Kitabı oku: «Duft von Walderdbeeren»
Ljubica Perkman
DUFT VON WALDERDBEEREN
Collage-Roman
Übersetzung: Ana Hesse
Lektorat: Peter Völker
Bilder für Titelseite und Innenteil: Ljubica Perkman
Rezensent: Prof. Momcilo Spasojevic
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2014
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detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
Hochzeit
Es kann nicht jeder glücklich sein
Orkan
An einem Wintertag
Markttag
Diebstahl
Der Lehrer
Winterferien
Maja
Abreise nach Deutschland
Ihre erste Bekanntschaft
Laura
Aida
Hunger
Der Kürbis
Walderdbeeren
Ein Buch von reicher und unerschöpflicher Schönheit
Biografie
Danksagung
Vorwort
Schon beim Anlesen des Buches von Ljubica Perkman entsteht ein Sog in eine fremde Kultur, gebaut aus zahllosen lebendigen Facetten, die teilweise brutal (Die Hochzeit) anmuten, andererseits von tiefer Empfindsamkeit geprägt sind (Maja). Und wenn man weiterliest, entsteht gar ein Lebensstrudel, der neugierig in diese Welt der Autorin hineinzieht. Dieses Eintauchen geschieht nicht durch eine geschickt aufgebaute Dramaturgie. Man wird vielmehr wie von selbst an die Hand genommen in den Bergen rund um Banja Luka, steht neben den Heldinnen und Helden des Alltags und eine schlichte innere und äußer Schönheit offenbart sich. Ganz freiwillig wird man ein Teil davon von Zeile zu Zeile und kann und will sich nicht wehren. Ein wenig Melancholie schwingt immer mit.
Selbst bei den dramatischen Szenen (Walderdbeeren) beschleicht den Leser keine Angst. Zwischen den Worten offenbaren sich gleichermaßen Ljubica Perkmans tiefer Humanismus, wie ihre Freude zum schlichten Leben. Der deutlich spürbare Zwang der gesellschaftlichen Verhältnisse, besonders des jüngsten Krieges in ihrer Heimat (Der Kürbis), gewinnt nie die Oberhand. Die gelebte Liebe setzt sich durch, ganz einfach aber unaufhaltsam. Der offene Mensch kann die Konventionen, Dogmen und Traumata seiner Zeit mit der Kraft der Liebe besiegen. Das ist Ljubica Perkmans Erfahrung, Philosophie und Botschaft gleichermaßen.
Das Buch verweist in zweierlei Hinsicht auf die Einsicht und Hoffnung der Autorin wie der Heldinnen und Helden ihrer Geschichten. So schwer auch die Last des Erlebten ist, alle hoffen auf eine bessere Zukunft und die liegt hinter dem Horizont ihres teilweise brutalen Alltags. Ljubica Perkman weiß, wenn man im Leben etwas grundlegend verändern, die Traumata hinter sich lassen und glücklich sein will, muss man die Welt hinter dem eigenen Horizont finden und sich ein neues Lebenshaus bauen.
In ihrer Heimat gibt es viele traumatisierte Menschen, die glauben, dass Konventionen und Dogmen wichtiger sind als die Liebe. Daran klammern sie sich und verschließen sich. Das eigene, auch das bescheidene Lebensglück wird nicht selten geopfert. Die Liebe blickt aber immer offen hinter den Horizont der herrschenden Verhältnisse und gibt einem die Kraft diese zu überwinden. Beim Lesen tauchen die Bilder ihrer landschaftlich zerfurchten Heimat rund um Celinac auf. In den Tälern ist der Horizont begrenzt, aber wenn man auf einen Berg mit unberührter Natur steigt, wie die kleine »Maja« das in den Geschichten tut, weitet sich der Horizont und es entsteht eine neue (Lebens-)Perspektive.
Peter Völker

Hochzeit
An den steilen Hang des Berges Lipovac schmiegte sich das Dörfchen Oskari mit gefährlichen, steil abfallenden Wegen hinunter zum Fluss Vrbanja.
Im Dorf lebten nur wenige Familien. Zu Beginn des Herbstes bereiteten sich die Bewohner mit Holz und eingemachtem Gemüse und Früchten auf den langen Winter vor. Das Leben hier war ein täglicher Kampf, vor allem im Winter, wenn die schmalen Wege ins Tal von hohem Schnee bedeckt waren.
In diesem Dorf wurde Mila geboren und wuchs mit ihren Schwestern auf. Sie war ein schönes Mädchen; hochgewachsen, schlank, mit langen braunen Haaren, die sie immer geflochten trug. Tief in ihren grünen Augen spiegelte sich das Grün der umliegenden Wälder des Berges wider. Ihr Vater war ein Landesfürst und weithin bekannt. Er war klug, fleißig und reich. Er hatte einen großen Besitz mit viel Vieh und einer Mühle am Bach, in der auch die Nachbarn ihr Mehl mahlen durften. Früher gab es im Dorf keine Schule, auch keine Lehrer, die zu Hause unterrichteten, so dass er sich das Lesen und Schreiben selbst beigebracht hatte. Viele Menschen kamen von weit her, um ihn um Rat zu fragen oder er half ihnen bei Dokumenten für die Stadtverwaltung oder für das Gericht.
Seine Frau Rada war früh gestorben, so war er mit den Söhnen Rade, Stojan, Stevo, Dule und Maleni alleine und musste sich um sie kümmern. Eines Tages beschloss er, nicht weiter alleine zu leben, denn es war schwer für ihn, Kinder groß zu ziehen ohne eine weibliche Hand im Haus. Er suchte sich die schönste Frau im Dorf aus, Andjelka, und bekam mit ihr noch vier Töchter: Mila, Vida, Stana und Mara.
Das Leben der Familie spielte sich ausschließlich auf dem weitläufigen Grundbesitz ab. Die Kinder gingen weder in eine Schule noch auf dörfliche Veranstaltungen, wo die Dorfjugend zusammen kam. Die anderen jungen Mädchen verbrachten dort ihre Abende singend, strickend oder webend und wer als junger Mann eine nette Frau kennen lernen oder eine wiedersehen wollte, musste auf diese Dorfveranstaltungen gehen. Mile erzog seine Kinder sehr streng. Er wollte sie von Allem fern halten. So brachte sich Mila schon als kleines Kind das Lesen und Schreiben selbst bei. Während der Woche hatte sie dafür allerdings keine Zeit, weil sie im Haus und auf der Weide viele Aufgaben zu erledigen hatte. Sonntags war Ruhetag im Haus. An diesem Tag durfte man keine Arbeiten erledigen. Nur das Kochen und Essen zubereiten war gestattet und eben das Ausruhen.
Die mittlerweile 18-jährige Mila nutzte diese Tage heimlich zum Lernen und las die Notizen ihres Vaters. Sie bat ihre Schwestern, gemeinsam das Lesen und Schreiben zu lernen, aber diese wollten nicht und so blieben sie Analphabeten.
Die Mädchen verbrachten die Winter im Haus mit Handarbeiten. Sie webten Handtücher, Bettlaken, weiße Taschentücher für ihre kommende Hochzeit und Vieles mehr. Und als Mila ihr Taschentuch bestickte, hätte sie nie gedacht, dass sie schon bald damit winken würde. Das Schicksal wollte es aber so …
Auf den Dorfveranstaltungen war es Tradition, dass die Mädchen ein weißes Taschentuch in der Hand hielten. Gefiel einer jungen Frau ein Mann, so ließ sie das Taschentuch fallen und der Mann, wenn er denn wollte, würde es aufheben, einstecken und damit bei ihren Eltern um sie werben. Und wenn die Eltern dann ihre Töchter verheirateten, wurde Vieh verkauft und davon die Aussteuer und Möbel für das neue gemeinsame Heim bezahlt, um den Jungvermählten einen kleinen Start zu ermöglichen. Diese Mitgift nannte man Sexena; sie wurde während der Hochzeit auf einem Wagen für alle sichtbar mitgeführt.
Als Vater Mile starb, übernahmen die Söhne seine Arbeit und wahrten die Tradition. Streng wachten sie über die Schwestern. Eines Tages kam ein Werber, der um Milas Hand anhielt. Mila durfte während des Gesprächs nicht anwesend sein, sondern musste bei den Schwestern bleiben. Sie lauschte dem Gespräch zwischen ihren Brüdern und den Gästen. Sie fühlte sich vor Angst und Ungeduld ganz schwach. Als die Fremden gegangen waren, öffnete der älteste Bruder Nikola die Tür zum Zimmer der Schwestern und sagte zu ihr: »Mila, du bist versprochen worden. Wir haben diesem Werber zugestimmt und du wirst ihn heiraten. Bereite dich auf deine Hochzeit vor.«
Mila war bestürzt und bat darum, dass sie noch nicht heiraten müsse. Sie liebte ihr Zuhause, ihre Geschwister, das Land. Sie begann zu weinen und flehte ihre Brüder an, noch etwas zu warten. Sie wolle so gerne noch bei ihrer Familie bleiben.
»Ich werde nicht aus diesem Haus gehen und wen soll ich überhaupt heiraten?«, rief sie schrill und schnippte dabei mit den Fingern.
»Mach dir keine Sorgen, Mila! Wenn die Hochzeitsgesellschaft dich holen kommt, dann wirst du deinen Bräutigam schon kennen lernen«, antwortete Nikola streng.
»Eher werde ich sterben, als einen Unbekannten zu heiraten«, schluchzte Mila.
Dann flog sie an den Hals ihrer Mutter. »Mutter, lass nicht zu, dass ich gehen muss! Ich möchte so gerne noch hier bei dir, bei euch bleiben«, bettelte Mila.
»Mein liebes Kind«, sagte die Mutter, »du bist erwachsen und du weißt, dass ich mich deinem Bruder nicht entgegenstellen darf. Er ist sehr streng und er hat dich bereits versprochen. Du musst deinen Brüdern gehorchen!«
Mila weinte bitterlich. Die Mutter versuchte sie zu beruhigen:
»Weißt du mein Kind, deine Brüder haben gedroht, falls du diesen Mann nicht heiraten wirst, dem sie dich versprochen haben, würden sie dir mit der Axt den Kopf abhacken – wie bei einem Huhn. Es ist besser, du tust, was sie sagen, denn sie halten ihr Wort, wenn sie es gegeben haben«, sprach die Mutter. Mila trauerte Tag und Nacht. Sie konnte nicht mehr glücklich sein, aber es gab für sie keinen Ausweg. Sie dachte darüber nach, sich im Fluss zu ertränken.
Die Familie war bereit für die Hochzeit. Sie kauften ein Spanferkel, ein Lamm und ein Kälbchen. Die Mutter buk Brote und Kuchen. Mila wusste nichts über ihren zukünftigen Ehemann, weder wie er aussah, noch wie sein Charakter war. Diese Unwissenheit machte Mila krank und zehrte schwer an ihr.
Der Herbst hatte auf dem Hof sein buntes Laub verstreut und langsam hörte man den nahenden Gesang der Hochzeitsgesellschaft. Durch die kleinen Fenster des alten Hauses sah Mila die vielen Menschen auf dem Hof stehen. Sie sprachen laut miteinander, eine Flasche Schnaps kreiste zwischen den Männern von Hand zu Hand, sie sangen und riefen Trinksprüche.
Im Haus zogen die Schwestern Mila für ihre Hochzeit an. In Milas dichtes schwarzes Haar wurden Rosen eingeflochten, die schönsten, die es im Garten gab Sie hatte ein weißes, selbst gewebtes Brautkleid an und musste immer wieder die Tränen stumm hinunter schlucken. Mila glaubte, an ihnen zu ersticken und ihr Herz schlug rasend schnell vor Angst. Die Schwestern versuchten sie zu trösten. Lange hielten sich die Schwestern mit den Vorbereitungen auf. Als sie fertig waren, führten sie Mila aus dem Zimmer und übergaben sie dem ältesten Bruder, der stolz da stand, seine Schwester an der einen und in der anderen Hand eine Flasche Schnaps.
Er fuchtelte mit der Flasche herum und winkte seinen Gästen zu.
Im Hof sangen sie immer noch Trink- und Hochzeitslieder und warteten darauf, dass der älteste Bruder die Braut an die Hochzeitsgäste übergeben würde.
Nikola erschien mit Mila am Arm, die einer Prinzessin glich. Beide schritten über den Hof. Sie war eine wunderschöne junge Frau mit ihrem Brautschmuck. Die Hochzeitsgäste blieben nur kurz, um sich zu amüsieren. Kurz darauf zogen sie mit der jungen Braut, hinter dem »Sexene« laufend, fort.
Die Hochzeitsgäste tranken, feierten, spielten Lieder auf der Mundharmonika. Eine bunte, fröhliche Karawane, die immer wieder stehen blieb, sich zuprostete, Kolo tanzte, feierte und sang:
»Kommen durch die Gassen, die Hochzeitsgäste
aus dem Dorf, Rosmarin im Knopfloch,
weiße Tücher umgebunden.
Schellen klingen an geschmückten Pferden,
Hügel hallen wider von den Klängen des Liedes.
Sie kommen, sie kommen durch die Gassen,
die Hochzeitsgäste aus dem Dorf.
Der Herbst beschenkt sie mit buntem Laub.
Die Braut hat unschuldig aufgelöst das schwarze
Haar, das mit weißem Schleier geschmückt war.
Der Schleier flattert und die Braut ist besorgt,
Wahrhaftig ist die Liebe, die trotzige Liebe.
Sie kommen, sie kommen durch die Gasse,
die Hochzeitsgäste des Dorfes,
das Lied verliert sich in der Ferne,
es widerklingen die Landstraßen davon.«
Als die Hochzeitsgesellschaft weit vom Hause ihrer Familie entfernt war, bat Mila eine ältere Frau, ihr zu zeigen, wer der Bräutigam ist. Die fröhliche, rundliche Frau zeigte mit der Hand auf einen Mann in der ersten Reihe.
»Schau, der Mann mit dem schwarzen Hut, sie nennen ihn Jovan, das ist dein Mann.«
Und dann brach die Frau in ein schrilles Gelächter aus und es klang, wie das Lachen einer Hexe.
Mila schaute noch einmal auf den Mann, den man ihr zum Ehemann ausgesucht hatte. Er war jung und ausgelassen. Durch ihre Brust drang ein tiefer Seufzer. »Lieber Gott, was wird mich noch erwarten?«
Nach einem längeren Fußmarsch durchschritten sie den Fluss Vrbanja und näherten sich dem Elternhaus des Bräutigams. Vor dem Haus erwarteten sie der Brautvater, Stojadin, und die Mutter, Djurdja, mit Gästen.
»Bringst du uns deine Braut mit, mein Sohn?«, tönte die Stimme des Vaters.
»Ja, Vater, ich bringe sie mit!«, hallte der Ruf des Bräutigams dem Vater entgegen.
»Schau selbst, Vater, ob sie was taugt.«
Stojadin näherte sich der jungen Braut, seiner künftigen Schwiegertochter Mila. Er reichte ihr die Hand. Mila knickste vor dem Schwiegervater und küsste ihm die dargebotene Hand, wie es sich gehörte. Stojadin schaute sich die Braut von allen Seiten an.
»Sie taugt was«, rief der Brautvater, »sie ist robust und schön und eine gute Braut.«
Und dann rief er lauthals: »Hoch sollen sie leben! Es leben Braut und Bräutigam!«
Und die Gäste erwiderten lauthals »Es leben Braut und Bräutigam!«
»Djurdja«, rief der Brautvater, »bring mir einen Apfel, damit die Braut ihn über das Haus werfen kann!«
Dies war eine Zeremonie, um Kraft und Entschlossenheit der Braut zu testen. Nun waren alle gespannt, ob Mila den Wurf schaffen oder der Apfel am Dach zurückprallen würde.
Mila, die mit gesenktem Kopf da stand, richtete den Blick nach oben, schaute ihre Schwiegermutter an und sagte: »Möge mir Gott helfen, Mutter«, und die Schwiegermutter antwortete ihr »Er möge dir helfen! Herzlich willkommen, mein Kind!«
Dann gab sie ihr den Apfel. Mila holte weit zum Wurf aus. Der Apfel flog und flog, höher und höher und ward nicht mehr gesehen.
Als alle sahen, wie stark und geschickt Mila war, herrschte überraschtes Schweigen. Man hörte respektvoll: »Du lieber Himmel, so eine starke, junge Frau!« und dann begann die Gesellschaft erneut zu feiern.
Der Bräutigam war leicht betrunken, zog seine Braut zu sich und forderte sie auf: »Komm, Mädchen, tanzen wir Kolo. Heute Nacht ist unsere Nacht. Du wirst ab heute hier zu Hause sein. Aber du wirst darauf hören müssen, was ich dir sage. Im Haus sind wir Viele. Wir sind eine große Familie. Wir sind fünf Brüder und alle leben wir mit unseren Frauen und Kindern hier. Du wirst dich daran gewöhnen müssen.«
Die Nacht verging mit Feiern und ausgelassener Fröhlichkeit. Als die Hochzeitsgäste auseinander gingen, war die Zeit gekommen, dass auch das Brautpaar zu Bett ging. Jovan nahm Mila an die Hand und zeigte ihr mit dem Finger, in welches Zimmer sie gehen mussten. Mila brach in Tränen aus. Sie versuchte sich aus seinem Griff zu lösen und dann fiel sie in Ohnmacht. Jovan war beunruhigt. Er durfte nicht zu laut sein. Er nahm einen Eimer mit Wasser und übergoss Mila, damit sie wieder zu sich kam.
Er hatte große Mühe, sie ins Zimmer zu bringen und auf das Bett zu legen, welches mit einem dünnen weißen Bettlaken überzogen war. Ein weißes besticktes Kopfkissen und weißes Bettzeug wartete auf das Brautpaar. So konnte man nach der Hochzeitsnacht kontrollieren, ob die Braut noch Jungfrau gewesen war.
Mila kam langsam zu sich. »Lieber Gott, wo bin ich hier?«, fragte sie mit brüchiger Stimme. Dann fiel ihr Blick auf eine Wiege.
Sie sprang mit einem Satz aus dem Bett und verlor erneut das Bewusstsein. Jovan zog seinen Anzug in Erwartung der Hochzeitsnacht aus, Mila aber konnte sich an diese für sie furchtbare erste Ehe-Nacht später nicht erinnern. Sie wusste nicht einmal mehr, wann sie wieder zu sich gekommen war. Der Morgen brach an. Jovan schlief tief und fest. Mila erwachte und sah überrascht ein Baby in der Wiege liegen, welches friedlich schlummerte.
Zärtlich streichelte sie dem Kind über die Wangen und flüsterte: »Kleines, wem gehörst du denn? Oder bist du ein armes Kleines, welches ohne Mutter geblieben ist? Wie heißt du denn?«, fragte Mila leise.
Jovan hörte das Flüstern und öffnete die Augen. »Das Baby heißt Dana. Merke es dir gut, es ist jetzt unser Kind.«
»Wie, unser Kind?«, fragte Mila erstaunt.
»Frag nicht weiter, wir wecken noch das Kind«, brummte Jovan streng. »Höre, Weib, die Mutter der kleinen Dana ist gestorben. Von nun an wirst du dich um das Kind kümmern.«
»Wie, warum – was ist mit der Mutter passiert?«, wollte Mila wissen.
»Frag nicht so viel, ich kann dir nicht immer alles erklären. Es ist nur wichtig, dass du dich um das Baby kümmerst. So, als wäre es dein Kind. Verstanden?«
»Verstanden«, antwortete Mila.
Die Tage vergingen, wie die Blätter von den Bäumen fielen die Zeit rann dahin und Mila badete das Baby oft, fütterte es und erzog es beinahe immer singend.
Sie traute sich nicht mehr, nach der Mutter des Kindes zu fragen und am liebsten wäre sie aus dem Haus gelaufen. Irgendwohin. Nur weit weg von hier. Jovan machte aus dem Tod der Mutter des Babys ein großes Geheimnis. Auf jede Frage erntete sie nur seinen strengen Blick oder eine Back-pfeife. Irgendwann entschloss sie sich, zu schweigen und nicht mehr zu fragen.
Mila musste oft seufzen und machte sich Mut, in dem sie sich immer wieder vorsagte: »Das Schicksal hat es so bestimmt.« Niemandem konnte sie ihre Traurigkeit mitteilen. Auch nicht ihren Schmerz, der ihre junge Seele auffraß.
Milas Schwägerinnen waren hinterlistig und klug. Alles was Mila erzählte, wurde an die Schwiegermutter weiter getragen. Daraufhin gab es Schläge und böse Worte von Jovan. Eines Tages beobachtete Mila, wie eine junge Frau die Leiter zum Dachboden hochkletterte. Sie hatte langes dunkles Haar und einen weißen Rock an. Kurz darauf folgte der jungen Frau ihr Ehemann Jovan. Und es dauerte lange, bis beide wieder erschienen. So wurde sie Augenzeugin des Ehebruches, aber erzählen durfte sie es niemandem.
Im Haus und auf dem Feld gab es viel Arbeit. Der Mais wurde angepflanzt, geerntet, verarbeitet. Mila war gehorsam. Sie nahm jede Arbeit wortlos an. Wenn Mila auf dem Feld arbeitete, hatte sie immer die kleine Wiege mit dem Kind dabei, damit sie es beruhigen konnte, wenn es weinte. Eines Tages waren ihre Schwägerinnen gut gelaunt und sprachen offen über die Geschehnisse im Haus. Mila wollte vor Neugier sterben. Sie wollte unbedingt wissen, wie die Mutter des Kindes gestorben war. Sie nahm allen Mut zusammen und fragte eine ihrer Schwägerinnen, Stojana: »Liebe Stojana, sag mir bitte, was ist mit der Mutter des Kindes geschehen?«
»Du fragst mich, wie das Kleine ohne Mutter bleiben konnte? Wenn ich dir das sage und dein Mann erfährt es, wird es dir nicht gut ergehen. Es ist besser, ich sage es dir nicht. Er ist ein schwieriger Charakter, dein Mann.«
»Ich schwöre dir, Stojana, ich werde es ihm niemals sagen. Er wird niemals von mir erfahren, dass ich es weiß. Niemals. Hörst du?«
Stojana war gerührt und nachgiebig. Sie konnte Milas Wunsch nach der Wahrheit verstehen.
»Höre! Ich werde es dir sagen! Aber du musst mir dein Ehrenwort geben, dass du nichts verraten wirst.« Mila versprach es und gab ihr Ehrenwort.
»Die Mutter der Kleinen war noch jung. Sie war sehr schön. Stojana zögerte, weiter zu sprechen.
»Bitte, Stojana, bitte! Ich muss es wissen, war sie denn krank?« rief Mila.
»Nein, sie war nicht krank, sie war jung, schön und gesund. Nur dein Mann Jovan ist nicht so einfach. Er hat dieses liebenswerte Geschöpf schlecht behandelt und oft geschlagen, er ist kein guter Mensch.«
Mila hörte ängstlich zu. »Du lieber Himmel, habe ich so einen schlimmen Mann? Was blüht mir noch?«, flüsterte Mila.
»Die arme Verstorbene, durfte nie ein Wort sagen. Sie bekam sofort Schläge. Sogar mit der Faust schlug er sie auf den Kopf, so dass man keine blauen Flecken sehen konnte. Er schlug und boxte sie immer wieder. Heilige Mutter Gottes! Eines Tages hat sie es nicht überlebt.«
Stojana begann zu weinen.
»Das Baby musste sie alleine zur Welt bringen. In den Tagen nach der Geburt bekam sie eine Blutvergiftung. Der Arzt lebte zwanzig Kilometer weit entfernt. Niemand konnte sie hinbringen. So starb die Arme jämmerlich und das Kind blieb ohne Mutter. Das Mündel, das arme! Pass gut auf das Kind auf. Gott wird es dir vergelten! Ich bitte dich noch einmal! Das darf niemand erfahren, dass ich es dir erzählt habe. Wir werden beide sterben«, bat Stojana eindringlich.
»In Ordnung«, sagte Mila, »ich werde es niemals jemandem erzählen.«
Stojana, die sonst oft Intrigen schmiedete, war in dieser Stunde Milas Vertraute geworden.
Und Mila dachte: »Lieber Gott, wo bin ich gelandet? Was ist das hier für eine Hölle?«
Sie schluchzte und dann schrie sie: »Liebe Mutter und meine Brüder, wenn ihr mich doch nur retten könntet.«
Für einen kurzen Augenblick überlegte Mila, wegzulaufen, spurlos zu verschwinden. Aber das durfte sie nicht. Ihre Brüder würden sie finden und die Strafe wäre fürchterlich.
Die Worte ihrer Eltern kamen ihr in den Sinn: »Nur die schlechten Ehefrauen kommen zurück nach Hause. Vom Ehemann bekommt sie Schläge, weil sie nicht gut genug ist. Eine Frau muss erdulden!«
Mila musste duldsam sein. Sie hatte große Angst vor Jovan, dass er sie eines Tages umbringen würde. Aus Mitleid kümmerte sie sich um das Baby, als wäre es ihr eigenes und begann es langsam zu lieben. Als Dana größer wurde, heiratete sie einen Mann, den sie liebte. Mila bekam in diesem dunklen freudlosen Haus noch neun weitere Kinder und zog sie groß. Abends trug sie ihren Kindern epische Gedichte vor, sie kannte sie alle auswendig. Im Haus selbst gab es keine Bücher. So erfuhren die Kinder nie, woher sie die Lieder und Gedichte kannte, die sie ihnen aufsagte. Oft zeigte die Mutter auf den Berg gegenüber und sagte: »Schaut Kinder! Dort wurde ich geboren. Dort ist mein Heimatdorf.«
Wer weiß, ob die Wege inzwischen dort alle überwuchert sind? Ob die Mauern des Hauses überhaupt noch standen? Warum hatte Mila ihre Kinder nie dorthin mitgenommen und ihnen ihr Heimatdorf gezeigt?
Die Kinder gingen mit der Mutter oft durch den Fluss und pflückten am anderen Ufer Haselnüsse. Bis zu Milas Heimatdorf war es nicht so weit. Vielleicht wollte sie nicht zurück in ihre schwere Kindheit, in ihre Vergangenheit.
Es kann nicht jeder glücklich sein
An einem warmen Junimorgen klopfe es an Milas Tür. Mila unterbrach das Gespräch mit ihren beiden Söhnen Marko und Brandil und sah Brandil fragend an, der aufstand um die Tür zu öffnen. Draußen stand ein ihnen unbekannter Mann mittleren Alters. Er war mittelgroß, hatte dichte dunkle Augenbrauen, war schlank und trug ein grau gestreiftes Jackett zu grauen Hosen. Er wirkte nicht, als sei er aus der Gegend. Ein Hauch von Großstadt haftete ihm an.
Ohne Umschweifen kam er zum Thema: »Ich heiße Ranko. Meine Cousine Dusanka sagte mir, dass ihr schöne Töchter habt. Ich bin gekommen, um für eine Ihrer Töchter zu werben. Ich möchte sie heiraten.« Drei Augenpaare schauten ihn verwundert aus dem Inneren des Hauses an.
Lenas Bruder Marko war, ebenso wie Brandil, volljährig und bedeutete dem Unbekannten mit einer Handbewegung, herein zu kommen. Er bat ihn, sich zu setzen und fragte: »Woher kommst du Ranko?«
Ranko räusperte sich und antwortete: »Ich lebe und arbeite in Rijeka.«
Mila, Lenas Mutter, betrachtete den Fremden skeptisch »Wie alt bist du Ranko?«, wollte sie von ihm wissen. Dabei sah sie ihn aufmerksam an.
Ranko schwieg eine Weile, als müsste er erst darüber nachdenken wie alt er sei, dann antwortete er mit rauer Stimme, dass er dreiundzwanzig Jahre alt sei. Dabei senkte er den Blick, um Milas auszuweichen.
Erst viele, viele Jahre später sollte Lena nach einer langen und schweren Zeit erfahren, dass er gerade gelogen und rund fünfzehn Jahre älter war, als er es der Mutter erzählt hatte. Zu Lenas Unglück war von allen Mädchen heute nur sie zu Hause. Lena war erst siebzehn Jahre alt.
Der Fremde beäugte Lena von allen Seiten. Sie war jung, schön und naiv. Lena war schlank, hatte langes blond gelocktes Haar und grüne Augen. »Eine sehr attraktive junge Frau«, dachte Ranko und leckte sich kaum sichtbar die Lippen.
Milas Stimme klang brüchig als sie schließlich sagte, dass sie keine heiratsfähigen Kinder hätte.
Ihre neunzehnjährige Tochter Maja hatte erst vor zwei Wochen geheiratet und Lena sei noch zu jung.
»So jung ist sie gar nicht«, erwiderte Ranko schnell, »und sie ist sehr schön!«
Lena bekam große Angst und wollte so schnell es ging aus dem Haus. Sie lief zur Tür, um das Gespräch nicht weiter anhören zu müssen, doch Marko rief sie zurück. Mit hängenden Schultern und Tränen in den Augen machte Lena auf dem Absatz kehrt. Sie hoffte inständig, dass ihre Brüder zu ihr halten und den Fremden wegschicken würden.
Mila lebte mit ihren Kindern auf dem Dorf und sie waren sehr arm. Rankos Cousine hatte ihm bereits erzählt, dass die Familie mittellos war und er bemerkte es sofort beim Eintreten ins Haus. Wie es auf dem Land üblich war, brachte er Almosen mit und zog sodann aus seiner Hosentasche 500 Dinare. Wortlos legte er das Geld auf den Tisch. Die beiden Brüder sahen sich fragend an, dann blickten sie zu Ranko.
»Das soll für Lena sein und ich nehme sie mit nach Rijeka«. 500 Dinare waren Ende der 1960er Jahre sehr viel Geld.
»Lena«, sagte die Mutter nach einer Weile in das Schweigen, »Ranko möchte, dass du ihn nach Rijeka begleitest. Es scheint, als sei er ein guter Mann und er wird sicher gut für dich sorgen. Zieh dich an und kämme dich, pack ein paar Sachen und begleite Ranko.«
Lena war wie vom Donner gerührt. Die Mutter wollte sie fortschicken! Das konnte sie doch nicht tun?
»Nein«, antwortet Lena bestürzt. »Ich gehe nicht mit Ranko! Ich kenne ihn nicht und ich weiß nicht einmal wo Rijeka ist!«
»Doch, Lena. Es ist besser so, Ranko wird für dich sorgen.« Mutters Stimme klang müde, als sie das sagte. Die Brüder waren damit nicht einverstanden, doch Mila dachte, sie tue ihrer Tochter etwas Gutes. Sie kannte Rankos Cousine und hoffte, das Lena in Rijeka ein besseres Leben führen würde, als hier verarmt auf dem Land. Lena begann zu weinen.
Es schien Lena, als würde sich das Schicksal ihrer Mutter für sie wiederholen. Nun musste auch sie gegen ihren Willen mit einem fremden Mann in eine ihr unbekannte Stadt gehen. Den ganzen weiten Weg nach Rijeka weinte Lena im Zug. Ranko schwieg und sah Lena freudig bei ihrem Leid zu, er genoss ihre junge Verzweiflung. Lena verließ ihr elterliches Haus ohne Hochzeitsfeier und ohne Eheversprechen, ohne Glück. Und Ranko hatte nichts davon gesagt, dass er eine Frau und ein Kind in Otoccu, nahe dem Meer hatte. Als sie in Rijeka ankamen, mussten sie in den Autobus umsteigen und fuhren wieder eine scheinbar endlose Zeit, um an einer Haltestelle weitab des nächsten Ortes auszusteigen. Nach einem anstrengenden Fußmarsch bergan, standen sie schließlich in einer einsamen alten Holzhütte mitten im Wald, die Ranko angemietet hatte. Die Hütte war nur sehr spärlich mit einem Bett und ein Gasherd eingerichtet. Aber es schien, als hätte diese Hütte schon vieles gehört und gesehen und würde diese sprechen können, was hätte sie alles zu erzählen?
Für Lena schien die »Hochzeitsnacht« niemals enden zu wollen. Es war das Grauenhafteste, was sie je erlebt hatte. Ein schweres Schicksal erwartete sie. Das wusste sie nun nach dieser Nacht! Lena kannte bis daher keine Küsse und wusste nicht, was Liebe war. Sogleich wurde sie schwanger und erwartete ihr erstes Kind. Sie durfte niemanden von ihren Sorgen und Nöten erzählen; weder ihrer Mutter, noch ihren Brüdern. Niemand erfuhr, was sie alles ertragen musste.
Der Postbote brachte oft Briefe mit Bildern von Rankos Frau und Kind. Aber er leugnete immer wieder, dass er verheiratet sei. Und jedes Mal, wenn Lena nach der Frau und dem Kind auf den Fotos fragte, verprügelte Ranko sie. Erst viele Jahre später, kurz vor der Trennung von ihrem Mann, erfuhr Lena, dass er oft bei seiner Frau und ihrem Kind gewesen war und sogar mit seiner eigenen Tochter ein Kind gezeugt hatte. Seine erste Frau hatte er wiederholt so sehr geschlagen, dass sie an den Folgen der Verletzungen verstorben war.
Lena bekam mit Ranko zwei Kinder und hatte in fünfundzwanzig Jahren neun Abtreibungen. Ranko war es egal, ob sie ein Kind austrug oder es abtreiben ließ. Als ihre Kinder groß waren, konnte Lena dieses Leben nicht mehr ertragen. Sie wollte sich scheiden lassen. Um die Scheidung einzureichen, benötigte sie den Trauschein. Als sie in der Behörde ihrer Heimatstadt anrief und danach fragte, teilte man ihr mit, dass es keinen Trauschein gibt. Sie wurde als unverheiratet geführt. Es hatte keine Eheschließung gegeben. So erfuhr Lena auf bittere Weise, dass sie fünfundzwanzig Jahre lang unverheiratet ein Martyrium ertragen hatte. Sie verließ diesen Mann – dieses Monster – noch am gleichen Tag.
Nach der Trennung suchte sie Arbeit in einem Haushalt und hoffte einen Mann zu finden, der sie verstand und mit dem sie den Rest ihres Lebens zusammen sein konnte. Aber sie sollte kein Glück haben.
Eine kurze Bekanntschaft, die sie nach dem Elend mit ihrem Mann durch ihre einzige Freundin Marina schloss, hätte für Lena durchaus tödlich enden können. Doch nicht umsonst heißt das bekannte Sprichwort: »Glück im Unglück gehabt.«
Es war Nachmittag. Das Unwetter ließ langsam nach, der Regen prasselte noch auf die Dächer, gegen die Scheiben und auf die Bäume, doch der Himmel hellte sich auf und das Krachen des Donners wurde leiser. Der Wind fegte über die vorgelagerten kleineren Inseln und trug die dunklen Wolken mit sich fort, hinaus auf das Meer. Nachdem auch der Regen langsam nachließ, lag ein intensiver Duft von Oleander in der Luft. Die Straßen der Stadt Rijeka waren leer, nur aus den umliegenden Cafés hörte man Stimmen und Musik.
Rijeka ist eine große, sehr schöne Hafenstadt in Kroatien, eine Stadt der Reichen und der Armen und mit einer hohen Arbeitslosigkeit. Die Menschen versuchten zu überleben, jeder auf seine eigene Weise.
Trotz Tourismus – oder gerade deswegen – erlebte die Stadt eine Vielzahl von Einbrüchen, Überfällen und Diebstählen. Der Schwarzmarkt blühte. Wegen dieser großen Armut und des damit verbundenen kärglichen Daseins, fühlte sich Lena oft sehr unglücklich. Sie meinte, noch nie in ihrem Leben von jemandem geliebt worden zu sein. Sie empfand auch, dass alle sie verlassen hatten. Alle, auch ihre Familie, ihre Freunde, ihre Bekannten.
Sie lief oft ziellos durch die Stadt, suchte Arbeit, egal was, ob in einer Firma oder in einem Privathaushalt. Sie würde jede Arbeit annehmen, hatte das mangelnde Geld doch ihre Familie zerstört. Nach und nach gingen sie alle ihrer eigenen Wege. Auf der Suche nach Arbeit stoben sie in alle Richtungen auseinander.
Lena hatte die Scheidung eingereicht. Die Nerven ließen sie im Stich, immer öfter griff sie zu Tabletten, um den Tag überstehen zu können.
Die einzige gute Bekannte, die noch in Rijeka geblieben war, war Marina. Lena vertraute ihr und glaubte, dass sie ihr alles erzählen kann – alle familiären Probleme, Krankheiten oder ihren Kummer über das Verlassen werden durch ihren Mann. Marina hörte immer aufmerksam zu – lauernd. Die Scheidung hatte viel Geld verschlungen. Sie musste deswegen die schöne Dreizimmerwohnung verlassen und zog in ein sehr altes, nicht renoviertes Haus, weit draußen außerhalb Rijeka, in einem Ortsteil von Gorski Kotar.
Auch nach ihrem Umzug blieben die Freundinnen in Kontakt. Marinas Ehemann war Alkoholiker. Oft behauptete er, dass er nur trinken würde, weil seine Frau so schlecht sei. Vor allem aber, weil sie der falschen Religion angehörte. Der Krieg hatte viele Ehen zerstört, denn die Angehörigkeit zu einer Religion wurde plötzlich zu einem zentralen Thema. Es herrschte Krieg – auch in den Ehen und Familien.
Marina hatte einen Sohn. Ein stattlicher junger Mann. Doch zur Schule oder in eine Ausbildung wollte er nicht gehen. Lieber fläzte er sich den ganzen Tag auf der Couch, rauchte und las Zeitung. Seine Tage waren ziellos und er war faul. Oft sprach er davon, dass er keine Arbeit bräuchte. Das einzige, was ihm wirklich Erfolg brachte, war der innerstädtische Krieg. Er brachte Goldschmuck, Ringe und Ketten nach Hause, die er erbeutet hatte und verkaufte diese auf dem Schwarzmarkt. Ihm war offenbar nicht bewusst, gegen wen er da kämpfte, denn er selbst stammte aus einer ethnisch gemischten Ehe.
Marina wollte – angeblich aus Mitleid – so schnell wie möglich einen neuen Lebenspartner für Lena finden. Aber war dieser Wunsch ehrlich und gut gemeint? Lena brauchte Hilfe und sie musste Arbeit finden oder einen anderen guten Mann, mit dem sie den Rest ihres Lebens zusammen bleiben konnte. Eines Tages überraschte Lena Marina mit ihrem Besuch. Marina kochte Kaffee und gerade als die beiden sich ins Gespräch vertieft hatten, klopfte es an der Tür. Marina begrüßte einen jungen Mann und stellte ihn dann Lena vor. Lena war ein wenig überrascht, reichte dem Mann die Hand und dachte: »Du meine Güte, ist das ein sympathischer Mann!«
Marina klopfte dem Mann auf die Schulter und fing an, ihn zu loben. Was für ein guter Handwerker er wäre, wie ehrlich und ernsthaft. Und so verging die Zeit und es schien, als würde sich aus der flüchtigen Bekanntschaft eine tiefere Freundschaft entwickeln. Blagoje, so war sein Name, bot Lena an, mit ihr in ein Café zu gehen. Natürlich nahm Lena die Einladung sofort freudig an und war in diesem Augenblick der glücklichste Mensch. Sie verabschiedeten sich und verabredeten sich für den kommenden Tag um 14 Uhr an einer Tankstelle in Rijeka. Lena freute sich sehr auf dieses Treffen, in der Hoffnung, endlich den richtigen Mann gefunden zu haben.
Am nächsten Tag ging sie mit einem Lächeln auf den Lippen zum verabredeten Treffpunkt. Sie wartete geduldig. Aber er kam nicht. Die Zeit verrann, aber er kam nicht. Sie begann sich Sorgen zu machen, ob ihm etwas passiert sei, denn er hatte versprochen, pünktlich zu sein. Es waren schon zwei Stunden vergangen. Sie bekam Zweifel, hatte Bedenken, dass Marina ihm von ihren familiären Problemen erzählt haben könnte und er deshalb nicht kommen wollte. Sie war doch geschieden und da gab es noch diesen netten, hilfreichen Nachbarn, Anto, in ihrem Dorf, der sich ihrer angenommen und geholfen hatte, als sie dorthin zog. Auch davon wusste Marina.
Sie zweifelte immer mehr und begann, sich darüber Gedanken zu machen, ob es richtig war, Marina von all ihren Problemen und Wünschen erzählt zu haben.
Doch dann erblickte sie Blagoje. Er näherte sich ihr, wie ein Boot, das nicht weiß, ob es in den Hafen einlaufen oder noch auf dem Meer verweilen soll. Er grüßte sie freundlich und entschuldigte sich dafür, dass er sie so lange habe warten lassen, »Entschuldige, Lena, es tut mir sehr leid. Du wirst noch einen Augenblick auf mich warten müssen. Ich habe noch etwas zu erledigen.«
Er ging schnellen Schrittes hinter die Tankstelle. Lena wartete wieder geduldig. Die Zeit verging, doch von Blagoje war nichts zu sehen. In ihren kühnsten Vorstellungen konnte sie nicht ahnen, was da vor sich ging. Dann plötzlich, tauchte er wieder auf.
»Ich muss mich erneut entschuldigen, Lena! Aber statt ins Café zu gehen, möchte ich dich jetzt gerne nach Hause bringen.«
Lena war irritiert und lehnte ab. Doch während er die Autotür für sie öffnete und sie am Arm fest hielt, wiederholte er seine Forderung. Diesmal etwas schärfer. Es klang beinahe wie ein Befehl – oder ein Drohung.
Lena setzte sich gehorsam ins Auto, erschrocken von der plötzlichen Wende in seiner Stimme und überlegte, warum sich Blagoje so verhielt. Warum hatte er seine Meinung geändert und wollte sie nach Hause bringen? Mit wem hatte er sich vorher getroffen?
Dann plötzlich unterbrach Blagojes Stimme ihre Gedanken:
»Wie ist dein Nachbar Anto?«, wollte er wissen. »Ich habe gehört, er soll sehr nett sein, dir viel helfen und dich zur Frau nehmen wollen?«
»Oh! Wer hat dir diesen Blödsinn erzählt? Marina etwa?« Sie konnte sich vorstellen, aus welcher Richtung der Wind wehte.
»Er ist nur mein Nachbar und nichts weiter.«
»Was ist das für ein Mensch, dieser Anto?«, wollte Blagoje wieder wissen.
»Er ist ein guter Mensch«, antwortete Lena einsilbig.
Als sie im Dorf ankamen, erwartete der Nachbar sie herzlich. Er lernte Blagoje kennen und bat die beiden auf einen Kaffee zu sich nach Hause. Etwas hinterhältig und übertrieben freundlich nahm Blagoje die Einladung an. Als Anto beim Anheben der Tasse aus Versehen an Lenas Schulter stieß, durchbohrte Blagoje beide mit dem Blick. Daraufhin folgte betretenes Schweigen.
»Es ist nichts passiert. Die Tasse ist nicht zu Bruch gegangen und selbst wenn, wäre das nicht schlimm gewesen«, sagte Anto, bemüht das Gespräch wieder in Gang zu bringen.
Doch Blagoje sagte kein Wort mehr. Seine Augen waren voller Neugier aber auch Wut.
Nachdem sie den Kaffee ausgetrunken hatten, bat Blagoje Anto, ihm mit dem Fiat ein wenig das Dorf und die Schönheit der Landschaft zu zeigen. Sie könnten auch irgendwo einkehren und etwas trinken. Anto wich aus, als ob er etwas ahnte. Freundlich lehnte er ab.
»Nein, danke, Blagoje. Schau, ich habe hier alles zu trinken, was dein Herz begehrt. Sag mir was du möchtest, ich schenke uns ein.«
Aber Blagoje blieb hartnäckig. Er wolle gerne das Dorf kennen lernen. Anto gab nach.
»Na gut, wenn du unbedingt willst, dann lass uns eine Runde fahren.«
Lena war überrascht und etwas gekränkt, dass Blagoje nicht mit ihr durch den Ort spazieren wollte. Beim Spaziergang hätten sie Gelegenheit gehabt, sich ein wenig besser kennen zu lernen. Als Blagoje und Anto davon fuhren, räumte Lena die Küche auf, spülte und legte sich dann anschließend einen Augenblick hin, um sich auszuruhen – und schlief ein. Als sie wieder aufwachte, lauschte sie, ob die Männer zurückgekehrt waren. Aber man hörte im Haus kein einziges Geräusch. Sie sprang auf. Es war viel Zeit vergangen und sie machte sich Sorgen. Sie hatte Angst, dass ihnen etwas zugestoßen sein könnte. Vielleicht hatten sie einen Autounfall? Ihre Sorge wuchs. Es dämmerte, dann kam die Nacht. Lena wartete am Fenster, von dem aus sie die Straße den Berg hinunter überblicken konnte, aber es war umsonst.
Irgendwann hörte sie Schritte. Dann tauchte Anto in der Tür auf.
»Wo um Himmels Willen, wo wart ihr?«, rief Lena lauter als sie wollte und sah erst dann, dass Anto voller Blut war.
»Oh mein Gott, was ist passiert?«, fragte sie fassungslos. Sie hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Sie lief Anto entgegen und stützte ihn.
»Wo ist Blagoje? Was ist mit ihm passiert?!«, wollte Lena, krank vor Sorge, von Anto wissen.
»Nun sprich schon! Was ist passiert?« forderte sie Anto auf. Ihre Stimme überschlug sich vor Aufregung.
»Ich weiß es nicht«, antwortete Anto.
»Wie, du weißt es nicht? Ihr seid doch zusammen weggefahren. Wie kannst du nicht wissen, wo er ist?«
Anto trat ins Haus, ließ sich auf die Ottomane fallen.
»Sieh dir an, was dein Blagoje mit mir gemacht hat! Ich kann von Glück sagen, das ich noch am Leben bin«, antwortete Anto schwach.
»Wo ist Blagoje jetzt und wo seid ihr gewesen?«
»Als wir in den Fiat stiegen, bat mich Blagoje, mit ihm nach Prilepic zu fahren. Kaum waren wir dort angekommen, wartete auch schon seine Bande auf uns. Sie schlugen und traten mich und als ich auf der Erde lag, übergossen sie mich mit Benzin und wollten mich anzünden. Sie zertrümmerten mein neues Auto.«
»Ich habe großes Glück gehabt, dass ich noch am Leben bin«, ächzte er. »Wer ersetzt mir den Schaden am Auto? Ich muss die Polizei rufen«, fügte er traurig hinzu.
»Tu das bitte nicht, Anto! Mir zur Liebe. Rufe bitte nicht die Polizei. Ich werde dir den Schaden erstatten«, flehte Lena Anto an und dachte gleichzeitig, dass sie hoffentlich nie wieder diesem Blagoje begegnen würde. Sie hatte Angst vor der Begegnung mit ihm, weil sie nicht wusste, wie er reagieren würde. Er hätte sie umbringen können. Sie hoffte, ihm nie, nie wieder über den Weg zu laufen. Wie konnte ein Mensch nur so verrückt sein? Sie lebte alleine in diesem Haus. Ihr Verschwinden würde keinem auffallen. Sie war neu im Dorf und kannte außer Anto kaum jemanden.
Anto ging nach Hause um sich zu duschen und seine Wunden zu versorgen. Er fand Verbandszeug, legte es an und fiel alsbald in einen tiefen Schlaf. Lena blieb alleine zurück. Die Tränen liefen ihr über die Wangen – wie kleine Regentropfen fielen sie zu Boden.
Sie stand auf, um Essen zu kochen. Kaum hatte sie damit begonnen, klopfte es an ihrer Tür. Blagojes laute, schneidende Stimme verlangte Einlass. Seine Stimme durchbohrte sie, wie es eine Messerspitze nicht schlimmer tun konnte: »Mach sofort die Tür auf, du blöde Schlampe!«, hörte sie ihn brüllen.
Lena zitterte vor Angst, während Blagoje weiter mit der Faust gegen die Tür hämmerte. Lena dachte, wenn sie ihm jetzt nicht öffnete, würde er die Tür sicher bald eintreten und sie umbringen. Würde sie öffnen, würde er sie bestimmt auch töten. Sie wusste nicht, was sie tun sollte; ihre Gedanken rasten.
Sie ging langsam zur Tür und öffnete. Kreidebleich vor Angst erblickte sie die blutigen Hände Blagojes. Sein Blick war wild und krank und durchbohrte Lena voller Hass. »Gib mir sofort dein ganzes Geld, sonst …«, drohte er mit der blutigen Faust.
»Welches Geld, Blagoje? Ich habe kein Geld. Nicht mal, um mir Brot zu kaufen«, antwortete Lena leise und erschrocken. »Gib mir das Geld! Ich habe nichts womit ich nach Rijeka zurückkehren kann. Ich bringe dich um, ich schwöre es«, sprach er zornig und kam drohend auf sie zu.
»Höre Blagoje, tu das nicht. Ich bin arm, sehr arm. Du kannst das ganze Haus durchsuchen. Du wirst nichts finden. Wenn du was findest – behalte es, aber da ist nichts. Glaube mir.«
Sie sah ihm in die Augen und senkte dann den Blick zu Boden. Sie konnte seinen Anblick nicht ertragen. Er musste geisteskrank sein und sie hatte es nicht gemerkt. Blagoje durchsuchte das Haus, lief hin und her, durchwühlte ihre Sachen, schrie dabei und drohte ihr immer wieder, sie umzubringen. Dann verließ er das Haus, nicht ohne ihr noch einmal zu drohen: »Wenn du die Polizei rufst, komme ich wieder und mache das, was ich dir schon gesagt habe. Also hüte dich«, zischte er durch die Zähne.
Als die Tür endlich hinter ihm ins Schloss fiel, ließ sich Lena auf die Couch fallen und brach in Tränen aus. Sie konnte die letzten Stunden nicht fassen, es schien ihr, als habe sie in einem Krimi mitgespielt. So was konnte es doch nicht geben. Sie war froh, dass ihr Nachbar und sie noch lebten und es dauerte lange, bis sie Anto wieder in die Augen blicken konnte – wegen dieser Geschichte, die sie nicht hatte absehen können. Sie konnte nicht erwarten, dass Anto ihr diesen Vorfall jemals verzieh.
Diese Schmerzen und diese Schmach, die er ihretwegen hatte aushalten müssen. Und sie schämte sich sehr, dass ihr Zuzug in dieses Dorf mit so einer Geschichte begonnen hatte.
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