Kitabı oku: «Murru, das Murmeltier»

Yazı tipi:

Lothar Streblow

Murru, das Murmeltier

SAGA Egmont

Murru, das Murmeltier

Copyright © 1988, 2018 Lothar Streblow und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

All rights reserved

ISBN: 9788711807552

1. Ebook-Auflage, 2018

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach

Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

„Die Frage nach dem tierlichen Bewußtsein hat die Menschen schon immer gefesselt, weil Haus- und Wildtiere gleichermaßen unsere Bewunderung und Neugier erregen. Sie verlocken uns dazu, in ihre Haut zu schlüpfen und uns vorzustellen, wie ihr Leben sein mag.“

Donald R. Griffin

„Gefühle sind es, die alle Kreatur dazu drängt, etwas zu tun oder, wenn es ängstliche Stimmungen sind, etwas zu unterlassen.“

Vitus B. Dröscher

Murrus erster Ausflug

Es war still hier oben, dicht über der Waldgrenze, ein stiller heller Morgen im Bergsommer. Über schroffen Felsgraten stand ein hoher blauer Himmel, wolkenlos und klar. Weiß glitzerte Schnee auf den Gipfeln, flirrend im grellen Licht. Am steilen Südhang glühte die Sonne das nackte Gestein, ließ die sprühenden Kaskaden des Gletscherbachs aufschimmern. Darunter leuchtete es bunt von zahllosen Blüten in den saftgrünen Bergmatten. Und das Rauschen des zu Tal strömenden Wildwassers störte die Stille nicht.

Der alte Murmelbär auf seinem Felsbrocken am Rand der Matte verharrte bewegungslos, wirkte mit seiner plumpen Gestalt von weitem fast wie ein abgebrochener Baumstumpf. Doch er blieb wachsam, nichts entging ihm. Die samtschwarzen Dohlen auf der Suche nach Kerbtieren und Würmern bildeten keine Gefahr, auch die Alpenbraunelle nicht und der Tannenhäher, der von den von Arven und Lärchen umstandenen Steilufern unten vom Bergbach herüberstrich.

Nur zwischen den Auswurfhügeln der Murmelkolonie rührte sich etwas. Die Jährlinge tollten spielerisch mit den Halbwüchsigen über den Hang. Sie verließen sich auf die Wachsamkeit ihres Vaters.

Auch ihre Mutter nutzte den Frieden des warmen Bergmorgens. Tief drinnen im Erdbau drängte sie ihre diesjährigen Jungen durch die Röhre nach draußen. Es wurde Zeit für den ersten Ausflug ins Freie. Und das Wetter war günstig. Doch nur zögernd folgten die Kleinen, ein wenig ängstlich noch, die vertraute Geborgenheit zu verlassen.

Vorsichtig schob Murru seine kleine Nase in den Ausgang. Die unverhoffte Helligkeit schmerzte in seinen nur das Dunkel der Höhle gewohnten Augen. Erschrocken krabbelte er rückwärts. Doch er kam nicht weit, die anderen drängten nach. Er mußte hinaus, ob er wollte oder nicht. Trockenes Gras vom Schlafkessel haftete in seinem grauen Kinderpelz. Und als Mangi, seine Schwester, ihn ungestüm von hinten stupste, setzte er zögernd seine winzigen Pfoten auf den erdigen Rand.

Hier draußen roch es so ganz anders als drinnen im Bau. Und sein Blick verlor sich in der Weite. Sehr fremdartig wirkte diese Welt. Doch dann entdeckte er seine älteren Geschwister. Und hoch oben auf dem Fels die aufrechte Gestalt seines Vaters. Das beruhigte ihn. Und er probierte ein paar unbeholfene Schritte durch das duftende Gras.

Das war ein seltsames Gefühl an den Pfoten. Zwischen den Halmen haftete noch die Feuchtigkeit. Und auch Murrus Nase wurde naß. Doch das störte ihn nicht, er leckte das Wasser einfach ab. Nur schmeckte es nicht so gut wie die Milch seiner Mutter. Langsam tappelte er weiter, näherte sich einer Blüte. Neugierig schnupperte er daran, stieß mit seiner kleinen Nase davor.

Plötzlich ertönte ein tiefes Gebrumm. Im Blütenkelch wurde es lebendig. Ein gelbgestreiftes Etwas stieg auf, surrte aufdringlich um Murrus Ohren. Entsetzt stob Murru davon. Bienen kannte er ja noch nicht. Und verzweifelt suchte er den Weg zur Höhle.

In diesem Augenblick hob seine Mutter ihren pelzigen Kopf über den Erdwall. So schnell er konnte, rannte Murru auf sie zu, purzelte vor Aufregung über einen losen Stein, der kollernd unter ihm fortrollte. Das machte Murru noch ängstlicher. Ein schwacher Klagelaut drang aus seiner Kehle. Endlich erreichte er die schützende Nähe seiner Mutter. Und aufatmend barg er sich an ihrem weichen Fell.

Das Murmelweibchen sah Murrus Angst. Fürsorglich beugte sie sich zu ihm herab, rieb zärtlich ihr Gesicht an seinem kleinen Kopf. Murru spürte ihre vertraute Wärme, und er hielt sich mit seinen winzigen Pfoten ganz fest. Diese fremde Welt hier draußen war ihm unheimlich.

Seine Mutter wandte unruhig den Kopf. Sie hob den Oberkörper, richtete sich auf den Hinterbeinen auf und beobachtete aufmerksam ihre anderen Kinder, die in der Nähe des Ausgangs herumtobten. Zwei allerdings fehlten: zwei kleine Murmelbären. Die beiden hatten ihre ersten Lebenswochen im Bau nicht überstanden. Um so sorgfältiger achtete die Mutter nun auf ihre übrigen drei. Nur einen kurzen Augenblick lang ließ sie Murru aus den Augen.

Geschickt nutzte Murru das aus, um hinter dem Erdwall schleunigst wieder in die Höhle zu flüchten. Seine Mutter aber bemerkte seine Flucht. Energisch trieb sie ihn wieder ins Freie. Nach der langen Zeit im Bau brauchte Murruendlich Sonne. Und er mußte lernen, sich draußen zurechtzufinden.

Murru fand das alles sehr anstrengend, aber er folgte. Und als seine Mutter sich mit seinen beiden Schwestern in einer Grasmulde zum Sonnenbad niederlegte, schmiegte er sich dicht an sie. Die warmen Strahlen behagten ihm. Und allmählich erschien ihm die Außenwelt gar nicht mehr so bedrohlich.

Tolpatschige Murmelkinder

Eine Zeitlang lag Murru dösend neben seiner Mutter im Gras.

Über den fernen Berggrat trieb langsam eine kleine weiße Wolke. Murru sah ihr eine Weile nach.

Dann wurde ihm das Dösen zu langweilig. Während der rund vierzig Tage im Erdbau hatte er genug geschlafen. Und die munteren Spiele seiner beiden kleinen Schwestern, die inzwischen auf der blütenübersäten Wiese umeinanderpurzelten, reizten ihn.

Neugierig blinzelte er zu ihnen hinüber. Lura jagte gerade ihre Schwester Mangi über die Bergmatte, jagte sie genau auf Murru zu.

Jetzt hatte Murru endgültig genug vom Sonnenbaden. Er stand gemächlich auf und watschelte Mangi entgegen. Mangi war etwas kleiner als er, aber viel flinker. Sie wagte sogar schon kleine Sprünge. Und sie sprang.

Plötzlich stießen die beiden unverhofft zusammen. Murru bekam Mangis Pfote vor die Nase und ihre Schnauze vor den Bauch. Und ehe er recht begriff, purzelte er ein Stück den Hang hinunter, überkugelte sich ein paarmal im Gras und blieb verdutzt liegen.

Mangi lag gar nicht weit von ihm. Sie war durch den Zusammenprall genauso gepurzelt wie er. Schließlich wogen sie beide ja gerade ein halbes Pfund. Das weiche Gras hatte ihren Sturz aufgefangen.

Noch etwas verstört, rappelte Murru sich hoch. Solche Stürze war er noch nicht gewohnt. Und auch Mangi blinzelte ziemlich erschrocken hinter einer blauen Enzianblüte hervor. Die Sonne schien ihr genau ins Gesicht.

Nur Lura hatte nichts abbekommen. Neugierig kam sie jetzt mit ihrem drolligen Watschelgang den Hang herunter, um zu sehen, was die beiden trieben.

Und nochjemand näherte sich den beiden, von der anderen Seite. Es war Gunno, ein junger Murmelbär vom Vorjahr. Aber er wollte nicht spielen. Er hatte in der Nähe einige saftige Kräuter entdeckt, die er genußvoll in sich hineinmümmelte. Und offenbar bekam er nicht genug davon.

Murru beobachtete seinen großen Bruder aufmerksam. Er hatte ja bis jetzt nur Milch getrunken. Daß man dieses duftende grüne Zeug auch essen konnte, war ihm neu. Und es schien Gunno zu schmecken.

Das mußte Murru auch mal probieren. Mit seinen kräftigen Nagezähnen beknabberte er ein paar Grasspitzen. Nur konnte er die nicht einfach schlucken wie Milch, er mußte kauen. Und außerdem schmeckte es reichlich sonderbar. Milch war ihm viel lieber.

Lura und Mangi versuchten es erst gar nicht. Mangi sprang mit einemmal auf und rannte hinter Lura her, versuchte sie zu erwischen. Wie die Wilden sausten die zwei davon.

Das Haschenspielen der beiden gefiel Murru. Und er flitzte ihnen nach, über Grasbatzen und Blütendolden. Plötzlich stutzten die beiden, machten kehrt und hetzten nun gemeinsam Murru über den Hang. So ging das eine ganze Weile, einander haschend und übereinanderpurzelnd. Und die drei verspielten Murmelkinder quietschten vor Vergnügen.

Dabei achteten sie überhaupt nicht mehr darauf, wohin sie liefen. Der Hang war zum Wildbach hin ziemlich abschüssig, übersät mit Felsbrocken, hinter denen leicht ein Fuchs lauem konnte. Und über ihnen taumelten ein paar dunkle Schatten. Murru duckte sich. Doch die Alpendohlen kümmerten sich nicht um ihn.

In diesem Augenblick ertönte ein scharfer Pfiff. Der alte Murmelbär oben auf dem Fels stieß einen Warnruf aus: So weit sollten seine Kinder sich nicht entfernen. Und auch ihre Mutter rief laut pfeifend vom Höhleneingang.

Doch keines der drei Jungen hörte. Sie wußten noch nicht, was ein Alarmpfiff bedeutet: Das mußten sie erst lernen. Und ihre Mutter brachte es ihnen bei. Mit erstaunlicher Geschwindigkeit rannte sie hangabwärts auf die drei zu, klatschte laut und energisch in die Pfoten und trieb sie zurück.

Das begriff Murru. Und er sauste vornweg. Er spürte mit einemmal Hunger, großen Hunger.

Seine Mutter schien das genau zu wissen. Murru brauchte sie gar nicht erst zu stupsen. Bereitwillig legte sie sich auf den Rücken und ließ ihn saugen. Und auch Lura und Mangi wollten ihre Milch. Eifrig krabbelten sie ihrer Mutter auf dem Bauch herum. Und Murru rutschte erschrocken zu einer anderen Stelle. Aber es war Platz genug für die drei Kleinen. Und jeder wurde satt.

Als Murru genug getrunken hatte, blieb er einfach auf dem warmen Bauch liegen. Nur dauerte das Vergnügen nicht lange. Inzwischen waren seine beiden Schwestern ebenfalls gesättigt. Seine Mutter wälzte sich zur Seite und setzte sich auf. Und Murru rollte neben ihr ins Gras, zusammen mit Lura und Mangi, die über ihn hinwegpurzelten.

Doch hier lag er gut, weich und geschützt zwischen warmen vertrauten Körpern. Er fühlte sich sehr faul und schläfrig. Müde schloß er seine Augen. Und während ihm die Sonne den Pelz wärmte, schlief er ein.

Am Nachmittag kam Wind auf, bog die Grasstengel leicht seitwärts. Und die Berggipfel warfen lange Schatten über den Hang, verdeckten die wärmenden Strahlen. Und es wurde kühl.

Murru hob seine kleine Nase in den Wind. Und der Wind spielte mit seinen Schnurrbarthaaren. Das kitzelte ein wenig. Aber Murru mochte den Wind nicht. Ihm wurde kalt. Und er versuchte, noch dichter an seine Mutter zu kriechen. Doch sie erhob sich plötzlich. Sie kannte die Abendkühle der Berge. Das war nichts für ihre Kinder. Und fürsorglich scheuchte sie die drei in die warme Höhle.

Gefahr aus der Luft

Am nächsten Morgen kam Murru als erster aus dem Bau. Diesmal brauchte ihn niemand zu scheuchen. Er wußte schon, was ihn draußen erwartete.

Vorwitzig tappelte er mit seinen kleinen Pfoten über den Erdwall, setzte sich aufrecht auf die Hinterbeine und schnupperte. Es duftete nach feuchtem Gras, der Himmel leuchtete blau über den weißen Gipfeln. Von den Arven am Wildbach hämmerte ein Dreizehenspecht. Und der alte Murmelbär stand schon auf seinem Felsbrocken und hielt Wache.

Nur etwas war anders heute. An den schroffen Felsgraten über der Bergmatte bewegten sich Gestalten, schlanke Gestalten: mit langen Beinen und gebogenen Hörnern. Aber sie waren weit weg, jenseits des Gletscherbachs in schwindelnder Höhe. Und den wachsamen Murmelbär schienen die fremden Gestalten nicht zu stören.

Trotzdem zögerte Murru. Alles Unbekannte machte ihm angst. Erst als seine Mutter kurz darauf mit seinen beiden Schwestern aus dem Höhleneingang auftauchte, wagte er sich ein Stückchen weiter.

Das Murmelweibchen warf einen sichernden Blick in die Runde, sah die kletternden Gemsen und den Murmelbär auf dem Fels. Es drohte keine Gefahr. Und beruhigt begann sie, an den frischen Grasspitzen zu knabbern.

Murru sah ihr eine Zeitlang zu. Er hatte noch keinen Appetit auf Grünzeug; außerdem war er satt, hatte eben erst seine Morgenmilch bekommen. Er schnupperte nur ein wenig an ein paar Steinbrechblüten auf Felsgestein.

Das schien auch Lura zu interessieren. Sie kam mit ihrem drolligen Watschelgang auf Murru zu. Und Mangi watschelte hinter ihr her. Nur wollte Mangi gar nicht schnuppern. Sie suchte Spielgefährten.

Übermütig stupste sie Murru in die Flanke. Und von der anderen Seite stupste Lura. Das war zuviel für Murru. Er krabbelte über den Fels hinweg. Doch er war jenseits noch gar nicht wieder ganz unten, da kam Mangi ihm nach. Und Lura rannte um den Fels herum, ihm entgegen.

Jetzt wagte Murru einen kühnen Sprung. Wohlbehalten landete er auf seinen kleinen Pfoten im Gras. Und als sei das ein Signal, jagten die beiden Murmelmädchen hinter ihm her. Nur hatte Murru inzwischen einiges dazugelernt. So leicht ließ er sich nicht mehr erwischen. Behende flitzte er hangabwärts davon.

Gunno und seine ältere Schwester Lanni trieben sich hier zwischen den Felsbrocken herum, boxten sich aufrecht stehend vor die behaarte Brust, spielten Haschen und mümmelten zwischendurch immer mal einen Grashalm. Das fand Murru beruhigend. Wo andere Murmel so sorglos spielten, war es wohl nicht gefährlich.

Doch er irrte sich. Die Gefahr kam von oben, lautlos und unaufhaltsam. Über den steilen Berggrat hinweg warfen zwei mächtige Schwingen ihren Schatten auf das sonnendurchglühte Gestein. Ruhig zog der Steinadler seine Kreise, ließ sich allmählich tiefer sinken und verschwand hinter einer Felsnase.

Noch hatte keines der Murmel etwas bemerkt, auch der alte Murmelbär nicht, der gerade den Eingang zum nahen Fuchsbau beobachtete. Der Adler aber hatte genug gesehen. Seinem scharfen Greifvogelblick entging keine Bewegung. Und die ahnungslosen Murmel tollten weiter.

Plötzlich glitt der Adler dicht über dem Boden unter der Felsnase hervor, nutzte jede Unebenheit als Deckung und pirschte sich näher, immer näher. Seine Schwingen schlugen, seine dolchartigen Greifkrallen stießen vor.

Nur wenige Handbreit trennten ihn noch von seinem Opfer.

In diesem Augenblick ertönte ein gellender Pfiff. Der wachsame Murmelbär hatte die Gefahr erkannt. Und seine Warnung kam nicht zu spät.

So gemächlich Murmeltiere sich sonst bewegten, bei einem Warnpfiff verschwanden sie mit ungeahnter Geschwindigkeit im nächsten Loch.

Die Krallen des Steinadlers stießen ins Leere. Nur ein paar Gräser blieben in seinen Fängen. Und er drehte ab zu seinem Horst in der Steilwand.

Nichts rührte sich mehr auf der Bergmatte. Es war still, fast unheimlich still.

Auch die Gemsen hoch oben am Fels hatten den Warnpfiff des Murmelbärs gehört und waren jenseits des Berggrats über ein Geröllfeld geflüchtet. Selbst der Specht bei den Arven am Steilufer war verstummt. Nur der Gletscherbach rauschte monoton wie immer.

Murru hatte nur einen Moment gezögert, sah die überall flüchtenden Murmel und war dann davongerannt, suchend nach einem Schlupfloch. Und er hatte ein Loch gefunden. Wie gehetzt flitzte er durch die Öffnung.

Doch er kam nicht weit. Schon nach wenigen Metern endete der Gang. Vor ihm lag Erde, nichts als Erde.

In der Aufregung stieß er mit seiner kleinen Nase dagegen, zuckte schmerzlich zurück. Das Loch war das falsche, war nur eine kurze Fluchtröhre, die nicht in den Bau führte. Das wußte Murru noch nicht. Aber die Röhre hatte ihn gerettet.

Verwirrt hockte Murru im Dunkel. Er vermißte seine Mutter, den vertrauten Geruch der Wohnhöhle. Ermochte nicht allein sein. Und seine Nase tat weh.

Angstvoll starrte er nach dem schwachen Lichtschimmer am Ausgang.

Aber da vorn war nicht viel zu sehen. Ein pelziges Etwas versperrte die Sicht. Und es bewegte sich. Murru erschrak. Sein kleines Herz hämmerte aufgeregt. Doch es gab keine Flucht. Er war gefangen: zwischen Erde und einem unbekannten Pelztier.

Vorsichtig schnupperte er in die Richtung des fremden Wesens. Und er atmete auf: Das war Murmelgeruch.

Eilig tappelte er darauf zu. Und er erkannte Gunno, der nach ihm in die Röhre geflüchtet war. Gunno wußte Bescheid. Er kannte alle Löcher im Murmelrevier. Und er war gar nicht erst weitergelaufen, als er die Sicherheit der Fluchtröhre erreicht hatte. Jetzt wandte Gunno sich zu seinem kleinen Bruder um.

Murru fand das sehr tröstlich. Geduldig wartete er hinter ihm, während Gunno aufmerksam die Bergmatte draußen beobachtete.

Gunno würde wissen, wann die Luft rein war. Und Gunno wußte es; er hatte schon seine Erfahrungen. Er sah den Steinadler abstreichen, sah die Dohlen vom Arvenwäldchen herüberflattern. Die Gefahr war vorüber. Und Murru folgte seinem großen Bruder hinaus ins Freie.

Berggewitter

Das sonnige Wetter hielt an, noch tagelang. Murru war inzwischen größer geworden und auch ein wenig mutiger. Aber noch bremste die Mutter seinen Entdeckerdrang. Sorgsam achtete sie darauf, daß die Kleinen sich nicht zu weit vom Bau entfernten. Immer noch kam es vor, daß sie vor lauter Spielfreude einen Warnruf überhörten. Dann mußte sie energisch nachhelfen. Und Gefahren gab es hier genug.

An diesem Morgen bummelte Murru, kroch als letzter hinter den anderen her. Schnuppernd schob er seine Nase aus der Röhre. Die Luft stand still und heiß über der Bergmatte. Kein Windhauch bewegte die Grashalme. Nur die Insekten summten von Blüte zu Blüte. Die Sonne schien wie an den Tagen zuvor, aber sie wirkte blaß hinter faserigen Zirruswolken. Und es roch auch anders: viel stärker als sonst.

Murru kümmerte sich nicht darum. Er spürte ein unbehagliches Gefühl im Magen. Zwar hatte er wie üblich seine Morgenmilch bekommen, doch richtig satt war er nicht geworden. Und als er ungestüm immer wieder nach der mütterlichen Zitze schnappte, hatte seine Mutter ihn ungeduldig knurrend fortgescheucht. Murru verstand das nicht. Und jetzt hatte er Hunger.

Mißmutig beobachtete er seine Mutter und seine älteren Geschwister, die mit einer Emsigkeit Unmengen Kräuter und Gräser in sich hineinstopften, als sei heute ihre letzte Mahlzeit Dabei saßen sie auf den Hinterbeinen und schoben sich die Pflanzenstücke mit den Vorderpfoten in den Mund. Keiner lag wie sonst faul in der Sonne. Und sogar Mangi und Lura knabberten ein wenig an dem Grünzeug.

Murru tappelte langsam ein Stückchen weiter. Hier bei den Auswurfhügeln nahe dem Röhrenausgang war ohnehin alles Eßbare weggefuttert. Bei einem flechtenüberzogenen Felsbrocken hielt er an. Daneben streckte eine Latsche ihre tiefliegenden Äste hangwärts.

Unbehaglich blickte Murru sich um. Schatten mochte er nicht. Auf dem Fels aber lag Sonne, wärmte den Stein. Behende kletterte Murru hinauf, griff mit den Vorderpfoten geschickt in die Spalten und stemmte sich mit seinen kräftigen Hinterfüßen darin hoch.

Doch kaum übersah er die Felsplattform, stockte er verblüfft: Da lag schon jemand. Eine Bergeidechse nahm auf dem warmen Stein ein Sonnenbad. Aber sie schlief nicht. Plötzlich näherte sich ihr ein tieffliegendes Insekt. Sie jagte hoch und hatte es blitzschnell verschluckt.

Erschrocken zuckte Murru zurück. Dieses handspannengroße, bräunlichgefärbte Reptil ängstigte ihn. Mehr auf dem Bauch rutschend als kletternd, ließ er sich hastig an dem rauhen Fels hinab und landete haarscharf neben einer Alpenkratzdistel. Die aber war gar nichts für Murmelmägen. Und Murrus Magen knurrte noch immer. Endlich entschloß er sich, an ein paar Grasspitzen zu knabbern. Und er fand, daß sie gar nicht so übel schmeckten. So half ihm der Hunger zu einer neuen Erfahrung. Behaglich setzte er sich auf sein Hinterteil und futterte Gras.

Mit einemmal blickte er auf. Er saß schon wieder im Schatten. Am blaßblauen Himmel trieb langsam eine bizarr aufgetürmte Wolkenwand, düster und seltsam gezackt, trieb auf die schneebedeckten Bergspitzen zu und verdeckte die Sonne. Ein eigenartig fahles Licht fiel über die Bergmatte. Und ein Steinschmätzer strich talwärts davon.

In der Ferne ertönte ein dumpfes Kollern, brach sich hoch oben an den Felswänden und hallte zurück durch die Wildbachschlucht. Murruhorchte aufmerksam. Dieses Geräusch kannte er noch nicht. Und er sah, wie seine Mutter zu ihm heraufblickte. Er sauste los. Jetzt brauchte er Wärme, viel Wärme und ihre Nähe. Und aufatmend barg er sich zwischen ihren weichpelzigen Pfoten.

Behutsam streichelte sie ihm über seine kleinen runden Ohren. Hinter den Bergspitzen zuckte ein Blitz durch das Dunkel der Wolke. Ein Windstoß fegte über den Hang. In diesem Augenblick verließ der alte Murmelbär seinen Beobachtungsfels. Und als sei das ein Signal, verschwanden alle Murmel eiligst in ihren Löchern.

Auch Murru flitzte in die dunkle Röhre. Wenn die Großen am hellen Tag so schnell in den Bau krochen, bedeutete das nichts Gutes. Das wußte er schon. Die erfahreneren Murmeltiere kannten sich aus: Sie hatten den Wetterwechsel gespürt und sich vorsorglich noch die Bäuche vollgeschlagen, bevor das Gewitter losbrach.

Und es brach los: mit der Urgewalt eines Berggewitters. Kollernd und krachend rollte der Donner, Sturmböen peitschten Regenfahnen über die Bergmatte, durchzuckt von aufgrellenden Blitzen. Von überall schossen Rinnsale dem Wildbach zu; und sein Rauschen wurde zum Dröhnen. Zweige und Äste polterten auf überspülten Fels. Schäumend und gurgelnd stieg das Wasser über die steinigen Ufer. Stunden um Stunden tobte das Unwetter, gefangen zwischen den steilen Bergwänden. Und es schien kein Ende zu nehmen.

Von all dem merkte Murru nichts. In der Tiefe des Baus fühlte er sich geborgen, trocken und warm. Kein Laut drang von draußen in die weich gepolsterte Höhle. Hier endlich bekam er noch etwas Milch von seiner Mutter und die Zärtlichkeit ihrer Nähe.

Als er satt war, tollte er mit seinen Geschwistern durch die unterirdisch verzweigten Gänge, versteckte sich kurz in einem Blindstollen und jagte hinter Lura her. Nur die Röhre zum Ausgang mied er. Was dort draußen geschah, war ihm unheimlich.

Ein sonderbarer Vogel

Die Nacht verging und der folgende Tag. Und es wurde Mittag des übernächsten Tages, als die dichte Wolkendecke endlich aufriß. Nur die Bergspitzen blieben grau umhüllt. Nebelschleier schwebten über der Wildbachschlucht, trieben durch die Kronen der Arven und Lärchen.

Plötzlich brach die Sonne durchs Gewölk; ihre heißen Strahlen ließen die Wiesen dampfen. Ein Apollofalter gaukelte zu einem Alpenrosenstrauch. Und ein Kolkrabenpaar zog mit dumpfem Ruf von seinem Horst bergwärts.

Vorsichtig lugte der alte Murmelbär aus dem Röhrenausgang über die Auswurfhügel hinweg. Er roch das Wetter. Und es roch gut. Die Kolkraben verschwanden hinter einer Bergnase. Ein Tannenhäher strich vorbei; er kam schon zurück mit seiner Beute von Arvennüssen. Und das Hämmern des Dreizehenspechts klang aus dem Schluchtwald herauf.

Die Murmelkolonie war gut gewählt. Hier unter dem Ausgang eines hohen, kahlen Trogtals wucherte über altem Moränenschutt und verwittertem Lawinengeröll von den Steilhängen eine üppige Pflanzendecke auf trockenem Kalkgrund, der sich bis zur Bergmatte erstreckte. Gräser, Kräuter und Alpenblumen wuchsen im Überfluß. Latschen krallten sich ins Gestein. Und an den Hängen zur Wildbachschlucht, wo es feuchter und lehmig wurde, standen einige zerzauste Arven, Lärchen, Bergföhren und ein paarvereinzelte Ebereschen. Diese Vielfalt war ein idealer Lebensraum für Murmeltiere. Hier fanden sie alles, was sie zur Nahrung und zum Bau ihrer Höhlen brauchten. Schon die Vorfahren des alten Murmelbären hatten hier gewohnt. Jede Generation hatte an dem verzweigten Röhrennetz weitergebaut. Und es war still hier oben auf der einsamen Bergmatte.

Die einzige Straße verlief weit unten im Flußtal; ihr Lärm drang nur selten und sehr schwach herauf, wenn der Wind ungünstig stand. Nur ein schmaler Weg führte am Ende der Wildbachschlucht über eine morsche Holzbrücke. Bergaufwärts wand sich ein holpriger Pfad, auf dem manchmal Kühe zur Alm aufstiegen. Und kaum je verirrte sich ein Mensch in die abgelegene Gegend. Es war zu rauh hier und zu unwegsam.

Der alte Murmelbär kannte die Kühe; sie waren groß, aber harmlos und mitunter ein wenig lästig, wenn eine mal vom Pfad abkam und unbeholfen über die Bergmatte trampelte. Er pfiff dann noch nicht einmal. Und er kannte die Menschen. Auch sie waren meist harmlos.

Das war nicht immer so gewesen. Früher hatten sie die Murmeltiere massenweise gejagt und in manchen Gegenden völlig ausgerottet: wegen ihres Fells, wegen ihres Fleisches, vor allem aber wegen ihres Murmelfetts, das sie als vermeintliches Mittel gegen Rheuma und andere Krankheiten teuer verkauften. Oft hatten sie die Murmel während des Winterschlafs einfach aus ihren Bauen gegraben und die wehrlosen Schläfer totgeschlagen. Das kam heute nur noch selten vor. Und hier auf der Bergmatte jenseits des Wildbachs durfte nicht mehr gejagt werden. Der alte Murmelbär wußte das. Trotzdem pfiff er, wenn Menschen kamen: vorsichtshalber.

Im Augenblick hatte er keinen Grund zum Pfeifen. Er stand hoch aufgerichtet auf einem der Auswurfhügel und sicherte, nahm einige Lippen voll saftige Kräuter und lief dann quer hangaufwärts zu seinem Beobachtungsfelsen.

Inzwischen waren einige Murmel aus dem Bau gekommen. Genießerisch schnupperten sie die würzige Luft nach dem Regen. Auch Murru schnupperte neugierig. Er hatte jetzt genug vom Dunkel im Bau, vom Schlafen und vom Haschenspielen in finsteren Gängen. Die bunte, duftende Welt hier draußen fand er viel interessanter. Und kaum schob Mangi ihr stumpfes Näschen aus dem Erdloch, sauste Murru auf sie zu und jagte sie quer über den Hang hinab zu den Arven. Und Lura tollte übermütig hinter ihnen her.

Erschrocken flüchtete eine Schneemaus in ihren Unterschlupf. Murru stutzte einen Moment: Solch ein winziges flinkes Tier hatte er noch nie gesehen. Doch als die Schneemaus verschwunden blieb, lief er weiter. Er hatte plötzlich Hunger auf saftige Kräuter. Und die gab es hier genug. Vergnügt begann er zu knabbern.

So näherte er sich allmählich einer kleinen Gruppe von Lärchen und Arven. Mit einemmal ertönte über ihm ein eigenartiges Geräusch. Es klang wie ein energisches Hämmern. Das hatte er mitunter schon aus der Ferne gehört, irgendwo vom Wald her, aber noch nie so nah.

Verwundert blickte er nach oben zwischen die Baumwipfel. Da sah er an einem der borkigen Stämme einen ziemlich großen Vogel, der mit seinem kräftigen spitzen Schnabel emsig in den Stamm hackte.

Murru erschrak. Vor großen Vögeln hatte er Angst, vor allem wenn sie lauernd über der Bergmatte kreisten: Dann erklang auch meist der Warnruf eines älteren Murmels. Dieser seltsame schwarzweißgefiederte Vogel aber kreiste nicht. Im Gegenteil, er hämmerte unentwegt weiter. Und er kümmerte sich auch nicht um das kleine Murmeltier. Nur manchmal unterbrach er sein rhythmisches Getrommel, um an der rauhen Borke ein Stück weiterzuklettern. Dabei turnte er geschickt um die Zweige herum, hing zeitweise rücklings sogar direkt unter einem Ast und hackte heftig nach etwas, das Murru nicht erkennen konnte.

Eine Weile beobachtete Murru das sonderbare Treiben des Vogels, der jetzt unmittelbar über seinem Kopf auf einen Ast loshämmerte. Plötzlich zuckte Murru zusammen: Ihm war etwas auf die Nase gefallen. Verblüfft sprang er zur Seite, blickte sich um und sicherte vorsichtig nach oben. Aber es war nichts Gefährliches, nur ein paar Holzspäne vom Schnabel des Spechtes.

Doch jetzt hatte Murru genug. Der emsig weiterhämmernde Dreizehenspecht interessierte ihn nicht mehr. Er wollte spielen. Und er schaute suchend aus nach Mangi und Lura. Nur waren die beiden inzwischen außer Sichtweite hinter einem großen Felsblock verschwunden. Aber vom Hang her sah er seine Mutter herunterkommen. Und sie beendete sehr energisch Murrus eigenwilligen Ausflug.

Am Wildbach

Ein heißer Mittag wölbte sich über der Bergmatte, ließ die Luft über dem Felsgestein flimmern. Murru blinzelte träge in das grelle Licht. Im Augenblick hatte er keine Lust zu anstrengenden Unternehmungen. Er genoß die Nähe seiner Mutter und seiner beiden Schwestern, die, wohlig dösend an ihn gekuschelt, in der Sonne lagen.

Es war fast so wie in den ersten Tagen seines Lebens, als er noch mit geschlossenen Augen, nackt und ohne Zähne in der warmen Geborgenheit der Erdhöhle ruhte. Doch das war lange her. Wärme und Geborgenheit und die liebevolle Fürsorge seiner Mutter brauchte er noch immer; aber nun war er schon ein recht stattliches Murmelkind mit dichtem Fell, kräftigen Zähnen und munteren Augen. Und sein Bewegungsdrang und seine Spielfreude nahmen von Tag zu Tag zu. Und vor allem seine Neugier.

Auch jetzt hielt Murru die Ruhe nicht lange aus. Noch ein bißchen schläfrig krabbelte er zu seiner Mutter und rieb seine kleine Nase an ihrem pelzigen Gesicht. Und seine Mutter schnupperte ihm zärtlich übers Fell. Auch Mangi und Lura drängten näher, krabbelten einfach über Murru hinweg. Schnaufend wühlte er sich unter ihren weichfelligen Körpern hervor und setzte sich auf.

Vorsichtig probierte er ein paar Schritte hangabwärts. Doch seine Mutter war wachsam. Kaum hatte Murru sich in eine Mulde hinter dem Auswurfhügel verdrückt, folgte sie ihm. Und Mangi und Lura sausten Haschen spielend hintennach.

Die Murmelmutter wußte genau, daß ihre Jungen jetzt Bewegung brauchten. Und die sollten sie haben, aber unter Aufsicht, auch wenn sie selbst in der Mittagshitze lieber noch ein bißchen gedöst hätte. Außerdem sollten die Kleinen allmählich die Reviergrenzen kennenlernen, die Murmeltiere mit ihren Wangendrüsen markieren. Und eine der wichtigsten Grenzen war der Wildbach. Hier drohten viele Gefahren.

Langsam bummelte sie den Hang hinab, naschte zwischendurch mal ein paar Grashalme und Kräuter. Und sie hatte nichts dagegen, daß ihre Jungen ein Stück vornweg tollten. Die ungestüme Mangi kabbelte sich schon wieder mit Murru, der ihr am Ohr zu knabbern versuchte. Dann mischte Lura sich ein. Und Murru kletterte eilig auf einen Felsblock.

Von hier oben bekam er einen guten Ausblick über das Steilufer des Wildbachs, das tief unten die Schlucht durchzog. So weit hatte Murru sich noch nie allein vorgewagt. Er zögerte kurz, dann packte ihn die Neugier. Geschickt turnte er an der anderen Seite des Felsblocks hinunter und flitzte, mehr purzelnd als laufend, über den abschüssigen Hang.

Neben dem abgebrochenen Stumpf einer Lärche hielt er an, unweit vom Ufer. Schäumend stürzte der Wildbach über zerklüftetes Gestein. Die Luft roch feucht vom Wasserdampf. Und das laute Rauschen des Wassers ängstigte Murru. Hilfesuchend blickte er zurück.

Doch nirgends war ein Murmel zu sehen. Nur ein Bergmolch schob seinen dunklen Körper über einen bemoosten Stein, ganz in Murrus Nähe. Ein Stück bachabwärts jagte eine Wasseramsel an einer ruhigeren Stelle über den flachen Kiesgrund. Und eine Wasserspitzmaus äugte vom Uferrand zu Murru hinüber. Aber diese fremden Tiere trösteten ihn nicht.

In diesem Augenblick hörte Murru hinter sich von schräg oben ein vertrautes Geräusch. Dieses Quietschen kannte er. Mangi und Lura kugelten quietschend den Hang hinunter. Sie schienen überhaupt nicht zu merken, wohin sie rollten. Und sie rollten immer weiter.

Plötzlich platschte Mangi mit ihrem Hinterteil in die flache Bachmulde, wo eben noch die Wasseramsel gejagt hatte. Doch die Amsel war längst weg. Mangi quietschte erschrocken, kletterte dann aber mit einem leisen Klagelaut ziemlich geschickt über den glitschigen Uferrand aufs Trockene, gerade als ihre Mutter hinter dem Lärchenstumpf auftauchte.

Aufatmend drängten sich die drei um ihren schützenden Leib, griffen mit ihren kleinen Pfoten in ihr Fell und suchten nur noch Nähe. Und die Murmelmutter tröstete ihre Kinder. Sie war erleichtert, daß alles noch einmal gut abgegangen war. Immerhin hatten die Kleinen Glück gehabt: Der Bach führte um diese Jahreszeit nur wenig Wasser. Und ein kühles Bad schadete nicht bei dieser Hitze.

Gemächlich stieg sie mit ihren Jungen am Bachufer aufwärts: über Geröll und angespülte Äste. Es war kein bequemer Weg, aber den klettergewandten Murmeltieren machte das nichts aus. Nur an den Lärm des brausenden Wassers mußten die Kleinen sich erst gewöhnen.

Allmählich wurden die Ufer steiler. Der Wildbach toste tief unten zwischen überhängenden Felsen. Arven und Lärchen wanden ihre Wurzeln in den Boden. Und einer der Baumstämme lag quer über der Schlucht wie ein Steg von einem Ufer zum anderen.

Mit einemmal stutzten die vier. Dicht bei dem querliegenden Stamm am jenseitigen Ufer saß hoch aufgerichtet ein stattliches Murmel, ein fremdes Murmel. Aufmerksam sichernd, blickte es zu ihnen hinüber. Als es sah, wie die vier ruhig weiterzogen, wandte es sich langsam ab und verschwand hinter einem Fels.

Dort begann ein fremdes Revier.

Aber das wußte Murru noch nicht; er kannte ja bis jetzt nur seine Familie. Und er wurde sehr neugierig auf die unbekannte Welt dort drüben. Doch seine Mutter strebte unbeirrt ihrem eigenen Bau zu. Und Murru tappelte folgsam hinterher.

Ein ungewöhnlicher Spielgefährte

So folgsam blieb Murru allerdings nicht immer. Zwar liebte er Gesellschaft, Wärme, Nähe und Zärtlichkeit, aber allmählich regte sich in ihm doch der zukünftige Murmelbär, der später die Kolonie und die Reviergrenzen bewachen würde, obwohl er dazu jetzt noch viel zu klein war. Wenn sich eine Gelegenheit bot, versuchte er selbständig die Gegend zu erforschen, wie er das auch bei seinen größeren Geschwistern beobachtete. Dabei entfernte er sich jedoch nie allzuweit vom Mutterbau: Das schien ihm sicherer.

An diesem Morgen tobte er wie sonst mit Mangi und Lura am Rand der Auswurfhügel herum, hakelte mit seinen Nagezähnen spielerisch an Mangis Gebiß und boxte mit Lura. Zwischendurch aber wollte er mal mit seiner Mutter schmusen, die dafür immer Zeit hatte. Doch als er jetzt zu ihr hinüberlief, zögerte er auf einmal: Seine Mutter war nicht allein. Der alte Murmelbär, sein Vater, saß, dicht über sie gebeugt, neben ihr und knabberte ihr zärtlich am Ohr. Und seiner Mutter schien das zu gefallen.

Murru wandte sich langsam ab. Im Augenblick war da kein Platz für ihn. Und dann hatte er einen Einfall. Gemächlich tappelte er los, um einen Felsblock herum und außer Sichtweite, immer weiter schräg hangaufwärts. Drüben auf dem Beobachtungsfels saß Gunno, sein älterer Bruder, und hielt Wache. Das beruhigte Murru. Solange Gunno nicht pfiff, konnte nichts passieren.

Die Sonne stand schon ziemlich hoch über den Bergspitzen und warf kaum Schatten. Murru genoß die Wärme. Mitunter richtete er sich auf, um einen besseren Überblick zu bekommen. Doch auf der mit Felsblöcken und Alpenrosengesträuch übersäten Bergmatte konnte er nicht viel sehen. So tappelte er ahnungslos um einen dicken Steinbrocken herum auf eine kleine Gruppe Arven zu.

Plötzlich stutzte er. Zwischen den Arvenwurzeln mündete ein Loch. Und davor lag jemand in der Sonne, ein reichlich sonderbares Wesen: mit spitzen Ohren, rötlichem Fell und buschigem Schwanz und noch ziemlich klein. Dieses Wesen wälzte sich behaglich auf dem Rücken, gähnte verschlafen und blinzelte gegen die Sonne zu ihm hinüber. Dann hob es schnuppernd seine spitze Nase und kam auf Murru zu.

Jetzt schnupperte auch Murru. Dieses Wesen roch nicht wie ein Murmel. Und es sah auch nicht so aus. Aber es wirkte eigentlich recht friedlich. Und es kam immer näher und tapste spielerisch nach Murrus Nase.

Das gefiel Murru. Und er haschte nach dem buschigen Schwanz, der so sonderbar herumwedelte. Nur schien das dem kleinen Jungfuchs weniger zu behagen. Er sauste ein paar Schritte davon, kam aber sofort zurück, den Schwanz dicht über dem Boden. Wieder haschte Murru danach. Und der kleine Rotfuchs drehte sich ein paarmal um sich selber wie ein Kreisel, bis Murru von seinem Schwanz abließ.

Mit einemmal war da ein Geräusch. Es hörte sich an wie ein Kollern, ganz leise nur und dumpf. Und es verstummte dann. Der kleine Fuchs spitzte die Ohren. Und Murru richtete sich neugierig auf den Hinterbeinen auf, um die Ursache zu ergründen. Aber es war nur ein Stein, der sich irgendwo oben am Hang gelöst hatte.

Der kleine Fuchs jedoch blickte mißtrauisch zu Murru hoch. Die plötzliche Größe des Murmels erschreckte ihn. Aus seiner Kehle drang ein heiseres Knurren. Und da Füchse sehr vorsichtige Tiere sind, zog er sich langsam zurück bis zu seinem Erdloch, wo er sich sicherer fühlte und sich aufmerksam lauernd auf sein Hinterteil setzte.

In diesem Augenblick ertönte ein schriller Pfiff. Murrus Mutter tauchte hinter dem Steinbrocken auf. Blitzschnell übersah sie die Lage und galoppierte mit gewaltigen Sätzen zu ihrem Kind. Murru guckte verdutzt. Und der Jungfuchs verschwand eiligst in seinem Bau.

Jetzt sicherte Murrus Mutter vorsichtig in die Runde, spähte nach der Fuchsfähe aus. Dann jagte sie Murru vor sich her den Hang hinunter. Murru begriff das alles nicht. Er hätte gern noch ein wenig mit dem Füchslein gespielt. Sie hatten ja beide noch ihren Kindergeruch und wußten noch nichts von Gefahr.

Murrus Mutter aber kannte die Gefährlichkeit der großen Füchse, die schon manches Murmelkind geholt hatten. Nur vor erwachsenen Murmeltieren hatten auch Füchse Respekt.

Doch das sollte Murru erst später erfahren.

So schnell er konnte, rannte er vor seiner Mutter über die Bergmatte, vorbei an Zwergsträuchern und Felsblöcken. Schräg über ihm flatterte ein Trupp Alpendohlen; lautstark hallten ihre trillernden Rufe. Murru blickte kurz auf zu den samtschwarzen Vögeln mit den gelben Schnäbeln und roten Füßen, die gipfelwärts davonflatterten.

Dabei sauste er mitten durch einen Teppich Silberwurzblüten. Und noch lange nachdem er vor dem Bau Lura und Mangi begegnet war, haftete ihm der Blütenstaub im Fell.

Der Beutegreifer

Auf die sonnigen Tage folgte regnerisches Wetter. Der Himmel blieb grau verhangen. Dunkle Wolken verhüllten die Gipfel. Und ein kühler Wind drückte die nassen Halme zu Boden.

Murru verschlief die meiste Zeit im Bau, eng an seine Mutter und seine Geschwister gekuschelt. Nur manchmal spielten die Kleinen Haschen in den dunklen Gängen des Labyrinths. Aber auch hier war es warm. Und Wärme brauchten sie: Wärme zum Überleben.

Murmeltiere sind zwar an die härtesten Bedingungen des Hochgebirges angepaßt, doch sie überstehen ungünstige Witterung nur dank ihrer schützenden Erdbaue. Denn nicht immer schon waren die Murmel ausgesprochene Alpentiere. Durch Knochenfunde weiß man, daß sie während der Eiszeit überall in den eisfreien Gebieten Mitteleuropas lebten, selbst in den Ebenen. Erst durch die rücksichtslose Verfolgung durch den Menschen zogen sie sich mehr und mehr in die Alpen zurück. So wurden die unwegsamen Bergregionen mit den langen, kalten Wintern ihre letzte Zuflucht.

Doch auch hier blieben sie nicht unbehelligt. Die Jagd auf Murmeltiere war noch immer ein einträgliches Geschäft und für manche ein beliebter Sport. Und selbst in geschützten Gebieten holten Wilderer sich noch mitunter ihre Jagdbeute mitten zwischen den ahnungslosen und zutraulichen Tieren, wenn auch selten. Immerhin war die Bejagung inzwischen gesetzlich geregelt, auch in dem Gebiet jenseits der Wildbachschlucht, das an Murrus Kolonie grenzte.

Von alldem wußte Murru nichts; er hatte noch nie einen Schuß gehört. In der warmen Geborgenheit der Wohnhöhle inmitten der rauhen Bergwelt fühlte er sich wohl. Und er wartete auf die Sonne.

Aber die Sonne ließ auf sich warten. Erst am späten Vormittag fegte ein frischer Wind die Nebel aus der Schlucht. Einzelne graue Wolken trieben wie zerschlissene Fetzen um die Berggipfel. Und an den Hängen der oberen Lagen glitzerte es weiß. Die Schneegrenze war über Nacht gefallen. Das kam öfter vor in dieser Höhe. Immer wieder mal brach der Frost in den kurzen Bergsommer, ließ das Grün erstarren. Doch die heiße Augustsonne leckte die eisigen Kristalle rasch von den Stengeln und Halmen.

Als Murru hinter seiner Mutter den Bau durch einen Seitenausgang verließ, war der Schnee unterhalb des hohen, kahlen Trogtals schon fast weggetaut. Schmale Rinnsale von Schmelzwasser flossen dem Wildbach zu. Hinter den Auswurfhügeln der Seitenröhre aber war der Erdboden schon trocken. Hier war auch der Wind kaum zu spüren.

Jetzt hatte Murru erst mal Hunger. Milch gab es schon seit einer Weile nicht mehr von seiner Mutter. Und nach dem langen Regentag im Bau knurrte sein Magen ganz erbärmlich. Das ging den anderen genauso. Überall saßen und hockten die Großen und Kleinen der Murmelfamilie und stopften sich den Bauch voll Grünzeug.

Vor allem Murru entwickelte einen ungeheuren Appetit. Es war, als ahne er, was die Großen längst wußten: Bald ging der Bergsommer seinem Ende zu; und wer sich nicht ein ausreichendes Fettpolster angefuttert hatte, mußte während des langen Winterschlafs verhungern und erfrieren.

Gegen Mittag legte sich der Wind. Der Himmel wirkte wie leergefegt, tiefblau und wolkenlos. Und es wurde heiß. Genießerisch räkelte Murru sich in der Sonne, ließ sich die wärmenden Strahlen auf den Pelz brennen.

Nur Mangi hatte anderes im Sinn. Sie wollte mit Murru schmusen. Zärtlich stupste sie ihn immer wieder mit ihrer kleinen Nase. Murru reagierte zunächst mal unwirsch und fuchtelte aufgeregt mit den Pfoten.

Mit der Ruhe war es jetzt vorbei. Eine Weile spielte er mit Mangi, stupste sie aufrecht stehend vor die Brust. Und Mangi stupste zurück, bis sie beide in einen Alpenrosenstrauch purzelten. Etwas verwirrt raffte Murru sich auf und sauste ein Stück hangabwärts davon.

Aber da sauste noch jemand. Ein langohriges Wesen hoppelte eiligst in die entgegengesetzte Richtung. Murru stutzte verblüfft. Er hatte einen Schneehasen aufgestört, der in einer flachen Grasmulde gerade seine Mahlzeit nahm. Und Murru wunderte sich, daß das Langohr vor ihm ausriß.

Viel Zeit dazu blieb ihm allerdings nicht. Mit einemmal ertönte ein gellender Pfiff oben vom Beobachtungsfelsen. Suchend blickte Murru sich nach einer Fluchtröhre um. Da sah er mit seinen scharfen Augen jenseits der Wildbachschlucht einen riesigen Steinadler mit mächtigem Flügelschlag aufsteigen. Und in seinen Greifkrallen hing leblos ein junges Murmeltier.

Wie gehetzt rannte Murru hangaufwärts. Ein Keuchen drang aus seiner Kehle. Inzwischen wußte er, wo er sich in Sicherheit bringen konnte. Der Sommerbau hatte viele Ein- und Ausgänge. Und einer lag dicht neben einem flechtenüberzogenen Felsbrocken. Das war der nächste.

Aufatmend schlüpfte Murru in die Öffnung, flitzte hastig durch das weitverzweigte Röhrensystem bis zum Wohnkessel. Und zitternd vor Angst und Schreck, drückte er sich an den warmen Leib seiner Mutter.

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