Kitabı oku: «Läufers Fall»

Yazı tipi:

Lothar Koopmann

Läufers Fall

Für Christa, Katrin und Anna

Lothar Koopmann

LÄUFERS FALL


Ich empfand plötzlich das Bedürfnis,

ein neues Buch von mir zu lesen.

Also habe ich eines geschrieben.

Marguerite Duras

Redaktion: Brigitte Caspary

Covergestaltung und Satz: Röser MEDIA GmbH & Co. KG

1. Auflage November 2013

© Sportwelt Verlag®

Inh. Nicole Luzar

Am Wasserstein 3

D-91282 Betzenstein

mail@sportweltverlag.de

www.sportweltverlag.de

Bestellungen der Printausgaben bitte an:

Herold Auslieferung & Service GmbH

Raiffeisenallee 10

D-82041 Oberhaching

Tel: 0049-(0)89-613871-16

Fax: 0049-(0)89-613871-20

herold@herold-va.de

Alle Rechte vorbehalten, einschließlich derjenigen des auszugsweisen Abdrucks sowie der photomechanischen und elektronischen Wiedergabe.

ISBN 978-3-941297-29-6

Weitere Titel im Internet unter www.sportweltverlag.de

Sachdienlicher Hinweis

Die folgende Geschichte ist nicht wahr. Das heißt nicht, dass sie nicht wahr sein könnte. Im Gegenteil, sie könnte sehr wohl wahr sein.

Mit allen Beteiligten, den Läufern und Detektiven, den Walkern und den anderen Menschen, die als Hauptpersonen agieren oder nur verschämt und kurz am Rande vorkommen, könnte sie wahr sein. Und dann in Duisburg spielen. Oder vielleicht anderswo.

Obwohl sie wahr sein könnte, ist sie erfunden. Von vorne bis hinten. Und außergewöhnlich. Zumindest für die Region, in der sie spielt. Sie enthält groteske Szenen und Hassattacken, springt vor und zurück und fließt dennoch ruhig wie die Ruhr, die der Geschichte ihre Heimat gibt.

Sie soll bezaubern und belustigen und an schöne Erlebnisse erinnern, sie schildert unangenehme Dinge, die besser immer nur anderen widerfahren sollten, und ist für Kinder fast ungeeignet, obwohl sie Horror und Grauen meidet und an mancher Stelle fast märchenhafte Züge aufweist.

Und eventuell beobachtete oder vermutete Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen und deren Angehörigen, ihren Vorlieben, Stärken und Schwächen, Träumen und Wünschen wären reiner Zufall und sind nicht gewollt.

Prolog I

Er hatte es sich leichter vorgestellt. Okay, dass es nicht einfach werden würde, war ihm klar gewesen, aber schwer? Den linken Arm konnte er kaum noch ausstrecken, die Muskulatur rund um die Schultern und sein linker Ellenbogen verweigerten die Mitarbeit. Der rechte Zeigefinger zeigte deutliche Ermüdungserscheinungen, überhaupt war die rechte Hand fast steif, das Handgelenk ließ sich nur unter Schmerzen bewegen.

War es eine gute Idee gewesen? Wer hatte überhaupt den perversen Vorschlag gemacht? Gab es jüngere Menschen als ihn, die das Ganze ohne Schwierigkeiten aushalten konnten? Er wusste es nicht.

Ein letztes Mal für diesen Tag baute er Spannung auf und sah sich um. Wohin damit? Er hatte alle benutzt. Mit wechselndem Erfolg. Meistens mit wenig. Vor seinen Augen schwankte das Grün, wechselte zu Braun und gelblich Weiß. Wann sollte er loslassen? Sollte er überhaupt? Die Müdigkeit des Oberkörpers war erschreckend, da half es auch nicht, die Füße fester in den Boden zu rammen, um Halt zu finden. Er suchte trotzdem einen sichereren Stand, indem er seine Beine weiter auseinander schob, die Schuhe in den feuchten Boden grub.

Ein letztes Mal für heute. Dann war Schluss.

Prolog II

Er hatte es sich leichter vorgestellt. Okay, dass es nicht einfach werden würde, war ihm klar gewesen, aber schwer? Ein Anruf, ein Treffen und alles wäre erledigt gewesen. Eine lange Reise, ein Gespräch, eine zweite Verabredung hätten reichen sollen. Da war er sich sicher gewesen. Zu sicher, wie er nun wusste.

Die Vergangenheit ließ sich nicht ändern, er fühlte kein Bedauern und keine Schuld. Was getan werden musste, musste getan werden, das hatte er gelernt. Aber nun schien es, als würde die Vergangenheit Einfluss auf die Zukunft nehmen, als rächten sich seine Taten in den alten Tagen, als hingen sie wie ein Damoklesschwert über seinem Kopf und drohten, ihn zu töten.

Aber das würde er zu verhindern wissen. Der letzte Abend war ein erster Schritt in die richtige Richtung gewesen. Er sah die Wirkung deutlich vor sich und war sicher, dass sein neuer Plan gelingen würde.

Er hatte die Risiken damals nicht auf sich genommen, um Jahre später kläglich zu scheitern – nein, das konnte und durfte nicht sein. Er würde bedingungslos kämpfen und bekommen, was er wollte. Das konnte keiner verhindern, schon gar nicht ein bedeutungsloser Angestellter in diesem verdammten Kaff.

Er startete den Motor.

Prolog III

Das Telefon klingelt. Ich nehme ab und melde mich: „Lothar Koopmann, ja bitte?“ Unter Krächzen höre ich eine männliche Stimme: „Hallo, hier ist Kai-Uwe Gaukel – nun sei doch mal still, ich mach’ das schon – kann ich Sie kurz stören?“

„Tun Sie ja schon“, antworte ich unwirsch. „Aber warum soll ich ruhig sein, und seit wann duzen wir uns?“ Ich höre ein Zögern. „Nein, ich habe ja nicht Sie gemeint, meine Frau Edeltraud quatscht mir immer dazwischen.“ „Um was geht es, ich kaufe nichts am Telefon!“ „Ja, hören Sie, wir beide sind Fans Ihres Buches ,Mission Marathon’. Was haben wir da gelacht! Wir sind schließlich auch Läufer, und Ihre Erlebnisse kamen uns so verdammt bekannt vor. Wir haben uns vor Lachen fast in die Hose gemacht. Und darum wollen wir, dass Ihr nächstes Buch wieder von einem Lauftreff handelt.“ „Von welchem Lauftreff bitte?“ „Na, unserem in Meiderich, mit mir und Edeltraud und unserem Trainer Günni und den anderen. Dass Sie aufschreiben, was uns so Lustiges passiert beim Laufen und so.“ „Und wozu soll das gut sein?“ „Mann, das wird ein Bestseller, wo es doch so viele Läufer im Land gibt. Und dann handelt das Buch ja von uns und nicht nur von Ihnen. Top-Thema, glauben wir.“ „Ich kann es mir ja mal überlegen, mein neues Buch fange ich nächste Woche an, am Montag um acht.“ „Schön, dann überlegen Sie mal. Würde uns freuen. Und halten Sie uns auf dem Laufenden, hahaha.“ Aufgelegt.

1

Ambrosius Läufer seufzt. Und holt tief Luft. Schon wieder kein Fall. Seit über einer Woche kein neuer Fall. Es ist zum Mäusemelken, denkt er resigniert. Da sitzt er nun am Schreibtisch eines vollkommen frisch renovierten Büros, stapelt Aktenberge und Schnellhefter von rechts nach links und kommt nicht weiter: kein neuer Kunde in Sicht, noch nicht einmal ein klitzekleiner Auftrag zeichnet sich am Horizont ab.

Plötzlich muss er grinsen. Wo kam bloß dieser Ausdruck mit dem Mäusemelken her? Abgesehen davon, dass er in seinem Leben bisher wenig bis gar keine Mäuse zu Gesicht bekommen hat, warum zum Teufel soll man diese kleinen süßen Tierchen melken wollen? Und wie können?

Er reckt sich ausgiebig und steht auf. Kaffee wäre jetzt gut, Espresso noch besser, ein nachtschwarzer Espresso mit zwei Teelöffeln Zucker. Wieder huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Besser wäre es, als Maßeinheit für den Zucker einen Espresso-Löffel zu nehmen oder zumindest einen Kaffeelöffel. Er öffnet eine Schublade in der kleinen Küche, die das Büro im rechten Winkel um einige Quadratmeter verlängert. Auch wieder so ein Mysterium: Sein Chef hatte den Raum ausdrücklich als Teeküche renovieren lassen. Wie soll er hier Espresso zubereiten? Trotz vorhandener Maschine. Ein Blick in die offene Schublade unter der Arbeitsplatte bestätigt, was er vermutet hat: Neben Messern, Gabeln und Esslöffeln liegen in den schmalen Fächern außer einigen kleinen Kuchengabeln nur Teelöffel. Es ist zum Mäusemelken …

Vielleicht funktioniert die neue Türklingel nicht mehr, und die Kunden verlassen das Treppenhaus scharenweise unverrichteter Dinge, je nach Temperament enttäuscht oder wütend, weil angeblich geschlossen ist. So würde sich ja nie ein neuer Fall ergeben, da könnte er lange warten.

Er schlurft zur Eingangstür, öffnet sie (nicht, ohne den Türriegel von innen nach außen zu drehen, um ein Zuschnappen zu verhindern) und drückt energisch auf die Klingel neben dem Lichtschalter für die Treppenhausbeleuchtung. Ein gepflegtes „Dingdong, dingdong, dingdong“ zeigt ihm an, dass alles in Ordnung ist; und dann wird ja wohl auch die Klingel im Erdgeschoss funktionieren.

Im Umdrehen fällt sein Blick auf das neue Werbeschild, das sein Chef im Zuge der Bürorenovierung neben der Tür hatte anbringen lassen und das gleichlautend jetzt auch draußen die Eingangstür im Erdgeschoss ziert:

ALTER-NATE

Detektei

Nachforschungen aller Art

Bürozeiten

Mo. – Fr. 10.14 – 18 Uhr

Di., Do., Fr. nur 14.14 – 17.35 Uhr

und nach Vereinbarung

Sa., So. geschlossen

Er war nicht besonders glücklich mit der Beschreibung der Öffnungszeiten gewesen, aber sein Chef Achim Alter meinte bei der Planung, es wäre doch für den Kunden schön und hilfreich, wenn er selbst auch etwas nachzuforschen hätte und auf diese Weise am eigenen Leib erführe, dass der Beruf des Detektivs ein schwerer sei, wenn schon die Ermittlung von Öffnungszeiten so kompliziert sein könnte. Wie schwierig müsse es dann erst sein, komplexe Fälle zu lösen …

Auf dem Weg zurück zur Teeküche blickt er in den mannshohen Spiegel neben den Garderobenhaken. Ihm gefällt, was er sieht: einen dunkelhaarigen Mann Mitte vierzig (na ja, genaugenommen wird er im nächsten Monat 47, aber es kommt schließlich auf die Wirkung an, und er findet, er könnte gut und gerne für 43 oder 43,7 durchgehen), mit 85 Kilogramm bei 1,88 Meter Körpergröße nicht unbedingt schlank, aber auch nicht schwammig, sondern eher angenehm wohlgenährt; das längere Haar der letzten Wochen steht ihm gut. Die wenigen grauen Strähnchen stören nicht, sie geben dem Gesamteindruck vielmehr etwas Seriöses, Glaubwürdiges – ganz wichtig für seinen Beruf –, über den munteren Dreitagebart wollte er demnächst noch einmal nachdenken, ihn aber bis dahin behalten.

Er zieht den Bauch in der Jeans etwas ein, der Gürtel entspannt sich kurzzeitig, und er denkt: Das Laufen hat mir gut getan. Mit über 100 Kilogramm kurz nach Weihnachten fühlte er sich doch etwas pummelig, nun sitzen alle Hosen wieder fast wie angegossen oder sind sogar zu weit. Und auch die Damenwelt schien seiner Erschlankung wohlwollend gegenüber zu stehen, wie er beim Flanieren über die Königstraße einigen bewundernden Blicken entgegenkommender Frauen entnehmen zu können gemeint hatte.

Ambrosius ist froh, nach Jahren der sportlichen Enthaltsamkeit und einigen Versuchen, seine Körpergröße als Zuspieler beim Basketball einzusetzen, über eine Rückbesinnung auf den Nachnamen seiner Vorfahren unter die Jogger gegangen zu sein, was seit zehn Monaten nicht nur eine schöne Verringerung des Körpergewichts mit sich gebracht hatte, sondern auch von dem schrecklichen Unfall ablenkte.

Während er den Kaffeebehälter der Espressomaschine auf Leerstand überprüft und neues Wasser nachfüllt, denkt er kurz an seinen Chef. Achim Alter war am Freitag für eine Woche mit seiner Frau Heidelinde nach Sylt gefahren („Auch die Oktobertage können am Meer ganz würzig sein, und man gönnt sich ja sonst nichts ...“), so dass er nun ganz allein die Stellung hält. Eine Sekretärin wollte Achim Alter sich nicht leisten („Das bisschen Schreibkram schaffen wir beide auch noch selbst.“). Agentur-Mitbegründer Norbert Nate war vor 15 Jahren plötzlich gestorben („Das Herz, lieber Ambrosius, das Herz hat nicht mehr mitgemacht, mitten im Urlaub“, mehr Erklärung hatte Achim Alter für ihn nicht parat), und so saßen sie meist nur zu zweit im Büro, Chef Alter und er.

Alter und Nate hatten als junge Männer die Detektei mitten in den späten achtziger Jahren gegründet; in den Zeiten vor PC, Internet und Smartphone war es ihnen überhaupt nicht in den Sinn gekommen, der Agentur einen anderen Namen als ihre eigenen zu geben – in alphabetischer Reihenfolge. Erst viel später, bei immer mehr Anglizismen in der deutschen Sprache, stellte sich der Doppelname als Problem heraus: „Alternate“, also wechselnd, vertauscht oder ein Ersatzmann und Stellvertreter wollten die beiden gar nicht sein – aber da war es für eine Umbenennung schon zu spät und diese auch zu teuer („Mein Gott, Ambrosius, was hätten wir alles ändern müssen, um ,Alter-Nate’ zu entfernen. Das wäre unser Ruin gewesen. Außerdem ist uns keine Alternative eingefallen, hahaha.“).

Die Missverständnisse hatten sich in den neunziger Jahren und vor allem im 21. Jahrhundert gehäuft („Wie, Sie arbeiten gar nicht für die Grünen oder Greenpeace, warum geben Sie sich dann einen solchen Namen, absolut verwirrend. Alternate ist schließlich alternate, da sollte man schon zu stehen, Sie Betrüger, Sie.“).

Er war seit 14 Jahren dabei, nach 24 Semestern Jurastudium ohne Abschluss, aber mit Abbruch, und dem Bummeln in einigen Sackgassen zunächst für sechs Monate als kostenloser Praktikant in der Firma, dann nach einer speziellen Eignungsprüfung als fest angestellter Junior-Assistent, wegen des Todes von Norbert Nate als wichtigster (weil einziger) Mitarbeiter der kleinen Detektei, in der zuletzt doch Heidelinde Alter als gelegentliche Hilfskraft aushalf („Ambrosius, sie muss uns helfen, wir kommen mit dem ganzen Schreibkram nicht mehr nach.“).

Ambrosius Läufer mag Heidelinde. Sie ist zwar ein wenig älter, als er aussieht, aber für ihre 44 Jahre hat sie sich prima gehalten und kann gut und gerne für Ende 30 durchgehen: schlank und drahtig die Figur, dabei sehr weiblich, das lange blonde Haar meist zu einem witzigen Pferdeschwanz zusammengebunden, auch die Kleidung stets apart und chic. Sie erinnert mich immer an Eva, denkt er, und fühlt langsam Tränen aufsteigen („Verdammte Hacke, als dein Chef sage ich dir: Tu was gegen diese verdammte Weinerlichkeit, wenn jemand den Namen Eva erwähnt, das ist ja nicht zum Aushalten.“).

Mehrfach in der Woche treibt Heidelinde Alter Sport, geht oft zur Gymnastik und ist begeisterte Nordic-Walkerin in einem Mülheimer Klub. Ganz im Gegensatz zu ihrem Mann: Achim Alter, 55, klein, stiernackig und kompakt, hält es mehr mit Winston Churchill und genehmigt sich abends gerne einmal ein Zigärrchen nach dem zweiten Verdauungsschnaps („Das muss sein, lieber Ambrosius, man gönnt sich ja sonst nichts ...“).

Er schmunzelt, als er die Espressomaschine einschaltet und an die spezielle Eignungsprüfung vor über 13 Jahren denkt. „ALTER-NATE“ erhielt einen Auftrag von einer aufgebrachten Ehefrau aus Mülheim: Ihr Mann würde sie ständig betrügen und sie sollten entweder dauerhaft entkräften, dass da etwas dran sei, oder eben beweisen, dass ihre Vermutung stimmte.

Jeden Freitagnachmittag habe er ihr etwas von langwierigen Teamsitzungen seiner Abteilung zur Vorbereitung eines Börsengangs erzählt und sei nie vor 22 Uhr nach Hause gekommen. Mehrfach habe sie ihn im Büro telefonisch nicht erreichen können, weil keiner abgenommen habe, und sie habe außerdem den Verdacht, verschiedene Male einen leichten fremden Parfümduft an seinem Hals gespürt zu haben, wenn er sie beim späten Willkommen umarmt habe („Und das war gar nicht mehr so zärtlich wie früher. Wissen Sie, als wir vor 25 Jahren geheiratet haben, da war das ganz anders. Jeden Abend hat er mir einen Strauß rote Rosen mitgebracht, und anschließend sind wir immer ...“). Hier stockte sie, errötete und murmelte etwas wie „Sie wissen schon, was ich meine, so jung verheiratet wie wir waren, da ist man noch ganz wild aufeinander.“ Ambrosius war bei dem Gespräch mit Achim Alter anwesend und hatte spontan gedacht: „Aufeinander ist gut, das würde heute wohl Schwierigkeiten mit sich bringen, je nachdem, wer oben liegt.“

Da er als spezielle Eignungsprüfung den Auftrag erhielt, den Ehemann zu überwachen, verzieh er der Mandantin ihre ausufernde Körperfülle und machte sich an die Arbeit. Es stellte sich schnell heraus, dass der ebenfalls sehr dicke Ehemann vollständig treu war: Er liebte sein Schnuckelchen, wie er sie nannte, immer noch sehr („Ich hänge an jedem Kilo von ihr, wir sind zusammen groß geworden, und dabei haben wir beide eben ein wenig zugelegt“, sagte er Ambrosius im Vertrauen.).

Tatsächlich ging er seit zehn Wochen jeden Freitagabend zu einer professionellen Tanzlehrerin, um endlich auf der Feier zur Silberhochzeit einen flotten Walzer mit seiner Liebsten aufs Parkett werfen zu können („Wissen Sie, ich konnte noch nie richtig tanzen, und meine Frau ist eine richtige Tanzbärin, da war ich ihr das Üben einfach schuldig.“).

Als klar war, dass der Ehemann jungfräulich unschuldig war, passte Ambrosius ihn vor dem Tanzstudio ab, lud den Überraschten zu einem Drink im benachbarten Pub ein und schilderte die Auftragssituation. Ein ungewöhnliches Vorgehen für einen Detektiv, der vor allem und überhaupt seinem Auftraggeber verpflichtet zu sein hat, aber Ambrosius’ spontane Aktion erwies sich als vollkommen richtig und zielführend: Der Gattin konnte mitgeteilt werden, dass ihr Mann aus den verschiedensten Gründen außerhalb der Ehe keusch gelebt hatte, und der Gatte war in der Lage, vorsichtiger vorzugehen, um zwei Wochen später bei der Silberhochzeit einen triumphalen Auftritt als Walzerkönig hinzulegen.

Der ihm allerdings wegen einer plötzlichen ungeschickten Drehung im Rausch der Musik einen doppelten Bänderriss im Knie einbrachte, worauf die Ehefrau „ALTER-NATE“ beauftragte herauszufinden, ob der Wirt der gebuchten Kneipe das Parkett vielleicht zu stark gewachst hatte, so dass sie ihn anzeigen konnte („Wissen Sie, mein Mann ist so ein begnadeter Tänzer, auf einem normalen Parkett wäre ihm das mit dem Bänderriss nie passiert. Den Wirt werden wir verklagen. Auf Schadensersatz. Für die Verletzung. Und das Kleid und die Schande – mein lieber Mann hat doch im Fallen den kompletten Rücken meines Chiffon-Kleides weggerissen, so dass ich im schwarzen Korsett dastand – wie peinlich! Ich hätte in den Boden versinken können, wenn da ein Loch gewesen wäre.“).

Ambrosius dachte damals, bei der Größe des benötigten Loches hätte kein Boden der Welt statisch länger als eine Minute überlebt, behielt sein Wissen aber für sich. Die Sache verlief dann im Sande, da dem Wirt nichts nachzuweisen war. Der Praktikant aber hatte seine Prüfung bestanden, erhielt am nächsten Tag seine Ernennungsurkunde zum „Junior Assistant“ und war fest angestellt. Mit Gehalt und Provision.

Er betrachtet den großen blauen Bilderrahmen an der gegenüberliegenden Wand. Ein Farbfoto zeigt Achim Alter und Norbert Nate lachend vor einem Brunnen (in London?) kurz vor der Firmengründung: links schlank und blond in Jeans und einem bunten Shirt Norbert Nate („Mein Freund Norbert war begeisterter Läufer mit einer Bestzeit von 35 Minuten über 10 Kilometer und beinahe westdeutscher Meister im Bogenschießen, eine echte Sportskanone. Aber wenn das Herz nicht mitmacht …“), daneben Achim Alter mit seinem Stiernacken einen guten Kopf kleiner, schon damals eingezwängt in eines seiner großzügig karierten Sakkos, die später sein Markenzeichen werden sollten.

Ambrosius weiß nicht, warum er immer wieder montags so früh ins Büro kommt; die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Auftraggeber direkt nach dem Wochenende und dann schon früh am Morgen meldet, geht gegen Null. Aber seit dem schrecklichen Unfall schien ihm bei schlechtem Wetter der Schreibtisch verlockender zu sein als das kleine Appartement, das er hoch oben in Buchholz gemietet hat.

Das Telefon summt. Summt und summt und wird lauter. Er erschreckt fast und zögert. Ein Anruf? Ein Kunde? Ein Auftrag? Dann streckt er doch dem Arm aus und meldet sich wie gewohnt: „Detektei Alter-Nate, Überwachungen, Ermittlungen, Nachforschungen, Verifizierungen, Security, Sicherheitsdienst und Auskünfte aller Art, guten Tag, mein Name ist Ambrosius Läufer, ich stehe ganz zur Verfügung, was darf ich für Sie tun?“ Er hasst diese Begrüßungsfloskel, aber Achim Alter bestand auf genau dieser Formulierung („Der Kunde will heute von Anfang an ein Wohlfühlpaket angeboten bekommen, das erhöht die Auftragschancen und die langfristige Bindung.“).

„Kann ich Herrn Alter sprechen?“

„Wer ist da bitte?“, fragt Ambrosius ebenso unfreundlich.

„Das tut nichts zur Sache, ich muss Herrn Alter sprechen, dringend.“ Die Stimme wirkt mittelalt und kalt.

„Herr Alter ist für einige Tage im Urlaub, darf ich Ihnen helfen?“

„Nein, dürfen Sie nicht. Wie kann ich ihn erreichen? Es ist, wie gesagt, sehr dringend.“ Die Stimme bleibt kalt und fordernd.

„Ich könnte Ihnen seine Handynummer geben, dann wird er selbst entscheiden, ob Ihr Anruf wichtig ist.“

„Sehr gut, dann mal schnell her damit … “

Kaum hat Ambrosius Läufer aufgelegt, summt das Telefon wieder. Nach seiner Begrüßungsformel hört er: „Hallo Herr Läufer, hier ist Andreas Schirm, Mülheim, ich vermisse meine Frau.“ Die Stimme klingt jung und sympathisch, aber hörbar nervös.

Plötzlich reitet Ambrosius der Teufel. Er hüstelt: „Ich auch.“

„Wie, Sie vermissen meine Frau auch?“

„Nein, meine.“

„Wie, Ihre Frau ist auch verschwunden?“

„Nein, seit einem Jahr tot.“

„Mein Gott, wie ist das denn passiert – sie war doch sicherlich noch nicht alt – oder?“

„Wenn es Sie interessiert: Sie war 44 und hat mit vier Freundinnen zum 25-jährigen Abitur eine lange Südtirol-Reise gemacht. Und dann ist ihnen auf der Passstraße zum Stilfser Joch ein LKW auf der eigenen Spur entgegengekommen. Die fünf waren sofort tot – das stand damals in allen italienischen Zeitungen. Und in der BILD. Der Fahrer des LKW war wohl Deutscher, im Führerhaus steckte ein Schild ,Il Tedesco’, und er beging Fahrerflucht, wie mir die Polizei sagte.“ Er fühlt wieder Tränen aufsteigen. Besonders die Schlagzeilen der BILD hatten ihn lange verfolgt und bis heute nicht wirklich losgelassen: „Tod in Tirol – LKW zermalmt fünf deutsche Frauen.“

„Mamma mia, das ist ja furchtbar, allerherzlichstes Beileid.“

„Danke – aber was darf ich für Sie tun?“

Andreas Schirm wechselt die Stimmlage und flüstert verschwörerisch: „Seit vorgestern ist meine Frau verschwunden. Ich habe schon mit allen Freunden und Verwandten telefoniert – ohne Erfolg. Und ich war auch schon bei der Polizei. Aber die heben ihren Hintern erst nach 48 Stunden, sagen sie.“

Ambrosius kann sich zwar nicht vorstellen, dass Polizeibeamte bei der Beschreibung dienstlicher Tätigkeiten eigene Körperteile erwähnen, nimmt die Nachricht aber trotzdem ernst: „Ja, das ist so. Es gibt zu viele Vermisste, die nach zwei, drei Tagen Komasaufen putzmunter wieder auftauchen, als wäre nichts gewesen. Und die ganze Aufregung war umsonst. Da stellen die erst mal keine Ermittlungen an, sondern sitzen das in aller Ruhe aus.“

Empörung klingt durch die Leitung: „Meine Frau trinkt nichts außer Wasser und Säften, schon mal einen Cappuccino oder einen Latte, aber immer pur, mit nichts – oder ohne alles, ganz wie Sie wollen. Die liegt nicht im Koma, Mann.“

„Das war ja auch nur ein Beispiel. Es gibt viele Gründe für Vermissungen, alte Freunde getroffen, Depressionen, Kaufrausch,…“

Andreas Schirm unterbricht ihn wütend: „Meine Frau trifft weder alte Freunde noch hat sie Depris, und einkaufen gehen wir immer zusammen. Sie ist einfach nur verschwunden!“

„Wann haben Sie sie denn zuletzt gesehen?“

„Am Samstagmittag, nach dem Essen, so gegen 13 Uhr. Ich bin freischaffender Sportjournalist und musste zu einem Bundesligaspiel.“

„Wer gegen wen?“

„Leverkusen gegen Schalke.“

„Habe ich gesehen im Fernsehen, 0:1. Schönes Tor von Farfán.“

„Ja, … Mann Gottes, was reden wir denn über Schalke, meine Frau ist verschwunden!“

„Entschuldigung, aber beim Thema Fußball gehen immer die Pferde mit mir durch.“

„Wie, Pferde?“

Ambrosius seufzt. „Schon gut, was hatte Ihre Frau denn am Nachmittag vor ohne Sie, einkaufen gehen ja wohl nicht, oder?“

Schirm überhört die Ironie: „Nein, natürlich nicht, ich war ja im Stadion. Sie wollte noch etwas nähen und einen Brief schreiben und dann gegen 16 Uhr zum Nordic-Walking in ihren Verein fahren.“

„Wie, Verein? Welcher Verein macht denn Nordic-Walking. Komisch.“

„Was ist daran komisch? Sie Witzbold. Für alles gibt es einen Verein, für Drachenflieger, für Angler, für Sänger, für Briefmarkensammler, sogar für Swinger und Saunafreunde, warum dann nicht auch für Nordic-Walker?“

„Ich mag kein Nordic-Walking, es kommt mir immer vor wie Bergsteigen ohne Berg. Ich jogge lieber ein paar Runden.“

Schirm ereifert sich: „Mann, das sind ja gerade die Vorurteile, die meiner Frau so zu schaffen machen. Dabei ist Nordic-Walking absolut gesund für das Herz-Kreislauf-System, für die verschiedensten Muskelgruppen und für die Gelenke, sagt sie immer.“

Und für Quatschen im Wald, für das Tragen von Riesenflaschen isotonischer Getränke und die Rudelbildung auf schmalen Wegen, denkt Ambrosius grimmig. Doch dann hat er sich wieder im Griff und kontert: „Was regen Sie sich über Vorurteile auf – Ihre Frau wird vermisst!“

„Ja“, dieses Mal weinerlich, „und die Polizei hebt den Hintern nicht! Deswegen brauche ich ja Sie!“

„Und wie kommen Sie auf unsere Firma? Empfehlung?“

„Nein, ich habe im Branchenbuch nachgesehen, und da stehen Sie an erster Stelle, ganz oben.“

Herrje, denkt Ambrosius, ist der nervös und so etwas nennt sich Journalist: An erster Stelle ist ganz oben und umgekehrt. Sachlich fährt er fort: „Ich dachte, Sie wären aus Mülheim, warum dann ein Duisburger Branchenbuch?“

„Erstens konnte ich das Mülheimer in meiner Nervosität nicht sofort finden, zweitens bin ich alter Duisburger, und drittens ist meine Frau wahrscheinlich in Mülheim oder Duisburg verschwunden.“

„Wie heißt sie?“

„Wer?“

„Meine Güte, Ihre Frau, wie heißt sie?“

„Schirm.“

„Ich meine natürlich, wie heißt sie mit Vornamen? Dass sie Schirm heißt, kann man sich ja denken – oder?“

„Sie heißt Eva.“

Eine irre Hitzewelle fliegt quer über Ambrosius’ Rücken, lässt die Halswirbel erstarren und setzt sich als Gänsehaut auf den Armen fest. Eva! Ausgerechnet Eva! Er fühlt Tränen aufsteigen.

„Eva Schirm, genau genommen Eva Henkel-Schirm, aber den Mädchennamen hat sie wegen der Familie eigentlich nicht mehr benutzt.“

„Wegen welcher Familie?“

„Na, sie ist eine entfernte Verwandte dieser Waschmittel-Leute aus Düsseldorf, aber den Namen wollte sie in der Öffentlichkeit vermeiden, obwohl sie bei der Hochzeit vor über zehn Jahren noch ganz stolz war auf die Tassenhalter.“

„Tassenhalter?“

„Ja, Tassenhalter. Das ist ihre Umschreibung für die Familie, wenn sie die Abstammung verschweigen will.“

„Warum verschweigen, gab es Ärger mit den Henkels?“

Andreas Schirm antwortet weinerlich: „Nein, eigentlich nicht. Sie hat von einer verstorbenen Tante mütterlicherseits unsere kleine Schnuckelvilla hier auf der Prinzenhöhe geerbt, und das haben die Tassenhalter ihr nicht gegönnt. Ansonsten haben wir mit denen nichts zu tun.“

Ambrosius atmet tief durch und nimmt die Füße vom Schreibtisch. Eine schwachsinnige Angewohnheit von ihm, beim Telefonieren ein wenig in den Schreibtischstuhl einzusinken und die Schuhe auf den Tisch zu legen. Sie stammt aus den ersten Monaten seines Praktikums bei „ALTER-NATE“, als er dachte, Detektive wie er und Humphrey Bogart müssten mit dieser Haltung unbedingt ihre Lässigkeit im Gespräch beweisen.

Er rückt den Stuhl zurecht und konzentriert sich wieder: „Und jetzt sollen wir Ihre Frau suchen?“

„Ja, ich gebe Ihnen den Auftrag, sie zu finden. Haben Sie Zeit? Und was kostet mich das?“

Ambrosius räuspert sich. Die alte Schule von Achim Alter schlägt durch („Wir sagen keinem Kunden sofort zu, sondern versuchen, im angeblich gefüllten Terminkalender ein klitzekleines Zeitfenster für ihn zu finden. Dann ist er dankbar, vertraut unserer gefragten Kompetenz, und wir können die Preise hoch halten.“).

„Lassen Sie mich sehen.“ Er raschelt in einem Stapel Altpapier, das immer neben dem Telefon liegt, unbeschriebene Rückseiten aussortierter Schriftstücke und Fehldrucke („Lieber Ambrosius, das Altpapier ist unser Kapital, was meinst du, was es kostet, immer neue Schreibblöcke zu kaufen? Und wir drucken hier nur Schwarzweiß, denk dran, Farbe ist etwas für Künstler.“).

„Okay, im Terminkalender haben wir für morgen Nachmittag einen ziemlich großen Auftrag notiert, der ist langwierig bis in die Nacht hinein, das wird dauern. Ich überprüfe für morgens sicherheitshalber noch den Outlook-Planer. Heute sind wir auf jeden Fall bis in den Nachmittag ausgebucht. Einen Moment bitte, ich lege Sie mal hin.“

Er verdeckt die Muschel mit einer Hand und lässt gefühlt eine knappe Minute vergehen („Lieber Ambrosius, den ganzen elektronischen Terminplaner-Mist kannst du vergessen, wir notieren unsere Aufträge mit der Hand, da weiß man, was man hat.“).

„Nein, auch im Planer ist für morgen früh nichts notiert. Ich könnte ein paar Stunden investieren, bis gegen 13 Uhr.“

„Und was kostet mich die ganze Sache?“

„Unser Tagessatz liegt bei 800 Euro plus Mehrwertsteuer und Spesen, egal, ob wir erfolgreich sind oder nicht. Plus vier Tagessätze Erfolgshonorar natürlich. Mindesthonorar ein halber Tagessatz.“

„Wenn Sie meine Frau bis mittags finden, werden also auf jeden Fall 400 Euro fällig, nicht wahr?“

„Ja, plus 19 Prozent Mehrwertsteuer. Das Mindesthonorar bitte vorab zahlen.“

„In Ordnung.“ Andreas Schirm klingt deutlich gefasster als zu Beginn des Gesprächs. „Dann komme ich heute am späten Nachmittag zu Ihnen, und wir besprechen die Einzelheiten. Wäre das okay?“

„Klar, Herr Schirm, unser Auftrag wird gegen 17 Uhr enden, und ich bin dann gerne um 18 Uhr für Sie hier. Sie wissen ja wo. Und bringen Sie ein neues Foto Ihrer Frau mit.“

„Kein Problem. Dann bis heute Abend. Vielen Dank. Und noch einen schönen Tag und viel Erfolg, Herr Läufer.“

„Ihnen auch, Herr Schirm. Trotz der Vermissung.“

Ambrosius legt auf und schlägt mit der Faust krachend auf den Schreibtisch. Er hat einen Auftrag! Und auch noch einen leichten …

2

Tags zuvor …

„Kommt Ambi nicht?“, fragt Kai-Uwe Gaukel in die Runde.

„Nö, ich glaube, der hat mal wieder Schichtdienst“, antwortet Melanie Berg-Wacht pikiert.

„Wieso Schichtdienst, was macht der denn beruflich?“

„Keine Ahnung, der redet ja kaum beim Laufen, hat aber etwas von Schichtdienst erzählt, als er mal nicht konnte.“

„Nicht konnte, hahaha, wenn das mal nicht gelogen war – so etwas gibt doch keiner freiwillig zu“, flachst der schlaksige Paul Reimann von links außen.

„Was du immer denkst, schließlich ist nicht alles zweideutig, nur weil in dein Gehirn nichts anderes reinpasst“, schimpft Melanie aus der Mitte heraus.

Der Lauftreff des MSV Duisburg hat sich zu einer regelmäßigen sonntäglichen Sonderschicht am Sportpark Duisburg- Wedau getroffen, wo das Restaurant „Seehaus“ mit seinem Biergarten den Start der öffentlichen Regattabahnlaufstrecke verschönert. Jede Woche um 9.30 Uhr in der Früh finden sich sechs, sieben, acht Unentwegte ein, um gemeinsam mit dem Übungsleiter 16, 17 oder mehr Kilometer durch den Wald zu laufen. So auch heute.

„Und was ist mit dem Trainer?“, kontert Paul. „Günni wird doch nicht kneifen, oder?“

Kai-Uwe übernimmt das Wort: „Weiß nicht, abgemeldet hat der sich nicht, zumindest nicht bei mir.“ Die anderen nicken zustimmend und setzen ihre Dehnübungen vor dem Laufen fort.

Einen Fuß aus der Parallelstellung weit nach hinten auf die Zehenspitzen gestellt, die Hüfte gesenkt und damit Druck auf die Wade ausgeübt – ein leichter Schmerz in den Muskeln zeigt ihre Dehnung an. Dann Fuß wechseln. Weiter mit Anheben der Hacke eines Fußes an den Po mit einem Handgriff oberhalb des Knöchels, zwanzig Sekunden halten, dann Fuß wechseln (vorher natürlich den bisherigen sicher auf dem Boden abstellen). Armkreisen. Aus dem parallelen Fußstand eine Hacke nach vorne setzen und die Zehen zum Körper biegen – wieder Spannung in den Wadenmuskeln. Einen Ellenbogen vor den Mund heben und ihn mit der anderen Hand zum gegenüberliegenden Ohr ziehen. Wieder Schmerzen – dieses Mal in der beanspruchten Schulter. Kopfkreisen. Rumpfbeugen.

„Mir reicht’s“, lässt sich Paul Reimann schon vernehmen. „Diese ewige Dehnerei geht mir voll auf den Keks. Ich habe zuletzt irgendwo gelesen, dass das sowie nichts bringt, zumindest nicht vorher. Mit zuviel Dehnen vor dem Laufen, kannst du keinen Sieg erkaufen.“

„Besser vorher dehnen als mit verkürzten Muskeln leben“, wirft Edeltraud Gaukel ein, die zweite Frau in der Runde.

„Was machen wir denn ohne Trainer? Idee für eine Strecke?“, wendet sie sich an ihren Mann Kai-Uwe.

„Nö, im Moment noch nicht. Was meint ihr?“

Die Frage richtet sich an die beiden letzten Männer der Truppe, Edgar Kornfeld und Manfred Pechner, die mit dem Dehnen noch nicht abgeschlossen haben und eifrig auf einem Bein stehend die freie Hacke Richtung Po ziehen. Unterschiedlicher könnten die beiden nicht sein: Der kleine drahtige Edgar, seit zwanzig Jahren Polier in einem großen Bauunternehmen, wirkt wie ein Zwerg neben dem massiven Manfred, Sportlehrer an einer Hauptschule. Er ist als einer der letzten zum Lauftreff gestoßen und stolz auf gut 15 Kilogramm Gewicht, die er in den vergangenen zehn Monaten abgenommen hat. Am Anfang war er hinter dem Tross hergekeucht; mittlerweile aber kann er sehr gut mithalten und ist im Begriff, den schmalen Edgar in Grund und Boden zu laufen, obwohl er sich als einziger Teilnehmer des gesamten Lauftreffs immer noch stur als Raucher outet. Seit kurzem ärgert er seine Freunde mit seinem neuesten Hobby, wie er es nennt, dem mehr als zweifelhaften Versuch, alle möglichen Dinge in einem selbst erfundenen Italienisch auszudrücken.

„Wir brauchen eine Strecko, wo uns nicht so viele Hundos begegnen, wegen Edeltraud und ihrer Pychose.“

„Erstens heißt es Psychose, nicht Pychose, und zweitens könntest du bitte aufhören, so zu tun, als hättest du irgendeine Ahnung von Italienisch“, blafft die schmale Melanie Berg-Wacht ihn von links an. Sie ist Friseurin mit Abitur, stolz auf ihre strohblonde Kurzhaarfrisur („Ich hab die Haare schön“, singt sie oft minutenlang) mit Stirnlocke und läuferisch ein Naturtalent. Schon kurze Zeit, nachdem sie vor einem Jahr mit dem Rauchen aufgehört hatte, war sie an die Leistungsspitze der sechs Frauen des Lauftreffs gelangt und überholte auch die meisten Männer bei ihren gemeinsamen Wettkämpfen.

„Menschenskinder, das bisschen Spaß wirst du mir doch wohl gönnen, oder? Ich mäkel ja auch nicht über deinen Haarschnitt, wenn man den überhaupt als solchen bezeichnen kann.“

„Pah, besser mein Haarschnitt als fast Glatze, sag ich da nur“, kontert Melanie.

„Hört auf mit dem Gekabbel, wir müssen eine Strecke finden, wenn Günni nicht kommt“, unterbricht Kai-Uwe die beiden.

„Was für ein Gekabbel, ich kann doch nichts dafür, dass die Frauo kein Verständnis für Bildung und Kulturo hat“, beschwert sich Manfred und wechselt mit einer wütenden Bewegung das Dehnbein. Edgar folgt ihm sofort, als wolle er Manfreds Bemerkung unterstützen.

„9.35, dann kommt der Trainer nicht mehr“, bilanziert Kai-Uwe und geht einige Schritte Richtung Starttafel, als müsse er sich konzentrieren.

„Das wäre uns mit dem alten nicht passiert, der ist immer gekommen. Außer, er hat sich abgemeldet. Aber das hat der neue ja wohl nicht nötig.“ Edeltraud Gaukel redet sich in Rage. „Jetzt stehen wir hier und haben keine Strecke ohne Hunde vorbereitet, ich krieg die Krise.“

„Strecken ohne Hunde gibt es nicht, es gibt nur Strecken mit der Chance auf weniger Hunde“, wirft Paul ein. „Eine Strecke frei von Hunden, hat keiner je von uns gefunden. Du musst dich nicht immer so anstellen, so einfach ist das.“

„Einfach, einfach, wenn ich das schon höre, sei du mal an meiner Stelle mit der Angst im Nacken!“

„Hast du Angstschweiß nass im Nacken, kannst du abends besser …“

„Stopp, jetzt reicht’s, wir haben immer noch keine Strecke, und es ist bald zwanzig vor“, unterbricht Kai-Uwe die Streithähne. Er ist wieder in die Runde getreten und will Verantwortung übernehmen. Durch eine wortlose Übereinkunft gilt er als so etwas wie die Vertretung des Trainers, und ab und zu muss er das auch deutlich zeigen. „Ich schlage vor, wir laufen Richtung Mülheim den Rottweg hoch, dann die Neuner-Runde und wieder zurück.“

„Wie viele Kilometer sind das, und gibt es da Hunde?“, will seine Frau wissen.

Dieses Mal antwortet Manfred: „Mein Gott, die Strecko sind wir doch schon ein paar Malo gelaufo, etwa 19 Kilometri. Du mit deinem Streckenalzheimer! Und wenn Hundos kommen, nehmen wir dich in die Mitto – okay?“

Edeltraud nickt ergeben und murmelt etwas vor sich hin, das sich wie „Ihr und euer Streckenalzheimer“ anhört. Wie immer ist das neckische Treiben der Truppe damit schnell beendet, und man einigt sich darauf, Kai-Uwes Vorschlag zu folgen.

Der morgendliche Oktobernebel hat sich in der Zwischenzeit ein wenig gelichtet, eine zarte Sonnenscheibe wirft glimmernde Strahlen auf das dunkelgrüne Wasser des Berthasees, glitzernde Sternchen scheinen auf der Oberfläche zu schwimmen. Einige unentwegte Angler in kleinen undeutlichen Ruderbooten geben der Szenerie im grauen Dämmerlicht etwas Romantisch-Unwirkliches. „Fast zu schade zum Weglaufen“, findet Melanie seufzend, folgt aber doch den Kollegen. Die Männer haben ihre Stoppuhren und GPS-Empfänger gestartet und sind den beiden Frauen schon einige Meter enteilt.

„Wartet auf uns – hier sind sicher irgendwo Hunde“, ruft Edeltraud hektisch. „Außerdem habe ich wegen meiner Achillessehne ein paar Mal nicht richtig trainiert, das wisst ihr doch.“

„Keine Sorge, wir laufen höchstens 6:30 bis 6:40, das schaffst du schon“, beruhigt sie ihr Mann, der zusammen mit Paul Reimann vorne läuft. Dahinter fügen sich Melanie und Edeltraud ein, gefolgt von Edgar und Manfred, die wie Pat und Patachon die Schlussreihe bilden, nur ist hier der Lange der dickere und der Kurze ein Hänfling.

Die ersten zwei Kilometer an der Regattabahn entlang lassen sich mit der Streckenbeschilderung und den Uhren der Männer exakt vermessen: Kilometer eins wird in 6:35 Minuten gelaufen, Kilometer zwei folgt in 6:30 Minuten – ein gutes Tempo zum Warmwerden und angemessen für den langen Lauf, den das Sextett plant. Im Moment steht gegen Jahresende kein Wettkampf an, und die Vorbereitung auf die Winterlaufserie des ASV Duisburg hat noch viel Zeit; schließlich findet der erste Lauf erst Ende Januar statt, da kommt das heutige Grundlagentraining gerade recht.

„Weißt du, warum Ambi heute nicht da ist?“, fragt Kai-Uwe in vorderster Reihe seinen Nachbarn Paul.

„Nö, der kommt doch sonst sonntags oft, keine Ahnung. Weiß auch nicht, was das mit dem Schichtdienst sein soll, der redet ja so wenig.“

„Ist mir auch aufgefallen, scheint ein Laufredemuffel zu sein. Ich meine, im Vergleich zu den Frauen sprechen wir schon wenig, aber der sagt ja gar nichts.“

„Aber ich finde, der hat sich in den letzten zehn Monaten seit Weihnachten kolossal gemacht, den letzten Zehner ist der in 45 Minuten gelaufen – könnte ich nicht.“ Paul seufzt. Seine Bestzeit von vor vier Jahren liegt bei knapp über 53 Minuten; er schafft es einfach nicht, schneller zu werden. Zuletzt hatte ihn sogar Melanie überholt und war mit 47:36 Minuten ins Ziel gerauscht, ohne dass auch nur eine Haarsträhne einen Hauch von Schweiß abbekommen hätte. Friseurin müsste man dafür wohl sein – oder zumindest Friseur, denkt Paul neidisch.

Kai-Uwe reißt ihn aus seinen Gedanken. „Wo nur der neue Trainer geblieben ist? Ungewöhnlich, nicht?“

„Finde ich auch, die letzten Monate war Günni doch sonntags immer da, selbst in den Ferien.“

„Ja, er sagte, er fahre nicht weg, da sei das Laufen eine prima Ablenkung vom Alltag.“

„Was macht der eigentlich beruflich? Hat er mir nie erzählt. Dir?“

„Ich glaube, der ist Ingenieur oder so, für Schiffsbau oder so.“

„Was? Ein Österreicher als Schiffsbauer? Das ist ja wie Franz Klammer in der Sahara! Wüstenstaub am Abfahrtsski verdreht dir höchstens nur das Knie!“

„Mann, du immer mit deinen Gedichten! Er hat wohl lange in Hamburg gelebt, um den Beruf ausüben zu können, mehr weiß ich auch nicht.“

In der zweiten Reihe haben die beiden Frauen es sich in der Zwischenzeit bei ihrem Lieblingsthema gemütlich gemacht. Edeltraud fragt Melanie gerade nach ihrem besten Rezept für eingelegte Heringe, als sie sieht, dass ihnen ein Mann im seidenen Jogginganzug mit einem Rottweiler an der Leine entgegen kommt. „Ich muss mal in die Mitte da vorne“, ruft Edeltraud ihrer Nachbarin hektisch zu und sprintet einige Meter, um sich zwischen die beiden Führenden zu drängeln. „Keine Angst, der tut nichts“, will Kai-Uwe seine Frau beruhigen.

„Das sagen sie alle, und: Der will doch nur spielen“, gibt sie verängstigt zurück.

Der Mann hat Edeltrauds panisches Verstecken in der Mitte der ersten Reihe bemerkt und lässt bei der Begegnung ein lachendes: „Keine Angst, junge Frau, der tut nix“ hören, um dann interessiert stehen zu bleiben. Der Rottweiler knurrt böse, wahrscheinlich, weil es nicht weitergeht. „Das wissen Sie, aber weiß das auch der Hund?“, fragt Edeltraud besorgt nach hinten. Der Mann zieht kopfschüttelnd von dannen und zerrt das Tier hinter sich her. Edeltraud reiht sich wieder neben Melanie ein.

Hinten geht es schweigsam zu. Manfred weiß, dass Edgar noch weniger als Melanie mit seinem italienischen Hobby anfangen kann, beide verweigern Interesse an den Erfolgen ihres heimischen aufstrebenden Zweitligisten, und Edgar kann und will mit einem Sportlehrer nicht über Mauern, Betonstürze und Estrich-Verlegung reden – so finden sie kein gemeinsames Thema, laufen einfach stumm nebeneinander her und hören dem Geplapper der Frauen zu, die sich mittlerweile den Themen Garten und Blumenpflege zugewandt haben. Edeltraud schwärmt von der bunten Pracht in ihrem kleinen grünen Paradies, und Melanie kontert, ihr Balkon sei auch ganz schön bepflanzt.

Bald ist kurz vor dem dritten Kilometerschild der Regattarunde der Abzweig Richtung Mülheim erreicht, und der Trupp trottet gemächlich über die Wedauer Brücke, danach links und sofort wieder rechts in den Wald hinein. Nach kurzer Zeit überqueren sie die Autobahn A3 und halten sich dann halb rechts, um erst den Worringer Reitweg zu kreuzen und dann ganz leicht Richtung Rottweg aufzusteigen.

Plötzlich meldet sich Kai-Uwe zu Wort und unterbricht die Frauen, die gerade intensiv diskutieren, ob Dahlien im Sommer schöner seien oder Fuchsien.

„Hört mal, Jungs und Mädels, ich hab’ mir gerade was überlegt. Edeltraud ist ja im Moment wegen ihrer Achillessehne nicht so gut drauf. Was haltet ihr davon, wenn wir vor der Steigung Rottweg nach links in die Tannenstraße abbiegen und dann über den Ganghofer Weg wieder zurückkommen? Da geht es zwar auch bergauf, ist aber flacher und sicher gut für Edeltraud.“

Manfred verzieht das Gesicht: „Auf der Strecko habe ich mir einmal fürchterlich den Knöchelo verstaucht, als ich an einer Grasnarbo hängen geblieben bin. Ich bin ehrlich gesagt überhaupt nicht dafüro.“

Da das aber der einzige Vorbehalt bleibt und der Rest der Truppe die Änderung gut findet, biegt der Tross unter Manfreds Protesten nach links ab, die Tannenstraße hoch mit ihrer schwachen Steigung. Kai-Uwe wartet lange auf eine Bemerkung von Edeltraud und hat schon fast die Hoffnung aufgegeben, als sie sich doch meldet: „Prima Strecke, ganz ohne Hunde. Total einsam und absolut ruhig. Aber hier sind wir doch noch nie gelaufen, oder?“

Die Männer können sie beruhigen; hier sei man schon mehrfach gelaufen, aber immer anders herum.

„Sagte ich doch, so rum noch nie“, erwidert Edeltraud und nimmt die Dahlien-Fuchsien-Diskussion mit Melanie genau an der Stelle wieder auf, an der sie unterbrochen worden war.

Kurz nach dem Vogelherdweg ergibt sich das nächste vorhersehbare Ereignis: Edeltraud muss in die Büsche – dringend. Manfred Pechner findet die angepeilte Stelle wenig geeignet und fordert sie auf, noch ein wenig weiter zu laufen. Sie werde es sicherlich bald bereuen, kaum Sichtschutz zu haben. Edeltraud verweigert das aber aus verständlichen Gründen. „Lauft ihr ruhig langsam weiter – ich komme gleich nach.“

Für durchschlagende Explosionsfälle hat sie immer einen kleinen Vorrat sorgsam gefaltetes Toilettenpapier in der Jacke, so dass sie sich generalstabsmäßig versorgt nach rechts in den Wald kämpfen kann, um im Unterholz oder im Reich der Farne garantierten Sichtschutz zu finden.

Die restlichen fünf Läufer drosseln das Tempo und traben nach zweihundert Metern im Kreis weiter, um auf die Waldgängerin zu warten. Plötzlich hören sie hinter sich einen gellenden Schrei und bleiben erschrocken stehen. „Da wird sich doch wohl kein Hundo im Gebüscho versteckt und dann Edi angesprungen haben?“, frotzelt Manfred.

„Komm, lass, sie wird einen Grund haben, so zu brüllen“, verteidigt Kai-Uwe seine Frau und will ihr entgegenlaufen, um nach dem Rechten zu sehen.

Doch da kommt sie schon auf den Tannenweg gestürmt, an ihrer roten Laufjacke gut zu erkennen, und schreit weiter, wild mit den Armen rudernd.

„Kann einer was verstehen?“, fragt Melanie besorgt.

„Irgendwas mit roter, wahrscheinlich bloß ein rötlicher Dackelo oder bei dem Kracho ein Reho“, vermutet Manfred mit gelangweiltem Augenaufschlag und hochgezogenen Brauen.

Als Edeltraud schreiend und weinend mit hochrotem Kopf im Sprinttempo näher kommt, ist sie deutlich zu verstehen: „ Ein Toter, ein Toter, da vorne im Wald liegt ein Toter!“

3

„Was ist los? Ein Toter? Wo?“ Die Panik seiner Frau hat sich auf Kai-Uwe übertragen. Im Halbkreis umringt die Gruppe ihre Laufkollegin, die sich zitternd mit den Händen auf den Knien abstützt.

„Mir ist schlecht, mein Kreislauf ...“, schluchzt Edeltraud, immer noch keuchend und weinend.

„Was ist passiert?“, will Manfred Pechner wissen. „Ein Totero?“

„Als ich mich im Wald hingehockt hatte, habe ich ihn gesehen.“

„Weno?“

„Den Schuh, genau neben mir unter dem Farn. Und dann das Bein und dann...“ Edeltrauds Stimme versagt, und Tränen laufen über ihr Gesicht.

„Und danno?“

„Dann habe ich gesehen, dass neben mir ein Mann auf dem Boden lag, halb von Farn verdeckt. Er lag auf dem Bauch und hat sich nicht bewegt.“

„Bist du sicher, dass der tot ist? Vielleicht ist dem auch nur schlecht“, drängelt Paul unwirsch. „Nicht jeder, der am Boden liegt, wurde von dem Tod besiegt.“

„Ich bin vor Schreck aufgesprungen und habe dabei den Schuh berührt. Der Mann ist tot, sag ich dir, mausetot, sonst hätte der doch reagiert, als ich geschrien habe.“

„Klingt überzeugend“, unterstützt Kai-Uwe seine Frau. „Kommt, wir gehen mal gucken, was da los ist.“

„Ich gehe nicht mit, da kriegen mich keine zehn Pferde wieder hin“, wehrt Edeltraud ab und setzt sich protestierend auf einen großen Findling am Weg. „Geht ihr nur, ich bleibe hier.“

„Darf ich mit oder soll ich bei dir bleiben?“, fragt Melanie schüchtern.

„Geh nur, ich komme schon zurecht.“

Die Gruppe trabt gemeinsam zweihundert Meter zurück, bis sie die Stelle erreicht, an der Edeltraud sich nach links in den Wald geschlagen hatte. Vorsichtig streifen die Läufer mit ihren nackten Beinen das dichte Unterholz zur Seite.

„Zum Glück sind hier keine Brennnesseln“, flüstert Melanie.

„Klar, sonst hätte Edi sich ja auch nicht getraut“, weist Paul sie zurecht. „Hast du Brennnesseln am Po, wirst du nicht des Lebens froh.“

„Mann, Paul, hör doch mal auf mit deinen ewigen Gedichten, das hält ja keiner aus!“ Kai-Uwe an der Spitze verzieht übertrieben gequält das Gesicht.

„Das Dichterglück am Waldesrand Kai-Uwe niemals lustig fand“, entgegnet Paul grinsend.

„Könnt ihr nicht mal ruhig sein, hier soll ein Toter liegen.“ Melanie sieht sich unsicher um. „Die Frage ist nur, wo?“

Sie sind zwanzig Meter in den Wald hinein gegangen, als Paul ausruft: „Da ist er. Ich sehe einen Schuh da hinten.“ Als sie näher kommen, gehört zu dem Schuh auch noch ein halbes Männerbein bis zu einer kurzen Hose, den Rest verdeckt ein riesiges Farnbüschel.

„Hey, Mann, geht’s Ihnen gut, können wir helfen?“, ruft Melanie neugierig.

„Halt den Mund, du siehst doch, dass der tot ist“, faucht Kai-Uwe.

Als sie fast neben dem reglosen Bein stehen, ruft Paul überrascht: „Mann, das ist ja ein Jogger!“

Kai-Uwe ergänzt: „Ja, glaube ich auch. Und die Schuhe sind von Mizuno, ganz teures Zeug. Die gleichen hat Günni auch, weit über 200 Euro, hat er mir mal erzählt.“

Er und Paul nähern sich dem Schuh und biegen das hohe Farnkraut auseinander. Die Gruppe beugt sich gemeinsam über die Lücke.

„Oh nein, oh nein!“, schreit Melanie auf und rennt wie von Taranteln gestochen tiefer in den Wald.

„Oh Scheiße, das ist ja Günni!“, ruft Kai-Uwe aus.

Unter ihnen, flach auf dem Bauch, ein Bein angewinkelt, liegt Trainer Günter Stock auf dem Boden und sieht in seinem gelben Laufshirt und der schwarzen Hose aus, als würde er schlafen. Einzig ein langer schwarzer Pfeil mitten in seinem Rücken lässt erkennen, dass es ihm nicht ganz so gut geht, wie es die friedliche Körperhaltung vortäuscht.

„Liegt ein Toter tot im Wald, lässt das keinen Läufer kalt“, flüstert Paul und handelt sich einen heftigen Fußtritt von Manfred ein, der blass und zitternd neben ihm steht.

„Du pietätloses Schweino, kannst du nicht mal mit deinen Gedichtos aufhören? Da liegt ein Totero, und wir kennen ihn!“

Kai-Uwe bückt sich und versucht, den Puls des Mannes am Hals zu erfühlen. „Scheint wirklich tot zu sein, ich fühle nichts! Und er ist eiskalt.“

„Natürlich ist der tot, Mann, was glaubst du denn – dass der uns was vorspielt, mit einem Pfeil im Rücken?“ Paul ist außer sich. „Verdammte Scheiße, unser Trainer ist tot, das sieht doch ein Blinder!“

Bevor das Gerangel der Männer weiter gehen kann, kommt Melanie schwankend aus dem dichteren Wald gerannt und ruft: „Da ist noch einer, eine Frau.“

„Was ist wo?“, will Kai-Uwe wissen.

„Da hinten, keine dreißig Meter weiter, liegt eine Frau, die ist auch tot. Ich musste brechen, da habe ich sie voll getroffen!“

„Wie, getroffen?“

„Mir war so schlecht von dem Günni sein Anblick, dass ich brechen musste – mein Magen ist empfindlich, wisst ihr doch. Und als ich mich vorbeugte, habe ich sie voll vollgekotzt, die lag genau unter mir in einem Loch unter dem Farn – mein Gott, die Arme, die hat einen Pfeil in der Brust …“

Mit zitternden Händen umarmt Melanie Paul und hält sich an ihm fest. „Mir wird wieder schlecht.“

Paul stößt sie zur Seite in Richtung Manfred: „Halt dich an dem fest, der ist ein starker Italiener oder so.“

Kai-Uwe übernimmt das Kommando. „Kommt, hört auf, wir sehen nach der Frau. Manni, du bleibst hier!“

„Nee, nee, ich mit dem Toten allein im Waldo, daraus wird nichts. Ich komme mit! Edgar kann bleiben, der ist Handwerkero, der hält das aus.“

Edgar Kornfeld nickt ergeben und setzt sich auf einen dicken Baumstamm: „Aber bleibt nicht zu lange weg.“

Die restlichen drei Männer folgen Melanie tiefer in den Wald. Dreißig Meter weiter sehen sie die Katastrophe: In einem kleinen Erdloch liegt eine Frau in einem blauen Trainingsanzug auf dem Rücken, zur Hälfte von Unterholz und Farn verborgen, das dunkle Haar verdreckt und verkrustet. Die Beine sind übersät von Melanies Mageninhalt, aus der linken Brust ragt ein grüner Pfeil wie eine Blume in den Himmel. Etwas weiter weg liegen zwei Walking-Stöcke über Kreuz auf dem Boden.

„Mannomann, da hast du aber gut getroffen,“ lässt sich Paul in Richtung seiner Laufkollegin vernehmen.

„Das ist doch nicht meine Schuld, ich trinke vor dem Laufen morgens immer einen halben Liter Milch, das weckt mich auf, du alter Nörgler“, erwidert Melanie.

„Könnt ihr nicht mal aufhören, euch zu zanken?“ Kai-Uwe muss wieder den Chef spielen. „Zwei Tote im Wald, so nah zusammen und beide mit einem Pfeil ermordet, das kann doch kein Zufall sein, was meint ihr?“

Paul fasst sich als erster: „Natürlich ist das kein Zufall, das ist ein eiskalter Doppelmord. Wir müssen die Polizei anrufen.“

„Werden die uns verdächtigen oder so?“, fragt Melanie ängstlich.

„Keine Ahnung, aber wenn die DNA-Spuren aus der Milch ausgewertet sind, finden sie dich sicherlich über ihre Dateien. Dass mir keiner Spuren verwischt, es reicht schon, dass hier überall unsere Fußstapfen auf dem Boden zu sehen sind.“ Kai-Uwe gilt in der Laufgruppe als enger Freund von CSI Las Vegas, CSI New York und CSI Miami und soll sich mit Ermittlungsverfahren auskennen.

„Ich bin in keiner Datei, ich habe nichts getan, ich bin unschuldig.“ Melanie wimmert vor sich hin und reibt ihre verquollenen Augen.

„Wir müssen zu Edeltraud, die meint sicherlich, wir wären verschollen, so lange, wie wir schon weg sind.“

Kai-Uwe stampft als erster zurück zu Edgar, der immer noch auf seinem Baumstamm den ersten Toten bewacht. Sie schildern ihm schnell die schaurigen Einzelheiten des zweiten Fundes und machen sich auf den Weg zu Edeltraud.

Die wartet in der Tat ungeduldig, wirkt aber schon wieder gefasst und vor allem sehr wütend: „Wo bleibt ihr denn? Den Toten könnt ihr doch sowieso nicht mehr lebendig machen, da braucht ihr euch doch nicht so lange im Wald aufzuhalten, oder? Wir sollten die Polizei anrufen, die muss schnellstens die Spuren sichern.“ Auch Edeltraud kennt sich aus. „Wer hat ein Handy dabei?“

Ihr Ärger verwandelt sich schnell in einen neuen Weinkrampf, als sie von der Identität ihres Toten hört und dann auch noch die zweite Leiche hinzukommt. „Mein Gott, Günni, das hat er nicht verdient! Wer ist denn die Frau?“

„Woher sollen wir das wissen?“, ärgert sich Paul Reimann. „Als wir der Toten näher kamen, fragte keiner nach dem Namen. Obwohl, warte mal, auf der Trainingsjacke war ,Eva’ aufgestickt, dann wüssten wir ja schon einmal den Vornamen.“

„Bist du sicher?“, fragt Kai-Uwe. „Ich habe nichts gesehen vor lauter Dreck.“ Er fühlt sich in seiner Ehre als CSI-Experte gekränkt und umarmt schützend seine Frau, um von der Niederlage abzulenken.

„Wir können die Polizei nicht anrufen, dann wissen die, wer wir sind, und verhaften Melanie wegen Mord oder Leichenschändung. Milchsaft an dem Leichenknie verzeiht die Polizei dir nie“, gibt Paul zu bedenken.

Edeltraud stimmt ihm eilig zu: „Ja, und da sind ja auch noch meine Spuren an oder neben seinem Bein. Oder auf seinem Schuh, ich weiß es nicht.“

Edgar Kornfeld mischt sich zum ersten Mal ein: „Ich habe mein Privatfunkofon bei, da wird die Rufnummer unterdrückt. Die Rückrufe auf meinem Dienstfunkofon reichen mir.“

Edeltraud lacht auf. Sie erinnert sich an eine hitzige Diskussion unter den Laufmännern, als man versuchte, ein anderes Wort für das übermächtige ,Handy’ zu finden. Edgar Kornfelds ,Funkofon’ war einer der abwegigsten Vorschläge gewesen, aber er ließ sich nicht beirren und beharrte auf seiner Idee, ohne sich durchsetzen zu können.

„Es kann sein, dass neueste Datentechnik die Nummer herausfiltert, auch wenn sie unterdrückt wird. Und wenn das geht, kann das sicher auch die Polizei“, wirft Kai-Uwe ein, um ein wenig von seiner Anerkennung als CSI-Fachmann zurückzugewinnen. „Ich schlage vor, wir halten auf dem Rückweg an einer ganz gewöhnlichen Telefonzelle und rufen von dort aus an. Anonym. Hat jemand 20 Cent dabei?“

4

„Dingdong, dingdong, dingdong.“

Sanft dringt der Klang der Türglocke durch das Büro, lässt Ambrosius Läufer aus seinen Träumen aufschrecken und auf die Uhr blicken. Verdammt, schon 18 Uhr, das muss Andreas Schirm sein.

Er hatte sich nach dem Telefonat am Morgen wieder ans Aktenschieben begeben und mittags in der benachbarten Imbissbude eine Currywurst mit Pommes geholt, die er mit dem vierten Espresso des Tages herunterspülte.

Seit dem vorigen Jahr hatte er sich geweigert, das Fast-Food-Stübchen zu betreten, war dann aber zögernd der Aufforderung von Achim Alter gefolgt („Ambrosius, ich kann dich verstehen, du hast ja auch mein ganzes Mitgefühl, und Heidelinde sieht das genauso, aber auf die Bequemlichkeit einer Pommesbude im Nebenhaus zu verzichten, nur weil sie Eva’s Frittentempel heißt, ist absolut dämlich. Ich sage dir, du gehst da hin und wenn ich dich begleiten muss …“).

Er war schließlich doch alleine in den Laden gegangen, nachdem er zunächst die bunte Schaufenster-Beschriftung einige Minuten von der gegenüberliegenden Straßenseite aus betrachtet hatte. In großen sonnengelben Lettern stand auf der Scheibe kunstvoll gebogen ,Eva’s’, darunter etwas kleiner und gradlinig in Giftgrün ,Frittentempel’. Ein Schauer war über seinen Rücken gelaufen, und die linke Hand zitterte unruhig an der Hosennaht.

Seine Anspannung ließ erst nach, als er sich als Nachbar vorstellte und im Gespräch mit der freundlichen Inhaberin erfuhr, dass ,Eva’ überhaupt nicht in dem Imbiss arbeitete. Der Name war ein Relikt aus den Gründungstagen Mitte der achtziger Jahre, als Eva Knobloch das Geschäft gegründet und erfolgreich ausgebaut hatte. Vor einem Jahr hatte ihre Tochter Anna dann den Imbiss übernommen, war ein paar Straßen weitergezogen und leitete den Frittentempel nun gemeinsam mit ihrem Mann Theodor Müslich („Wissen Sie, als gelernte Sozialpädagogin, und mein Mann ist eigentlich Eisenbieger, stellt man sich sein Berufsleben natürlich anders vor, aber nach Mutters plötzlichem Tod haben wir uns entschieden, ihr Lebenswerk fortzusetzen und sind jetzt ganz zufrieden mit dem Zuspruch.“). Seine erste Currywurst vor einem halben Jahr war der Beginn einer freundschaftlichen Beziehung zu den Inhabern, die mit wechselnden Tagesgerichten und günstigen Preisen ihren mehr als guten Namen im Viertel gefestigt hatten.

Nach dem letzten Espresso des Tages, einer kalten Cola aus dem Imbiss und einigen verschobenen Aktenbergen beschloss Ambrosius Läufer gegen 16 Uhr, sich eine kleine Erholungspause zu gönnen, legte die Füße auf den Tisch und stützte den Nacken auf der Lehne des Schreibtischstuhls ab. Und schlief sofort ein. Die Anstrengungen des Tages spülten wirre Filmsequenzen in einen endlosen Nachmittagstraum, aus dem es kein Entkommen zu geben schien.

Sein Vater hetzte ihn wie ein Tier über die braune Wiese des häuslichen Gartens, versuchte ihn zu fangen und schrie: „Eva ist tot, Eva ist tot, tot, tot, tot!“ Sein wutentbranntes Gesicht kam immer näher, fast hatte er Ambrosius erreicht, da rief die Mutter aus der Hoftüre: „Hallo ihr beiden, Essen ist fertig.“

Sofort wechselte das Bild. Zu dritt saßen sie am Mittagstisch, er auf einem Stuhlkissen, weil er sonst zu klein war, um an Messer und Gabel zu kommen. Auf den Tellern lagen rostige Nägel in einer Kirschsoße an Spinatmousse, in den Salatschüssel sprangen grüne Heuschrecken auf und ab und zwitscherten: „Eva ist tot, Eva ist tot, tot, tot, tot!“

Sprunghafter Szenenwechsel. Er lag an einem einsamen Weiher, die Sonne wärmte die nackte Haut über der knappen Badehose. Auf der Decke neben ihm ein junges Mädchen, nein, eine junge Frau im Bikini. Sie lachten und flirteten, die Luft war erfüllt vom Geruch frisch geschnittenen Grases, er war verliebt, er war so verliebt, er hätte die ganze Welt umarmen können, verliebt wie er war. Er war so verliebt, so verliebt …

Donner! In Sekunden zog sich der Himmel zu, drohende dunkle Wolken rasten von Horizont zu Horizont, Blitze schlugen wie Peitschen aus den Wolken, stürmischer Wind kam auf. Die junge Frau war verschwunden, statt dessen lag er auf einer schwarzen Asphaltstraße am Fuß eines mächtigen Gebirges mit schneeweißen Gipfeln. Er fror erbärmlich in seiner Badehose, sprang auf und suchte mit den Augen die Umgebung nach einer Schutzmöglichkeit ab. Eine enge Straßenkurve führte aufwärts, unten lag nach saftigen Blumenwiesen eine kleine Ortschaft hinter Wolkenbergen versteckt, die immer mehr sintflutartigen Regen auf seine Schultern schütteten. Plötzlich vernahm er ein brummendes Geräusch, das schnell zu einem fürchterlichen Brausen anschwoll. Er stand halbnackt wie eingefroren auf der nassen Fahrbahn, unfähig, sich zu bewegen oder zu reagieren. Ein riesiger LKW raste abwärts durch die Kurve auf ihn zu, er schrie auf, konnte sich aber nicht von der Stelle rühren. In der Windschutzscheibe leuchtete ein Schild ,Il Tedesco’. Die Motorhaube war zum Fassen nah, er schrie wieder, ruderte verzweifelt mit den Armen …

„Dingdong, dingdong, dingdong.“

Andreas Schirm! Ambrosius schreckt auf und versucht, sich zu orientieren. Der Schock, überfahren zu werden, rüttelt an seinen Nerven und lässt die Hände unkontrolliert zittern. Meine Güte, das war mal wieder knapp, denkt er erleichtert.

Er eilt zur Sprechanlage, murmelt ein schnelles „Einen Moment bitte, bin gleich für Sie da“ in die Sprechmuschel und wirft ein paar Hände kaltes Wasser in sein blasses Gesicht, das ihn verstört aus dem Toilettenspiegel anschaut. Mit einer Haarbürste glättet er hastig die verwirrten Locken, dann sprintet er zurück zur Eingangstür und drückt hastig auf den Türöffner.

Als Andreas Schirm langsam und zögernd eintritt, sitzt er schon an seinem Schreibtisch hinter den Aktenstapeln des Tages, kommt dann aber schnell näher und begrüßt seinen Besucher freundlich mit einem festen Händedruck: „Hallo, guten Tag, Ambrosius Läufer, ich nehme an, Sie sind Herr Schirm?“

„Tag Herr Läufer, ja, Andreas Schirm, wir hatten telefoniert, wegen meiner Frau.“

„Schön, setzen Sie sich bitte. Einen Espresso?“

„Gerne, aber mit Milch und ohne Zucker.“

Andreas Schirm setzt sich vorsichtig auf die Vorderkante des kleinen Besucherstuhls, als traue er dessen Stabilität nicht („Ambrosius, biete immer den kleinen Holzstuhl von Oma Schneider an, dann sitzt dein Kunde viel niedriger als du und muss zu dir aufsehen. Das kann für euer Verhältnis in deinem Sinn nicht schädlich sein, glaube mir, hahaha.“).

Während Ambrosius in der Teeküche werkelt, versucht er, sich ein Bild von seinem Besucher zu machen: Mitte vierzig, groß, schlank bis schmal, der Ansatz einer Glatze war über den Ansatz schon hinaus, und eine dunkle Hornbrille beherrscht das blasse bartlose Gesicht. Die helle Jeans mit Bügelfalte, beige Treter mit blonden Schnürsenkeln und ein dunkelroter Pullover unter einer grasgrünen Lederjacke malen ein vernichtendes Bild von den modischen Talenten des Sportjournalisten.

„Möchten Sie ablegen?“, fragt Ambrosius, als er mit zwei dampfenden Tassen und der Milch zurück ins Büro kommt.

„Nein, danke, ich muss gleich noch schnell zu einem Termin“, antwortet Andreas Schirm hastig. Erst jetzt bemerkt Ambrosius den Schulterriemen einer Fototasche, die Schirm umständlich auf seinem Schoß hin und her schiebt. „Jubiläum eines Sportvereins, Sie wissen schon, viele Reden, ein bisschen Programm, immer das Gleiche.“

„Haben Sie das Bild dabei?“

„Ja, einen Moment.“ Andreas Schirm kramt in den Seitenfächern seiner Fototasche, die er soeben umständlich über die Stuhllehne gehängt hat, und findet nach einer langen Minute den gesuchten Briefumschlag.

„Hier, ist noch gar nicht alt, letzter Sommerurlaub in Patagonien.“

Ambrosius nimmt den braunen Umschlag über den Schreibtisch hinweg entgegen und findet darin einen Abzug im Format 9 x 13 cm. Während er das Bild betrachtet, fragte er irritiert: „Kleiner ging’s wohl nicht, oder?“

„Wir lassen unsere Abzüge immer in dem Format machen, ist billiger“, antwortet Schirm pikiert.

„Schon gut, war ja nur eine Frage.“

Ambrosius wendet sich wieder dem Foto zu. Schon auf den ersten Blick hat er gesehen, dass Eva Schirm eine fesche Erscheinung ist. Sie steht vor den Sonnenschirmen eines Biergartens und winkt voller Urlaubsfreude lachend in die Kamera. Das dunkle, fast schwarze Haar ist zu einem Zopf zusammengebunden, ein gelbrotes T-Shirt sitzt eng am Körper und lässt ihre weiblichen Formen mehr sehen als ahnen.

„Tolle Frau, Ihre“, lässt Ambrosius sich schließlich vernehmen.

„Ja, danke, ich bin zufrieden, hätte schlimmer kommen können“, grinst Andreas Schirm. Das Eis scheint gebrochen, denn er plappert weiter. „Wir haben uns im Urlaub kennen gelernt, in Spanien, auf Mallorca, vor elf Jahren. Mann, waren wir jung damals. Und jetzt …“ Seine Augen verdunkeln sich plötzlich. Er rutscht auf dem Stuhl hin und her.

„Und jetzt ist sie weg“, ergänzt Ambrosius leise. „Deswegen sind Sie ja hier. Erzählen Sie weiter.“

„Ich habe Ihnen ja schon am Telefon gesagt, dass ich meine Frau gestern zuletzt gesehen habe. Ich musste nach Leverkusen. Sie wollte noch etwas nähen, einen Brief schreiben und dann gegen 16 Uhr zum Nordic-Walking in ihren Verein fahren.“

„Das sagten Sie bereits heute morgen. Und weiter?“

„Als ich um 20 Uhr nach Hause kam, war sie nicht da. Ich habe bis gegen 23 Uhr gewartet und bin dann ins Bett gegangen. Ich konnte aber nicht schlafen und habe mich die halbe Nacht hin und her gewälzt. Vor Sorge. Wir waren noch nie getrennt, und wenn sie einmal später kam, hat sie mich angerufen. Aber das war ganz selten der Fall. Morgens war sie immer noch nicht da, darum habe ich mit Freunden und Bekannten telefoniert. Aber keiner wusste etwas. Ich war total fertig und bin dann zur Polizei gefahren. Das Ergebnis kennen Sie ja. Sie müssen sie suchen, bitte!!“

„Wo der Zufall uns zusammengeführt hat und ich morgen früh etwas Zeit habe, sollte das kein Problem sein“, antwortet Ambrosius mit fester Stimme und nimmt noch einmal das Foto intensiv in Augenschein.

„Apropos Zufall, ich muss Ihnen etwas gestehen. Ich habe heute morgen nicht die ganze Wahrheit gesagt, beziehungsweise, ich habe etwas verschwiegen, aber ohne Absicht, glauben Sie mir.“ Die letzten Worte fügt Andreas Schirm hastig hinzu, weil er Ambrosius’ überraschtes Stirnrunzeln bemerkt.

Er nimmt seine Dosenmilch und verdünnt ungeschickt den Espresso. „Ist ja nur eine Kleinigkeit und eigentlich nicht von Bedeutung: Ich kenne Ihre Agentur über Heidelinde Alter.“

„Sie kennen Frau Alter?“

„Ja, aber nur ganz entfernt. Sie ist eine Sportkollegin meiner Frau im Walking-Klub – die beiden haben schon die eine oder andere Strecke mit ihren Stöcken zermalmt, hahaha.“ Andreas Schirm ahmt im Sitzen schwungvolle Armbewegungen nach und scheint sich plötzlich köstlich zu amüsieren.

Witzbold, dachte Ambrosius angewidert, wenn keiner da ist, macht er sich über andere lustig, das haben selbst Nordic-Walker nicht verdient. Sind ja irgendwie auch Menschen, sage ich immer.

„Und da ist Ihnen Heidelinde begegnet?“

„Ja, zwei, drei Mal, bei Sommerfesten oder so. Und als ich im Branchenbuch den Namen ,Alter-Nate’ sah, fiel mir Heidelinde wieder ein, ich weiß, dass ihr Mann Schnüffler ist.“

„Schnüffler?“

„Oh, bitte entschuldigen Sie, das war jetzt nicht despektierlich gemeint, ist nur so ein Ausdruck aus dem Fernsehen. Nichts gegen Sie persönlich oder Ihren Beruf, beileibe nicht!“

Auch noch frech werden, denkt Ambrosius, das haben wir gern.

Kühl antwortet er. „Ist schon gut, wir sind einiges gewöhnt, man kann sich seine Klienten schließlich nicht immer aussuchen. Nichts gegen Sie“, fügt er betont eilig hinzu, als er eine leichte Zornesröte auf den Wangen seines Gegenübers bemerkt. „War nur allgemein gemeint. Wo soll ich denn anfangen, was meinen Sie?“

Der wieder erblasste Andreas Schirm wiegt zögernd den Kopf: „Wenn ich Sie wäre, könnte ich mir gut den Walking-Klub vorstellen, schließlich wollte Eva ja am Samstagnachmittag walken gehen.“

Walken gehen, walken gehen, denkt Ambrosius, ein gutes Bild, auf jeden Fall besser als „rennen gehen“.

„In Ordnung, dann werde ich mich morgen früh mal dahin auf den Weg machen. Adresse?“

Andreas Schirm nennt ihm die Anschrift des Walking-Klubs, zahlt anstandslos das Mindesthonorar, dankt für die Quittung, gibt Ambrosius seine Visitenkarte und nickt kurz ein „Dann mal viel Erfolg!“ – weg ist er, auf dem Weg zu seinem Interview.

Komischer Kerl, plappert wie die Feuerwehr, obwohl seine Frau vermisst wird, denkt Ambrosius hinter ihm her. Aber egal, einfacher Fall bleibt einfacher Fall, und die Geldscheine knistern fröhlich in seiner Hosentasche.

Schon fast 19 Uhr. Nein, erst nach halb sieben – egal, es wird Zeit, dass er nach Hause kommt, nach dem anstrengenden Tag. Ein kurzer Wischer über das Geschirr und die Arbeitsplatte der Küche, und schon sieht alles wieder wie neu aus. Ambrosius schaltet den PC aus, schnappt sich seinen Mantel und macht sich auf den Weg zur Tür, als das Telefon summt. Ein Kunde? So spät? Er nimmt ab und murmelt wieder stoisch seine Begrüßungsformel in den Hörer, als er ein wimmerndes Schluchzen am anderen Ende vernimmt.

„Hallo, wer ist da bitte?“, unterbricht er seine Aufzählung. Keine Antwort, nur weinerliche Geräusche in der Leitung.

„Hallo, wer sind Sie, was soll das?“ Langsam wird er wütend. Reicht es nicht, dass ihn im Büro und auch zu Hause haufenweise Anrufe dieser unseligen Telefonverkäufer von Gewinnspielen, speziellen Aktiensonderangeboten und unschlagbaren Handytarifen erreichen, die er zwar ständig unfreundlich auflaufen lässt, deren Menge aber noch von ihrer ruppigen Hartnäckigkeit übertroffen wird?

Ist das eine neue Masche, Mitleid zu erwecken? Kommt gleich ein Spruch wie „Hallo Herr Läufer, ich nehme an, dass Sie unser Angebot einer Sonderemission einzigartiger Aktienpakete zum Spezialpreis eigentlich gar nicht benötigen, bedenken Sie aber bitte (Schluchz), dass ich als alleinerziehende Mutter auf die Provision angewiesen bin (Schluchz) und außer meinen eigenen vier Kindern auch noch mein Patenkind in Indien ernähren muss (Schluchz), das sich auf den langen Schulweg vor zwei Wochen das linke (Schluchz) Standbein gebrochen hat und nun abends für seine Eltern nicht mehr in der Lage ist, die geforderten tausend Reihen Teppichknüpfung im Stehen zu erledigen (Schluchz), was nun der Vater selbst übernehmen (Schluchz) (Schluchz) und daher auf die Nachtschicht im Taxibetrieb verzichten muss und deswegen der Mutter nicht mehr beim Abwaschen helfen kann, die arme Frau – helfen Sie mir und Asien, bitte (Schluchz) (Schluchz) (Schnief)!“?

„Verdammt, melden Sie sich – wer ist da?“

„Ambrosius, bist du das?“ Das Weinen stockt ein wenig.

„Natürlich, und wer sind Sie?!

„Hier ist Heidelinde (Schluchz), es ist so schrecklich (Schluchz)!“

„Hallo Heidelinde, entschuldige, ich habe dich gar nicht erkannt. Beruhige dich doch – was ist denn passiert? Ist Achim etwas zugestoßen bei euch da oben?“

„Nein, nein, Achim geht es gut – aber Eva ist tot!“

Ein wilder Stromschlag trifft mitten in sein Herz, es rast los, Schwindel lässt ihn nach der Schreibtischplatte greifen, um Halt zu finden, der Mantel fällt zu Boden. Ihm wird speiübel.

„Was soll das, Heidelinde, das wissen wir beide schon seit einem Jahr. Musst du mich spät am Abend so erschrecken?“

„(Schluchz) Oh, tut mir Leid, wenn ich dich erschreckt habe, ich hatte nicht an deine (Schluchz) Eva gedacht. Ich meinte doch Eva Schirm, meine Walking-Freundin aus Mülheim (Schluchz). Sie ist tot!“

„Und woher willst du das wissen?“

„Wir haben hier Satelliten-Kabel-Fernsehen oder so und vorhin haben wir in die ,Aktuelle Stunde’ aus Duisburg hineingeswitcht. Und da haben sie gemeldet, dass im Duisburger Wald zwei Leichen gefunden worden sind, mit Fotos von der Frau. Es ist Eva Schirm, meine Freundin aus dem Walking-Klub – ist das nicht schrecklich?“

„Herr Schirm war vorhin hier und gab uns den Auftrag, sie zu suchen, weil er sie seit gestern vermisst, Heidelinde.“

„Was? Andreas, er war bei dir?“

„Ihr duzt euch? Er hat mir gesagt, er hätte dich nur zwei, drei Mal bei irgendwelchen Sommerfesten getroffen. Ganz unverbindlich, meinte er.“

„Ah, ja, ähm, das mit dem Duzen ist unter Sportlern doch wohl üblich, oder?“

„Kann sein, ist auch egal. Und du bist sicher, dass die Tote Frau Schirm ist?“

„Ganz sicher. Meine Güte, dieses Foto verfolgt mich, seit ich es gesehen habe. Kein Zweifel, dass es Eva ist, die Arme, so blass, so tot (Schluchz)!“

„Du hast von zwei Leichen gesprochen. Kennst du denn die zweite auch – weißt du, wer das ist?“

„Nein, den Mann kenne ich nicht. Der war so (Schluchz) um die fünfzig, den haben wir noch nie gesehen, meint Achim auch. Herrje, ist das schrecklich!“

„Dann gehe ich morgen früh gleich zur Polizei und melde mich bei denen mit deiner Zeugenaussage. Die sollen sich um Andreas Schirm kümmern, das ist deren Job.“

„Gute Idee. Wir können hier noch nicht weg, weil wir bis Donnerstag gebucht haben, aber abends sind wir immer im Hotel (Schluchz). Halte uns auf dem Laufenden, das Handy haben wir ja auch immer dabei (Schluchz).“

„Alles klar, Heidelinde, ich kümmere mich um alles. Nun beruhige dich bitte, du kannst es sowieso nicht ändern. Und grüße Achim schön von mir, ja?“

Es schellt. Ich gehe zur Sprechanlage: „Ja, bitte?“ Ich höre unter Krächzen: „Hallo, hier ist Kai-Uwe Gaukel mit Frau.“

„Ja und“, antworte ich leicht säuerlich, „was wollen Sie?“

Ich erinnere mich daran, wie vor einigen Wochen zwei Typen von den Zeugen Jehovas an der Haustüre in Kontakt mit mir treten wollten und ich echt Schwierigkeiten hatte, sie loszuwerden, nachdem sie hörten, dass jemand zu Hause war.

„Wir sind keine Zeugen Jehovas, wenn Sie das meinen. Wir wollen mit Ihnen über Ihr neues Buch sprechen.“

Das kann zwar ein Trick sein, aber man soll immer an das Gute in der Welt glauben – also drücke ich auf den Türöffner und trete ins Treppenhaus, um meinen Besuch zu begrüßen.

Ein kleiner schlanker Mittfünfziger stolpert fast die drei Stufen hoch, gibt mir die Hand und verneigt sich leicht.

„Wie gesagt, ich bin Kai-Uwe Gaukel, und das ist meine Frau Edeltraud“, weist er hinter sich. „Wir kennen uns vom Telefon.“

Die Frau kommt auch die Stufen hoch und grüßt mit erhobener Hand: „Hei, freut mich sehr, Sie kennenzulernen.“ Auch sie ist Mitte Fünfzig, schlank und dunkelblond mit einem Stich ins Graue. Ich habe mir die beiden etwas größer vorgestellt.

Nach meinem „Treten Sie ein“ treffen wir drei uns im Wohnflur, von wo aus ich in die Küche bitte. Nach dreimaligem „Nach Ihnen“ zwischen Kai-Uwe Gaukel und mir schiebt er seine Frau voran, und wir folgen.

Sie sehen sich aufmerksam um. „Schön haben Sie’s hier“, nickt Frau Gaukel anerkennend. Wir setzen uns über Eck an den Küchentisch.

„Danke, wir fühlen uns auch sehr wohl hier. Darf ich Ihnen etwas anbieten, Wasser oder was?“

„Käffchen wäre nicht schlecht, wenn es keine Umstände macht, mit Milch und Zucker bitte. Für meine Frau schwarz“, Kai-Uwe Gaukel tätschelt die Hand seiner Edeltraud. „Sie ist auf Diät.“

„Was du immer erzählst, ich will nur auf mein Gewicht achten, das kann man doch nicht Diät nennen, das ist nur Vorsicht!“

„Okay, es bleibt dabei, keine Milch und keinen Zucker für meine Frau, sie ist auf Vorsicht.“

Während ich routiniert die Kaffeemaschine anwerfe und Geschirr auf den Tisch stelle, flüstern die beiden sich gegenseitig etwas ins Ohr.

„Was kann ich denn für Sie tun?“, unterbreche ich das Getuschel etwas zu laut vom Küchenschrank her. Die Kaffeemaschine läuft, und ich setze mich wieder.

Kai-Uwe Gaukel räuspert sich: „Ja, ähm, wir, ähm, wie gesagt, ähm, wir haben noch eine Bitte an Sie als Schriftsteller.“

„Na ja, Schriftsteller ist vielleicht etwas zu viel der Ehre – ich habe ja erst ein Buch veröffentlicht, vor über drei Jahren.“

Edeltraud Gaukel ereifert sich: „Aber dieses Buch ,Mission Marathon – Wie ich kein Superläufer wurde’ ist total toll, wir haben geweint vor Lachen. Weil wir auch laufen und uns alles so bekannt vorkam. Könnten Sie mir vielleicht ein Autogramm geben?“

Sie kramt lange in ihrer riesigen Handtasche und zieht mein Buch heraus. Ich hole meinen Füllfederhalter aus dem Arbeitszimmer und schreibe wie immer auf die erste Seite „Herzlich Ihr Lothar Koopmann“.

Schweigen entsteht.

„Und jetzt, was wollen Sie sonst noch von mir?“, frage ich gerührt.

Kai-Uwe übernimmt wieder das Wort: „Wie schon am Telefon gesagt, wollen wir, dass Sie im zweiten Buch über unseren Lauftreff schreiben, neue lustige Geschichten bringen, so wie beim ersten Buch, Wettkämpfe, Stürze, all den ganzen Kram, den wir erleben. Ein Buch über mich und meine Frau, Melanie, Ambi, Edgar, Manfred, Paul und all die anderen. Lustige Lektüre. Und bitte nicht so viel über Leichen, das ist ja schaurig!“

Die Kaffeemaschine blubbert aus, und ich schenke ein.

„Leider habe ich keine Plätzchen da. Wenn die erst einmal in der Wohnung sind, esse ich dauernd nur Süßigkeiten, Sie verstehen?“

„Kein Problem“, beruhigt mich Edeltraud Gaukel. „Das kenne ich, ich bin da auch vorsichtig. Was meinen Sie zu dem Vorschlag?“

Ich überlege. Eigentlich immer noch eine gute Idee. Meine eigenen Erfahrungen mit dem Joggen bis hin zum Marathon habe ich ja schon festgehalten in dem ersten Buch, da bin ich ausgesaugt. Aber so ein neuer lustiger Lauftreff, praktisch die Nachfolger ohne meine Wenigkeit und meine angetraute Ehefrau Christa, das könnte etwas bringen. Das wäre dann ein altes Thema im neuen Gewand. Die Metamorphose schlechthin. Machen andere ja auch, sich an den eigenen Erfolg anzuhängen. Und schließlich habe ich ja sogar schon angefangen ...

Ich schlürfe meinen Kaffee und blicke in vier leuchtende Augen vor mir, die gespannt auf meine Antwort warten.

Kai-Uwe Gaukel nickt mehrfach und fragt: „Und, was meinen Sie, ist das eine Idee? Wie finden Sie das?“ Er lächelt und hebt seine Tasse mit einer stummen Bitte um Nachschub.

Während ich langsam nachschenke, um Zeit zu gewinnen, wirft Edeltraud Gaukel ein: „Und wir wünschen uns für das Buch wieder solche Fußnoten wie in ,Mission Marathon’ mit den bescheuerten Anmerkungen aus Redaktion und Verkauf des Verlages, die durch einen bedauerlichen Fehler im ersten Buch mit abgedruckt wurden – eine super lustige Sache, finden wir. Was haben wir gelacht …!“

„Meinen Sie denn, den Fehler würde der Verlag noch einmal übersehen? Ich denke, der Schuldige ist doch längst geschasst oder so.“ Ich bin skeptisch.

„Man könnte ja absichtlich falsche Fußnoten schreiben und dann im Buch nur so tun, als seien sie im Verlag übersehen worden.“

Ich ereifere mich: „Das glaubt einem doch keiner – absichtlich falsche Fußnoten in einem Buch abgedruckt, also nein, wie verrückt ist das denn!“

Kai-Uwe beschwichtigt: „Na gut, über die Fußnoten kann man immer noch nachdenken, zuerst geht es uns um das Grundsätzliche: Machen Sie das neue Buch lustiger und leichenloser als bisher oder nicht?“

„Ich muss noch über ein paar Einzelheiten nachdenken. Die Idee selbst ist grundsätzlich prima. Mal sehen, kann ich mir aber gut vorstellen.“

Kai-Uwe Gaukel schlägt mir auf die Schulter. „Mein Lieber, Sie haben soeben eine weise Entscheidung getroffen. Ich sehe uns schon ganz oben auf der Spiegel-Bestsellerliste: ,Mission Marathon II – Wie wir keine Superläufer wurden’ – wenn das kein Supertitel ist, will ich nicht mehr Gaukel heißen. Aber wir schweifen ab. Uns ging es vor allem darum, rechtzeitig den Finger zu heben und Verbesserungsvorschläge zu machen. Wir wollen Sie auch nicht länger aufhalten, Sie sind sicher als Schriftsteller viel beschäftigt. Wir lassen Sie jetzt alleine. Machen Sie es gut, mein Lieber!“

Er steht auf und hält mir die offene rechte Hand in Augenhöhe entgegen. Ich tue ihm den Gefallen und schlage ein. Das gleiche bei Edeltraud. Ich begleite die beiden zur Haustür, und wir verabschieden uns sehr herzlich mit engen Umarmungen und zwei Küsschen auf die Wangen, tauschen unsere Handynummern aus und versprechen einander, in Kontakt zu bleiben. Der Pakt lautet: Wir schweben der Bestsellerliste entgegen.

Edeltraud geht schon zum Auto, als Kai-Uwe Gaukel sich noch einmal umdreht, mich am Arm berührt und mir verschwörerisch zuflüstert: „Und denken Sie bei der Geschichte vor allem an eines: Sex sells. Ein bisschen Porno tut dem Verkauf gut, mein Lieber.“

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

₺443,04

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
261 s. 3 illüstrasyon
ISBN:
9783941297296
Yayıncı:
Telif hakkı:
Автор
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar