. ››Die großen Energiekonzerne, vor allem Veller Energy, planen in der Zukunft, Methan aus Methanhydrat zu fördern und es als Energieträger zu nutzen.‹‹
Eric überlegte einen Moment. Dann fragte er: ››Ach, du meinst den Abbau von Methanhydrat?‹‹
Isabella verdrehte die Augen, was Eric nicht entging.
››Was ist?‹‹, fragte er.
››Das Methanhydrat wird nicht abgebaut. Das Hydrat wird destabilisiert, so dass das Methan austritt. Nur weil irgendein Journalist geschrieben hat, dass das Methanhydrat abgebaut wird, glaubt jetzt alle Welt, dass Methanhydrat vom Meeresboden abgebaut wird wie Kohle in einem Steinbruch‹‹, erwiderte Isabella genervt.
Eric lachte. ››Gib es auf, dagegen wirst du nicht ankommen.‹‹
››Okay, jetzt werde ich nur noch Abbau von Methanhydrat sagen, schon um mir diese verwunderten Blicke zu ersparen. Jedenfalls meinen die Energiekonzerne, dass sie mit Methanhydrat alle Energieprobleme der Zukunft lösen können.‹‹
››Stimmt das denn nicht?‹‹, fragte Eric.
››Das ist nicht die Frage‹‹, antwortete Isabella. ››Die Frage ist vielmehr, was für Probleme der Abbau von Methanhydrat mit sich bringt? Und das sind eine Menge Probleme‹‹, sagte sie düster. ››Das Verfahren ist sehr kompliziert. Dabei besteht die Gefahr, dass unabsichtlich Methan freigesetzt werden kann, das als Gas an die Wasseroberfläche steigt und dann in die Atmosphäre gelangt. Methan ist ein sehr viel wirksameres Treibhausgas als Kohlendioxid und wird den Klimawandel erheblich beschleunigen.‹‹ Eric wollte etwas einwenden, aber sie ließ ihn nicht zu Wort kommen. ››Wenn sich das Klima erwärmt, erwärmen sich auch die Ozeane. Das führt dazu, dass mehr Methanhydrat freigesetzt wird. Du musst dir das wie Eis vorstellen, wenn es schmilzt. Es wird ja auch Methaneis genannt. Je wärmer es also wird, desto mehr Methaneis schmilzt. Allerdings ist das kein langsamer ruhiger Prozess wie bei Eis, das zu Wasser wird. Methanhydrat geht vom festen Zustand direkt in den gasförmigen über, wobei sich sein Volumen um ein Vielfaches erhöht. Das ist wie eine gewaltige Explosion. Der Meeresboden, aus dem das Gas entweicht, wird instabil und kann abrutschen. Du weißt, was das bedeutet?‹‹
››Tsunamis?‹‹, fragte Eric.
››Genau, dadurch werden Tsunamis ausgelöst. Außerdem ist das aus dem Meer aufsteigende Methan für den Schiffsverkehr gefährlich, denn es vermindert die Oberflächenspannung des Wassers. Wenn sich in so einer Gegend ein Schiff aufhält, wird es vom Wasser nicht mehr getragen und geht unter, ohne dass jemand etwas dagegen tun kann. Da Methan hochentzündlich ist, kann es auch tief fliegende Flugzeuge zur Explosion bringen.‹‹, Isabella sah Eric an. ››Ich weiß, das klingt wie in einem Katastrophenfilm, aber es ist leider die Wahrheit.‹‹
Eric war schockiert. Obwohl sein Wissen über diese Problematik nicht umfassend war, deckten sich Isabellas Schilderungen mit dem, was er darüber wusste.
››Verstehe ich es richtig, dass man eine Kettenreaktion auslösen würde? Methanhydrat wird abgebaut und es wird unabsichtlich Methan freigesetzt. Das Klima und damit auch die Meere erwärmen sich und dadurch wird weiteres Methan freigesetzt und so geht es immer weiter?‹‹
››Genau, wenn erst einmal begonnen wird, das Methanhydrat abzubauen, beginnt eine Kettenreaktion, die keiner mehr stoppen kann. Dazu sind wir auch mit all unserem Know-how und unserer Technik nicht in der Lage‹‹, bestätigte Isabella. ››Außerdem würden Schiffsreisen extrem gefährlich werden.‹‹
››Was das für die Weltwirtschaft bedeutet!‹‹, sagte Eric. ››Seit der Ölkrise kann sich doch kaum noch jemand die Kosten für ein Flugzeug leisten. Praktisch alles wird wieder mit Schiffen transportiert. Es wäre nur noch Handel mit Ländern möglich, die auf dem Landweg zu erreichen sind. Undenkbar!‹‹
Eric dachte darüber nach, was Isabella ihm erklärt hatte. Ihre Erklärungen erschienen ihm plausibel. Er vermutete, dass die Daten echt waren, aber er konnte sich nicht sicher sein. Konnte es sein, dass ihm irgendjemand eine Falle stellen wollte? Er dachte daran, wie sie sich kennengelernt hatten. Er hatte sie beinahe umgerannt. So etwas war nicht so einfach zu simulieren. In das Café ging er normalerweise nicht hinein, also konnte sie dort nicht gewartet haben, um ihn ››zufällig‹‹ kennenzulernen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie auf ihn angesetzt war, war äußerst gering.
Ihre Forschungsergebnisse waren in der Tat besorgniserregend, aber eigentlich wollte er damit nichts zu tun haben. Solche Sachen brachten nur Ärger.
››Was erwartest du von mir?‹‹, fragte er abrupt.
››Du kennst Leute in der Politik. Du könntest ihnen erklären, welche Gefahren mit dem Abbau von Methanhydrat einhergehen.‹‹
››Ich würde mal sagen, da überschätzt du mich gewaltig‹‹, sagte er abwehrend. Isabella sah Eric an und versuchte ihn einzuschätzen. Sein Gesicht zeigte jedoch keine Regung und sie konnte nicht erahnen, was er dachte.
››Bitte Eric, du musst mir helfen! Du arbeitest doch auch daran, die Umwelt zu schützen und den Klimawandel zu verhindern. Du kannst das doch nicht ignorieren!‹‹ Sie sah ihn mit einem bittenden und schon etwas verzweifelten Gesichtsausdruck an.
››Ich arbeite nur in der Branche, weil es ein gutes Geschäft ist. Früher waren es die Finanzmärkte, in denen man gut verdient hat. Heute ist es der Umweltbereich. Alles nur Business‹‹, antwortete er und versuchte möglichst kühl zu wirken. Doch das fiel ihm zusehends schwerer, denn Isabella sah ihn mit ihren grünen Augen durchdringend an.
››Nein, das glaube ich dir nicht! Ich glaube, für dich ist der Umweltschutz mehr als nur ein Geschäft.‹‹
››Wie kommst du darauf?‹‹
››Ist so ein Gefühl. Nenn es meinetwegen Intuition. Was hast du denn zu verlieren, wenn du mir hilfst?‹‹, fragte Isabella herausfordernd.
Oh, eine ganze Menge, dachte Eric, aber das konnte er ihr nicht sagen. Sie hatte ihn in die Enge getrieben.
››Was hast du jetzt vor? Wie sieht dein Plan aus?‹‹, fragte er, um sie von seinen Motiven abzulenken.
Doch Isabella ging nicht direkt auf seine Frage ein.
››Weißt du, ich glaube, die Energieunternehmen wollen sich eine Art Monopol sichern. Die Förderung von Kohle, Erdöl und Erdgas ist sehr teuer und sie braucht viel Know-how. Wenn sich die Leute erneuerbaren Energien zuwenden, wenn sie also Strom mit Solaranlagen auf ihren Hausdächern produzieren und die Wärmeversorgung durch Geothermie oder Pelletheizungen gesichert ist, brauchen sie die großen Energiekonzerne nicht mehr. Deshalb versuchen diese, den Leuten einzureden, dass die Nutzung von Methanhydrat unsere einzige Chance ist, die Energieversorgung langfristig zu sichern. Glauben die Menschen das, bleiben sie weiterhin in der Abhängigkeit der Energiekonzerne. Denn Methanhydrat abzubauen ist sehr teuer und kompliziert. Die Energieversorger wollen ihre Macht erhalten und dafür nehmen sie sogar die Zerstörung unserer Lebensgrundlage in Kauf. Der einzige Weg, das zu verhindern, ist, ein gesetzliches Verbot für den Abbau von Methanhydrat zu erwirken. Außerdem muss ein konsequenter und schneller Ausbau der erneuerbaren Energien erfolgen. Ist das erst einmal geschafft, werden sich die Menschen nicht wieder in die Abhängigkeit der Energieunternehmen begeben und die damit verbundenen immensen Risiken in Kauf nehmen.‹‹
Eric dachte über Isabellas Ansichten nach. So drastisch wie sie hätte er es nicht ausgedrückt, aber er verstand, was sie meinte.
››Das Geld, das die Unternehmen in Technologien investieren wollen, die für den Abbau des Methanhydrats notwendig sind, könnte man auch für die Weiterentwicklung der alternativen Technologien verwenden‹‹, fuhr Isabella fort. ››Damit könnte man eine ganze Menge voranbringen. Jetzt ist doch gerade die neue Solarzellengeneration zur Marktreife gelangt. Wenn die offensiver gefördert wird, wäre das Methanhydrat zur Energieerzeugung gar nicht notwendig. Denn der Energiebedarf könnte mit alternativen Technologien gedeckt werden.‹‹
Mist, dachte Eric. Isabella hatte sich eine ganze Menge Gedanken gemacht. Damit hatte er nicht gerechnet. Ihm fielen keine weiteren Ausflüchte mehr ein, also lenkte er ein.
››Okay, ich werde dir helfen, aber versprich dir nicht zu viel. Es ist nicht gesagt, dass wir Erfolg haben werden‹‹, sagte er widerwillig.
Isabella wäre am liebsten vor Freude aufgesprungen und ihm um den Hals gefallen, aber sie beherrschte sich. Eric sah nicht aus, als wäre er davon begeistert.
››Danke! Ich bin so froh! Wie gehen wir jetzt vor? Was machen wir zuerst?‹‹, fragte sie aufgeregt. Gute Frage, dachte Eric und überlegte.
››Kannst du sagen, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass Methan unabsichtlich freigesetzt wird und wie viel Methan in die Atmosphäre gelangen kann, bevor die Kettenreaktion ausgelöst wird?‹‹, fragte er skeptisch.
››Ja, das habe ich alles berechnet. Das steht alles hier in meinen Daten.‹‹ Isabella deutete auf den Bildschirm.
››Okay, könntest du dann das da …‹‹, damit zeigte er auf die unübersichtlichen Tabellen auf dem Bildschirm, ››... irgendwie verständlich darstellen?‹‹
››Natürlich, das ist eine meiner leichtesten Übungen‹‹, sagte sie und sah großzügig darüber hinweg, dass er ihr das anscheinend nicht zutraute. Er griff nach ihrem Speicherchip, doch Isabella legte schnell ihre Hand darauf.
››Was willst du damit?‹‹, fragte sie.
››Eine Sicherheitskopie machen‹‹, antwortete er beiläufig.
››Wieso?‹‹
››Warum macht man wohl Sicherheitskopien?‹‹, fragte er in herablassenden Ton.
››Damit man das dumme Mädchen danach vor die Tür setzen kann, weil man es nicht mehr braucht?‹‹
››Wie kommst du denn auf so was? Traust du mir etwa nicht?‹‹, fragte er empört.
››Wie sollte ich dir trauen? Ich kenne dich doch gar nicht‹‹, antwortete sie sachlich.
››Vergiss nicht, du hast mich um Hilfe gebeten.‹‹
››Ich weiß.‹‹ Abschätzend sah sie ihn an. ››Aber ich bin nicht bereit, dir alle meine Daten anzuvertrauen.‹‹
››Also gut, ruf mich an, wenn du fertig bist‹‹, lenkte Eric verärgert ein. ››Du musst jetzt gehen. Ich habe noch einen wichtigen Termin.‹‹
Isabella packte ihre Sachen zusammen und verließ seine Wohnung. Sie war sich nicht sicher, was sie von Eric halten sollte. Dennoch war sie erleichtert, dass sie jetzt Hilfe hatte. Endlich lastete die Verantwortung nicht mehr allein auf ihr.
Sie kehrte zum Café zurück, wo ihr Fahrrad stand. Seit Tagen fühlte sie sich zum ersten Mal befreit und erleichtert. Als sie nach Hause fuhr, waren die Straßen schon ruhiger, denn es war Abend geworden. Isabella liebte es, mit dem Fahrrad durch die stillen dunklen Straßen der Stadt zu fahren. Ab und zu tauchten andere Radfahrer auf, kreuzten ihren Weg und verschwanden fast lautlos wieder in der Dunkelheit. Früher, als Isabella noch zur Schule ging, war das ganz anders. Die Straßen waren voller Autos, es war laut und es roch nach Abgasen. Außerdem war der Straßenverkehr mit so vielen Autos viel gefährlicher. Aber das hatte sich alles geändert.
Tarnen und Täuschen
Am nächsten Morgen machte sich Isabella motiviert an die Arbeit. Sie war froh, dass sie endlich wieder etwas Sinnvolles tun konnte. Zuerst wollte sie ihre Forschungsergebnisse aufbereiten, damit sie diese auch anderen verständlich präsentieren konnte. So wie sie jetzt aussahen, in riesigen und unübersichtlichen Tabellen, verstand sie außer ihr selbst kaum jemand. Wie solche Präsentationen aussehen mussten, wusste sie genau. In ihrer Anfangszeit beim Institut für Umweltforschung hatte sie viele solcher Präsentationen erstellt. So ging es allen Uni-Absolventen, die dort anfingen. Erst nach einer gewissen Zeit durften sie dann an den interessanten Forschungsprojekten mitarbeiten.
Isabella arbeitete den ganzen Vormittag zügig und konzentriert. Die Mittagszeit ging vorbei, ohne dass sie es bemerkte. Wenn sie richtig in eine Sache vertieft war, konnte sie alles um sich herum vergessen. Schließlich wurde sie vom Telefon aus ihrer Arbeit gerissen. Es war Eric.
››Hallo, was gibt’s?‹‹, meldete sie sich.
››Hast du schon Mittag gegessen?‹‹, fragte er.
››Nein, ich habe die ganze Zeit gearbeitet.‹‹
››Wenn du Lust hast, können wir uns doch in einer Stunde im Luigis treffen‹‹, sagte er freundlich. ››Kennst du das?‹‹
››Ja, das kenne ich. Warum nicht‹‹, antwortete Isabella, verwundert über diese Einladung.
››Also bis dann! Tschüss.‹‹
››Tschüss‹‹, verabschiedete sich Isabella und legte auf.
Sie hatte nur eine Stunde Zeit, also musste sie sich beeilen. Umziehen, schminken und dann losgehen. Für das Luigis war etwas Elegantes angemessen. Ging Eric eigentlich nur in teure Restaurants? Sie entschied sich für ihren neuen cremefarbenen Rock mit einem dezenten Blumenmuster und einen passenden roten Pullover. Sie überlegte, welche Schuhe sie anziehen sollte. Ihre roten High Heels würden gut zu dem Outfit passen, allerdings waren sie für längere Strecken zu Fuß nicht geeignet. Isabella wollte jedoch gerne zu Fuß gehen, denn nach dem langen Vormittag am Computer brauchte sie ein bisschen Bewegung. Daher entschied sie sich für die cremefarbenen Ballerinas, denn zum Restaurant würde sie zwanzig Minuten laufen müssen. Ihre Haare ließ sie offen, so dass sie auf ihre Schultern fielen. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass es höchste Zeit war loszugehen, wenn sie noch pünktlich kommen wollte.
Eric erwartete sie bereits im Restaurant.
››Gut siehst du aus‹‹, begrüßte er sie charmant. Er war in seinem Anzug wie immer perfekt gestylt.
››Danke‹‹, antwortete Isabella reserviert. Sie wusste nicht, was sie von Erics unerwarteter Freundlichkeit halten sollte. Anscheinend war er heute besser gelaunt als bei ihrer letzten Begegnung. Eric wählte einen Tisch in einer gemütlichen Ecke des Restaurants, abseits von den wenigen anderen Gästen, die die Tische am Fenster bevorzugten. Nachdem der Kellner ihre Bestellung aufgenommen hatte, erkundigte sich Eric: ››Hast du so hart gearbeitet, dass du das Mittagessen verpasst hast? Es ist schon drei Uhr.‹‹
››Ja, ich habe angefangen meine Ergebnisse aufzubereiten und darüber habe ich wohl die Zeit vergessen. Und du?‹‹
››Ich war bei einem Kunden und konnte nicht eher weg‹‹, antwortete Eric.
››An welcher Art von Projekten arbeitest du denn zur Zeit?‹‹, fragte Isabella.
››Dies und das‹‹, antwortete Eric vage. Er schien kein Interesse daran zu haben, über seine Arbeit zu reden. Also gab Isabella den Versuch, Smalltalk zu machen, auf. Sie aß ein bisschen von dem frischen Ciabatta, das der Kellner bereits gebracht hatte und nun wurden auch ihre Vorspeisen serviert. Endlich kam Isabella zu ihrem heiß ersehnten Salat! Glücklich nahm sie ihre Gabel in die Hand. Da sie den ganzen Vormittag gearbeitet hatte, war es mit ihrem Einkauf wieder nichts geworden. Der Salat war mit einem leichten frischen Joghurtdressing angemacht und Isabella genoss jeden Bissen.
››Schönes Wetter heute‹‹, nahm Eric das Gespräch wieder auf, nachdem er seine Bruschetta gegessen hatte.
››Ja, es ist ungewöhnlich warm für die Jahreszeit‹‹, erwiderte Isabella höflich. Sie fragte sich, wohin das Gespräch führen sollte.
››Letztes Jahr um die Zeit war es viel kühler und hat andauernd geregnet.‹‹
››Warum hast du mich zum Essen eingeladen?‹‹, wechselte Isabella das Thema. Allmählich hatte sie dieses Gerede über das Wetter satt.
››Ich war hungrig und dachte, dir geht es vielleicht genauso. Lag ich da falsch?‹‹
››Nein.‹‹
››Außerdem esse ich viel lieber in Gesellschaft.‹‹
Isabella ließ die Erklärung auf sich beruhen und widmete sich ihrem Hauptgericht, einem Auberginen-Zucchini-Auflauf. Eric ließ sich seine Pasta Arrabiata schmecken. Ihre höfliche Konversation hatten sie aufgegeben. Zum Nachtisch überredete Eric Isabella zu einem Pfirsich-Himbeer-Soufflé, dem Stolz des Küchenchefs. In der Tat schmeckte diese süße Köstlichkeit einfach himmlisch.
Zum Abschluss des Essens servierte der Kellner ihnen zwei Espressi. Kaum war er wieder in der Küche verschwunden, sah Eric sich unauffällig um. Er wollte sehen, ob sie ungestört waren.
››Wem hast du von deinen Forschungsergebnissen erzählt?‹‹, fragte er, nachdem er sich vergewissert hatte, dass die anderen Gäste nicht in Hörweite saßen.
››Meinem ehemaligen Chef, ein paar von meinen Kollegen wissen davon und dann habe ich sie noch an den Umweltminister geschickt‹‹, erwiderte sie, unschlüssig, was sie von dieser Frage halten sollte.
››Du hast was?‹‹, fragte Eric verblüfft.
››Ich habe sie an den Umweltminister geschickt, weil mein Chef nichts unternehmen wollte und dann hat er mich gefeuert‹‹, erklärte Isabella.
Eric fing leise an zu lachen. ››Was gibt es da zu lachen?‹‹, fragte sie gereizt.
››An den Umweltminister ...‹‹ sagte er lachend. ››…weißt du denn nicht, dass der aus der Energiebranche kommt und nie etwas tun würde, was deren Interessen entgegen läuft?‹‹
››Jetzt weiß ich das auch!‹‹, entgegnete sie heftig.
››Hör mal, wenn du bei Politikern etwas erreichen willst, musst du die Sache viel subtiler angehen. Dem Umweltminister irgendwelche Forschungsergebnisse zu schicken, bringt gar nichts. Der wird erst was machen, wenn er das Gefühl hat, dass eine Lobby dahinter steht. Verstehst du? Er muss das Gefühl haben, dass er unter Druck steht. Erst dann wird er handeln.‹‹ Eric sah Isabella an und schüttelte nun wieder lachend den Kopf. ››Deine Mail hat der Umweltminister wahrscheinlich einfach gelöscht und damit war die Sache für ihn erledigt. Weißt du, bei Politikern braucht man viel Fingerspitzengefühl.‹‹
››Das hast du natürlich super drauf! Die meiste Zeit benimmst du dich wie ein ungehobelter Klotz!‹‹, sagte sie ärgerlich.
››Vielleicht, aber ich erreiche wenigstens, was ich will. Das Einzige, was du erreicht hast, ist, deinen Job zu verlieren.‹‹ Er schüttelte lachend den Kopf. ››Du bist viel zu naiv.‹‹
Wütend stand Isabella auf.
››Du bist ein arroganter Mistkerl!‹‹, zischte sie ihn an und verließ das Restaurant.
››He, warte!‹‹, rief er ihr nach. ››Ich habe es nicht so gemeint.‹‹ Aber Isabella sah sich nicht mehr nach ihm um.
Eilig bezahlte Eric und lief ihr nach. Als er nach draußen kam, war von Isabella nichts mehr zu sehen. Da hatte er wohl ein bisschen übertrieben. Er hätte nicht gedacht, dass sie so wütend werden würde. Er musste unbedingt mit ihr reden und das in Ordnung bringen. Also ging er zu ihr nach Hause.
Er klingelte mehrmals, aber sie machte die Tür nicht auf. Eric war sich sicher, dass Isabella zu Hause war, denn er hatte aus ihrer Wohnung ein Geräusch gehört.
››Isabella, bitte mach die Tür auf, wir müssen reden‹‹, rief er, während er an die Tür klopfte. Langsam öffnete sich die Nachbartür und eine ältere Dame sah ihn neugierig an. So ein Mist, dachte Eric und rief: ››Bella, Liebling, bitte mach auf, es tut mir doch leid.‹‹
Sie glaubte, sich verhört zu haben. War Eric verrückt geworden? Isabella öffnete die Tür, um ihm gehörig die Meinung zu sagen. Aber er ließ sie nicht zu Wort kommen, sondern drängte sich an ihr vorbei in die Wohnung und schloss die Tür.
››Was soll das?‹‹, fragte Isabella wütend.
››Sei bitte nicht so laut, die Alte muss ja nicht alles mithören‹‹, sagte Eric gedämpft.
››Was für eine Alte?‹‹
››Deine neugierige Nachbarin‹‹, erwiderte er.
››Was willst du und was soll dieser Quatsch mit Bella Liebling? Bist du jetzt total übergeschnappt?‹‹, machte Isabella ihrem Ärger Luft.
››Ich wollte mich für das, was ich im Restaurant gesagt habe, entschuldigen‹‹, sagte Eric ernst. Doch Isabella sah ihn immer noch ärgerlich an.
››Und es tut mir leid, dass ich über dich gelacht habe‹‹, fügte er hinzu. ››Außerdem hast du Recht, ich habe mich wie ein ungehobelter Klotz benommen.‹‹
››Da hast du allerdings vollkommen Recht. Ich verstehe gar nicht, wie du mit dem Verhalten in deinem Job erfolgreich sein kannst‹‹, entgegnete sie.
››Wenn ich mir Mühe gebe, kann ich auch freundlich und zuvorkommend sein. Ich verspreche dir, dass ich mir ab jetzt richtig Mühe geben werde.‹‹
Seinem Lächeln konnte Isabella sich nicht ganz entziehen. Als Eric merkte, dass sie nicht mehr ärgerlich war, kam er wieder zum eigentlichen Thema.
››Ich denke, in Bezug auf deine Forschungsergebnisse müssen wir sehr diskret vorgehen. Es hat den Anschein, dass sie einigen Leuten gar nicht gefallen, sonst wärst du nicht gleich gefeuert worden. Es ist am besten, wenn du mit niemandem darüber redest, dass wir die Sache gemeinsam weiterverfolgen. Ich will das so lange wie möglich geheim halten‹‹, sagte Eric. Aufmerksam sah er sie an und versuchte sie einzuschätzen.
››Aber irgendwann müssen wir doch an die Öffentlichkeit gehen. Ist das nicht Sinn der ganzen Aktion?‹‹
››Das ist richtig, aber wir bestimmen, wann und wie.‹‹
››Hast du schon einen Plan für Wann und Wie?‹‹, fragte sie.
››Den muss ich mir noch überlegen‹‹, sagte Eric ausweichend.
››Übrigens würde ich vorschlagen, dass wir so tun, als ob wir ein Date haben, wenn wir uns in Zukunft treffen. Ich denke, das ist am unauffälligsten. Wenn wir Glück haben, merkt keiner, dass du eine Klimaforscherin bist.‹‹ Er sah in ihr erstauntes Gesicht.
››Du willst, dass ich so tue, als ob du mein Date bist?‹‹, fragte sie skeptisch.
››Ja, das ist doch eine gute Tarnung.‹‹
››Na, wenn du das sagst. Vermutlich macht sich keiner die Mühe zu überprüfen, mit was für Frauen du ausgehst, das sind bestimmt viel zu viele‹‹, murmelte sie.
Entschlossen fügte sie hinzu: ››Gut, wir machen das, aber nur unter zwei Bedingungen!‹‹
››Was für Bedingungen?‹‹, fragte Eric vorsichtig.
››Erstens: Du hörst auf, dich wie ein Idiot zu benehmen. Das Einwickeln von Politikern stand während meines Studiums nicht auf dem Stundenplan. Also weiß ich nicht besonders viel darüber. Du solltest mir also lieber beibringen, was ich wissen muss, anstatt mich auszulachen.‹‹ Das war eine faire Forderung, das musste Eric zugeben.
››Okay, mache ich. Und die zweite Forderung?‹‹
››Du nennst mich nie wieder Bella‹‹, sagte sie und sah ihn kühl an.
››Warum denn nicht, Bella klingt doch hübsch?‹‹, fragte er mit einem Grinsen.
››Ich hasse es, so genannt zu werden! Das haben die Jungs in meiner Schule immer zu mir gesagt und es war nicht gerade freundlich gemeint. Die wollten mich damit nur ärgern‹‹, entgegnete sie heftig. Aufmerksam glitt Erics Blick über ihr Gesicht. Sie hatte wunderschöne grüne Augen, ihre Nase war weder krumm noch wurde sie von einem Höcker verunstaltet. Auch ihr Mund gefiel ihm. Isabella, die Erics Blick richtig deutete, sagte genervt: ››Ich hatte eine Zahnspange! Ich weiß, dass eine Zahnspange kein Grund für Komplexe ist, aber diese Typen haben etwas gesucht, um mich zu ärgern. Ich habe meine Mutter angefleht, dass ich dieses blöde Ding nicht tragen muss, aber meine Mutter war unerbittlich. Obwohl meine Zähne nicht besonders schief waren, musste ich sie immer tragen. Meine Mutter ist eben eine Perfektionistin und das bedeutet, dass auch alle anderen perfekt sein müssen.‹‹
Eric war erstaunt über die Heftigkeit, mit der Isabella diese Erklärung abgegeben hatte.
››Okay, ich sage nie wieder Bella. Ist Isa besser?‹‹, fragte er nun ernst.
››Ja, Isa ist besser‹‹, antwortete sie versöhnlich.
››Gut, dann werde ich mir mal überlegen, wer uns weiterhelfen kann. Ich melde mich bei dir, wenn ich einen Plan habe‹‹, sagte Eric und küsste Isabella zum Abschied auf beide Wangen.
››Was soll das denn jetzt?‹‹, fragte sie überrascht und gereizt.
››Ich übe für unser nächstes Date. Normalerweise begrüße ich Frauen, mit denen ich verabredet bin, nicht mit einem kühlen Händedruck.‹‹ Er grinste sie unverschämt an und verließ dann die Wohnung.
››Eric ...‹‹, rief Isabella ihm nach und er drehte sich noch mal zu ihr um. ››Übertreib es nicht!‹‹, fügte sie genervt hinzu.
Als er weg war, öffnete sich langsam die Tür nebenan und ihre Nachbarin kam heraus.
››Ist alles in Ordnung bei Ihnen, Frau Filanders?‹‹, fragte sie Isabella.
››Ja, vielen Dank, Frau Mayer‹‹, antwortete Isabella höflich.
››Was war denn los?‹‹, fragte ihre Nachbarin nun neugierig.
››Na ja, Sie wissen doch, wie Männer sind. Ich bin zweimal mit dem Typen ausgegangen und schon glaubt er, dass er mir vorschreiben kann, was ich tun soll. Aber da ist er bei mir an der falschen Adresse. Dem habe ich mal gehörig die Meinung gesagt.‹‹ Isabella sah Frau Mayer an, dass diese gerne noch mehr erfahren hätte. Um das Gespräch zu beenden, sagte sie: ››Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.‹‹
››Ich Ihnen auch‹‹, sagte Frau Mayer, da sie merkte, dass Isabella nicht mehr erzählen wollte und ging in ihre Wohnung.
Gerhard Wallner ging auf die imposante Villa zu. Als Umweltminister fühlte er sich sehr wichtig und genoss den Einfluss, den seine Stellung mit sich brachte. Aber das hier war eine andere Liga. Die Villa strahlte Reichtum und Macht aus. Sie gehörte Ferdinand Veller, dem Aufsichtsratsvorsitzenden von Veller Energy. Er beherrschte die Firma wie ein mächtiger Oligarch. Was er sagte, war Gesetz. Schon seit vielen Jahren hatte es keiner mehr gewagt, ihm zu widersprechen. Die luxuriöse Limousine, die in der Auffahrt stand, verstärkte den Eindruck von Reichtum und Dekadenz, insbesondere in einer Zeit mit schwindenden Ölreserven.
Wallner wurde am Eingang von einem Butler empfangen und durch die weiten Flure des Hauses geleitet. Als der Butler die Tür der Bibliothek für Wallner öffnete, vernahm dieser eine Opernarie. Ein Bass erfüllte den ganzen Raum. Wallner betrat die Bibliothek und sah Veller in einem Sessel sitzen. Dieser hielt einen Drink in der Hand und sah hinaus in den Garten. Mit einer Hand wies er auf einen weiteren Sessel, ohne Wallner direkt anzusehen. Als die letzten Töne verklungen waren, begann Veller zu reden.
››Don Giovanni ist ein Frauenheld, ein Wüstling und ein Mörder. Er verfolgt sein Ziel, egal, wer ihm dabei im Weg steht. Allerdings ist er dabei leichtsinnig und allzu sorglos und das wird ihm zum Verhängnis.‹‹ Veller hatte tief in Gedanken gesprochen. Nun sah er Wallner an. ››Würden Sie für Frauen so ein Risiko eingehen?‹‹
Wallner verneinte und hoffte, das Veller ihm nicht ansah, dass er keine Ahnung hatte, wovon dieser eigentlich sprach.
››Da haben wir etwas gemeinsam‹‹, sinnierte Veller. ››Warum sollte man sein Leben riskieren, nur um ein paar Frauen zu erobern. Don Giovanni wurde für seine Missetaten mit dem Höllenfeuer bestraft. Schade eigentlich, denn irgendwie mag ich ihn, aber in Geschichten muss das Gute immer siegen. Im wahren Leben dagegen sieht das anders aus. Wenn man sich klug anstellt, kann man alles erreichen. Stimmt's, Wallner?‹‹
››Oh ja, natürlich‹‹, beeilte sich dieser, Veller beizupflichten. Er hatte nicht viel übrig für Opern. Allerdings erschien es Wallner nicht ratsam, seine Abneigung offen zu zeigen, da Veller ein Opernliebhaber war und die Staatsoper in Berlin durch großzügige Spenden vor dem Bankrott gerettet hatte.
Veller erhob sich und ging zu einem kleinen Tisch, auf dem eine Whiskykaraffe stand. ››Wollen Sie auch einen?‹‹
››Ja bitte‹‹, antwortete Wallner. Er bemühte sich selbstbewusst zu wirken, aber diese imposante Umgebung und Veller verunsicherten ihn, auch wenn er das niemals zugegeben hätte. Veller reichte ihm seinen Drink.
››Wie laufen die Geschäfte?‹‹, fragte Wallner im Versuch, das unbehagliche Schweigen zu brechen.
››Gut, gut. Ich kann nicht klagen‹‹, antwortete Veller. Er war ans Fenster getreten und sah in den Garten hinaus. Wieder verfiel er in Schweigen. Schließlich fuhr er fort.
››Seit dem Peak Oil habe ich dank kluger Geschäftspolitik mein Imperium aufgebaut. Seitdem ist Energie ein gefragtes Gut und die Menschen haben endlich verstanden, wie abhängig sie von der Energie sind - wie abhängig sie von mir sind.‹‹
››Ja‹‹, bestätigte Wallner. ››Seit 2017 hat sich vieles geändert.‹‹
››Nein, mein Freund, nicht 2017‹‹, bemerkte Veller und wandte sich um.
››Der Peak Oil war bereits 2005. Das hat seinerzeit nur kaum jemand zur Kenntnis genommen. 2005 war das Jahr, in dem die Ölförderung ihr Maximum erreicht hatte. Seitdem geht es abwärts. Die Chinesen haben diesen Trend noch beschleunigt. Zu dumm, dass sie plötzlich auch alle Auto fahren wollten.‹‹ Er prostete Wallner zu. ››Auf die Chinesen! Die haben mich reich gemacht.‹‹
Wieder sah Veller nach draußen. Wallner fragte sich, warum er ihn zu sich bestellt hatte.
››Jetzt habe ich eine neue Energieressource entdeckt. Wenn ich die unter meine Kontrolle gebracht habe, werde ich wirklich unbesiegbar sein. Kein anderer Konzern wird mir dann noch das Wasser reichen können. Allerdings sind mir Neuigkeiten zu Ohren gekommen, die mir nicht gefallen.‹‹ Veller drehte sich zu Wallner um und sah ihn durchdringend an. ››Ich habe von kritischen Stimmen in Bezug auf Methanhydrat gehört.‹‹ Seine Stimme war plötzlich schneidend.
››Es war nur eine Stimme und ich habe das Problem bereits gelöst‹‹, beeilte sich Wallner zu versichern.
››Sind Sie sicher?‹‹, hakte Veller noch einmal nach.
››Ja, ganz sicher. Es wird keine negative Publicity zum Thema Methanhydrat geben. Allerdings kann es nicht schaden, die Presse mit einem anderen Thema zu beschäftigen.‹‹
››Woran denken Sie?‹‹, fragte Veller.
Wallner überlegte einige Momente. Dann hatte er eine Idee.
››Wir könnten behaupten, dass Leuchtdioden gesundheitsschädlich sind‹‹, schlug er vor. Das war vielleicht nicht die kreativste Idee, aber auf die Schnelle war ihm nichts Besseres eingefallen.
››Damals bei der sogenannten Energiesparlampe hat es ja auch funktioniert. Warum also nicht?‹‹, überlegte Veller.
››Vielleicht gibt es ja wieder Hamsterkäufe.‹‹ Diese Vorstellung amüsierte Wallner.
››Umso besser für mich. Wenn die Leute so an den konventionellen Leuchtmitteln hängen, verbrauchen sie mehr Strom. Mir soll es recht sein. Also kümmern sie sich darum.‹‹ Veller wandte sich wieder ab und der nächste Akt von Don Giovanni erscholl. Damit war Wallner entlassen.
Am nächsten Morgen war Eric sehr früh auf den Beinen. Er war auf dem Weg zum Umweltministerium. In der Hand trug er eine Tüte mit frischen Croissants. Er hatte die Zeit für seinen Besuch mit Bedacht gewählt, nämlich so, dass der Umweltminister nicht da war. Als er das Vorzimmer des Umweltministers betrat, begrüßte er die Assistentin mit einem strahlenden Lächeln.
››Guten Morgen Victoria, du siehst wundervoll aus, wie immer.‹‹
››Guten Morgen Eric, und du bist ein alter Charmeur‹‹, erwiderte Victoria mit einem Lächeln. Sie mochte Eric. Er war immer gut gelaunt und freundlich. Wäre sie nur ein paar Jahre jünger, könnte sie sich glatt in ihn verlieben. Aber mit ihren 45 Jahren fühlte sie sich dann doch ein bisschen zu alt für einen Mann, der Anfang 30 war.
››Was führt dich so früh her?‹‹, fragte sie.
››Ich wollte zum Umweltminister. Ist er da?‹‹ Fragend sah Eric sie an.
››So früh? Der kommt nicht vor neun ins Büro.‹‹, sagte Victoria.
››Oh, das ist aber schade. Das kann man nicht ändern. Was hältst du davon, wenn wir zusammen frühstücken, damit ich nicht ganz umsonst gekommen bin? Ich habe ein paar Croissants mitgebracht. Da ist auch eins mit Nougatfüllung dabei.‹‹ Eric lächelte sie schelmisch an und hielt die Tüte in die Höhe.
Viktoria musste ebenfalls lächeln. Das war ihre Lieblingssorte. Sie hatte es ihm mal erzählt, aber sie war erstaunt, dass er es noch wusste.
››Also gut‹‹, sagte sie. ››Ich mache uns Kaffee.‹‹
Eric nahm in der Sitzecke Platz, die für wartende Besucher gedacht war und begann die Croissants auszupacken. Als sie es sich mit Kaffee und Croissants gemütlich gemacht hatten, fragte Eric: ››Wie geht es dir?‹‹
››Eigentlich ganz gut, nur die Arbeit macht mir immer weniger Spaß.‹‹
››Wieso das denn?‹‹
››Inzwischen tut der Umweltminister nicht mal mehr so, als ob er sich für Umweltschutz einsetzt. Und wenn jetzt der Abbau von Methanhydrat erlaubt wird, dann sind alle Anstrengungen der letzten Jahre umsonst gewesen. Außerdem geht es dabei nicht nur ums Klima. Es ist viel zu gefährlich‹‹, sprudelte es aus Victoria heraus. Erschrocken hielt sie inne.
››Was meinst du?‹‹, fragte Eric nach.
››Na ja, weißt du ...‹‹, sie zögerte und sah Eric an. ››Eigentlich soll das ja keiner erfahren, aber vor ein paar Wochen hat eine Klimaforscherin Ergebnisse ihrer Arbeit geschickt. Ich habe sie mir angesehen und muss sagen, sie waren wirklich erschreckend. Als der Umweltminister die Ergebnisse gesehen hat, ist er ärgerlich geworden und hat den Chef der Forscherin angerufen. Seitdem hat niemand mehr über die ganze Sache geredet und die Ergebnisse sind in der Versenkung verschwunden. Ich wünschte, ich hätte ihr helfen können‹‹, sagte Victoria traurig.
››Vielleicht kannst du das ja.‹‹ Eric sah sie an. Er überlegte, wie weit sie wohl gehen würde.
››Ich weiß ja nicht mal, wo sie ist. Vermutlich wurde sie gefeuert‹‹, erwiderte Victoria.
››Aber ich weiß, wo sie ist. Ist ihr Name Isabella Filanders?‹‹, fragte Eric. Überrascht sah Victoria ihn an.
››Ja, woher weißt du das?‹‹
››Weil ich sie kenne und ihre Ergebnisse kenne ich auch. Es wäre wirklich schlimm, wenn eintreten würde, was sie in ihrer Untersuchung voraussagt.‹‹
››Genau das finde ich auch und deshalb muss etwas dagegen unternommen werden!‹‹, sagte Victoria.
››Man müsste erst mal dafür sorgen, dass sie die Ergebnisse einem geeigneten Kreis vorstellen könnte‹‹, überlegte Eric.
››Sie könnte einen Vortrag auf der nächsten Konferenz zum Thema Energie und Umwelt halten. Die ist in fünf Tagen‹‹, schlug Victoria vor.
Eric sah sie verwundert an. ››Wie soll das denn gehen?‹‹, fragte er. Viktoria lächelte.
››Weißt du, gerade heute Morgen hat unser Teilnehmer für die Konferenz abgesagt. Er ist krank geworden. Wie der Zufall es will, sollte er einen Vortrag auf der Konferenz halten. Frau Filanders könnte für ihn einspringen.‹‹
››Aber das würde doch auffallen.‹‹
››Mein Chef interessiert sich nicht für solche Kleinigkeiten und manchmal kommen E-Mails einfach nicht an‹‹, sagte sie, während sie zu ihrem Computer ging und die entsprechende E-Mail löschte.
››Das würdest du tun?‹‹, fragte Eric verblüfft.
››Ja, es ist Zeit, mal wieder das Richtige zu tun. An der Konferenz nehmen Wissenschaftler, Vertreter von Umweltverbänden und interessierte Leute, die nicht vom Fach sind, teil. Die Konferenz findet im Hotel Esplanade statt. Sie beginnt um 10:00 Uhr. Deine Firma ist übrigens auch eingeladen, aber vom Institut für Umweltforschung wird keiner da sein‹‹, sagte sie.
››Danke, ich danke dir!‹‹, entgegnete Eric überwältigt von der Möglichkeit, die Victoria eröffnet hatte. ››Ich muss jetzt auch los. Es wird Zeit, dass ich mich im Büro sehen lasse. Mach’s gut.‹‹
››Du auch‹‹, erwiderte Victoria und Eric verließ ihr Büro.
Das war ja viel besser gelaufen, als er gedacht hatte. Eigentlich war er nur gekommen, um zu erfahren, wie der Umweltminister auf Isabellas Resultate reagiert hatte. Jetzt hatte Victoria ihm eine Möglichkeit eröffnet, wie die Ergebnisse genau den richtigen Leuten präsentiert werden konnten. Damit hatte er nicht gerechnet.
Nach der Arbeit machte sich Eric auf den Weg zu Isabella. Am liebsten hätte er sie schon am Vormittag angerufen, um ihr die gute Neuigkeit mitzuteilen. Aber derartige Sachen wollte er nicht am Telefon besprechen. Das war ihm zu unsicher. Als er Isabellas Wohnung erreicht hatte, klingelte er ungeduldig. Kurz darauf öffnete sie die Tür und sah ihn überrascht an.
››Hallo, was machst du denn hier?‹‹ Misstrauen war in ihrem Blick zu erkennen.
››Kann ich reinkommen?‹‹, fragte Eric betont höflich.
››Ja, natürlich‹‹, murmelte Isabella und trat widerwillig zur Seite. Sie ist also immer noch ärgerlich, dachte Eric. Ohne sich diese Gedanken anmerken zu lassen, sagte er fröhlich: ››Ich habe tolle Neuigkeiten.‹‹
››Und die wären?‹‹ Die Skepsis in ihrem Tonfall war nicht zu überhören. Aufmerksam sah sie Eric an. Er erschien ihr merkwürdig aufgeregt. Sonst wirkte er immer ruhig und souverän.
››Ich weiß jetzt, wo wir deine Ergebnisse präsentieren können‹‹, sagte er, während er in ihr Wohnzimmer ging.
››Und wo?‹‹, fragte Isabella.
››Auf der nächsten Konferenz zu Energie und Umwelt. Die ist in fünf Tagen.‹‹ Damit verblüffte er Isabella.
››Wie hast du das denn so schnell hingekriegt?‹‹, fragte sie erstaunt.
››Gute Beziehungen‹‹, antwortete er mit einem selbstgefälligen Grinsen. ››Meinst du, bis dahin hast du eine Präsentation deiner Ergebnisse fertig? Außerdem wäre es gut, wenn wir eine Alternative zu Methanhydrat vorstellen könnten. Dann würden wir den Energieunternehmen weniger Angriffsfläche bieten.‹‹
Isabella überlegte. ››Wenn ich mich richtig anstrenge, kann ich die Präsentation der Ergebnisse vielleicht morgen Abend fertig haben. Heute ist Donnerstag. Wenn Montag die Konferenz ist, bleiben noch Samstag und Sonntag, um einen Alternativplan zu erstellen. Das ist allerdings viel zu wenig Zeit, normalerweise würde man dafür mehrere Wochen veranschlagen.‹‹
››Wir haben aber nur zwei Tage, das müssen wir irgendwie hinkriegen. So eine Gelegenheit wie diese Konferenz bekommen wir nicht noch mal‹‹, erwiderte Eric und sah sie eindringlich an.
››Versuchen können wir es ja‹‹, sagte Isabella noch etwas unsicher. ››Allerdings brauche ich Unterstützung von dir, denn alleine schaffe ich das nicht‹‹, fügte sie hinzu.
››Ab morgen Abend stehe ich ganz zu deiner Verfügung‹‹, sagte Eric mit einem Lächeln.
››Warum erst morgen Abend? Ich habe keine Lust, alles alleine zu machen. Und du kommst dann ab und zu mal vorbei und siehst nach, ob alles deinen Wünschen entspricht. So läuft das nicht, mein Lieber!‹‹, entgegnete sie gereizt.
››Weil ich vorher arbeiten muss. Im Gegensatz zu dir habe ich noch einen Job‹‹, sagte Eric betont geduldig.
››Oh‹‹, sagte Isabella und wurde rot. Es war ihr ziemlich peinlich, dass sie daran nicht gedacht hatte. Seit sie ihren Job verloren hatte, stand sie manchmal neben sich. Außerdem machte Eric auf sie nicht den Eindruck, als ob er einer ernsthaften Arbeit nachginge. Er erschien ihr wie ein reicher, verwöhnter Yuppie.
››Hast du eigentlich schon was gegessen?‹‹, fragte sie, um von ihrer Verlegenheit abzulenken.
››Seit dem Frühstück nicht mehr. Etwas zu essen wäre schön‹‹, erwiderte Eric.
››Dann mach es dir auf der Couch bequem. Ich koche uns schnell was‹‹, sagte Isabella und flüchtete in die angrenzende Küche. Eric ließ sich auf die Couch sinken. Auf einmal fühlte er sich ziemlich müde. Er sah sich in Isabellas Wohnzimmer um. Es war viel kleiner als sein eigenes. Sie hatte ein großes Bücherregal, gegenüber der roten Couch stand ein Sideboard mit einer bauchigen Vase aus rotem Glas. Vor der Couch lag ein flauschiger Teppich, auf dem ein kleiner Tisch stand. Der Esstisch vor dem Fenster war mit Papieren übersät. Dazwischen schaute ein Notebook hervor. Das Zimmer gefiel ihm. Es wirkte sehr gemütlich.
Er beobachtete, wie Isabella kochte, denn die Küche war nur durch einen Tresen abgetrennt, an dem zwei Barhocker standen. Schon nach wenigen Minuten stiegen ihm verlockende Düfte in die Nase und er entspannte sich langsam.
Nach kurzer Zeit sagte sie: ››Essen ist fertig‹‹, stellte zwei Teller auf den Tresen und legte Besteck dazu. Eric stand auf und ging zu einem der Barhocker. Sie setzte sich gegenüber hin.
››Es ist nur Pasta mit Tomatensoße. Etwas anderes habe ich nicht da. Ich bin in den letzten Tagen nie zeitig genug zum Einkaufen gekommen, um frisches Gemüse zu bekommen. Jetzt im Frühling ist das ja immer schon mittags ausverkauft‹‹, sagte sie fast entschuldigend. ››Lass es dir schmecken‹‹, fügte sie hinzu.
››Danke‹‹, sagte Eric und begann zu essen. Schnell hatte er seine Portion aufgegessen.
››Schmeckt toll! Hast du noch einen Nachschlag?‹‹
››Klar, du musst ja wirklich ausgehungert sein‹‹, sagte sie mit einem Lächeln und füllte ihm noch eine Portion auf. Schweigend aßen sie weiter. Als sie fertig waren, lehnte Eric sich zufrieden zurück.
››Das hat wirklich gut getan, jetzt geht es mir schon viel besser. Danke.‹‹
››Freut mich, wenn es dir geschmeckt hat‹‹, sagte Isabella. Sie war immer noch ein bisschen verlegen. ››Hast du schon eine Idee, wie wir bis Montag einen kompletten Vortrag auf die Beine stellen wollen?‹‹, fragte sie, ohne ihn direkt anzusehen.
››Ich denke, am besten kommst du morgen Abend zu mir. Dann können wir parallel arbeiten. Wenn bis dahin die Präsentation deiner Ergebnisse fertig ist, können wir das Konzept für eine alternative Energieversorgung planen.‹‹
››Klingt gut‹‹, sagte Isabella und versuchte nicht daran zu denken, wie wenig Zeit ihnen blieb.
››So, ich werde jetzt gehen‹‹, Eric stand auf. ››Ich brauche dringend ein bisschen Schlaf‹‹, fügte er hinzu, während er in den Flur ging. ››Vielen Dank nochmal für das Essen. Du hast mir damit das Leben gerettet‹‹, sagte er lächelnd.
››Das habe ich gerne gemacht. Gute Nacht.‹‹
››Gute Nacht. Übrigens: Bitte rede mit niemandem über die Konferenz.‹‹ Auf einmal sah er sehr ernst aus. Sie wunderte sich darüber und hatte das Gefühl, dass Eric ihr etwas verheimlichte. Aber sie sagte nur: ››Ich kann schweigen.‹‹
››Mach's gut‹‹, verabschiedete sich Eric und verließ ihre Wohnung.
Irgendwie werde ich nicht schlau aus diesem Mann, dachte Isabella und machte sich daran, ihre Küche in Ordnung zu bringen.
Am nächsten Morgen war Isabella sehr früh aufgestanden und hatte unter Hochdruck gearbeitet, denn wenn sie bis zum Abend mit der Präsentation fertig sein wollte, hatte sie keine Zeit zu verlieren.
Als es auf den Abend zuging, hatte sie es geschafft. Ihre Präsentation war fertig. Das war der erste Schritt. Sie nahm ihren Speicherchip, den sie für die Arbeit bei Eric benötigen würde und wollte sich gerade ihre Jacke anziehen, als ihr Blick auf ihr Spiegelbild fiel. So kann ich unmöglich gehen, dachte sie, während sie den halb aufgelösten Pferdeschwanz und den Schlabberpulli betrachtete, den sie trug. Niemand, der sie sah, würde glauben, dass sie ein Rendezvous mit Eric hatte. Sie dachte ironisch daran, wie viele andere brillante Wissenschaftlerinnen sich wohl für einen Mann zurechtmachen müssten, nur um die halbe Nacht mit ihm arbeiten zu dürfen. Das Leben war manchmal merkwürdig. Nachdenklich ging sie ins Schlafzimmer und öffnete ihren Kleiderschrank. Was zog man zu einem Date am Freitagabend mit einem Mann wie Eric an? Ihr Blick wurde von einem schimmernden Rot angezogen und ein Lächeln glitt über ihr Gesicht. Wenn Sie sich schon die Mühe machte, sich aufzustylen, dann konnte sie es auch richtig tun. Dieses Kleid würde Eric bestimmt umhauen.
Sie betrat die Eingangshalle des Hauses in dem Eric wohnte und ging auf dem Portier zu. Dieser sah sie interessiert an.
››Guten Abend, ich möchte zu Eric Bergmann‹‹, erklärte Isabella.
››Wen darf ich melden?‹‹, fragte der Portier.
››Luisa Lange‹‹, antwortete sie nach kurzem Zögern. Das war der erste Name, der ihr auf die Schnelle eingefallen war. Lange war der Mädchenname ihrer Mutter.
Der Portier telefonierte kurz und sagte dann: ››Bitte, Frau Lange, sie werden erwartet‹‹, während er auf einen Fahrstuhl wies. Isabella betrat den Aufzug. Die Blicke des Portiers folgten ihr. Sie zog ihre Jacke aus und betrachtete sich im Spiegel. Ihr trägerloses Kleid schimmerte bordeauxrot. Das Oberteil war bis unter die Brust in schmale Längsfalten gelegt, was ihre Oberweite verführerisch zur Geltung brachte. Dann ging es in glatte Seide über. Der schmale Rock reichte bis zu ihren Knien. Passende rotschimmernde High Heels vervollständigten das Bild. Ihre Augen hatte sie mit rauchgrauem Lidschatten betont und ihre Lippen schimmerten dank ihres neuen Lipglosses verführerisch. Isabella lächelte sich im Spiegel zu. Die Türen des Fahrstuhls glitten auf und sie durchschritt den Flur wie ihren persönlichen Laufsteg.
Eric sah sie auf sich zukommen. Beinahe hätte er sie nicht erkannt. Er bewunderte, wie die rote Seide ihres Kleides sich verführerisch an ihren Körper schmiegte, während sie mit leicht schwingenden Hüften auf ihn zuging.
››Hallo Eric‹‹, begrüßte sie ihn mit der Andeutung eines Lächelns. Eric starrte auf ihren Mund. Ihm war bisher nicht aufgefallen, wie voll und verführerisch ihre Lippen waren. Schließlich riss er sich zusammen und nahm ihre Hand. Galant hauchte er einen Handkuss darauf.
››Hallo, meine Schöne. Du siehst unglaublich aus.‹‹ Sein Blick glitt bewundernd über ihr Kleid, während er sie in seine Wohnung geleitete und die Tür schloss.
››Gehört das auch zur Tarnung?‹‹
››Ja, in dem Flur gibt es überall Überwachungskameras‹‹, flunkerte er und bemühte sich um einen lockeren Ton. Er verschwieg ihr, dass er niemals in ein Haus mit Überwachungskameras ziehen würde.
››In deiner Wohnung sind wir aber schon sicher, oder?‹‹, fragte sie ironisch.
››Ich habe das Gefühl, du nimmst das alles nicht so richtig ernst.‹‹
››Oh doch, ich habe mich extra aufgestylt für die Arbeit heute Abend.‹‹ Sie deutete auf ihr Kleid. ››Ich hoffe, dem Portier hat’s gefallen und er ist jetzt so richtig neidisch auf dich.‹‹
Lachend sagte Eric: ››Ich wette, das ist er. Er stellt sich jetzt bestimmt vor, wie ich dich mit Champagner abfülle und verführe.‹‹
››Dann hat sich der Aufwand ja gelohnt‹‹, sagte Isabella zufrieden. ››Die Präsentation der Ergebnisse habe ich fertig. Willst du sie erst mal ansehen?‹‹, fragte sie nun in geschäftsmäßigem Ton. Eric nickte. Er hatte Mühe, den Blick von ihrer verführerischen Figur zu lösen.
Als sie einen Speicherchip aus ihrem kleinen roten Handtäschchen zog, knurrte ihr Magen.
››Oh, tut mir leid‹‹, sagte sie und legte verlegen die Hand auf ihren Bauch.
››Hast du Hunger? Wann hast du das letzte Mal etwas gegessen?‹‹, fragte Eric.
››Na ja, ich habe um sechs gefrühstückt und dann ...‹‹ Isabella überlegte.
››Und danach hast du nichts mehr gegessen. Stimmt's?‹‹, fragte Eric.
››Stimmt‹‹, bestätigte sie.
››Dann werden wir uns erst mal was bestellen. Magst du Pizza?‹‹
››Ja, gerne.‹‹
››Was für eine Pizza möchtest du?‹‹
››Ich möchte eine mit Tomaten und Mozzarella.‹‹
Eric bestellt die Pizzen. Dann nahm er den Speicherchip und ging zur Sitzgruppe.
››Komm, machen wir es uns hier gemütlich‹‹, sagte er. Isabella kam zu ihm, ließ sich auf eine der Couchen sinken und schlüpfte aus ihren roten High Heels. Währenddessen schloss Eric den Speicherchip an das Mediencenter an und schaltete den Bildschirm ein, der an der Wand hing.
Als ihre Präsentation auf dem Bildschirm erschien, begann sie diese zu erläutern.
››Ich dachte, ich erkläre erst mal die Art und Weise, wie das Methanhydrat abgebaut wird.‹‹ Sie klickte durch die entsprechenden Slides. Eric wurde immer wieder von ihrem roten Kleid abgelenkt. Er versuchte nicht allzu offensichtlich in ihr Dekolleté zu starren und sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Nun verstand er, warum Frauen während der Arbeit konservative Kostüme trugen.
Sie war noch nicht weit gekommen, als es klingelte.
››Das ist bestimmt der Lieferservice‹‹, sagte Eric, während er sich erhob. Als er an der Tür war, bediente er ein Display und plötzlich war der ganze Raum in gedämpftes Licht getaucht, auf dem Bildschirm prasselte ein gemütliches Kaminfeuer und leise verführerische Musik ertönte. Erst dann öffnete er die Tür, um die Pizzen entgegenzunehmen. Nachdem er die Tür geschlossen hatte, betätigte er das Display noch einmal, worauf das Licht wieder hell wurde, die Musik ausging und das Kaminfeuer verschwand.
››Da geht sie hin, die Romantik‹‹, bemerkte Isabella.
››Schon praktisch, so ein intelligentes Haus‹‹, sagte Eric.
››Ja, besonders zur Tarnung‹‹, entgegnete Isabella.
››Hier, deine Pizza.‹‹
››Danke.‹‹ Isabella öffnete die Schachtel. ››Hm, die sieht köstlich aus‹‹, sagte sie und machte sich hungrig über die Pizza her. Eric dachte über die Gegensätzlichkeiten nach, die sie vereinte. Sie trug ein sexy Kleid, das dazu gemacht war, einen Mann zu verführen, aber sie benahm sich kein bisschen verführerisch, ganz anders als die Frauen, die er sonst einlud. Wieder einmal bedauerte er, dass sie kein echtes Date hatten. Isabella gefiel ihm. Sie war nicht so gekünstelt wie seine bisherigen Bekanntschaften. Und wenn sie nicht gerade sauer auf ihn war, war sie wirklich warmherzig und fürsorglich, so wie gestern Abend. Aber wegen ihres Berufs und der Entdeckung, die sie gemacht hatte, konnte er sich nicht mit ihr einlassen. Es war einfach unmöglich.
Als sie fertig gegessen hatten, machten sie sich wieder an die Arbeit. Isabella erläuterte ihre Präsentation weiter.
››Als nächstes habe ich die Gefahren erläutert, die mit dem Abbau zusammenhängen. Die Gefahren für die Leute, die es abbauen, aber auch für den Schiffsverkehr und die Gefahr von Tsunamis.‹‹ Wieder zeigte sie die entsprechenden Slides. ››Der dritte Punkt zeigt die Folgen für das Klima auf‹‹, erläuterte sie weiter. ››Methan ist 25-mal klimawirksamer als Kohlendioxid. Das heißt, es wird den Klimawandel erheblich beschleunigen, wenn es in größeren Mengen freigesetzt wird. Sobald die kritische Grenze überschritten ist, wird eine Kettenreaktion ausgelöst. Das habe ich hier dargestellt.‹‹ Sie deutete auf ein kompliziertes Diagramm. ››Hier ist die Methankonzentration in der Atmosphäre und das ist der Anstieg der Meerestemperatur. Steigt diese über die kritische Grenze hier ...‹‹, dabei zeigte sie auf die entsprechende Stelle im Diagramm. ››... wird es zu warm für das Methanhydrat im Meeresboden.‹‹
Eric hatte aufmerksam zugehört und saß nun nachdenklich da. Isabella sah ihn an.
››Was ist?‹‹, fragte sie.
››Ich weiß nicht, ob das für alle Anwesenden anschaulich genug ist‹‹, antwortete er nachdenklich.
››Wieso? Ich habe doch alles ganz klar dargelegt.‹‹
››Ja, aber Leute, die nicht vom Fach sind, können sich nicht unbedingt so viel darunter vorstellen. Sie sehen viele Zahlen, haben aber kein Bild vor Augen, was das bedeutet. Wir müssen ihnen die Auswirkungen bildlicher vor Augen führen.‹‹
››Woran denkst du?‹‹
››Wir müssen ihnen zeigen, wie es nach Naturkatastrophen aussieht. Wie die Menschen, die davon betroffen sind, leiden.‹‹
››Hm, …‹‹, überlegte Isabella. ›Ich werde darüber nachdenken, wie ich das in den Vortrag einbauen kann.‹‹
Danach begannen sie, über eine Alternative zum Methanhydrat nachzudenken.
››Wichtig ist, dass wir die Kosten einigermaßen quantifizieren können, sonst traut sich keiner an die Sache heran, weil alle Angst haben, es könnte zu teuer werden‹‹, bemerkte Eric.
››Angenommen, man versorgt alle privaten Haushalte nur noch über Solarzellen mit Strom, dann hätte man die Stromnachfrage an die Kraftwerke erheblich reduziert. Außerdem sind die Solarzellen sehr effizient geworden und haben sich nach spätestens einem Jahr amortisiert. In den ländlichen Gebieten wird die Stromversorgung ja schon zum größten Teil durch Biogasanlagen gedeckt. Also sollten wir uns auf die Städte konzentrieren‹‹, sagte Isabella.
››Wenn man alle Haushalte dazu bringen will, die Stromversorgung über Solarzellen abzudecken, muss der Staat wahrscheinlich Subventionen zahlen, denn sonst wird das vielen vermutlich zu teuer‹‹, entgegnete Eric.
››Da hast du Recht. Aber wie soll man die Energiekonzerne davon überzeugen, auf Methanhydrat zu verzichten? Die sind doch der Meinung, dass das der einfachste und billigste Weg ist.‹‹
››Am besten mit Zuckerbrot und Peitsche. Man verbietet den Abbau und die Nutzung von Methanhydrat und fördert im Gegenzug den Einsatz von erneuerbaren Energien noch stärker. Allerdings glaube ich, dass das den großen Energiekonzernen gar nicht gefallen wird. Wenn ein Großteil des Energiebedarfs dezentral, durch erneuerbare Energien gedeckt wird, verlieren sie erheblich an Macht‹‹, sagte Eric.
››Stimmt‹‹, sagte Isabella nachdenklich, ››Solarkraftwerke kann man in Deutschland nicht effizient betreiben. Das geht nur in Südeuropa oder Afrika. Die Menge an Off-Shore-Windparks in der Nordsee ist auch begrenzt. In solche Projekte werden sie vermutlich investieren, aber der Wettbewerb in Europa wird zunehmen. Ich glaube nicht, dass sie ihre marktbeherrschende Position unter diesen Umständen verteidigen können. Die deutschen Energiekonzerne würden in der Bedeutungslosigkeit versinken.‹‹
››Umso besser müssen wir unser Konzept verkaufen, damit es eine Chance hat‹‹, entgegnete Eric.
››Also gut, dann werde ich die Menge an Solarzellen berechnen, die man braucht, um die Haushalte zu versorgen. Kannst du die Kosten dafür ermitteln?‹‹, fragte Isabella.
››Natürlich‹‹, sagte Eric. Er gab Isabella ein Notebook. Für sich selbst hatte er auch eins aus seinem Büro mitgebracht. Dann begannen sie mit der Arbeit. Nach einer Weile klingelte ein Handy.
››Oh, das ist meins‹‹, sagte Isabella, holte es aus ihrer Tasche und ging ran. Es war Luisa.
››Hallo Luisa‹‹, meldete sie sich.
›› Isabella, ich wollte mal hören, wie es dir so geht.‹‹
››Ganz gut so weit. Und dir?‹‹
››Mir geht es auch gut. Es ist ganz schön einsam ohne dich auf der Arbeit.‹‹
››Gibt es ... gibt es etwas Neues?‹‹, fragte Isabella zögernd.
››Du meinst, ob sich Schwaiger das mit der Kündigung noch mal überlegt hat?‹‹
››Ja, genau.‹‹
››Nein, leider nicht. Ich glaube, da ist nichts zu machen. Ich habe noch mal mit ihm geredet, aber er ließ sich nicht umstimmen.‹‹
››Schade, ich hatte gehofft ..., na ja, es lässt sich nicht ändern.‹‹
››Wollen wir uns bald mal treffen?‹‹, wechselte Luisa das Thema.
››Ja, warum nicht‹‹, antwortete Isabella, die in Gedanken immer noch bei ihrer Kündigung war.
››Wie wäre es am Sonntag?‹‹, fragte Luisa.
››Am Sonntag habe ich keine Zeit.‹‹ Isabella sah, wie Eric energisch den Kopf schüttelte und ihr zuflüsterte: ››Leg auf!‹‹
››Luisa, kann ich dich gleich zurückrufen?‹‹, fragte Isabella.
››Ja klar‹‹, antwortete Luisa und Isabella legte auf.
››Was ist los?‹‹ Fragend sah Isabella Eric an.
››Isabella, überleg doch‹‹, sagte Eric, ››du bist arbeitslos, deprimiert und einsam und da hast du am Sonntag keine Zeit?‹‹
››Daran habe ich gar nicht gedacht. Aber Luisa ist meine Freundin, ich kann ihr trauen!‹‹
››Bist du dir da sicher?‹‹, fragte Eric skeptisch.
››Ja‹‹, sagte Isabella überzeugt.
››Solange wir zusammenarbeiten, will ich, dass du niemandem traust, nicht einmal deiner eigenen Mutter und schon gar nicht einer Frau, die im Institut für Umweltforschung arbeitet‹‹, entgegnete Eric.
››Woher weißt du, dass sie beim Institut für Umweltforschung arbeitet?‹‹
››Ich habe ein bisschen recherchiert.‹‹
››Hast du auch etwas über mich herausgefunden?‹‹, fragte Isabella leicht gereizt.
››Nur, dass du eine fleißige Wissenschaftlerin mit einem tadellosen Ruf bist. Ich musste mich schließlich absichern, dass du wirklich die bist, für die du dich ausgibst‹‹, erwiderte Eric.
››Also gut, und was soll ich deiner Meinung nach Luisa erzählen?‹‹
››Lass dir für Sonntag eine Ausrede einfallen und verschiebe das Treffen auf Montagnachmittag.‹‹
››Okay‹‹, sagte Isabella widerwillig. Sie nahm ihr Handy und rief Luisa an.
››Hey, ich bin's. Tut mir leid, aber meine Mutter hat gerade angerufen und die wird immer ärgerlich, wenn sie warten muss. Sie will am Wochenende vorbeikommen und mich aufmuntern. Eigentlich ist das das Letzte, worauf ich jetzt Lust habe, aber sie hat sich nicht abwimmeln lassen. Gerade hat sie mich angerufen, um mir mitzuteilen, welche Kuchensorten ich ihr am Sonntag auf keinen Fall servieren soll.‹‹ Isabella seufzte, ››Na ja, jedenfalls muss ich jetzt meine Wohnung erstmal wieder auf Vordermann bringen, damit sich die Nörgelei in Grenzen hält. Falls ich das Wochenende überlebe, würde ich mich gerne mit dir treffen. Wie wär's Montagnachmittag?‹‹
››Ja, das würde gehen, wenn ich zeitig Feierabend mache. Um 17:00 Uhr in unserem Stammcafé?‹‹
››Ja, ich freue mich darauf.‹‹
››Ich mich auch, bis dann‹‹, sagte Luisa und sie beendeten das Telefonat.
››Ich hasse es, meine Freundin anzulügen‹‹, sagte Isabella ärgerlich zu Eric. Doch dieser ließ sich davon nicht beeindrucken.
››Wo ist denn euer Stammcafé?‹‹, fragte er.
››Das ist am Schloss Charlottenburg. Wieso fragst du?‹‹
››Nur so. Es ist also weit weg vom Institut für Umweltforschung und dem Umweltministerium?‹‹, erkundigte er sich beiläufig.
››Ja‹‹, bestätigte sie und überlegte, was er mit dieser Frage bezweckte. Aber Eric hatte sich wieder seiner Arbeit zugewandt und Isabella vermutete, dass sie nichts Weiteres aus ihm herausbekommen würde.
Auf einmal überkam sie Müdigkeit. Sie sah auf ihre Uhr und bemerkte, dass es schon nach elf war.
››Ich sollte mich auf den Weg nach Hause machen, ich bin ziemlich müde‹‹, sagte sie. Eric sah auf.
››Soll ich dich nach Hause bringen?‹‹, fragte er.
››Nein, nicht nötig. Ich bin mit dem Rad da.‹‹
››In dem Kleid kannst du Fahrrad fahren? Das würde ich gerne mal sehen.‹‹ Grinsend sah er sie an. Isabella überging seinen Einwurf.
››Soll ich morgen vorbeikommen, wenn ich meinen Teil fertig habe?‹‹
››Ja, das wäre gut.‹‹ Eric überlegte kurz. ››Ich bringe dich noch ein Stück. Nur wegen der Tarnung natürlich‹‹, fügte er hinzu.
Isabella nahm ihren Speicherchip, schlüpfte in ihre High Heels, zog ihre Jacke an und sie verließen die Wohnung. Im Fahrstuhl legte Eric einen Arm um Isabellas Taille und zog sie an sich. Sie blickte ihn fragend an.
››Ist nur Tarnung‹‹, sagte er lächelnd. ››Der Portier soll ja nicht denken, dass unser Date schlecht gelaufen ist.‹‹
Arm in Arm gingen sie durch die Lobby und traten in die dunkle Nacht hinaus.
››Wo steht dein Fahrrad?‹‹
››Ich habe es fünf Minuten von hier abgestellt. Ich dachte, es könnte den Eindruck schmälern, wenn ich auf dem Fahrrad ankomme.‹‹ Isabella glitt aus Erics Arm und lief neben ihm her. Als sie das Fahrrad erreicht hatten, verabschiedete sie sich.
››Gute Nacht‹‹, sagte sie reserviert, um Eric loszuwerden.
››Gute Nacht‹‹, antwortete Eric. Aber anstatt zu gehen, blieb er grinsend stehen, um zu beobachten, wie sie mit diesem engen Kleid auf das Rad steigen wollte. Isabella sah ihn ärgerlich an, aber es war klar, dass er nicht gehen würde. Sie zog ihren Rock ein Stück hoch um mehr Bewegungsfreiheit für ihre Beine zu haben. Dann stieg sie in einer fließenden Bewegung auf und fuhr los. Eric hatte angenommen, dass sie dabei ungeschickt aussehen würde, aber das tat sie nicht. Isabella hatte seinen erstaunten Blick bemerkt.
››Jahrelange Übung‹‹, rief sie ihm lachend zu. Dann verschwand sie in der Dunkelheit.
Isabella saß an ihrem Computer. Ihr stand die Aufgabe bevor, ihren Vortrag emotionaler zu gestalten. Sie schloss die Augen und zwang sich tief durchzuatmen. Dann gab sie den Suchbegriff in ihren Computer ein: Tsunamis. Sie suchte nach Bildern vergangener Katastrophen und Bildern der Opfer. Sie fand Hunderte und begann sie sich anzusehen. Ihr erster Impuls war, nicht so genau hinzuschauen, um die schrecklichen Einzelheiten nicht allzu genau wahrzunehmen. Das tat sie häufig bei Nachrichten über Katastrophenmeldungen. Sie hatte immer die Menschen bewundert, die in Katastrophengebiete fuhren, um zu helfen. Sie selbst hatte ein eher theoretisches Fach studiert, um nicht mit solchen Situationen konfrontiert zu werden. Doch diesmal musste sie genau hinsehen. Sie durchsuchte stundenlang die Bilder, bis sie die schrecklichsten ausgewählt hatte. Tränen liefen ihr übers Gesicht, als sie sie ansah und jedes kleine Detail der Katastrophe wahrnahm.
Isabella stand auf und ging auf ihren Balkon. Sie brauchte dringend frische Luft. Sie atmete tief durch und versuchte die Bilder in ihrem Kopf zurückzudrängen. Eric hatte recht gehabt. Bis vor ein paar Stunden waren Tsunamis für sie eher eine abstrakte Sache gewesen. Natürlich hatte sie gewusst, was passiert, wenn ein Tsunami auf eine bevölkerte Küstenregion trifft. Aber das war eine theoretische Art von Wissen gewesen. Bis jetzt hatte sie nicht die Not und die Verzweiflung gespürt, die mit einer solchen Katastrophe einhergingen. Nun tat sie es.
Sie hatte sich hilflos gefühlt beim Anblick dieser Bilder. Doch nun wuchs ihre Entschlossenheit. Natürliche Tsunamis konnte niemand verhindern, künstlich ausgelöste schon. Darauf musste sie sich konzentrieren.
Sie atmete noch einmal tief durch. Dann ging sie wieder hinein und rief Eric an.
››Ich bin jetzt soweit‹‹, meldete sie sich. Ihre Stimme klang seltsam tonlos.
››Ich bin auch fast fertig‹‹, antwortete Eric. ››Hast du schon zu Mittag gegessen?‹‹
››Ich habe keinen Appetit.‹‹ Isabellas Antwort klang so abweisend, dass er nicht weiter nachfragte. ››Ich bin in einer halben Stunde bei dir. Ist dir das recht?‹‹
››Ja, bis dann.‹‹
Isabella zog sich um. Sie schlüpfte in ihre dunkelblauen Jeans und ein schlichtes, türkisfarbenes Oberteil. Unter der Jacke war das sowieso nicht zu sehen. Als Zugeständnis an ihre Tarnung zog sie sich High Heels statt ihrer bequemen Turnschuhe an. Zum Glück war es Nachmittag und sie musste sich nicht so aufstylen wie am Abend zuvor. Zehn Minuten später war sie fertig und fuhr los.
››Hallo, komm rein‹‹, begrüßte Eric sie. Er ließ sie eintreten und schloss die Tür.
››Heute gar kein Küsschen zur Begrüßung?‹‹, fragte Isabella ironisch.
››Wenn du gerne eins haben willst, soll es an mir nicht liegen.‹‹ Grinsend machte er Anstalten sie zu küssen.
››Nein, nein‹‹, wehrte Isabella ab. ››Ich dachte nur, für die Kameras, aber jetzt, wo die Tür zu ist, können wir uns das ja sparen.‹‹
Sie zog ihre Jacke aus und folgte ihm zur Sitzgruppe. Sie reichte ihm ihren Speicherchip.
››Ich habe meinen Vortrag emotionaler gestaltet‹‹, sagte sie knapp.
Eric nahm den Chip entgegen und sah sie dabei an. Sie wirkte heute anders als sonst, irgendwie ernster und entschlossener. Allerdings verstand er nicht, was diese Veränderung herbeigeführt hatte. Er schloss den Speicherchip an und reichte ihr die kleine Fernbedienung. Wie am Abend zuvor präsentierte Isabella ihm den Vortrag und auf einmal verstand er, was mit ihr los war. Ihm stockte der Atem, als er die Bilder der Tsunamiopfer sah. So etwas hatte er noch nicht gesehen. Sie hatte die schlimmsten ausgesucht, die man sich vorstellen konnte.
››Wie lange hast du daran gearbeitet?‹‹, fragte er, als sie fertig war.
››Den ganzen Vormittag.‹‹ Wieder war ihre Stimme tonlos. Einen halben Tag lang derartige Bilder ansehen musste schrecklich sein, dachte Eric.
››Eins muss man dir lassen, wenn du etwas machst, dann richtig.‹‹
››Ich gebe mein Bestes‹‹, antwortete sie ironisch. ››Ich habe allerdings noch ein Problem.‹‹ Nun sah sie ihn zum ersten Mal direkt an. ››Ich weiß nicht, wie ich verschwundene Schiffe zeigen soll.‹‹
Eric war verwirrt. ››Verschwundene Schiffe?‹‹, fragte er ratlos.
››Ich habe keine Fotos oder Filme gefunden, die zeigen, wie ein Schiff durch aufsteigendes Methan sinkt. Vielleicht hat es auch noch nie jemand gesehen und danach noch die Chance gehabt, darüber zu reden. Die Schiffe gelten einfach als verschollen.‹‹
››Okay, jetzt hab ich’s verstanden.‹‹
Sie diskutierten mehrere Möglichkeiten und entschieden sich schließlich für Vorher-Nachher-Bilder, wie Eric es sarkastisch nannte. Erst wollten sie mehrere große Schiffe wie Containerschiffe und Kreuzfahrtschiffe zeigen, von denen die meisten Leute nicht ernsthaft annahmen, dass sie wirklich sinken würden. Das Nachher-Bild zeigte das verschollene Schiff, nämlich glatte See.
Danach wandten sie sich der Erstellung eines Alternativplans zu. Dieser sollte zeigen, wie die Stromversorgung in Zukunft ohne Methanhydrat gesichert werden könnte.
››Ich habe die Kosten für die neuen Solarzellen ermittelt. Die sind erst einmal nur vorläufig, weil der Verkauf gerade erst anläuft. Hast du die Verbrauchswerte für die Haushalte?‹‹ So ging es die nächsten Stunden weiter. Sie glichen Zahlen ab und fügten sie zusammen, bis sich nach und nach ein Bild herauskristallisierte.
››Ich habe Hunger. Wie sieht's mit dir aus?‹‹, unterbrach Eric schließlich die Arbeit.
››Ja, etwas zu essen könnte ich auch vertragen.‹‹
Nachdem die Arbeit Isabella ein paar Stunden von den schrecklichen Bildern abgelenkt hatte, war auch ihr Appetit zurückgekehrt.
››Wünschst du dir ein intimes Dinner zu zweit oder sollen wir ausgehen?‹‹ Eric lächelte sie an. Er bemühte sich um einen lockeren Ton, um Isabella von den Bildern der Tsunamiopfer abzulenken. Er hatte gespürt, wie schwer es ihr gefallen sein musste, sich stundenlang diese schrecklichen Bilder anzusehen. Sie sollte auf andere Gedanken kommen.
Isabella ging auf sein Spiel ein. ››Ich möchte ausgehen. Wer weiß, was du bei einem intimen Dinner mit mir vorhast.‹‹ Eric grinste sie zweideutig an.
››Du weißt nicht, was du dir entgehen lässt.‹‹
Sie zogen sich ihre Jacken an und verließen die Wohnung. Auf dem Weg zum Fahrstuhl legte Eric seinen Arm um Isabellas Taille. Er beugte seinen Kopf zu ihr und hauchte einen Kuss auf ihren Hals. Isabella bekam bei dieser Berührung eine Gänsehaut, ließ es sich jedoch nicht anmerken.
››Für die Kameras‹‹, flüsterte Eric ihr ins Ohr.
››Natürlich‹‹, sagte sie mit einem vieldeutigen Lächeln.
Sie fuhren nach unten, durchquerten die Lobby und traten in die Abenddämmerung hinaus.
››Wo wollen wir hingehen?‹‹, fragte Eric während er Isabella ansah.
Sie lachte. ››Wir passen nicht besonders gut zusammen.‹‹ Sie spielte auf ihre Kleidung an. Sie selbst war wesentlich legerer gekleidet als Eric. So konnte sie nicht in eins seiner Lieblingsrestaurants gehen.
››Ich glaube, heute suche ich mal das Restaurant aus. Du kennst bestimmt keins, in das man mit Jeans gehen kann‹‹, entschied Isabella.
››Du könntest mit deinen Sachen auch in eins meiner Restaurants gehen‹‹, widersprach Eric.
››Ja, aber nur, wenn du den Typen am Eingang bestichst.‹‹
Nach zehn Minuten erreichten sie das Café, vor dem sie sich zum ersten Mal begegnet waren.
››Du willst mit mir Kaffee trinken! Und ich hatte gehofft, ich bekomme was Anständiges zu essen‹‹, sagte Eric. Isabella verdrehte demonstrativ die Augen.
››Ich kenne da ein Restaurant. Die machen echt tolle Sachen aus den Gemüsen der Saison. Hast du Lust darauf?‹‹
››Ja, klar! Ich dachte ...‹‹
››Dann komm mit!‹‹, unterbrach sie ihn, bevor er noch mehr Unsinn von sich geben konnte.
Sie gingen in eine schmale Straße und nach ein paar Metern hatten sie ein kleines Restaurant erreicht. Sie traten ein und bestellten ihr Essen an der Theke. Dann nahmen sie an einem der Tische Platz.
Ein paar Minuten später kam das Essen.
››Das sieht gut aus‹‹, meinte Eric.
››Ja‹‹, bestätigte Isabella. ››Ich wette, hier bezahlen wir nur so viel, wie du sonst für eine Vorspeise ausgeben würdest.‹‹
Eric überflog die Preise. ››Ja, das kommt ganz gut hin. Ich frage mich, warum ich sonst immer so viel für mein Essen bezahle.‹‹
››Vielleicht, weil du nur in überteuerte Yuppie-Läden gehst?‹‹ Isabella lächelte ihn schelmisch an.
››Hm, daran könnte es wohl liegen‹‹, antwortete Eric in gespielter Nachdenklichkeit.
In einvernehmlichem Schweigen aßen sie weiter.
››Zur Feier des Tages werde ich bezahlen‹‹, sagte Isabella, als sie das Essen beendet hatten.
››Was feiern wir denn?‹‹, fragte Eric.
››Unser Jubiläum.‹‹
››Welches Jubiläum denn?‹‹
››Du hast unser Jubiläum vergessen? Das ist mal wieder so typisch.‹‹ Isabella versuchte entrüstet zu klingen, aber das Lachen in ihrem Gesicht machte diesen Eindruck zunichte. Auch Eric musste lachen. Es klappte nicht so ganz, ein Liebespaar beim ersten Streit zu spielen.
Wieder in Erics Wohnung angekommen, fuhren sie mit der Arbeit fort.
››Wenn die Nachfrage nach den neuen Solarzellen auf einmal stark ansteigt, wie soll dann eigentlich verhindert werden, dass die Produzenten die Preise erhöhen?‹‹, fragte Isabella.
››Der Staat könnte ihnen günstige Kredite für den Ausbau ihrer Produktionskapazitäten geben. Diese Kredite kann er dann mit der Auflage versehen, dass die Preise in den nächsten Jahren nur moderat erhöht werden dürfen. Nach ein paar Jahren werden wahrscheinlich so viele Firmen diese neuen Solarzellen herstellen, dass die Preise durch den Wettbewerb konstant bleiben oder sogar fallen‹‹, entgegnete Eric.
››Na, da wirst du ja deine ganze Überzeugungskraft brauchen, wenn du am Montag das Konzept vorstellst‹‹, sagte Isabella. Eric zögerte. Er musste es ihr endlich sagen.
››Isa, du wirst das Konzept am Montag vorstellen, nicht ich!‹‹
››Was? Ich? Warum soll ich das machen?‹‹ Entsetzt sah Isabella ihn an.
››Weißt du, die Sache ist die: Eigentlich sollte jemand vom Umweltministerium einen Vortrag halten, aber der ist krank und du springst quasi für ihn ein. So soll es zumindest für die Teilnehmer der Konferenz aussehen.‹‹
››Ich verstehe kein Wort!‹‹
››Ich habe meine Kontakte zum Umweltministerium und über diese Kontakte habe ich erfahren, dass der Vortragende krank ist. Aber das weiß sonst keiner. Das ist unsere Chance, deine Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit vorzustellen. Wir würden niemals auf so eine Veranstaltung eingeladen werden. Wenn ich den Vortrag halte, würde es auffallen, denn erstens kennen mich zu viele Leute und zweitens ist jemand aus meiner Firma da. Dich dagegen kennt wahrscheinlich keiner der Anwesenden, denn aus deinem Forschungsinstitut nimmt keiner teil. Du gehst dahin, und entschuldigst deinen Kollegen, der leider kurzfristig erkrankt ist. Du hältst deinen Vortrag und verschwindest wieder, bevor jemand merkt, dass du nicht vom Umweltministerium bist.‹‹
Isabella sah ihn ungläubig an, bis sie schließlich herausbrachte: ››Das kann doch unmöglich dein Ernst sein!‹‹
››Doch, mein voller Ernst! Das ist unsere einzige Möglichkeit, deine Forschungsergebnisse schnell zu veröffentlichen‹‹, sagte er und sah sie beschwörend an. Das war es also, was er ihr verheimlicht hatte.
››Aber ich kann so was nicht. Ich habe schon in der Uni nicht gerne Referate gehalten. Meinst du allen Ernstes, dass ich mich dann auf so eine Konferenz stelle und mich für jemanden ausgebe, der ich nicht bin? Selbst wenn ich es versuche, würde mir das kein Mensch abnehmen‹‹, sagte Isabella aufgebracht.
››Willst du etwa da sitzen und nichts tun, während sich eine Katastrophe anbahnt? So hätte ich dich nicht eingeschätzt‹‹, sagte er in kühlem Tonfall. Er wusste, dass es unfair war, ihr ein schlechtes Gewissen zu machen, aber er musste sie unbedingt überzeugen. Diese Konferenz war vielleicht ihre einzige Chance. Isabella sah ihn an. Unsicherheit sprach aus ihrem Blick.
››Es ist ganz normal, dass du ein bisschen Angst hast, aber ich bin mir ganz sicher, dass du es kannst‹‹, redete er ihr nun wieder gut zu.
››Was ist, wenn jemand merkt, dass ich gar nicht beim Ministerium arbeite?‹‹, fragte sie immer noch unsicher.
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