Kitabı oku: «Dolan, der Delphin»

Yazı tipi:

Lothar Streblow

Dolan
Der Delphin

SAGA Egmont

Dolan, der Delphin

Copyright © 1993, 2018 Lothar Streblow und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

All rights reserved

ISBN: 9788711807620

1. Ebook-Auflage, 2018

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach

Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

„Die Frage nach dem tierlichen Bewußtsein hat die Menschen schon immer gefesselt, weil Haus- und Wildtiere gleichermaßen unsere Bewunderung und Neugier erregen. Sie verlocken uns dazu, in ihre Haut zu schlüpfen und uns vorzustellen, wie ihr Leben sein mag.“

Donald R. Griffin

„Gefühle sind es, die alle Kreatur dazu drängt, etwas zu tun oder, wenn es ängstliche Stimmungen sind, etwas zu unterlassen.“

Vitus B. Dröscher

Geburt eines Tümmlers

Halbdämmer lag über der weiten Meeresbucht, ein fahles, die Küstenlinie verhüllendes Grau. Am Horizont wob sich ein rötlicher Schimmer in den verblassenden Nachthimmel, ließ die Sterne verlöschen. Und wenig später glimmten die ersten Strahlen der Morgensonne über die fernen Bergketten, glitzerten die kaum bewegten Wasser der Bucht wie Flittergold im Frühlicht.

Plötzlich kam Bewegung in die trägen Fluten, wurde die Meeresfläche aufgerissen von gleitenden Schatten. Eine spitze Rückenfinne durchstieß das Wasser, dicht daneben peitschte eine Schwanzflosse die aufspritzende See. Und ein kurzes Stück voraus sprang einer der schlanken Schatten in die Luft und tauchte mit klatschendem Geräusch wieder ein. Von der Felsspitze am Ausgang der Bucht näherte sich eine Delphinschule, eine kleine Gruppe Großer Tümmler, zog in weitem Bogen ins Innere der Meeresbucht.

Allmählich verlangsamten die Tiere ihr Tempo. Die Tümmler schienen ihr Zielgebiet erreicht zu haben. Ab und zu stieg eine Blaswolke auf, ein weißlicher Tröpfchennebel glitzerte sekundenlang in der Morgenluft, bevor er verwehte. Und hoch über den gemächlich schwimmenden Tümmlern schwebten ein paar Möwen.

Zwei weibliche Tümmler aber fielen zurück, umkreist von einem dritten. Das eine Weibchen wirkte unruhig, als habe es Schmerzen, während das andere mit der Schnauzenspitze behutsam gegen seinen Bauch stieß. Es wußte, was mit dem anderen geschah, sah die kleine Fluke, die winzige Schwanzflosse, die aus der Öffnung des Unterbauchs hervorragte. Und es blieb in der Nähe. Jede Geburt im Meer brachte Mutter und Kind in Gefahr; das wußten die anderen. Sie warteten, bereit zur Hilfe, wenn das Kleine sich aus dem Mutterbauch löste. Und es kam sehr schnell, wie bei allen Walen.

Es war Dolan, als gleite er aus einer warmen, weichen Höhle hinaus in etwas Kühles, Fremdes, das seinen kleinen Körper umspülte. Unaufhaltsam glitt er weiter, spürte das Kühle überall. Und als sein Kopf freikam, sah er es auch. Nach dem Dunkel im Leib seiner Mutter umgab ihn eine seltsame Helligkeit, ein grelles, flirrendes Licht. Und das erste, was er fühlte, war Angst.

Doch im selben Augenblick spürte er schon etwas anderes: ein kurzes Ziehen, als die Nabelschnur riß. Und gleich darauf einen sanften Druck von unten gegen seine Bauchhaut. Seine Mutter hob in behutsam an die Oberfläche, unterstützt von den anderen Weibchen, bis sein kleiner Kopf mit dem Atemloch das Wasser durchstieß.

Tröpfchen perlten von seiner seidig glatten Haut. Hier war das Licht verändert, greller noch. Und es wärmte. Fast schmerzte die Helligkeit in seinen Augen. Und zum ersten Mal in seinem Leben atmete Dolan die klare Luft eines hellen Morgens. Und er atmete tief.

Noch war das alles ihm fremd. Aber da waren vertraute Töne, Geräusche, die er schon aus der dunklen Geborgenheit kannte: die schnarrenden, pfeifenden und klickenden Laute seiner Mutter. Doch jetzt klangen sie anders, ferner als vorher. Und andere Geräusche klangen lauter, deutlicher, drangen von allen Seiten auf ihn ein, durchdrangen seinen kleinen Körper. Es waren die anderen Tümmler der Gruppe, die ihn mit Klicklauten abtasteten, ihn auf ihre eigene Weise wahrnahmen, den neuen Gefährten begrüßten.

Dolans Mutter hielt die anderen vorsichtig auf Distanz, vor allem die größeren Männchen, die neugierig heranschwammen. Sie duldete nur die beiden begleitenden Weibchen in der Nähe. Und sie schwamm dicht neben Dolan nahe der Oberfläche, damit er bei ihr trinken konnte und es nicht weit hatte zum Auftauchen und Atmen.

Dolan hatte noch keinen Hunger. Zu neu war diese fremde, helle Welt, das Glitzern sprühender Wassertropfen im Licht, das Gleiten der dunklen Schatten ringsum in den Fluten. Und darunter am nahen Meeresboden die Umrisse eigenartiger Gebilde, bizarre Felsen und wehender Tang, dazwischen kleinere Schatten: Fische, die flüchtend auseinanderstoben.

Noch wußte Dolan nicht, was das alles bedeutete. Er hatte noch keine Erfahrung. Alles wirkte unheimlich, seltsam fremdartig. Er mußte erst lernen zu unterscheiden. Und als er dicht neben seiner Mutter seinen kleinen Kopf in die flimmernde Helligkeit hob, um erneut zu atmen, schaffte er das Auftauchen schon allein. Das Schwimmen war ihm angeboren. Und tief sog er die frische Morgenluft in die Lungen.

Milch im Meer

Augenblicke später tauchte Dolan schon wieder ab, folgte dem schlanken Körper seiner Mutter wie ein Schatten. Ein leichter Schlag mit der Fluke, seiner kleinen Schwanzflosse, genügte, um ihn in ihrer Nähe zu halten. Keine Sekunde ließ seine Mutter ihn dabei aus den Augen. Ständig kontrollierte sie mit zarten Lauten seine Nähe, streichelte mit ihren Flippern sanft seine seidige Haut. Und Dolan fühlte sich geborgen in ihrem Schutz.

Allmählich aber spürte Dolan die Anstrengung, selbst im Meer zu schwimmen. Und ein leeres Gefühl in seinem Magen beunruhigte ihn. Jetzt bekam er Hunger.

Aber seitlich über der Rückenfinne seiner Mutter gab es keine Milch. Das merkte er sehr schnell. Mit einem kurzen Flukenschlag glitt er um sie herum an ihre Bauchseite, stupste mit seiner kleinen Schnauzenspitze gegen ihre nasse Haut.

Dolans Mutter reagierte sofort. Sie wußte, was Dolan wollte, schwamm mit leicht zur Seite gekehrtem Bauch dicht unter der schimmernden Wasseroberfläche. Instinktiv tastete Dolan nach ihren Zitzen. Und er fand, was er suchte, spürte einen warmen Strom über seine Zunge gleiten. Und in gierigen Zügen trank er die fette Milch.

Aber Milchtrinken unter Wasser war gar nicht so einfach. Immer wieder mußte Dolan zwischen den einzelnen Schlucken abbrechen und zum Luftholen auftauchen. Doch seine Mutter erleichterte ihm die Mühe. Sie tauchte im gleichen Rhythmus mit ihm auf. So kam Dolan schnell wieder zu seiner Milch. Und schon nach kurzer Zeit hatte er sich an den Rhythmus von Trinken und Atmen gewöhnt.

Als er endlich satt war, fühlte er sich schläfrig. Schwimmen und Atmen und Trinken, das alles war sehr anstrengend. Aber auch das spürte seine Mutter. Sie nahm es auf die den Delphinen eigene Weise wahr. Sie holte Luft und tauchte genau unter ihn. Und dort blieb sie, hielt gleichmäßig Dolans träges Tempo.

Plötzlich fühlte Dolan sich angehoben, fühlte die seidenweiche Rückenhaut seiner Mutter unter seinem Bauch. Sie nahm ihn huckepack, trug ihn auf ihrem Rücken, mit seinem Atemloch knapp über der Wasseroberfläche. So konnte er atmen, während er schlief, bekam genug Luft. Und schon Augenblicke später war er eingeschlafen.

Lang aber währte seine Ruhe nicht. Auch seine Mutter mußte atmen, spätestens nach sieben Minuten. Behutsam glitt sie schräg nach oben, hob Dolan dabei fast völlig aus den leise schwappenden Wellen.

Dolan erschrak, riß die Augen auf. Grelles Licht umflirrte ihn, auf der Dünung tanzende Sonnenflecken, dazwischen glitzernde Tröpfchennebel: die verwehende Blaswolke seiner Mutter. Und er spürte ihre beruhigenden Laute, während sie wieder abtauchte.

Wasser umströmte Dolans Flanken, ließ nur sein Atemloch frei. Dolan schloß die Augen. Er begriff, daß er schlafen durfte, gewiegt vom Atemrhythmus seiner Mutter. Und wieder schlief er ein, ohne zu erschrecken, wenn sie auftauchte und ihn an die Luft hob. Er hielt die Augen geschlossen. Nur die zahllosen Laute ringsum im Meer spürte er bis in den Schlaf.

Meilenweit trug die Mutter ihr schlafendes Kind, nur begleitet von den beiden Weibchen. Dabei hielt sie sich nahe der Küstenlinie im Flachwasser, wo sie sicher war vor Haien. Die anderen jagten sich spielerisch in der Mitte der Bucht, jagten sich gegenseitig auf den Strand zu.

So näherte die Gruppe sich allmählich den drei Weibchen. Ihre Signale klangen lauter. Und die drei Weibchen verstanden, schlossen sich den anderen an, hielten sich aber mehr am Rand der Gruppe. Auch sie reizte das Spiel.

Plötzlich riß ein lauter Knall Dolan aus dem Schlaf. Erschrocken blickte er sich um. Seewärts wimmelte es von gleitenden Schatten, von wasserdurchfurchenden Rückenfinnen, verwehenden Blaswolken. Kraftvoll kam ein Tümmler nach oben, schlug mit der Fluke aufs Wasser, laut knallend. Andere machten es ihm nach, knallten ihre Fluken in die aufspritzende See. Dolan begriff, daß es ein ausgelassenes Spiel war. Und er verlor seine Angst vor dem Lärm.

Nur mit dem Schlafen war es vorbei. Auch als seine Mutter sich ein Stück von der übermütig tobenden Gruppe entfernte, blieben die Geräusche noch laut genug. Neugierig sah Dolan hinüber, beobachtete die schlanken, schaumumfluteten Gestalten, wie sie sprangen und tauchten. Und ein wenig knallte auch er mit seiner kleinen Fluke.

Noch war alles sehr anstrengend, zehrte an seinen Kräften. Geschickt ließ er sich vom Rücken seiner Mutter heruntergleiten und tauchte unter ihren Bauch. Er hatte schon wieder Hunger.

Wellen, Wind und Schatten

Gegen Mittag kam Wind auf, wehte von den Berggipfeln herunter über die Bucht. Ein leichter Wind nur. Aber wo der Wind gegen die Strömung stand, kräuselte sich die glatte Fläche zu winzigen Wellen.

Das war neu für Dolan. Bisher kannte er nur eine ruhige See. Und er hob sein Atemloch hoch in die Luft, wenn die Wellen gegen seinen kleinen Körper klatschten.

Manchmal spürte Dolan einen Flipper seiner Mutter an seiner Flanke entlangstreichen. Das kitzelte angenehm. Und mitunter kam eines der begleitenden Weibchen in seine Nähe, um ihn zu streicheln. Doch seine Mutter schob sich jedesmal eifersüchtig dazwischen und zeigte ihm ihren Bauch, damit er trinken sollte. Und Dolan trank.

Die große Gruppe der Tümmler hatte sich inzwischen wieder entfernt, jagte nahe dem Ausgang der Bucht an der Felsspitze, wo höhere Wellen gegen die Klippen schlugen. Aber auch unweit der Küste, innerhalb der Bucht, stiegen ein paar Blaswolken auf, zerschnitten zwei größere Rückenfinnen das Wellengekräusel, dazwischen kaum sichtbar eine kleinere. Dort hatten sich einige Tümmler abgesondert. Und sie kamen ihnen in gemächlichem Tempo entgegen.

Dolan hörte ihre Geräusche, ihre Signale, die klickenden Laute. Und seine Mutter antwortete. Es waren zwei große Weibchen und ein ganz junges, gerade erst geboren, jünger noch als Dolan. Die beiden Weibchen trugen das Kleine in ihrer Mitte zwischen den Flippern, ihren kräftigen Vorderflossen, hielten seinen Kopf über Wasser. Und aus seinem Blasloch stieg ein feiner Tröpfchennebel.

Dolan spürte die Ängstlichkeit der kleinen Kiluni, die gerade erst die fremdartig lichte Welt entdeckte. Im gleichen Moment aber wurde er abgelenkt. Ein paar große Schatten glitten über die leicht gewellte Wasserfläche und stießen unweit der Tümmler in die See.

Es waren Tölpel, große Seevögel, die nach Fischen tauchten. Und von See her jagten einige Fregattvögel hinter ihnen her, um ihnen ihre Beute abzujagen. Doch das sah Dolan schon nicht mehr. Vorsichtshalber tauchte er ab, brachte ein paar Meter Wassertiefe zwischen sich und die Vögel.

Als er das nächste Mal Atem holte, hatten sich die drei anderen Tümmler ihnen angeschlossen. In einer größeren Gruppe fühlten sich die Weibchen mit den Jungen sicherer. Jetzt schwamm Kiluni huckepack auf dem Rücken ihrer Mutter, fast auf gleicher Höhe wie Dolan. Die drei einzelnen Weibchen jagten gemeinsam in der Nähe nach Meeräschen und anderen Fischen. Und manchmal erkannte Dolan, wie auch seine Mutter blitzartig nach etwas schnappte.

Inzwischen war die Sonne höher gestiegen, stand am Mittag beinahe senkrecht über der Bucht. Im lichtdurchfluteten Oberflächenwasser hoben sich Schatten ab, huschende Schatten, kleine und große und ganz winzige, umwirbelt von Luftblasen, sekundenlang nur. Dolan hörte sie mehr, als daß er sie sah. Er sah gewissermaßen mit den Ohren, strahlte Schall ab und empfing das Echo. So nahm er wahr, was sich um ihn herum bewegte. Nur mußte er erst lernen, das alles zu deuten. Im Moment verließ er sich noch auf das Wissen seiner Mutter. Doch nicht vor allem konnte sie ihn bewahren. Gerade wollte Dolan wieder auftauchen, da stieß er mit etwas zusammen. Dolan erschrak. Etwas Glibberiges glitt an seinem Kopf entlang. Deutlich spürte er die Nesselfäden auf seiner empfindlichen Haut. Es war eine Qualle. Und während er sein Atemloch an die Luft stieß, glitt sie von ihm ab. Dolans Mutter spürte sein Erschrecken. Und sie beruhigte ihn mit sanften Lauten. Quallen bedeuteten keine Gefahr. Aber sie ließen sich mit dem Sonar der Delphine kaum orten, der Schall durchdrang sie wie Wasser.

An diesem Tag begegnete Dolan noch vielen Quallen, nur bekam er jetzt keinen Schreck mehr. Quallen kannte er nun. Doch es gab so viel Unbekanntes im Meer: Lebendiges, das eilig flüchtete, wenn die Tümmler sich näherten, und seltsame Dinge, die nicht auswichen: schaukelnde Holzstücke und leere Plastikbehälter, die ein Fluß ins Meer gespült hatte. Und manchmal treibende Tangfetzen.

Als die Dämmerung sich über die Meeresbucht senkte, hatte Dolan einiges dazugelernt.

Nächtliche Jagd

Auf den Wellen erloschen die letzten Sonnenstrahlen. Nur weit draußen auf See blieb noch ein blasser Schimmer am dämmernden Himmel, bis auch er in den Wellen versank. Die Nacht kam rasch in diesen Breiten.

Das war neu für Dolan. Verwundert hob er seinen Kopf aus dem Wasser, blickte sich um. Er vermißte die Helligkeit, das schimmernde Licht auf den Wellen. Und er vermißte die gleitenden Schatten im lichtdurchfluteten Meer. Jetzt hörte er nur noch ihre Spuren in den dunklen Fluten, ortete sie auf andere Weise. Um sie wahrzunehmen, brauchte er kein Licht.

Folgsam glitt er auf Flossenabstand neben seiner Mutter durch das nachtschwarze Wasser, löschte Durst und Hunger mit ihrer Milch und atmete mit ihr im gleichen Rhythmus. Und wenn er müde wurde, ließ er sich auf ihrem Rücken tragen zu kurzem Minutenschlaf.

So verflossen die Stunden. Als er wieder einmal auftauchte, glitzerte eine breite Lichtbahn auf den Wellen. Es war ein anderes Licht, fahler als das der Sonne. Es wärmte nicht, und es erhellte nicht das Wasser.

Der Mond schien bleich durch ein paar treibende Zirruswolken. Und am nächtlichen Himmel flimmerte das kalte, ferne Licht der Sterne.

Dolan trank ein wenig, genoß den warmen Strahl der Milch auf seiner Zunge. Und er vernahm die vertrauten Laute. Die Nacht ängstigte ihn nicht. Er fühlte sich geborgen inmitten seiner Gefährten.

Nach einer Weile fiel ihm auf, daß Kiluni und ihre Mutter im gleichen Rhythmus atmeten wie seine Mutter und er. Und auch die anderen Weibchen folgten diesem Rhythmus, hoben gemeinsam ihre Köpfe an die Wasseroberfläche und tauchten wieder ab. Es sah so aus, als gleite hier ein einziges großes Tier durch die Wellen.

Müde war Dolan jetzt nicht mehr. Er horchte auf die zahllosen Stimmen ringsum im Meer. Das klang wie Pfeifen und Quietschen und manchmal wie Zwitschern und Brummen, mal näher, mal ferner. Und immer wieder spürte er die streichelnden Flipper seiner Mutter.

Während Dolan schlief, war die kleine Gruppe weiter seewärts geschwommen. Am Ausgang der Bucht hob sich im fahlen Mondlicht schattenhaft die Felsspitze ab. Dahinter dehnte sich endlos das offene Meer.

Von der See her näherten sich jetzt die anderen Tümmler, steigerten ihr Tempo, sprangen und klatschten zurück ins Wasser. Ihre Signale klangen lauter, dringlicher, vermischt mit einem eigenartigen Zischen.

Die Tümmler hatten einen Heringsschwarm geortet, der draußen auf See in nur dreißig Metern Tiefe die Nacht in SchlafStellung verbrachte. Das Zischen kam von den Tümmlern, die den Alarmruf der Heringe geschickt nachahmten, der die Fische zusammentrieb.

Die fünf Weibchen reagierten sofort. Wie auf Kommando änderten sie ihre Schwimmrichtung, schlossen sich den anderen an zu einer Treiberkette. So trieben sie die Heringe in die Bucht, wo sie nicht fliehen konnten. Ultraschallschreie durchzuckten das Meer, betäubten die Heringe. Der zusammengedrängte Schwarm wurde zur leichten Beute. Weiß schäumte das Wasser zwischen den herumwirbelnden Tümmlern. Und erst als alle satt waren, löste der Jagdverband sich wieder auf.

Dolan hatte sich die ganze Zeit über dicht neben seiner Mutter gehalten, hatte jede ihrer Bewegungen mitgemacht, mitten im nächtlichen Getümmel. Der Lärm der zahllosen Laute und Signale, das Brodeln des Wassers, die ganze wild wogende Szene, das alles erregte ihn.

Aber noch empfand er es nur als Spiel. Er mochte noch keinen Fisch, trank lieber bei seiner Mutter. Und als sie gesättigt mit den anderen Weibchen sich wieder von der großen Gruppe der Tümmler entfernte, holte Dolan sich seine Milch.

Der Hai

Tage und Nächte vergingen im Wechselspiel der Wellen, zwischen Tauchen und Atmen, Streicheln und Spielen, auch mit Kiluni und den anderen Weibchen. Und Dolans Mutter ließ ihn gewähren.

Dolan war größer geworden und ein wenig erfahrener. Alle Wale wachsen schnell, auch die kleineren Zahnwalarten, die Tümmler und anderen Delphine, genährt durch die fette Milch ihrer Mutter. Aber noch war Dolan ein Milchkind, würde es noch lange bleiben. Jagen mußte er erst lernen, das komplizierte Zusammenspiel der Gruppe bei der Jagd.

Inzwischen hatte auch eines der anderen Weibchen ein Junges bekommen. Jetzt waren die Kleinen schon zu dritt, beschützt von den fünf Weibchen, die sich meist etwas abseits hielten von den männlichen Tümmlern. So konnten sie in Ruhe ihre Jungen aufziehen, sie säugen und ungestört mit ihnen spielen.

Ständig aber hielten sie Kontakt mit den anderen, blieben auch als Kleingruppe Teil des größeren Verbandes, reagierten auf ihre Signale, auf ihre Warnungen, ihre Beutemeldungen. Zur gemeinsamen Jagd schlossen sie sich zusammen und zum Spiel, zum Reiten auf den Wellen. Und allmählich lernte Dolan auch die anderen kennen.

Er wußte, daß Kuntak, der größte und erfahrenste, die männlichen Tümmler anführte, während die Gemeinschaft durch die Weibchen zusammengehalten wurde. Kuntak griff furchtlos jeden Gegner an. Und er trug die Narben zahlloser Kämpfe auf seiner Haut. Er gab Signal zur Jagd, bestimmte je nach Fischart die Jagdtaktik. Auf diese Weise lernten die Jüngeren von den Älteren.

Dolan kannte inzwischen Kuntaks Stimme, seine ungestüme Art. Meist war Kuntak freundlich zu den Weibchen und zu den Kleinen. Nur manchmal, wenn Kuntak ihn beim Spiel heftig rammte, bekam Dolan Angst vor ihm. Aber jedesmal fuhr Dolans Mutter wütend dazwischen. Dann jagten die beiden mit der Fluke schlagend wild umeinander, bis Dolans Mutter Kuntak von Dolan abgelenkt hatte.

Im Abendlicht zogen die Tümmler gemeinsam hinaus aufs Meer, auch die Weibchen mit ihren Jungen. Weit draußen vor der Bucht lag ein üppig bewachsenes Unterwasserplateau, ein sehr fischreiches Gebiet. Die See war rauh. Schaumkronen glitzerten auf den Wogen. Springend und spielend jagten die Tümmler durch die Dämmerung. Dolan gefiel das. Und übermütig klatschte er mit seiner Fluke.

Noch waren sie ein ganzes Stück von dem Plateau entfernt, da tauchte Kuntak bei der Weibchengruppe auf, suchte Kontakt zu einem der kinderlosen Weibchen. Doch das war nicht paarungsbereit und flüchtete zu den Weibchen mit den Jungen. Und Kuntak jagte hinter ihm her.

Dabei preschte er ziemlich ungestüm an Dolan vorbei, rammte ihn in die Seite und drängte ihn von seiner Mutter ab, die Kuntak auszuweichen versuchte. Dolan taumelte ein wenig von dem Stoß, fing sich aber gleich wieder.

Augenblicke nur verlor er in einer überschlagenden Welle die Orientierung, fühlte sich allein. Verstört stieß er Alarmsignale aus. Im selben Moment schoß aus der dunklen Tiefe ein Schatten heran, ein großer Schatten, viel größer als Dolans Mutter. Und das war kein Delphin.

Im ungewissen Dämmerlicht erkannte Dolan in dem halbgeöffneten Riesenmaul zwei Reihen mörderischer Zähne. Es war ein Hai, mehr als vier Meter lang. Er schoß direkt auf Dolan zu, rasend schnell. Und Dolan spürte einen scharfen Schmerz in seiner Fluke.

Dolan schrie vor Angst, stieß schrille Pfiffe aus, versuchte zu fliehen. Fast gleichzeitig schoß ein anderer Schatten an Dolan vorüber. Dolans Mutter hatte seine Hilferufe gehört. Und sie verteidigte ihr Kind. Obwohl sie kaum halb so groß war, nahm sie den Kampf mit dem gefährlichen Gegner auf. Mit Höchstgeschwindigkeit rammte sie den Hai in die Flanke.

Sekundenlang dauerte der ungleiche Kampf. Plötzlich schien das Wasser rundum zu kochen. Auch Kuntak hatte Dolans Hilfeschreie gehört. Blitzschnell hatte er die Gefahr geortet, den Hai erkannt. Zwischen brodelnden Luftblasen rammte er den Hai von der Seite, stieß mit ungeheurer Wucht in seine Flanke und zerbrach mit seinen Rammstößen das Knorpelskelett des Hais, bis er mit gebrochenem Rückgrat leblos in die dunkle Tiefe sank.

Verängstigt drängte Dolan sich an seine Mutter, die ihn beruhigend mit den Flippern streichelte. Er hatte noch einmal Glück gehabt. Seine erste Begegnung mit einem Hai war glimpflich verlaufen, dank der Hilfe der Großen. Die Wunde an seiner Fluke war nur ein kleiner Kratzer. Auch seine Mutter hatte nur eine Schürfwunde an der Bauchseite. Und fürsorglich nahm sie Dolan auf ihren Rücken.

Verspielte Delphinkinder

Knapp eine Woche später hatte Dolan seine Wunde schon fast vergessen, nicht aber die Begegnung mit dem Hai, nicht dieses Gefühl panischer Angst. Wunden heilen schnell bei Delphinen, die Erfahrungen aber bleiben. Als intelligente Säugetiere lernen sie aus jeder neuen Erfahrung. Und sie wissen sie zu nutzen.

Auch Dolans Mutter hatte aus ihrem Kampf mit dem Hai gelernt. Sie war noch ein ziemlich junges Weibchen, und Dolan war ihr erstes Kind. Sie hatte begriffen, daß es bei dem fischreichen Unterwasserplateau, wo auch Haie jagten, für die Kleinen noch zu gefährlich war, obwohl einzelne Haie nur sehr selten einen Jagdverband von Großen Tümmlern angriffen, um sich ein Jungtier zu holen.

Vorsichtshalber hielt sie sich mit den anderen Weibchen und den Jungen meist in der stillen Bucht auf, in die sich wegen der zahllosen Riffe selten ein Boot verirrte. Fische gab es auch hier noch genug. Nur wenn die Gruppe der männlichen Tümmler von draußen einen Fischschwarm in die Bucht trieb, beteiligten sie sich an der Treibjagd.

Dolan fühlte sich wohl in der Geborgenheit der Weibchen, in der weiten, von hohen Bergketten umschlossenen Bucht. Allmählich wurde er schon mutiger, entfernte sich mitunter im Spiel mit Kiluni und Digan ein wenig weiter von seiner Mutter. Und sie duldete es. Wie alle Säugetiere lernten auch kleine Tümmler im Spiel. Neugier war Überlebenstraining.

Im Moment jedoch war Dolan nur schläfrig. Morgennebel lagerte über der Bucht, verhüllte die Konturen der Küste, die bei Ebbe freiliegenden Felsenriffe. Kein Windhauch bewegte den Wasserspiegel. Dolan trieb mit den anderen nahe der Wasseroberfläche, atmete in langen Abständen. Die Tümmler genossen die Ruhe, den Minutenschlaf in den stillen Wassern.

Erst als draußen vor der Bucht ein Fischkutter mit ausgeworfenen Netzen langsam vorbeituckerte, streckten sie aufmerksam ihre Köpfe über die Wasseroberfläche, spähten in die Richtung.

Diese Geräusche kannten sie, wußten genau, wann Gefahr drohte. Zu erkennen war nichts, doch sie orteten die Distanz unter Wasser. Und nach Minuten verlor sich das Motorengeräusch in der Ferne.

Im Osten glimmte die blasse Scheibe der Sonne über den Nebelbänken. Einzelne Schwaden hoben sich, trieben als verwehende Fahnen davon, lösten sich auf in der zunehmenden Wärme. Und plötzlich wandelte sich das grellbleiche Licht in flammenden Schein. Die Sonne durchbrach die letzten Nebelfetzen, malte glitzernde Lichtreflexe auf die schimmernde Wasserfläche.

Jetzt wurde Dolan munter. Neugierig beobachtete er die huschenden Schatten im Unterwasserlicht, kleine und große Fische, Und auf dem sandigen Grund zwischen den Riffen entdeckte er ein paar Garnelen. Diese zehnbeinigen Krabbeltiere interessierten ihn. Blitzschnell tauchte er ab, jagte dazwischen. Doch die Garnelen verschwanden im aufgewirbelten Sand, gruben sich in den weichen Schlick.

Als er wieder nach oben steuerte, erkannte er im lichtdurchfluteten Oberflächenwasser einen großen, fast durchsichtigen Fleck: eine treibende Qualle. Und dieses glibberige Wesen reizte ihn. Übermütig peitschte er die Qualle mit seiner Fluke durch die Luft.

Kaum schlug die Qualle aufs Wasser, klatschte Kiluni mit ihrer Fluke dagegen. Im hohen Bogen platschte die Qualle herunter, direkt neben Digan, den dritten kleinen Delphin. Und nun machte auch Digan mit. Nur schaffte er das noch nicht ganz. Er traf lediglich den äußeren Rand. Unter seinem Schlag löste sich die Qualle auf.

Inzwischen hatte Dolan ein neues Spielzeug entdeckt: ein kleines Stückchen Treibholz. Vorsichtig stieß er mit seiner Schnauzenspitze dagegen, stupste es vor sich her. Mit einem Mal tauchte Digan auf und schnappte danach. Geschickt nahm Digan das Holz zwischen die Zähne und verschwand damit seitlich in die Tiefe auf den mächtigen düsteren Schatten eines versunkenen Wracks zu. Und es schien ihn nicht zu stören, daß es dicht am Wrack von winzigen Quallen wimmelte.

Gerade wollte Dolan ihm hinterherjagen, da empfing er ein Signal von seiner Mutter. Und das verstand er. Zwar müssen Tümmler den Gebrauch des Sonars zum Auskundschaften ihrer Unterwasserwelt erst verstehen lernen, um Bewegtes von Unbewegtem zu unterscheiden, die Ruf- und Warntöne ihrer Gefährten aber begriffen sie sehr schnell, vor allem die ihrer Mütter. Und das war für die unerfahrenen Kleinen bei den vielfältigen Gefahren des Meeres lebenswichtig.

Auch Digan schien das Signal verstanden zu haben. Kurz vor der verrosteten Schiffsschraube des riesigen Wracks drehte er ab. Dolans Mutter wußte, daß bei Ebbe die Wassertiefe erheblich schwankte, daß sich die Entfernungen zum Grund änderten. Sie kannte aus Erfahrung das scharfkantige Wrack im Schlick zwischen den Riffen der Bucht, aus dem ständig noch Öl hervorsickerte. Und sie wollte die neugierigen Jungen davon fernhalten.

Wenig später tauchte Digan in einem Wirbel sprühender Wassertropfen wieder auf, hob seinen Kopf weit aus dem Wasser. Das Hölzchen hatte er verloren. Eilig strebte er zurück zu den Weibchen. Und Dolan und Kiluni folgten ihm.

Die Bucht der Quallen

Möwenschreie schrillten über die Bucht, begleiteten die kleine Gruppe der Tümmler. Wo Delphine nach Fisch jagten, holten sich auch die Seevögel ihren Teil aus den aufgescheuchten Fischschwärmen. Seeschwalben und große Möwen flatterten kreischend über ihren Köpfen, stießen mit ihren spitzen Schnäbeln nach den schimmernden Fischleibern, immer wieder, gierig nach leichter Beute.

Dolan interessierte sich noch nicht für Fisch. Er begleitete nur seine Mutter und die Weibchen, zusammen mit den anderen Kleinen. Und wenn eine der riesigen Silbermöwen zu dicht bei Dolan ins Wasser stieß, tauchte er vorsichtshalber ab. Er mochte die großen Vögel nicht.

Nur gab es in dieser Bucht fast mehr Quallen als Fische. Und sie schienen sich zusehends zu vermehren. Mitunter trieben ganze Ballen dichtgedrängter Quallen als meterlange glibberige Masse im Wasser. Fast überall pendelten einzelne Quallen mit ihren Nesselfäden. Und nicht immer gelang es Dolan, ihnen rechtzeitig auszuweichen. Dann fuhr er unwirsch mit seiner Fluke dazwischen.

In letzter Zeit hatte der Fischbestand in der Bucht immer mehr abgenommen. Und die Ursache war das aus dem Wrack ausgelaufene Öl, das sich in winzigen Spuren im Wasser verteilte und von kleinen Ruderfußkrebsen gespeichert wurde, die dann nicht mehr vor den zahllosen gefräßigen Jungquallen fliehen konnten. Da eine einzige weibliche Qualle bis zu zwanzigtausend Eier ausstieß, vermehrten sich die Quallen durch das Überangebot an Nahrung maßlos. Sie wurden rasch größer, fraßen nach den Ruderfußkrebsen dann auch Muschel- und Fischlarven und später die Jungfische, so daß es keinen Nachwuchs bei den Fischschwärmen gab.

Für alle anderen blieb schließlich kaum noch Fisch übrig. Die Verschmutzung des Wassers durch das ausgesickerte Öl brachte die gesamte natürliche Nahrungskette der Bucht durcheinander. Und wer von den Quallen nicht gefressen wurde, mußte verhungern.

Die Tümmler wußten nichts von der Ursache, sie spürten nur die Folgen. Je mehr es von Quallen aller Größe wimmelte, desto weniger Fisch erbeuteten sie auf ihren Jagdzügen. Nur im tieferen Wasser, am Ausgang der Bucht, wurden sie noch richtig satt. Und bald begriffen die Weibchen, daß die verseuchte Bucht keine Zuflucht mehr bot zum Aufziehen ihrer Jungen.

Nach einem gemeinsamen Fischzug mit den männlichen Tümmlern kehrten sie nicht mehr dorthin zurück. Gerade als sie neben der Felsspitze in die Öffnung der Bucht schwimmen wollten, trieb ihnen eine riesige Quallenbank entgegen, träge auf und nieder schwappend in der schwachen Dünung. Das wirkte wie ein Signal. Entschlossen steuerten die Weibchen um die Felsspitze herum ins offene Meer.

Im anbrandenden Ozean war das Wasser klarer. Und die Wellen gingen höher, trugen kleine Schaumkronen. Das gefiel Dolan. Ausgelassen sprang er durch den sprühenden Gischt, genoß das quallenfreie Wasser.

Seine Klicklaute reizten Kiluni und Digan. Unbekümmert folgten sie ihm in kühnen Sprüngen. Und wo ihre Fluken das Wasser peitschten, entstand eine Wellenlinie perlender Luftbläschen, sekundenlang nur, bevor die nächste Woge sie überspülte.

Übermütig steigerte Dolan das Tempo. Und die beiden anderen hielten mit, sprangen mit ihm im gleichen Takt: Springen und Atmen und Tauchen, ein faszinierendes Spiel mit dem Rhythmus. Und manchmal kamen sie einander nahe, ließen ihre Flipper am Bauch des anderen entlanggleiten, empfanden das Streicheln als vertraute Nähe.

Plötzlich traf Dolan eine Schallwelle, eine Warnung seiner Mutter. Unwillkürlich drosselte er sein Tempo, fiel aus sorglosem Spiel in aufmerksame Wachsamkeit. Diese zerklüftete Unterwasserlandschaft war anders als die stille Bucht: eine gefährliche, von Wind und Wellen zernagte Felsenküste. Schartige Riffe ragten bis dicht unter die Oberfläche, überschäumt von tosenden Brechern der Brandung. An dieser Küste konnten Sprünge tödlich enden.

Nur ein paar Flukenschläge weiter draußen endete die Gefahrenzone. Gehorsam folgten die Jungen den Weibchen, paßten sich ihrem Rhythmus an. Und während sie sich an ihre Mütter drängten, stillten sie ihren Hunger.

Lichter an der Küste

Aus tief hängenden Wolken strömte Regen, ließ winzige Blasen auf dem Wasser tanzen. Kaum merklich ging der trübe Tag in Dämmerung über. Und noch immer zogen die Tümmler in mäßigem Abstand an der Küste entlang.

Dolan spürte die Müdigkeit des langen Weges. Aber noch war keine Zeit für Schlaf, die See war zu rauh. Nur für Sekunden döste Dolan in einem Wellental, atmete die feuchte Luft, bevor die nächste Welle heranwogte.

Seit die Tümmler die unbewohnte, von steilen Bergketten umschlossene Quallenbucht verlassen hatten und weiter nordwärts zogen, wurde die Küste immer belebter. Überall an Land schimmerten Lichter durch den Regen, leuchteten die Fenster zahlloser Häuserreihen. Scheinwerfer flitzten über regennasse Straßen, gejagt von rollenden Schatten. Und wo eine Bucht sich in die Küste wölbte, wurde das Lichtermeer am Ufer unübersehbar. Hier gab es keine Stille.

Aber auch auf See glimmten Lichter, Positionslaternen in Rot und Grün, und perlweiße Lichterketten, kleine und große, die sich langsam bewegten. Und Geräusche drangen durchs Wasser, dumpfes Dröhnen mächtiger Maschinen, stampfender Kolben. Es waren fremde, unheimliche Geräusche. Und Dolan spürte Angst.

Die kleine Gruppe der Tümmler näherte sich einer Schifffahrtsstraße. Doch die Weibchen zogen unbeirrt weiter, wichen den stählernen Schatten im Meer großräumig aus, untertauchten die kleineren. Sie kannten die Schiffe und die Bedrohung rotierender Schiffsschrauben. Sie wußten die Gefahren einzuschätzen. Und Dolan lernte von ihnen.

Plötzlich tastete ein breiter Lichtbalken über die rauhe See, drehte sich langsam im Halbkreis, erlosch für Augenblicke und flammte wieder auf. Dolan erschrak vor dem grellen Licht, das beim Auftauchen für Bruchteile seine Augen traf. Aber gleichzeitig nahm er ein beruhigendes Signal seiner Mutter wahr und ein sanftes Streicheln an seiner Flanke. Es war nur das Licht eines Leuchtturms vor einer Hafeneinfahrt, ein harmloser Schein.

Ein paar Meilen weiter wurde der Schiffsverkehr dichter. Das Meer war erfüllt von dröhnenden Geräuschen, dumpfem Stampfen, das aus allen Richtungen zu kommen schien. Und das Meer schmeckte auch anders: ein merkwürdiger, unangenehmer Geschmack. Auf den Wellen trieben seltsame Gegenstände: leere Flaschen, Papierfetzen, aufgeblähte Plastikbeutel zwischen öligen Flecken und blasigem Schaum, aller Unrat der Küstenstädte. Und die Tümmler tauchten tiefer.

Doch auch hier war es nicht besser. Am Grund der Fahrtrinne lag überall halb im Schlamm versunkenes Gerümpel, verrostetes Blech und fauliger Abfall. Im schmutzigen, trüben Wasser ließ sich kaum noch etwas erkennen. Die Tümmler aber orteten die Gefahren mit ihrem Sonar. Und die zurückgeworfenen Schallwellen zeigten ihnen den Weg ins freie Wasser.

Mit einem Mal sah Dolan schräg über sich ein tanzendes Licht. An einem bauchigen Stahlkübel hing unten eine Kette, reichte bis zum Grund. Es war eine Leuchtboje, die den Rand der Fahrtrinne markierte. Dieses merkwürdig schaukelnde Ding reizte Dolans Neugier.

Spielerisch stieß Dolan dagegen, packte die Kette mit den Zähnen und schleppte sie ein Stück weiter. Jetzt tanzte das Licht oben in der Boje wie wild auf den Wellen. Das gefiel Dolan. Doch viel weiter ging es nicht. Die Boje legte sich schräg, die Kette spannte sich, hatte ihr Ende erreicht. Und sie aus der Verankerung zu reißen überstieg Dolans Kräfte. Widerwillig ließ er los.

Inzwischen waren die anderen weitergeschwommen. Nur Kiluni verharrte mit aus dem Wasser gehobenem Kopf neben der Boje und beobachtete neugierig den tanzenden Lichtschein. Doch die beiden orteten sehr schnell ihre Gefährten. Mit kühnen Sprüngen jagten sie ihnen nach.

Der Krake

Die Hafeneinfahrt lag schon meilenweit hinter ihnen, als sich im dämmernden Morgen ein massiger Schatten aus dem Meer hob. Es war eine kleine Felseninsel, der Küste vorgelagert. Und zwischen Festland und Inselküste öffnete sich eine schmale Wasserstraße.

Hier verminderten die Tümmler ihr Tempo. Dolans Mutter hatte nahe der Landseite der Insel eine flache Bucht entdeckt mit stillerem Wasser. Lichter gab es hier nicht, die Insel war unbewohnt. Und es war ruhig hier: Ein guter Platz für erholsamen Minutenschlaf.

Dolan aber hatte jetzt Hunger. Zwar hatte er sich unterwegs schon einmal Milch geholt, doch das hatte nicht lange vorgehalten, und mit knurrendem Magen schlief es sich schlecht. Und Dolans Mutter erkannte mit ihrem scharfen Wahrnehmungsvermögen genau, was in Dolan vorging: Sie sah gewissermaßen sein Innenleben, bemerkte sein Unbehagen, sein Bedürfnis. Und so bekam Dolan erst mal seine Milch.

Inzwischen war die Sonne aufgegangen, schimmerte rötlich zwischen treibenden Wolkenfetzen. Es regnete nicht mehr. Über der Küste hing fahler Dunst. Und an der Seeseite der Insel rauschte die Brandung.

Dolan schlief behaglich im kaum bewegten Wasser der Bucht. Hier im Windschatten der Insel gab es nur schwache Wellen. Das leise Wiegen der Dünung wirkte einschläfernd. So trieb Dolan knapp unter der Oberfläche, nur sein Blasloch ragte übers Wasser. Und ab und zu bewegte er leicht seine kleine Fluke.

Auch Kiluni und Digan schliefen in seiner Nähe. Die Weibchen hielten sich weiter draußen auf, um die Jungen abzuschirmen. Im Innern der Bucht schien es keine Gefahren für die Jungen zu geben.

Plötzlich spürte Dolan ein leichtes Scharren an seinem Bauch. Erschrocken riß er die Augen auf, trieb sich mit einem raschen Flukenschlag vorwärts, kam frei. Aber da war nichts Bedrohliches. Im Schlaf war er auf eine schmale Sandbank aufgelaufen. Darauf hatte er in der bei Ebbe seichten Bucht nicht geachtet.

Doch jetzt war es vorbei mit dem Schlaf. Der Schreck hatte Dolan munter gemacht. Neugierig musterte er den flachen Grund im lichtdurchfluteten Wasser, tastete ihn mit wachen Sinnen ab.

Zwischen den Wellenmustern im Sand wimmelte es von Leben, von formenreichen Muscheln und Meeresschnekken, Schlangensternen und Seeigeln, zangenbewehrten Krebsen und den zartbefiederten Tentakelkronen der Röhrenwürmer. Schwärme winziger Fische glitten scheinbar schwerelos darüber hin, schimmerten silbrig in flirrenden Lichtreflexen.

An einer tieferen Stelle wanderte ein seltsames Etwas über den feinkörnigen Sandgrund. Es wirkte wie ein unförmiger braungrauer Klumpen auf acht langen, geschmeidigen Beinen. Und es schleppte dabei eine leere Muschelschale mit sich herum.

Das eigenartige Wesen war ein ziemlich stattlicher Krake. Mit einem Mal verharrte er. Und aus seinen großen, gelben Augen mit den seltsam rechteckigen Pupillen traf Dolan ein forschender Blick.

Noch hatte Dolan keinen Appetit auf Tintenfische. Er sah in dem Kraken eher ein Spielzeug. Voller Neugier näherte er sich, um das merkwürdige Tier anzustupsen.

Der Krake aber erkannte sein Feindbild. Plötzlich verwandelte sich seine klumpenförmige Gestalt in ein schmales, längliches Gebilde, schoß mit einem scharfen Rückstoß davon. Mit zurückgestreckten Gliedmaßen wirkte der Krake völlig anders. Und hinter ihm verbreitete sich eine dunkle Tintenwolke, vernebelte das vorher klare Wasser.

Sekundenlang sah Dolan gar nichts mehr, erkannte aber mit seinem Sonar die flüchtende Gestalt im Flachwasser. Und gleichzeitig nahm er etwas anderes wahr. Vom Ausgang der kleinen Bucht her schoß ein großer Schatten heran.

Es war Dolans Mutter. Sie jagte den Kraken als willkommene Beute. Und die Tintenwolke störte sie nicht. Für das empfindliche Sonar der Delphine war das kein wirksamer Schutz; damit orteten sie Beute auch bei völliger Dunkelheit.

Dolan sah in der vom aufgewühlten Wasser verwirbelten Tintenwolke gerade noch, wie seine Mutter blitzschnell zuschnappte. Dann war der Krake zwischen ihren Zähnen verschwunden. Und Dolan schwamm ihr mit raschen Flukenschlägen entgegen, um sich streicheln zu lassen.

Seewalzen und Sandbänke

Hoch stand die Sonne über der kleinen Bucht, hellte das Wasser auf bis zum flachen Grund. Dolan gefiel es hier. Von Haien war hier nichts zu befürchten. Auch Quallen gab es wenig, dafür aber eine Vielzahl anderer Lebewesen. Und Dolan lernte schnell, mit ihnen umzugehen, harmlose von unangenehmen zu unterscheiden.

Seesterne schimmerten rötlich im klaren Wasser, hoben sich deutlich ab gegen die dunkleren, gurkenartigen Seewalzen, die, Unmengen nährstoffreichen Sand vertilgend, gemächlich über den Grund krochen.

Als Dolan gerade mit einer Seewalze spielte und ihren schlauchförmigen Körper vor sich herstupste, traf er unerwartet auf einen großen Krebs. Dieses flinke Krustentier interessierte ihn mehr als die langweilige Seewalze. Unbekümmert schwamm er auf den mit gewaltigen Zangen bewehrten Krebs zu.

Doch auch Kiluni hatte den Krebs entdeckt, während der kleinere Digan sich verspielt mit der Seewalze beschäftigte. Und Kiluni war schneller als Dolan; sie erreichte den Krebs vor ihm. Nur bekam ihr das nicht sehr gut.

Gerade hatte sie den Krebs nach Delphinart mit der Schnauzenspitze angestupst, da spürte sie plötzlich einen scharfen Schmerz am Kinn. Der Krebs wehrte sich auf seine Weise und zwickte sie mit seiner mächtigen Schere in ihre empfindliche Haut. Erschrocken quietschte Kiluni auf. Vom Schmerz gepeinigt jagte sie wild durchs Wasser. Und dabei fiel der Krebs von ihr ab.

Augenblicke später waren die drei Jungen von den großen Weibchen umringt, die Kilunis Schmerzenslaut gehört hatten. Von dem Krebs war nichts mehr zu sehen. Er war irgendwo zwischen treibenden Tangfetzen verschwunden. Aber Kilunis Mutter erkannte die schmale Wunde am Kinn ihres Kindes.

Auch Dolan hatte begriffen: Große Krebse eigneten sich nicht als Spielzeug. Und er begann nach der Seewalze zu suchen. Doch auch die war nirgends mehr zu entdecken.

Unter dem tröstenden Streicheln ihrer Mutter beruhigte Kiluni sich wieder. Und die Großen verließen die kleine Bucht, um draußen zwischen Insel und Festlandküste in der fischreichen Strömung der Wasserstraße nach Beute zu jagen. Dabei konnten sie gleichzeitig den Eingang zur Bucht bewachen, wo die Kleinen geschützt waren.

Dolan folgte ihnen ein Stückchen, kehrte dann aber zu seinen beiden Gefährten zurück. Über dem Flachwasser kreisten mit schrillen Schreien ein paar Möwen. Und am Strand stocherten einige Watvögel im Spülsaum nach Eßbarem.

Eine Weile sah Dolan den langbeinigen Vögeln von weitem zu. Näher heran zum Strand traute er sich nicht. Er hatte Angst, wieder auf eine Sandbank aufzulaufen. Und das war besonders bei Ebbe gefährlich, das wußte er inzwischen.

Nur der jüngere Digan hatte diese Erfahrung noch nicht gemacht. Kurze Zeit hielt er sich neben Dolan und beobachtete die Watvögel, dann wagte er sich neugierig weiter vor, glitt auf einer kleinen Welle über eine etwas breitere Sandbank. Doch im nächsten Wellental scharrte er mit dem Bauch über den rauhen Sand. Digan saß fest.

Es nützte auch nichts, daß er verzweifelt mit seiner Fluke ins aufspritzende Wasser schlug. Das Wasser war an dieser Stelle viel zu flach. Hilflos stieß er Angstlaute aus. Doch auch Dolan wußte nicht zu helfen.

Schon Sekunden nach Digans Hilferuf kam die Antwort seiner Mutter. Sie kannte die Gefahren bei Ebbe. Und sie wußte, was zu tun war. Vorsichtig schwamm sie bis dicht hinter die Sandbank, wo sie gerade noch einige Zentimeter Wasser unter ihrem Bauch hatte. Und bei der nächsten größeren Welle packte sie Digans kleine Fluke mit den Zähnen und und zog ihn mit einer geschickten Wendung blitzschnell von der Sandbank.

Nach dieser Erfahrung lenkten die Mütter ihre Jungen ins freie Wasser. Die seichte Bucht war ihnen bei Ebbe zu gefährlich für die Kleinen.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

₺165,59