Kitabı oku: «Die Jutta saugt nicht mehr & Voll von der Rolle»

Yazı tipi:

„Du kannst den Menschen aus dem Ruhrpott holen, aber niemals den Ruhrpott aus dem Menschen“, sagt Lotte Minck, und sie muss es ja wissen: 1960 im Schatten der Zeche General Blumenthal in Recklinghausen geboren, war sie viele Jahre in Bochums Veranstaltungs- und Medienbranche tätig. Nach 50 Jahren im turbulenten Ruhrgebiet entschied sie sich fürs andere Extrem: Heute lebt sie an der friesischen Nordseeküste, wo sieben Autos an einer Ampel bereits als Stau gelten. Ihre Heldin Loretta Luchs und alle Personen in Lorettas Universum sind eine liebevolle Huldigung an Lotte Mincks alte Heimat.

Inhalt

Die Jutta saugt nicht mehr

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Epilog – Silvester

Lorettas Ausflug in die wunderbare Hölle der Putzteufel

Voll von der Rolle

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Epilog – Sechs Wochen später

Der Kiosk

Lotte Minck

Kapitel 1

Warum es für die Arbeit an der Sexhotline von Vorteil ist, wenn man schon einmal mit einem Blinden im Kino war

»Weil ich sowieso gerne telefoniere! Mit einigen Freundinnen sogar stundenlang. Und dann kann ich doch damit auch gleich Geld verdienen, dachte ich.«

Die bezopfte Studentin namens Linda strahlte mich an, während ich mit aller Kraft meine Augäpfel kontrollierte, damit sie nicht wild in den Höhlen rollten.

Ein paar Sekunden zuvor hatte ich den vier hoffnungsvollen Aspirantinnen die Frage gestellt, warum sie sich für einen Job in unserem Callcenter beworben hatten. Na ja, in Dennis Kargers Callcenter, um genau zu sein. Seiner Sexhotline, um ganz genau zu sein.

Ich wage hier mal die dreiste Behauptung, dass diese Antwort bei neunzig Prozent aller Bewerbungsgespräche für Callcenterjobs gegeben wird. Ich telefoniere sowieso gerne bedeutet allerdings in hundert Prozent der Fälle, zu Hause gemütlich in einem Sessel oder auf dem Sofa zu lümmeln, vielleicht eine Tüte Chips auf dem Schoß und ein Glas Wein in der Hand – und dann durchzukakeln, was gerade so anliegt.

In einem Callcenter zu telefonieren ist ein ganz anderer Schnack: Man sitzt auf einem Schreibtischstuhl, trägt ein Headset und bekommt einen Anruf nach dem anderen.

Noch mal: einen Anruf nach dem anderen.

Acht Stunden lang.

Von Leuten, die etwas von einem wollen.

Von Leuten, die man sich nicht selbst als Gesprächspartner aussucht. Das ist harte Arbeit – und dabei ist es erst einmal schnuppe, ob es um Termine des Heizungsablesers, eine Hotline für Kühlschränke oder eben um Dennis Kargers Unternehmen geht, das zufälligerweise sexuelle Dienstleistungen anbietet.

Ich telefoniere sowieso gerne reichte da als Qualifikation bei Weitem nicht aus – aber es war immerhin ein Anfang.

Diese Antwort ließ ich erst einmal unkommentiert im Raum stehen, zumal die anderen drei Mädels eifrig nickten. Aha, die telefonierten also auch gerne. Super.

»Und dass es sich um eine Sexhotline handelt, ist für euch okay?«, fragte ich weiter. »Es ist wirklich etwas anderes, als für einen dieser Homeshopping-Sender Bestellungen für hübsche Porzellanfigürchen anzunehmen …«

Wangen färbten sich rosig, schelmische Blicke gingen hin und her, vierstimmiges Kichern erklang.

Lasst mich raten, Mädels, dachte ich, ihr habt gerne Sex, stimmt’s? Und zwar mit coolen Jungs, bevorzugt denen mit den momentan so angesagten Hipsterbärten, die ihr nachts in einer coolen Location kennenlernt.

Ich seufzte innerlich.

»Ihr müsst euch darüber klar sein, dass ihr euch an der Hotline euren Partner nicht aussuchen könnt«, sagte ich. »Und auch nicht, was ihr mit ihm macht. Der Kunde entscheidet, was passiert. Wenn er möchte, dass ihr ihn als tollen Macker anhimmelt und ihm vor lauter Bewunderung die Hose runterreißt, dann ist das so, auch wenn ihr es blöd findet. Das darf er keinesfalls merken.«

Hihihihihihi.

»Vielleicht habt ihr schon irgendwann einmal einen Orgasmus vorgetäuscht, ohne dass euer Partner es gemerkt hat«, fuhr ich fort, »das macht ihr dann acht Stunden lang täglich. Oder vier, wenn ihr halbtags arbeiten wollt. Je nachdem.«

Das Hihihihihi wurde leiser und erstarb schließlich ganz.

»Sag mal, willst du uns den Job vermiesen?«, fragte Linda.

Ich schüttelte den Kopf. »Ist nicht meine Absicht. Aber ihr müsst wissen, worauf ihr euch einlasst. Ihr verdient hier deutlich mehr als in«, mit den Fingern zeichnete ich Anführungsstriche in die Luft, »normalen Callcentern, deshalb wollt ihr ja auch hier anheuern und nicht woanders. Aber das Geld ist hart verdient. Mit der Zeit werdet ihr Routine bekommen, ganz sicher. Allerdings hatte ich auch immer wieder Kolleginnen, die den Job auf Dauer nicht geschafft haben.«

»Woran lag das?«, fragte eine kecke Blondine, die sich als Babsi vorgestellt hatte.

Ich zuckte mit den Schultern. »Ganz unterschiedlich. Der Partner kam damit nicht klar. Oder das Mädel hat es mit der Distanz zum Job nicht hingekriegt.«

»Distanz?« Linda flüsterte fast. »Wie ist das gemeint?«

»Ganz einfach«, erwiderte ich. »Wir verkaufen etwas. Wie Jeans oder Wurst oder Tulpen. Nur mit etwas mehr Interaktion mit dem Kunden. Wir bewerten nicht, was der Kunde möchte, wie absurd uns seine Fantasie auch immer erscheinen mag. Unsere persönliche Meinung dazu ist vollkommen irrelevant. Er möchte ein hartgesottener Cop sein und ihr sollt eine Ladendiebin mimen? Er ist der Manager und ihr die Sekretärin? Oder er ist der Filmstar und ihr der Fan, der zu allem bereit ist? Bitte sehr.«

»Das kommt vor?«, fragte Babsi grinsend.

Ich nickte. »Das und noch viel mehr. Lastwagenfahrer und Anhalterinnen, zufällige Begegnungen im Aufzug, vielleicht sollt ihr putzen …«

»Putzen?«, kreischten die Mädels im Chor.

Ich erzählte vom erstaunlichen Erfolg der putzenden Hausfrau Uschi, die im kurzen Nylonkittel mit nichts drunter ihre anrufenden Fans beglückte, wenn sie unter dem Sofa nach Staubmäusen suchte und dabei den Hintern hochreckte.

Meine Zuhörerinnen wollten sich schier nicht mehr einkriegen. Uschi, die putzende Hausfrau, also wirklich …

»Ihr seht also«, fügte ich hinzu, »der Fantasie der Männer sind keine Grenzen gesetzt. Und ihr spielt die jeweilige Rolle. Ihr müsst den Film kreieren, der vor ihren Augen abläuft. Mit euren Worten. Das ist unsere Kunst.«

Sie wollten ein Beispiel, also bemühte ich Uschi noch einmal.

»Also, ihr seid jetzt die Uschi und sollt putzen. Im minikurzen Kittelchen. Entweder, ihr seid darunter von Beginn an nackt, oder ihr tragt ein Höschen, das ihr euch aber rasch auszieht, weil das Putzen euch ins Schwitzen bringt. Wenn ihr die Fenster wienert, müsst ihr euch recken – und der Kittel rutscht hoch. Und – oje, der Nachbar von gegenüber sieht euch zu, und ihr seid ganz verschämt. Ihr bekleckert euch mit Wasser, und der Kittel klebt an euch, sodass man alles sieht, auch das noch! Was soll der Nachbar von euch denken? Und so weiter und so weiter. Vergesst nicht: Das alles müsst ihr dem Kunden erzählen. Wart ihr schon mal mit einem Blinden im Kino und musstet alles beschreiben, was auf der Leinwand passierte?«

Sie mussten heimlich Synchron-Kopfschütteln trainiert haben, anders konnte ich mir die nun demonstrierte Performance nicht erklären.

Ich verkniff mir ein Grinsen und fügte hinzu: »So müsst ihr euch das vorstellen. Ihr beschreibt, was passiert, und konzentriert euch dabei aufs Wesentliche. Ob der Himmel blau oder bewölkt ist, interessiert kein Schwein. Sehr wohl von Interesse für den Anrufer kann allerdings sein, ob ihr im richtigen Moment einen Schweißtropfen zwischen eure Brüste rinnen lasst. Ihr müsst den Film in seinem Kopf entstehen lassen, durch eure Worte. Versteht ihr?«

Ich sah sie nacheinander an, und sie nickten. Nicht ganz so synchron, wie sie gerade noch die Köpfe geschüttelt hatten, aber sie waren auf einem guten Weg.

»So, und jetzt gibt es zwei Möglichkeiten«, fuhr ich fort. »Der Anrufer wird zum Voyeur von gegenüber, und es macht euch natürlich total heiß, dass ihr beobachtet werdet. So heiß, dass ihr euch unbedingt Erleichterung verschaffen müsst. Am Fenster, versteht sich. Möglichkeit zwei: Der Anrufer ist bei euch im Raum und will, dass der Voyeur dabei zusieht, was ihr miteinander treibt.«

»Oder er will gar keinen Voyeur, weil er mich für sich allein haben will«, schlug Linda vor.

»Du hast das Prinzip verstanden, Linda.« Ich grinste anerkennend, und sie freute sich.

Wenn ich eine Prognose abgeben müsste: Linda und Babsi würden es zumindest versuchen. Aber die beiden anderen, die während der ganzen Zeit nur zugehört hatten – mit wachsendem Unbehagen, aber das nur nebenbei –, die hatten sich den Job wesentlich romantischer vorgestellt. Oder einfach nur irgendwie anders.

Aber mal ehrlich: Wer sollte sich diesen Job auch vorstellen können, ohne ihn je selbst gemacht zu haben?

»Und?«, fragte Dennis.

Ich hatte die Mädels zum Mithören bei Kolleginnen geparkt und war jetzt in seinem Büro, um einen kurzen Zwischenbericht zu erstatten.

»Zwei von denen bleiben, die beiden anderen werden die Flucht ergreifen«, erwiderte ich.

Sorgfältig zupfte er die Bügelfalte seiner Schlagjeans in Form und inspizierte seine blank geputzten Cowboystiefel. Dann sah er mich an. »Immerhin. Zwei ist doch gut. Wir brauchen Leute. Und ich bin froh, dass du mir diese Gespräche abnimmst. Du als Frau kannst das viel besser als ich.«

Ich winkte ab. »Geschenkt. Besser, als wenn du die Damen bei eurer ersten Begegnung mit deiner Kostümierung verschreckst. Sie könnten glauben, du hast dich seit Halloween nicht mehr umgezogen.«

Ich durfte das sagen: Kostümierung. Bei jedem anderen wäre er jetzt aus seinem knallengen Rüschenhemd gesprungen. Ich hatte mir das Privileg, sein Faible für authentische Klamotten aus den Siebzigern bespötteln zu dürfen, hart erarbeitet.

Genau genommen unter Einsatz meiner Gesundheit, als es darum gegangen war, seinen Laden vor dem gierigen Griff eines größenwahnsinnigen Kiezkaspers und dessen Schergen zu retten.

Na ja, nicht ich allein.

Auch mein bester Kumpel Frank Kropka war dabei gewesen, und seine Freundin Bärbel. Und Erwin natürlich, der Exbulle, dessen angebetete Angetraute, die zweiundsiebzigjährige Doris, meine mit Abstand allerliebste Kollegin im Callcenter war. Wir waren eine eingeschworene Gemeinschaft, und Dennis Karger gehörte jetzt dazu.

Seit gut sechs Jahren arbeitete ich mittlerweile für ihn an der Hotline, und ich muss zugeben, dass er meine gelegentlichen Ausflüge ins Ermittlerfach immer mit Humor genommen hat. Nein, mehr: Er hat sie unterstützt, indem er sich nie querstellte, wenn ich dafür kurzfristig freie Tage benötigte. Dann war es um sein Callcenter gegangen, und seitdem hatte ich praktisch Narrenfreiheit bei ihm. Ständig war er auf der Suche nach neuen Aufgaben für mich, mit denen er mir seine Dankbarkeit – die ich nie eingefordert hatte – beweisen konnte. Irgendwie schien ihm der Gedanke, dass ich wie alle anderen acht Stunden täglich an der Hotline schuftete, nicht mehr zu behagen, nachdem ich höchstpersönlich seine Existenz und damit gleichzeitig sein Einkommen und meinen Arbeitsplatz gerettet hatte.

Dass ich neuerdings die Einstellungsgespräche führte und die Bewerberinnen trainierte, gehörte dazu. Und das machte mir wirklich Spaß, wie ich ehrlicherweise zugeben muss.

Aber das war noch nicht alles.

Da mein Chef uns – Erwin, Frank und mich – um unsere Ermittlungsabenteuer heiß beneidete, hatte er zusammen mit Erwin vor einigen Wochen eine Detektei gegründet, deren Büro sich praktischerweise in den Räumlichkeiten des Callcenters befand.

Fehlte nur noch, dass er für mich ein rotes Schleifchen draufgepappt hätte.

Aber ich will nicht übertreiben. Erwin langweilte sich in seinem Rentnerdasein und war regelmäßig aufgeblüht wie ein Veilchen im Frühling, wenn ich mal wieder in kriminalistische Verwicklungen geraten war, die wir dann gemeinsam aufdröselten. Mal mit der Kripo in Gestalt seiner Patentochter, Kommissarin Astrid Küpper, mal ohne sie. Erwin war eine Frohnatur und wahrlich kein Kandidat für Depressionen, aber die Wehmut, die ihn nach dem jeweiligen Ende unserer gemeinsamen Abenteuer regelmäßig befiel, war nicht zu übersehen.

Schon lange war er mit der Idee, Privatschnüffelei als Hobby zu betreiben, das vielleicht auch etwas Geld einbrachte, schwanger gegangen. Aber sein Plan, in der heimischen Garage ein behelfsmäßiges Büro einzurichten, war am erbitterten Widerstand seiner Gattin Doris gescheitert, die bei ihnen zu Hause keinen Publikumsverkehr duldete. Räumlichkeiten anzumieten, wäre finanzieller Wahnsinn gewesen.

Und dann brachte sich Dennis ins Spiel.

Schon während unseres letzten Falls, der mit der Hochzeit meiner besten Freundin Diana zu tun gehabt hatte, setzte Dennis ihm wieder den Floh ins Ohr, eine Detektei aufzumachen. Als Trumpf hatte er diesen Büroraum im Ärmel; ein absolut unwiderstehliches Angebot für Erwin.

Büromöbel gab es als Sahnehäubchen obendrauf, Kommunikationslogistik sowieso, und Dennis stellte mich bei Bedarf für Erwin frei. Oder anders formuliert: Er beförderte sich selbst zu meinem Doppelchef – Callcenter und Detektei. Nun ja, es gab Schlimmeres, zumal sich mein Monatslohn nicht verringerte. Ganz im Gegenteil: Dennis hatte ihn erhöht, wegen der besonderen Aufgaben wie eben diesen Einstellungsgesprächen.

Also hatte sich die Situation für mich absolut verbessert: mehr Geld, Abwechslung durch zwei verschiedene Jobs unter einem Dach und besondere Aufgaben.

Ich konnte nicht klagen.

Ich glaube, man nennt das Win-Win.

»Und wie ich bereits vorausgesehen hatte, bleiben von den vier Bewerberinnen zwei übrig, die tatsächlich bei uns anfangen wollen«, sagte ich zu Pascal.

Wir saßen am Küchentisch, aßen zu Abend, und ich erzählte von meinem Arbeitstag. Er hatte eine meiner Lieblingsspeisen gemacht: gebratene Blutwurst mit Kartoffelpüree und Apfelkompott. Sehr ruhrpöttisch und wahnsinnig lecker. Fand auch Kater Baghira, der zu unseren Füßen hockte und von Zeit zu Zeit ein herzzerreißendes, lang gezogenes Miauen ausstieß.

Ich beugte mich zu ihm hinunter. »Herrje, Baghira, hab doch wenigstens so viel Stolz und Würde, abzuwarten. Du kriegst doch was. Du kriegst immer was ab. Aber nicht während des Essens. Und nicht vom Tisch. Da kannst du wimmern, so viel du willst.«

»Miaaaaaooooooooooo …«

Der große pechschwarze Kater sah mich flehend an. Dann stellte er sich auf die Hinterbeine und legte mir eine Pfote aufs Knie, aber ich blieb hart.

»Lass dir Daumen wachsen, dann kannst du dir selbst Essen machen.«

»Du kannst so grausam sein, Loretta«, sagte Pascal.

Er stippte den Zeigefinger ins Kartoffelpü und machte leise »Ksskss«, das weltweit gültige Locksignal für Tiere aller Art.

Sofort ließ Baghira von mir ab, trippelte mit hocherhobenem Schwanz zu Pascal und durfte zur Belohnung den Finger ablecken.

»So lernt das Kind nie bessere Manieren, wenn du ständig meine Autorität untergräbst.« Ich runzelte vorwurfsvoll die Stirn.

Pascal lachte, wurde aber rasch wieder ernst.

Allzu rasch, wie ich fand.

Außerdem bildete ich mir plötzlich ein, dass er mich nicht angucken konnte. Nein, stimmte nicht, er konnte mich tatsächlich nicht angucken, wie ich feststellte, als ich testhalber seinen Blick suchte. Noch immer hielt er dem verwirrten Kater den Finger vor die Nase, an dem längst nicht einmal mehr das winzigste Atom Kartoffelpüree zu finden war, denn Baghira hatte selbstredend ganze Arbeit geleistet. Also stippte Pascal erneut ins Püree, und der Kater konnte sein Glück kaum fassen. Eifrig schrappte die kleine rosa Zunge über den Finger, dann wurde das Spielchen noch ein drittes Mal wiederholt. Allmählich machte ich mir ernsthafte Sorgen um die Fingerkuppe meines Liebsten. Als seine Hand zum vierten Mal in Richtung Teller wanderte, griff ich blitzschnell über den Tisch und hielt sein Handgelenk fest.

Erschrocken sah er mich an.

»Was ist los?«, fragte ich, ohne ihn loszulassen.

»Du wirst nicht begeistert sein«, murmelte er.

Er glubschte aus der Wäsche wie ein achtjähriger Bengel, der einen Fußball durchs geschlossene Wohnzimmerfenster des Nachbarn geschossen hatte.

Ich ließ ihn los und lächelte aufmunternd. »Raus damit. Wird schon nicht so schlimm sein.«

Um ehrlich zu sein: Ein wenig ging mir schon die Düse. Seit wann hatte er das Gefühl, mir nicht alles sagen zu können? Beziehungsweise: Wieso rechnete er damit, dass ich unentspannt reagieren würde?

Pascal musste tatsächlich dreimal tief Luft holen. Dann sagte er: »Ich habe heute Nachmittag ein kurzfristiges Jobangebot bekommen. Sehr kurzfristig.«

Ähem … das war alles?

Ich zuckte mit den Schultern. »Ist doch super! Und passiert ja auch nicht zum ersten Mal. Du hast hoffentlich angenommen.«

»Noch nicht.«

»Warum denn nicht? Dann bist du halt ungeplant ein paar Tage unterwegs. Kam auch schon häufiger vor. Und wir haben es jedes Mal überstanden.«

»Jaaaaaaa … schoooooon … aber ich werde länger unterwegs sein. Sechs Wochen lang. Im Ausland. Eine Band. Europatournee. Ich kann für einen Kollegen einspringen, der einen Unfall hatte.«

Oh. Sechs Wochen. Ausland.

Deshalb hatte er so rumgedruckst.

»Das machst du auf jeden Fall«, sagte ich. »Das kannst du unmöglich ablehnen. Wie lange wünschst du dir das schon?«

»Ziemlich lange.«

»Na also. Also sei nicht blöd. Wann geht es los?«

Er biss sich auf die Unterlippe, dann erwiderte er: »Sonntagmittag.«

Hui. Das war kurzfristig, denn es war Freitagabend.

Zugegeben: Ich hüpfte nicht gerade durch die Küche vor Begeisterung. Nicht weil er für sechs Wochen unterwegs sein würde, nein, das war absolut okay für mich. Aber dass er bereits übermorgen abreisen würde – das war tatsächlich ein harter Brocken.

Aber ich zauberte mir ein strahlendes Lächeln ins Gesicht. »Umso mehr werden wir die Zeit genießen, die uns noch bleibt, okay? Morgen gehen wir lecker frühstücken, und dann trödeln wir entspannt durch den Tag. Wir machen nur, wozu wir Lust haben.«

Sein Blick ging an mir vorbei zur Schlafzimmertür. »Können wir damit nicht sofort anfangen?«

Aber natürlich konnten wir das.

Da war ich außerordentlich flexibel.

Kapitel 2

Ob ein Frühstück positive Lebensgeister oder einen zähnefletschenden Dämon weckt, hängt immer davon ab, woraus es besteht

Meine Laune war nicht die beste, als der Wecker am Montagmorgen zu piepsen begann.

Erst kürzlich hatte ich mir einen sogenannten Tageslichtwecker angeschafft, also strahlte das Ding sanftes Licht aus, als ich die Augen aufschlug. Besonders im Winter sollte er mir das Aufstehen erleichtern, denn als passionierte Langschläferin kam ich nur schwer aus den Federn. Und ich hasste es besonders, im Stockdunklen aufzuwachen.

Außer dem nervtötenden Piepsen bot der Wecker diverse weitere Optionen an: zum Beispiel Vogelgezwitscher, das allerdings nicht die allergeringste Chance hatte, mich aufzuwecken und zum Verlassen meines Bettes zu animieren. Wie auch? In den Bäumen vor dem Schlafzimmerfenster wohnten zahllose Piepmätze, die regelmäßig bei Sonnenaufgang mit ihrem hysterischen Zwitscherkonzert loslegten. Daran hatte ich mich längst gewöhnt. Eine weitere Möglichkeit war das Geräusch strömenden Regens, was leider mein bevorzugtes Schlaflied war. Regen entspannte mich mehr als alles andere und ließ mich sanft einschlummern, todsicher.

Miiiep miiiep miiiep miiiep …

Ich seufzte ergeben, schwang die Beine aus dem Bett und starrte den Terror-Wecker an. Ob es wohl meine Laune heben würde, wenn ich ein wenig auf ihm herumtrampelte? Nein, dachte ich dann, das würde es nicht. Im Gegenteil: Ich müsste mir einen neuen Wecker besorgen.

Ich stellte das Ding also ab, und das Licht erlosch. Es war stockdunkel. Beste Voraussetzungen, mich noch einmal ein wenig hinzulegen … nur fünf kleine Minütchen vielleicht …

»Maaaoooooooooh.«

Nicht nur ich hatte den Wecker gehört, sondern auch Baghira. Für ihn das Startsignal, vor der Schlafzimmertür herumzuquengeln. Ich muss ihm zugutehalten, dass er sich wirklich erst meldet, wenn es piepst. Aber dann heißt es auch umgehend Flotti Karotti, wenn er höflichst bitten dürfte. Leerer Fressnapf am Morgen, wenn der Mensch wach ist? Geht gar nicht.

Ich öffnete die Schlafzimmertür, und der Kater flitzte vor mir her ins Bad. Baghira kannte das Ritual: Erst geht der Mensch aufs Töpfchen, und danach gibt es Fressi. Im Bad saß er schweigend vor mir und starrte mich an, während ich … nun ja. Kaum hatte ich die Spülung betätigt, ging es auch schon im Schweinsgalopp in die Küche, wo ihn dann der Veitstanz packte, bis endlich das gefüllte Schüsselchen vor ihm stand. Erst wenn das Tier zufrieden schmatzt, kann ich meinen Espresso aufsetzen und mich auf den Tag vorbereiten.

Manchmal hatte so ein Montagmorgen im November das Potenzial, der schlimmste Morgen des Jahres zu werden. So wie dieser hier. Er war der erste Morgen einer mehrwöchigen Phase ohne meinen Liebsten. Das war schon mal ein Bombengrund für miese Laune, wie ich fand. Wenn alles gut ging, würde er Weihnachten wieder da sein.

Außerdem fielen im November endgültig die allerletzten Blätter von den Bäumen. Irgendwann gab es den finalen Herbststurm, der sich so richtig gewaschen hatte, und danach waren die Äste kahl.

Dann gab es noch diese Novembertage, an denen sich alles in mir dagegen aufbäumte, dass es morgens dunkel war. Mal mehr, mal weniger, aber immer fand ich das eine Frechheit. Ab der Wintersonnenwende kurz vor Heiligabend konnte ich mich immerhin psychologisch damit überlisten, dass die Nächte ab sofort wieder kürzer wurden. Das klappte natürlich im November nicht; da waren wir noch in der Jeder-Tag-einige-Minuten-kürzer-Phase, und das allgegenwärtige Grau um mich herum verstärkte sich noch durch die Wolke, die permanent über meinem Haupte zu schweben schien und aus der immer mal kleine Blitze zuckten.

Nein, der November war definitiv nicht mein Lieblingsmonat.

»Was ist mit dir denn los? Hast du heute Morgen die Böse Hexe des Westens gefrühstückt?«, fragte Dennis und ahnte nicht einmal, wie knapp er an einem tätlichen Angriff meinerseits vorbeischrammte.

»Clowns waren aus«, gab ich pampig zurück.

Erwin grinste, und Dennis schlug sich vor Lachen auf die Schenkel, während ich ihn lauernd anstarrte und nur darauf wartete, dass er sich noch weitere kecke Bemerkungen traute.

Wir hatten uns zur ›Montagsrunde‹ im Büro der Detektei eingefunden. Was sich nach einer Podiumsdiskussion mit nationalen Entscheidungsträgern und hochrangigen Politikern anhört, ist in Wirklichkeit die Besprechung zum Wochenbeginn, die Erwin eingeführt hat. Aus Ermangelung an Aufträgen gab es meist zwar nichts zu besprechen, aber dann schwelgten wir immerhin in Zukunftsvisionen darüber, wie wir spektakuläre Fälle lösten.

Übers Wochenende hatten sich offenbar Heinzelmännchen im Büro zu schaffen gemacht, denn die vorherige Kargheit war durch eine beinahe schon wohnzimmerhaft-penetrante Gemütlichkeit abgelöst worden. Plötzlich lag da ein Teppich, auf dem sich vier abgewetzte, braune Ledersessel um einen niedrigen Tisch gruppierten. Erwin hatte bei ebay eingekauft, schloss ich messerscharf. Oder Dennis hatte in seiner Scheune noch ausgemustertes Mobiliar stehen gehabt. Die großen Pflanzen und die Bilder von Fördertürmen und sonstiger Ruhrpott-Romantik an den Wänden hingegen trugen Täubchens Handschrift, die natürlich wollte, dass ihr Erwin es hübsch kuschelig hatte.

Mehrere hohe Birkenfeigen standen in einer Reihe und bildeten einen blickdichten Sichtschutz zu den beiden schlichten Schreibtischen und den Regalen. Auf der Grenze zwischen den beiden Bereichen hatte sich zudem eine Holzkommode materialisiert, auf der eine Kaffeemaschine stand.

»In der hübschen Kommode da sind Tassen, Gläser und Getränke. Für Klientenbesuch«, sagte Erwin, der amüsiert verfolgt hatte, wie ich das Büro und die Neuerungen darin scannte. »Und Plätzchen«, fuhr er fort. »Hat mein Täubchen gebacken.«

»Bisschen früh für Weihnachtsbäckerei, oder?«, maulte ich. »Außerdem: welcher Besuch?«

Wie gesagt: Die Kunden rannten uns bislang nicht gerade die Bude ein. Unsere Referenzliste war kurz: zwei untreue Ehemänner beobachtet, fotografiert und somit überführt, einen inmitten eines Trennungsdramas entführten Hund aufgespürt und dem Besitzer zurückgebracht, eine lange verdächtigte Nachbarin einer Kundin beim nächtlichen Müll-in-den-Vorgarten-Werfen auf frischer Tat ertappt, in einem beschaulichen Vorort einem eifrigen Schlüpfer-von-der-Wäscheleine-Klauer aufgelauert und ihn der Ordnungsbehörde übergeben.

Noch nie seit der Existenz der Detektei hatte sich ein potenzieller Kunde in unser Büro verirrt. Wir hatten alles per Telefon, Mail oder an neutralen Treffpunkten mit den jeweiligen Kunden abgekaspert, also hatte bisher auch nicht die Notwendigkeit bestanden, das bisherige karge Messehallen-Ambiente in eine Wohlfühl-Oase für Spießer zu verwandeln.

Aber nein, das war unfair.

Es war durchaus gemütlich. Und die Sessel waren überaus bequem, wie ich merkte. Als ich kurz davor war, mich zusammenzurollen und ein kleines Nickerchen zu machen, meldete Erwin sich wieder zu Wort.

»Aufwachen, Schlafmütze. Wir haben gleich einen Termin. Jemand benötigt unsere Dienste. Und eines kann ich jetzt schon verraten: kein Fremdgeher, kein Hund, kein Müllterrorist, kein Schlüppidieb.«

Zack, war ich hellwach und saß kerzengerade. Noch immer schlecht gelaunt, aber wach. Deshalb also die wundersame Verwandlung, die mir zuerst so unmotiviert erschienen war. Ich konnte buchstäblich hören, wie Doris gesagt hatte: In dieser ungemütlichen Klitsche empfangt ihr mir keinen Klienten, verstanden? Was sollen denn die Leute von euch denken? Und dann hatten Dennis und Erwin bedröppelt auf ihre Schuhspitzen gestarrt, sich von ihr auf Trab bringen und so lange nerven lassen, bis alles zu ihrer Zufriedenheit erledigt war. Danach dürfte Doris in einer Nachtschicht Plätzchen gebacken haben. Bestimmt stand für Notfälle welcher Art auch immer zusätzlich eine Plastikdose mit Frikadellen im Kühlschrank der Personalküche des Callcenters.

Kaum vorstellbar, dass ein Klient zufällig gerade am Rande des Hungertodes entlangmanövrierte oder derart unterzuckert war, dass er umgehend einen herzhaften Happen benötigte, damit ihm nicht die Sinne schwanden. Aber man konnte schließlich nie wissen.

Außerdem war Doris eine leidenschaftliche Verfechterin der Theorie, dass essen immer half. Egal, bei welchem Gemütszustand. Es geht dir schlecht? Hier, nimm ein halbes Dutzend Frikadellchen, dann wird’s gleich wieder besser. Sollte ein Klient also in seelischen Nöten sein – was gar nicht so unwahrscheinlich war, wie ich zugeben musste –, stand Nervennahrung bereit, um das bedauernswerte Wesen kulinarisch zu trösten.

Das gesamte Personal im Callcenter profitierte von ihrer vorauseilend-mütterlichen Sorge um unser aller Wohlbefinden. Irgendwas gab es immer zu picken, das aus ihrer heimischen Küche stammte: Kuchen, Plätzchen oder eben ihre legendären und zu Recht heiß begehrten Frikadellchen, für die auch ich jedes drei Stunden lang bei Niedrigtemperatur geschmorte Kalbsbäckchen in die Tonne treten würde. Ob ich mal rasch im Kühlschrank nachsehen sollte …?

»Bist du überhaupt nicht neugierig?«, fragte Erwin und riss mich damit aus meinen lukullischen Fantasien.

»Doch, natürlich. Wir bekommen Besuch.«

»So ist es.« Erwin nickte und ließ seine stahlgrauen Minipli-Löckchen tanzen. »Eine Frau Berger. Waltraud Berger. Sie hat mich am Freitag angerufen. Sie braucht Hilfe.«

»Na, das ist aber mal eine faustdicke Überraschung. Jemand ruft eine Detektei an, weil er Hilfe benötigt? Verrückte Welt.«

Dennis musterte mich mit gerunzelter Stirn. »Herrje, komm mal klar, Loretta. Ich kenne ja deine spitze Zunge, aber heute versprühst du reine Salzsäure. Jetzt weiß ich auch, was du gefrühstückt hast: das Monster aus Alien.«

»Ich an deiner Stelle würde meine Stirn lieber nicht so in Falten legen«, fauchte ich. »Du siehst gerade aus wie ein Klingone. Und wenn dann plötzlich dein Gesicht so stehenbleibt, musst du immer so rumlaufen. Für den Rest deines Lebens. Alle Kinder werden weinen und schreiend weglaufen, wenn sie dich sehen.«

»Alter Falter«, murmelte Dennis sichtlich beeindruckt. »Zwei Monster, mindestens.«

»Auf Toast. Mit Käse überbacken. War lecker. Aber jetzt hab ich ein bisschen Sodbrennen.«

Ich zuckte mit den Schultern.

Bisher hatte ich ihnen noch nichts davon erzählt, dass ich meinen Liebsten schon jetzt fürchterlich vermisste – und ich würde es auch nicht tun. Jedenfalls heute nicht.

Ich atmete tief durch. »Tut mir leid, Jungs. Ist heute einfach nicht mein Tag.«

Erwin lachte. »Dann geh mal wacker zu meinem Täubchen und bitte sie um ihr Schminktäschchen, damit du dir ein freundliches Gesicht aufpinseln kannst.«

»Pfff. Wozu? Am Telefon kann keiner sehen, ob ich eine Fresse ziehe. Das mag ich an dem Job ja so.«

»Nix Telefon«, warf Dennis ein. »Du wirst gleich mit Erwin diese Frau empfangen. Und du wirst so sanft wie ein Lämmchen sein. Wir wollen doch einen guten Eindruck machen, oder?«

Ach, so war das. Ich sollte Miss Moneypenny geben.

»Und das stellt ihr euch genau wie vor? Kaffee servieren und dann mit dem Stenoblock auf den Knien dasitzen?«

»Quatsch«, sagte Erwin, »ich hätte dich einfach gerne dabei. Ich schätze dein Einfühlungsvermögen, das weißt du doch. Frau Berger hörte sich am Telefon ziemlich … ich weiß nicht … verzagt an, das trifft es wohl am besten. Ich hatte den Eindruck, dass es sie enorme Überwindung gekostet hat, mich anzurufen. Sie schien mir sehr unsicher. Und ich will sie nicht gleich wieder verjagen.« Er sah mich bittend an und fuhr fort: »Am liebsten wäre mir, du würdest mit ihr reden, und ich halte mich ein bisschen zurück, weißt du?«

»Befürchtest du etwa, dass du in deine alten Muster zurückfällst und die Ärmste einem hochnotpeinlichen Verhör unterziehst? Gestehen Sie, Sie sind entlarvt!« Ich kicherte. »Und dann sehen wir von ihr nur noch den Kondensstreifen.«

»Wer hätte es gedacht – es kann ja doch lachen.« Dennis schüttelte grinsend den Kopf. »Ich dachte echt schon, die Körperfresser hätten über Nacht von dir Besitz ergriffen.«

»Genau!« Ich hob die Hand und klatschte mit ihm ab. »Wer sind Sie, und was haben Sie mit Loretta gemacht?«, fügte ich mit Grabesstimme hinzu.

Erwin beobachtete unser albernes Gegacker einen Moment lang, dann sagte er: »Fertig mit euren Film- und Fernsehzitaten?« Er blickte auf die große Bahnhofsuhr, die – wie ich erst jetzt bemerkte – ebenfalls neu in unseren heiligen Hallen war. »Frau Berger kommt um neun. Wir haben also noch eine Viertelstunde, um uns vorzubereiten.«

Ich war so glücklich über meine Stimmungsaufhellung, dass ich am liebsten weiter herumgealbert hätte. Aber ich riss mich zusammen. Jetzt ging es um Business.

»Hat diese Frau Berger denn schon verraten, worum es bei ihrem Auftrag geht?«, fragte ich.

Erwin schüttelte den Kopf. »Nicht so richtig. Sie braucht Hilfe, hat sie gesagt, und dass es um jemanden geht, den sie schon lange nicht mehr gesehen hat.«

»Also ist alles möglich: von einem Vater, der kurz nach ihrer Geburt das Weite gesucht hat, bis zum entflogenen Wellensittich«, erwiderte ich.

Dennis stand auf und wandte sich der Tür zu, die ins Callcenter führte. »Ich werde dann mal.« Grinsend hob er beide Daumen. »Toi, toi, toi. Ihr macht das schon.«

Tür auf, Dennis weg.

»Was meinst du – soll ich mal Kaffee machen?«, fragte ich. Erwin zuckte mit den Achseln. »Könnte nicht schaden.«

Wie man sieht: Weder er noch ich hatten auch nur die geringste Vorstellung, wie man sich als Detektiv verhielt, wenn Kundenbesuch anstand. Handbücher zu diesem Thema gab es meines Wissens nicht. Detektiv werden für Dummies – das wäre doch mal eine Idee, oder? In den alten Hollywoodschinken hatte der hartgesottene Privatermittler immer eine Pulle Whisky aus seiner Schreibtischschublade gezaubert, um die obligatorische Dame in Nöten zu beruhigen. Das erschien mir irgendwie nicht angemessen. Außerdem waren wir ja auch nicht in Schwarz-Weiß.

Bereits wenige Minuten später ging die Türglocke. Praktischerweise verfügte dieses Büro über eine Tür zum Parkplatz, und Erwin hatte dort ein glänzendes Schild mit der Aufschrift Detektei Schneider angebracht.

Als ich öffnete, sah ich mich einer Dame von circa Mitte fünfzig gegenüber, die mich von Kopf bis Fuß musterte.

»Bin ich hier richtig? Ich habe einen Termin mit einem Herrn Schneider«, sagte sie.

Ich widerstand dem Impuls, auf das Schild zu zeigen, und bat sie mit einer Geste hinein.

»Frau Berger, nicht wahr? Schönen guten Morgen, Sie sind hier absolut richtig. Herr Schneider erwartet Sie bereits. Mein Name ist Luchs.«

Sie ging an mir vorbei ins Büro, und der zweifelnde Ausdruck in ihrem Gesicht verstärkte sich noch. Ihr Blick flog über den Teppich und die abgewetzten Ledersessel. Erwin tauchte hinter der Grünpflanzenwand auf und streckte die Hand aus.

»Erwin Schneider, guten Morgen.«

»Herr Schneider.« Frau Berger schüttelte ihm beinahe geistesabwesend die Hand und sah an ihm vorbei auf die Glasscheibe, durch die man ins Callcenter und somit auf die eifrig telefonierenden Damen gucken konnte.

Ach du Schande – wir Idioten hatten vergessen, die Jalousie zu schließen!

Mit einem beherzten Schritt war ich am Fenster und stellte die Lamellen auf blickdicht. Dann drehte ich mich zu unserer Besucherin um. »Wie Sie sehen, arbeiten wir Tür an Tür mit einem Dienstleister, an den wir zuweilen Rechercheaufträge weiterreichen. Uns fehlt meist die Zeit, stundenlang am Telefon zu hängen.«

Innerlich dankte ich auf Knien der Tatsache, dass Wände, Fenster und Türen schalldicht waren. Ich wollte mir erst gar nicht Frau Bergers Gesicht vorstellen, wenn sie gewahr wurde, welcher Art die Dienstleistungen der Damen waren, auf die sie einen kurzen Blick erhascht hatte. Ziemlich unwahrscheinlich, dass man bei Recherchetätigkeiten laut stöhnte und versaute Dinge sagte.

Erwin warf mir einen erleichterten Blick zu. »Aber nehmen Sie doch bitte Platz, Frau Berger. Darf ich Ihnen den Mantel abnehmen?«

Zögernd und beinahe widerwillig trennte sie sich von ihrem schützenden Kleidungsstück, das Erwin erst auf einen Bügel – Doris dachte wirklich an alles – und dann an einen der rustikalen Garderobenhaken beförderte.

»Ein Käffchen für Sie?«, fragte er dann.

Sie nickte und ließ sich von Erwin zu einem Sessel geleiten. Ich goss zwei Tassen Kaffee ein – auf dem Tisch stand schon alles bereit. Mir selbst nahm ich ein Glas Wasser.

Dann setzte ich mich zu den beiden und nahm Block und Stift zur Hand. Miss Moneypenny wäre dann so weit.

Kerzengerade saß Frau Berger auf der Sesselkante, die Knie unter ihrem schmalen Kostümrock eng zusammengepresst. Ihre Kleidung war bieder, aber keineswegs billig, ihre bereits ergrauten Haare tadellos frisiert. Schräg oberhalb der linken Braue hatte sie ein kleines, dunkles Muttermal. Es wirkte wie ein verirrter Schönheitsfleck, der vom Wangenknochen aus – wo er eigentlich hingehörte – einfach mal frech auf Wanderschaft gegangen war.

Nervös nippte sie an ihrem Kaffee; Zucker und Milch hatte sie nicht angerührt.

Erwin ließ ihr Zeit, sich zu sammeln, dann fragte er in seinem sanftesten, vertrauenerweckendsten Exbullen-Bariton: »Was führt Sie zu uns, Frau Berger?«

Unsere Besucherin stellte die Tasse mit einem lauten Klirren auf die Untertasse zurück. Sie atmete tief durch, und die Augen hinter der randlosen Brille füllten sich mit Tränen.

»Die Jutta saugt nicht mehr«, sagte sie.

Kapitel 3

Wenn man denkt, ein Tag könnte nicht mehr schlimmer werden, kommt bestimmt irgendjemand des Wegs und zieht eine Kleinanzeige aus der Tasche

Ich bin nicht stolz darauf, aber in mir brandete unbändiges Gelächter hoch. Rasch ließ ich meinen Stift fallen, damit ich unter den Tisch kriechen und mein zuckendes Gesicht verbergen konnte. Am liebsten hätte ich in den Teppich gebissen.

Ich meine: Die Jutta saugt nicht mehr?

So ein Satz, in dieser Umgebung? Schlagartig waren mir gut zwei Dutzend Knaller-Gags durchs Hirn geschossen, die natürlich samt und sonders vollkommen unangemessen waren. Unter Callcenter-Kolleginnen – okay. Aber vor den Frau Bergers dieser Welt? Niemals.

Miss Moneypenny wusste, was sich gehörte.

Mein Gesicht brannte, als ich endlich wieder so weit war, mich vernünftig hinzusetzen; höchstwahrscheinlich hatte ich eine knallrote Birne.

Erwin schleuderte mir einen warnenden Blickblitz zu, dann fragte er unsere Besucherin: »Wer ist Jutta?«

Sie suchte in ihrer Handtasche nach einem Taschentuch und schnäuzte sich dezent. »Jutta Dengelmann: meine Freundin. Und Nachbarin. Sie wohnt über mir. Und sie saugt jeden Morgen um Punkt neun die Wohnung. Danach konnte ich immer die Uhr stellen. Seit Jahren. Bis vor drei Wochen.« Sie sah erst Erwin, dann mich flehend an. »Bitte, ich mache mir schreckliche Sorgen um Jutta. Können Sie sie finden?«

»Aber vielleicht ist Frau Dengelmann nur verreist?«, sagte Erwin.

Frau Berger schüttelte heftig den Kopf, aber kein einziges Haar ihrer Beton-Frisur geriet in Bewegung, was mich irgendwie faszinierte. »Jutta würde niemals verreisen, ohne mich zu informieren.«

»Hm«, machte Erwin nachdenklich und runzelte die Stirn. »Sie haben also bei Frau Dengelmann geklingelt, und niemand hat geöffnet?«

Wieder schüttelte sie den Kopf. »Oh nein, Gerhard war natürlich da.«

»Und Gerhard ist …?«

»Gerhard Dengelmann, Juttas Gatte. Seit drei Monaten im Vorruhestand.«

Gerhard Dengelmann, Ehemann, krakelte ich auf meinen Block.

»Und der Herr Dengelmann – was hat der Ihnen gesagt, wo Jutta sich aufhält?«, fragte Erwin.

Frau Berger sah uns empört an. »Sie hätte ihn verlassen, stellen Sie sich das mal vor. Dieser unverschämte Kerl. Blafft mich an, ich solle mich um meine eigenen Angelegenheiten kümmern, und knallt mir die Tür vor der Nase zu. Als würde die Jutta das Weite suchen, ohne mir Bescheid zu sagen!« Sie zögerte und fuhr fort: »Und selbst wenn, dann hätte sie sich längst bei mir gemeldet. Seit geschlagenen drei Wochen habe ich kein Sterbenswörtchen von ihr gehört. Da muss was passiert sein, ich bin ganz sicher.«

»Aber er hat Ihnen gesagt, sie habe ihn verlassen?«, wollte Erwin wissen.

Frau Berger nickte. »Die Jutta ist mir abgehauen, wenn Sie es genau wissen wollen, hat er gesagt, und jetzt kümmern Sie sich um Ihren eigenen Dreck und lassen mich gefälligst in Ruhe! In einem so unverschämten Tonfall, da ist mit glatt die Spucke weggeblieben. Bumm, war die Tür zu. Dann hat er sie noch einmal aufgerissen und mir hinterhergeschrien: Das Gute daran ist, dass ich Sie jetzt nicht mehr sehen muss, Frau Berger!« Sie schnaufte entrüstet. »Das muss man sich mal vorstellen. Gott, war mir das unangenehm. Wenn das jemand von den Nachbarn gehört hätte! Ich wäre vor Scham im Boden versunken. Wir sind ein ordentliches Haus.«

»Wie alt ist Ihre Freundin Jutta?«, fragte ich.

»Sie ist fünfundfünfzig, genau wie ich«, erwiderte Frau Berger. »In unserem Alter macht man keine Experimente mehr. Oder packt seine Koffer und verschwindet bei Nacht und Nebel. Wohin sollte sie denn auch gehen? Sie hat mir immer alles anvertraut, absolut alles. Über ihre Ehe, wie unglücklich sie mit ihm war …«

Erwin horchte auf. »Unglücklich? Inwiefern?«

»Gerhard war … ist ein verknöcherter Beamter. Ein Erbsenzähler, wie er im Buche steht. Für sie war es einigermaßen zu ertragen, solange er noch im Dienst war. Ordnungsamt, wissen Sie? Er war den ganzen Tag im Amt, und abends musste halt das Essen pünktlich auf dem Tisch stehen. Danach hat er sich meistens in seinen Hobbyraum im Keller verzogen, und sie hatte wieder ihre Ruhe. Aber seit er im Vorruhestand war, wurde es für die arme Jutta unerträglich. Ständig hat er sie kontrolliert und ihr in die Hausarbeit gefunkt. Ihr Vorschriften machen wollte er, wie sie den Haushalt zu organisieren hätte. Ausgerechnet er, der selbst keine Hand gerührt hat. Natürlich war es mit Juttas und meinem traditionellen Vormittagskäffchen irgendwann auch vorbei. Ständig scharwenzelte er um uns herum. Jutta, wird es nicht allmählich Zeit, das Bad zu putzen? Oder: Jutta, das Mittagessen kocht sich nicht von alleine. Frau Berger hat doch bestimmt zu tun. Und wenn sie unten bei mir war, klingelte alle fünf Minuten das Telefon. Schließlich haben wir damit aufgehört und uns nur noch dann gesehen oder miteinander telefoniert, wenn Gerhard unterwegs war.«

»Kam das häufig vor?«, fragte ich.

»Viel zu selten. Er verschwand natürlich weiterhin im Keller, dann konnte sie mich anrufen. Aber das hat er auch kontrolliert. Anhand der Telefonrechnung. Heutzutage wird ja jedes Telefonat aufgelistet, wann, mit wem, wie lange. Also habe ich ihr ein altes Handy von mir geschenkt, mit so einer Prepaid-Karte.«

»Nicht leicht, mit einem Kontrollfreak zu leben, der alles überwacht«, sagte ich.

Erwin hob fast unmerklich die Augenbraue, und ich schluckte nervös. Er hatte natürlich recht – der Begriff Kontrollfreak war unangemessen gewesen. Diese Bewertung stand mir nicht zu. Nicht der Klientin gegenüber. Selbst wenn sie ihn einen Erbsenzähler genannt hatte.

»Ich mache mir wirklich Sorgen«, fuhr sie fort. »Wenn Sie Jutta persönlich kennen würden, dann würden Sie mich ganz sicher verstehen.«

»Was glauben Sie denn, was passiert ist?«, fragte ich sie.

Sie starrte mich erschrocken an, als hätte ich damit eine ganze Reihe von Horrorfantasien von der Leine gelassen, die sie sich bisher nicht erlaubt hatte.

»Ich weiß es nicht«, wisperte sie schließlich. »Irgendetwas furchtbar Schlimmes, fürchte ich.«

»Zum Beisp…«, wollte ich sofort nachhaken, aber Erwin stoppte mich mit einer Handbewegung.

»Frau Berger«, sagte er dann, »sind Sie bei der Polizei gewesen und haben Ihre Sorgen dort vorgetragen? Eventuell sogar eine Vermisstenanzeige erstattet?«

Sie sah ihn an, als hätte er eine Schraube locker. »Wie bitte? Selbstverständlich nicht. Glauben Sie, ich will mich dort von einem jungen Schnösel in Uniform abkanzeln lassen, dass ich zu viele schlechte Krimis lese? Andererseits bekomme ich genug von der Welt mit, um zu wissen, dass volljährige Menschen ein Aufenthaltsbestimmungsrecht haben.«

Alle Wetter – mir schlackerten die Ohren, als sie plötzlich in die Kiste mit Fachbegriffen griff.

»Nun ja, dass Jutta plötzlich fort ist, reicht der Polizei tatsächlich nicht für einen begründeten Anfangsverdacht aus, um Ermittlungen aufzunehmen. Da braucht es schon klare Indizien, dass es sich um ein Verbrechen handeln könnte. Zumal, wenn Herr Dengelmann als nächster Angehöriger nicht selbst aktiv wird …«, murmelte Erwin. »Wenn, dann müsste eigentlich er Vermisstenanzeige erstatten.«

»Sehen Sie? Das hat er nicht getan. Denn sonst wären doch irgendwann Polizisten bei mir aufgetaucht, um mich zu befragen, oder? Und deshalb glaube ich auch, dass etwas nicht stimmt. Ich bleibe dabei: Jutta büxt nicht einfach aus. Wie hätte sie das heimlich vorbereiten sollen? Ohne eigenes Geld? Verstehen Sie? Sie hätte mich nur fragen müssen, und ich hätte ihr ein Flugticket nach sonst wo gebucht. Oder eine Zugfahrkarte gekauft. Sie hat sich doch nicht mit einem Köfferchen an die Straße gestellt und den Daumen rausgehalten!«

Nun, wer wollte das beurteilen? Jedes Jahr verschwinden Hunderte Menschen, ohne dass ein Verbrechen dahintersteckt. Erst kürzlich waren die Zeitungen voll mit der Geschichte von einer Frau gewesen, die seit mehr als dreißig Jahren vermisst und nur durch einen dummen Zufall entdeckt wurde. Nicht etwa, weil sie es wollte, sondern weil sie in einen banalen Verkehrsunfall geraten war, eigentlich eine Bagatelle. Aber dann stellte sich heraus, dass ihre Papiere nicht in Ordnung waren, und die Dinge nahmen ihren Lauf. Und selbst danach verweigerte sie jeglichen Kontakt mit ihrer Familie, die jahrzehntelang um sie getrauert hatte. Längst hatte man sie für tot erklärt. Sie war einfach plötzlich weg gewesen.

Genau wie jetzt Jutta Dengelmann.

So etwas kam tatsächlich vor.

»Vielleicht hat Ihre Freundin seit Jahren heimlich gespart, könnte das eventuell sein?«, fragte ich.

Wieder schüttelte sie entschieden den Kopf. »Unmöglich. Sie bekam ein bestimmtes Haushaltsgeld und hatte jeden ausgegebenen Pfennig zu belegen. Wenn ein Kassenbon fehlte oder eine Summe nicht belegbar war, selbst wenn es nur um ein paar Euro ging, machte Gerhard Theater. Nicht, dass er sie schlug oder so …«, erschrocken hielt sie inne. »Zumindest weiß ich nichts davon. Aber wenn sie einen Bon verloren hatte, half ich ihr mit der Summe aus, damit sie sich nicht wieder seine endlosen Litaneien anhören musste.« Sie beugte sich vor und fuhr mit gesenkter Stimme fort: »Ganz unter uns: Ich hätte mich nicht gewundert, wenn sie ihm irgendwann mal eine Pfanne über den Schädel gehauen hätte. Und ich hätte es verstanden. Nicht nur das: Ich hätte ihr sogar dabei geholfen, ihn irgendwo zu verbuddeln.« Sie verzog das Gesicht. »Dann hätte sie behaupten können, er hätte sie verlassen. Aber man kann auch jemanden terrorisieren, ohne die Hand zu erheben, wissen Sie? Und Gerhard hat sie seit mehr als dreißig Jahren terrorisiert, die Ärmste. Sicher fragen Sie sich, warum sie nicht längst gegangen ist, warum sie das all die Jahre ertragen hat. Nun, das will ich Ihnen sagen: Jutta ist eine ehrbare Frau. Für sie hat das Ehegelöbnis noch eine Bedeutung. Bis dass der Tod euch scheidet.« Sie hielt erschrocken inne und biss sich auf die Unterlippe. »Denken Sie ... denken Sie, dass er ... oh mein Gott.«

Fahrig nestelte sie am Verschluss ihrer Handtasche. Endlich, als ich bereits kurz davor war, helfend einzugreifen, weil ich das Elend nicht mehr mit ansehen konnte, kriegte sie ihn auf. Sie kramte ein blütenweißes Stofftaschentuch heraus und schnäuzte sich geräuschvoll.

»Nun, vielleicht sollten wir nicht gleich vom Allerschlimmsten ausgehen«, brummte Erwin. »Zumindest, solange wir keine Beweise oder wenigstens starke Indizien für ein Verbrechen haben. Ich frage mich allerdings, wie wir unauffällig an diesen Gerhard Dengelmann herankommen sollen, um etwas herauszufinden.«

»Ach, das ist kein Problem!«, sagte Frau Berger zu unserer Verblüffung und kramte erneut in ihrer Handtasche. »Das war heute Morgen in der Zeitung. Die relevante Anzeige habe ich markiert.«

Sie gab Erwin das ausgeschnittene Stück einer Zeitungsseite. Ich stand auf und setzte mich auf die Armlehne seines Sessels, um mitzulesen. Mit grünem Textmarker hatte sie eine Kleinanzeige eingekreist. Hilfe für leichte Tätigkeiten im Haushalt gesucht, las ich dort, drei Vormittage pro Woche. Dann folgte eine Telefonnummer.

»Das ist Juttas Telefonnummer«, sagte Frau Berger. »Also die von den beiden, natürlich.« Sie schnaubte. »Natürlich ist Gerhard jetzt, wo Jutta nicht mehr da ist, vollkommen hilflos. Vermutlich kann er sich gerade mal eine Stulle schmieren.« Erneutes verächtliches Schnauben. »Wenn überhaupt. Ohne Hilfe würde der Mann in seinem eigenen Dreck untergehen. Jeden Tag steht der Pizzaservice vor der Tür. Und mindestens vier Haushaltshilfen hat er schon verschlissen.«

»Das haben Sie alles während der letzten drei Wochen mitbekommen?«, fragte ich.

Sie zuckte schuldbewusst zusammen. »Nicht, dass Sie denken, ich würde den lieben Tag lang hinter der Gardine lauern. Oder mit dem Ohr an der Wohnungstür kleben.«

Nein, natürlich nicht. Wie könnte ich?

»Unser Haus ist sehr hellhörig, müssen Sie wissen. Da bekommen Sie alles mit. Natürlich höre ich es, wenn der Pizzaservice liefert. Und eine von den Haushaltshilfen habe ich im Hausflur getroffen, als ich meine Post reingeholt habe.«

Oder du hast zufällig genau in dem Moment deine Post reingeholt, als du die Haushaltshilfe im Flur gehört hast, dachte ich.

»Und mit der haben Sie sich unterhalten?«, hakte Erwin nach.

Frau Berger nickte. »Unterhalten ist vielleicht zu viel gesagt, sie sprach kaum Deutsch. Sie hatte gerade gekündigt. Kann diese Mann da oben nicht aushalten, hat sie gesagt.«

»Wie viele Mietparteien wohnen bei Ihnen im Haus?«, wollte ich wissen.

»Vier«, entgegnete sie. »Die Dengelmanns und ich links, rechts unten Professor von Rabenstein, ein sehr höflicher älterer Herr, und über ihm ein kinderloses Lehrerehepaar. Sehr ruhige und gediegene Leute. Aber man hat nicht viel miteinander zu tun. Man grüßt sich im Hausflur und wünscht sich einen guten Tag und einen guten Weg.« Sie zuckte mit den Schultern. »Das reicht mir auch vollkommen aus.«

»Wie kam es, dass Frau Dengelmann und Sie sich angefreundet haben, wenn Sie ansonsten Distanz zu Ihren Nachbarn halten?«

Sie sah mich an und lächelte. »Nachdem sie und Gerhard über mir eingezogen waren, fünfzehn Jahre ist das jetzt her, liefen wir uns immer mal wieder im Flur über den Weg. Oder an der Mülltonne. Und eines Tages lud ich sie spontan zu einer Tasse Kaffee ein, weil ich gerade Kuchen gebacken hatte. Im Laufe der Zeit entwickelte sich zwischen uns eine echte Freundschaft. Anfangs besuchten wir sogar mal eine Matineevorstellung im Kino, verschiedene Museen und einen Literaturzirkel, bis Gerhard zu nörgeln begann, weil das Geld kostete. Danach bildeten wir unseren eigenen kleinen Literaturzirkel. Wir lasen gemeinsam einen Klassiker und diskutierten dann darüber.« Bei der Erinnerung daran seufzte sie. »Sie war mir gleich sympathisch gewesen, die Jutta. So eine höfliche und ruhige Frau, hatte ich gleich bei unserer ersten Begegnung gedacht. Immer angemessen gekleidet. Sehr adrett und überaus geschmackvoll.«

›Höflich‹ und ›ruhig‹ schienen eindeutig Kriterien zu sein, mit denen man bei Frau Berger punkten konnte. Ach so, ›gediegen‹ natürlich auch. Auf den ersten Blick nichts, das auf Erwin und mich zutreffen würde.

Vermutlich waren wir für sie – rein optisch – auch nicht unbedingt vertrauenswürdig, sinnierte ich. Es sei denn, sie hielt Ringelpulli und Jeans für adrett, was ich stark zu bezweifeln wagte. Aber welche Wahl hatte sie? Sie war auf der Suche nach Hilfe, und wir boten Hilfe an.

Wie lautete der Text von Erwins Anzeige so schön: Sie suchen – ich finde. Sie haben Fragen – ich biete Antworten. Sie wollen Diskretion – ich schweige wie ein Grab. Vielleicht hätte sie niemals angerufen, wenn daneben ein Foto von ihm abgedruckt gewesen wäre. Oder von mir.

Hätte, hätte, Fahrradkette.

Jetzt war sie hier und kam aus der Nummer nicht mehr raus. Und immerhin schienen wir auf sie einen leidlich akzeptablen Eindruck gemacht zu haben, da sie keine Ausreden hervorgezaubert hatte, um sich wieder zu verkrümeln. Die Dame musste wirklich verzweifelt sein.

»Diese Anzeige, die Sie uns mitgebracht haben«, ich deutete auf den Zeitungsausschnitt, der zwischen uns auf dem niedrigen Tisch lag, »äh ... hätten Sie gern, dass wir zur nächsten Person, die sich auf die Anzeige meldet, Kontakt aufnehmen?«

Sie sah mich verdutzt an und schüttelte den Kopf. »Nein, natürlich nicht. Sie müssen doch in seine Wohnung, um dort nach Spuren zu suchen, nicht wahr? Und deshalb bin ich ja so froh, dass Herr Schneider in Ihnen eine passende Mitarbeiterin hat.«

Passende Mitarbeiterin? Passend wozu?

Ich verstand kein Wort.

Ehe ich nachfragen oder mich über Erwins wissendes Grinsen wundern konnte, fuhr Frau Berger fort: »Ich dachte, dass Sie sich auf die Anzeige bewerben.«

»Das könnt ihr vergessen, Herrschaften«, blökte ich, während ich mit großen Schritten durchs Büro tigerte. »Ich werde auf keinen Fall als Putze bei diesem Blödmann anheuern, der vielleicht ein brutaler Meuchelmörder ist!«

Frau Berger hatte sich für heute verabschiedet, und nun hielten die Mitarbeiter der Detektei Schneider Kriegsrat.

»Wieso denn?«, fragte Dennis. »Undercover kannst du doch super. Das hast du doch überaus eindrucksvoll bewiesen, als du damals ...«

»Hör bloß auf!«, fiel ich ihm brüsk ins Wort. »Hast du schon vergessen, wie Frank und ich danach ausgesehen haben? Und wie lange es gedauert hat, bis alles verheilt war? Und jetzt wollt ihr mich schutzlos einem Kerl ausliefern, der vielleicht Frauen killt?«

Erwin lachte leise. »Du neigst zu Übertreibungen, meine Liebe. Von Frauen in der Mehrzahl kann keine Rede sein, von Mord ebenfalls nicht. Bisher ist nur eine Frau verschwunden, und das auch nur vielleicht. Frau Berger macht sich Sorgen um ihre Freundin Jutta, von der sie seit drei Wochen nichts gehört und gesehen hat. Deren Gatte gibt an, von Jutta Dengelmann verlassen worden zu sein. Noch haben wir keinerlei Grund, daran zu zweifeln. Andersherum kann Frau Dengelmann Dutzende Gründe haben, ohne ein Wort und spurlos zu verschwinden. Und ihrer Freundin nichts davon zu verraten. Vielleicht hatte sie einfach keine Lust, ihren Plan vor Frau Berger zu rechtfertigen oder zu begründen? Wissen wir, ob die gute Jutta nicht jedes Mal, wenn sie einkaufen war, in ein Internetcafé gehuscht ist und über irgendeine Singlebörse jemanden kennengelernt hat, mit dem sie sich gerade vergnügt?«

Nein, das wussten wir nicht.

Dennoch ...

»Würde das etwa zu dem Bild passen, das Frau Berger von ihrer Freundin gezeichnet hat?«, gab ich zurück. »Wer glaubt denn so was?«

»Du musst dringend an deinen Vorurteilen arbeiten.« Erwin schüttelte amüsiert den Kopf. »Unter so mancher biederen Seidenbluse schlägt ein feuriges Herz. Vielleicht sehnte sie sich seit Jahren nach der Leidenschaft, die ihr Gerhard ihr nicht gegeben hat? Das muss Frau Berger nicht zwangsläufig wissen, Freunde. Für dieses Thema würde ich sie mir auch nicht unbedingt als Gesprächspartnerin aussuchen. Gemeinsam Klassiker lesen und über unerfüllte Träume und Bedürfnisse reden – dazwischen liegen Welten. Kann doch sein, dass Jutta Angst davor hatte, ihre einzige Bezugsperson zu verlieren, wenn sie ein derartiges Thema anschneidet?«

»Pfff. Reichlich spekulativ«, fauchte ich.

»Aber doch auch nicht viel spekulativer als deine Fantasievorstellung vom brutalen Frauenmörder, oder?«, warf Dennis ein, der Erwins und meine leidenschaftlich geführte Diskussion fasziniert verfolgt hatte.

Ich funkelte ihn böse an. »Vielen Dank auch, Chef. Schön, dass du mir in den Rücken fällst. Jetzt sag bloß noch, du bist auch dafür, dass ich mich bei diesem Honk um die Stelle bewerbe. Das könnt ihr vergessen!«

Kapitel 4

Ein echter Teeliebhaber besitzt für jede Sorte eine passende Kanne

(weil der Tee sonst schmollt, wie Loretta vermutet)

»Dengelmann.«

Vor Verblüffung riss ich die Augen auf und ließ beinahe den Hörer fallen. Ich weiß nicht, womit ich gerechnet hatte, aber ganz bestimmt nicht mit dieser warmen, sonoren, schnurrenden Stimme. Dennnngelllmannn – so sprach er es aus, als wäre es ein süßes Versprechen.

Nach Frau Bergers gleichermaßen grellen wie subjektiven Schilderung dieses Herrn, dieses knöchernen, humorlosen Erbsenzählers, hatte ich mir eine schnarrende, trockene und unmodulierte, auf jeden Fall unsympathische Stimme vorgestellt, aber ganz gewiss nicht dieses honigtropfende, sanfte Organ.

Und das hatte mir buchstäblich die Sprache verschlagen.

Vor mir pantomimte Erwin hektisch vor sich hin. Er ließ seine Brauen fragend umherwandern, formte mit den Lippen tonlose Worte und malte Fragezeichen in die Luft. Das Telefon stand auf Lautsprecher, deshalb durfte er keinen Laut von sich geben. Wie ein Derwisch hampelte er vor meiner Nase herum. Herrje – musste er mich noch zusätzlich ablenken?

»Hallo? Wer ist denn da?«, kam es aus dem Hörer.

Ich drehte Erwin den Rücken zu.

Konzentration war gefragt.

»Guten Tag, Herr Dengelmann. Loretta Luchs mein Name. Ich melde mich auf Ihre Anzeige, die heute in der Zeitung stand.«

»Da sind Sie nicht die Erste«, sagte er.

»Das denke ich mir. Aber vielleicht bin ich die Beste«, gab ich keck zurück.

Erwin kam in mein Blickfeld geschossen und tippte sich wie ein Besessener gegen die Stirn. Schon klar, ich hätte nicht so frech sein sollen. Wenn wir Pech hatten, war mein Einsatz als Putzfrau vorbei, bevor er überhaupt begonnen hatte, und ich hatte es verbockt.

Ich flüchtete hinter die Blätterwand, setzte mich an den Schreibtisch und hielt den Atem an.

Und siehe da: Herr Dengelmann nahm es mit Humor.

Er lachte und sagte: »Dann bin ich ja mal gespannt. Ich würde Sie gerne kennenlernen. Am besten heute noch. Wann können Sie hier sein?«

»In einer Stunde.«

Ich fragte nach seiner Adresse – Gott sei Dank dachte ich daran. Nicht nötig, die habe ich schon von Frau Berger. Sie wissen schon: die Frau, die unter Ihnen wohnt und denkt, dass Sie Jutta umgebracht haben. Das genau hätte passieren können, wenn ich mich von Erwin hätte ablenken lassen.

Ich verabschiedete mich von Dengelmann und legte auf.

»Was war denn gerade los mit dir?«, fragte Erwin. Die Pflanzen raschelten, dann schoben zwei Hände die Blätter auseinander, und sein Gesicht erschien. »Stehst da und stierst mit aufgerissenen Augen vor dich hin, sagst keinen Ton … Ich dachte schon, du hast einen Schlaganfall oder so was.«

Ich stellte das Telefon in die Ladestation und kicherte. »Bleib locker, Tarzan. Mich hat nur etwas überrascht.«

»Ach ja? Was denn?«

Flugs kam er um die Blätterwand gehüpft und stierte mich neugierig an.

Was sollte ich ihm sagen? Dass Dengelmanns Stimme mich schier umgehauen hatte? Wie doof hörte sich das denn an? Nun ist es allerdings so, dass ich auf Stimmen reagiere. Jemanden mit einem Organ, das klang wie kreischende Kreide auf einer Schultafel, kann ich auf Dauer nicht in meiner Nähe ertragen, auf keinen Fall. Oder jemanden, der monoton vor sich hin salbadert.

Eine schöne Stimme sprüht vor Leben, weckt Fantasien – wer wüsste das besser als ich? Schließlich verdiente ich damit mein Geld an der Sexhotline, und ich hatte nur meine Stimme, um den Männern ein aufregendes Abenteuer zu verschaffen, für das sie gerne bezahlten.

»Was war denn nun?«, fragte Erwin. »Du bist ja schon wieder so weggetreten. Allmählich wird mir das unheimlich.«

Ich schüttelte den Kopf. »Muss es nicht. Du hast ihn doch selbst gehört.«

»Wen?«

»Dengelmann.«

Er glotzte mich an, als würde ich in einem seltenen Hindi-Dialekt sprechen. Offenkundig wusste er kein Stück, worauf ich hinauswollte. Er schien zu grübeln, ob er vielleicht Wesentliches überhört hatte.

»Seine Stimme«, fügte ich hinzu.

»Wessen Stimme?«

»Dengelmanns.«

Sein Gesicht veränderte sich nicht.

»Jaaaaaa …?«

Meinem lieben Kumpel Erwin ging – offenkundig, die zweite – Dengelmanns Stimme gepflegt am Arsch vorbei, um es mal salopp zu formulieren.

»Er hat die schönste Stimme, die ich jemals gehört habe.«

Um ihm eine Freude zu machen, spendierte ich ihm noch einen theatralischen Seufzer obendrauf.

Seine Miene veränderte sich zu Misstrauen. »Du bist doch nicht etwa besoffen?«

»Sicher, das wird es sein: Ich bin sturzbesoffen. Schließlich beginne ich den Tag immer mit einem Wasserglas Wodka, wie allgemein bekannt ist.«

»Werd mal nicht frech, Frolleinchen. Ernsthaft – es kann doch nicht nur die Stimme gewesen sein. Warum hast du so panne aus der Wäsche geguckt?«

Ich grinste, lehnte mich lässig in seinem Chefsessel zurück und legte die Füße auf seinen Schreibtisch. »Okay, ernsthaft: Seine Stimme hat mich total überrascht. Angenehm überrascht. Frau Bergers Beschreibung hat in mir das Bild eines kleinen, mickrigen Männleins entstehen lassen, und dazu gehörte für mich beinahe schon zwingend eine Stimme, die klingt wie trockenes Laub.«

»Wie?«

»Trockenes Laub. Knisternd, total dröge, ohne Wärme oder Tiefe. Ohne Melodie. Ich war nicht vorbereitet auf diese wunderschöne, warme Stimme.«

Er verschränkte die Arme vor der Brust. »Okay. Hätten wir also professionell geklärt, dass Dengelmanns Stimme ein echter Schlüpferstürmer ist.«

»Erwin!!!«

»Was denn? Ist doch so, oder etwa nicht? Wenn die Stimme soooo toll ist, quatscht der die Weiber damit bestimmt reihenweise ins Bett. Könnte für den Fall durchaus interessant sein.«

»Wann denn? Der war doch wohl rund um die Uhr damit beschäftigt, seine Jutta zu überwachen.«

»Pfff.« Erwin zuckte mit den Schultern. »Wer das will, schafft das auch. Vielleicht war er ja gar nicht immer in seinem Hobbykeller, sondern unterwegs. Kann man nicht wissen. Es muss doch einen Grund dafür geben, dass er seine Gattin nicht in den Keller gelassen hat.«

»Dafür kann es viele Gründe geben. Vielleicht wollte er einfach nur seine Ruhe haben.« Ich winkte ab. »Alles Weitere ist reine Spekulation. Nein: absolut alles. Wir wissen nur das, was Frau Berger erzählt hat. Offenkundig hasst sie den Kerl, weil er ihr die Freundin weggenommen hat, die jetzt angeblich auch noch verschwunden ist. Sie wäre nicht die erste Verrückte, die jemanden denunziert.«

Erwin musterte mich mit gerunzelter Stirn, dann schüttelte er den Kopf. »Hat er dich also schon einkassiert mit seiner Säuselstimme. Ich frage mich, ob du noch neutral genug bist, um deine Aufgabe zu erfüllen«, spottete er.

»Klar bin ich das!«, rief ich empört. »Wen willst du denn sonst hinschicken – Frank, vielleicht?«

Das sollte er nicht wagen.

Ich war jetzt viel zu neugierig auf Herrn Dengelmann.

Das schmucke Vier-Parteien-Haus mit der hellgelb verputzten Fassade und den ausladenden Erkerfenstern sah aus, als könnte es sich nicht jeder leisten, hier zu wohnen. Schon von außen ließ es auf großzügige Wohneinheiten mit mindestens neunzig Quadratmetern Fläche schließen, und ich wettete mit mir selbst, dass die Erdgeschosswohnungen nach hinten raus schicke Terrassen hatten. In dieses Objekt würde locker die doppelte Anzahl Mietparteien passen.

Ich spähte unauffällig zu den Fenstern auf der linken Seite im ersten Stock, an denen weiße Spitzengardinen in vorbildlichem Faltenwurf hingen, die den Blick ins Innere versperrten. Mann, hoffentlich fing mein Job – wenn ich ihn denn bekam – nicht damit an, dass ich gefühlte achthundert Quadratmeter Gardinen abhängen, waschen und wieder aufhängen musste, so als Probearbeit, um mich zu qualifizieren. Dann konnte ich direkt einpacken.

Die Fenster der Berger ein Stockwerk darunter rahmten schwere Stores prunkvoll ein. Ob sie wohl auf eine Leiter steigen, ein Glas an die Decke pressen und versuchen würde, zu belauschen, was Dengelmann und ich redeten, wenn sie wüsste, dass ich jetzt meine Verabredung mit ihm hatte? Zutrauen würde ich es ihr jedenfalls.

Ich widerstand dem Impuls, meine Jacke glatt zu ziehen und meine Schuhe dezent an den Hosenbeinen zu polieren. Schließlich stand mir hier kein Treffen mit meiner adeligen, potenziellen Schwiegermutter in spe bevor, bei der ich einen einwandfreien Eindruck machen musste. Herrje – es ging bloß um einen blöden Minijob, oder wie das hieß.

Nein. Ging es nicht.

Es ging um einen verdammten Auftrag, und ich musste alles daransetzen, diesen Job zu kriegen.

Ich zog also die Jacke zurecht, wischte zur Sicherheit dann doch lieber die Schuhe hinten an den Hosenbeinen ab, atmete tief durch und wollte gerade auf die Klingel drücken, an der … Ich stoppte gerade noch rechtzeitig, denn, ups, beinahe hätte ich bei Frau Berger geklingelt, weil ich vor einer Minute noch an sie gedacht hatte. Mein Finger wanderte höher bis zu Dengelmann. Ich presste den Knopf.

Wie köstlicher Himbeersirup floss es aus der Gegensprechanlage. »Ja bitte?«

»Guten Tag, Herr Dengelmann«, raunte ich mit meiner tiefsten Stimme, die ich instinktiv gewählt hatte. »Hier ist Loretta Luchs. Wir sind … verabredet.«

Verdammt, ich klang wie auf der Arbeit.

Reiß dich zusammen, Loretta, dich sticht wohl der Hafer, dachte ich erschrocken.

»Frau Luchs. Kommen Sie herein. Erster Stock.«

Okay – dies war ein Hinweis für Halbgescheite. Wo sollte er schon wohnen, in einem zweistöckigen Haus mit zwei Klingelknöpfen auf der linken Seite, und sein Name stand auf der oberen der beiden? Hallo? Hielt er mich für dämlich? Aber was wusste ich schon, welche Erfahrungen er bisher mit seinen Putzkräften gemacht hatte.

Der Summer erklang, und ich drückte die schwere Haustür auf, eine designerische Geschmacklosigkeit aus kupferfarbenem Metall und Riffelglas.

Vom polierten Steinboden des Eingangsbereiches hätte man bedenkenlos essen können, und auf den Stufen lag tatsächlich Teppichboden. Als ich Frau Bergers Wohnungstür passierte, bildete ich mir ein, ihren Blick durch den Türspion hindurch zu spüren.

Dank des Teppichs erklomm ich die Stufen in den ersten Stock hinauf vollkommen lautlos. Oben rührte sich nichts.

Du lässt mich tatsächlich vor verschlossener Tür stehen? Du traust dich was, dachte ich grimmig.

Da wollte mir wohl jemand dezent demonstrieren, wer der Chef im Ring war. Nicht mit mir. Nicht mit Loretta Luchs. Ich hatte doch keine Lust, wie eine Bittstellerin demütig abzuwarten, bis der gnädige Herr endlich geruhte, die Zugbrücke herabzulassen.

Ich wartete also drei Anstandssekunden, dann klopfte ich forsch und rief laut: »Herr Dengelmann? Alles in Ordnung?«

Das konnte ich mir einfach nicht verkneifen.

Schwupps – schon ging die Tür auf, und da stand er: Herr Dengelmann.

»Frau Luchs, nehme ich an«, raunte es mir entgegen.

Ich nickte nur und nahm die mir angebotene Hand, um sie herzlich zu schütteln.

»Wunderbar, wunderbar«, sagte er. »Kommen Sie doch bitte herein.«

Auffordernd streckte er die Arme aus. Nach einem hysterischen Augenblick allerhöchster Irritation begriff ich, dass er mich nicht umarmen wollte. Nein, er war ein Gentleman. Er wartete darauf, dass ich meine Winterjacke auszog, damit er sie mir abnehmen und an die Garderobe hängen konnte.

Nachdem das erledigt war, folgte ich ihm in ein großes Wohnzimmer, das … nun ja … klassisch eingerichtet war. Schwere, behäbige Möbel, orientalisch anmutende Teppiche auf Parkettboden, wenig Nippes, viele Grünpflanzen, bodenlange Gardinen – die hatte ich ja bereits von außen gesehen – und dunkelgrüne Dekostores aus Samt.

»Ich habe Tee gemacht. Sie nehmen doch eine Tasse?«, fragte er.

Als ich nickte, ging er zu einem bereitstehenden Servierwagen, auf dem schon alles Notwendige hergerichtet war: schwarze, flache Metallkanne auf schwarzem Metallstövchen sowie zwei dazu passende henkellose Becher. Hatte er mich vielleicht an der Tür warten lassen, weil er gerade den Tee frisch aufgegossen hatte?

»Aber setzen Sie sich doch«, fügte er hinzu, weil ich etwas verloren in seiner guten Stube herumstand.

Ich wählte einen der monumentalen Sessel, in den ich einsank wie ins Bällebad in einem Kinderspielparadies. Während er das Teesieb aus der Kanne nahm und einschenkte, hatte ich Muße, ihn ausgiebig zu betrachten.

Auf den ersten flüchtigen Blick war Gerhard Dengelmann von durchschnittlicher Größe, durchschnittlichem Gewicht und durchschnittlichem Aussehen. Sein konservativ geschnittenes Haar war bereits ergraut – in diesem attraktiven Grauton, mit dem nur Schwarzhaarige gesegnet sind. Die randlose Brille, das kleinkarierte Hemd und die Cordhose waren optisch von bestürzender Tristesse.

Bei genauerem Hinsehen allerdings …

Vor meinem geistigen Auge vollzog ich an ihm eine wundersame Wandlung: Nacken ausrasieren und Gel ins Haar, ein paar verwegene Bartstoppeln, verwaschene Jeans und schwarzer Strickpulli, schwere Boots: tadaaah – George Clooneys etwas älterer Bruder.

Und wer konnte schon sagen, ob George Clooney auch dann so ein heißer Feger wäre, wenn er als Beamter in einer Behörde arbeiten und in stilechtem Gelsenkirchener Barock wohnen würde? Na bitte.

Aber man stelle sich nur vor, wenn diese wunderbare Stimme aus einem von mir runderneuerten Herrn Dengelmann käme … die Frauen würden ihm reihenweise zu Füßen sinken. Auch für mich selbst könnte ich in diesem Fall nicht mehr die Hand ins Feuer legen, um ehrlich zu sein. Ob er sich bewusst war, über welches Potenzial er verfügte?

Er stellte Zucker und Milch in dekorativen Gefäßen und eine dunkle Holzschale mit Plätzchen auf den selbstverständlich gekachelten Couchtisch, zu dem das japanisch anmutende Teegeschirr aus schwarzem, reich verziertem Metall einen krassen Gegensatz bildete. In diesem ansonsten so konservativen Ambiente hätte ich eher etwas aus weißem Porzellan mit Streublümchen erwartet.

Dann holte er die beiden Teebecher und setzte sich in den Sessel, der dem meinen gegenüberstand. Um an meine Tasse zu kommen, musste ich mich zunächst mühsam aus dem tiefen Polster hochstemmen, was vermutlich reichlich ungraziös aussah. Ich kam mir vor wie ein Käfer, der auf dem Rücken lag und hilflos mit den Beinen strampelte.

Herr Dengelmann, der an seinem Tee nippte und mich über den Tassenrand hinweg musterte, verzog angesichts meiner Mühen keine Miene, was ich ihm hoch anrechnete.

Irgendwann hatte ich es geschafft und blieb vorsichtshalber auf der vorderen Sesselkante sitzen, während ich ein wenig Zucker in meinen Becher gab, dessen Untersetzer ebenfalls aus Metall und wie ein Blatt geformt war. Um das Schweigen zu brechen, trank ich einen Schluck und sagte: »Hmm. Der ist ungewöhnlich. Aber sehr lecker.«

Er lächelte und zeigte ebenmäßige Zähne. »Finden Sie? Das freut mich. Den meisten ist er zu kräftig.«

»Och. Ich habe Freunde an der Nordsee. Ostfriesentee haut den stärksten Mann vom Hocker. Um ihn genießbar zu machen, kommt ein Brocken Kandis rein, der beinahe die komplette Tasse ausfüllt.«

»Aber das ostfriesische ist ein schönes Tee-Ritual«, erwiderte er. »Tee, der nicht umgerührt werden darf … Der Kandis, der nach und nach knisternd schmilzt und für mindestens drei Portionen Tee reicht … Das Sahnewölkchen, das sich langsam verteilt … beinahe schon meditativ. Ich mag das wirklich sehr.«

Sieh an, dachte ich, Herr Dengelmann steht auf Rituale.

Ich hob die Tasse. »Und welche Sorte ist dieser hier?«

»Assam Jamguri Golden Blossom.«

Hui. Das klang aber exotisch.

»Von dem hab ich noch nie gehört. Und definitiv habe ich ihn noch nie zuvor gekostet.«

Er nickte, als hätte er sich das ohnehin gedacht. »Eine kostbare, sehr rare Sorte aus dem Assam-Jamguri-Teegarten, der in der östlichen Hochebene Assams im Golaghat-Distrikt liegt. In Indien. Für eine optimale Versorgung mit Nährstoffen wird die Rinde der hundert Jahre alten Büsche mit einer Kräuterpaste behandelt.«

Zuerst dachte ich, er will mich verhohnepipeln. Ich finde bereits die Vorstellung verrückt, dass Kobe-Rinder angeblich mit Bier gemästet, mit Schnaps geduscht und täglich massiert werden, um die Fleischqualität zu erhöhen. Aber Büsche, deren Äste mit Kräuterpaste eingerieben werden? Wow.

»Selbst die besten Pflückerinnen erreichen nur eine Tagesleistung von 200 Gramm«, fuhr er verträumt fort, während er liebevoll in seine Tasse blickte, »eine sehr aufwendige und mühselige Arbeit.«

Klar, dachte ich, und dann wird jedes einzelne Blättchen auf den Schenkeln von Jungfrauen handgerollt. Ach nein, das waren ja die kubanischen Zigarren.

»Er hat ganz dunkle Blätter und wunderschöne goldene Knospen. Und er ist gern in einer bauchigen Kanne.«

Ist er das? Und das hat er dir gesagt, so unter vier Augen?, dachte ich und kämpfte verzweifelt gegen aufsteigendes Gelächter an.

Er ist gern in einer bauchigen Kanne – also wirklich. Was machte er denn, wenn er in einer falschen Kanne aufgegossen wurde? In so einer schmalen, hohen, die keinen Bauch hatte? Rollten sich die Blätter dann ganz fest zusammen und weigerten sich, Aroma abzugeben? Bockiger Tee, der schmollte, weil man die falsche Kanne genommen hatte?

Ob er mit jedem seiner Tees – und ich ging davon aus, dass er jede Menge exotische Sorten hatte – vorher ausdiskutierte, welche Kanne beliebte? War er so was Ähnliches wie ein Tee-Sommelier? Gab es so was überhaupt?

»Nun, Gott sei Dank haben Sie eine bauchige Kanne«, sagte ich und deutete auf das gusseiserne Schmuckstück auf dem Servierwagen.

»Die habe ich mir extra für den Jamguri angeschafft«, erwiderte er. »Es ist eine Tetsubin Kyusu. Das Muster nennt sich Sakuramon, es ist sehr selten. Kirsch-Motive. Die meisten Tetsubin – Kannen haben ein Arare – Muster, das heißt Hagel. Das kennen Sie bestimmt, das sind …«

Ich ließ ihn erzählen.

Keine Fragen mehr zu Tee und/oder Kannen stellen, notierte ich auf meinem geistigen Notizblock.

Egal, was ich über diesen Mann noch herausfinden würde – eines stand schon jetzt fest: Er hatte einen ausgeprägten Tee-Fetisch.

Kapitel 5

Wie und wo soll man um Himmels willen putzen, wenn alles blitzeblank ist?, fragt Loretta sich ratlos angesichts ihres neuen Wirkungsbereichs – aber Hilfe ist in Sicht

Irgendwann war Gerhard Dengelmann endlich fertig mit seinem Vortrag zu Mustern auf gusseisernen Teekannen.

Sollte es jemanden interessieren: Die klassischen Dekors waren Arare (Hagel), Hada (Haut), Muji (ohne Muster), Itome (Faden) sowie Bildmotive wie eben dieses Sakuramon, was wiederum die Kurzform für Sakura Monyou war.

Aha.

Nur die Tatsache, dass er diese für mich nur mäßig interessanten Informationen mit dieser wunderbaren Stimme vortrug, ließ mich zuhören. Außerdem: Konnte ja durchaus sein, dass er im Anschluss sagen würde: »So – Stifte raus, wir schreiben einen Test!«

Aber nichts dergleichen geschah. Er stellte seinen Becher zurück auf das gusseiserne Blatt, lehnte sich wieder zurück und musterte mich. Dann sagte er: »Und Sie wollen also für mich putzen.«

Ich ließ meinen Blick durch den Raum wandern und nickte. »Ich brauche einen Job.«

»Schön, schön. Die Wohnung ist groß, das ist keine einfache Aufgabe. Mit schludriger Arbeit werde ich mich nicht zufriedengeben.«

Das hatte ich mir beinahe schon gedacht. Was hatte die gute Frau Berger erzählt – vier Haushaltshilfen in drei Wochen? Das war eine amtliche Schlagzahl. Bestimmt war er von seiner Gattin Jutta, seiner ehemaligen Vollzeit-Haushaltshilfe, gewohnt, dass nirgends auch nur das kleinste Stäubchen lag. Und jetzt machte er die verblüffende Erfahrung, dass man den Chrom-Armaturen im Badezimmer die Benutzung tatsächlich ansah, wenn nicht jemand sofort hinter einem her polierte.

Aber wer konnte das von ihm geforderte Reinheitsniveau schaffen, wenn nicht eine Haussklavin, die ständig um ihn herum war?

»Woraus genau bestehen meine Aufgaben?«, fragte ich.

»Grundreinigung«, erwiderte er. »Wie wäre es, wenn ich Sie mal durch die Wohnung führen würde?«

Die Küche sah aus, als wäre sie noch niemals benutzt worden. Auch hier fand ich – wie schon im Wohnzimmer – Eiche rustikal vor. Auf der meterlangen Arbeitsfläche stand außer einem Toaster lediglich eine Kaffeekapsel-Maschine herum, wie ich sie aus Dennis’ʼ Büro kannte. Es gab einen kleinen Tisch mit zwei Stühlen. Darunter stand eine dieser riesigen Plastiktaschen; sie war bis zum Rand mit leeren Pizzaschachteln vollgestopft. Frau Berger hatte also recht damit, dass Dengelmann sich überwiegend mithilfe des Pizzaservices am Leben erhielt. Im Kühlschrank würde ich vermutlich nur ein Toastbrot, etwas Butter und ein Glas Marmelade vorfinden.

Auch das Esszimmer wirkte unbenutzt. Um einen ovalen Tisch herum, über dem ein altmodischer Kronleuchter hing, gruppierten sich sechs Stühle. Dazu gab es noch eine Anrichte – fertig.

Welche Vergeudung von Wohnraum, dachte ich, während es weiter ins Schlafzimmer ging.

Superbreites weißes Schleiflack-Doppelbett, aber Bettzeug nur für eine Person. Über dem Kopfende hing ein Ölgemälde mit einem kitschigen Sonnenuntergang über dem Meer. Frisierkommode, ein Behälter aus Korb für die Schmutzwäsche, Kleiderschrank über eine ganze Wand hinweg, zwei Nachtkonsolen mit schlichten Leuchten, auf einer Konsole stand ein Digitalwecker. Der Boden war bedeckt mit einem flauschigen hellblauen Teppich.

Auch hier – wie übrigens in allen Räumen, die ich bisher gesehen hatte – hingen wallende Spitzengardinen am Fenster.

»Haben Sie Haustiere?«, fragte ich.

Beinahe amüsiert schüttelte er den Kopf. »Du liebe Güte – nein.«

Du liebe Güte – wie hatte ich das überhaupt fragen können? Natürlich gab es hier keine Haustiere. Schließlich schleppten Hunde Straßenschmutz ins Haus und verteilten überall ihre Haare, Katzen schaukelten an Vorhängen und zerkratzten die Möbel, Vögel verstreuten um ihren Käfig herum krümeliges Zeugs.

Und bestimmt machten alle zusammen irgendetwas Unsägliches und Inakzeptables mit seinem kostbaren Tee.

Apropos Tee – nirgends entdeckte ich eine Vitrine oder dergleichen, in dem seine diversen Tee-Service ausgestellt wurden – und ganz bestimmt hatte er mehrere davon. Sicherlich gab es Teesorten, die nicht gerne in bauchigen Kannen waren. Und sollte er das Ostfriesentee-Ritual selbst praktizieren, besaß er todsicher das passende Service dazu. Das echte mit der friesischen Rose drauf. Außerdem benötigte man für das Sahnewölkchen-Ritual zwingend einen stilechten Sahnelöffel aus Ostfriesland, außerdem eine kleine Zange für den Kandis.

So gesehen musste diese krude Mixtur aus japanischem Gusseisen und Gelsenkirchener Barock für ihn eine mentale Herausforderung sein. Vermutlich pflegte der Japaner an sich zum Tee auch weder Zucker noch Milch oder gar schnöde Plätzchen zu reichen, und er hatte es mir nur angeboten, weil er ein guter Gastgeber sein wollte.

Nun, noch hatte ich nicht gecheckt, was sich hinter den Türen der Küchenschränke verbarg. Obwohl – irgendwie hätte ich ihn nach der eingangs zelebrierten Nummer mit dem handgerollten Tee und der besonderen Kanne dazu so eingeschätzt, dass er seine Leidenschaft gern zur Schau stellte, um sich als kultivierter Mensch zu präsentieren.

Doch vielleicht hatte er mich auch nur einschüchtern wollen, um die Fronten von vornherein klarzustellen. Er war der Massa, ich die kleine, dumme Putze, die ganz bestimmt nur Billig-Beuteltee vom Discounter kannte.

Von mir aus sollte er sich überlegen fühlen, das kam mir und meinem Auftrag nur entgegen. Menschen, die ihr Gegenüber unterschätzen, sind im Allgemeinen leichter zu überführen.

Wobei noch zu klären war, ob es überhaupt etwas zu überführen gab.

Vom Schlafzimmer aus ging es ins Bad, das die Ausmaße eines mittleren Tanzsaales hatte. Weiße Keramik vor altrosa Fliesen – nun ja. Doppelwaschtisch, ausladende Spiegel, riesige Dusche mit Glaswänden, Badewanne für mindestens drei Personen, farblich passend zu den Fliesen die Handtücher und die fluffigen Badteppiche, Schrankmöbel in Weiß, hinter deren Türen sich mit Sicherheit noch viel mehr farblich Passendes verbarg.

Wir gingen weiter und kamen an einer Tür vorbei.

»Das ist mein Arbeitszimmer«, sagte er. »Das gehört nicht zu Ihren Aufgaben.«

Ich muss nicht extra erwähnen, dass ich mir umgehend vornahm, bei nächster sich bietender Gelegenheit meine neugierige Nase in die verbotene Zone zu stecken. Nicht mein Aufgabenbereich – tss. Das hatte gewiss nicht Gerhard Dengelmann zu entscheiden, was ich als meinen Aufgabenbereich betrachtete.

Wir kehrten zurück ins Wohnzimmer, und er ging zu einem der Fenster, um die Gardinen zurückzuschieben. Dahinter kam eine Balkontür zum Vorschein.

»Hier ist der Balkon«, erklärte er das Offensichtliche. »Zu dieser Jahreszeit nutze ich ihn natürlich nicht.«

Ich spähte an ihm vorbei und entdeckte eine halb überdachte Loggia von der Größe einer handelsüblichen Zweizimmerwohnung. Tja, damit wäre dann auch erklärt, wofür einige der vielen Quadratmeter dieser Wohnung verplempert worden waren: Bad und Balkon.

Mit einer Handbewegung bat er mich zurück in den Sessel, dann schenkte er noch einmal Tee ein.

»Sind Sie eigentlich zeitlich flexibel?«, fragte er.

Ich nickte. »Absolut.«

»Ich würde Sie gern noch etwas fragen«, sagte er, als er mir den kleinen Becher anreichte.

»Nur zu.«

»Warum müssen Sie putzen gehen?«

Okay, das war reichlich neugierig. Das ging ihn mal so gar nichts an. Aber ich wollte ja einen guten Eindruck machen und mich nicht gleich bei der ersten Begegnung als sperrig präsentieren.

»Meine finanzielle Situation ist ein wenig angespannt«, erwiderte ich also. »Dieser Job würde mich deutlich ruhiger schlafen lassen.«

Er nickte wissend, und ich wusste, was er dachte: Die lebt von Hartz IV und will ein paar Kröten nebenher machen, möglichst schwarz.

»Ich werde Ihre Tätigkeit bei mir ordnungsgemäß anmelden, das ist Ihnen hoffentlich klar«, sagte er.

»Selbstverständlich. Davon gehe ich aus. Alles muss seine Ordnung haben.«

Damit hatte er nicht gerechnet, und seine Brauen hoben sich überrascht. »Sie leben nicht vom Staat?«

Ich schüttelte den Kopf. »Natürlich nicht. Wie kommen Sie darauf?«

Ich wusste, wie er darauf kam: Ich war zeitlich flexibel, also arbeitslos, und ich brauchte Geld.

»Äh … Ich dachte, weil Sie zeitlich flexibel sind, können Sie ja sonst nicht … äh … arbeiten gehen, oder?«, eierte er peinlich berührt vor sich hin.

»Ich bin Freiberuflerin«, sagte ich.

»Ach wirklich? Darf ich fragen, was Sie machen?«

Herrgott, warum hatte ich ihn nicht einfach glauben lassen, dass ich von Hartz IV lebte? Welcher Teufel hatte mich denn jetzt schon wieder geritten? Jetzt musste ich mir irgendeinen Blödsinn ausdenken, der tunlichst auch noch überzeugend klingen sollte. Aber hätte ich auf die Hartz-IV-Story abgenickt, hätte es wahrscheinlich die Beamtenseele in ihm umgetrieben, ob ich meine Tätigkeit bei ihm auch schön brav beim Jobcenter anmeldete. Ich musste mir schnell etwas ausdenken, womit plausibel war, dass ich zwar nicht arbeitslos war, aber trotzdem frei über meine Zeit verfügen konnte.

Also haute ich das Erstbeste raus, das mir einfiel: »Ich bin Lektorin.«

»Ach, tatsächlich? Interessant. Was macht man als Lektorin denn so?«

Verflucht! Um Zeit zu gewinnen, nippte ich meinen Tee, während ich hastig mein Gehirn nach dem durchforstete, was ich von meiner Freundin Isolde, die ja Schriftstellerin war, über Lektoratstätigkeit wusste. Sie hatte mit solchen Existenzen zu tun, die ihre Texte durchforsteten, damit auch alles gut lesbar und stimmig war, bevor die Druckerschwärze Fakten schaffte. Erst neulich hatte sie mir vom Spleen ihrer Lektorin erzählt, die den Namen Erik notorisch nicht leiden konnte und eine ihrer Figuren in Isoldes neuestem Manuskript unbedingt umbenennen wollte. Viel wusste ich nicht gerade, aber unter den Blinden war der Einäugige stets König. Und wenn er gar keine Ahnung davon hatte, konnte ich mich mit meinem Halbwissen hoffentlich aus der Affäre ziehen.

»Ich bearbeite die Texte von Autoren und Journalisten. Sprachlich, meine ich. Deshalb kann ich meinen Tag frei einteilen.«

»Aha. Hm, hm. Wirklich interessant. Und das reicht nicht zum Leben?«, bohrte er weiter.

Innerlich verdrehte ich die Augen. Verdammt – was wusste ich denn, ob das reichte oder nicht?

»Der Markt ist umkämpft. Es gibt viele freie Lektoren, die ihre Arbeit zu Dumpingpreisen anbieten«, fabulierte ich munter drauflos. »Ich weiß nie, wann ich den nächsten Auftrag ergattere – also weiß ich nie, wie lange ich mit meinem Geld, das ich verdient habe, auskommen muss.«

Tja, dachte ich, als ich sein entgeistertes Gesicht sah, von so etwas hast du als satter Beamter keine Ahnung, richtig? Selbst im Ruhestand kommt monatlich der dicke Batzen aufs Konto geflogen, und du musst dir um deine nächste Miete ganz bestimmt keine Sorgen machen. Ich dagegen … halt, stopp. Reiß dich zusammen, Loretta.

Offenbar steigerte ich mich gerade etwas zu sehr in meine Rolle hinein. Aber einen wollte ich noch drauflegen.

Ich seufzte dramatisch und fuhr fort: »Als wäre das nicht schon nervenaufreibend genug, hat man als Freiberufler ständig das Finanzamt im Nacken. Und ich muss mich selbst krankenversichern, das ist kein Pappenstiel. Ich kämpfe permanent um meine Existenz. Wenn ich bei Ihnen monatlich 450 Euro dazuverdienen könnte, würde mir das schon sehr helfen.«

»Äh, ja … natürlich. Da zählt sicherlich jeder Euro. Dann versuchen wir es miteinander?«

Ich lächelte strahlend. »Von mir aus gern. Aber jetzt hätte ich noch eine Frage.« Auf sein Nicken hin fuhr ich fort: »Leben Sie allein hier?«

»Warum wollen Sie das wissen?« Er musterte mich entschieden misstrauisch.

»Weil es für mich durchaus wichtig ist, wie viele Personen in der Wohnung leben, die ich putze. Eine Person macht weniger Schmutz als mehrere, nicht wahr? Zum Beispiel wird weniger Geschirr benutzt. Ich möchte kalkulieren, wie viel Zeit ich für die einzelnen anfallenden Aufgaben benötige. Vielleicht handelt es sich nur um wenige Minuten mehr oder weniger, aber aufs große Ganze gerechnet, macht es für mich durchaus einen Unterschied.«

»Ich lebe allein hier«, sagte er. »Dies ist ein Einpersonenhaushalt.«

»Und der Keller?«

»Wieso der Keller?«

»Haben Sie nicht regelmäßig Kellerdienst? Der muss doch auch gereinigt werden.«

»Das erledigt ein Unternehmen. Im Keller haben Sie nichts …«, er stockte und räusperte sich. »In den Keller müssen Sie nicht. Ihr Bereich ist ausschließlich diese Wohnung.«

Damit war alles geklärt.

Wir verabredeten uns für den übernächsten Tag um acht Uhr.

Ab Mittwoch war ich also die neue Putzfrau von Gerhard Dengelmann.

»Nirgendwo habe ich Anzeichen dafür gesehen, dass er bis vor Kurzem nicht alleine gewohnt hat«, erzählte ich eine Stunde später Erwin und Dennis, die atemlos lauschten, was ich zu berichten hatte. »Also, zumindest rein äußerlich. Kein Foto von ihr, nichts. Kein Damenmantel an der Garderobe, keine zweite Zahnbürste im Bad, keine Pantoffeln vor dem Bett, das im Übrigen auch nur für eine Person bezogen war. Noch konnte ich natürlich nicht in den Kleiderschrank gucken. Ach so, auf dem Schminktisch im Schlafzimmer lag auch nichts.«

»Und sonst?«, fragte Dennis. »Wie ist er so? Traust du ihm einen Mord zu?«

»Dennis, bleib locker«, erwiderte ich. »Noch haben wir nichts weiter als Frau Bergers Verdächtigungen. Vielleicht hat Jutta ihn ja tatsächlich verlassen, und er hat einfach nur alles aus der Wohnung geräumt, was ihn an sie erinnerte. Oder er hat irgendwo einen versteckten Schrein errichtet. Zum Beispiel in seinem Arbeitszimmer, in das ich bei der Wohnungsbegehung keinen Blick werfen durfte – im Gegensatz zu allen anderen Räumen. Das Arbeitszimmer gehört nicht zu meinem Aufgabenbereich, wenn ich zitieren darf. Das gilt übrigens auch für den Keller. Hat die Berger nicht erzählt, dass er stundenlang im Keller verschwindet?«

Erwin nickte. »Hat sie.«

»Wunderbar.« Ich rieb mir die Hände. »Ich kann kaum erwarten, herauszufinden, was sich dort verbirgt.«

»Vielleicht ein Folterkeller?«, mutmaßte Dennis aufgeregt. »Oder er hält Jutta dort gefangen, weil sie ihn verlassen wollte! Bestimmt hat er den Raum schalldicht gemacht, und sie ist dort an ein schmiedeeisernes Bettgestell gekettet. Ihre Kleider bestehen nur noch aus Fetzen ... verzweifelt ruft sie um Hilfe, aber niemand kann sie hören ...«

»Du guckst eindeutig zu viele schlechte Pornos«, fiel ich ihm ins Wort, bevor seine schmuddeligen Fantasien noch weiter ausufern konnten. »Aber pass auf: Wenn ich Jutta wirklich im Keller finden sollte, gebe ich dir einen aus.«

»Du gehst kein Risiko ein, Loretta, hörst du?«, sagte Erwin streng. »Wenn die Türen abgeschlossen sind, machst du keinen Unsinn. Das verbiete ich dir.«

»Das allergrößte Risiko bin ich bereits eingegangen«, erwiderte ich mit einem Seufzen.

Erwin sah mich alarmiert an. »Und das wäre?«

»Ich gebe vor, putzen zu können. Wisst ihr, das ist eine echte Wissenschaft. Ich habe zu Hause nur ein Mittel, mit dem ich alles irgendwie sauber kriege. Außerdem ist meine Toleranzgrenze ziemlich hoch, schon allein wegen Baghira. Irgendwo liegen immer Krümel von Katzenstreu rum oder kleben irgendwelche seiner Haare, das stört mich nicht weiter. Oder ob nach dem Putzen noch ein paar Streifen auf dem Fenster sind. Damit werde ich bei Gerhard Dengelmann nicht durchkommen. Seine Spießerbude ist so sauber, dass ich nicht einmal weiß, was ich dort überhaupt putzen soll.«

Erwin lachte dröhnend. »Na, dazu könnte mein Täubchen dir einiges erzählen. Schwämme und Lappen unterschiedlicher Farbe für verschiedene Bereiche, mindestens acht Sorten Putzmittel, außerdem kennt sie Dutzende Tricks. Zum Beispiel, wie man diese Streifen auf Fensterscheiben todsicher verhindert.«

Ich krallte mich in Erwins Arm. »Das ist meine Rettung! Sie muss mir alles beibringen! Sonst fliege ich bei Dengelmann raus, bevor ich auch nur das Geringste herausfinden konnte! Der durchschaut mich doch sofort, wenn seine Jutta so ein Putzteufel war. Und außerdem wissen wir von der Berger, dass er seine Putzfrauen offenbar so penibel kontrolliert, dass alle bisherigen das Weite gesucht haben. Jungs – ohne Täubchens Hilfe habe ich nicht die geringste Chance, das ist euch hoffentlich klar.«

Erwin und ich sahen Dennis eindringlich an, und der kapierte ausnahmsweise mal sofort. »Alles klar, ich habe verstanden. Hier bin ich gefragt, kein Problem. Morgen bekommt Doris von mir einen Tag Urlaub. Bezahlten Urlaub natürlich. Dafür schult sie dich im Putzen, Loretta. Wär doch gelacht, wenn wir diesen Dengelmann nicht überzeugen könnten.« Er schnappte meinen Blick auf und fügte eilig hinzu: »Wenn du ihn nicht überzeugen könntest, meine ich.«

Na also.

Kapitel 6

Loretta lernt mehr übers Putzen, als sie jemals wollte, und schreibt zur Sicherheit alles auf – aber nicht etwa, weil sie schon immer eine Putzbibel hätte haben wollen

»Jetzt wird erst mal ordentlich gefrühstückt«, sagte Doris resolut, als ich am nächsten Morgen bei ihr eintraf. »Danke übrigens für den freien Tag.«

»Bedank dich bei Dennis«, sagte ich und pellte mich aus meiner Winterjacke. »Er ist der Boss. Und so richtig frei ist der Tag ja nun wirklich nicht.«

In weiser Voraussicht hatte ich mich zu Hause auf ein Tässchen Espresso zur frühmorgendlichen Lektüre der Tageszeitung beschränkt – schließlich kannte ich meine Pappenheimer. Doris hätte es mir niemals verziehen, wenn ich mit vollem Magen bei ihr aufgekreuzt wäre.

Sie fuhrwerkte am Backofen herum, in dem ein halbes Dutzend Aufback-Brötchen ihrer perfekten Bräunung und Knusprigkeit entgegensahen. Das summende Umluftgebläse murmelte die Begleitmelodie dazu, während das Küchenradio leise dudelte.

»Setz dich, Schätzchen. Die Brötchen brauchen noch eine Minute.«

»Wo ist Erwin?«, fragte ich. Nur zwei Gedecke, nur lächerliche sechs Brötchen – ganz eindeutig war Erwin außer Haus.

»Im Büro«, erwiderte sie und gab mir einen Klaps auf die Hand, da ich mir eine Scheibe Salami vom hübsch angerichteten und mit Gürkchen dekorierten Wurstangebot klauen wollte. »Er hat doch gleich einen Termin mit dieser Frau ... wieheißtsienochgleich ...«

»Du meinst Frau Berger«, soufflierte ich.

»Genau. Die Frau, die denkt, dass ihr Nachbar seine Frau abgemurkst hat.«

So viel also zu unserem pompösen Privatdetektiv-Ehrenwort, unsere Klienten und ihre Informationen vertraulich zu behandeln.

»Und bei diesem Herrn Dengelmann sollst du jetzt als Putzfrau eingeschleust werden?«, fuhr sie fort und schenkte Kaffee ein. Dann holte sie die Brötchen aus dem Backofen und brachte sie in einem Körbchen mit zum Tisch.

Bevor sie sich setzte, murmelte sie: »Hab ich irgendwas vergessen?«, und scannte mit geübtem Blick das üppige Nahrungsgebot. Dann erst nahm sie mir gegenüber Platz.

»Na ja, eigentlich bin ich ja schon eingeschleust«, erwiderte ich. »Ich hatte gestern mein Vorstellungsgespräch, und ich hab den Job. Deshalb bin ich ja jetzt hier. Der Typ ist als Kontrollfreak bekannt. Angeblich hat er in den letzten drei Wochen bereits vier Putzhilfen verschlissen, und ich könnte ratzfatz die Nummer fünf werden. Meine Fähigkeiten auf diesem Gebiet würde ich, vorsichtig formuliert, als eher unterentwickelt bezeichnen; da gibt es nichts zu beschönigen. Meine Wohnung kennst du ja.«

»Na, na, na. Sei mal nicht so streng mit dir«, brummte sie mütterlich, während sie konzentriert die Konsistenz ihres Frühstückseis prüfte und dann zufrieden nickte.

»Bin ich nicht. Für meine Bedürfnisse und vermutlich für jeden anderen Menschen, der keinen Sauberkeitsfetisch hat, reichen sie vollkommen aus, finde ich. Aber ganz bestimmt nicht für Gerhard Dengelmann.«

»Musst du eigentlich dein eigenes Equipment mitbringen?«, fragte sie.

Klock. Das Brötchen, das ich gerade hatte aufschneiden wollen, kollerte über den Tisch, denn ich hatte es vor Schreck fallen lassen.

»Wie bitte?«, fragte ich, atemlos vor Entsetzen. »Mein eigenes Equipment? Gibt es das, dass Putzfrauen ihr eigenes Zeug mitbringen?«

»Sicher gibt es das. Wenn du diesen Service richtig professionell anbietest, hast du natürlich eine eigene Ausrüstung.«

»Jesses. Mach mich nicht schwach. Ob er das etwa von mir erwartet?«

»Glaub ich nicht, wenn er nix davon gesagt hat. Wenn er so ein Kontrolltyp ist, will er vielleicht gar nicht, dass du ihm was in die Wohnung schleppst.«

»Nachdem ich gestern seine Wohnung gesehen habe, ist mir sowieso völlig schleierhaft, was ich da überhaupt machen soll! Ich kann mir kaum vorstellen, dass er heute eine Party plant, nach der seine Bude morgen aussehen wird wie ein Schlachtfeld.«

»Echten Fanatikern reicht die Vorstellung, dass sie draußen vor der Tür waren und dann Straßenschmutz reingetragen haben«, entgegnete sie. »Außerdem geht es bei deinem Auftrag doch wohl eher darum, Hinweise auf den Verbleib seiner unter mysteriösen Umständen verschwundenen Gattin zu finden, oder?«

»Angeblich unter mysteriösen Umständen verschwunden«, sagte ich. »Kann genauso gut sein, dass die gute Frau Berger viel zu viel Tagesfreizeit hat und deshalb auf dumme Gedanken gekommen ist. Dieses Phänomen soll ja öfter mal auftreten. Frag deinen Erwin mal danach, wie viele Wirrköpfe ihm in seiner Karriere als Polizist begegnet sind, die sich irgendeinen hirnrissigen Blödsinn über ihre Nachbarn zusammenfantasiert haben.«

Doris sah mich erstaunt an. »Machte sie auf dich denn den Eindruck, als wäre sie nicht ganz klar im Oberstübchen? Erwin hat nichts davon gesagt.«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, sie ist eine gut gekleidete, biedere ältere Dame. Ihre aufrichtige Sorge um ihre Freundin habe ich ihr abgenommen. Aber was bedeutet das schon? Heißt es nicht, Psychopathen seien die besten Schauspieler?«

»Du denkst, sie ist eine Psychopathin?«

»Nee, natürlich nicht. Noch denke ich überhaupt nichts. Gerhard Dengelmann hat auch nicht gerade Killer auf der Stirn stehen, weißt du? Das haben Mörder sowieso ziemlich selten, habe ich mir sagen lassen. Zum großen Bedauern der ermittelnden Behörden, übrigens.«

Doris und ich kicherten eine Runde, dann fuhr ich fort: »Aber zurück zum eigentlichen Thema. Um überhaupt in die Situation zu kommen, irgendwas herauszufinden, muss ich länger als eine Stunde beim guten Gerhard beschäftigt bleiben, richtig? Also muss ich es zumindest schaffen, den Eindruck zu erwecken, als verstünde ich etwas vom Putzhandwerk. So ’n bissken Haushalts-Wischiwaschi reicht da nicht. Also werde ich mit Schlauschwätzerei nicht durchkommen und muss Taten folgen lassen. Sprich: streifenfreie, blitzeblanke Fenster, zum Beispiel. Oder die rückstandslose Entfernung von Kalkablagerungen an Badezimmerarmaturen, und was da sonst noch so an heimtückischen Angriffen auf klinische Reinheit lauern könnte. Bitte – du musst mir helfen.«

Ich blickte Doris flehend an, und sie grinste.

»Alles zu seiner Zeit. Jetzt wird erst mal ordentlich gefrühstückt.«

Mit allzu vollem Magen lässt es sich nicht unbedingt leicht putzen, wie ich dann rasch feststellen musste, als es schließlich losging. Erwin hatte nicht zu viel versprochen: Doris präsentierte mir Schwämme und Lappen in so ziemlich jeder Farbe des Regenbogens, die sämtlich eine ganz bestimmte Aufgabe und natürlich im Bad einen eigenen Schrank hatten.

»Fangen wir hiermit an«, dozierte sie und deutete auf diverse Schwämme beziehungsweise Lappen im Farbspektrum zwischen Grün und Blau, »im Bad ist die Hygiene ganz besonders wichtig. Ich halte es so: Dunkelgrün: Toilette, und zwar ausschließlich die Toilette – von außen, versteht sich. Hellgrün: Waschbecken und Wanne. Hellblau: Spiegel und Armaturen. Dunkelblau: Fliesen.«

»Warum ausgerechnet diese Farben?«, fragte ich.

»Irgendwelche musste ich ja nehmen.« Sie zuckte mit den Achseln. »Irgendwie gehören die farblich ja auch zusammen. Und wenn du über Jahrzehnte mit diesem System arbeitest, denkst du überhaupt nicht mehr darüber nach. Stell dir vor, du hättest kein System dafür. Dann stehst du da und weißt nicht mehr, mit welchem Lappen du die Pipispritzer weggewischt hast, und putzt damit das Waschbecken. Schon hast du die Keime verbreitet. Und der Nächste, der das Bad benutzt, stützt sich am Waschbeckenrand ab und wischt sich dann mit den verkeimten Händen über den Mund …«

»Hör auf!«, kreischte ich angeekelt. »Das ist ja widerlich! Gerade noch dachte ich, du übertreibst mit deiner merkwürdigen Regenbogenkollektion aus Putzlappen, aber so …«

Sie nickte. »Siehste. Natürlich koche ich die Lappen zusätzlich regelmäßig aus. Und ich putze grundsätzlich mit Handschuhen. Wenn du keine Gummihandschuhe magst: Diese Einwegdinger eignen sich hervorragend, und zwar aus zwei Gründen. Erstens bleiben deine Hände sauber und ebenfalls keimfrei. Denn vergiss nicht: Wenn du einen verkeimten Schwamm in der Hand hattest und dann in dein Gesicht … «

»Schon gut! Ich habe verstanden!«, keifte ich und stöhnte. »Und zweitens?«

»Deine Haut quillt nicht so auf. Außerdem sind manche Putzmittel ziemlich aggressiv, und falls du empfindlich bist, empfehlen sich Handschuhe ohnehin als Schutz. Dein Herr Dengelmann macht mir den Eindruck, als müsstest du dort schwere Geschütze auffahren. Also Mittel benutzen, die schön ätzend nach Säure stinken. Die riechen, als könnte man damit auch Wälder entlauben.«

»Großer Gott, das klingt ja gruselig. Sind die gefährlich?«, wisperte ich eingeschüchtert.

»Na ja, du solltest sie vielleicht nicht unbedingt trinken, manche enthalten tatsächlich Salzsäure. Oder zu viel davon in einem kleinen, ungelüfteten Raum benutzen. Dann kann dir von den aufsteigenden Dämpfen durchaus schwummerig werden.«

Himmel – worauf hatte ich mich da eingelassen? Dengelmann machte mir keine Angst, aber ich begann, die Putzmittel zu fürchten, die man offensichtlich auch als Chemiewaffen einsetzen konnte.

Wir verließen das Bad und begaben uns zu meinem ersten Praxistest. Ich bekam von Doris die Aufgabe, das Küchenfenster zu putzen. Tapfer machte ich mich ans Werk und sah schon an ihrem kritischen Blick, dass ich mich dabei nicht gerade mit Ruhm bekleckerte. Ich mühte mich redlich ab, aber als wir das Fenster schlossen, präsentierte die unbarmherzige, tiefstehende Novembersonne ein hübsches Muster aus Putzstreifen.

Damit würde ich bei Dengelmann niemals durchkommen, und auch Doris runzelte die Stirn.

»Guck mir zu«, sagte sie, öffnete das Fenster wieder und griff zu einem Schwamm. Rasch wischte sie über die Scheibe, während sie dozierte: »Ein streifenfreies Fenster ist eigentlich keine Zauberei. Wichtig ist, dass du in der richtigen Reihenfolge und vor allem zügig arbeitest. Du nimmst zunächst einen Schwamm und seifst erst die Scheibe, dann den Rahmen ein. Am besten dafür geeignet ist ein leicht fettlösliches Mittel; ein Spritzer Spülmittel im Wasser tut es auch.«

»Und was ist mit Glasreinigungsspray?«, fragte ich.

Sie schüttelte den Kopf, warf den Schwamm zurück in den Eimer mit Putzwasser und griff zu einem lederartigen Lappen. »Um mal eben einen Spiegel zu reinigen – okay. Aber nicht für verschmutzte Fenster. Diese Sprays verursachen Streifen eher, als dass sie welche verhindern würden.« Wieder machte sie sich über die Scheibe her. »Okay, weiter. Nach dem ersten Schritt trocknest du das Glas und die Innenseiten des Rahmens mit einem Kunstlederlappen wie diesem hier; die Scheibe muss aber leicht feucht bleiben.« Sie legte den Lappen beiseite und nahm ein weiches Tuch zur Hand. »Dann geht es mit einem Mikrofasertuch oder einem Abzieher weiter. Für Ungeübte ist die Arbeit mit einem Abzieher nicht ganz einfach, aber das können wir trainieren, wenn du willst.«

Wollte ich das? Ich war mir nicht sicher.

Aber ich musste wohl.

»Auf jeden Fall muss ich mir gleich noch alles aufschreiben, was du hier erzählst«, sagte ich. »Das lese ich mir dann heute Abend noch einmal durch.«

Kichernd trocknete sie die Scheibe mit energischen Schwüngen des Lappens. »Die Streifen entstehen, wenn du zu langsam bist, verstehst du? Zur Sicherheit kannst du mit einem zweiten, trockenen Tuch noch einmal hinterhergehen. Wichtig ist aber, dass das Tuch noch nie gewaschen wurde, denn danach kann es auf dem Fenster Fusseln hinterlassen.«

»Na toll. Und wie viele von diesen Lappen gehen dabei drauf, bis du alle Fenster durchhast? Jedes Mal ein fabrikneuer, trockener Lappen? Scheint mir vom Wareneinsatz her reichlich übertrieben.«

»Und genau deshalb kannst du dafür auch das gute, alte Zeitungspapier nehmen. Wie gesagt: Wichtig ist, dass du die Schritte vor dem Polieren in der richtigen Reihenfolge und zügig erledigst. Noch ein Tipp: Wenn dir beim Blumengießen Wassertropfen auf die Scheibe geraten, mach sie sofort weg. Das kann üble Kalkflecken geben. Apropos Kalkflecken …«

Sie ging zurück ins Band, und ich trottete brav hinterher.

»Ich habe extra gestern nicht die Armaturen geputzt«, sagte sie und öffnete erneut den Lappenschrank, in dem auch die diversen Putzmittel aufbewahrt wurden. »Das wirst du jetzt erledigen. Nur zu.«

Zögernd griff ich nach dem hellgrünen Lappen, aber sie schnalzte missbilligend mit der Zunge. Aha – falsch. Huch, das war doch wohl nicht der Pipilappen? Was hatte sie noch gesagt, welche Farbe für die Armaturen reserviert war? Ich grübelte, dann fiel es mir ein: Hellblau. Ich holte den Lappen heraus und sah sie abwartend an.

Doris nickte. »Sehr gut. Hellblau ist richtig. Jetzt weiter: Welches Mittel benutzt du?«

Die Flaschenbatterie war beeindruckend, die Etiketten schwungvoll und grellfarben beschriftet. Ich deutete auf eine Sprühflasche, und Doris hob die Hand.

»Falsch. Zu aggressiv. Dieses Mittel enthält Chlorbleichlauge. Wenn du ein Spray benutzt, dann darfst du es nicht direkt auf die Armatur sprühen.«

»Warum nicht? Wie soll ich es denn sonst machen?«

»Du sprühst es auf den Lappen, den du benutzt, ganz einfach. Der Grund dafür ist, dass der feine Sprühnebel in die Ritzen und Öffnungen der Armatur gelangen und dort großen Schaden anrichten könnte.«

Darauf wäre ich nun wirklich in tausend kalten Wintern nicht gekommen. Meine Billig-Armatur zu Hause schien da nicht so empfindlich zu sein: Ich benutzte so ein Sprühzeugs, das ich gerne stundenlang einwirken ließ – beziehungsweise nach dem Aufsprühen vergaß und mich dann später wunderte, was zum Henker da an meinem Wasserhahn klebte.

Sie reichte mir eine Flasche, auf deren Etikett was von ›Power‹ und von ›multi-aktiv‹ stand. »Das Allerbeste ist sowieso, die Armaturen nach jedem Benutzen kurz mit einem weichen Lappen zu trocknen, dann können die Wassertropfen erst gar keine Kalkablagerungen bilden.«

»Man kann auch übertreiben«, murmelte ich und sprühte ein wenig von dem antiseptisch riechenden Zeug auf meinen Lappen. »Ich sehe hier keine Ablagerungen, aber das nur nebenbei.«

Doris grinste. »Natürlich nicht. Ich mache das schließlich regelmäßig. Und bei Herrn Dengelmann wird es ähnlich sein, wenn seine Frau jahrelang dafür gesorgt hat. Aber es geht auch nicht darum, dass du schmutztechnisch herausgefordert sein wirst. Du sollst ja nicht ein Haus wieder bewohnbar machen, in dem jahrelang Messies gehaust haben und in dem überall zentimeterdicker Siff klebt. Du willst den hohen Standard in einer gepflegten Wohnung erhalten, Loretta. Und zwar unter den Augen eines überaus kritischen Auftraggebers, aber das dürfte locker zu schaffen sein. Und jetzt ab an die Armaturen, Frollein.«

Tatsächlich erledigte ich die Aufgabe zu ihrer vollsten Zufriedenheit, und ich freute mich wie eine Grundschülerin, die zum allerersten Mal ein fehlerfreies Diktat geschrieben hatte.

Weiter ging es von Raum zu Raum, und ich erhielt von ihr fabulöse Tipps zur fachgerechten Pflege und Reinigung von Fußböden, Lichtschaltern und empfindlichen Oberflächen aus Holz.

Den Außenbereich schenkten wir uns, denn ich ging nicht davon aus, dass ich bis zur Eröffnung der nächsten Balkonsaison im Frühjahr bei Dengelmann beschäftigt sein würde. Aber ich war sicher, dass ich von Doris auch alles über die Reinigung von Verandamöbeln und Steinfliesen sowie darüber erfahren könnte, wie man lästige Moosbildung verhinderte.

Nun, beim nächsten Mal vielleicht.

»Mir schwirrt der Kopf«, sagte ich schließlich, »da passt nix mehr rein.«

Mütterlich tätschelte sie mir den Arm. »Ich mach uns jetzt erst mal ein Käffchen und ein lecker Bütterken. Und danach schreiben wir dir alles auf.«

»Hier, Jungs: Das ist das Ergebnis der heutigen Unterrichtseinheit bei Doris«, sagte ich und knallte meine persönliche Putzbibel auf den Tisch im Detektivbüro.

Dennis schnappte sich das Schulheft und blätterte es sichtlich beeindruckt durch. »Nicht schlecht. Und damit willst du Gerhard Dengelmann aus den Klotschen hauen, nehme ich mal an.«

Ich holte mir ein Mineralwasser aus dem Kühlschrank und ließ mich in einen Sessel fallen. »Mir reicht schon, wenn er mich nicht gleich wieder entlässt, weil ich für seinen ollen Kacheltisch in seinem blöden Wohnzimmer das falsche Mittel benutzt und das potthässliche Ding ruiniert habe.«

»Schönen Gruß von Frau Berger«, sagte Erwin und setzte sich zu mir. »Sie ist begeistert, dass es mit dem Job bei Dengelmann geklappt hat. Sie hat dich gestern gesehen, als du den Termin mit ihm hattest.«

Natürlich hatte sie das – schließlich hatte ich ihren neugierigen Blick durch den Türspion beinahe körperlich gespürt. Sollte sie, mich störte es nicht weiter.

»Hatte sie noch irgendwelche Informationen zu bieten, die für mich relevant sein könnten?«, fragte ich.

Erwin schüttelte den Kopf. »Nein. Sie ist noch immer felsenfest davon überzeugt, dass ihre Freundin Jutta nicht freiwillig verschwunden ist.«

»Und wenn sie eine total verrückte Spinnerin ist, die sich einfach dadurch ein wenig Würze in ihr ödes Leben holt, dass sie ihren Nachbarn durch uns ausspionieren lässt?« Ich zuckte mit den Achseln. »Könnte doch sein, oder?«

»Alles Mögliche könnte sein«, erwiderte Erwin. »Das wissen wir doch.«

Wie recht er hatte. Vor allem könnte es sein, dass ich morgen bei meiner ersten Putzschicht nichts mehr von dem wusste, was Doris mir erzählt hatte. Also war es Zeit, nach Hause zu gehen und den Unterrichtsinhalt noch einmal sorgfältig durchzugehen. Das Gehörte nur aufzuschreiben und dann nicht mehr ins Heft zu gucken, brachte nichts, das wusste ich schließlich noch aus der Schule.

Weil ich noch ein so großes Lernpensum vor mir hatte, belohnte ich mich schon im Voraus mit einem Döner, was Baghira in einen wahren Freudentaumel versetzte. Tatsächlich schaffte er es sogar, mich beim Fressen seines Abendhappis nicht aus den Augen zu lassen: Er saß dabei neben seinem Schüsselchen, fixierte mich am Esstisch und angelte, ohne hinzusehen, mit der Kralle einzelne Stückchen aus seinem Fressen, die er sich dann geziert mit den Zähnen von der Pfote pickte. Doch, wirklich, das tat er – ich konnte es selbst kaum glauben.

Aus purer Gemeinheit ließ ich ihn noch ein wenig zappeln und gab vor, seine aufgeregte Ungeduld zu meinen Füßen nicht zu bemerken. Erst als er sich hochkant stellte, seine Vorderkrallen in meinen Oberschenkel grub und mich laut anschrie, knüllte ich die Alufolie, in die der Döner eingewickelt gewesen war, zu einem festen Ball zusammen und warf ihn durch die Küchentür hinaus in den Wohnungsflur. Blitzartig verwandelte sich mein sonst überaus träger Kater in ein pfeilschnelles Wesen, das plötzlich sechzehn Beine zu haben schien und den Ball mit der Virtuosität eines Fußballweltmeisters durch die Wohnung dribbelte.

Ich lauschte dem sich entfernenden Getöse einige Minuten lang, dann schlug ich mit einem Seufzen das Heft auf. Ich hatte mit mir selbst abgemacht, die honigtriefenden Baklava-Teilchen erst anzurühren, wenn ich mein Pensum mindestens einmal durchgearbeitet und einen kleinen Test geschrieben hatte.

Kapitel 7

Loretta weiß zu überzeugen, ohne ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen zu müssen – jedenfalls noch nicht …

Als ich am nächsten Morgen bei Dengelmann klingelte, war ich um ein Vielfaches aufgeregter als bei unserer ersten Begegnung. Immerhin war das jetzt der Auftritt vor dem denkbar strengsten Prüfer.

Tatsächlich hatte ich mir am gestrigen Abend noch Aufgaben wie Was darf man auf keinen Fall mit Armaturen machen? (kratzige Schwämme benutzen) oder Wie wird ein Parkettboden gereinigt? (nur leicht feucht, sonst quillt das Holz auf) gestellt und diese schriftlich beantwortet. Ja, ich hatte mich sogar noch im Internet informiert, wie man kleine Schäden und Kratzer am Holz selbst ausbessern kann. Überhaupt hatte ich mir eine Menge zusätzliches Wissen über echte Parkettböden draufgeschafft, mit dem ich Gerhard Dengelmann zu beeindrucken gedachte.

Der Türsummer ertönte, und ich trat ein.

Wie zufällig lungerte Frau Berger an ihrem Briefkasten herum. Ehrlich gesagt überraschte es mich nicht sonderlich, sie im Hausflur anzutreffen. Sie gab vor, nach ihrer Post zu sehen.

Na klar – um acht Uhr morgens.

»Guten Morgen«, sagte ich unverbindlich freundlich und strebte eilig an ihr vorbei.

»Guten Morgen«, erwiderte sie, dann hörte ich hinter mir, wie sich ihre Wohnungstür schloss.

Dengelmann stand diesmal bereits im Türrahmen und bat mich herein.

Nach einer knappen Begrüßung sagte er: »War das da unten die Berger? Hat die Frau Sie angesprochen?«

Obacht, Loretta, dachte ich.

Ich zog meine Jacke aus und hängte sie an die Garderobe. »Ja, da unten war eine Frau. Heißt sie Berger? Ich hatte den Eindruck, sie holt ihre Post aus dem Briefkasten. Ich hab sie natürlich gegrüßt, wie es sich gehört. Es soll Ihnen niemand nachsagen können, Sie würden Leute beschäftigen, die keine zivilisierten Umgangsformen haben.«

Er schien mir gar nicht zuzuhören, sondern stierte mit gerunzelter Stirn ins Ungefähre, schnaubte leise und murmelte dann: »Als wäre der Postbote morgens um acht schon durch. Der kommt nie vor zehn, das weiß sie so gut wie ich.«

»Sollte ich irgendetwas über diese Frau Berger wissen, Herr Dengelmann? Weil Sie mich doch fragten, ob sie mich angesprochen hat?«

Er schüttelte wie in Zeitlupe den Kopf. »Nein. Sie ist einfach etwas geschwätzig und stiehlt Ihnen die Zeit, wenn Sie nicht aufpassen. Sobald Sie stehen bleiben und sich mit ihr auf ein Gespräch einlassen, haben Sie verloren. Also seien Sie möglichst nicht zu freundlich zu ihr. Höflich – okay. Freundlichkeit missversteht sie schnell als Interesse an ihrer Person.« Er biss sich auf die Unterlippe, als hätte er mir zu viel verraten. Dann deutete er auf meine klobigen Schuhe. »Wollen Sie die anbehalten?«

Ich schüttelte den Kopf und griff nach meiner Stofftasche, die ich neben meine Jacke an die Garderobe gehängt hatte. Wohlweislich hatte ich den Bereich der Schmutzfangmatte noch nicht verlassen.

»Natürlich nicht, ich habe andere Schuhe dabei. Wenn Sie es wünschen, ziehe ich meine Straßenschuhe zukünftig bereits im Hausflur aus.«

Ich sah seinem Gesicht an, dass ich einen Punkt gemacht hatte, und reckte innerlich triumphierend die Faust gen Himmel. Wunderbar, das fing gut an.

»Darf ich mir jetzt Ihre Putzutensilien ansehen?«, fragte ich, nachdem ich die Schuhe gewechselt hatte.

»Die bewahren w…, die bewahre ich im Hauswirtschaftsraum auf«, erwiderte er und führte mich zu einem kleinen Raum, der von der Küche abging.

Eigentlich war es eher ein begehbarer Schrank, der allerdings eine Menge Platz für Putzkram und Vorräte bot. An einer Hakenleiste hingen Besen, Schrubber, Wischmopp, mehrere Handfeger und Kehrschaufeln, darunter standen ein großer Staubsauger sowie drei Eimer, in denen sich benutzte Lappen und Aufnehmer befanden. In einem Regal entdeckte ich diverse Flaschen mit Putzmitteln, die im Wesentlichen mit denen bei Doris übereinstimmten.

Ich befand mich also auf relativ sicherem Terrain.

Das Lappen- und Schwämme-Angebot ließ allerdings sehr zu wünschen übrig. Es gab eine Plastikkiste mit angebrochenen Billig-Zehnerpackungen, wie man sie beim Discounter bekam. Nix Regenbogen.

Aber dazu würde ich ihm später etwas erzählen.

»Sie haben Parkett im Rest der Wohnung, wenn ich mich recht erinnere«, sagte ich, als ich meine Bestandsaufnahme beendet hatte.

Er nickte, und wir gingen hinüber ins Wohnzimmer.

Ich kniete mich hin und fuhr mit der flachen Hand prüfend über den Boden. »Wie viel Millimeter Nutzschicht hat das Parkett?«

Seine Brauen schossen hoch wie eine Saturnrakete beim Lift-off von der Startrampe. »Nun ... äh ... ursprünglich mal vier, mittlerweile nur noch drei.«

Ich nickte wissend. »Also haben Sie es bereits zwei Mal abschleifen lassen.«

Zu den hochgeschossenen Brauen gesellte sich eine heruntergeklappte Kinnlade. Er brauchte einen Moment, um sich wieder zu fassen. »Das … das ist richtig. Woher wissen Sie das?«

Ich sah zu ihm hoch und lächelte. »Ich habe Ihnen doch bereits bei unserem ersten Telefonat gesagt, dass ich die Beste bin, nicht wahr? Alles, was ich mache, nehme ich sehr ernst. Egal, ob ich putze oder einen Text lektoriere. Fundiertes Hintergrundwissen ist von eminenter Wichtigkeit. Wie wurde der Boden bisher gepflegt?«

»Mit der weichen Teppichbürste des Staubsaugers, soweit ich weiß.«

Genau, und zwar jeden Tag um Punkt neun von deiner Jutta, die dafür seit einigen Wochen leider nicht mehr zur Verfügung steht, dachte ich.

»Wissen Sie, ich selbst bin leider kein richtiger Experte«, fügte er hinzu, »das hat immer meine F…, meine bisherige Putzhilfe gemacht.«

»Lassen Sie mich raten: Ihre langjährige Putzfee ist in Rente gegangen, und bisher haben Sie niemanden gefunden, der ihr ebenbürtig wäre.«

Hui, ich musste aufpassen – schließlich wusste ich offiziell nichts von den vier gescheiterten Versuchen während der letzten drei Wochen.

Er seufzte. »Das trifft es ziemlich genau. Meine bisherige Hilfe steht leider nicht mehr zur Verfügung, und jetzt bin ich händeringend auf der Suche. Das ist deutlich komplizierter, als ich erwartet hätte. Die Damen arbeiteten entweder nur oberflächlich oder schreckten vor dem Aufwand zurück. Stellen Sie sich nur vor – eine junge Frau fragte mich doch tatsächlich, was sie hier putzen solle, es sei doch alles sauber!«

Tja, da hatte wohl jemand aus seinem Herzen keine Mördergrube gemacht.

»Wie bitte? Sie machen Scherze!«, rief ich angemessen fassungslos aus, gleichzeitig mühsam um Beherrschung meiner Gesichtszüge ringend. Schnell wandte ich mich ab und fuhr noch einmal mit der Hand über den Boden.

»Hm … ich spüre einige kleine Unebenheit und Kratzer«, konstatierte ich fachmännisch und stand auf. »Die könnte ich selbstverständlich ausbessern, wenn Sie es wünschen. Es gibt da sehr gute Reparatursets, mit denen ich beste Erfahrungen gemacht habe.«

Er musterte mich nachdenklich. »Halten Sie das für nötig? Ich überlasse Ihnen die Entscheidung.«

Das wurde ja immer besser!

Ich hatte es durch mein holterdipolter angelerntes Halbwissen, gepaart mit pseudokompetenter Klugscheißerei, tatsächlich geschafft, die Rollen umzukehren: Plötzlich war ich der Chef im Ring – und nicht länger die kleine Putze, die sich erst mal beweisen musste, während sie auf Knien vor ihm herumrutschte und ihr der Angstschweiß in Strömen von der Stirn perlte.

»Also, ich finde ja, dass bei einem Echtholzboden nicht jede winzige Unperfektheit ausgemerzt werden muss. Ganz im Gegenteil: Sie wirken wie eine Patina und verleihen dem ganzen Raum Natürlichkeit und Charakter. Heutzutage gelten auffällige Maserungen und sogar Astlöcher als schick – was früher undenkbar gewesen wäre. Wissen Sie, ich vergleiche einen schönen Parkettboden gerne mit der Haut eines Menschen: Auch er wird mit den Jahren reifer und benötigt ständige, liebevolle Pflege.«

Das mit der Haut hatte ich mitten in der Nacht irgendwo im Internet gelesen und es – ehrlich gesagt – ziemlich albern gefunden. Jetzt und hier war es die finale Bemerkung, um ihn endgültig zu beeindrucken.

Aber ich war ja noch längst nicht fertig …

»Darf ich Ihnen mein ganz persönliches Putzsystem erklären, Herr Dengelmann?«, fragte ich, als wir wieder in der blitzsauberen Küche standen. Ohne eine entsprechende Aufforderung abzuwarten, setzte ich mich an den Tisch, und er fragte prompt reflexartig, ob er mir etwas zu trinken anbieten könne.

»Ein Glas Wasser wäre nett«, sagte ich bescheiden, und er stürzte beflissen zum Kühlschrank, um den Wunsch seiner neuen Putzgöttin zu erfüllen.

Allmählich keimte in mir Verständnis dafür auf, warum Uschi, die putzende Hausfrau, an der Sexhotline einer der beliebtesten Charaktere war. Abgesehen davon, dass sie halb nackt zu putzen pflegte, schien eine bestimmte Art von Männern schon allein darauf abzufahren, wenn man ihnen das heimische Nest hübsch proper hielt.

Aber warum war das so? Paarte sich dabei die Erinnerung an die geliebte, fürsorgliche Mutter mit dem Wunsch nach Dominanz, da Putzen ja immerhin eine dienende Tätigkeit war?

Mein Glas stellte er natürlich auf einen Untersetzer, bevor er sich mit gegenüber an den Tisch setzte. »Sie wollten mir etwas über Ihr Putzsystem erzählen, Frau Luchs«, sagte er, »ich bin sehr gespannt.«

Das glaubte ich ihm aufs Wort. Meine Kompetenz in Sachen Parkettböden hatte ihn umgehauen.

Ich trank einen Schluck Wasser und stürzte mich dann in einen Vortrag über den Sinn unterschiedlicher Lappenfarben für verschiedene Hygiene-Krisenherde, gespickt mit Informationen über Putzmittel und deren Vor- und Nachteile. Gewürzt wurde mein kleiner Monolog durch vermeintliches Insiderwissen über Sinn und Unsinn diverser Hausmittel.

Er unterbrach mich kein einziges Mal, sondern hing sichtlich fasziniert an meinen Lippen. Als ich schließlich geendet hatte und ihn abwartend ansah, schien er aus tiefer Trance zu erwachen.

»Kaufen Sie alles, was Sie benötigen«, sagte er wie betäubt. »Ich gebe Ihnen gern Geld mit.«

Ich winkte lässig ab. »Das ist nicht nötig. Ich bringe die Quittungen mit, und Sie geben mir dann das Geld.«

»Selbstverständlich, selbstverständlich. Ich … wir müssen noch administrative Dinge … ich brauche Ihre persönlichen Daten, um Sie anzumelden. Ich hole rasch etwas zu schreiben aus dem Arbeitszimmer.«

Er ging aus der Küche, und ich folgte ihm einige Sekunden später auf den leisen Sohlen meiner Turnschuhe bis zu Tür. Ich hatte die Hoffnung, einen Blick in sein geheimnisvolles Arbeitszimmer werfen zu können. Das klappte tatsächlich, war aber unspektakulär: Ich sah lediglich einen Schreibtisch, auf dem ein aufgeklappter Laptop mit dunklem Monitor stand – und Dengelmann von hinten, der etwas aus einer Schreibtischschublade holte.

Als er zurückkam, saß ich längst wieder brav auf meinem Stühlchen und nippte geziert an meinem Mineralwasser. Er fragte meine Daten ab, die er sorgfältig notierte.

Dann blickte er auf seine Armbanduhr. »Was halten Sie davon, wenn Sie die Sachen sofort einkaufen und beim nächsten Mal mitbringen? Passt Ihnen Freitag?«

»Einverstanden. Uhrzeit wie heute?«

»Gern. Und Sie schreiben sich natürlich die heutige Anwesenheit und den Einkauf als geleistete Stunden auf.«

Och, das fand ich nun aber ziemlich nett von ihm. Ich hatte nicht nur keinen Finger krumm gemacht, sondern konnte überdies das Regenbogenlappen-Shoppen mit meinen privaten Einkäufen verbinden – und das bezahlt.

Ich konnte mich nicht erinnern, mein Geld jemals leichter verdient zu haben.

Direkt nach dem Treffen fuhr ich ins Callcenter, schon allein, um Doris vom durchschlagenden Erfolg ihres Unterrichts zu berichten. Sie sprach mit einem Kunden, reckte aber die Hand mit fünf gespreizten Fingern und zeigte dann auf unseren kleinen Sozialraum – also würde sie gleich Pause machen.

Ich schlenderte weiter zu Erwins Büro.

»Ach, mit dir hätte ich so früh gar nicht gerechnet«, sagte er überrascht. »Aber umso besser: Dann kannst du gleich dabei sein.«

»Wobei?«

»Frau Berger kommt in einer halben Stunde.«

Na, die Dame zeigte aber Präsenz.

»Was will sie denn schon wieder?«, fragte ich. »Es gibt doch nichts, was wir zu berichten hätten.«

Erwin zuckte mit den Achseln. »Offenkundig sieht sie das anders.«

»Na gut. Aber jetzt habe ich erst einmal ein Date mit deinem Täubchen. Bis gleich.«

Doris blickte mir bereits erwartungsvoll entgegen, als ich in die kleine Teeküche des Callcenters kam.

Ich breitete die Arme aus und rief: »An meine Brust, du Göttliche! Der Mann liegt mir zu Füßen!«

Wir umarmten uns, dann befreite sie sich und sagte: »Erzähl! Und nichts auslassen, verstanden?«

Während sie ihren Pausenkaffee trank, lauschte sie mit leuchtenden Augen meiner lebhaften Schilderung, wie ich Gerhard Dengelmann durch meine profunde Sachkenntnis in sämtlichen Belangen des Wohnungsreinigungswesens um den Finger gewickelt hatte. »Diese kleinen Schmankerl über Parkettböden habe ich mir gestern noch im Internet zusammengesucht«, verkündete ich mit stolzgeschwellter Brust. »Und rate mal: Gleich gehe ich Regenbogenlappen kaufen, weil ich sie für mein Putzsystem dringend benötige!«

»Dein Putzsystem, hihihi«, kicherte sie entzückt. »Wer hätte gedacht, dass meine bunten Feudel noch einmal Karriere machen würden.«

»Auf jeden Fall bin ich jetzt längst nicht mehr so nervös wie heute Morgen«, sagte ich, »und das verdanke ich deinem wunderbaren Unterricht. Wenn ich jetzt etwas nicht so mache, wie er es gewöhnt ist, wird er denken, dass meine Technik die professionelle ist. Ich wette, er traut mir jetzt Superkräfte zu. Ab sofort bin ich Putzlappen-Girl, bewaffnet mit magischem Schrubber und tödlicher Möbelpolitur! Und kein Dreck des bekannten Universums hat gegen mich auch nur die geringste Chance!«

Wir lagen uns lachend in den Armen, als Dennis hereinkam und verblüfft fragte: »Was ist mit euch denn los?«

»Nichts!«, prustete Doris und wischte sich die Lachtränen aus den Augen. »Wir haben nur festgestellt, dass Loretta magische Fähigkeiten hat.«

Dennis grinste. »Als wenn das eine Neuigkeit wäre.«

Frau Berger war hocherfreut, mich anzutreffen. Erwin war noch bei Dennis im Büro, also bat ich sie in die Besprechungsecke und schenkte ihr einen Kaffee ein.

Wie gewohnt hockte sie kerzengerade auf der Sesselkante. »Frau Luchs! Was haben Sie mir zu berichten? Sie waren doch heute bei Dengelmann.«

»Nun, wir sind uns ja im Flur begegnet«, erwiderte ich.

»Hat er das bemerkt?«, fragte sie.

Ich nickte. »Natürlich. Wir zwei haben uns ja einen guten Morgen gewünscht. Das hat er gehört, weil er in der Wohnungstür auf mich wartete.«

»Und? Hat er etwas über mich gesagt?« Vor Aufregung krallten ihre Hände sich in die Armlehnen; vermutlich wäre sie auch sonst vom Sessel gerutscht.

Leider konnte ich wohl kaum weitertratschen, was er über sie gesagt hatte.

»Nein, nicht wirklich. Aber ich habe nach Ihrem Namen gefragt.«

»Wie haben Sie das begründet?«

»Ich habe behauptet, ich fände es höflicher, Sie in Zukunft mit Namen zu grüßen, sollten wir uns noch mal begegnen. In Wahrheit hoffte ich natürlich, ihm irgendwas über Sie entlocken zu können, das ihn entlarvt. Aber er hat mir nur Ihren Namen genannt. Das war alles.«

Sie war sichtlich enttäuscht. Aber war sie es, weil er nichts über sich selbst preisgegeben hatte? Oder weil er nichts über sie gesagt hatte?

Erwin kam herein und setzte sich zu uns, nachdem er Frau Berger begrüßt hatte.

»Was mich interessieren würde, Loretta«, sagte er, »hat Dengelmann seine Frau erwähnt?«

Ich schüttelte den Kopf, hielt aber dann inne. »Ja und nein. Nicht namentlich oder so. Aber es gab eine oder zwei Situationen, wo er sich beinahe verplappert hätte. Als ich ihn zum Beispiel danach fragte, wer bisher für ihn geputzt hat. Da hätte er beinahe meine Frau gesagt, kriegte aber gerade noch die Kurve und sagte stattdessen meine Putzhilfe.«

Frau Berger stieß ein höhnisches Schnauben aus. »Da hat er ja nicht einmal gelogen. Das war Jutta schließlich für ihn: eine billige Putzhilfe.«

»Hast du denn diesmal irgendwelche Spuren von Frau Dengelmann entdeckt?«, fragte Erwin.

Ich schüttelte den Kopf. »Nee. Ich hatte aber auch noch keine Gelegenheit, mich richtig umzusehen. Ich habe heute auch nicht geputzt, wir haben uns eigentlich nur über das Wie unterhalten. Am Freitag geht es los.«

»Nutzen Sie jede Gelegenheit, nach Juttas Spuren Ausschau zu halten!« Frau Berger blickte mich flehend an. »Wir müssen unbedingt Beweise dafür finden, dass er sie verschwinden lassen hat.«

»Ich werde mein Bestes geben«, erwiderte ich. »Aber ich kann ihn ja schließlich nicht betäuben, damit ich in Ruhe die Wohnung durchschnüffeln kann.«

»Hast du ihr Gesicht gesehen, als ich das mit dem Betäuben gesagt habe?«, fragte ich Erwin, nachdem Frau Berger sich verabschiedet hatte.

Er nickte grinsend. »Allerdings. Sie würde nicht eine Sekunde lang zögern, zu Chloroform zu greifen, um den Weg zu einer professionellen Hausdurchsuchung zu ebnen.«

»Ganz unter uns: Ich traue Dengelmann nicht zu, dass er seine Frau umgebracht und irgendwo verscharrt hat. Oder wo auch immer entsorgt. Wie sollte er das auch gemacht haben? Hat er sie in der Wohnung erwürgt und dann weggeschafft? Mal abgesehen von der Tötungsart – wo hat er sie hingebracht? Und: wie und wann?«

»Keine Ahnung. Finden wir es heraus.«

»Falls es überhaupt etwas herauszufinden gibt. Er selbst scheint vom Putzen überhaupt nichts zu verstehen. Und jetzt stell dir vor, er hätte sie zum Beispiel erschlagen. Er wäre meiner Meinung nach außerstande, Blutflecke zu beseitigen. Er kommt mir vor wie ein lebensuntüchtiger Bubi, dem jetzt seine Mami fehlt.«

»Loretta, Loretta.« Erwin schüttelte den Kopf und ließ seine Minipli-Löckchen lustig tanzen. »Du wirst es nie lernen, oder? Die schlimmsten Mörder sind oft gleichzeitig die besten Schauspieler; das dürfte dir doch nun wirklich nicht mehr neu sein. Ich behaupte nicht, dass er seine Frau umgebracht hat. Aber die Tatsache, dass er ohne sie hilflos wirkt, ist wahrlich kein Beweis dafür, dass er es nicht getan hat.«

Kapitel 8

Wenn sich zwei Varianten der eigenen Realität miteinander vermischen, kann es schon mal zu Verwechslungen kommen

Nachdem wir mein weiteres Vorgehen besprochen hatten, machte ich mich daran, das kunterbunte Equipment einzukaufen.

Das Ergebnis der Besprechung ließ sich erwartungsgemäß in ganze drei Worte fassen: kein Risiko eingehen. Dafür hätten wir wirklich nicht zwei Stunden lang palavern müssen, denn das betete Erwin schließlich immer wieder gebetsmühlenartig herunter. Zwischenzeitlich kam ich mir vor wie ein renitenter Teenager, der die Gardinenpredigt seiner Eltern längst auswendig kann und schon lange nicht mehr hinhört.

»Jaja«, sagte ich, als Erwin endlich mit seinem Vortrag fertig war.

»Du weißt, was das heißt«, erwiderte Erwin.

»Jaja heißt leck mich am Arsch«, murmelte ich.

Zwischen seinen Brauen erschien eine tiefe Falte. »Jetzt hörst du mir mal gut zu, Frollein: Das hier ist kein Spielchen. Wir haben einen Auftrag. Und wir haben eine Verantwortung. Mit Risiko meine ich nicht, dass dieser Herr Dengelmann ein Psychopath sein könnte, der dir an den Kragen will. Oh nein – mit Risiko meine ich, dass du nicht auffliegen darfst. Wenn er dich dabei erwischt, wie du in seinen Sachen herumschnüffelst, kann er die Polizei holen. Diesen Ärger will ich mir erst gar nicht ausmalen. Denn wer kriegt eins vor den Bug – außer dir, meine ich? Ich. Weil ich der Privatdetektiv bin. Damit, dass du dich über den Job bei ihm einschleichst, bewegen wir uns ohnehin auf ganz, ganz dünnem Eis. Aus Büschen heraus einen Fremdgeher zu fotografieren, ist eine Sache – unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in seine Privatsphäre einzudringen, eine ganz andere. Wenn du mir das kaputt machst, weil du übereifrig agierst, werde ich sauer. Richtig sauer. So sauer, wie du mich noch nie erlebt hast.«

Hatte ich ihn überhaupt jemals sauer erlebt? Nicht, dass ich mich erinnern könnte.

Da ich nicht davon ausging, das Gewünschte beim Discounter umme Ecke zu finden, begab ich mich direkt in einen dieser gigantischen Supermarkt-Konsumtempel. Jetzt, im November, war natürlich bereits alles festlich geflaggt und mit überwältigenden Mengen an glitzerndem Tand dekoriert, was mich – in Kombination mit den säuselnden Weihnachtsweisen – kolossal nervte.

Mein Glück war, dass die Abteilung für Putzequipment davon weitgehend verschont geblieben war. Zwar entging ich auch hier nicht der allgegenwärtigen Hintergrundbeschallung, aber der gänzliche Verzicht auf Lichterketten und schillernde Sterne stimmte mich versöhnlich. Vermutlich galten Putzlappen und ausgefuchste Wischmopp-Systeme nicht gerade als glamouröse Geschenke. Oh Liebling – ein Kunstlederlappen! Damit werden die Fenster noch glänzender! Den habe ich mir schon immer gewünscht! Du bist der Beste! – kaum vorstellbar, oder?

In meinen riesigen Einkaufswagen wanderte nach und nach immer mehr farbenfrohe Lappenware, aus der ich problemlos eine schmucke Girlande für einen Kindergeburtstag hätte basteln können. Dazu kamen die passenden Schwämme, außerdem eine Klinikpackung Einweghandschuhe in meiner Größe. Kurz dachte ich noch über einen Kittel nach, aber das war mir dann doch zu sehr Uschi.

Erst zu Hause fiel mir auf, dass ich in meinem Lappenwahn vergessen hatte, Lebensmittel einzukaufen. Während Baghira zufrieden schmatzend über seinem Fressnapf kauerte, zeigte mir mein beinahe leerer Kühlschrank erbarmungslos, dass meine abendliche Mahlzeit wohl aus einem hart gekochten Ei und Knäckebrot mit Marmelade bestehen würde.

Aber dann rief Frank an.

»Hömma, Loretta, ich bin inne Nähe und dachte, ich komm ganz spontan rum. Wat meinze: Hasse auch Bock auf PommesCurrywurstdoppeltMajo?«

Ich schwöre – er machte daraus ein einziges Wort.

»Hört sich super an! Du bist mein Lebensretter, ich hab nämlich seit dem Frühstück nichts gegessen. Mach für mich doppelt Pommes draus. Majo extra. Und bring Bier mit, ich hab keins im Haus.«

»Wird erledicht!«, trompetete er fröhlich und legte auf.

Ich nahm eine Turbodusche und zog mir bequeme Klamotten an, die eine Männerportion wegstecken konnten, ohne dass der Hosenbund kniff. Irgendwann hatte ein schlauer Mensch den Gummibund erfunden, und ich dankte ihm regelmäßig dafür.

Als Frank eintraf, reagierte mein Magen auf den Imbissbudenduft aus der Tüte mit einem Röhren, das einen brunftigen Hirsch locker in die Flucht geschlagen hätte.

»Mein lieber Scholli«, sagte Frank beeindruckt, »du has ja richtich Hunger.«

»Sag ich doch.«

Ich nahm ihm die Tüte ab und ging voraus in die Küche. Während er das Bier bis auf zwei Flaschen für uns in den Kühlschrank räumte, verteilte ich unser Essen auf die bereitstehenden Teller. Am liebsten hätte ich mir die goldenen, knusprigen Kartoffelstäbchen mit zwei Händen gleichzeitig in den Mund gestopft.

»Wat is dat denn?«, fragte er, als er sich zu mir an den Tisch setzte. »Pozzellan? Für PommesCurrywurst? Seit wann biste denn so etepetete?«

»Wenn ich zu Hause bin, immer. Unterwegs habe ich mit einer Pappschale kein Problem, aber zum Ende hin klebt da alles zusammen und so. Und diese Plastikpieker find ich auch blöd. Die sind viel zu klein für mich. Irgendwann sind meine Finger immer mit Majo beschmiert. Ich bin halt eine Motorik-Legasthenikerin.«

Er zuckte mit den Schultern. »Wennde meinz, bitte. Womit ich meine Pommes spachtel, is mir einklich egal, solange ich dabei nicht mein klein Finger so affich wegspreizen muss. Hauptsache Schmackofatz.«

Ich zog den Deckel von meinem Mayonnaisebehälter und leckte die Innenseite sorgfältig ab, bevor ich ihn beiseitelegte.

Frank nickte anerkennend. »Nix vergeuden, so is dat richtich. Ich mag Frauen, die orntlich zulangen.«

»Dann müsstest du von mir ja vollkommen betört sein«, nuschelte ich, während ich gleichzeitig eine Pommes nach der anderen in die Majo stippte und mir in den Mund steckte.

In Wirklichkeit klang es also ungefähr so: »Damüscheschujavommivöllchbörtschein.«

»Wat?«, fragte er folgerichtig. »Wat has du gesacht?«

Ich winkte ab und schickte damit ein Stück Currywurst auf die Reise, das ich gerade aufgespießt hatte. In einem eleganten Bogen überquerte es den Tisch und landete mit einem zarten Platschen auf Franks Teller – interessiert verfolgt von Baghira, der uns von seinem Krähennest aus beobachtete. Als ich mit meiner Gabel nach meinem Stück Wurst zielte, schob Frank meine Hand rigoros weg.

»Nix da. Wat auf meim Teller landet, gehört dir nich mehr. Dat gehört jetz mir. Pech gehabt. Musste eben besser auf dein Essen aufpassen. So sind die Regeln.«

»Welche Regeln denn bitte?«

»Die internationalen Pommesbudenregeln, natürlich«, erwiderte er ernst. »Pommes dürfen nich kalt werden, Bier darf nich zu schale Plörre werden. Nicht labern – essen, und zwar zügich. Dat hat so leckeret Schmackofatz nich verdient, dat et nich mit Respekt behandelt wird.«

Ach, er hatte ja recht. Nichts wurde so schnell kalt und damit beinahe ungenießbar wie die Speise der Götter aus der Imbissbude.

In Windeseile beendete Frank sein Mahl, leerte mit einem beherzten Schluck seine Bierflasche, lehnte sich zurück und rülpste. »Sorry, aber dat musste jetz sein.«

Ich kicherte. »Schon gut. Ist bei mir erlaubt, weißt du ja.«

Er musterte mich wohlwollend, dann sagte er: »Hömma, wat habbich gehört? Du has ma widda so ’n Andakawwa-Ding am Laufen? Erzähl ma.«

Ich stellte mir – oder ihm – erst gar nicht die Frage, woher er das wusste. Und es erklärte gleichzeitig, warum er hier aufgekreuzt war: Neugier. Logisch – immerhin hatten wir vor einigen Monaten gemeinsam so ein ›Undercover-Ding‹ bestritten.

»Diesmal ist es anders«, erwiderte ich. »Lange nicht so gefährlich.«

»Die Doris sacht, der Typ hat seine Olle gekillt, und du sollz dat beweisen.«

»Das hat Doris ganz sicher nicht so gesagt!«

Er grinste verlegen.

»Siehste«, fuhr ich fort. »Alles nicht mal halb so spektakulär. Seine Nachbarin denkt, da ist was faul, weil seine Frau nicht mehr da ist. Wir wissen noch nicht einmal, ob die sich nicht bloß was einbildet. Kann sehr gut sein, dass überhaupt kein Verbrechen dahintersteckt. Ich gucke mich bei ihm nur mal ein wenig um.«

»Hehehe«, machte er. »Als Putze, sacht die Doris.«

Ich nickte. »Das stimmt. Deshalb habe ich bei Doris ja auch Nachhilfestunden genommen.«

»Hihihi. Find ich lustich.«

»Wie nett, dass ich etwas zu deiner Unterhaltung beitragen konnte. Immer gern.«

Er wurde ernst. »Ich bin hier, weil ich dir sagen will, dat du vorsichtich sein sollz, Loretta. Schön aufpassen und bloß keine Dummheiten machen, hörsse?«

Ich versprach es ihm hoch und heilig.

Nach einer eher unruhigen Nacht, in deren Träumen ich gigantische Fensterflächen und kilometerlange Säle mit Parkettboden zu putzen hatte, erwachte ich am nächsten Morgen mit einer Laune, die ich nur als grottenschlecht bezeichnen konnte. Immer wieder war ich aufgewacht und wieder eingeschlafen, um mich mit neuen Herausforderungen konfrontiert zu sehen. Das mit dem Parkettboden musste der Buckingham-Palast gewesen sein. Mindestens. Überdies tat mir alles weh, so als hätte ich die geträumte Arbeit tatsächlich geleistet.

Ich hatte nicht einmal Lust, mich mit Baghira zu unterhalten, sondern knallte ihm sein Frühstück wortlos vor die Nase. Dass er es sich nicht hatte nehmen lassen, kurz vor dem Saubermachen seines Klos noch eben schnell eine Stinkbombe hineinzulegen, heiterte mich auch nicht gerade auf. Fluchend schaufelte ich im Katzenstreu herum, während er auf der Waschmaschine saß und mich aufmerksam beäugte.

Ich ignorierte ihn geflissentlich, bis es Zeit war, ins Callcenter aufzubrechen. Maunzend eskortierte er mich zur Wohnungstür, und mit schlechtem Gewissen bückte ich mich, um ihn kurz auf den Arm zu nehmen und eine Runde zu kraulen. Er konnte ja schließlich nichts dafür.

Der Vormittag an der Hotline war reine Routine. Meine Mittagspause verbrachte ich damit, draußen ein paar Schritte spazieren zu gehen. Mir war einfach nicht nach Gesellschaft oder Konversation. Ich hatte weder Lust, mit Erwin über Gerhard Dengelmann zu reden, noch auf irgendein anderes Gesprächsthema.

Überdies vermisste ich Pascal. Sehr sogar. Ich hatte es mir einfach vorgestellt, dass er längere Zeit unterwegs sein würde – dergleichen gehörte zu seinem Beruf. Ich war es also gewöhnt, dass er immer mal wieder weg war. Aber diesmal war es anders. Ich fragte mich, ob das Wissen, dass er noch wochenlang nicht zurückkehren würde, es mir besonders schwer machte. Nach einem Telefonat mit ihm am gestrigen Abend hatte ich mich traurig und einsam gefühlt.

So traurig und einsam, dass ich hinterher heulend auf dem Sofa lag und Baghira an mich drückte, der nicht wusste, wie ihm geschah, und sich meiner heftigen Zuneigung strampelnd erwehrte.

Der erste Kunde nach meiner Mittagspause verlangte nach Uschi, der Hausfrau. Na klar, das passte ja. Am liebsten würde ich sie für den Moment aus meinem Repertoire streichen, aber das musste ich erst mal mit Dennis besprechen. Er könnte dafür sorgen, dass entsprechende Kunden nicht mehr an mich durchgestellt wurden.

Aber jetzt musste ich ran.

Das Fenster auf meinem Monitor zeigte mir an, dass ich es mit GroßerLümmel69 zu tun hatte.

Wow, das ist ja mal ein fantasievoller Nickname, dachte ich gallig, bevor ich mich mit meiner sanftesten Stimme bei ihm meldete und mich erkundigte, was ich denn Hübsches für ihn tun könne.

»Na, putzen soll die gnädige Frau. Und zwar gründlich«, blaffte er.

Okay, dieser Typ wollte also keine lange Tändelei, sondern einen Job ohne Fisimatenten. Konnte er haben. Vielleicht musste er ja Geld sparen und wollte deshalb unsere Interaktion so kurz wie möglich halten – immerhin wurde minutenweise abgerechnet. Oder GroßerLümmel69 hatte nicht viel Zeit und rief mal eben zwischen zwei geschäftlichen Telefonaten an.

Mein längstes Gespräch mit einem Kunden hatte mal sage und schreibe eine Dreiviertelstunde gedauert, das war ganz schön teuer gewesen. Ich legte es jedenfalls nie darauf an, die Gesprächszeit künstlich in die Länge zu ziehen, das war bei uns verpönt.

»Was ist bei dir denn besonders schmutzig?«, raunte ich, um herauszufinden, was er wollte.

»Zuerst die Fenster«, gab er einsilbig zurück.

Na gut, dann also der Klassiker: Ich erzählte ihm, dass ich nur einen Schlüpfer und einen Kittel trug, dann weiter, wie ich das Fenster einschäumte, wie ich mich dabei über und über bekleckerte und mein Kittel dadurch transparent wurde, wie mein Kittel beim Recken hochrutschte und meinen Hintern freilegte, und dass es mir so furchtbar peinlich war, weil mich von draußen alle sehen konnten, wie ich da mit meinem nassen, durchsichtigen Kittel …

Sein Atem ging mittlerweile schwer, und er keuchte: »Fußboden!«

Also ging ich brav auf die Knie und schrubbte hingebungsvoll den Boden, reckte den Hintern in die Höhe und entledigte mich auf seine Ansage hin meines Schlüpfers, damit es noch ein wenig sexier für ihn wurde.

»Los, mehr Wasser«, stöhnte er, »der Holzboden muss ganz sauber werden …«

»Moment mal«, hörte ich mich zu meiner eigenen Verblüffung antworten, »bei Holzboden ist zu viel Wasser aber überhaupt nicht gut. Wenn das Wasser in die Ritzen läuft, kann der Boden aufquellen.«

Das Keuchen von GroßerLümmel69 verstummte wie abgeschnitten.

Himmel, dachte ich entsetzt, wenn ich jemals einen Kunden abgetörnt hatte, dann jetzt.

»Wie bist du blöde Nuss denn drauf?«, pöbelte er los. »Die Ritzen im Fußboden sind mir scheißegal! Deine dämliche Ritze interessiert mich!« Er schnaubte höhnisch. »Hat mich interessiert, sollte ich wohl besser sagen.«

Na holla, was für ein charmanter Kerl! Zum Glück erlebte ich die humorbefreiten und respektlosen Typen unter unseren Kunden normalerweise so gut wie nie. Konnte ich gut drauf verzichten.

»Ich will mein Geld zurück, hast du verstanden? So eine Frechheit! Ich will sofort deinen Chef sprechen!«, blökte es weiter in mein Ohr.

»Das ist leider technisch nicht möglich«, erwiderte ich so würdevoll, wie es mir möglich war. »Aber ich sorge dafür, dass Sie Ihr Geld zurückerhalten.«

»Das will ich auch schwer hoffen! Ansonsten macht ihr Bekanntschaft mit meinem Anwalt.«

Zack, legte er auf.

Ich loggte mich aus, dann atmete ich erst einmal tief durch. Die Drohung nahm ich nicht ernst, denn die wenigsten suchten derartige Öffentlichkeit, wenn es um Anrufe bei einer Sexhotline ging. Aber er hatte recht damit, dass ich ihn um sein Vergnügen gebracht hatte.

Also machte ich mich auf zu meinem Chef.

Dennis würde nachvollziehen können, um welchen Kunden es sich handelte, und konnte die Rückführung des Geldes veranlassen – beziehungsweise gar nicht erst abbuchen, sollte es sich um einen Stammkunden handeln.

Er schlug sich brüllend vor Lachen auf die Schenkel, als ich ihm erzählte, was passiert war.

»Das ist ja der Knaller!«, schrie er, als er sich halbwegs wieder beruhigt hatte. »Loretta, du machst mich fertig! Da ist der Typ kurz vorm Abschuss, und du kommst dem mit aufquellenden Ritzen in Parkettböden! So etwas kann auch echt nur dir passieren!«

»Wie nett, dass dich das so erheitert. Aber das passiert, wenn man drei verschiedene Jobs hat«, gab ich zurück, »da kann ein Mädchen schon mal durcheinanderkommen. Zieh mir die Kohle von meinem Lohn ab, ja? Ich hab es schließlich verbockt.«

Er winkte prustend ab. »Auf keinen Fall, das nehme ich auf meinen Deckel. Erwin wird umfallen, wenn ich ihm das erzähle. Du, das wird der absolute Brüller auf unserer nächsten Betriebsfeier.«

»An der ich nach dieser Ankündigung keinesfalls teilnehmen werde, vielen Dank«, fauchte ich.

Dennis sah mich erstaunt an.

Er wusste: Normalerweise wäre ich die Erste gewesen, die diese Geschichte herumerzählt und vor allem am lautesten mitgelacht hätte, wenn die Leute sich darüber amüsierten.

»Was ist los mit dir?«, fragte er besorgt.

»Ich habe schlecht geschlafen heute Nacht; ich vermisse Pascal. Und bin mit der miesesten Laune meines Lebens aufgewacht. Tut mir wirklich leid, dass ich mich so unprofessionell verhalten habe. Wird nicht wieder vorkommen.«

Er kam zu mir und nahm mich in den Arm. »Mach dir keinen Kopf, Loretta. Das ist wirklich nicht schlimm. Du gehst jetzt ganz in Ruhe einen Kaffee trinken, und danach ist es besser, du wirst sehen.«

Er hatte recht: Ich trank einen Kaffee, und danach fühlte ich mich besser. Bis zum Ende meiner Schicht hatte kein Kunde mehr einen Grund, mit meiner Leistung unzufrieden zu sein.

Allerdings wollte auch keiner mehr, dass ich Uschi, die putzende Hausfrau, bin.

Glück gehabt.

Kapitel 9

Das mit dem Verwechseln der Realitäten funktioniert auch andersherum, wie Loretta entsetzt feststellen muss

Der Wecker holte mich am nächsten Morgen aus tiefstem Schlaf. Es war Freitagmorgen, und die erste offizielle Schicht bei Dengelmann wartete auf mich. Oder anders: Dengelmann saß vermutlich bereits bei einer seiner affigen Teezeremonien und wartete darauf, dass ich bei ihm aufkreuzte, während er einen unbezahlbaren und unfassbar seltenen Tee schlürfte, der mitten im Dschungel von Borneo von dressierten Zwerg-elefanten gepflückt worden war.

Und in weniger als einer Stunde würde er hinter mir stehen, mir in den Nacken atmen und mir auf die Finger sehen, um zu prüfen, ob ich seine Protzbude auch richtig auf Vordermann brachte.

Spontan fiel mir nichts ein, wozu ich weniger Lust hatte. Welcher Teufel hatte mich bloß geritten, mich auf diese Geschichte einzulassen? Erwin und Dennis hatten gut lachen, schließlich waren sie nicht die Deppen, die den Feudel schwingen mussten. Nein, die Herren ließen mich schuften und hockten währenddessen in ihren Büros, ohne sich merken zu müssen, welche Lappenfarbe für welchen Quadratzentimeter Badezimmer die richtige war.

Mein Missmut konzentrierte sich also auf meine beiden Chefs, was gut war, denn Herr Dengelmann konnte schließlich nichts dafür. Er ahnte ja nicht einmal, was sich hinter seinem Rücken abspielte. Er hätte bestimmt nicht schlecht gestaunt, wenn er erfahren hätte, dass seine Nachbarin durch die Weltgeschichte spazierte und ihn nicht nur des Mordes an seiner abgängigen Gattin verdächtigte, sondern auch noch Geld dafür ausgab, dass er entlarvt wurde.

»Guten Morgen, Frau Luchs«, sagte Herr Dengelmann und nahm mir die große Einkaufstasche ab. Er warf einen Blick hinein und nickte. »Sie werden staunen, was ich für uns vorbereitet habe. Ich bin sicher, Sie werden zufrieden mit mir sein.«

Huch? Was kam denn jetzt?

Ich folgte ihm in die Küche, und er händigte mir strahlend eine von ihm angefertigte Tabelle aus, in der bisher lediglich die erste Spalte beschriftet war. In ihr hatte er alle nur denkbaren Farben aufgeführt.

»Sehen Sie? Der Rest der jeweiligen Zeilen ist für Sie … Also, in der nächsten Spalte tragen Sie ein, welche Farbe wofür benutzt wird. Und in die dritte Spalte kommt das jeweilige Putzmittel. Na, was sagen Sie? So mache ich keinen Fehler, wenn ich zwischendurch mal selbst putze.« Er sah mich erwartungsvoll an.

»Das ist … das ist ja toll«, stammelte ich, weil ich nicht wusste, was ich sonst sagen sollte. Irgendwie fand ich ihn sogar richtig rührend.

Und tatsächlich war die Idee nicht schlecht. Diese Liste könnten wir in seinem Hauswirtschaftsraum aufhängen, und ich musste mir keine Gedanken darüber machen, ob er den Lappen fürs Klo eventuell für die Fensterbänke benutzte.

Stopp mal.

Hatte ich vor, bei Dengelmann mehr als drei oder vier Putzschichten abzuleisten? Nein, das hatte ich nicht. Mir konnte also vollkommen wurscht sein, ob er sich mit dem Klolappen das Gesicht wusch oder nicht.

»Also gut«, fuhr ich fort, »dann will ich mal die Zuordnung festlegen. Einverstanden?«

Wir setzten uns an den Küchentisch, und er sah mir andächtig dabei zu, wie ich die Farben verteilte. Ich war froh, dass er mich machen ließ, ohne Kommentare abzugeben, denn ich brauchte meine gesamte Konzentration, um mich an Doris’ Einteilung zu erinnern. Eine eigene zu erfinden, hätte mich zusätzlich verwirrt, zumal ich mich ohnehin wie vor einer Prüfung fühlte.

Als ich fertig war, überreichte ich ihm die Tabelle feierlich, und er nahm sie beinahe ehrfürchtig entgegen.

»Also, was liegt heute an?«, fragte ich ihn dann.

»Die Fußböden«, erwiderte er. »Heute allerdings nur trocken, das reicht. Und die Fenster, dachte ich.«

Super, dachte ich, saubere Fenster putzen und dabei aufpassen, dass ich keine Streifen produziere.

Ein Traum.

Während ich mir einen Eimer mit Putzwasser zurechtmachte und das entsprechende Equipment zusammensuchte, rekapitulierte ich hastig, was Doris mir über streifenfreie Fenster beigebracht hatte. Tatsächlich war ich froh, dass es ein sonniger Tag zu werden versprach, denn so konnte ich bei Bedarf unauffällig nachbessern und lief nicht Gefahr, dass die Fenster zwar sauber aussahen, beim ersten Sonnenstrahl aber mein ganzes Unvermögen verraten würden.

»Wenn Sie irgendetwas brauchen – ich ziehe mich in mein Arbeitszimmer zurück«, verkündete er.

Vor Erleichterung hätte ich losheulen können. Ich konnte also allein vor mich hin wurschteln, ohne dass er mich dabei mit Argusaugen beobachtete. Offenbar hatte ich ihm genügend Vertrauen in meine Fähigkeiten eingeimpft. Einmal mehr dankte ich im Stillen Doris – sowie meinem schauspielerischen Vermögen, bei kompletter Ahnungslosigkeit dennoch kompetent zu wirken.

Ich schäumte, putzte und polierte mich also durch die Fenster, was mir leichter fiel, als ich befürchtet hatte. Bereits nach dem zweiten hatte sich bei mir eine gelassene Routine eingestellt, die mich nicht nur außerordentlich verblüffte, sondern geradezu euphorisierte.

Ich befand mich gerade auf dem Balkon und polierte munter summend die Scheibe der Balkontür, als Dengelmann plötzlich im Wohnzimmer auftauchte und wissen wollte, ob ich etwas benötigte.

Irgendetwas in meinem Kopf verschob sich, und fast wäre mir der blöde Lappen aus der Hand gefallen. Ohne es auch nur zu ahnen, hatte Dengelmann mir damit einen höchst surrealen Hausfrau-Uschi-Moment beschert, eine in diesem Augenblick mehr als unwillkommene Manifestation der pornografischen Szene, die ich schon so oft am Telefon gespielt hatte. Unwillkürlich vergewisserte ich mich unauffällig, dass ich komplett angezogen war und nicht etwa in Schlüppi und Kittel auf seinem Balkon herumturnte.

Nur mühsam gewann ich meine Fassung zurück, schüttelte den Kopf und hob grinsend den Daumen, woraufhin er sich wieder verzog.

Ich lehnte mich an die Balkonbrüstung, um tief durchzuatmen. Es dauerte einige Minuten, bis ich meine Arbeit fortsetzen konnte.

Schließlich waren nur noch zwei Räume übrig: das Schlafzimmer und sein Büro. Er hatte gesagt, sein Arbeitszimmer gehöre nicht zu meinem Aufgabenbereich. Putzte er dort selbst? Oder war das Fenster vielleicht blind vor Dreck?

Einige Sekunden lang stand ich unschlüssig vor der Tür, dann war meine Entscheidung gefallen. Ich klopfte, wartete allerdings nicht auf seine Antwort, sondern platzte überfallartig sofort hinein.

Er saß am Schreibtisch vor einem Laptop mit großem Bildschirm und fuhr erschrocken zu mir herum. Zwar veränderte er geistesgegenwärtig mit einem hastigen Klick die Anzeige auf seinem Monitor, aber ich hatte bereits erkannt, womit er sich gerade beschäftigte: Dort war die Website einer durch Werbung in Funk und Fernsehen bekannten Partnerschaftsbörse zu sehen gewesen.

So war das also: Der verlassene Herr Dengelmann guckte sich bereits nach Ersatz für seine Jutta um, das war ja mal hochinteressant.

»Was wollen Sie?«, fragte er unwirsch, und seine Stimme klang auf einmal gar nicht mehr nach süßem Honig. »Hatte ich Ihnen nicht erklärt, dass es für Sie in diesem Raum nichts zu tun gibt?«

Rasch heuchelte ich angemessene Zerknirschtheit. »Ach, das gilt auch für die Fenster? Das hatte ich falsch verstanden. Ich dachte, Sie wollten, dass ich von Ihrem Schreibtisch wegbleibe und nichts durcheinanderbringe.«

»Nein, das gilt für den gesamten Raum«, blaffte er.

»Kommt nicht wieder vor«, murmelte ich devot. »Ich kann mich nur bei Ihnen entschuldigen, Herr Dengelmann.«

Er schnaubte und wandte mir abrupt wieder den Rücken zu, und ich zog mich wieder zurück.

Was haben seine Aktivitäten bezüglich Partnersuche wohl zu bedeuten?, fragte ich mich.

Hatten sie irgendeine Bedeutung für unseren Fall – wenn es überhaupt einen Fall geben sollte? Oder hatte Jutta Dengelmann ihn tatsächlich nur einfach verlassen, wie er Frau Berger gegenüber behauptet hatte, und er sah sich mal unverbindlich auf dem Markt um? Nichts, was ihm vorzuwerfen wäre, wie ich fand.

Andererseits: Hatte er vielleicht doch seine Gattin entsorgt, um sich eine Neue suchen zu können, ohne sich mit einer lästigen Scheidung herumplagen zu müssen?

Sollte schon vorgekommen sein.

Nur noch ein Fenster war zu putzen: das des Schlafzimmers, neben seinem Büro der für mich interessanteste Raum der Wohnung. Ich schob die Gardine zur Seite, öffnete das Fenster und stellte den Eimer, den ich mit frischem Wasser gefüllt hatte, auf die Fensterbank.

Dann lauschte ich mit angehaltenem Atem. Von Dengelmann hörte ich keinen Laut. Ich hoffte, dass er ganz konzentriert die Partnerbörse durchforstete, denn es war an der Zeit, einen Blick in die Schränke und Kommoden des Schlafzimmers zu werfen.

Behutsam öffnete ich eine Schranktür nach der anderen – sorgsam darum bemüht, keine verräterischen Geräusche zu verursachen. Das hätte mir gerade noch gefehlt, dass er mich hier beim Schnüffeln in seiner allerprivatesten Sphäre erwischte.

Ich fand kein einziges weibliches Kleidungsstück – weder im Schrank noch in einer der Kommodenschubladen. Nichts, nada, niente. Keine Bluse, kein Kleid, kein Tuch, keinen Schlüpfer, keinen Rock. Es wirkte ganz so, als hätte Jutta Dengelmann nie existiert.

Seine Hemden, Pullover, Anzüge, Sakkos und Hosen hatte er großzügig über den ellenlangen Kleiderschrank verteilt, wohl um den zur Verfügung stehenden Platz optimal auszunutzen. Sogar seine zwei Trainingsanzüge hatte er auf Bügel gehängt. In einem Schrankteil entdeckte ich die zweite Garnitur Bettzeug, allerdings ohne Bezüge. Nicht ungewöhnlich, schließlich benötigte er nur ein Kopfkissen und eine Decke. Hinter einer weiteren Schranktür fand ich einen großen Rollkoffer sowie eine altmodische karierte Reisetasche.

Während ich das Fenster putzte, grübelte ich darüber nach, was wohl mit Jutta Dengelmanns Kleidung und sonstigen persönlichen Dingen passiert war. Hatte er alles umgehend entsorgt, nachdem sie ihn verlassen hatte?

Neutral betrachtet wäre das eine nachvollziehbare Reaktion: Wozu sollte er ihre Plünnen aufbewahren? Für den Fall, dass sie es sich irgendwann vielleicht anders überlegte und zu ihm zurückkehrte? Aus meiner Sicht fand ich es gesünder, alles loszuwerden, und zwar so schnell wie möglich.

Ob irgendwelche anderen Dinge in der Wohnung seiner Jutta gehört hatten, konnte ich nicht sagen. Keine Ahnung, ob es ihre oder seine Bücher waren und ob vielleicht sie die Musik-CDs angeschafft hatte.

Die Wohnung, wie sie sich mir momentan präsentierte, war neutral eingerichtet. Sie trug weder einen explizit weiblichen noch einen männlichen Stempel. Dass die Ausstattung nicht meinem Geschmack entsprach, tat nichts zur Sache.

Zufrieden marschierte ich durch die Räume und kontrollierte noch einmal alle Fenster, die sich mir glänzend und streifenlos präsentierten – grelle Wintersonne hin oder her. Blieben also nur noch die Fußböden, dann war ich mit meiner Arbeit für heute fertig.

Ungeachtet der Tatsache, dass Dengelmann nur eine Trockenreinigung verlangte, wischte ich Küche und Bad nass durch, bevor ich mir den Staubsauger schnappte und mich dem Rest der Wohnung widmete. Überaus sorgfältig saugte ich jedes Eckchen, die Teppiche und die Polster, dann klappte ich die Bürste aus und reinigte den Parkettboden von nicht vorhandenem – oder zumindest unsichtbarem – Staub.

Als ich alles erledigt hatte, blieb nur noch, mich von Dengelmann zu verabschieden und meinen nächsten Einsatz zu vereinbaren.

Ich klopfte an die Tür seines Arbeitszimmers und wartete diesmal brav ab, dass er reagierte.

Er rief mich nicht herein, sondern kam raus und fragte: »Haben Sie noch einen Moment Zeit? Ich habe noch ein … äh … Anliegen, dass Sie vielleicht … äh … ungewöhnlich finden werden. Also, ich werde es Ihnen nicht übel nehmen, wenn Sie ablehnen, das vorweg.«

Na, das klang aber spannend. Und auch ein bisschen verstörend, um ehrlich zu sein.

Er ging vor mir her in die Küche und bat mich, Platz zu nehmen. Er setzte sich ebenfalls und knetete nervös seine Hände. Schließlich sagte er: »Zuerst möchte ich mich für mein unhöfliches Verhalten vorhin entschuldigen. Als Sie in mein Arbeitszimmer kamen. Ich war einfach erschrocken. Wenn ich so konzentriert am Rechner sitze …«

Klar, dachte ich bissig, wenn man gerade durch einen Katalog mit potenziell willigen Weibern blättert, braucht man seine ganze Konzentration.

Dennoch gab ich mich großzügig. »Schon vergessen, Herr Dengelmann.«

Er nickte geistesabwesend. »Schön. Schön. Sagen Sie – können Sie eigentlich gut kochen, Frau Luchs?«

Nun, zumindest konnte ich essbare Mahlzeiten produzieren, von denen man nicht krank wurde. Ob ich gut kochte, hatte ich mich nie gefragt. Bisher schien es meinen Gästen jedenfalls immer geschmeckt zu haben.

»Seltsame Frage«, erwiderte ich. »Ja, ich koche. Ziemlich oft sogar. Und bisher hat sich niemand beschwert. Ob ich gut koche, ist sicherlich eine Frage der Perspektive. Aus Sicht eines Sternekochs nicht unbedingt, aber für den Alltagsgebrauch reicht es, denke ich. Warum interessiert Sie das? Wollen Sie mir anbieten, meinen Einsatz bei Ihnen auszuweiten? Keine Lust mehr auf Pizzaservice?«

Er sah mich irritiert an. »Wie kommen Sie auf Pizzaservice?«

Ich zuckte mit den Achseln. »Ganz einfach: Bei unserem ersten Zusammentreffen stand unter diesem Tisch eine große Plastiktasche, die offenbar als Sammelbehälter für Altpapier und speziell für leere Pizzakartons diente. Für mich ein deutlicher Hinweis auf Ihre Essgewohnheiten.«

Puh. Innerlich wischte ich mir den Schweiß von der Stirn. Gott sei Dank hatte dort diese Tasche gestanden – ansonsten hatte nur Frau Berger davon erzählt. Und das hätte ich nur äußerst ungern preisgegeben.

Er nickte geistesabwesend. »Ah so, hm, natürlich. Das Altpapier habe ich in der Zwischenzeit entsorgt.«

Interessant, dein Altpapier, dachte ich und hatte das bestimmte Gefühl, dass wir uns meilenweit vom eigentlichen Thema befanden.

»Um auf Ihre Frage zurückzukommen …«, sagte ich und sah ihn auffordernd an.

»Hm? Ja, genau. Also ich hätte da ein Anliegen. Ich benötige Hilfe bei einem …«, er räusperte sich umständlich, »oder anders: Ich habe einen Gast zum Essen … äh … eingeladen. Eine Dame.«

Ach was. Das ging aber flott.

Etwa eine von der Partnerbörse? Und die kam so mir nichts, dir nichts zu ihm nach Hause? Interessant.

Das durfte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen.

»Was haben Sie sich denn vorgestellt? Für irgendwelche abgefahrenen Experimente bin ich bestimmt nicht die Richtige. Sie wissen schon: vergoldete Hummerpralinen oder so etwas in der Art. Aber ein akzeptables, bodenständiges Drei-Gänge-Menü traue ich mir durchaus zu. Wann soll es denn stattfinden?«

Verlegen rutschte er auf seinem Stuhl herum. »Schon morgen. Ich wäre Ihnen für Ihre Hilfe sehr dankbar. Ihre Entlohnung dafür wäre natürlich nicht offiziell, wenn Sie verstehen.« Hoffnungsvoll klebte sein Blick an mir, als er fortfuhr: »Sie sind eine so patente und angenehme junge Frau. Und da dachte ich, ich frage Sie einfach mal.«

»Was würden Sie denn machen, wenn ich ablehne?«, fragte ich und schenkte ihm ein Lächeln, um die Situation ein wenig zu entspannen.

»Dann muss ich wohl irgendeinen Lieferservice bemühen«, sagte er.

Ich winkte ab. »Toll. Nudeln aus der Pappschachtel und Tiramisu zweifelhafter Herkunft? Und davor ein labbriger Salat mit fettiger Tunke aus einer großen Plastikflasche? Damit werden Sie kaum Staat machen können.« Ich tat so, als müsste ich kurz nachdenken, dann sagte ich: »Wissen Sie was? Warum eigentlich nicht. Ich werde für Sie und Ihren Gast kochen. Wann erwarten Sie Ihren Besuch denn?«

»Um sieben Uhr.«

»Dann bin ich spätestens um fünf hier. Geben Sie mir ein vernünftiges Budget, dann kümmere ich mich um alles, auch um die Tischdekoration.«

Abwehrend hob er die Hände. »Bitte, alles soll ganz schlicht sein. Ich möchte nicht den Eindruck erwecken …« Er brach ab und guckte verlegen aus der Wäsche.

»Dass Sie von der Dame eine Gegenleistung für den betriebenen Aufwand erwarten?«

Er nickte. »Genau.«

»Nun, nicht jede Tischdekoration brüllt: Ich will dich ins Bett kriegen, wissen Sie?«

Er zuckte sichtlich zusammen, und ich lächelte beruhigend.

»Keine Sorge. Keine Herzchen oder rote Rosen, ich verspreche es. Aber ein bisschen nett darf es aussehen bei einem schönen Essen zu zweit.«

Dengelmann verzog das Gesicht, als hätte er Zahnschmerzen. Irgendwas hatte es mit diesem geheimnisvollen Essen auf sich, das ihm ganz und gar nicht behagte.

Was das war, gedachte ich herauszufinden.

Kapitel 10

Was kocht man bei einem Dinner für zwei, das den oder die Bekochte nicht ins Schlafzimmer locken soll?

»Jetzt wird es aber absurd, oder?«, fragte Erwin, als ich meinen Bericht beendet hatte. »Ein Essen kochen für ein amouröses Dinner?«

Er wechselte einen Blick mit Dennis, der skeptisch murmelte: »Ich finde auch, das geht zu weit.«

Ich schüttelte den Kopf. »Auf einmal so besorgt, die Herren? Außerdem glaube ich nicht, dass dieses Essen einen amourösen Hintergrund hat. Eher im Gegenteil. Er hatte an der einen oder anderen Stelle seine Gesichtszüge nicht unter Kontrolle. Ich hatte zwischendurch den Eindruck, als handelte es sich bei diesem Essen eher um so etwas wie eine lästige Pflicht.« Ich zuckte mit den Schultern. »Aber vielleicht irre ich mich ja auch, und er lädt jetzt nach und nach alle Frauen von dieser Singleplattform ein, die es unter seine persönliche Top Ten geschafft haben. Und irgendwann, am Ende seines vermutlich komplizierten Auswahlverfahrens, darf eine der zehn die plötzlich frei gewordene Stelle seiner unbezahlten Haussklavin antreten.«

Ich fragte mich allerdings, wie er sie dazu kriegen wollte, bei ihm in der Wohnung ein Testputzen zu absolvieren. Ob er dann wohl Noten verteilte? Oder Putzlappen für die nächste Runde bei Germany’s Next Mrs Dengelmann? Und die Aussortierten bekamen zu hören: Tut mir leid, ich habe heute leider keinen Lappen für dich?

Ich kicherte in mich hinein.

»Und du willst das wirklich machen?«, fragte Dennis. »Also, wenn du das nicht willst, also, ich meine …«

»Klar will ich! Was glaubt ihr wohl, wie neugierig ich bin? Er hat mir sage und schreibe dreihundert Kröten in die Hand gedrückt, um dafür einzukaufen.«

Erwins Brauen verschwanden unter seinen Löckchen. »Nicht schlecht, der lässt sich ja wirklich nicht lumpen.«

»Siehst du? Noch ein Grund mehr, neugierig zu sein. Diese geheimnisvolle Dame will ich unbedingt sehen.«

»Was? Sollst du so lange bleiben?«

Ich grinste. »Ich werde schon dafür sorgen, dass meine Hilfe auch während des Essens benötigt wird, bevor ich mich dann diskret zurückziehe. Übrigens sollten wir Frau Berger nichts davon verraten.«

»Warum denn das?«, fragten meine Chefs synchron.

»Ich weiß nicht – ich kann sie noch nicht recht einschätzen. Ihr vielleicht? Keine Ahnung, wie durchgeknallt sie ist. Hinterher stürmt sie die Veranstaltung, wenn sie davon weiß. Oder randaliert im Hausflur. Stellt euch das mal vor! Bleiben Sie nicht mit diesem Mann allein! Vertrauen Sie ihm nicht! Er hat seine Frau ermordet!« Ich schüttelte mich. »Brrrr, gruselig. Und wer muss dann die Männer mit den weißen Jacken holen? Ich.«

Erwin und Dennis kriegten sich kaum ein vor Lachen. Als Erwin sich beruhigt hatte, sagte er: »Vielleicht hast du sogar recht. Unser Auftrag besteht darin, herauszufinden, ob er etwas mit dem Verschwinden seiner Gattin zu tun haben könnte. Es ist nicht unsere Aufgabe, sie über jedes Detail seines Intimlebens zu informieren.«

»Eben. Das geht nur uns etwas an.«

Grinsend schüttelte Erwin den Kopf. »Keineswegs, meine liebe Loretta. Auch uns geht sein Intimleben nicht das Geringste an. Aber nun ist es einmal Fakt, dass er dich praktisch dazu eingeladen hat. Ist ja nicht so, als würden wir heimlich hinterm Haus in einem Gebüsch hocken und ein Richtmikrofon einsetzen, um herauszufinden, was er am Samstagabend so treibt.«

Abwehrend hob ich beide Hände. »Was er oder wie er es treibt, will ich auf keinen Fall wissen, meine Herren, das ginge zu weit. Aber ob und wie er den Ersatz für seine Jutta umgarnt – das interessiert mich brennend.«

»Was willst du denn für ihn und seine Auserwählte kochen? Schon eine Idee?«, fragte Erwin. »Hat er Vorgaben gemacht, was du berücksichtigen musst? Irgendwelche Unverträglichkeiten oder dergleichen?«

»Nee. Ich gehe mal davon aus, dass sein Gast keine Vegetarierin oder Veganerin ist; zumindest hat er nichts davon gesagt, dass ich diese Eventualität einkalkulieren soll. Von irgendwelchen Allergien oder Intoleranzen weiß ich auch nichts.« Ich stieß ein genervtes Schnauben aus. »Herrje, jetzt hast du mir einen Floh ins Ohr gesetzt, vielen Dank auch, Erwin. Kommt es nur mir so vor, als würde die Frage, was auf den Tisch kommt, in letzter Zeit immer komplizierter, und zwar inflationär? Laktose-Intoleranz, glutenfreies Zeugs, Ovo-Lakto-Vegetabile, militante Veganer – ätzend! Früher wurde ein Braten auf den Tisch gestellt, und jeder hat ihn gegessen. Heutzutage wird von dir erwartet, dass du als gute Gastgeberin für jede Variante möglicher Mäkeleien gerüstet bist und Alternativen in der Hinterhand hast.«

»Erstens: Du bist nicht die Gastgeberin«, sagte Erwin. »Wenn du etwas servierst, das die Dame nicht mag oder verträgt, ist Dengelmann der Arsch, weil er die Auswahl des Menüs dir überlassen hat. Und weil er sich bei der Dame nicht vorher danach erkundigt hat, aber das nur nebenbei. Zweitens: Es ist nicht deine Aufgabe, dir über zig Eventualitäten den Kopf zu zerbrechen, und zwar aus den eben bereits genannten Gründen.«

Na, dann war ja alles in Butter.

Zu Hause ging ich erst einmal unter die Dusche. Nicht nur, dass mich das ungewohnte Putzpensum ordentlich ins Schwitzen gebracht hatte – ich fühlte darüber hinaus das dringende Bedürfnis, mir diesen Hausfrau-Uschi-Moment abzuwaschen, der noch immer zäh wie Tapetenkleister in meinem Hirn klebte und einfach nicht verschwinden wollte.

Natürlich war das Duschbad in dieser Sache eine reine Übersprungshandlung, aber so konnte ich mich wenigstens äußerlich von dieser unangenehmen Fantasie reinigen. Die Vorstellung, dass meine Beschäftigung bei Dengelmann durch diese Wahnvorstellung auch nur den Hauch des Sexuellen bekam, war mir einfach zu schräg.

Nein, falsch: Es war mir zutiefst zuwider.

Als ich später mit einem Espresso am Küchentisch saß und per Laptop das Internet nach Rezeptvorschlägen für ein Drei-Gänge-Menü durchforstete, überfiel mich plötzlich schmerzhafte Sehnsucht nach Pascal. Ich wählte seine Nummer, und er ging tatsächlich ans Telefon.

»Wie geht es meiner Liebsten?«, fragte er fröhlich.

»Sie vermisst dich«, erwiderte ich wahrheitsgemäß. »Was machst du so?«

Begeistert erzählte er von seinem Tag, wie viel Spaß die Arbeit ihm mache und wie nett die Kollegen seien.

»Freut mich«, sagte ich. »Es ist also so toll, wie du es dir erhofft hast?«

Ich spürte sein Strahlen selbst durch den Hörer. »Noch besser, Loretta. Ich komme mir vor wie in einem Traum. So könnte es ewig weitergeh…«

Er stockte, weil ihm klar wurde, was er da gesagt hatte.

»Um Himmels willen, Loretta«, sagte er hastig in mein betroffenes Schweigen hinein, »so habe ich das nicht gemeint, versteh mich bitte nicht falsch. Wirklich, ich vermisse dich schrecklich.«

Aber du hast jede Menge Ablenkung, dachte ich und zwang mich zu einem munteren Tonfall. »Unsinn, Schatz, alles ist bestens. Ich verstehe dich doch! Mach dir keinen Kopf um mich. Alle Freunde sind um mich herum.«

Seine Erleichterung war ihm anzuhören, als er sagte: »Das weiß ich doch. Und was ist bei dir sonst so los?«

Eigentlich wäre jetzt eine gute Gelegenheit gewesen, ihm vom Dengelmann-Auftrag zu erzählen. Das hatte ich noch nicht getan. Und von dem Uschi-Moment, denn mit ihm zusammen hätte ich bestimmt sogar darüber lachen können.

Aber dazu war mir die Lust vergangen. »Alles wie immer, nichts Besonderes. Das gewohnte, langweilige Loretta-Leben.«

Pascal lachte leise. »Dein Leben ist alles andere als langweilig, das weißt du selbst am allerbesten. Sollte etwa kein Mord in Sicht sein?«

»Mal den Teufel nicht an die Wand. Ich kann sehr gut ohne leben. Von der Aufregung habe ich erst einmal die Nase voll.«

»Und wie geht es Baghira?«

Unwillkürlich blickte ich hoch zum Krähennest: Lediglich die Ohrenspitzen des Katers waren zu sehen. »Dem geht es prima. Frisst, scheißt, schläft. Was ein verwöhnter Hauskater den lieben Tag lang so zu tun pflegt.«

Pascal seufzte. »Ich wünschte, ich könnte mich mal eben von Scotty zu euch beamen lassen, aber …«

Irgendjemand im Hintergrund rief seinen Namen, und er fügte hinzu: »Ich muss los, Süße, ich werde gebraucht. Bis bald, ich liebe dich.«

»Ich dich auch«, erwiderte ich, aber er hatte bereits aufgelegt.

Ich warf das Telefon auf den Tisch und starrte es böse an, als wäre es schuld daran, dass mein Gespräch mit Pascal mir die Laune verdorben hatte. Mich nervte, dass er Spaß hatte und mich nicht so vermisste wie ich ihn.

Ja, du wirst gebraucht, dachte ich, und zwar hier, von deiner Freundin.

Das war unfair, ich weiß, aber ich wollte jetzt sauer sein. Er hatte gut lachen, der Blödmann. Er erlebte gerade ein Abenteuer, traf täglich neue Menschen, stand täglich vor neuen Herausforderungen, machte coole Sachen … und ich? Musste mir ein verfluchtes Menü für einen Spießer ausdenken, der irgendeine langweilige Else betören wollte.

Ich wandte mich wieder der Rezeptsuche zu. Dutzende Internet-Communitys ambitionierter Hobbyköche überboten sich gegenseitig mit Vorschlägen für Zwei-Personen-Dinner, die aber alle einen irgendwie schlüpfrigen Subtext zu haben schienen. Ich fand nur Vorschläge wie Valentinstag-Dinner für Liebende oder Anregendes Dinner für zwei oder Candle-Light-Dinner für zwei … also wirklich: Konnten zwei Menschen nicht ganz normal miteinander essen, ohne dass gleich eine Rosenblätter- und Teelichtspur direkt ins Schlafzimmer führte?

Und überhaupt: Was sprach eigentlich gegen Bockwurst und Kartoffelsalat?

Was in Tausenden deutschen Haushalten gut genug für Heiligabend war, konnte für Herrn Dengelmann ja wohl nicht schlecht sein, oder? Oder sollte ich einfach das Menü kochen, das ich damals als Kandidatin für Einer gibt den Löffel ab! meinen Gästen serviert hatte? Kartoffelcremesuppe mit gebratenen Garnelen als Vorspeise, Lammbratlinge mit Wirsingspalten an Gorgonzolasoße als Hauptspeise und zu guter Letzt gab es ein Trifle mit Erdbeeren. Immerhin hatte ich dreißig Punkte dafür eingeheimst, genauso viele wie Frank, der ebenfalls an dieser Kochshow teilgenommen hatte.

Andererseits gehörte Lamm zu den Dingen, die nicht bei jedem Essensgast Jubel auslösten. Waaaas? Ich esse doch kein süßes kleines Lämmchen … wahlweise Kälbchen, Ferkelchen und dergleichen gerade der Kinderkrippe entstiegenes Getier.

Aber Baby-Ananas essen, das konnten sie, diese Heuchler.

Vielleicht sollte ich Frank um Rat fragen? Trotz seiner heißen Liebe zu Deftigem aus den Imbissbuden des Ruhrpotts war er ein exzellenter Koch, wie er nicht nur bei der Kochshow eindrucksvoll bewiesen hatte. Ich sah auf die Uhr, es war kurz vor drei. Konnte gut sein, dass er schon Feierabend hatte.

Zehn Minuten später stand ich am Herd und köchelte eine Tomatensoße, denn Frank war auf dem Weg zu mir. Wie ich es geahnt hatte, war die Formulierung ›ich brauche deinen Rat‹ für ihn unwiderstehlich. Auch bei der Aussicht, bei mir einen – oder zwei – Teller Spaghetti mit leckerer Tomatensoße und großzügiger Parmesanberieselung abzugreifen, konnte er unmöglich Nein sagen.

Das Nudelwasser kochte bereits, als er klingelte. Ich ließ ihn herein und flitzte zurück in die Küche, um die Spaghetti in den Topf zu geben.

Frank war mir gefolgt und guckte mir über die Schulter. »Ah, du nimms diese superdünnen Spaghettis. Lecker.«

»Ja, die brauchen nur vier Minuten. Geht ratzfatz.«

Ich verkniff mir, ihn zu verbessern. Er sagte grundsätzlich Tortellinis und Zutschinis oder auch Expresso und Krossong, aber ich verschonte ihn mit meiner sonst üblichen Klugscheißerei und unterließ es, ihn zu korrigieren. Frank durfte das.

»Hände waschen, hinsetzen«, kommandierte ich.

Wenige Minuten später saßen wir am Tisch. Er mochte einiges falsch aussprechen, beherrschte aber die korrekte Art, Spaghetti zu essen: Nicht mit Gabel in der rechten und Löffel in der linken Hand wie die meisten, sondern nur mit der Gabel in der rechten, wie Italiener es praktizierten.

Nachdem er mit beinahe heiliger Konzentration zwei Portionen verputzt hatte, schob er den Teller weg und lehnte sich zurück. »Boah, Loretta, dat war gut. Tomatensoße hasse echt drauf, dat muss man dir lassen. Du brauchs meinen Rat, hasse gesacht. Also, worum geht et?«

»Ich muss ein Dinner für zwei Personen kochen und habe null Ideen.«

»Wat? Kommt der Pascal schon nach Hause?«, fragte er verblüfft.

Ich schüttelte den Kopf. »Nicht für Pascal und mich.«

»Wat? Für wen denn dann? Wer is der Kerl?«

Ich verdrehte die Augen. »Hör doch zu, du Honk. Nicht für Pascal und mich, habe ich gesagt. Also weder für Pascal noch für mich.«

»Weißte, Loretta, für solche sprachlichen Nickelichkeiten fehlt mir die Antenne. Also: Für wen is dat Dinner? Und wieso muss du dat kochen?«

Ich erklärte ihm also, worum es ging, und seine Augen wurden riesig und kugelrund.

»Has du ’n Ei am Wandern?«, blökte er dann. »Du willz für den Mörder und sein nächstet Opfer kochen?«

»Ich dachte, das hätten wir geklärt. War es nicht erst gestern? Dass der Mann etwas mit dem Verschwinden seiner Frau zu tun hat, ist vielleicht nur ein Hirngespinst seiner Nachbarin. Ich habe noch keinerlei Anzeichen dafür gefunden, dass Jutta Dengelmann unfreiwillig aus dem Leben ihres Gatten geschieden ist. Dass die Nachbarin nicht weiß, wo diese Jutta sich zurzeit aufhält, ist kein Beweis für ein Verbrechen.«

»Was sacht dieser Typ denn dazu?«

»Wozu?«

»Na, wo seine Olle is.«

»Danach kann ich ihn ja wohl schlecht fragen.«

Frank runzelte die Stirn. »Wieso dat denn nich?«

»Weil ich nur seine Putze bin. Ich weiß doch offiziell gar nichts davon, dass es mal eine Ehefrau gab, also kann ich ihn auch nicht nach ihrem Verbleib fragen, richtig? In der Wohnung gibt es keinen einzigen Hinweis auf sie. Keine Klamotten, gar nichts.«

Sein Zeigefinger fuhr pfeilschnell auf mich zu. »Ha! Wenn dat nich verdächtich is!«

»Ist es nicht! Wenn Pascal mich von einem Tag auf den anderen verlassen würde, wäre meine erste Besorgung riesige Müllsäcke, um seinen Krempel zu entsorgen!«, keifte ich erbost. »Alles weg, aber ganz zügig! Ich hätte doch keine Lust, ständig an ihn erinnert zu werden! Vielleicht ging dem Verschwinden der Frau ja eine lange Trennungsphase voraus, von der die Nachbarin nichts weiß! Vielleicht weiß dieser Mann ganz genau, wo sie gerade ist, und telefoniert jeden Tag mit ihr! Herrje, mach es doch nicht so kompliziert, Frank! Vielleicht ist alles vollkommen harmlos!«

»Und vielleicht hat der Papst ’n lustigen Hut auf«, brummte Frank.

»Nee, der hat sogar ganz bestimmt einen lustigen Hut auf!«, prustete ich.

Nachdem wir ausgekichert hatten, konnten wir uns endlich mit dem Wesentlichen beschäftigen: dem Menü für den nächsten Abend.

Wir besprachen diverse Optionen und verwarfen sie wieder, bis wir uns schließlich geeinigt hatten: Bei Dengelmann würde es als Vorspeise gebackene Feigen mit Ziegenfrischkäse, Honig und Thymian geben, als Hauptspeise Schweinefiletmedaillons mit Kräuternusskruste, Gewürzmöhrchen und Kartoffel-Selleriepüree und als krönenden Abschluss Schokocreme mit Zimtsahne und Himbeersoße.

Die Einkaufsliste war gefühlt achtzehn Kilometer lang. Zur Sicherheit würde ich nicht davon ausgehen, dass er irgendetwas im Haus hatte – nicht einmal Honig, Butter oder Alufolie.

Ein Satz im Rezept für den Nachtisch erheiterte mich sehr. Weil die Menge Schokocreme größer war als die vier Nocken, die gebraucht wurden, stand dort: Übrige Schokocreme am nächsten Tag essen.

Na, das wüsste ich aber.

Die übrige Schokocreme würde noch am selben Tag gegessen werden, und zwar von mir.

Kapitel 11

Loretta entscheidet, dass sie auch mal Nein sagen muss – und erlebt dann noch eine Überraschung, mit der sie im Leben nicht gerechnet hätte

Am nächsten Morgen ging ich als Erstes einkaufen, da die Schokocreme für vier Stunden in den Kühlschrank musste, um ihre optimale Konsistenz zu erreichen. Wenn ich also am späten Nachmittag zu Dengelmann wollte, war es opportun, den Tag um acht Uhr zu beginnen.

Angesichts meiner ellenlangen Liste begab ich mich also ins größte Hier-gibts-alles-Einkaufszentrum der Region, da ich keine Lust hatte, auch noch verschiedene Geschäfte anzusteuern, um alles Nötige zu bekommen. Gerade stand ich in der Abteilung für hübsch gedeckte Tische und sinnierte über die Farbe der Kerzen, als mir siedend heiß einfiel, dass ich nicht wusste, wie das zur Verfügung stehende Service aussah. Oder ob der Mann eine weiße Tischdecke hatte.

Kurz entschlossen rief ich ihn an.

»Dengelmann.«

»Guten Morgen, hier ist Loretta Luchs. Es geht um heute Abend.«

»Sie wollen doch nicht absagen?« Seine Stimme hatte einen leicht hysterischen Einschlag.

»Nein, keine Sorge. Es geht um … also, ich kaufe gerade ein und habe einige Fragen.«

»Ja?«

»Haben Sie eine weiße Tischdecke, Herr Dengelmann? Ich möchte doch den Tisch hübsch eindecken, deshalb muss ich das wissen. Haben Sie auch Stoffservietten? Oder reicht Papier? Und, ganz wichtig: Wie sieht Ihr Geschirr aus? Hat es ein Muster? Danach richtet sich nämlich die Farbe der Kerzen. Und der Blumen, falls ich welche besorgen soll.«

Fassungsloses Schweigen.

Ich wartete ein Weilchen, dann fragte ich: »Herr Dengelmann? Sind Sie noch dran?«

Konnte ja sein, dass er ohnmächtig geworden oder in einen Schockzustand gefallen war, man wusste ja nie.

»Ich ... äh ... ja, ich bin noch dran.« Ich hörte, wie er Schranktüren öffnete. Dann fuhr er fort: »Weiße Tischdecken habe ich. Und Stoffservietten ebenfalls. Geschirr …« Weitere Schranktüren wurden geöffnet. »Hier stehen mehrere. Weiß mit Goldrand, weiß mit Blümchenmuster und eins in so einem hellen Beige oder Elfenbein oder wie sich das nennt. Das hat am Rand so ein eckiges griechisches Muster, ebenfalls in Gold. Mäander. Wissen Sie, was ich meine?«

»Klar. Das nehmen wir. Ich gucke dann mal, was ich Passendes an Dekoration finden kann.«

»Keine Rosen«, sagte er hastig.

»Keine Rosen. Das hatten wir ja bereits besprochen. Alles wird schön, aber schön dezent. Stilvoll, ohne aufdringlich zu sein. Die Dame wird keine zweideutigen Botschaften herauslesen können, versprochen.«

»Das wäre mir auch sehr unangenehm«, murmelte er. »Wirklich, sehr unangenehm.«

Das hatte ich mittlerweile nun wirklich verstanden, auch ohne dass er es wieder und wieder betonte.

»Wollen Sie wissen, was ich kochen werde? Dann kann ich notfalls noch umschwenken, falls Ihnen eine Komponente nicht gefällt. Oder mehrere.«

Ja, er wollte, also erklärte ich ihm das geplante Menü.

»Das klingt sehr schmackhaft«, sagte er dann.

»Freut mich, dass es Ihnen zusagt. Zwei Dinge könnten kritisch werden: der Ziegenkäse und die Nusskruste. Nicht jeder mag Ziegenkäse, und falls die Dame eine Nussallergie hat, wird sie im schlimmsten Fall anschwellen wie ein Fesselballon und keine Luft mehr kriegen. Und dann ist der schöne Abend zu Ende, bevor er richtig begonnen hat. Eine Leiche zum Dessert, Sie wissen schon. Braucht ja kein Mensch.«

Ihm entfuhr ein kurzes Kichern, als würde ihm diese Vorstellung gefallen. »Ich mag Ziegenkäse. Und ich habe keine Nussallergie. Alles bestens, also.«

Die Vorlieben oder eventuellen gesundheitlichen Probleme der Dame waren ihm also so egal wie nur was.

Interessant.

»Ach, da fällt mir gerade noch etwas ein: die Getränke. Soll ich auch Getränke besorgen? Sekt oder so?«

»Nicht nötig«, erwiderte er. »Ich habe Wein im Haus. Ich bin ohnehin kein Freund von viel Alkohol. Eine Flasche Wein reicht vollkommen aus.«

Alles andere hätte mich jetzt auch echt gewundert.

Zu meiner größten Begeisterung entdeckte ich goldene Tortenspitze, die sich hervorragend zu Platzsets zweckentfremden lassen würde. Dazu kamen eine goldene Stumpenkerze und einige kleine Windlichter aus goldgemustertem Glas, in die man Teelichte stellen konnte. Ich hielt inne und dachte nach. Ich musste aufpassen, dass der Tisch nicht aussehen würde wie für eine goldene Hochzeit. Mir fiel ein, dass ich nicht nach dem Besteck gefragt hatte. Wie wirkte wohl silbernes Besteck zu dieser goldenen Opulenz? Kurz entschlossen packte ich noch eine silberne Kerze in den Korb, gefolgt von Windlichtern mit silbernem Muster, so konnte ich mischen, falls nötig. Ob er Serviettenringe hatte? Und wie sahen – falls vorhanden – die Ständer für die Blockkerzen aus?

Herrje, drehte ich jetzt durch?

Erneut hielt ich inne und atmete tief durch. Allmählich war es genug, entschied ich, und kehrte der Deko-Abteilung tapfer den Rücken zu.

Als Nächstes begab ich mich zu den Blumen und wurde schnell fündig: Ich entdeckte ein silbriges Gestrüpp in einem Blumentopf, das mich an Stacheldraht erinnerte – perfekt. Dazu kamen einige kleine gelbe Dahlien und ein Strauß Blümchen, die wie Kamille aussahen.

Danach arbeitete ich generalstabsmäßig die Lebensmittelliste ab, was sich relativ flott gestaltete. Bereits um kurz nach neun lud ich die Einkäufe in meinen Kofferraum; dann fuhr ich noch zum Wochenmarkt und besorgte alles für ein opulentes Frühstück, das ich zu Hause ausgiebig genoss.

Schließlich war nicht abzusehen, wann ich das nächste Mal was in den Magen bekommen würde, also gönnte ich mir von geräuchertem Fisch über Rühreier bis hin zu Croissants alles, wonach es mich spontan gelüstete. Das übrigens auf Dengelmanns Rechnung. Immerhin war es in seinem Interesse, dass ich nicht während der Zubereitung des Hauptgangs in seiner Küche kollabierte, weil ich unterzuckert war.

Um Punkt fünf klingelte ich bei Dengelmann. Meine Einkaufstüten sowie eine Klappkiste mit der Deko und der fertigen Schokocreme stapelten sich vor der Haustür.

»Ich könnte eine helfende Hand gebrauchen«, sagte ich in die Gegensprechanlage, als er sich meldete.

Drei Sekunden später war er unten an der Tür und packte mit an. Ich fragte mich, ob Frau Berger wohl wieder an ihrem Türspion klebte, hatte aber bei meiner Ankunft kein Licht in ihrer Wohnung gesehen.

Vielleicht war sie ja gar nicht zu Hause, und Dengelmann konnte die Puppen tanzen lassen, ohne dass seine Nachbarin daraus ein neues Horrorszenario machen würde.

Wir schleppten die Ausbeute meiner morgendlichen Einkaufsorgie in die Küche und stellten alles auf der Arbeitsfläche ab.

»Wollen Sie gleich abrechnen?«, fragte ich, aber er schüttelte den Kopf.

»Das machen wir in Ruhe, wenn Sie am Montag zum Putzen kommen, einverstanden? Jetzt haben Sie doch bestimmt anderes zu tun.«

Da hatte er recht. Mein Kopf war bereits damit beschäftigt, in welcher Reihenfolge ich was zu tun hatte. Einige Dinge konnte ich vorbereiten, andere mussten kurz vor der Zubereitung erledigt werden.

Ich nickte. »Am allerliebsten würde ich zuerst den Tisch eindecken und dekorieren.«

Bei ihm konnte ich das unbesorgt so machen. Bei mir wäre das anders gewesen. Ein frühzeitig eingedeckter Tisch, der nicht jede Zehntelsekunde bewacht wurde, verführte Baghira gern dazu, darauf herumzuspazieren und sich zum Beispiel intensiv mit den Blumen zu beschäftigen. Es konnte passieren, dass man dann über den ganzen Raum verteilt abgeknabberte Blüten vorfand – mal ganz abgesehen von Katzenhaaren auf dem einen oder anderen Teller. Ging gar nicht. Und das mit den Haaren war überdies eklig – so sehr ich meinen Kater auch liebte.

Wir gingen also ins Esszimmer, und ich baute mich sinnend vor dem ovalen Tisch auf.

»Wie hätten Sie es denn gern?«, fragte ich. »Wollen Sie am schmalen Ende sitzen? Dann sind Sie von Ihrem Gast allerdings relativ weit entfernt. Schöner wäre es, wenn Sie sich an den Längsseiten gegenübersitzen würden.«

»Denken Sie?«, fragte er zweifelnd.

»Als Erstes lassen wir mal die überflüssigen Stühle verschwinden, dann können wir es ausprobieren.«

Wir schleppten also vier Stühle ins Schlafzimmer, dann kehrten wir zum Esstisch zurück, und ich demonstrierte ihm, was ich gemeint hatte. Wir einigten uns auf die zweite Option, und er zeigte mir, wo ich Tischdecken und dergleichen fand. Wie insgeheim erwartet, verfügte der Haushalt über ganze Batterien an Gläsern, die ich für die Blumen benötigte. Da es keine Kerzenständer für die Blockkerzen gab, entschied ich, mit zwei Desserttellern vom Service zu improvisieren: ein kleiner Blumenkranz, Kerze rein, fertig. Und wenn die Teller hinterher mit Wachs bekleckert sein sollten, wusste Doris bestimmt einen Trick, um das Zeug rückstandslos zu entfernen.

Dengelmann stand linkisch in der Gegend herum und beobachtete mich dabei, wie ich zwischen Küche und Esszimmer hin und her sauste.

»Kann ich Ihnen irgendwie helfen?«, fragte er.

Ich schüttelte den Kopf. »Wissen Sie was? Warum machen Sie sich nicht einen schönen Tee, setzen sich ins Wohnzimmer und entspannen sich, während ich mich hier um alles kümmere. Wenn ich mit dem Tisch fertig bin, rufe ich Sie. Und wenn Sie alles total bescheuert finden, machen wir es anders.«

»Sie machen das bestimmt hervorragend.«

Natürlich. Aber das konnte er ja noch nicht wissen.

Zwanzig Minuten später stand ich im Esszimmer und betrachtete wohlgefällig mein Werk. Die Blumen hatte ich auf kleine Trinkgläser verteilt, die ich abwechselnd mit den Windlichtern als lockere Reihe zwischen den beiden Gedecken aufgestellt hatte. Den Abschluss bildeten rechts und links die Blockkerzen. Ich löschte das Licht im Raum bis auf eine Stehlampe, entzündete die Kerzen und Teelichte, dann rief ich nach Dengelmann.

Sofort kam er angaloppiert und blieb in der Tür stehen, als wäre er vor eine Mauer geprallt. »Also … das ist ja …«, stammelte er und wusste nicht weiter.

»Gefällt es Ihnen nicht? Ist Ihnen der Tisch zu aufgedonnert?«

»Nein … es gefällt mir, sehr gut sogar. Es sieht wunderbar aus, überhaupt nicht aufgedonnert. Und Sie hatten gar nicht so viel Aufwand damit, oder?«

Ich grinste. »Ein wenig Fantasie reicht, um es sich nett zu machen, das ist keine Zauberei. Ich finde, ein Essen schmeckt noch einmal so gut, wenn ich dabei an einem hübschen Tisch sitze. Es müssen keine meterhohen Blumenaufbauten und pompösen Kerzenleuchter sein, wie Sie sehen. Ein paar hübsche kleine Elemente reichen völlig aus.«

Er nickte gedankenverloren. Er schien zu überlegen, warum sein Leben bisher ohne diese schlichte Weisheit und deren Umsetzung hatte auskommen müssen.

»Wenn Sie dann das Essen servieren …«, begann er.

»Was?«, fiel ich ihm entgeistert ins Wort. »Das gehört nicht zu unserer Abmachung.«

»Aber ich kann das nicht, Frau Luchs! Was, wenn ich alles fallen lasse?«

Herrje – ernsthaft? Buhuhu, ich kann das nicht … Der Mann war eine verfluchte Memme.

Dennoch: Ich blieb hart. »Sorry, aber darauf bin ich nicht vorbereitet.«

»Was müssten Sie denn dafür vorbereiten?«, fragte er verständnislos.

»Sehen Sie mich an.« Ich deutete erst auf mein Ringelshirt, dann auf meine schlabbrige Jeans. »So kann ich unmöglich Essen servieren. Und über meine Klamotten werden sich demnächst zusätzlich die Spuren dessen verteilen, was ich gleich in Ihrer Küche veranstalten werde. Ich habe weder eine saubere Kochjacke dabei noch einen fleckenlosen Vorbinder oder irgendwelche einigermaßen adäquate Kleidung. Und ich rede nicht von einem Kellnerfrack, sondern einfachen, ordentlichen Klamotten. Noch einmal: Das war nicht Teil meines Auftrags. Tut mir sehr leid, Herr Dengelmann, aber wie genau das Essen von der Küche hier auf den Tisch kommt, ist nicht mein Problem.«

Er war so fassungslos, dass er nicht sprechen konnte. Es war sonnenklar, dass er sich darüber bisher keine Gedanken gemacht hatte. Nein, falsch: Er hatte vorausgesetzt, dass er mit dem Hintern am Tisch sitzen blieb, während ihm und seinem Gast ein Gang nach dem anderen vor die Nase gesetzt wurde. Das war er von seiner Jutta vermutlich so gewöhnt.

Aber ich war nicht seine Jutta. Je früher er es begriff, desto besser. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich die Gelegenheit nutzen sollte, um eine klare Grenze zu ziehen. Freundlich, aber bestimmt.

»Herr Dengelmann, ich bin der gute Geist in Ihrer Küche. Der unsichtbare gute Geist. Wir finden eine Lösung. Sie haben doch diesen wunderbaren Servierwagen im Wohnzimmer, den werden wir benutzen. Ich richte in der Küche das Essen an, und Sie bringen es damit an den Tisch. Und wenn Sie mit einem Gang fertig sind, packen Sie das benutzte Geschirr auf das Wägelchen und holen den nächsten bei mir ab. Ganz einfach. Sie lassen gar nichts fallen. Zwei Teller unfallfrei auf den Tisch zu stellen, ist keine Raketenwissenschaft, glauben Sie mir. Das Essen ist auch nicht kompliziert aufgebaut und in affigen Türmchen angerichtet oder so. Da kann nichts umkippen oder dergleichen. Teller hinstellen, fertig. Das ist kinderleicht.«

Selbst für dich, fügte ich in Gedanken hinzu.

Großer Gott – brauchte er vielleicht auch jemanden, der ihm die Schnürschuhe zuband oder ihm eine Gutenachtgeschichte vorlas, damit er einschlafen konnte? Dann war es wahrlich höchste Eisenbahn, dass er einen Ersatz für seine Jutta fand.

Ich ließ ihn verdattert stehen und begab mich blitzschnell in die Küche, um eventuellen weiteren Diskussionen zu diesem Thema direkt einen Riegel vorzuschieben.

Die Lebensmittel stellte ich gruppenweise zusammen: für die Vorspeise, die Hauptspeise und das Dessert.

Nach und nach erledigte ich die Vorbereitungen. Nachdem ich Kartoffeln und Sellerie geschält und gewürfelt hatte, stellte ich die Nusskruste für die Medaillons her, rollte sie aus und stellte sie in den Kühlschrank. Danach pürierte ich die Himbeeren zusammen mit etwas Zucker und passierte sie durch ein Haarsieb, das ich Gott sei Dank in der Küche auftrieb. Himbeersoße mit Kernen drin – das hätte mich echt genervt. Nach und nach füllten sich Schüsselchen und Behälter mit Zutaten, die ich später brauchen würde, wenn es ans eigentliche Kochen ging. Kartoffeln und Sellerie wollte ich aufsetzen, sobald der Gast eingetroffen war, damit sie frisch vom Herd kamen, wenn ich das Püree herstellte.

Als ich meine Vorbereitungen beendet hatte, ging ich ins Wohnzimmer, um den Servierwagen zu holen. Dengelmann, der in der Zwischenzeit ein weißes Hemd und blank polierte Schuhe angezogen hatte, hockte in einem der Sessel und starrte trübe vor sich hin. Da freute sich jemand aber überhaupt gar nicht auf seinen Besuch. Als ich eintrat, schreckte er hoch.

»Ich räume jetzt das Geschirr vom Esstisch und nehme es mit in die Küche«, erklärte ich ihm. »Das hatte ich nur hingestellt, um Ihnen den Tisch komplett eingedeckt zu demonstrieren.«

Er nickte geistesabwesend, dann sagte er: »Kochen Sie schon? Ich rieche gar nichts.«

Ich lächelte ihn aufmunternd an. »Das werden Sie, sobald Ihr Gast eingetroffen ist. Alles ist vorbereitet. Die einzelnen Gänge werden frisch zubereitet. Das geht schneller, als Sie sich vielleicht vorstellen können. Vertrauen Sie mir, alles wird rechtzeitig, knackheiß und ohne lange Wartezeiten auf den Tisch kommen.«

»Ich vertraue Ihnen«, sagte er feierlich.

Um Punkt sieben Uhr klingelte es. Kartoffeln und Sellerie standen bereits auf dem Herd und köchelten vor sich hin, und nun schob ich die Feigen mit dem Frischkäse in den Backofen.

Als er und sein Gast an der Küchentür vorbeikamen, hörte ich die Frau sagen: »Da bin ich aber mal gespannt, was du mir Schönes auftischen wirst, Gerry.«

Mich traf beinahe der Schlag, denn ich erkannte die Stimme sofort.

Gerhard Dengelmanns Gast an diesem Abend war Frau Berger.

Kapitel 12

Manchmal erweisen sich Entscheidungen im Nachhinein als besonders vorausschauend, auch wenn das nicht die ursprüngliche Absicht war

Mit allem hatte ich gerechnet, aber nicht mit Frau Berger. Was hatte die denn hier oben zu suchen – bei dem Mann, den sie für den Mörder ihrer verschwundenen Freundin hielt?

Mir wurde spontan übel bei dem Gedanken, dass sie plante, ihn mit ihrem Verdacht zu konfrontieren. Was versprach sie sich davon?

Und Dengelmann?

Wieso lud er sie zum Essen ein, wenn sich laut Frau Berger ihr Kontakt doch darauf beschränkte, dass er sie beschimpft und verkündet hatte, froh zu sein, sie nie wieder sehen zu müssen? Und ihr empfohlen hatte, sich um ihren eigenen Dreck zu kümmern?

Dem Backofen entströmte würziger Duft, der jeden Moment ins Verbrannte umkippen würde.

Herrje … die Feigen! Hektisch riss ich die Klappe auf und den Rost heraus. Das hätte jetzt noch gefehlt, dass ich das Essen versaute.

Während ich die Feigen mit dem in ihnen gratinierten Ziegenkäse auf zwei Teller setzte und mit Honig beträufelte, rasten meine Gedanken.

Ich hatte absolut keine Ahnung, was ich machen sollte. Einfach den Abend durchziehen? War es klug, wenn die Berger von meiner Anwesenheit wusste – oder vielleicht gerade nicht? Wusste sie vielleicht ohnehin davon? Dass ihre Wohnung dunkel gewesen war, musste kein zwingender Beweis für ihre Abwesenheit sein.

Als die Küchentür sich plötzlich öffnete, wäre ich vor Schreck beinahe unter den Tisch gehechtet.

»Das duftet aber lecker«, sagte Dengelmann, dessen Blick wohlgefällig auf den Tellern mit den hübsch angerichteten Feigen ruhte.

»Die … die sind auch lecker«, erwiderte ich und unterdrückte ein hysterisches Gackern. Innerlich dankte ich welcher höheren Macht auch immer, dass ich mich erfolgreich dagegen gewehrt hatte, das Essen zu servieren. Dann hätte ich jetzt schön blöd dagestanden. Von der Berger ganz zu schweigen. Immerhin hatte sie Erwin und mir gegenüber kein Wort darüber verloren, dass sie sich mit Dengelmann zu treffen gedachte.

»Guten Appetit«, fügte ich lahm hinzu, als er mit dem Servierwagen abdackelte.

So gern ich Erwin angerufen hätte – mir fehlte die Zeit, denn ich musste umgehend mit der Zubereitung des Hauptgangs beginnen. Und wie gern ich erst belauscht hätte, was die beiden im Esszimmer zu bequatschen hatten …

Mühsam raffte ich meine fünf Sinne zusammen, um mich auf das zu konzentrieren, was jetzt anlag. Wenn der Hauptgang auf dem Tisch stand, hatte ich ein wenig Verschnaufpause, um die überraschende Entwicklung der Ereignisse zu überdenken.

Ich briet das Fleisch an, bedeckte die Medaillons mit der Nusskruste und verfrachtete sie in den Backofen. Zum Bratensatz in der Pfanne kamen etwas Brühe und Rotwein, die von allein zu einer Soße einreduzieren würden.

Fleisch: erledigt.

Was als Nächstes?

Die Möhren. Putzen, ein wenig Grün stehen lassen, mit etwas Butter in eine weitere Pfanne, fünf Minuten dünsten: erledigt. Immer wieder drifteten meine Gedanken weg, immer wieder musste ich mich zur Ordnung rufen. Das Püree fehlte noch, verdammt. Der abgegossenen, weich gekochten Mischung aus Kartoffeln und Sellerie verabreichte ich einen ordentlichen Klotz Butter und etwas Muskatnuss, dann rückte ich ihr mit einem Stampfer zuleibe. Es tat gut, ordentlich Kraft aufwenden zu müssen – so konnte ich ein wenig von dem Adrenalin abbauen, das mir durch den Körper schoss.

»Perfektes Timing«, sagte ich, als Dengelmann mit dem Servierwagen in die Küche kam. »Sie können den Hauptgang gleich mitnehmen.«

Er sah mir zu, wie ich die Teller anrichtete. »Wollen Sie nicht wissen, wie die Vorspeise angekommen ist?«

Herrje – nichts auf der Welt interessierte mich im Moment weniger.

Ich rang mir ein Lächeln ab und vermied es, ihn anzusehen. »Niemand hat unter Protest und türenschlagend die Wohnung verlassen oder hat die Küche gestürmt, um sich zu beschweren. Ganz gut also, schätze ich.«

Dengelmann lachte leise. »Mir hat es wunderbar geschmeckt. Wirklich gut.«

»Und Ihr Gast? War die Dame auch zufrieden?«, fragte ich in der Hoffnung, dass er irgendetwas Verräterisches antworten würde.

»Ihr Teller ist leer, wie Sie sehen.«

Alles klar – kryptischer ging es nicht. Oder nein, eigentlich war es vielmehr entlarvend, denn der Subtext war folgender: Mir ist schnurzpiepegal, ob es dieser Frau geschmeckt hat. Das Essen ist der einzige Grund, weshalb ich diesen Abend mit ihr überstehe.

Ich stellte die Teller auf den Servierwagen und nickte. »Kann losgehen. Ich hoffe, es schmeckt Ihnen beiden.«

»Mir bestimmt, da bin ich ganz sicher«, erwiderte er und schob ab.

Hastig schloss ich die Tür hinter ihm. Mit dem Hauptgang würden sie erst einmal beschäftigt sein, also konnte ich Erwin endlich anrufen. Mit fliegenden Fingern fummelte ich mein Handy aus der Jacke, die Gott sei Dank nicht an der Garderobe, sondern über der Lehne eines Küchenstuhls hing. Es dauerte einen Moment, aber schließlich ging Erwin ans Telefon. Im Hintergrund hörte ich den Fernseher lärmen.

»Wieso rufst du denn jetzt schon an? Bist du etwa schon fertig?«, fragte er sofort.

»Nein, die sind beim Hauptgang«, flüsterte ich und setzte mich – mit Blick auf die Tür, natürlich – an den Tisch.

»Wie bitte? Warum flüsterst du?«, brüllte er. »Ich kann dich kaum verstehen!«

»Mach die Glotze leiser, verdammt. Ich kann nicht lauter sprechen«, zischte ich.

Ich hörte, wie er mit seinem Täubchen sprach, dann verstummte der Fernseher.

»So«, sagte er dann in normaler Lautstärke. »Was ist los?«

»Rate mal, wer die geheimnisvolle Dame ist, die gerade mit Dengelmann drüben im Esszimmer sitzt.«

»Was? Woher soll ich das denn bitte wissen?«

»Ich lasse dich nicht ohne Grund raten, Erwin. Du musst jetzt nicht auf gut Glück irgendeinen Namen nennen. Du kennst sie.«

»Woher sollte ich denn …«

»Hallo, einer zu Hause, McFly? Du wiederholst dich. Welche Dame kennen wir im Zusammenhang mit Dengelmann? Genau eine einzige! Okay, ich gebe noch einen Hinweis: Sie wohnt im selben Haus wie er.«

Verblüfftes Schweigen, dann: »Mach keine Witze. Du meinst doch nicht etwa …«

»Doch, ebendie meine ich. Ich koche heute Abend für Dengelmann und die Berger. Ist das krass, oder was?«

»Allerdings, das ist es. Hat sie ...«

Ich zuckte erschrocken zusammen, weil plötzlich die Küchentür aufging.

Bämm – neuer Adrenalinschub, na danke.

»Nein, Schatz, keine Ahnung, wann ich zu Hause sein werde. Du, kleinen Moment mal …«, plapperte ich ins Telefon, dann nahm ich es vom Ohr und sagte ziemlich laut: »Irgendwas nicht in Ordnung mit dem Essen, Herr Dengelmann?«

Er schüttelte den Kopf. »Für mich ist alles bestens. Aber mein Gast hat nach Salz gefragt.«

Aha, die Dame schätzte es also würzig. Und er sprach ums Verrecken nicht ihren Namen aus.

Ich rührte mich nicht vom Fleck und blickte mich betont ratlos in der Küche um. »Ich fürchte, Sie wissen besser als ich, wo hier ein Salzstreuer zu finden ist.«

»Oh, natürlich. Natürlich.«

Er stakste los und öffnete einen der Hängeschränke, dem er eine elektrische Gewürzmühle entnahm.

Gerade wollte er die Schranktür wieder schließen, aber ich sagte: »Nehmen Sie doch sicherheitshalber auch gleich Pfeffer mit. Dann müssen Sie nicht noch einmal laufen, falls sie danach fragt.«

… dann stören Sie mich verdammt noch mal nicht ein weiteres Mal bei meinem Telefonat und jagen mir einen Todesschreck ein, meinte ich natürlich damit.

Er holte also auch eine Pfeffermühle aus dem Schrank, schloss die Tür, grinste verlegen und verzischte sich wieder aus der Küche. Er hatte es zwar nicht gerade eilig, zurück zu seinem Gast zu kommen, wie mir schien – aber was blieb ihm übrig? Er konnte schließlich nicht einfach hier bei mir bleiben und die Berger alleine im Esszimmer hocken lassen. Mit meinem Essen, das ihr offenbar zu lasch gewürzt war.

»Okay, er ist wieder weg«, wisperte ich in den Hörer, nachdem Dengelmann die Küchentür hinter sich geschlossen hatte. Trotzdem traute ich mich nicht, in normaler Lautstärke mit Erwin zu sprechen. Vielleicht presste Dengelmann ja gerade sein Ohr an die Tür und …

Herrje – allmählich wurde ich paranoid. Warum sollte der Mann mich belauschen? Ich hatte ihn glauben lassen, dass ich mit meinem Freund telefonierte.

»Die Berger hat dir also nichts davon gesagt, dass sie heute Abend ein Date mit Dengelmann hat?«, fuhr ich fort.

»Natürlich nicht! Denkst du, das hätte ich dir verschwiegen? Vielleicht, um dir den Überraschungseffekt nicht zu verderben?«

»Aber was bedeutet das?«

»Was?«

»Na, beides! Erstens, dass sie uns nichts davon gesagt hat. Und zweitens, dass sie hier überhaupt sitzt. Was soll das?«

»Ich habe keine Ahnung«, murmelte er.

»Was soll ich denn jetzt machen? Wie soll ich mich verhalten?«

»Du machst überhaupt nichts. Hat sie dich gesehen?«

»Nein, sie weiß nicht, dass ich hier bin. Es sei denn, er hätte ihr gegenüber meinen Namen erwähnt. Ich wüsste aber nicht, weshalb er das tun sollte. Ich hatte im Vorfeld nicht den Eindruck, dass es hier um einen lockeren Abend geht, ganz im Gegenteil. Er war eher …«

Boing – Tür auf, Auftritt Dengelmann samt Servierwagen mit abgegrasten Tellern.

»Schatz«, zwitscherte ich in den Hörer, »ich hab zu tun, der Nachtisch ist fällig. Bis später, Schatz!«

Ich legte auf und wusste, ab jetzt würde Erwin darauf warten, dass ich mich noch einmal meldete.

»Sie können das Dessert gleich mitnehmen, wenn Sie wollen«, sagte ich.

Er schüttelte den Kopf. »Ich muss kurz ins Bad, dann komme ich wieder.«

Vor mir aus auch das.

Als er zurückkam, hatte ich auf den Tellern bereits kleine Kunstwerke aus Schokocremenocken, Zimtsahne und Himbeersoße angerichtet, die ich im Finish noch mit ein wenig Zimtzucker bestreuselte und mit ein paar Himbeeren ausgarnierte. Wirklich, es sah ausgesprochen hübsch aus – das hätte mir jetzt auch geschmeckt. Ich schielte zu der noch halb vollen Schüssel mit der Schokocreme … Zimtsahne und Himbeersoße gab es ebenfalls noch.

»Reiß dich zusammen«, murmelte ich mit zusammengebissenen Zähnen, »erst wird klar Schiff gemacht.«

Ich packte die Reste auf einen Dessertteller, dann machte ich mich ans Aufräumen. Ursprünglich hatte ich vorgehabt, nach dem Kochen so schnell wie möglich die Biege zu machen, aber nun ließ ich mir Zeit.

Ich war von Frau Bergers Anwesenheit noch immer zutiefst verunsichert. Ich hatte keinen Schimmer, wie ich mich verhalten sollte.

Was, wenn Dengelmann tatsächlich ein ruchloser Mörder und sie gerade in höchster Gefahr war, weil sie ihn mit ihrem Verdacht unter Druck setzte? Falls ja – was würde sie damit erreichen wollen? Einfach herausfinden, was mit ihrer Freundin Jutta geschehen war? Oder ging es um mehr? Wollte sie ihn dazu bringen, dass er sich stellte?

Soll ich versuchen, in dieser Wohnung zu bleiben, bis ich sie außer Gefahr weiß?, grübelte ich, während ich die Spülmaschine im Schneckentempo einräumte, um Zeit zu schinden. Auf der anderen Seite konnte es ihr schon allein das Leben retten, dass ich von ihrer Anwesenheit wusste – immerhin war ich dadurch eine Zeugin. Nein, sie war nicht in Gefahr.

Verdammt. Ich wusste nicht mehr, was ich denken sollte.

Viel Zeit würden sie für das Dessert nicht brauchen. Ein wenig Creme, ein paar Himbeeren, Sahne – wie lange konnte es schon dauern, diesen Hauch von Dessert zu verspeisen?

Als ich mit der Küche so weit fertig war, setzte ich mich an den Tisch und begann, die Nachspeise zu löffeln. Töpfe und Pfannen hatte ich mit der Hand gespült und bereits weggeräumt. Ich musste nur noch das Geschirr vom Nachtisch in die Spülmaschine stellen, dann war ich hier fertig.

Ich musste nicht lange warten.

Dengelmann brachte die Teller herein und blickte sich um. »Sie haben ja schon aufgeräumt! Den Rest stelle ich selbst in die Spülmaschine. Sie sind bestimmt froh, dass Sie endlich Feierabend haben.«

Ja und nein, dachte ich. Woher sollte ich einen Grund nehmen, weiterhin in seiner Wohnung herumzulungern?

Da mir keiner einfiel, streckte ich die Waffen und nickte. »War denn alles zu Ihrer Zufriedenheit?«, fragte ich.

»Es hat großartig geschmeckt«, antwortete er und lächelte. »Wir sehen uns dann am Montag?«

Wieder nickte ich. Dann schlüpfte ich in meine Jacke, und er ließ mich hinaus. Zack – schon stand ich im Hausflur, und Frau Berger war nach wie vor in seiner Wohnung. Hatte er gerade beim Abschied nicht irgendwie irre gegrinst? So wie ein verrückter Mörder, der endlich mit seinem nächsten Opfer allein war?

Ich konnte hier nicht ewig stehen bleiben, verdammt. Zumindest musste ich jetzt bald mal die Haustür ins Schloss fallen lassen. Widerwillig verließ ich das Haus und ging zu meinem Auto, das einige Meter vom Hauseingang entfernt geparkt war. Dennoch hatte ich einen exzellenten Blick auf beide Wohnungen. Ich sah sein erleuchtetes Esszimmerfenster, in Frau Bergers Wohnung war alles dunkel.

Ich setzte mich ins Auto und rief Erwin an.

»Wo bist du?«, fragte er.

»Ich sitze vor dem Haus im Auto. Die Berger ist noch oben bei Dengelmann.«

»Worauf wartest du denn noch? Ist noch irgendwas passiert?«

»Nein, nichts. Ich habe nur das Gefühl, als müsste ich auf sie aufpassen.«

»Vom Auto aus? Wie soll das gehen?«

Ich zuckte mit den Schultern; dann fiel mir ein, dass er das nicht sehen konnte. »Keine Ahnung. Ich warte einfach, bis sie unten in ihrer Wohnung ist.«

Erwin schnaubte leise. »Bei dieser Kälte? Viel Vergnügen. Und wenn sie die Nacht bei ihm verbringt?«

Zuerst verstand ich nicht, was er meinte – dann fing ich an zu lachen. »Wie bitte? Die beiden?«, prustete ich. »Niemals.«

»Wer weiß, vielleicht spenden sie einander Trost.«

»Pfff. Ganz sicher nicht. Wenn sich jemand nicht auf diesen Abend gefreut hat, dann Dengelmann. Jetzt ist mir auch klar, warum er die ganze Zeit so wirkte, als wäre dieses Essen für ihn nur eine lästige Pflicht. Er hatte keinen Bock darauf. Als hätte er eine Wette verloren und müsste jetzt mit dem hässlichsten Mädchen der Schule auf den Abschlussball gehen. Ich frage mich, wie sie ihn dazu gebracht hat, sie in seine Wohnung zu lassen. Und warum sie uns gegenüber den Eindruck erweckt, als wären sie sich spinnefeind. Warum hetzt sie uns ihm auf den Hals? Und was soll dieser gestörte Alleingang heute?«

»Das alles wirst du heute nicht mehr herausfinden, Loretta. Wir besprechen uns in Ruhe, und dann überlegen wir uns, ob wir sie darauf ansprechen. Sie hat ja keine Ahnung, dass wir über diesen Abend Bescheid wissen.«

»Stimmt«, murmelte ich geisteswesend, weil in diesem Moment im Haus das Flurlicht anging. »Erwin, es tut sich was. Ich glaube, sie … Moment.«

In Frau Bergers Wohnung flammte Licht auf, dann erschien sie am Fenster und starrte in die Dunkelheit hinaus. Unwillkürlich duckte ich mich tiefer in den Sitz, obwohl sie nicht einmal in meine Richtung sah. Sie stand bewegungslos da, bis sie schließlich mit heftigen Bewegungen die Vorhänge schloss. Selbst aus der Entfernung konnte ich erkennen, dass sie aufgebracht war.

»Alles klar, sie ist in ihrer Wohnung. Ich fahre jetzt nach Hause«, sagte ich.

»In Ordnung. Wir reden morgen in Ruhe, ja? Schlaf gut, Loretta.«

»Du auch. Grüß dein Täubchen.«

Ich steckte das Handy ein und startete den Motor. Während ich langsam die stille Vorortstraße entlangfuhr, stellte ich mir nur eine einzige Frage: Was hatte Frau Berger aufgeregt?

Kapitel 13

Wieder hört Loretta eine bekannte Stimme, und wieder wäre sie am liebsten unsichtbar – aber diesmal gelingt es ihr nicht

Leise fluchend schrubbte ich die Kacheln im Badezimmer. Mehrmals musste ich pausieren, entweder um mir den Schweiß abzuwischen, oder weil ich einen Krampf in der Hand hatte. Es war mir ein Rätsel, wieso es hier so unglaublich schmutzig war; als hätte seit Monaten niemand mehr geputzt. In den Fugen der Fliesen hinter der Badewanne wuchs Moos, und kleine gelbliche Flechten hatten sich an den Armaturen angesiedelt. Selbst das Fenster war blind vor Dreck und ließ kaum Tageslicht herein, aber ich erinnerte mich genau, dass ich es noch vor wenigen Tagen glänzend und streifenfrei hinterlassen hatte.

Dengelmann wurschtelte irgendwo in der Wohnung herum. Von Zeit zu Zeit polterte es, dann wieder schien er zu sägen.

Die Geräusche verstummten, und ich hörte seine Schritte näher kommen. Ich verdoppelte meine Bemühungen und schrubbte wie besessen, denn er sollte ja mit meiner Arbeit zufrieden sein.

»Frau Luchs«, gurrte seine Stimme hinter mir. »Ich könnte Ihre Hilfe gebrauchen.«

Ich drehte mich zu ihm um. Dengelmann stand in der Badezimmertür und lächelte mich an. Er trug eine Gummischürze, die von Blut troff. In einer Hand hielt er eine rostige Fuchsschwanzsäge, an der anderen baumelte der Kopf von Frau Berger. Er hatte ihn an den Haaren gepackt, und der Kopf pendelte leicht hin und her. Frau Bergers Augen waren weit aufgerissen, genau wie ihr Mund. Eindeutig hatte Frau Berger als letzten Laut einen Entsetzensschrei ausgestoßen. Oder hatte sie um Gnade gefleht? Blut tropfte auf den Fliesenboden, von der Schürze, von der Säge und aus dem Hals.

Dengelmann sah nach unten. »Jetzt mache ich hier alles schmutzig«, sagte er nachdenklich. »Aber das kriegen Sie bestimmt wieder hin, Frau Luchs, mit einem Ihrer hübschen bunten Lappen.« Schelmisch zwinkerte er mir zu. »Drüben sieht es auch ziemlich … hm … wüst aus, befürchte ich. Kommen Sie.«

Ich folgte ihm ins Wohnzimmer.

Überall war Blut.

Es rann von den Wänden herunter, es bildete große Lachen auf dem Fußboden, es sickerte in die Möbel ein. Als ich über den Teppich ging, verursachte jeder meiner Schritte ein leises, schmatzendes Geräusch, als würde ich über eine regengetränkte Wiese laufen.

Auf dem gekachelten Couchtisch lag der Rest der kopflosen Frau Berger auf dem Rücken, ihre Arme und Beine hingen herunter.

»Sie ist wirklich widerspenstig«, sagte Herr Dengelmann beinahe liebevoll und stellte den Kopf behutsam auf dem Sideboard ab, »selbst jetzt noch. Ständig rutscht Frau Berger mir weg, wenn ich sie zersägen will. Aber zusammen schaffen wir es. Wir versuchen es mal mit einem Arm: Sie halten ihn, und ich säge ihn ab.«

Als ich mich nicht rührte, packte er mich sanft an der Hüfte und manövrierte mich behutsam zum Kacheltisch hinüber. Dann nahm er Frau Bergers Arm und drückte ihn mir in die Hand. Ihr Fleisch war kalt und fühlte sich wie Gummi an.

Ich drehte mich zu ihrem Kopf um, der mich vorwurfsvoll ansah und keifte: »Glauben Sie mir jetzt endlich, dass Gerhard Dengelmann ein Mörder ist, Frau Luchs?«

»Aaaaaaaaaaaah!«

Schweißgebadet fuhr ich hoch und sah gerade noch, wie Baghira mit angelegten Ohren und aufgeplustertem Schwanz vom Bett hechtete – das kriegte ich sogar ohne Brille mit. Immerhin half mir sein Anblick aus zehntelsekundenlanger, panischer Orientierungslosigkeit in die Realität zurück.

Gott segne den Tageslichtwecker, der sich bereits im Gleich-werde-ich-klingeln-Modus befand und das Schlafzimmer sanft erhellte. Man stelle sich vor, ich wäre im Stockdunklen aufgewacht.

Horror!

Mindestens so fürchterlich wie dieser abartige Traum, dachte ich schaudernd, während ich darauf wartete, dass mein galoppierendes Herz wieder in leichten Trab zurückfiel.

Wieder einmal zeigte sich, dass der Mensch im Traum die Dinge verarbeitet, die ihn tagsüber beschäftigt haben. Natürlich hatten Erwin und ich stundenlang alle möglichen Theorien durchdiskutiert, die sich samt und sonders um Dengelmann und/oder Frau Berger gedreht hatten. Ergebnislos, versteht sich, schließlich hatten wir nichts, um irgendeine davon zu untermauern.

Im Gegenteil: Wir hingen völlig in der Luft. Dazu hatte Frau Bergers Verhalten wesentlich beigetragen. Uns gegenüber tat sie so, als wäre Dengelmann der Antichrist persönlich, und dann ließ sie sich von ihm zu einem intimen Dinner einladen. Na ja, intim war vielleicht etwas übertrieben, aber immerhin ging sie am Samstagabend zu ihm in die Wohnung. Gleich, am heutigen Montagvormittag, hatte Erwin den nächsten Termin mit ihr. Ob sie von dem Dinner erzählen würde?

Ich fragte mich, warum sie nicht zusammen ein Restaurant besucht hatten. Das wäre immerhin neutraler Boden gewesen. Vermutlich hatte sie unbedingt in die Wohnung gewollt, um nach Spuren von Jutta zu suchen.

Aber wie, um Himmels willen, hatte sie ihn dazu gekriegt, sie reinzulassen?

Ich zuckte zusammen, weil der Wecker losfiepte. Es war Zeit, aufzustehen. Dengelmann erwartete, dass ich pünktlich zu meiner Schicht erschien. Als ich in die Küche kam, saß Baghira mitten auf dem Tisch und stierte mich misstrauisch an.

»Runter da, du Honk«, sagte ich.

Er sprang auf den Fußboden, und ich ging in die Hocke und streckte ihm die Hand hin. Eilig kam er angetippelt und stupste mit dem Kopf dagegen. Als ich ihn streichelte, schmiegte er sich schnurrend an mich.

»Hab ich dich erschreckt, hm?«, gurrte ich leise, und er antwortete mit einem zarten Miauen, das sich zum wohlbekannten, hysterischen Geschrei steigerte, als ich nach seinem Futternapf griff.

Ich duschte, trank Kaffee, las Zeitung, zog mich an, putzte mir die Zähne – und der Traum weigerte sich standhaft, aus meinem Kopf zu verschwinden.

Meist ist es ja so, dass ein Traum sich, gerade wenn er besonders schön war, rasend schnell verflüchtigt. Zuerst ist er noch da, und dann löst er sich auf wie Morgennebel unter der Sonne. Je mehr man versucht, ihn festzuhalten, desto schneller verblasst er.

Aber dieser Traum, dieser verfluchte, kranke, grauenhafte Traum, krallte sich in meinem Gedächtnis fest wie ein Schiffbrüchiger auf dem offenen Meer an einer Planke. Ich hätte eine Lobotomie gebraucht, um ihn loszuwerden. Oder die Men in Black mit ihrem Blitzdings.

Jedes Bild war kristallklar und in grellstem Technicolor, High-Definition-was-weiß-ich. Das viele Blut, das Moos in den Fliesenfugen, Dengelmanns irres Grinsen, der sprechende Kopf. Die Geräusche echoten in Hi-Fi-Quadro-Surround-Sound durch meinen Schädel: Dengelmanns sanfte Stimme, das Schmatzen des blutgetränkten Teppichs, das vorwurfsvolle Keifen von Frau Bergers abgetrenntem Kopf.

Kein Wunder, dass mich nichts zu meinem Putzjob zog.

Obwohl sich alles in mir dagegen wehrte, stellte ich mein Auto um kurz vor acht Uhr vor dem schmucken Vierparteienhaus ab. Eine vollkommen irrationale Erleichterung durchflutete mich, als ich Frau Berger damit beschäftigt vorfand, vor der Haustür welke Blätter wegzufegen. Sie war nicht zerstückelt und auf mehrere Plastiksäcke verteilt – sie lebte und war wohlauf. Im Vorbeilaufen grüßte ich sie freundlich, und sie hörte mit dem Fegen auf, stützte sich auf den Besenstiel und musterte mich aus zusammengekniffenen Augen. Schließlich nickte sie und erwiderte meinen Gruß.

»Eine Plage, diese Blätter«, sagte sie dann und zeigte auf einen großen Essigbaum, der vor dem Haus stand. »Am liebsten wäre mir, er würde verschwinden. Aber mein Nachbar ist dagegen.«

Sie nickte wieder, dann wandte sie sich ab und fegte weiter. Ich war entlassen.

Ich klingelte bei Dengelmann, und er musste schon den Finger am Türdrücker gehabt haben, denn das Summen erklang unmittelbar danach.

Er war bester Laune, als wir uns in der Küche an den Tisch setzten, um das Essen abzurechnen. Ohne einen Blick auf die Bons und Quittungen zu werfen, nahm er das restliche Geld und stopfte es nachlässig in die Hosentasche.

»Wollen Sie nicht überprüfen, ob alles korrekt ist?«, fragte ich.

»Ach was, ich vertraue Ihnen.« Er griff zu einem Umschlag mit meinem Namen darauf, der auf dem Tisch bereitlag. »Hier, das ist für Sie.«

Ich nahm das Kuvert entgegen und sah hinein; es enthielt zwei Hunderter und einen Fünfziger. »250 Euro? Das ist viel zu viel, Herr Dengelmann.«

Er schüttelte den Kopf. »Ist es nicht. Sie waren fünf Stunden hier, Sie haben sich Gedanken gemacht, was Sie kochen, Sie haben dafür eingekauft. Sie waren also … sagen wir mal, alles in allem knapp zehn Stunden damit beschäftigt. 25 Euro Stundenlohn sind dafür keineswegs zu viel, denken Sie nicht auch?«

Und warum zahlst du dann fürs Putzen nur 13 Euro in der Stunde?, dachte ich, verkniff mir aber, es laut auszusprechen.

»Hatten Sie noch einen schönen Abend?«, fragte ich stattdessen und hoffte, dass es zwar höflich interessiert, aber nicht unangemessen neugierig klang.

»Am Samstag, meinen Sie?«

Ich nickte.

»Nun, mein Gast ist kurz nach Ihnen gegangen. Doch, es war recht nett. Wobei Ihr wunderbares Essen zweifellos der Glanzpunkt des Abends war.« Er lachte, aber es klang gezwungen. »Sie würden sich nicht zufällig als Köchin einstellen lassen?«

Ich lachte ebenfalls, und es klang bestimmt noch gezwungener. »Sie haben, was die Entlohnung dafür angeht, leider nun einen recht hohen Standard gesetzt.« Ich wedelte mit dem Umschlag. »Runterhandeln lasse ich mich nicht. Sind Sie ganz sicher, dass Sie sich mich leisten können?«

Er glotzte mich entgeistert an, und ich schob hastig hinterher: »Kleiner Scherz. So, dann will ich mal allmählich an die Arbeit gehen. Was liegt heute an?«

»Das Bad, dachte ich. Sind Sie einverstanden?«

Als ob das irgendeine Rolle spielen würde.

»Klar. Sie sind der Boss.«

Dengelmann verschanzte sich in seinem Arbeitszimmer, und ich suchte mir alles zusammen, was ich brauchte. Dann stand ich ratlos im Badezimmer und sah mich um. Es war makellos sauber, jedenfalls für meine Begriffe. Die vier oder fünf Wassertropfen am Wasserhahn des Waschbeckens benötigten einen Wisch mit dem farblich korrekten Lappen, dann war ich eigentlich fertig.

Ich seufzte. So ging das natürlich nicht.

Du musst das Bad einfach so putzen, als wäre alles schmutzig, feuerte ich mich innerlich selbst an, du machst eins nach dem anderen, so wie Doris es dir beigebracht hat.

Mit einem erneuten Seufzer machte ich mich an die Arbeit. Hin und wieder bildete ich mir ein, in einer der Fugen Moos zu sehen, aber nach einem beherzten Blinzeln war es dann wieder verschwunden.

Gerade war ich dabei, die Badewanne zu polieren, als es an der Tür klingelte. Ich hörte Dengelmann aus seinem Arbeitszimmer kommen und den Öffner betätigen, dann kamen zwei Personen die Treppe im Hausflur hinauf.

»Guten Morgen. Sind Sie Gerhard Dengelmann?«, fragte eine Frau.

Nun, es war nicht irgendeine unbekannte Frau, oh nein. Zum zweiten Mal in dieser Wohnung wusste ich, zu wem eine Stimme gehörte. Und diesmal wäre ich am liebsten nicht nur unsichtbar, sondern am besten gleich am anderen Ende der Welt gewesen, denn es war Kommissarin Astrid Küpper, die da Einlass begehrte. Was wollte die denn hier? Hatte Frau Berger sich etwa dazu entschlossen, mit härteren Bandagen zu kämpfen, und ihm die Bullen auf den Hals gehetzt?

Wie auch immer – das konnte nichts Gutes bedeuten. Und darüber, wie die Küpper auf meine Anwesenheit reagieren würde, falls ich aufflog, wollte ich gar nicht erst nachdenken.

»Guten Morgen. Ja, der bin ich«, erwiderte Dengelmann zögernd. »Worum geht es denn?«

»Küpper mein Name. Kriminalpolizei. Das ist mein Kollege Kowalski. Zu Ihrer Frage: Mein Anliegen würde ich ungern hier im Hausflur besprechen. Dürfen wir hereinkommen?«

»Aber ja, natürlich.«

Mit angehaltenem Atem linste ich durch den schmalen Spalt der angelehnten Badezimmertür und sah, wie Kommissarin Küpper und ein uniformierter Kollege dem sichtlich verwirrten Dengelmann ins Wohnzimmer folgten. Die Zimmertür blieb ein Stückchen offen stehen.

»Setzen Sie sich bitte«, hörte ich ihn sagen. »Kann ich Ihnen etwas anbieten? Kaffee? Tee?«

»Nein, vielen Dank«, erwiderte die Kommissarin. »Ich hätte gern, dass Sie sich zu uns setzen, Herr Dengelmann.«

»Worum geht es denn?«, wiederholte Dengelmann. Er klang verwirrt.

Ich musste unbedingt näher ran. Vorsichtig zog ich meine Schuhe aus, schlüpfte geräuschlos aus dem Bad und schlich zum Wohnzimmer. Neben der Tür blieb ich stehen und spitzte die Ohren.

»Es geht um Ihre Gattin. Jutta Dengelmann ist doch Ihre Gattin, nicht wahr? Wann haben Sie sie zuletzt gesehen, Herr Dengelmann?«, fragte die Kommissarin.

Also doch – die Berger war zur Polizei gerannt.

»Jut… meine Frau hat mich verlassen«, entgegnete Dengelmann beherrscht. »Das war vor einem knappen Monat.«

»Verlassen? Sind Sie sicher?«

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