Kitabı oku: «Als Großvater im Jahr 1927 mit einer Bombe in den Dorfbach sprang, um die Weltrevolution in Gang zu setzen»

Struktur
1 Titelseite
2 Impressum
3 Inhaltsverzeichnis
4 Textanfang
5 Seitenzahlen im gedruckten Buch
Inhalt
1 Kapitel 1
2 Kapitel 2
3 Kapitel 3
4 Kapitel 4
5 Kapitel 5
6 Kapitel 6
7 Kapitel 7
8 Kapitel 8
9 Kapitel 9
10 Kapitel 10
11 Kapitel 11
12 Kapitel 12
13 Kapitel 13
14 Kapitel 14
15 Kapitel 15
16 Kapitel 16
17 Kapitel 17
18 Kapitel 18
19 Kapitel 19
20 Kapitel 20
21 Kapitel 21
22 Kapitel 22
23 Kapitel 23
24 Kapitel 24
25 Kapitel 25
26 Kapitel 26
27 Über den Autor
28 Impressum
Kapitel 1
Großvater schwamm den Dorfbach hinunter. Mit einer Bombe in seinem Koffer und dem festen Glauben an die Weltrevolution stürzte er sich an einem warmen Tag im April des Jahres 1927 kopfüber in das Wasser und schoss wie ein Aal mit der Strömung bachabwärts. Das Wasser trug ihn über die rundgespülten Steine und über den Schlamm und den Morast und jede Art angeschwemmten Unrats, und viel schneller, als er es für möglich gehalten hatte, war das Dorf in weite Ferne gerückt, und das Sägewerk und die Kuhweiden und zuletzt auch die Sandgrube mit ihren wie Pyramiden aufgetürmten Kieshalden. Kilometer um Kilometer trieb er zwischen braunen, in der Sonne dampfenden Feldern und kühlen, schattigen Waldstücken auf den Fluss zu, mehrmals stieß er gegen tief herabhängende Äste und aus dem Wasser ragende Felsen, und der Bach schäumte und gurgelte und schleuderte ihn nach allen Seiten, aber Großvater presste den Koffer mit der Bombe fest an sich und dachte an Genosse Frank, der, obwohl er es fest versprochen hatte, nicht zurückgekommen war, und daran, dass die Welt eines Tages gerechter sein würde, aber nur dann, wenn man sich selbst nicht schonte und bereit war, etwas dafür zu tun.
Seltsamerweise dachte er auch an die Schlachtfeste vor dem ersten Frost im Herbst, an kalte Tage voller Bierdunst und Blut, und er fand es erschreckend, wie schnell ein eben noch quicklebendiges Schwein zu einer Brühwurst in einem Kessel auf einer Herdplatte wurde, zu etwas, worauf man Senf schmierte und es sich mit Sauerkraut und Salzkartoffeln schmecken ließ. Großvater war jemand, der sich unentwegt Gedanken machte, selbst dann, wenn er in einem ungeheuren Tempo durch ein Bachbett glitt. In Großvaters Kopf arbeitete es ständig. Nicht ausschließlich auf eine gesunde Art und Weise, das muss man zugeben. Manchmal, wenn er an die Befreiung der Menschheit dachte, verließ ihn ein großer Teil seiner Zurechnungsfähigkeit, und es konnte passieren, dass er die polizeiliche Anordnung von Intelligenz, die Besteuerung von Armut oder die Freigabe der Herstellung von Banknoten zu privaten Zwecken für einen geeigneten Weg hielt, die Ungerechtigkeit auf der Welt zu beseitigen. Auf die Idee, dass dieses Ziel auch mit einer gezielt gezündeten Bombe erreicht werden konnte, wäre er allerdings nie gekommen. Herbert, der im Dorf die Hühner schlachtete, hatte diesen Aspekt ins Spiel gebracht.
»Die Welt kann nur durch eine Revolution geändert werden«, hatte er eines Abends im Winter zu Großvater gesagt, »durch einen Aufstand der Armen gegen die Reichen. Die Menschenrechte müssen erkämpft werden. Erkämpft, hörst du? Mit Waffengewalt. So wie in Russland. Da hat es doch auch funktioniert!«
Draußen hatte ein eisiger Wind um das Haus geheult und der Regen war nach und nach zu Schnee geworden.
»Ich weiß nicht«, hatte Großvater geantwortet. »Ich würde es lieber mit einem Verbot von Dummheit versuchen.«
»Unfug«, hatte Herbert gesagt. »Ein Verbot von Dummheit ist dasselbe wie ein Verbot von Krankheiten. Dabei kommt nichts heraus. Außerdem gehört Dummheit zu den elementaren Menschenrechten! Wenn du die Dummheit verbietest, trete ich aus der Kommunistischen Partei aus, nur damit du es weißt!«
»Nun mach mal langsam«, hatte Großvater gesagt.
»Ist aber so«, hatte Herbert geantwortet. »Außerdem möchte ich wissen, wie du das machen willst!«
»Per Dekret«, hatte Großvater gesagt.
Der Wind war heulend unter die Schindeln auf dem Dach gefahren und hatte den nassen Schnee gegen die Fensterscheibe klatschen lassen, und die Dunkelheit hatte sich um das Haus geschnürt, und beide, Großvater und Herbert, hatten überdeutlich gespürt, wie wichtig es war, die Befreiung der unterdrückten Massen herbeizuführen.
»Per Dekret!« Herbert hatte mit dem Kopf geschüttelt. »Wenn du von hier aus ein Dekret erlässt, dann erfährt doch überhaupt niemand davon.«
»Aber wieso denn?«, hatte Großvater gemeint. »Zuerst hört es Egon, der Schweinezüchter. Der erzählt es Anton, dem Schreiner. Wenn es der Schreiner erfährt, dann erfährt es auch seine Schwester –«
»Wer?«, hatte Herbert gefragt.
»Sabine«, hatte Großvater gesagt. »Und wenn es Sabine weiß, dann wissen es auch Gisela, Franziska und Katharina. Ganz zu schweigen von Anita. Das verbreitet sich schon, keine Sorge!«
»Na klar«, hatte Herbert gemeint, »bis zur Dorfgrenze, und dann ist Schluss!«
»Hast du vielleicht eine bessere Idee?«, hatte Großvater gefragt, und seine Stimme hatte einen gereizten Tonfall angenommen.
»Und ob.« Herbert hatte seine auf der Tischplatte liegenden Hände gefaltet und sich zu Großvater herübergebeugt. »Mit einer Bombe«, hatte er dann geflüstert.
Großvater war ein Stück zur Seite gerückt und hatte Herbert ungläubig angesehen.
»Jetzt glotz nicht so«, hatte Herbert gesagt. »Glaub mir, so ist es einfacher. Man braucht nur eine Bombe in die Luft zu jagen. Der Knall ist wichtig, verstehst du? Von einer Bombe erfährt jeder. Mit einer Bombe fängt es an. Der Rest kommt von alleine. Es ist wie bei den Hühnern. Erst muss ich sie schlachten, dann kann ich sie essen.«
»Und du denkst, wenn hier im Dorf eine Bombe hochgeht, rüttelt das die ganze Welt auf?«, hatte Großvater gefragt.
»Nicht hier im Dorf.« Herbert hatte den Kopf geschüttelt. »Du stellst dich aber auch an! Bomben müssen in den Machtzentralen der herrschenden Klasse gezündet werden, meine Güte!«
»Na klar!«, hatte Großvater gerufen. »Endlich mal ein Vorschlag, der sich problemlos in die Tat umsetzen lässt! Weißt du was? Ich halte es für vernünftiger, die Dummheit zu verbieten!«
»Aber wie denn?«, hatte Herbert gefragt, und weil Großvater wie schon beim ersten Mal keine Antwort darauf gefunden hatte, war es bei dem Plan, eine Bombe in einem Zentrum staatlicher Macht detonieren zu lassen, geblieben.
Seitdem hatten sie an der Bombe gearbeitet. Den ganzen Winter hindurch hatten sie in einem Holzschuppen hinter Herberts Haus die unterschiedlichsten Materialien getestet. Lehm, Salz, Scheuermittel, Hühnerfutter. Und obwohl sie das Mischungsverhältnis ständig geändert und alles mit leicht brennbaren Utensilien wie Stroh und Papier angereichert hatten, war der große Knall ausgeblieben. Rein äußerlich hatte die Bombe wie eine Bombe ausgesehen, ein klein wenig auch wie eine stark deformierte Wärmflasche, was daran gelegen hatte, dass sie tatsächlich eine Wärmflasche als Gefäß für ihre hochexplosiven Mixturen verwendet hatten, aber das Ding hatte einfach nicht hochgehen wollen. Herbert war nahe daran gewesen, die Nerven zu verlieren.
»Ich weiß auch nicht. Hühner schlachten ist viel einfacher! Man packt sie an den Flügeln, legt sie auf den Holzstock und hackt ihnen, zack –«
»Hör auf! Ich will das nicht hören!«, hatte Großvater gesagt. »Die armen Tiere. Ich habe sowieso noch nie verstehen können, wie du ihnen so etwas antun kannst!«
Großvater fühlte mit der geschundenen Kreatur wie kein Zweiter, aber gleichzeitig arbeitete es, wie wir wissen, in seinem Kopf unentwegt, und als Folge dieser permanenten Denkarbeit war ihm eines Tages der Einfall gekommen, es doch einmal mit Benzin zu versuchen, und auch wenn es bedauerlich war, dass dabei der Schuppen abgebrannt war, hatten Herbert und er schon beim ersten Einsatz dieser Substanz einen überzeugenden Einblick in deren hohe Zündkraft gewinnen können.
»Ich sehe die Weltrevolution!«, hatte Herbert gebrüllt, als die Flammen den Dachstuhl zum Einsturz brachten. »Völker, hört die Signale!«
Und dann hatten beide aus sicherer Entfernung beobachtet, wie der Schuppen bis auf die Grundfesten herunterbrannte.
»Das wird die Massen in Bewegung setzen«, hatte Herbert gerufen, »das ist so was von sicher, darauf kannst du Gift nehmen!«
Großvater hatte es ein wenig leid um den Schuppen getan. Um die teergetränkten, schwarzen Bretter, um die Spinnweben über all dem Unrat und um das winzige Fenster aus Bruchglas, durch das die Dorfstraße und das Dach des Sägewerkes zu sehen gewesen waren. Beides hatte er natürlich auch nach dem Brand noch sehen können. Aber ohne das Fenster war es nicht das Gleiche gewesen. Durch das Fenster hatten die Straße und das Dach des Sägewerkes wirklicher, präziser gewirkt, durch das Fenster war man sich ihrer Existenz sicherer gewesen. Sein Bedauern über den Verlust des Schuppens hatte Großvater allerdings für sich behalten. Weil es der revolutionären Stimmung des Augenblicks nicht zuträglich gewesen wäre. Schließlich war beiden, Herbert und ihm, klar geworden, dass sie in diesem Moment den Anfang einer Zeitenwende miterlebten. Den Beginn einer gerechteren und besseren Welt. Deswegen hatten sie dann auch eine ganze Weile kein Wort mehr sagen können. Sie hatten nur in das Feuer gestarrt, schweigend, beeindruckt, ergriffen.
Als Erster hatte schließlich Herbert seine Stimme wiedergefunden. »Meine Fresse, kannst du dir vorstellen, wie die sich einscheißen werden? So ein Feuerwerk an der richtigen Stelle, und die kippen um wie die Fliegen!«
»Wer sind die?«, hatte Großvater gefragt.
»Die Bonzen«, hatte Herbert geantwortet, »das Großkapital.«
»Ach die«, hatte Großvater gesagt. »Klar, wer sonst.«
»Eben.« Herbert hatte durch das Starren in die Glut ganz rote Augen bekommen. »Und denen werden wir es zeigen! Die machen wir fertig, gar keine Frage!«
»Na, ich weiß nicht …«, hatte Großvater gemeint.
»Aber ich!«, hatte Herbert geschmettert. »Mach dir keine Gedanken. Vertrau mir einfach, ich habe die Sache im Griff!«
»Klingt gut«, hatte Großvater gesagt. Aber wenn er ehrlich war, hatte es für ihn überhaupt nicht gut geklungen. Kein bisschen, nicht die Spur gut, wenn er sich nichts vormachen wollte.
Trotzdem waren sie, ermutigt vom geglückten Abbrennen des Schuppens, von einer Versuchsreihe zur nächsten übergegangen. Am Ende des Winters, nach gewaltigen Detonationen durch das Beimischen von Düngemittel und Backpulver, hatten sie die Überzeugung gewonnen, die Bombe nicht länger perfektionieren zu müssen.
»Jetzt haben wir, was wir brauchen«, hatte Herbert an einem kalten Abend im März zu Großvater gesagt. »Du solltest dich so schnell wie möglich auf den Weg machen!«
»Ich?«, hatte Großvater gefragt.
»Wer denn sonst? Ich komme dafür nicht infrage! Die Hühner schlachten sich schließlich nicht von selbst! Ich dachte, das wäre klar.«
Herbert hatte breitbeinig vor der Tür des Hühnerstalles gestanden und die Bombe langsam von der rechten in die linke Hand gleiten lassen und dann wieder zurück.
»Und was ist mit meiner Arbeit?«, hatte Großvater ein wenig heftiger, als man es von ihm gewohnt war, eingeworfen.
»Ja, kapierst du das denn nicht?«, hatte Herbert gerufen. »Wenn jeder nur an sich selber denkt, wird das nie was mit der Revolution! Du darfst die große Sache nicht aus den Augen verlieren! Das Erkämpfen des Menschenrechtes!«
»Ach nee«, hatte Großvater gesagt.
»Du solltest stolz darauf sein, es machen zu dürfen!«, hatte ihn Herbert ermuntert.
»Klar«, hatte Großvater gesagt.
»Ich an deiner Stelle wäre unheimlich stolz!«, hatte Herbert bekräftigt.
»Aber sicher«, hatte Großvater gesagt.
»Stolz«, hatte Herbert wiederholt.
»Schon gut!«, hatte Großvater gesagt.
Daraufhin hatte Herbert nur verständnislos den Kopf geschüttelt, Großvater mit riesengroßen Augen angesehen und so etwas gesagt wie: »Denkst du vielleicht auch mal an das Fahrrad?«
Kapitel 2
Das mit dem Fahrrad verhielt sich folgendermaßen: Großvater und Herbert waren befreundet. Schon als Kinder waren sie im Sommer über die gelben Felder gerannt und im Winter über die an den Straßen aufgetürmten Schneehaufen geklettert. Sie hatten Milch in einer Blechkanne von den Bauern geholt und Holz zum Heizen aus dem Wald. Sie hatten gesehen, wie Egon, der Schweinezüchter, Anita geküsst hatte und Anita Anton, den Schreiner, und auch wie Egon Anton geküsst hatte und wie Herr Gerstner, der Besitzer des Sägewerkes, seinen Hund verprügelt hatte, bis der winselte, nur weil Anita ihn nicht küssen wollte. Sie waren beim Begräbnis des Pfarrers und beim Begräbnis des Totengräbers dabei gewesen und auch, als der Schuhmacher tobsüchtig wurde und mit einem Reitstiefel auf seine Frau losgegangen war. Sie hatten nachts das weiße Licht des Mondes auf den Hügeln gesehen und auch, wie der Sturm an einem Nachmittag im Frühling alle Blätter von den Bäumen gerissen hatte. Alles, was es in einem Dorf wie ihrem zu entdecken gab, hatten sie gemeinsam entdeckt. Das war nicht übermäßig viel und, abgesehen vom Begräbnis des Pfarrers und des Totengräbers, wiederholten sich die meisten Begebenheiten mehrmals im Jahr. Deswegen hatten Großvater und Herbert häufig stundenlang gelangweilt auf der Wiese gelegen, über die zum Trocknen aufgehängte Wäsche hinweg in den blauen Himmel gestarrt und von einem Fahrrad geträumt.
»Mit einem Fahrrad könnten wir jetzt sonst wo sein«, hatte Herbert sinniert.
»Ein Fahrrad wäre die Rettung«, hatte Großvater geantwortet.
»Mit einem Fahrrad wäre ich in null Komma nichts weg!«, hatte Herbert weiter ausgeführt.
»Wenn es auf der Welt gerecht zugehen würde, hätten wir längst ein Fahrrad!«, hatte Großvater behauptet.
»Ja, wenn …«, hatte Herbert geseufzt.
Jetzt waren sie fast zwanzig und ein Fahrrad besaßen sie immer noch nicht. Aber es war etwas geschehen, das ihren Traum von einer gerechteren Welt und, damit einhergehend, einem Fahrrad in greifbare Nähe gerückt hatte. Denn eines Tages, Anfang des letzten Sommers, war ein Mann ins Dorf gekommen. Ein Mann auf einem Fahrrad. Er trug eine braune Lederjacke und eine schwarze Elbsegler-Mütze und ein rotes, um seinen Hals geknotetes Tuch, und er bremste sein Fahrrad, indem er bei voller Fahrt sein linkes Bein ausstreckte und in den Boden rammte. Das Fahrrad schleuderte in einem Halbkreis um ihn herum, wirbelte eine helle Staubwolke auf und kam schließlich zum Stehen. Noch nie hatten Herbert und Großvater gesehen, dass jemand so lässig sein Fahrrad gestoppt hatte.
»Meine Fresse!«, rief Herbert. »Der bremst wie Sau, oder?«
Großvater war genauso beeindruckt, vermochte seiner Begeisterung aber nicht so adäquat Ausdruck zu verleihen wie Herbert. Deswegen nickte er nur mehrmals, so lange, bis der Mann in der Lederjacke sein Fahrrad an einen Baum gelehnt hatte, zu ihnen herübergekommen war und »Tag, Genossen« gesagt hatte. Noch während er »Tag, Genossen« sagte, streckte er ihnen übrigens seine rechte Hand entgegen. Es war eine typische Fahrradfahrerhand, die bereits anfing, an einigen Stellen einem Sportlenker zu ähneln.
»Frank mein Name«, sagte er, »Genosse Frank!«
»Herbert«, sagte Herbert.
»Bruno«, sagte Großvater, denn er hieß Bruno, aber Genosse war er nicht, und das sagte er auch.
»Was? Ihr seid noch keine Genossen?«, rief der Mann mit den Sportlenkerhänden. »Das gibt’s doch gar nicht! Na, da wird es aber Zeit! Die Welt bleibt schließlich nicht stehen, Jungs! Wenn ihr den Anschluss nicht verlieren wollt, müsst ihr in die Partei eintreten!«
»Was denn für eine Partei?«, fragte Herbert.
»Ihr lebt hier wirklich hinterm Mond, was?«, fragte Genosse Frank. »In die Kommunistische Partei natürlich, was denn sonst?«
»Klar«, sagte Herbert, »die Kommunistische Partei. Ich bin aber auch ein Esel!«
»Alles halb so schlimm«, sagte Genosse Frank, »in die Partei könnt ihr zu jedem Zeitpunkt eintreten. Aber je schneller ihr euch dazu entschließt, desto besser!«
»Und warum sollten wir das tun?«, fragte Großvater.
»Um die Welt gerechter zu machen!«, rief Genosse Frank und ballte seine Fäuste, so wie er es seinerzeit im Spartakusbund gelernt hatte.
Herbert und Großvater sahen zuerst sich an und dann sahen sie zu Genosse Franks Fahrrad hinüber.
»Gerechter? Was meinen Sie damit?«, fragte Großvater.
»Was werde ich wohl damit meinen? Habt ihr etwa auch noch nichts von Gerechtigkeit gehört? Noch nichts von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit? Mensch Jungs, nun stellt euch doch nicht so an! Die Kommunistische Partei kämpft für eine Welt, in der alle gleich sind, gleich behandelt werden, gleich viel besitzen –«
»Also kurz gesagt: Fahrräder für alle?«, schlussfolgerte Herbert.
»So ungefähr. Die Lebensverhältnisse werden sich für euch entscheidend verbessern. Dafür steht die KP!«, verkündete Genosse Frank.
»Die KP?«, fragte Großvater.
»Kommunistische Partei«, sagte Genosse Frank.
»Das war doch klar!«, sagte Herbert.
»KP«, sagte Großvater. »Ich möchte wissen, was daran klar ist!«
»Also, was ist nun?«, fragte Genosse Frank. »Wollt ihr nun Mitglieder werden oder nicht?«
»Auf jeden Fall! Die Chance lassen wir uns nicht entgehen!«, rief Herbert.
»Denkst du wirklich?«, gab Großvater zu bedenken.
»Da überlege ich doch nicht lange! Was muss ich tun?«, jubelte Herbert.
Genosse Frank öffnete die oberen Knöpfe seiner Lederjacke und tastete in seiner Innentasche nach einem zusammengefalteten Formular. Als er es gefunden hatte, zog er es behutsam mit Daumen und Zeigefinger heraus. Er bückte sich, legte es auf den Boden und strich ein paar Mal über das Papier, um es zu glätten.
»Da!« Er zeigte auf eine noch unbeschriebene Zeile. »Name, Adresse und Unterschrift, und das war’s auch schon.«
»Mehr nicht?«, fragte Herbert.
»Nicht, dass ich wüsste«, sagte Genosse Frank.
»Stift?«, fragte Herbert.
»Ach ja, richtig«, sagte Genosse Frank, griff noch einmal in die Innentasche seiner Lederjacke, holte einen Füllfederhalter hervor und reichte ihn Herbert. Herbert schraubte den Verschluss ab und schrieb. Name, Adresse, Unterschrift.
»Gratuliere«, sagte Genosse Frank und schüttelte enthusiastisch Herberts Hand. Dann drehte er sich zu Großvater herüber und fragte: »Und was ist mit dir?«
Großvater war etwas unschlüssig. »Ich weiß nicht«, sagte er.
»Liegt dir etwa nichts daran, die Welt gerechter zu machen?«, fragte Genosse Frank.
»Doch, schon, natürlich. Was denn sonst?«, antwortete Großvater. »Das ist doch gar keine Frage!«
»Dann musst du dich der Partei anschließen«, sagte Genosse Frank. »Einer allein kann die Welt nicht verändern. Nur gemeinsam sind wir stark!«
Großvater gefiel es nicht, sich so schnell entscheiden zu müssen. Deswegen blickte er an Genosse Frank vorbei in den blauen Sommerhimmel, presste die Lippen aufeinander und sagte nichts. Genosse Frank ging leicht in die Hocke, beugte sich nach vorn und strich sich mit den Handflächen über die Seiten seiner Oberschenkel. Auf und ab, auf und ab.
»Ja oder nein?«, drängte er. »Ich habe schließlich nicht ewig Zeit!«
»Na los! Nun komm schon!«, rief Herbert.
»Du nervst!«, sagte Großvater.
»Na, was ist nun?«, fragte Genosse Frank.
Großvater zeigte keine Reaktion. Am Himmel, dort, wo er noch immer hinsah, tauchte eine Wolke auf, eine blasse, zigarrenförmige, sich extrem langsam bewegende Wolke. Das machte die Sache nicht leichter.
»Jetzt lass Genosse Frank doch nicht so lange warten! Das ist unhöflich, hörst du?«, gab Herbert zu bedenken.
Da blickte Großvater Herbert unendlich vorwurfsvoll an, zog das Papier zu sich herüber, nahm seinem Freund den Füllfederhalter aus der Hand, seufzte und unterschrieb. Widerwillig und nur, weil er nicht unhöflich sein wollte. So war er eben. Großvater trat aus Höflichkeit in die Kommunistische Partei ein. Das ist die Wahrheit. Alles, was später über seine politischen Anschauungen und Aktionen gesagt wurde, hat damit seinen Anfang genommen. Großvater war aus Höflichkeit Parteimitglied geworden, und Herbert, weil er ein Fahrrad wollte. Aber daran ist nichts ungewöhnlich oder verwerflich. Die meisten Revolutionen, mögen sie mit noch so komplizierten politischen Theorien unterfüttert sein, beruhen auf ganz einfachen menschlichen Eigenschaften wie Habgier und Naivität. Das macht sie so attraktiv für viele. Herbert betrachtete sich übrigens, bereits kurz nachdem er seinen Parteieintritt besiegelt hatte, als Fahrradbesitzer. Und als er wenig später den Hügel zur Straße hinunterging, bewegte er seine Beine auf dieselbe Weise wie Genosse Frank, wenn er in die Pedale trat.
Großvater, in dessen Kopf es, wie wir wissen, unentwegt arbeitete, begann darüber nachzudenken, was nun alles anders werden würde, jetzt, wo sie Genossen waren. Mit seiner Unterschrift hatte er einen Strich unter sein bisheriges Leben gemacht. Keine Frage. Kaum etwas würde so bleiben können wie bisher. Mit seiner Unterschrift hatte er sich verpflichtet, die Welt zu verändern. Das musste er jetzt irgendwie hinkriegen.
Was bin ich nur für ein Idiot, dachte Großvater. Hätte ich doch bloß nicht unterschrieben!
Dafür war es jetzt allerdings zu spät und die zigarrenförmige Wolke über ihm bedeckte mittlerweile die Hälfte des Himmels.
Bevor sich Genosse Frank wieder in den Sattel geschwungen hatte und mit dem Ruf »Das nächste Mal komme ich mit einem Motorrad!« um die nächstbeste Kurve geschossen war, hatte er Großvater und Herbert zwei Parteiausweise und ein Traktat überreicht. Dieses Traktat stellte ein kurzes, auf wenigen Seiten zusammengefasstes, leicht verständliches Kompendium der wichtigsten Regeln des Klassenkampfes dar. Eigentlich wusste man schon nach der Lektüre der ersten Seite alles: Die da oben mussten weg, und die da unten mussten dorthin, wo jetzt die da oben waren. Kampf den Bonzen. Mit allen Mitteln. Vorbereitung und Durchführung der Weltrevolution.
Weltrevolution?, fragten sich Großvater und Herbert. Was denn für eine Weltrevolution? Der Begriff haute sie beinahe um. Als Großvater und Herbert Weltrevolution lasen, hoben sie ihre Köpfe und sahen sich an. Der Begriff faszinierte sie derartig, dass sie ihn mehrmals Silbe für Silbe wiederholten. Welt–re–vo–lu–ti–on. Was für ein Wort! Als Großvater und Herbert zum ersten Mal mit der Weltrevolution konfrontiert wurden, waren sie völlig geplättet. Weltrevolution klang einfach unglaublich. Weltrevolution erzeugte sofort jede Menge Romantik. Man sagte Weltrevolution und schon lief ein ganzer Film voller Abenteuer und leidenschaftlicher Affären vor einem ab. Manchmal kam noch ein bisschen Dschungel dazu. Und ein paar wilde Tiere, Löwen, Schlangen und so. Die Weltrevolution beeindruckte Großvater und Herbert mehr als die Diktatur des Proletariats oder der Historische Materialismus. Die Weltrevolution und das Motorrad, von dem Genosse Frank gesprochen hatte. Beides hörte sich nach etwas Monumentalem an.
Die Begeisterung war ihnen noch anzusehen, als sie von Anita angesprochen wurden, von genau der Anita, die Egon und Anton geküsst hatte und Herrn Gerstner nicht und die sonst nie mit Großvater und Herbert sprach, sie nicht einmal bemerkte, um bei der Wahrheit zu bleiben. Anita war ganz zufällig vorbeigekommen. Aber »ganz zufällig« bedeutete natürlich: aus purer Neugier.
»Wer ist denn dieser gutaussehende Sportler gewesen?«, fragte sie und drehte eine Strähne ihres Haares um ihren Zeigefinger.
»Er heißt Frank und ist KP-Mitglied. Wie wir!«, gab Herbert an.
Anita nahm den Finger aus ihrem Haar, zog ihre Augenbrauen hoch und schaute Herbert direkt ins Gesicht. »Dass ihr in der KP seid, ist aber auch die einzige Gemeinsamkeit zwischen euch und ihm«, sagte sie und drehte ihren Kopf abrupt zur Seite. »Kommt der auch mal wieder?«
»Klar«, sagte Herbert.
»Schon bald?«, fragte Anita.
»Bestimmt«, sagte Großvater.
»Und wann genau?«, fragte Anita.
»Hat er nicht gesagt«, sagte Herbert.
Der Wind ließ ein trockenes Blatt über die Straße tanzen. Es wirbelte quer über die Fahrbahn, drehte sich um sich selbst, schoss ein Stück nach vorn und wurde vom nächsten Luftzug zurückgetragen. Großvater und Herbert kamen aus dem Staunen nicht heraus. Seit sie in der Kommunistischen Partei waren, lief es einfach großartig für sie. Nicht allein, dass die Welt von nun an gerechter werden und ihnen bald ein Fahrrad gehören würde – auf einmal sprach sogar Anita mit ihnen.
»In die Partei einzutreten war die beste Entscheidung unseres Lebens«, sagte Herbert.
»Abwarten«, sagte Großvater.
»Du wirst schon sehen«, sagte Herbert.
»Oder du«, sagte Großvater.
Das Blatt wirbelte noch immer über die Straße, es hob und senkte sich und schwebte schließlich bis weit hinunter ins Dorf.
»Ihr und die Partei!«, sagte Anita. »Ihr tut ja gerade so, als ob die ein Lotterie-Hauptgewinn wäre!«
»Na und?«, fragte Herbert.
»Ach nichts. Nur so«, sagte Anita.
»Die Revolution ist nicht aufzuhalten!«, rief Herbert.
»Ihr müsst es ja wissen«, sagte Anita.
»Rotfront!«, rief Herbert.
»Das wird mir jetzt aber zu blöd«, sagte Anita, zog ihren Rock straff und stakste quer über die Wiese dorthin zurück, wo sie vor wenigen Minuten hergekommen war.
»Die kapiert es nicht«, sagte Herbert.
»Nee«, sagte Großvater, »die kapiert es wirklich nicht.«
Dann, nach einiger Zeit, als es wirklich Sommer geworden war, hatte in all dem Licht und der Wärme die Weltrevolution ein wenig an Dringlichkeit verloren. Herbert hatte jede Menge Hühner geschlachtet und Großvater war mit der Buchführung des Sägewerks beschäftigt gewesen. Dazwischen hatten sie auf der menschenleeren Dorfstraße Fußball gespielt, und einmal war Herbert mit Gisela ausgegangen, aber bei diesem einen Mal war es geblieben, und weil Herbert nicht gern darüber redete, lag der Schluss nahe, dass es weder Gisela noch ihm besonders gut gefallen hatte. Trotzdem, Sommer war Sommer, und erst als die Tage wieder kürzer wurden, der Himmel sich verfinsterte und die Temperaturen zu sinken begannen, kehrte der Bedarf an einer Neuregelung der Weltordnung in Großvaters und Herberts Universum zurück.
»Die gesellschaftlichen Verhältnisse sind unerträglich geworden«, konstatierte Herbert eines Abends. Er hatte noch etwas Blut und einige Federn an seiner Hand und versuchte, sie durch heftiges Schütteln loszuwerden.
»Der Kapitalismus fault in seinem letzten Stadium«, bekräftigte Großvater.
»Das ganze ekelerregende System verrottet auf die übelste Weise«, fügte Herbert hinzu und begann, seine Hand an der Hose zu reiben.
»Man kann seine Verwesung förmlich spüren.« Großvater nickte mehrmals, während er einer an ihm vorbeischwebenden Hühnerfeder nachsah.
»Es widert mich an«, sagte Herbert. »Aber das geht nicht mehr lange, verlass dich darauf!«
Sie standen vor einer der Scheunen am Dorfrand und der Oktober zog über die Wiesen und die Kastanien hatten braune Blätter und von Tag zu Tag bedeckten mehr und mehr Spinnweben voller Wassertropfen das Gras.
»Wohin man sieht, das Alte gärt überall. Der Boden für die Revolution ist bereitet!«, sagte Großvater.
»Und wie!«, sagte Herbert.
Mehr fiel ihnen dazu nicht ein.
Kapitel 3
Und dann war es Winter geworden. Der Winter, in dem Großvater und Herbert beschlossen hatten, eine Bombe zu bauen und sie in einer Machtzentrale der herrschenden Klasse detonieren zu lassen. Genosse Franks Besuch lag nun über ein halbes Jahr zurück und es war nichts passiert. Absolut gar nichts. Herbert hatte es satt.
»Wenn ich nicht bald ein Fahrrad bekomme, trete ich aus der Kommunistischen Partei wieder aus!«
Großvater legte ihm die Hand auf die Schulter. Wie bei einem Pferd. »Von nichts kommt nichts«, sagte er, »wir müssen etwas tun, hörst du?«
»Du bist gut«, sagte Herbert. »Was denn?«
Großvater überlegte relativ lange, aber er wusste es auch nicht. Doch dann, auf einmal, fragte er: »Wo ist eigentlich das Traktat?«
»Welches Traktat?«
»Welches Traktat wohl? Na, das von Genosse Frank!«
Sie fanden es und lasen schließlich auch die Seiten vier und fünf, also die Seiten, auf denen nicht nur die Vorzüge der Weltrevolution, sondern auch der Weg dahin beschrieben wurde. Zwangsrequirierung, Kollektivierung, Säuberung, Elektrifizierung, Entkulakisierung, Neutralisierung … Großvater und Herbert schwirrte der Kopf. Sie verstanden nichts, absolut nichts.
Irgendwann war Herbert dann auf die Idee mit der Bombe gekommen. Seiner Ansicht nach wurden die größten Wirkungen generell durch Lärm erzeugende Phänomene erreicht. Gewitter waren ein gutes Beispiel dafür oder der tobsüchtige Schuhmacher. Wenn etwas Krach verursachte, wurde ihm augenblicklich die uneingeschränkte Aufmerksamkeit zuteil. Das war so. Eine Detonation von irgendwas schreckte die Leute mehr auf als alles andere. Dass eine Bombe imstande war, für ordentlich Furore zu sorgen, lag auf der Hand. Wenn es mit einer Bombe nicht funktionierte, womit dann? Allerdings war eine Bombe nun auch kein Spaß mehr. Wo eine Bombe im Spiel war, floss garantiert Blut, und im Gegensatz zu Herbert, der seinen Lebensunterhalt mit Blutvergießen bestritt, war Großvater gegen Gewalt und hielt noch immer das Verbot von Dummheit für die effektivere Methode, die Welt zu verbessern.
»Gerechtigkeit erreicht man nicht durch Ungerechtigkeit«, sagte er.
»Aber die da oben haben schließlich damit angefangen!«, widersprach Herbert, der sein Fahrrad schon wieder in Gefahr sah.
»Das ist noch lange kein Grund, es ihnen nachzumachen«, sagte Großvater.
»Wieso denn nicht?« Herbert griff sich an den Kopf. »Die haben es doch nicht besser verdient! Ich möchte nicht wissen, wie viele Fahrräder die haben!«
»Genosse Frank hat auch eines«, sagte Großvater.
»Das ist doch was anderes!«, brüllte Herbert. »Das weißt du ganz genau!«
Großvater versuchte, Herbert zu beruhigen. »Warte ab, uns fällt schon noch was ein!« Er nahm das Traktat noch einmal in die Hand, blätterte darin herum und tippte nach einer Weile mehrmals mit seinem Zeigefinger auf ein längeres Wort auf Seite vierzehn. »Hier, sieh mal!«, sagte er. »Warum versuchen wir es nicht damit?«
Herbert stellte sich hinter Großvater und blickte über dessen Schulter auf das Traktat. »Agitprop«, las er. »Was soll das denn sein?«
»Keine Ahnung«, sagte Großvater.
»Na, toll«, sagte Herbert.
»Wenn Frank wiederkommt, frage ich ihn«, sagte Großvater und klappte das Traktat zu.
»Bis dahin haben wir die Bombe längst fertig«, meinte Herbert.
Draußen fiel der Schnee so dicht, dass die Baumkronen schon nicht mehr zu erkennen waren, und wenn jemand die Tür öffnete, blies der Wind einen Schwall weißer Flocken bis in die Mitte des Raumes.
»Versteh mich doch«, sagte Großvater, »ich finde es einfach nicht richtig!«
»Weißt du, was ich denke?«, fragte Herbert. »Du bist nur zu feige, es durchzuziehen!«
»Jetzt red nicht so einen Stuss«, sagte Großvater.
»Gib’s doch wenigstens zu!«, sagte Herbert und drehte seinen Kopf von Großvater weg in Richtung Fenster.
»Da gibt’s nichts zuzugeben!«, sagte Großvater.
»Du bist ein Schisser«, sagte Herbert, »was denn sonst?«
»Ich weiß überhaupt nicht, was du auf einmal hast. Bist du auf Streit aus, oder was?«, fragte Großvater.
Herbert antwortete ihm nicht. Er blickte weiter in Richtung Fenster und hörte einfach auf, mit Großvater zu sprechen.
»He, Herbert, ich habe dich was gefragt«, sagte Großvater.
Herbert reagierte nicht. Zehn Minuten oder noch länger sagte er kein einziges Wort.
»Ich muss nach den Hühnern sehen«, murmelte er schließlich und stand auf.
Großvater legte beide Hände auf den Tisch und sah zuerst auf seine Hände und dann zu Herbert hinüber, wie er seine Jacke vom Haken nahm und sie sich anzog und schließlich ohne ein Wort hinausging, die Tür hinter sich zuschlug und hinunter ins Dorf lief, die kaum geräumte Straße zwischen den schneebedeckten Häusern entlang, aus deren Schornsteinen grauer Rauch stieg, grauer, stinkender Rauch, der schon wenige Meter über den Dächern im Frost erstarrte.

Natürlich bauten sie die Bombe. Großvater ertrug es nicht, andere Menschen vor den Kopf zu stoßen, und schon gar nicht Herbert. Wie gesagt, beide waren Freunde. Großvater baute die Bombe aus Zuneigung zu Herbert. Außerdem hatte er unterschrieben, die Welt besser zu machen, gerechter. Auch dafür musste er etwas tun. Und so kam es zu den Experimenten mit Düngemittel, Backpulver und Benzin, in deren Folge an einem Winterabend der Schuppen abbrannte, und ein Schimmer der Weltrevolution Großvaters und Herberts Dorf erleuchtete.
Kapitel 4
Dann war es wieder Frühling geworden, bereits im März war der ganze Schnee getaut, und der Boden war zerzaust und aufgewühlt, und in den Gräben stand das Regenwasser, und durch das verwelkte Gras des letzten Jahres fuhr knisternd der Wind. An einem sonnigen Morgen Anfang April, als die Tage immer länger und wärmer geworden waren, zog sich Großvater seinen schwarzen Anzug an, band sich die gestreifte Krawatte um, verpackte die Bombe in einen stabilen Koffer und sprang damit in den Dorfbach. Der Dorfbach war das flachste Gewässer im Umkreis von mehreren Kilometern, aber weil Großvater damals noch ein wirklich dünner Hering war, jemand, der nicht einmal sechzig Kilo wog, riss ihn die Strömung mit sich, und viel schneller, als er es jemals gedacht hätte, erreichte er die nächstgrößere Stadt. Natürlich hätte er auch zu Fuß gehen können. Aber das hätte viel zu viel Zeit gekostet. Großvater wollte die Weltverbesserung so schnell wie möglich hinter sich bringen. In ein, zwei Tagen hoffte er wieder zurück zu sein. Ein, zwei Tage hielt er für ausreichend, um eine Machtzentrale der herrschenden Klasse zu finden, dort die Bombe zu deponieren, zu zünden und wieder zu verschwinden. Wenn sein Plan aufging, bedeutete das für Herbert und ihn, noch vor dem Sommer ein Fahrrad zu besitzen. Dann würde die Welt tatsächlich um einiges besser sein. Dann auf jeden Fall. Großvater dachte während der letzten vier im Dorfbach zurückgelegten Kilometer ausschließlich an Fahrräder, an verchromte Speichen und Gangschaltungen, an Schutzbleche und Dynamos, an Pedale, Luftpumpen und Rücklichter. Als ihm zu guter Letzt, also nachdem er an Bremsen, Gepäckträger, Sattel und Lackierungen gedacht hatte, sogar noch einfiel, dass ein Fahrrad, weil sich mit ihm Entfernungen schneller bewältigen ließen, den Klassenkampf erheblich erleichterte, wenn nicht sogar überflüssig machte, schwemmte ihn der Bach ans Ufer. Abrupt, brutal und völlig überraschend. An einer Böschung mit rundgespülten Kieselsteinen und vom Wasser freigelegten, langen, zerfaserten Wurzeln blieb Großvater einfach im Schlamm stecken. Schwarzer, fauliger Unrat bedeckte ihn von oben bis unten, und wer sah, wie er mit weit nach vorn geschobener Unterlippe nach Luft schnappte, hätte ihn für einen Fisch oder ein anderes Wassertier halten können. Er war ein wenig benommen und stand nicht sofort auf, sondern blieb in dem flachen Gewässer sitzen und betastete den Koffer mit der Bombe, seine aufgeschlagene Hand und seine vor Nässe triefende Kleidung. Als er schließlich seinen Kopf hob, blickte er zuerst auf die Fassade eines viergeschossigen Wohnhauses, in dessen Fenstern sich die Sonne und die Fassade eines ihm gegenüberstehenden, noch höheren Wohnhauses spiegelten. Hinter den Fenstern befanden sich Gardinen und Blumentöpfe und ein Käfig mit einem Kanarienvogel und eine Katze auf einer Wolldecke, und eines der Fenster stand offen, und ein Mann sah heraus und blies den Rauch einer dicken, braunen Zigarre in die Luft.
»Hm«, sagte Großvater und betastete noch einmal seine an der Haut klebende Kleidung.
Die Bombe hatte den Koffer verbeult, und der Knoten seiner gestreiften Krawatte hatte sich gelöst, und als er versuchte, einige Algen aus seinem Gesicht zu entfernen, berührte er etwas Lebendiges, einen Wurm oder einen Lurch, woraufhin es ihn vor Ekel schüttelte, und als er danach seinen Kopf wieder hob, blickte er in das Gesicht einer jungen Frau.
»Hm«, sagte Großvater, und dann noch einmal: »Hm.«
Eigentlich war ihm danach, noch mehrere Male »hm« zu sagen. Weil er sich so wunderte. Weil er mit allem gerechnet hatte, aber nicht damit, hier einer Frau zu begegnen. Er hatte mit Polizisten gerechnet, mit Landstreichern oder einer Gruppe lärmender Fabrikarbeiter, aber nun war es eine junge Frau. Hm. Großvater begann sich noch unwohler zu fühlen als vorher. Niemand begegnet gern einem Fremden, wenn er in einem schlammverkrusteten Anzug im schmutzigen Wasser eines Dorfbaches sitzt, und schon gar nicht einer hübschen jungen Frau. Denn hübsch war sie, das hatte Großvater auf den ersten Blick bemerkt. Sie trug kurz geschnittenes Haar, und das machte ihre Augen groß, viel größer, als sie es bei langem Haar gewesen wären, und weil sie ein schmales, beinahe dünnes Gesicht besaß, wirkte auch ihr Mund viel größer, als er eigentlich war. Großvater fand beides phänomenal.
»Alles in Ordnung?«, fragte sie. »Was ist denn mit Ihnen passiert?«
»Nichts«, sagte Großvater, »das sieht schlimmer aus, als es ist.«
Allerdings wusste er überhaupt nicht, wie schlimm es aussah. Tatsächlich sah es extrem schlimm aus. Noch schlimmer konnte etwas eigentlich nicht aussehen. Die junge Frau bückte sich und streckte ihren Arm zu Großvater herunter.
»Sind Sie verletzt?«, fragte sie. »Da, nehmen Sie meine Hand!«
»Unsinn«, sagte Großvater, »das geht schon!«
»Nun stellen Sie sich nicht so an!«, sagte die junge Frau. »Sie können ja nicht ewig da unten sitzen bleiben!«
»Na gut«, sagte Großvater. »Wie Sie wollen!«
Er fasste nach der ihm entgegengestreckten Hand und versuchte, sich aufzurichten. Es gelang ihm nicht sofort. Mehrmals gab der Boden unter ihm mit einem glucksenden Geräusch nach und Großvater rutschte wieder zurück ins Bachbett. Aber es war seltsam. In dem Moment, als er nach der Hand der jungen Frau fasste, geschah etwas Unglaubliches: Er hatte plötzlich das Gefühl, sie nie wieder loslassen zu können. Das passierte ihm später noch häufig, aber weil es das erste Mal war, irritierte es ihn gewaltig. So was Verrücktes, dachte Großvater, wenn ich das später irgendjemandem erzähle, das glaubt mir keiner. Dann aber schaffte er es, die Böschung zu überwinden, hievte den Koffer nach oben, und erst als er sich bückte, um seine Schuhe auszuziehen und das Wasser herauszuschütteln, ließ er die Hand der jungen Frau wieder los.
»Vielen Dank«, sagte er, »das war sehr freundlich von Ihnen!«
»Schon gut«, sagte sie. »Ich dachte, es wäre etwas Ernstes«.
»Zum Glück nicht«, sagte Großvater, und dann fiel ihm plötzlich nichts mehr ein, was er hätte sagen können. Deswegen sagte er wieder einmal: »Hm.«
»Was haben Sie denn eigentlich da unten gemacht?«, fragte die junge Frau.
»Ach, nichts«, sagte Großvater. »Ich habe etwas zu erledigen, verstehen Sie?«
»Nein.« Die junge Frau schüttelte den Kopf. »Was denn?«
»Ich muss eine Bombe in einer der Machtzentralen der herrschenden Klasse zünden, das ist alles«, sagte Großvater.
»Was?«, rief die junge Frau.
»Eine Bombe«, sagte Großvater.
»Halten Sie das für eine gute Idee, davon gleich dem ersten Besten, dem Sie begegnen, zu erzählen?«, fragte die junge Frau.
»Das kann ruhig jeder wissen!«, sagte Großvater.
»Glauben Sie wirklich?«, fragte die junge Frau.
»Absolut«, sagte Großvater.
»Na, wenn Sie denken«, sagte die junge Frau. »Aber erst müssen wir Ihre Sachen trocknen. Sie sehen vielleicht aus!«
»Ach, das wird schon«, sagte Großvater.
»Das wird überhaupt nicht«, sagte die junge Frau und machte ihre Augen noch größer, als sie ohnehin schon waren.
»Na schön«, sagte Großvater, hauptsächlich wegen ihrer Augen. Und dann nahm er wieder ihre Hand und ging mit ihr die Straße an den großen Wohnhäusern entlang hinein in die Stadt.
Die Straße bestand aus grauen, runden Pflastersteinen, und lange, dunkle Frühlingsschatten lagen vor den Mauern. Großvater spürte, wie die Kälte an ihm hochzukriechen begann, aber er ließ es sich nicht anmerken. Genauso, wie er es nicht zeigte, dass es ihm unangenehm war, wenn sich die Leute nach ihm umdrehten, weil er einen nassen, zerknitterten Anzug trug. Es half ja nichts. Nachdem sie ein Stück gelaufen waren, veränderte sich das Stadtbild. Die Häuser wurden kleiner und kaputter, und überall auf den Wegen, Zäunen und Dächern saßen Scharen von Tauben. Man hatte ihretwegen spitze Nägel auf den Dächern angebracht, aber die Tauben hockten zwischen ihnen und hoben und senkten ihre Köpfe auf der Suche nach Futter.
»Wie heißen Sie eigentlich?«, fragte Großvater die junge Frau. Wenn er mit ihr reden wollte, war es einfacher, ihren Namen zu kennen.
»Else«, sagte sie.
»Und ich heiße Bruno«, sagte Großvater, und dann sagte er: »Wollen wir vielleicht du zueinander sagen?«
»Ja, klar, warum nicht?«, sagte Else.
Ein Mann kam vorbei. Er hinkte, und auf der rechten Seite, dort, wo sein Bein kürzer war, bog er seinen Kopf seitlich nach unten. Als er Großvater in seinen nassen, schmutzigen Kleidern sah, hob er den Kopf und schüttelte ihn mehrmals hin und her. Aber Großvater bemerkte ihn nicht. Weil er nur Augen für Else hatte.
»Bruno«, sagte Else nach einer Weile, »hier gibt es keine Machtzentrale!«
»Muss es aber«, sagte Großvater.
»Ich wüsste nicht wo«, sagte Else.
»Das darf doch nicht wahr sein!«, rief Großvater.
»Das Beste wird sein, du wirfst die Bombe weg, hörst du?«, sagte Else.
»Das fehlte noch!«, sagte Großvater. »Die Bombe wegwerfen! Also wirklich!«
Else strich mit ihrer Hand langsam an Großvaters nassem Unterarm entlang. Er war wirklich ungeheuer nass.
»Weshalb ist es denn überhaupt nötig, die Bombe zu zünden?«, fragte sie.
»Um die Welt gerechter zu machen«, sagte Großvater, und er sagte es so ernst und bestimmt, dass Else ganz beeindruckt war.
»Hm«, sagte sie, obwohl es eigentlich Großvaters Art war, immer »hm« zu sagen.
»Es ist doch für eine gute Sache«, versuchte Großvater zu erklären.
»Eine Bombe bleibt eine Bombe«, sagte Else.
»Ich weiß«, sagte Großvater. »Ein Verbot von Dummheit wäre mir viel lieber gewesen, das kannst du mir glauben!«
»Ein Verbot von Dummheit?«, wunderte sich Else. »Das gefällt mir auch viel besser. Ja, aber wie soll man das machen?«
»Eben«, sagte Großvater.
Auch das Dach des Hauses, in dem Else wohnte, war voller Nägel, und auch hier hockten die Tauben zwischen ihnen, und sie flogen selbst dann nicht weg, als Else die Tür öffnete und hinter sich und Großvater wieder ins Schloss fallen ließ.
»Warte hier«, sagte sie und ging in das Zimmer nebenan.
Großvater blieb an der Tür stehen und schaute sich um. Elses Wohnung war klein und ein wenig dunkel, und wenn man aus dem Fenster sah, blickte man auf einen Hof hinter dem Haus, in dessen Mitte sich eine Art Garten befand, auf den nie ein Sonnenstrahl fiel, es sei denn, es war Mittag und die Sonne stand genau im Zenit. Es dauerte nicht lange, bis Else zurückkam und Großvater ein Handtuch und ein paar Kleidungsstücke gab.
»Zieh das an«, sagte sie. »Es gehört meinem Vater.«
Elses Vater musste eine seltsame Gestalt besitzen. Die Hosen waren Großvater viel zu kurz und das Hemd viel zu lang und zu breit, aber es war sauber und trocken, und Großvater wäre es nie eingefallen, sich damit nicht zufriedenzugeben.
Else lachte, als sie Großvater sah, aber dann strich sie sich zwei Mal mit der Hand über ihr kurzes Haar und sagte: »Chic siehst du aus!«
»Na ja«, sagte Großvater.

Später gingen sie noch einmal zurück in die Stadt. Es wurde Abend und der Frühling verschwand für eine Nacht, aber dort, wo der Bach durch die Stadt floss, stand eine Frau in der Dämmerung und fütterte ein paar Schwäne. Auf der anderen Seite des Baches befand sich ein Haus mit einer großen Eingangstür und einer breiten Treppe davor, und die Fenster darüber reichten vom Dach bis zum Erdgeschoss und bestanden aus buntem Glas.
»Was ist das da für ein Gebäude?«, fragte Großvater.
»Das Rathaus«, antwortete Else.
»Ein Rathaus ist eine Machtzentrale«, bestimmte Großvater.
»Unsinn«, sagte Else.
»Was denn sonst?«, fragte Großvater.
»Ein Verwaltungsgebäude«, sagte Else, »für den Bürgermeister und so.«
»Hat ein Bürgermeister etwa keine Macht?«, fragte Großvater.
»Der bestimmt nicht«, lachte Else. »Seine Machtzentrale heißt Margitta und ist mit ihm verheiratet!«
»Dann zünde ich die Bombe eben bei ihr«, sagte Großvater.
»Lieber nicht«, sagte Else, »das würde böse enden.«
Sie ging ein paar Schritte zum Wasser hin, und die Schwäne drehten ihre Köpfe zu ihr herüber, und als das die Frau mit dem Futter bemerkte, drehte auch sie ihren Kopf dorthin, wo Else stand.
»Was gibt’s denn?«, fragte die Frau.
Else zuckte mit den Schultern. »Weiß nicht«, sagte sie, »keine Ahnung.«
Die Frau presste die Tüte mit dem Futter an ihre Brust. »Gehen Sie weg!«, sagte sie, und dann noch einmal: »Sie sollen weggehen! Haben Sie nicht gehört?«
»Schon gut«, sagte Else und lief genau dieselbe Anzahl von Schritten wieder dorthin zurück, wo Großvater auf sie wartete.
»Sie denkt, ich will ihr das Futter wegessen!«, sagte Else. »Verrückt, oder?«
Ein leichter Nebel war aufgekommen und verwischte die Umrisse und Farben der Häuser und Gärten, und die Pflastersteine der Straße glänzten matt und dunkel wie nach einem langen, kalten Regen.
»Was ist eigentlich mit der Polizei?«, versuchte es Großvater, ohne auf die Frau bei den Schwänen einzugehen, noch einmal. »Die Polizei ist ein Machtorgan. So habe ich es in Genosse Franks Traktat gelesen.«
»Die Polizei?«
»Ja.«
»Die Polizei ist natürlich auch im Rathaus«, sagte Else, aber es war ihr anzusehen, dass sie es lieber nicht gesagt hätte.
»Also doch!«, rief Großvater.
»Du willst doch die Bombe nicht etwa im Polizeirevier zünden?«, rief Else.
»Das scheint mir das Vernünftigste zu sein«, sagte Großvater.
»Vernünftig? Hast du tatsächlich vernünftig gesagt?« Else konnte es nicht fassen.
»Die Welt kann nicht so bleiben, wie sie ist«, sagte Großvater. »Es kann nicht sein, dass ein paar wenige alles haben und die anderen nichts. Wir müssen etwas dafür tun, dass es besser wird!«
»Und du glaubst, dadurch, dass du eine Bombe hier im Rathaus zündest, wird irgendetwas besser?«, rief Else.
»Es ist ein Anfang«, verteidigte sich Großvater. »Einer muss anfangen. Alles andere ergibt sich von selbst.«
»Und dieser Eine bist du?«, fragte Else.
»Herbert wollte es nicht machen«, sagte Großvater.
»Ist Herbert vielleicht der Schlauere von euch beiden?«, fragte Else.
»Unsinn«, antwortete Großvater.
»Wirf sie weg«, sagte Else.
»Ausgeschlossen!«, sagte Großvater.
In seinem Kopf begann es wieder zu arbeiten. Er dachte an die Ausbeutung der Massen und an die Diktatur des Proletariats und seltsamerweise dachte er auch an den Hackstock, auf dem Herbert den Hühnern die Köpfe abschlug, und an das Beil, mit dem er es machte, und an die Federn, die durch die Luft schwirrten, wenn die Klinge in das Holz krachte und der Hühnerkopf in den Staub fiel. Und dann dachte er an einen Topf mit heißer Hühnersuppe auf dem Küchenherd und daran, dass eben manchmal etwas Schlechtes getan werden musste, um etwas Gutes zu erreichen. Es gab kein Licht ohne Schatten. Die Welt funktionierte nun einmal auf diese Weise. Es war fast zu einfach. Das Richtige war immer auch das Falsche und das Falsche gleichzeitig das Richtige. Genauso, wie man nie wissen konnte, ob das Kluge das Dumme oder das Dumme das Kluge war. Trotzdem musste man anfangen. Bevor man es nicht getan hatte, war es weder das eine noch das andere. Bevor man es nicht getan hatte, war es nichts.
»Ich habe es schließlich versprochen«, sagte er leise.
Else sah ihn an. »Komm, ich mache uns was zu essen«, sagte sie, nahm Großvater an der Hand, und dann gingen sie zurück in ihre Wohnung. Else kochte Kartoffeln, und als sie gegessen hatten, räumte sie die Teller vom Tisch und wusch sie ab. Zuletzt zeigte sie auf das Kanapee, das ein Stück vom Tisch entfernt unter der Dachschräge stand, und sagte: »Wenn du müde bist, kannst du dort schlafen.«
»Danke«, sagte Großvater, »auch für das Essen und alles.«
Er war tatsächlich hundemüde, so müde wie damals, als er und Herbert zwei Nächte lang darüber diskutiert hatten, ob es Sinn hatte, sich eine Luftpumpe zu kaufen, noch bevor sie ein Fahrrad besaßen. Herbert war der Ansicht gewesen, dass der Erwerb einer Luftpumpe die Wahrscheinlichkeit vergrößerte, irgendwann in den Besitz eines Fahrrades zu gelangen. Ihm erschien der Gedanke nicht völlig abwegig, mit einer Luftpumpe ein Fahrrad anlocken zu können. »Manchmal führt das eine zum anderen«, hatte er gesagt. »Manchmal ist es gut, gewisse Vorbereitungen getroffen zu haben«. Großvater hielt die Idee für völligen Unsinn und hatte das auch gesagt, aber Herbert war nicht zu überzeugen gewesen. »Du solltest jedenfalls eine Luftpumpe kaufen«, hatte er Großvater aufgefordert. »Für alle Fälle, du weißt schon!«
Herbert besaß die Begabung, selbst dem Unsinnigsten einen Anschein von Vernunft zu verleihen. Außerdem verstand er sich darauf, die Loyalität seiner Freunde auszunutzen. Denn natürlich hatte Großvater die Luftpumpe gekauft, was denn sonst.
Großvater schloss die Augen, machte sie wieder auf und sah Else an. Ihr kurzes Haar, ihre großen Augen.
»Gute Nacht!«, sagte er.
»Ich bin immer noch dafür, dass du die Bombe wegwirfst«, sagte Else. Dann ging sie in das Zimmer, aus dem sie am Nachmittag die trockene Kleidung geholt hatte.
Und Großvater schaute ihr nach, hörte, wie sie die Tür von innen schloss, und dass sie noch einige Schritte durch das Zimmer ging, und dann legte er sich auf das Kanapee, das wahrscheinlich für Elses Vater gemacht worden war, denn es war sehr breit und unglaublich kurz, und hart war es auch.
Kapitel 5
Am nächsten Morgen wachte Großvater sehr früh auf. Er faltete die von Elses Vater geborgte Kleidung zusammen und legte sie auf einen Stuhl. Dann zog er seinen getrockneten Anzug an, packte die Bombe wieder in den Koffer und schlich sich zur Tür hinaus. Jetzt, am Morgen, saßen dort, wo am Abend die Frau die Schwäne gefüttert hatte, einige Angler. Es war ein kalter Morgen und am Wasser war es noch um einiges kälter als auf dem Weg zwischen den Wohnhäusern. Die Angler hockten wie angefroren auf ihren Klappstühlen und auch ihre Angeln bewegten sich keinen Zentimeter. Aber die Schwäne waren noch da, und das Wasser spiegelte ihre weißen Hälse und roten Schnäbel, und kleine Federn schaukelten um sie herum auf den leichten Wellen des Baches. Großvater ging leise an ihnen vorbei. Extrem leise. Nahezu geräuschlos. Großvater ging die Straße entlang, als existiere er überhaupt nicht. Wie niemand. Weil er beim Deponieren der Bombe nicht gestört werden wollte. Saboteure gab es überall. So stand es jedenfalls in Genosse Franks Traktat. In Großbuchstaben. So deutlich, dass man nicht darüber hinweglesen konnte. Man musste aufpassen. Immer. Das war klar, und noch eines war extrem wichtig: Man musste ständig das Bild Genosse Lenins vor Augen haben.
»Ohne Lenin geht nichts«, schrieb Genosse Frank. »Mit dem Bild des großen Lenin steht und fällt die ganze Sache!«
Lenin, dachte Großvater, wer zum Teufel ist Lenin? Er hatte tatsächlich keine Ahnung, wer Lenin war, und schon gar nicht, wie Lenin aussah. Vielleicht hat er ja Ähnlichkeit mit Genosse Frank, dachte Großvater. Vielleicht sieht auch dieser Lenin aus wie ein zum Sprint ansetzender Radfahrer.
Aber natürlich konnte er auch ganz anders aussehen. Wie jemand, der sich nach dem Händewaschen die Hände noch einmal wusch, weil er befürchtete, sich beim ersten Händewaschen schmutzig gemacht zu haben, oder wie jemand, der die Angewohnheit hatte, sich im Verlauf längerer Gespräche mehrmals mit seinem linken Fuß den rechten Oberschenkel zu kratzen. Vielleicht war er auch, obwohl Genosse Frank ihn als groß bezeichnete, überhaupt nicht groß, sondern extrem klein? So etwas gab es ja. Dass Leute, die dumm waren, klug genannt wurden oder Dicke dünn oder Hässliche schön. Bei jemandem, der Lenin hieß, konnte man sich da nicht so sicher sein. Möglicherweise trug dieser Lenin auch einen Bart oder besaß eine Glatze. Wer wusste das schon? Großvater jedenfalls nicht.
Das fängt ja gut an, dachte Großvater. Es wird zwar schwer, aber so wie es aussieht, werde ich es wohl ohne Lenin hinkriegen müssen.
Er ging über die Holzbrücke, die hinüber zum Rathausplatz führte, und während er vorsichtig über die Bretter stieg, bemerkte er, wie unglaublich laut sein Herz schlug. Es klopfte in einer ungeheuer hohen Frequenz und seltsamerweise auch nicht dort, wo es eigentlich hätte schlagen sollen, sondern in seinem Kopf, seinen Füßen und irgendwo weit unten am Wasser, wo die Angler saßen. Großvater fuhr sich, weil er mit der rechten Hand den Koffer mit der Bombe hielt, mit der linken Hand über sein Gesicht. Er schwitzte, und mehrmals fiel ihm, aus Angst, sie fallen zu lassen, die Bombe herunter. Er hob sie wieder auf, und immer schien sie dann ein paar Kilo mehr zu wiegen als vorher. Großvater wurde langsam nervös. Die Weltrevolution war wesentlich schwerer, als er gedacht hatte. Er fragte sich, warum davon in Genosse Franks Traktat nichts stand.
Großvater konnte schließlich nicht wissen, dass Genosse Frank über keinerlei praktische Erfahrungen im Klassenkampf verfügte. Genosse Frank befasste sich ausschließlich theoretisch mit der Veränderung der Gesellschaft. Er besaß eine fundierte Sicht auf die Welt, wie sie nicht war. Außerdem vertrat er die romantische Vorstellung, dass sich alles, aber auch wirklich alles mit Geld regeln ließe. »Wenn die Armen das Geld bekommen, das jetzt die Reichen besitzen«, schrieb er, »wird die Welt gerechter sein.«
Aber stimmte das? Wenn den Armen das Geld der Reichen gegeben wurde, dann waren eben die Armen reich und die Reichen arm, na und? Was sollte denn daran gerecht sein? War es etwa gerecht, wenn die Gesunden die Gebrechen der Kranken bekamen und danach die Gesunden krank und die Kranken gesund waren? Und konnte man von Gerechtigkeit sprechen, wenn die Glücklichen mit den Unglücklichen tauschen mussten, nur weil die Unglücklichen das Glück der Glücklichen nicht ertrugen? Irgendwie hatte Großvater das Gefühl, dass Gerechtigkeit etwas anderes war, aber weil er nicht wusste was, hielt er es für das Sinnvollste, erst einmal die Bombe zu zünden. Er befand sich jetzt in unmittelbarer Nähe des Rathauses, und sein Herz schlug laut, und sein Atem war kurz, und die Tauben, die vor ihm auf dem Boden hockten, flogen nicht einmal auf, als er zwischen ihnen hindurchging.
Blöde Viecher!, dachte er. Elendes Dreckszeug!
Es war einer dieser Frühlingstage, an denen es scheint, die Welt drehe sich rückwärts und der Winter kehre zurück. Aus den Schornsteinen stieg schwarzer Rauch in einen blassen, tiefhängenden Himmel voller Frost. Außerdem war es ungewöhnlich still, und in der kalten, unbeweglichen Luft nahm man jedes Geräusch sehr klar und deutlich wahr. Das Schlagen der Rathausuhr zum Beispiel. Erst sechs und nun schon sieben Mal. Eigentlich wollte Großvater um diese Zeit die Bombe schon längst gezündet haben, aber irgendwie ging es nicht voran, irgendwie kam er nicht zur Sache. Vielleicht lag es ja daran, dass er das Verbot von Dummheit noch immer für den besseren Weg hielt, eine gerechtere Welt zu errichten, und vielleicht hoffte er in letzter Minute auf den rettenden Einfall, es subtiler lösen zu können, ohne Gewalt. Aber dann dachte er an Herberts Fahrrad, und da begriff er, dass er jetzt keine Wahl mehr hatte, dass es, wenn er sein Versprechen einlösen wollte, im Augenblick tatsächlich nur diesen einen Weg gab.
»Nun reiß dich bloß zusammen!«, sagte er zu sich selber. »Jetzt zieh es durch, und dann ist es gut!«
Er sagte es so, als ob es Herbert zu ihm sagte, und weil Großvater daran gewöhnt war, das, was Herbert ihm sagte, auch zu tun, zog er es jetzt durch. Er zischte noch einmal »elendes Dreckszeug!«, und dann geschah etwas überaus Seltsames, Eigenartiges: Großvaters Blick wurde starr, seine Pupillen zogen sich zusammen und die Muskeln seiner Wangen verhärteten sich. Er stieß, was er sonst nie getan hätte, ein paar Tauben mit dem Fuß zur Seite und rannte zwischen ihnen hindurch bis zum Eingang des Rathauses.
»Zieh es durch!«, hörte er Herbert immer wieder sagen. »Zieh es durch!«
Da nahm Großvater die Bombe aus dem Koffer, legte sie auf die Treppe, befestigte das eine Ende der Zündschnur dort, wo er es auch bei der Bombe im Schuppen hinter Herberts Haus befestigt hatte, rollte die Schnur ab und lief mit ihrem anderen Ende in der einen und dem Koffer in der anderen Hand zu einer Mauer, die irgendwann einmal zwischen dem Rathaus und dem Ufer des Baches errichtet worden war.
Großvater befand sich in einer Art Trance. Die Dinge taten sich von selbst. Er funktionierte wie eine Maschine und unterbrach seine Arbeit nicht einmal, als zwei der Angler an ihm vorbeigingen und ihm einen guten Morgen wünschten. Da hatte er schon die Streichhölzer in der Hand, und nur ein paar Minuten später fraß sich eine kleine Flamme entlang der Zündschnur in Richtung der vor dem Rathaus deponierten Bombe.
Völker, hört die Signale!, dachte Großvater.
Er war hinter der Mauer in Deckung gegangen, hatte den Kopf eingezogen und wartete auf den großen Knall. Das war der Kreislauf der Welt. Dinge wurden gebaut und zerstört und danach wiederaufgebaut. Immer wurde die Zukunft mit etwas Neuem, Besserem verbunden, immer. Und immer musste dafür das Alte, Schlechte zerstört werden, und Zerstörung bedeutete Gewalt. So war das eben. Und gleich würde es wieder so weit sein, gleich würde die Welt einen großen Schritt nach vorn machen, dorthin, wo es gerechter zuging, gütiger, menschlicher. Und das seinetwegen. Weil er die Bombe dorthin gebracht hatte, wo sie jetzt lag.
Gar nicht schlecht, dachte Großvater, im Gegenteil. Das ist sogar ziemlich gut für jemanden, der noch nie sein Dorf verlassen hat!
Die Stille war für einen Moment zurückgekehrt, nur das Knistern der Flamme an der Zündschnur war zu hören, und es war fast ein wenig unheimlich, wenn man wusste, welches Inferno dieses Geräusch ankündigte. Aber dann, plötzlich, hörte Großvater noch etwas. Etwas, das ihn aus der Trance erwachen und sofort in die Realität zurückkehren ließ. Es waren Schritte. Sich extrem schnell nähernde Schritte.
Saboteure, dachte Großvater. Das darf doch nicht wahr sein! Das gibt’s doch gar nicht! Wenn die mich finden, na, dann gute Nacht!
Genosse Frank hatte mit seiner in Großbuchstaben geschriebenen Warnung offensichtlich recht gehabt. Nirgends, absolut nirgends konnte man vor den Konterrevolutionären sicher sein. Sie kämpften für vorrevolutionäre Verhältnisse, noch bevor die Revolution überhaupt stattgefunden hatte. Sie waren fanatisch. Ihnen machte man nichts vor. Die sahen einem den Revolutionär schon von weitem an, egal, wie sehr man sich um Unauffälligkeit bemühte.
Na ja, dachte Großvater, das war es dann wohl.
Wahrscheinlich würden sie jetzt die Zündschnur austreten oder ihn erschießen, vielleicht auch beides. Das Risiko hatte von Anfang an bestanden. Neben all den anderen Risiken wie im Dorfbach zu ertrinken, keine Machtzentrale zu finden, von einer Seuche dahingerafft zu werden, einen Fahrradunfall zu haben. Nein, das letzte wohl nicht.
Wenn ich doch wenigstens wüsste, wie Lenin aussieht!, dachte Großvater.
Er richtete sich ein wenig auf, um über die Mauer hinwegsehen zu können, nur so weit, dass seine Augen nicht mehr von den Steinen verdeckt waren, und wurde augenblicklich von einer grenzenlosen Panik erfasst. Vor dem Eingang des Rathauses, dort, wo auf den Treppenstufen die Bombe lag, stand Else.
»Else!«, schrie Großvater. »Weg da!«
Else drehte ihren Kopf in seine Richtung, aber bewegte sich keinen Schritt.
»Else!«, schrie Großvater noch einmal. »Lauf weg, schnell!«
In allen Fenstern des Rathauses ging das Licht an, aber Else stand da und schien nicht zu wissen wohin. Natürlich begriff Großvater sofort, weswegen sie dort, vor dem Rathaus, stand. Um ihn vom Zünden der Bombe abzuhalten. Als sie bemerkt hatte, dass er sich nicht mehr in der Wohnung befand, war sie zum Rathaus gelaufen. Was denn sonst. Sie wollte ja von Anfang an, dass er die Bombe wegwarf.
»Wirf sie weg!«, hatte Else gesagt. Immer wieder: »Wirf sie weg!«
»Um Himmels Willen!«, schrie Großvater. »Nein!«
Er sprang hinter der Mauer hervor, rannte auf Else zu. Die Zündschnur war schon fast abgebrannt, die Flamme kroch bereits entlang der Treppenstufen nach oben.
»Komm jetzt!«, rief er, packte Else am Arm, riss sie mit sich nach unten, und dann begann er zu rennen, mit ihr an der Hand zu rennen, er rannte, so schnell er nur konnte, und ließ sie nicht wieder los.
Hinter ihnen explodierte die Bombe. Mit einem Knall, der sich anhörte, als würde der Himmel zerplatzen. Ziegelsteine, Stücke des eisernen Geländers, Glassplitter, Holzleisten und Zementbrocken schossen nach allen Seiten durch die Luft und stürzten viele Meter entfernt wieder zu Boden. Großvater und Else spürten die Druckwelle im Rücken. Wie eine physische Berührung, wie einen harten Stoß oder Schlag, der sie mit ungeheurer Kraft nach vorn schob. An den umliegenden Häusern begannen die Fassaden zu vibrieren. Grauer Putz fiel auf den Bordstein. Fensterscheiben klirrten. Und Großvater und Else rannten und rannten, während sich hinter ihnen eine riesige Staubwolke auszubreiten begann.
Was habe ich nur getan?, dachte Großvater. Was habe ich nur getan?
Und dann tauchten die ersten Polizisten aus der Staubwolke auf. Mehrere Kommandos wurden gerufen. Und etwas, das sich wie ein Schuss anhörte, donnerte über sie hinweg. Völlig sicher, dass nun tatsächlich alles aus war, blieb Großvater stehen.
»Rotfront!«, rief er voller Verzweiflung, drehte sich um und schwenkte aus der Bewegung heraus seinen Koffer.
»Du Idiot!«, keuchte Else. »Hör auf damit!«
»Warum denn?« Großvater stellte den Koffer resigniert neben sich ab. »Das ist doch nun eh alles egal!«
»Ich will aber nicht ins Gefängnis!« Else schnappte noch immer nach Luft. »Dann bin ich lieber illegal.«
»Was?«, rief Großvater, und dieses Mal war es Else, die wieder zu laufen begann und Großvater mit sich zog.
»Illegal!«, schrie Else. »Illegal heißt, es gibt keinen Platz mehr für uns, verstehst du das? Sie werden uns überall suchen! Überall, hörst du? Und jetzt wirf endlich den Koffer weg!«
Da warf Großvater den Koffer weg und Else zerrte ihn an seinem Arm immer weiter und weiter.
»Hier lang!«, rief sie.
Und dann rannten sie an der Mauer entlang, und hinter ihnen waren die Schritte der Polizisten, und in der Ferne fielen einige Steine zu Boden und rollten noch ein Stück über den Rathausplatz, bevor sie schließlich weit verstreut im Staub liegen blieben.
Die Mauer ist ja länger als die Welt!, dachte Großvater, während er mit großen Schritten Else folgte, sich mit der freien Hand sein Zwerchfell hielt und keuchend nach Luft schnappte. Wahrscheinlich hört sie nie wieder auf!
Aber dann war die Mauer doch zu Ende, und Else und er liefen hinunter in die Stadt, dorthin, wo Else sich auskannte und einen Platz fand, an dem sie kurz verschnaufen konnten. Beide standen nach vorn gebeugt, hatten die Hände auf ihre Oberschenkel gestützt und holten tief Luft.
»Du hättest sie wegwerfen sollen!«, sagte Else.
»Ich weiß«, schnaufte Großvater.
»Versprich mir, dass du nie wieder nicht auf mich hörst!«, verlangte Else.
»Ich verspreche es«, sagte Großvater, und dann rannten sie wieder los. Dort entlang, wo es so dunkel war, dass selbst die Polizei sich nie sehen ließ, durch enge Gassen zwischen finsteren Häuserfluchten, auf schmalen Wegen entlang schmutziger Hinterhöfe und lärmender Fabrikhallen. Zum Glück wusste Else, wo sie sich befanden. Großvater nahm außer der Bewegung seiner Beine nichts mehr wahr. Nicht einmal das keuchende Geräusch, das er beim Atmen erzeugte. Die Welt hatte ihre Gestalt verloren. Ihm schien es, als liefe er durch das eine Nichts in das nächste Nichts. Und plötzlich kam ihm ein seltsamer Gedanke.
Vielleicht, dachte er, vielleicht ist ja das Nichts die Gerechtigkeit. Vielleicht ist das Nichts das, wonach wir suchen. Das Nichts macht alles gleich. Es gibt kein gutes oder schlechtes Nichts. Niemand streitet sich um nichts. Wegen nichts müssen keine Bomben gezündet werden. Für nichts benötigt man keine Revolution. Alles, was wir brauchen, ist nichts. Kein anders verteilter Besitz, sondern überhaupt kein Besitz. Einfach nichts. Das wäre gerecht.
Für einen Moment hielt Großvater das Nichts für die Lösung. Aber natürlich war es nicht die Lösung, weil sich kein Mensch mit nichts zufriedengeben würde. Keiner.
Wie wir sehen, arbeitete es in Großvaters Kopf selbst in beinahe ausweglosen Situationen wie dieser, an einem kalten Morgen in einer fremden Stadt auf der Flucht vor der Polizei, an der Hand einer hübschen jungen Frau, die Else hieß, und Else zog Großvater noch immer hinter sich her, und er folgte ihr durch die ganze Stadt bis dorthin, wo die Schrebergärten aufhörten und der Bahndamm begann. Von da an liefen sie nur noch die Schienen entlang. Über Holzbohlen und Schottersteine und Disteln und Brennnesseln bis zu den langen Baracken des Güterbahnhofs und dann weiter in die Bahnhofshalle, und auf einem der Gleise stand ein Zug, und die Lokomotive stieß weißen Dampf aus ihren Kesseln, und die Schienen bebten leicht unter der Kraft der bereits arbeitenden Motoren und der Last der schweren Waggons.
»Schnell«, rief Else, »schnell steig ein!«
»Hier?«, fragte Großvater, während er die Waggontür aufriss.
»Ja«, schrie Else, »mach jetzt!«
Da sprang Großvater die Stufen nach oben, drehte sich um und hielt Else seine Hand entgegen. Else nahm sie und Großvater rief »Festhalten!« und zog Else zu sich in den Waggon.
»Das war ja ganz schön knapp!«, konstatierte er, noch immer außer Atem.
»War?«, fragte Else und fuhr sich mit der Hand durch ihr kurz geschnittenes Haar. »Mach dir bloß keine Illusionen. Das ist noch nicht vorbei. Noch lange nicht. Darauf kannst du dich verlassen!«
Und dann schlug sie die Tür hinter sich zu und ließ sich auf einen der gepolsterten Sitze fallen. Im selben Moment fuhr der Zug an, und die Polizei kam und umstellte den Bahnhof, aber sie waren nur zu fünft, und außerdem war es zu spät, und der Zug hatte die Halle schon verlassen.
Kapitel 6
Genosse Frank bremste sein Motorrad genauso, wie er es vor einem Jahr mit dem Fahrrad getan hatte, nur dass dieses Mal die Staubwolke um einiges gewaltiger ausfiel. So gewaltig, dass sogar Anita es sofort bemerkte.
»Na?«, fragte Genosse Frank. »Alles in Ordnung?«
»Wie man es nimmt«, antwortete Herbert und umkreiste Genosse Franks Motorrad. »Heißer Ofen!«, sagte er dann. »Hat denn die Revolution schon stattgefunden?«
»Zuerst müssen die Voraussetzungen dafür geschaffen werden. Die Motorisierung der KP gehört dazu.« Genosse Frank löste die Schnalle des Gurtes unter seinem Kinn und nahm die Lederkappe vom Kopf. »Und? Wie ist die Lage vor Ort?«
»Ich halte die Stellung und schlachte Hühner«, sagte Herbert.
»Na ja«, sagte Genosse Frank und bockte sein Motorrad auf, »nicht die schlechteste Art der Vorbereitung. Ohne Blutvergießen wird sich der gesellschaftliche Wandel nicht vollziehen lassen.«
»Aber ein Fahrrad habe ich immer noch nicht!«, beschwerte sich Herbert.
»Fahrräder gibt es erst nach der Revolution!«, entgegnete Genosse Frank. Es klang ein wenig mürrisch.
»Das hat sich aber vor einem Jahr noch ganz anders angehört!«, protestierte Herbert.
»Vor einem Jahr!« Genosse Frank schraubte den Tankverschluss seines Motorrades auf, um nachzusehen, ob das Benzin noch reichte. »Da hast du bestimmt etwas falsch verstanden. Kein Wunder, du warst schließlich neu in der Partei. Aber inzwischen solltest du dir schon im Klaren darüber sein, dass es in der KP nicht in erster Linie um Fahrräder geht!«
»Ja, aber …«, versuchte es Herbert noch einmal, wurde aber sofort von Genosse Frank unterbrochen.
»Jetzt ist es aber genug! Denkst du wirklich, du hättest Anspruch auf irgendetwas? Wie kommst du denn darauf? Du hast für die Partei da zu sein und nicht die Partei für dich! Besitz ist nun wirklich das Letzte, worum es geht. Lies dir mal mein Traktat durch. Was darin über Idealismus steht und über persönlichen Verzicht und über die große Sache im Allgemeinen!«
Genosse Frank hatte sich in Rage geredet. Seine Stimme war immer lauter geworden, am Ende so laut, dass Anita es vor Neugier nicht mehr ausgehalten und mit weit nach oben geschürztem Rock über die Wiese zu ihnen hingelaufen war.
»Also hast du mich belogen!«, brüllte Herbert.
»Überlege dir, was du sagst!«, brüllte Genosse Frank zurück. »Leg es nicht auf ein Disziplinarverfahren an, hörst du? Du bist Parteimitglied, vergiss das nicht!«
»Was?«, rief Herbert.
»Ja, was!«, rief Genosse Frank.
»Hört auf!«, kreischte Anita und drängte sich, indem sie einmal die linke und dann wieder die rechte Schulter nach vorn schob, zwischen die beiden. Dabei geriet ihre Oberweite derartig in Bewegung, dass Herbert und Genosse Frank kurzzeitig die Fassung verloren.
Genosse Frank kriegte sich als erster wieder ein. »Wer ist denn das?«, fragte er.
»Anita«, sagte Herbert.
»Ach so«, sagte Genosse Frank.
»Ja, aber trotzdem!«, fing Herbert wieder an.
»Schluss jetzt!«, bestimmte Anita. »Jetzt beruhigt ihr euch mal wieder!«
Genosse Frank sah Anita an und wischte ein wenig verunsichert mit der gesamten Fläche seiner rechten Hand über den verchromten Lenker seines Motorrades. »Wie auch immer«, sagte er dann, »was macht denn eigentlich der andere von euch beiden?«
»Welcher andere?«, fragte Herbert.
»Der andere Genosse. Genosse …?«
»Bruno«, sagte Anita.
»Ach, Bruno«, sagte Herbert.
»Ja, Bruno«, blaffte Genosse Frank.
»Bruno zündet Bomben in den Machtzentralen der herrschenden Klasse«, sagte Herbert.
»Ach nee!«, sagte Genosse Frank.
»Aber wenn ich es doch sage!«, bekräftigte Herbert. »Hör dich bei deinen Leuten mal ein bisschen um. Der Knall hat sich bestimmt schon herumgesprochen!«
»Na, so was!«, freute sich Genosse Frank. »Der Bruno legt Bomben! So ein verrückter Hund!« Seine Laune verbesserte sich zusehends. »Der wird es den Bonzen schon zeigen, was?«
Herbert nickte. »Aber hallo!« Und dann trat er einen Schritt hin zu Genosse Frank und sagte: »Nur, damit das klar ist: Die Bombe haben wir zusammen gebaut!«
»Soso«, sagte Genosse Frank.
»Doch, das mit der Bombe ist wirklich wahr«, mischte sich Anita ein. »Im Januar ist ihnen dabei der Schuppen abgebrannt!«
»Sagen Sie bloß!«, sagte Genosse Frank.
»Den Rums hat hier jeder gehört!«, begeisterte sich Anita. Obwohl ihr Kleid längst wieder richtig saß, zog sie es immer wieder nach unten.
»Können Sie mal damit aufhören?«, fragte Genosse Frank.
»Womit soll ich aufhören?«, fragte Anita.
»Na, hier, Sie wissen schon!«, sagte Genosse Frank.
»Ach so«, sagte Anita und zog ihr Kleid noch ein Stück weiter nach unten.
»An dem Tag habe ich die Weltrevolution gesehen!«, schwärmte Herbert.
»So, wie ich sie in meinem Traktat beschrieben habe?«, fragte Genosse Frank.
»Eins zu eins. Wie denn sonst?«, fragte Herbert zurück.
»Tatsächlich? Ich habe das vorhin übrigens nicht so gemeint«, lenkte Genosse Frank ein. »Du kriegst dein Fahrrad, verlass dich drauf!«
»Ich verlasse mich auf gar nichts mehr!«, maulte Herbert.
»Na, dann eben nicht«, sagte Genosse Frank. »Ist ja auch egal, ich muss jetzt erst einmal in die KP-Zentrale, Meldung machen!«
Er setzte die Lederkappe wieder auf und schwang sich auf sein Motorrad. Es war eine wirklich schwere Maschine, aber Genosse Frank hatte sie im Griff. Auf dem Motorrad sah er fantastisch aus, und seine Augen glänzten wie die eines Filmstars, wie die Augen von Hans Albers oder Fritz Kortner.
»Kann ich ein Stück mitfahren?«, fragte Anita.
»Sind Sie in der Partei?«, fragte Genosse Frank.
»Nein«, antwortete Anita.
»Dann nicht«, sagte Genosse Frank, startete den Motor und bretterte los. Das Motorrad röhrte und dröhnte und die Staubwolke hinter ihm verhüllte das Sägewerk und den Wald dahinter gleich mit.
»Sie müssen doch nicht Sie zu mir sagen!«, rief ihm Anita hinterher.
Aber das hörte Genosse Frank schon nicht mehr, denn in seinen Gedanken war er schon ganz woanders, in seinen Gedanken chauffierte er bereits ein Automobil.
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