Kitabı oku: «Barro, der Braunbär»

Yazı tipi:

Lothar Streblow

Barro, der Braunbär

SAGA Egmont

Barro, der Braunbär

Copyright © 1990, 2018 Lothar Streblow und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

All rights reserved

ISBN: 9788711807590

1. Ebook-Auflage, 2018

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach

Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

„Die Frage nach dem tierlichen Bewußtsein hat die Menschen schon immer gefesselt, weil Haus-und Wildtiere gleichermaßen unsere Bewunderung und Neugier erregen. Sie verlocken uns dazu, in ihre Haut zu schlüpfen und uns vorzustellen, wie ihr Leben sein mag.“

Donald R. Griffin

„Gefühle sind es, die alle Kreatur dazu drängt, etwas zu tun oder, wenn es ängstliche Stimmungen sind, etwas zu unterlassen.”

Vitus B. Dröscher

Die Höhle am Steilhang

Dämmerung lag über dem Bergwald, ein fahles unwirkliches Licht. Ein scharfer Wind wehte von den Gipfeln, trieb Schneeflocken vor sich her, seit Tagen schon. Und die Schneedecke über dem steilen Südhang wuchs von Stunde zu Stunde. Klirrender Frost ließ die Äste knacken. Sonst drang kaum ein Laut durch die weiße Stille.

In der geräumigen Höhle am Steilhang aber war es warm. Die Bärin hatte ihre Wurfhöhle gut gewählt und den mehrere Meter langen Gang zu einem Kessel ausgeweitet. Kein Luftzug konnte eindringen. Und mit der Wärme ihres mächtigen Körpers heizte sie die Höhle auf.

Als Barro zum erstenmal seine Augen aufschlug, sah er zunächst gar nichts. Es war dunkel in der Höhle, stockdunkel. Doch Barro wußte auch im Dunkeln, seine Milchquelle zu finden; die kannte er schon seit Wochen. Er brauchte seine kleine Schnauze nur dorthin zu wenden, wo es am wärmsten war: weich und sehr warm. Dort gab es immer Milch.

Tapsig und unbeholfen wühlte er sich durch die dicke Lagerstreu aus Gräsern, Kräutern, Laub und dünnen Zweigen. Dabei kam ihm ein welkes Blatt auf die Nase. Und das kitzelte. Unwirsch wischte er das Blatt mit der Pfote weg. Und leise brummelnd krabbelte er weiter, stieß im Dunkeln gegen etwas Warmes, Weiches mit zotteligem Pelz. Das roch gut, roch nach seiner Mutter. Nur fand er hier noch nichts zu trinken: Das war ihre mächtige Hinterkeule. Milch gab es erst am Bauch. Und da krabbelte er hin.

Aber da lag schon jemand: ein winziges Wesen mit noch dünnem Fell, das mitunter vernehmbar schmatzte. Es war Barros Schwester Burri. Sie hatte schneller zur Milchquelle gefunden als er. Und ihr Schmatzen reizte Barro. Ungestüm krabbelte er über sie hinweg. Burri strampelte, kratzte mit ihren kleinen Krallen über Barros Ohr. Barro brummte ärgerlich. Schließlich fand er, was er suchte. Und mit Behagen schlürfte er die warme Milch.

Geduldig ließ die Bärin ihre Jungen saugen. Und als sie satt waren und an ihrem Bauch einschliefen, wagte sie kaum eine Bewegung. Nur einmal hob sie ihren mächtigen Kopf und schnupperte nach dem Höhleneingang. Noch immer roch es kalt. Das Tauwetter ließ auf sich warten. Schläfrig schloß sie ihre Lider.

So verstrichen die Tage und die Nächte. Barro spürte nichts davon. Er kannte nur die Welt der dunklen Wurfhöhle, die Wärme der Mutter, ihre zärtliche Zunge, wenn sie ihm über die Nase leckte, kannte nur Trinken und Schlafen und mitunter ein wenig Umherkrabbeln. Von der Helligkeit des Tages, von Sonne, Wind und Regen, von Pflanzen und Tieren, von der Welt draußen wußte er noch nichts.

Allmählich aber klang der Frost ab, das Schneetreiben ließ nach. Zwischen Wolkenfetzen schimmerte matt das Blau des Himmels. Manchmal zog ein Fuchs seine Spur durch den Schnee, schnüffelte mißtrauisch am Höhleneingang. Er roch die Bären, ihren warmen Dunst. Und eilig zog er weiter. Nur die Schnee-Eule verspeiste unweit davon in aller Ruhe einen gerade geschlagenen Lemming.

Im fahlen Licht des Mondes drang das Heulen der Wölfe aus dem nächtlichen Bergwald. Die Rentiere im Tal hoben lauschend ihre Köpfe. Und auch die Elche horchten auf. Doch das Geheul kam aus weiter Ferne. Es bedeutete keine Gefahr. Und gegen Morgen verstummte es.

Am Mittag verwehte ein lauer Wind die letzten Wolken. Warm schien die Sonne auf den Südhang, und der Schnee begann zu schmelzen. Tauwetter rieselte träge hangabwärts, bildete Rinnsale auf gefrorenem Boden unter der Schneedecke. Und das leise Glucksen drang bis in die Höhle.

Behutsam schob die Bärin ihre Jungen zur Seite, richtete sich halb auf. Sie hörte das Glucksen des Tauwassers, roch den lauen Wind. Und sie spürte den Hunger nach langen Monaten des Fastens. Sie war mager geworden, ihr Winterspeck aufgezehrt, und ihr dichtes Fell schlotterte um ihre Glieder. Aber noch war nicht Zeit für einen ersten Ausflug.

Licht im Dunkel

In der Nacht blieb der Himmel wolkenfrei. Es wurde kalt. Frost ließ die Rinnsale erstarren. Und im Bergwald heulten die Wölfe. Sie waren mit dem Winter nach Süden gezogen; hier fanden sie leichtere Beute. Erst im Frühling würden sie wieder nordwärts wandern. Die Bärin wußte das aus Erfahrung. Sie fürchtete die Wölfe nicht.

Zwei Tage noch blieb sie in der Höhle, säugte ihre Jungen, leckte ihnen zärtlich über die kleinen Schnauzen und sammelte im Schlaf neue Kräfte. In der folgenden Nacht heulten die Wölfe nicht mehr. Es blieb still. Mitunter nur hallte ein Eulenruf durch den Wald. Und als die Morgensonne die Froststarre löste, hörte die Bärin den harschen Schnee vom Steilhang rutschen. Auf dieses Geräusch hatte sie gewartet.

Langsam tappte sie durch den Höhlengang, prüfte die eindringende Luft. Und sie brummte befriedigt. Jetzt konnte sie ihre wärmegewohnten Jungen ins Freie führen: Es roch nach Frühling. Und sie schob ihren wuchtigen Schädel aus der Öffnung. Weiß lag der Hang vor ihr, unterbrochen von erdigbraunen Flecken, naß schimmernd im grellen Licht.

In der Höhle hinter ihr rührte sich etwas. Burri spürte die Abwesenheit ihrer Mutter. Wärmesuchend schmiegte sie sich an ihren kleinen Bruder, stupste ihn dabei drängelnd vor seinen Bauch. Und das machte Barro munter. Er gähnte schläfrig und blinzelte.

Irgend etwas war anders heute. Und es dauerte eine Weile, bis er begriff: Es war nicht mehr dunkel. In der Höhle herrschte ein schummriges Dämmerlicht. Er konnte sehen, sah zum erstenmal in seinem Leben, sah die verschwommenen Konturen des Wurfkessels. Nur seine Mutter sah er nicht, hörte nur dumpfe Geräusche vom Eingang her, wo matter Schein einfiel.

Neugierig schnupperte er in die Runde, tappelte auf seinen kurzen Beinen dem Schein entgegen, kam in den Gang. Und da lag etwas: ein riesiges Tier. Barro stutzte, aber nur einen Augenblick. Das Tier roch vertraut, roch wie seine Mutter. Und vertrauensvoll stieß er sie mit seiner kleinen Schnauze vor ihren Stummelschwanz.

Die Bärin tappte weiter, gab den Eingang frei. Und sie beobachtete aufmerksam Barros vorsichtiges Getappse ins Unbekannte. Doch Barro machte nur einen einzigen Schritt, unbeholfen und täppisch. Die unerwartet einflutende Helligkeit blendete ihn. Aus seiner Kehle drang ein ängstlich fiependes Brummen. Und er zögerte.

In diesem Augenblick spürte er, wie ihn von hinten jemand sanft berührte. Es war Burri. Sie mochte nicht allein sein, nicht in der Höhle Zurückbleiben, hatte aber genauso viel Angst wie Barro. An ihm vorbei traute sie sich nicht. Leise brummelnd blieb sie an seiner Seite.

Jetzt steckte die Bärin ihren dickpelzigen Kopf in den Eingang. Auch sie brummte, tief und schon ein wenig ungeduldig. Es klang wie ein Lockruf. Die beiden Jungen zögerten noch immer. Doch da, wo ihre Mutter war, wollten auch sie hin: in diese seltsame Helligkeit. Und sie überwanden ihre Angst.

Vorsichtig blickte Barro aus der Höhlenöffnung. Alles dort draußen war ihm fremd: das schimmernde Blau des Himmels mit der grellen Sonne, der glitzernde Bach im Tal und der gegenüberliegende Steilhang, die flechtenüberzogenen Felsen und der düstere Bergwald darüber. Ein leichter Wind wehte um seine Nase. Und als Barro in einen tauenden Schneefleck trat, zog er erschrocken die Pfote zurück und flüchtete zu seiner Mutter, wo Burri zwischen ihren Beinen hervorlugte. In ihrer Nähe fühlte er sich sicherer.

Nasse Pfoten

Die Bärin spürte die Angst ihrer Kinder, ihre Angst vor dem Ungewohnten. Die Kleinen mußten erst lernen, sich in dieser unbekannten Welt zurechtzufinden. Und sie mußte ihnen dabei helfen.

Vor allem aber brauchte sie endlich etwas in den Magen. Während sie in früheren Jahren im Winter ohne zu essen und zu trinken vier bis fünf Monate durchschlafen konnte, war das in diesem Jahr anders gewesen. Im Januar hatte sie ihre Kinder geboren. Und ihre Ernährung hatte zusätzlich an ihren Kräften gezehrt. So war sie magerer als sonst im Frühling.

Entschlossen bewegte sie sich ein Stück hangabwärts. Tief sanken ihre breiten Tatzen in den wäßrigen Pappschnee. Doch auch auf schneefreien Stellen lief es sich nicht besser. Das Erdreich war vom Tauwasser aufgeweicht und glitschig. Manchmal rutschte sie, trotz ihrer scharfen Krallen. Aber das störte sie nicht. Sie wollte hinunter zum Bach. Dabei blickte sie sich immer wieder besorgt nach ihren Kindern um.

Barro fand das unheimlich. Noch nie hatte seine Mutter sich so weit von ihm entfernt. Wohl oder übel tappte er ein paar Meter weiter, platschte durch Schneeinseln und Matsch. Seine Pfoten wurden naß, Schlamm spritzte gegen seinen Bauch. Und die hellfarbene Halsbandzeichnung auf seinem braunen Fell bekam schmutzige Flecken.

Mit einemmal sah er, wie seine Mutter stehenblieb. Immer wieder rieb sie ihre Schnauze an einem knorrigen Baumstamm. Es sah aus, als wolle sie sich an der rauhen Borke kratzen. Barro wußte noch nicht, daß sie auf diese Art mit einer stark duftenden fettigen Spur ihr Revier markierte, um fremde Bären vom Eindringen abzuhalten. Nach den langen Monaten des Höhlendaseins mußten die verblaßten Markierungen auf dem alten Wechsel von der Höhle zum Bach erneuert werden. Und die Bärin setzte ihre Duftmarken noch an viele Stellen.

Zwischendurch suchte sie unentwegt nach Eßbarem, wühlte Wurzeln aus dem schlammigen Boden, zerrte an nassem, braunwelkem Gras vom Vorjahr und schmatzte einen Regenwurm. Und sie wendete immer wieder Steine um und leckte die Ameisen darunter ab. Doch das alles genügte ihr nicht. Sie suchte nach nahrhafterer Beute.

In dem unebenen Gelände hatten die beiden Bärenkinder alle Mühe, ihrer Mutter zu folgen. Sie waren ja kaum erst so groß wie ein kleiner Spitz: mit dickpelzigen Köpfen und tapsigdicken Pfoten. Gegen ihre riesige Mutter wirkten sie winzig. Und Laufen war für sie ungewohnt, zumal auf so glitschigem Untergrund an dem abschüssigen Hang.

Mit unsicheren Schritten tappelten sie abwärts, stolperten und rutschten. Und unversehens verlor Barro den Boden unter den Füßen, überschlug sich ein paarmal und purzelte kopfüber in einen Schneefleck.

Ein klägliches Wimmern drang aus seiner Kehle. Nasser Schnee klebte ihm auf der Nase. Und noch bevor er sich aufrappeln konnte, beugte seine Mutter sich besorgt über ihn. Vorsichtig packte sie ihn mit den Zähnen im Nackenfell, trug ihn ein paar Meter weiter und setzte ihn auf ein weiches Moospolster. Das gefiel Barro. Er mochte lieber getragen werden als selber laufen. Außerdem saß ihm der Schreck über seinen Sturz noch in den Gliedern. Er blieb einfach sitzen und wartete.

Dafür aber hatte seine Mutter wenig Sinn. Sie merkte sehr rasch, daß ihm nichts weiter passiert war. Besorgt hielt sie nach Burri Ausschau, die bei Barros Sturz erschrocken stehengeblieben war. Jetzt kam sie heran und tappte dann folgsam hinter ihrer Mutter her.

Barro brummte unwirsch, als die beiden sich immer weiter entfernten. Schließlich begriff er, daß er seine eigenen Beine benutzen mußte. So schnell er konnte, rannte er ihnen nach. Und er erreichte sie, als seine Mutter in einer schmutzig-weißen Schneewehe zu wühlen begann.

Erschöpft setzte er sich auf sein Hinterteil und sah zu. Für ihn war alles hier draußen geheimnisvoll. Irgend etwas mußte seine Mutter unter dem Schnee entdeckt haben. Unentwegt zerrte sie an etwas herum. Und sie kaute und schmatzte. Was das einmal gewesen sein konnte, war nicht mehr zu erkennen. Jedenfalls war es Fleisch: Fleisch von einem toten Tier, das im Winter hier erfroren war. Und das hatte die Bärin mit ihrem scharfen Geruchssinn im Schnee aufgespürt.

Befriedigt leckte sie sich über die Lippen, trank noch ein paar Schluck Wasser am Bach und stapfte wieder hangaufwärts. Ihr quälendster Hunger war erst mal gestillt. Und jetzt spürte sie die Frühjahrsmüdigkeit.

Es wurde Zeit für den Mittagsschlaf. Und auch die beiden Kleinen brauchten nach dem anstrengenden Ausflug ihre Ruhe.

Barros erste Kletterpartie

Nach ein paar Tagen hatte Barro sich an den neuen Lebensrhythmus gewöhnt. Wenn vom Höhleneingang der helle Schimmer der Morgensonne eindrang, krabbelte Barro unruhig herum. Er wollte hinaus.

Aber vorher wollte er seine Milch. Nur lag seine Mutter nicht immer so, daß er bequem an seine Milchquelle herankam. Dann stupste er sie ungeduldig und bohrte seine kleine Schnauze irgendwo in ihr Fell. Und Burri versuchte es an einer anderen Stelle, bis die Bärin sich schläfrig brummelnd herumwälzte und ihre Kinder trinken ließ.

Barro schmatzte genießerisch, leckte sich ein paar Milchtropfen vom Brustfell und blinzelte ins Dämmerlicht. Auch Burri saugte nicht mehr so eifrig. Die Bärin spürte, daß ihre Jungen satt waren. Und sie erhob sich von der Lagerstreu und tappte zum Ausgang. Jetzt brauchte sie ihr Frühstück.

Die Kleinen mußte sie nicht erst hinausscheuchen. Angst hatten sie nicht mehr. Im Gegenteil. Vor Neugier konnten sie es kaum erwarten, endlich ins Freie zu kommen. Ungestüm drängelten sie gegen ihre Hinterkeulen.

Draußen roch es feucht. In der Nacht hatte es geregnet. Die Schneeinseln waren zusammengeschmolzen. Und der erdige Boden war noch glitschiger als am Vortag. Wolkenfetzen trieben am blaßblauen Himmel, verdeckten mitunter die Sonne. Und ein frischer Wind wehte von den weiß schimmernden Berggipfeln. Dort oben war Neuschnee gefallen.

An diesem Morgen nahm die Bärin einen anderen Weg, nicht hinunter zum Bach. Sie stapfte seitlich von der Höhle auf den Hangwald zu. Hier standen die Bäume dichter, begann hinter vereinzelten Fjällbirken und wildem Himbeergestrüpp ein steil ansteigender Bergfichtenwald. Und dort brauchte sie nicht lange zu suchen. Ihre Spürnase führte sie zu einem Mäusenest.

Barro interessierte sich noch nicht für Mäuse. Er beäugte nur neugierig eine flüchtende Maus, die seiner Mutter gerade noch entkommen konnte. Dann beschnüffelte er aufmerksam den Stamm einer Fjällbirke, an dem es sehr fremdartig roch. Diesen Geruch kannte er noch nicht.

In diesem Augenblick hörte er über sich ein Geräusch. Verdutzt blickte er nach oben. Im kahlen Gezweig turnte etwas herum: ein kleines dunkelbraunes Tier mit buschigem Schwanz. Und dieses zierliche, schlanke Wesen hüpfte flink von einem wippenden Zweig zum anderen, und von dort zum nächsten Baum und verschwand dann im grünen Wipfel einer Fichte.

So schnell konnte Barro mit den Augen kaum folgen. Geblieben war nur der fremdartige Geruch: der Geruch nach Eichhörnchen. Und die Geruchsspur führte stammaufwärts.

Schnuppernd hob Barro seine kleine Nase, streckte sich und stellte sich aufrecht auf die Hinterbeine. Seine Vordertatzen umkrallten den Stamm. Langsam zog er sich hoch, griff nach. Barro kletterte, kletterte den Baum hinauf. Und er kletterte weiter. Das brauchte er nicht zu lernen. Klettern war ihm angeboren. Und es machte ihm Spaß.

Irgendwo im Wald hämmerte ein Specht. Über den Berghang glitt ein Schatten. Ein Kolkrabe kreiste gemächlich tiefer, rief mit rauher Stimme nach seiner Gefährtin. Er hatte die Bären entdeckt, wartete auf die Reste ihrer Mahlzeit. Ganz nah sah Barro den großen schwarzen Vogel.

Plötzlich wackelte der Baumstamm. Barro erschrak. Ängstlich blickte er nach unten. Da kam noch jemand, scharrte mit den Krallen an der Borke. Von oben sah Barro nur den braunpelzigen Kopf mit der schwarzledernen Nase. Es war Burri, seine Schwester. Sie wollte ihm nachklettern.

Dieses Spiel gefiel Barro. Eifrig kletterte er weiter. Hier in der Krone ging es viel leichter. Auf den Astgabeln fanden seine Krallen bequemen Halt. Und als es nicht mehr höher ging, krabbelte er auf einen Seitenast.

Nur, sehr weit kam er darauf nicht. Der Ast wurde immer dünner, schwankte und schaukelte. Nach vorn ging es auch nicht mehr. Und Barro bekam ein unheimliches Gefühl.

Inzwischen hatte die Bärin ihre Mäusemahlzeit beendet. Sie sah Burri den Stamm hinaufklettern und Barro oben auf dem dünnen schwankenden Ast. Und sie wußte, daß sie eingreifen mußte. Noch waren die Kleinen zu unerfahren, konnten die Tragfähigkeit der Äste noch nicht abschätzen. Und aus ihrer Kehle drang ein energisches Brummen.

Burri zögerte. Sie war ja erst auf halber Höhe. Und eigentlich wollte sie lieber hinauf zu Barro. Doch sie spürte wohl Barros Not. Und sie gehorchte ihrer Mutter. Vorsichtig glitt sie abwärts.

Barro aber hatte es viel schwerer. Erst mußte er mal rückwärts bis zum Stamm. Und der Ast schaukelte und wippte unter seinem Gewicht. Doch umzudrehen wagte Barro sich nicht. Der Erdboden lag so tief unter ihm, so unheimlich tief. Barro stieß einen kläglichen Laut aus. Dann rutschte er wieder rücklings ein Stück auf dem Ast entlang, ganz langsam. Endlich stieß er mit seinem Hinterteil gegen den Stamm.

Nun konnte Barro sich umdrehen. Er brummte erleichtert, tastete mit seiner rechten Hintertatze unbeholfen nach der nächsttieferen Astgabel, erwischte sie mit den Krallen. Und Barro begriff: Das war kein Spiel, das war harte Arbeit. Und er blickte nach unten, vor jedem Tritt. Dann war da keine Astgabel mehr, nur noch der glatte Stamm. Barro bohrte seine Krallen in die Borke. Und er schnaufte. Und als er nur noch einen knappen Meter über dem Boden war, ließ er sich einfach hinunterplumpsen, überkugelte sich und blieb liegen, erschöpft und ziemlich verwirrt.

Seine Mutter leckte ihn tröstend, leckte mit ihrer weichen rosigen Zunge über seinen kleinen Bauch und seine zerschrammte Nase. Das war ein angenehmes Gefühl. Barro brummte leise und zufrieden. Und dann gab es erst einmal Milch.

Der Järv

Allmählich wurde es wärmer, auch in den Nächten. Geschneit hatte es nicht mehr. Auf den Bergen schmolzen die Schneekappen. Nur auf den höchsten Gipfeln und an den Nordflanken glitzerte es noch weiß im Sonnenlicht.

In den Tälern aber begann es zu grünen. Hier im Norden waren die Sommer kurz. Überall sprossen Gräser und Kräuter aus dem Boden, die Knospen an den Zweigen sprangen auf. Und an sonnigen Flecken zeigten sich die ersten Blüten.

Barro schnupperte die würzige Luft, tauchte seine kleine Nase in die Blütenkelche und stutzte. Eine der Blüten flatterte davon. Aber das war keine Blüte, das war ein Schmetterling. So was kannte Barro noch nicht.

Tolpatschig hopste er hinterher, wollte das seltsame Flatterding fangen, grapschte mit der Pfote danach. Doch der Schmetterling flog höher, unerreichbar hoch. Auch Aufrichten nützte nichts. So blieb Barro stehen, leicht schwankend, aufrecht auf den Hinterbeinen. Verdutzt sah er den Schmetterling im lichten Blau entschwinden.

Aber dort oben flog noch etwas anderes, viel Größeres. Eine Nebelkrähe glitt vom Berghang herüber. Ihr mattgraues Gefieder schimmerte hell in den Strahlen der Sonne.

In diesem Augenblick hörte Barro hinter sich eiliges Getappse. Burri kam den Steilhang herabgesaust. Steine kollerten. Und dann erhielt Barro einen Stoß, daß er rückwärts taumelte und umfiel. Burri wollte mit ihm spielen. Und sie setzte Barro ihre kleine Pfote auf den Bauch.

Das gefiel Barro. Unvermittelt rollte er sich herum. Jetzt purzelte Burri ins Gras, mit der Nase zuerst. Und Barro schnappte nach ihrem weichpelzigen Ohr und zog daran, ziemlich heftig. Burri stieß einen kläglichen Laut aus. Das klang wie eine Mischung aus Quäken und Grunzen. Und sie wehrte sich verzweifelt mit ihren Tatzen.

Besorgt blickte die Bärin zu ihren Kindern hinüber. Sie hatte am Bachufer einen angetriebenen toten Schneehasen entdeckt. Und sie wollte ihn gerade aus dem Wasser ziehen, als sie den Lärm der beiden über sich hörte. Doch die zwei spielten schon wieder friedlich.

Burri hatte sich aufgerappelt und lief ihrem Bruder davon. Und Barro sauste hinter ihr her dem Bachufer zu. Kurz darauf waren die beiden hinter einem Ufergebüsch verschwunden. Und die Bärin grub ihre Zähne beruhigt in das Fleisch des Schneehasen.

Plötzlich stutzte Barro. Von Burri war nichts mehr zu sehen. Sie war um das Gebüsch herumgelaufen. Aufmerksam blickte er sich um und schnüffelte am Boden, suchte nach Burris Spur. Da trug ihm der Wind einen anderen Geruch in die Nase. Und vom Oberlauf des Baches kam auch jemand: eine gedrungene Gestalt mit dichtem langem bräunlichem Fell.

Was da auf dicken Pfoten so gemächlich herantappte, sah aus wie ein kleiner Bär, allerdings schon um einiges größer als Barro. Nur war dieser Bär gar kein Bär, es war ein Järv, ein ausgewachsener Bärenmarder: ein Vielfraß. Und der Järv suchte nach Beute.

Jetzt wurde es Barro doch ein wenig unheimlich. Mit fremden Tieren hatte er noch kaum Erfahrung und mit größeren schon gar nicht. Und dieser seltsame Bär kam direkt auf ihn zu: mit gebleckten Zähnen. So schnell er konnte, lief Barro bachabwärts zu seiner Mutter.

Die Bärin witterte aufmerksam, witterte den Järv. Lauschend hob sie ihren mächtigen Kopf. Sie wußte, daß ein Järv ihren Kindern gefährlich werden konnte; der nahm es sogar mit einem Wolf auf. Und ihre Jungen waren noch viel zu klein.

Ängstlich drückten die beiden sich hinter ihre Mutter, spürten instinktiv die Gefahr. Und dann sahen sie den Järv näher kommen. Gegen die Bärin wirkte er fast winzig. Doch seine kleinen dunklen Augen musterten furchtlos die riesige Gestalt.

Und jetzt geschah etwas Seltsames. Die Bärin ließ den toten Schneehasen liegen. Sie überließ dem Järv ihre Beute, machte einfach kehrt und lief den Hang hinauf. Und ihre Kinder scheuchte sie vor sich her.

Aus langen Jahren hatte die Bärin ihre Erfahrungen. Ein Järv konnte mit seinen Drüsen im Hinterteil drei Meter weit spritzen: eine gelblichgrüne, stinkende Flüssigkeit. Und noch Wochen danach haftete der widerliche Gestank im Pelz. Für empfindliche Bärennasen war das kaum zu ertragen. So ging die Bärin dem Järv lieber aus dem Weg.

Davon hatte Barro noch keine Ahnung. Er sah nur von weitem, wie der Järv in aller Ruhe an dem Hasenrest schmatzte. Seine Stinkwaffe war Barro noch einmal erspart geblieben.

Unheimliches Gebrumm

Nebelschwaden waberten über dem Berghang, hüllten das Tal in fahles Dämmerlicht. Die Sonne war nicht zu erkennen, nur ein kraftloser Schimmer hinter undurchdringlichem Grau. Und die Luft roch feucht.

Die Bärin schien das nicht zu stören. Unbeirrt stapfte sie auf dem alten Wechsel zum Bach. Sie verspürte Durst, wollte trinken. Und die Kleinen folgten ihr.

Murmelnd plätscherte der Bach über rundgeschliffenes Geröll. Vorsichtig kletterte Barro auf einen Stein, tauchte seine Pfote ins Wasser. Das fühlte sich kalt an, kalt und naß. Und er leckte ein wenig davon. Das Wasser schmeckte ihm nicht. Er mochte lieber Milch. Aber Milch gab es jetzt nicht. Die beiden hatten ihre Morgenportion schon bekommen.

Burri machte es ihrem Bruder nach, geriet dabei aber auf einen ziemlich wackligen Felsbrocken. Der Fels kippte zur Seite. Und Burri platschte spritzend ins Wasser. Barro bekam eine Dusche. Und Burri krabbelte eilig aus dem Bach, tropfnaß und ein wenig verstört.

Inzwischen hatte die Bärin ihren Durst gestillt. Beunruhigt betrachtete sie das nasse Fell ihrer Kinder. Jetzt brauchten die beiden erst mal Wärme. In der feuchten Nebelluft würde es lange dauern, bis sie trockneten. Hier in dem schmalen Tal hielt sich der Nebel am längsten.

Aber sie wußte einen Weg. Sie kannte ihr Revier, das von dem stillen Waldsee an der unteren Talsohle bachaufwärts über den Fichtenwaldgürtel und die obere Birkenzone bis zur baumlosen Gebirgssteppe reichte, wo auf der weiten Tundra im Sommer die Krähenbeeren wuchsen. Dort oben fegte der Wind die Nebel von den kahlen Kuppen.

Mit einem energischen Brummen rief sie ihre Kinder. Groß genug waren sie inzwischen für eine Bergwanderung. Folgsam tappten die beiden hinter ihr her: über Geröll und freiliegende Wurzeln, durch nebelverhangenen Fichtenwald und dorniges Gestrüpp. Dumpf klangen die Geräusche ihrer Schritte im dichten Nebel.

Doch da waren auch noch andere Geräusche. Von irgendwo ertönte das laute Schnarren eines Tannenhähers, ein Schwarzspecht hämmerte rhythmisch an einen toten Baumstamm. Und im Wipfel einer Fichte knusperte ein Eichhörnchen an einem Zapfen. Barro horchte auf, blickte sich neugierig um. Doch der Nebel verhüllte alles.

Erst als die drei Bären an den Rand des Birkenwaldes kamen, wurde die Sicht etwas klarer. Nebelfetzen trieben zwischen krummwüchsigen Birken. Grell stand die Sonne über zerfaserndem Weiß. Und zwischen kahlem Gezweig hing ein tauglitzerndes Spinnennetz.

Das interessierte Barro. Er stellte sich auf die Hintertatzen, schob seine kleine Schnauze in das feinmaschige Gewebe. Und es zerriß. Lose Fäden klebten auf seiner Nase. Unbeholfen versuchte er, sie mit der Pfote wegzuwischen. Nur half das nicht viel. Überall in seinem zotteligen Fell hingen die Fäden. Und mit seinen Ohren spielte der Wind.

Auch die Bärin schnupperte in die rauhe Luft. Und sie führte die Kleinen in den Windschatten einer flachen Mulde. Hier am Südrand des Hochplateaus war es geschützter. Und als die Sonne durch zerwehende Nebelschwaden brach, wurde es warm. Nun konnten die Jungen trocknen.

Zufrieden wälzte Barro sich am Boden, schnüffelte an Moos und Rentierflechte und spielte eine Weile mit den Zehen seiner Hinterpfoten. Am blaßblauen Himmel sah er ein paar Kraniche ziehen. Doch das grelle Licht tat seinen Augen weh. Und er spürte die Müdigkeit nach der langen Wanderung. Schläfrig schloß er seine Lider.

Plötzlich schreckte er auf. In der Luft ertönte ein seltsames Brummen: gar nicht wie von einem Bären. Es klang viel lauter, viel metallischer. Und es kam schnell näher.

Furchtsam blinzelte Barro nach oben. Über der öden Hochfläche flog etwas heran, glitzernd im Sonnenlicht. Das Brummen wurde zum Dröhnen, unheimlich laut. Dann glitt ein Schatten über das kahle Fjäll, streifte über Barro hinweg und verschwand mit leiser werdendem Gebrumm hinter den fernen Höhenzügen.

Barro hatte sein erstes Flugzeug gesehen. Und es machte ihm angst. Schutzsuchend krabbelte er hinüber zu seiner Mutter. Und sie barg ihre Kinder tröstend an ihrem weichen Fell.

Hungriger Wolf

Ein heller Morgen wölbte sich über dem Tal. Hoch oben in durchsichtiger Bläue trieben zwei Kolkraben ihre kreisenden Spiele. Der Wiesenhang leuchtete blütenbunt. Schmetterlinge gaukelten zwischen Kratzdisteln und Eisenhut. Insekten summten aufdringlich. Und irgendwo am dichtbewachsenen Bachufer quakte ein verspäteter Frosch.

Die Bärin zog mit ihren Kindern bachabwärts. Aber sie ließ sich Zeit, stopfte sich den Bauch voll mit schmackhaften Gräsern und Kräutern. Und die Kleinen tobten spielend zwischen Dickicht und Uferrand.

Hier am Unterlauf weitete sich die Talsohle, übersät mit angespültem Geröll. Vom Hochwasser zerzaustes Weidengebüsch wucherte bis dicht ans Wasser. Dahinter am Berghang begann der Fichtenwald. Das Gelände war unübersichtlich, verbarg die zurückgebliebene Bärin.

Barro kümmerte sich nicht darum. Er hörte Burri hinter sich, das genügte ihm. Am Boden zwischen dem Grün entdeckte er eine Spur: eine frische Spur. Und die roch fremdartig. Das machte ihn neugierig. Unbefangen tappte er der Spur nach, streifte geräuschvoll durchs Gestrüpp.

Mit einemmal stutzte er. Etwas kleines Pelziges flitzte vor ihm durchs Gras und verschwand hinter einem moosbedeckten Fels. Und das reizte Barro. Zwar war er noch ein Milchkind und wollte nicht jagen, aber er wollte spielen. So sauste er mit drolligen Sprüngen hinterher. Doch das kleine Pelztier bekam er nicht. Der Waldlemming war schneller als er.

Dafür stand Barro hinter dem Fels plötzlich etwas viel Größerem gegenüber. Und das roch genau wie die Spur: ein grauhaariges, hochbeiniges Tier. Es war ein Wolf, ein alter einsamer Wolf, den sein Rudel ausgestoßen hatte und der hier im wärmeren Süden unterhalb des Polarkreises allein zurückgeblieben war. Für den altersschwachen Wolf blieb nur noch die Jagd auf kleinere Beute. Schon von weitem hatte er die Bärenkinder gewittert. Geifer troff von seinen Lefzen. Und aus seiner Kehle drang ein tiefes Knurren.

Vor Schreck wagte Barro kein Glied zu rühren. Er stand wie gelähmt, starrte auf die gefährlich spitzen Reißzähne des Wolfes. Da raschelte es vernehmlich hinter dem Felsblock. Der Wolf horchte auf, abgelenkt durch das Geräusch, und blickte in die andere Richtung.

Diesen Moment nutzte Barro. Wie gehetzt rannte er seitlich ins Gebüsch. Zweige und Äste peitschten sein Fell. Und einer traf seine Nase. Doch er achtete nicht darauf, stieß um ein Haar gegen den Stamm einer Birke. Und hinter sich hörte er das Hecheln des Wolfes.

Instinktiv umkrallte Barro den Baumstamm, zog sich nach oben. Doch so schnell er auch kletterte, der Wolf war fast im gleichen Augenblick heran. Mit einem gewaltigen Satz sprang er am Stamm hoch. Seine Kiefer schlugen zusammen, gerade als Barro seine rechte Hintertatze nachzog.

Aber Barro hatte Glück. Nur ein Fetzen von seinem Fell blieb zwischen den Wolfszähnen. Und Klettern konnte der Wolf nicht. Dann war Barro außer Reichweite. Von einem Seitenast blickte er angstvoll nach unten.

Der Wolf verharrte unschlüssig. Barro sah sein gesträubtes Fell, seine hochgezogenen Lefzen. Und er sah noch etwas anderes. Burri hatte ihren Bruder oben auf dem Seitenast im Wipfel der Birke entdeckt. Und nichtsahnend kam sie direkt auf den Wolf zu, den sie durch das wuchernde Gestrüpp am Boden nicht erkennen konnte.

Jetzt witterte der Wolf die neue Beute, hörte den tapsigen Bärentrott der kleinen Burri. Und ein lauernder Ausdruck glimmte in seinen Augen.

In diesem Augenblick übertönte ein anderes Geräusch Burris Tappen. Gar nicht weit entfernt brach ein mächtiger Körper durchs Gebüsch, Äste krachten, Steine polterten. Und es wurde lauter, kam näher. Dazwischen erklang ein tiefes Brummen, untermischt mit wütendem Fauchen.

Sekundenlang zögerte der Wolf, dann schoß er auf Burri los, deren pelziger Kopf eben zwischen niedrigem Gezweig auftauchte. Und schon war der Wolf mit einem Sprung über ihr. Doch er kam nicht zum Zubeißen.

Die Bärin hatte den Wolf gewittert, mit ihrem scharfen Gehör seine Stimme erkannt. Und sie hatte Barros Flucht auf den Birkenwipfel gesehen. Dröhnend preschte sie heran.

Der Wolf fuhr herum. Doch bevor er ausweichen konnte, traf ihn ein gewaltiger Prankenschlag der Bärin. Meterweit flog er durch die Luft, krachte dicht bei einem Baumstumpf zu Boden und blieb regungslos liegen.

Burri flüchtete erschrocken zu ihrer Mutter. Liebevoll leckte die Bärin ihrem verängstigten Kind übers Gesicht, immer wieder. Und es dauerte noch eine ganze Weile, bis Barro sich von seinem Baumwipfel herunterwagte.

Honig mit Bienen

An diesem Abend kehrte die Bärin mit ihren Kindern nicht zur Höhle zurück. Bis weit in die Dämmerung streifte sie durch das Tal. Ein lauer Wind wehte von Südwesten, trieb faserige Wolkenfetzen vor die Mondsichel. Von irgendwoher erklang ein Eulenruf. Und als die Bärin spürte, daß ihre Kinder müde wurden, suchte sie im weichen Moos unter überhängendem Fels einen ruhigen Schlafplatz.

Barro kuschelte sich dicht an den warmen pelzigen Bauch seiner Mutter. Hier fühlte er sich geborgen. Nur war es anders als in der alten Höhle.

Die Geräusche der Nacht klangen deutlicher. Und es war heller. Sterne funkelten kalt am nachtschwarzen Himmel. Und manchmal wehte der Wind von fern die Schritte eines nächtlichen Tieres zu den Schläfern herüber.

Die Bärin schnarchte mit tiefem grollendem Ton. Das war ein vertrautes Geräusch. Barro lag auf der Seite, hatte seinen Kopf auf seine kleinen Tatzen gelegt und schlief. Und er schlief tief und fest, bis ein schräg einfallender Sonnenstrahl ihm die Nase wärmte.

Verdutzt blinzelte Barro in das helle Licht. Eine dicke Fliege summte an seinem Ohr, übertönte das Schnarchen seiner Mutter. Burri wälzte sich unruhig im Schlaf. Und draußen im Wald begann ein Specht zu hämmern.

Jetzt wurde auch die Bärin munter. Behutsam schob sie ihre Kinder zur Seite und setzte sich auf, schnupperte die frische Morgenluft. Und sie horchte aufmerksam auf die Geräusche. Doch außer den morgendlichen Vogelstimmen und dem Knuspern eines Eichhörnchens in einer nahen Fichte war nichts zu hören. Aber sie sah etwas, sah unter dem Felsvorsprung hervor unweit einen Fuchs vorüberschnüren. Und ein Stück weiter wanderten ein paar Nebelkrähen, emsig Futter suchend, durch das üppig wuchernde Gras am Bachufer.

Inzwischen war auch Burri erwacht. Und gemeinsam mit ihrem Bruder stupste sie ihre Mutter energisch vor den Bauch. Die beiden wollten ihre Morgenmilch.

Brummelnd ließ die Bärin ihre Kinder trinken. Dann erhob sie sich ungeduldig. Sie hatte selbst Hunger. Mit ziemlicher Eile verließ sie den Unterschlupf und verdrückte Unmengen taufrisches Grün. Zeternd stiegen die Nebelkrähen auf. Und der Fuchs flüchtete in den Wald.

Aufmerksam sah Barro seiner Mutter zu. Für Grünzeug interessierte er sich noch nicht, auch nicht für summende Insekten. Aber als die Bärin mit der Tatze einen Stein umwendete und die darunter wuselnden Ameisen ableckte, tappte er neugierig näher. Er wollte wissen, was seine Mutter so genießerisch schleckte. Aber er sah nur den Stein; von den Ameisen war schon nichts mehr zu sehen.

Mit einemmal hob die Bärin schnüffelnd ihre Nase. Sie hatte offenbar etwas gewittert. Zielsicher stapfte sie auf einen hohlen Baumstumpf zu. Barro tappte mit Burri direkt hinter ihr. Und je näher sie herankamen, desto lauter erhob sich ein merkwürdiges Summen.

Ohne Zögern grub die Bärin ihre Pfoten in den Baumstumpf, fetzte das morsche Holz auseinander. Splitter flogen umher. Und dazwischen flog noch anderes. Und das summte und surrte und setzte sich überall hin.

Barro spürte einen schmerzhaften Stich in der Nase. Und dann noch einen, immer mehr. Verzweifelt versuchte er, die Bienen abzuwehren, schüttelte wie wild seinen Kopf und fuchtelte mit den Pfoten. Doch die Bienen zerstachen jeden Fleck, den sie erreichen konnten.

Nun bohrte die Bärin ihre Schnauze in das Holz, schmatzte und schleckte. Und als sie wieder auftauchte, glänzte ihre Schnauze, klebte ihr Gesicht von Honig. Das roch gut und süß, unheimlich süß. Barro schnupperte gierig. Und er leckte mit seiner kleinen Zunge, leckte das duftend verklebte Fell seiner Mutter. Burri leckte ungestüm von der anderen Seite. Und das schmeckte, schmeckte so gut, daß sie darüber die Stiche vergaßen.

Erst als in dem Baumstumpf nichts mehr zu holen war und die drei vor den wütenden Bienen flüchteten, spürte Barro den Schmerz: in seiner Nase, seinen Ohren und auf seiner Zunge. Doch immer wieder versuchte er, noch einen Honigrest aus dem Pelz seiner Mutter zu schlecken.

Wäßriger Spiegel

Es dauerte ein paar Tage, bis Barro von den Stichen nichts mehr merkte. Nur seine Nase war noch ein wenig geschwollen. Und manchmal juckte sie noch. Seine Nase hatte die meisten Stiche abbekommen. Doch die kühlte er geschickt im frischen Wasser des Baches. Das hatte er seiner Mutter abgeguckt. Und das half.

Inzwischen waren die drei Bären weiter den Bach hinabgezogen. Hier in der tieferen Bergregion änderte sich die Landschaft. Kiefern mischten sich unter urige Fichtenwälder. Und Weiden und Birken schimmerten in hellem Grün.

Barro fühlte sich ganz wohl hier, tobte mit Burri verspielt am Bachufer entlang und platschte spritzend durch das flache Wasser. Burri aber schien das weniger zu gefallen. Sie mochte die Spritzerei nicht. Und als Barro nicht damit aufhörte, jagte sie ihn und schnappte unwirsch nach seinem Ohr. Barro stieß ihr seine Tatze vor den Bauch. Burri fauchte und lief davon. Und Barro rannte brummelnd hinter ihr her.

Plötzlich stutzte er. Der Bach wurde mit einemmal unheimlich breit, dehnte sich aus zu einer weiten glitzernden Fläche. Auch Burri verharrte wie angewurzelt. Die beiden standen an einem Waldsee, einem stillen tiefen See von unwahrscheinlicher Klarheit. So viel Wasser hatten sie noch nie gesehen. Beunruhigt blickten sie sich nach ihrer Mutter um.

Doch die Bärin hatte es nicht eilig. Sie kannte den See. Und sie sah ihre Kinder. Gemächlich stapfte sie durch ein sumpfiges Wiesenstück, schnupperte an Wollgras und Trollblumen und fing geschickt einen Frosch. Das wirkte beruhigend auf die Kleinen. Es drohte offenbar keine Gefahr.

Barro wurde neugierig. Plätschernd fließendes Wasser kannte er ja, dieses Wasser hier aber war völlig still und glatt. Kein Windhauch kräuselte die schimmernde Oberfläche. Und Barro beugte sich vorsichtig darüber, um seine wieder einmal juckende Nase zu kühlen.

Mitten in der Bewegung zögerte er. Aus dem Wasser heraus blickte ihn jemand an: ein kleiner fremder Bär. Und je tiefer er sich hinabbeugte, desto mehr kam ihm der fremde Bär entgegen, bis ihre Nasen sich beinahe berührten. Der fremde kleine Bär machte ihm alles nach. Barro schnupperte aufgeregt. Doch der Bär roch gar nicht wie ein Bär, der roch überhaupt nicht. Und das verwirrte Barro.

Unwirsch holte er aus und schlug seine Tatze auf die fremde Nase. Aber da war keine Nase, nur Wasser, das Barro um die Ohren spritzte. Und der fremde Bär war weg. Das verwirrte Barro noch mehr. Suchend blickte er sich um. Doch nur Burri stand ein Stück neben ihm. Und sie fauchte ärgerlich, weil sie ein paar Spritzer abbekommen hatte.

Nun hatte Barro endgültig genug. Von Spiegelbildern wußte er nichts, auch nichts von spiegelnden Wasserflächen. Er spürte nur seine juckende Nase. Ungestüm tauchte er seinen Kopf in die von seinem Tatzenschlag noch leicht bewegten Wellen. Und er fand es sehr beruhigend, daß der fremde kleine Bär nicht wiederkam.

Die Bärin schien sich für den See nicht zu interessieren. Sie wußte, daß hier nicht mehr viel zu holen war. Der stille See wirkte wie tot. Und das war er auch, jedenfalls beinahe. Doch das konnte die Bärin nicht wissen. Seine Klarheit zeigte seine Krankheit. Schwefelsäurehaltiger Regen hatte den See vergiftet, Schwefel aus unzähligen Fabrikschornsteinen hatte fast alles Leben ausgelöscht. Je klarer der See, desto saurer war das Wasser. Die Fische, Krebse und Amphibien waren verschwunden, bis auf ein paar Barsche und Hechte. Und mit ihnen verschwanden die Fischadler und die Otter. Was blieb, war ein tiefklarer, todkranker See.

Gemächlich stapfte die Bärin weiter. Barro vergaß den fremden kleinen Bären im Wasser und folgte seiner Mutter. Burri trottete hinter den beiden her.

Am jenseitigen Seeufer äste ein Elch in einer sumpfigen Bucht. Doch er stand weit weg und wirkte winzig klein. Und als die drei Bären in den Wald eindrangen, hörten sie von einer fernen Straße dumpf verklingenden Motorenlärm.

Fremder kleiner Bär

Dunkle Wolken jagten über den Himmel, getrieben vom Wind. Regen prasselte durch die Baumwipfel, troff von den Zweigen, unaufhörlich.

Barro aber merkte kaum etwas davon. Er lag mit Burri halb vergraben unter dem Bauch seiner Mutter. Die Bärin hatte den Wetterumschlag gewittert und im Dickicht des Waldes einen gut geschützten Unterschlupf gesucht. So verschliefen sie die Nacht bis in den späten Morgen.

Es war schon lange hell, als Barro die Augen öffnete. Irgend etwas hatte ihn geweckt. Und er fühlte sich sehr unbehaglich. Der wärmende Bauch seiner Mutter war verschwunden. Dafür versuchte Burri verzweifelt, unter Barros Bauch zu kriechen. Nur war der dazu viel zu klein. Und Barro drehte sich ärgerlich brummend auf die andere Seite.

Schläfrig blinzelte er in das trübe Licht. Nebelfetzen wehten durch den Wald. Es regnete nicht mehr, aber von den Bäumen tropfte es noch, wenn der Wind durch die Wipfel fuhr. Ganz in der Nähe klopfte ein Specht auf morsches Holz. Und die Bärin stand ein Stück entfernt aufrecht an einem Birkenstamm und riß Blätter von den Ästen.

Der Anblick erinnerte Barro an seinen eigenen Hunger. Auch sein Magen knurrte vernehmlich. Eilig trabte er zu seiner Mutter hinüber. Und Burri rannte ihm nach. Die beiden wollten ihre Morgenmilch. Und die Bärin unterbrach bereitwillig ihre Blättermahlzeit und ließ ihre Kinder trinken. Doch kaum waren die zwei fertig, richtete sie sich wieder an der Birke auf. Ihr Hunger war noch lange nicht gestillt. Und Burri begann, an dem Birkenstamm hochzuklettern.

Zum Klettern hatte Barro keine Lust. Neugierig schnüffelte er auf dem feuchten Waldboden herum. Es duftete nach nasser Erde und frischem Grün, dazwischen roch es nach fremden Spuren. Und als er den Geruch einer Waldmaus in die Nase bekam, folgte er der Fährte.

Schnuppernd entfernte er sich allmählich immer weiter von Burri und seiner Mutter, kletterte über modrige Baumstümpfe, umgestürzte Bäume und niedergebrochenes Gezweig. Und bald schon konnte er in dieser wuchernden Wildnis die beiden nicht mehr sehen.

Gerade schnupperte er an einem flechtenüberzogenen Holzstück, auf dem schon wieder kleine Fichtenschößlinge wuchsen, da hörte er im Dickicht ein eigenartiges Grunzen. Und dann tauchte zwischen dem Gehölz ein seltsam schwarzweiß gestreifter Kopf auf. Aus kleinen Augen traf Barro ein aufmerksamer Blick. Es war ein Dachs, der nach dem nächtlichen Regen seine Morgenmahlzeit suchte. Und ohne sich weiter um Barro zu kümmern, wackelte er grunzend davon.

Barro stutzte. Er war ja noch nie einem Dachs begegnet. Aber da der Dachs offenbar ungefährlich war, tappte Barro unverdrossen weiter.

Doch schon wenig später stutzte er erneut. Aus dem wildwuchernden Unterwuchs drang schon wieder ein Geräusch. Diesmal aber war es kein Grunzen, es war ganz eindeutig ein Brummen. Und das kam Barro sehr bekannt vor.

Eifrig tappte er darauf zu. Das konnte nur Burri sein, die ihm gefolgt sein mußte. Und wirklich schob sich ein kleiner zotteliger Pelzkopf aus dem Grün. Es war tatsächlich ein kleiner Bär, aber es war nicht Burri.

Verblüfft starrte Barro in das fremde Bärengesicht. Und das roch sogar wie Bär. Vorsichtshalber richtete Barro sich auf den Hinterbeinen auf und hob die Tatze: genau wie bei dem Spiegelbären am See.

Nur, der fremde kleine Bär machte etwas ganz anderes. Er tappte unbefangen auf Barro zu und stupste ihn mit seiner Nase so ungestüm vor den Bauch, daß Barro rücklings ins feuchte Grün purzelte.

Heftig mit den Tatzen fuchtelnd, lag Barro auf dem Rücken. Und jetzt geschah etwas sehr Sonderbares. Der kleine fremde Bär leckte mit seiner rosigen Zunge zärtlich über Barros Schnauze, immer wieder.

Das gefiel Barro. Er hörte auf zu fuchteln und hielt ganz still. Und er schnupperte aufmerksam. Das fremde Bärenkind war eine kleine Bärin. Und sie war allein. Ein großer Lastwagen hatte bei Nacht ihre Mutter angefahren, als sie über die abgelegene Waldstraße wechselte; und das hatte sie nicht überlebt. Seitdem irrte Ranja einsam durch die Wildnis. Und sie war sehr erleichtert, als sie Barro begegnete. Endlich fühlte sie sich nicht mehr allein.

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Litres'teki yayın tarihi:
05 mayıs 2025
Hacim:
120 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9788711807590
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