Kitabı oku: «Palu, der Panda»
Lothar Streblow
Palu, der Panda
Saga Egmont
Palu, der Panda
Copyright © 1994, 2018 Lothar Streblow und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
All rights reserved
ISBN: 9788711807637
1. Ebook-Auflage, 2018
Format: EPUB 2.0
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Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.
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„Die Frage nach dem tierlichen Bewußtsein hat die Menschen schon immer gefesselt, weil Haus- und Wildtiere gleichermaßen unsere Bewunderung und Neugier erregen. Sie verlocken uns dazu, in ihre Haut zu schlüpfen und uns vorzustellen, wie ihr Leben sein mag.“
Donald R. Griffin
„Gefühle sind es, die alle Kreatur dazu drängt, etwas zu tun oder, wenn es ängstliche Stimmungen sind, etwas zu unterlassen.“
Vitus B. Droscher
Das Pandababy
Nebelschwaden trieben über den Hangwald, zerfaserten zwischen den Baumkronen. Auf den Berggipfeln der Qionglai-Kette glitzerte ewiger Schnee: kalt schimmerndes Weiß unter tiefblauem Himmel. Die Septembersonne aber schien warm in das Bambusdickicht nahe dem klaren Gebirgsbach.
Die Pandabärin hatte ihren Wurfplatz unterhalb einer hochragenden Felswand sorgsam gewählt: in einem dikken, hohlen Baumstumpf einer uralten, verwitterten Bergfichte, windgeschützt und trocken und weich ausgepolstert mit Bambuszweigen. Hier saß sie Tag und Nacht mit dem massigen Rücken gegen die Öffnung, ihr Baby schützend in den Armen: eine fast nackte, rosafarbene Winzigkeit von knapp hundert Gramm, kaum größer als eine Maus.
Behutsam hielt sie das Kleine warm zwischen ihren mächtigen Vordertatzen und säugte es, wenn es hungrig wurde und laute Babyschreie ausstieß. Und sie leckte es sauber und tröstete es liebevoll, wenn es sich unwohl fühlte und mit quiekenden Klagelauten weinte. Lange Zeit saß sie so, mehr als drei Wochen, während das Kleine kaum merklich heranwuchs und sein dünnes, weiches Fell allmählich die schwarzweiße Pandafärbung annahm.
Von alldem sah Palu noch nichts. Noch waren seine Augen geschlossen. Palu spürte nur die Geborgenheit im wärmenden Pelz seiner Mutter, spürte ihre Fürsorglichkeit, hörte ihre zärtlichen Laute. Und er schnupperte ihren warmen Geruch. Nach Milch mußte er nicht erst suchen. Die Bärin hielt seine kleine Schnauze immer dicht an der Quelle. Palu brauchte nur zu saugen. Und er schmatzte mit Behagen.
Nur selten verließ die Pandabärin die Baumhöhle, um in der Nähe Kot abzusetzen und Nahrung aufzunehmen und zu trinken. Weit war es nicht bis zum Bambusdickicht und zum rasch strömenden Bergbach, der auch im Winter nicht zufror. Und sie brauchte viel Bambus und klares Wasser.
Kaum vermißte Palu ihre wärmende Nähe, schrie er so laut, daß es weithin über die zerklüftete Talschlucht tönte. Ohne seine Mutter fühlte er sich schutzlos. Und er hatte Angst. Doch schon beim ersten Schrei kehrte die Pandabärin eilig zurück, damit seine Stimme keine Feinde anlockte. Für Pandababys lauerten in der Bergwildnis viele Gefahren. Und die Pandamutter wußte das.
Als Palu nach mehr als einem Monat erstmals seine Augen öffnete und die Helligkeit eines späten Sonnentages wahrnahm, sah er auch nicht viel anderes als das wuschelige Fell seiner Mutter, ihren rundlich-dicken weißen Kopf mit den dunklen Augenflecken und den schwarzen Ohren. Und mitunter sah er ihre rosige Zunge, bevor sie ihn behutsam ableckte. Das mochte Palu, besonders an seiner kleinen Nase. Und das genügte ihm. Trinken und vor allem Schlafen, weit mehr als zwanzig Stunden am Tag, und ihre bergende Nähe, mehr brauchte er noch nicht.
Inzwischen war es Herbst geworden am östlichen Abhang des Himalaja. Die Blätter von Ahorn und Birke färbten sich bunt und fielen zu Boden, bildeten eine dichte Decke. Und die Lärchen mit ihren gelb verfärbten Nadeln glichen flammenden Kerzen im letzten Sonnenlicht.
Auf einen warmen feuchten Sommer folgten neblige Tage mit Nieselregen. Und es wurde kalt. Der Winter kam früh in den Qionglai-Bergen. Und er dauerte lange. Schnee fiel bis in die tieferen Lagen. Und über dem grünen Bambusdickicht lag eine eisige Last.
Palu machte der Winter nicht viel aus. Sein dichter gewordenes schwarzweißes Fell wärmte ihn. Und nur selten verließ er die bergenden Arme seiner Mutter, um auf seinen kleinen Tatzen ein wenig herumzukrabbeln. Das konnte er inzwischen. Und es machte ihm Spaß.
Tapsig und unbeholfen krabbelte er über die raschelnden Bambusblätter in der Baumhöhle. Und manchmal streckte er seine kleine, dunkle Nase neugierig hinaus in die wirbelnden Flocken. Bei jedem Luftzug aber flüchtete er zurück in die schützenden Arme seiner Mutter. Palu mochte den kalten Wind nicht.
Er war nun drei Monate alt und mehr als einen halben Meter groß. Seine ersten Zähne brachen durch; und wenn es schmerzte, weinte er ein bißchen und steckte eine Pfote in den Mund. Das half ein wenig gegen den Schmerz.
Immer wieder aber lauschte er aufmerksam, wenn von irgendwo aus der dick verschneiten Landschaft die Laute eines anderen Tieres herüberklangen. Die Bergwildnis war voll von Stimmen, fremden Stimmen, von fern und nah. Und von Geräuschen, seltsamen, unheimlichen Geräuschen.
Das ferne Rauschen des Wasserfalls oberhalb der Talschlucht, wo der Bergbach über eine schroffe Felsklippe sprang, tönte Tag und Nacht. Die Äste der Bergfichten unweit der Baumhöhle knackten unter der Last des Schnees. Manche brachen ab und stürzten krachend zu Boden. An stürmischen Tagen heulte der Wind durch die Baumwipfel, ließ die Eiszapfen klirren. Und wenn die Sonne ins Geäst schien, tropfte es von den Zweigen. Doch in das kalt glitzernde Weiß draußen vor der Wurfhöhle traute Palu sich noch nicht.
Palus erster Ausflug
Einen Monat später wurde Palu schon mutiger. Zwar war er immer noch reichlich wackelig auf den Beinen und krabbelte lieber am Boden der Wurfhöhle herum, aber allmählich lernte er laufen. Nur war in dem hohlen Baumstumpf nicht viel Platz. Und wenn seine Mutter auf Nahrungssuche ging, blickte er ihr unschlüssig nach.
An einem sonnigen Wintertag, als der Atemhauch gleich einer kleinen Wolke in der klaren Luft stand, wagte Palu sich zum ersten Mal hinaus in die unbekannte Welt vor der bergenden Baumhöhle. Unbeholfen tappte er hinter seiner Mutter her.
Sehr weit lief er aber nicht. Mit seinen kurzen Beinen versank er bis weit über seinen kleinen Bauch im tiefen Schnee. Und Schneekristalle hafteten auf seiner schwarzen, feuchten Nase. Das fühlte sich kalt an. Unwirsch leckte er mit der Zunge darüber. Doch der Schnee schmeckte ihm nicht.
Palu fand das alles hier draußen sehr unheimlich. Und er quiekte ängstlich.
Die Bärin blieb stehen und blickte sich nach ihm um. Sie hatte Hunger, großen Hunger. Aber allein lassen wollte sie ihr Kind nicht mitten im Schnee. Fürsorglich lief sie zu Palu zurück, um ihn zu holen.
Darauf schien Palu nur gewartet zu haben. Kaum war seine Mutter bei ihm, kletterte er ihr hastig auf den breiten Rücken. Und die Bärin ließ es geschehen. Mit der leise schnaufenden Last auf ihrem dicken Pelz stapfte sie weiter.
Palu fühlte sich hoch auf ihrem Rücken schon viel wohler. Hier oben spürte er nichts vom Schnee; außerdem war das weiche Fell seiner Mutter schön warm an seinem Bauch. Nur wenn ein tief hängender Zweig ihn streifte, rieselte es weiß und kalt auf seinen Pelz. Doch das störte ihn nicht. Und mit neugierigen Blicken betrachtete er die im Sonnenlicht hell schimmernde Landschaft.
Sehr lange aber dauerte sein Ritt nicht. Das Bambusdikkicht lag nur ein kurzes Stück entfernt vom Wurfplatz. Und seine Mutter brauchte zwischen den vom Herbst noch frischen Bambuszweigen nicht lange zu suchen. Als sie einen Zweig mit zarten Blättern geschickt zwischen ihre Vorderpfoten nahm, setzte sie sich zum Essen gemütlich auf ihr Hinterteil. Und Palu rutschte sehr plötzlich von ihrem Rücken herunter. Unverhofft lag er wieder im Schnee.
Palu quiekte verdutzt. Aber es war nur vor Schreck, er war ja weich gefallen. Von seiner schwarzweißen Fellfärbung war kaum noch etwas zu erkennen. Fast völlig mit Schnee gepudert, wirkte er so weiß wie ein junger Eisbär. Und mit seiner kleinen Pfote wischte er sich unwirsch den feuchten Schnee von Augen und Nase.
Jetzt sah er wieder etwas besser. Und was er sah, interessierte ihn. Neugierig beobachtete er seine Mutter, wie sie bequem im Schnee sitzend einen Bambuszweig nach dem anderen zu sich herunterzog, die frischen Blätter abstreifte und geruhsam kaute.
Allmählich aber wurde es Palu zu langweilig. Auf Bambus hatte er noch keinen Appetit. Und der pulvrige Schnee begann ihm Spaß zu machen. Verspielt rollte er sich darin herum, schlug einen Purzelbaum und noch einen zweiten. Und dabei landete er auf einem vom Schnee verdeckten harten Gegenstand. Eifrig wühlte er das Ding aus dem Schnee, daß es nur so staubte, bekam etwas Hölzernes zwischen die Pfoten. Es war ein abgebrochener trockener Bambusstengel vom Vorjahr. Und eine Weile spielte er damit.
Inzwischen hatte seine Mutter allen Bambus in erreichbarer Nähe ihres Sitzplatzes aufgefuttert. Gemächlich stand sie auf, leckte sich die Schnauze und die Pfoten sauber und trottete weiter. Nur lief sie nicht zurück zur Baumhöhle, sie lief in entgegengesetzter Richtung.
Glitschiges Geröll
Ein leichter Wind strich durch die Stengel, wehte Palu Schnee ins Gesicht. Palu zögerte. Weiterlaufen gefiel ihm gar nicht. Seine kleinen Pfoten wurden allmählich kalt. Er hatte jetzt genug vom Schnee. Doch wohl oder übel stapfte er hinter seiner Mutter her. Dabei versuchte er, in ihre breit ausgeformten Spuren zu treten. Aber das schaffte er nicht. Dazu war er noch zu klein.
Mit einem Mal lichtete sich das Bambusdickicht. Die Wintersonne schien grell auf die flimmernde Schneedecke. Und nahe dem Felshang flimmerte noch etwas anderes, bewegte sich rasch in kleinen Wellen. Das Rauschen, das Palu schon in der Baumhöhle gehört hatte, wurde immer lauter. Und genau darauf lief seine Mutter zu.
Palu schnaufte verwirrt. Das Geräusch ängstigte ihn, doch es reizte auch seine Neugier. Und die Gegenwart seiner Mutter nahm ihm etwas von seiner Angst. Mit hastig tapsigen Schritten suchte er ihre Nähe.
Er war nur noch ein kurzes Stück von ihr entfernt, da blieb sie stehen, dicht am Ufer des Bergbaches, nur wenige Meter unterhalb des donnernd herabstürzenden Wasserfalls. Sprühender Wasserstaub glitzerte im Sonnenlicht, wölbte sich zu einem bunt schillernden Regenbogen. Darunter schimmerte schwarz vor Nässe das dunkle Gestein der Felsklippe.
Durstig trat die Bärin über den Rand des Ufers. Und ohne sich um den furchtsam herantappenden Palu zu kümmern, trank sie von dem eisigen Wasser.
Palu verharrte wie angewurzelt. Wasser hatte er noch nie gesehen in seinem Leben: so viel Wasser, so viel lärmendes Wasser. Und seine Mutter stand mitten in dem Lärm und Geplätscher und schmatzte behaglich.
Das reizte Palu. Neugierig näherte er sich dem Bachufer, hob seine kleine Pfote und patschte in die glitzernde Flüssigkeit. Aber nur einmal. Ein paar Spritzer trafen seine Nase, naß und sehr kalt.
Erschrocken zog Palu seine Pfote zurück. Doch auf den eisüberzogenen Ufersteinen war es glatt. Taumelnd verlor Palu das Gleichgewicht, rutschte nach vorn, immer weiter nach vorn. Und mit allen vier Pfoten hilflos durch die Luft fuchtelnd klatschte er ins Wasser.
Einen Augenblick später war seine Mutter schon über ihm, packte ihn mit den Zähnen vorsichtig am Nackenfell und setzte ihn in den Schnee. Palu schnappte nach Luft, schüttelte sich spritzend das Wasser aus seinem Pelz. Baden behagte ihm gar nicht.
Das schien auch seine Mutter zu wissen. Eilig scheuchte sie ihn zur Wurfhöhle, umschloß ihn fürsorglich mit ihren pelzigen Armen. An ihrem weichen Bauch wurde ihm allmählich wieder warm. Und müde schloß er die Augen.
Dämmerung umhüllte die schlafenden Pandas in der schützenden Baumhöhle. Und weit unten im Tal erklang von fern das Geheul der Wölfe.
Fremde Gestalten
Schneeflocken wirbelten aus grauen Wolken, verhüllten die Landschaft. Berge und Täler versanken unter einer dicken weißen Decke. Seit Tagen schon blieb die Sonne verborgen. Und selbst gegen Mittag drang nur ein trübes Dämmerlicht bis in die Höhlung des Baumstumpfs.
Palu gähnte schläfrig, wollte weiter dösen im warmen Dunst. Doch etwas störte ihn: ein bohrendes Hungergefühl. Sein kleiner Magen knurrte vernehmlich. Noch träge vom Schlaf wälzte er sich herum und suchte zwischen dem dichten Fell seiner Mutter nach Milch. Und er trank gierig.
Er brauchte lange, bis er satt wurde, brauchte jeden Tag mehr. Und seine Mutter hielt geduldig still. Kaum aber rollte er sich zufrieden zur Seite, um in ihren Armen weiterzuschlafen, schob sie ihn behutsam von sich weg und stand auf. Auch sie hatte Hunger, Und schmackhaftes Futter fand sie nur im nahen Bambusdickicht.
Unwirsch blinzelte Palu in den trüben Tag. Allein bleiben wollte er nicht. Mißmutig rappelte er sich auf und folgte seiner Mutter, tappte mühsam durch den tiefen Schnee. Diesen Weg kannte er schon.
Nur sah das Bambusdickicht heute ganz anders aus. Die Schneelast hatte den oberen Teil der Stengel niedergedrückt. So waren dschungelartige Gänge entstanden, dick überzogen mit verharschtem Schnee. Und ehe Palu herankam, verschwand die Pandabärin in einem der verschneiten Gänge.
Palu schnaufte. Bevor seine Mutter nicht satt war, würde sie nicht wieder herauskommen. Das wußte er inzwischen.
Sie futterte immer ungeheure Mengen. Und erkennen konnte er sie nicht. Ihr schwarzweißes Fell war eine gute Tarnung im Dämmerschatten zwischen Schnee und Bambus.
Schnuppernd senkte Palu seine Nase. Gerade wollte er den tief eingedrückten Spuren folgen, da hörte er ein eigenartiges Geräusch. Ein Stück entfernt am Rand des Bambusdickichts bewegte sich etwas, kaum erkennbar im Schneetreiben. Es war ein Schneehuhn, das hastig aufflatterte.
Neugierig beobachtete Palu den abstreichenden Vogel. Und unweit darunter im hohen Schnee entdeckte Palu noch etwas anderes, viel größeres. Und das sah bedrohlich aus.
Mit seinem plumpen, mit gelblichen langen Haaren dicht bewachsenen Körper und seinen kurzen Beinen wirte das massige Tier von hinten wie ein gewaltiger Bär. Aber es war kein Braunbär; die hielten Winterschlaf. Und als das fremdartige Tier seinen großen Kopf mit der Ramsnase ihm plötzlich zuwandte, erkannte Palu die beiden spitzen Hörner.
Es war ein Takin, ein alter, einzelgängerischer Takinbulle. Auch der Takin hatte den jungen Panda entdeckt.
Palu bekam einen mächtigen Schreck. Ein so riesiges Tier war ihm noch nie begegnet. Und er hatte keine Ahnung, daß der Takin sich auch nur für Bambus interessierte. So schnell Palu mit seinen kleinen Beinen in dem hohen Schnee laufen konnte, rannte er in das Bambusdickicht. Und erst als er seine Mutter gemächlich futternd zwischen dem Bambus sitzen sah, stoppte er seinen Lauf.
Schwer atmend setzte Palu sich neben sie, schmiegte sich an ihren weichen Pelz. Bei ihr fühlte er sich sicher. Immer wieder aber blickte er ängstlich zurück. Aber es war nichts zu erkennen. Und es war auch nichts zu hören. Das verschneite Bambusdickicht verschluckte jedes Geräusch von draußen. Und das behagliche Schmatzen seiner Mutter wirkte beruhigend.
Endlich schien die Bärin genug zu haben. Ohne große Eile erhob sie sich von ihrem Sitzplatz im Schnee, leckte sich sauber und danach Palu zärtlich über die Nase und stapfte auf ihrer Fährte zurück. Und Palu blieb dicht hinter ihr, suchte ihren Schutz. Er hatte immer noch Angst vor dem großen fremden Tier.
Als sie das Bambusdickicht verließen, blickte Palu furchtsam in die Richtung, wo er das mächtige gehörnte Wesen vorhin gesehen hatte. Doch der Takin war inzwischen ein Stück weiter gewandert; er stand halb verdeckt hinter einer kleinen, kahlen Birkengruppe nahe dem Bachufer. Und die Bärin lief wie üblich hinunter zum Bach.
Mit einem Mal hob sich im Schneetreiben ein dunkler Schatten ab. Der Takin trat hinter den Birken hervor und musterte mißtrauisch die beiden heranstapfenden Pandabären, beruhigte sich aber gleich wieder.
Auch die Bärin warf nur einen kurzen Blick auf die massige Gestalt und trottete unbeirrt weiter. Sie kannte den alten Takinbullen. Schon lange lebte er mit ihr im gleichen Revier, auch wenn sie sich selten begegneten. Sie störten einander nicht. Und Bambus gab es hier für beide genug.
Gemächlich zogen die beiden Pandabären an dem Takin vorbei. Jetzt begriff Palu, daß von dem fremden Tier keine Gefahr drohte. Und andere Gefahren kannte er noch nicht, außer dem kalten Wasser am Bach. Doch diesmal verhielt Palu sich vorsichtiger.
Kaum spürte er unter der frischen Schneedecke die vereisten Steine, blieb er stehen. Aus sicherem Abstand sah er zu, wie seine Mutter rutschend und schlitternd über das eisglatte Ufer tappte. Und als sie mit den Vorderpfoten ins Wasser platschte und Palu ein paar Spritzer abbekam, zog er sich unwirsch quiekend einige Schritte zurück.
Mit einem Schnaufer setzte er sich in den Schnee und wartete. Sein kleiner Magen knurrte. Und die scharfe Schneeluft machte Durst. Aber Palu wußte inzwischen: Milch gab es erst wieder in der Baumhöhle.
Der Schneeleopard
Die Winter am Ostabhang des Himalaja dauerten lang. Zwar schirmten die hohen Bergketten die eisigen Nordwinde vom Lebensraum der Pandas ab, und es wurde selten kälter als minus zwölf Grad, aber durch die hohe Luftfeuchtigkeit schneite es fast ununterbrochen. Und täglich wuchs die dichte Schneedecke.
Für Palu wurden die Ausflüge im tiefen Schnee immer mühsamer. Meist machte er es sich in der Baumhöhle bequem und ging nur einmal am Tag mit hinaus.
Inzwischen kannte er den Tagesrhythmus seiner Mutter. Sie stand morgens früh auf, noch im Dunkeln, suchte ihr Bambusfrühstück und kam erst nach Tagesanbruch zurück. Danach gab sie ihm seine Morgenmilch, spielte ein wenig mit ihm und schlief eine Weile, bis sie wieder Hunger bekam und Futter suchte. Nach ihrer Rückkehr bekam er wieder Milch, und sie hielten gemeinsam Mittagsschlaf. Am Nachmittag ging er dann meist mit ihr, ziemlich lange, spielte mit ihr, und sie futterte, oft bis nach Einbruch der Dunkelheit. Und nach dem Milchtrinken und Spielen und Dösen lief sie wieder hinaus zum Futtern. Und erst weit nach Mitternacht legte sie sich endlich zum Schlafen nieder.
Nur wenn sie zu lange fortblieb, wurde Palu ungeduldig. Er wartete nicht gern auf seine Milch. Und er wollte spielen, möglichst nicht allein. Und mitunter wurde es ihm in der einsamen Baumhöhle zu langweilig.
An diesem Morgen war die Bärin auch reichlich spät zurückgekommen, hatte fürsorglich seinen Hunger gestillt und war bald darauf eingeschlafen. Auch Palu hielt seinen mittäglichen Verdauungsschlaf, wurde aber schon bald wieder munter. Gelangweilt spielte er mit seinen Zehen und kratzte sich unter der Fußsohle.
Durch seine Unruhe fühlte die Bärin sich offenbar gestört. Noch schläfrig reckte sie ihre Glieder und gähnte. Endlich erhob sie sich von ihrem Lager, ließ Palu ausgiebig trinken und streckte ihren Kopf aus der Baumhöhle.
Im Moment schneite es nicht mehr. Und das reizte Palu. Als seine Mutter träge in die fahle Wintersonne hinausstapfte, folgte er unternehmungslustig ihren Spuren. Tolpatschig schlug er ein paar Purzelbäume im Schnee. Das machte ihm Spaß. Dann hastete er weißgepudert wie ein kleiner Eisbär eilig hinter ihr her.
Nur kam er in dem tiefen Schnee nicht so schnell vorwärts. Allmählich vergrößerte sich der Abstand zu seiner Mutter, obwohl sie zwischendurch ein paarmal ihre Markierungen auf die frische Schneedecke setzte. Und sie stapfte zielstrebig dem nahen Bambusdickicht zu.
Mit einem Mal spürte Palu, daß da noch etwas anderes war. Er witterte einen unbekannten Geruch. Etwas Fremdes lauerte in der Nähe. Beunruhigt blickte er sich um, konnte aber nicht gleich etwas erkennen. Die große, im Schnee kauernde Gestalt am Berghang verschwamm fast in der weißen Landschaft. Erst als sie sich bewegte, erkannte Palu eine Vielzahl gleitender dunkler Tupfen auf weißlichem Fell.
Dieses eigenartige Tier interessierte Palu. Er hatte ja noch keine bösen Erfahrungen gemacht. Auch der große, gehörnte Takin hatte sich ja als harmlos erwiesen. Und dieses seltsam gemusterte Tier dort wirkte fast so weiß wie ein mit Schnee behafteter Pandabär.
Gerade wollte Palu neugierig darauf zutappen, da hörte er hinter sich ein deutlich vernehmbares Schnaufen. Die Bärin hatte sich nach ihrem säumigen Kind umgeschaut und war zurückgerannt, um es zu holen. Und als sie merkte, daß Palu seine Richtung änderte, steigerte sie ihr Tempo. So gemächlich Pandas sich sonst bewegen, bei Gefahr erreichen sie beachtliche Geschwindigkeiten. Und Palus Mutter witterte Gefahr. Hinter sich eine stäubende Schneewolke, aufgewirbelt von ihren Tatzen, preschte die Bärin heran.
Jetzt erkannte sie den Grund von Palus Richtungswechsel. Was Palu in seiner Unerfahrenheit für einen fremden Panda gehalten hatte, war etwas äußerst Gefährliches: ein Schneeleopard, fast einundeinhalb Meter groß, mit breiten, kräftigen Pranken und einem scharfen Gebiß. Im Sommer lebten Schneeleoparden in höheren Bergregionen, kamen bei Futtermangel im Winter aber auch in tiefere Lagen. Und gegen Schneeleoparden waren kleine Pandakinder völlig wehrlos. Doch das wußte Palu noch nicht.
Die Bärin zögerte keinen Augenblick. Mit einem raschen Biß packte sie Palu am Nackenfell. Palu quiekte erschrocken, hielt aber ganz still. Und durch den tiefen Schnee schleppte sie Palu zur schützenden Baumhöhle, legte ihn ab und schubste ihn hinein.
Mit dumpfem Knurren wandte sie sich um. Sie wußte, daß der Schneeleopard ihr mit einigem Abstand folgte. Drohend stellte sie sich auf die Hinterbeine und hob ihre Pranken. Und ihr Gebrüll klang furchterregend.
Unschlüssig blieb der Schneeleopard stehen. Junge und kranke Pandas waren für ihn eine leichte Beute. Mit erwachsenen Pandas aber konnte er es nicht aufnehmen, zumal mit einem Muttertier, das seine Jungen kampfkräftig verteidigte. Unwillig knurrend drehte er ab und verschwand am Berghang zwischen den verschneiten Fichten.
Verstört hockte Palu in der Baumhöhle, äugte furchtsam an der aufrecht stehenden Bärin vorbei nach draußen. Und er begann zu begreifen, daß seine Mutter ihn vor einer großen Gefahr bewahrt hatte.
Grunzen im Bambuswald
Vom Wald her wehte ein lauer Wind. Aufmerksam schob die Bärin ihre Nase ins Freie und schnupperte. Es roch nach Tauwetter. Von den noch froststarren Zweigen begann es zu tropfen. Und mitunter knackte es in den Ästen, wenn sich eine Schneelast löste und zu Boden platschte.
Hinter ihr in der Baumhöhle verlangte Palu energisch nach Milch, stupste sie hungrig von der Seite. Und auch er spürte, daß etwas anders war heute. Als er getrunken hatte, drängte er noch vor seiner Mutter hinaus.
Palu war nun mehr als fünf Monate alt, war größer und kräftiger geworden. Und trotz seines watschelnden Ganges war er recht schnell auf den Beinen. Er kannte das pulverige Weiß der langen Frosttage, hatte sich daran gewöhnt. Heute aber war auch der Schnee anders.
Das merkte er schon nach wenigen Schritten. Der Schnee stäubte nicht mehr, haftete vielmehr in dicken Klumpen an seinem Bauchfell. Und tief sanken seine kleinen Tatzen in den wäßrigen Pappschnee. Nur mühsam kam er vorwärts. Und seine Pfoten wurden naß.
Nach Tagen mit grau verhangenem Himmel brach mitunter Sonne durch treibende Wolkenfetzen, schimmerte es dazwischen in mattem Hellblau. Und wo ein Sonnenstrahl auf den verschneiten Berghang fiel, glitzerten die schmelzenden Eiskristalle im grellen Licht.
Neugierig tappte Palu auf einen Sonnenfleck im Schnee zu, steckte seine kleine Nase hinein. Aber das war auch nur naß und kalt. Nur auf seinem Rückenpelz spürte er die Wärme. Und die Helligkeit machte ihn munter.
Seit der Begegnung mit dem Schneeleoparden war Palu vorsichtiger geworden. Jetzt achtete er darauf, daß der Abstand zu seiner Mutter nie zu groß wurde. Zwar waren die meisten Tiere im Pandarevier harmlos, aber eben nicht alle. Und hier in den tieferen Regionen des mächtigen Bergmassivs, in die sich im Winter viele Tiere zurückzogen, gab es neben Schneeleoparden auch Schakale und Wölfe. Und im Frühling beendeten auch die Braunbären ihren Winterschlaf und gingen ausgehungert auf Futtersuche. Das alles mußte Palu erst lernen.
Aber seine Mutter achtete sorgsam auf verdächtige Geräusche. Sie kannte die Stimmen, kannte die Gerüche, die Markierungen gefährlicher Tiere. Und sie wußte auch die Warnsignale anderer Tiere zu deuten.
Im Augenblick drohte keine Gefahr. Nur ein paar Meisen flatterten aus dem Geäst eines Ahornbaumes, als sich ein Eichhörnchen mit flinken Sprüngen näherte. Irgendwo im Mischwald am Hang jenseits des Bergbaches hämmerte ein Specht auf morsches Holz. Und das Rauschen des Wasserfalls dröhnte heute lauter als sonst, angeschwollen vom Tauwasser.
Doch die Bärin lief erst in Richtung Bambuswald, Palu dicht hinter ihr. Mit einem Mal zögerte sie, schnupperte an zertretenen Spuren im matschigen Schnee und hob lauschend ihren Kopf. Aus dem Bambuswald drang ein Grunzen herüber, ein dumpfes Grunzen, vermischt mit hellstimmigem Quieken. Und irgend etwas trampelte lautstark zwischen dem Bambus herum.
Auch Palu war erschrocken stehengeblieben, beruhigte sich aber gleich wieder. Seine Mutter schienen die seltsamen Geräusche nicht zu stören. Gemächlich stapfte sie weiter, drang unbeeindruckt in das Bambusdickicht.
Plötzlich raschelte es zwischen Blattwerk und verholzten Stämmen. Eine massige Gestalt mit graubraun-borstigem Fell hob ihre langgestreckte Schnauze und blickte die beiden Pandas aus dunklen Augen prüfend an. Und hinter ihr hoben zwei etwa einjährige Jungtiere ihre kleinen Rüssel vom Boden und schnüffelten. Es waren Wildschweine, eine Mutterbache mit ihren vorjährigen Frischlingen, die als Allesfresser im tauenden Schnee ihren Hunger mit Bambus stillten. Palu stutzte. Die beiden Kleinen mit ihren neugierig zu ihm herüberschnüffelnden Rüsseln interessierten ihn. Und ihr Quieken klang ihm vertraut. Doch näher wagte er sich nicht. Im Gegensatz zu den geselligen Wildschweinen sind Pandas ausgesprochene Einzelgänger. Seine natürliche Scheu hielt Palu davon ab.
Einige Sekunden lang kreuzten sich die Blicke der beiden Muttertiere, dann hatten sie sich verständigt. Beide Mütter wollten nur ihre Jungen vor Gefahren bewahren. Aber hier gab es keine Gefahr. Pandabären sind friedliche Wesen; das wußten die Wildschweine. Und Wildschweine zählten nicht zu den Gegnern der Pandas. Der Bambus hier reichte für alle.
Leise grunzend senkte die Mutterbache ihren Rüssel und begann im Wurzelwerk zu wühlen, suchte nach Würmern und Käfern.
Auch die Kleinen futterten weiter, kümmerten sich im Schutz ihrer Mutter nicht mehr weiter um die beiden Pandas.
Palus Mutter stapfte gemächlich tiefer ins Dickicht. Erst ein ganzes Stück entfernt setzte sie sich außer Sichtweite bequem auf ihr Hinterteil, griff sich ein paar Stengel und mampfte Unmengen von Bambusblättern. Und Palu trottete folgsam hinter ihr her.
Nur für Palu waren die älteren Blätter und Stengel vom Vorjahr noch viel zu hart. Aber er sah aufmerksam zu, wie seine Mutter mit ihren beweglichen Vordertatzen die Bambusstengel geschickt wie mit einer Zange faßte.
Spielerisch versuchte er das auch, lernte wie alle Tiere im Spiel. Doch so ganz gelang ihm das noch nicht. Dazu war er noch zu tolpatschig. Und außerdem mochte er noch immer lieber Milch.
Frühling
Das änderte sich erst mit dem beginnenden Frühling. Zwar überzog mitunter noch Nachtfrost die Zweige mit pelzigem Rauhreif, doch die warmen Südwinde ließen die Schneedecke von Tag zu Tag mehr zusammenschmelzen. Der verharrschte Schnee wurde dünn und pappig. Selbst unter den letzten Schneeinseln zeigten sich schon junge Grasspitzen. An den Talhängen wurde es wieder grün. Nur oben auf den hochragenden Berggipfeln jenseits der Baumgrenze blieb der Schnee.
Neugierig blickte Palu auf die veränderte Landschaft. Und wenn die Morgennebel der wärmenden Sonne wichen, tobte er verspielt durch die hellen Lichtstrahlen.
Nur lief es sich in dem vom Tauwasser aufgeweichten Erdreich auch nicht leichter als im pappigen Schnee. Mit seinen kurzen Beinen landete Palu trotz seiner scharfen Krallen mitunter in einem glitschigen Loch. Schlamm spritzte hoch. Und sein weißer Pelz bekam schmutzige Flecken.
Doch das kümmerte ihn nicht. Übermütig rannte er vor seiner Mutter her zum Bambuswald. Diesen täglichen Weg kannte er. Und er kannte ihre Gewohnheiten, ihre bedächtige Auswahl der Bambusblätter.
An einem sonnigen Frühlingstag aber verhielt sie sich im Bambusdickicht anders als gewohnt. Die verzweigten Spitzen an den stammartigen Stengeln, die sie sonst immer nahm, interessierten sie offenbar nicht. Unentwegt suchte sie zwischen dem dichten Bambusgewirr und bog die Halme auseinander. Sie suchte etwas anderes. Und sie brauchte eine ganze Weile, bis sie es fand.
Geduldig stapfte Palu durch den Bambushain hinter ihr her. Endlich setzte die Bärin sich hin, griff nach etwas direkt vor ihr.
Es war auch Bambus, aber ganz frischer, ein gerade aus dem Boden gewachsener junger Bambusschößling. Geschickt faßte sie den Schößling mir ihren Vordertatzen und brach ihn ab. Dabei streifte sie die papierähnliche Hülle am Knoten mit den Zähnen herunter wie eine Bananenschale. Und genießerisch schmatzend verspeiste sie den saftigen Jungtrieb.
Das machte Palu neugierig. Was seine Mutter da futterte, war offensichtlich sehr schmackhaft. Und Hunger hatte Palu eigentlich immer. Aufmerksam beobachtete er seine Mutter, wie sie weitersuchte. Und eifrig begann auch er im Bambusgewirr herumzuwühlen.
Doch so einfach war das gar nicht. Selbst für seine Mutter schien es nicht leicht, im dichten Bambusgebüsch die zarten Schößlinge zu entdecken. Und Palu war noch völlig unerfahren. Er mußte lange suchen. Oft erwischte er nur einen abgebrochenen Halmstrunk vom Vorjahr. Aber der war ungenießbar und holzig. Und es war mehr ein Zufall, als er schließlich auf einen Schößling stieß.
Noch ziemlich unbeholfen packte er den schmalen Trieb mit seinen kleinen Pfoten, wie er es bei seiner Mutter gesehen hatte. Hungrig knabberte er daran herum. Zwar bekam er erst die papierartige Hülle zwischen die Zähne, spürte dann aber den fleischigen Innenteil. Und der schmeckte ihm, schmeckte ihm fast so gut wie Milch: zart und saftig.
Palu mampfte und schmatzte. Er war auf den Geschmack gekommen. Und von diesem Geschmack konnte er gar nicht genug kriegen.
Manchmal warf die Bärin ihm einen Blick zu. Sie wußte, daß Palu sich neben der Milch jetzt an feste Nahrung gewöhnen mußte, um selbständig zu werden. Und er brauchte kräftiges Futter, reich an Nährstoffen und Kohlehydraten. Dazu gab es kaum Besseres als junge Bambusschößlinge. Und sie war zufrieden, daß Palu endlich seine Zähne benutzte. Alt genug war er dafür.
Stundenlang blieben die beiden im Bambuswald, suchten und futterten. Zwischendurch dösten sie ein bißchen eng aneinandergeschmiegt im Dickicht, standen auf und futterten an einer anderen Stelle weiter.
Palu lernte ziemlich schnell. Es machte ihm offensichtlich Spaß. Und er wurde satt dabei.
Nur einmal scheuchte er zwischen den Wurzeln eine Bambusratte auf und ließ vor Schreck einen gerade entdeckten frischen Schößling fallen. Doch als sie quiekend flüchtete, nahm er seinen Schößling wieder auf.
Inzwischen war es spät geworden. Allmählich hatten die beiden ihren Hunger gestillt, knabberten nur manchmal noch einen jungen Trieb. Und gemächlich trotteten sie hinaus zum offenen Hang.
Noch schien die Sonne, aber von Norden her bezog sich der Himmel. Graue Wolken verdeckten die letzten Sonnenstrahlen, ließen die verschneiten Gipfel der Qionglai-Berge verschwinden. Es wurde dämmrig im Tal. Und aus einer düsteren Wolkenwand begann es zu regnen.
Verdutzt starrte Palu in die Luft. Regen hatte er noch nie erlebt. Wasser von oben war neu für ihn. Und der Regen wurde heftiger, prasselte in dicken Tropfen auf sein Fell, ließ platschende Blasen auf den überschwappenden Taupfützen tanzen.
Palu fühlte sich unbehaglich. Und er wollte gleich den Rückweg zur Baumhöhle einschlagen. Doch seine Mutter lief erst hinüber zum Bergbach. Palu mußte warten, im strömenden Regen.
Erst als sie ihren Durst am klaren Wasser gelöscht hatte, folgte sie ihm ins Trockene.
Wasser statt Milch
Es regnete tagelang. Die Wälder dampften von Feuchtigkeit. Und die Landschaft versank in düsterem Grau. Selbst in der wettergeschützten Baumhöhle roch es nach nassem Pelz.
Mißmutig blickte Palu hinaus auf den regentriefenden Berghang. Zwar bekam er noch immer seine Milch, doch immer stärker wuchs sein Appetit auf frische Bambusschößlinge. Und seine Mutter ließ sich auch vom Regen nicht abhalten. Energisch scheuchte sie Palu zum Bambuswald.
Inzwischen nieselte es nur noch. Aber das fand Palu auch nicht angenehmer. Der Wind hatte gedreht, wehte nun von der Talschlucht her. Die Wolken vom Süden brachten warmen Regen. Palus Deckhaar glitzerte von winzigen Wassertröpfchen. Und er schüttelte sich wie ein nasser Hund.
Doch darunter blieb er trocken. Pandas besitzen ein dickes fetthaltiges Fell, das sie vor extremen Wetterbedingungen schützt. Palu merkte bald, daß nur seine kleinen Pfoten naß wurden, wenn er in Pfützen trat. Und Palu tapste sehr oft in Pfützen.
Im Bambuswald vergaß Palu den Regen, spürte nur noch Hunger. Überall zwischen den verholzten Halmen vom Vorjahr trieben jetzt junge Schößlinge aus dem nassen Boden. Palu brauchte nicht mehr lange zu suchen. Und er benahm sich längst nicht mehr so tolpatschig beim Futtern.
Geschickt nahm er einen Schößling zwischen die Vorderpfoten, benutzte seine Tatzen wie Hände, hielt dabei den Trieb mit seinem sechsten Finger fest - seinem Pandadaumen. Damit konnte er das Futter nach Affenart umgreifen. Und allmählich gelang ihm das immer besser.
Nach dem Bambus aber verlangte Palu seine Milch. Ungeduldig stupste er seine Mutter gegen den Bauch. Doch die Bärin leckte ihm nur freundlich über die Nase, stand auf und lief zum Bergbach. Wohl oder übel mußte Palu folgen.
Gemächlich zottelte er hinter ihr her über den glitschigen Hang. Manchmal wich er von ihrer Spur ab und schnupperte. Im Frühling roch alles anders. Die fremden Gerüche reizten ihn. Besonders unter einer Gruppe junger Fichten roch es sehr aufregend. Und es roch ganz frisch. Nur war nirgendwo ein Tier zu sehen.
Palu setzte erst einmal seine Markierung unter die Fichten. Dabei hörte er ein merkwürdiges Knuspern: von irgendwo oben. Neugierig blickte er hoch in die Wipfel. Und jetzt sah er, was da knusperte. Auf einem der Fichtenzweige hockte ein zierliches Eichhörnchen mit dunkelbraunem Fell und knabberte an einem Fichtenzapfen. Und das interessierte Palu.
Kleine Tiere waren ungefährlich, das wußte er inzwischen. Und auf Bäume zu klettern, reizte ihn schon lange. Pandas sind geschickte Kletterer, sie brauchen es nicht erst zu lernen. Klettern ist ihnen angeboren. Nur wagen müssen sie es. Und Palu wagte es.
Noch etwas tapsig stellte er sich auf die Hinterbeine, umkrallte mit den Vordertatzen den rauhen Stamm und zog sich hoch, ganz langsam. Und er kletterte weiter, bis zum ersten Ast. Hier mußte er erst mal verschnaufen.
Das Eichhörnchen knusperte inzwischen ruhig weiter. Es wußte aus Erfahrung, daß Pandas zwar klettern können, aber keine Eichhörnchen jagen. Unbekümmert warf der kleine Nager eine leergeknabberte Zapfenspindel nach der anderen herunter, dicht vorbei an Palus Sitzplatz auf dem Ast.
Palu sah aufmerksam zu. Doch plötzlich streifte eine der weggeworfenen Spindeln sein rechtes Ohr. Das tat zwar nicht weh, aber Palu erschrak. Er quiekte ängstlich. Und so schnell er konnte, machte er sich rückwärts an den Abstieg.
Als Palu vorsichtig am Stamm hinunterguckte, sah er unten seine Mutter stehen. Die Bärin hatte sein Quieken gehört und war zurückgelaufen. Besorgt betrachtete sie Palus Kletterei. Und als er unten war, bekam er einen Klaps aufs Hinterteil. Für selbständige Ausflüge war Palu noch zu klein.
Folgsam blieb er jetzt in ihrer Nähe, auch wenn es noch so aufregend roch. Die Bärin jedoch schien sich nicht für fremde Gerüche zu interessieren. Sie hatte die Spuren als harmlos erkannt. Und sie hatte Durst.
Allmählich näherten sich die beiden Pandas dem Wasserfall. Donnernd rauschte der Bergbach in die Tiefe. Sprühender Wasserstaub mischte sich mit dem Nieselregen. Und das Tosen des stürzenden Wassers verschlang jedes andere Geräusch.
Diesmal trank die Bärin ein Stück weiter unten am Bach. Hier floß das Wasser ruhiger in einem felsigen Bett, plätscherte murmelnd über rundgeschliffenes Geröll.
Nur Palu zögerte. Heute hatte er keine Milch bekommen nach seiner Bambusmahlzeit, zum ersten Mal keine Milch. Und er spürte Durst, großen Durst. Unschlüssig starrte er auf die glucksenden Wellen.
Einmal noch stupste Palu seine Mutter fordernd gegen ihren Bauch. Doch die Bärin wehrte ihn unwillig ab. Palu mußte allmählich lernen, aus dem Bach zu trinken. So blieb ihm nur das Wasser.
Vorsichtig tunkte Palu seine kleine Schnauze in das seltsame Naß. Aber das war nicht warm wie Milch, das war kalt, eisig kaltes Schmelzwasser aus den Schneebergen. Und es prickelte kalt auf der Zunge.
Palu schluckte, trank in winzig kleinen Schlucken. Aber er trank, trank das klare Bergwasser. Es schmeckte, irgendwie anders, doch es schmeckte. Und es löschte seinen Durst.
Die Bambusratte
Die verschneiten Berggipfel schimmerten hell im Mittagslicht. Auf diesen hohen Gipfeln taute es nie, blieb der Schnee auch im Sommer. Darunter auf den Matten unterhalb der steinigen Steilhänge aber leuchtete es von frischem Grün, durchzogen von silbrigen Strängen glitzernder Gebirgsbäche. Nur ein paar zerfasernde Wolkenfetzen trieben auf halber Höhe um die Gipfel, warfen seltsam wandernde Schatten auf die schroffen Felswände.
Palu fühlte sich schläfrig. Er saß bequem am Rand des Bambuswaldes und wartete auf seine Mutter. Längst war er satt, den rundlichen Bauch gefüllt mit Bambussprossen. Er brauchte noch nicht so viel wie die Bärin. Und er genoß zufrieden dösend die Wärme der Sonne.
Mit einem Mal lauschte er aufmerksam, hob seine Nase schnuppernd in die klare Luft. Zwischen dem trockenen Bambusgestrüpp vom Vorjahr raschelte es verdächtig. Irgend etwas wuselte dort am Boden herum, gar nicht weit von seinem Ruheplatz. Und das Rascheln kam näher.
Neugierig wandte er seinen Kopf in die Richtung. Jetzt bekam er auch einen Duft in die Nase, einen fremden Duft. Doch in dem Gewirr aus alten Blättern und Stengeln war nichts zu erkennen, nur ab und zu eine rasche Bewegung im Laub. Danach herrschte wieder Stille.
Palu gähnte, lehnte sich müde wieder zurück. Er ließ sich nicht gern im Schlaf stören, vor allem, wenn er so vollgefuttert war wie jetzt. Und träge schloß er seine Augen.
Lange aber währte seine Ruhe nicht. Drüben am buschigen Rand des Mischwaldes hämmerte dröhnend ein Specht, unterbrach sich plötzlich und strich ab. Irgend etwas schien ihn gestört zu haben.
Palu blinzelte unwirsch ins Sonnenlicht. Trotz seiner Müdigkeit wurde er wachsam. Er hatte ein angeborenes Gespür für Gefahren. Und jetzt sah er, was den Specht offenbar zur Flucht veranlaßt hatte. Einige der Ahornwipfel neben dem abgestorbenen Hämmerbaum des Spechtes bewegten sich.
Dort standen einige Takins auf den Hinterbeinen und ästen die Blattknospen von den Zweigen. Es war eine ganze Herde, die auf ihrer Frühjahrswanderung in die höheren Gebirgsregionen hier durchzog. Leuchtend goldgelb schimmerte das Fell der beiden Bullen im Schein der Sonne, daneben silbrig glänzend das der zwei Kühe. Nur das Kalb im Halbschatten wirkte dunkler. Manchmal stießen sie mit ihrem Gehörn gegen die Äste. Und das hatte den Specht vertrieben.
Palu beruhigte sich wieder. Diese großen plumpen Hornträger mit dem zottigen Fell kannte er. Takins waren harmlose Pflanzenfresser. Von ihnen war nichts zu befürchten. Und wo Takins ästen, drohte auch sonst keine Gefahr.
Doch kaum war Palu wieder eingeschlafen, raschelte es erneut im Bambusdickicht, unweit der alten Stelle. Jetzt wurde Palu munter. Er wollte wissen, was da raschelte. Und diesmal sah er nicht nur eine Bewegung im trockenen Blättergewirr. Etwas Kleines huschte über den Boden, mit grauem Fell und spitzer Schnauze. Es war eine Bambusratte. Und sie war gerade dabei, einen Bambusschößling anzuknabbern.
Palu schnupperte erregt. Das war der Geruch von vorhin: Rattengeruch. Neugierig tappte er auf die Bambusratte zu. Doch sie war schneller als Palu. Raschelnd verschwand sie durch das Gestrüpp im Bambuswald.
In diesem Augenblick kam Palus Mutter von ihrer Bambusmahlzeit zurück. Und sie entdeckte die flüchtende Bambusratte, gerade als sie unter dem Blättergewirr entkommen wollte. Blitzschnell änderte sie ihre gemächliche Gangart. Und sie erwischte die Bambusratte mit ihrer Pranke, setzte sich hin und begann sie aufzufuttern.
Aufmerksam beobachtete Palu seine Mutter. Daß Bambusratten für Pandas genießbar waren, wußte er noch nicht. Doch offensichtlich schien sie der Bärin zu schmekken. Bedächtig verspeiste sie die Bambusratte samt den Haaren. Nur Palu hatte noch keinen Appetit auf Rattenfleisch.
Er wollte lieber wieder etwas Milch, die er ab und zu noch bekam. Und seine Mutter ließ ihn geduldig trinken, als er sie auffordernd stupste. Danach stapfte sie mit Palu zum Bach, um ihren Durst zu stillen.
Dabei bemerkte sie die Takinherde, die gerade den Bergbach überquerte und die Richtung zum Bambuswald einschlug. Sie wußte, was das bedeutete. Wo eine ganze Herde Takins äste, blieb bald nicht mehr viel Bambus übrig. Und sie selbst hatte mit Palu schon die meisten frischen Schößlinge abgegrast. Außerdem schätzte die scheue Pandabärin ihre Ruhe.
Es wurde Zeit, einen neuen Futterplatz zu suchen. Und Palu brauchte keine schützende Baumhöhle mehr. Groß genug war er inzwischen. Und er war auch kräftig genug für eine Wanderung in die Berge.
Als die Bärin sich sattgetrunken hatte, kehrte sie nicht mehr zur Wurfhöhle in dem alten Baumstumpf zurück. Und Palu tappte folgsam hinter ihr her.
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