Kitabı oku: «Ruscha, der Fischotter»

Yazı tipi:

Lothar Streblow

Ruscha, der Fischotter

SAGA Egmont

Ruscha, der Fischotter

Copyright © 1988, 2018 Lothar Streblow und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

All rights reserved

ISBN: 9788711807545

1. Ebook-Auflage, 2018

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach

Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

„Die Frage nach dem tierlichen Bewußtsein hat die Menschen schon immer gefesselt, weil Haus- und Wildtiere gleichermaßen unsere Bewunderung und Neugier erregen. Sie verlocken uns dazu, in ihre Haut zu schlüpfen und uns vorzustellen, wie ihr Leben sein mag.“

Donald R. Griffin

„Gefühle sind es, die alle Kreatur dazu drängt, etwas zu tun oder, wenn es ängstliche Stimmungen sind, etwas zu unterlassen.“

Vitus B. Dröscher

Am Oberen See

Ein lauer Maiwind kräuselte die weite Wasserfläche, bewegte sacht das Laub der Bäume am Seeufer. Im Schilfdickicht quakte ein Teichfrosch. Ein Bleßhuhn stieg schwerfällig platschend auf. Und ein Graureiher zog mit ruhig schwingendem Flügelschlag am blaßgrauen Himmel seeabwärts. Sonst war es still. Nur der kleine Waldbach, der unweit einer zerzausten Erle in den See mündete, plätscherte murmelnd über herabgeschwemmtes Gestein.

Langsam wich die Nacht dem beginnenden Morgen. Der Horizont bekam einen lichten Schimmer, ließ schon die Sonne ahnen. Aber noch stand der Mond als bleiche Kugel über dem See, warf einen milchigen Schein über das Wellengekräusel, bis die Dämmerung ihn löschte.

Nun verstummte der Teichfrosch. Zwei langgestreckte elegante Schatten umspielten sich unter Wasser, immer wieder, dann trennten sie sich, ein wenig zögernd. Und ein stumpfschnauziger dunkler Kopf mit enganliegendem Haarkleid durchfurchte die Seeoberfläche und tauchte wenige Meter neben der Mündung des Rautenbachs in die Tiefe.

Geschickt wand sich die Otterfähe in den von Unterwasserpflanzen spärlich umsäumten Höhleneingang, spürte Grund unter den Pfoten und glitt schräg aufwärts in den trockenen, weich ausgepolsterten Wohnkessel. Sie war satt, hatte gemeinsam mit ihrem Gefährten ein Teichhuhn und zwei Schermäuse gefangen und später noch einige kleine Fische. Zufrieden leckte sie sich mit der Zunge über die Schnauze. Dann ringelte sie sich sorgsam um ihre beiden schlafenden Jungen.

Dunkel und warm war es in der Höhle. Das winzige Wesen, das neben einem anderen Jungen in der engen Erdkammer lag, sah die Dunkelheit nicht. Seine Lider waren noch geschlossen. Aber es spürte die Wärme, die vertraute Geborgenheit. Und es spürte die Nähe der zurückgekehrten Mutter.

Leise begann Ruscha zu fiepen. Ihr Bettelruf klang wie der Piepslaut eines Hühnerkükens. Die Otterfähe verstand sofort. Aber noch ehe sie bereitwillig ihre Zitzen bieten konnte, spürte sie eine winzige Pfote tastend an ihrem Bauch. Und auch das andere Junge schob ihr drängend seine kleine feuchte Schnauze entgegen.

Plötzlich bekam Ruscha einen tapsigen Schlag auf die Nase. Ihr Bruder Silm war kräftiger als sie. Ungestüm rangelte er an der mütterlichen Milchquelle. Ruscha piepste ängstlich und wehrte Silms Pfote ab. Jetzt war der Weg frei. Endlich konnte sie in Ruhe trinken.

Sie trank lange. Die Milch schmeckte ihr. Sie fühlte sich wohl und wurde müde. Erschöpft ließ sie das Köpfchen sinken. Ihr Bruder trank noch immer, unersättlich und gierig. Und Ruscha schlief ein.

Doch da spürte sie eine feuchte Zunge in ihrem Gesicht. Und eine sanfte, große Pfote wälzte sie herum, während die Zunge über ihren kleinen Körper leckte. Ruscha mochte diese Zunge. Es war ein warmes, zärtliches Gefühl. Und als die Zunge schließlich aufhörte, blieb das Gefühl von Zärtlichkeit.

Ihre Mutter schnurrte leise. Liebevoll umschloß sie die Kleinen ringförmig mit ihrem Körper und dem geschmeidigen Schwanz und legte ihren Kopf und die Vorderpfoten über sie. So waren sie geborgen für den Schlaf.

Gegen Abend hob die Fähe lauschend den Kopf. Oben vor dem Luftschacht ertönte ein leiser Pfiff. Diesen Pfiff kannte sie. Es war ihr Gefährte, der Vater der Kleinen. Er rief sie. Aber sie schätzte es nicht, wenn er der Kinderstube zu nahe kam, auch wenn er die Höhle sicherte und manchmal noch Futter brachte, wie er es kurz nach der Geburt getan hatte, als sie den Bau nur selten verließ. Nur als sie mit Schmerzen angstvoll in den Wehen lag, hatte sein Pfiff sie ein wenig getröstet. Jetzt aber störte sie seine Neugier.

Außerdem knurrte ihr Magen. Es war lange her, seit sie etwas zwischen die Zähne bekommen hatte: Tagsüber ließ sie ihre Kinder jetzt nie allein.

Mit geschmeidigen Bewegungen wand sie sich aus dem Bau. Der Rüde wartete oben neben der Erle, nahe beim Luftschacht. Weiter traute er sich nicht. Wütend fauchte sie ihn an. Und der Rüde zog sich zögernd zurück, glitt langsam ins Wasser. Doch seine Lockrufe verstummten nicht.

Die Fähe beruhigte sich wieder. Sie hatte ihn vom Bau vertrieben, das genügte. Dann folgte sie ihm in den See. Nur ein paar Luftbläschen verrieten ihre Spur.

Ruscha und Silm

Als Ruscha einige Tage später zum erstenmal die Augenlider hob, sah sie zunächst nicht viel mehr als einen fahlen Schimmer, der durch die Öffnung des Luftschachts zwischen den Erlenwurzeln hereinfiel. Das war ein seltsames Erlebnis, denn bisher kannte sie nur das Dunkel. Allmählich aber gewöhnten ihre Augen sich an das schwache Dämmerlicht. Und sie wurde neugierig.

Unbeholfen hob sie ihr Köpfchen. Vor ihr lag ein großes, warmes, pelziges Etwas. Und das duftete sehr angenehm. Diesen Geruch kannte Ruscha: Das war ihre Mutter, wo sie Milch fand, Wärme und Zärtlichkeit. Und daneben lag noch ein kleineres Pelzwesen: das duftete ein wenig anders. Und das war es auch, das sie mitunter stupste, wenn sie bei ihrer Mutter trinken wollte. Ruscha schnupperte aufgeregt. Und ihre kleinen Pfoten tapsten dabei gegen das weiche Fell.

Mit einemmal rührte sich das kleinere Wesen. Ihr Bruder Silm fühlte sich im Schlaf gestört. Unruhig wälzte er sich hin und her. Dann hob auch er den Kopf. Ruscha sah seine kleinen runden Augen, die sie aufmerksam anblickten. Und sie erschrak, als er seine winzige Schnauze aufriß.

Aber Silm gähnte nur. Er hatte schon einen Tag vor Ruscha die Augen geöffnet. Er kannte sich bereits aus. Und jetzt wollte er eigentlich nur schlafen. Mit einem leisen Fieplaut wälzte er sich auf die andere Seite.

In diesem Augenblick erwachte die Fähe. Die Unruhe im Bau hatte sie geweckt. Und sie musterte aufmerksam ihre Jungen. Dabei verdeckte sie mit ihrem großen Körper den Schimmer aus dem Luftschacht. Nun war es wieder fast so dunkel wie zuvor. Und Ruscha verkroch sich am Bauch ihrer Mutter.

Eine Weile lag sie so. Doch sie schlief nicht. Immer wieder hob sie ihr Köpfchen und suchte nach dem hellen Schimmer. Doch der blieb verschwunden. Schließlich bekam sie Hunger und stupste ihre Mutter Milch fordernd gegen den Bauch.

Ruscha schmatzte genießerisch. Das Geräusch machte auch ihren Bruder munter. Noch etwas verschlafen stieß Silm ihr seine Nase ziemlich unsanft in den Magen. Ruscha piepste erschrocken und ließ einen Augenblick die Zitze los. Dabei lief ihr die Milch in den Schnurrbart. Und sie leckte danach.

Inzwischen hatte Silm gemerkt, daß er an der falschen Stelle suchte. Unwirsch wälzte er sich herum. Und Ruscha bekam einen Tritt von seinen Hinterpfoten vor die Schwanzwurzel. Sie fiepte empört. Doch Silm kümmerte sich nicht um sie. Er wollte nur seine Milch. Erst als er eine Zitze gefunden hatte, konnte auch Ruscha weitertrinken.

Endlich hatte sie genug Milch im Bauch. Satt und zufrieden schloß sie die Augen. Ihre Mutter jedoch zog prüfend Luft durch die Nüstern. Im Kessel roch es nicht sehr gut. Da die Kleinen den Bau noch nicht verlassen konnten, mußte sie hier selbst für Sauberkeit sorgen. Und die war jetzt dringend nötig.

Plötzlich fühlte Ruscha sich von zwei großen Pfoten vorsichtig gepackt und von oben bis unten abgeschleckt, immer wieder, von der Nasenspitze bis zum Schwanz und vor allem am Bauch. Das war wie ein Spiel, sehr angenehm und kitzelte ein bißchen und tat sehr gut. Und Ruscha hielt ganz still.

Dann kam ihr Bruder dran. Doch Silm war dagegen. Er war noch immer nicht satt, hatte nur auf das Ende von Ruschas Putzerei gewartet. Ungebärdig versuchte er, sich den Pfoten seiner Mutter zu entwinden und nach einer Zitze zu schnappen.

Die Fähe zuckte zusammen. Die spitzen Milchzähne des Kleinen taten ihr weh. Und als Silm weiter so ungestüm drängelte, stieß sie ihn weg. Das mochte Silm gar nicht. Er strampelte wütend. Aber es half alles nichts. Erst mal wurde geputzt. Und Silm knurrte unwirsch.

Ruscha hatte sich vorsichtshalber in eine Ecke des Wohnkessels verzogen. Hier war sie einigermaßen sicher vor Silms strampelnden Pfoten. Aber sie vermißte die Wärme ihrer Mutter. Sie fiepte leise. Und als ihre Mutter mit Silm fertig war, kam sie zu Ruscha und tröstete sie liebevoll. Doch sie blieb nicht.

Enttäuscht starrte Ruscha in das Dunkel der Höhle. Kein Schimmer mehr fiel durch die Öffnung des Luftschachts. Die Dämmerung hatte eingesetzt. Von irgendwo oben hörte sie einen leisen Pfiff. Und ihre Mutter wurde unruhig.

Mit einemmal vernahmen die beiden Kleinen ein seltsames Geräusch. Es klang wie das schwache Plätschern von Wasser. Die Fähe hatte den Kessel durch den Ausgang zum See verlassen. Doch das wußten die beiden nicht.

Sie spürten nur, daß sie allein waren. Langsam kroch Ruscha zu Silm hinüber, um sich an seinem kleinen Körper zu wärmen. Jetzt war Silm ganz friedlich. Er mochte die Wärme seiner Schwester und ihre vertraute Nähe. Auch er wollte nicht allein sein. Und so trösteten sie sich beide gegenseitig in ihrer Einsamkeit.

Neugierige Otterkinder

Allmählich gewöhnte Ruscha sich an den Tagesverlauf. Wenn der helle Schimmer verlöschte, verschwand auch ihre Mutter. Und wenn der Schein durch den Luftschacht zu schimmern begann, kehrte ihre Mutter zurück. Erst dann gab es Milch. Und so lange mußte sie eben warten.

Inzwischen waren die beiden Kleinen schon etwas größer und selbständiger geworden. Und auch ihr Schnurrbart war gewachsen. Zwar blieben ihre Bewegungen noch ein wenig unbeholfen, doch ihre Neugier nahm immer mehr zu.

Und Ruscha war sehr neugierig. Aufmerksam untersuchte sie ihren kleinen Körper, knabberte an ihren Pfötchen und spielte mit ihrem Schwanz, wie es auch ihre Mutter oft mit ihr getan hatte. Dabei legte sie sich auf den Rücken, hielt den Schwanz zwischen ihren Vorderpfoten, wedelte damit herum und biß ab und zu ein wenig hinein. Das machte ihr Spaß.

Ihrem Bruder jedoch machte das auch Spaß. Nur begnügte Silm sich nicht mit seinen eigenen Körperteilen. Mit Vorliebe zwickte er seine Schwester in den Schwanz und manchmal auch in die Oberlippe. Dann versuchte Ruscha ihn mit ihren kleinen Pfoten abzuwehren. Und wenn ihr das nicht gelang, biß sie ihn einfach irgendwohin: ins Ohr oder in die Nase oder in die Schwanzspitze, die sie am ehesten erwischte. Und Silms Schwanz gefiel ihr besonders.

Am wohlsten aber fühlte sie sich, wenn sie beide mit ihrer Mutter zusammenlagen. Dann spielte einer mit dem anderen. Manchmal wußte Ruscha gar nicht, wer gerade an etwas von ihr herumknabberte. Und wenn ihre Mutter nicht da war, wartete sie ungeduldig auf ihre Rückkehr.

Eines Abends, als die Fähe wieder einmal den Bau verließ, hatte Silm einen Einfall: Kaum war seine Mutter durch die Röhre zum See verschwunden, krabbelte Silm hinterher. Er wollte herausbekommen, was sich hinter dem Gang befand. Vorsichtig kroch er auf seinen kurzen Beinen hinein, immer weiter. Dabei gelangte er allmählich abwärts. Und hier wurde es feucht.

Silm zögerte. Doch seine Neugier war stärker. Seine kleinen Pfoten patschten vorwärts. Und schnuppernd schob er seine Nase tiefer in den Gang. Hier roch es nach feuchter Erde. Plötzlich zuckte Silm zurück. Seine Schnauze hatte etwas Unbekanntes berührt. Und das war kühl und sehr naß. Und sein kleiner Schnurrbart auch.

Erschrocken versuchte Silm, rückwärts zu kriechen. Doch das ging nicht. Der Gang hinter ihm war verstopft. Silm knurrte und begann aufgeregt mit dem Schwanz zu fuchteln.

In diesem Augenblick ertönte ein ängstliches Fiepen. Ruscha war ohne Zögern hinter Silm in den Gang gekrochen. Und jetzt bekam sie seinen fuchtelnden Schwanz um die Ohren. Sie wollte ausreißen. Aber rückwärts ging das nicht so schnell. Und umdrehen ging auch nicht. Außerdem war es dunkel.

Jetzt begann Silm zu strampeln, immer wilder. Doch nun spürte Ruscha mehr Raum um ihr Hinterteil. Sie hatte das Ende des Ganges erreicht. Aufatmend wandte sie sich um und flüchtete in die Wohnhöhle.

Nach einer Weile kam auch Silm zum Vorschein und schüttelte sich heftig. Wassertropfen spritzten von seinem Schnurrbart. Ruscha duckte sich entsetzt. Und Silm begann, eifrig seine nassen Pfötchen zu lecken.

Er war noch nicht ganz fertig damit, da kam unerwartet seine Mutter zurück. Sie trug eine junge Forelle in der Schnauze, die sie im Bach gefangen hatte. Leise winselnd legte sie den Fisch auf den Boden und zerteilte ihn.

Die beiden Kleinen stutzten. Sie wußten nicht recht, was sie mit dem Fisch anfangen sollten. Schließlich waren sie bisher nur Milch gewöhnt.

Silm streckte vorwitzig seine Nase vor. Die kleine Ruscha aber war mutiger. Erst leckte sie an dem unbekannt riechenden Ding, dann lutschte sie ein bißchen an einer Flosse. Und das schmeckte ihr.

Inzwischen hatte Silm nach dem Fischmaul geschnappt und knabberte neugierig daran herum. Ein Stück abbeißen konnte er noch nicht.

Trotzdem war die Fähe mit ihren Kindern zufrieden. Sie spürte, daß ihre Milch weniger wurde. Die Kleinen sollten sich allmählich schon an feste Nahrung gewöhnen, auch wenn sie noch weiterhin Milch bekamen. Und lange würde es nicht mehr dauern, bis sie richtig zubeißen konnten. Das war heute nur eine erste Kostprobe.

Sie warf noch einen fürsorglichen Blick auf ihre spielenden Kinder, dann verschwand sie wieder in der Röhre, um ihren eigenen Hunger zu stillen. Und zurück blieb ein angenehm duftender Fisch.

Ausflug ins Freie

Von nun ab brachte die Fähe von ihren Jagdzügen immer ein paar appetitliche Happen mit in den Bau. Meist spielten die Kleinen erst ein bißchen damit, bevor sie zu lutschen und vorsichtig zu knabbern begannen. Und manchmal blieb schon ein Stückchen zwischen ihren Zähnen, das sie gierig hinunterschlangen.

Die beiden hatten immer Hunger. Und mitunter wurden sie von der Milch schon nicht mehr richtig satt, obwohl ihre Mutter genau darauf achtete, daß jeder die gleiche Portion bekam. Dann waren sie froh, wenn sie zusätzlich noch etwas zu knabbern erhielten.

Ruscha lutschte besonders gern. Silm aber konnte schon ganz gut knabbern. Immer wieder versuchte er, ihr die besten Brocken wegzuschnappen. Dann balgten sie sich. Doch meist blieb Silm der Sieger.

An diesem Abend jedoch kam die Fähe ohne Beute. Und sie kam nicht durch die Röhre vom See, sondern durch den Luftschacht, den sie sorgfältig erweitert hatte. Dabei bekam Silm einen Erdbrocken auf die Nase.

Verdutzt blickte Ruscha ihrer Mutter entgegen. Und sie wunderte sich noch mehr, als die Fähe sich mit einemmal über sie beugte und sie mit den Zähnen vorsichtig am Nackenfell packte. Aber sie hielt still, hing wie ein lebloses Fellbündel zwischen den scharfen Zähnen. Sie hatte Vertrauen zu ihrer Mutter, die sie nun durch den Luftschacht nach oben trug. Dabei wurde es immer heller. Plötzlich setzten die Zähne sie behutsam ab. Und Ruscha saß zwischen knorrigen Wurzeln im Gras.

Wie gebannt blieb Ruscha sitzen. Sie merkte gar nicht, wie ihre Mutter verschwand und kurz darauf mit Silm wiederkam. Mit weit geöffneten Augen musterte sie die sonderbare Welt außerhalb der Höhle. Das alles sah so ganz anders aus als im Wohnkessel. Und es roch auch anders.

Zwar hatte die Dämmerung schon eingesetzt, aber noch war es hell genug. Der See schimmerte wie ein matter Spiegel durchs Gebüsch. Bäume und Sträucher am Ufer warfen riesige Schatten. Grashalme und Blütenkelche wippten im Abendwind. Und dicht vor Ruschas Nase krabbelte ein großer schwarzer Käfer.

Ruscha fiepte leise. Diese Welt war ihr unheimlich. Ängstlich drückte sie sich an den warmen Leib ihrer Mutter. Die Fähe jedoch richtete sich auf den Hinterbeinen auf und schnupperte sichernd in den Wind. Verblüfft starrte Ruscha zu ihr hoch. So hatte sie ihre Mutter noch nie gesehen.

Silm aber knurrte und zwickte seine Mutter ungeduldig in den Schwanz. Jetzt ließ sich die Fähe wieder auf die Vorderpfoten herab, doch sie legte sich nicht hin. Langsam ging sie weiter. Und die Jungen folgten ihr, zögernd und noch ein bißchen wackelig, denn sie waren das Laufen nicht gewohnt. So machten sie ihre ersten Schritte ins Unbekannte.

Ruscha hielt sich dicht bei ihrer Mutter, krabbelte unbeholfen über Wurzeln und bemooste Steine. Seltsame Gerüche drangen ihr in die Nase. Und die Geräusche fremder Tiere erschreckten sie. Aber sie folgte tapfer ihrer Mutter.

Verwundert blickte sie sich um. Mäuse rannten quietschend in ihre Löcher, als sie die drei Otter kommen hörten. Ein Igel tapste gemächlich durch raschelndes Laub; ihn interessierten die Otter nicht. Und aus der Tiefe des Waldes tönte der unheimlich klingende Ruf eines Waldkauzes.

Ein Geräusch jedoch übertönte alles andere: ein murmelndes Plätschern. Die Fähe hatte waldeinwärts einen kleinen Bogen geschlagen und näherte sich nun dem Bachufer. Von hier führte eine Otterspur zum Waldbach zwischen Sumpfgräsern und Schilf. Nur eine Stelle nahe einem von der Strömung abgeschliffenen großen Stein, hinter dem sich das Wasser in einer flachen Mulde sammelte, lag frei. Doch weiter ging die Fähe nicht.

Inzwischen war es fast dunkel geworden. Am wolkenlosen Himmel zeigten sich die ersten Sterne. Silm stupste seiner Mutter energisch gegen den Bauch. Auch Ruscha spürte Hunger. Und ihre kleinen Pfoten taten weh vom Laufen.

Die Fähe wußte, was ihren Kindern fehlte. Sie wandte sich zurück zum Bau. Und es war nicht nötig, die Kleinen in den Wohnkessel zu tragen. Sie fanden ihren Weg allein durch die Röhre: zuerst Silm, dann Ruscha. Und erst in der warmen Geborgenheit der Erdhöhle gab es Milch.

Abendbrot vor der Höhle

Als die nächste Abenddämmerung anbrach und die Fähe den Bau verließ, warteten die Kleinen ungeduldig auf ihre Rückkehr. Endlich hörten sie draußen ein Geräusch. Doch die Fähe kam nicht, um sie zu holen. Sie blieb oben vor dem Eingang der Röhre. Und immer wieder stieß sie ein lockendes Fiepen aus.

Ruscha antwortete mit einem Winseln. Sie wußte nicht recht, was sie tun sollte. Und sie wollte geholt werden. Silm aber begann, ungestüm den Luftschacht hinaufzuklettern. Zwar rutschte er vor lauter Eifer mal ein Stück zurück, doch er schaffte es. Dann hörte Ruscha ihn oben schmatzen.

Das war zuviel für Ruscha. Sie hatte Hunger. Und sie begriff: Nur oben gab es etwas zu futtern. Vorsichtig setzte sie ihre kleinen Pfoten in den schrägen Gang, krabbelte dem hellen Schimmer entgegen. Schnaufend schob sie ihren Kopf aus der Röhre und schnupperte. Es roch gut hier: nach feuchtem Gras und vor allem nach Fisch.

Silm knabberte bereits eifrig an einer Äsche. Daneben lag ein kleiner Flußkrebs. Jetzt kam Ruscha vollends aus der Röhre heraus und beschnüffelte den Krebs, erwischte dabei aber nur eine Schere. Das roch appetitlich, doch mit dem harten Zeug konnte sie nichts anfangen. Sie wollte lieber ein bißchen von der Äsche probieren.

Ihr Bruder jedoch war dagegen. Knurrend versuchte er, den Fisch wegzuziehen. Ruscha fiepte verzweifelt. Jetzt griff die Fähe ein. Sie zerrte die Äsche zu sich und zerlegte sie geschickt in kleine Happen. So bekam auch Ruscha ihren Teil. Der Fisch schmeckte ihr. Nur die Gräten ließ sie liegen; die konnte sie noch nicht knacken. Und nach dem Fisch durfte sie noch ein wenig Milch nuckeln.

Auch Silm bekam seine Milch. Aber satt war er immer noch nicht. Kaum hatte seine Mutter ihm die Zitze entzogen, tappelte er zu dem Fischkopf und knabberte daran herum. Aber da war nicht mehr viel zu holen. Und den Krebs mochte er nicht.

Danach sah Silm etwas sonderbar aus. Fischschuppen hafteten an seinem braunen Fell rund um die kleine Schnauze und an seinen Pfoten. Zum Putzen aber hatte er offenbar keine Lust. Er war faul und schläfrig. Und während seine Mutter ihn sorgfältig leckte, knurrte er leise vor sich hin.

Als die Fähe mit Silm fertig war, nahm sie sich Ruscha vor. Und Ruscha knurrte nicht. Sie mochte das Putzen. Und ein wenig hatte sie selbst schon ihre Pfötchen geleckt und auch den Schnurrbart.

Die Dämmerung war inzwischen dichter geworden. Ein feiner Nebel lag über dem See. Gerade wollte die Fähe ihre Kleinen in den Bau zurückscheuchen, um selbst auf Jagd zu gehen, da drang vom nahen Bachufer ein Geräusch herüber. Sichernd erhob sich die Fähe auf die Hinterpfoten. Sie witterte Gefahr. Und auch Silm und Ruscha hoben ihre Köpfe.

Irgend etwas bewegte sich zwischen Schilf und Sumpfgräsern. Dann glitt ein großer Nachtvogel über das Weidengesträuch und strich waldeinwärts davon. Aber da war noch etwas anderes: etwas großes Schlankes, das mit schlangenhaften Bewegungen auf sie zukam.

Neugierig tappelte Silm dem Unbekannten entgegen. Doch seine Mutter packte ihn unverhofft beim Genick. Und Ruscha lief ihr nach. Jetzt erkannte sie das sonderbare Wesen, das sich schattenhaft gegen das Dämmerlicht abhob. Es sah aus wie ihre Mutter, nur ein wenig größer.

Verdutzt blieb Ruscha stehen. Sie hörte das ärgerliche Knurren ihrer Mutter, die sich mit Silm in der Schnauze zwischen sie und das fremde Tier schob. Der Otterrüde zögerte, wirkte unentschlossen. Doch als die Fähe den kleinen Silm ins Gras setzte und den Otter wütend anfauchte, schlug er einen Bogen und verschwand in Richtung zum Seeufer. Und von dort ertönte sein Pfiff.

Die Fähe antwortete nicht. Sorgsam geleitete sie ihre Jungen zum Bau. Aber sie kam nicht mit hinein. Sie wartete nur, bis sie einer nach dem anderen in den Wohnkessel gekrabbelt waren. Dann folgte sie dem Rüden zum See.

Unfreiwilliges Bad

Tage und Nächte vergingen mit Schlafen, Futtern und Spielen. Die beiden jungen Otter wuchsen heran, balgten sich mitunter schon futterneidisch und lernten die Umgebung rund um den Bau allmählich immer besser kennen. Und jetzt nahm ihre Mutter sie schon öfter mit zum Ufer des Sees und des Waldbachs.

Als die Fähe ihre Kinder an diesem Abend aus dem Bau rief, gab es nach dem Putzen nur ein wenig Milch. Silm protestierte mit heftigem Knurren, doch nirgendwo lag etwas zu knabbern. So trottete er mit hungrigem Magen folgsam hinter seiner Mutter und Ruscha her.

Diesmal ging die Fähe auf dem Otterpfad direkt zum Bach. Der Abendwind rauschte leise im Schilf. Und das Wasser gluckste über den Rand des großen Steins. Hier hielt die Fähe an. Dann glitt sie geräuschlos ins Wasser, tauchte kurz unter und schwamm mit eleganten Bewegungen ein Stück bachaufwärts.

Verblüfft starrten die beiden Jungen ihr nach. Noch nie hatte ihre Mutter sie draußen allein gelassen. Und Ruscha begann leise zu fiepen.

Mit einemmal schnellte die Fähe mit dem Kopf aus dem Wasser. In der Schnauze trug sie eine kleine Äsche. Aber sie kam nicht zurück ans Ufer, legte den Fisch vielmehr an den Rand des großen Steins. Und sie lockte ihre Kinder.

Ruscha roch den Fisch. Und sie hatte Hunger. Aber der rauschende Bach machte ihr angst. Das Wasser schwappte gefährlich nah um den Stein, der vom Ufer aus nur durch eine schmale, flache Wasserrinne zu erreichen war. Und das traute Ruscha sich nicht.

Silm winselte vor Hunger. Aufgeregt tappelte er am Uferrand hin und her, tapste vor lauter Eifer mit einer Pfote versehentlich ins Wasser und zuckte zurück. Dann nahm er all seinen Mut zusammen und platschte spritzend auf den Stein.

Aufmerksam hatte Ruscha zugesehen. Und als ihr Bruder sich jetzt gierig über den Fisch stürzte, hielt sie es nicht länger aus. Vorsichtig schob sie ihren kleinen Körper vor: bis an das fremdartig Nasse. Es war ein sonderbares Gefühl an den Pfoten. Das Wasser plätscherte ihr um den Bauch. Sie strampelte nervös. Und mit einemmal spürte sie den Stein unter sich. Sie hatte es geschafft. Endlich konnte sie auch an dem Fisch knabbern.

Doch kaum hatte sie den ersten Bissen zwischen den Zähnen, da machte Silm eine unverhoffte Bewegung, stieß Ruscha heftig an. Der Stein war glitschig, und mit ihren nassen Pfoten konnte Ruscha sich nicht halten. Sie rutschte ab, klatschte in die flache Wassermulde hinter dem Stein. Spritzend schlugen die Wellen über ihr zusammen.

Eine Weile sah Ruscha nur gurgelnde Luftblasen, hörte das Brausen des Wassers und schluckte verzweifelt. Schließlich bekam sie den Kopf aus dem Wasser. Und sie schrie, schrie markerschütternd vor Angst.

Plötzlich sah sie ihre Mutter neben sich. Aber die Fähe tat nichts, blieb nur bei ihr. Hier konnte Ruscha nicht ertrinken; das Wasser war viel zu flach. Sie holte tief Luft. Und mit einemmal begann Ruscha zu paddeln, noch unbeholfen, aber sie fand Spaß daran. Und sie paddelte weiter. Ruscha hatte ihre Wasserscheu überwunden.

Neugierig sah Silm vom Stein aus zu. Er war froh, daß er den Fisch allein futtern konnte. Doch seine Mutter hatte anderes vor. Geschickt erkletterte sie den Stein, und Ruscha folgte ihr vorsichtig. Noch bevor sie ganz oben war, packte die Fähe Silm beim Genick und glitt mit ihm in den Bach. Nun mußte Silm baden. Er fiepte ängstlich und strampelte. Und Ruscha konnte in Ruhe den Rest der Äsche verspeisen.

Vergebliche Mühe

Nach diesem Abend führte die Fähe ihre Kinder jedesmal gleich zum Waldbach. Und sie tat es jetzt auch morgens, bevor die Sonne aufging. In der Morgendämmerung aber war alles anders. Zwar strich mitunter noch ein verspäteter Waldkauz durchs Gezweig, doch hoch in den Wipfeln sangen schon die Amseln. Im Schilf erwachten die Stockenten. Und die großen schwarzen Rabenkrähen verließen ihre Nester und gingen auf Futtersuche.

Die Fähe wußte genau, daß ihren Kindern zu dieser Zeit kaum Gefahr drohte. Sie war eine wehrhafte Mutter. Und notfalls blieb noch die Flucht in den nahen Bau. Hier am diesseitigen Ufer des Oberen Sees war es ruhig, vor allem am Rautenbach. Selten nur kam ein Mensch in diese Gegend. Aber sie blieb wachsam. Erst wenn die Kleinen richtig schwimmen konnten, waren sie auch im Wasser sicher.

Noch aber war es nicht soweit. So geschickt erwachsene Otter sich schwimmend und tauchend im Wasser bewegten, alle Jungtiere müssen es erst mühsam lernen. Und Ruscha fand es sehr mühsam. Sie planschte lieber im flachen Wasser der Mulde hinter dem großen Stein, paddelte mit ihren kleinen Vorderpfoten munter darin herum und beobachtete interessiert die winzigen Bachflohkrebse zwischen den wedelnden Wasserpflanzen. Doch ihrer Mutter genügte das nicht.

Im Augenblick war sie allerdings mehr mit Silm beschäftigt. Ihm war es schon genug, daß er durch die schmale Wasserrinne zu dem großen Stein platschen mußte, wo seine Mutter die Futterportionen ablegte. Und er kreischte schauerlich, wenn die Fähe ihn gewaltsam untertauchte. Dann versuchte er so schnell wie möglich wieder an Land zu kommen. Selbst vom Planschen im Flachen hielt er nichts, das überließ er Ruscha. Silm war ausgesprochen wasserscheu.

Gerade war Silm wieder mal fluchtartig ans Ufer geflitzt, da kam auf dem Otterpfad zwischen dem Schilf ein großes schlankes Tier mit breitem Kopf und mächtigem Schnurrbart auf ihn zu. Es war der Otterrüde, der sich sichernd in der Nähe aufgehalten hatte. Und er kam immer näher, stieß dabei ein dumpfes, aber nicht unfreundlich klingendes Knurren aus seiner Kehle.

Silm erschrak. Ängstlich fiepend machte er kehrt. Der Otterrüde folgte ihm und schnappte verspielt nach seiner Schwanzspitze. Und Silm blieb gar nichts anderes übrig, als ins Wasser zu flüchten. Er paddelte verzweifelt. Schließlich rettete er sich zu Ruscha in die flache Wassermulde.

Jetzt lockte die Fähe ihre Kinder. Hier kurz vor der Mündung in den See floß der Rautenbach träge. Und er war tief genug zum Schwimmen. Immer wieder zog die Otterfähe mit schlängelnden Wellenbewegungen vor den Kleinen durchs Wasser und zeigte ihnen, wie ein Otter richtig schwimmt. Das sah sehr elegant aus und eigentlich recht einfach.

Doch Ruscha zögerte. Sie hatte Angst vor dem tiefen Wasser. Und Silm interessierte sich überhaupt nicht für den Schwimmunterricht seiner Mutter. Er beobachtete verängstigt den großen Otter, der vom Ufer aus zuschaute.

Das schien auch die Fähe zu beunruhigen. Sie schwamm hinüber und fauchte den Rüden an. Der Otter stieß einen kurzen Pfiff aus, glitt neben der Fähe ins Wasser und umkreiste sie mit fiependen Lockrufen. Doch die Fähe hatte weder Lust noch Zeit zum Spielen. Endlich gab der Otter seine Spielversuche auf und schwamm bachabwärts zum See.

Silm aber nützte die günstige Gelegenheit geschickt aus. Kaum sah er, daß seine Mutter nicht auf ihn achtete, sauste er an Land und verschwand zwischen dem raschelnden Schilf. Ruscha blickte ihm verdutzt nach. Sie blieb lieber in der Nähe ihrer Mutter. Und sie paddelte noch ein bißchen.

Inzwischen war die Fähe zurückgekommen. Mit einem Blick übersah sie die Lage. Und sie wußte wohl, wohin Silm verschwunden war. Sie packte Ruscha beim Genick und rannte mit ihr zurück zum Bau.

Silm lag flach auf dem Rücken im Gras, hielt den Schwanz zwischen den Vorderpfoten und spielte mit seiner Schwanzspitze. Und er ließ sich bei diesem Spiel auch nicht stören, als er seine Mutter kommen hörte.

Ruscha spürte, wie die Fähe sie vorsichtig absetzte. Und sie blickte zu Silm hinüber. Dann spürte sie die Zunge ihrer Mutter, die sie liebevoll ableckte und von oben bis unten putzte. Und Ruscha genoß das Gefühl von Zärtlichkeit.

Danach putzte die Fähe den kleinen Silm, dem überall Grashalme im nassen Fell klebten. Das dauerte eine Weile. Und er hielt ganz still.

Vom See her kam ein leichter Wind auf, strich leise raschelnd durchs Gezweig der Erle. Die ersten Sonnenstrahlen glitten durch die Wipfel. Es wurde Tag, ein heller blauer Frühsommertag. Ein Graureiher zog träge vorbei, vom Waldrand lärmte ein Eichelhäher. Und in den wärmenden Strahlen nahmen die drei Otter behaglich ein Sonnenbad.

Doch ihre Ruhe währte nicht lang. Über den Berghang hinweg näherte sich ein Geräusch, wurde lauter und mächtiger und schwoll an zu ohrenbetäubendem Dröhnen. Ein Düsenjäger donnerte im Tiefflug über den See. Aber das sahen die Otter schon nicht mehr. Voll panischer Angst flüchteten sie in ihren Bau.

Schwimmunterricht

Kurz nach Sonnenuntergang scheuchte die Fähe ihre Jungen wieder aus der Wohnhöhle. Dämmerung lag über dem Bach, eine Zwergfledermaus jagte am Ufer nach Insekten.

Ruscha beobachtete neugierig das seltsame Flattertier. Sie hatte ja noch nie eine Fledermaus gesehen. Doch ihre Mutter ließ ihr nicht viel Zeit dazu.

Plötzlich fühlte Ruscha sich ins Wasser geschubst. Sie strampelte aufgeregt, prustete und begann zu paddeln, den Kopf über Wasser. Dabei sah sie, wie die Fähe ihren Bruder Silm, der gerade wieder ausbüxen wollte, am Schwanz schnappte und hinter sich her ins tiefe Wasser zog.

Silm schrie wie am Spieß. Doch es half ihm alles nichts: Er mußte mit, immer weiter bachabwärts. Hier ließ die Fähe ihn los, packte ihn aber gleich wieder beim Nacken und tauchte ihn unter Wasser, kam hoch und tauchte erneut. Endlich gab sie ihn frei, blieb aber dicht bei ihm.

Ruscha sah das alles. Und sie sah, daß ihre Mutter sich dabei immer weiter von ihr entfernte. Da nahm sie all ihren Mut und paddelte mit ihren kleinen Pfoten auf sie zu. Und die leichte Strömung des Baches half ihr. Es war ein unheimliches Gefühl. Ruscha wußte nicht, daß es Tiefenangst war, die alle jungen Otter erst überwinden müssen. Sie spürte nur das Unheimliche des tiefen Wassers. Und sie wollte nicht allein sein.

Jetzt hatte die Fähe Ruscha bemerkt. Dicht neben dem eifrig paddelnden Silm schwamm sie ihr entgegen. Ruscha atmete auf. Doch die Fähe kehrte noch nicht zum Ufer zurück. Sie war froh, ihre Jungen endlich im Tiefen zu haben. Hier mußten sie schwimmen lernen. Nur mit kindlichem Paddeln hatten sie keine Überlebenschance. Und sie mußten es bald lernen.

Immer wieder machte die Fähe es ihnen vor: glitt pfeilschnell mit schlängelnden Wellenbewegungen von Körper und Schwanz um sie herum und benutzte ihre Vorderpfoten nur zur Änderung der Schwimmrichtung. Dann tauchte sie, schnellte aus dem Wasser und tauchte mit einer eleganten Drehung wieder ein. Als sie wieder hochkam, hielt sie einen kleinen Fisch in der Schnauze.

Ruscha hatte genau zugesehen. Noch wußte sie ja nicht, woher ihre Mutter die Fische holte. Und auch das mußte sie lernen. Der Fisch zappelte noch. Und das interessierte Silm. Gierig schnappte er nach dem zappelnden Fischschwanz. Doch er erwischte ihn nicht. Dazu war er noch zu ungeschickt.

Unbeeindruckt schwamm die Fähe weiter, kletterte auf den großen Stein und legte den Fisch unzerteilt nieder. Endlich durften die zwei Kleinen das Wasser verlassen. Mit knurrendem Magen zu schwimmen war nicht sehr vergnüglich. Hungrig stürzten sie sich auf den Fisch. Doch dann stutzten sie, vermißten die mundgerechten Happen. Solche Art Futter waren sie nicht gewohnt.

Vorsichtig schnupperte Ruscha an der Rückenflosse. Der Fisch roch gut, und sie biß in die schuppige Flanke. Da riß Silm ihr den Fisch mit einem kurzen Ruck aus den Zähnen, klemmte ihn unbeholfen zwischen die Vorderpfoten und begann zu knabbern. Ruscha fiepte empört und versuchte, auch ein Stückchen zu ergattern. Doch der Fisch war glitschig. Und Silm drehte sich abwehrend zur Seite. Dabei rutschte er von dem nassen Stein ab und purzelte samt Fisch kopfüber ins Wasser. Prustend streckte er seinen Kopf heraus. Aber der Fisch war weg.

In diesem Augenblick kam die Fähe zurück, diesmal mit einer Schermaus, der sie auf dem Stein geschickt das Fell abzog. Ruscha schnüffelte neugierig. Das roch so ganz anders als Fisch. Sie probierte ein bißchen. Die Schermaus schmeckte ihr. Nur leider schmeckte sie auch Silm. Doch ihre Mutter paßte auf, daß jedes ihrer Kinder seinen Anteil bekam. Und zum Nachtisch gab es noch ein wenig Milch.

Gerüche und Geräusche

Regen trommelte auf das Blätterdach des Waldes. Es regnete die ganze Nacht. Und am Morgen regnete es immer noch. Heute gab es kein Sonnenbad nach dem Frühstück im Morgengrauen. Die Otter verschwanden schleunigst im Bau. Und die Fähe putzte ihre Kinder, ringelte sich sorgsam und wärmend um ihre kleinen Körper und schlief ein.

Erst am Abend brachen ein paar vereinzelte Strahlen der untergehenden Sonne durch das treibende Gewölk, ließen die grauen Wasser des Sees metallisch aufglitzern. Jetzt erhob sich die Fähe, begann mit den Hinterpfoten ihren dichten Pelz zu striegeln. Und die Kleinen machten es ihr nach.

Silm versuchte zwischendurch, bei seiner Mutter zu nuckeln. Doch die Fähe wehrte ihn ab. Er sollte weiterstriegeln. Fellpflege war überlebenswichtig; das mußte auch Silm endlich begreifen. Silm knurrte mißmutig, hörte aber auf seine Mutter. Allerdings nicht lange. Vorwitzig kletterte er durch die Röhre nach oben.

Nun versuchte Ruscha eine Zitze zu erwischen. Aber auch sie bekam nur ein paar Tröpfchen Milch. Die Fähe rannte hinter Silm her. Und Ruscha blieb nichts übrig, als den beiden zu folgen.

Ungeduldig wartete Silm oben vor dem Ausgang. Er hatte Hunger. Die Fähe erhob sich, sicherte aufmerksam nach allen Seiten. Irgend etwas schien sie zu stören. Da war ein fremder Geruch. Ruscha kannte den Geruch noch nicht. Arglos planschte sie mit ihren kleinen Pfoten in einer Regenpfütze. Ein Wasserspritzer traf Silm auf die Nase. Er fauchte wütend und zwickte Ruscha in den Schwanz.

In diesem Augenblick stieß die Fähe einen Warnlaut aus. Sie hatte den Fuchs gewittert, der vom Wald her auf den Bau zukam. Die beiden Kleinen stutzten. Und sie zögerten keine Sekunde, als ihre Mutter sie entlang dem Otterpfad eilig auf den Bach zutrieb.

Am Ufer verharrte Ruscha. Der Bach rauschte lauter, war durch den Regen angeschwollen, der große Stein völlig überflutet. Und in der sonst flachen Mulde dahinter gurgelte strudelnd bräunliches Wasser. Die Fähe stieß Ruscha und Silm einfach in die Fluten. Jetzt mußten sie schwimmen. Und sie schwammen, schwammen mit äußerster Anstrengung hinter ihrer Mutter her, die sie überholt hatte und bachabwärts dem See zustrebte.

An der Bachmündung wurde die Strömung schwächer. Ruscha paddelte dicht am Schwanz ihrer Mutter, den Kopf mit der kleinen Schnauze über Wasser. Dämmerung lag über dem See. Das jenseitige Ufer mit dem Schilfgürtel war kaum zu erkennen. Ein kühler Wind kräuselte die Oberfläche, trieb Wolkenfetzen am dunkelnden Himmel. Ruscha spürte die düstere Tiefe unter sich. Und ihr wurde unheimlich.

Doch die Nähe ihrer Mutter tröstete sie. Und Ruscha war froh, daß sie nicht weiter hinaus in den See schwamm, sich vielmehr dem linken Rand zuwandte, wo das Ufer steil abfiel. Hier war sie noch nie gewesen.

Plötzlich ertönte ein platschendes Geräusch. Wasser spritzte auf, ganz in der Nähe, und ein paar Flutwellen trafen Ruscha am Schnurrbart. Erschrocken blickte Ruscha sich um. Doch da war nichts. Nur ein großer dunkler Schatten glitt unter Wasser an ihrem Bauch vorbei und verschwand in der Tiefe.

Ruscha strampelte aufgeregt. Ihre Mutter jedoch schien der Schatten nicht zu stören. Offenbar war das nichts Gefährliches. Und Ruscha beruhigte sich wieder.

Kurz darauf sah sie einen pelzigen Kopf neben sich auftauchen. Erst glaubte sie, es sei Silm. Doch Silm hatte keinen so großen Kopf, keinen so mächtigen Schnurrbart. Und ihre Mutter schwamm vor ihr. Es war der Otterrüde, der ihnen vom Seeufer aus gefolgt war und sie spielend umkreiste, immer wieder. Und ab und zu haschte er nach Ruschas Schwanz. Aber die Fähe duldete es nicht. Sie wandte sich um und trieb den Rüden weg.

Ruscha und Silm warteten paddelnd im Wasser. Als die Fähe zurückkam, trug sie eine halbwüchsige Bisamratte in der Schnauze. Und damit schwamm sie dem nahen Seeufer zu, wo unter einem kleinen Überhang einer ihrer Futterplätze lag.

Aufatmend platschten die Kleinen an Land. Jetzt endlich gab es etwas in ihre knurrenden Bäuche.

Die Rutschbahn

Das Wetter blieb regnerisch. Aber es war ein warmer Sommerregen. In der lauen Luft schwebte feuchter Dunst, ließ die Konturen der Landschaft zerfließen. Und die nächtlichen Ausflüge der Otter wurden immer länger, führten immer weiter hinaus in den See.

Ruscha gefiel das. Sie konnte inzwischen schon recht gut schwimmen, glitt mit fast eleganten Wellenbewegungen von Körper und Schwanz durchs nachtdunkle Wasser, wie sie es ihrer Mutter abgesehen hatte. Die Paddelzeit war vorbei. Und auch Silm bewegte sich nicht mehr so tolpatschig. Doch so richtig beherrschten die beiden das Schwimmen noch nicht.

Regentropfen tanzten blasig auf dem Wasser. Ruscha haschte verspielt danach. Aber sie verschwanden, bevor sie sie erreichte. Dann schnappte sie spielerisch nach dem Schwanz ihrer Mutter. Doch die Fähe war schneller. Dafür erwischte Ruscha Silm an der Hinterpfote. Und er strampelte wie wild.

Jetzt blickte die Fähe zurück. Sie wollte wissen, was hinter ihr geschah. Ruscha tauchte kurz weg, schwamm ein Stück unter Wasser. Da sah sie schattenhaft einen großen Fisch unter ihrem Bauch. Sie erschrak und kam schnell wieder hoch. Und sie war sehr erleichtert, als ihre Mutter nun dem Land zusteuerte.

Der Regen hatte nachgelassen. Nur ab und zu fielen noch ein paar einzelne Tropfen. Und ein fast voller Mond schlich sich durch die Wolken, trieb eine Bahn gleißenden Silbers in den dunklen See. Ruscha hob ihre kleine Schnauze in den hellen Schein. Und die Wasserperlen an ihrem Schnurrbart glitzerten im Mondlicht.

Langsam näherten sich die drei Otter dem Seeufer. Dunkel stand der Wald, aus dem die Rufe der Nachteulen klangen. Die schlanken Halme der Sumpfgräser nahe der Bachmündung wogten raschelnd, zeigten die Fährte eines fremden Tieres. Und die winzigen flatternden Schatten der Fledermäuse gaukelten über den Büschen.

Die Nacht war voller Leben, unheimlich und geheimnisvoll. Da ertönte wieder das platschende Geräusch, das Ruscha schon kannte. Sie sah spritzendes Wasser und kurz darauf eine geschmeidige dunkle Gestalt, die aus dem See stieg und lautlos am Steilufer verschwand.

Die Fähe hielt genau auf die Stelle zu, als wisse sie, daß von dort keine Gefahr drohte. Und was dann geschah, wirkte auch gar nicht gefährlich, nur sehr sonderbar. Die Gestalt tauchte oben am Steilufer wieder auf. Und mit einemmal sauste sie in einer Erdrinne wie auf einer Rutschbahn kopfüber ins Wasser, daß die Spritzer den drei Ottern um die Ohren flogen.

Ruscha zögerte verblüfft. Immerhin mußte das fremde Tier ganz in der Nähe sein, irgendwo unter Wasser. Und das war es auch. Dicht vor Ruscha kam ein großer dunkler Kopf hoch, beschnupperte sie kurz, warf sich auf den Rücken herum und strebte dem Ufer zu. Es war der Otterrüde. Und mit offensichtlichem Vergnügen glitt er erneut die Rutschbahn hinunter.

Schnell drückte Ruscha sich zur Seite. Silm aber platschte eilig ans Ufer. Das wollte er auch mal probieren. Und Ruscha folgte ihm, während die Fähe den Rüden aus der Nähe jagte. Doch das sah Ruscha nicht. Sie hoppelte hinter Silm her den schmalen Otterpfad hinauf. Oben sah sie gerade noch, wie Silm bäuchlings hinunterrutschte und im aufspritzenden Wasser untertauchte.

Einige Augenblicke lang kam ihr der schimmernde Wasserspiegel unheimlich vor; der See lag so tief unten. Aber sie kauerte bereits in der Rinne. Und auf dem vom Regen glitschigen Erdreich konnte sie sich nicht halten. Wie von allein glitt ihr Körper abwärts, immer tiefer hinab. Es war ein komisches Gefühl am Bauch. Und sie wurde immer schneller, spürte den Wind in ihrem Schnurrbart. Ruscha fand das lustig.

Plötzlich tauchte ihre kleine Nase in den See. Sie strampelte unter Wasser, kam wieder hoch und sah, wie Silm sich am Ufer über einen Fischkopf hermachte. Es waren die Reste von der Mahlzeit des Rüden. Und jetzt bekam auch Ruscha Hunger. Sie schwamm hinüber.

Silm fauchte wütend, als er Ruscha neben sich bemerkte. Er wollte den Fischkopf für sich allein haben. Aber die Fähe sorgte für ihre Kinder. An diesem Abend gab es Schermaus und einen kleinen Frosch.

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