Kitabı oku: «Please love me»
LORA FLYNN
LORA FLYNN
PLEASE LOVE ME
VORWORT
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
DANKSAGUNG
ÜBER DIE AUTORIN
Deutsche Erstausgabe 12/2018
Copyright © 2018 by Lora Flynn,
c/o Bianca Kronsteiner, impressumservice.net,
Robert-Preußler-Straße 13 / TOP 15020 Salzburg,
AT – Österreich
Druck und Bindung: epubli – ein Service der neopubli, GmbH, Berlin
Umschlaggestaltung: Copyright © by Lora Flynn
lora.flynn@web.de
Für meine Oma,
die warmherzigste und gütigste Frau,
die ich kennen lernen durfte…
Vorwort
Über menschliche Gefühle:
„Je mehr sie weggedrückt werden,
desto intensiver glühen sie unter der Oberfläche.
Je heftiger sie verleugnet werden,
desto intensiver brechen sie sich auf irgend eine Weise Bahn.“
- Jane Austen, Verstand und Gefühl
Kapitel 1
Mit der flachen Hand fuhr ich über die Spiegelscheibe, die von der heißen Temperatur meiner Dusche völlig beschlagen war. Ich sah in den Spiegel und blickte zwei abgestumpften, braunen Augen entgegen. Dunkle Ringe zeichneten sich unter ihnen ab. Sie lagen in tiefen Furchen und instinktiv fragte ich mich, ob meine Augen schon immer derart leer und ausdruckslos aussahen oder ob sie erst seit Anfang der Sommerferien diesen traurigen Blick angenommen hatten.
Ich wandte mich vom Spiegel ab, da ich mein eigenes Abbild nicht mehr ertragen konnte und schlüpfte in meine Lieblingsjeans. Nach einem prüfenden Blick in den Schrank, entschied ich mich für ein schwarz-weiß gestreiftes Shirt.
Die Kleidung, die mir vor zwölf Wochen noch gepasst hatte, als wäre sie für mich maßgeschneidert worden, schlotterte nun an meinem knochigen Körper, als wäre sie mir mehrere Nummern zu groß. Ich war einmal hübsch gewesen, vor den Sommerferien um genau zu sein. Doch dann hatte mein Freund Danny sich urplötzlich nach zwei Jahren Beziehung von mir getrennt. Keine drei Stunden später war mein Dad nach Hause gekommen. Ich hatte es kaum erwarten können, mich in seine vertrauten Arme zu werfen, die mir schon von klein auf in schwierigen Zeiten Trost gespendet hatten.
Als ich allerdings in sein Gesicht geblickt hatte, wusste ich, dass etwas nicht stimmte, dass etwas passiert sein musste. Falten bildeten sich auf seiner Stirn und seine Augen waren gerötet, als hätte er geweint. Er wirkte, als wäre er zehn Jahre gealtert.
In meinem Bauch braute sich eine böse Vorahnung zusammen und mit einem Mal wartete ich nur darauf, dass er die Lippen öffnete, um mir die schlechte Nachricht zu überbringen; meine Mutter hatte einen Autounfall. Sie starb noch an der Unfallstelle.
In den letzten zwölf Wochen hatte ich mich Tag für Tag gefragt, was um alles in der Welt ich getan hatte, um so ein Schicksal verdient zu haben. Immerzu streiften dieselben Fragen durch meinen Kopf. Warum bestrafte mich das Leben auf solch üble Weise? Warum wurde Mom unserer Familie entrissen? Und warum hatte Danny sich plötzlich von mir abgewandt? Nichts war mir geblieben, außer einem tiefsitzenden Schmerz.
Allerdings gab es eine Sache, die mich von meinem grauen Alltag ablenkte. Eine Tätigkeit, durch die ich in eine andere Welt schlüpfen konnte und ohne die ich meine Sommerferien wohl nicht überstanden hätte. Mein Blick fiel auf die Ausgabe von Sturmhöhe, die auf meinem Bett lag.
Unzählige Male hatte ich mich in den Ferien in dieses Buch geflüchtet, in eine andere Person. Eine Person, die genauso unter dem Tod eines geliebten Menschen und der verlorenen Liebe litt, wie ich. Mit schnellen Schritten ging ich zu meinem Bett und stopfte das abgenutzte Buch in meine Schultasche. Ich wollte es unbedingt dabei haben. Auf unerklärliche Weise spendete es mir Trost und ich hoffte, dass es mir auch die Kraft verlieh, den heutigen Tag zu überstehen.
Der erste Schultag nach den Ferien. Ich war nicht bereit dafür. Jede Faser meines Daseins schien sich vehement dagegen zu wehren. Und doch setzte ich einen Fuß vor den anderen und stieg die Treppe hinab. Mir blieb nichts anderes übrig, als weiter zu machen. Wie genau wusste ich jedoch noch nicht.
In der Küche angekommen waren mein großer Bruder Lukas und mein Dad Cedric bereits am Aufräumen. Sie hatten gewusst, dass ich zum Frühstück nicht erscheinen würde. Dennoch stand wie an jedem Tag in den letzten Wochen ein frisch zubereitetes Frühstück für mich bereit, das ich letztendlich doch wieder nicht anrühren würde.
Meine kleine Schwester Mia saß auf dem für sie viel zu großen Stuhl und rührte seelenruhig mit der bloßen Hand in ihrem Essen herum. Mit ihren vier Jahren konnte sie natürlich noch nicht begreifen, dass ihre Mutter nicht mehr da war, dass sie nie mehr zurückkommen würde.
Mein Blick schweifte auf den leeren Platz am Küchentisch, wo meine Mom jeden Morgen gesessen und in aller Ruhe die Tageszeitung gelesen hatte. Kurz stellte ich mir vor, sie wäre noch da. Ich stellte mir vor, sie würde noch immer an ihrem Platz am Kopfende des Tisches sitzen. Sie würde an ihrem Kaffee nippen und mir einen mahnenden Blick aus ihren strahlend blauen Augen zuwerfen, der besagte, dass ich wieder einmal zu spät dran war für die Schule.
Ich fühlte ein erdrückendes Gefühl in der Brust und schnell verdrängte ich diese Erinnerungen. Mom war nicht mehr da.
»Guten Morgen, Drea«, grüßte mein Dad mich aus müden Augen. Auch ihm saß der Schmerz noch schwer ums Herz. Jedes Mal, wenn ich ihn ansah, spiegelte sich meine eigene Trauer in seinen Augen. Schnell sah ich wieder weg und murmelte ebenfalls ein Guten Morgen.
Mein Bruder Lukas gab mir lediglich einen Kuss auf die Wange und machte sich dann auf den Weg zur Arbeit. Er und Dad führten gemeinsam unser erfolgreiches Familienunternehmen. Eine Immobilienagentur, die Dad bereits in jungen Jahren alleine aufgebaut hatte.
Schon auf der High School hatte mein Bruder fleißig in der Firma ausgeholfen und hart dafür gebüffelt, einmal in unser Unternehmen einsteigen zu können. Ich dagegen konnte dem nur wenig abgewinnen. Von klein auf vergrub ich meine Nase lieber in Büchern.
Da Dad selbstständig war, begann er erst später mit der Arbeit und konnte sich so noch um unsere kleine Schwester Mia kümmern, ehe er sie in den Kindergarten brachte. Für gewöhnlich war dies Moms Aufgabe gewesen und nur ein weiteres Indiz dafür, wie sehr sie fehlte.
»Ich muss los. Bis heute Abend«, informierte ich Dad, bevor ich mich auch schon umdrehte, um das Haus zu verlassen.
»Drea, warte!«, rief er und folgte mir zur Haustür. Ich wandte mich ihm zu, konnte mich aber nicht überwinden, ihm in die großen braunen Augen zu schauen, die meinen so sehr ähnelten.
»Ich habe dir etwas eingepackt«, er räusperte sich und ich spürte sein Unbehagen. »Ohne Frühstück bekommst du sicher Hunger bis zur Mittagspause.«
Er streckte mir eine Brotbox entgegen und kratzte sich verlegen am Hinterkopf. Für einige Augenblicke sagte ich nichts und starrte nur auf die Box in seinen Händen. Mir war durchaus bewusst, dass es ein Wink mit dem Zaunpfahl war. Mein Dad machte sich Sorgen um mich. Natürlich war ihm und Lukas mein Gewichtsverlust nicht verborgen geblieben.
Da ich meinen Dad nicht noch mehr belasten wollte, nahm ich das Essen dankend an und machte mich auf den Weg zu meinem Auto, einem Ford Fusion. Mom und Dad hatten ihn mir zu meinem achtzehnten Geburtstag vor einigen Monaten geschenkt. Kurz vor Moms schrecklichem Unfall.
Ich unterdrückte den Wunsch aussteigen zu wollen, um zurück in mein Zimmer zu laufen, mich unter der warmen Bettdecke zu verkriechen und in den Schlaf zu weinen. Stattdessen startete ich den Motor und fädelte mich in den morgendlichen Berufsverkehr von Seattle ein.
Es war nur eine zehnminütige Fahrt, wobei mir jedoch von Minute zu Minute übler wurde. Schließlich bog ich auf den kleinen Parkplatz der Garfield High ein und suchte mir einen geeigneten Platz.
Ich krallte meine Hände in die Riemen meines Rucksacks, während ich über den Parkplatz auf die einladende Steintreppe zuging. Vor den Stufen blieb ich stehen und blickte hinauf auf das alte, rote Ziegelsteingebäude, das meine Schule war.
So viele Erinnerungen waren mit diesem Ort verbunden. Schöne Momente sowie auch schlechte. Und jetzt war alles anders, so vieles hatte sich verändert.
Ich nahm einen tiefen Atemzug, ehe ich mich in Bewegung setzte und die Treppen zur Tür hinaufstieg. Als ich im Eingangsbereich ankam wimmelte es nur so von Menschen. Es war buchstäblich die Hölle los.
Neue Schüler, neue Lehrer und überall hingen Informationstafeln aus. Ich schlängelte mich durch die Masse hindurch und als ich aufblickte, spürte ich ein Stück meiner früheren Normalität zurückkehren. Das lag nicht an der überfüllten Aula, in der sich die Schüler nun lautstark über ihre Ferien austauschten oder sich über die neuen Lehrer und Stundenpläne ausließen. Nein, es lag an meinen besten Freunden, die einige Meter entfernt standen und auf mich warteten, wie sie es schon seit Jahren taten.
Mein erster Blick fiel auf Poppy, die mit ihrer grau gefärbten Mähne überall herausstach. Poppy war schon immer etwas ungewöhnlich gewesen. Sie war anders als die meisten Mädchen auf der High School. Genau aus diesem Grund mochte ich sie so sehr. Sie war offen, ehrlich und vor allem aber war sie vorlaut, auch Lehrern gegenüber. Poppy war dafür bekannt, niemals ein Blatt vor den Mund zu nehmen.
Selbst aus dieser Entfernung konnte ich erkennen, dass ihre dunklen Augen vor Wärme nur so strahlten, als sie mich in der Menschenmenge ausfindig machten.
In den Ferien hatte sie mich täglich besucht. Anfangs versuchte ich sie zu vergraulen, hatte sie angeschrien, ignoriert, doch rasch wurde mir klar, dass sich Poppy so schnell nicht abwimmeln ließ. Sie blieb. Selbst wenn wir nicht ein einziges Wort miteinander wechselten, uns anschwiegen. Sie blieb. Täglich kam sie vorbei und langsam aber sicher hatte ich mich an ihre Anwesenheit bei mir Zuhause gewöhnt.
Neben ihr stand Timmy und auch auf seinem Gesicht war ein leichtes Lächeln zu erkennen, als ich mich ihnen näherte. Seine rostbraunen Haare standen ihm wirr vom Kopf und seine blassen Augen folgten mir durchs Getümmel. Das erste, das ich wahrnahm, waren Poppys graue Strähnen, als sie mich in eine stürmische Umarmung zog.
»Willkommen zurück, Drea«, flüsterte sie und drückte mich noch etwas fester, bevor sie mich schließlich wieder freigab. Ich erwiderte ihr Lächeln, wenn auch etwas gezwungen.
Lächeln war etwas, das mir fremd geworden war und es fühlte sich merkwürdig an meine Mundwinkel nun so zu verziehen. Es war, als wären sie für lange Zeit eingerostet gewesen, als hätte ich das Lächeln verlernt.
Timmy grinste mich breit an und auch er zog mich in eine wilde Umarmung, wobei meine Füße fast vom Boden abhoben.
»Bonjour ma cherié«, sein französischer Akzent war kaum zu überhören. Timmy war zwar hier in Amerika geboren und aufgewachsen, jedoch waren seine Eltern aus Frankreich, daher wuchs er zweisprachig auf.
»Hey«, grüßte ich meinerseits zurück und wusste noch nicht so ganz, wie ich mich verhalten sollte. Es war nicht so, dass ich mich unwohl fühlte, im Gegenteil. Meine Freunde wieder um mich zu haben war ein schönes Gefühl.
Allerdings war es merkwürdig in meinen Alltag zurückzukehren, wo sich doch so vieles verändert hatte. Poppy schien mein Unbehagen zu spüren und begann über unseren neuen Stundenplan zu fluchen. Ein liebevoller Versuch mich abzulenken. Sofort nahm ich den Rettungsring an und spürte Erleichterung darüber, dass mich keiner der beiden auf zwei bestimmte Themen ansprach; der Tod meiner Mom und Danny.
Wenn ich daran dachte, Danny heute in der Schule sehen zu müssen, was sich zwangsläufig nicht vermeiden ließ, wurde mir speiübel und ich bekam feuchte Hände.
Wie sollte ich mich bloß verhalten? Nach der Trennung hatten wir uns nicht mehr gesehen, geschweige denn miteinander gesprochen. Zwar hatte er am nächsten Tag, als er erfuhr, dass meine Mutter bei einem Unfall verunglückt war, angerufen und mir unzählige SMS geschrieben, allerdings hatte ich alle ignoriert.
Mir war bewusst, dass ich Danny nicht egal war, schließlich waren wir zwei Jahre lang miteinander gegangen, kannten uns so gut wie kein anderer. Aber er liebte mich nicht mehr. Und diese Erkenntnis schmerzte noch immer, sehr sogar.
Ich zwang mich dazu, diese trübseligen Gedanken beiseite zu schieben und konzentrierte mich auf Poppy und Timmy, mit denen ich gerade auf dem Weg zu unseren Schließfächern war. Es schien mir eine Ewigkeit her zu sein, als ich mit Poppy, Timmy und Danny die Schulflure entlang gelaufen war. Doch so lange lag es noch gar nicht zurück. Heute waren es genau zwölf Wochen. Mit dem einzigen Unterschied, dass wir nur noch zu dritt waren. Ohne Danny.
Ich öffnete meine Spindtür und wollte gerade meine Bücher verstauen, als mein Blick auf ein Bild von Danny und mir fiel, das noch immer an der Innenseite klebte. Augenblicklich spürte ich den Schmerz zurückkehren. Ich erstarrte und fühlte ein Stechen in der Brust.
Poppy, die meine Reaktion bemerkte, riss das Bild herunter und zerknüllte es. Die Wut in ihren Augen war unübersehbar. Sie war ebenfalls aus allen Wolken gefallen, als ich ihr von Dannys Trennung berichtet hatte. Denn auch Poppy war mit ihm befreundet gewesen und hatte nicht die geringste Ahnung, weshalb er plötzlich keine Gefühle mehr für mich empfand.
Ich warf ihr einen dankbaren Blick zu. Im Augenblick aber wünschte ich mir nur noch alleine zu sein. Selbst dies schien Poppy nicht zu entgehen.
»Timmy und ich gehen schon mal vor. Du weißt ja wo der Saal ist«, sie lächelte mir noch einmal aufmunternd zu und strich mir mitfühlend über den Arm, bevor sie und Timmy sich auf den Weg machten. Erleichtert stieß ich die angehaltene Luft aus und legte meine Bücher in das Fach.
Ich war wirklich froh, eine so gute Freundin an meiner Seite zu wissen. Dies war mir in den letzten Monaten noch einmal umso deutlicher geworden.
Gedankenverloren drehte ich mich um und war gerade im Begriff, das Buch für die nächste Unterrichtsstunde in meiner Tasche verschwinden zu lassen, als ich mit jemandem zusammenstieß. Meine Tasche glitt mir aus der Hand, der gesamte Inhalt rutschte heraus und verteilte sich auf dem Fußboden.
Na klasse. Dieser Tag konnte wohl kaum noch schlimmer werden. Ich murmelte eine kurze Entschuldigung an mein Gegenüber, ohne ihn anzusehen. Dann ging ich in die Hocke, um meine Schulsachen zurück in die Tasche zu stopfen. Als ich nach meiner heiß geliebten Ausgabe von Sturmhöhe griff, traf meine Hand auf eine andere Hand. Eine männliche, mir fremde Hand.
Überrascht sah ich auf und für einen klitzekleinen Moment stand die Welt still.
Stahlblaue Augen blickten unter dichten schwarzen Wimpern hervor und hielten meinen Blick für mehrere Sekunden lang gefangen.
Aus einem mir unerfindlichen Grund setzte mein Herzschlag kurz aus. Ich hielt die Luft an und schluckte schwer. Erst dann bemerkte ich, dass ich den Mann mir gegenüber regelrecht anstarrte. Doch ich war nicht imstande wegzuschauen. Ich nahm markante Gesichtszüge wahr, die perfekter nicht hätten sein können und von goldenen, wirren Haaren umrahmt wurden. Einige Strähnen hatten sich gelöst und fielen ihm locker auf die Stirn.
Mit einem Mal wurde mir bewusst, dass sich unsere Hände noch immer berührten und ich fühlte ein Kribbeln. Verzweifelt versuchte ich meine Gedanken zu sammeln.
Ich spürte, dass mein Gegenüber sich langsam aufrichtete, was mich aus meiner Trance riss. Ich tat es ihm gleich und erhob mich. Als ich aufsah, bemerkte ich erst, wie hochgewachsen er war, gut einen Kopf größer als ich. Er trug ein weißes Hemd mit Krawatte und einen grauen Pullunder, unter dem sich der regelmäßige Besuch im Fitnessstudio deutlich erkennen ließ.
Ich gab mir alle Mühe meinen Puls, der aus einem mir unerfindlichen Grund zu rasen begann, zu beruhigen.
»Emily Brontë?«, seine Stimme war tief, melodisch und rau. Sie jagte mir einen gewaltigen Schauer über den Rücken. Erst jetzt bemerkte ich, dass er meinen Roman in den Händen hielt und diesen betrachtete. Dann hob er seinen Blick und sah mir direkt in die Augen. Mein Herz machte einen Satz.
»Schullektüre?«, fragte er nochmals und sein rechter Mundwinkel verzog sich zu einem wunderschönen, schiefen Lächeln. Ich räusperte mich, da ich das Gefühl hatte, meine Stimme erst wieder finden zu müssen.
»Ähm, nein. Ich lese es in meiner Freizeit«, ich richtete meinen Blick auf den Roman, um mich wieder einigermaßen zu sammeln.
»Mein Lieblingsroman«, merkte ich an, in der Hoffnung, er würde mir das Buch endlich wieder zurückgeben, sodass ich von hier verschwinden konnte.
Diese Begegnung verwirrte mich zutiefst.
Im Augenwinkel sah ich, wie er die Brauen hob.
»Ein solch düsterer Roman weckt Ihre Liebe zur Literatur?«, er wirkte erstaunt.
»Scheint so«, erwiderte ich und sah wieder in seine stahlblauen Augen.
»Was ist mit Jane Austen? Stolz und Vorurteil?«, neugierig musterte er mich. Leicht lächelnd blickte ich zu Boden. Natürlich hatte ich Stolz und Vorurteil gelesen - und geliebt. Doch das war, bevor ich all diese schweren Schicksalsschläge hatte erleiden müssen.
»Ich schätze ich gehöre zu der anderen Sorte.«
»Sie mögen kein Happy End?«, ein überraschter Ausdruck legte sich über sein Gesicht.
»Doch«, flüsterte ich. »Ich glaube nur nicht mehr daran.«
Bevor ich überhaupt darüber nachdenken konnte, was ich da sagte, waren die Worte bereits über meinen Lippen. Erschrocken schaute ich auf. Er hatte die Brauen zu einem schmalen Strich zusammengezogen und sah mir tief in die Augen. Für einen kurzen Moment schien etwas in seinem undurchdringlichen Blick aufzuflackern.
War es Neugierde? Wissen? Möglicherweise sogar Verständnis? Es schien als versuchten seine eisblauen Augen in meine Seele zu schauen, an einen Ort, der in Schutt und Asche lag.
Bevor ich diesen Ausdruck jedoch deuten konnte, nuschelte ich eine kurze Verabschiedung und machte auf dem Absatz kehrt. Ich stürmte regelrecht davon. Auf halbem Weg zum Unterricht fiel mir auf, dass der Fremde noch immer meine Ausgabe von Sturmhöhe hatte. Ich kehrte jedoch nicht zurück.
∞
In der ersten Stunde hatte ich amerikanische Geschichte. Mein Platz befand sich zwischen Poppy und Timmy und nun saß ich hier inmitten der beiden und war noch immer verwirrt über das vorherige Gespräch mit diesem Mann. Ärger sammelte sich in meinem Bauch, da ich meinem Kummer nachgab und ihn nach außen getragen hatte. Ich hatte einem Fremden für einen kleinen Moment meine Trauer offenbart, ihm einen Einblick in meine Seele gewährt.
Wer war er überhaupt? Ein neuer Schüler wohl kaum. Sein Kleidungsstil entsprach nicht gerade dem eines Jungen hier auf der High School. Sehr wahrscheinlich war er ein neuer Lehrer.
Zugegeben, er sah noch relativ jung aus. Ich schätzte ihn auf Mitte zwanzig. Allerdings gab es selbst in diesem Alter bereits Lehrkräfte, was noch peinlicher war in Anbetracht dessen, dass ich ihn zuerst angestarrt hatte, wie eine Ertrinkende, um ihn danach auch noch zum Zeuge meiner schwarzmalerischen Weltanschauung zu machen. Ich konnte nur hoffen, ihn in der Schule so wenig wie möglich sehen zu müssen. Jedoch war er noch im Besitz meines Romans, den ich mir wohl oder übel zurückholen musste.
Seufzend warf ich einen Blick auf die Uhr. Noch ein paar Minuten und die erste Stunde war überstanden. Poppy sah mich besorgt von der Seite her an und ich spürte die unausgesprochene Frage auf ihrem Gesicht. Ich rang mir ein Lächeln ab, um ihr mitzuteilen, dass alles okay war.
Endlich klingelte es zur nächsten Stunde und ich begab mich zusammen mit ihr auf den Weg zu unserem Englischsaal. Timmy dagegen hatte leider einen anderen Kurs.
Kurz vor dem Saal umfasste Poppy mich plötzlich am Handgelenk und warf mir einen bedeutungsvollen Blick zu. Zuerst verstand ich nicht, was sie mir mitteilen wollte. Als sie jedoch mit einem Nicken nach vorne wies, sah ich Danny vor dem Englischsaal stehen.
Er lehnte mit dem Rücken an der Wand, die Hände lässig in den Taschen seiner Collegejacke versteckt und lachte gerade über etwas, dass seine Freunde ihm erzählten. Wie immer war er umringt von einer Gruppe aus Schülern. Danny gehörte zu der High Society an unserer Schule. Dies rührte wohl daher, dass er Captain des Football Teams war.
Mein Blick wanderte. Blonde Locken umschmeichelten die klaren, geraden Linien seines Gesichtes, das ich in- und auswendig kannte. Sehnsucht packte mich und erinnerte mich an die vielen gemeinsamen Momente und die Wärme, die sich in mir ausgebreitet hatte, wenn ich in diese vertrauten schokoladenbraunen Augen gesehen hatte.
Sofort verkrampften sich meine Hände und mein Herz gefror zu Eis. Mein Blick wurde starr und ich musste tief einatmen, um den Schmerz zu vertreiben.
»Du schaffst das, Drea. Wir ignorieren ihn einfach.«
Ich nickte, sah zu Boden und folgte Poppy zu unserem Saal. Ich zwang mich, nicht aufzuschauen, ihn einfach links liegen zu lassen. Stark sein, Drea. Doch im nächsten Moment vernahm ich auch schon den Klang seiner bekannten Stimme hinter mir.
»Drea… Hey.«
Erschrocken zuckte ich zusammen und fuhr herum. Danny stand direkt vor mir und blickte auf mich hinab. Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen.
Auch er schien sich sichtlich unwohl in seiner Haut zu fühlen. Seine Augen wanderten ruhelos umher. Verlegen kratzte er sich am Hinterkopf und ließ die Hände dann in den Hosentaschen seiner Jeans verschwinden.
Sofort wurde mir wieder übel, als ich den Ausdruck von Mitleid in seinem Gesicht lesen konnte. Ich wollte sein Mitgefühl nicht, ich brauchte es nicht.
Mir war natürlich klar, dass Danny nichts für seine Gefühle konnte. Wenn er schlicht und ergreifend nicht mehr ausreichend für mich empfand, dann war das so. Ich gab ihm keine Schuld, nicht im Geringsten. Doch der Schmerz war trotzdem da und ich hatte es satt, ihn ertragen zu müssen.
»Ich habe versucht dich zu erreichen. Ich habe angerufen und geschrieben«, sprach er und sah dabei beschämt zu Boden. Die Situation war ihm mehr als unangenehm. Ich schluckte schwer und riss mich zusammen, um eine vernünftige Antwort zustande zu bringen.
»Ja, ich weiß«, ich wollte nicht mit ihm darüber reden, nicht zwischen Tür und Angel. Und schon gar nicht vor den anderen Schülern, die das Geschehen offenbar mehr als interessant fanden und nun alle leise tuschelnd ihre Köpfe in unsere Richtung drehten. Generell wollte ich gar nicht mehr mit ihm sprechen. Es schmerzte einfach zu sehr und rief Erinnerungen in mir wach, die lieber verschlossen blieben.
Er hob den Kopf und sah mich erneut voller Mitleid an. Wie ich diese Blicke hasste. Sie erinnerten mich daran, dass meine Mutter tot war und nie wieder zurückkommen würde. Als müsste man mich mit Samthandschuhen anfassen.
»Wie geht es dir?«, fragte er schließlich. Ich konnte die Unsicherheit förmlich von seinem Gesicht ablesen, als wäre sie ihm auf die Stirn geschrieben.
Ich wollte diese Frage nicht beantworten. Nicht schon wieder. So oft hatte ich sie in den letzten Wochen schon gestellt bekommen. Doch im Grunde interessierte es niemanden wirklich, wie es mir ging. Man fragte nur aus reiner Höflichkeit. Und jedes Mal antwortete ich mit gut. Was gelogen war. Aber was sollte ich schon sagen?
Meine Mutter war gestorben, mein Freund hatte mich verlassen. Mein Leben glich einer einzigen Katastrophe?
Plötzlich hörte ich, wie Poppy neben mir ein spöttisches Lachen ausstieß. Ich sah zu ihr rüber. Ihre Hände waren zu Fäusten geballt. Wut verzerrte ihr Gesicht und ihre gesamte Körperhaltung drückte pure Ablehnung aus. Dann trat sie einen Schritt vor mich und sah Danny mit Augen an, in denen ein Sturm hätte toben können.
»Was denkst du wohl wie es ihr geht? Dass du dich überhaupt wagst, sie auch noch anzusprechen! Lass Drea gefälligst in Ruhe, sonst garantiere ich für nichts, Danny.«
Ich war schockiert über Poppys Wutausbruch und warf ihr einen entgeisterten Blick zu. Danny schien es offenbar nicht anders zu ergehen. Doch in seinen Augen lag noch etwas anderes, er wirkte auf gewisse Weise verletzt. Was nur natürlich war. Schließlich hatte Poppy auch zu Dannys Freunden gezählt und nun stieß sie ihn derart vor den Kopf. Wegen mir.
Ich verspürte Gewissensbisse.
»Poppy...«, setzte ich an, um sie zu beruhigen, aber sie ließ mich nicht zu Wort kommen.
»Nein, er hat kein Recht dazu«, fuhr sie nun auch mich an. »Er…«, mit einem Mal hielt sie abrupt inne und stoppte ihre Erzählung.
»Was ist?«, ich musterte sie argwöhnisch. Normalerweise konnten keine zehn Pferde Poppy aufhalten, wenn sie in Rage war. Verwirrt kniff ich die Brauen zusammen und warf nun auch Danny einen misstrauischen Blick zu, dessen Kopf hochrot angelaufen war.
»Ich…«, Danny räusperte sich geräuschvoll. »Ich werd’ dann mal reingehen.«
Beschämt wandte er sich ab und verschwand schnellen Schrittes in unserem Englischsaal. Ich drehte mich wieder zu Poppy um und musterte sie erwartungsvoll.
»Was sollte das denn eben?«
Sie schüttelte lediglich den Kopf, während sie hektisch in ihrer Tasche zu wühlen begann.
»Ach nichts. Ich kann nur nicht glauben, dass er sich rausnimmt, dich auch noch anzusprechen, nachdem er dich so mies abserviert hat«, Poppy vermied es mir in die Augen zu schauen, während sie sprach. Nach einem letzten prüfenden Blick, beließ ich es jedoch dabei. Ich vertraute Poppy. Wenn es etwas gab, das ich wissen sollte, hätte sie es mir schon längst gesagt. Ich atmete tief ein und wieder aus, um mich zu beruhigen. Dann schüttelte ich den Kopf, um all diese wirren Gedanken beiseite zu schieben und um den Schmerz, der mir noch immer nach diesem Gespräch in den Knochen steckte, zu vertreiben.
Es wäre besser, wenn ich von nun an auf Abstand zu Danny ging. Es würde zwar schwierig werden, da wir einige Kurse zusammen hatten, aber nicht unmöglich.
Poppy und ich folgten dem Beispiel der anderen Schüler und traten in den Saal. Sofort ließen wir uns auf einem Platz möglichst weit hinten nieder, in der Hoffnung, Danny würde sich nicht in unsere Nähe setzen. Im Augenwinkel bemerkte ich, dass er sich ein paar Reihen weiter vorne einen Tisch suchte.
Erleichterung machte sich in mir breit und das Atmen fiel mir etwas leichter, was sich jedoch sofort wieder ändern sollte. Ich nahm gerade meine Bücher aus der Tasche, als ich eine Bewegung an der Tür wahrnahm und aufblickte.
Ich sah einen jungen Mann mit einem grauen Pullunder, weißem Hemd und Krawatte herein schlendern. Mein Herz klopfte für ein paar Augenblicke etwas schneller, beruhigte sich aber sogleich wieder. Es war der Mann, mit dem ich vorhin zusammengestoßen war. Und allem Anschein nach handelte es sich bei ihm um meinen neuen Englischlehrer.
Noch hatte er mich nicht entdeckt, also rutschte ich etwas tiefer in meinen Stuhl und warf mein braunes Haar nach vorn. Vielleicht würde er mich ja nicht gleich erkennen, was jedoch sehr unwahrscheinlich war. Leider hatte ich nicht dieses Allerweltsgesicht. Meine Lippen waren etwas zu üppig, mein Kiefer etwas zu ausgeprägt und meine Augen waren zu groß. Eindeutige Erkennungsmerkmale, die ich nicht sehr mochte.
Poppy bemerkte meinen Versuch mich unsichtbar machen zu wollen und hob eine Braue. Schnell sah ich nach vorne, was sich jedoch ebenfalls als Fehler erwies. Denn genau in diesem Moment nahm unser neuer Lehrer die Tasche von seinen Schultern, ließ sie aufs Pult fallen und blickte auf. Direkt in meine Richtung.
Die Intensität seines Blickes lähmte mich und ich konnte das Blut in meinen Ohren rauschen hören. Es kam mir vor, als wäre eine Ewigkeit vergangen, während wir uns einfach nur ansahen. In Wahrheit waren es wohl nur ein paar Sekunden, bevor diese Intensität wieder verschwand und er den Blick flüchtig über die Klasse wandern ließ.
Meine Wangen begannen zu glühen und mein Herz klopfte noch immer in einem beunruhigend schnellen Tempo. Ich spürte Poppys Augen auf mir. Als ich zu ihr rüber sah, schaute sie schnell weg und ein schelmisches Grinsen umspielte ihre Lippen. Mit verschränkten Armen stierte sie stur nach vorn, während der neue Lehrer mit federnden Schritten auf die Klasse zukam, um sich vorzustellen.
»Ich heiße Logan Black und wie Sie sich sicher alle denken könnt«, ein seichtes Lächeln umspielte seine Lippen. »Werde ich Sie im Fach Englisch unterrichten.«
Mir entging nicht wie einige der Mädchen gebannt an seinen Lippen hingen oder ihre Haare zu zwirbeln begannen. Sie starrten ihn an, als stand Adonis höchstpersönlich vor ihnen. Poppy hob bei diesem Anblick die Brauen und warf mir einen vielsagenden Blick zu. Jedoch konnte ich es diesen Mädchen kaum verdenken, Mr Black war mehr als attraktiv.
»Mr Black?«, ertönte eine schrille Stimme. Madison Lively. Ich hatte nicht viel mit ihr zu tun, aber hörte man auf die Gerüchteküche, so war sie als die typische Barbie und Oberzicke der Schule bekannt. Selbstverständlich musste jede High School eine eingebildete Schnepfe haben, die immer im Mittelpunkt stehen wollte. Sonst wäre es ja nicht die High School. An Poppys abfälligem Schnauben konnte man deutlich erkennen, dass die beiden sich nicht sonderlich gut ausstehen konnten.
»Was werden wir denn bei Ihnen lernen? Nur, dass wir uns natürlich schon einmal auf den Unterricht vorbereiten können?«, sie klimperte ein paar Mal mit den Wimpern, während sie ihre Beine übereinanderschlug.
»Nun,« begann Mr Black mit tiefer Stimme. »Wir werden uns hauptsächlich mit dem Thema Literatur im neunzehnten Jahrhundert beschäftigen. Hierzu werden Sie leider auch einige Werke lesen müssen.«
Meine Mitschüler stöhnten laut auf, woraufhin Mr Black nur leise lachte. Sein Lächeln war unglaublich schön und zog mich sofort in seinen Bann.
Anschließend ging er die Kursliste durch und wir sollten bei unserem jeweiligen Namen Handzeichen geben, sodass er sich die Gesichter besser einprägen konnte. Er begann zu lesen und mit jedem weiteren Namen, den er erwähnte wurde ich nervöser, mein Herzklopfen setzte wieder ein und mein Mund fühlte sich völlig trocken an.
»Drea Dupree?«
Ich hob lediglich den Arm und fixierte die Liste, die er in den Händen hielt, um nicht in das fesselnde Blau seiner Augen sehen zu müssen.
»Alles klar«, nachdem er die Liste überprüft hatte, legte er diese neben dem Pult ab und ließ seinen Blick über die Kursteilnehmer schweifen.
»Dann können wir zum Einstieg auch gleich schon mit der Frage beginnen, welche bekannten, englischen Werke von welchen Schriftstellern im neunzehnten Jahrhundert entstanden sind?«
Jane Austen, Charles Dickens, Emily Brontë, Thomas Hardy ...
Natürlich kannte ich sie alle, aber ich meldete mich nicht. Ich hatte mich noch nie groß an der Mitarbeit beteiligt, selbst wenn mir das Thema lag. Ein paar meiner Mitschüler meldeten sich und nannten einige bekannte Werke mit ihren Künstlern. Doch niemand nannte meinen Lieblingsroman. Kurz erwog ich es, mich zu melden. Und bevor ich den Gedanken wieder verwerfen konnte, wurde mir die Entscheidung abgenommen.
»Drea? Wissen Sie vielleicht noch ein bekanntes Werk aus dem neunzehnten Jahrhundert?«
Ich konnte nicht anders und sah perplex auf, geradewegs in seine klaren, blauen Augen, die mich nun erwartungsvoll anstarrten. Ich war erstaunt darüber, dass er sich meinen Namen bereits eingeprägt hatte. Diese Tatsache brachte mich für ein paar Sekunden aus dem Konzept. Schnell versuchte ich meine Gedanken zu sammeln, um mich an seine Frage zu erinnern. Denn es schien, als wollte er auf etwas Bestimmtes hinaus und ich wusste auch genau, worauf.
»Sturmhöhe«, meine Stimme sollte fest klingen, doch es war kaum mehr als ein Flüstern.
»Emily Brontë«, beendete er meinen Satz und seine Lippen verzogen sich erneut zu einem kleinen Lächeln. Jäh fühlte ich mich an das vorherige Gespräch auf dem Flur mit ihm zurückerinnert, als er meinen Roman in den Händen gehalten hatte. In diesem Moment wusste ich, dass er an genau dasselbe dachte und wie aus dem Nichts erschien ein Lächeln auf meinem Gesicht.
Es fühlte sich echt an.
Kapitel 2
Poppy starrte mich an, als wäre ich ein Marsmensch. Ihr blieb aber auch wirklich nichts verborgen. Für den Rest des Unterrichts schwieg ich und kritzelte stattdessen irgendwelche Dinge in meinen Notizblock.
Als es zur Pause klingelte, packte ich meine Sachen zusammen und wollte Poppy gerade nach draußen folgen, als mich jemand an der Schulter zurückhielt.
»Drea? Hätten Sie noch eine Minute für mich?«
Überrascht sah ich zu Mr Black herüber. Gleichzeitig spürte ich Poppys bohrenden Blick auf meinem Rücken.
»Ähm, ja natürlich«, ich räusperte mich und schaute kurz zu Poppy, um ihr verständlich zu machen, dass sie draußen auf mich warten sollte. Sie nickte und ging hinaus auf den Flur.
Nervös begann ich meine Hände zu kneten und sah auf meine Schuhspitzen hinab. Was wollte Mr Black mit mir besprechen? Ich spürte wie er näherkam, bis er schließlich vor mir stehen blieb.
Ohne es verhindern zu können wurde ich von Nervosität übermannt. Mein Puls begann zu rasen. Selbst meine Handflächen fühlten sich kalt und schwitzig an. Zögernd sah ich zu ihm auf und es geschah schon wieder. Seine Augen zogen mich regelrecht in einen Bann, dem ich mich nicht entziehen konnte. Gebannt beobachtete ich das Licht, welches durch die Fenster hereinströmte und sich in dem blauen Farbenspiel seiner Augen zu brechen schien.
»Ich glaube Sie haben das hier vorhin vergessen«, er lächelte mich an und streckte mir meinen Roman entgegen.
Natürlich, mein Buch.
Ich hatte es total vergessen. Mein Heiligtum. Mein Fluchtort, der mich in den letzten Wochen so einige Male gerettet hatte.
»Oh…«, ich stockte kurz. »Dankeschön.«
»Keine Ursache.«
Als er mir den Roman zurückgab, streiften sich unsere Finger erneut, wie am heutigen Morgen schon einmal. Mehrere Stromschläge erschütterten meine Hand. Das Gefühl strömte durch meinen Körper wie ein Lauffeuer. Schlagartig sah ich hoch in seine Augen.
Auch Mr Blacks Blick war zunächst auf unsere Hände gerichtet. Dann hob er das Gesicht und sah mich an. Etwas flimmerte in seinem Blick, ein merkwürdiger Ausdruck, den ich nicht zuordnen konnte.
Blitzartig zog ich meine Hände, mitsamt dem Buch, zurück. Dies schien ihn aus seiner Starre zu lösen. Er räusperte sich, zog die Brauen zusammen und wirkte für einen kurzen Moment verwirrt.
Gleich darauf jedoch sah er mich wieder mit klaren, undurchdringlichen Augen an. Dann ging er ein paar Schritte rückwärts und brachte somit etwas Distanz zwischen uns. Eine merkwürdige Spannung lag in der Luft.
»Ähm... Danke nochmal«, murmelte ich schnell, um diese seltsame Stimmung zu durchbrechen. Allerdings wagte ich es nicht, ihm noch einmal in die Augen zu schauen.
»Gern geschehen. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag, Drea«, mit schnellen Schritten lief er zurück zum Pult und packte seine Tasche.
»Ihnen auch, Mr Black«, erwiderte ich hastig und eilte zur Tür, vielleicht etwas zu schnell, doch ich musste aus diesem Raum raus. Als ich die Tür hinter mir schloss, atmete ich zuerst einmal tief ein und wieder aus. Die ganze Zeit über, hatte ich das Gefühl gehabt, keine Luft mehr zu bekommen.
Ich schloss die Augen und versuchte mein wild klopfendes Herz zu beruhigen. Ich war wahrscheinlich nur etwas durcheinander. Das war alles. Der heutige Tag war lediglich zu viel für mich gewesen. Der erste Schultag ohne Mom, die Auseinandersetzung mit Danny… Es war nur natürlich, dass meine Gefühle da etwas durcheinander kamen. Ich schüttelte den Kopf und ordnete meine Gedanken wieder neu.
»Sag bloß, Mr Adonis hat dir den Kopf verdreht?«, Poppy stand mit vor der Brust verschränkten Armen vor mir an der Wand und schmunzelte schelmisch.
»Was meinst du damit?«, verständnislos blickte ich sie an. Poppy begann zu kichern.
»Tu nicht so, ich habe genau gesehen wie du ihn angestarrt hast, du bist rot geworden wie eine verdammte Tomate«, sie grinste, während ihre dunklen Augen belustigt aufblitzten. Poppy war wirklich hübsch. Sie hatte wunderschöne braune Augen, die außen leicht nach unten deuteten. Doch am schönsten war noch immer ihre Stupsnase, die perfekt ihre sanften Gesichtszüge ergänzte.
Sogar ihre grauen Haare standen ihr überirdisch gut, wenngleich ich ihr anfangs davon abzuraten versucht hatte. Poppy war jemand, der sehr zufrieden mit sich war. Das Einzige jedoch, was sie an sich selbst nicht mochte, war ihre Größe. Mit ihren gerade mal ein Meter fünfzig war sie mit Abstand die Kleinste auf der ganzen High School und dennoch war sie unverkennbar. Sie stach aus der Menge heraus, wie ein kleiner, tobender Tornado.
»Was wollte er von dir?«, fragte sie mich und schenkte mir einen neugierigen Blick.
»Nichts«, antwortete ich knapp, da ich über dieses Thema nicht mehr sprechen wollte.
»Wie nichts?«, sie hob die Brauen und noch immer zierte dieses dämliche Grinsen ihre Lippen. Die Augen verrollend setzte ich mich in Bewegung und lief vor zu den Spinden, um meine Bücher für die nächste Stunde zu holen. Poppy schloss trotz ihrer Größe schnell auf und lief neben mir her.
»Du stehst definitiv auf ihn«, feixte sie und betrachtete dabei ihre Nägel, als wären sie das Interessanteste auf der Welt.
»Tue ich nicht!«, keifte ich zurück. So langsam ging mir dieses Gespräch gehörig auf den Zeiger. Gut, ich hatte schwitzende Hände und ein klein bisschen Herzklopfen gehabt, mehr aber nicht. Und selbst das rührte nur daher, dass ich heute einfach etwas durcheinander war. Morgen wäre das schon ganz anders.
»Hey, ich bin der letzte Mensch, der dich deswegen verurteilt. Ich gebe dir ja recht, er sieht echt heiß aus«, sie grinste breit und lehnte sich neben mir an das Schließfach.
Ich seufzte resigniert und gab den Versuch, sie von diesem Thema ablenken zu wollen, auf.
»Lass uns einfach zur nächsten Stunde gehen, ja?«
Poppy lachte laut auf, folgte mir aber und beließ es, Gott sei Dank, dabei.
∞
Als die Schule sich endlich dem Ende neigte, schlenderte ich durch den Ausgang in Richtung meines Wagens. Ich konnte es kaum erwarten mich in meinem Zimmer zu verkriechen. Zuhause angekommen spülte ich zuerst die leere Brotbox, damit mein Dad Notiz davon nahm, dass ich etwas gegessen hatte. Dafür hatte ich allerdings das Essen in der Mittagspause ausfallen lassen, da ich der Gefahr, Danny in der Cafeteria zu begegnen, aus dem Weg gehen wollte. Von dieser Tatsache musste Dad jedoch nichts erfahren.
Ich begann in der Küche etwas aufzuräumen und zu putzen, um Dad etwas Arbeit abzunehmen. Schweigend entfernte ich Mias Essensreste vom Boden, die sie durch das Spielen mit ihrem Frühstück hinterlassen hatte. Danach bereitete ich ein Abendessen für Dad und Lukas vor, welches sie sich später aufwärmen konnten.
Nach dem Aufräumen der Küche stieg ich die Treppen nach oben in mein Zimmer und erledigte meine Hausaufgaben. Gerade als ich das Heft zuschlug, hörte ich die Haustür ins Schloss fallen.
Lukas.
Ich ging erneut nach unten, um ihn zu begrüßen. Als ich ihn ansah, erkannte ich Erschöpfung auf seinem Gesicht. Er war der Einzige in der Familie, der Moms blaue Augen geerbt hatte und wie so oft, wenn ich ihn ansah, sah ich auch Mom.
»Hey. Ich habe dir und Dad Auflauf gemacht. Steht im Kühlschrank«, informierte ich ihn und war schon wieder im Begriff nach oben zu flüchten, als Lukas mich auf der ersten Stufe plötzlich am Handgelenk packte. Er hielt mich zurück. Fragend wandte ich mich ihm zu. Seine Züge hatten sich zu einer besorgten Grimasse verzogen.
»Was ist mit dir? Hast du schon gegessen?«, wollte er wissen und ich spürte, wie er meine Statur musterte.
»Nein, ich habe keinen Hunger.«, ich wollte mich losmachen, doch Lukas hielt mich nach wie vor mit eisernem Griff fest.
»Drea... Du musst etwas essen. Sieh dich doch mal an«, erneut streiften seine Augen über mich hinweg. Die Sorge in ihnen war kaum zu übersehen und sorgten dafür, dass ich schließlich einlenkte.
»Na schön«, seufzend folgte ich ihm in die Küche, wo ich uns beiden etwas von dem Auflauf auf einen Teller gab.
»Wo ist Dad?«, fragte ich, da die beiden eigentlich stets zur selben Zeit nach Hause kamen.
»Er ist mit Mia zum Arzt. Sie bekommt irgendeine Impfung oder so«, erwiderte er und machte sich über das Essen her. Er wirkte wirklich sehr müde.
Seit die Erziehung einer vierjährigen allein auf Dads Schultern lastete, hatte er weniger Zeit, um in der Firma zu agieren. Daher war es nur logisch, dass Lukas einige von Dads Aufgaben übernahm, was auch der Grund für sein überarbeitetes Erscheinungsbild war.
Mit der Gabel schob ich mein Essen hin und her, zwang mir jedoch einige Male einen Bissen herunter, um meinen Bruder zufriedenzustellen. Nachdem er mich noch ein paar Mal mit mahnenden Blicken dazu aufgefordert hatte, meinen Teller aufzuessen, war ich satt. Früher hatte ich alles Mögliche in mich herein stopfen können, doch seit den Sommerferien fiel es mir schwer überhaupt etwas anzurühren.
»Hey. Ich gehe am Wochenende mit ein paar Freunden weg. Magst du nicht mitkommen?« Er warf mir einen hoffnungsvollen Blick zu. Unbehagen machte sich in mir breit. Seit dem Unfall war ich nicht mehr unter Menschen gewesen und im Grunde wollte ich das auch gar nicht.
Alles was ich brauchte, um mich abzulenken war ein gutes Buch und meine Ruhe. Wenn ich daran dachte auszugehen, etwas zu trinken oder gar zu tanzen, fühlte ich mich furchtbar unwohl in meiner Haut. Es erschien mir oberflächlich, nach allem was wir durch Moms Tod erlitten hatten.
»Ich weiß nicht …«, erwiderte ich und schob eine Erbse auf meinem Teller hin und her.
»Komm schon, Drea. Es ist schon ewig her, dass wir zusammen etwas unternommen haben …«, mit einem Mal wurde sein Blick trüb. »Mom hätte nicht gewollt, dass du dich im Haus verkriechst und keinen Spaß mehr am Leben hast.«
Meine Hände verkrampften sich. Eine altbekannte Übelkeit stieg in mir auf. Der Schmerz kehrte zurück und kratzte an meinem Herzen, drohte es zu zerreißen. Ich spürte wie Lukas nach meiner Hand griff und mir tief in die Augen sah. Für einen kurzen Moment dachte ich, in Moms Augen zu blicken. Ich unterdrückte die Tränen, die mir unweigerlich in die Augen stiegen.
»Drea. Bitte...«, flüsterte er und sein Griff um meine Hand wurde fester, bittender.
Erneut seufzte ich und nahm einen tiefen Atemzug, um mich etwas zu beruhigen. Es war schier unmöglich Lukas etwas auszuschlagen, wenn er mich so ansah.
»Na schön«, widerwillig gab ich nach und sofort erschien ein Lächeln auf seinem traurigen Gesicht.
»Aber nur unter einer Bedingung«, entgegnete ich.
Lukas hob die Brauen und ich erntete einen misstrauischen Blick. »Die da wäre?«
»Ich darf Poppy mitnehmen«, äußerte ich meine Bitte und sogleich erschien ein breites Grinsen auf Lukas’ Gesicht.
»Natürlich darfst du sie mitbringen.«
Lukas war ganz vernarrt in Poppy. Er lachte über jeden ihrer Witze und die beiden waren ununterbrochen dabei, irgendwelchen Unfug anzustellen. Manchmal fragte ich mich sogar, ob er sie nicht etwas zu sehr mochte.
Während wir aufräumten, berichtete Lukas mir von dem Club, in den wir vorhatten zu gehen. Kurze Zeit später hörte ich erneut die Haustür und schon stand Dad im Türrahmen mit Mia auf seinem Arm.
Wir begrüßten ihn und ich machte mich gleich daran, sein Abendessen aufzuwärmen. Ich sah, wie sein Blick über die beiden Teller und die Brotbox schweifte, die auf der Theke standen. Ein erleichternder Ausdruck huschte über sein Gesicht.
Offenbar schien Dad genauso erfreut darüber zu sein, dass ich etwas gegessen hatte, wie Lukas. Auch wenn ich das fade Essen hatte herunter zwingen müssen, der befreite Ausdruck auf Dads Gesicht war es mir wert.
Lukas erzählte Dad von unseren Plänen am Wochenende. Ich erwartete schon halb, dass Dad mir verbieten würde weg zu gehen. Dann hätte ich mich wenigstens, so wie ich es eigentlich vorgehabt hatte, in mein Zimmer zurückziehen und ein gutes Buch lesen können. Doch weit gefehlt. Stattdessen schien ihn das Vorhaben meines Bruders regelrecht zu beflügeln, mehrmals betonte er, wie gut er es fand, dass ich mal wieder rauskam.
Nachdem er mit Lukas noch kurz über das Geschäft redete, mich nach der Schule fragte und Mia ihr Abendessen gab, schnappte ich mir die Kleine und machte sie fertig für die Nacht. Ich half ihr in den mit Häschen bedruckten Pyjama und ging dann mit ihr ins Bad, um ihr die Zähne zu putzen.
Erst weigerte sie sich natürlich vehement, das Zähneputzen war ja so verdammt langweilig! Nach einem kurzen hin und her gab sie jedoch nach und so brachte ich sie danach wieder zurück in ihr Zimmer. Sie krabbelte auf ihr kleines Bettchen und klemmte sich ihren Plüschhasen unter den Arm. Ich musste schmunzeln, es gab drei Dinge, deren Mia sich verschrieben hatte; ihrem Plüschhasen, Pizza und der Farbe Pink.
»Also dann, kleine Motte. Schlaf gut und hab süße Träume«, ich gab ihr einen Kuss auf die Stirn und zog die Decke über ihren kleinen zerbrechlichen Körper. Gerade als ich im Begriff war, das Licht auszuschalten und die Tür zu schließen, setzte sie sich wieder auf.
»Drea?«, sprach sie mit leiser Stimme und blickte mich aus ihren kugelrunden Rehaugen an.
»Ja, Motte?« Ich blieb im Türrahmen stehen.
»Ist Mommy wirklich nicht mehr da?«, fragte sie mit einer so traurigen Kinderstimme, dass es mir sofort das Herz brach. Der Schmerz meldete sich wieder und ich spürte den Kloß in meinem Hals. Hier saß sie nun, meine süße Schwester von vier Jahren, klein und einsam und fragte nach ihrer Mutter. Ich ging zurück an ihr Bett und setzte mich, um nach ihrer kleinen, kindlichen Hand zu greifen, die nicht einmal halb so groß war, wie meine eigene.
»Weißt du Mia, Mom wird immer da sein. Sie sitzt oben auf den Wolken und sieht auf unsere Familie hinab. Auf dich, Lukas, Dad und mich. Sie beschützt uns von jetzt an.«
»Aber kann sie uns nicht auch von hier unten aus beschützen?«, wollte sie wissen und ich spürte die Sehnsucht in ihrer Stimme. Ich konnte meine Tränen nicht zurückhalten und unweigerlich liefen sie mir über die Wangen, doch ich versuchte stark zu bleiben.
Für Mia.
»Nein, das geht leider nicht, Süße«, erwiderte ich und schluckte den Kloß in meinem Hals herunter. Es fühlte sich an, als hätte ich einen dicken Wattebausch verschluckt.
»Ich vermisse sie echt doll«, flüsterte Mia und ihre Augen wirkten unendlich traurig.
»Ich auch, Mia. Ich auch ...«, meine Stimme klang erstickt und schnell strich ich Mia über ihr seidiges Haar. Ich drückte sie an mich, damit sie meine aufsteigenden Tränen nicht sehen konnte. Nachdem ich mich wieder einigermaßen im Griff hatte, gab ich ihr noch einen Kuss auf die Wange und ließ sie alleine in ihrem Bett zurück. Sobald ich ihr Zimmer verlassen hatte, liefen die Tränen unaufhaltsam meine Wangen herunter. Ich stürmte in mein Zimmer, ließ mich aufs Bett sinken und weinte mich in den Schlaf.
Wieso hast du uns alleine gelassen Mom? Wieso nur?
∞
Als ich am nächsten Morgen in den Spiegel sah, bereute ich sofort, dass ich meinen Gefühlen gestern Abend freien Lauf gelassen hatte. Meine Augen waren derart angeschwollen, dass ich sie kaum öffnen konnte. Ich spritzte mir kaltes Wasser ins Gesicht, in der Hoffnung die Schwellung würde etwas zurückgehen. Doch keine Chance. Irgendwann gab ich es auf und zog mich nach einer heißen Dusche an. Ich schnappte mir meine Schultasche und schleppte mich nach unten in die Küche, wo Dad mir wieder eine Brotbox hingelegt hatte. Ich steckte sie gerade ein, als er mit Mia auf dem Arm in die Küche kam.
»Guten Morgen, Schatz«, er gab mir einen Kuss auf die Stirn und kümmerte sich um Mias Frühstück. Entweder überging mein Dad einfach die Tatsache, dass ich aussah, als hätte ich die Nacht durchgeweint oder es fiel ihm durch den Trubel mit Mia nicht auf. Wie auch immer, ich war dankbar dafür, dass er mich nicht darauf ansprach. Mir graute es bereits vor meinen Mitschülern, denen es mit Sicherheit nicht entgehen würde.
»Könntest du heute Mittag nach der Schule vielleicht etwas einkaufen gehen?«, fragte Dad und zückte seinen Geldbeutel.
»Ja, natürlich«, erwiderte ich und nahm das Geld entgegen. Kurz darauf machte ich mich auf den Weg in die Schule. Bereits in der Aula erwarteten mich Poppy und Timmy. Ein breites Grinsen lag auf den Gesichtern der beiden, doch als sie mich näherkommen sahen, schwand ihr Lächeln. Sehr wahrscheinlich hatten sie meine verweinten Augen bemerkt. Ich blieb vor ihnen stehen und niemand sagte etwas. Ein unangenehmes Schweigen herrschte zwischen uns. Irgendwann durchbrach Poppy die Stille und räusperte sich.
»Also, ich habe Timmy gerade davon berichtet, dass er etwas verpasst hat. Unser neuer Englischlehrer ist 'ne totale Granate oder was meinst du, Drea?«
So war Poppy. Sie bemerkte, dass ich nicht über meine Gefühle reden wollte und warf mir einen Rettungsanker zu. Wenngleich es auch etwas verdächtig war, dass dieser ausgerechnet unser neuer Englischlehrer sein musste. Timmy dagegen schien kurz mit sich zu ringen. Nachdem Poppy ihn jedoch mit dem Ellbogen in die Seite stieß, überlegte er es sich anders und spielte ihr Spiel mit.
»Euer Englischlehrer interessiert mich recht wenig«, schnaubte er und schulterte seine Tasche.
»Ach? Du bist also nicht schwul?«, Poppy grinste ihn breit an.
»Nur weil der Großteil meiner Freunde weiblich ist, heißt das noch lange nicht, dass ich vom anderen Ufer komme«, er hob eine Braue und warf Poppy einen bösen Blick zu. Sie dagegen kicherte und wir machten uns auf den Weg zum Unterricht. Zum Englischunterricht.
Vor dem Saal blieben wir stehen und ich widerstand dem Drang, zu Danny zu schauen, der sich ein paar Meter weiter mit seinen Freunden unterhielt. Selbst seine Stimme zu hören, schmerzte in meinem Herzen und ich schloss meine müden Augen, um mich auf etwas anderes zu konzentrieren. In diesem Moment rempelte mich jemand an.
»Hey, pass doch auf!«, eine bekannte Stimme zickte mich von der Seite her an. Als ich die Augen wieder öffnete, begegnete ich Madison Livelys gehässigem Blick. Sie strich sich ihre rote Lockenmähne über die Schulter und erdolchte mich mit ihren Augen.
»Pass du lieber auf wo du hingehst. Drea hat einfach nur hier gestanden«, fauchte Poppy und schoss beschützerisch wie ein Pitbull nach vorne.
»Tja, ich kann auch nichts dafür. Würde die Heulsuse da«, sie deutete mit ihrem perfekt manikürten Zeigefinger auf mich, »mal ihre Augen öffnen, dann hätte sie mich bemerkt. Aber stattdessen trauert sie die ganze Zeit nur ihrem Ex hinterher, der sie einfach nicht mehr will.«
Madisons Worte trafen mich. Es fühlte sich an, als hätte mir jemand einen Hieb in die Magengrube verpasst. Unerwarteter Weise, kam Danny auf Madison zu und legte ihr eine Hand auf die Schulter.
»Maddy, es reicht.«
Fassungslos stand ich da. Die Tatsache, dass Danny bei ihr stand, anstatt mich zu verteidigen, sie sogar berührte, verwirrte mich. Nein es verletzte mich. Mein Herz gefror und splitterte in tausend Teile. Seit wann waren die beiden befreundet?
»Nein, es ist doch wahr. Sie soll aufhören, sich wie ein armes Hündchen aufzuführen, nur weil du sie abserviert hast und ihre Mutter ins Gras gebissen...«, doch weiter kam sie nicht, da Poppy vorschoss und Madison mit ihrem gesamten Gewicht gegen die Wand stieß.
»Wag es ja nicht!«, brüllte Poppy und war erneut im Begriff auf Madison loszugehen, aber irgendjemand schien sie zurückzuhalten. Ich konnte es nicht genau erkennen, da die aufsteigenden Tränen mir die Sicht vernebelten. Nichts um mich herum nahm ich mehr wahr. In meinem Kopf begann es zu rauschen und Übelkeit stieg in mir auf.
Mit aller Mühe unterdrückte ich den aufkommenden Würgereiz und krallte meine Fingernägel in die Handflächen. Dann ging ich einige Schritte rückwärts, bis ich an die Wand hinter mir stieß. Ich musste hier weg. Sofort.
Das letzte, das ich wahrnahm, bevor ich in die entgegengesetzte Richtung rannte, war die tiefe Stimme von Mr Black, die meinen Namen rief.
Ich eilte durch die Flure, ignorierte alles und jeden um mich herum und trat durch die Doppeltür hinaus auf den leeren Pausenhof.
Während ich lief, spürte ich nichts, außer den Wind, der mir die Haare ins Gesicht peitschte und die Tränen auf meinen Wangen trocknete, ehe schon wieder neue über mein Gesicht kullerten.
Erst als ich die Tribüne unseres Footballfelds erreichte, drosselte ich mein Tempo und steuerte auf eine Bank zu.
Ich setzte mich und ließ mein Gesicht in die Hände sinken. Hatte Madison womöglich recht? Verhielt ich mich wirklich wie ein armes Hündchen? War es für mich so langsam an der Zeit, meine Trauer zu besiegen? Doch wie sollte ich das schaffen? Ich konnte noch nicht einmal über meine Mom nachdenken, ohne gleich in Tränen auszubrechen. Wieder geisterten Madisons Worte in meinem Kopf herum und krampfhaft versuchte ich, den Schmerz in meinem Innern zu unterdrücken.
Nun war genau das geschehen, was ich unter allen Umständen zu vermeiden versucht hatte, nämlich ein Zusammenbruch vor aller Augen. Jeder konnte sehen wie sehr ich litt, jeder hatte mitbekommen wie ich in Tränen ausgebrochen war. Mein Leben glich einem einzigen Albtraum.
Unerwartet vernahm ich Schritte auf der Tribüne neben mir. Erschrocken zuckte ich zusammen, als ich Mr Black erkannte. Wortlos ließ er sich auf dem Platz neben mir nieder und hielt mir ein Taschentuch hin. Verwundert von dieser netten Geste, nahm ich es dankend an.
Dennoch wagte ich es nicht, hoch zu schauen. Ich wollte nicht, dass mein Lehrer mich in dieser Verfassung sah. Es hatten ohnehin schon genug Leute mitbekommen.
»Falls Sie jemanden zum Reden brauchen, Drea, habe ich immer ein offenes Ohr für Sie.«
Ich schluckte den Kloß in meinem Hals herunter. Hatte er etwa gesehen, was sich soeben vor seinem Saal abgespielt hatte? Hatte er meine Demütigung mitangehört? Nun konnte ich doch nicht mehr an mich halten und blickte zu ihm auf. Seine goldenen Haare tanzten im Wind und umspielten seine markanten Gesichtszüge, während sein durchdringender Blick schweigsam auf mir ruhte. Doch anders als bei allen anderen, konnte ich nicht das geringste Mitleid in seinem Gesicht erkennen, lediglich die Aufrichtigkeit seiner Worte. Und zum ersten Mal seit langem sah jemand in mir nicht das arme, traurige Mädchen, das ihre Mutter verloren hatte und von ihrem Freund verlassen wurde.
»Danke«, brachte ich atemlos über die Lippen, noch immer gefangen von dem intensiven Blau seiner Augen. Sein Mund verzog sich zu einem kleinen Lächeln. Für ein paar Minuten saßen wir einfach nur schweigend da, genossen den Wind, der die Laubblätter vom Boden aufwirbelte und durch die Bäume peitschte. Ich wusste nicht warum, aber ich fühlte mich mit einem Mal nicht mehr unwohl in seiner Gegenwart. Ich empfand seine Gesellschaft nun sogar als angenehm, obwohl wir nichts miteinander sprachen.
»Ich habe Ihnen übrigens etwas mitgebracht, Drea«, durchbrach seine Stimme plötzlich die Stille. Überrascht sah ich zu ihm rüber, als er bereits in das Innere seiner Tasche griff, die noch immer um seine Schulter hing. Er wandte sich mir wieder zu und ich erkannte, dass er ein kleines Buch in den Händen hielt. Er streckte es mir entgegen. Überrascht sah ich zu ihm auf und erneut umspielte dieses leise Lächeln seine Lippen.
»Vielleicht kann ich ihre Meinung über Happy Ends ja noch ändern«, mit diesen Worten stand er auf und ließ mich alleine auf der Bank zurück. Ich verfolgte ihn mit den Augen, bis er im Schulgebäude verschwand. Erst dann blickte ich auf den Roman in meinen Händen und las den Titel.
Jane Austen, Verstand und Gefühl.
Kapitel 3
Als ich schließlich nach einem langen Einkauf nach Hause kam, machte ich mich wie bereits am Vortag daran, etwas für Dad und Lukas zu kochen. Ich deckte gerade den Tisch, als Dad mit Mia im Türrahmen erschien. Sofort kam Mia auf mich zu gerannt und klammerte sich an meinem Shirt fest.
»Gibt es etwa Spaghetti?«, fragte sie mit großen Augen. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, um in die Kochtöpfe spitzeln zu können, wofür sie allerdings definitiv noch zu klein war.
»Hallo kleine Motte«, begrüßte ich sie und strich ihr eine dunkle Locke aus dem Gesicht. Dann hob ich sie hoch auf meinen Arm, damit sie in die Töpfe lugen konnte. Ihre Augen begannen zu strahlen und fröhlich klatschte sie in die Hände. In diesem Moment wünschte ich mir, auch noch einmal so jung sein zu können wie Mia. Man freute sich über die kleinsten Dinge, war behütet und unwissend über all das Leid und Grauen, das einem mit dem Älterwerden bevorstand.
Ich begrüßte nun auch meinen Dad und Lukas, während ich begann das Essen zu servieren. Erneut zwang ich mich dazu, ein paar Happen zu essen, was Dad und Lukas freudig zur Kenntnis nahmen.
Nach dem Essen zogen die beiden sich in Dads Arbeitszimmer zurück, um ein paar Dinge bezüglich der Firma besprechen zu können. Da ich sowieso nicht viel zu ihren wirtschaftlichen Diskussionen beitragen konnte, beseitigte ich währenddessen das Chaos in der Küche und erledigte meine Hausaufgaben.
Anschließend schnappte ich mir Mia und steckte sie in die Badewanne. Bereits im dampfenden Wasser legte sich ein schläfriger Ausdruck über ihr Gesicht. Kaum hatte ich sie in ihr Bett gebracht, dauerte es keine Minute ehe sie schon im Land der Träume versank.
In meinem Zimmer warf ich mich zuallererst aufs Bett, wobei mein Blick auf das Buch auf dem Nachttisch fiel. Es war der Jane Austen Roman, den Mr Black mir heute Morgen mit der Absicht gegeben hatte, meine Einstellung Happy Ends gegenüber ändern zu wollen.
Warum machte er sich überhaupt die Mühe? Schließlich war ich nur eine seiner Schülerinnen. Eine von vielen.
Nun ja, es war gut möglich, dass er lediglich mein Interesse zur Literatur bemerkt hatte. Sicherlich war er wohl auch positiv überrascht davon, dass sich eine Schülerin tatsächlich und aufrichtig dafür interessierte. Doch ich konnte mir nicht vorstellen, dass er einfach an beliebige Schüler seine Bücher verlieh.
Plötzlich wurde mir bewusst, welche Richtung meine Gedanken einschlugen und ich war schockiert. Machte ich mir tatsächlich Gedanken darüber, was Mr Black von mir dachte? Sofort kamen mir Poppys Worte in den Sinn. Du stehst auf ihn.
Na gut, wenn ich ehrlich zu mir selbst war, hatte seine Gegenwart eine gewisse Wirkung auf mich, was jedoch kein Wunder war. Immerhin schien es den anderen Mädchen in meinem Kurs nicht anders zu ergehen. Mr Black hatte einfach diese Art Präsenz, die alle Blicke auf sich zog, sobald er den Raum betrat. Und offenbar stellte auch ich in diesem Fall keine Ausnahme dar.
Aber stand ich deswegen gleich auf ihn? Nein, das war absoluter Schwachsinn. Ich fand ihn attraktiv und sympathisch, aber das war es auch schon. Obendrein hatte ich noch immer an dem Ende meiner zweijährigen Beziehung mit Danny zu knabbern.
Zwölf Wochen hatten gewiss nicht ausgereicht, um den Tod meiner Mutter und das Beziehungsaus zwischen Danny und mir zu verarbeiten.
Je mehr ich darüber nachdachte zwei geliebte Menschen verloren zu haben, desto intensiver fühlte ich den Schmerz in meinem Herzen wieder. Schnell schluckte ich den Kloß hinunter und verdrängte die Gedanken an die letzten Monate. Stattdessen griff ich nach dem Buch, das auf dem Nachttisch lag und begann zu lesen. Ich flüchtete mich an einen anderen Ort, in einer anderen Zeit.
∞
Der Rest der Woche verlief Gott sei Dank ereignislos. Poppy hatte mir erzählt, dass Mr Black die Auseinandersetzung mit Madison wohl von Anfang an mitbekommen hatte. Sie berichtete mir, dass er Madison anschließend vor dem kompletten Kurs zusammengestaucht und sie zu einer Stunde Nachsitzen verdonnerte hätte.
Zwar hatte auch Poppy die Schulbank eine Stunde länger drücken dürfen, da sie Madison gegenüber handgreiflich geworden war, doch das war es ihr, wie sie mir mit einem breiten Grinsen mitteilte, wert gewesen.
Später informierte ich sie noch über Lukas' Vorhaben, am Wochenende auszugehen. Natürlich war sie von der Idee hellauf begeistert. Wobei ich mir nicht so ganz sicher war, ob ihre Freude womöglich mehr daher rührte, dass mein Bruder mit von der Partie sein würde.
Als die Woche endlich vorüber war und Freitag vor der Tür stand, war Poppy einem Nervenzusammenbruch nahe. Sie wusste schlichtweg nicht, was sie für den Abend in der Diskothek tragen sollte. Mein Handyspeicher platzte aus allen Nähten, da sie mir im Minutentakt ein neues Outfit simste. Irgendwann schrieb ich ihr zurück, wann sie wohl endlich gedachte zuzugeben, dass sie auf meinen Bruder stand.
Ich bekam keine Antwort mehr.
Den Freitagabend verbrachte ich damit, Mia beim Spielen Gesellschaft zu leisten und Mr Blacks Roman zu lesen, bis mich die Müdigkeit schließlich übermannte.
Nun war es Samstagnachmittag, ich war gerade am Lernen, als die Zimmertür mit einem lauten Knall aufschwang und Poppy, mit mehreren Taschen auf dem Arm balancierend, mein Zimmer betrat. Ich hob lediglich eine Braue und warf einen prüfenden Blick auf ihre Taschen, der meine dunkle Vorahnung bestätigte; sie schleppte ihren halben Kleiderschrank mit sich herum.
»Aha. Und du willst mir weis machen, dass du nicht auf meinen Bruder stehst?«, argwöhnisch beäugte ich ihren mühsamen Versuch, all ihre Taschen zu meinem Bett zu bugsieren.
»Wie geht es eigentlich Mr Black?«, parierte sie daraufhin, grinste mich über den Berg von Kleidern auf ihren Armen hinweg an und ließ schwer atmend den Ballast auf mein Bett fallen. Bei ihren Worten verzog ich grimmig das Gesicht. Poppys spitze Zunge hatte ich fast schon vergessen.
»Na schön, dann lass mal sehen, was dein Kleiderschrank zu bieten hat«, mit einem ergebenen Seufzen ließ ich von meinen Schulsachen ab und machte es mir auf dem Bett bequem. Poppys Lippen verzogen sich zu einem breiten Lächeln. Einen Augenblick später war sie auch schon zur Musikanlage getänzelt und startete ihre Playlist.
Die Modenschau begann.
Nach sechzehn Outfits und wiederholtem Abspielen ihrer Playlist war sie endlich zufrieden mit ihrem Aufzug. Sie trug ein schwarzes bauchfreies T-Shirt, auf welchem das Logo von Captain America abgebildet war. Das Shirt kombinierte sie mit einer schwarzen Jeans, an deren Knie zwei ausgefranste Löcher zierten. Abgerundet wurde das Outfit mit ihren hochhackigen geschnürten Stiefeletten.
Zufrieden betrachtete sie sich im Spiegel. Dann drehte sie sich wieder zu mir um und ein breites Grinsen umspielte ihre Lippen. Ich ahnte Böses.
»Jetzt bist du dran.«
Poppys Augen funkelten aufgeregt, während sie auch schon auf meinen Kleiderschrank zuhielt. Ich unterdrückte ein Stöhnen und ließ mich in die Kissen zurücksinken.
»Poppy, ich bin wirklich nicht in Stimmung für eine Modenschau. Ich werde einfach ein paar Jeans und ein T-Shirt anziehen«, murmelte ich, als mein Blick auf das Jane Austen Buch glitt. Zu gerne wäre ich einfach zuhause geblieben und hätte weiter gelesen, meine Ruhe gehabt.
Ich sah wieder zu Poppy rüber. Ihre enttäuschte Miene entging mir keineswegs.
»Ach komm schon, Drea. Das haben wir früher immer gemacht«, ihre Lippen verzogen sich zu einem Schmollmund.
Innerlich fluchend senkte ich meinen Blick und versuchte mein schlechtes Gewissen zu vertreiben. Poppy und ich hatten uns damals vor jeder anstehenden Party bei mir zuhause getroffen und eine Modeschau veranstaltet. Es war zu so etwas wie einem Ritual geworden. Aber wie Poppy bereits sagte, war es früher einmal so gewesen. Und nichts war mehr wie früher. Ich war nicht mehr wie früher.
»Dann lass mich wenigstens etwas für dich raussuchen«, bettelnd blickte sie mich mit ihren großen Augen an. Poppy einen Wunsch auszuschlagen war ein schier unmögliches Unterfangen. Also willigte ich mit einem genervten Grummeln ein, woraufhin sie sich mit neuem Elan mit dem Inhalt meines Kleiderschrankes beschäftigte.
Während sie sich durch meine Kleidung wühlte, sprang ich schnell unter die Dusche. Zurück in meinem Zimmer, sah ich, dass ihre Wahl auf eine blaue Jeans und ein weißes eng anliegendes Shirt gefallen war.
Widerstrebend und wohlwissend, dass ich gegen Poppys Auswahl keinerlei Einsprüche erheben konnte, zog ich mich an.
Als mein Blick jedoch auf ihre Schuhauswahl wanderte, traf mich der Schlag.
High Heels. Niemals würde ich freiwillig solche Dinger tragen. Nicht wenn es unbedingt nötig war. Also schlug ich einen Handel heraus und schnappte mir meine geliebten schwarzen Converse, die schon völlig ausgelatscht waren.
Obwohl ich in den letzten Wochen sehr abgenommen hatte, passten mir die Jeans und schmiegten sich um meine Beine wie eine zweite Haut. Dies lag aber eher daran, dass sie ein Fehlkauf gewesen waren. Versehentlich hatte ich sie eine Nummer zu klein gekauft. Ich griff nach dem hellen Oberteil und zog es mir über den Kopf. Es betonte meine dunklen Augen und mein braunes Haar, das mir in Wellen bis zur Brust reichte.
Kaum war ich angekleidet, drückte mich Poppy auch schon auf einen Stuhl und begann mich zu schminken. Da sie wusste, dass ich zu viel Make-Up nicht mochte, vertraute ich ihr in dieser Hinsicht und war mit dem Ergebnis recht zufrieden.
Poppy hatte es geschafft meine Augen mithilfe von Eyeliner und etwas Wimperntusche noch mehr hervorzuheben, ohne dass es zu künstlich wirkte. Lediglich der rote Lippenstift stellte einen harten Kontrast dar. Als Poppy jedoch gerade nicht hinsah, wischte ich schnell mit einem Tuch über meine Lippen.
Kurz darauf klopfte es an der Tür und Lukas streckte den Kopf herein. Sein Blick lag sofort auf Poppy und ein breites Lächeln huschte über seine Lippen.
»Na wen haben wir denn hier? Hi Grandma‘«, begrüßte er sie mit einem provokanten Funkeln in den Augen. Seit Poppy ihre Haare grau gefärbt hatte, zog Lukas sie immer mit diesem Spitznamen auf. Entnervt rollte ich mit den Augen. Jetzt würden diese Sticheleien wieder beginnen, die mich jedes Mal eher an ein Vorspiel erinnerten, anstatt eines kleinen Wortgefechtes.
»Hast du immer noch keinen besseren Spitznamen für mich gefunden?«, konterte Poppy und auch ihre Augen glitzerten aufgeregt. Wie immer stand sie meinem Bruder in nichts nach und warf ihm einen herausfordernden Blick zu.
»Kannst du später mit uns überhaupt mithalten oder umarmst du um Mitternacht schon die Kloschüssel?«
Der Schalk stand Lukas regelrecht ins Gesicht geschrieben.
»Dass ich nicht lache. Ich würde euch ausnahmslos unter den Tisch saufen«, demonstrativ verschränkte sie die Arme vor der Brust. Lukas brach in lautes Gelächter aus. Sein Lachen klang so aufrichtig und schön, wie ich es schon seit einer halben Ewigkeit nicht mehr von ihm gehört hatte.
»Das bezweifle ich«, erwiderte er auf Poppys Aussage.
»Soll das eine Herausforderung sein?«, angriffslustig schob sie ihr Kinn nach vorn. Ich konnte nur fassungslos den Kopf schütteln. Poppy würde haushoch gewinnen. Niemand war in der Lage so viel Alkohol zu konsumieren und dabei immer noch Herr seiner Sinne zu bleiben. Meine beste Freundin kippte das Zeug herunter, als wäre es Wasser. Mal ganz ungeachtet dessen, dass wir im Grunde erst mit einundzwanzig Alkohol zu uns nehmen durften.
»Die Wette gilt«, Lukas grinste.
Der Abend würde nicht gut für ihn ausgehen, das war sicher. Doch eine Warnung erschien mir überflüssig. Er würde sich so oder so nicht davon abbringen lassen. Noch einige Sekunden lang grinsten sie sich einfach nur an. Ihr Lächeln ging beinahe schon ins Laszive über, was ich nun wirklich nicht sehen wollte.
»Okay Leute, das reicht«, unterbrach ich die beiden. »Könntet ihr euch diese Blicke nicht für ein andermal aufheben? Das ist echt ekelhaft.«
Mit aller Macht vertrieb ich das Kopfkino, das sich hinter meinem inneren Auge abspielte und warf einem nach dem anderen einen mahnenden Blick zu.
Lukas verfiel in schallendes Gelächter und teilte uns mit, dass wir in einer halben Stunde losfahren würden. Dann war er auch schon wieder verschwunden. Poppy dagegen lief hochrot an. Offenbar hatte sie meine Anwesenheit während des Gesprächs mit Lukas völlig vergessen. Schnell wandte sie sich ihren Kleidern zu, die mittlerweile in meinem gesamten Zimmer verstreut lagen und begann, etwas Ordnung zu schaffen.
Schweigend beobachtete ich sie dabei und überlegte, wie ich sie am besten auf das Thema Lukas ansprechen konnte. Jedes Mal, wenn man sie nach meinem Bruder fragte, wich sie aus. Es war mehr als offensichtlich, dass sie für Lukas schwärmte. Dennoch schien sie es nicht zugeben zu wollen oder aber sie fühlte sich unwohl dabei, sich mit mir über ihn zu unterhalten. Ich wollte jedoch nicht, dass sie das Gefühl hatte, nicht mit mir reden zu können, nur weil Lukas mein Bruder war. Das musste ich ihr klar machen.
»Hör mal Poppy, du kannst wirklich über alles mit mir reden«, setzte ich an und spürte ihren überraschten Blick auf mir ruhen. »Naja, du weißt schon, über Lukas. Ich verurteile dich nicht oder bin sauer oder so etwas«, ich zuckte mit den Schultern und wandte mich wieder dem Spiegel zu. Es herrschte Stille zwischen uns, sodass ich schon damit rechnete, keine Antwort mehr zu erhalten. Aber dann brach sie das Schweigen.
»Nein, das ist es nicht«, sie schüttelte den Kopf und durch den Spiegel sah ich, dass sie sich auf dem Bett niederließ.
»Ich mag ihn tatsächlich sehr. Aber er ist vierundzwanzig, sechs Jahre älter als ich. Zudem gehe ich noch in die High School, während er schon einen wichtigen Job hat, sogar eine Firma leitet, zusammen mit deinem Dad. Was würden meine Eltern wohl sagen? Außerdem weiß ich ja nicht mal ob er mich auch mag. Und zu allem Überfluss ist er... ist er auch noch dein Bruder. Ich will nicht, dass das irgendwann zwischen uns steht«, sie senkte den Blick auf ihre Hände und ich spürte die Unsicherheit in ihrer Stimme. In diesem Moment hätte ich sie am liebsten in den Arm genommen. Ich drehte mich auf meinem Stuhl wieder zu ihr herum.
»Poppy, du machst dir völlig unnötige Gedanken. Ich bin die Letzte, die etwas dagegen hätte, das musst du mir glauben«, ich hielt kurz inne. »So lange ich euch nicht bei einer wilden Knutscherei erwische oder naja … Du weißt schon was.«
Bei diesen Gedanken verzog ich angewidert das Gesicht. So sehr ich meinen Bruder auch mochte, über sein Liebesleben wollte ich wirklich nicht mehr wissen als unbedingt nötig. Poppy kicherte.
»Danke. Das bedeutet mir viel, aber ich weiß ja nicht einmal, ob er mich ebenfalls auf diese Art und Weise mag.«
Sie nestelte nervös an dem Saum ihres T-Shirts herum.
»Glaub mir, das tut er, das ist ja wohl kaum zu übersehen«, erwiderte ich sarkastisch und schnappte mir Handy und Geldbeutel, um beides in einer kleinen Tasche zu verstauen. Meine Schlüssel passten leider nicht mehr hinein, was aber nicht weiter tragisch war, da Lukas ja mit dabei war.
»Ehrlich?«, ein aufgeregter Hoffnungsschimmer keimte in ihren Augen auf.
»Ja, ehrlich«, ich erwiderte ihr Lächeln und warf mich neben ihr aufs Bett. Minutenlang lagen wir einfach nur stillschweigend nebeneinander, starrten an die Decke und ließen unseren Gedanken freien Lauf.
Kaum zu glauben, dass ich vor einer Woche noch jegliche soziale Kontakte gemieden hatte und nun im Begriff war, feiern zu gehen. Für einen kurzen Moment spürte ich das schlechte Gewissen in meinem Innern aufkeimen. Doch sogleich fielen mir Lukas' Worte wieder ein.
Mom hätte nicht gewollt, dass du dich im Haus vergräbst und keinen Spaß mehr hast.
Natürlich hätte sie das nicht gewollt. Lukas hatte Recht. Doch ich vermisste sie so sehr, dass die Tatsache auszugehen und zu feiern mir erschien, als lebte ich einfach weiter, als wäre nichts geschehen, als würde ich Moms Tod verleugnen.
Von der Treppe aus waren die Rufe meines Bruders zu vernehmen. Ich schob meine Gedanken schnell beiseite und schnappte mir meine Tasche. Poppy und ich gingen nach unten in die Küche, wo Dad mit Mia auf dem Schoß irgendwelche Unterlagen durchging.
Als Poppy und ich hereinkamen, sah er überrascht auf. Über die Lesebrille hinweg musterte er uns.
»Ihr seht hübsch aus«, ein Lächeln erschien auf seinen Lippen und ich war froh, Dad so unbeschwert zu sehen. Es war das erste Mal seit Mom weg war, dass er einigermaßen entspannt wirkte.
»Daddy, ich will auch so Schuhe haben wie Poppy!« Mias Rehaugen klebten förmlich an Poppys hochhackigen Schuhen, als wären sie das Erstaunlichste was sie jemals gesehen hatte. Dad verzog grimmig das Gesicht und Lukas prustete los. Poppy dagegen warf Mia nur einen bösen Blick zu, was mir ein Schmunzeln entlockte. Sie konnte nicht besonders gut mit Kindern.
»Oh nein, meine Kleine. Dafür bist du noch zu jung. Du kommst schnell genug in dieses Alter«, brummte Dad. »Viel zu schnell, wenn du mich fragst.«
Die letzten Worte murmelte er mehr zu sich selbst und tätschelte dabei Mias Rücken. Für Eltern war es immer schwierig, wenn die Kinder plötzlich erwachsen wurden.
»Ich will trotzdem so welche haben«, Mia zog eine Schnute und ihr Blick haftete noch immer an Poppys Schuhen.
»Bis morgen, kleine Motte.« Ich näherte mich Mia und drückte ihr einen dicken Schmatzer auf die Stirn, während sie nach Poppys Schuhen zu greifen versuchte. Dann verabschiedete ich mich von Dad und gab ihm ebenfalls einen Kuss auf die Wange.
So einfach ließ Dad uns jedoch nicht gehen. Nicht, ehe er Lukas strikte Anweisungen gegeben hatte, wie er auf Poppy und mich Acht zu geben hatte. Die Augen verrollend stimmte mein Bruder zu und konnte es kaum erwarten das Haus zu verlassen.
Zwanzig Minuten später standen wir in einer Warteschlange vor dem Lieblingsclub meines Bruders. Da Lukas den Besitzer kannte, dauerte es nicht lange und schon wurden wir an der Schlange vorbei nach drinnen geführt, wodurch wir uns einige schiefe Blicke der wartenden Leute einhandelten.
Das erste, das ich wahrnahm, als wir das Innere des Clubs erreichten, war der schwere Geruch von Schweiß, Alkohol und Parfüm, der in der Luft hing. Die Disco hatte die Räumlichkeiten einer alten Lagerhalle. Oben befand sich eine Galerie, die rund um die Wände verlief, sodass man von dort aus einen perfekten Blick auf das unmittelbare Geschehen hatte.
Bunte Discolichter durchfluteten die Halle mit Farbe. Heftige Bassklänge drangen in meine Ohren und erfüllten den Raum mit Leben. Überall sah man die verschiedensten Menschen herumlaufen.
Auf der Tanzfläche bewegten sich Einige miteinander zum Takt der Musik, streckten die Hände in die Luft und grölten den Gesang bekannter Songs mit. Ein Pärchen stach mir besonders ins Auge. Es schien nichts anderes mehr wahrzunehmen, außer sich selbst und den Beat der Musik. Sie tanzten nicht wie die anderen, sondern viel aufreizender, fast schon anstößig.
Peinlich berührt sah ich weg und konzentrierte mich auf den Weg vor mir. Zuerst erwies es sich als schwierig in diesem Gewirr aus Lichter und Blitze etwas zu erkennen. Doch schnell hatten sich meine Augen an die Umgebung gewöhnt und ich erkannte die Bar und einige Sitznischen am Rande der Tanzfläche.
Mit einem Mal fühlte ich mich an die Zeit vor zwölf Wochen zurückerinnert. Wie oft hatte ich mich mit Poppy, Timmy und Danny in irgendwelche billigen Clubs und Bars geschmuggelt, um die Nacht durchzufeiern… Diese Clubnächte hatten mir einmal Spaß bereitet, waren ein Teil von mir gewesen. Unter der Woche in der Schule hatten Poppy und ich das Wochenende kaum erwarten können und nun fühlte ich mich furchtbar unwohl hier.
Lukas schien wohl jemanden zu erkennen, denn er erhob die Hand zum Gruß und schnappte sich Poppy und mich, um uns in eine der Nischen zu bugsieren. Wir kämpften uns durch die sich zum Rhythmus wogende Masse hindurch, als ich auch schon zwei von Lukas Freunde erkennen konnte.
David und Michael standen auf, um uns zu begrüßen. Lukas klopfte den beiden zur Begrüßung freundschaftlich auf den Rücken, bevor er Poppy mit seinen Freunden bekannt machte. David warf sein charmantestes Lächeln auf und fuhr sich durch seinen dunklen Lockenschopf, bevor er ihr die Hand gab. Er handelte sich dadurch einen warnenden Blick seitens Lukas ein, was selbst Poppy nicht entging. Schnell warf sie mir ein breites Grinsen zu und ihre Augen leuchteten glücklich, als sie vom Licht der Discokugel angestrahlt wurden.
Michael dagegen gab sich freundlich und distanziert, was typisch für ihn war. Er war schon immer der Zurückhaltendste von allen gewesen. Er kannte meinen Bruder bereits seit Kindestagen. Bei ihm schien sich Lukas auch nicht die Mühe zu machen, sein Territorium zu markieren, was nicht weiter verwunderlich war. Denn Michael steckte in einer langjährigen Beziehung und war seit kurzem sogar verlobt. Gerade letzte Woche hatten wir die Hochzeitseinladungen erhalten.
Auch ich begrüßte die zwei besten Freunde meines Bruders. Nachdem wir es uns gemütlich gemacht hatten, winkte Lukas eine Kellnerin herbei, die natürlich augenblicklich errötete und mit hochrotem Kopf an unseren Tisch geeilt kam. Ich konnte es der armen Frau kaum verübeln. Bei so viel Testosteron auf einem Fleck würde ich sehr wahrscheinlich auch nervös werden. Jedoch kannte ich die Rabauken schon etwas länger.
Sie nahm unsere Bestellung auf und hastete mit noch immer leicht geröteten Wangen davon, um unsere Getränke zuzubereiten.
»Kommt dein Collegefreund von letzter Woche nicht?«, Lukas warf Michael einen fragenden Blick zu.
»Er kommt noch, allerdings verspätet er sich ein wenig«, erwiderte Michael und warf einen flüchtigen Blick auf sein Handy. Lukas nickte und ließ seine Augen durch die Menge wandern. David begann ein Gespräch über sein neues Auto, als die Jungs auch schon in eine lange, hitzige Diskussion darüber verfielen, ob nun amerikanische oder deutsche Autos die bessere Wahl waren. Ich stöhnte und fragte mich ein weiteres Mal, was ich hier eigentlich tat. Poppy, der natürlich nichts entging, spürte mein Unbehagen und legte mir eine Hand auf den Arm.
»Ich weiß, dass du viel lieber zuhause wärst und dich hier alles andere als wohl fühlst. Aber versuche einfach mal für heute Abend alles zu vergessen und ein bisschen Spaß zu haben. Ich kann mir vorstellen wie schwierig das ist, aber versprich mir, es zumindest zu versuchen, ja?«
Sofort sah ich zu ihr rüber und blickte in ihre warmen, mitfühlenden Augen. Poppy hatte recht. Was brachte es mir, hier herum zu sitzen und ein Gesicht zu ziehen? Ich verdarb den anderen nur den Abend und es änderte auch nichts an der Tatsache, dass ich lieber zuhause wäre, als hier. Ich sollte das Beste aus dem Abend machen oder zumindest versuchen, mich ein bisschen zusammenzureißen. Also nickte ich schweigend und Poppy schenkte mir erneut ein strahlendes Lächeln. Wenig später erschien die Kellnerin mit einem Tablett, welches randvoll gefüllt war mit Cocktails, Bieren und Schnäpsen.
Um Himmels Willen, was hatte mein Bruder nur alles bestellt? Er nahm die Wette mit Poppy wohl wirklich ernst.
Die Frau stellte die Getränke eilig ab und machte sich dann sofort wieder aus dem Staub. Noch bevor ich zur Widerrede ansetzen konnte, hatte mir Poppy einen Cocktail in die eine und einen Schnaps in die andere Hand gedrückt. Sie prostete mir zu. Die Jungs dagegen entschieden sich für ein Bier. Sie waren noch immer tief in ihre Männergespräche versunken, als Poppy mir bereits den nächsten Shot vor die Nase hielt.
»Penelope Whitehill, willst du mich etwa betrunken machen?«, brüsk nahm ich das Getränk entgegen und überlegte, wie ich es unauffällig verschwinden lassen konnte, ohne dass sie es bemerkte. Vielleicht die Pflanze hinter mir?
Empört erwiderte Poppy meinen Blick
»Niemals«, sie legte sich eine Hand aufs Herz. »Du weißt ich habe nur edle Absichten.«
Ich verdrehte die Augen und Poppy begann herzhaft zu lachen.
»Okay ich gestehe, ich versuche dich nur gefügig zum Tanzen zu machen.«
»Was? Nein, völlig ausgeschlossen!«
Mit strengem Blick entgegnete ich ihrem Schmollmund. Natürlich setzte sie wieder ihren weltberühmten Hundeblick auf, dem niemand etwas abschlagen konnte.
»Komm schon oder erinnerst du dich etwa nicht mehr an das, was du mir gerade versprochen hast?«
Nun spielte sie mit unfairen Mitteln. Poppy wusste nämlich genau, mit welchen Worten sie mich umstimmen konnte. Ich hob die Brauen und unterdrückte den Drang, schreiend nach Hause zu rennen. Stattdessen griff ich nach dem Glas vor mir und kippte es in einem Zug herunter. Vielleicht würde der Alkohol die ganze Situation ja etwas erträglicher machen.
»Na schön. Dann mal los«, ich erhob mich und Poppy klatschte aufgeregt in ihre Hände. Erst als wir bereits drauf und dran waren, uns auf die Tanzfläche zu begeben, schienen die Jungs sich unserer Existenz wieder bewusst zu werden.
Lukas schien von unserem Vorhaben, tanzen zu gehen, nicht sehr angetan zu sein. Mit strengem Blick befahl er uns in der Nähe zu bleiben. Zur Antwort nickten wir und begaben uns dann auf die überfüllte Tanzfläche. Wir mussten uns regelrecht durch die Menschenmenge drängen, bis wir einen geeigneten Platz fanden.
Poppy bewegte sich sofort völlig unbeschwert zu den tiefen Klängen und ließ rhythmisch ihre Hüften im Takt der Musik kreisen. Sie verschmolz vollkommen mit den anderen Leuten und schien zu einem Teil der Masse zu werden.
Ich tat es ihr gleich, doch so losgelöst und frei wie ich mich früher bewegt hatte, war es nicht mehr. Meine Bewegungen waren steif und ungelenk, ich konnte nicht loslassen, mich nicht in die Musik fallen lassen.
Unwillkürlich fragte ich mich, was mich überhaupt dazu bewogen hatte, Poppy auf die Tanzfläche zu folgen. Ich fühlte mich mit einem Mal völlig fehl am Platz und wollte nichts mehr, als von der Tanzfläche zu verschwinden. Ich quälte mich Poppy zuliebe noch einige Minuten ab, ehe ich die erlösenden Worte hervorbrachte.
»Ich gehe mal kurz zur Toilette, mich frisch machen. Wartest du an unserem Platz?«, ich musste förmlich schreien, um die Musik zu übertönen, die viel zu laut in meinen Ohren dröhnte.
Poppy nickte und ich begab mich auf den Weg zur Damentoilette, welche sich direkt neben dem Eingang befand. Während ich mir aus der tobenden Menge einen Weg heraus bahnte, erkannte ich das Toilettenschild und atmete erleichtert auf.
Zielstrebig hielt ich darauf zu, als ich im Augenwinkel jemanden sah, der mir irgendwie bekannt vorkam. Meine Augen richteten sich auf die Person, die ein paar Meter von mir entfernt stand und auf ein Handy eintippte.
Postwendend machte mein Herz einen Sprung und ich blieb abrupt stehen.
Kapitel 4
»Mr Black?«
Kaum hatte ich seinen Namen ausgesprochen, hob Mr Black auch schon seinen Kopf und seine stahlblauen Augen trafen auf meine. Überrascht ließ er sein Handy sinken und starrte mich einige Sekunden lang an. Noch ehe ich es verhindern konnte, war ich verloren in dem Eisblau seines Blickes.
»Drea? Was machen Sie denn hier?«, seine goldblonden Haare standen ihm wie immer zerzaust vom Kopf und umrahmten seine perfekten Gesichtszüge. Plötzlich hatte ich das Bedürfnis die kantigen Linien seines Gesichtes zu berühren. Erschrocken bemerkte ich den Gang meiner Gedanken und ich zwang mich, den Blick von seinem Gesicht zu nehmen. Was ich mir stattdessen betrachtete, machte es jedoch auch nicht besser.
Mr Black trug eine dunkle Jeans mit hohen Schnürboots und ein weißes Longsleeve, das sich über seinen athletischen Oberkörper spannte. Er sah viel zu jung und viel zu gut aus, um Lehrer zu sein.
Unweigerlich trugen mich meine Füße immer näher, bis ich schließlich vor ihm zum Stehen kam. Ich spürte, wie seine Augen kurz über mich hinweg glitten. Etwas flackerte in seinem Blick auf, doch genauso schnell wanderten seine Augen wieder zurück zu meinem Gesicht, sodass ich mich instinktiv fragte, ob ich es mir nur eingebildet hatte.
»Das Gleiche könnte ich Sie fragen«, erwiderte ich und war schockiert über den Klang meiner eigenen Stimme. Es hörte sich beinahe so an, als wollte ich mit ihm flirten, das hatte ich nicht beabsichtigt. Mein Körper verspannte sich unweigerlich und insgeheim betete ich dafür, dass er diesen merkwürdigen, rauen Unterton in meiner Stimme nicht bemerkt hatte.
Verwirrt zog er die Brauen zusammen und sah mich an, als versuchte er meine Worte richtig zu deuten. Das schiefe Lächeln auf seinen Lippen schwand dabei nicht.
»Naja der Club ist erst ab einundzwanzig, also ist meine Frage wohl eher berechtigt.« Noch immer grinste er mich an und verschränkte nun die Arme vor der Brust, wodurch ich nur noch mehr durch das Spiel seiner Muskeln abgelenkt wurde. Mit aller Kraft zwang ich mich wegzusehen und fixierte einen Punkt neben seinem Gesicht.
»Ich habe Kontakte hier«, entgegnete ich und suchte schnell nach einem unverfänglicheren Thema. Die Situation war mehr als komisch.
»Wie sind Sie eigentlich so schnell hier herein gekommen?«, fragte ich nun und deutete mit einem Nicken auf die Schlange am Eingang. Er folgte meinem Nicken und warf einen kurzen Blick zurück über seine Schulter. Dann wandte er sich mir erneut zu und wieder verzogen sich seine Mundwinkel zu einem Lächeln, sodass kleine Grübchen in seinen Wangen hervortraten.
»Tja, scheint so als hätten nicht nur Sie Kontakte.«
Gerade als ich zur Antwort ansetzen wollte, vernahm ich hinter mir Davids Stimme. Ich drehte mich herum und sah ihn lächelnd auf mich zukommen.
Nein, nicht auf mich.
Er lief einfach an mir vorbei zu Mr Black und begrüßte ihn mit einem freundschaftlichen Schulterklopfen.
»Logan, hey Mann. Cool, dass du es noch geschafft hast.«
Mr Black erwiderte die Geste und grüßte David seinerseits zurück. Unterdessen stand ich vor den beiden und war wie zur Salzsäule erstarrt. Was zum Teufel ging hier vor? Woher kannten die beiden sich? Schließlich richtete sich Davids Blick auf mich, dann wieder zu Mr Black und wieder auf mich.
»Drea, ich wusste gar nicht, dass du Logan bereits kennst?«, David schien überrascht zu sein, denn sein Blick glitt abwechselnd zwischen Mr Black und mir hin und her. Verwirrt sah ich zu meinem Lehrer, der mindestens genauso perplex wirkte, wie ich.
Und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Mr Black musste wohl der Freund von Michael sein, der noch nachkommen wollte.
Das durfte doch nicht wahr sein! Wir waren mit denselben Leuten unterwegs? Als ich Davids fragenden Blick auf mir spürte, erinnerte ich mich an seine Worte zurück, ob Logan und ich uns bereits kannten.
»Ähm, j-ja?«, stotterte ich, unwissend darüber, was ich erwidern sollte. Meine Aussage klang mehr wie eine Frage, als eine Antwort. Mr Blacks verständnisloser Blick lag auf David und mir. Offenbar schien er ebenfalls noch nicht verstanden zu haben, was hier gerade vor sich ging.
Gott sei Dank schien David die eigenartige Stimmung zwischen Mr Black und mir nicht aufzufallen, denn er wandte sich nun mit einem breiten Grinsen zu mir.
»Drea, du solltest mal nach deinem Bruder sehen. Poppy trinkt Lukas gerade gnadenlos unter den Tisch.«
Als ich wieder zu Mr Black spähte, beobachtete ich, dass er allmählich zu begreifen begann. Immerhin hatte David Lukas gerade als meinen Bruder enttarnt. Spätestens jetzt musste Mr Black klar geworden sein, dass wir ganz offensichtlich mit demselben Freundeskreis unterwegs waren. Er sah mir direkt in die Augen und öffnete den Mund, als wollte er etwas sagen, doch entschied sich im letzten Moment dagegen. Ich konnte die Spannung, die in der Luft lag förmlich riechen, beinahe schon danach greifen. Es war mehr als offensichtlich, dass es Mr Black mindestens genauso unangenehm zu sein schien.
»Ja ähm... Ich gehe mal nach ihnen schauen«, erwiderte ich, als der Schock sich langsam legte. Dennoch klopfte mein Herz so wild, dass ich fürchtete es könnte jeden Moment meinen Brustkorb sprengen.
Mit einem letzten Blick auf Mr Black, der noch immer nicht so ganz wusste, was er sagen sollte, ging ich zurück zu unserem Platz. Schon von weitem konnte ich Lukas und Poppy erkennen. Sie saßen nebeneinander und prosteten sich mit einem weiteren Schnaps zu. Vor ihnen türmten sich bereits die geleerten Gläser und ich konnte eine halbleere Flasche Hennessy auf dem Tisch stehen sehen.
Als ich zum Stehen kam, kicherte Poppy gerade über etwas, das Lukas ihr erzählte. Ich räusperte mich laut und die beiden fuhren wie von der Tarantel gestochen auseinander. Lukas’ Blick war vernebelt und das Weiß seiner Augen blutunterlaufen. Das versprach ja heiter zu werden.
»Ich möchte euer kleines Intermezzo ja nur ungern stören, aber ich muss kurz mit Poppy reden.«
Mein Blick schweifte abwertend über die leeren Getränke auf dem Tisch. Lukas konnte von Glück reden, wenn er diese Nacht ohne Alkoholvergiftung überstand.
»Was gibt's?«, fragte Poppy und ich konnte auch bei ihr die Wirkung des Alkohols an ihren geröteten Wangen erkennen. Ich seufzte und ließ mich neben ihr auf die Couch sinken.
»Ich habe da ein kleines Problem...«, doch noch bevor ich weiter reden konnte, wurden Poppys Augen groß und sie starrte über mich hinweg. »Meinst du ein großes, muskulöses und wahnsinnig gutaussehendes Problem?«
Ich folgte ihrem Blick und natürlich mussten genau in diesem Moment David und Mr Black auftauchen. Michael und Lukas standen auf und begrüßten ihn sofort. Ich konnte über diese Ironie des Schicksals nur den Kopf schütteln. Ausgerechnet Mr Black, mein Lehrer, musste mit der Clique meines Bruders befreundet sein.
»Also, Logan«, begann David und wandte sich an mich und Poppy. »Drea kennst du ja bereits und das neben ihr ist Penelope, ihre Freundin«, Mr Black wirkte für einen kurzen Moment etwas verunsichert, als wollte er etwas sagen. Doch bevor irgendein Wort seine Lippen verlassen konnte, war Poppy aufgesprungen, streckte ihm ihre Hand entgegen und nahm ihm somit jeglichen Wind aus den Segeln.
»Hi Logan, nenn mich doch einfach Poppy«, sie schenkte ihm ein strahlendes Lächeln und ließ sich dann wieder neben Lukas fallen. Logan war offenbar genauso verdutzt über Poppys Verhalten. Doch was mich noch mehr verwirrte, war die Tatsache, dass er es nicht aufklärte. Gerade eben hätte er eine besonders gute Gelegenheit gehabt, den anderen mitzuteilen, dass er Poppys und mein Lehrer war. Oder war er einfach nur derart perplex über diese groteske Situation, dass er nicht wusste, wie er sich verhalten sollte?
Naja, ich selbst besaß ja auch einen Mund zum Reden und hätte genug Zeit gehabt, um die anderen über meine Bekanntschaft zu Mr Black zu informieren.
Bereits als David mich gefragt hatte, ob ich Logan schon kannte, hätte ich ihm erzählen müssen, dass es sich bei ihm um meinen Lehrer handelte. Jetzt saß ich hier neben Poppy und musste ihn wie einen Bekannten behandeln und nicht wie die autoritäre Person, die mich unterrichtete. Ich achtete sogar penibel darauf, ihn nicht Mr Black zu nennen, sondern Logan.
Wobei sich dieses Problem eher erübrigte, da wir es mieden miteinander zu reden. Ab und zu warf ich ihm verstohlene Blicke zu, sah jedoch sofort wieder weg, sobald er auch nur in meine Richtung schaute. Dieses Durcheinander hatte ich mir nun selbst eingebrockt. Und als wäre das nicht schon genug, kam noch mein Herz dazu, das die ganze Zeit über wie verrückt pochte.
Poppy und Lukas, die beide schon ziemlich gut dabei waren was den Alkohol betraf, beschlossen ihre kleine Wette an die Bar zu verlagern. So ließen sie mich zu meinem Missfallen mit den anderen alleine. Erneut fiel das Gespräch auf die typischen Männerthemen und ich begann mich nur noch unbehaglicher zu fühlen.
Zu gern wäre ich Poppy und Lukas zur Bar gefolgt, doch ich wollte nicht diejenige sein, die die beiden unterbrach, falls sich irgendetwas zwischen ihnen anbahnen sollte.
Gefühlte zwei Stunden später erhoben Michael und David sich und teilten uns mit, dass sie nun nach Hause fuhren. Sie teilten sich ein Taxi, da sie im selben Viertel wohnten. Sofort horchte ich auf und jede Faser meines Körpers spannte sich an. Mein Puls beschleunigte sich so rasant, dass ich befürchtete einen Kreislaufkollaps zu bekommen.
Sie konnten mich doch nicht einfach mit Mr Black zurücklassen? Ich würde alleine sein. Mit ihm. Dieser Gedanke beflügelte und ängstigte mich zur gleichen Zeit. Über was sollte ich denn nur mit ihm reden? Und wo verdammt blieben Poppy und Lukas, wenn man sie wirklich brauchte? Sie waren nun schon so lange verschwunden, dass ich langsam begann mir Sorgen zu machen.
Zwischendurch hatte ich sie kurz auf der Tanzfläche gesichtet, doch das schien mir nun ebenfalls schon eine halbe Ewigkeit her zu sein. Nervös wippte ich mit dem Fuß auf dem Boden und bemühte mich um eine möglichst gelassene Miene.
David und Michael beauftragten uns mit einem amüsierten Unterton in der Stimme, Poppy und Lukas doch liebe Grüße auszurichten, da sie die beiden seit ihrem Trip zur Bar nicht mehr zu Gesicht bekommen hatten. Als David und Michael aufbrachen, starrte ich ihnen hinterher, bis ich sie nicht mehr sehen konnte, um nicht zu Mr Black schauen zu müssen. Als es sich jedoch nicht mehr vermeiden ließ, richtete sich mein Blick wie automatisch auf ihn. Auch er sah zu mir rüber. Ich war so nervös, dass meine Hände begannen zu schwitzen und ich sie an den Jeans abwischen musste. Ich sollte irgendetwas sagen, mich entschuldigen für diesen merkwürdigen Abend. Ja, das war eine gute Idee.
Sein Blick ruhte nach wie vor auf mir und mein Herz begann zu rasen.
»Ähm... Es tut mir wirklich leid mit heute Abend. Diese Situation war irgendwie...«, ich schüttelte mit dem Kopf und versuchte das richtige Wort zu finden.
»Merkwürdig?«, beendete er meinen Satz. Ich nickte und sah wieder auf meine Hände. Seine Stimme klang rau und jagte mir eine Gänsehaut über den Körper.
»Ich hätte Sie ja gerne als meinen Lehrer vorgestellt, aber irgendwie wäre das... ich weiß nicht...«, ich schüttelte verwirrt den Kopf.
»Seltsam gewesen?«, wieder vollendete er meinen Satz und ich blickte ihm in die Augen.
»Ja. Mr Black, es tut mir...«, mehr brachte ich nicht über meine Lippen, da er mich unterbrach.
»Logan«, entgegnete er und seine Augen nahmen einen glühenden Ausdruck an.
»Was?« Verwirrt erwiderte ich seinen eisblauen Blick.
»Logan. Mein Name ist Logan. Ich finde es merkwürdig, wenn Sie mich hier inmitten eines Clubs mit Mr Black ansprechen, Drea«, er lächelte schief. Ein unglaublich schönes, entwaffnendes Lächeln. Sofort kribbelte es in meinem Magen und mein Kopf fühlte sich wie leergefegt an. Ich vergaß alle Worte, die mir auf der Zunge lagen und konnte nicht aufhören ihn anzustarren. Einige Sekunden lang sahen wir uns einfach nur an, bis ich endlich die Sprache wiederfand.
»Oh ähm... Ja natürlich. Logan«, ich räusperte mich kurz und wollte gerade weiter sprechen, als ich den Vibrationston meines Handys wahrnahm. Ich entschuldigte mich kurz und nahm das Handy aus meiner Tasche heraus. Auf dem Display erschien Poppys Bild.
»Hallo? Poppy?«, begrüßte ich sie am anderen Ende Leitung.
»Drea? Oh Mann, ich habe schon die ganze Zeit versucht dich zu erreichen. Bist du noch im Club? Ich höre dich kaum.«
»Ja tut mir leid, die Musik im Hintergrund«, erklärte ich und hielt mir das andere Ohr zu, um sie besser verstehen zu können. »Was gibt's? Wo seid ihr eigentlich? Ist alles in Ordnung?«
»Ja... na ja. Wir sind bei euch Zuhause.«
»Bei uns Zuhause?«, wiederholte ich verwundert. Wie zum Teufel waren sie dorthin gekommen und vor allem: warum war ich dann noch hier? Alleine. Mit Logan alias Mr Black. Ich warf ihm einen Blick zu und spürte die Nervosität erneut aufkeimen. Logan schien das Gespräch mit zusammengekniffenen Brauen mit zu verfolgen.
»Ja ich weiß. Es tut mir wahnsinnig Leid, aber wir wurden irgendwie aus dem Club geschmissen.«
»Bitte was? Wie meinst du das, ihr wurdet irgendwie aus dem Club geschmissen? Um Himmels Willen Poppy! Ich dachte Lukas sei mit dem Besitzer befreundet? Was habt ihr wieder angestellt?«, man konnte Poppy und Lukas wirklich nicht alleine lassen, ständig heckten sie irgendetwas aus. Entweder waren es ihre bescheuerten Wetten oder irgendetwas anderes.
»Wir haben es mit dem Alkohol wohl etwas übertrieben. Zumindest Lukas. Ich habe ihn unter den Tisch getrunken«, Poppy kicherte leise und ich war mir sicher, dass nicht nur Lukas einen in der Krone sitzen hatte.
»Ich habe versucht dich zu erreichen, aber du bist nicht rangegangen und wir durften den Club nicht mehr betreten. Dann sind wir mit dem Taxi zu euch gefahren. Lukas hat erst einmal die Kloschüssel umarmt, aber jetzt schlummert er wie ein Baby«, erneut begann Poppy zu kichern wie ein kleines Mädchen.
»Ihr seid unmöglich, weißt du das?«, ich schüttelte den Kopf und überlegte mir in Gedanken bereits eine Strafpredigt, die sie zu hören bekam, sobald ich Zuhause war.
»Ja ich weiß. Tut mir wirklich leid«, sie seufzte. »Hör zu, hast du noch genügend Geld für ein Taxi oder kann dich jemand von den Jungs fahren?«
Erneut sah ich rüber zu Logan. Mir war nicht aufgefallen, dass er irgendein alkoholisches Getränk zu sich genommen hatte, also war er wohl mit dem Auto hier. Allerdings würde ich ihm die Taxifahrt wohl vorziehen müssen. Allein der Gedanke noch länger Zeit mit ihm verbringen zu müssen, war alles andere als beruhigend. Die Situation war ohnehin schon merkwürdig genug.
»Ja. Ja ich komme schon irgendwie nach Hause.«
»Okay gut. Dann bis gleich, beziehungsweise bis morgen, wenn ich bis dahin nicht schon eingeschlafen bin. Dein Bett ist einfach zu gemütlich«, wieder kicherte sie und im Hintergrund hörte ich das Quietschen meiner Matratze. Allem Anschein nach schien der Alkohol dieses Mal auch bei Poppy seine Wirkung nicht zu verfehlen. Sie war zwar von Natur aus schon ein fröhlicher Mensch, doch so oft wie in diesem Gespräch hatte ich sie noch niemals kichern hören.
»Oder soll ich lieber wach bleiben, bis du hier bist?«, wollte sie schließlich wissen.
»Nein Poppy, das musst du nicht, du kannst dich ruhig schlafen legen. Ich mache mich jetzt auf den Weg. Bis später«, seufzend legte ich auf.
»Alles in Ordnung?«, fragte Logan, der das Telefonat still mit verfolgt hatte und warf mir einen neugierigen Blick zu. Ich schüttelte lediglich den Kopf.
»Lukas und Poppy sind rausgeworfen worden, weil sie so betrunken waren. Sie sind schon bei uns Zuhause. Ich soll jetzt mit dem Taxi nachkommen«, erklärte ich in Kurzfassung und erhob mich.
»Ich fahre dich«, sagte er plötzlich und stand mit zwei schnellen Schritten vor mir. Überrascht von der Bestimmtheit in seiner Stimme sah ich zu ihm hoch. Doch was mich noch mehr erstaunte, war die Tatsache, dass in diesem Moment nicht mein Lehrer vor mir stand. Nein, vor mir stand ein junger Mann, der die Schwester eines Freundes nach Hause fahren wollte. Sofort begann mein Herz schneller zu schlagen und ich konnte die Wärme spüren, die sein Körper ausstrahlte.
»Das musst du nicht, ehrlich. Ich habe genügend Geld für ein Taxi dabei«, erwiderte ich und nahm meine Tasche vom Tisch.
»Du solltest um diese Zeit nicht alleine in einem Taxi unterwegs sein, Drea. Ich fahre dich, ich bestehe darauf«, die Dringlichkeit in seiner Stimme war nicht zu überhören. Widerstrebend sah ich ihn an. Innerlich fühlte ich mich hin und her gerissen. Einerseits war diese Situation schon mehr als seltsam. Ein Lehrer und eine Schülerin sollten nicht gemeinsam in einem Club unterwegs sein und schon gar nicht sollte er sie mitten in der Nacht irgendwo in der Gegend herumfahren.
Andererseits aber war es eine sehr nette und fürsorgliche Geste, mich nach Hause fahren zu wollen. Tief in mir war eine Stimme, die sogar wollte, dass er mich nach Hause fuhr. Die wollte, dass ich noch ein bisschen mehr Zeit mit ihm verbringen konnte, wenngleich mich seine Anwesenheit furchtbar nervös machte. Sie trieb mich immer mehr dazu, nachzugeben und ehe ich noch mehr über diese Situation nachdenken konnte, willigte ich ein.
Ich schlüpfte in meine Jacke und begab mich dann gemeinsam mit Logan auf den Weg nach draußen. Während ich ihm zu seinem Auto folgte, öffnete ich meine Tasche, um meine Schlüssel zu suchen. Plötzlich wurde mir klar, dass ich ja gar keinen Schlüssel dabei hatte, da ich mich auf meinen Bruder verlassen hatte.
»Oh Mist!«
Logan hielt inne und drehte sich zu mir herum. Er warf mir einen fragenden Blick zu.
»Ich ... Ich habe gar keinen Schlüssel dabei«, entgegnete ich und durchwühlte meine Tasche, als könnte er auf wundersame Weise auftauchen. Wie kam ich jetzt nur ins Haus? Verdammt! Solche Missgeschicke waren typisch für mich. In Zukunft würde ich immer einen Schlüssel mitnehmen, das war mir eine Lehre.
»Habt ihr keinen Ersatzschlüssel vor der Tür?«, fragte er und kam näher.
»Nein«, doch im nächsten Moment hellte sich mein Gesicht auf, als mir eine Idee in den Sinn kam. »Aber ich könnte Poppy anrufen. Sie übernachtet bei uns zuhause, vielleicht ist sie noch wach.«
Hoffnung keimte in mir auf. Sofort schnappte ich mir mein Handy und wählte Poppys Nummer. Logan beobachtete mich schweigsam.
Doch leider machte das Schicksal es mir nicht so einfach. Denn Poppy ging nicht ran. Klasse, wirklich große klasse. Innerlich verfluchte ich mich selbst, da ich so blöd gewesen war und sie nicht doch gebeten hatte, aufzubleiben bis ich zu Hause war. Ich seufzte resigniert und suchte krampfhaft nach einer Lösung für dieses Schlamassel.
Im Kopf ging ich alle möglichen Optionen durch. Sollte ich riskieren, Dad und Mia aus dem Schlaf zu reißen? Nein, das wäre mehr als rücksichtslos. Es war fast zwei Uhr in der Nacht und wenn Mia erst einmal wach war, kam es einem schier unmöglichen Unterfangen gleich, sie wieder ruhig zu stellen. Ein Fenster einschlagen? Eher unwahrscheinlich. Dad würde mir am nächsten Tag den Kopf abreißen.
Ich konnte es ja noch bei Lukas auf dem Handy probieren! Ja, das war eine gute Idee. Während ich Lukas’ Nummer wählte, folgte ich Logan zu einem sportlichen, schwarzen Mercedes. Mein Handy wählte und wählte. Keine Antwort. Auch mein Bruder nahm nicht ab. Das Universum schien sich wohl gegen mich verschworen zu haben.
»Geht niemand ran?«, Logan blieb vor der Beifahrertür des Mercedes stehen.
»Ähm nein«, betreten blickte ich wieder zu Boden. »Aber ich werde schon einen Weg nach drinnen finden«, ich lachte, wobei es sich in meinen Ohren einen Tick zu hysterisch anhörte. Im schlimmsten Fall würde ich eben doch klingeln müssen. Die Ausweglosigkeit dieser Situation war beinahe schon lächerlich. Ich wagte es meinen Blick zu heben und sah in Logans eisblaue Augen. Zwar sah er zu mir, doch es machte den Eindruck, als starrte er mehr durch mich hindurch. Er wirkte nachdenklich, als würde er innerlich etwas in Erwägung ziehen. Schweigend standen wir uns gegenüber und suchten beide nach einer Lösung. Sekunden verstrichen, in denen niemand etwas sagte. Schließlich hob er den Blick wieder und seufzte.
»Du kannst mit zu mir«
Seine Worte erreichten mein Herz, noch vor meinem Verstand. In meinem Kopf herrschte für ein paar Sekunden absolute Leere. Die einzige Reaktion war das Pochen meines Herzens und mein rasender Puls, während ich ihn fassungslos anstarrte.
Allmählich erreichte seine Aussage meinen Verstand, doch es fühlte sich an, als könnte mein Gehirn diese Information nicht richtig verarbeiten. Das Gefühl meine Stimme verloren zu haben überkam mich. Mir fiel nicht ein einziges Wort meiner Muttersprache mehr ein.
Mit zu ihm? Zu Logan? Zu Mr Black? Nein, das ging absolut nicht. Es würde mein Kontingent an bizarren Situationen an diesem Abend regelrecht sprengen.
»Ich... Nein, nein das geht nicht. Ich komme schon irgendwie rein«, vehement schüttelte ich den Kopf und umklammerte das Handy in meinen Händen etwas fester.
»Wie denn?«, Logan hob die Brauen und sah mich skeptisch an. Ich konnte doch nicht einfach bei meinem Lehrer übernachten! Völlig ausgeschlossen. Das übertrat eindeutig eine Grenze, die durch diesen Abend ohnehin schon gefährlich ins Wanken geraten war. Logan schien meine Gefühle deuten zu können. Er räusperte sich stark, bevor er zu sprechen begann.
»Ich weiß, dass dies moralisch nicht ganz korrekt wäre, aber ich kann dich auch nicht einfach mitten in der Nacht bei dir zuhause absetzen, ohne dass du irgendwie rein kommst«, er lachte ironisch. »Aber wenn du so sehr darauf bestehst, dass ich dich nach Hause fahre, dann wäre die andere Möglichkeit, dass ich mit dir vor dem Haus warte, bis dich jemand rein lässt«, mit klaren Augen sah er auf mich herab und ich konnte nichts dagegen tun, dass mein Puls sich mit einem Mal wieder beschleunigte.
Ich war außerstande meinen Blick abzuwenden, so sehr hatte seine Aussage mich berührt. Er war bereit etwas für mich zu tun, das eigentlich untersagt war, wenn man einmal in Betracht zog, in welchem Verhältnis wir zueinander standen. Und all das tat er nur, um sicherzugehen, dass mir nichts passierte, dass es mir gut ging. Mir wurde warm ums Herz. Doch gleichzeitig fühlte ich mich auch etwas in die Enge getrieben. Wie ein wildes Tier, das man einzufangen versuchte. Natürlich wollte ich lieber nach Hause, als bei meinem Lehrer zu übernachten. Aber meine Möglichkeiten waren begrenzt.
Es war mitten in der Nacht. Niemand ging mehr ans Telefon. Einen Schlüssel hatte ich auch nicht bei mir. Und die ganze Nacht vor unserem Haus zu verbringen, wollte ich ihm nicht zumuten. Also nahm ich all meinen Mut zusammen, um die nächsten Worte auszusprechen.
»Na schön. Ich komme mit«, erwiderte ich. Die Worte klangen seltsam aus meinem Mund. Logan nickte und im nächsten Moment hielt er mir auch schon die Beifahrertür zu seinem Auto auf. Dankend stieg ich ein und setzte mich auf den weichen Ledersitz. Tief sog ich den Duft des Autos ein. Es roch nach einer Mischung aus Leder, Vanille und Neuwagen.
Generell war das Innere des Autos so sauber, dass man sogar von der Fußmatte hätte essen können. Entweder behandelte Logan sein Auto ausgesprochen gut oder er besaß es noch nicht sehr lange.
Er stieg auf der Fahrerseite ein. Das erste was mir auffiel, war, dass wir uns alleine auf unheimlich engem Raum befanden. Es fühlte sich irgendwie eigenartig an, neben ihm in diesem Auto zu sitzen, ihm so nahe zu sein. Meinem Lehrer. Als wären wir schon lange vertraut miteinander, dabei kannte ich ihn gerade mal eine Woche. Doch was mich noch mehr irritierte, war dieses Gefühl, das ich in seiner Nähe verspürte. Ihn so nah neben mir sitzen zu haben, machte mich irgendwie nervös. Ein seltsames Kribbeln entstand in meinem Bauch. Ein Kribbeln, dass meinen gesamtem Körper vereinnahmte.
Logan fädelte sich in den Verkehr ein und gebannt verfolgte ich mit den Augen, wie locker und selbstbewusst er den Wagen beherrschte, wie er in die verschiedenen Gänge schaltete. Irgendwie wirkte er beim Fahren ziemlich … anziehend.
Oh Gott, wohin wanderten meine Gedanken? Das ist nur der Alkohol.
Schnell schob ich sie beiseite und richtete meinen Blick aus dem Fenster. Die Häuser und Lichter Seattles zogen an mir vorbei und spiegelten sich in dem Glas. Ich erkannte die Gegend. Hier in der Nähe wohnte auch Danny mit seiner Familie. Urplötzlich wanderten meine Gedanken zu ihm. Ob er mich jemals wirklich geliebt hatte? Ich kniff die Augen zusammen und wartete auf die innerlichen Schmerzen, die Stiche, die ich jedes Mal in meinem Herzen fühlte, wenn ich an ihn dachte.
Doch sie kamen nicht. Verwirrt öffnete ich die Augen. Noch einmal rief ich die Erinnerungen an den schrecklichen Tag, an dem Danny sich von mir getrennt hatte, hervor, dachte an die Zeit, die ich mit ihm erlebt hatte und die er einfach so aufgegeben hatte. Ich fühlte mich von ihm verlassen und vermisste seine Nähe, zumal wir so lange zusammen gewesen waren und so viele Dinge miteinander erlebt hatten. Danny war nicht nur mein Partner, sondern er war auch mein bester Freund gewesen. Und er hatte mich im Stich gelassen. Doch als ich in diesem Moment an ihn dachte, fühlte ich nicht mehr diesen stechenden Schmerz, diesen Kummer, der mir den Schlaf raubte und meinen Körper lähmte. Nein, ich empfand lediglich Enttäuschung darüber, einen besonderen Menschen verloren zu haben. Einen Menschen, der mehr über mich wusste, als alle andere. Sogar mehr als Poppy.
Natürlich schwanden Gefühle nicht so einfach. Ich mochte Danny nach wie vor sehr, aber wenn ich jetzt darüber nachdachte, es noch einmal mit ihm zu versuchen, wäre meine Antwort ein eindeutiges Nein. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, woher diese Erkenntnis mit einem Mal rührte, aber ich wusste, dass sie da war.
Mein Blick huschte rüber zu Logan. War er etwa der Grund dafür? Mein Lehrer. Logan Black. Ich hatte in seiner Gegenwart ständiges Herzklopfen, meine Gedanken spielten verrückt und Nervosität lähmte jedes Mal, sobald ich auch nur in seine Augen sah, meinen Körper. Mittlerweile war auch mir klar geworden, dass diese Reaktion auf ihn nicht nur meiner momentanen Verwirrung zuschulden kam. Nein, ich hatte eine Schwärmerei für Logan Black entwickelt.
Und auch wenn ich mich manchmal unbehaglich fühlte, da es Situationen zwischen uns gab, die irgendwie so ganz und gar nicht einem typischen Lehrer-Schüler Verhältnis entsprach, fühlte ich mich wohl in seiner Nähe.
Ich seufzte innerlich. Meine Gedanken rasten schon wieder in alle möglichen Richtungen. Ich sollte nicht über so etwas nachdenken. Logan war mein Lehrer und Punkt. Bevor ich mich noch mehr in meine Überlegungen verspinnen konnte, hielt der Wagen plötzlich an. Logan stieg aus und wenige Augenblicke später öffnete er mir die Beifahrertür. Er hielt mir seine Hand hin, die ich zögernd ergriff. Sobald ich ihn berührte, breitete sich wieder dieses seltsame Kribbeln in meinem Körper aus. Ich sah zu Boden und ließ seine Hand nach dem Aussteigen schnell wieder los.
Schweigend folgte ich ihm in ein riesiges, graues Gebäude mit einer beeindruckenden Glasfront. Es wirkte unheimlich luxuriös und erinnerte mich mehr an ein Hotel, als an ein Wohnhaus. Der Portier hielt uns sogar die Tür auf und grüßte Logan, der ihm seine Schlüssel in die Hand drückte, beim Nachnamen.
Aus irgendeinem Grund beschlich mich das Gefühl, dass Logan wohl auch sehr wohlhabend zu sein schien. Wir stiegen in einen Aufzug und Logan gab einen Code ein, mit dem der Fahrstuhl sich in Bewegung setzte.
Eine merkwürdige Stimmung entstand zwischen uns auf diesem engen Raum. Ich stand neben ihm und starrte zu Boden, während ich mich mit aller Macht gegen die Spannung wehrte, die zwischen uns in der Luft vibrierte. Spürte er es auch?
Ich schielte kurz zu ihm rüber. Doch er schien die Ruhe selbst zu sein und lehnte lässig mit verschränkten Armen an der Wand. Ich atmete tief ein und wieder aus. Als das Pling des Aufzugs ertönte, war ich unendlich erleichtert. Die Türen öffneten sich und ich stand direkt im Wohnzimmer eines Penthouses. Meine Augen wurden groß und erstaunt ließ ich meinen Blick umher schweifen. Der Boden, der aus dunkelgrauen Fliesen bestand, mündete in der Mitte des Raums zu einer breiten Stufe, die hinunter in ein einladendes Wohnzimmer führte.
Ein großes, schwarzes Sofa prangte in dem unteren Bereich und wurde zu beiden Seiten von den jeweils passenden Sesseln gesäumt. In der Mitte stand ein heller Couchtisch, auf dem einige Bücher lagen. Das Ganze wurde abgerundet durch einen flauschigen, weißen Teppich. Doch was mich am meisten beeindruckte, war das große Panoramafenster an der gegenüberliegenden Wand, das offensichtlich hinaus auf eine Terrasse führte.
Ich drehte mich einmal um die eigene Achse. Ganz zu meiner Linken entdeckte ich einen offenen Durchgang, hinter dem sich die Küche verbarg. Auf der anderen Seite dagegen gelangte man über eine Treppe nach oben in ein zweites Stockwerk.
Zusammenfassend war Logans Penthouse sehr geschmackvoll und unglaublich modern eingerichtet. Sehr minimalistisch. Es gefiel mir. Allerdings war mir etwas aufgefallen; ich hatte kaum irgendwelche persönliche Dinge von ihm sehen können. Keine Bilder, keine Fotos, nicht einmal eine Zeitschrift oder irgendwelche Papiere, die verstreut herumlagen. Bis auf die Bücher auf dem Wohnzimmertisch wirkte alles geordnet und so … steril.
Logan räusperte sich hinter mir und augenblicklich drehte ich mich zu ihm um. Er hatte mich die ganze Zeit über beobachtet.
»Es ist wirklich sehr schön hier. Danke, dass du das für mich tust«, nervös begann ich meine Hände zu kneten. Logan kratzte sich am Hinterkopf, während er langsam Richtung Treppe lief.
»Du musst dich dafür wirklich nicht bedanken«, er bedeutete mir zu folgen. »Hier oben ist noch ein Gästezimmer. Dort kannst du übernachten. Ich müsste auch noch ein paar Kleider meiner Schwester hier haben«, er warf mir einen Blick über die Schulter zu und seine Augen wanderten über meinen Körper hinweg. »Die könnten dir passen.«
Ich schluckte schwer, als ich seine Blicke auf mir spürte. Ich hatte absolut keine Ahnung wieso, doch es brachte mich völlig durcheinander. Etwas in mir schien Gefallen daran zu finden, wie er mich ansah und ein seltsames Gefühl regte sich in meiner Magengegend. Das war nicht gut. Ganz und gar nicht gut.
Weiterhin stieg ich hinter ihm die Treppe hinauf, bis wir das zweite Stockwerk erreichten. Logan führte mich den Flur entlang und öffnete eine Tür, die sich relativ weit am Ende des Ganges befand. Er verabschiedete sich kurz, um mir ein paar Schlafsachen zu organisieren. Währenddessen trat ich ein und hob den Blick, um das Gästezimmer in Augenschein zu nehmen. Auch hier war die Einrichtung recht schlicht gehalten. Weiße Wände, dunkler Boden und ein gemütliches großes Bett, direkt in der Mitte des Raumes. Fröstelnd schlang ich die Arme um meinen Oberkörper, da es hier ziemlich kühl war.
Einige Minuten später erschien Logan wieder und hielt eine Schlafhose, ein T-Shirt und einen grauen Pullover in den Händen.
»Hier. Ich habe dir außerdem noch einen meiner Pullover dazugelegt, da es hier drinnen immer sehr kalt ist. Wenn meine Schwester nicht hier ist, ist das Zimmer unbewohnt.«
Ich starrte noch kurz auf die Kleider, bevor ich sie dankend entgegen nahm. Dann sah ich in seine Augen. Sie zogen mich wie magisch an, belegten mich mit einem Bann, sodass ich mich regelrecht in ihnen verlor, als gäbe es weder Raum noch Zeit.
Wir starrten uns an und ein seltsamer Ausdruck flackerte in seinen Augen auf. Bevor ich diesen jedoch deuten konnte, war er genauso schnell wieder verschwunden. Es war nahezu unmöglich zu erraten, was in Logans Kopf vorging. Stets wirkte er so beherrscht und kontrolliert.
»Gute Nacht, Drea«, sprach er mit klarer Stimme. Er bewegte sich einige Schritte rückwärts aus dem Zimmer heraus, ohne seinen glühenden Blick von mir zu nehmen. Und bei jedem Schritt, mit dem er den Raum verließ, spürte ich, wie die einzige Wärme, die den Raum zuvor noch erfüllt hatte, ein Stückchen mehr schwand. Ich wollte nicht, dass er ging, wollte mich nicht aus diesen wunderschönen eisblauen Augen lösen müssen. Augen, die mich zutiefst verwirrten. Was hatte Logan Black nur an sich, das mich von der ersten Sekunde an so sehr aus der Fassung gebracht hatte?
»Dir auch, Logan«, flüsterte ich leise, doch die Tür war bereits ins Schloss gefallen.
Kapitel 5
Mit einem leichten Pochen im Kopf schlug ich die Augen auf und blinzelte gegen die Sonne an, die das Zimmer mit Licht durchflutete. Im ersten Moment erstarrte ich, da ich in einem mir fremden Zimmer aufwachte. Doch einige Sekunden darauf prasselten die Erinnerungen der vergangenen Nacht auf mich ein und ich entspannte mich. Nur um gleich darauf wieder stocksteif aufzufahren. Ich hatte bei Mr Black - oder besser gesagt Logan - übernachtet.
Hatte ich völlig den Verstand verloren? Warum zum Teufel hatte ich zugestimmt mit zu ihm zu kommen? Ich sah zur Tür und allein schon der Gedanke, hinaus zu gehen und ihm gegenüberzutreten, versetzte mich in blanke Panik. Ein schneller Blick auf den Wecker verriet mir, dass es bereits kurz nach zwölf Uhr am Mittag war. Um Himmels Willen, wie lange hatte ich geschlafen? Die Idee mich unbemerkt herauszuschleichen, mir ein Taxi zu rufen und zu verschwinden, konnte ich also verwerfen.
Ich spürte wie die Nervosität von meinem Körper Besitz ergriff und meine Handflächen zum Schwitzen brachte. Was sollte ich jetzt tun? Es wäre wohl das Beste, zuerst einmal ein Badezimmer aufzusuchen. Es graute mir bereits davor, einen Blick in den Spiegel zu werfen. Womöglich sah ich noch schlimmer aus als der Glöckner von Notre Dame.
Widerstrebend schleppte ich mich aus dem Bett heraus, schnappte mir meine Kleidung und schlich auf Zehenspitzen zur Tür. Langsam und mit klopfendem Herzen drückte ich die Klinke herunter und öffnete die Tür einen Spalt breit. Ich spitzelte heraus auf den Flur. Erleichtert darüber, dass Logan nirgends zu sehen war, atmete ich auf und trat hinaus. Der Duft von Kaffee lag in der Luft und weckte in mir die bisher unterdrückte Sucht nach dem dunklen Gebräu. Logan war sehr wahrscheinlich also bereits auf den Beinen. Ich seufzte und wandte mich den restlichen Türen auf dem Flur zu.
Verdammt, welche von ihnen war denn nun das Badezimmer? Mir blieb wohl nichts anderes übrig, als zu raten. Ich entschied mich für die letzte Tür ganz am Ende des Flurs. Widerwillig öffnete ich sie… und landete wohl in Logans Schlafzimmer.
Klasse.
Es wäre schon ein glücklicher Zufall gewesen, wenn ich das Badezimmer auf Anhieb gefunden hätte. Und Glück war nun mal etwas, das in meinem Wortschatz nicht vorkam.
Ich wollte umkehren, da es sich nicht gehörte in fremden Zimmern zu schnüffeln, schon gar nicht in dem meines Lehrers. Allein meine bloße Anwesenheit in diesem Appartement war mehr als verboten und fragwürdig. Doch aus irgendeinem Grund konnte ich mich nicht abwenden. Meine Manieren schienen wohl flöten gegangen zu sein und stattdessen trat ich neugierig einige Schritte in den Raum ein.
Ich ließ meinen Blick wandern. Der dunkle Dielenboden und das Dunkelgrau der Wände bildeten einen perfekten Kontrast zu dem hellen Mobiliar des Zimmers. Zur linken Wand befand sich ein begehbarer Kleiderschrank, dessen Türen noch offen standen. Bereits von meinem jetzigen Standpunkt aus konnte ich erkennen, dass jedes einzelne Kleidungsstück mit großer Sorgfalt und exakt dem gleichen Abstand aufgehängt und gewissenhaft zusammen gelegt worden war.
Am meisten jedoch zog das riesige Bett meine Blicke an. Es prangte in der Mitte und lenkte alle Aufmerksamkeit auf sich. Im Großen und Ganzen war das Zimmer sehr maskulin eingerichtet und wie der Rest des Apartments auch - minimalistisch. Selbst hier herrschte eine kühle und unpersönliche Atmosphäre. Keine Fotos, keine Bücher, keine Unordnung, rein gar nichts, was irgendwie darauf hindeuten könnte, dass hier jemand lebte. Sein Schlafzimmer war zwar wirklich modern, aber meinem Geschmack nach zu steril und ungemütlich.
»Kann ich dir helfen?«, eine tiefe Stimme direkt hinter mir drang an meine Ohren und ließ mich herumfahren. Ich erstarrte und blickte in Logans eisblaue Augen. Er sah in seiner schwarzen Jeans und dem hellen Shirt wie immer umwerfend aus. Ein Flattern breitete sich in meiner Magengrube aus. Im nächsten Moment jedoch fühlte ich mich ertappt, war kaum imstande auch nur ein einziges vernünftiges Wort über die Lippen zu bringen. Mein Mund fühlte sich trocken an.
Logans Gesicht und seine Haltung verrieten nichts. Er stand einfach nur da und musterte mich mit diesem undurchdringlichen blauen Blick.
Mein Herzschlag beschleunigte sich so sehr, dass ich schon befürchtete, er könnte es hören. Ich war mir seiner Nähe nur allzu sehr bewusst und auch die Tatsache, alleine mit ihm hier in diesem Schlafzimmer zu stehen, sollte mir nach meinen bisher weniger schönen Erfahrungen eigentlich Angst bereiten. Aber das tat es nicht. Im Gegenteil. Ich fühlte, wie seine bloße Anwesenheit und die Intensität seines Blickes mir eine Gänsehaut über den Körper jagten, wie die Wärme, die er ausstrahlte, mich immer mehr anzog, wie eine Motte vom Licht.
Und ich wusste, dass ich das nicht fühlen durfte. Doch ich tat es.
»Ich … Tut mir leid. Ich habe nur das Badezimmer gesucht«, beschämt davon, dass ich mich hatte dazu hinreißen lassen, in seinem Zimmer herum zu schnüffeln, senkte ich den Blick. Meine Gedanken spielten verrückt. Ich wusste nicht wieso oder weshalb, aber in Logans Gegenwart konnte ich keinen einzigen klaren Gedanken fassen und das trieb mich in den Wahnsinn.
»Das Badezimmer ist hier«, er deutete über seine Schulter hinweg, auf eine andere Tür, ohne den Blick von mir zu nehmen.
»Danke«, erwiderte ich leise und huschte so schnell wie nur irgendwie möglich an ihm vorbei. Noch immer spürte ich seine Augen auf mir ruhen. Allerdings konnte ich mich nicht dazu durchringen, noch einmal zu ihm zu schauen. Ich versuchte die Spannung, die zwischen uns herrschte, zu ignorieren und flüchtete mich in das Badezimmer.
Endlich fiel mir das Atmen wieder etwas leichter und ich lehnte mich gegen die Tür. Diese Gefühle verwirrten mich zutiefst. In seiner Nähe fühlte ich mich nervös, mein Herz schlug so schnell, als wäre ich tausend Meilen am Stück durchgerannt. Das Atmen fiel mir schwer und ich bekam weiche Knie. Meine Gefühle für ihn waren auf gewisse Art und Weise aufregend. Obwohl ich wusste, dass sie völlig verboten waren.
Nun ja, im Grunde war ja nichts Verwerfliches an meinen Gefühlen. Wie viele Mädchen schwärmten während ihrer schulischen Laufbahn mal für ihren Lehrer? So etwas kam öfter vor, als man dachte. Verboten war es erst, wenn der Lehrer die Gefühle erwiderte oder es zu einem Verhältnis kam, das über die gewöhnliche Lehrer-Schüler-Beziehung hinaus ging. Und darüber musste ich mir wohl kaum Sorgen machen. Denn Logan sah in mir sicherlich mehr ein Kind, statt einer erwachsenen, jungen Frau.
Ich schüttelte den Kopf, um diese wirren Gedanken zu vertreiben und wandte mich meinem Spiegelbild zu. Ich sah nicht ganz so schlimm aus, wie ich es erwartet hatte. Dennoch konnte man mir die Partynacht deutlich ansehen. Daher wusch ich mir das Gesicht und befreite mich von der restlichen Schminke der vergangenen Nacht. Dann schlüpfte ich in meine Kleidung von gestern, behielt aber den grauen Pullover, den mir Logan gegeben hatte, an. In lilanen Lettern stand University of Washington darauf, woraus ich schloss, dass er wohl an dieser Uni studiert hatte. Der Pullover roch zudem nach einem männlichen Aftershave und noch etwas anderem, dass ich nicht genau deuten konnte. Zwar war er mir mehrere Nummern zu groß, fühlte sich aber trotzdem bequem und wohl auf meiner Haut an.
Als ich fertig war, spürte ich wie das Herzklopfen und die Nervosität zurückkehrten. Konsequent unterdrückte ich diese Gefühle und trat hinaus auf den Flur. Ich hörte Geräusche aus dem unteren Wohnbereich und fand Logan auf dem Sofa vor.
Sein Blick lag konzentriert auf dem Bildschirm eines MacBooks, das vor ihm auf dem Tisch stand. Ganz offensichtlich schien er an etwas zu arbeiten, denn seine Finger flogen in hoher Geschwindigkeit über die Tastatur. Er war so versunken, dass er mich nicht einmal bemerkte. Ich räusperte ich mich lautstark. Sofort stoppten seine Finger den Tanz über den Tasten und sein Kopf fuhr hoch. Sofort bekam ich wieder weiche Knie.
Reiß dich zusammen.
»Drea«, sofort schloss er den Laptop und erhob sich. Ich stellte fest, dass ich die Art mochte, wie er meinen Namen aussprach. Samtig, wie Musik und zugleich so rau, als gab es kein Wort, das er lieber aussprach.
»Tut mir leid, ich wollte dich nicht unterbrechen«, entgegnete ich und versuchte meinen rasenden Puls unter Kontrolle zu bekommen.
»Nein, das hast du nicht«, sein Blick glitt über den Pullover, den ich trug und ein Lächeln schlich sich auf seine Lippen. »Der Pullover steht dir beinahe besser als mir.«
Sofort schoss mir die Röte ins Gesicht. Plötzlich schien auch er sich seiner Worte bewusst zu werden, denn das Lächeln schwand sogleich wieder und seine Brauen verzogen sich zu einer schmalen Linie. Er schien von seinen eigenen Worten selbst überrascht zu sein und mit einem Mal wirkte er völlig angespannt. Seine Gesichtszüge veränderten sich.
Er räusperte sich.
»Ich denke, ich sollte dich jetzt nach Hause fahren«, seine kargen Worte klangen kalt und schroff, als würden sie keinen Widerspruch zulassen. Mich überkam das Gefühl, als wollte er mich loswerden. Mit einem Mal fühlte ich mich unbehaglich in diesem riesigen Appartement und ich begann mich zu fragen, weshalb ich überhaupt eingewilligt hatte, mit hierher zu kommen. Ich gehörte hier überhaupt nicht hin. Dies war die Wohnung meines Lehrers. Was erwartete ich auch? Dass wir gemeinsam den Tag verbrachten? Zusammen frühstückten und uns näher kennen lernten?
Logan hatte mich nur mit zu sich nach Hause genommen, weil es keine andere Möglichkeit gegeben hatte und er mich nicht mitten in der Nacht hatte allein lassen wollen.
Plötzlich wollte ich nur noch nach Hause in mein Zimmer, wollte mich vergraben in meinem Bett, meinem Zufluchtsort. Wollte alleine sein. Also nickte ich lediglich und wandte mich dem Aufzug zu. Ich hörte, wie Logan sich hinter mir erhob und näherkam. Kurz darauf erschien er neben mir und griff nach seiner Jacke. Dann betätigte er den Knopf des Aufzuges. Eine Weile später ertönte auch schon das Pling und die Türen öffneten sich.
Ich scheiterte kläglich beim Versuch, mich von seiner Präsenz nicht einnehmen zu lassen, was auf diesem engen Raum auch schier unmöglich war. Im Augenwinkel sah ich, dass sein Blick zu mir wanderte. Mein Atem beschleunigte sich und ich versuchte die Luft anzuhalten. Das Kribbeln in meinem Körper wurde stärker und ergriff Besitz von mir und meinen Gedanken. Mit aller Kraft widerstand ich dem Bedürfnis hoch zu schauen und seinem Blick zu begegnen.
Erleichterung durchflutete mich, als sich das Öffnen der Türen ankündigte. Hinaus auf die Lobby zu treten, war als fiel eine Last von mir ab. Abrupt schämte ich mich für meine Gedanken im Aufzug, für die Art und Weise, wie ich auf Logan reagierte. Was war in Moment nur los mit mir? Mein Leben geriet völlig außer Kontrolle.
Na ja, ich konnte ja nichts dafür, dass ich Logan attraktiv fand.
Ich warf ihm einen Seitenblick zu. Die goldblonden Strähnen standen ihm wirr vom Kopf und seine stechenden, blauen Augen waren so anziehend, dass man sich ohne Umschweife in ihnen verlieren konnte.
Der Portier riss mich aus meinen Gedanken und schenkte Logan und mir ein freundliches Lächeln mit einem darauffolgenden Nicken. Logan erwiderte diese Geste und nahm seine Autoschlüssel entgegen, die der Portier ihm hinhielt. Dann traten wir nach draußen und gingen zu seinem Wagen. Der Lack seines schwarzen Mercedes glänzte in der Sonne. Zielstrebig steuerte er auf die Beifahrertür zu und öffnete sie für mich. Ich murmelte ein Dankeschön und stieg ein. Für September war es bereits ungewöhnlich kalt und nur selten brach die Wolkendecke etwas auf.
Also genoss ich die kurze Wärme der Sonnenstrahlen, die durch die Autoscheibe auf mein Gesicht fielen. Die Fahrertür öffnete sich und Logan stieg ebenfalls ein. Sofort vernahm ich wieder seine Anwesenheit und spürte die Anziehung, die von ihm ausging. Es fühlte sich an, als wäre ich ein Magnet, der von seinem Gegenpol angezogen wurde. Vehement versuchte ich mich dagegen zu wehren. Erfolglos. Ich war so sehr in meine Gedanken vertieft, dass ich gar nicht mitbekam, wie wir losfuhren. Offenbar schien Logan mich zudem etwas gefragt zu haben, denn ich bemerkte, dass er mich nun von der Seite her erwartungsvoll ansah.
»Entschuldige, was hast du gesagt?«, verwirrt erwiderte ich seinen Blick und schluckte schwer, als der Anflug eines Lächelns auf seinem Gesicht erschien.
»Ich habe gefragt, ob du noch etwas frühstücken willst«, sagte er, während wir an einer Ampel anhielten. »Da vorne ist ein Café, ich kann dir etwas holen«, mit dem Kopf deutete er nach vorn. Ich folgte seinem Blick. Allerdings hielt sich mein Appetit momentan relativ in Grenzen. Dankend lehnte ich ab. Stattdessen richtete ich meinen Blick aus dem Fenster, um mich von Logans Gegenwart abzulenken …
Und erstarrte.
Ich erkannte Danny, der auf dem Gehweg stand und geradewegs in mein Gesicht starrte. Unsere Blicke trafen sich. In seinen Händen hielt er einen Pappbehälter mit drei Kaffeebechern. Es war nicht verwunderlich, Danny hier anzutreffen, schließlich wohnte er in dieser Gegend und sonntags traf er sich immer mit seiner Lerngruppe.
Überraschung mich hier anzutreffen, war in seinen Augen zu erkennen. Sie glitten über das Auto hinweg und wieder zu mir. Das Blut wich mir aus dem Gesicht. Mein Körper fühlte sich wie gelähmt an. Was wenn Danny Logans Wagen von der Schule her kannte? Wenn er herausfand, dass ich hier mit meinem Lehrer in einem Auto saß? Ich wollte mir gar nicht ausmalen, auf welche falschen Gedanken Danny wohl kommen würde.
Angst breitete sich in meinem Innern aus und ich sah, wie Danny einige Schritte in unsere Richtung trat. Doch genau in diesem Moment sprang die Ampel von Rot auf Grün und Logan betätigte das Gaspedal. Im Bruchteil einer Sekunde war Danny aus meinem Blickfeld verschwunden. Hatte er Logan auf dem Fahrersitz sehen können? Vielleicht sogar das Auto erkannt? Nein unmöglich. Es ging alles viel zu schnell, er hätte schon näher sein müssen, um Logan genau gesehen zu haben. Aber dennoch bestand die Gefahr, dass er Logans Nummernschild erfasst hatte. Logan war zwar noch nicht lange als Lehrkraft an unserer Schule tätig, von daher wäre es schon ein großer Zufall, wenn Danny sich das Kennzeichen eingeprägt hätte. Andererseits war Logans Auto nicht gerade unauffällig. Ein so teurer und luxuriöser Wagen konnte einem auf dem Schulparkplatz schon mal auffallen.
Mein Herz raste noch immer vor Aufregung und Nervosität.
Ich warf Logan einen Blick zu, doch seine Augen waren nach vorn auf die Straße gerichtet und wie am Abend zuvor, lenkte er den Wagen selbstsicher durch die Straßen Seattles. Er hatte von Dannys Auftauchen allem Anschein nach nichts mitbekommen.
Sollte ich ihm davon erzählen? Nein, wohl eher nicht, das würde ihn nur unnötig beunruhigen. Mit Sicherheit hatte Danny gar nicht gesehen mit wem ich unterwegs war. Und selbst wenn, es war doch nichts dabei, oder?
Natürlich war es etwas merkwürdig, wenn man mich mit meinem Lehrer in einem Auto sitzen sah. Schließlich gehörte sich so etwas für ein Lehrer-Schüler Verhältnis nicht. Aber zwischen Logan und mir war ja nichts passiert, er hatte mir lediglich in einer heiklen Situation geholfen und mir einen Schlafplatz geboten. Wer hätte das nicht getan?
Ich war so damit beschäftigt gewesen, meine innere Unruhe und meine Gewissensbisse zu beruhigen, dass ich gar nicht bemerkte, dass wir vor unserem Haus angekommen waren. Logan schaltete den Motor aus.
»Woher weißt du, wo ich wohne?«, fragte ich und hob erstaunt den Kopf. Er lächelte leicht und blickte mir tief in die Augen.
»Ich war letzte Woche mit deinem Bruder unterwegs und habe ihn anschließend nach Hause gefahren.«
Natürlich, er und Lukas kannten sich ja. Ich warf einen Blick zu unserem Haus und die innere Unruhe kehrte zurück. Wie sollte ich meinem Dad und Lukas nur erklären, wo ich die Nacht verbracht hatte? Ich konnte ja schlecht antworten, dass mein Lehrer, der übrigens wie sich herausstellte, auch noch einer von Lukas’ Freunden war, mich bei sich hatte übernachten lassen.
Dann wäre Logan die längste Zeit Lehrer gewesen, so viel stand fest. Mein Dad und Lukas waren, was Jungs anging, etwas übervorsichtig. Selbst als ich mit Danny bereits über ein Jahr ausgegangen war, durfte er erst nach stundenlangem Verhandeln zwischen Mom und Dad die Nacht bei mir verbringen, sehr zu Dads Missfallen. Meine Mom dagegen war in solchen Dingen immer etwas lockerer gewesen, mehr wie eine Freundin. Sie verstand mich auch ohne große Worte. Sie war mein sicherer Hafen gewesen. Mein Vorbild. Und jetzt war sie weg. Für immer.
»Drea? Alles in Ordnung?«, Logans Stimme drang an mein Ohr und riss ich aus meinen Grübeleien. Meine Aufmerksamkeit richtete sich auf ihn. Aus wachsamen Augen musterte er mich.
»Ähm ja«, ich lächelte und schüttelte den Kopf, um meine Gedanken zu sammeln. »Ja, alles in Ordnung. Ich… Ich denke ich sollte jetzt rein gehen«, ich öffnete die Autotür und stieg aus. Es war das Vernünftigste was ich jetzt tun konnte, um etwas Abstand zu ihm zu gewinnen und um meine aufgewühlten Gefühle wieder ins Lot zu bringen. Jedoch drehte ich mich noch einmal zu ihm herum. Sein stechender Blick war auf mich gerichtet, während einige blonde Strähnen auf seine Stirn gefallen waren. In diesem Moment wirkte er so schön und doch so unnahbar. Das Blut rauschte laut in meinen Ohren und wieder musste ich mich ermahnen, dem blauen Strudel seiner Augen nicht zu verfallen.
»Also dann, vielen Dank nochmal. Für alles«, ich wusste nicht so recht, wie ich mich verabschieden sollte, aber ein Dankeschön schien mir mehr als nur angebracht.
»Keine Ursache, Drea«, er schenkte mir dieses leise Lächeln, welches mein Herz im Bruchteil einer Sekunde höher schlagen ließ. Dann warf ich die Tür zu und trat einige Schritte zurück, als er den Motor anließ. Mit einem letzten Blick aus dem Fenster fuhr er davon.
Noch während ich seinem Wagen hinterher sah, spürte ich, wie meine Mundwinkel sich ebenfalls zu einem kleinen Lächeln verzogen. Und es fühlte sich nicht einmal schwierig an, nein es war sogar auf gewisse Art und Weise befreiend. Ich mochte es, zu lächeln. Doch noch mehr gefiel es mir, dass er der Grund war, weshalb ich lächelte.
Langsam drehte ich mich um und lief über unsere Veranda hin zur Haustür. Ehe ich überhaupt erst die Klingel betätigen konnte, wurde die Tür von Lukas aufgerissen. Seine hellen Augen waren blutunterlaufen und dunkle Ringe zeichneten sich darunter ab. Eine Alkoholfahne schlug mir entgegen, als er mich in seine Arme riss.
»Drea! Dir geht es gut. Gott sei Dank!«, er drückte mich so fest an sich, dass jegliche Luft aus meinen Lungen gepresst wurde.
»Lukas, du erdrückst mich«, presste ich hervor, als er auch schon wieder von mir abließ.
»Mensch, wo warst du denn die ganze Nacht? Wir haben dich den ganzen Morgen versucht zu erreichen, aber du bist nicht an dein Telefon gegangen. Wir haben überall angerufen, Timmy, Danny… Selbst Poppy wusste nicht wo du warst«, seine Worte klangen vorwurfsvoll. Besorgnis stand ihm regelrecht ins Gesicht geschrieben und sogleich meldete sich mein schlechtes Gewissen zu Wort. Lukas hatte Recht, ich hätte ihnen Bescheid geben müssen. Zwar hätte ich ihnen unter keinen Umständen mitteilen können, wo ich wirklich gewesen war, doch zumindest eine SMS hätte ich schreiben sollen, damit sie wussten, dass alles in Ordnung war, dass es mir gut ging.
Seit Moms Unfall machten sich Dad und Lukas ohnehin schon mehr als genug Sorgen. Hinter Lukas’ Rücken erkannte ich, wie Dad sich mit Mia auf dem Arm näherte. Hinter ihm kam sogar Poppy zum Vorschein. Auf ihren Gesichtern spiegelte sich ebenfalls Besorgnis wider. Einzig bei Poppy entdeckte ich noch etwas anderes. Neugierde.
»Tut mir wirklich leid«, beschämt senkte ich den Blick. »Du hast Recht, ich hätte Bescheid geben müssen. Ich habs’ vergessen.«
»Hast du unsere Anrufe denn nicht bekommen?«, fragte Lukas und fuhr sich frustriert durch die dunklen Haare. Man konnte schon aus größerer Entfernung erkennen, dass er an einem grauenvollen Kater litt.
»Hey, vergiss mal nicht, dass du und Poppy mich einfach habt sitzen lassen«, schnaubte ich dazwischen. »Und nein, eure Anrufe habe ich nicht bekommen, weil…«, gerade als ich nach meiner Tasche greifen wollte, in der sich wie üblich mein Handy befand, bemerkte ich, dass sie gar nicht da war. Mist! Durch Logans überstürzten Aufbruch hatte ich sie wohl völlig vergessen. Wie zum Teufel sollte ich nun an meine Tasche kommen? Ich besaß ja nicht einmal seine Nummer, geschweige denn war ich im Besitz meines Handys, um ihn überhaupt erst erreichen zu können. Ihn in der Schule darauf anzusprechen war völlig ausgeschlossen, dort waren zu viele Ohren, die etwas Falsches hineininterpretieren konnten. Es sei denn, ich bekam die Gelegenheit, ihn alleine zu sprechen.
»Wo warst du überhaupt?«, wollte Lukas plötzlich wissen und musterte mich argwöhnisch. Nun war es so weit. Ich musste mir etwas Gutes einfallen lassen. Was sollte ich nur antworten? Wenn sie all meine Freunde bereits angerufen hatten, was ich ihnen nicht übel nehmen konnte, blieben mir nicht viele Möglichkeiten offen.
»Ich… Ich habe bei einer Freundin übernachtet, weil ich keinen Schlüssel dabei hatte und Poppy und du nicht mehr ans Handy gingen«, ich fühlte mich schlecht wegen der Lüge, doch ich konnte meiner Familie doch nicht einfach erzählen, dass ich bei meinem Lehrer übernachtet hatte.
»Bei welcher Freundin? Wir haben überall angerufen«, warf Dad ein. Er wirkte leicht verärgert und versuchte Mia, die unruhig auf seinem Arm herum zappelte zu beruhigen.
»Ein Mädchen von meiner Schule, ich habe nicht viel mit ihr zu tun, aber sie hatte mir angeboten, bei ihr zu übernachten. Eure Anrufe habe ich nur deshalb nicht erhalten, weil mein Handy auf lautlos geschaltet war. Es tut mir wirklich leid, in Zukunft werde ich euch Bescheid geben«, ich hoffte darauf, dass meine Entschuldigung Lukas und Dad beruhigen würde, was auch funktionierte.
Lukas fuhr sich erneut durch die Mähne und murmelte dann etwas von Aspirin gegen seine Kopfschmerzen, während Dad ein in Ordnung von sich gab. Dennoch ließ er es sich nicht nehmen mir einen letzten mahnenden Blick zuzuwerfen, als er mit Mia in der Küche verschwand.
Ich fragte mich, weshalb ich den ganzen Ärger abbekam. Schließlich hatten Lukas und Poppy mich einfach alleine in dem Club zurück gelassen. Sie trugen somit genauso viel Schuld daran, dass ich hatte woanders übernachten müssen. Doch Lukas’ Laune nach zu urteilen, konnte ich mir durchaus vorstellen, dass er von Dad bereits eine Standpauke erhalten hatte. Nun ja, das Gute an der ganzen Sache war jedenfalls, dass meine kleine Notlüge funktionierte. Ich wollte bereits erleichtert aufatmen, als Poppy wie aus dem Nichts vor mir stand und mich mit einem skeptischen Blick bedachte. Sie musterte mich aus argwöhnischen dunklen Augen und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie wirkte wie ein kleiner, auf Krawall gebürsteter Zwerg.
»Ich weiß genau, dass du nicht bei irgendeiner anderen Freundin übernachtet hast, weil du keine anderen Freunde hast, außer Timmy und mir«, sie hielt kurz inne und begutachtete in aller Ruhe ihre Nägel. »Ich werde jetzt nach Hause gehen. Du wirst es mir so oder so sagen, wenn nicht heute, dann morgen«, Poppy sah plötzlich auf und lächelte mich siegessicher aus ihren braunen Augen an. Dann ging sie an mir vorbei zur Tür.
»Ach übrigens«, sie drehte sich noch ein letztes Mal zu mir um. »Schöner Pullover, aber etwas zu groß, findest du nicht?«, sie grinste hämisch, ehe die Tür auch schon hinter ihr ins Schloss fiel und der graue Wirbelwind namens Poppy verschwunden war.
Mein Herz schlug zum Zerbersten schnell vor Aufregung. Ich hatte völlig vergessen, Logan seinen Pullover zurückzugeben! Und Poppy war es aufgefallen. Wie sollte ich ihr das nur erklären? Es war mir schon furchtbar schwer gefallen, meiner Familie etwas vorzugaukeln. Doch bei meiner besten Freundin würde es noch schwieriger werden. Sie war in guten sowie auch schlechten Zeiten immer an meiner Seite. Sie kannte mich mittlerweile in- und auswendig. Womöglich sogar noch besser, als ich mich selbst kannte.
Poppy etwas zu verheimlichen war schlicht und ergreifend undenkbar.
Kapitel 6
Nachdem ich Mia ins Bett gebracht hatte, nahm ich endlich die heiß ersehnte Dusche, die schon den ganzen Tag über ausstand. Das warme Wasser prasselte auf meinen Körper. Meine Muskeln entspannten sich und ich genoss die Wärme, die mich erfüllte. Ich hielt das Gesicht direkt unter die Brause und versuchte mein Denken einzustellen, was mir jedoch nicht so leicht gelang. Immer wieder schlichen sich eisblaue Augen in meinen Kopf.
Es schien als hätte sich Logans tiefblauer Blick in mein Gedächtnis gebrannt. Und das störte mich. Sehr sogar. Es brachte meine innere Welt komplett aus dem Gleichgewicht. Bisher war ich der festen Überzeugung gewesen, noch an Danny zu hängen, aber warum beherrschte dann jemand anderes meine Gedanken? Es war wirklich zum Verzweifeln.
Ich verstand es einfach nicht, wieso dachte ich ununterbrochen an meinen Lehrer? Eines stand jedenfalls fest, irgendetwas an Logan Black, und ich wusste nicht was, zog mich wie magisch an.
Es beflügelte und verwirrte mich zur gleichen Zeit. War ich denn psychisch durch all die Verluste, die ich erlitten hatte, zu einem solchen Wrack mutiert, dass ich mich zu dem nächstbesten Menschen hingezogen fühlte, der auch nur in irgendeiner Weise nett zu mir war? Immerhin mussten Lehrer sich für ihre Schüler interessieren, andernfalls hatten sie den falschen Beruf gewählt.
Die Frage, die mir daher nun im Kopf herumschwirrte; wie viel Interesse durfte ein Lehrer an seinen Schülern zeigen? Beinhaltete dieses gesunde Maß an Interesse, den Schülern ein Buch zu leihen, zusammen mit ihnen einen Club zu besuchen und sie anschließend bei sich übernachten zu lassen?
Wohl eher nicht. Logan war also ein großes Risiko für mich eingegangen. Doch warum tat er das? Es war zwar nichts Verbotenes zwischen uns passiert, allerdings hatte ich das Gefühl, dass dieser bizarre Umstand von heute Nacht an einer unsichtbaren Barriere rüttelte, die zwischen einem Schüler und seinem Lehrer herrschte.
Mein gesunder Menschenverstand dagegen versicherte mir, dass diese Vermutung völlig unbegründet und irrelevant war. In Logans Augen war ich nur eine Schülerin, wie jede andere. Noch ein Kind. Er konnte in mir unmöglich eine erwachsene Frau sehen, denn allein das Wissen, dass ich seine Schülerin war, erschuf eine gewisse Distanz.
Das Buch hatte er mir womöglich nur aus reiner Höflichkeit gegeben und da er wusste, dass Lukas mein Bruder war, hatte er sich wohl dazu verpflichtet gefühlt, mich mit nach Hause zu nehmen und sich um mich zu kümmern. Das Ganze war ihm mit Sicherheit genauso unangenehm wie mir. Wären da nur nicht dieses Kribbeln und das Herzklopfen, das ich in seiner Nähe verspürte.
Resigniert stellte ich das Wasser der Dusche ab, nahm mein Handtuch und stellte mich vor den Spiegel. Noch immer lagen meine dunklen Augen in tiefen Höhlen und mein Gewicht war nach wie vor mehr als besorgniserregend. Allerdings hatte sich etwas in meinem Blick geändert. Er war nicht mehr ganz so abgestumpft, wie noch vor einer Woche. Ich entdeckte eine gewisse Stärke in meinen Augen. Stärke, die ich für meinen Dad, Lukas und vor allem für Mia aufbringen musste. Wenn ich mich weiterhin so hängen ließ, würde ich ihnen nur noch mehr Sorgen bereiten, als sie ohnehin schon ertragen mussten.
Auch wenn sie es nicht so offen zur Schau stellten oder selten darüber sprachen, kämpften Dad und Lukas täglich mit dem Verlust meiner Mom, ich konnte es in ihren Augen sehen. Wo würde es hinführen, wenn sie sich nun auch noch ernsthafte Gedanken um mich machen mussten? Ich wagte es nicht so weit zu denken.
Ich musste nun stark sein, für meinen Bruder Lukas, der Mom genauso sehr geliebt hatte wie ich, der ihr ständig und jeden Tag irgendwelche unmöglichen Witze erzählt hatte, nur um sie zu ärgern, weil er wusste, wie wenig sie diese Scherze mochte. Ich musste stark sein für meinen Dad, der nach achtundzwanzig Jahren Ehe seine beste Freundin und die Liebe seines Lebens verloren hatte. Doch vor allem musste ich stark sein für meine kleine Schwester Mia, die gerade mal vier Jahre mit ihrer Mutter erleben durfte und nun eine der wichtigsten Bezugspersonen ihres Lebens verloren hatte. Ich musste irgendwie aus diesem Tief herausfinden und zurück ins Leben kehren. Es gab so viele Menschen, die mich liebten und brauchten, ich konnte sie nicht im Stich lassen. Das Schwierige daran war nur, wenn man einmal in dieses schwarze Loch geblickt hatte, fand man nicht mehr so einfach heraus.
Ich schloss die Augen und rief mir Moms warmes Lächeln in Erinnerung, ihre sanften Gesichtszüge und ihre beruhigende Art. Augenblicklich ließ der Schmerz meinen Magen krampfen und Übelkeit stieg in mir auf.
»Ich vermisse dich so sehr, Mom«, flüsterte ich und die Tränen bahnten sich einen Weg über mein Gesicht. Ich war noch nicht bereit an sie zu denken, geschweige denn über sie zu reden. Der Schmerz über ihren Verlust saß noch zu tief.
Schnell versuchte ich das Bild von ihr zu verdrängen und begab mich in mein Zimmer, um mich mit Logans Roman abzulenken. Doch mein Blick fiel plötzlich auf den grauen Pullover, der über meinem Stuhl hing. Mit einigen Schritten hatte ich das Zimmer durchquert, nahm ihn und streifte ihn mir über. Sofort umfing mich der Duft von Logans herbem Aftershave. Der Pullover fühlte sich weich auf meiner Haut an und gab mir absurder Weise ein gewisses Gefühl von Halt. Ich kuschelte mich in mein Bett. Dann griff ich nach dem Roman von Jane Austen, den Logan mir gegeben hatte und begann zu lesen.
∞
Gähnend trottete ich hinter Poppy zur ersten Stunde her. Ich hatte die halbe Nacht mit Lesen verbracht und der Schlafmangel forderte nun seinen Tribut.
»Sag mal, warst du heute Nacht auf irgendeiner geheimen Party und hast mir nicht Bescheid gesagt oder warum siehst du aus, als hättest du vor der Schule einen durchgezogen?«, Poppy musterte mich über ihre Schulter hinweg. Die grauen Haare hingen ihr heute in geringelten Löckchen über die Schulter.
»Nein. Es war nur ein Lesemarathon«, warf ich ein und unterdrückte ein erneutes Gähnen.
»Wie langweilig«, brummte Poppy und wandte sich wieder nach vorn. Doch dann schien ihr offenbar etwas eingefallen zu sein, denn sie drehte sich wieder grinsend zu mir um.
»Und ich dachte schon du hättest letzten Samstag noch einen superheißen Typen kennen gelernt und die ganze Nacht wilden Sex gehabt.«
Sofort schoss mir das Blut in die Wangen und meine Hände verkrampften sich. Poppy hatte mich noch nicht darauf angesprochen, wo ich denn nun letzte Samstagnacht verbracht hatte. Ich wusste jedoch, dass mir diese Inquisition noch bevorstand und ich besaß keinen Schimmer, wie viel ich ihr erzählen sollte. Ob ich ihr überhaupt etwas von dieser merkwürdigen Nacht erzählen sollte.
Ich spürte noch immer Poppys wachsamen Blick auf mir, doch Gott sei Dank hakte sie nicht weiter nach, was wohl daran lag, das Timmy gerade zu uns stieß.
»Salut mes amis«, begrüßte er uns gut gelaunt und erkundigte sich sogleich nach unserem Wochenende. Während Poppy von ihrer Wette mit Lukas berichtete, schlenderten wir gemeinsam durch die Flure und ich betete inständig, dass das Gesprächsthema nicht schon wieder auf mein mysteriöses Verschwinden von Samstagnacht fallen würde.
Wir bogen gerade um die Ecke, als ich mit jemandem zusammenstieß. Ich blickte auf, direkt in Logans eisblaue Augen. Mein Herz schlug sofort schneller und sein plötzlicher Anblick raubte mir den Atem. Diese Art von Aufeinandertreffen schien für uns wohl zur Gewohnheit zu werden.
»Ähm… Hi«, kam es über meine Lippen und im nächsten Moment fühlte ich mich wie der größte Idiot auf Erden. Hatte ich meinen Lehrer wirklich gerade mit einem Hi begrüßt? Noch bescheuerter konnte man sich wohl wirklich nicht verhalten. Doch Logan dagegen schien sich über meine Reaktion zu amüsieren, denn er verzog seine Lippen zu diesem schiefen Lächeln, das mein Herz sofort höher schlagen ließ.
Im Augenwinkel sah ich, dass Poppy und Timmy stehen blieben und uns interessiert beobachteten.
»Guten Morgen, Drea«, seine Stimme klang kraftvoll und ruhig. Natürlich schien ihn nicht das Geringste aus der Bahn zu werfen. Das Grinsen auf seinem Gesicht schwand und machte einem freundlichen Lächeln Platz, mit dem er nun auch Poppy und Timmy grüßte.
Höflich wie er war, trat er ein Stück zur Seite, um mich vorbei zu lassen. Beschämt darüber, dass mich seine Anwesenheit mal wieder derart aus der Fassung brachte, senkte ich den Blick und ging mit einem gemurmelten Dankeschön an ihm vorbei. Mein Puls schlug auf Hochtouren und meine Wangen hatten wohl sehr wahrscheinlich die Farbe einer Tomate.
Es machte mich rasend, dass ich meine Gefühle in seiner Nähe nicht unter Kontrolle hatte. Erst recht verärgerte es mich, dass ich überhaupt etwas in seiner Gegenwart empfand! Ich verstand diese Empfindungen ja nicht einmal. Wie sollte ich dann mit ihnen umgehen?
Genervt schüttelte ich diese Gedanken ab und konzentrierte mich auf Poppy und Timmy, die mich nun aufmerksam musterten. Poppy fand als Erste ihre Sprache wieder.
»Timmy?«, ohne ihn anzusehen, streckte sie auffordernd ihre Hand aus. Ihr Gesicht drückte pure Schadenfreude aus.
»Verdammt«, Timmy verzog grimmig das Gesicht, griff in seine Hosentasche und zog einen Dollarschein heraus. Ein triumphierender Ausdruck breitete sich auf Poppys Gesicht aus.
»Hier, du hast gewonnen. Sie steht tatsächlich auf ihn«, Timmy sah traurig seinem Geld hinterher, während Poppy es sich mit einem diabolischen Grinsen einsteckte.
»Du wolltest mir ja nicht glauben, du bist selbst schuld.«
»Und du bist ein kleiner Teufel, Poppy. Weißt du das?«, Timmy verschränkte die Arme vor der Brust und seine Gesichtszüge wurden noch dunkler.
»Ich bin allwissend, Timmy«, Poppy genoss sichtlich ihren Sieg. »Merk dir das.«
Timmy wollte gerade zur Widerrede ansetzen, als ich registrierte, was sich soeben zwischen den beiden abgespielt hatte.
»Moment mal,« warf ich entrüstet ein. »Habt ihr etwa eine Wette über mich abgeschlossen?«, mir fiel die Kinnlade herunter und entsetzt starrte ich die beiden an, die mich offenbar erst jetzt zur Kenntnis nahmen. Poppy grinste böse. Timmy dagegen schien zumindest ein bisschen Reue zu zeigen, denn er blickte schuldbewusst zur Seite und kratzte sich verlegen am Hinterkopf.
»Jetzt hab dich mal nicht so. Du weißt, dass wir ständig irgendwelche Wetten abschließen«, verteidigte sich Poppy und schulterte ihren Rucksack, als das Klingeln zur ersten Stunde ertönte. Ich konnte es einfach nicht fassen, dass meine Freunde eine Wette darüber abgeschlossen hatten, ob ich auf meinen Lehrer stand.
Eigentlich hätte es mich nicht überraschen sollen. Wie Poppy bereits sagte, schlossen sie und Timmy schlossen andauernd und über alles Mögliche irgendwelche absurden Wetten ab. Doch dass es dieses Mal um mich ging, war definitiv zu viel des Guten. Auch noch um dieses eine Thema, das mich selbst zutiefst verwirrte.
»Nur fürs Protokoll: Ich stehe nicht auf meinen Lehrer. Und ihr werdet keine weiteren Wetten mehr über mich abschließen, okay?« Ich funkelte die beiden wütend an. Für einige Augenblicke lang starrten sie mich einfach nur stumm an, als würde ich chinesisch sprechen.
Dann bemerkte ich, wie Poppy versuchte ihr glucksendes Lachen zu unterdrücken und ohne ein weiteres Wort ging sie an mir vorbei. Auch Timmys Mundwinkel verzogen sich verdächtig weit nach oben, als er Poppy folgte.
»Oh Mann, und wie du Recht hattest, Poppy«, er schüttelte den Kopf.
»Ich habs’ dir doch gesagt, ich bin allwissend«, trällerte Poppy, während sie mir einen belustigten Blick über die Schulter zuwarf.
»Fünf Dollar, dass sie beim nächsten Mal, wenn sie ihn sieht, wieder knallrot wird.«
»Bin dabei«, hörte ich Timmy sagen. Fassungslos blickte ich den beiden nach. Sie waren unmöglich.
∞
Mit einem mulmigen Bauchgefühl folgte ich Poppy zur nächsten Unterrichtsstunde. Englisch. Bei Mr Black. Mit jedem weiteren Schritt, den ich in Richtung seines Klassenraums trat, wurde ich nervöser.
Ich dachte darüber nach, wie ich mich verhalten sollte. Darüber hinaus war ich mir ziemlich sicher, dass noch keiner meiner Mitschüler jemals bei ihm zuhause gewesen war. Keiner von ihnen war von Logan höchstpersönlich nach Hause gefahren worden. Keiner von ihnen besaß einen seiner Pullover, der so gut nach ihm roch. Keiner war im Besitz seiner Jane Austen Ausgabe von Verstand und Gefühl. Nein, all das war nur mir passiert. Und mit einem Mal wurde mir bewusst, dass ich womöglich mehr über ihn wusste, als alle anderen seiner Schüler. Für viele Schüler war ein Lehrer einfach nur ein Lehrer. Sie betrachteten ihn nicht als Mensch mit Gefühlen, der ebenso ein Leben führte, wie jeder andere auch.
Für viele Schüler war ein Lehrer lediglich eine Autoritätsperson, deren Befehle sie Gehorsam und Folge zu leisten hatten und der ihnen Lernstoff bis zum Umfallen rein drückte.
Es gab Schwarz und es gab Weiß. Das eine war der Lehrer, das andere der Schüler. Und genau hier lag mein Problem. Wenn ich nicht aufpasste, würde die Grenze zwischen Schwarz und Weiß verschwimmen. Ich musste unbedingt versuchen, die Distanz aufrecht zu erhalten, denn ich befürchtete, dass ich andernfalls Logan so richtig zu mögen begann. Und das wäre alles andere als gut. Es wäre eine Katastrophe.
»Drea?«, eine bekannte Stimme riss mich aus meinen Überlegungen und ich drehte mich in die Richtung, aus der ich meinen Namen gehört hatte. Danny stand vor mir und blickte mich aus seinen schokoladenbraunen Augen an.
»Ich ähm … Könnten wir uns vielleicht kurz unterhalten?«, fragte er und seine dunklen Augen wanderten unruhig rüber zu Poppy. Sie hatte jedoch noch keine Notiz von ihm genommen und diskutierte gerade noch mit Timmy über ein französisches Schimpfwort. Ja, Poppy konnte einem trotz ihrer Größe gehörig Angst einjagen.
Ich richtete meine Aufmerksamkeit auf Danny und spürte Unbehagen in mir. Ich wollte eigentlich nichts mehr mit ihm zu tun haben, zumindest vorübergehend nicht. Zwar schmerzte sein Verlust nicht mehr so sehr wie zu Beginn, doch die Tatsache, dass mit dem Beziehungsaus auch unsere vorherige Freundschaft zu Ende war, verletzte mich noch. Denn ich hatte Danny so vieles anvertraut, Dinge über meine Vergangenheit, Dinge über mich, die nur er wusste …
Allerdings war ich zu neugierig, um ihm einfach die kalte Schulter zu zeigen. Was er wohl von mir wollte? Plötzlich kam mir ein erschreckender Gedanke. Was wenn er Logan gestern in dem Mercedes doch erkannt hatte und mich nun zur Rede stellen wollte? Das Herz rutschte mir in die Hose und jede Faser meines Körpers verspannte sich. Ich musste in Erfahrung bringen, worüber Danny mit mir sprechen wollte. Also nickte ich und wir entfernten uns ein paar Schritte von den anderen.
»Was willst du Danny?«, ich verschränkte die Arme vor der Brust und bemühte mich um eine möglichst ausdruckslose Mimik. Wenn Danny wirklich nichts gesehen hatte, so wollte ich mir nichts anmerken lassen. Er steckte die Hände in die Hosentaschen und blickte hinab auf seine Schuhspitze, mit der er auf dem Boden herum trat. Als er wieder aufsah, lag ein gekränkter Ausdruck in seinen Augen.
»Ich habe dich gesehen. Gestern.« Er schaute mich forschend an und wartete offenbar auf irgendeine Reaktion meinerseits. Ich spürte wie mein Herzschlag sich beschleunigte. Hatte er Logan gesehen?
»Ich weiß nicht, wovon du sprichst«, erneut bemühte ich mich um einen möglichst gelassenen Tonfall und hob lässig die Brauen.
»Ach komm schon, Drea. Du hast mit irgendeinem Typen in diesem Mercedes gesessen«, half er meinen Erinnerungen verärgert auf die Sprünge. »Ich weiß, dass du mich auch gesehen hast, also jetzt tu nicht so«, aus irgendeinem Grund schien ihn das furchtbar aufzuregen. Er machte eindeutig einen verärgerten Eindruck. Doch aus welchem Grund? Er hatte mit mir Schluss gemacht, also durfte es ihn nicht mehr interessieren, was ich mit wem in meiner Freizeit tat.
»Und wenn schon. Ich wüsste nicht, was dich das angeht«, konterte ich und wich seinem verärgerten Blick aus.
»Ich habe dich versucht anzurufen, aber du bist nicht rangegangen«, er fuhr unbeirrt fort. Seine Stimme klang vorwurfsvoll und erneut fragte ich mich, weshalb er sich derart benahm. Schließlich hatte er kein Recht dazu. Genervt rollte ich mit den Augen.
»Ich gehe seit genau zwölf Wochen nicht mehr an mein Handy, wenn dein Name auf dem Bildschirm erscheint. Nur für den Fall, dass es dir entgangen sein sollte«, erwiderte ich spitz. Dannys Augen verdunkelten sich und Wut verzerrte sein Gesicht.
»Wer war der Typ im Auto?«, er spie mir die Worte regelrecht entgegen. Doch während sich Dannys Zorn durch mein Schweigen nur noch mehr zu steigern schien, fiel mir unterdessen ein Stein vom Herzen.
Danny hatte Logan nicht erkannt.
»War das etwa dein Neuer?«, Dannys Hände ballten sich an seinen Seiten zu Fäusten, sodass die Knochen bereits weiß hervortraten. Warum zum Teufel regte er sich so sehr darüber auf? Er war derjenige, der Schluss gemacht hatte. Er hatte selbst gesagt, dass er mich nicht mehr genug liebte, also konnte es unmöglich Eifersucht sein, die ihn da gerade ritt.
Oder etwa doch?
»Was regst du dich so sehr auf? Wir sind nicht mehr zusammen und jetzt lass mich in Ruhe«, für mich war das Gespräch hiermit beendet. Das, was ich hatte in Erfahrung bringen wollen, wusste ich nun. Danny ahnte nichts von Logan. Und dabei sollte es auch bleiben. Ich wollte nicht mehr mit Danny reden. Sein Verhalten brachte mich nur durcheinander. Ich dachte, er würde mich nicht mehr lieben, weshalb also benahm er sich dann wie ein eifersüchtiger Macho?
Was auch immer Danny ritt, es war etwas, worüber ich jetzt nicht nachdenken wollte, die Schule war nicht der richtige Ort dafür.
Als ich im Begriff war, mich zum Gehen zu wenden, spürte ich, wie Danny mein Handgelenk ergriff und mich zurückhielt. Überrascht drehte ich mich noch einmal zu ihm um und erkannte, dass seine Augen vor Zorn nur so glühten.
»Es geht mich durchaus etwas an«, der Griff um mein Handgelenk verstärkte sich, wurde fordernder, sodass es beinahe schon schmerzte. Es war mir unmöglich, mich von seinem Griff zu lösen.
»Danny«, ich blickte ihn warnend an. »Lass mich sofort los.«
Einige Sekunden lang starrten wir uns herausfordernd an, bis jemand hinter mir die Stille durchschnitt.
»Gibt es ein Problem?« Die Stimme war rau und zugleich von solcher Härte, dass sich selbst mir die Nackenhaare aufstellten. Dannys Augen glitten über meine Schulter und hefteten sich auf die Person hinter mir. Blitzartig ließ er von mir ab und ich drehte mich herum.
Noch bevor ich in seine eisblauen Augen blickte, ahnte ich, wer sich hinter mir befand. Er stand so dicht bei mir, dass es mir den Atem raubte und ich kaum merklich zusammenzuckte. Sein Gesichtsausdruck wirkte wie immer undurchdringlich. Bei genauerem Betrachten jedoch, erkannte ich einen merkwürdig kalten Ausdruck in seinem Blick, den ich noch nie zuvor bei ihm gesehen hatte. Und er war direkt auf Danny gerichtet.
»Nein, Mr Black. Alles in Ordnung«, stotterte Danny hinter mir. Am liebsten hätte ich ihm einen letzten, boshaften Blick zugeworfen, aber ich schaffte es nicht, mich von Logan abzuwenden.
Logans Augen hingen noch einige Sekunden lang mahnend auf Danny und instinktiv wusste ich, wie unwohl Danny sich gerade fühlen musste. Logans kühler Blick durchdrang die Luft wie eine unausgesprochene Drohung und wirkte verdammt einschüchternd, selbst auf mich. In seinen Augen schien ein blauer Sturm zu toben, der sein Gegenüber im Bruchteil einer Sekunde zu Eis gefrieren ließ.
Schließlich wandte Logan sich von Danny ab und sah stattdessen zu mir. Ich erkannte, wie sich seine Gesichtszüge unmerklich aufklärten und der Sturm in seinen Augen abebbte.
»Drea? Ist sicher alles in Ordnung?«, der Ausdruck in seinem Gesicht wirkte beinahe schon sanft, was kurz innehalten ließ. Ich holte tief Luft und nickte leicht.
»Ja, alles okay … Mr Black«, um ein Haar hätte ich ihn Logan genannt. Ich spürte wie meine Wangen sich färbten und beschämt sah ich zu Boden. Ich musste meine Gefühle schleunigst unter Kontrolle bekommen, bevor noch jemand Verdacht schöpfte.
Logan nickte und drehte sich dann zu den restlichen Schülern um, die das Schauspiel aufmerksam beobachtet hatten. Ich musste an das letzte Mal denken, als alle Aufmerksamkeit auf mich gerichtet war und Madison mich derart niedergemacht hatte. Heute schien sie es zum Glück nicht für nötig zu halten, sich einzumischen. Der Denkzettel in Form von Nachsitzen, den Logan ihr verpasst hatte, schien wohl seine Wirkung nicht verfehlt zu haben.
Immer noch starrten mich einige Schüler an und tuschelten sich etwas ins Ohr. Offenbar war ich innerhalb einer Woche zum Gesprächsthema Nummer eins der Schule geworden. Das gefiel mir ganz und gar nicht. Ich war keines dieser Mädchen, wie Madison, die sich nach der Aufmerksamkeit anderer sehnten und immer im Mittelpunkt stehen wollten.
Ich fühlte mich wohler, wenn ich unbemerkt und unsichtbar blieb. Mit gesenktem Kopf folgte ich den anderen in den Klassenraum und vermied die Blicke meiner Mitschüler, insbesondere den Dannys. Nur bei Poppy, deren Augen ich immer wieder auf mir spürte, hob ich den Blick. Sie schenkte mir ein mitfühlendes Lächeln und drückte unter dem Tisch kurz meine Hand. Ich entspannte mich etwas, konnte mich jedoch nicht mehr auf den Unterricht konzentrieren und betrachtete stattdessen die kleinen Regentropfen, die an der Scheibe herabliefen.
Als es endlich klingelte, sprang ich auf und verstaute schnellstmöglich meine Bücher in der Tasche. Ich wollte nur noch hier raus. Weg von Danny, weg von dem Getuschel meiner Mitschüler und weg von…
»Drea? Würden Sie bitte noch für eine Minute hier bleiben?«
Die Stimme hallte durch den Raum. Logan.
»Natürlich, ja«, erwiderte ich mit krächzender Stimme und trat widerwillig nach vorn zu seinem Pult. Der Rest des Kurses verließ langsam, schleppend den Raum. Meine Nervosität unterdrückend, krallte ich meine Hände in die Jacke, die ich mir über den Arm geworfen hatte und wartete ungeduldig, bis alle in ihre Pause gegangen waren. Die letzte, die zur Tür hinaus ging, war Poppy.
Als ich zu ihr rüber sah, umspielte ein wissendes Grinsen ihre Lippen. Sie würdigte mich jedoch keines Blickes mehr und schloss die Tür hinter sich. Stille erfüllte den Raum und ich fühlte, wie sich Spannung in der Luft aufbaute. Ich wagte kaum zu Logan zu schauen, wusste jedoch, dass es keinen Sinn hatte, ihn zu ignorieren.
»Du hast gestern etwas bei mir vergessen«, hörte ich ihn sagen. Ich sah auf, als er mir meine Tasche entgegenstreckte. Natürlich, ich hatte die Tasche mitsamt meinem Handy und Geldbeutel bei ihm liegen lassen. Das hatte ich völlig vergessen.
»Oh ja. Daran habe ich gar nicht mehr gedacht«, ich nahm sie entgegen. »Danke schön.«
Plötzlich hatte ich das Gefühl eines Déjà-vus. Ich fühlte ich mich an unsere erste Begegnung zurückerinnert, mit dem einzigen Unterschied dass es an diesem Tag meine Ausgabe von Sturmhöhe gewesen war, die er mir zurückgegeben hatte. Bei dieser Erinnerung schlich sich unwillkürlich ein Lächeln auf meine Lippen.
Er erwiderte es.
Mein Herz begann zu flattern.
Ich musste hier raus.
Schleunigst wandte ich mich zum Gehen, da ich annahm, die Tasche war der einzige Grund, weshalb er mich hatte sprechen wollen. Doch er hielt mich noch einmal zurück.
»Drea?«
Ich blieb stehen und sah ihn über die Schulter hinweg an. Logan ging um den Pult herum und lehnte sich lässig dagegen. Ein Kribbeln breitete sich in meiner Magengegend aus, während mich seine Augen musterten.
»Ja?«, meine Stimme klang mehr wie ein Piepsen und ich räusperte mich.
»Geht es dir denn gut?«, fragend sah er mich an. »Ich meine wegen dem Vorfall vor dem Unterricht.«
»Oh, wegen Danny«, entgegnete ich und sah zu Boden. Sollte ich ihm davon erzählen, dass Danny mich mit ihm gesehen hatte und sich deshalb so aufgeführt hatte? Schließlich hatte Logan ja auch etwas mit der Sache zu tun. Ich mochte mir gar nicht ausmalen, was passiert wäre, hätte Danny Logan erkannt.
Ich konnte es ihm nicht verschweigen.
»Ehrlich gesagt, hat Danny mich gestern in deinem Auto gesehen, als du mich nach Hause gefahren hast.«
Logan verschränkte die Arme vor der Brust und kniff aufmerksam die Augen zusammen, doch sein Blick wirkte nach wie vor undurchdringlich. Wenn ihn meine Nachricht beunruhigte, so ließ er sich nichts anmerken.
»Er hat sich vorhin nur so benommen, weil er eifersüchtig war. Aber du musst dir keine Sorgen darüber machen, er weiß nicht, dass es dein Wagen war«, als die Worte raus waren, fühlte ich mich sogleich besser. »Er hat dich nicht erkannt.«
»Ich verstehe«, erwiderte Logan lediglich. Er senkte seinen Blick, als würde er nachdenken. Doch gleich darauf klärte sich seine Sicht wieder und er ging um das Pult herum, um seine Tasche zu packen.
»Ich hoffe, Sie konnten ihren Freund beruhigen«, Logan sah nicht einmal auf, als er mit mir sprach. Stattdessen widmete er sich unbeirrt seinen Unterlagen, die er in die Tasche gleiten ließ.
Mit einem Mal wirkte er wieder distanziert und unerreichbar, die Intensität in seinem Ausdruck war verschwunden und vor mir stand nicht mehr Logan, sondern Mr Black. Ich hatte plötzlich das dringende Bedürfnis, ihm zu erklären, dass es sich bei Danny gar nicht um meinen Freund handelte. Ich wusste nicht weshalb, aber etwas tief in meinem Innern zwang mich förmlich dazu, ihm zu widersprechen.
»Danny ist nicht mein Freund. Wir waren einmal ein Paar, aber das ist vorbei. Ich bin … mit niemandem zusammen.«
Logan hielt mitten in der Bewegung inne und auch ich erstarrte plötzlich. Meine Worte hatten sich nicht wie eine Berichtigung angehört. Sie klangen mehr wie eine Botschaft, als wollte ich Logan klar machen, dass ich zu niemandem gehörte, dass ich frei war… dass ich zu haben war. Logans Augen richteten sich unverwandt auf mich.
Er sog scharf die Luft ein und mit einem Mal war die distanzierte Maske wie weggeflogen. Ich erwiderte den Blick aus seinen eisblauen Augen, die zu glühen begannen und wusste instinktiv, dass er wieder einmal dasselbe gedacht hatte wie ich; welche Schülerin klärte ihren Lehrer schon ungefragt über ihren Beziehungsstatus auf? Mit diesem einfachen Satz hatte ich ihm gerade mehr oder weniger zu verstehen gegeben, dass ich ihn attraktiv fand.
Meine Wangen färbten sich Rosa und Spannung lag wie ein unsichtbares Feld zwischen uns in der Luft. Mein Atem kam nur noch stoßweise und ich bekam weiche Knie. Ich konnte den Blick nicht von ihm abwenden. Einige Sekunden lang sahen wir uns einfach nur an und ich war mir absolut sicher, dass auch er das Prickeln, das in der Luft lag, spüren musste.
Es konnte gar nicht anders sein.
Völlig unerwartet musste ich darüber nachdenken, wie es wohl wäre, ihn zu küssen, seine Lippen auf meinen zu spüren. Sofort schämte ich mich für diese Gedanken, doch ich konnte sie nicht mehr beeinflussen. Logan richtete sich gerade zur vollen Größe auf und öffnete die Lippen, als wollte er etwas sagen. Sicher um diesen peinlichen und gleichzeitig intimen Moment zu beenden. Doch bevor er das tun konnte, unterbrach ich im nächsten Moment unseren Blickkontakt und verließ fluchtartig den Raum.
Kapitel 7
Ich ignorierte Poppys Rufe hinter mir und durchquerte mit schnellen Schritten die Schulflure. Als ich durch die schweren Türen der Aula nach draußen trat, bekam ich endlich wieder Luft und stellte mich unter den kleinen Dachvorsprung des Eingangs, um mich vor dem Regen zu schützen. Wie immer hatte ich die komplette Zeit in Logans Klassenraum das Gefühl gehabt, nicht mehr richtig atmen zu können. Mein Herz hatte wie verrückt geklopft und meine Hände regelrecht gezittert.
Es war zu spät. Ich konnte mir nichts mehr vormachen. Ich fühlte mich unweigerlich zu Logan Black, meinem Lehrer, hingezogen. Ich konnte mich nicht dagegen wehren. Wenn ich ihn ansah, verlor ich mich in den Tiefen seiner Augen und meine Gefühle begannen verrückt zu spielen. Wie sollte ich diese Reaktion bloß ignorieren? Es war schier unmöglich. Noch nie zuvor hatte ich so heftig auf jemanden reagiert.
Mir diese Empfindungen endlich einzugestehen, statt die ganze Zeit gegen sie anzukämpfen, war auf gewisse Art und Weise befreiend und beängstigend zugleich. Denn ich musste der Tatsache ins Auge blicken und mir in Erinnerung rufen, dass aus diesen Gefühlen niemals etwas entstehen durfte. Logan war mein Lehrer. Zwar sprachen viele seiner Taten eine andere Sprache und ich konnte mir nicht vorstellen, dass er diese starke Anziehung wenige Augenblicke zuvor in seinem Klassenzimmer nicht auch gespürt hatte, doch selbst wenn, was sollte er schon an einem achtzehnjährigen Mädchen finden? Sicherlich war Logan sehr viel älter als ich, was bedeutete, dass ich mir diese Schwärmerei schleunigst aus dem Kopf schlagen musste. Mal ganz abgesehen davon, dass er neuerdings ein Freund meines Bruders zu sein schien und gleichzeitig mein Lehrer war, was es nahezu unmöglich machte, ihm aus dem Weg zu gehen.
Einerseits waren da diese Momente, in denen ich tatsächlich das Gefühl hatte, dass Logan ähnlich empfand. Beispielsweise, als wir uns zum ersten Mal begegnet waren und er mir anschließend meinen Roman zurückgegeben hatte. Manchmal, aber nur ganz kurz, da tauchte so ein Ausdruck in seinen Augen auf.
Andererseits aber war es gut möglich, dass ich mir all das nur einbildete.
Doch schlussendlich war es egal, wie ich es drehte und wendete, Logan Black war mein Lehrer und ich musste dieser Schwärmerei ein Ende setzen.
Ich hörte, wie die Tür hinter mir geöffnet wurde und fuhr erschrocken herum. Hinter mir stand Poppy. Sie bedachte mich mit einem forschenden Blick. Für kurze Zeit schauten wir uns einfach nur an und es kam mir vor, als würde sie meine Gedanken lesen. Es fühlte sich an, als bestand zwischen uns ein unsichtbares Band, über das wir ohne Worte kommunizieren konnten. Langsam trat sie näher und gesellte sich zu mir. Ihre Augen ruhten einige Sekunden lang in der Ferne und gemeinsam genossen wir die Melodie des prasselnden Regens, der die Erde mit Wasser tränkte.
Jeder von uns hing seinen eigenen Gedanken nach und dennoch genossen wir die Anwesenheit des anderen, genossen es, nicht alleine zu sein. Das Wissen, dass es jemanden gab, der immer für einen da war, war unbezahlbar. Ich wusste, dass ich niemals eine bessere Freundin als Poppy finden würde. Zwar war Poppy manchmal etwas durchgeknallt und nicht ganz bei Sinnen, aber gerade diese verrückten Eigenschaften und ihr aufgewecktes Wesen machten sie so einzigartig.
Ich spürte, dass sie mich wieder ansah und erwiderte ihren Blick. Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Es war dieses Lächeln, das sie immer zeigte, wenn sie mal wieder eine völlig irre Idee hatte oder etwas ausheckte. Meine Vermutung bestätigte sich, als sie einige Schritte nach vorn ging, raus aus dem Schutz des Dachvorsprungs und hinein in den Regen.
»Poppy? Was machst du da?«, rief ich, als sie sich einige Meter von mir entfernt hatte. »Komm zurück, es regnet in Strömen!«
Doch Poppy ignorierte meine Rufe und lief weiter hinaus. Plötzlich drehte sie sich zu mir um und das Grinsen auf ihrem Gesicht wurde breiter.
»Ich weiß.«
Die Regentropfen begannen langsam aber sicher ihre Kleidung zu durchnässen. Ihre grauen Locken lösten sich nach und nach und die nassen Strähnen klebten an ihren Wangen. Und dann, einfach so, begann sie zu tanzen. Sie streckte die Hände aus und begann sich im Regen zu drehen, sprang in Pfützen und hüpfte auf und ab wie ein kleines Kind.
Ihre Augen leuchteten und das Lächeln auf ihren Lippen wurde immer breiter, während der Regen sie komplett durchnässte. Die Kleider hafteten ihr auf der Haut und die nassen Strähnen wirbelten um ihren Kopf.
Im ersten Moment dachte ich, dass sie völlig den Verstand verloren hatte und starrte sie an, als wäre sie von einer anderen Welt. Vielleicht war sie das auch. Doch nach einigen Sekunden sah ich es. Ich bemerkte den glücklichen Ausdruck auf ihrem Gesicht, den Spaß den sie dabei empfand. Poppy ließ los, sie war einfach nur sie selbst. Dieses Bild von ihr würde ich niemals vergessen. Sie wirkte so unendlich glücklich und unbeschwert. Es war wunderschön anzusehen.
Ich schüttelte den Kopf und konnte nicht glauben, was ich im nächsten Augenblick tat. Ich trat einen Schritt unter dem Dachvorsprung hervor und hob mein Gesicht. In den Himmel blickend genoss ich die Freiheit, die mich völlig unerwartet überkam. Einige Tropfen verfingen sich in meinen Wimpern und ich schloss die Augen, spürte wie der Regen nach und nach auch meine Haare und Kleidung durchnässte. Das Gefühl der kalten Regentropfen auf meiner Haut hatte etwas Befreiendes an sich. Sie vertrieben meine Grübeleien mit einem Schlag. Stattdessen breitete sich etwas anderes in mir aus.
Vollkommene Schwerelosigkeit.
Ich fühlte mich so frei und leicht wie ein Vogel, der durch die Lüfte schwebte oder wie die Regentropfen, die in diesem Moment von dem wolkenbehangenen, grauen Himmel rieselten.
Und dann begann auch ich mich im Regen zu drehen, tanzte und stimmte in Poppys lautes Lachen mit ein. Meine Haare flogen um meinen Kopf, Regentropfen rannen von meinen Strähnen herab und schwirrten durch die Luft. Die Kleider klebten mir wie eine zweite Haut am Leib.
Seit langer Zeit hatte ich mich nicht mehr so unbeschwert gefühlt, so federleicht. Mein Lachen wurde lauter und Poppy griff nach meinen nassen Fingern.
Hand in Hand tanzten wir gemeinsam durch den Regen, sprangen in die Pfützen, sodass das Wasser um uns herum aufspritzte und unsere Schuhe durchnässte. Wir benahmen uns wie Kleinkinder und ich konnte gar nicht mehr aufhören zu lachen. Ich lachte so sehr, dass mir der Bauch weh tat. In diesem Moment empfand ich solche Glücksgefühle, wie ich sie schon seit Ewigkeiten nicht mehr erlebt hatte.
∞
Nach unserem albernen Regentanz schwänzten Poppy und ich die restlichen Stunden und fuhren zu mir nach Hause. Nacheinander nahm jeder von uns beiden eine heiße Dusche, um unsere eingefrorenen Gliedmaßen wieder aufzutauen. Ich lieh Poppy frische Kleidung und zusammen kuschelten wir uns aufs Sofa, um einen Film anzuschauen.
Natürlich fiel die Wahl wie immer auf Iron Man. Wenngleich ich Marvel nicht viel abgewinnen konnte, Poppy war süchtig nach diesen Filmen. Sie futterte fast die ganze Schüssel Popcorn alleine auf und ich fragte mich, wo sie die ganzen Kalorien nur hin steckte. Niemand konnte so viel essen wie Poppy. Genauso war es mit dem Alkohol. Sie konnte alles Mögliche in sich hineinstopfen und nahm nicht zu.
Als der Film endlich ein Ende fand, schaltete ich erleichtert den Fernseher ab, während Poppy sich noch eine Weile darüber aufregte, dass ihre Eltern sie zwangen übers Wochenende nach Neah Bay zu ihren Großeltern zu fahren. Neah Bay war eine kleine Hafenstadt im Nordwesten Washingtons. Es war von dieser Sorte Kaff, wo jeder jeden kannte.
Also hielt sich Poppys Begeisterung auch dementsprechend in Grenzen. Nachdem wir noch ein wenig über alltägliche Dinge geplaudert hatten, nahm ihr Gesicht einen ernsteren Ausdruck an und sie sah mich ruhig aus ihren klaren, braunen Augen an. Sofort wusste ich, dass sie nun das Thema zur Sprache bringen würde, über das ich am allerwenigsten reden wollte.
»Drea«, setzte sie an und rückte ein Stück näher. »Ich weiß, dass du letzten Samstag nicht bei irgendeiner Freundin geschlafen hast und ich weiß auch, dass ein gewisser Englischlehrer mit in dem Club war. Mir ist nicht entgangen, wie du vorhin aus seinem Klassenraum geflüchtet bist. Ich kann eins und eins zusammenzählen«, sie hielt kurz inne und legte ihre Hand auf meine. Ich senkte den Blick, da ich nicht wusste, wie ich reagieren sollte.
»Es ist okay, wenn du nicht darüber reden möchtest. Aber du sollst wissen, dass du mir alles erzählen kannst. Ich bin immer für dich da. Jederzeit.«
Ihre einfühlsamen Worte beruhigten mich sofort und ich erwiderte ihr warmes Lächeln. Sie drängte mich also nicht dazu, über letzten Samstag zu reden. Das rechnete ich ihr hoch an. Zwar klang das so ganz und gar nicht nach dem kleinen, naseweisen Wirbelsturm namens Poppy, doch wenn ich absolut nicht über etwas sprechen wollte, hatte sie Verständnis dafür. Ich wusste auch gar nicht, was ich ihr sagen sollte. Ich verstand diese ganze Situation ja selbst nicht einmal. Meine Reaktion auf Logan Black war mir ein Rätsel.
»Danke Poppy, das bedeutet mir viel«, ich drückte ihre Hand.
»Ich bin eben die Beste«, sie zuckte nur mit den Schultern, schnappte sich wieder die Schüssel mit dem Popcorn und stopfte sich eine weitere Handvoll in den Mund. Ja, Poppy war wirklich die Beste.
»Hm, da wäre aber noch etwas, Drea«, brachte sie zwischen zwei Bissen hervor. »Du würdest es mir ja sagen, wenn Mr Black genauso gut küsst, wie er aussieht, oder?«, das altbekannte Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Und da war sie wieder, die alte Poppy. Ich rollte mit den Augen und griff nach dem nächstbesten Kissen, welches ich ihr direkt ins Gesicht donnerte. Poppys Kichern wurde durch das Kissen erstickt und auch ich konnte mir ein Grinsen nicht mehr verkneifen.
»Du bist unmöglich, weißt du das?«, lachend schüttelte ich den Kopf. Poppy stand grinsend auf und fegte sich ein paar Krümel von der Hose. Ich erhob mich ebenfalls und brachte sie noch zur Tür. Bevor sie allerdings hinausging, drehte sie sich nochmal zu mir um.
»Timmy und ich gehen heute Abend ins Barney’s. Wenn du Lust hast mitzukommen, dann holen wir dich so gegen sieben Uhr ab.«
Das Barney’s war eine Art Café für Jugendliche, der angesagteste Treffpunkt für Leute in unserem Alter. Der perfekte Ort, um mit Freunden abzuhängen, einen kleinen Happen zu essen und über die neusten Gerüchte zu quatschen. Vor dem Unfall meiner Mom vor zwölf Wochen hatte ich mich dort beinahe jeden Abend mit Poppy, Timmy und Danny getroffen.
War ich denn schon bereit dazu, wieder ins Barney’s zu gehen? Ich würde den anderen aus meiner Schule begegnen, womöglich auch Danny. Auf ihn hatte ich am allerwenigsten Lust. Ich war verunsichert. Einerseits würde mir etwas Ablenkung nicht schaden, um mich von meinen ständigen Grübeleien über Logan Black abzubringen und um etwas Zeit mit meinen Freunden verbringen zu können.
Andererseits hatte ich dadurch wieder dieses merkwürdige Gefühl, als würde ich zu meinen alten Normen zurückkehren und den Tod meiner Mom verleugnen. Ich konnte doch nicht einfach ganz normal weiter machen, als hätte es den Unfall nie gegeben, als hätte es Mom nie gegeben... Das konnte ich nicht.
»Ich weiß nicht…«, unschlüssig sah ich auf meine Füße.
»Wie du magst, überleg es dir. Wir würden uns wirklich freuen, wenn du mal wieder mitkommst.«
Poppy verabschiedet sich mit einem Lächeln und ich schloss die Tür hinter ihr. Als sie wegfuhr trottete ich nach oben in mein Zimmer und wusste nicht so recht, was ich mit mir anstellen sollte. Ich warf einen Blick auf die Uhr. Es war kurz nach drei. Also beschloss ich für Dad und Lukas schon einmal etwas zu kochen. Ich machte mich an die Arbeit und stellte das Gericht anschließend kalt.
Ich schloss gerade die Tür des Kühlschranks, als ich das gedämpfte Vibrieren meines Handys wahrnahm. Ich hatte es völlig vergessen. Noch immer befand es sich in meiner Tasche, die Logan mir heute zurückgegeben hatte. Ich kramte das Gerät heraus und erschrak. Ich hatte sechzehn Anrufe in Abwesenheit. Allerdings waren sie noch von gestern, als ich bei Logan gewesen war und niemand gewusst hatte, wo ich mich aufhielt. Die Anrufe waren hauptsächlich von Dad, ein paar von Lukas und Poppy und … Danny.
Weshalb hatte er versucht mich gestern anzurufen? Plötzlich erinnerte ich mich daran, dass er heute Morgen etwas in der Richtung erwähnt hatte. Und tatsächlich, er hatte es insgesamt drei Mal auf meinem Handy versucht. Wieso tat er das? Ich verstand Danny einfach nicht. Er hatte die Beziehung mit der Begründung beendet, dass er mich nicht mehr lieben würde. Nach dem Tod meiner Mom hatte er mir zwar immer mal wieder geschrieben und versucht mich anzurufen, doch ich hatte auf keinen seiner Kontaktversuche reagiert.
Ich kam nicht dahinter, was er damit bezweckte. Vielleicht versuchte er ja unsere Freundschaft aufrechtzuerhalten? Aber selbst wenn das seine Beweggründe waren, so war es doch selbstverständlich, dass man nach einer Trennung erst einmal etwas Abstand brauchte, oder nicht? Wie auch immer, Danny konnte mir gestohlen bleiben.
Ich löschte seine Anrufe und checkte die SMS, die eben eingegangen war. Sie war von Poppy. In der Nachricht stand, dass sie mein Nicht-Bescheid-sagen als Zusage wertete und mich mit Timmy heute Abend um sieben abholen würde. Natürlich hätte ich absagen können, aber aus irgendeinem Grund tat ich es nicht. Ich hatte heute Morgen so viel Spaß mit Poppy gehabt, ihre Nähe tat mir gut und ich wollte nicht, dass dieser Tag schon zu Ende war.
Also gab ich ihr mein okay und wollte mich gerade nach oben begeben, als ich das Umdrehen eines Schlüssels vernahm. Dad und Lukas kamen von der Arbeit nach Hause. Anstatt nach oben zu gehen, begrüßte ich die beiden und beschloss gemeinsam mit ihnen eine Kleinigkeit zu essen.
»Wo ist eigentlich Mia?«, fragte ich, als mir auffiel, dass Dad ohne sie gekommen war.
»Sie ist nach dem Kindergarten noch mit zu Lucy nach Hause. Ich hole sie später dort ab«, erwiderte Dad, als er seine Post öffnete.
»Ich gehe heute Abend mit Poppy und Timmy ins Barney’s.«
Dad hielt mitten in der Bewegung inne und sah mich erstaunt an.
»Das ist eine wunderbare Idee, Drea«, sein Gesichtsausdruck hellte sich sofort auf und mit einem Mal schien er viel fröhlicher als zuvor.
Nach dem Essen ging ich nach oben und machte mich fertig. Zwischenzeitlich vernahm ich Dads Wagen im Hof starten, wahrscheinlich um Mia bei ihrer Freundin abzuholen. Kurz darauf hörte ich draußen auch schon das vertraute Hupen von Timmys Wagen. Ich schnappte mir meine Tasche und eilte die Treppe herunter zur Haustür.
»Viel Spaß«, rief mir Lukas noch von der Küche zu, bevor ich das Haus verließ und durch den Regen zu Timmys blauen Chevrolet sprintete. Ich ließ mich auf die Rückbank sinken und begrüßte die beiden. Sie drehten sich zu mir herum. Auf Poppys Gesicht lag wie immer ein Grinsen. Timmy dagegen musterte mich grimmig und griff daraufhin in seine Hosentasche. Er zog ein paar Dollarscheine hervor und klatschte sie in Poppys Hand.
»Ich habe doch gesagt, dass sie mitkommt«, Poppy kicherte, während sie das Geld in ihrem Portemonnaie verstaute. Ich schnaubte verärgert. Das durfte doch nicht wahr sein. Schon wieder hatten sie über mich gewettet.
»Leute«, seufzend hob ich die Hände. »Was soll das? Ich habe euch gesagt, dass ihr damit aufhören sollt. Keine weiteren Wetten mehr über mich.«
Timmy ignorierte meine Einwände und startete den Wagen, während Poppy nur vor sich hin grinste und irgendwelche Muster an die beschlagenen Scheiben malte.
Ich lehnte mich zurück in den Sitz und horchte nur mit halbem Ohr bei Poppys und Timmys Diskussionen zu. Nach einigen Minuten Fahrt kam der Wagen endlich zum Stehen. Ich schnappte mir meine Tasche und stieg aus. Als Poppy ebenfalls aus dem Wagen herauskletterte, fiel mein Blick auf die Scheibe der Beifahrerseite, wo sie zuvor noch kleine Muster gemalt hatte. Doch erst jetzt erkannte ich, was sie wirklich gezeichnet hatte.
D + L
Verärgert schüttelte ich den Kopf. Poppy benahm sich manchmal wirklich wie im Kindergarten. Ich ließ meinen Blick über den Parkplatz schweifen. Wie es das Schicksal wollte, stand dort Dannys Auto, einige Parkplätze von unserem entfernt. Dieser Abend versprach ja heiter zu werden. Warum war ich nicht doch lieber zuhause geblieben? Ich atmete tief ein und wieder aus, dann folgte ich Poppy und Timmy zum Eingang, der aus einer schweren Glastür bestand. Drinnen stieg mir sofort der Duft von Kaffee und Essen in die Nase.
Direkt gegenüber der Tür befand sich die Theke mit einigen Barhockern, die mit einem bereits abgewetzten, roten Leder überzogen waren. Links um die Kurve war der Sitzbereich. Überall im Raum verteilt standen kleine Tische, die ebenfalls von roten Ledersofas und Sesseln gesäumt wurden.
Die Wände waren mit einer warmen, weinroten Tapete überzogen, die perfekt mit dem dunklen Dielenboden harmonierte. Das Licht der alten Kronleuchter, die von oben herabhingen, war gedimmt und sorgte für eine gemütliche Atmosphäre. Am Ende des Raumes führten zwei Stufen nach oben in einen kleinen Bereich, wo zwei Billardtische und einige Spielautomaten für Beschäftigung und Spaß sorgten.
Das Ambiente des Barney’s hatte mir schon immer besonders gut gefallen. Das in die Jahre gekommene Café wirkte durch seinen antiken Stil zwar sehr altertümlich und doch zog es uns Jugendliche wie magisch an.
Danny hatte sich meistens in der Nähe der Billardtische herumgetrieben. Doch jetzt entdeckte ich ihn mit einigen unserer Mitschüler hinten in einer Ecke. Madison und eine ihrer Freundinnen saßen ebenfalls bei ihm am Tisch. Seit wann verstand er sich denn so gut mit ihr? Noch vor zwölf Wochen hatten sie kaum etwas miteinander zu tun gehabt.
Danny hob den Kopf, ebenso wie einige anderen, offenbar hatten sie die Türklingel läuten gehört. Seine schokoladenbraunen Augen sahen auf und trafen direkt auf meine. Etwas flackerte in seinem Blick auf und mein Herz hüpfte kurz. Sofort sah ich weg und folgte Poppy und Timmy zu unserem Stammtisch, der meiner Meinung nach leider nicht weit genug von Danny entfernt sein konnte.
Ich ließ mich neben Poppy auf die durchgesessene, rote Ledercouch sinken, während Timmy den Sessel zu Poppys Rechten in Beschlag nahm. Es war eigentlich wie immer. Nur, dass diesmal Poppy diejenige war, neben der ich saß und nicht Danny. Es war ein merkwürdiges Gefühl, als würde ein Teil von uns fehlen. Aber mit diesen Veränderungen würde ich mich abfinden müssen.
Wir hatten kaum unsere Jacken ausgezogen, als auch schon Barney, der Inhaber des Cafés, mit einem breiten Lächeln an unseren Tisch geschlendert kam. Wie immer trug er eins seiner karierten Flanellhemden und eine weiße Schürze, unter der sich sein Bierbauch hervor wölbte. Sein immer schütter werdendes Haar kam mir um einiges grauer vor, als noch vor zwölf Wochen.
»Na wen haben wir denn da? Du lässt dich also auch mal wieder blicken?«, Barney klopfte mir liebevoll auf den Rücken und grinste mich über die Ränder seiner Brille hinweg an.
»Ich wusste, dass die Sehnsucht dich früher oder später wieder hierher verschlägt«, seine Lippen verzogen sich zu einem Schmunzeln. Schon als ich zum ersten Mal hier gewesen war, hatte ich Barney sofort ins Herz geschlossen. Er war ein lustiger und sympathischer, älterer Mann, der tief in seinem Innern jung geblieben war. Immer mal wieder erlaubte er sich einen Scherz mit uns jüngeren. Vielleicht war es auch Barneys hippe und lockere Art, die diesen Ort wie einen Zauber umgab und uns anlockte.
»Vergraul sie nicht gleich wieder, Barney. Ich musste sie zwingen mitzukommen«, erwiderte Poppy trocken, während sie kurz von ihrem Handy aufsah. Barney lachte leise, als er auch schon seinen Notizblock zückte.
»Was darf’s denn sein? Wie immer?«, er warf einen kurzen Blick in die Runde.
»Was denn sonst?«, Timmy grinste und Barney kritzelte etwas auf seinen Block, bevor er auch schon wieder hinter der Theke verschwunden war.
»Schreibst du mit meinem Bruder?«, fragte ich Poppy kurze Zeit später, da ich bemerkte, dass sie mit einem breiten Grinsen auf den Bildschirm ihres Handys starrte.
»Was?«, erschrocken sah sie hoch. »Unsinn!«
Sie lachte nervös und legte ihr Handy beiseite. Timmy hob eine Braue und warf mir einen vielsagenden Blick zu. Das Grinsen auf Poppys Gesicht war eindeutig gewesen.
»Fünf Dollar, dass sie mit Lukas geschrieben hat«, warf Timmy ein und studierte die neue Speisekarte, die auf dem Tisch lag.
»Hey! Ich bin deine Wettpartnerin!«, empört richtete Poppy ihre dunklen Augen auf Timmy und bewarf ihn mit den Erdnüssen, die auf dem Tisch in kleinen Schälchen standen. Nun ja, zumindest das hatte sich nicht verändert. Als Barney kurze Zeit später mit drei Colas und einem Behälter Nachos mit Käsesoße an unseren Tisch zurückkehrte, konnten Poppy und Timmy kaum an sich halten. Sie benahmen sich wie zwei ausgehungerte Tiere.
»Barney, ich liebe dich, ehrlich«, erwiderte Poppy und stopfte sich gleich zwei Nachos auf einmal in den Mund. Barneys Nachos waren aber auch wirklich lecker. Er bereitete sie selbst nach einem alten Familienrezept zu, das er für nichts und niemandem verriet.
»Ach Poppy, leider bist du mir etwas zu jung, sonst würde ich dich sofort heiraten«, theatralisch legte er sich eine Hand auf die Brust.
»So jung ist sie gar nicht mehr. Graue Haare hat sie jedenfalls schon mal«, gluckste Timmy belustigt zwischen zwei Bissen und erntete dafür eine weitere Erdnuss aus Poppys Richtung. Ich schmunzelte innerlich und griff ebenfalls nach einem Nacho. Barney ging zurück zur Theke und ließ mich mit Poppys und Timmys Futterneid alleine zurück. Es war jedes Mal dasselbe, wenn es ums Essen ging. Als fast alles aufgegessen war, stritten Poppy und Timmy sich wieder einmal darum, wer den letzten verbliebenen Nacho bekam. Nach einer ellenlangen Diskussion und Handgemenge der beiden, entschied ich mich, ihrem Streit ein Ende zu bereiten.
Entgeistert sahen Poppy und Timmy zuerst auf die leere Schüssel, dann auf mich.
»Was denn?«, unschuldig blickte ich die beiden an. »Wenn sich Zwei streiten, freut sich der Dritte«, rechtfertigte ich mich. Poppy verzog das Gesicht und diesmal war ich diejenige, die eine fliegende Erdnuss von ihr erntete.
»Ich bereue es jetzt schon, sie mitgenommen zu haben«, brummte sie.
»Ganz deiner Meinung«, pflichtete Timmy ihr bei und nippte an seiner Cola. Grinsend griff ich ebenfalls nach meinem Glas. Gerade als ich einen Schluck trinken wollte, erschien Danny wie aus dem Nichts vor mir. Ich verschluckte mich beinahe und sah ihn erstaunt an.
»Hey, Drea.«
Noch ehe ich etwas sagen konnte, ergriff Poppy das Wort.
»Danny, was willst du?«, fauchte sie neben mir und starrte ihn böse an.
»Ich darf ja wohl noch mit ihr reden«, wütend erwiderte er ihren Blick. In diesem Moment begriff ich, dass irgendetwas mit den beiden nicht stimmte. Letztens in der Schule schon waren sie so seltsam miteinander umgegangen. Weshalb verhielten sie sich derart feindselig? Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Dannys Beziehungsaus der einzige Grund für ihren Hass aufeinander war. Da musste noch irgendetwas anderes vorgefallen sein. Nicht einmal ich hatte einen solchen Zorn auf Danny, wie er sich nun in Poppys Augen widerspiegelte. Danny richtete seine Aufmerksamkeit nun wieder auf mich und sofort nahm sein Gesicht sanftere Züge an.
»Kann ich mich setzen?«, fragte er und nahm ohne meine Antwort abzuwarten, auf dem Sessel neben mir Platz. Jetzt waren wir alle wieder zusammen, wie früher. Eigentlich sollte ich mich wohl fühlen und mich freuen, doch ich tat es nicht. Unbehagen machte sich in mir breit. Ich fühlte mich nicht mehr wohl in seiner Nähe. Seltsamerweise wünschte ich mir sogar, er würde einfach wieder verschwinden.
»Was soll das Danny?«, ich hatte es satt, ständig mit ihm reden zu müssen. Ich wollte endlich etwas Abstand zu ihm gewinnen. Abstand, den er mir einfach nicht gewillt war zu geben. Und so kam es, dass ich meinem Ärger schlicht und ergreifend Luft machen musste, die Worte purzelten nur so aus mir heraus.
»Du hast Schluss gemacht und jetzt suchst du wieder den Kontakt zu mir? Was erwartest du? Dass ich sofort darüber hinweg bin und wir wieder beste Freunde werden?«, ich schüttelte den Kopf, während ich mit dem Strohhalm energisch die Eiswürfel in meiner Cola umrührte.
»Hör zu«, begann Danny und suchte meinen Blick. »Können wir das vielleicht woanders besprechen?«, er warf einen Seitenblick auf Poppy, die ihn mit unverhohlener Abscheu musterte.
»Nein, können wir nicht. Sag, was du zu sagen hast oder lass es.«
Es war mir egal, ob Poppy und Timmy diesem Gespräch beiwohnten. Im Gegenteil, es war mir sogar lieber, unter keinen Umständen wollte ich alleine mit Danny sein. Er seufzte und kratzte sich am Hinterkopf.
»Na schön. Ich…«, er schien nach den richtigen Worten zu suchen und ließ seinen Blick durch den Raum gleiten, als wäre die Antwort dort irgendwo versteckt.
»Ich habe einen Fehler begangen… Ich vermisse dich so sehr«, er senkte den Blick, bevor er fortfuhr. »Ich will dich zurück, Drea.«
Für ein paar Sekunden fehlte mir die Sprache. Mir stockte regelrecht der Atem, während mein Herz sich zu überschlagen schien. Unsicherheit breitete sich in mir aus und ich konnte kaum glauben, was er gerade gesagt hatte. Natürlich war mir der Gedanke, dass Danny es womöglich bereute, Schluss gemacht zu haben, in den letzten Tagen schon öfter gekommen.
Es würde jedenfalls sein merkwürdiges Verhalten erklären, die ständigen Anrufe, die Eifersucht, als er mich in Logans Wagen gesehen hatte. Doch es war nur eine vage Vermutung gewesen und niemals hätte ich damit gerechnet, dass sich diese Vermutung bestätigen würde. Noch vor ein paar Wochen hätte ich mir nichts sehnlicher gewünscht, als Danny zurück zu bekommen, hatte mich nach seiner Nähe und den vertrauten schokoladenbraunen Augen gesehnt.
Aber jetzt? Wie dachte ich jetzt darüber? Ich mochte Danny noch immer sehr. Das Ende einer zweijährigen Beziehung steckte man nicht so leicht weg. Das tat niemand. Viele Erinnerungen und Erlebnisse waren mit einer solchen Beziehung verbunden, gute sowie auch schlechte. Die Frage jedoch war, ob ich es noch einmal mit ihm versuchen wollte?
Noch während ich darüber nachdachte, merkte ich, dass ich es mir nicht mehr vorstellen konnte, wieder mit Danny zusammen zu sein. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, woher diese Einstellung rührte. Vielleicht lag es an meinen noch unergründeten Gefühle, die ich für Logan Black hegte oder aber schlicht und ergreifend daran, dass ich mich mit dem Gedanken abgefunden hatte, dass es zwischen Danny und mir vorbei war.
Und als ich nun in Dannys dunkle Augen sah, überkam mich plötzlich das Gefühl, als wäre nun ich diejenige, die sein Herz brach.
»Danny…«, ich öffnete den Mund und wollte etwas sagen, aber es kam kein Ton über meine Lippen. Mir fehlten die Worte.
»Nein Drea«, Poppy hinter mir ergriff das Wort. Sie schäumte nur so vor Wut. »Lass dich bloß nicht wieder auf ihn ein! Er hat dich hintergangen«, zischte sie zornerfüllt.
Poppys Aussage überraschte mich.
Er hat dich hintergangen.
Was wusste Poppy, das ich nicht wusste? Mich beschlich immer mehr das Gefühl, dass sie etwas vor mir verheimlichte.
»Was meinst du damit?«, fragte ich spitz und beäugte sie argwöhnisch.
Es musste eindeutig mehr hinter Poppys Hass auf Danny stecken. Was war zwischen den beiden nur vorgefallen, das sie mir verschwieg?
Poppys wich meinem Blick schuldbewusst aus. Also spähte ich auffordernd zu Danny rüber. Auch aus seinem Gesicht war alle Farbe gewichen war. Er sah aus, als hätte er ein Gespenst gesehen. Selbst Timmy konnte mir nicht in die Augen sehen. Mit einem Mal fühlte ich mich wie der letzte Idiot. Offenbar wussten alle Bescheid.
Nur ich wusste nichts.
»Okay Leute, was ist hier los?«, Wut schwang in meiner Stimme mit und ein ungutes Gefühl braute sich in meinem Innern zusammen.
»Gott, jetzt spuckt es doch einfach aus. Sie hat ein Recht darauf, es zu erfahren«, Madison Lively tauchte hinter Danny auf. Mit verschränkten Armen kam sie hinter ihm zum Stehen und hob eine ihrer perfekt gezupften Augenbrauen. Missbilligend starrte sie auf mich nieder. Was zum Henker hatte jetzt auch noch Madison damit zu tun? Verwirrt begegnete ich ihrem Blick und ließ dann meine Augen durch die Reihe wandern, bis sie an Poppy hängen blieben.
»Poppy?«, versuchte ich es erneut, wobei meine Stimme beinahe schon einen flehenden Tonfall annahm. Poppy räusperte sich und richtete ihren trotzigen Blick auf Danny.
»Ich denke, das sollte er dir erklären.«
»Da gibt es gar nichts zu erklären«, schoss Danny hervor und erdolchte Poppy mit einem Blick.
»Na schön, dann sag ich es ihr eben«, Madison seufzte und richtete ihren stechenden Blick direkt auf mich. »Dein toller Freund hier«, sie deutete mit dem Finger auf Danny, der mit einem Mal leichenblass wurde, »hat nur mit dir Schluss gemacht, weil du ihn nicht rangelassen hast. So jetzt ist es raus«, ein gehässiges Lächeln huschte über ihre Züge, als sie sich abwandte.
»Ach und übrigens, du hast was verpasst, er hat es echt drauf«, mit einem boshaften Grinsen wandte sie sich ab und ging zu ihren Freunden zurück, die das ganze Geschehen offenbar gespannt verfolgt hatten. Eine ganze Weile saß ich da und starrte auf den Fleck, an dem Madison eben noch gestanden hatte. Erst dann registrierte ich den Sinn ihrer Worte. Ich fühlte ein Stechen in meiner Brust. Schmerz übermannte mein Inneres, lähmte mich und ich hatte das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.